Wilhelm Raabe
Holunderblüte (1)
Wilhelm Raabe

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Ich vermochte nicht zu antworten; wieder zuckte ein roter Blitz über unsern Häuptern, und wieder krachte der Donner schmetternd nach.

»Auch Ihr, Herr, sollt diesen Ort nicht wieder betreten!« fuhr der Alte fort. »Auch für Euch paßt er nicht! Auch Ihr seid zu jung, um hier Atem zu holen. Fort mit Euch, und Fluch Euch, wenn Ihr morgen früh noch hier in Prag gefunden werdet!«

»Ihr wollt mich von ihr trennen? Jetzt wollt Ihr mich von ihr trennen?« schrie ich. »O, das ist nicht gut, das heilt sie nicht. Auch Ihr, Greis, wißt nichts von den Lebendigen. Um Gottes willen, trennt mich nicht von der Armen – es kann nicht gut werden, wenn Ihr mich jetzt forttreibt.«

»Es ist keine Wahl für uns übriggeblieben«, sagte der Alte wieder milder. »Ihr seid nicht weniger ein krankes Kind als das Mädchen. Heil ist nur in der Trennung für den einen wie für die andere.«

Ich hatte nicht eine Waffe gegen diesen grausamen alten Mann. Er drohte, er bat, und ich – wich ihm zuletzt, obgleich ich wußte, daß es nicht gut war, und so habe ich die arme Jemima aus der Judenstadt zu Prag getötet, und deshalb ist mir die Holunderblüte, welche alle andern Menschen so sehr erfreut, immerdar die Blume des Todes und des Gerichtes.

Ich floh, aber ich entfloh mir nicht. Ich stopfte mir die Ohren zu, um die klagende Stimme nicht zu hören, welche mich zurückrief. Ich hörte sie aber doch, bei Tag und bei Nacht.

Ich habe den folgenden Winter in Berlin studiert und, was auf den ersten Blick unwahrscheinlich scheinen sollte, – wirklich studiert. Ich glaube auch nicht, daß eine andere Wissenschaft, als die der Gebrechen und Krankheiten des Menschen, jetzt für mich möglich gewesen wäre. Dieses Studium aber mußte mir jetzt zusagen, und mit schmerzhaftem Behagen überließ ich mich ihm und fand verhältnismäßige Ruhe darin. Später sagte man mir, es sei ein böser, kalter Winter gewesen: ich habe nichts von Schnee und Sturm, nichts vom Frost gespürt. Erst mit dem neuen Frühlinge erwachte ich aus diesem unglücklichen Zustande; aber es war kein gesundes Erwachen, sondern ein Auffahren unter der Berührung einer kalten Gespensterhand.

Als ich mich schreckhaft emporgerichtet hatte, sah ich, daß niemand da war!

Es war am neunten Mai 1820, an einem Sonnentage; ich saß in einem Vergnügungsgarten vor dem Schönhauser Tor, ohne daß ich recht wußte, wie ich dahin geraten war. Um mich her herrschte viel Jubel der Frühlingsgäste. Kinder spielten, Alte schwatzten, Liebespaare verkehrten durch Blicke oder Flüsterworte; ich saß allein an meinem Tische, sah traumhaft in mein Glas, und mich fröstelte. Welche Lust hatte mir früher solch buntes Treiben um mich her gewährt, und wie wenig kümmerte ich mich jetzt darum!

In diesem Augenblick kam mir die Gewißheit, daß der Winter vorübergegangen und daß es Frühling geworden sei, wie eine Offenbarung.

Nicht weit von meinem halbversteckten Platz fing ein Mädchen an, hell, herzlich und lange zu lachen; – ich aber war auf dem alten Kirchhof der Juden zu Prag, die Sonne schien durch die Holunderbüsche, hinter dem Grabmal des Hohen Rabbi Jehuda Löw bar Bezalel lachte lieblich Jemima, und gleich mußte sich das schöne Gesicht und Bild über die moosige Tumba erheben. Als ich aufsah, war die Phantasie natürlich verflogen; ich fragte den Kellner nach dem Datum und wiederholte es verwundert, nachdem ich es erfahren hatte.

Empor richtete ich mich und sah mich um. Die Bäume waren grün oder standen in voller Blütenpracht; die Luft war warm, der Himmel war klar – es war Frühling geworden, ohne daß ich es gemerkt hatte. Vielen Menschen ist es schon so gegangen, und viele Dichter haben klagend davon gesungen; die große Angst, welche einen überfällt, wenn man in dieser Weise erwacht, ist ein gutes, dankbares Thema für ein Gedicht. Dieses unbemerkte Weggleiten des Lebens gehört mit zu den bittersten Dingen, über welche der arme Mensch dann und wann nachzudenken hat.

