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III

Ich mochte etwa zwei Stunden so auf meinem Feldbett geschlafen haben, in meine Decke gewickelt und lang ausgestreckt, da schien es mir, als dringe eine zitternde Helle wie von einer rauchenden Fackel in das Zelt ein – und durch sie hindurch rief eine Stimme klagend und schmerzlich: »Theodorico, Theodorico, steh auf und reite nach Jerusalem!«

Ich erschrak, schleuderte die Bettdecke von mir und sah beim Licht einer Kerze undeutlich den hochgelehrten Topsius, der an dem noch mit Champagnerflaschen bedeckten Tisch saß und eilig einen alten Eisensporn an seinen Fuß schnallte. Ungestüm, eifervoll hatte er mich geweckt.

»Auf, Theodorico, auf! Die Pferde sind gesattelt. Morgen ist Ostern. Wenn der Tag anbricht, müssen wir an Jerusalems Toren sein!«

Ich strich mir die Haare zurück, sah den verständigen, gesetzten Doktor bestürzt an: »Aber Topsius! Wir wollen doch nicht so plötzlich aufbrechen, ohne Gepäck, und die Zelte bei Nacht und Nebel verlassen, wie Leute, die in Furcht vor etwas fliehen?«

Der Gelehrte hob seine goldene Brille; sie funkelte von einer ungewohnten, unwiderstehlichen Geistigkeit. Ein weißer Mantel, den ich nie bei ihm gesehen hatte, umgab seine gelehrte Magerkeit mit den ernsten und reinen Falten einer lateinischen Toga; und langsam, hoch aufgerichtet, die Arme breitend, sagte er mit Lippen, die klassisch und marmorn aussahen: »Dom Raposo! Dies Morgenrot, das nun geboren wird und in kurzem die Gipfel des Hebrons berührt, ist das Morgenrot des 15. Nisan! Nie gab es in der Geschichte ganz Israels, seitdem die Stämme aus Babylon zurückgekehrt sind, einen denkwürdigeren Tag, und nie wird es einen geben, bis Titus kommt, um zum letztenmal den Tempel zu belagern. Ich muß in Jerusalem sein, um diese Seite des Evangeliums mit all ihrem Trubel selber zu erleben! Wir gehen, das heilige Osterfest im Hause Gamaliels zu verbringen, der ein Freund Hillels ist und der meine, ein Kenner der griechischen Literatur, ein großer Patriot und Mitglied des Synedriums. Von ihm ist jenes Wort: ›Um dich von den Qualen des Zweifels zu befreien, erlege dir eine Autorität auf!‹ Und nun erhebe dich, Dom Raposo.«

Halblaut sagte das mein Freund, hoch aufgerichtet und bedächtig. Und fügsam, als gehorchte ich einem himmlischen Gebot, begann ich stumm meine schweren Reitstiefel anzuziehen.

Sobald ich mich dann in die warme Kapuze gehüllt hatte, zog er mich ungeduldig aus dem Zelt und ließ mir nicht einmal Zeit, Uhr und Taschenmesser an mich zu nehmen, die ich als vorsichtiger Mensch jede Nacht unter dem Kopfkissen liegen hatte. Das Licht der Kerze verglomm, rot und rauchumwallt ...

Es mußte wohl gegen Mitternacht sein. In der Ferne bellten dumpf zwei Hunde – wie es schien, hinter den von Laubbäumen überragten Parkmauern einer Villa. In der linden Luft war der Duft von Rosen und Orangenblüten. Der Himmel des Landes Israel schimmerte in ungewöhnlichem Glanz; über dem Gipfel des Berges Nebo stand ein schöner, ganz weißer Stern von göttlichem Schein und sah mich an und bebte angstvoll, als bemühe er sich, in seiner Stummheit gefangen, meiner Seele ein Geheimnis kundzutun.

Unbeweglich unter den langen Mähnen harrten die Pferde. Ich stieg auf. Und nun, während Topsius umständlich die Steigbügel in Ordnung brachte, sah ich neben dem elysäischen Quell eine wunderbare Erscheinung, die mich in überirdischem Schrecken erschauern ließ.

Da glänzte in der diamantenen Helle der Sterne Syriens etwas wie die weiße Mauer einer neuen Stadt! Bleich schimmerten aus dem Gebüsch heiliger Haine Fassaden von Tempeln; zu den fernen Hügeln zogen sich die leichten Bogen eines Aquädukts, die sich scharf gegen den Horizont abhoben. Eine Flamme brannte auf einem hohen Turm; tiefer unten blinkten Lanzenspitzen; ein gedehnter Hornruf erstarb im Dunkel ... Und im Schutze der Bastionen außerhalb der Ringmauer schlummerte zwischen Palmen ein Dorf.

Topsius saß im Sattel, bereit zum Aufbruch; er klammerte sich an die Mähne der Stute.

Ich flüsterte mit erstickter Stimme: »Dort – das Weiße – drüben?«

Er sagte einfach: »Jericho.«

Und galoppierte los. Ich weiß nicht, wie lange ich in stummem Staunen hinter dem edlen Geschichtsschreiber der Herodiaden einherritt, und zwar auf einer schnurgeraden, mit schwarzem Basalt gepflasterten Landstraße. Oh, wie ganz anders war sie als der rauhe Weg, auf dem wir nach Kanaan heruntergekommen waren, jener die Augen blendende, kalkweiße Weg über die Hügel, deren spärlicher Stechginster im zitternden Licht aussah wie der Schimmel des Alters und der Verwesung! Und alles ringsum kam mir ebenso verändert vor: die Form der Felsen, der Geruch des heißen Bodens, selbst das Blinken der Sterne ... Welche Verwandlung hatte sich in mir, welche Verwandlung im Weltall vollzogen? Manchmal sprang ein harter Funke aus den Hufen der Pferde auf. Und ohne Unterlaß galoppierte vor mir Topsius, an die Mähne geklammert, daß die beiden Zipfel des weißen Mantels um ihn flogen wie das Tuch einer Fahne ...

Aber plötzlich hielt er neben einem quadratischen Haus an, das still und stumm zwischen Bäumen lag; auf dem Giebel befand sich eine Stange, auf der, seltsam geformt, als wäre es aus einer Eisenplatte ausgeschnitten, das Abbild eines Storches thronte. Am Eingang glomm ein sterbendes Feuer; ich fachte es an, und die kurze Flamme, die aufsprang, zeigte mir, daß hier ein altes Wirtshaus am Rande einer alten Straße lag. Unter dem Storch, über der engen und mit scharfen Nägeln bewehrten Pforte schimmerte schwarz auf einer weißen Steintafel das lateinische Wirtshausschild »Ad Gruem Majorem«; und daneben war ein Teil der Hauswand ausgefüllt von einer roh in den Stein gemeißelten Inschrift, die ich mit Mühe entzifferte: Apollo entbot dem Gaste Gruß und Heil, und Septimanus, der Gastwirt, verbürgte ihm freundliche Aufnahme, die Erquickung des Bades, starken kampanischen Wein, frisches Stroh von Engeddi und »alle Bequemlichkeiten, ganz wie in Rom«.

Mißtrauisch sagte ich vor mich hin: »... alle Bequemlichkeiten, ganz wie in Rom!«

Was für seltsame Wege betrat ich da? Was für Menschen, mir unähnlich in Sprache und Tracht, tranken da, unter anderer Götter Schutz, den Wein aus Amphoren aus der Zeit des Horaz?

Aber schon trabte Topsius weiter, seine lange Gestalt verschwamm im Dunkel. Dann war die Straße aus hallendem Basalt zu Ende, und nun ritten wir im Schritt einen steilen, zwischen Felsen eingeschnittenen Weg empor, auf dem große Kiesel knirschten und unter den Hufen der Pferde rollten wie im Bett eines Wildbachs, den ein träger August ausgetrocknet hat. Der gelehrte Doktor, im Sattel hin und her geschüttelt, verfluchte in heiseren Tönen das Sanhedrin und das starre Gesetz der Juden, das unerbittlich jeder Kulturarbeit entgegenstünde, die der Prokonsul zu vollenden wünschte ... Immer hatte der Pharisäer mit Groll auf den römischen Aquädukt geblickt, der ihm das Wasser zuführte, auf die römische Straße, die ihn zu den Städten brachte, auf die römische Therme, die seine Geschwüre heilte ...

Fluch dem Pharisäer!

Halb im Schlaf entsann ich mich aller Schmähworte des Evangeliums und brummte, in meine Kapuze gehüllt: »Pharisäer, getünchtes Grab ... er sei verflucht!«

Es war die verschwiegene Stunde, in der die Bergwölfe zur Tränke schleichen. – Ich schloß die Augen; die Sterne verblaßten.

Kurz machte der Herr die linden Nächte des Monats Nisan, da man in Jerusalem das weiße Osterlamm ißt; und bald nahm der Himmel über dem Land Moab ein helles Grau an.

Ich erwachte. Schon blökten die Schafe in den Hürden. Die frische Luft duftete nach Rosmarin.

Und nun sah ich auf den Felsen, die den Weg überragten, einen sonderbaren wilden Menschen herumgehen; er war in ein Schaffell gekleidet und erinnerte mich an Elia und allen Zorn der Heiligen Schrift; die Brust, die Schenkel schienen aus rotem Granit; zwischen dem Haarschopf und dem Bart, die rauh und verfilzt waren wie die Mähne eines wilden Tieres, leuchteten die Augen unheimlich ... Er hatte uns entdeckt, und jetzt schwang er seine Arme wie jemand, der einen Stein schleudert, und schüttete über uns alle Verwünschungen des Herrn aus. »Heiden« nannte er uns, »Hunde«, schrie: »Verflucht seien eure Mütter, vertrocknen mögen die Brüste, die euch gesäugt!« Grausam und voll übler Voraussagen fielen seine Schreie von der Höhe der Felsen herab; und vom langsamen Schritt des Pferdes aufgehalten, wickelte sich Topsius wie unter einem unholden Hagelschauer in seinen Mantel. Nun aber wurde ich wütend, drehte mich auf dem Rücken des Pferdes um, nannte den Kerl einen betrunkenen Strolch, schleuderte ihm obszöne Flüche zu und sah, wie unter den wild flammenden Augen der schreiende schwarze Mund sich verzerrte und schäumte vor bigotter Wut ...

Aber wir kamen nun aus dem Hohlweg heraus und gelangten auf die breite, gepflasterte Römerstraße, die nach Sichem führt; sie entlang trottend, genossen wir die Erleichterung, endlich in eine kultivierte, menschliche, gottesfürchtige und gesetzliche Gegend zu kommen. Wasser gab es im Überfluß; auf den Hügeln erhoben sich neue Burgen; heilige Marksteine begrenzten die Felder. Auf weißen Tennen traten Ochsen, bekränzt mit Anemonen, das Getreide der Osterernte; und in Obstgärten, in denen der Feigenbaum schon Laub trug, verscheuchte der Sklave auf seiner weißgetünchten Warte singend mit einer Stange in der Hand die wilden Tauben. Manchmal sahen wir einen Mann auf seinem Weinberg oder am Rande der Bewässerungsgräben, wie er aufrecht, den Mantelzipfel über den Kopf gezogen und die Augen gesenkt, das heilige Gebet Schemah hersagte. Ein Töpfer trieb seinen mit gelben Tonkrügen beladenen Esel an und rief uns zu: »Gesegnet seien eure Mütter, fröhlich sei euer Osterfest!« Und ein Aussätziger, der im Schatten der Ölbäume ausruhte, zeigte jammernd seine Geschwüre und fragte uns, wer jener Rabbi in Jerusalem sei, der zu heilen verstünde, und wo man die heilkräftigen Wurzeln sammeln könnte.

Schon näherten wir uns Bethanien. Um die Pferde zu tränken, hielten wir an einem hübschen Brunnen im Schatten einer Zeder. Und der gelehrte Topsius, der einen Steigbügel in Ordnung brachte, wunderte sich, daß wir nicht der Karawane aus Galiläa begegnet waren, die zur Osterfeier nach Jerusalem zieht – doch da erscholl vor uns, auf der Straße, ein gedämpfter Lärm von marschierenden Bewaffneten ... und erstaunt sah ich römische Soldaten auftauchen, genau wie diejenigen, die ich auf Öldrucken der Passion gesehen und so oft verwünscht hatte.

Bärtig, von der syrischen Sonne verbrannt, marschierten sie festen Schrittes und rhythmisch vorwärts, daß die genagelten Sandalen auf den Pflastersteinen erklangen; jeder trug an der Seite in einem Sack aus grobem Leinen seinen Schild, und jedem ragte über die Schulter eine hohe gegabelte Stange, an der verschnürte Bündel hingen, eherne Gefäße, eiserne Werkzeuge und Datteltrauben. Einige Reihen führten, bloßköpfig, eimerförmige Helme mit; andere schwenkten in den behaarten Händen kurze Wurfspieße. Der fette blonde Dekurio, dem eine zahme Gazelle mit einem Korallenhalsband nachlief, saß, in seinen Scharlachmantel gehüllt, halb schlafend auf dem langsam dahintrottenden Gaul. Und hinten, neben den mit Kornsäcken und Holzbündeln bepackten Saumtieren, sangen die Maultiertreiber zum Klang einer tönernen Flöte; ein fast nackter Neger blies sie, der auf der Brust in roten Brandzeichen die Nummer der Legion trug.

Ich war in den dunklen Schatten der Zeder zurückgewichen. Doch da stieg Topsius, servil wie ein Deutscher, ab und kniete nahezu im Staube vor den Waffen Roms; er konnte sich nicht zurückhalten, winkte mit Armen und Mantel und rief: »Lang lebe Cajus Tiberius, dreimal Konsul, der Illyricus, Pannonicus, Germanicus, Imperator, Pacificator und Augustus!«

Einige Legionäre lachten schmierig. Und in dichtgeschlossenen Reihen marschierten sie vorbei, während in der Ferne ein Hirte schreiend seine Ziegen vor sich hertrieb und auf die Hügel entfloh.

Wieder galoppierten wir. Die Basaltstraße war zu Ende; wir ritten durch Haine; der Duft von Obstgärten umwehte uns, ringsum war Fülle und Frische.

Ach, wie anders boten sich diese Pfade, diese Höhen dar, als ich sie am Tage zuvor rings um die Heilige Stadt gesehen hatte, ausgedörrt durch einen scheußlichen Wind und weißlich wie Totengebein. – Jetzt war alles grün, von murmelnden Wassern durchzogen und voll Schatten. Selbst das Licht hatte den fahlen Ton, die traurige Farbe verloren, die ich stets wahrgenommen hatte, wenn ich Jerusalem betrachtete; das Frühlingslaub der Äste ragte fröhlich in ein Himmelsblau, das ebenso jung war, zart, voll von Hoffnungen. Und fortwährend schweiften meine Blicke in die Ferne zu jenen Gärten der Schrift, die voll sind von Oliven, Feigenbäumen und Weinstöcken und in denen die roten Lilien des Feldes wild wachsen, herrlicher als der König Salomo!

Frohgemut und trällernd trottete ich an einer blühenden Rosenhecke entlang. Aber Topsius bedeutete mir anzuhalten und zeigte mir auf einer Anhöhe, vor einem dunklen Hintergrund von Zypressen und Zedern, ein Haus, das seinen weißen Portikus dem Osten und dem Licht zuwandte. Es gehöre, sagte er, einem Römer, einem Verwandten des früheren kaiserlichen Legaten von Syrien, Valerius Gratus; und es schien umflossen von holdem Frieden und lateinischer Anmut. Ein üppiger, wohlgeschorener Rasenteppich reichte am Abhang bis zu einem von Lavendel umsäumten Weg; und in der Mitte ergaben Linien aus tiefroten Blumen auf dem Grün die Initialen des Valerius Gratus; ringsum, zwischen Beeten von Rosen und weißen Lilien, die von Myrten eingefaßt waren, schimmerten edle Vasen aus korinthischem Marmor, aus denen Akanthusblätter hervorwuchsen; ein Sklave in einer aschgrauen Kapuze gab einem Taxus mit der Schere die Form einer Urne; daneben stand ein hoher Buchsbaum, der bereits geschickt in die Gestalt einer Lyra gestutzt worden war; zahme Vögel pickten auf dem mit scharlachrotem Sand bedeckten Boden einer Allee von Platanen; von Stamm zu Stamm zogen sich Efeugirlanden, wie man sie als Schmuck an Tempeln findet; das Geäst des Lorbeerbaumes verschleierte mit leichten Schatten die Nacktheit der Statuen. Und unter einer weinumsponnenen Laube, beim Gesang eines trägen Wasserstrahls, der rauschend in ein Bronzebecken mündete, las neben einem Bild des Äskulap ein würdiger heiterer Alter in einer Toga eine lange Papyrusrolle, während ein Mädchen in einem schneeweißen Leinengewand, mit einem Goldpfeil in den Flechten, aus den vielen Blumen in ihrem Schoß einen Kranz wand ... Als unsere Pferde vorbeitrabten, erhob sie die hellen Augen. Topsius rief: »Salve, pulcherrima!« Ich schrie: »Hoch die Anmut!« Die Amseln sangen in den blühenden Granatbäumen.

Wieder hielt mich der beredte Topsius an, wies mir ein anderes Landhaus, das dunkel und ernst zwischen Zypressen stand, und sagte mir leise, es gehöre dem Osanias, einem reichen Sadduzäer aus Jerusalem, aus der Priesterfamilie des Boethos, und Mitglied des Synedriums. Keinerlei heidnischer Zierat entweihte die Mauern. Quadratisch, verschlossen, steif spiegelte das Haus die Strenge des Gesetzes wider. Aber die weitläufigen strohgedeckten Speicher, die Weinberge und Keltern erzählten von einem Reichtum, aus harten Tributen gesammelt; im Hof genügten zehn Sklaven nicht, die Kornsäcke zu bewachen, die Schläuche, die rot gemerkten Schafe, die an diesem Ostertag als Zehnte eingeliefert worden waren. An der Straße lag, Frömmigkeit bekundend, das frisch getünchte Familienmausoleum; es glänzte zwischen den Rosenbüschen in der Sonne.

Schließlich gelangten wir zu den Palmenhainen, zwischen denen Bethphage eingebettet liegt. Und auf einem abkürzenden Richtweg, den Topsius kannte, begannen wir den Ölberg zu erklimmen, bis wir zur »Kelter der Moabiterin« gelangten – einer Karawanenherberge an jener endlosen uralten Reichsstraße, die von Ägypten nach Damaskus führt, der wasserreichen Stadt.

Und wie geblendet sahen wir nun ringsum auf dem Berge, von den nahen Ölgärten bis zum Kidron hin, zwischen den Obstgärten des Tales bis Siloah, mitten zwischen den Grabhügeln der Opferpriester und sogar auf jener Seite, wo sich im Staub die Hebronstraße hinzieht, das lärmvolle Erwachen eines ganzen lagernden Volkes. Schwarze Wüstenzelte, aus Schaffellen genäht und mit einem Steinring umgeben; weiße Segeltuchbaracken der Leute von Judäa, die in der Sonne zwischen dem Grün leuchteten; Laubhütten, in denen sich die Hirten von Askalon bergen; Teppiche, die die Pilger von Naphtali auf Zedernstangen als Dach ausbreiten – ganz Judäa war hier vor Jerusalems Pforten, das heilige Osterfest zu feiern! Neben der Hütte, in der Legionäre Wache hielten, entdeckten wir griechische Kaufleute aus der Dekapolis, phönizische Leineweber aus Tiberias und das heidnische Volk, das quer durch Samaria von Cäsarea und vom Meer heraufgekommen war.

Langsam und vorsichtig ritten wir dahin. Im Schatten der Ölbäume käuten gemächlich die entladenen Kamele; die Stuten von Peräa, mit angepflöckten Beinen, ließen unter den dichten langen Mähnen die Köpfe hängen. Bei den Zelten, deren halb aufgeschlagene Seiten uns manchmal einen Blick auf den Schimmer aufgehängter Waffen gestatteten oder das Email eines großen Gefäßes, mahlten Mädchen mit Armen voll schimmernder Armbänder zwischen zwei Steinen Roggenkorn, andere melkten die Ziegen; überall wurden helle Feuer entzündet, und Weiber zogen mit Kindern an der Hand und Krügen auf den Schultern in langer Reihe singend hinab zum Brunnen von Siloah.

Die Beine unserer Pferde verfingen sich in den straff gespannten Seilen der idumäischen Zelte. Dann hielten wir vor den ausgebreiteten Teppichen, auf denen ein Händler aus Cäsarea im karthagischen Mantel Rollen ägyptischer Leinwand ausgestellt, Seidenstoffe aus Kos aufgebauscht, eingelegte Waffen ins Licht gerückt hatte und, eine Flasche in jeder Hand, die Vollkommenheit der assyrischen Narde und der süßen Öle aus Parthien anpries ... Ringsum drängten sich die Leute heran, ließen, ihre trägen, hochmütigen Augen auf uns ruhen; hie und da brummten sie ein halblautes Schimpfwort oder brachen angesichts der Brille des gelehrten Topsius in ein höhnisches Gelächter aus, wobei zwischen groben schwarzen Barthaaren ihre spitzen Tierzähne sichtbar wurden.

Unter den Bäumen, an die Mauer gelehnt, saßen in Reihen heulende Bettler und wiesen auf die Scherben, mit denen sie ihren Aussatz kratzten. Vor einer Hütte aus Lorbeerzweigen bot ein dicker Alter, rosig wie ein Silen, den frischen Wein von Sichem und die jungen Aprilbohnen aus. Die dunkelhäutigen Wüstenmenschen drängten sich um die Fruchtkörbe. Ein Hirt von Askalon, auf Stelzen, blies inmitten einer Herde weißer Widder das Horn, rief die Frommen, daß sie das reine Osterlamm kauften. Und unter der Menge, in der fortwährend plötzliche Raufereien entstanden und Stöcke geschwungen wurden, patrouillierten zu zwei und zwei römische Soldaten mit einem Ölzweig am Helm, wohlwollend und väterlich.

So kamen wir zu zwei hohen, dichtbelaubten Zedern; sie waren so voll von flatternden weißen Tauben, daß sie wie zwei große Apfelbäume im Frühling aussahen, in deren weißen Blüten der Wind spielt. Auf einmal hielt Topsius an und breitete die Arme aus, ich ebenfalls; und mit stockendem Herzen verharrten wir reglos, geblendet, da wir tief unten Jerusalem leuchten sahen.

Verschwenderisch übergoß die Sonne die Stadt mit Licht. Eine strenge, hohe Mauer, mit neuen Türmen bewehrt, mit Toren, deren steinerne Pfosten mit Gold verziert waren, ragte über das steile Ufer des Kidronflusses empor, den die Hitze des Nisans schon ausgetrocknet hatte, und lief dann, Zion einschließend, längs des Hinnom hin bis zu den Höhen von Gareb. Und jenseits, gegenüber den Zedern, die uns beschatteten, schien auf seinen ewigen Fundamenten der Tempel ganz Judäa zu beherrschen, herrlich in seinem Glanz, mit seinen Mauern aus geschliffenem Granit, bewehrt mit Marmorzinnen, eines Gottes strahlende Burg ...

Den Bauch auf der Mähne des Pferdes, wies mir der weise Topsius den Vorhof, genannt der »Hof der Heiden«, der groß genug ist, um die Menschenmengen Israels aufzunehmen, alle, die aus dem Heidenlande kommen; der glatte Boden schimmerte wie das klare Wasser eines Teiches; und die Säulen aus parischem Marmor, die ringsum Salomos hohe und schattige Säulenhallen bildeten, waren zahlreicher als die Stämme in den dichten Palmenhainen Jerichos. In der Mitte dieses besonnten, luftigen Platzes erhob sich auf Treppen, wie Alabaster leuchtend, mit silberbelegten Toren, mit Arkaden und hohen Türmen, von denen Tauben aufflogen, eine edle Terrasse, nur den Getreuen des Gesetzes zugänglich, Gottes auserwähltem Volk: der stolze »Hof Israels«. Auf ihr wiederum erhob sich mit hellen Freitreppen eine andere weiße Terrasse, der »Hof der Priester«; in dem weithin sichtbaren Lichtschein, der ihn erfüllte, ragte dunkel ein riesiger Altar aus unbehauenen Steinen auf; in jeder Ecke starrte ein Horn aus Bronze empor; an den Seiten stiegen langsam zwei hohe, gerade Rauchsäulen zum Himmel und vermischten sich mit dem Azur wie ein ewiges heiteres Gebet. Und im Hintergrund, hoch über allem, erglänzte wundersam mit seinem goldenen Gitterwerk über der Helle des schneeigen und gelben Marmors das Allerheiligste, Jehovas Wohnung. Als sei es aus reinem Gold und reinem Schnee erbaut, strahlte seine Helligkeit bis zu den Bergen des Hieron ringsherum. Über der Pforte hing der Mystische Schleier, in Babylon gewoben, von der Farbe des Feuers und der Farbe der Meere; um die Mauern rankte sich das Laub einer Rebe aus Smaragd mit Trauben aus anderem Edelgestein; von den Kuppeln strahlten lange Goldlanzen und umleuchteten das Heiligtum mit Strahlen wie eine Sonne; und so erhob es sich schimmernd, triumphierend, erhaben, kostbar zum festlichen Osterhimmel, bot sich dar als der schönste, als der seltenste Dom der Welt!

Aber neben dem Tempel, noch höher als er, ihn beherrschend wie ein strenger, stolzer Gebieter, stand – Topsius wies ihn mir – der Turm des Antonius, schwarz, massiv, uneinnehmbar, die Zitadelle der römischen Garnison. Auf der Plattform zwischen den Zinnen bewegten sich Bewaffnete; auf einer Bastion streckte eine starke Gestalt im roten Mantel der Zenturionen einen Arm aus; und langgezogene Horntöne schienen zu sprechen. Befehle zu geben zu anderen Türmen hin, die in der Ferne bläulich in die klare Luft ragten und die Heilige Stadt in Ketten schlugen. Stärker als Jehova erschien mir Cäsar.

Und Topsius zeigte mir hinter dem Antoniusturm Davids alte Burg. Das war eine Gruppe weißgetünchter ummauerter Häuser; unter dem Blau des Himmels stiegen sie wie eine Herde weißer Ziegen in ein Tal hinab, das noch im Schatten lag. Dort tat sich zwischen Säulenhallen ein monumentaler Platz auf; dann erklomm die Stadt, in winklige Gassen gespalten, auf der anderen Seite den Hügel von Akra, und hier erblickte ich viele Paläste und runde Brunnen, die in der Sonne gleich Stahlschilden schimmerten. Und noch weiter entfernt, jenseits der alten, zerfallenen Mauern, sah ich die neue Vorstadt Bezetha, die noch im Bau begriffen war; der Zirkus des Herodes rundete dort seine Arkaden, und auf der letzten Anhöhe erstreckten sich die Gärten des Antipas bis hin zum Grabmal der Helena – besonnt, frisch, bewässert von den süßen Fluten des Enrogel.

»Oh, Topsius, was für eine Stadt!« sagte ich leise in meinem Staunen.

»Rabbi Elieser sagt, nie habe einer eine schöne Stadt gesehen, der Jerusalem nicht sah!«

Neben uns eilte frohes Volk dahin, lief bis zu der grünen Straße, die von Bethanien heraufführt; und ein Alter, der einen mit Palmholz beladenen Esel eilig am Halfter hinter sich herzog, schrie uns zu, die Karawane von Galiläa sei in Sicht und komme eben an. So trabten wir neugierig bis zu einem Erdhügel neben einer Kaktushecke; dort drängten sich schon die Weiber mit ihren Kindern auf dem Rücken, winkten mit hellen Schleiern, riefen Worte des Segens und des Willkommens; und nun erblickten wir in einer trägen Staubwolke, die von der Sonne vergoldet wurde, den dichten Zug der Pilger, die stets als die letzten in Jerusalem eintreffen, da sie von weit her kommen, vom oberen Galiläa, von Gescala und von den Bergen. Der Lärm von Gesängen füllte die Feststraße; rings um eine grüne Standarte wurden Palmzweige geschwungen und blühende Mandelzweige, und die schweren Lasten auf den Rücken der Tragkamele schwankten rhythmisch zwischen den weißen Turbanen.

