Oskar Panizza
Der Korsetten-Fritz
Oskar Panizza

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Den folgenden Tag und bevor noch das mündliche Examen begonnen hatte, wurde ich auf das Rektorat gerufen, wo man mir mitteilte, daß ich wegen »unziemlicher Ausdrücke und unsittlicher Anspielungen im deutschen Aufsatz« zwei Stunden Arrest zudiktiert erhalten hätte. Gleichzeitig wurde mir eröffnet, daß die Prüfungskommission durch außerordentliche Rücksichtnahme die begangenen Unziemlichkeiten durch den Arrest für getilgt erachte, ich aber für den deutschen Aufsatz selbst wegen der darin gezeigten »Selbständigkeit in Behandlung schwieriger und abgelegener Themata« die erste Note erhielte. - Die erste Note wog so schwer, zumal der deutsche Aufsatz doppelt gerechnet wurde, daß alle übrigen »Vierer« oder letzten Noten von ihrem »Ungenügend« etwas ablassen mußten. Und da ich, durch den Vorgang mutig geworden, im mündlichen Examen frisch und vorweg antwortete, so gelang es mir, gerade noch mit der letzten zulässigen Gesamtnota das Absolutorium zu erhalten, und damit das Reifezeugnis für die Universität.

Ein Vierteljahr später befand ich mich auf der Hochschule einer mitteldeutschen Residenzstadt, die wegen ihres jovialen ungebundenen Charakters besonders berühmt war. Ich war jetzt bald neunzehn Jahre alt, und von der väterlichen Zensur und verwandtschaftlichen Überwachung endlich befreit, hoffte ich, jetzt hinter alle die Rätsel und Geheimnisse zu kommen, mit denen meine Phantasie sich bis dahin so abgemüht und gemartert hatte. Ich hatte mich an einen jungen, süddeutschen Studenten angeschlossen, der nicht, wie ich, Theologie studierte, sondern sich dem medizinischen Fach zugewandt hatte, und der weit besser als ich im großen Leben Bescheid wußte. Nach etwa vier-wöchentlichem Verkehr nahm mich mein Freund eines Abends spät beim Nachhausegehen unterm Arm und flüsterte mir merkwürdige, unerhörte Dinge ins Ohr: von dem Besuch eines versteckt gelegenen Hauses, wo auf ein bestimmtes Klingelzeichen hin ein Haufen prachtvoller, schillernder, verführerischer Geschöpfe mit weißer Haut und goldenen Haaren hervorbreche, um dem Gast seine Dienste anzubieten. Man gebe ein Geschenk, ein Gastgeschenk, das sei so üblich. Man wähle sich eines der Geschöpfe aus. Mit der verschwinde man dann auf eine Stunde. Alles übrige ergebe sich von selbst. Ich solle nur unverzagt sein! - Wie ein Blitz fuhr es mir durch den Kopf: Sollte ich hier einen Eingang in jenes Reich der Kolibrigeschöpfe finden, nach deren Existenz ich seit fast sechs oder sieben Jahren im geheimen fahndete? - Mit pochendem Herzen folgte ich meinem Freund, der sich über meine Unkenntnis und mein Verzagtsein nicht wenig belustigte. Wir gingen abseits von der Hauptstraße durch schwarze Gassen, dann durch schwarze Gäßchen, es wurde immer stiller. Durch das Sträßchen, durch das wir zuletzt gingen, lief in der Mitte eine Gosse; wir mußten rechts und links weit ausschreiten, um uns nicht zu beschmutzen. Keine Menschenseele begegnete uns. Endlich hielten wir an einem himmelhohen, schwarzen, nur drei Fenster breiten Haus, zu dem eine steinerne, wacklige, geländerlose Stiege emporführte. Mein Freund schellte. Gleich darauf öffnete sich die Tür leise; ein Flüsteraustausch und wir gingen einen steinernen, nur mattbeleuchteten Gang entlang, dann eine holperige, steile Treppe empor. Ein Griff auf eine Türklinke: mein Freund schob mich in einen hell und blinkend erleuchteten Raum, in dessen Wandspiegeln sich ein tausendfach facettiertes Licht brach, und in dem uns ein helles, nie vernommenes Kichern und Lachen umschwirrte. Auf den Sofas und weichen Lederstühlen saßen und lagen prächtige, kostbargeartete, helle, phantastische Wesen mit purpurroten Lippen, blitzendweißen Zähnen, langen Haarsträhnen, kalkweißen Halskrausen und nackten Armen, sie schauten