Autorenseite

 << zurück 

Zweiter Akt.

(Dieselbe Dekoration.)

 

Erste Szene.

Schümann. (durch die Mitte kommend). So!   die Pferde hätten ihr Trinken bekommen!   aber wie mir das sauer wurde!   (Schneidet Grimasse.) Au!   mir ist die Schulter noch, als wenn sie verrenkt wäre! und der Arm, wie abgebrochen! Gott sei Dank, daß der Schirm stürzte! Das war meine Rettung! Was schlägt der Kerl aber auch für eine Faust!   Braun und blau bin ich geworden!     Aber der Herr Doktor und das Fräulein noch immer nicht wieder da?!   Und was ist doch alles in der kurzen Zeit schon passiert!   Ha!   nun laß mir die Auguste aber mal in den Rachen laufen.   (Es wird angeklopft.) Da klopft schon wieder, was!   Herein!

 

Zweite Szene.

Woldsen. Schümann.

(Woldsen durch die Mitte kommend.)

Schümann. Natürlich auch so'n Heiratskandidat!

Woldsen. Heiratskandidat? Mensch, woher wissen Sie?  

Schümann. Kommen Sie denn nicht auch wegen der Annonce?

Woldsen. Aber da hört doch alles auf!   Einen solchen Scharfblick hat selbst nicht der gewiegteste Kriminalbeamte!  

Schümann. Auf welche haben Sie es denn abgesehen? Auf die Auguste oder auf das Fräulein?   Aber nun hab' ich nichts mehr mit der Sache zu tun!   Nun trägt der Herr Doktor die Verantwortung selber!   Er ist nur eben noch mal zu einem Kranken gegangen, und das Fräulein begleitet ihn!  

Woldsen. Weiß ich ja!   Ich sah sie doch fortgehen! Kennen Sie mich denn nicht?

Schümann. O, schon längst!   Sie sind ja der Herr Rechtsverdreher von da drüben!   Und sie sah'n den Herrn Doktor und das Fräulein fortgehen und kommen doch?     Ha! dann wollen Sie die Auguste!     O Welt! O Welt!  

(Ab durch die Mitte.)

Woldsen. 'n schnurriger Kauz, aber 'n feine Nase!   Sagt der Mensch mir alles, was ich will und entdeckt mir meine geheimsten Gedanken!     Aber hinsichtlich der Auguste war er doch im Irrtum!   und wiederum doch auch nicht!   Denn fürs erste will ich doch nur sie!   Ich muß wissen, wer den Ring gefunden hat und wie er beschaffen ist,   und das muß sie mir sagen!     Aber wie lock' ich es ihr nur am besten heraus? Ich glaube, sie ist sehr gerieben!     Na, wofür wäre ich denn Jurist? Und eine schwache Seite haben sie alle,     das ist die Eitelkeit!     Ich werde ihr, wie solche Kammerkätzchen es ja nicht anders gewohnt sind, in etwas realistischer Weise die Kur schneiden,   dann wird sie auftauen und mir's sagen,   und dann       dann hab' ich den Ring verloren,   und die Anknüpfung einer Bekanntschaft mit dem Vater und mit ihr! (zärtlich und pathetisch) ach, ihr!   wäre dann so gut wie geschehen!

Auguste. (aus dem Nebenzimmer kommend mit einem Frühstücksservice).

Woldsen. Da kommt sie!

 

Dritte Szene.

Auguste. Woldsen.

Auguste. (sichtlich erschrocken, für sich). Ha, unser vis à vis!

(Sie setzt das Service irgendwo hin.)

Woldsen. Warum so ängstlich, schönes Kind? Ich bin doch kein Bär?

Auguste. (schelmisch, etwas lachend). Nein, aber vielleicht ein Fuchs, der sich eine Taube fangen möchte!   Nur schade, daß sie schon davongeflogen.

Woldsen. Selbst 'n kleine Taube!

Auguste. (schelmisch, neckisch). Das Fräulein ging vorhin mit ihrem Vater nach der Feldstraße!  

Woldsen. Ich sah sie beide fortgehen!  

Auguste. (freudig, verlegen). Und doch, und doch kommen Sie herüber?        

Woldsen. Versteht sich, wegen des Ringes.  

Auguste. (schnell, zum Publikum) Ah, schade!    

Woldsen. Vielleicht waren Sie die glückliche Finderin?  

Auguste. Ich? nein, mein Fräulein war es!  

Woldsen. (freudig.) Ihr Fräu? ...

Auguste. Und Sie hätten ihn verloren?

Woldsen. Je nachdem!   Es kommt darauf an, wo er gefunden ist.

Auguste. Draußen in den Anlagen, bei der Bank unter der Linde    

Woldsen. Richtig!   Das stimmt schon! bon! Ist 'n hübscher Ring, nicht wahr?  

Auguste. 'n reizender Ring!   Schade, daß es kein Damenring ist, dann hätte ich das Fräulein schon längst gebeten, ihn mir zu schenken!  

Woldsen. Also 'n Herrenring, bon!     Und der Stein?   Wie gefällt Ihnen der Stein?   Die Farbe ist etwas unbestimmt, nicht ganz rein. Es ließe sich darüber streiten.   Wofür halten Sie dieselbe?

Auguste. Ich?   (beiseite.) Er will mich auspumpen, na, warte, du Krimstecher! (Zu Woldsen.) Ich begreife nicht, wie man darüber noch zweifeln könnte!   Der Stein ist doch unbedingt ein grüner!

Woldsen. Das mein' ich auch! grün,   bon! gar keine Frage!     aber wie finden Sie die Größe des Reifens im Verhältnis zur Größe des Steins?

Auguste. Sehr passend, Herr Referendar!   Zu einem so breiten Reifen gehört auch ein großer Stein!

Woldsen. Großer Stein   breiter Reifen  

Auguste. (schnell, spöttisch) Bon!

Woldsen. (Auguste anfassend) Mädchen, das klingt ja wie Spott!