Sechs Reiter von der babylonischen Garde des Antipas Herodes, des Tetrarchen von Galiläa, eskortierten seit Tiberias die Karawane; sie trugen Mitren aus Filz, ihre langen Bärte waren in Flechten geteilt, die Beine mit gelben Lederriemen umwickelt; sie sprengten voran, jeder in einer Hand eine Strickpeitsche schwingend; in der anderen hielten sie funkelnde Krummsäbel, die sie blitzend durch die Luft sausen ließen. Hinter ihnen kam eine Schar von Leviten; sie psalmodierten, weit ausschreitend, auf blumenumkränzte Stäbe gestützt, mit offenen Gesetzesrollen auf der Brust, im strengen Chor das Lob Zions. Und ringsum bliesen kräftige Burschen mit roten, aufgeblähten Gesichtern dröhnend auf gekrümmten, himmelwärts gerichteten bronzenen Trompeten.

Aber nun wurden unter den Leuten, die am Straßenrand harrten, Zurufe laut. Da war ein alter Mann, ohne Turban, mit langen offenen Haaren, der wie rasend sprang und tanzte; seine behaarten Hände, die er wild herumschwenkte, klapperten mit Kastagnetten; nun warf er ein Bein empor, nun das andere; und sein bärtiges Davidsgesicht loderte in begeistertem Feuer. Hinter ihm hüpften junge Mädchen im Gleichtakt auf den Spitzen ihrer leichten Sandalen und zupften melancholisch kleine Harfen; andere schlugen Purzelbäume und rührten Tamburine, und ihre silbernen Knöchelringe glänzten im Staub, den ihre Füße aufgewirbelt hatten, unter dem Rad der wirbelnden Tuniken ... Leidenschaftlich stimmte die Menge nun den alten Gesang der Wallfahrten und die Psalmen der Pilgerschaft an: »Meine Schritte gehen alle dir entgegen, o Jerusalem! Du bist vollkommen! Wer dich liebet, der kennet die Fülle!«

Und auch ich brüllte mitgerissen: »Du bist des Herrn Palast, o Jerusalem, und meines Herzens Ruhestatt!«

Langsam und lärmend zog die Karawane vorbei. Die Frauen der Leviten, verschleiert und vermummt auf ihren Eseln, glichen großen, weichen Säcken; die Ärmeren gingen zu Fuß, trugen in den aufgenommenen Mantelfalten Früchte oder Haferkörner. Vorsorgliche hatten bereits ihr Opfertier bei sich, zogen einen weißen Widder hinter sich her, den sie am Gürtel angebunden hatten; die Stärkeren stützten die Kranken, hielten sie unter den Armen fest – ihre verzerrten Augen in den abgezehrten Gesichtern suchten gierig die Mauern der Heiligen Stadt, wo alles Leid geheilt wird.

Zwischen den Pilgern und der frohen Menge, die sie empfing, flogen laute, inbrünstige Segensgrüße hin und her; einige fragten nach den Nachbarn, nach den Saaten oder nach den Großvätern, die im Dorf, im Schatten ihrer Weinberge geblieben waren. Ein alter Mann neben mir, bärtig wie Abraham, der hören mußte, daß man ihm den Mühlstein seiner Mühle gestohlen hatte, warf sich auf die Erde, raufte sein Haar und zerriß seine Tunika. Doch schon zogen als letzte im Zuge die Maultiere vorbei, mit klingenden Schellen, beladen mit Holz und Ölschläuchen: und hinter ihnen tauchte eine Schar von Fanatikern auf, die sich in der Umgebung, in Bethphage und Rephraim, der Karawane angeschlossen hatten; sie warfen mit schon geleerten hölzernen Weinflaschen um sich, zückten Messer, forderten den Tod der Samariter und drohten den Heiden ...

Dem Dr. Topsius nach trabte ich nun über den Berg zu den beiden Zedern, auf denen ein weißer Taubenschwarm ausruhte, und in diesem Augenblick hatten auch die Pilger, von der Straße emporsteigend, Jerusalem entdeckt, das da unten so herrlich und weiß im Licht schimmerte ... Was jetzt folgte, war heiliger, lärmender, entflammter Wahnsinn. Lang ausgestreckt schlugen die Menschen mit den Gesichtern auf die harte Erde; ein Schwall von Gebeten stieg zum reinen Himmel auf, drang durch den Lärm der Massen; die Weiber hoben ihre Kinder auf den Armen empor, boten sie in Verzückung dem Herrn dar. Einige blieben reglos, wie erstarrt vor dem Glanze Zions, und brennende Tränen des Glaubens, der frommen Liebe rollten über ungepflegte wilde Bärte. Die Alten zeigten mit den Fingern auf die Terrassen des Tempels, auf die alten Straßen, die heiligen Stätten der Geschichte Israels: »Dort ist das Tor Ephraims, dort war der Turm der Schmelzöfen, jene weißen Steine drüben sind Rachels Grabmal ...« Und die dichte Menge der Zuhörer ringsum klatschte in die Hände, rief: »Gesegnet seist du, Zion!« Andere rannten plötzlich taumelnd mit gelöstem Gürtel gegen die Zeltpflöcke, traten auf die Körbe mit Früchten, wollten römische Münzen einwechseln, ein Osterlamm kaufen. Manchmal stieg zwischen den Bäumen ein heller, feiner, klarer Gesang empor, blieb zitternd in der Luft, und einen Augenblick lang schienen Erde und Himmel in heiterem Ernst zu lauschen. Zion schimmerte, vom Tempel stiegen langsam die beiden Rauchsäulen auf, ein ewiges Gebet ... Dann erstarb das Lied; wieder brachen die Segensrufe lärmend los; die ganze Seele des Judenlandes versenkte sich in den Glanz des Heiligtums; wie rasend erhoben alle die mageren Arme, Jehova zu umfassen.

Auf einmal ergriff Topsius die Zügel meines Pferdes; und fast unmittelbar neben mir kam ein Mensch in einem safranfarbenen Gewande totenbleich aus einem Ölhain hervor, sprang auf einen Felsblock und schrie verzweifelt: »Männer von Galiläa, herbei, und ihr, Männer von Naphtali!«

Die Pilger eilten herzu, erhoben die Stäbe; und aus den Zelten kamen die Frauen, ganz blaß, ihre Kinder auf dem Arm. Der Mensch ließ sein Schwert durch die Luft zucken, er selbst zitterte ebenfalls, und nochmals schrie er in Verzweiflung: »Männer von Galiläa, Rabbi Jeschua ist gefangen! Rabbi Jeschua wurde in Hannans Haus gebracht, Männer von Naphtali!«

»Dom Raposo«, sagte da Topsius mit funkelnden Augen, »des Menschen Sohn ist gefangen, und schon erschien er vor dem Sanhedrin ... Schnell, schnell, mein Freund, nach Jerusalem, zum Hause Gamaliels! ...«

 

Und zur Stunde, da im Tempel der Weihrauch dargebracht wurde, als die Sonne schon hoch über dem Hebron stand, ritten Topsius und ich im Schritt durch das Fischmarkttor in eine Straße der Altstadt Jerusalems ein. Sie war steil, staubig, mit niederen ärmlichen Ziegelhäusern; über den mit Riemen verschlossenen Türen, über den engen Fenstern, die kaum mehr als vergitterte Ritzen waren, hingen grünes Reisig und geflochtene Palmenzweige als Osterschmuck. Auf den von Balustraden umgebenen Terrassen klopften eifrige Frauen die Teppiche oder siebten das Korn; andere hängten schwankende Tonlampen an Girlanden: das war die vorgeschriebene Beleuchtung.

Neben uns schritt müde ein ägyptischer Harfenspieler dahin; er trug eine scharlachrote Feder in der gekräuselten Perücke; ein weißes Tuch umhüllte seine schlanken Hüften, seine Arme waren schwer von Armbändern, an der Seite trug er seine Harfe, die wie eine Sichel gekrümmt war und mit Lotusornamenten geschmückt war. Topsius fragte ihn, ob er von Alexandria käme und ob man noch in den Kneipen des Eunotos die Lieder vom Kampfe bei Aktion sänge? Da zeigte der Mann mit einem traurigen Lächeln die großen Zähne, stellte die Harfe hin, wollte die Saiten rühren ... Wir spornten die Stuten und erschreckten zwei Weiber in gelben Schleiern mit Taubenkäfigen unter dem Mantel, die sicherlich zum Tempel eilten, leichtfüßig, anmutig, mit klingenden Glöckchen an den Sandalen.

Hier und dort brannte anheimelnd ein Feuer mitten auf der Straße; darüber ein Dreifuß und eine Pfanne, aus der scharfer Knoblauchgeruch aufstieg. Kinder mit riesenhaft aufgetriebenen Bäuchen, die sich nackt im Staube wälzten und gierig an rohen Kürbisschalen nagten, starrten uns ganz überwältigt mit großen, entzündeten, von Fliegen bedeckten Augen an. Vor einer Schmiedewerkstatt wartete eine Schar zottiger Hirten aus Moab, während drinnen, in einem Lichtkreis sprühender Funken, die Schmiede ihnen neue Eisen für ihre Lanzen zurechthämmerten. Ein Neger, der einen Kamm in der Form einer Strahlensonne im Kraushaar trug, bot mit trübseligen Rufen obszön geformte Mehlkuchen feil.

Schweigend ritten wir über einen hellen, gepflasterten Platz, auf dem noch gebaut wurde. Im Hintergrund breitete ein funkelnagelneues Badehaus, eine römische Therme, üppig und spielerisch die lange Säulenreihe seines granitenen Portikus aus; im inneren Hofraum stützten die Äste schattiger Platanen Sonnendächer aus schneeweißem Leinen; zwischen den Stämmen rannten schweißglänzend nackte Sklaven umher, schleppten Gefäße voll duftender Essenzen und Berge von Blumen; aus den vergitterten Luken zwischen den Steinfliesen drang lauer Badedampf, der nach Rosen duftete. Und unter einer Säule der Vorhalle, dort, wo eine Onyxtafel den Eingang für Frauen anzeigte, stand reglos ein wunderbares Geschöpf und bot sich wie ein Idol den Wünschen dar; über einem runden Antlitz von der Weiße des Vollmonds, mit üppigen blutroten Lippen, saß die gelbe Mitra der babylonischen Prostituierten; von den starken Schultern fiel über die schwellenden, straffen, hohen Brüste eine schwarze brokatene Dalmatika in steifen Falten herab, strahlend bestickt mit goldenem Astwerk. In der Hand hielt sie eine Kaktusblüte; ihre schweren Augenlider mit den dichten Wimpern öffneten und schlossen sich rhythmisch, je nach der wogenden Bewegung eines Fächers, den eine zu ihren Füßen hingekauerte schwarze Sklavin singend schwang. Sooft sich ihre Augen schlossen, schien alles ringsum dunkel zu werden; und hob sich der schwarze Vorhang ihrer Wimpern, dann brach aus der weiten Pupille ein Schein, ein Strahl wie von der mittäglichen Wüstensonne, die sengt und irgendwie traurig macht. Und so bot sie sich an, die Prächtige, mit ihren großen marmornen Gliedern, ihrer gelben Mitra, an die Riten der Astarte und des Adonis gemahnend, unkeusch und priesterlich ...

Ich berührte Topsius' Arm und flüsterte, ganz bleich: »Caramba! Ich gehe baden!«

Trocken, steif in seiner weißen Kapuze, gab er mir die scharfe Antwort: »Uns erwartet Gamaliel, Simeons Sohn. Auch sagt die Weisheit der Rabbinen, daß das Weib der Weg zur Sünde ist!«

Und jählings bog er in ein ganz überwölbtes dunkles Gäßchen ein; das Klappern der Pferdehufe auf dem Pflaster und das Geheul von Hunden löste Flüche von Bettlern aus, die im Dunkel in Massen nebeneinanderhockten. Dann passierten wir durch eine Bresche die alte Mauer des Ezechias, kamen an einer alten, trockenen Zisterne vorbei, in der Eidechsen schlummerten; trabten durch den losen Staub einer langen Gasse zwischen weißgetünchten, leuchtenden Mauern und mit Teer beschmierten Pforten dahin, bis wir oben vor einem vornehmeren, gewölbten Tore hielten, das zum Schutz gegen die Skorpione mit einem niederen Messinggitter versehen war. Hier war Gamaliels Haus.

Inmitten eines großen, mit Quadern gepflasterten Hofes, auf den die heiße Sonne herunterbrannte, beschattete ein Zitronenbaum das klare Wasser eines Beckens. Ringsum lief auf Pfeilern aus grünem Marmor eine stille, kühle Veranda; hie und da hing von ihr ein assyrischer Teppich mit gewirkten Blumen herab. Ein reines Blau erglänzte in der Höhe; und in der Ecke in einem Schuppen war ein Neger wie ein Stück Vieh mit Stricken an einen Holzbalken gefesselt, mit Hufeisen an den Füßen, von Narben zerfurcht; langsam ließ er den großen Mühlstein der Hausmühle sich drehen und ächzen.

Im Dunkel einer Tür erschien ein dickbäuchiger, bartloser Mensch, fast so gelb wie die lose Tunika, die ihn ganz einhüllte; er hielt in der Hand einen elfenbeinernen Stab und konnte kaum die schlaffen Augenlider heben.

»Dein Herr?« rief Topsius ihm im Absitzen zu.

»Tritt ein!« sagte der Mensch mit einer flüchtigen und feinen Stimme, die wie das Zischen einer Natter klang.

Über eine prunkvolle Treppe aus schwarzem Granit gelangten wir zu einer Vorhalle; hier standen zwei Kandelaber, schlank aufragend wie Bäume, deren entblätterten Stamm sie in Bronze nachbildeten, und zwischen ihnen stand Gamaliel, der Sohn des Simeon. Er war sehr groß und sehr hager; ein wallender, schimmernder, parfümierter Bart bedeckte seine Brust, von der an einer scharlachroten Schnur ein glänzendes Korallenpetschaft herabhing. Sein weißer Turban, von Perlenschnüren umwunden, ließ auf der Stirn einen Pergamentstreifen sehen, der mit heiligen Texten bedeckt war; seine tiefliegenden Augen hatten einen kalten und harten Glanz. Bis zu den Sandalen herab fiel seine lange, blaue Tunika, gesäumt mit großen Fransen, die am Boden schleiften; und in die Ärmel eingenäht, um die Handgelenke gerollt trug er weitere Pergamentstreifen, auf denen religiöse Schriftstellen schwarz schimmerten.

Topsius grüßte ihn auf ägyptische Art, indem er langsam die Hand bis zu den Stulpen seiner Stiefel sinken ließ.

Gamaliel breitete die Arme aus und sagte leise, gleichsam psalmodierend: »Tretet ein, seid willkommen, esset, seid vergnügt ...«

Wir schritten hinter Gamaliel her über einen Mosaikboden, der unter seinen Tritten hallte, und gelangten in einen Saal, in dem sich drei Männer befanden. Der eine, der vom Fenster wegtrat, um uns zu empfangen, war sehr schön, mit langem, kastanienbraunem Haar, das in lieblichen Ringeln um einen starken, weichen, marmorweißen Hals hing; in dem schwarzen Gürtel, der seine Tunika zusammenhielt, funkelte der mit Edelsteinen besetzte goldene Griff eines kurzen Schwertes. Der zweite, kahl, fett, mit einem aufgedunsenen Gesicht ohne Augenbrauen und so bleich, daß es wie mit Mehl gepudert aussah, blieb mit gekreuzten Beinen, in seinen weinfarbenen Mantel gewickelt, auf einem lederbespannten Diwan sitzen; er hatte ein Purpurkissen unter jedem Arm; und er grüßte uns mit einer zerstreuten und verächtlichen Geste – sie war wie ein Almosen, das man einem Fremdling hinwirft. Aber Topsius warf sich fast vor ihm nieder und küßte seine runden gelben Lederschuhe, die mit Goldbändern verschnürt waren – denn dieser Mann war der hochwürdige Osanias aus der Hohenpriesterfamilie des Beothos, und gar aus dem königlichen Blute des Aristobulos! Den dritten begrüßten wir nicht, und auch er sah uns nicht; er kauerte in einem Winkel, hatte sein Gesicht in der Kapuze einer Tunika aus schneeweißem Leinen verborgen und sah aus, als sei er im Gebet versunken; und nur von Zeit zu Zeit bewegte er sich, um langsam seine Hände an einem ebenfalls schneeweißen Tuch abzuwischen, das ihm an einer Schnur von einem groben, geknoteten Gürtel herabhing, wie ihn die Mönche tragen.

Unterdessen hatte ich, während ich die Handschuhe ablegte, die Decke des Saales betrachtet; sie war ganz aus Zedernholz, mit scharlachrot bemalten Schnitzereien. Das glatte, leuchtende Hellblau der Wände war wie die Fortsetzung des heißen und reinen morgenländischen Himmels, der durch das Fenster leuchtete; nur eine einsame Geißblattranke, die im vollen Licht von der Mauer herabfiel, hob sich vom Blau ab. Auf einem mit Perlmutter eingelegten Dreifuß rauchte in einem bronzenen Weihrauchkessel aromatisches Harz.

Gamaliel war unterdessen näher gekommen; und nachdem er mit strengem Blick meine Reitstiefel beschaut hatte, sagte er sehr langsam. »Die Reise vom Jordan her ist lang; ihr müßt hungrig sein ...«

Höflich stotterte ich eine Verneinung ... Und er, feierlich, als rezitiere er eine Stelle aus der Schrift: »Die Mittagsstunde ist dem Herrn am wohlgefälligsten. Josef sprach zu Benjamin: ›Du wirst zu Mittag mit mir speisen.‹ Doch auch die Fröhlichkeit des Gastes ist wohlgefällig dem Allerhöchsten, dem Allerstärksten ... Ihr seid geschwächt, gehet hin und esset, auf daß eure Seele mich segne!«

Er klatschte in die Hände; es trat ein Diener mit einem metallenen Diadem in den Haaren ein und brachte eine Kanne mit nach Rosen duftendem lauem Wasser, in dem ich mir die Hände reinigte; ein anderer Diener bot auf zarten Weinblättern Honigkugeln an; wieder ein anderer goß den starken, dunkeln Wein von Emmaus in schimmernde Tonbecher. Und damit der Gast nicht allein äße, zerteilte Gamaliel das Viertel eines Granatapfels, und mit geschlossenen Lidern hob er eine Schale an die Lippen, in der zwischen Orangenblüten Eisstückchen schwammen.

»Jetzt«, sagte ich und leckte mir die Finger ab, »habe ich ein Fundament zum Mittagessen gelegt.«

»Möge deine Seele fröhlich sein!«

Ich zündete mir eine Zigarette an und beugte mich zum Fenster hinaus. Gamaliels Haus stand auf einer Anhöhe, offenbar hinter dem Tempel, auf dem Hügel Ophel. Hier war die Luft so weich und lind, daß schon ihre Liebkosung die Seele mit Frieden erfüllte. Dort unten lief die neue Mauer, die Herodes der Große erbaut hatte; und dahinter blühten Blumen- und Obstgärten bis hin zum Tal der Quelle und bis zu dem Hügel, auf dessen Höhe still und frisch das weiße Dorf Siloah schimmerte. Durch eine Senkung zwischen dem Berg des Ärgernisses und dem Hügel der Grabmale sah ich das Tote Meer wie eine Silberplatte schimmern; die Berge von Moab wellten sich dahinter, lieblich, von einem Blau, das kaum dunkler war als das des Himmels; und ein weißer Umriß, der in dem flimmernden Licht zu zittern schien, mußte die Feste Makeros auf ihrem Felsen sein, an der Grenze Idumäas. Auf der Rasenterrasse vor einem Haus am Fuß der Mauer, im Schatten eines hohen, von Glöckchen umsäumten Sonnenschirms, blickte eine reglose Gestalt so wie ich nach diesen Fernen Arabiens hin; daneben lockte ein zierliches Mädchen mit erhobenen Armen einen Schwärm von Tauben, die sie umflatterten. Die offene Tunika ließ ihren schwellenden kleinen Busen sehen; und sie war so hübsch, so brünett und sonnenumglänzt, daß ich ihr durch die Stille der Luft einen Handkuß zuwarf ... Doch ich kam wieder zu mir, als ich Gamaliel sagen hörte, was auch der Mann im safrangelben Mantel auf dem Ölberg gesagt hatte: »Ja, in dieser Nacht ist in Bethanien Rabbi Jeschua verhaftet worden.«

Dann fuhr er langsam mit halbgeschlossenen Augen fort, indem er mit den Fingern in den langen Strähnen seines Bartes spielte: »Aber Pontius hat ein Bedenken ... Er will keinen Menschen aus Galiläa aburteilen, der ein Untertan des Antipas Herodes ist ... Und da der Tetrarch zum Osterfest nach Jerusalem gekommen ist, hat Pontius den Rabbi in sein Quartier nach Bezetha geschickt ...«

Die gelehrte Brille des Topsius funkelte vor Staunen. »Sonderbare Kunde!« rief er und breitete die mageren Arme. »Pontius gewissenhaft, Pontius pedantisch! Und seit wann respektiert Pontius die Jurisdiktion des Tetrarchen? Wie viele arme Galiläer hat er ohne Erlaubnis des Tetrarchen töten lassen, als bei der Wasserleitung der Aufstand losbrach, als römische Schwerter in den Höfen des Tempels das Blut der Männer von Naphtali mit dem Blut der Opferstiere vermischten!«

Gamaliel sagte leise und düster: »Der Römer ist grausam, aber ein Sklave der Gesetzlichkeit.«

Nun sagte Osanias, der Sohn des Beothos, mit einem schwachen Lächeln seines zahnlosen Mundes, indem er die von Ringen glänzenden Hände auf dem Purpur der Kissen bewegte: »Oder es mag auch sein, daß die Frau des Pontius den Rabbi protegiert.«

Gamaliel verfluchte halblaut die Schamlosigkeit der Römerin, und da Dr. Topsius den hochwürdigen Osanias durch seine Brille fragend anblickte, verwunderte sich der, daß der Doktor Dinge nicht wüßte, über die im Tempel so viel gesprochen würde, von denen selbst schon die Hirten redeten, die von Idumäa kommen, um das Osterlamm zu verkaufen ... Sooft der Rabbi in der Säulenhalle Salomos neben dem Susator gepredigt hatte, war Claudia schwarz verschleiert auf der Plattform des Antoniusturmes erschienen, um ihn zu sehen ... Menahem, der im Monat Tebet auf der Treppe der Heiden Wache gehabt, hatte die Frau des Pontius mit dem Schleier dem Rabbi zuwinken sehen. Und vielleicht hatte Claudia, übersättigt von Capri und von allen Wagenlenkern des Zirkus, von allen jenen Mimen von Suburra und von den Liebesspielen von Atalante, die den Sänger Accius um seine Stimme gebracht hatten, hier in Syrien auch probieren wollen, wie die Küsse eines galiläischen Propheten schmeckten ...

Unvermittelt hob der Mann im weißen Linnengewand das Antlitz und schüttelte die Kapuze von den zerrauften Haaren; seine großen blauen Augen blitzten durch den ganzen Saal und verloschen dann unter den demütig gesenkten Wimpern ... Dann sagte er langsam und ernst: »Osanias, der Rabbi ist keusch!«

Der Alte lachte polternd. »Keusch, der Rabbi! Und wie war das mit diesem Galiläerweib aus Magdala, das in der Vorstadt Bezetha wohnte und am Purimfest sich vor den Toren des Herodestheaters unter die griechischen Dirnen mischte? ... Und Johanna, das Weib des Khosna, eines der Köche des Antipas? Und die andere, die Ephraimitin, Susanna, die eines Abends auf einen Wink des Rabbi, auf eine Andeutung seiner Begierde, ihren Webstuhl und ihre Kinder verließ und mit den Spargroschen des Hauses im Mantelzipfel ihm nachlief bis Cäsarea?«

Der schöne Mann mit dem edelsteinbesetzten Schwert rief: »Aber Osanias, o Sohn des Beothos, wie du so haargenau die Ausschreitungen eines galiläischen Rabbi kennst, der doch ein Sohn des zertretenen Grases ist und noch elender als das! Wenn es Aelius Lamma wäre, unser kaiserlicher Legat ... daß ihn der Herr mit allem Übel schlage!«

Die Äuglein des Osanias, winzig wie zwei schwarze Glasperlen, funkelten vor Geist und Bosheit.

»O Manasse! Das geschieht, damit ihr, ihr Patrioten, ihr echten Erben des Gauloniters Juda, uns Sadduzäer nicht immer beschuldigt, wir wüßten nur, was sich in der Halle der Priester zuträgt und auf dem Dachgarten Hannans ...«

Ein rauher Husten zwang ihn, seine Rede zu unterbrechen, erstickte ihn fast unter dem Zipfel des Mantels, in den er sich rasch eingewickelt hatte. Dann fuhr er, viel leiser, mit violetten Flecken im mehligen Gesicht, fort: »Übrigens haben wir das tatsächlich im Hause des Hannan von Menahem gehört, als wir am Fuße des Weinbergs spazierengingen ... Und er hat uns sogar erzählt, dieser Rabbi aus Galiläa sei in seiner Schamlosigkeit dahin gelangt, daß er heidnische Weibsbilder anrührte und andere, die unreiner sind als die Schweine. Ein Levite hat ihn an der Sichemer Straße gesehen, wie er ganz erhitzt vom Rande eines Brunnens aufsprang, und zwar mit einer samaritischen Frau!«

Der Mann im weißen Linnen erhob sich mit einem Satz, kerzengerade und bebend stand er da; und in dem Schrei, der ihm entschlüpfte, war das Entsetzen eines, der die Schändung eines Altars schauen muß.

Aber mit trockener Autorität heftete Gamaliel seine harten Augen fest auf ihn: »Oh, Gad, mit dreißig Jahren ist der Rabbi nicht verheiratet! Welches ist seine Arbeit? Wo ist das Feld, das er bestellt? Hat einer je seinen Weinberg gesehen? Er strolcht auf den Landstraßen herum und lebt von dem, was ihm diese unzüchtigen Frauen schenken! Tun denn jene bartlosen Burschen von Sybaris und Lesbos anderes, die den ganzen Tag auf der Gerichtsstraße spazierengehen und die ihr Essener so sehr verabscheut, daß ihr, hat einer von ihnen euch gestreift, zu einer Zisterne lauft, um eure Kleider zu waschen? ... Du hast Osanias, den Sohn des Beothos, gehört ... Nur Jehova ist groß! Und wahrlich, ich sage dir, wenn der Rabbi Jeschua, das Gesetz verachtend, der Ehebrecherin Verzeihung gewährt und damit die Einfältigen so rührt, dann tut er das aus moralischer Minderwertigkeit und nicht aus Erbarmen!«

Mit glühendem Gesicht und hoch erhobenen Armen schrie Gad: »Aber der Rabbi tut Wunder!«

Und nun war es der berühmte Manasse, der mit heiterem Hochmut dem Essener zur Antwort gab: »Nur Ruhe, Gad, auch andere haben Wunder getan! Simon der Samariter tat Wunder. Wunder tat Apollonius, tat auch Gabienus ... Und was sind die Wunder deines Galiläers gegen die der Töchter des Hohenpriesters Anius und des weisen Rabbi Chekina?«

Auch Osanias verhöhnte die Einfalt Gads: »Was lernt ihr Essener eigentlich in eurer Oase von Engeddi? Wunder! Selbst die Heiden tun Wunder! Geh nur nach Alexandria, beim Eunotoshafen rechts, wo die Papyrusfabriken sind, dort siehst du Magier, die dir für eine Drachme Wunder tun, das heißt für den Preis eines Arbeitstages. Wenn das Wunder ein Beweis für Göttlichkeit ist, dann ist der Fisch Oannes ein Gott, weil er Flossen aus Perlmutter hat und in Vollmondnächten am Ufer des Euphrat predigt!«

Gad lächelte voller Stolz und Milde. Seine Entrüstung hatte sich gelegt, denn seine Verachtung war grenzenlos. Langsam tat er einen Schritt, dann noch einen, und betrachtete hoch aufgerichtet diese eingebildeten, verhärteten, vor Ironie geschwollenen Menschen.