uns mit hellen, bachklaren Augen an, als sähen sie heute zum erstenmal Menschen in runden Beinrohren und eingezwängten Tuchröcken. Mein Freund sprach längere Zeit leise mit einer vornehmen Dame in Schwarz, die in jeder Hinsicht dem gewöhnlichen Menschengeschlecht anzugehören schien; dann, auf einen Wink, sprang eines der schlankesten, aalglatten Geschöpfe mit einer gilfenden Lache auf, schlang ihren weichen, langen Arm um meinen Hals und schleppte mich fort aus dem Zimmer, eine Stiege höher, in ein kleines, ebenfalls prachtvoll erleuchtetes Gemach, in dem alles aus Kristall zu sein schien. Eine Menge Fläschchen, Näpfchen und Väschen mit irisierender Oberfläche standen umher, und die Luft drang mir, wie mit tausend schweren Gedanken beladen, in die Nase. Ehe ich mich's versehen, hatte das schlüpfrige Geschöpf eine Hülle nach der anderen abgeworfen, und plötzlich stand vor mir, strahlend in Gold mit schwarzer Einfassung, jenes Orangebild aus dem Schaufenster, meine zierliche Idealgöttin mit jener safranenen Hülse um den Leib, Taille und Brust, die ich seitdem so oft als Hirngespinst vor mir gesehen hatte, in der Nacht, bei Tag, im lateinischen Klassenzimmer. Aber nicht tot, ausgestopft, mit abgehacktem Hals, herausgezogenen Armen und Beinen, sondern lebend, vibrierend, als Ganzgeschöpf, mit schneeweißem Hals, goldbesträhntem Kopf, blühenden Beinen, herumfegenden Armen, gellenden Trillern. Um die Mitte des Körpers zog sich jener prachtvolle orangene Menschenbalg mit schwarzer Einfassung, an dessen oberem Rand zwei bläulichweiße Ballen mit Karminspitzen quellend hervordrangen. »Du unvergleichliches Wesen!« rief ich und stürzte mit einem Schlag auf die Knie, »dich kenn' ich, seit zehn Jahren such' ich dich, du erscheinst mir im Traum und bei Tag in einsamen Stunden. Du warst im Besitz eines ekelhaften, schwarz geschniegelten Juden! Wie bist du aus jenem Schaufenster herausgekommen? Wo hast du diese wunderschöne, orangene Hülse her? Du bist ganz Duft, Kolibri und Goldhaar! Kann man dich kaufen? Du bist der Inbegriff all meines Glücks auf dieser Erde. Ich würf' die ganze Theologie zum Teufel, wenn ich dich besitzen könnte; einerlei, kommst du aus dem Himmel oder aus der Hölle. Du bist köstlicher als der Feuersalamander. Deine Haut ist ganz Opal und Onyx. Du duftest nach Sandelholz. Deine Bewegungen sind wie Seidenkirschen. Was tust du mit jenen quellenden Kugeln, die wie flüssiger Granit oben aus deiner Brust hervorzubrechen drohen, um uns zu zermalmen? Lebst du in besonderer Luft? Nimmst du Speise zu dir? Werdet ihr in Wagen gefahren, weil man euch nie auf der Straße sieht? Hast du damals das Schaufenster zerschmettert, und bist dem Aquariumbesitzer, dem Juden, davongelaufen? Lebst du hier glücklich? Bist du aus Glas? Oder Seidenstoff? Oder Orangefarbe? Oder Muschelmasse? Kann man in dich hineinbeißen...?« - Ich weiß nicht, wie lange ich so gesprochen, noch was ich getan habe, noch, was mit mir geschehen ist. Das köstliche Wesen schaute mich lange starr mit ihren tiefen Forellenaugen an, sie entblößte die obere, weiße Zahnreihe, ihre Hände waren nach mir ausgestreckt. Dann weiß ich nichts mehr. Ich muß bewußtlos geworden sein. Und kam erst wieder zu mir, als ich die wacklige, steinerne Treppe in dem schwarzen Gäßchen hinunterstieg und die frische Luft mich wieder zu mir selbst brachte. Mein Freund hatte mich bei der Hand. Er machte mir bittere Vorwürfe, ich hätte nicht das richtige Benehmen an den Tag gelegt. Er gab mir eine schwulstige, geschraubte, ekelhafte Erklärung über die Bedeutung dieses Hauses und seiner Insassen, die ich zum größten Teil nicht verstand, zum anderen Teil überhörte in der Fülle inneren Glücks über das Geschehene und Genossene. Die ganze Nacht war mein Kopf voll jener Sandelholzgerüche und Ausdampfungen aus den Kristallschalen und -fläschchen der Orangefee.