Auguste. (versucht es, sich loszumachen) Aber, Herr Referendar! (Lacht.) Ha! Ha! Ha! Ha!

Woldsen. Am Ende haben Sie mir was vorgeflunkert?!

Auguste. (wie vorher). Wie können Sie das nur denken. (Lacht.) Ha! Ha! Ha! Ha!   Aber Herr Referendar, lassen Sie mich los! (Lacht.) Ha! Ha! Ha! Ha!  

Woldsen. Nicht, bevor ich weiß, woran ich bin!

Auguste. (wie vorher, sucht sich loszumachen). Aber der Herr Referendar vergreifen sich ja, ich bin doch nicht das Fräulein! (Lacht.) Ha! Ha! Ha! Ha!

Woldsen. Aber doch ihre reizende kleine Zofe!     Ich bitte, sagen Sie mir die Wahrheit!

Auguste. (wie vorhin). Ich tat es ja! (Lacht.) Ha! Ha! Ha! Ha! Aber lassen Sie mich los, es sieht jemand ins Zimmer!

Woldsen. (sie loslassend). Wie? Wo denn!

Auguste. (nach dem Fenster zeigend). Da, dort! Seh'n Sie denn nicht?   'n Herr mit 'n großen Krimstecher! (Lacht.) Ha! Ha! Ha! Ha!

Woldsen. Ei du reizender, kleiner Schalk! (Er umfaßt sie wieder.) Nun trau ich dir erst recht nicht! Aber die Wahrheit, die Wahrheit, ich muß sie wissen!   Bitte! Bitte!

Auguste. (wie vorhin). Um Gottes willen, lassen Sie mich los, es könnte jemand kommen!

Woldsen. A bas!

(Timbke erscheint. Auguste schreit laut auf und eilt ins Nebenzimmer)

Woldsen. Da haben wir die Bescherung!

 

Vierte Szene.

Timbke. Woldsen

Timbke. (immer schüchtern, wie in seinem früheren Auftreten). Entschuldigen Sie gütig, wenn ich störte. Sie sind wohl der Herr Sohn des Herrn Doktors?  

Woldsen. Der Herr   Sohn?     Ja!   Ja!   Ich bin's!

Timbke. Und die Dame ist wohl Ihr Fräulein Schwester?

Woldsen. Mei?   Meine Schwester?   Ja!   Ja! (beiseite.) Famos!

Timbke. Das dachte ich mir gleich!   denn treffe ich es diesmal doch glücklicher!   Ich war nämlich schon einmal hier wegen des Ringes!  

Woldsen. Was?   Denn haben Sie auch einen Ring verloren?

Timbke. Leider ja! Und vielleicht könnte es doch der meinige sein!   Ich wurde ja vorhin garnicht vorgelassen.     Wenn Sie mir gütig erlauben wollten, Ihnen den Ring mal zu beschreiben?

Woldsen. Beschreiben, ja!   Aber schnell!   sehr schnell!   Ich habe nämlich die größte Eile! Mein   mein Papa,   der   der wartet auf mich!     Schnell!   Wo haben Sie den Ring verloren!

Timbke. Das weiß ich ganz genau! Draußen in den Anlagen bei der Bank unter der Linde!  

Woldsen. Nicht möglich!   Aber weiter!   Also 'n Herrenring!   Mit oder ohne Stein?

Timbke. Mit Stein!

Woldsen. Und die Farbe?   die Farbe?

Timbke. Gelb!

Woldsen. Gelb?!     Gelb sagen Sie?!  

Timbke. Ja,   'n gelber Topas!

Woldsen. 'n gelber Topas!     Aber der Reifen   der Reifen?  

Timbke. Massiv von Gold,   und dick und breit!

Woldsen. Dick und breit!

Timbke. Und als besonderes Zeichen,    

Woldsen. Als besonderes Zeichen?   bitte, schnell, schnell!

Timbke. Ja! noch zwei kleine Rosen auf dem Reifen zu beiden Seiten des Steines,   und als ein ganz besonderes Zeichen  

Woldsen. Ganz besonderes Zeichen?   Schon genug!   Tut mir leid!   Aber denn ist der Ring, den wir gefunden, doch nicht der Ihrige. Der hat nämlich 'n grünen Stein!  

Timbke. (bestürzt). 'n grünen Stein?!   Ah! Dann bin ich ja doch im Irrtum! Nehmen Sie es mir, bitte, nur nicht übel, und entschuldigen Sie gütig.   (Tiefen Diener machend.) Ihr gehorsamster    

Woldsen. (ihn unterbrechend). Adieu! Adieu! (wendet sich weg.)

Timbke. (wieder zurückkommend). Ganz grün?

Woldsen. Grasgrün!

Timbke. (mit wiederholter Verbeugung durch die Mitte ab).

Woldsen. Ja, was nun?!   Zwei Ringe?!   Die Sache wird kritisch!     Und wofür entscheid' ich mich nun?   Hier gibt es nur einen Weg, und den wähle ich: (Mit Pathos.) Jetzt hab ich schon zwei Ringe verloren!

(Rasch durch die Mitte ab. In der Tür mit Schümann zusammenrennend.)

 

Fünfte Szene.

Schümann. Woldsen.

Schümann, Woldsen. (zugleich). Au! Au!

Woldsen. (laut und unwillig). Sind Sie auch schon wieder da?   Sie Büffel! (Rasch durch die Mitte ab.)

Schümann. (ihm nachrufend). Selbst 'n Büffel! (Weiter eintretend.) Rennt der Mensch mich an bei hellem Tage! (Auguste tritt aus dem Nebenzimmer.) Ha, da ist sie!

 

Sechste Szene.

Schümann. Auguste.

Auguste. (durch die Seitentür eintretend). Der schon wieder!

Schümann. Ja, der schon wieder!     Wenn er es noch wäre, Ihr Liebhaber von drüben!  