»Ihr redet, redet daher wie Fliegen, die summen! Ihr redet, und ihr habt ihn nicht gehört. In Galiläa, dem fruchtbaren, herrlich grünen Land, war es, wenn er redete, als sprudele ein Milchquell aus einem Boden des Hungers und der Dürre; selbst das Licht schien heller zu strahlen! Die Wellen im See von Tiberias wurden still, um ihn zu hören; und in den Augen der Kinder, die ihn umschwärmten, stieg der Ernst eines schon gereiften Glaubens auf ... Er sprach, und wie die Tauben die Flügel entfalten und aus dem Tor eines Heiligtums hinausflattern, so sahen wir seinen Lippen entströmen, sahen über die Völker der ganzen Erde schweben Edles und Heiliges aller Art: Barmherzigkeit, Bruderliebe, Gerechtigkeit, Mitleid und die neuen, schönen, die göttlich schönen Arten der Liebe!«

Sein Gesicht erstrahlte, zum Himmel gewandt, als folge es dem Flug dieser göttlichen Botschaften ... Aber schon schalt ihn der Schriftgelehrte Gamaliel mit strenger Würde: »Was ist denn originell und individuell an all diesen Ideen? Glaubst du, daß der Rabbi sie aus der Fülle seines Herzens geschöpft hat? Unsere Lehre ist doch voll davon! ... Willst du von Liebe reden hören, von Barmherzigkeit, von Gleichheit? Lies das Buch des Jesus, Sohnes des Sidrah ... All das hat Hillel gepredigt, all das hat Schammai gesagt! Genau so richtige Dinge finden sich in den heidnischen Büchern, die, mit den unseren verglichen, wie Kot sind neben dem reinen Wasser von Siloah! ... Ihr selbst, ihr Essener, habt bessere Vorschriften! ... Die Rabbinen von Babylon, von Alexandria haben immer das reine Gesetz der Gerechtigkeit und Gleichheit gelehrt! Und gelehrt hat es dein Freund Jochanan, den sie den Täufer nennen, er, der so elend in einem Sklavenkerker von Makeros zugrunde gegangen ist ...«

»Jochanan!« rief Gad aus. »Jochanan!« Und er fuhr zusammen, als hätte man ihn roh aus einem süßen Traum geweckt.

Seine glänzenden Augen waren feucht geworden. Mit ausgebreiteten Armen sich zu Boden neigend, wiederholte er dreimal den Namen Jochanan, als riefe er einen Toten. Zwei Tränen rollten ihm in den Bart, und er flüsterte sehr leise, mit einer Zuversicht, die ihn mit Schrecken und Glauben erfüllte: »Ich war's, der nach Makeros hinaufging, um das Haupt des Täufers zu holen. Und als ich mit dem Haupt in meinem Mantel den Weg hinabstieg, schrie und brüllte mir jene Herodias, auf der Mauer hingestreckt wie das wollüstige Weibchen des Tigers, noch Schmähungen nach! ... Drei Tage und drei Nächte wanderte ich auf Galiläas Straßen, trug ich an den Haaren das Haupt des Gerechten ... Manchmal stieg hinter einem Felsen ein schwarzer Engel auf, breitete die Schwingen und begleitete mich ...«

Wieder senkte er das Haupt, seine harten Knie erklangen auf dem Steinboden, und lang hingestreckt lag er in angstvollem Gebet, mit zur Seite gebreiteten Armen; sein Körper bildete ein Kreuz.

Jetzt schritt Gamaliel auf den weisen Topsius zu; und aufrechter als eine Säule des Tempels, die Ellenbogen am Gürtel, die mageren Hände zur Seite gespreizt, sagte er: »Wir haben ein Gesetz, und unser Gesetz ist klar! Es ist das Wort des Herrn, und der Herr hat gesprochen: ›Ich bin Jehova, der Ewige, der Erste und Letzte, er, der anderen nicht seinen Namen gibt noch seinen Ruhm ... vor mir gab es keinen Gott, noch wird es einen Gott nach mir geben ...‹ Dies ist die Stimme des Herrn. Und ferner sprach der Herr: ›Wenn ein Prophet oder Träumer unter euch wird aufstehen und gibt dir ein Zeichen oder Wunder ... und er spricht: Laß uns andern Göttern folgen, die ihr nicht kennet, und ihnen dienen, so sollst du nicht gehorchen den Worten solches Propheten oder Träumers. Der Prophet aber oder Träumer soll sterben!‹ Dies ist das Gesetz, dies ist die Stimme des Herrn. Nun hat der Rabbi von Nazareth sich in Galiläa für einen Gott erklärt, in den Synagogen, in den Straßen von Jerusalem, in den heiligen Vorhöfen des Tempels ... Der Rabbi muß sterben!«

Aber der berühmte Manasse, dessen melancholische Augen trübe geworden waren wie der Himmel vor einem Gewitter, stellte sich zwischen den Schriftgelehrten und den Historiker der Herodiaden. Und edelmütig wies er den grausamen Buchstaben des Gesetzes zurück.

»Nein, nein! Was tut's, wenn eine Grablampe sagt, sie sei die Sonne? Was tut's, wenn ein Mensch die Arme ausstreckt, und sagt, er sei ein Gott? Unsere Gesetze sind milde; wegen etwas so Geringfügigem geht man nicht und holt den Henker aus seiner Höhle zu Gareb.«

Ich gutmütiger Kerl wollte den Manasse loben. Aber schon brüllte er heftig und wild: »Dennoch muß dieser Rabbi aus Galiläa unweigerlich sterben, denn er ist ein schlechter Bürger und ein schlechter Jude! Hörten wir nicht, wie er uns anriet, wir sollten dem Cäsar den Tribut zahlen? Der Rabbi reicht Rom seine Hand, der Römer ist nicht sein Feind. Seit drei Jahren predigt er, und keiner hörte ihn die heilige Notwendigkeit verkünden, den Fremdling auszutreiben. Wir erhoffen einen Messias, der ein Schwert mitbringen und Israel befreien wird, und er, der frevelnde Schwätzer, erklärt, daß er das Brot der Wahrheit bringt! Wenn es einen römischen Prätor in Jerusalem gibt, wenn an den Toren unseres Gottes römische Lanzen die Wache halten, wem will dieser Träumer etwas vom himmlischen Brot und vom Wein der Wahrheit erzählen? Die einzige Wahrheit, die uns nützt, ist: es darf in Jerusalem keine Römer geben!«

Osanias blickte unruhig auf das lichterfüllte Fenster, aus dem die Drohreden des Manasse sich frisch und frei hinausschwangen. Gamaliel lächelte kühl; und der glühende Jünger Judas von Gamala rief, von seiner Leidenschaft hingerissen: »Ach! Wahrlich, ich sage euch, er will die Seelen in Hoffnungen auf das Himmelreich verstricken und sie die starke Pflicht gegen das irdische Reich vergessen lassen, gegen dieses Land Israel, das in Ketten liegt und weint und sich nicht trösten läßt! Der Rabbi ist ein Vaterlandsverräter! Der Rabbi muß sterben!«

Zitternd hatte er ans Schwert gegriffen; sein Auge hatte sich geweitet, es sprühte darin der Aufruhr, als verlange es gierig nach den Kämpfen und dem Ruhm der jüdischen Märtyrer.

Da richtete sich Osanias auf, gestützt auf einen Stock, der in einem goldenen Knauf endete. Ein sorgenvoller Gedanke schien jetzt seine greisenhafte Gelassenheit zu überschatten. Und er begann sanft und traurig zu sprechen, als deute er zwischen dem Enthusiasmus und der Schriftgelehrtheit das unausweichliche Gebot der Notwendigkeit: »Wahrlich, wahrlich, wenig macht es aus, daß ein Träumer sich Messias und Gottes Sohn nennt, daß er droht, das Gesetz und den Tempel zu zerstören. Der Tempel und das Gesetz können recht wohl lächeln und verzeihen, ihrer Göttlichkeit gewiß. Ferner, o Manasse, unsere Gesetze sind milde, und ich glaube nicht, daß man den Henker zu Gareb in seinem Schlaf stören muß, weil ein Rabbi aus Galiläa, eingedenk der ans Kreuz geschlagenen Jünger Judas von Gamala, Vorsicht und Schläue in unseren Beziehungen zu den Römern empfiehlt! O Manasse, kraftvoll sind deine Hände; aber kannst du den Lauf des Jordans aus dem Lande Kanaan ins Land Trakaunitis ablenken? Nein. Ebensowenig kannst du verhindern, daß die Legionen Cäsars, die die Städte Griechenlands überflutet haben, nun das Land Juda überfluten. Weise und stark war Judas Makkabäus; und er schloß Freundschaft mit Rom ... Denn Rom ist auf Erden wie ein großer Sturm der Natur; wenn er heranbraust, bietet ihm der Wahnwitzige die Brust und wird niedergerissen; der vorsichtige Mann aber kehrt in sein Heim zurück und verhält sich ruhig. Unbezwinglich war Galatien; Philipp und Perseus hatten Heere in der Ebene; Antiochus der Große befahl über hundertzwanzig Elefanten und Streitwagen ohne Zahl ... Rom ging über sie alle hinweg; was ist von ihnen übriggeblieben? Sklaven, die Tribute entrichten ...«

Er beugte sich vor, schwerfällig wie ein Ochse unter dem Joch, Dann heftete er die kleinen Augen, die einen kalten und unerbittlichen Strahl schossen, auf uns und fuhr fort, immer ruhig und überzeugend: »Aber wahrlich, ich sage euch, dieser Rabbi aus Galiläa muß sterben! Denn es ist die Pflicht eines Mannes, der Güter und Landbesitz auf Erden hat, auf dem Fußboden der Tenne unter seiner Sandale geschwind den Funken zu zertreten, der ihm seine Garben zu entzünden droht ... Solange der Römer in Jerusalem herrscht, ist ein jeder, der wie dieser aus Galiläa daherkommt und sich Messias nennt, schädlich und gefährlich für Israel. Der Römer versteht nichts vom Himmelreich, das er verspricht; aber er sieht, daß diese Predigten, daß diese göttlichen Ekstasen hinter den Eingangshallen des Tempels heftig und heimlich das Volk aufwühlen ... Und da sagt er: ›Wahrlich, dieser Tempel mit seinem Gold und seinen Volksmassen und so viel Fanatismus ist eine Gefahr für Cäsars Ansehen in Judäa ...‹ Und daher vernichtet er nach und nach die Macht des Tempels, indem er seinen Reichtum und die Vorrechte seiner Priesterschaft beschränkt. Schon jetzt werden, zu unserer Demütigung, die priesterlichen Gewänder im Schatzraum des Antoniusturmes aufbewahrt; morgen kommt der goldene Leuchter dran! Schon hat der Prätor, um uns arm zu machen, das Korban-Geld angegriffen! Morgen kommen die Zehnten von der Ernte, vom Vieh, das Opfergeld, der Schofar-Pfennig, die rituellen Taxen, alle Einkünfte der Priesterschaft, bis zum Fleisch der Opfertiere, dran – nichts mehr wird uns gehören, alles dem Römer! Uns wird nichts übrigbleiben als der Bettelstab, als auf die Straßen von Samaria zu gehen und den reichen Kaufleuten aus der Dekapolis aufzulauern ... Wahrlich, ich sage euch, wenn wir die Ehren und die Schätze behalten wollen, die unser sind durch das alte Gesetz und die Israels Glanz ausmachen, dann müssen wir dem Römer, der uns belauert, einen ruhigen, gut geregelten, untertänigen, zufriedenen Tempel zeigen, ohne Aufregungen und ohne Messias! ... Der Rabbi muß sterben!«

So sprach vor mir Osanias, Sohn des Beothos und Mitglied des Synedriums.

Darauf grüßte der magere Geschichtsschreiber der Herodiaden, die Hände ehrfurchtsvoll über der Brust kreuzend, dreimal diese beredten Männer. Unbeweglich betete Gad. Im Blau des Fensters summte eine goldfarbene Biene rings um eine Geißblattblüte. Und Topsius sprach mit Salbung: »Ihr Männer, die ihr mich gastlich aufnahmt, von Wahrheit strotze euer Geist wie der Weinstock von Trauben! Ihr seid drei Türme, die Israel unter den Nationen behüten; der eine verteidigt die Einheit der Religion, der andere erhält die Begeisterung fürs Vaterland, und der dritte – das bist du, hochwürdiger Sohn des Beothos – beschützt, vorsichtig sich windend wie die Schlange, die Salomo liebte, ein noch kostbareres Ding, nämlich die Ordnung! ... Ihr seid drei Türme, und gegen jeden reckt der Rabbi von Galiläa den Arm aus und schleudert den ersten Stein! Aber ihr bewacht Israel und seinen Gott und seine Schätze, und ihr dürfet euch nicht zertrümmern lassen! ... Wahrhaftig, jetzt erkenne ich es, Jesus und das Judentum hätten niemals nebeneinander am Leben bleiben können.«

Und mit einer Geste, als zerbreche er ein schwaches Stäbchen, sagte Gamaliel und zeigte dabei die weißen Zähne: »Deswegen kreuzigen wir ihn!«

Mir war, als ob ein scharfes Messer sich zischend und blitzend in meine Brust gebohrt hätte. Ich packte, nach Atem ringend, den gelehrten Geschichtsschreiber am Ärmel.

»Topsius! Topsius! Wer ist dieser Rabbi, der in Galiläa gepredigt hat und Wunder tut und gekreuzigt werden soll?«

Der weise Doktor riß die Augen so verblüfft auf, als hätte ich ihn gefragt, wie das Gestirn heiße, das morgens hinter den Bergen aufgeht und das Licht bringt. Dann sagte er sehr trocken:

»Rabbi Jeschua bar Josepha, der von Nazareth nach Galiläa kam und den einige Jesus nennen, andere auch den Christus.«

»Unserer!« schrie ich und schwankte wie ein Betäubter.

Und meine katholischen Knie schlugen fast auf den Boden, in einem plötzlichen Trieb, mich angstgeschüttelt hinzuwerfen, liegenzubleiben und bis in alle Ewigkeit verzweifelt zu beten. Aber sogleich flammte wie eine helle Glut die Begierde in mir auf, ihm entgegenzulaufen und meine sterblichen Augen auf den Leib meines Herrn zu richten, auf seinen menschlichen und wirklichen Leib, bekleidet mit dem Linnen, in das Menschen sich kleiden, bedeckt mit dem Staube menschlicher Straßen! ... Und stärker als in einem rauhen Winde das Laub erbebt, erbebte meine Seele in einem dunklen Schrecken – dem Schrecken des nachlässigen Knechts vor dem gerechten Herrn! War ich genügend gereinigt durch Fasten und Gebete, um mich vor meines Gottes blitzeschleuderndes Antlitz wagen zu können? Nein! O über die kleinliche, armselige Unzulänglichkeit meiner Andacht! Nie hatte ich mit genügender Hingabe seinen schmerzenden und blau angelaufenen Fuß in seiner Gnadenkirche geküßt! Wehe mir! An wie vielen Sonntagen, in jenen wollüstigen Zeiten, da mich Adelia, die Sonne meines Lebens, in der Rua dos Caldas erwartete, hatte ich nicht die Länge der Messen verflucht und die Eintönigkeit der Litanei! Und wie sollte mein Körper, dergestalt vom Scheitel bis zur Fußsohle ein Aussatz der Sünde, wie sollte er, schon jetzt verworfen und verdammt, nicht zusammenbrechen, wenn langsam wie zwei Himmelshälften die Augäpfel des Herrn sich mir zuwenden würden?

Aber Jesus sehen! Sehen, was für Haare er hatte, was für Falten sein Gewand warf und was sich auf Erden ereignete, wenn seine Lippen sich öffneten ... Hinter diesen Terrassen, auf denen die Frauen den Tauben Körner zuwarfen, in einer dieser Gassen, aus denen die Rufe der Verkäufer von ungesäuerten Broten klar und melodisch zu mir drangen dort ging vielleicht in diesem selben angstvollen Augenblick zwischen bärtigen, ernsten Römersoldaten Jesus, mein Heiland, mit einem Strick um seine Hände. Der leichte Lufthauch, der in der Fensteröffnung den Geißblattzweig schaukelte und seinen Duft belebte, hatte vielleicht soeben die Stirn meines Gottes gestreift, die schon von Dornen blutete! Ich brauchte nur diese Tür aus Zedernholz aufzustoßen, über den Hof zu gehen, auf dem der Stein der Hausmühle kreischte – und dann konnte ich auf der Straße meinen Herrn Jesus so gegenwärtig und leiblich sehen, wie ihn Sankt Johannes und Sankt Matthäus gesehen hatten. Ich würde seinem heiligen Schatten auf der weißen Mauer folgen – auf die dann auch mein Schatten fallen würde. In dem gleichen Staube, in dem meine Sohlen schritten, würde ich die noch warme Spur seiner Füße küssen! Und brächte ich mit beiden Händen den lauten Schlag meines Herzens zum Schweigen, dann würde ich aus seinem unsäglich herrlichen Munde ein Ach! erlauschen können, einen Seufzer, eine Klage, eine Verheißung! Ich würde dann ein neues Wort des Heilands kennen, das nicht im Evangelium stünde – und ich allein würde das priesterliche Recht haben, es einer knienden Menge zu verkünden. Hoch würde mein Ansehen in der Kirche steigen, als das eines allerneuesten Testaments. Ich wäre ein noch unveröffentlichtes Zeugnis der Passion. Ich würde mich in den Sanctus Theodoricus Evangelista verwandeln!

Und so schrie ich mit verzweifeltem Verlangen, das die bedächtigen Morgenländer erschreckte: »Wo kann ich ihn sehen? Wo ist er, Jesus von Nazareth, mein Herr?«

In diesem Augenblick kam ein Sklave auf den Spitzen seiner Sandalen herbeigeeilt und fiel vor Gamaliel auf den Steinfliesen nieder, küßte den Saum seines Gewandes; seine mageren Rippen wogten, schließlich flüsterte er atemlos: »Herr, der Rabbi ist im Prätorium!«

Mit dem Sprung eines wilden Tieres fuhr Gad aus seinem Gebet empor, zog den geknoteten Strick fest um die Lenden und lief hastig fort; die heruntergeglittene Kapuze flatterte um die blonden Strähnen seines zerrauften Haares. Topsius hatte seinen weißen Mantel in die Falten einer lateinischen Toga gelegt, die ihm die Feierlichkeit einer Marmorstatue gaben; und nachdem er noch einen Vergleich gezogen hatte zwischen der Gastfreundschaft Gamaliels und der Abrahams, rief er mir triumphierend zu: »Zum Prätorium!«

 

Lange Zeit folgte ich Topsius in atemlosem Marsch durch das alte Jerusalem, verloren im Aufruhr meiner Gedanken. Wir gingen an einem Rosengarten aus der Zeit der Propheten vorbei, dessen herrliche Stille zwei Leviten mit vergoldeten Lanzen bewachten. Dann kamen wir in eine kühle Straße, die der Duft von den Läden der Parfümverkäufer durchzog; die Aushängeschilder hatten die Form von Blumen und von Mörsern; ein Sonnenzelt aus feinen Matten beschattete die Türen; der Boden war mit Wasser besprengt und mit Gras und Anemonenblättern bestreut; und im Schatten faulenzten träge junge Burschen mit Lockenfrisuren und gemalten Augenbrauen; kaum konnten sie mit den von Ringen schweren Händen die Seidenschleppen ihrer kirschfarbenen oder goldfarbenen Tuniken heben. Hinter dieser trägen Gasse öffnete sich ein Platz, auf den heiß die Sonne schien und der mit grobem weißem Sand bedeckt war, in den die Füße einsanken; einsam wölbte in der Mitte eine uralte Palme ihre Blätterkrone, die unbeweglich war, wie aus Erz, und im Hintergrund schimmerten tiefschwarz im Licht die Granitsäulen an des Herodes altem Palast. Hier war das Prätorium.

An dem Torbogen, vor dem zwei syrische Legionäre mit schwarzen Federbüschen am glänzenden Helm auf und ab schritten, bot eine Schar von Mädchen, jede mit einer Rose hinter dem Ohr und mit einem geflochtenen Körbchen auf dem Schoß, ungesäuerte Brote feil. Unter einem riesigen Sonnenschirm aus Federn wechselten Männer mit spitzen Filzmützen, Waagen und Zählbretter auf den Knien, römische Münzen um. Wasserverkäufer mit zottigen Schläuchen stießen tremolierende Rufe aus. Wir traten ein: und nun befiel mich die Angst.

Offen unter dem Himmelsblau lag da ein heller, mit Marmorfliesen gepflasterter Hof; auf jeder Seite begrenzte ihn ein Säulengang, zur Terrasse erhöht und mit einer Balustrade versehen, kühl und widerhallend wie der Kreuzgang eines Klosters. Von der Arkade im Hintergrund, über der die nüchterne Vorderseite des Palastgebäudes emporragte, war ein Sonnendach aus Scharlachtuch mit Goldfransen ausgespannt; es warf einen harten quadratischen Schatten; zwei Masten aus Sykomorenholz, die in eine Lotosblume ausliefen, stützten es.

Eine Menschenmenge hatte sich hier versammelt – man sah die blaugeränderten Tuniken der Pharisäer neben den rauhen, mit einem Ledergurt befestigten Wollgewändern der Arbeiter, den weiten, grau und weiß gestreiften Burnussen der Leute von Galiläa, den karmesinroten, mit großen Kapuzen versehenen Mänteln der Kaufleute von Tiberias; einige Frauen, die schon außerhalb des schützenden Sonnendaches standen, erhoben sich auf die Spitzen der gelben Pantoffel, legten zum Schutz gegen die Sonne einen Zipfel des leichten Umhangs über ihr Gesicht. Von dieser Menge ging ein dumpfer Geruch nach Schweiß und Myrrhen aus. Über den hohen weißen Turbanen funkelten Lanzenspitzen. Und im Hintergrunde, auf einem Thron, stützte ein Mann, ein Würdenträger, in die edlen Falten einer Toga praetexta gehüllt, den dichten ergrauenden Bart auf die starke Faust; seine tiefliegenden Augen schienen in ihren Höhlen zu schlummern; ein Scharlachband umschloß seine Haare; und hinter ihm, auf einem Piedestal, das die Lehne seines kurulischen Sessels bildete, riß die Bronzefigur der Römischen Wölfin den Rachen auf. Ich fragte Topsius, wer der melancholische Würdenträger sei.

»Ein gewisser Pontius, genannt Pilatus, früher Präfekt in Batavien.«

Langsam schritt ich durch den Hof, suchte wie in einem Gotteshaus den Schall meiner Sohlen respektvoll zu dämpfen. Ein lastendes Schweigen senkte sich vom brennenden Himmel herab; nur manchmal drang von den Gärten scharf und traurig der Schrei der Pfauen herüber. Auf dem Boden hingestreckt schliefen an der Balustrade des Säulenganges Neger und sonnten ihre Bäuche. Eine Alte hockte vor ihrem Obstkorb und zählte Kupfermünzen. Auf einem an eine Säule gelehnten Baugerüst besserten Werkleute das Ziegeldach aus, und in einem Winkel spielten Kinder mit eisernen Würfeln, die auf dem Pflaster klirrten.

Auf einmal berührte ein Bekannter den Geschichtsschreiber der Herodiaden an der Schulter. Es war der schöne Manasse; und bei ihm war ein prachtvoller Greis von hohepriesterlichem Adel. Topsius küßte in kindlicher Ehrfurcht den Ärmel seines weißen, mit grünem Weinlaub bestickten Oberkleides. Sein schneeweißer Bart, von Öl glänzend, fiel bis zu der Schärpe herab, die ihn umgürtete; und die breiten Schultern verschwanden unter der wallenden Flut der Silberhaare, die aus dem weißen Turban hervorquollen, wie ein reiner Mantelkragen aus königlichem Hermelin. Eine seiner beringten Hände stützte sich auf einen starken Stab aus Elfenbein, und die andere führte ein blasses kleines Mädchen, das Augen hatte schöner als die Sterne und neben dem Greis aussah wie eine Lilie im Schatten einer Zeder.

»Geht auf die Galerie«, sagte uns Manasse. »Dort findet ihr Ruhe und Schatten.«

Wir folgten dem Patrioten; und ich fragte vorsichtig meinen Topsius, wer denn der majestätische alte Mann sei.

»Rabbi Robam«, flüsterte ehrfürchtig mein gelehrter Freund. »Eine Leuchte des Synedriums, beredt und klug vor allen anderen, und ein Vertrauter des Kaiphas ...«

Achtungsvoll grüßte ich dreimal den Rabbi Robam ... er hatte sich, in Gedanken versunken, auf eine Marmorbank gesetzt, und auf seiner breiten Greisenbrust lag das Haupt des Kindes, blonder als der Mais von Joppe. Dann schritten wir langsam weiter durch die lichte, hallende Galerie; an ihrem Ende strahlte eine prunkende Zederntür mit getriebenen Silberbeschlägen; ein Prätorianer von Cäsarea bewachte sie, schläfrig an seinen hohen Schild aus Weidengeflecht gelehnt. Hier trat ich bewegt an die Brüstung; und da erblickten meine sterblichen Augen dort unten – die verkörperte Erscheinung meines Gottes.

Aber, o seltsame Überraschung der veränderlichen Seele, ich verspürte weder Ekstase noch Schrecken. Es war, als wären lange, mühereiche Jahrhunderte der Geschichte und der Religion aus meinem Gedächtnis entflohen. Ich dachte nicht mehr daran, daß dieser magere, bräunliche Mann der Erlöser der Menschheit war ... Ich fand mich unerklärlicherweise in eine ferne Zeit zurückversetzt. Ich war nicht mehr Theodorico Raposo, Christ und Doctor juris; meine Individualität war, während ich angstvoll den Weg vom Hause des Gamaliel zum Prätorium zurücklegte, wie ein Mantel von mir abgefallen. Die antike Welt, die mich umgab, hatte mich durchdrungen, hatte mir ein neues Sein geschenkt: auch ich war antik. Ich war Theodoricus, ein Lusitaner, der in einer Galeere vom umtosten Strande des Großen Vorgebirges hierhergekommen war und zur Zeit des Tiberius in den von Rom beherrschten Ländern reiste. Und dieser Mann da unten war weder Jesus noch Christus, noch der Messias, sondern eben nur ein junger Mensch aus Galiläa, der einen großen Traum träumt und von seinem grünen Dorf herabsteigt, um eine ganze Welt umzugestalten und einen ganzen Himmel zu erneuern, und dem dann an einer Straßenecke ein Nethenim des Tempels begegnet, der ihn fesselt und an einem Gerichtstag zum Prätor schleppt, zwischen einem Dieb, der auf der Sichemer Straße geraubt, und einem anderen, der in einer Rauferei zu Emath Messerstiche ausgeteilt hat.

In einem mit Mosaik ausgelegten Viereck gegenüber dem Podium, auf dem sich unter der Römischen Wölfin der kurulische Stuhl des Prätors erhob, stand Jesus; seine gekreuzten Hände waren nachlässig mit einem Strick gefesselt der ins Fleisch schnitt. Ein weiter Burnus aus grober Wolle, dunkelgrau gestreift und mit hellblauen Fransen am Rande, umhüllte ihn bis zu den Füßen; sie steckten in Sandalen, die schon auf den Wüstenpfaden zerrissen und mit Riemen befestigt waren. Das Haupt zerfleischte ihm nicht jene unmenschliche Dornenkrone, von der ich im Evangelium gelesen hatte; sondern er trug einen weißen Turban, der aus einer langen gerollten Leinenbinde bestand, deren Enden ihm über die Schultern herabhingen; eine Schnur befestigte den Turban unter dem gekräuselten, spitzen Bart. Die Haare reichten bis über die Ohren und fielen in Ringeln seitlich herab; und in dem mageren, sonnenverbrannten Antlitz leuchteten unter dichten, zusammengewachsenen Augenbrauen seine schwarzen Augen mit unendlichem, durchdringendem Glanz. Er rührte sich nicht, stand stark und heiter vor dem Prätor. Höchstens ein leichtes Zittern der gefesselten Hände verriet den Aufruhr seines Herzens; und manchmal atmete er tief, als ob seine an die freien, reinen Lüfte der Berge und Seen von Galiläa gewöhnte Lunge zwischen all diesem Marmor, unter dem lastenden römischen Sonnenzelt, in der formalistischen Enge des Gesetzes ersticke.