Ich zog mich jetzt ganz zurück aus dem Studentenleben. Der offene Verkehr mit meinesgleichen und das harmlose Plaudern und Lachen über Dinge, die mein Innerstes brutal berührten, war mir ein Greuel. Ich lebte ganz meinem Innenleben und baute dort aus den wenigen farbigen Bausteinen, die ich der Außenwelt und meinen paar Erlebnissen, im Hinblick auf jenes Feengeschlecht, entnommen, eine phantastische, gelbe, korsettierte Welt auf, an der ich mich fabelhaft ersättigte.

Um nicht unterzugehen, stürzte ich mich mit fürchterlicher Energie auf mein theologisches Studium. Und nicht ohne Erfolg. Ich fühlte jetzt ganz genau jene Zweiteilung in mir vorgehen, die schon in frühester Jugend bei mir begonnen: jene spontane, von der Phantasie eingenommene Sphäre, in der ich unkontrollierbar schuf, kreierte, produzierte, und aus der ich meist jenes kostbare, meinen Farben- und Formendurst stillende, gelbe Geschlecht hervorholte; und die zweite, die Verstandessphäre, wo ich, unter Zusammennehmen aller fünf Sinne, keuchend wie ein Roß, meine Daten und Geschichtsquellen memorierte, und die trübe, fade Außenwelt mit ihren Erscheinungen auswendig lernte.

So kam mein Examen herbei. Ich bestand es glänzend. Durch meinen eisernen Fleiß hatte ich die erste Note errungen und erhielt vom Regierungsvertreter die Aussicht, im Laufe des nächsten Vierteljahres angestellt zu werden. Ich war glücklich zum Emporjauchzen. Und dabei traurig zum Hinsinken. Mein alter ego war unzufrieden. Und ich fühlte in meinem Innern eine höhnische Stimme, die sich über meinen äußeren Erfolg lustig machte.

Ich eilte nach Hause zu meinen Eltern, wo ich mit großer Freude empfangen wurde. Jetzt, wo meine Aussicht auf Versorgung so gut wie gewiß war - ich war inzwischen neunundzwanzig Jahre alt geworden - sprach mein Vater zum erstenmal mit mir über Verheiratung, über die Süßigkeit der Liebe. Er schmatzte dabei mit dem Munde. Ob ich noch kein Gefallen an dem anderen Geschlecht gefunden? Ich glotzte ihn groß an und sagte, ich wisse nicht, was er wolle. Hätte nie davon gehört. Der Gegenstand sei mir zuwider. Ich wüßte Besseres. - Aber eine andere Befriedigung wurde mir zuteil. Mein Vater hatte für mich die Erlaubnis erwirkt, am folgenden Sonntag an seiner Stelle die Kanzel besteigen zu dürfen und damit meine Antrittspredigt zu halten. Dies war ein mächtiger Sporn für meinen Ehrgeiz. Ich nahm einen Prachttext aus dem Korintherbrief und komponierte eine fulminante Predigt. Sie war am Donnerstag fertig. Ich hatte jetzt noch zwei Tage zum Memorieren. Die Sache ging mit Spaß. Ich war nie so frisch und munter bei der Arbeit gewesen.

Am Sonntag früh in der Sakristei, nachdem ich den Chorrock angelegt hatte, ging ich, während die Gemeinde den Zwischenchoral sang - ich vergesse, welchen - langsam und überlegend auf den Steinfliesen auf und ab. Plötzlich wurde mir merkwürdig zumute. In meinem Innern schien etwas vorzugehen. Mich überfiel die Angst, es könne in meinem Innern sich etwas ereignen, über das ich nicht mehr die Kontrolle hätte. Ich hatte die Empfindung, auseinanderzugehen wie eine Maschine. Und als ob ich bei diesem Auseinandergehen ruhig zuschauen müßte, ohne etwas tun zu können. Diese Angst vor dem Kommenden war die Quelle meiner Beunruhigung, nicht die erste Sensation selbst, die nur überraschend und merkwürdig war. - Doch war ich nach einigen Minuten wieder frei und bestieg die Kanzel. Ich begann meine Predigt äußerlich ruhig und ohne Befangenheit. Die Worte flossen wie von selbst. Aber schon nach wenigen Sätzen merkte ich, wie jenes Sakristeigefühl wiederkam. Und nun konnte und mußte ich zusehen, was geschah! Während meine Predigt ruhig und sicher wie eine Spule abrollte, begleitet von guten Gesten und sicherem Tonfall, merkte ich, wie sich in meinem Innern etwas ablöste, wie ein Maschinenteil davonrannte. Und nun erinnerte ich mich, wie ich schon als Knabe immer pensiv war, und wie meine Seele während der Predigt davonlief. Unwillkürlich schaute ich hinunter auf die Kirchenbänke: da saß ich, als Junge, mit gläsernem, starrem Blick und hörte gleichzeitig die breite, widerhallende Predigerstimme meines Vaters. - In diesem Augenblick wurde ich durch eine plötzliche Stille unterbrochen. Ich muß wohl zu predigen aufgehört haben. Ich erkannte jetzt die Situation; ermannte mich, räusperte und begann von neuem fest entschlossen, keiner Verführung mehr nachzugeben.