Auguste. Mein Lieb         Ha! Ha! Ha! Ha! Sie sind doch ein komischer Kauz!

Schümann. So? 'n komischer Kauz?   Und was sind Sie denn?

Auguste. Auf alle Fälle doch noch hundert mal mehr als Sie!   Sie gewöhnlicher Dienstknecht!

Schümann. Und Sie gewöhnliches Dienstmädchen!

Auguste. (mit dem Finger ätschend). Hä! 'n Retourkutsche, Sie alter Kutscher!

Schümann. Kutscher?!     Gut!   Denn will ich Sie jetzt 'mal hinkutschieren, wo Sie hingehören,   Sie,   Sie!   Aber das Wort gewöhnlich ist noch viel zu gut für Sie!   Sie sind schon mehr 'n ordinäres   Mädchen und  

Auguste. Was? 'n ordinäres Mädchen?! Das sollen Sie mir beweisen, Sie Lügner!  

Schümann. Sind Sie es denn nicht?   Noch wilder als die wildeste von allen!

Auguste. O, Sie boshafter Mensch, Sie!   (Von jetzt an beide sehr schnell.)

Schümann. Ihre Liebhaber lassen Sie zu sich ins Haus kommen!

Auguste. Das ist nicht wahr! Sie Verleumder!

Schümann. Wenn der Herr Doktor und das Fräulein nicht zu Hause sind!  

Auguste. Sie Subjekt!

Schümann. Sogar schon bei hellem Tage.

Auguste. O, Sie abscheuliches Ungetüm! (Sie stößt einen Schrei aus und sinkt, eine Ohnmacht fingierend, auf einen Stuhl! In demselben Augenblick erscheinen Dr. Grosse und Emma durch die Mitte.)

 

Siebente Szene.

Vorige. Emma. Dr. Grosse.

Auguste. (fortwährend laut weinend).

Emma. (eintretend). Mein Gott!   Was gibt es denn hier?

Dr. Grosse. Ihr macht ja einen entsetzlichen Spektakel!

Auguste. (aufspringend). Der Elende! Er hat mich schrecklich beleidigt.

Schümann. Herr Doktor, das habe ich durchaus nicht!

Auguste. (weinend). Er hat meine Ehre angegriffen.

Schümann. (schnell). Ich habe garnichts angegriffen. Wenn der Herr Doktor nur mal hören wollten!

Dr. Grosse. Ja! aber so geht es doch nicht! Einer zur Zeit!   Auguste, sprich du!  

Auguste. (weinend). Er hat mich 'n ordinäres Mädchen geschimpft!

Dr. Grosse. So?

Emma (zugleich). Nicht möglich!

Auguste. (weinend). Er hat gesagt, daß ich meine Liebhaber bei hellem Tage hier ins Haus ließe, wenn der Herr Doktor und das Fräulein nicht zu Hause wären!

Schümann. Das tut sie auch!

Dr. Grosse. Aber Schümann!

Emma. (schnell). Pfui Schümann!

Auguste. Und das kommt doch alles nur von der Annonce!

Schümann. Ja, gerade von der Annonce, Herr Doktor! Aber nun lassen Sie mich auch mal sprechen.   Sie ist 'n Verführerin!

Auguste. O wie schändlich!

Schümann. Sie hat das Fräulein verführt!

Emma. (schnell). Mich?!

Schümann. Und die Köchin auch! Sie haben 'ne Heiratsannonce in die Zeitung einrücken lassen, und das Haus wimmelt auch schon von Liebhabern!

Emma. (lachend). Ha! Ha! Ha! Ha! Ist das nicht köstlich, Papa?!

Dr. Grosse. Aber Schümann, das war ja eine ganz unschuldige Annonce!

Schümann. So? unschuldige Annonce?! Ja, freilich, wenn der Herr Doktor selber die Erlaubnis dazu gegeben! Aber der Herr Doktor sollten nur mal alles gesehen haben, was ich schon gesehen!

Dr. Grosse. Du? Nichts hast du gesehen, als Hirngespinste!   Du schwätzest Unsinn, Schümann, und befindest dich in einem großen Irrtum!

Schümann. So? Irrtum? Ha!

Dr. Grosse. Ja, Irrtum! Den ich dir gleich klar machen werde!

 

Achte Szene.

Vorige. Johanna.

Johanna. (durch die Mitte kommend, bleibt aber in der Nähe der Tür stehen). Der Referendar von drüben lassen bitten!

Emma, Auguste. (zugleich, schnell). Er?!

Schümann. (schadenfroh, schnell). Na? Ha?   Was hab' ich gesagt?

Dr. Grosse. (zu Johanna). Ist mir angenehm.

Johanna. (ab durch die Mitte).

Emma. (schnell, konsterniert, erregt). Auguste, komm!

Auguste. (schnell). Ja, Fräulein! (Beiseite zu Emma.) Er war schon einmal hier!   Ich werde Ihnen gleich alles sagen!  

Emma. (wie vorher) Komm! Komm! (Beide ab in das Nebenzimmer, wo Emma Hut und Jacke abnimmt).

Schümann. (schadenfroh). Na, sehen Sie wohl? Sehen Sie wohl?

Dr. Grosse. Ach was! Gar nichts seh' ich!   Schümann, geh'! Ich werd' es dir nachher alles erklären!

Schümann. Schön! Ich gehe!   Aber nun braucht der Herr Doktor mir schon garnichts mehr zu erklären; nun erklärt es sich alles schon von selber!

(Schümann ab durch die Mitte. Er rennt in der Tür gegen den Referendar an, der gerade im Begriff ist einzutreten.)

Schümann, Woldsen. (zugleich). Au! (Sich eine kurze Pause wütend ansehend, dann zugleich.)

Schümann, Woldsen. Schon wieder!

(Schümann ab durch die Mitte.)

 

Neunte Szene.

Woldsen. Dr. Grosse.

Woldsen. Entschuldigen Sie, Herr Doktor, diese unfreiwillige Komik meines Auftretens!