Auf der einen Seite entrollte und verlas – seinen Mantel und seinen vergoldeten Amtsstab hatte er auf den Boden gelegt – Sarêas, der Anwalt des Synedriums, eine dunkelgetönte Pergamentrolle in einem geflüsterten schläfrigen Singsang. Auf einem Schemel sitzend, erfrischte; der römische Assessor, ermattet von der schon argen Hitze des Nisan, mit einem Wedel von trockenen Efeublättern sein rasiertes, gipsbleiches Gesicht; ein alter, fetter Schreiber spitzte an einem mit Protokollen und bleiernen Linealen bedeckten Steintisch seine Stifte; und zwischen den beiden lächelte der Dolmetsch, ein bartloser Phönizier, die Nase in der Luft, die Hände im Gürtel, und wölbte die Brust vor; auf seiner Leinenjacke war ein roter Papagei aufgemalt. Um das Sonnendach kreisten fortwährend Tauben. Und so sah ich Jesus von Galiläa gefangen vor Roms Prätor ...

Unterdessen hatte Sarêas das dunkle Pergament um den eisernen Stab gerollt, grüßte Pilatus, küßte ein Petschaft, um das Siegel der Wahrheit auf seinen Lippen anzudeuten, und begann sofort eine Ansprache auf griechisch, mit Bibelzitaten gespickt, wortreich und schmeichlerisch. Er sprach vom Tetrarchen von Galiläa, dem edlen Antipas, pries seine Umsicht, feierte seinen Vater Herodes den Großen, den Wiederhersteller des Tempels ... Der Ruhm des Herodes erfüllte die Erde; er war furchtbar gewesen, immer getreu den Cäsaren; sein Sohn Antipas war erfindungsreich und stark ... Aber so sehr der Redner des Tetrarchen Weisheit anerkannte – er war erstaunt, daß er sich geweigert hatte, den Spruch des Sanhedrins zu bestätigen, durch den Jesus zum Tode verurteilt wurde ... War dieser Spruch nicht in den Gesetzen begründet, die der Herr gegeben? Der gerechte Hannan hatte den Rabbi verhört, und der war verstummt, war in ein beleidigendes Stillschweigen verfallen. War das eine Art, dem weisen, dem reinen, dem frommen Hannan zu antworten? Aus diesem Grunde hatte ein Eifriger sich nicht beherrscht und mit heftiger Hand den Rabbi ins Gesicht geschlagen ... Wo blieb der Respekt alter Zeiten und die Ehrfurcht vor dem Hohenpriesteramt?

Seine hohle, klingende Stimme verrollte. Ermüdet begann ich zu gähnen. Unter uns aßen zwei Männer, auf dem Pflaster hockend, Datteln von Bethabara, die sie in ihrem Mantel mitgebracht hatten, und tranken aus einer Kürbisflasche. Pilatus, mit der Faust unter dem Bart, besah sich schläfrig seine scharlachroten, mit goldenen Sternen besäten Halbstiefel.

Und Sarêas berief sich nun auf die Rechte des Tempels. Er war der Stolz der Nation, die auserlesene Wohnung des Herrn! Cäsar Augustus hatte ihm goldene Schilde und Gefäße als Opfergaben gespendet ... Und diesen Tempel, wie hatte der Rabbi ihn respektiert? Indem er gedroht hatte, ihn zu zerstören: »Ich werde den Tempel Jehovas vernichten und ihn in drei Tagen wieder aufbauen!« Gottesfürchtige Zeugen, die diese rohe Lästerung mit angehört, hatten das Haupt mit Asche bestreut, um den Zorn des Herrn abzuwenden ... Aber die im Heiligtum ausgesprochene Blasphemie stieg bis zum Schoße Gottes empor!

Unter dem Sonnendach murrten die Pharisäer, die Schriftgelehrten, die Nethenim des Tempels, schmutzige Sklaven; es klang, wie wenn ein Sturm das Strauchwerk auf dem Felde zu schütteln beginnt. Und Jesus blieb unbewegt, entrückt, gleichgültig, mit geschlossenen Augen, als könne er so seinen schönen lebenslangen Traum besser vor den harten und eitlen Dingen bewahren, die ihn zu beflecken drohten. Nun stand der römische Assessor auf, legte seinen Blätterwedel auf den Schemel, ordnete kunstvoll seinen blau umsäumten forensischen Mantel, grüßte dreimal den Prätor, und seine zarte Hand begann in der Luft Wellenlinien zu beschreiben, daß an ihr ein Edelstein Funken sprühte.

»Was sagt er?«

»Unendlich geschickte Dinge«, flüsterte Topsius. »Er ist ein Pedant, aber er hat recht. Er sagt, daß der Prätor kein Jude ist; daß er nichts von Jehova weiß und daß ihn die Propheten nichts angehen, die gegen Jehova aufstehen, und daß Cäsars Schwert keine Götter rächt, die Cäsar nicht beschützen! ... Der Römer ist gescheit!«

Mitgenommen von der Hitze, sank der Assessor auf den Schemel zurück. Und wieder ergriff Sarêas das Wort. Während er redete, schwang er seine Arme gegen die Menge der Pharisäer, wie um sie zum Protest aufzurufen und zu ihrer Kraft Zuflucht zu nehmen. Nun klagte er, stärker losdonnernd, Jesus nicht mehr wegen seines Aufruhrs gegen Jehova und den Tempel an, sondern wegen seiner Ansprüche als Prinz aus dem Hause Davids. Das ganze Volk von Jerusalem hatte ihn vor drei Tagen in einem lügnerischen Triumphzug durch das Goldene Tor einziehen sehen, zwischen grünen Palmenzweigen, umringt von einem Haufen von Galiläern, die schrien: »Hosianna dem Sohne Davids, Hosianna dem König von Israel!«

»Er ist der Sohn Davids, er kommt, um uns besser zu machen!« schrie von weitem die Stimme Gads, voll von Glauben und Liebe.

Aber auf einmal legte Sarêas, stumm und starrer als eine Lanzenspitze, die befransten Ärmel eng an seinen Leib; der römische Schreiber stand mit den Fäusten auf den Tisch gestützt da und neigte ehrfurchtsvoll den fetten Nacken; der Assessor lächelte aufmerksam. Der Prätor wollte den Rabbi verhören: und erbebend sah ich, wie ein Legionär Jesus anpackte, der nun das Antlitz erhob.

Leicht gegen den Rabbi geneigt, mit geöffneten Händen, die gleichsam alles Interesse an diesem rituellen Hader spitzfindiger Sektierer losließen, zu Boden fallen ließen, sagte Pontius leise, angewidert und unsicher: »Bist du der Juden König? ... Deine Volksgenossen bringen dich! Was hast du getan? Wo ist dein Königreich?«

Neben dem marmornen Hochsitz wiederholte der Dolmetsch selbstgefällig und sehr laut diese Worte in der alten hebräischen Sprache der heiligen Bücher; und da der Rabbi weiter schwieg, schrie er sie in dem chaldäischen Dialekt, der in Galiläa gebräuchlich ist.

Jetzt tat Jesus einen Schritt vor. Und ich vernahm seine Stimme. Sie war klar, sicher und frohgemut, die Stimme eines Herrschers.

»Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Wäre ich durch meines Vaters Willen König von Israel, nicht stünde ich vor dir mit diesem Strick um die Hände. Aber mein Reich ist nicht von dieser Welt!«

Ein wilder Schrei stieg betäubend empor: »So schaffe ihn denn aus dieser Welt!«

Und nun, wie wenn ein Funke vorbereitetes Holz in Brand setzt, brach der Zorn der Pharisäer und der Tempeldiener los, entlud sich lärmend in ungeduldigen Ausrufen: »Kreuziget ihn! Kreuziget ihn!«

Feierlich übersetzte der Dolmetscher dem Prätor das aufrührerische Geschrei, das da in der syrischen Mundart des Volkes von Judäa erscholl, ins Griechische. Pontius stampfte mit dem Schuh auf den Marmor. Die beiden Liktoren erhoben die Stäbe, die in eine Adlerfigur ausliefen; der Schreiber rief den Namen des Cajus Tiberius; und da senkten sich die wütenden Arme. Es war wie ein Erschrecken vor der Majestät des römischen Volkes.

Von neuem sprach Pontius, langsam und unbestimmt: »Also du sagst, daß du ein König bist ... Und zu welchem Zweck kamst du her?«

Jesus tat noch einen Schritt auf den Prätor zu. Seine Sandale trat kraftvoll auf die Fliesen, als wollte er von der Erde obersten Besitz ergreifen. Und was nun seinen bebenden Lippen entfloß, das schien mir zu leuchten, wie der Glanz, der aus seinen schwarzen Augen sprühte.

»Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, daß ich für die Wahrheit zeugen soll. Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme!«

Pilatus betrachtete ihn nachdenklich einen Augenblick, dann zuckte er die Achseln: »Aber, o Mensch, was ist Wahrheit?«

Jesus von Nazareth verstummte – und im Prätorium verbreitete sich eine Stille, als hätten alle Herzen aufgehört zu schlagen, erfüllt von plötzlicher Ungewißheit ...

Und nun, langsam seine weite Toga raffend, schritt Pilatus die vier bronzenen Stufen hinab; vor ihm schritten die Liktoren, hinter ihm der Assessor. Unter dem Waffenlärm der Legionäre, die salutierten, indem sie das Eisen der Lanzen gegen die Bronze der Schilde stießen, trat er in den Palast ein.

Unmittelbar darauf erhob sich im ganzen Hof ein scharfes, heißes Summen wie von gereizten Bienen ... Sarêas hielt lange Reden, fuchtelte mit seinem Amtsstab unter den Pharisäern herum, die entsetzt die Hände ausstreckten. Andere, die weiter abseits standen, murrten unheilverheißend. Ein großer Alter in einem schwarzen, flatternden Mantel lief in rasender Angst im Prätorium herum, eilte von den Schläfern im Schatten zu den Verkäufern der ungesäuerten Brote und rief: »Israel ist verloren!« Und ich sah fanatische Leviten, die sich die Borten vom Gewand rissen wie zu einer Zeit öffentlichen Unheils.

Gad tauchte vor uns auf, erhob triumphierend die Arme: »Der Prätor ist gerecht und läßt den Rabbi frei!«

Und mit glanzerfülltem Antlitz enthüllte er uns seine Hoffnung. Freigesprochen, würde der Rabbi dieses Jerusalem verlassen, wo die Steine minder hart waren als die Herzen. Seine bewaffneten Freunde erwarteten ihn in Bethanien; und beim Aufgang des Mondes würden sie nach der Oase Engeddi aufbrechen. Dort waren die, die ihn liebten. War Jesus nicht der Bruder der Essener? Wie sie predigte Jesus die Verachtung der irdischen Güter, die Milde gegen alle Armen und die unvergleichliche Herrlichkeit des Gottesreiches ...

Ich Leichtgläubiger freute mich – da erhob sich ein Tumult auf der Galerie, die ein Sklave soeben mit Wasser besprengt hatte: der schwarze Haufe der Pharisäer war auf dem Marsch zu der Steinbank, wo Rabbi Robam mit Manasse plauderte und dabei sanft mit den Fingern in den Haaren des Kindes spielte, die blonder waren als die reife Hirse. Topsius und ich liefen auf die Schar der Eiferer zu. Schon sagte Sareas, sich verneigend, aber mit der Festigkeit eines Mannes, der befiehlt: »Rabbi Robam, es ist nötig, daß du mit dem Prätor sprichst und unser Gesetz rettest!«

Und nun ging von allen Seiten ein angstvolles Bitten los: »Rabbi, sprich mit dem Prätor! Rabbi, rette Israel!«

Langsam erhob sich der Greis, majestätisch wie ein großer Moses. Vor ihm neigte ein bleicher Levite die Knie und hauchte erbebend: »Rabbi, du bist gerecht, weise, vollkommen und stark vor dem Herrn!«

Rabbi Robam hob beide Handflächen gen Himmel; und alle neigten sich, als ob der Geist Jehovas, der stummen Anrufung gehorsam, herabgestiegen wäre, um dieses gerechte Herz zu erfüllen. Dann, mit der Hand des Kindes in der seinen, ging er schweigend auf den Palast zu; mitten in der Menge hörte man das Geräusch seiner losen Sandalen auf den Marmorfliesen.

Wir blieben in großer Verwirrung vor der Tür aus Zedernholz stehen – denn hier hatte der Prätorianer die Lanze vorgehalten, nachdem er mit dem silbernen Klopfer an die Tür geschlagen hatte. Die schweren Türangeln kreischten; ein Tribun des Palastes kam eilends herbei, mit einem langen Rebstock in der Hand. Innen erblickte man einen kühlen, schlecht beleuchteten, strengen Saal mit viel dunklem Stuck an den Wänden. In der Mitte erhob sich fahl eine Statue des Augustus, der Sockel war bedeckt mit Lorbeerkränzen und Votivzweigen; zwei große Kandelaber aus vergoldeter Bronze schimmerten zu beiden Seiten im Dunkel.

Keiner von den Juden trat ein – denn am Ostertag heidnischen Boden zu betreten, war ein unreines Tun vor dem Herrn. Sarêas meldete hochfahrend dem Tribun, daß »einige Vertreter der israelitischen Nation am Tore des Palastes ihrer Väter den Prätor erwarteten«. Dann herrschte angstvolles Schweigen.

Aber zwei Liktoren traten vor; und nun erschien hinter ihnen, weit ausschreitend und die lose Toga über der Brust zusammenraffend, Pilatus ...

Alle Turbane neigten sich, grüßten den Prokurator von Judäa. Er blieb bei der Statue des Augustus stehen. Und die edle Geste der Marmorfigur gleichsam wiederholend, streckte er die Hand aus, die eine Pergamentrolle hielt, und sagte: »Friede sei mit euch und mit euren Worten. – Redet!«

Sarêas, der Anwalt des Synedriums, trat vor und erklärte, daß ihre Herzen in Wahrheit voll des Friedens seien ... Aber da der Prätor das Prätorium verlassen habe, ohne den Urteilsspruch des Sanhedrins zu bestätigen oder aufzuheben, der Jesus-ben-Josef verdammte, seien sie wie der Mann, der die Traube am Weinstock hängen sieht, ohne daß sie verdorrt oder reift!

Pontius schien mir von Gerechtigkeit und Milde erfüllt. »Ich habe euren Gefangenen verhört«, sagte er, »und ich fand keine Schuld an ihm, die der Prokurator von Judäa zu bestrafen hätte ... Antipas Herodes, er, der bedachtsam und stark ist, der sich eures Gesetzes befleißigt und in eurem Tempel betet, hat ihn gleichfalls verhört und keinerlei Schuld an ihm gefunden ... Dieser Mensch sagt höchstens unzusammenhängende Dinge wie einer, der im Schlafe spricht ... Aber seine Hände sind rein von Blut; auch hörte ich nicht, daß er über seines Nachbarn Mauer gestiegen ist ... Cäsar ist kein unerbittlicher Herr ... Dieser Mensch ist höchstens ein Träumer.«

Unterdessen waren alle mit einem bösen Geflüster zurückgewichen und hatten Rabbi Robam auf der Schwelle des römischen Saales allein gelassen. Der Schein eines Edelsteins zitterte auf der Spitze seiner Tiara; seine weißen Haare, die auf die breiten Schultern herabfielen, krönten ihn mit Majestät wie einen Berg der Schnee; die hellblauen Fransen seines geöffneten Mantels schleiften um ihn auf den Fliesen. Langsam, voll Heiterkeit, als lege er vor seinen Schülern das Gesetz aus, erhob er die Hand und sagte: »Beamter Cäsars, Pontius, sehr Gerechter und sehr Weiser! Der Mann, den du Träumer nennst, verletzt seit Jahren alle unsere Gesetze und lästert unseren Gott. Aber wann haben wir ihn verhaftet, wann haben wir ihn hergeschleppt? Erst als wir ihn im Triumph durch das Goldene Tor einziehen sahen, ihn zum König von Judäa ausrufen hörten. Denn Judäa hat keinen anderen König als Tiberius: und sobald ein Aufrührer sich gegen Cäsar empört, beeilen wir uns, ihn zu züchtigen. So handeln wir, die wir weder einen Auftrag von Cäsar haben noch aus seinem Ärar Bezüge genießen; und du, ein Beamter Cäsars, wünschest nicht, daß der Rebell gegen deinen Herrn gezüchtigt werde?«

Das breite Gesicht des Pontius, das eine große Schläfrigkeit weicher machte, flammte auf, das Blut schoß ihm in die Wangen. Diese Winkelzüge der Juden, die Rom verabscheuten und nun einen überlauten Eifer für Cäsar zur Schau stellten, um im Namen seiner Autorität einen priesterlichen Haß stillen zu können, empörte seine Rechtlichkeit, und die gewagte Ermahnung war seinem Stolz unerträglich. Streng rief er mit einer herrischen Geste: »Haltet ein! Die Prokuratoren Cäsars kommen nicht in eine asiatische Barbarenkolonie, um ihre Pflicht gegen Cäsar zu lernen!«

Manasse neben mir war schon ungeduldig; er zerrte an seinem Bart, trat entrüstet näher. Ich zitterte. Aber der stolze Rabbi sprach weiter, gleichgültiger gegen den Zorn des Pontius als gegen das Blöken eines Lammes, das zum Altar geschleppt wird: »Was würde der Prokurator Cäsars zu Alexandria tun, wenn ein Träumer von Bubastes herunterkäme und sich zum König von Ägypten ausrufen liehe? Das, was du in diesem asiatischen Barbarenlande nicht tun willst! Dein Herr gibt dir einen Weinberg zum Bewachen, und du erlaubst, daß man ihn betritt und auf ihm erntet? Wozu bist du dann in Judäa, wozu liegt die sechste Legion im Antoniusturm? Aber unser Geist ist hell, und hell ist unsere Stimme und laut genug, Pontius, um Cäsars Ohr zu erreichen ...«

Pontius tat langsam einen Schritt auf die Tür zu, die funkelnden Augen auf diese Juden gerichtet, die ihn so schlau in das feine Gewebe ihres Religionshasses einspannen. »Ich fürchte eure Intrigen nicht!« sagte er gedämpft. »Älius Lamma ist mein Freund! Und Cäsar kennt mich gut!«

»Du siehst, was nicht in unseren Herzen ist«, sagte Rabbi Robam seelenruhig, als plaudere er im Schatten seines Gartens. »Aber wir sehen gut, was in dem deinen ist, Pontius! Was liegt dir an dem Leben oder dem Tode eines Landstreichers aus Galiläa? ... Wenn du, wie du sagst, keine Lust hast, Götter zu rächen, deren Gottheit du nicht achtest, wie kannst du einen Propheten zu retten wünschen, an dessen Prophezeiungen du nicht glaubst? Anderen Grund hat deine Bosheit, Römer! Du wünschest Israels Untergang!«

Ein Beben des Zorns, der frommen Leidenschaft wogte durch die Pharisäer; einige tasteten am Brustteil ihres Gewandes herum, als suchten sie nach einer Waffe. Und Rabbi Robam fuhr fort, beschuldigte den Prätor mit unerschütterlicher Ruhe: »Du willst den Mann straflos ausgehen lassen, der den Aufstand predigte, der sich als den König einer Provinz Cäsars bezeichnete, weil du durch seine Straffreiheit anderen, stärkeren Ehrgeiz aufreizen, einen neuen Juda von Gamala dazu bringen willst, die Garnisonen von Samaria anzugreifen! So bereitest du einen Vorwand vor, um auf uns das Schwert des Kaisers niedersausen zu lassen und das nationale Leben Judäas gänzlich auszurotten. Du wünschest einen Aufruhr, um ihn im Blut zu ersticken und dann vor Cäsar als siegreicher Soldat dazustehen, als weiser Administrator, würdig eines Prokonsulats oder einer Statthalterschaft in Italien! Und das nennst du römische Treue? Ich war nie in Rom, aber ich weiß, daß man dies die punische Treue nennt ... Aber halte uns nicht für so einfältig wie die Hirten von Idumäa! Wir leben im Frieden mit Cäsar und erfüllen unsere Pflicht, indem wir den Menschen verurteilen, der sich empört hat ... Du willst nicht die deinige erfüllen und dieses Urteil bestätigen? Gut! Wir werden Sendboten nach Rom schicken, auf daß sie von unserem Urteil und deiner Weigerung berichten, und nachdem uns Cäsar das Recht zur eigenen Entscheidung zugesichert hat, werden wir ihm zeigen, wie in Judäa der vorgeht, der das Gesetz des Reiches vertritt! Und nun, Prätor, kannst du zum Prätorium zurückkehren!«

»Und erinnere dich der Geschichte mit den Votivschilden!« rief Sarêas. »Vielleicht wirst du wieder erfahren, wem Cäsar recht gibt!«

Verstört hatte Pontius den Kopf geneigt. Gewiß schien es ihm, als sähe er schon auf einer besonnten Terrasse in Capri am Meere Sejanus, Cesonius, alle seine Feinde, wie sie dem Tiberius Dinge ins Ohr flüsterten und ihm die Sendboten des Tempels zeigten ... Der mißtrauische und ewig unruhige Cäsar würde sofort einen Pakt zwischen ihm und diesem »König der Juden« vermuten, dessen Ziel die Lostrennung einer reichen Provinz vom Reich war ... Und so konnte seine Gerechtigkeit und sein stolzes Verlangen, sie durchzusetzen, ihn um das Prokonsulat von Judäa bringen! Ehrgeiz und Gerechtigkeit waren jetzt in seiner müden Seele wie Wogen, die einen Augenblick hoch gehen, übereinanderstürzen. Er schritt bis zur Schwelle der Tür, langsam, mit geöffneten Armen, als verlange es ihn nach Versöhnung und weißer als seine Toga, begann er zu sprechen: »Seit sieben Jahren regiere ich Judäa. Habt ihr mich je ungerecht gefunden oder untreu den beschworenen Versprechungen? ... Fürwahr, eure Drohungen rühren mich nicht ... Cäsar kennt mich sehr gut ... Aber zwischen uns darf es im Interesse Cäsars keinen Zwist geben. Immer habe ich euch Zugeständnisse gemacht! Mehr als irgendein anderer Prokurator seit Coponius habe ich eure Gesetze geachtet ... Als die beiden Männer aus Samaria kamen und euren Tempel verunreinigten, habe ich sie nicht hinrichten lassen? Zwischen uns soll es keine Zwietracht geben und keine bitteren Worte ...«

Einen Augenblick zögerte er; dann rieb er sich langsam die Hände und schüttelte sie, als hätte sie ein unreines Wasser benetzt: »Ihr wollt das Leben dieses Träumers? Was liegt mir daran? Nehmt es! ... Euch genügt die Geißelung nicht? Ihr wollt das Kreuz? Kreuziget ihn! ... Aber nicht ich bin es, der dieses Blut vergießt!«

Der hagere Levite kreischte leidenschaftlich: »Nein, wir; und möge dieses Blut über unsere Häupter kommen!«

Da erschraken einige, denn sie glaubten daran, daß alle Worte eine übernatürliche Kraft besitzen und daß die gedachten Dinge lebendig werden.

Pontius hatte den Saal verlassen; mit einem militärischen Gruß schloß der Dekurio das Zederntor. Nun wandte sich Rabbi Robam um, vor Heiterkeit strahlend wie ein Gerechter; und zwischen den Pharisäern einherschreitend, die sich neigten, um die Fransen seines Gewandes zu küssen, flüsterte er mit ernster Milde: »Eher möge einer leiden, als daß ein ganzes Volk leide!«

Ich wischte die Schweißtropfen ab, mit denen die Erregung meinen Kopf überflutete, und sank zitternd auf eine Bank. Und durch meine Müdigkeit hindurch unterschied ich undeutlich im Prätorium zwei Legionäre mit gelöstem Schwertgurt, die aus einem großen Eisennapf tranken, den ein Neger aus einem über seiner Schulter hängenden Schlauch füllte; ferner ein schönes starkes Weib, das auf dem Boden saß und an ihren beiden nackten Brüsten Kinder hängen hatte; in einiger Entfernung sah ich einen in Felle gehüllten Hirten, der lachte und seinen mit Blut beschmierten Arm zeigte. Dann schloß ich die Augen; einen Augenblick dachte ich an die Kerze, die ich in meinem Zelt neben meinem Feldbett hatte brennen lassen; sah sie rot schwelen und rauchen; endlich streifte mich ein leichter Schlaf ... Als ich aufwachte, war der kurulische Sitz noch immer leer – davor lag unordentlich das Purpurkissen auf dem Marmorboden, beschmutzt von den Füßen des Prätors; und eine noch dichtere Menschenmenge erfüllte das alte Atrium des Herodes mit anhaltendem Jahrmarktslärm. Es waren rauhe Leute in kurzen groben Wollmänteln, staubbedeckt, als hätten sie auf dem Pflaster eines Platzes als Teppiche gedient. Einige trugen Waagen in der Hand, andere Käfige mit Turteltauben; und die schmutzigen, mageren Weiber, die ihnen folgten, schleuderten von weitem mit drohend erhobenen Armen Schmähungen gegen den Rabbi. Andere liefen unterdessen in ihren Sandalen auf Zehenspitzen herum, priesen leise wertlose oder kostbare Waren an, die sie zwischen den Falten der Mäntel an der Brust trugen – geröstete Haferkörner, Salbentöpfe, Korallen, Armbänder aus Filigran von Sidron. Ich befragte Topsius; und mein gelehrter Freund wischte sich die Brille und erklärte mir, das seien sicherlich die Händler, gegen die Jesus am Vorabend des Osterfestes einen Stock erhoben habe; außerdem habe er die strenge Handhabung des Gesetzes gefordert, das im Tempel außerhalb der salomonischen Säulenhallen jeden Handel untersagt.

»Wieder eine Unvorsichtigkeit des Rabbi, Dom Raposo!« sagte mit Ironie der kluge Historiker.

Unterdessen, da nach jüdischer Rechnung die sechste Stunde angebrochen war und alle Arbeit ruhte, kamen Arbeiter der benachbarten Färbereien herbei, bedeckt mit blauen oder roten Flecken; Synagogenschreiber mit ihren Registern unter dem Arm; Gärtner mit umgehängter Sichel, ein Myrtenzweiglein am Turban; Schneider, denen die lange Eisennadel vom Ohr herabbaumelte ... Phönizische Musikanten stimmten in einer Ecke die Harfen, lockten Seufzer aus irdenen Flöten hervor; und vor uns trieben sich zwei griechische Dirnen aus Tiberias herum, mit gelben Perücken; sie zeigten die Zungenspitzen und schwenkten den Saum ihrer Kleider, aus denen ein Majorangeruch aufstieg. Die Legionäre, mit erhobenen Lanzen, bildeten einen eisernen Kreis rings um Jesus; und ich konnte jetzt den Rabbi kaum hinter dieser summenden Menge unterscheiden, in der die rauhen Konsonanten Moabs und der Wüste hart mit der weichen, sonoren chaldäischen Zunge zusammenstießen ...

Unter der Galerie begann eine traurige Schelle zu klingeln. Es war ein Obstgärtner, der in einem geflochtenen Schilfkorb auf Weinblättern geplatzte Bethphage-Feigen feilbot. Durch die Aufregungen erschöpft, lehnte ich mich über die Brüstung und fragte ihn nach dem Preis dieser Wonne der Obstgärten, die die Evangelien so sehr loben. Und der Kerl breitete lachend die Arme aus, als hätte er den Ersehnten seines Herzens gefunden: »Zwischen mir und dir, o Geschöpf des Überflusses, der du über das Meer gekommen bist, was bedeuten diese wenigen Feigen? Jehova gebietet, daß Brüder Geschenke und Segenswünsche tauschen mögen! Diese Früchte habe ich eine nach der anderen im Garten gepflückt, zu der Stunde, da auf dem Hebron der Tag erwacht; sie sind saft- und trostreich; auf die Tafel Hannans könnten sie gestellt werden! ... Aber was sollen diese Worte zwischen dir und mir, wenn doch unsere Herzen einander verstehen! Nimm diese Feigen, die besten von ganz Syrien, und möge der Herr dich segnen und jene, die dich gebar!«

Ich wußte, daß dieses Angebot seit der Zeit der Patriarchen bei Kauf und Verkauf eine althergebrachte Höflichkeitsformel war. Auch ich erfüllte das Zeremoniell; ich erklärte, daß Jehova, der sehr Gewaltige, mir befohlen habe, mit dem gemünzten Geld der Fürsten die Früchte der Erde zu bezahlen. Nun senkte der Gärtner das Haupt, fügte sich dem göttlichen Gebot, stellte den Korb aufs Pflaster und nahm eine Feige in jede seiner schwarzen, erdigen Hände.