Auch die Holunder blühten – über mir, um mich her. Eben durchschimmerte es die Knospenhülsen weiß und rötlich, es ging ein Säuseln durch die glänzenden grünen Blätter, die Blumentrauben leise, ganz leise bewegend. Am folgenden Tage war ich auf der Reise nach Prag, nachdem ich in der Nacht hart und vergeblich gegen den Geist gekämpft hatte, welcher mich dahin rief. –

Ich reiste Tag und Nacht durch; aber da es damals noch keine Dampfwagen gab, die uns heutzutage so über alle Beschreibung langsam dahinzukriechen scheinen, so kam ich erst am Nachmittag des fünfzehnten Mai in der Stadt, die ich so sehr fürchtete, an, und schon in der Ferne verkündete mir der feierliche Klang aller Kirchenglocken das Getümmel, in welches ich geraten würde. Am folgenden Tage war das große Fest des hohen Landesheiligen, das Fest des heiligen Johannes von Nepomuk, und ganze Dörfer zogen mit Kreuzen, Fahnen, Weihkesseln und Heiligenbildern, uralte Lieder zum Preise des armen Beichtvaters der Königin Johanna singend, auf dem nämlichen Wege wie ich zur Stadt. Die alte graue Stadt selbst war fast nicht wiederzuerkennen; alle Häuser waren bis an die Giebel mit Grün, Blumengewinden und Teppichen geschmückt; überall sah man Vorbereitungen zur festlichen Erleuchtung, die Gassen und Plätze waren fast nicht zu passieren, und wie ein vom Strudel ergriffener Schwimmer mußte man in dem Gewühl des Volkes kämpfen, um nicht die Richtung zu verlieren.

Mit vieler Mühe erhielt ich endlich noch ein Unterkommen in der Goldenen Gans auf dem Roßmarkt, den man jetzt Wenzelsplatz nennt.

Das Gemach, welches mir in dem »Hostinec« angewiesen wurde, zeichnete sich nicht durch Räumlichkeit aus und durch eine schöne Aussicht noch weniger. Aus dem einzigen Fenster desselben sah man in einen langen Hof, der von hohen Gebäuden und Galerien umgeben war. Ein tolles Gewirr von Lastwagen und Stellwagen hatte sich daselbst zusammengedrängt, und doch fand sich immer noch Platz für neu anlangende Fuhrwerke der letzteren Art, und immer neues Volk in den wunderlichsten, buntesten Kostümen stieg herab. Fuhrknechte und Stallknechte fluchten Himmel und Erde zusammen auf böhmisch und auf deutsch. Weiber und Kinder kreischten und heulten in allen Tonarten; Landvolk, Kleinbürgertum und Kriegerstand bemühten sich, den Damen das Absteigen zu erleichtern oder, unter Umständen, auch wohl zu erschweren. Gerade mir gegenüber hatte ein Schneider den letzten Stich an einer Feiertagshose, auf welche der Kunde mit Schmerzen wartete, getan und blies nun auf einem Waldhorn den eigenen Festtagsjubel zum Fenster hinaus. Dazu fingen wiederum die Glocken in der ganzen Stadt an zu läuten, und betäubter als je lehnte ich am Fenster.

Eben wollte ich es schließen, da nicht die allerreinsten Düfte zu mir emporstiegen, als mein Auge auf eine Gestalt fiel, deren Anblick mir sogleich die volle Besinnung zurückgab.

In einem Kreise lachenden deutschen und böhmischen Volkes stand ein Handelsjude mit einem Bündel der grellfarbigsten Tücher und Bänder, welche er den von den Wagen niedersteigenden Frauen und Jungfrauen mit großem Geschrei zum Kauf anbot. Ich erkannte den Mann auf der Stelle, es war Baruch Löw, der Vater Jemimas, und barhäuptig stand ich eine Minute später vor ihm und hielt seinen Arm mit eiserner Faust.

»Sie lebt? Sie lebt? Sie ist nicht gestorben? Ihr habt sie nicht begraben wie Mahalath?«

»Gerechter!« rief der Hausierer, erschreckt über den wilden Anfall. »Was soll?...«

Er erkannte mich und dachte natürlich nur an die Uhr, welche ich ihm einst ins Haus getragen und nicht zurückgefordert hatte. Mit verlegenem Lächeln sah er mir ins Gesicht.

»Soll mich Gott leben lassen hundert Jahre, 's ist der schöne, hochgelehrte Herr Student – welch 'ne grausame Freud! Nu, weshalb soll sie nicht leben – sie läuft auf die Minut – aber, aber der Herr wird entschuld'gen, ich hab sie nicht mehr; – womit kann ich dem Herrn dienen?«

Ich zog den Mann fort vom Hofe der Goldenen Gans hinaus auf den Roßmarkt. Dort wiederholte ich meine Frage, indem ich den Namen seiner Tochter nannte, und jetzt veränderte sich sein Gesicht so sehr, und er starrte mich so stier, steinern und schmerzensvoll an, daß ich seine Antwort nicht abzuwarten brauchte. Eine Prozession, welche eben über den Markt zog, trieb uns voneinander, und willenlos ließ ich mich von der Menschenflut schieben, treiben und tragen.