Dr. Grosse. Ich bedaure sehr!   Sie haben sich doch nicht weh getan?

Woldsen. O, nein! durchaus nicht!

Dr. Grosse. (auf den Stuhl Nr. 12 zeigend). Aber, bitte, wollen Sie nicht Platz nehmen?

Woldsen. Danke sehr! (Beide setzen sich, Woldsen auf Stuhl 12, Dr. Grosse auf Stuhl 11.) Ich bitte Sie vorerst, Herr Doktor, es gütig entschuldigen zu wollen, wenn ich als ein Ihnen noch so ganz Fremder mir die Freiheit nehme,  

Dr. Grosse. O bitte!   Aber so ganz fremd doch nicht mehr! Wir wissen doch beide schon längst von einander, daß wir Nachbarn sind.   Und wenn ich mir nun erlauben darf, was verschafft mir die Ehre?

Woldsen. Ein recht sonderbarer Zufall!   Ich habe nämlich in der Zeitung gelesen, daß hier ein goldener Ring gefunden!

Dr. Grosse. Ja, dann will ich meine Tochter gleich rufen, sie hat ihn nämlich gefunden!   (Er steht auf.)

Woldsen. (gleichfalls aufstehend). Nein, bitte, vorher noch eins!

Dr. Grosse. Nun?

Woldsen. Auf die Gefahr hin, daß es Ihnen fast unglaublich erscheinen könnte, muß ich Ihnen doch sagen, daß ich während der letzten Zeit im Verlieren ein wahrer Pechvogel gewesen bin.

Dr. Grosse. Ah, das ist ja recht unangenehm!

Woldsen. Ja, denken Sie sich, ich habe das unglaubliche Pech gehabt, in einer Zeit von vier Wochen zwei Ringe zu verlieren.

Dr. Grosse. (kopfschüttelnd). Ah! Ah!

Woldsen. Und nun gestatten Sie mir gütig zugleich noch eine Bitte!  

Dr. Grosse. Sehr gern!   und die wäre?

Woldsen. Daß Ihr Fräulein Tochter mir den Ring nicht eher zeige, als bis ich ihr und Ihnen die von mir verlorenen beiden Ringe genau beschrieben habe.

Dr. Grosse. Aber, Herr Referendar!

Woldsen. Ich bitte inständigst darum; denn nur unter dieser Bedingung könnte ich den gefundenen Ring eventuell als mein Eigentum wieder zurücknehmen.

Dr. Grosse. Ja, wenn Sie es denn durchaus wollen    

Woldsen. Ich bitte sehr!

Dr. Grosse. Gut, so werde ich Ihnen Ihren mir freilich ganz überflüssig erscheinenden Wunsch natürlich gern erfüllen. (Er steht auf, Woldsen gleichfalls. Dr. Grosse geht vor die Tür des Nebenzimmers, öffnet sie ein wenig und ruft.) Emma! bitte, mein Kind!

Emma. (noch im Nebenzimmer). Ja, Papa, ich komme! (Sie tritt ein.)

 

Zehnte Szene.

Vorige. Emma. Auguste.

Auguste. (abwechselnd durch die Türspalte).

Dr. Grosse. (vorstellend). Der Herr Referendar Woldsen,   meine Tochter! (Beide die entsprechende Verneigung machend.)

Emma. (nach einem Stuhl zeigend). Aber, bitte, Herr Referendar!

Woldsen. Danke, gnädiges Fräulein! (Alle drei setzen sich.)

Dr. Grosse. Ja, mein Kind, da haben wir schon den Eigentümer des gefundenen Ringes!

Emma. (schnell). Ah, das freut mich sehr!

Auguste. (steckt den Kopf durch die Tür).

Dr. Grosse. Aber der Herr Referendar bittet inständigst darum, daß wir ihm den gefundenen Ring nicht eher zeigen, als bis er uns den von ihm verlorenen genau beschrieben hat.

Auguste. (durch die Türspalte schadenfroh). Aha!   Angebissen! (Ab.)

Emma. (zu Woldsen). Ah, das würde ja scheinen, als ob wir in Ihre Aufrichtigkeit ein Mißtrauen setzten!

Dr. Grosse. Ganz recht, mein Kind!

Woldsen. Aber in meinen Augen durchaus nicht, gnädiges Fräulein. Ich stehe ihnen ja eigentlich noch als ein Fremder gegenüber,   und überdies als Jurist finde ich es nicht mehr als hergebracht und durchaus keine Beleidigung für mich darin, wenn wir hier nicht anders verfahren, als in jedem gleichen Falle die Polizei oder das Gericht verfahren würde. Also, bitte, ja? Sie gestatten es?  

Auguste. (sieht durch die Tür).

Emma. (zögernd). Ja, wenn Sie es denn durchaus nicht anders wollen! (beiseite.) Der Verblendete!

Woldsen. Ich danke Ihnen herzlichst!   Und nun gestatten Sie mir weiter!     Mutmaßlich, ich möchte fast sagen unzweifelhaft, habe ich den Ring da draußen in den Anlagen verloren, wo die Bank steht unter der großen Linde.    

Emma. Es ist dieselbe Stelle, wo ich ihn gefunden habe.

Dr. Grosse. (schnell). Na, sehen Sie wohl, kein Zweifel mehr!

Emma. (beiseite). Der Arme dauert mich!

Auguste. (schnell durch die Tür). Mich gar nicht!

Woldsen. Aber nun der Stein, mein Fräulein!

Auguste. (durch die Tür schadenfroh). Aha, der Stein!

Woldsen. Ein grüner Stein, und der Reifen  

Dr. Grosse. Ah,   Ah,   das   stimmt    

Woldsen. (schnell, erfreut). Stimmt!   Stimmt, sagten Sie?!

Dr. Grosse. Das stimmt ja nicht!  

Woldsen. (erstaunt). Wa   s? nicht?!