»Wahrlich«, rief er aus, »Jehova ist sehr gewaltig! Wenn er es befiehlt, muß ich für diese Früchte seiner Güte einen Preis verlangen. Daher ist es gerecht, o Mann des Überflusses, daß du für diese beiden, die mir so duftend und frisch die Handflächen erfüllen, einen guten Traphik gibst!«

O du großer Gott! Der redegewandte Hebräer verlangte für jede Feige ein Hundertreisstück, umgerechnet in die königliche Währung meines Vaterlandes! Ich brüllte ihn an: »Fort, Gauner!« Dann, genäschig und angelockt, bot ich ihm eine Drachme für alle Feigen, die im Inneren eines Turbans Platz hätten. Der Kerl hob die Hände zum Oberteil seiner Tunika, um sie in unendlicher Verzweiflung zu zerreißen, und fing an, Jehova, Elia, alle Propheten, seine Schutzpatrone anzurufen – da hatte der weise Topsius genug. Er mischte sich barsch ein, hielt ihm eine winzige eiserne Münze vor die Nase, die als Prägung eine aufgeblühte Lilie aufwies: »Wahrlich, Jehova ist groß! Und du bist geräuschvoll und leer wie ein Schlauch voll von Wind! Jetzt gebe ich dir für alle Feigen in dem Korb diese Meah. Und wenn du keine Lust hast, kenne ich den Weg zu den Gärten so gut wie den Weg zum Tempel und weiß, wo die süßen Wasser von Enrogel die besten Obstbäume netzen ... Geh!«

Der Mann trat zappelnd vor Angst an die marmorne Brüstung und füllte die Feigen in den Zipfel des Burnus, den ich ihm verdrossen und würdevoll hinreichte. Dann fletschte er die weißen Zähne und sagte mit dröhnender Stimme, daß wir wohltätiger wären als der Tau vom Karmel!

Wohlschmeckend und rar erschien mir dieser Imbiß von Bethphage-Feigen vor dem Palast des Herodes. Aber kaum hatten wir es uns mit den Früchten auf dem Schoß bequem gemacht, da erschien ein mageres Alterchen und heftete demütige, umflorte, klagende, todmüde Augen auf uns. Er tat mir leid, und ich wollte ihm eben Feigen und eine Silbermünze der Ptolemäer geben – da versenkte er die zittrige Hand in die Lumpen, die ihm kaum die behaarte Brust bedeckten, und reichte mir mit einem traurigen Lächeln einen glänzenden Stein. Es war eine eirunde Alabasterscheibe, in die ein Bild des Tempels eingraviert war. Und während Topsius sie wissenschaftlich untersuchte, zog der Alte aus der Brust andere Scheiben aus Marmor, Onyx und Jaspis mit Darstellungen der Bundeslade in der Wüste, den säuberlich eingravierten Namen der zwölf Stämme und wirren Reliefs, die die Schlachten der Makkabäer vorstellen sollten ... Dann blieb er mit gekreuzten Armen stehen; und in seinem armen, von Sorgen ausgehöhltem Gesicht schimmerte eine ungeheure Spannung, als ob er von uns allein Mitleid und Erleichterung erhoffe.

Topsius kam zu dem Schluß, daß er einer von jenen Guebern sein müsse, Feueranbetern und geschickten Künstlern, die barfüßig mit brennenden Fackeln bis nach Ägypten ziehen, um die Sphinx mit dem Blut eines schwarzen Hahnes zu bespritzen. Aber der Alte leugnete das ganz entsetzt, und trauervoll erzählte er flüsternd seine Geschichte. Er war ein Steinmetz aus Naim, der im Tempel und bei den Bauten gearbeitet hatte, die Antipas Herodes in Bezetha errichtete. Die Peitsche der Aufseher hatte ihm das Fleisch gestriemt, und dann hatten ihm die Schmerzen die Kraft genommen, wie der Frost den Apfelbaum verdorren läßt. Und nun, ohne Arbeit, mit der Sorge um die Kinder seiner Tochter belastet, suchte er in den Bergen seltene Steine und ritzte in sie heilige Namen und Bilder heiliger Stätten, um sie im Tempel an die Gläubigen zu verkaufen. Aber am Ostervorabend war ein zornerfüllter Rabbi aus Galiläa gekommen und hatte ihm sein Brot fortgenommen!

»Der dort!« stammelte er mit erstickter Stimme und drohte mit der Faust zu Jesus hinüber.

Ich protestierte ... Wie konnte Ungerechtigkeit und Leid von diesem Rabbi mit dem göttlichen Herzen gekommen sein, der der beste Freund der Armen war?

»Also du verkauftest im Tempel?« fragte der unfehlbare Geschichtsschreiber der Herodiaden.

»Ja«, seufzte der Alte, »an den Feiertagen habe ich das Brot für das ganze Jahr verdient. An diesen Tagen ging ich zum Tempel empor, brachte dem Herrn mein Gebet dar und breitete dann neben dem Suzator, vor der Königshalle, meine Matte aus und ordnete meine Steine, daß sie in der Sonne glänzten ... Gewiß, ich hatte kein Recht, mich dort niederzulassen, aber wie hätte ich dem Tempel die Miete für ein ellenlanges Pflasterviereck bezahlen können, um darauf die Arbeit meiner Hände feilzubieten? Alle, die im Schatten verkaufen, unter dem Säulendach, auf Tischen von Zedernholz, sind reiche Kaufleute und können die Lizenz erwerben; einige zahlen einen ganzen Goldschekel. Das konnte ich nicht, mit Kindern ohne Brot zu Hause ... Darum blieb ich in meinem Winkel, außerhalb der Säulenhalle, an der schlechtesten Stelle. Dort saß ich, tief geduckt, ganz still, ich beklagte mich nicht einmal, wenn rohe Menschen mich stießen oder mich mit Stöcken auf den Kopf schlugen. Und neben mir gab es andere, Arme wie ich: Eboim von Joppe, der ein Öl zur Förderung des Haarwuchses anbot, und Oseas von Ramah, der tönerne Flöten verkaufte ... Die Soldaten vom Antoniusturm gingen an uns vorbei, wenn sie ihre Runde machten, und wandten die Augen ab. Sogar Menahem, der zu Ostern fast immer die Wache hatte, sagte uns: ›Gut, gut, bleibt nur, aber ihr dürft nicht laut ausrufen.‹ Denn alle wußten, daß wir arm waren und daß wir daheim hungernde Kinder hatten ... Zu Ostern und zum Laubhüttenfest kommen aus fernem Lande Pilger nach Jerusalem, und jeder kaufte bei mir ein Bild des Tempels, um es in seinem Dorf zeigen zu können, oder einen von den Mondsteinen, die den Teufel verscheuchen ... Manchmal, wenn der Tag herum war, hatte ich dreißig Drachmen verdient; dann füllte ich mir den Mantel voll Linsen, ging fröhlich zu meiner Hütte hinunter und sang das Lob des Herrn! ...«

Ich war so gerührt, daß ich ganz vergessen hatte, meine Feigen zu essen. Und der Greis hielt mit seiner Klage nicht länger zurück: »Aber nun, vor einigen Tagen, erscheint dieser Rabbi aus Galiläa im Tempel, ganz voll von Worten des Zorns, hebt den Stock und stürzt sich auf uns, schreit, das sei das Haus seines Vaters und wir besudelten es ... Und er hat mir alle meine Steine zerstreut, ich habe sie nie wiedergesehen, und sie waren doch mein Brot! Die Ölgefäße des Eboim von Joppe zerbrach er auf dem Pflaster; der schrie nicht einmal in seinem Schrecken. Die Tempelwachen eilten herbei. Auch Menahem eilte herbei; er sagte sogar entrüstet zum Rabbi: ›Du bist sehr hart gegen die Armen. Welches Recht hast du dazu?‹ Und der Rabbi sprach von ›seinem Vater‹ und verlangte, man möge gegen uns das strenge Gesetz des Tempels anwenden. Da senkte Menahem das Haupt ... Und wir mußten unter dem Hohngeschrei der reichen Kaufleute fliehen; die hockten bequem auf ihren babylonischen Teppichen, hatten ihr Stück Pflaster gut bezahlt, klatschten dem Rabbi Beifall ... Ach, gegen sie konnte der Rabbi nichts einwenden; die waren reich und hatten gezahlt! ... Und jetzt stehe ich da! Meine Tochter, eine Witwe, ist krank, kann nicht arbeiten, sie kauert, mit ihren Lumpen zugedeckt, in einer Ecke; und die kleinen Kinderchen meiner Tochter haben Hunger, schauen mich an, sehen, wie traurig ich bin, und weinen nicht einmal. Und was habe ich denn getan? Immer war ich bescheiden; ich halte den Sabbat, gehe in die Synagoge von Naim, zu der ich gehöre, und die wenigen Krumen, die von meinem Brot übrigblieben, sammelte ich für jene, die auf Erden nicht einmal Brotkrumen haben ... Was tat ich Schlechtes, indem ich meine Steine verkaufte? Worin habe ich den Herrn beleidigt? Bevor ich die Matte ausbreitete, küßte ich immer das Pflaster des Tempels; jeder einzelne Stein war in geweihtem Wasser gereinigt ... In Wahrheit, Jehova ist groß und weise ... Aber ich wurde von dem Rabbi nur deshalb ausgestoßen, weil ich arm bin!«

Er verstummte, und seine mageren, mit magischen Linien tätowierten Hände zitterten, als sie die Tränen abwischten, die über sein Gesicht strömten.

In Verzweiflung schlug ich an meine Brust. Meine Betrübnis rührte daher, daß Jesus dieses Unglück nicht kannte, das seine barmherzigen Hände unabsichtlich erzeugt hatten, so wie der wohltätige Regen, während er die Saat erweckt, manchmal eine vereinzelte Blume knickt und tötet. Damit es aber nichts Unvollkommenes in seinem Leben gäbe und keine Beschwerde gegen ihn auf Erden zurückbleibe, zahlte ich Christi Schuld (so wie sein Vater die meinige vergeben möge!), indem ich dem Alten eine Anzahl von Münzen in den Schoß warf: Drachmen, griechische Chrysos des Philippos, römische Aurei des Augustus, sogar eine große Münze aus der Cyrenaika, die mir wert war, weil sie einen Kopf des Zeus Ammon aufwies, der mein Ebenbild schien. Topsius fügte zu diesem Schatz noch einen Kupferlepta, der in Judäa den Wert eines Hirsekorns besitzt.

Der alte Steinarbeiter aus Naim wurde bleich, er rang nach Atem; dann preßte er das Geld in einer Falte seines Mantels höchst sorgfältig gegen seine Brust und flüsterte, schüchtern und gläubig, indem er die noch tränennassen Augen zum Himmel wandte: »Vater, der du da oben wohnst, erinnere dich dieses Menschen, der mir das Brot langer Tage geschenkt hat!«

Und schluchzend verlor er sich in der Menge, die jetzt aus dem ganzen Vorhof lärmend zusammengeströmt war und sich um die hohen Tragpfeiler des Sonnendaches staute. Der Schreiber war erschienen, röter denn je und sich den Mund abwischend. Neben dem Rabbi und den Tempelwachen ragte die Gestalt des Sarêas auf, der sich auf seinen Amtsstab stützte. Dann erschienen unter dem Blitzen von Waffen die weißen Ruten der Liktoren; und von neuem stieg Pontius, bleich und gemessen, in seiner weiten Toga die Bronzestufen empor und nahm wieder den kurulischen Sitz ein.

Plötzlich herrschte Schweigen; es war so still, daß man die Hörner hören konnte, die auf dem fernen Mariannenturm geblasen wurden. Sarêas entrollte sein dunkelfarbenes Pergament, breitete es auf dem Steintisch zwischen den Protokollen aus; und ich sah die fetten, ungesunden Hände des Schreibers eine Rubrik liniieren, sah sie einen Stempel auf die roten Zeilen drücken, die Jesus von Galiläa, meinen Heiland, zum Tode verurteilten ... Dann bestätigte mit nachlässiger Würde Pontius Pilatus, leicht den nackten Arm hebend, im Namen Cäsars »das Urteil des Synedriums, das zu Jerusalem Recht spricht« ...

Sofort zog Sarêas einen Zipfel des Mantels über den Turban und begann zu beten, die offenen Hände zum Himmel hebend. Und die Pharisäer triumphierten; neben uns küßten zwei sehr alte Männer einander schweigend auf den weißen Bart; andere schwangen Stöcke in der Luft oder riefen ironisch den forensischen Beifallsruf der Römer: »Bene et belle! Non potest melius!«

Aber auf einmal wurde, auf einem Schemel stehend, der Dolmetscher sichtbar; auf seiner Brust prangte leuchtend ein Papagei. Die überraschte Menge wurde still. Und nach einer Beratung mit dem Schreiber lächelte der Phönizier und rief auf chaldäisch, indem er die mit Korallenreifen geschmückten Arme breitete: »Höret! An diesem eurem Osterfeste pflegt der Prätor von Jerusalem, seitdem Valerius Gratus das so beschlossen hat, mit Cäsars Erlaubnis einen Verbrecher zu begnadigen ... Der Prätor schlägt euch Gnade für diesen da vor ... Höret weiter! Ihr habt auch das Recht, unter den Verurteilten eure Wahl zu treffen ... Der Prätor hat in seiner Obhut in den Kerkern des Herodes einen anderen zum Tode Verurteilten ...«

Er zögerte – und sich von seinem Schemel hinabbeugend, befragte er aufs neue den Schreiber, der aufgeregt in den Pergamenten und Protokollen herumwühlte. Sarêas schüttelte den Mantelzipfel ab, der sein Gebet verborgen hatte, und blieb finsteren Auges neben dem Prätor stehen, die offenen Hände noch hoch erhoben. Aber der Dolmetscher hob sein glänzendes Gesicht und schrie: »Einer der Verurteilten ist Rabbi Jeschua, den ihr hier habt und der sich Davids Sohn nennt ... Ihn schlägt euch der Prätor vor. Der andere, ein verstockter Übeltäter, wurde verhaftet, weil er in einer Rauferei in der Nähe des Xistus einen Legionär hinterlistig getötet hat. Sein Name ist Bar-Abbas ... Wählet!«

Ein plötzlicher heiserer Schrei kam aus der Mitte der Pharisäer: »Bar-Abbas!«

Hier und dort erscholl im Atrium undeutlich der Name des Bar-Abbas. Und ein Sklave des Tempels im gelben Gewande drang bis zu den Stufen des Thronsitzes vor und begann, indem er sich wütend auf die Schenkel klopfte, vor dem Antlitz des Pontius zu brüllen: »Bar-Abbas! Höre es wohl! Bar-Abbas! Das Volk will nur den Bar-Abbas!«

Die Lanze eines Legionärs ließ ihn auf das Pflaster rollen. Aber schon rief die ganze Menge, leichter beweglich und leichter zu entzünden als das Stroh im Schober, nach Bar-Abbas; die einen in wütender Raserei, indem sie mit den Sandalen und den eisenbeschlagenen Stöcken auf den Boden klopften, wie um das Prätorium zu erschüttern; andere, die weiter ab auf dem Boden hockten, indem sie träge nur einen Finger erhoben. Die rachsüchtigen Händler aus dem Tempel schwangen die eisernen Waagen, klingelten mit Schellen und heulten Verwünschungen gegen den Rabbi. Und sogar die wie Götzenbilder rotbemalten Dirnen von Tiberias sandten zischende Schreie durch die Lüfte: »Bar-Abbas! Bar-Abbas!«

Wenige von den Anwesenden kannten Bar-Abbas; viele empfanden sicherlich keinen Haß gegen den Rabbi – aber sie vermehrten bereitwillig den Tumult, da sie in der Befreiung dieses Gefangenen eine Beleidigung des römischen Prätors sahen, der da so erhaben in der Toga auf seinem Gerichtsstuhl saß.

Pontius malte unterdessen ganz teilnahmslos Buchstaben auf ein großes Pergamentblatt, das auf seinen Knien lag. Und ringsum erschollen die wohldisziplinierten Schreie, rhythmisch, wie die Dreschflegel auf einer Tenne: »Bar-Abbas! Bar-Abbas! Bar-Abbas!«

Und nun wandte sich Jesus langsam dieser harten und aufsässigen Welt zu, die ihn verurteilte; und in seinen funkelnden, feuchtgewordenen Augen, in dem unsteten Beben seiner Lippen wurde in diesem Augenblick eine barmherzige Betrübnis über die dumpfe Unbewußtheit der Menschen sichtbar, die auf solche Weise den besten Freund in den Tod stießen. Mit den gefesselten Handgelenken wischte er einen Schweißtropfen ab; dann stand er vor dem Prätor so unbewegt und ruhig, als gehöre er nicht mehr der Erde an.

Der Schreiber schlug mit einem Eisenlineal auf den Steintisch und schrie dreimal den Namen Cäsars. Der wilde Tumult flaute ab. Pontius erhob sich, und würdevoll, ohne Ungeduld oder Zorn zu verraten, gab er mit einem Wink der Hand das endgültige Urteil bekannt: »Gehet und kreuziget ihn!« Dann stieg er von der Estrade herab; und die Menge klatschte wie rasend in die Hände.

Acht Soldaten der syrischen Kohorte tauchten auf, in Marschausrüstung, mit Segeltuchfutteralen über den Schilden, wohlverpackten Waffen und großen Feldflaschen mit dem Getränk »Posca«. Sarêas, der Anwalt der Sanhedrins, berührte Jesus an der Schulter und übergab ihn dem Dekurio; ein Soldat lockerte ihm die Fesseln, ein anderer entriß ihm den wollenen Burnus; und ich sah den holden Rabbi von Galiläa seinen ersten Schritt dem Tode entgegen tun.

In Hast, eine Zigarette drehend, verließen wir nun den Palast des Herodes durch einen schlüpfrigen und feuchten Durchgang mit vergitterten Luken, aus denen der traurige Gesang eingekerkerter Sklaven drang, und stiegen zu einem freien Platz empor, den die Mauern eines ganz mit Zypressen bepflanzten Gartens begrenzten. Zwei Dromedare hatten sich in den Staub niedergelegt und kauten neben einem Haufen gemähten Grases. Und der erhabene Geschichtsschreiber schlug schon den Weg zum Tempel ein, als wir unter den Ruinen eines efeubedeckten Steinbogens ein Volksgedränge rings um einen Essener erblickten, dessen Ärmel aus weißem Linnen die Luft schlugen wie die Flügel eines erregten Vogels.

Es war Gad, der da, heiser vor Entrüstung, einen langen mageren Kerl mit spärlichem rotem Bart und dicken goldenen Ohrringen anschrie, der zitternd vor ihm stand und stammelte: »Ich bin es nicht gewesen, ich bin es nicht gewesen –«

»Du bist es gewesen!« brüllte der Essener und stampfte mit der Sandale auf. »Ich kenne dich wohl. Deine Mutter ist Wollkämmerin in Kapernaum, und verflucht sei sie wegen der Milch, die sie dir gab.«

Der Mensch wich zurück, senkte den Kopf wie ein Tier, das man gewaltsam in den Stall treibt: »Ich bin es nicht gewesen! Ich bin Rephraim, der Sohn Eliesars aus Rama! Immer haben alle mich gesund und stark gekannt wie die junge Palme!«

»Krumm und unnütz warst du wie ein alter Rebstock, Hund und Sohn eines Hundes!« schrie Gad. »Ich habe dich ja gesehen! ... In Kapernaum war es, in der kleinen Gasse, wo der Brunnen ist, unter der Synagoge, als du vor Jesus, dem Rabbi von Nazareth, erschienst. Du hast ihm die Sandalen geküßt, hast gesagt: ›Rabbi, heile mich! Rabbi, sieh diese Hand, die nicht arbeiten kann!‹ Und du hast ihm die Hand gezeigt, diese da, die rechte, die vertrocknet, ausgemergelt und schwarz war wie ein Ast, der auf dem Stamm verdorrt. Es war am Sabbat; die drei Häupter der Synagoge waren anwesend, und Elzear und Simeon. Und alle sahen Jesus an, ob er es wagen würde, am Tag des Herrn zu heilen ... Du hast dich weinend auf dem Boden gewälzt. Und hat der Rabbi dich vielleicht zurückgewiesen? Hat er dich fortgeschickt? O du Hund und Sohn eines Hundes! Der Rabbi, gleichgültig gegen die Anklagen der Synagoge und nur auf sein Mitleid hörend, sprach zu dir: ›Strecke die Hand aus!‹ Er berührte sie, und sie war sogleich voll Leben, wie eine Pflanze, die der Tau des Himmels genetzt hat! Sie war gesund, stark, fest; und du bewegtest erschrocken und betend erst einen Finger, dann den anderen.«

Ein entzücktes Murmeln lief durch die Menge, die sich ob des holden Mirakels verwunderte. Und der Essener rief, die bebenden Arme erhebend: »Dies war des Rabbis Barmherzigkeit! Und reichte er dir den Mantelzipfel hin, wie es die Rabbis von Jerusalem tun, damit du ihm einen Silberschekel hineinstecktest? Nein. Er sagte seinen Freunden, sie möchten dir von dem Linsenvorrat geben ... Und du bist genesen und behend über die Straße gelaufen und hast zu deinem Hause hingerufen: ›Mutter, Mutter, ich bin geheilt!‹ ... Und du warst es, Schwein und Sohn eines Schweins, der vorhin im Prätorium das Kreuz für den Rabbi verlangt und nach Bar-Abbas gerufen hat! Leugne nicht, unreines Maul; ich habe dich gehört und habe gesehen, wie dir die Wut deiner Undankbarkeit die Adern des Nackens anschwellen ließ!«

Einige waren empört und riefen: »Verfluchter! Verfluchter!« Ein alter Mann ergriff mit abwägendem Ernst zwei große Steine. Und der Mensch aus Kapernaum duckte sich in seiner Angst und versicherte immer wieder: »Ich bin es nicht gewesen, ich bin es nicht gewesen ... Ich bin aus Rama!«

Wütend packte ihn Gad am Bart: »Als du diesen Arm gegen den Rabbi ausstrecktest, haben wir alle daran zwei krumme Narben wie Sichelhiebe gesehen ... Und jetzt wirst du sie zeigen, Hund und Sohn eines Hundes!«

Er zerriß ihm den Ärmel seiner neuen Tunika, schleppte ihn im Kreise herum, hielt ihn mit seinen ehernen Händen umklammert wie einen widerspenstigen Ziegenbock, zeigte die beiden bläulichen Narben unter dem roten Haar und stieß ihn dann verächtlich unter das Volk, welches den Mann aus Kapernaum mit Püffen und Steinwürfen verfolgte, daß der Straßenstaub aufflog.

Lächelnd traten wir zu Gad, lobten seine Treue zu Jesus. Schon beruhigt, streckte er die Hände einem Wasserverkäufer hin, der sie ihm mit einem langen Strahl aus seinem zottigen Schlauch reinigte; dann wischte er sie an dem Leinentuch ab, das er am Gürtel hängen hatte: »Höret! Josef von Ramatha hat den Leichnam des Rabbi gefordert, der Prätor hat es bewilligt ... Erwartet mich zur neunten römischen Stunde im Hof des Gamaliel ... Wohin gehet ihr?«

Topsius gestand, daß wir zum Tempel gehen wollten, und dies aus geistigen Beweggründen, aus künstlerischem und archäologischem Interesse ...

»Eitel ist, wer Steine bewundert«, rief der hochmütige Idealist.

Und ging weiter, indem er die Kapuze übers Gesicht zog, begleitet von den Segenswünschen des Volkes, das an die Essener glaubt und sie liebt.

 

Um uns den beschwerlichen Weg über den Tyropeus und die Xistusbrücke zum Tempel zu ersparen, nahmen wir zwei Sänften von denen, die ein Freigelassener des Pontius neben dem Prätorium »nach römischer Mode« vermietete.

Ermüdet streckte ich mich, die Hände unter dem Nacken verschränkt, auf die mit trockenem Laub gefüllte Matratze, die nach Myrten roch; und langsam begann in meine Seele eine seltsame zage Unruhe einzuziehen, die mich schon im Prätorium sacht gestreift hatte wie der Flügelschlag eines Unglücksvogels ... Sollte ich für immer in dieser festen Stadt der Juden bleiben? Sollte ich unwiderruflich meine Persönlichkeit als Raposo, als Katholik, als Doctor juris, als Zeitgenosse der »Times« und der Gasbeleuchtung verlieren – um mich in einen Menschen des klassischen Altertums zu verwandeln, einen Zeitgenossen des Tiberius? Und diesen wunderbaren Rückschritt in der Zeit angenommen – wenn ich in mein Vaterland zurückkehrte, was würde ich am Ufer unseres klaren Stromes vorfinden?

Vorfinden würde ich sicherlich eine römische Kolonie; auf dem Abhang des lieblichsten Hügels ein Steingebäude, in dem der Prokonsul wohnen würde; daneben ein kleiner Tempel des Apollo oder des Mars, mit einem Schieferdach; hoch oben ein verschanztes Lager der Legionäre; und ringsum zerstreut die lusitanische Stadt mit ihren bäuerlichen Wegen, Hütten aus unbehauenem Stein, Schuppen für das Vieh und Pfählen im Schlamm, an denen die Flöße festgebunden wurden ... So würde ich mein Vaterland wiederfinden. Und was würde ich, arm und einsam, dort anfangen? Hirt im Gebirge sein? Die Stiegen des Tempels kehren, das Holz für die Kohorten spalten, um mir bei den Römern meinen Lohn zu verdienen? ... Welch ein unvergleichliches Elend!

Aber wie, wenn ich in Jerusalem bliebe? Welche Laufbahn könnte ich in dieser düsteren, frommen asiatischen Stadt einschlagen? Sollte ich ein Jude werden, das Schemah aufsagen, den Sabbat halten, den Bart mit Narden parfümieren, in den Höfen des Tempels herumfaulenzen, der Lehre eines Rabbi folgen und an den Nachmittagen mit einem vergoldeten Stock in den Gärten von Gareb zwischen Gräbern Spazierengehen? ... Auch diese Existenz erschien mir gleichermaßen schauerlich!

Nein! Wenn ich mit dem allergelehrtesten Dr. Topsius in der antiken Welt eingekerkert bleiben mußte, dann wollten wir noch in dieser gleichen Nacht bei Mondesaufgang fortgaloppieren, nach Joppe, uns dort auf irgendeiner phönizischen Trireme einschiffen, die nach Italien fuhr, und uns in Rom niederlassen, und wäre es auch nur in einem der dunklen Gäßchen des Velabrums, in einer jener hohen, verräucherten Mansarden, zu denen man zweihundert Stufen hinaufsteigen mußte, die von den Gerüchen von Knoblauch und Kaidaunen verpestet waren – Häuser, die kaum zwei Kalender überstehen, ohne einzustürzen oder abzubrennen.

Diese Sorgen bewegten mich, als die Sänfte anhielt; ich schob den Vorhang fort und sah vor mir die gewaltigen Granitmassen der Tempelmauer. Wir kamen in die Wölbung des Huldahtores und wurden dort so lange aufgehalten, bis die Tempelwächter einem eigensinnigen, rohen Hirten die mit Nägeln bewehrte Keule entrissen hatten, mit der er das Heiligtum durchschreiten wollte. Der wogende Lärm, der von weitem aus den Höfen zu uns drang, machte mir schon Angst; er hörte sich an wie ein Wald im Wind oder eine erregte hohe See.

Und als wir endlich aus dem engen Torweg herauskamen, erfaßte ich den mageren Arm des Geschichtsschreibers, denn ich war völlig geblendet, und Schrecken durchfuhr mich. Ein Schein von Schnee und Gold zitterte weithin in der milden Luft, ausgestrahlt von den hellen Marmorwänden, den polierten Graniten, den kostbaren Stickereien, die die Nisansonne in Licht badete. Die spiegelglatten Höfe, die ich am Morgen menschenleer und hell schimmernd wie das ruhige Wasser eines Sees vorgefunden hatte, verschwanden jetzt unter dem geschmückten und festlichen Volk, das sie überflutete. Scharfe Gerüche strömten betäubend von den gefärbten Kleiderstoffen aus, von aromatischen Harzen, von Fett, das auf offenen Feuern briet. Aus dem dichten Lärm stieg rauhes Brüllen von Rindern empor. Und ständig verschwamm neuer Opferrauch im Glanz des Himmels.