In der Judenstadt aber war es totenstill, o so schauerlich still! Wieder einmal zog ich die Glocke des Beth-Chaim, und wieder einmal öffnete sich die Klappe in der Pforte, das runzelvolle, fast hundertjährige Gesicht des Hüters des Hauses des Lebens erschien in der Öffnung, und in demselben Augenblick wurde der Riegel zurückgeschoben.

»Da seid Ihr!« sagte der Greis, sein Haupt neigend. »Ich wußte wohl, daß ich Euch noch einmal sehen würde. Kommt!«

Er schritt nun voran, und ich folgte ihm in die schattigen Gänge, und in das Schweigen des Todes versank der tausendstimmige Festlärm der großen Stadt Prag. In vollster Blüte prangten die Fliederbüsche über den Gräbern, aber kein Vogel sang in ihnen.

»Ihr wißt schon, daß sie doch fortgegangen ist?« fragte der Greis.

Ich nickte, und jener fuhr fort und sprach fast mit den Worten des Sängerkönigs aus seinem Volke:

»Ich bin unter den Toten verlassen – meine Freude ist ferne von mir getan. Die lieblichste Blume ist gepflückt, und die lieblichste Stimme ist verhallt, wir werden sie nicht mehr hören!«

Sanft nahm er meine Hand: »Weine nicht, mein armer Sohn; man kann immer nur dasselbe alte Wort sagen: die Tränen bringen sie uns nicht wieder. Vielleicht hätte ich dich damals nicht forttreiben sollen; aber wer konnte damals sagen, welches das Rechte sei? Vor acht Tagen ist sie begraben; wir haben die größten Doktoren an ihrem Lager gehabt, aber sie konnten ihr nicht helfen. Sie hatte recht, ihr Herz war zu groß, macht Euch nicht zuviel Sorgen um Eure Schuld an ihrem Tode. Ihr waret damals so krank wie sie. Alle die gelehrten Herren meinten, sie habe nicht länger leben können. Euer, mein Sohn, hat sie nur mit Freude und leisen, lieblichen Worten gedacht; Ihr seid ein Sonnenstrahl in ihrem armen, kurzen, dunkeln Leben gewesen, durch Euch hat sie den blauen Himmel und die Welt der Lebendigen, die ich ihr so grausam-unwissend verschlossen hatte, kennengelernt. Ihr habt ihr viel Freude und Glück gebracht, und sie ist mit tausend Segenswünschen für Euch auf den Lippen eingeschlafen. Ach, es war ein großes, schönes, trauriges Wunder, wie ihr Wesen und all ihr Denken so anders geworden war. Der Gott aller Völker weiß die beste Art, wie er seine Kinder aus jeder Dunkelheit, aus allen Kerkermauern in das Licht und die Freiheit führen kann. Sie ist so schön gestorben, o so schön! Ich konnte sie nur hierher bannen, und so hat sie der Gott des Lebens mir genommen, um sie in das wahre ,Haus des Lebens‘ zu führen, – sein Name sei gepriesen!«

Was ich dem Alten auf diese Worte antwortete, weiß ich nicht mehr. »Gedenke der Holunderblüte!« hatte sie gesagt, und wie ich derselben mein ganzes Dasein hindurch gedenken muß, habe ich schon verkündet. Ihr Grab befand sich nicht auf dem alten Kirchhof in der Judenstadt; der gute Kaiser Joseph hatte ja verboten, daß noch jemand daselbst beerdigt werde. Die Mahalath war die letzte gewesen, welche man dort eingesenkt hatte.

Lange Zeit habe ich gebraucht, um die Erinnerungen niederzuschreiben, welche mich durchzogen, während ich den Kranz von Holunderblüten, den eine andere Tote getragen hatte, in der Hand hielt. Jetzt nahm ihn mir die trauernde Mutter leise fort und legte ihn wieder in die hübsche Schachtel, aus welcher sie ihn hervorgezogen hatte.

Sie legte mir die Hand auf die Schulter:

»Lieber Medizinalrat, wie danke ich Ihnen, daß Sie so vielen Anteil an meinem Schmerz nehmen.«

Ich sah auf und konnte nicht antworten. Das Feuer im Ofen war erloschen, das Gemach war kalt geworden; die Sonne war hinter die Dächer gesunken, der Glanz des Wintertags war vergangen. Schwer, unbeschreiblich schwer fühlte ich das Alter auf mir lasten.

Als ein trauriger, aber nicht schlechterer Mann schritt ich wieder an der ewig jungen, sinnenden Muse vorüber und verließ dieses stille, kalte, tote Haus.


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