Emma. Leider nein! Ich bedaure sehr! (aufstehend.) Aber Sie können sich sofort davon überzeugen.  

Woldsen. (schnell). Bitte, nein! Ich habe nämlich   (beiseite.) O dieser Kobold!

Auguste. (durch die Tür, schnell). Das für den Krimstecher!

Dr. Grosse. Der Herr Referendar hat nämlich noch einen Ring verloren!  

Auguste. (durch die Tür). Ah!

Emma. Wie? Noch einen?

Woldsen. (verlegen). Ja! Ja!   Noch einen, gnädiges Fräulein,   da könnte es doch vielleicht     vielleicht der andere sein!   (beiseite, schnell.) O diese Kammerkatze!  

Auguste. (durch die Tür, schnell). Danke!

Emma. Zwei Ringe? Denn wird es sicherlich der andere sein!  

Dr. Grosse. (schnell). Gar keine Frage!

Woldsen. (verlegen). Ja,   hoffentlich!   (Beiseite.) Gott geb' es!   (Zu Emma und Dr. Grosse.) Es klingt zwar etwas sonderbar;   aber den kann ich faktisch auch nirgends anderswo verloren haben als da bei der Bank unter der Linde,     dort   sitz' ich nämlich so oft,   es   es ist mein Lieblingsplatz!    

Auguste. (durch die Tür, schnell). Der Windbeutel!

Woldsen. (verlegen). Aber nun der Ring   und der     der   hatte einen gelben Stein!

Auguste. (durch die Tür, erstaunt, schnell). Ah, was ist das?!

Emma. (erfreut). Einen gelben Stein!   Getroffen!

Dr. Grosse. (schnell). Na, seh'n Sie wohl?!

Woldsen. (verlegen). Und der Reifen,   der Reifen   freilich auch wie der andere dick und breit!

Emma. (erfreut). Das stimmt!

Woldsen. (erfreut, schnell). Stimmt, sagten Sie?

Dr. Grosse. (schnell). Kein Zweifel,   Ihr Ring!    

Woldsen. (noch etwas verlegen). Und so auf dem Reifen,   zu beiden Seiten des Steines   zwei kleine Rosen!

Auguste. (durch die Tür, schnell). Ha, was hör ich!

Emma. (erfreut). Ja, ja!   zwei kleine Rosen!

Woldsen. (schnell). Ja, Rosen!   (beiseite.) Gott sei gedankt!

Auguste. (durch die Tür). Der Spitzbube! (Ab).

Dr. Grosse. (schnell). Na, hab' ich das nicht gleich gesagt?

Emma. (aufstehend). Aber nun darf ich Ihnen den Ring doch übergeben? (Geht nach der Tür des Nebenzimmers.)

Dr. Grosse. (schnell). Versteht sich! (Ihm die Hand gebend.) Na, Herr Referendar, ich gratuliere!  

Emma. (die Tür ein wenig öffnend). Auguste, bringe mir schnell mal den gefundenen Ring!   Er liegt im Nähkorb' auf meiner Kommode.

Auguste. (hinter der Tür rufend). Ja, Fräulein!

Emma. (wieder zurückgehend, zu Woldsen). Nur noch einen Augenblick, Herr Referendar. Es freut mich sehr, Ihnen den verlorenen Schatz wieder zurückgeben zu können!

Dr. Grosse. Ja wirklich! mich auch, Herr Referendar!  

Woldsen. Und mich nicht minder, gnädiges Fräulein!   Ich danke Ihnen herzlichst, und ich würde mich sehr glücklich schätzen, wenn Sie und Ihr Herr Vater es mir vergönnen wollten, dieses Haus so liebenswürdiger Nachbarn, in das mich heute der Zufall hineingeführt hat, auch später einmal wieder betreten zu dürfen!  

Dr. Grosse. O, gewiß, sehr gern!   Sie werden stets willkommen sein!

Woldsen. (zu Emma). Und auch Ihnen, mein Fräulein?

Emma. (etwas verschämt). Mir wie meinem Papa!     Aber, Auguste bringt uns ja gar nicht den Ring! (Sie geht nach der Seitentür und ruft durch dieselbe.) Auguste, wo bleibst du denn mit dem Ring?

 

Elfte Szene.

Vorige. Auguste.

Auguste. (durch die Seitentür kommend, bei der Tür stehen bleibend) Ach, Fräulein!   Entschuldigen Fräulein, bitte!   Ich habe Malheur gehabt!

Emma. Ah! Was denn!

Auguste. Als ich den Ring aus dem Nähkorb' nahm, entfiel er mir,   und es wollte mir nicht gelingen, ihn so schnell wieder zu finden. Vielleicht ist er unter die Kommode gerollt!

Emma. Ja, dann muß ich nur selbst den kleinen Deserteur wieder einfangen helfen. (Gegen Woldsen.) Entschuldigen Sie, Herr Referendar!

Woldsen. O bitte!

Emma. Nur einen Augenblick! (Ab mit Auguste durch die Seitentür.)

 

Zwölfte Szene.

Dr. Grosse. Woldsen. Schümann.

Schümann. (durch die Mitte kommend). Drei Herren da draußen wünschen, den Herrn Doktor zu sprechen! Soll ich ihnen die Tür zeigen?

Dr. Grosse. Aber Schümann, bist du denn verrückt geworden?

Schümann. Verrückt?! O, ich habe meinen gesunden Menschenverstand!   Aber das beste würde es sein!   Es sind nämlich drei Heiratskandidaten!

Dr. Grosse, Woldsen. (zugleich). Was?

Schümann. Ja, drei Heiratskandidaten!

Dr. Grosse. Aber nun bin ich deiner Dummheiten doch endlich mal satt!   Ist denn heute der Teufel in dich gefahren?   Laß sie kommen!

Schümann. Gut!   Der Herr Doktor werden ja sehen! (Die Mitteltür öffnend und nach außen rufend.) Denn man herein in die Stube!