»Caramba!« sagte ich ergriffen. »Das sind Herrlichkeiten zum Staunen!«

Wir gelangten jetzt in die Säulenhallen Salomos, wo der profane Trubel eines Marktes herrschte. Hinter großen vergitterten Kassen hockten die Wechsler, denen Goldmünzer zwischen den schmierigen Haarlocken von den Ohren herabhingen; sie wechselten das priesterliche Geld des Tempels gegen die heidnischen Münzen aller Gegenden und aller zweiten ein, von den massiven Kupferscheiben des alten Latium, die schwerer sind als Schilde, bis zu den gestempelten Ziegelsteinen, die als »Banknoten« auf den Märkten Assyriens im Umlauf sind. Dort vorn leuchtete der frische Überfluß eines Obstgartens, die vor Reife geplatzten Granatäpfel quollen aus den Körben; Gärtner mit Mandelzweigen an der Mütze boten Anemonenkränze oder die bitteren Osterkräuter feil; Krüge voll reiner Milch standen auf Linsensäcken; und die Lämmer, die, mit den Beinen an die Säulen gefesselt, auf dem Steinboden lagen, blökten kläglich vor Durst.

Aber die Menge drängte sich vor allem mit Seufzern der Begierde vor den Geweben und Kleinodien. Kaufleute aus den phönizischen Kolonien, von den griechischen Inseln, aus Tardis, aus Mesopotamien, aus Tadmor, die einen in prächtigen Kaftanen aus besticktem Wollstoff, andere in plumpen Röcken aus bemaltem Leder, entfalteten die blauen Tuche von Tyrus, die den brennenden Glanz des morgenländischen Himmels besitzen, die grünen, unzüchtigen Seiden von Sheba, die im Winde flatterten; und die feierlichen Stoffe Babylons, die mich stets entzückten, schwarz mit großen, blutfarbenen Blumen ... In Zedernkoffern, auf galatischen Teppichen ausgebreitet, erglänzten Silberspiegel, die den Mond und seine Strahlen nachbildeten, Glöckchen aus Turmalin, wie sie die Juden auf der Brust tragen, Armreifen aus Edelsteinen, die auf Antilopenhorn aufgereiht waren, Diademe aus Steinsalz, mit denen sich Bräutigame schmücken, und, sorgfältiger bewacht, Talismane und Amulette, die mir kindisch vorkamen: Wurzelstücke, schwarze Kieselsteine, geschwärzte Lederstücke und Knochen mit Schriftzeichen.

Topsius blieb vor den Zelten der Parfümhändler stehen; ihm gefiel ein prächtiger Stock von Tylos, aus einem seltenen Holz gefertigt, gefleckt wie eine Tigerhaut, aber wir flohen sogleich vor dem brennenden, atemraubenden Geruch, der von den Harzen ausging, vom Gummi aus den Negerländern, von den Bündeln von Straußenfedern, von der Myrrhe aus Oronte, von dem Wachs der Cyrenaika, von den Rosenölen von Kysikos und von den großen Behältern aus Flußpferdhaut, gefüllt mit getrockneten Veilchen und Nardenblättern ...

Wir betraten nun die sogenannte »Königliche Galerie«, die gänzlich der Lehre und dem Gesetz geweiht ist. Hier tobten jeden Tag die erbitterten Redeschlachten zwischen Sadduzäern, Schriftgelehrten, Sophorim, Pharisäern, Sektenanhängern des Schammai, Sektenanhängern des Hillel, Juristen, Grammatikern, Fanatikern aus dem ganzen Judenlande. An den Marmorsäulen ließen sich die Meister der Gesetzeskunde auf hohen Schemeln nieder, jeder mit einem Metallteller neben sich, in den die Scherflein der Getreuen fielen; und ringsum, auf dem Boden hockend, die Sandalen um den Hals gehängt, die mit roten Lettern bedeckten Pergamente auf den Knien ausgebreitet, sagten die Schüler im Singsang die Diktate auf, indem sie langsam die Schultern wiegten. Hier und dort stritten inmitten gierig lauschender Anbeter zwei Gelehrte mit zornentbrannten Mienen über bedenkliche Punkte der Lehre: Darf man ein Hühnerei essen, das am Sabbat gelegt worden ist? Bei welchem Knochen der Wirbelsäule beginnt die Auferstehung? Der philosophische Topsius lachte, sein Gesicht hinter einer Falte seiner Kapuze verbergend; aber ich erzitterte, wenn die leichenblassen bärtigen Gelehrten einander bedräuten, »racca, racca!« riefen und die Hand ins Innere des Gewandes versenkten, um ein verborgenes Eisen zu suchen.

Jeden Augenblick kamen an uns jene Pharisäer vorbei, tönend und leer wie Trommeln, die in den Tempel gehen, um ihre Frömmigkeit ins rechte Licht zu setzen: die einen mit gekrümmtem Rücken, ganz niedergebrochen unter der Ungeheuerlichkeit menschlicher Sünde; andere wieder stolpernd und mit geschlossenen Augen in der Luft herum tastend, um nicht die unreinen Gestalten der Frauen sehen zu müssen; andere wieder mit Asche beschmiert, ächzend, die Fäuste über dem Bauch geballt – zum Beweis für ihre harten Fasten. Dann zeigte mir Topsius einen Rabbi, der ein Traumdeuter war: in seiner fahlen, mageren Fratze schimmerten tiefe Augen traurig wie Grablampen, und auf einem Wollsack sitzend, reichte er jedem Gläubigen, der zu seinen nackten Füßen niederkniete, den Zipfel eines weiten schwarzen Mantels mit aufgemalten weißen Zeichen. Neugierig dachte ich daran, ihn zu befragen – da erschollen auf einmal klagende Schreie in der Halle. Wir eilten hin. Es waren Leviten, die mit Stricken und Ruten wütend einen Aussätzigen vor sich herprügelten, der im Zustand der Unreinheit in den Hof der Israeliten einzudringen gewagt hatte. Das Blut spritzte aufs Pflaster. Ringsum lachten Kinder.

Die sechste Stunde der Juden kam heran, die dem Herrn besonders wohlgefällig ist, weil nämlich die Sonne zu dieser Zeit auf ihrem Weg zum Meere über Jerusalem haltmacht, um es mit leidenschaftlicher Freude zu beschauen; und um uns dem »Vorhof Israels« nähern zu können, zerteilten wir mühselig die Menge, die hier herumwimmelte, aus allen gesitteten und barbarischen Landen hierhergelangt ... Der rauhe Fellmantel idumäischer Schafhirten streifte die kurze Chlamys von Griechen mit glattrasierten und marmorweißen Gesichtern. Da waren ernste Männer aus der Ebene Babylons, deren Barte in blauen Säckchen steckten, die eine Silberkette mit den Mitren aus bemaltem Leder verband; und da waren rothaarige Gallier, deren Backenbärte herabhingen wie das Gras ihrer Sümpfe; sie lachten und schwatzten und verschlangen dabei die süßen Zitronen Syriens mitsamt der Schale. Manchmal ging ein Römer in der Toga vorbei, so gewichtig, als wäre er eben von einem Piedestal gestiegen. Leute aus Dazien und aus Mysien, mit Wickelbinden aus Filz um die Schenkel, sah man taumeln, so blendete sie der klare Glanz des Marmors. Auch war es nicht minder seltsam, daß ich, Theodorico Raposo, hier mit meinen Reitstiefeln hinter einem Priester des Molochs einherstapfte, der, riesenhaft und lüstern in seinem Purpurkaftan, umgeben von einer Schar von Kaufleuten aus Serepta, diesen Tempel ohne Götterbilder, ohne Haine verachtete, der lärmender war als ein phönizischer Jahrmarkt.

So waren wir allmählich zu dem sogenannten »Schönen Tor« gelangt, das den Zugang zu dem Heiligen Vorhof Israels bildete – schön fürwahr, kostbar und triumphierend auf seinen vierzehn Stufen aus grünem, gelbgesprenkeltem numidischem Marmor; die breiten Torflügel mit den silbernen Beschlägen glänzten wie die Türen eines Reliquienschreines, und die beiden Pfosten, geformt wie zwei große Palmenbüschel, trugen einen runden weißen Turm; darauf blitzten als Zierde erbeutete Schilde der Feinde Judas in der Sonne wie eine Ehrenkette am starken Halse eines Helden! Aber vor dieser wunderbaren Pforte erhob sich ein strenger Pfeiler, überragt von einer schwarzen Schrifttafel mit goldenen Lettern, die auf griechisch, auf lateinisch, auf aramäisch, auf chaldäisch die Drohung verkündete: »Kein Fremder dringt bei Todesstrafe hier ein!«

Zum Glück erblickten wir den mageren Gamaliel, der dem Heiligen Vorhof zuschritt, barfüßig, einen Strauß Ähren an die Brust drückend, die als Opfergabe bestimmt waren,– mit ihm kam ein fettleibiger, vergnügter Mensch mit klatschmohnrotem Gesicht, das eine riesige Mitra aus. schwarzer Wolle mit Granatschnüren krönte. Mit einer Verneigung bis zum Boden begrüßten wir den Lehrer des Gesetzes. Und nun psalmodierte er mit geschlossenen Lidern: »Seid willkommen! ... Dies ist die beste Stunde, den Segen des Herrn zu empfangen. Der Herr sprach: ›Gehet aus eueren Behausungen, kommet zu mir mit den Erstlingen euerer Früchte, so werde ich euch segnen in allen Werken euerer Hände ...‹ Ihr gehöret heute auf wunderbare Weise zu Israel. Steiget empor zum Wohnsitz des Ewigen! Der hier zu meiner Seite schreitet, ist Eliezer von Silo, wohltätig und weise vor allen in Dingen der Natur.«

Er gab uns zwei Maiskolben; und hinter ihm betraten wir mit unseren heidnischen Sohlen den Verbotenen Vorhof Judas.

Eliezer von Silo, der neben mir ging, fragte mich höflich mit sanfter Stimme, ob mein Vaterland ferne sei und ob seine Wege gefährlich wären.

Ich hauchte vage und zurückhaltend: »Ja ... Wir sind von Jericho gekommen.«

»Ist dort die Balsamernte gut?«

»Famos!« behauptete ich mit Wärme. »Gelobt sei der Ewige; in diesem seinem Gnadenjahr haben wir Balsam zum Schweinefüttern!«

Er schien sehr erfreut. Und er eröffnete mir nun, daß er einer der Ärzte wäre, die im Tempel wohnen – wo die Priester und die Opferer unausgesetzt an »Darmverstimmungen« leiden, weil sie barfuß und schwitzend auf den kalten Steinen der Höfe herumgelaufen.

»Deswegen«, murmelte er mit einem lustigen Aufblitzen im wohlwollenden Auge, »nennt uns das Volk von Zion die ›Kaldaunendoktoren‹.«

Ich schüttelte mich vor Lachen, vor Vergnügen über diesen in der erhabenen Wohnung des Ewigen geflüsterten Witz. Dann gedachte ich meiner Darmverstimmungen zu Jericho, verursacht durch meine große Liebe zu den himmlischen und heimtückischen syrischen Melonen, und fragte den liebenswürdigen Arzt, ob er in solchen Fällen Wismut verschreibe.

Der Meister schüttelte bedächtig seine Mitra. Dann streckte er einen Finger in die Luft und vertraute mir dieses unvergleichliche Rezept an: »Nehmt Gummi von Alexandria, Gartensafran, eine persische Zwiebel und Rotwein von Emmaus ... Mischt und kocht dies ... Lasset es in einem Silbergefäß erkalten ... Legt Euch bei Sonnenaufgang auf einen Kreuzweg ...«

Aber er verstummte plötzlich, breitete die Arme aus und senkte das Antlitz. Wir waren in den herrlichen Vorhof eingetreten, welcher der »Hof der Frauen« heißt; und in diesem Augenblick wurde der Segen beendet, den um die sechste Stunde ein Priester dort von der Höhe des Nikanortores herab verkündet.

Dieses ernste Tor, ganz aus Bronze, war halb geöffnet und ließ im Hintergrund das Gold, den Schnee, die Juwelen des Heiligtums in ihrem heiteren Glanz erkennen ... Auf den breiten Stufen, die heller waren als Alabaster, knieten in wohlgeordneter Reihe zwei Chöre von Leviten in weißen Gewändern – die einen mit gekrümmten Drommeten, die anderen mit den Fingern die stummen Saiten ihrer Leiern berührend. Und durch das Spalier dieser Knienden kam ein großer, hagerer Greis mit einem goldenen Weihrauchgefäß in der Hand langsam die Stufen herabgeschritten.

Seine enganliegende Tunika aus Byssus war am Saum mit Smaragdzäpfchen und Glöcklein besetzt, die leise erklangen; die unbeschuhten und mit Henna gefärbten Füße schienen aus Korallen; und auf der Schärpe, die seinen mageren Körper umschlang, schimmerte, in Gold gestickt, eine große Sonne. Die knienden Gläubigen lagen still, ohne einen Hauch, auf den Steinfliesen, hatten das Haupt unter den Mänteln und Schleiern verborgen; und dank der Farben der Festgewänder, unter denen das Rot der Anemone und das Grün des Feigenblattes vorherrschten, sah es aus, als wäre der Raum mit Blumen und Blättern bestreut wie an jenem Morgen des Triumphes zum Empfang Salomos.

Den spitzen, harten Bart himmelwärts hebend, räucherte der Greis nach dem Osten und der Wüste hin, dann nach Westen und zu den Meeren; und alles war so andächtig still, daß man tief innen im Heiligtum die Opfertiere brüllen hörte. Jetzt stieg er weiter herab, hob die mit Juwelen übersäte Mitra höher, schwenkte das Weihrauchgefäß, das klirrte und in der Sonne blitzte – und mit dem weißen Rauch entschwebte fein und duftig über Israel der Segen des Sehr Gewaltigen. Und nun griffen alle Leviten zugleich in die Saiten der Leiern; die krummen Bronzedrommeten erdröhnten, und hoch aufgerichtet, die Arme zum Himmel erhebend, stimmte alles Volk einen Psalm an, der die Ewigkeit Judas verherrlichte ... Und auf einmal war alles still; die Leviten zogen sich über die Marmortreppe zurück, ohne daß man ihre nackten Füße gehen hörte; Eliezer von Silo und der steife Gamaliel waren unter den Säulen verschwunden, und der helle Hof, der voll von Frauen war, erstrahlte prächtig.

Der Alabasterbelag war so glatt, daß Topsius wie in einem Spiegel die edlen Falten seines Mantels betrachten konnte; alle Früchte Asiens und alle Blumen der Gärten reihten sich in reicher Silberarbeit an den Pforten der geweihten Kammern, in denen man dem Öl Duft gibt, das Holz segnet, sich von der Lepra reinigt; zwischen den Säulen hingen in Girlanden dicke Schnüre von Perlen und Onyxkugeln; auf dem Boden standen bronzene Opferbüchsen, die wie ungeheure Kriegstrompeten aussahen, und schimmernde goldene Reliefinschriften, anmutig wie Liederverse, forderten zu Gaben auf: »Verbrennet Wohlgerüche und Narden, bringet Tauben dar und Turteltauben ...«

Aber der heilige Vorhof erglänzte von Frauen; und meine Augen ließen sehr bald Metalle und Marmor fahren, um sich gebannt an diese Töchter Jerusalems zu heften, die voll Anmut waren und bräunlich wie Cedars Zelte! In den Tempel gingen sie alle mit unverhülltem Antlitz; höchstens verlieh ein hauchfeiner römischer Schleier aus Musselin, leicht wie die Luft, um den Turban gewunden, den Gesichtern eine Tönung wie Meeresschaum; die schwarzen, von langen, dichten Wimpern schmachtend umschatteten, durch cyprische Tinktur künstlich verlängerten Augen bekamen dadurch einen feuchteren Schimmer. Der barbarische Überfluß der Goldgeschmeide und edlen Gesteine umgab sie von den starken Brüsten bis zu den Haaren, die krauser waren als die Wolle der Ziegen von Galaad, mit einem flimmernden Strahlenglanz. Die mit Glöckchen und Kettchen geschmückten Sandalen glitten mit silbernem Klang über die Steinfliesen, hinreißend war die Anmut ihrer wogenden, würdevollen Bewegungen; und die gestickten Gewebe, die galatischen Baumwollstoffe, die feinen, farbigen Linnen, die sie umhüllten, alles mit scharf duftenden Essenzen von Ambra und Narden parfümiert, erfüllten die Luft mit Wohlgerüchen und die Seelen der Männer mit Wollust. Die Reichsten von ihnen schritten feierlich zwischen Sklavinnen in gelben Gewändern einher, die ihnen den Sonnenschirm aus Pfauenfedern trugen, die frommen Rollen, auf denen das Gesetz geschrieben steht. Säckchen mit süßen Datteln, leichte Silberspiegel. Die Ärmsten, in einem einfachen Hemd aus vielfarbig gestreiftem Kattun und nur einem rohen Talisman aus Korallen als Schmuck, liefen herum, plapperten, ließen ihre nackten Arme sehen und den wie eine unreife Erdbeere gefärbten Hals. Und über alle schwirrte meine Begierde hin, wie eine Biene, die zwischen Blumen von gleicher Süße zaudert.

»Ach, Topsius, Topsius!« flötete ich. »Was für Frauen, was für Frauen! Ich zerspringe, erleuchteter Freund!«

Der Weise betonte mit Verachtung, daß sie nicht mehr Geisteskultur besäßen als die Pfauen in den Gärten des Antipas und daß gewiß keine einzige der Anwesenden Aristoteles oder Sophokles gelesen habe! ... Ich zuckte die Achseln. O himmlisches Licht! Für jede dieser Frauen, die den Sophokles nicht gelesen hatten, hätte ich, wäre ich Cäsar gewesen, eine Stadt Italiens und dazu ganz Iberien hingegeben! Die einen erfreuten mich durch die leidende, kasteite Anmut frommer Jungfrauen, die im ständigen Halbdunkel der Zimmer aus Zedernholz leben, den Körper gesättigt von Wohlgerüchen, die Seele zermalmt von Gebeten. Diese weiten, dunklen Augen, Augen von Götzenbildern! Diese reinen, süßen, marmornen Glieder! Diese melancholische Weichheit! Welche herrliche Nacktheit, wenn sich am Rande des Bettes ihre schweren Haare entrollten, wenn sie behutsam die Schleier und die galatischen Linnen ablegten! ...

Topsius mußte mich am Burnus zur Treppe des Nikanor ziehen. Und auch so blieb ich noch auf jeder Stufe stehen, starrte mit glühenden Augen zurück, schnaubte wie ein Stier auf der Weide im Frühling.

»O Töchter Zions!«

Am Ärmel gezerrt von dem gelehrten Geschichtsschreiber, wandte ich mich um und stieß an das Maul eines weißen, mit Rosen bekränzten Lammes mit gefesselten Beinen, das ein alter Mann an seiner Seite führte. Vor mir war eine lange Balustrade aus geschnitztem Zedernholz; eine offene Gittertür, ganz aus glänzendem Silber, bewegte sich leicht und lautlos in ihren Angeln.

»Hier«, sagte der gelehrte Topsius, »gibt man den ehebrecherischen Frauen die bitteren Wasser zu trinken ... Und hier, Dom Raposo, hier haben Sie Israel, das seinen Gott anbetet!«

Dies endlich war der Vorhof der Priester! Und ich erstarrte vor seinen ungeheuren, blendenden Heiligtümern. Mitten auf der weiten, hellen Terrasse erhob sich, aus riesigen schwarzen Steinblöcken geformt, der Altar der Brandopfer; an seinen Flanken ragten vier bronzene Hörner auf, von einem hingen Liliengirlanden herab, von anderen Korallenschnüre, von einem tröpfelte Blut. Von dem riesigen Rost des Altars stieg träge ein rötlicher Dampf empor; und ringsum drängten sich die Opferpriester, alle barfuß und weiß gekleidet, mit großen Bronzegabeln in den blassen Händen und Silberspießen und Messern in den himmelblauen Gürteln ... In das erregende, strenge Getön des allerheiligsten Opferrituals mischte sich das Blöken der Lämmer, der silberne Klang von Gefäßen, das Prasseln des Holzes, dumpfe Hammerschläge, das träge Plätschern des Wassers in Marmorbecken und der Schall der Hörner. Trotz der Wohlgerüche, die von den Räucherpfannen aufstiegen, trotz der langen Wedel aus Palmenblättern, mit denen Sklaven die Luft fächelten, führte ich das Taschentuch ans Gesicht; mir wurde übel vom süßlichen Geruch des rohen Fleisches, des Blutes, des bratenden Fettes und des Safrans, die der Herr von Moses forderte als die besten Gaben der Erde ...

Im Hintergrund zerrten bekränzte Rinder, weiße Kälber mit vergoldeten Hörnern brüllend und scharrend an den Stricken, mit denen sie an starke eiserne Ringe angebunden waren; auf Marmortischen lagen zwischen Eisstücken große, tiefrote, blutige Stücke Fleisch; die Leviten schwenkten darüber Federwedel, um die Fliegen zu verscheuchen. Von Säulen, die mit schimmernden Kristallkugeln gekrönt waren, hingen tote Lämmer herab; die Nethenim, in mit Schrifttexten bedeckten Lederschürzen, nahmen sie mit Silbermessern aus, während die Opferknechte in ihren blauen Kaftanen mit muskelstarken Armen Eimer trugen, aus denen Eingeweide hervorquollen. Idumäische Sklaven mit runden metallenen Mitren auf den Köpfen reinigten fortwährend den Steinboden mit Schwämmen; einige krümmten sich unter Holzlasten; andere kauerten vor Steinherden und fachten das Feuer an.

Jeden Augenblick schritt irgendein alter Opferpriester barfüßig zum Altar, zog ein zartes Lämmchen am Halse mit sich; es schrie nicht, es fühlte sich ganz zufrieden und warm gebettet zwischen seinen beiden nackten Armen; ein Leierspieler ging vor ihm einher; hinter ihm trugen Leviten die Krüge mit aromatischen Ölen. Vor dem Altar streute der Opferpriester, umringt von seinen Akoluthen, eine Handvoll Salz über das Lamm; dann schnitt er ihm psalmodierend ein wenig Wolle zwischen den Hörnern ab. Die Drommeten ertönten; der Schrei des getroffenen Tieres verlor sich in dem heiligen Tumult; über die weißen Tiaren erhoben sich zwei rote Hände und verspritzten Blut; vom Rost des Altars sprang, von den Ölen und vom Fett genährt, eine Flamme der Freude und des Opfers auf, und der träge, rötliche Dampf stieg heiter ins Blau, trug in seinen Ringen den Duft empor, der den Ewigen ergötzt.

Ich flüsterte betroffen: »Das ist ja eine Schlachtbank! Eine Schlachtbank! Topsius, Doktor, gehen wir noch einmal dort hinunter zu den lieben kleinen Frauen ...«

Der weise Doktor sah zur Sonne. Dann legte er mir bedächtig die Freundeshand auf die Schulter: »Es ist fast die neunte Stunde, Dom Raposo! ... Und wir müssen zur Porta Judiciaria und über Gareb hinaus, zu einer ländlichen Stätte, die der Kalvarienberg heißt.«

Ich erblaßte. Und es kam mir vor, als hätte meine Seele keinerlei Vorteil davon, als würde keine unerwartete neue Erkenntnis das Wissen des Topsius bereichern, wenn wir nun hingingen und auf der Höhe eines Hügels zwischen dem Heidekraut den an ein Marterholz geschlagenen Jesus leiden sahen; es war höchstens eine Qual für unser Empfinden! Aber gefügig folgte ich meinem weisen Freund auf der Wassertreppe, die zu dem großen basaltgepflasterten Platz führt, an dem die ersten Häuser von Akra beginnen. Dem Heiligtum benachbart, von Priestern bewohnt, stellten sie österliche Hingebung zur Schau: Palmen, Lämpchen, Teppiche hingen von den flachen Dächern herab, und hier und da waren die Wände mit dem frischen Blut eines Lammes bestrichen.

Bevor wir in eine schmutzige Winkelgasse einbogen, die sich unter Sonnendächern aus alten Grasmatten krümmte, wandte ich mich zum Tempel um; jetzt erst sah ich die ungeheure Granitmauer mit den Bastionen hoch oben, düster und uneinnehmbar, und die Anmaßung, die in ihrer Stärke und ewigen Dauer lag, erfüllte mein Herz mit Zorn. Während soeben auf einem für Sklaven bestimmten Todeshügel der Mann aus Galiläa, der unvergleichliche Freund der Menschen, an seinem Kreuz erstarrte und jene reine Stimme der Liebe und Geistigkeit für immer verstummte, blieb der Tempel, der ihn mordete, unversehrt stehen, glanzumstrahlt und triumphierend, mit dem Blöken seiner Herden, dem Lärm seiner Spitzfindigkeiten, dem Wucher in den Säulenhallen, dem Blut auf den Altären, der Ungerechtigkeit seines hartherzigen Hochmuts, der Zudringlichkeit seines ewigen Weihrauchs ... Daher wies ich Jehova und seiner Feste mit zusammengebissenen Zähnen die Faust und schrie: »Hinweggetilgt möget ihr werden!«

 

Ich öffnete meine trockenen Lippen nicht mehr, bis wir zu dem engen Tor in der Mauer des Ezechias kamen, das die Römer Porta Judiciaria nennen. Und hier nun entsetzte ich mich, da ich an einem Steinpfeiler ein Pergament mit drei Abschriften von Todesurteilen kleben sah: eins gegen einen Räuber aus Bethebara, eins gegen einen Mörder aus Emath und eins gegen Jesus aus Galiläa! – Der Schreiber des Synedriums, der dem Gesetz gemäß hier Wache gehalten hatte, um bis zu dem Augenblick, da die Verurteilten vorbeikämen, irgendein unerwartetes Zeugnis ihrer Unschuld anzuhören, brach eben mit seinen Registern unter dem Arm auf, nachdem er über jedem Urteil eine dicke rote Linie gezogen hatte. Und dieser endgültige blutfarbene Schlußstrich, hastig von einem Schreiberlein hingemalt, das nun zufrieden in seine Wohnung zurückging, um seinen Lammbraten zu verzehren, ergriff mich stärker als die Melancholie der heiligen Bücher.

Blühende Kaktushecken säumten die Straße; dahinter lagen grüne Anhöhen, auf denen von Heckenrosen umrankte Mauern aus Feldsteinen Gärten einschlossen. Alles strahlte hier friedlich und festlich. Im Schatten der Feigenbäume, unter den Stützpfeilern der Weinstöcke spannen, auf Teppichen hockend, die Weiber ihr Leinen oder banden Sträuße aus Lavendel und Majoran, wie man sie zu Ostern opfert; und Kinder mit schweren Korallenamuletten um den Hals schaukelten an Stricken, schössen mit Pfeil und Bogen ... Eine Reihe langsamer Dromedare zog die Straße hinunter, mit Waren für Joppe; zwei kräftige Männer kamen von der Jagd; ihre hohen roten Kothurne waren mit Staub bedeckt, die Köcher schlugen ihnen an die Lenden, ihre Arme waren beladen mit Rebhühnern und Geiern mit zusammengebundenen Füßen; und hinter uns schritt langsam, auf die Schulter eines Mädchens gestützt, das ihn führte, ein armer Greis mit langem Bart; am Gürtel befestigt trug er wie ein Barde die fünfsaitige griechische Leier und auf der Stirne einen Lorbeerkranz ...

An einer von Mandelzweigen überragten Mauer warteten vor einem rotgestrichenen Gittertor, auf einem gefällten Baume sitzend, zwei Sklaven mit gesenkten Augen und auf den Knien liegenden Händen. Topsius blieb stehen und zupfte mich am Burnus: »Dies ist der Garten des Josef von Ramatha, eines Freundes Jesus' und Mitglieds des Sanhedrins, eines unruhigen Kopfes, der zu den Essenern neigt ... Und da kommt gerade Gad!«

Tatsächlich, aus dem Hintergrund des Gartens lief durch eine Allee von Myrten und Rosen Gad uns entgegen; er trug einen Weidenkorb und ein Bündel Leinenzeug an einem Stock. Wir standen still.

»Wie steht's mit dem Rabbi?« rief ihn der erhabene Geschichtsschreiber an und öffnete ihm das Gittertor.

Der Essener reichte einem der Sklaven das Bündel und den Korb, der mit Myrrhe und aromatischen Kräutern gefüllt war, und blieb einen Augenblick vor uns stehen, atemlos, am ganzen Leibe zitternd, die Hand fest auf das Herz pressend, um seine Angst zu beschwichtigen.