Aber meine Seele hatte ihre Reise schon begonnen. Und nun mußte ich mit. Mit auf die Lateinschule. Mit in das Haus meines Onkels. Mit durch die schwarzen Straßen der Residenzstadt. - Krampfhaft klammerte ich mich an meinen memorierten Predigttext und suchte mein Inneres zu überschreien. Als ich an die Stelle kam - in meiner Seelengeschichte - wo ich im Auftrag meiner Tante jenen abendlichen Gang zu machen hatte, sah ich mit einem Male, wie ein langgestreckter Jude, etwa in der Höhe der Kanzel, quer durch die Luft zu mir kam. Ich erschrak und wunderte mich, wieso der Kerl in der Luft schweben könne; ich entdeckte aber bald, daß er, wie ein Kronleuchter, hinten am Rücken durch ein starkes Seil befestigt war, welches oben an der Kirchendecke mündete. Vor sich her schob der Jude, mit einem freundlichen Grinsen zwischen seinem schwarzen Bart, jenes orangegelbe Wesen, welches mich durch so viele Jahre begleitet hatte. Ich war außer mir über die Störung und betrachtete meinen Chorrock, der mit gelben, fetten Lichtern wie übergossen war. Ich winkte den Juden fort, und ließ deutlich erkennen, wie unangenehm mir der Besuch sei, und wie sonderbar sein Benehmen, sich mit Hilfe des Kirchendieners mittels eines Strickes so hoch herabzulassen. Er blieb aber genau wo er war und lächelte fortwährend in gleicher Weise. - Bis dahin hatte ich mit der äußersten Anstrengung meinen Predigttext nicht verlassen. Aber jetzt, als ich eben zum zweiten Teil überging, geschah etwas Unerhörtes. Die Glastüren, die zur Galerie der Kirche, zur Empore führten, wurden zu beiden Seiten aufgerissen, und meine früheren Gymnasialkameraden von der ersten und zweiten Klasse stürmten mit ihren Büchern herein, nahmen die Sitze rings um die Galerie ein, und nach einigem Schnaufen und Flüstern hörte ich, wie einige lautgellend, lachend riefen: »Ei, das ist ja der Korsetten-Fritz!« - Und »Korsetten-Fritz! Korsetten-Fritz!« folgte es jetzt im Chor. Anfänglich wollte ich die Störung nicht beachten; zumal ich überzeugt war, daß die jungen Leute exemplarisch bestraft würden. Als aber die höhnenden Zurufe immer ärger wurden, fing ich an hinaufzudrohen und zuletzt hinaufzuschimpfen. Der Genuß meiner Predigt wurde dadurch natürlich wesentlich verkümmert. Nun wurde auch die Gemeinde unruhig und begann zu murren. Gegen die Demonstranten. Zuletzt wurde der Lärm so arg, daß der Kirchendiener zu mir auf die Kanzel kam, und mich bat, plötzlich abzubrechen, mein Vater erwarte mich dringend in der Sakristei. Damit verließ ich die Kanzel.

Nach sechs Wochen wurde ich hierher in ein Haus gebracht, von dem es heißt, es sei die Irrenanstalt. Und von hier aus schreibe ich diese Zeilen, meine Lebensgeschichte, auf Wunsch des Direktors nieder. Man sagt mir, ich litte an Halluzinationen, an Gesichts- und Gehörtäuschungen. Davon kann keine Rede sein. Ich verlange vor allem eine gerichtliche Untersuchung über jene Vorgänge in der Kirche und eine Verhaftung des Kirchendieners, der jenem Juden den Strick gegeben hat zum Sichherablassen. Diejenigen, die jene Vorgänge leugnen, beweisen damit, daß sie in ihren Sinnen krank, oder an jenem Komplott beteiligt sind. Was allein an der ganzen Sache merkwürdig ist, ist, daß jene Jungens, die damals auf der Empore »Korsetten-Fritz« schrien, aussahen, als wären sie sechs bis acht Jahre jünger, als sie wirklich zur Zeit sein mußten. Denn diese Zeit ungefähr hatte ich sie nicht mehr gesehen. Daß sie ihre Haare genauso gescheitelt trugen, dieselben Anzüge anhatten, und, täuschend, die gleichen Bücherbündel, mit Riemen zusammengehalten, mit der gleichen ungezogenen Manier trugen, wie vor sechs, acht Jahren, darin allein liegt das Merkwürdige. Das ist aber offenbar bestellte, fabrizierte Sache.


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