 

Dreizehnte Szene.

Schneckenberg. Timbke. Wüstenfeldt. Dr. Grosse. Woldsen.

(Schneckenberg, Timbke und Wüstenfeldt kommen im gleichmäßigen Schritt, im Gänsemarsch in schräger, nach der linken Bühnenseite gehender, aber ganz gerader Richtung hereinmarschiert. Timbke voran, dann Schneckenberg und nach diesem Wüstenfeldt, jeder in einem seinem Stande und seiner Stellung entsprechenden höchsten Sonntagsstaat und in der Rechten ein großes Blumenbukett, in der Linken den Hut tragend. Ungefähr bis zur Hälfte der Bühnentiefe vorwärts gelangt, machen sie gleichmäßig Halt und darauf gleichmäßig eine Viertelwendung von rechts nach links herum, so daß sie mit ihren Gesichtern dem Dr. Grosse und Woldsen gegenüberstehen. Alsdann gleichmäßig a tempo einen tiefen Diener machend, haben sie militärisch möglichst grade stehend und Hut und Bukett haltend, sich, möglichst wenig zu rühren und zu bewegen, feierlich ernste Gesichter zu zeigen und während der Zeit ihres Dialogs mit Dr. Grosse stets diese Stellung und Haltung beizubehalten, wobei jedoch zu bemerken, daß diese Stellung auch nicht allzuweit nach links genommen werden darf, da die Tür links frei bleiben und Johanna und Auguste genügender freier Raum gelassen werden muß, damit diese, erstere von der Mitteltür und letztere von der Nähe der Seitentür aus, hinter dem Rücken der drei Heiratskandidaten durch Zeichen und Mienenspiel ungehindert miteinander korrespondieren können.)

Dr. Grosse. Ah!

Woldsen (zugleich). (beiseite.) O weh! Der Blonde!

Schneckenberg. (stets so schnell, wie nur möglich, sprechend.) Habe die Ehre!   Mein Name Schneckenberg!  

Dr. Grosse. Und Sie wünschen?

Schneckenberg. (sehr schnell). Ja, seh'n Sie!   doch gestatten Herr Doktor zuvor,   bin commis voyageur.

Dr. Grosse. Also Reise-Onkel!

Schneckenberg. (wie vorher). Reise-Onkel, ja! commis voyageur!   Mache in Kämmen, Bürsten, Wichsen, Seifen und Ölen, nebenbei auch in Lotterielosen und Heiratsgeschäften!  

Dr. Grosse. Also da wollen Sie mir wohl eine Bürste oder Seife und Wichse, oder gar ein Lotterielos verkaufen? (Auf Timbke und Wüstenfeldt zeigend.) Aber diese da!

Schneckenberg. (wie vorher). Ja, diese da!   O nicht doch! Nichts verkaufen! (Woldsen fixierend.) Aber wenn der Herr Doktor nur gestatten wollten,   eine kurze Unterredung unter vier Augen!

Woldsen. (beiseite, schnell). Mir wird sehr schwül!

Dr. Grosse. Ist durchaus überflüssig!   Sprechen Sie nur, (auf Woldsen zeigend) dieser Herr geniert uns durchaus nicht!

Timbke. (zu Schneckenberg). Gehört ja auch zur Familie!

Woldsen. (beiseite). O weh!

Schneckenberg. (wie vorher). Dann bin ich so frei!   Komme in einer diskreten Sache. Der Herr Doktor werden meine stehende Annonce in der Zeitung wohl gelesen haben!    

Dr. Grosse. Welche Annonce?

Schneckenberg. (wie vorher). Na, die von dem wohlsituierten Herrn, der auf diesem nicht mehr ungewöhnlichen Wege  

Dr. Grosse. Ah, so! Ich erinnere!   Ja! Die Heiratsannonce!

Schneckenberg. (wie vorher). Ja, die!   fühl' mich unendlich glücklich, heut' erfahren zu haben, daß hier zwei Reflektantinnen    

Woldsen. (schnell, beiseite). Himmel!

Dr. Grosse. Zwei?!   Was sagen Sie?!

Schneckenberg. (wie vorhin). Zu dienen, Herr Doktor!   Zwei Reflektantinnen!   des Herrn Doktor Fräulein Tochter und die Zofe!

Woldsen. (schnell, beiseite). O Gott! was hör ich!

Dr. Grosse. (zu Schneckenberg). Hören Sie mal, lieber Freund, Sie interessieren mich!

Schneckenberg. (sich geschmeichelt fühlend). Ah! Ah!

Dr. Grosse. Die Sache macht mir Spaß! wirklich, außerordentlichen Spaß! Nur weiter!

Schneckenberg. (selbstgefällig und geschwätzig, wie vorhin). O, bitte, bitte! Sehr schmeichelhaft! Hab' auch schon viele glücklich gemacht. Auch mit des Herrn Doktors Köchin gesprochen! Und diese und die Auguste und (auf Timbke und Wüstenfeldt zeigend) diese da! (Timbke und Wüstenfeldt verbeugen sich.) Und des Herrn Doktor Fräulein Tochter,   wenn ihr der wohlsituierte Herr jener Annonce, o, ich würde es als das höchste Glück meines Lebens    

Woldsen. Unerhört!

Dr. Grosse (zugleich entrüstet). Herr, was entblöden Sie sich!

Schneckenberg. (schnell und geschwätzig). Entblöden? Wenn der Herr Doktor nur beliebten    . O, bitte!   bitte! Durchaus nicht im geringsten!

 

Vierzehnte Szene.

Vorige. Emma. Auguste. Johanna.