»Er hat schrecklich gelitten!« hauchte er endlich. »Gelitten, als sie ihm die Hände durchbohrten ... Aber dann erst, als das Kreuz erhöht wurde ... Zuerst hat er den Gnadentrank zurückgewiesen, der ihm Bewußtlosigkeit schenken sollte ... Der Rabbi wollte mit klarer Seele in den Tod gehen, nach dem er rief! ... Aber Josef von Ramatha und Nikodemus haben ihn daran erinnert, was er eines Abends in Bethanien versprochen hatte ... So nahm der Rabbi das Gefäß aus den Händen des Weibes von Rosmophin und trank.«

Und der Essener durchbohrte Topsius mit einem Blick seiner leuchtenden Augen, wie um in seine Seele einen hohen Auftrag einzugraben, trat einen Schritt zurück und sagte ernst und langsam: »Am Abend nach dem Nachtmahl auf der Terrasse Gamaliels! ...«

Er verschwand wieder in der kühlen Gartenallee zwischen Myrten und Rosen. Topsius verließ nun die Strafte nach Joppe; und während wir die Schritte zu einem ländlichen Fußweg wandten, auf dem mein Burnus sich an Kaktusdornen verfing, erklärte er mir, was der »Gnadentrank« sei: ein starker Wein von Tharses, mit Mohnsaft und Gewürzen gemischt, den eine Schwesternschaft frommer Frauen lieferte, um die armen Sünder zu betäuben ... Aber nur unaufmerksam lauschte ich diesem reichen Geiste. Auf einem steinigen, felsigen Hügel, der mit Heidekraut bewachsen war, hatte ich eine Schar müßiger Menschen erblickt, die sich scharf vom klaren Himmel abhoben; aus ihrer Mitte ragten die Spitzen dreier dicker Balken empor, dazwischen bewegten sich, in der Sonne funkelnd, polierte Helme von Legionären. Verwirrt kletterte ich am Rande des Weges auf einen weißen Felsblock. Aber da ich Topsius weitergehen sah mit der weisen Ruhe eines Menschen, der im Tode eine Befreiung und Reinigung der unvollkommenen Erscheinung sieht, wollte ich nicht weniger stark und vergeistigt sein, riß den Burnus von den Schultern, der mich erstickte, und stieg unerschrocken den entsetzlichen Hügel empor.

Auf der einen Seite ging es tief in das von der Sonne ausgedörrte, fahle Tal Hinnom hinab, das ohne Gras und Schatten dalag, bedeckt mit Knochen, mit Kadavern, mit Asche. Und vor uns stieg der Hügel empor mit aussätzigen Flecken von schwärzlichem Ginster und stellenweise besät mit spitzen, glatten Felsstücken, die weiß waren wie Knochen. Der Hohlweg, auf dem unsere Schritte die Eidechsen aufscheuchten, verlor sich schließlich in den Ruinen einer Lehmhütte; zwei Mandelbäume, trauriger anzusehen als Pflanzen, die in den Ritzen eines Grabes wachsen, streckten daneben ihre dünnen blütenlosen Zweige aus, auf denen Zikaden schrill sangen, und in ihrem spärlichen Schatten weinten vier barfüßige Frauen mit zerzausten Haaren, voller Trauer, mit zerrissenen ärmlichen Gewändern, wie bei einem Begräbnis.

Reglos, aufrecht an einen Stamm gelehnt, schluchzte die eine still in den Zipfel des schwarzen Mantels; die andere, die keine Tränen mehr hatte, saß erschöpft auf einem Stein; ihr Haupt war auf die Knie gesunken, und ihre herrlichen blonden Haare hingen bis zur Erde herab. Aber die beiden anderen rasten, kratzten sich blutig, schlugen sich verzweifelt an die Brüste, bedeckten das Gesicht mit Erde; dann, die nackten Arme zum Himmel emporstreckend, erschütterten sie den Hügel mit betäubenden Schreien: »O mein Glück, o mein Schatz, o meine Sonne!« Und ein Hund, der zwischen den Ruinen herumschnüffelte, öffnete den Rachen, heulte ebenfalls schauerlich.

Entsetzt zupfte ich den gelehrten Topsius am Mantel, und wir klommen durchs Heidekraut hinauf zu der Stelle, wo sich gaffend und schwatzend Arbeiter der Werkstätten von Gareb drängten, Diener des Tempels, Verkäufer und einige jener erbärmlichen zerlumpten Priester, die von der Nekromantie und von Almosen leben. Vor Topsius' weißem Mantel wichen zwei Geldwechsler aus, die Goldmünzen als Ohrgehänge trugen, und murmelten servile Segenswünsche. Ein Strohseil hielt uns auf. Man hatte Pfosten in den Boden gerammt, das Seil daran angebunden und so den Gipfel des Hügels abgesperrt. An der Stelle, wo wir stehenblieben, war das Seil um einen alten Olivenbaum geschlungen; an seinen Ästen hingen Schilde von Legionären und ein roter Mantel.

Angstvoll erhob ich die Augen, blickte auf zu dem höchsten Kreuz, das mit Keilen in eine Felsspalte gerammt war. Der Rabbi war in Agonie. Und dieser Leib, der weder aus Elfenbein noch aus Silber war und der da lebend, warm, röchelnd an einen Balken gebunden, genagelt war, mit einem alten Tuch um die Hüften und einem Querbalken zwischen den Schenkeln, erfüllte mich mit Schreck und Entsetzen ... Das Blut, welches das frische Holz befleckt hatte, war rings um die Nägel geronnen und hatte seine Hände schwarz gefärbt; die mit einem starken Seil umschnürten Füße, blaurot angelaufen und schmerzverkrümmt, berührten fast den Boden. Das Haupt, bald verdunkelt durch eine Blutwelle, bald fahler als Marmor, rollte leise von einer Schulter zur anderen; und zwischen den wirren, schweißverklebten Haaren welkten die Augen, verblichen, erloschen – und es schien, als schwände mit ihrem Licht auf immer die Hoffnung der Erde ...

Der Zenturio, ohne Mantel, die Arme über dem Schuppenpanzer gekreuzt, ging würdevoll vor dem Kreuz des Rabbi auf und ab, richtete manchmal seine harten Augen auf das lärmende, lachende Tempelgesinde. Und Topsius zeigte mir vorn, dicht am Seil, einen Mann, dessen trauriges, gelbliches Gesicht fast zwischen den langen schwarzen Haarlocken verschwand, die ihm über die Brust fielen. Der Mann öffnete ungeduldig ein Pergament und rollte es wieder zusammen, dann sprach er leise mit einem Sklaven, der neben ihm stand.

»Das ist Josef von Ramatha«, vertraute mir der gelehrte Geschichtsschreiber an. »Wir wollen uns an ihn wenden, um die Dinge zu erfahren, die man wissen muß ...«

Aber in diesem Augenblick brach in dem schmutzigen Haufen der Tempeldiener und der elenden Priester, die sich von den Abfällen der Brandopfer ernähren, ein Lärm aus wie das Krächzen von Raben auf einem Berggipfel. Und einer von ihnen, ein riesiger, schmutziger Kerl mit Narben von Messerstichen im Gesicht, die sein spärlicher Bart nicht zu verdecken vermochte, schwang die Arme gegen das Kreuz des Rabbi und schrie mit einer Säuferstimme: »Du Starker, der du den Tempel zerstören wolltest und seine Mauern, warum zerbrichst du nicht wenigstens das Holz dieses Kreuzes?« Ringsum brach albernes Gelächter los. Und ein anderer spreizte die Hände über der Brust, verneigte sich mit unendlichem Hohn grüßend vor dem Rabbi: »Erbe Davids, o mein Fürst, wie gefällt dir dieser Thron?«

»Sohn Gottes! Rufe deinen Vater, sieh zu, ob dein Vater dich retten kommt!« keuchte neben mir ein magerer Alter, der, auf seinen Stock gestützt, zitternd dastand und mit dem Bart wackelte.

Einige viehische Kerle unter den Hausierern packten Erdschollen, die sie bespuckten, um sie auf den Rabbi zu werfen; ein Stein flog und traf den Balken mit einem dumpfen Laut. Jetzt lief der Zenturio entrüstet herbei; die breite Klinge seines Schwertes blitzte durch die Luft, und die Bande wich lästernd zurück – wobei einige von ihnen blutende Finger in den Mantelzipfel einwickelten.

Wir näherten uns Josef von Ramatha. Aber der düstere Mensch ging unvermittelt auf und davon, um der Zudringlichkeit des weisen Topsius auszuweichen. Und gekränkt über seine Schroffheit blieben wir neben einem dürren Olivenstamm stehen, den anderen Kreuzen gegenüber.

Die beiden Verurteilten waren in der kühlen Abendluft aus der ersten Ohnmacht erwacht. Der eine, ein starker, behaarter Mensch mit hervorquellenden Augen, vorgewölbter Brust und hervortretenden Rippen – er sah aus, als wolle er in einer verzweifelten Anstrengung sich vom Marterholz losreißen – heulte ohne Pause aufs fürchterlichste; langsam tropfte das Blut aus den schwarzen Füßen, den zerfleischten Händen; und von aller Welt verlassen, ohne irgendeine Liebe oder ein Mitleid, die ihm beigestanden hätten, war er wie ein verwundeter Wolf, der in einem Sumpfloch heult und stirbt. Der andere, zart gebaut und blond, hing ohne einen Seufzer da wie der halb abgebrochene Stengel einer Pflanze. Vor ihm hob eine ausgemergelte Frau in Lumpen, die fortwährend mit den Knien über das Seil hinwegrutschte, ein nacktes, kleines Kind empor und schrie, oder röchelte vielmehr: »Sieh noch einmal, sieh noch einmal!« Die fahlen Augenlider bewegten sich nicht; ein Neger, der soeben das Kreuzigungsgerät einpackte, kam und schob sie sanft fort; sie verstummte, preßte verzweifelt den kleinen Sohn an sich, damit sie ihn ihr nicht auch noch fortnähmen, zähneklappernd, am ganzen Leibe zitternd; und das Kindchen suchte unter den Lumpen nach ihrer mageren Brust.

Auf der Erde sitzend, breiteten Soldaten die Gewänder der Hingerichteten aus; andere, denen der Helm am Arme hing, wischten sich den Schweiß ab oder tranken aus einem Eisennapf in langsamen Schlucken die »Posca«. Und unten, im Straßenstaub, unter der milder gewordenen Sonne, gingen Leute vorbei, die friedlich von ihren Feldern und Gärten zurückkehrten. Ein Greis trieb seine Kühe aufs Genathtor zu; singende Frauen trugen Holzlasten; ein Reiter, in einen weißen Mantel gehüllt, trabte dahin. Manchmal erblickten diejenigen, die den Weg überquerten, oder die, welche aus den Obstgärten von Gareb zurückkehrten, die drei aufgerichteten Kreuze; dann schürzten sie ihr Gewand auf und kletterten durch das Heidekraut langsam den Hügel empor. Die auf lateinisch und griechisch abgefaßte Inschrift auf dem Kreuze des Rabbi versetzte viele in Erstaunen. »König der Juden« – wer war denn das? Zwei junge Leute, Patrizier und Sadduzäer, mit Perlenohrringen und Goldstickereien an den Schuhen, befragten entrüstet den Zenturio. Weswegen hatte der Prätor »König der Juden« hingeschrieben? War dieser hier ans Kreuz Genagelte Cajus Tiberius? Nur Tiberius allein war König von Judäa! Der Prätor wollte Israel beleidigen! Aber in Wahrheit schmähte er nur Cäsar ...

Unbewegt sprach der Zenturio mit den beiden Legionären, die auf dem Boden zwischen großen Eisenstangen wühlten. Und das Weib, das die Sadduzäer begleitete, eine zierliche brünette Römerin mit Purpurstreifen im himmelblau gepuderten Haar, betrachtete mit Milde den Rabbi und roch an ihrer Essenzenflasche – ganz gewiß beklagte sie diesen jungen Mann, einen besiegten König, einen Barbarenkönig, der am Holz der Sklaven starb.

Müde wie ich war, hatte ich mich mit Topsius auf einen Stein gesetzt. Es war nahe an der achten jüdischen Stunde; die Sonne, heiter wie ein alternder Held, stieg über den Palmengärten von Bethanien zum Meer hinab. Vor uns grünte, mit Gärten bedeckt, der Gareb. Nahe an der Mauer, in der neuen Vorstadt Bezetha, trockneten große rote und blaue Tücher auf Stricken an den Türen der Färbereien; ein rotes Licht schimmerte im Inneren einer Schmiede; spielende Kinder liefen am Rande eines Teiches herum. Von den Zinnen des Hippischen Turmes, der seinen Schatten schon über das Tal Hinnom warf, schossen Soldaten nach den Geiern, die am blauen Himmel kreisten; und in der Ferne, zwischen grünen Baumgruppen, ragten die Dächer des Herodespalastes im Abendrot empor.

Traurig, mit zerstreuten Sinnen, dachte ich an Ägypten, an unsere Zelte, an die rauchende Kerze, die ich dort hatte brennen lassen – da sah ich den Alten, dem wir schon auf der Straße nach Joppe begegnet waren, auf die Schulter des Kindes, das ihn führte, gestützt, langsam den Hügel heraufkommen. Eine Leier hing an seinem Gürtel. Er schleppte sich mit unsicheren Schritten fort, ermüdet von einem anstrengenden Tag. In tiefer Traurigkeit ließ er den silbernen wogenden Bart auf die Brust sinken; und unter dem weinroten Mantel, der ihm auch den Kopf verhüllte, lugten die spärlichen, welken Blätter des Lorbeerkranzes hervor.

Topsius rief ihn an: »He, Rhapsode!« Und als er, durch das Heidekraut sich vorantastend, näher gekommen war, befragte ihn der gelehrte Geschichtsschreiber, ob er von den holden Inseln des Meeres nicht irgendeinen neuen Gesang mitbrächte. Der Greis erhob das bekümmerte Antlitz, und mit edlem Anstand sagte er, daß eine unwandelbare Jugend in den alten Gesängen des Hellenenlandes lächle. Dann, nachdem er mit seinen Sandalen auf einem Stein festen Fuß gefaßt, nahm er die Leier zwischen die langsamen Hände; das kleine Mädchen, das kerzengerade, mit gesenkten Wimpern dastand, führte eine Rohrflöte an den Mund; und im Glanz des Abends, der Zion umfloß und vergoldete, stimmte der Rhapsode einen schon zittrigen Sang an, der dennoch glorreich und voller Anbetung war, als stünde er vor dem Altar eines Tempels an einem Meeresstrande Ioniens ... Und ich begriff, daß er die Götter besang, ihre Schönheit, ihre heldische Tatkraft. Er sang von Delphinios, dem Bartlosen, Goldfarbigen, wie er durch den Rhythmus seiner Zither das menschliche Denken veredelt; von Athenaia, der Gewappneten, Geschäftigen, wie sie die Hände der Menschen auf Erden anleitet; von Zeus, dem Uralten, Majestätischen, wie er den Rassen Schönheit gibt, Ordnung den Städten; vom Schicksal, das über allen stand, stärker als alle, gestaltlos und allgegenwärtig.

Aber auf einmal flog von der Höhe des Hügels ein Schrei zum Himmel, ein letzter jäher Schrei der Befreiung! Die kraftlosen Finger des Greises verhielten zwischen den metallenen Saiten: mit dem auf die Brust gefallenen Kopf, dem halb entblätterten epischen Kranz schien er über der hellenischen Leier zu weinen, die von nun an für lange Zeitalter still und nutzlos werden sollte. Und das Kind an seiner Seite nahm die Flöte von den Lippen und erhob die hellen Augen, in denen die Neugier nach einer neuen Welt und die leidenschaftliche Sehnsucht nach ihr aufstieg, zu den schwarzen Kreuzen.

Topsius fragte den Greis nach seiner Geschichte. Er erzählte sie voll Bitterkeit. Er war von Samos nach Cäsarea gekommen und hatte in der Nähe des Herkulestempels die Leier gespielt. Aber das Volk fiel von dem reinen Kult der Heroen ab, und es gab nur noch Feste und Opfer für die Gute Göttin von Syrien! Dann hatte er einige Kaufleute nach Tiberias begleitet; die Leute dort ehrten das Alter nicht und hatten eigennützige Herzen wie die Sklaven. Dann war er endlose Straßen gewandert, hatte bei römischen Posten haltgemacht, wo die Soldaten ihm lauschten, in den Dörfern Samarias klopfte er an die Türen der Hütten, und um sich das harte Brot zu verdienen, hatte er bei Barbarenbegräbnissen die griechische Kithara gespielt. Jetzt irrte er hier in dieser Stadt herum, in der es einen großen Tempel gab und einen wilden und gestaltlosen Gott, der die Menschen verabscheute. Und sein Wunsch war, nach Milet zurückzukehren, das feine Murmeln der Mäanderwellen zu hören, die heiligen Marmorbilder im Tempel des Phoibos Dydimeos betasten zu können – als Knabe hatte er singend in einem Körbchen die ersten Locken seiner Haare dorthin getragen.

Die Tränen rollten über sein Gesicht wie Regen über eine Mauerruine. Und groß war mein Mitleid für diesen Rhapsoden von den griechischen Inseln, der wie ich in der harten Stadt der Juden verloren war, umstrickt vom unheilvollen Einfluß eines fremden Gottes.

Ich gab ihm meine letzte Silbermünze. Er stieg den Hügel hinab, auf des Kindes Schulter gestützt, langsam und gebeugt; der zerschlissene Saum des Mantels schlug ihm an die nackten Beine; stumm und schlecht befestigt hing die heroische fünfsaitige Leier von seinem Gürtel herab.

Unterdessen war oben rings um die Kreuze ein aufsässiger Lärm entstanden. Und wir sahen, wie Leute vom Tempel mit hocherhobenen Händen zur Sonne zeigten, die wie eine goldene Scheibe zum Tyrischen Meer hinabsank, und den Zenturio aufforderten, die Verurteilten vor dem Schlag der heiligen ersten Stunde des Osterfestes vom Kreuz zu nehmen. Die Frömmsten verlangten, man solle den Gekreuzigten, wenn sie noch lebten, das römische Crurifragium geben, nämlich ihnen mit Eisenstangen die Knochen brechen und sie dann in den Abgrund von Hinnom hinabstürzen. Die Gleichgültigkeit des Zenturios brachte die frommen Eiferer zur Verzweiflung. Würde er es wagen, den Sabbat zu verunreinigen und einen Leichnam in den Lüften zu lassen? Manche schlugen den Mantelzipfel über den Arm, um schnell laufen und den Prätor in Akra verständigen zu können.

»Die Sonne sinkt! Die Sonne geht vom Hebron fort!« rief ein entsetzter Levite von einem großen Stein herab.

»Macht ein Ende mit ihnen, macht ein Ende!«

Und neben uns rief ein schöner Jüngling mit einem schmachtenden Augenaufschlag, indem er die mit goldenen Ringen beladenen Arme bewegte: »Werft den Rabbi den Raben vor! Gebt den Raubvögeln ihren Osterschmaus!«

Der Zenturio blickte zur Plattform des Mariannenturmes hinüber, wo aufgehängte Schilde im letzten Sonnenglanz schimmerten; dann winkte er langsam mit dem Schwert. Zwei Legionäre schulterten mühsam die Eisenstangen, marschierten mit ihnen zu den Kreuzen. Schaudernd umklammerte ich Topsius' Arm. Aber vor dem Marterholz Jesu blieb der Zenturio stehen und erhob die Hand ...

Der weiße, starke Körper des Rabbi hatte die heitere Ruhe eines Schlafenden; die staubigen Füße, die noch eben der Schmerz unter den Stricken verkrümmt hatte, hingen jetzt gerade herab, als würden sie gleich den Boden betreten; das Gesicht sah man nicht; es war kraftlos nach hinten gesunken, über einen Kreuzarm, und blickte gen Himmel, von dem ihm seine Sehnsucht und sein Reich gekommen war. Auch ich schaute zum Himmel auf; er strahlte wolkenlos, glatt, klar, stumm, sehr hoch und voll Gleichmut.

»Wer hat die Leiche dieses Mannes gefordert?« rief der Zenturio und sah sich um.

»Ich, der ich ihn im Leben liebte!« sagte Josef von Ramatha. Er kam herbei, reichte sein Pergament über das Seil.

Der Sklave, der neben ihm wartete, legte jetzt das Leinenbündel zu Boden und lief zu den Ruinen der Hütte, wo zwischen den Mandelbäumen die Frauen weinten.

Und hinter uns verwunderten sich Pharisäer und Sadduzäer, nun vereint, aufs höchste, daß Josef von Ramatha, ein Mitglied des Synedriums, auf diese Weise die Leiche des Rabbi forderte, um sie einzubalsamieren und rings um sie die Flöten und Wehklagen eines Begräbnisses ertönen zu lassen ... Einer von ihnen, ein Buckliger mit glänzendem Öl in den spärlichen Haaren, versicherte, er habe Josef von Ramatha immer allen Neuerern, allen Unruhestiftern geneigt gefunden ... Mehr als einmal habe er ihn beim Quartier der Färber mit diesem Rabbi sprechen sehen ... Und mit ihnen sei Nikodemus gewesen, ein reicher Herdenbesitzer, Besitzer von Weingärten und allen Häusern, die zu beiden Seiten der cyrenäischen Synagoge stehen ...

Ein träger Mensch mit rosiger Haut ächzte: »Was wird aus der Nation, wenn die Angesehensten sich zu den Speichelleckern des Pöbels gesellen und ihn lehren, daß die Früchte der Erde allen gleichmäßig gehören sollen! ...«

»Messiasbande!« brüllte der Allerjüngste wütend und hieb mit dem Stock ins Heidekraut. »Messiasbande, Verderber Israels!«

Aber der Sadduzäer mit den geölten Locken erhob langsam die mit geweihten Streifen umwundene Hand: »Beruhigt euch: Jehova ist groß, und in Wahrheit endet alles aufs beste ... Im Tempel und in der Ratsversammlung hat es nie an starken Männern gefehlt, die die alte Ordnung aufrechterhalten; und auf den Schädelstätten erheben sich zum Glück immer wieder die Kreuze! ...«

Und alle murmelten: »Amen!«

Unterdessen marschierten die Soldaten mit den Eisenstangen auf den Schultern unter Führung des Zenturio zu den anderen Balken, an denen die Verurteilten noch lebend und in voller Agonie um Wasser flehten – der eine schlaff hängend und ächzend, der andere verkrümmt, mit zerfetzten Händen, fürchterlich heulend.

Topsius flüsterte mit einem kühlen Lächeln: »Es ist an der Zeit, gehen wir!«

Mit Augen voll bitteren Wassers, über jeden Stein stolpernd, stieg ich an der Seite des fruchtbaren Geschichtskritikers den Hügel der Hinopferung hinab. Und ich fühlte eine tiefe Melancholie meine Seele verdunkeln, als ich an die künftigen Kreuze dachte, die der Konservative mit dem geölten Schopf angekündigt hatte ... So, o grausames Elend, würde es kommen! Jawohl, von nun an würde in allen künftigen Jahrhunderten vor dem Holz der Scheiterhaufen, in der Kälte der unterirdischen Kerker, an den Stufen der Schafotte dieser schimpfliche Skandal sich wiederholen immer wieder würden sich Priester, Patrizier, Richter, Soldaten, Gelehrte und Kaufleute verbünden, um auf dem Gipfel eines Hügels grausam den Gerechten zu töten, der, von Gottes Glanz durchdrungen, die Anbetung im Geiste lehrt oder das Reich der Gleichheit verkündet. Mit diesen Gedanken kehrte ich nach Jerusalem zurück; glücklicher als die Menschen sangen die Vögel in den Zedern Garebs.

 

Es war die Stunde des Ostermahls, als wir Gamaliels Haus erreichten; im Hof stand, an einen Eisenring angebunden, der mit schwarzem Zeug gesattelte Esel, der den liebenswürdigen Arzt Eliezer von Silo hergebracht hatte.

In dem blauen Saal mit der Zederndecke, der nach Narden roch, erwartete uns schon der gestrenge Schriftgelehrte. Er saß auf einem weißen Lederdiwan, bloßfüßig, die weiten Ärmel aufgeschürzt und an der Schulter befestigt – neben ihm lagen ein Wanderstab, eine Kürbisflasche voll Wasser und ein Bündel, die vorgeschriebenen Embleme des Auszugs aus Ägypten. Vor ihm, auf einem mit Perlmutter eingelegten Tisch, zwischen irdenen, mit Blumen bemalten Gefäßen und flachen Körben aus Silberfiligran, die von Früchten und blinkenden Eisstücken überquollen, stand ein Kandelaber in der Form eines Bäumchens; an der Spitze jedes Astes brannte eine fahle blaue Flamme; und mit Blicken, die sich in diesem zittrigen Licht verloren, mit über dem Bauch gekreuzten Händen lächelte glücklich Eliezer, der gütige »Kaldaunendoktor«, auf roten Lederkissen hingestreckt. Neben ihm warteten zwei mit assyrischen Teppichen bedeckte Sitze auf mich und den klugen Geschichtsschreiber ...

»Seid willkommen!« schnarrte Gamaliel. »Groß sind die Wunder Zions, ihr müßt ja ganz verhungert sein ...«

Er klatschte in die Hände.

Lautlos auf Filzsandalen huschten Sklaven herein, ihnen voran schritt majestätisch der dicke Mensch in der gelben Tunika. Sie trugen mit hoch erhobenen Armen breite, dampfende Kupferschüsseln.

Auf der einen Seite hatten wir, um uns die Finger daran zu reinigen, einen Kuchen aus weißem Mehl, fein und weiß wie ein Leinentuch, auf der anderen einen großen, von Perlen eingefaßten Teller, auf dem zwischen Petersiliensträußchen ein großer Haufen schwarzer gebackener Heuschrecken lag; auf dem Boden standen Krüge voll Rosenwasser. Wir vollzogen die Waschungen; und nachdem Gamaliel mit einem Stückchen Eis seinen Mund gereinigt hatte, murmelte er den rituellen Segensspruch über der riesigen Silberplatte mit dem gebratenen Böcklein in der überquellenden Safranbrühe.

Als guter Kenner orientalischer Sitten rülpste Topsius aus Höflichkeit kräftig, um Sättigung und Genuß kundzutun; mit einem Stückchen Lammfleisch zwischen den Zähnen versicherte er dann, dem Schriftgelehrten zulächelnd, daß Jerusalem ihm prächtig scheine, voll von Glanz und gesegnet unter den Städten ...

Eliezer von Silo stimmte mit vor Wonne geschlossenen Augen zu, als würde er geliebkost: »Es ist besser als der Diamant, und der Herr hat es in den Mittelpunkt der Erde gesetzt, damit sein Schein ringsum gleichmäßig erstrahle ...«

»In den Mittelpunkt der Erde! ...« sagte mit gelehrtem Entsetzen der Geschichtsschreiber.

»Jawohl!« Und ein Stückchen von dem Kuchen in die Safrantunke tauchend, erklärte der Arzt uns die Beschaffenheit der Erde. Sie ist platt und runder als ein Rad; in ihrer Mitte befindet sich das heilige Jerusalem, wie ein Herz voll Liebe, das sich zum Allerhöchsten wendet; ringsherum liegt Judäa, reich an Balsam und Palmen, von Schatten und Düften umflossen; dahinter wohnen die Heiden in rauhen Gegenden, wo weder Milch noch Honig fließt; dann kommen die dunklen Meere ... Und darüber wölbt sich klangvoll und festgefügt der Himmel.

»Fest!« stammelte ganz verdutzt mein gelehrter Freund.

Die Sklaven servierten in Silberbechern gelbes medisches Bier. Fürsorglich riet mir Gamaliel, ich möge, um den Wohlgeschmack des Bieres zu erhöhen, eine gebackene Heuschrecke zerbeißen. Und Rabbi Eliezer, weise in allen Wissenschaften der Natur, enthüllte Topsius den göttlichen Aufbau des Himmels.

Er besteht aus sieben harten, wunderbaren, strahlenden Kristallschichten; über sie wogen ohne Unterlaß die großen Gewässer; über den Gewässern schwebt leuchtend der Geist Jehovas ... Diese Kristallscheiben, die wie Siebe durchlöchert sind, gleiten übereinander mit einer süßen, langsamen Musik, welche die am meisten begünstigten Propheten manchmal gehört haben ... Er selbst habe in einer Nacht, da er auf dem Dach seines Hauses in Silo betete, durch eine seltene Gunst des Allerhöchsten diese Harmonie vernommen, die so eindringlich und sanft war, daß ihm die Tränen eine nach der anderen auf die Handflächen tropften ... Nun liegen in den Monaten Kislew und Tebet die Löcher aller Scheiben genau übereinander, und durch sie fallen die Tropfen von den ewigen Gewässern zur Erde herab und lassen die Saaten sprießen.