(Emma und Auguste aus dem Nebenzimmer tretend. Emma voran mit dem Ring in der Hand. Beide höchst erstaunt, fast erschrocken bei dem Anblick jener drei Herren. Emma läßt in der Bestürzung den Ring fallen, der Timbke vor die Füße rollt und von diesem schnell aufgehoben wird. Während dieser Szene guckt Johanna einige Male durch die Spalte der Mitteltür, und winkt abwechselnd nach Auguste hinüber, worauf diese ihr wieder zuwinkt, zum Zeichen, daß sie verstanden habe; darauf Johanna ab. Woldsen hat von da an, wo seine Entlarvung beginnt, vor Angst und Verzweiflung etwas weiter zurückzutreten nach der Nähe des vordersten Fensters hin, woselbst er in seiner verzweifelten Lage fortgesetzt ein stummes Spiel in Mienen, Gebärden und Bewegungen zu machen hat.)

Emma. (gleich beim Eintreten). Himmel! (Ihr entfällt der Ring.)

Auguste. Ha, Fräulein!

Timbke. (bückt sich schnell und hebt den Ring auf). Was seh' ich? Mein Ring!

Dr. Grosse, Emma, Auguste. (zugleich). Ihr Ring?!

Woldsen. (beiseite, schnell). O, Schicksal!

Dr. Grosse. Da sind Sie doch sehr im Irrtum!

Emma. (schnell). Ja, Papa!

Timbke. (schnell). O, ich kenne doch meinen Ring! (Zu Emma gehend.) Wenn Sie gütig erlauben, sehn Sie nur, als besonderes Zeichen  

Woldsen. (beiseite, schnell). Besonderes Zeichen! Ich bin verloren!

Timbke. (schnell). Zwei kleine Rosen zu beiden Seiten auf dem Reifen.

Dr. Grosse. (schnell). Unmöglich.

Emma. (schnell). Ja, Papa!

Timbke. (schnell, eine Lupe aus der Westentasche ziehend). Und wenn der Herr Doktor nur die Güte haben wollen, hier durchzusehen! Da steht ja auch noch ein ganz besonderes Zeichen!

Woldsen. (beiseite, schnell). Ganz besonderes Zeichen? Keine Rettung mehr!

Timbke. (schnell). Sehen der Herr Doktor nur!

Dr. Grosse. (besieht den Ring durch die Lupe).

Timbke. (fortfahrend, schnell). Gottlieb Timbke, mein Name!

Dr. Grosse. (schnell). Ja freilich, Gottlieb Timbke!

Timbke. (schnell). Ich bin ja auch schon einmal wegen meines Ringes hier gewesen. (Auf Woldsen zeigend.) Der Herr Sohn des Herrn Doktor ist mein Zeuge.

Woldsen. (schnell, beiseite). Nun ist's aus mit mir!

Dr. Grosse. (schnell, verwundert). Mein Sohn?!

Emma. (schnell beiseite). Der Arme!

Auguste. (schnell, ebenso). Ja, der Arme!

Timbke. (schnell). Wenn Sie erlauben, ja! (Auf Woldsen zeigend.) Der Herr da hat es mir vorhin doch selber gesagt, als ich ihm den Ring beschrieb, daß er der Sohn des Herrn Doktor  

Woldsen. (schnell beiseite). Ich sterbe!

Dr. Grosse. (zu Woldsen). Ja, Herr Referendar, hier bedarf noch, wie Sie sehen, verschiedenes der Aufklärung, und Sie allein können sie uns geben.

Emma. Aber, Papa!

Dr. Grosse. Bitte, sprechen Sie!

Emma. (beiseite, schnell). Der Arme!

Auguste. (ebenso). Ja, Fräulein!

Woldsen. (nach sichtlichem Ringen und innerm Kampfe). Nun wohl,   ich spreche!   Aber gestatten Sie mir, nur zu Ihnen und zu Ihrer Fräulein Tochter.

Dr. Grosse. (zu Schneckenberg mit entsprechender Handbewegung). Entfernen Sie sich!

Schneckenberg. (schnell und geschwätzig). O, bitte! bitte! Geniert durchaus nicht! Um dergleichen kleine Erörterungen kümmern wir uns nicht! (Zu Woldsen.) Sprechen Sie nur, wir hören nichts.

Dr. Grosse. Aber ich sage: Entfernen Sie sich! Sie hören doch, daß wir es wünschen!

Schneckenberg. Nun ja! Ja wohl!   Wenn der Herr Doktor es wünschen, dann entfernen wir uns!

Jene drei gehen in derselben Weise wieder ab, wie sie eingetreten sind. Sie machen gleichzeitig vor Dr. Grosse eine tiefe Verbeugung, darauf gleichzeitig eine Viertelwendung von links nach rechts, so daß sie mit den Gesichtern gegen die Mitteltür stehen, und marschieren alsdann, gleichzeitig antretend, im Gänsemarsch ab.

Dr. Grosse. (zu Auguste). Und auch du, Auguste!

Auguste. Johanna hat gewunken! Um so lieber! (Gleichfalls ab durch die Mitte.)

Dr. Grosse. Bitte, sprechen Sie!

Emma. (beiseite dazwischen redend). Er dauert mich!

Dr. Grosse. (zu Woldsen). Wir sind allein!

Woldsen. (ohne sich von Emma unterbrechen zu lassen). Nun, dann spreche ich, reuig und zerknirscht! aber nicht ohne Hoffnung auf Ihre gütige Verzeihung!   Ja, es ist wahr! Der Ring gehört nicht mir!

Emma. (gleichzeitig während Woldsen spricht). O Gott!

Woldsen. Sondern jenem, der sich als rechtmäßigen Eigentümer auch schon zweifellos legitimiert hat! Und ja, es ist wahr! Ich habe den entsetzlichen Leichtsinn begangen, mich jenem Herrn gegenüber einmal für Ihren Sohn auszugeben.

Dr. Grosse. Aber, Herr Referendar!

Emma. O halten Sie inne, mein Herr!