»Der Regen?« fragte Topsius ehrerbietig.

»Der Regen!« antwortete Eliezer seelenruhig.

Topsius unterdrückte ein Lächeln und richtete die goldgefaßten Brillengläser, die vor gelehrter Ironie funkelten, auf Gamaliel; aber das beim Studium des Gesetzes abgemagerte Antlitz des frommen Sohnes Simeons bewahrte eine undurchdringliche Ruhe.

Nun wollte der Geschichtsschreiber, während er mit den Oliven spielte, von dem aufgeklärten Naturkundigen wissen, warum das Kristall des Himmels diese herzerhebende blaue Farbe hatte ...

Eliezer von Silo gab ihm Auskunft: »Ein großer blauer Berg, den aber die Menschen bis zum heutigen Tag nicht sehen können, ragt im Westen auf; wenn die Sonne ihn bescheint, trifft sein Widerschein den Kristall und färbt ihn blau. Vielleicht ist das der Berg, auf dem die Seelen der Gerechten wohnen.«

Gamaliel hüstelte leise und murmelte: »Trinken wir, und loben wir den Herrn!«

Er erhob eine Schale, gefüllt mit Wein von Sichem, sprach darüber einen Segensspruch und reichte sie mir, indem er auf mein Herz Heil und Frieden herabflehte. Ich rief ihm zu: »Auf Ihr Wohl, prosit!« Und Topsius, nachdem er seine Schale ehrerbietig in Empfang genommen hatte, trank »auf das Wohlergehen Israels, auf seine Kraft und Weisheit!«

Nun trugen die Sklaven, ihnen voran der dicke Mensch in der gelben Tunika, der seinen elfenbeinernen Stab mit Würde auf die Steinfliesen aufstieß, das frömmste der Ostergerichte auf – die bittern Kräuter. Es war eine Platte, gehäuft voll von Lattich, Zichorie, Brunnenkresse, Kamillen, mit Essig und grobem Steinsalz angemacht. Gamaliel kaute feierlich an ihnen, als vollziehe er eine gottesdienstliche Handlung. Sie stellten die Bitternisse Israels in der ägyptischen Gefangenschaft dar. Und Eliezer leckte sich danach die Finger ab und behauptete, sie schmeckten köstlich, seien stärkend und voll geistiger Lehren.

Aber Topsius, gestützt auf griechische Autoren, bemerkte, daß alle Gemüse dem Manne die Mannheit schwächen, seiner Beredsamkeit die Farbe nehmen, ihm seinen Heldenmut rauben; und mit wolkenbruchartiger Gelehrsamkeit zitierte er jetzt Theophastros, Eubulos, Nikandros im zweiten Teil seines »Wörterbuchs«, Phenias in seinem »Traktat von den Pflanzen«, Dephilos und Epicharmos.

Gamaliel lehnte schroff die Eitelkeit dieses Wissens ab denn Hekateus von Milet hätte sich allein im ersten Band seiner »Beschreibung Asiens« dreiundfünfzig Fehler, vierzehn Lästerungen und hundertneun Auslassungen zuschulden kommen lassen ... So behaupte dieser leichtsinnige Grieche, die Dattel, dieses wunderbare Geschenk des Allerhöchsten, schwäche den Verstand! ...

»Aber«, rief Topsius eifrig, »die gleiche Lehre trägt Xenophon im zweiten Buch der Anabasis vor! Und Xenophon ...«

Gamaliel verwarf Xenophons Autorität. Darauf klopfte Topsius puterrot mit einem Goldlöffel auf den Rand des Tisches, pries die Beredsamkeit Xenophons, den starken Adel seiner Gesinnung, seine zärtliche Ehrfurcht vor Sokrates! ... Und während ich eine Pastete von Kommagene zerlegte, begannen die beiden Gelehrten hitzig über Sokrates zu streiten. Gamaliel erklärte, jene »geheimen Stimmen«, die Sokrates vernahm und die ihn so göttlich erhaben regierten, seien ein fernes Murmeln gewesen, der wunderbare Widerhall der Stimme des Herrn ... Topsius sprang auf, zuckte in verzweifeltem Sarkasmus die Achseln. Sokrates von Jehova inspiriert! Welch eine Fabel!

Aber dennoch sei es gewiß (beharrte Gamaliel, schon ganz bleich), daß die heidnischen Völker aus ihrer Finsternis hervorkämen, von dem starken und reinen Licht angezogen, das von Jerusalem ausstrahlte – denn die Ehrfurcht vor den Göttern sei bei Äschylos tief und voll Schauer, bei Sophokles liebenswürdig und voll Heiterkeit, bei Euripides zweiflerisch und ein wenig oberflächlich ... Und so habe jeder der drei Tragiker einen großen Schritt zum wahren Gott hin getan.

»O Gamaliel, Sohn Simeons«, sagte Eliezer von Silo, »du, der du die Wahrheit besitzest, warum gibst du in deinem Geist Zutritt den Heiden?«

Gamaliel antwortete: »Um sie in meinem Inneren besser verachten zu können!«

Übersättigt von einem so klassischen Gespräch, reichte ich dem Eliezer ein Näpfchen mit Honig vom Hebron herüber und erzählte ihm, wie sehr mir der Weg nach Gareb zwischen den Gärten gefallen hätte. Er gab zu, daß Jerusalem, umgeben von seinen Fruchthainen, hold anzusehen wäre wie die mit Anemonen bekränzte Stirn der Braut. Dann wunderte er sich, daß ich mir zu meinem Spaziergang diese Gegend von Gihon ausgesucht hätte, die voll von Schlachthöfen und dem kahlen Hügel benachbart sei, auf dem sich die Kreuze erheben. Angenehmer wäre mir der Wohlgeruch Siloahs erschienen ...

»Ich ging hin, um Jesus zu sehen«, unterbrach ich ihn kurz. »Ich ging hin, um Jesus zu sehen, der diesen Abend auf Befehl des Synedriums gekreuzigt wurde ...«

Mit orientalischer Höflichkeit klopfte Eliezer an seine Brust und trug Schmerz zur Schau. Und wollte wissen, ob dieser Jesus, dem ich in seinem Sklaventod habe beistehen wollen, zu meinem Blute gehört oder mit mir das Brot der Verschwägerung geteilt hätte.

Ich sah ihn ganz entsetzt an: »Er ist der Messias!«

Er sah mich noch viel entsetzter an, und ein Honigstrahl lief ihm über den Bart hinab.

Seltsam! Eliezer, der Tempeldoktor, der Naturkundige des Synedriums, kannte Jesus von Galiläa gar nicht!

Zu sehr beschäftigt mit den Kranken, die zu Ostern Jerusalem überfüllen (gestand er mir), war er weder im Xistus gewesen noch in der Bude des Parfümhändlers Kleos, noch auf den Terrassen des Hannan, wo die Neuigkeiten zahlreicher herumschwirren als die Tauben; darum hatte er nichts vom Auftreten eines Messias vernommen.

Im übrigen, fügte er hinzu, konnte es nicht der Messias gewesen sein. Der würde Manahem heißen, »der Tröster«, weil er Israel Trost bringen würde. Auch würde es zwei Messiasse geben; der erste, aus dem Stamme Josefs, würde von Gog besiegt werden; der zweite, ein Sohn Davids und voll Kraft, würde Magog besiegen. Bevor er zur Welt käme, würden sieben Jahre voller Wunder beginnen: Meere würden verdunsten, Sterne vom Himmel fallen, Hungersnöte würde es geben und so üppige Ernten, daß sogar die Steine Frucht tragen würden; im letzten Jahre würde Blut zwischen den Völkern fließen; endlich würde eine gewaltige Stimme erschallen, und über dem Hebron würde mit einem feurigen Schwert der Messias auferstehen! ...

Er sagte diese seltsamen Dinge, während er die Schale einer Feige abzog. Dann setzte er mit einem Seufzer hinzu: »Und bisher hat, mein Sohn, keines dieser Wunder das Heil verkündet!«

Und er schlug die Zähne in die Feige.

So geschah es, daß ich, Theodoricus, ein Iberer aus einem fernen römischen Munizipium, einem Arzt zu Jerusalem, der zwischen den Marmorsteinen des Tempels aufgewachsen war, das Leben des Herrn erzählte! Ich berichtete von Holdem und von Gewaltigem, sprach von den drei hellen Sternen über seiner Wiege, von seinem Wort, das die Gewässer Galiläas beschwichtigte; wie das Herz der einfachen Menschen für ihn schlug; vom Himmelreich, das er verließ; von seinem erhabenen Antlitz, wie es vor Roms Prätor erstrahlte ... »Und dann haben die Pfaffen, die Patrizier und die Reichen ihn gekreuzigt!«

Doktor Eliezer machte sich wieder an dem Feigenkorb zu schaffen und sagte nachdenklich: »Traurig, traurig! ... Immerhin, mein Sohn, das Synedrium ist barmherzig. In den sieben Jahren, seit ich ihm diene, hat es höchstens drei Todesurteile gefällt … Ja, gewiß, die Welt hat es wohl nötig, einem Worte der Liebe und der Gerechtigkeit zu lauschen, aber Israel hat soviel unter Neuerern, unter Propheten gelitten! … Freilich sollte man niemals Menschenblut vergießen! … Wahrlich, diese Feigen von Bethphage können es mit meinen in Silo nicht aufnehmen!«

Ich schwieg und drehte mir eine Zigarette. Und in diesem Augenblick ließ der gelehrte Topsius, der mit Gamaliel noch immer über den Hellenismus und die sokratischen Schulen stritt, auf die Fußspitzen gereckt, die Brille auf der Nasenspitze, diesen kraftvollen Leitsatz vernehmen: »Sokrates ist der Samen, Platon die Blüte, Aristoteles die Frucht … Und von diesem derart vollkommenen Baume hat sich der menschliche Geist genährt!«

Da stand Gamaliel plötzlich auf, ebenso Doktor Eliezer, der ausgiebig rülpste. Beide ergriffen die Wanderstäbe, beide schrien: »Halleluja! Gelobt sei der Herr, der uns aus dem Lande Ägypten befreite!«

Das Ostermahl war zu Ende. Der erleuchtete Geschichtsschreiber, der sich den bei der Disputation vergossenen Schweiß abwischte, sah jetzt hastig nach der Uhr und bat Gamaliel um die Erlaubnis, zur Dachterrasse hinaufzugehen, um seine Erregung in den linden Lüften abzukühlen … Der Schriftgelehrte führte uns auf die trübe, mit Glimmerlämpchen beleuchtete Veranda und wies uns die steile Stiege aus Ebenholz, die zu den Dächern hinaufführte; und nachdem er die Gnade des Herrn auf uns herabgefleht hatte, verschwand er mit Eliezer in einem mit mesopotamischen Vorhängen verschlossenen Gemach, aus dem ein Wohlgeruch hervordrang, ein feiner Klang von Gelächter und langgezogene Leiertöne.

Wie herrlich die Luft auf der Terrasse war! Und wie fröhlich diese Osternacht in Jerusalem! Am stummen Himmel, der finster war wie ein Palast, in dem die Trauer herrscht, strahlte kein Stern. Aber die Davidsburg und der Hügel von Akra schienen in ihrer Festbeleuchtung wie mit Gold bestreut. Auf jeder Dachterrasse standen Gefäße mit ölgetränktem Werg und warfen eine wogende rote Flamme. Hier und dort schimmerten an der dunklen Wand eines höheren Hauses die Lichterreihen wie ein Juwelenhalsband am Halse einer Mohrin. Durch die Luft zitterten süß die Seufzer der Flöten und das melancholische Vibrieren der Leiersaiten; und in den durch große Holzfeuer illuminierten Straßen sahen wir die hellen, kurzen Gewänder von Griechen flattern, die ihre »Kallabida« tanzten. Nur die im Dunkel ungeheuer vergrößerten Türme, der Hippische, der Pharsalische, der Mariannenturm, waren finster geblieben, und manchmal flog das Dröhnen ihrer Signalhörner rauh und roh wie eine Drohung über das Fest der Heiligen Stadt.

Aber jenseits der Stadtmauern begann die Fröhlichkeit der Osternacht von neuem. Lichter glänzten in Siloah. In den Pilgerlagern, auf dem Ölberge brannten helle Feuer; und da alle Tore offen geblieben waren, zogen auf allen Wegen Fackelzüge unter dem Schall der Festgesänge dahin.

Nur ein Hügel hinter Gareb blieb im Dunkel. Zu dieser Stunde schimmerten weißlich am Fuße dieses Hügels in einer Felsschlucht zwei zerfleischte Leichname, an denen die Geier ihr Ostermahl hielten; ihre Schnäbel gaben einen trockenen Laut, wie von klirrendem Eisen. Wenigstens lag jener andere Leib, die kostbare Hülle eines vollkommenen Geistes, wohlbehütet in einem frischen Grabe, in feines Linnen gehüllt, mit Zimt und Narden einbalsamiert … So hatten ihn in dieser Nacht, der heiligsten Israels, diejenigen verlassen, die ihn liebten – und ihn von nun an bis in Ewigkeit aus tiefstem Herzen lieben würden … Dort hatten sie ihn gelassen, mit einem behauenen Stein über ihm; und jetzt gab es zwischen den von Licht und Liedern erfüllten Häusern Jerusalems ein dunkles und verschlossenes, in dem trostlose Tränen flossen. Dort war der Herd kalt und ausgebrannt; die trübe Lampe erlosch auf dem Scheffel; im Krug gab es kein Wasser, denn niemand war zum Brunnen gegangen; und auf dem Boden hockend, mit gelöstem Haar, sprachen jene Frauen, die ihm aus Galiläa gefolgt waren, von ihm, von den frühen Hoffnungen, von den Gleichnissen, die er zwischen den Saatfeldern erzählt hatte, von der holden Zeit am Ufer des Sees …

So dachte ich, über die Mauer gelehnt, auf Jerusalem hinschauend – da erhob sich lautlos auf der Terrasse eine in weißes Leinen gehüllte Gestalt, von der ein Geruch nach Zimt und Narden ausging. Es schien mir, als ob sie Licht ausstrahlte, als ob ihre Füße den Boden nicht berührten und mein Herz bebte! Aber aus dem bleichen Gewände kam ein wohlbekannter ernster Gruß: »Friede sei mit euch!«

O die Erleichterung! Es war Gad.

»Mit dir sei der Friede!«

Der Essener stand schweigend vor uns; und ich sah, wie seine Augen den Grund meiner Seele suchten, um ihre Kraft und Größe zu erkunden. Endlich flüsterte er, unbeweglich wie eine Grabstatue in seinen großen weißen Gewändern: »Der Mond geht auf ... Alles, worauf wir hofften, hat sich erfüllt ... Nun sprecht! Fühlt ihr euer Herz stark genug, um Jesus zu begleiten und ihn bis zur Oase Engeddi zu schützen?«

Ich erhob mich, griff voll Entsetzen mit den Händen in die Luft! ... Den Rabbi begleiten? So lag er nicht tot, in Tücher eingehüllt und einbalsamiert unter einem Stein in einem Garten Garebs? ... Er lebte! Bei Mondesaufgang würde er mit seinen Freunden nach Engeddi aufbrechen! Ängstlich klammerte ich mich an Topsius' Schulter, stützte mich auf sein starkes Wissen und seine Autorität ...

Mein gelehrter Freund schien unschlüssig: »Ja, vielleicht ... Unser Herz ist stark, aber ... Außerdem haben wir keine Waffen!«

»Kommt mit mir!« drängte Gad eifervoll. »Wir treten im Vorbeigehen in das Haus eines, der uns alles Nötige sagt und der euch Waffen geben wird!«

Noch immer bebend, ohne den weisen Geschichtsschreiber loszulassen, wagte ich zu stammeln: »Und Jesus? ... Wo ist er denn?«

»Im Hause Josefs von Ramatha«, verriet der Essener uns, indem er um sich spähte wie ein Geiziger, der von einem Schatz spricht. »Damit die Tempelleute keinen Verdacht schöpften, haben wir den Rabbi in dem frischen Grabe im Garten Josefs beigesetzt. Dreimal haben die Frauen ihn auf dem Grabstein beweint, der, wie ihr wißt, das Grab nicht völlig schließt und einen breiten Spalt offen ließ, durch den man das Gesicht des Rabbi sehen konnte. Einige Tempelbedienstete sahen zu und sagten: ›Es ist gut so.‹ Ein jeder kehrte in seine Wohnung heim ... Ich ging durch das Genathtor zur Stadt und sah nichts weiter. Aber sofort beim Einbruch der Nacht sollten Josef und ein anderer zuverlässiger Getreuer den Leib Jesu holen und ihn nach dem Rezept, das in Salomos Buch verzeichnet steht, aus der Betäubung erwecken, in die ihn der narkotisierte Wein und die Schmerzen versenkt haben ... So kommet nun, ihr, die ihr ihn gleichfalls liebt und an ihn glaubt!«

Ergriffen und überzeugt raffte Topsius seinen weiten Mantel; und wir stiegen in vorsichtigem Schweigen die Treppe hinab, die von der Terrasse zu einem schmalen steinigen Weg hart an der neuen Mauer des Herodes führte.

Lange Zeit marschierten wir durch die Dunkelheit, von dem weißen Gewand des Esseners geleitet. Zwischen verfallenen Hütten sprang manchmal ein heulender Hund auf. Auf den hohen Zinnen der Mauern glitten die matten Laternen der Wache vorüber. Dann erhob sich unter einem Baum eine hustende Schattengestalt, so traurig und schwach, als stiege sie aus dem Grab; und indem sie meinen Arm streifte und Topsius am Mantel zupfte, bat sie uns unter Ächzen und Knoblauchhauch, wir möchten in ihr Bett schlafen kommen, das sie mit Narden wohlriechend gemacht habe. Wir blieben endlich vor einer Mauer stehen, deren Tor mit einer großen Matte aus Spartogras verschlossen war. Ein Korridor, in dem Wasser herabtropfte, führte uns in einen Hof, den eine auf derbe Holzbalken gestützte Galerie umgab; der mit weichem Kot bedeckte Boden dämpfte den Hall unserer Schritte.

In Abständen ließ Gad dreimal hintereinander den Schrei der Schakale ertönen. Wir warteten mitten auf dem Hof an einem mit Brettern zugedeckten Brunnen; über uns bewahrte der Himmel die harte und undurchdringliche Dunkelheit einer ehernen Platte. Endlich leuchtete in einer Ecke, unter der Galerie, der helle Schein einer Lampe auf – beleuchtete den schwarzen Bart des Mannes, der sie trug und der über seinen Kopf den Zipfel eines grauen Galiläerburnusses gezogen hatte. Aber ein starker Windzug löschte das Licht aus, und der Mann schritt im Dunkel langsam auf uns zu.

Gad unterbrach die trostlose Stille: »Friede sei mit dir, Bruder! Wir sind bereit.«

Der Mann setzte behutsam die Lampe auf den Brunnenrand und sagte: »Alles ist vorbei!«

Erschreckt schrie Gad auf: »Der Rabbi?«

Der Mann streckte die Hand aus, um den Schrei des Esseners zu dämpfen. Nachdem er ringsum das Dunkel mit unruhigen Augen durchforscht hatte, die wie die eines Wüstentieres leuchteten, sagte er: »Dies sind höhere Dinge, als wir verstehen können. Alles schien gesichert. Der narkotische Wein war richtig von der Frau aus Rosmophim bereitet worden, die geschickt ist und die Heilkräuter kennt ... Ich hatte mit dem Zenturio gesprochen, er ist ein Kamerad, dem ich in Germanien im Feldzug des Publius das Leben gerettet habe. Und als wir den Stein über das Grab des Josef von Ramatha legten, war der Körper des Rabbi warm!«

Aber er verstummte; und als ob der Hof unter dem schwarzen Himmel nicht geheim und sicher genug wäre, berührte er Gad an der Schulter und schritt, ohne mit seinen nackten Füßen irgendein Geräusch zu machen, in die noch tiefere Dunkelheit unter der Galerie zurück, bis zu den Steinen der Mauer. Wir zitterten, stumm vor ihm stehend, vor angstvoller Erwartung – und ich fühlte, daß uns eine höchste wunderbare Offenbarung bevorstand, die alle Mysterien erhellen würde.

»Bei Einbruch der Nacht«, berichtete der Mann schließlich, trübselig murmelnd wie Wasser, das im Schatten rieselt, »kehrten wir zum Grabe zurück. Wir blickten durch den Spalt; das Antlitz des Rabbi war heiter und voll Hoheit. Wir hoben den Stein auf und zogen den Körper hervor. Er schien zu schlafen, so schön, so göttlich in den Tüchern, in die er eingewickelt war ... Josef trug eine Laterne, und rasch durch den Hain eilend, brachten wir ihn nach Gareb. An der Quelle begegneten wir einer Ronde der Auxiliarkohorte. Wir sagten: ›Das ist ein Mann aus Joppe, der krank geworden ist; wir bringen ihn zu seiner Synagoge.‹ Die Ronde sagte: ›Passiert!‹ – Im Hause Josefs war Simeon, der Essener, der in Alexandria gelebt hat und die Natur der Pflanzen kennt: und alles war vorbereitet, auch Nieswurz ... Wir legten Jesus auf die Matte. Wir gaben ihm herzstärkende Tränke ein, wir riefen ihn, warteten, beteten ... Aber ach! Wir fühlten, wie unter unseren Händen sein Körper erkaltete! ... Einmal öffnete er langsam die Augen, ein Wort trat ihm auf die Lippen. Es war undeutlich, wir verstanden es nicht. Es schien, als riefe er seinen Vater an, klagte, daß er verlassen wäre ... Dann lief ein Beben durch seinen Körper; ein wenig Blut wurde in seinen Mundwinkeln sichtbar ... Und mit dem Haupt an des Nikodemus Brust starb der Rabbi!«

Gad fiel schwerfällig auf die Knie, er schluchzte; und als hätte er schon alles gesagt, wollte der Mann seine Lampe vom Brunnen holen. Topsius hielt ihn wißbegierig fest: »Höre! Ich brauche die ganze Wahrheit. Was tatet ihr dann?«

Der Mann blieb neben einem der Holzpfeiler stehen und breitete im Dunkeln die Arme aus. Er war unseren Gesichtern so nahe, daß ich seinen heißen Atem spürte: »Es war zum Heile der Welt nötig, daß die Prophezeiungen erfüllt würden! Auf seinem Antlitz liegend, betete Josef von Ramatha zwei Stunden ... Ich weiß nicht, ob der Herr im geheimen zu ihm sprach, aber als er aufstand, strahlte er über und über und rief: ›Elia ist gekommen! Elia ist gekommen! Die Zeiten sind erfüllt!‹ Dann begruben wir auf sein Geheiß den Rabbi in einer in den Stein gehauenen Grotte neben der Mühle, die ihm gehört ...«

Er schritt über den Hof und holte seine Lampe. Und er kam langsam ohne einen Laut zurück, als Gad sein Antlitz erhob und ihm, von Schluchzen unterbrochen, zurief: »Höre noch dies! Groß ist der Herr, wahrlich ... Und das andere Grab, in welchem die galiläischen Frauen ihn zurückließen, in Tücher gewickelt, mit Aloe und Narden?«

Der Mann flüsterte, ohne stehenzubleiben, schon im Dunkel verloren: »Das ist offen geblieben, ist leer geblieben.«

Da riß mich Topsius so heftig am Arm, daß wir in der Finsternis gegen die Pfeiler der Galerie taumelten. Eine Tür im Hintergrund öffnete sich plötzlich mit einem Klirren wie von fallendem Eisen ... Und ich sah auf einen von bleichen Bogengängen umgebenen traurigen kalten Platz, zwischen dessen geborstenen Pflastersteinen Gras wuchs, wie in einer verlassenen Stadt. Topsius stand kerzengerade da, seine Augen blitzten: »Theodorico, die Nacht geht zu Ende, wir wollen nach Jerusalem aufbrechen! ... Unsere Reise in die Vergangenheit ist beendet ... Die Ursprungslegende des Christentums ist geschaffen, sie wird die antike Welt vernichten!«

Verblüfft und erschüttert sah ich den gelehrten Geschichtsschreiber an. Von einem Wind der Inspiration bewegt, wallten seine Haare. Und was so leicht von seinen feinen Lippen kam, dröhnte fürchterlich und ungeheuerlich, da es mir aufs Herz fiel: »Am nächsten Morgen sodann, als der Sabbat vorbei war, kehrten die galiläischen Frauen zum Grabe Josefs von Ramatha zurück, wo sie Jesus in seinem Grab gelassen hatten ... Und sie fanden es geöffnet, fanden es leer! ... ›Er ist verschwunden, er ist nicht mehr da!‹ ... Und Maria von Magdala in ihrem leidenschaftlichen Glauben ging durch Jerusalem mit dem Ruf: ›Er ist auferstanden, ist auferstanden!‹ So verändert die Liebe eines Weibes das Antlitz der Welt und gibt der Menschheit eine neue Religion!«

Und mit den Armen fuchtelnd lief er über den Platz, auf dem plötzlich kraftlos und ohne Lärm die Marmorpfeiler umzustürzen begannen. Mit röchelnder Brust blieben wir vor Gamaliels Tor stehen. Ein Sklave, an dessen Handgelenken noch Stücke abgefallener Ketten hingen, hielt unsere Pferde. Mit einem Lärm wie von Steinen, die ein Wildbach aufwirbelt, passierten wir das Goldene Tor und galoppierten auf der Sichemer Straße gen Jericho, so schwindelerregend rasch, daß wir die Hufe nicht auf das schwarze Basaltpflaster aufschlagen hörten. Vor mir blähte sich, von einem heftigen Wind gepeitscht, der weiße Mantel des Doktor Topsius. Die Berge glitten rechts und links vorbei, wie Lasten auf den Rücken der Kamele, wenn ein ganzes Volk entflieht. Die Nüstern meines Pferdes schnoben feuerroten Dampf – und ich klammerte mich an die Mähne, betäubt, als schwebten wir durch Wolken ...

Auf einmal erblickten wir die Ebene von Kanaan, die sich bis an den Fuß der Gebirge von Moab erstreckte. Weiß schimmerte unser Zeltlager neben den glimmenden Kohlen des Lagerfeuers. Die Pferde blieben zitternd stehen. Wir eilten zu den Zelten. Auf dem Tisch verglomm die Kerze, die Topsius, um sich anziehen zu können, vor achtzehn Jahrhunderten angezündet hatte, mit fahlem Qualm ... Und steif und müde von der endlosen Reise warf ich mich auf das Feldbett, ohne auch nur die von Staub weißen Stiefel auszuziehen ...

Im gleichen Augenblick schien es mir, als sei eine rauchende Fackel ins Zelt gedrungen und verbreite goldenen Glanz ... Erschreckt erhob ich mich. Im Glanz eines breiten Sonnenstrahls, der von Moabs Bergen herkam, trat der lustige Potte ein, in Hemdsärmeln, mit meinen Stiefeln in der Hand.

Ich warf die Decke von mir, strich mir das Haar aus dem Gesicht, um besser die furchtbare Wandlung sehen zu können, die sich seit gestern abend im Universum vollzogen hatte ... Auf dem Tisch standen die Champagnerflaschen, aus denen wir auf die Wissenschaft und auf die Religion getrunken hatten. Das Paket mit der Dornenkrone lag zu meinen Häupten. Topsius, auf seinem Feldbett, im Hemd und mit einem weißen Tuch um den Kopf, gähnte und setzte sich die Brille auf die Nase. Und der vergnügte Potte mißbilligte unsere Faulheit und wollte wissen, worauf wir an diesem Morgen Appetit hätten: »Kaffee oder Tapioka?«

Meiner Brust entrang sich ein wohliger Seufzer des Trostes. Und in der triumphierenden Gewißheit, wieder in meine Persönlichkeit und mein Jahrhundert heimgekehrt zu sein, wiegte ich mich mit flatterndem Nachthemd auf der Matratze und brüllte: »Tapioka, mein Potte! Eine hübsche süße weiche Tapioka, damit sie recht nach meinem Portugal schmecke!«


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