Woldsen. Nein, gnädiges Fräulein! Das ist mir in diesem Augenblick ja ganz unmöglich! (Er wirft sich Emma zu Füßen.) Fräulein Emma! Nur um Ihretwillen habe ich diese Sünde begangen!   um mit Ihnen und Ihrem Herrn Vater bekannt zu werden!   um Zutritt in Ihr Haus zu erlangen! Fräulein Emma, und nur aus Liebe zu Ihnen!   Und bei Gott, diesmal spreche ich keine Lüge, sondern die lauterste Wahrheit! Verzeihen Sie mir! (Er erfaßt ihre Hand.) Und auch Sie, Herr Doktor, verzeihen Sie dem reuigen Sünder!  

Emma. O Gott!

Woldsen. Können Sie mir verzeihen?

Dr. Grosse. Ah! so steh'n die Sachen?! Ja, das ist freilich eine ganz unerwartete Lösung! (Zu Emma.) Nun, mein Kind?!

Emma. (verlegen und verschämt). Ich   verzeihe Ihnen!

Woldsen. (freudig aufspringend und laut). Emma!   Fräulein Emma!     Und Sie stoßen mich nicht zurück?!

Emma. (mit freudiger Hast und Angst). Papa!

Woldsen. (wie bittend). Herr Doktor!

Dr. Grosse. Ja, so! Ihr fragt mich!   Nun, in Gottes Namen!  

Woldsen. Emma!

Emma (zugleich). Woldsen!

(Beide umarmen sich.)

 

Fünfzehnte Szene.

Vorige. Schümann.

Schümann. (durch die Mitte stürzend, hastig und aufgeregt). Herr Doktor! Herr Doktor! (Nach Woldsen und Emma sehend.) Ah! Ah! Was seh ich?!

Dr. Grosse. Nun, Schümann, was willst du?

Schümann. Es ist was passiert! was passiert da draußen! Der Herr Doktor werden sich wundern!

Dr. Grosse. Wundern?! Ich wundere mich schon jetzt über garnichts mehr.

Schümann. Ich auch nicht!

Dr. Grosse. Was hast du denn?

Schümann. Dieser Heiratsvermittler, der Kerl!   Dieser Schni   Schna   Schneckenberg, der! Ah! Ah! Ah!

Dr. Grosse. Was will der Mensch denn noch?

Schümann. Er will wieder eintreten. Ah! O! O!

Dr. Grosse. Laß ihn kommen!

Schümann. (die Mitteltür öffnend). Denn man wieder herein in die Stube!

 

Sechzehnte Szene.

Schneckenberg. Timbke. Wüstenfeldt. Emma. Auguste. Johanna. Dr. Grosse. Schümann. Woldsen

(Alle Eintretenden durch die Mitteltür kommend. Voran Schneckenberg, noch immer wie auf Freiers Füßen, das große Bukett in der Hand, nach ihm Timbke mit Auguste und Wüstenfeldt mit Johanna am Arm, eine jede das Bukett ihres Herrn tragend. Schneckenberg tritt nach seinem Eintreten ein wenig aus der Reihe, läßt Timbke mit Auguste vorbei gehen und nimmt dann wieder seine Stellung in der Mitte zwischen den beiden Paaren ein. Wüstenfeldt und Johanna stehen nach der Eingangstür hin, bei der Schümann stets in respektvoller Entfernung von Wüstenfeldt stehen bleibt, nach dessen Drohungen gegen ihn er sich jedesmal durch die Tür oder nur etwas nach hinten zurückzieht, dann aber gleich seine vorige Stellung wieder einnimmt. Die Stellungen der verschiedenen Personen sind wie zu Anfang dieser Szene, ähnlich wie bei Szene 13. Die beiden Paare nebst Schneckenberg stehen in derselben schrägen Richtung, wie und wo die drei Heiratskandidaten früher gestanden haben. Dr. Grosse hat gleichfalls dieselbe oder eine ähnliche Stellung wie in Szene 13. Emma steht an Woldsens Seite vor, neben oder hinter dem Tisch.)

Emma, Woldsen, Dr. Grosse. (zugleich) . Ha! Ha! Ha!

Emma. Himmel, was seh' ich!

Dr. Grosse. Ist mein Haus denn ein Heiratsbureau geworden!?

Schneckenberg. Zu dienen! Wie der Herr Doktor und Fräulein Tochter ja selber sehen!

Schümann. Na! Was hab' ich gesagt! (Wüstenfeldt rasch sich etwas wendend und nach ihm hinsehend. Schümann retiriert schnell hinaus, kommt aber gleich wieder.)

Emma. Aber du, Johanna?!

Dr. Grosse. In deinen Jahren?!

Schneckenberg. (selbstgefällig). Mein Werk!

Wüstenfeldt. Sie ist meine Verlobte! Und Herr Schneckenberg sagt, sie ist erst dreißig!

Johanna. Ach, sein der Herr Doktor und Fräulein mir nur nicht böse! Der Herr da (auf Schneckenberg zeigend) hat mich dazu überredet, erst soeben in der Küche! Ich komme mir vor wie eine Überrumpelte! So mit einem Male in den Brautstand! Mir kommen die Tränen in die Augen! (Weint, hält die Schürze vor die Augen.)

Wüstenfeldt. (auffahrend). Na, nu lat doch dat Hul'n na!

(Johanna erschrocken zusammenfahrend, läßt die Schürze wieder los.)

Schümann. (schadenfroh die Hände reibend). Aha! Die kriegt schon ihren Lohn!

Wüstenfeldt. (auffahrend gegen Schümann). Büst du ock all wedder dar? (Spiel wie vorher. Schümann schnell retirierend und gleich wieder zur Stelle.)

Emma. (zu Auguste). Und auch du, Auguste?  

Dr. Grosse. Ja, wer hätte das gedacht!

Schneckenberg. (selbstgefällig). Wiederum mein Werk!

Auguste. Ach, Herr Doktor! Fräulein Emma! Es erging mir wie Johanna!   Noch soeben die ahnungslose Jungfrau   und nun (sich zärtlich an Timbke schmiegend.) im Sturm und Wogendrang von dir erobert!

(Timbke setzt, um die linke Hand frei zu bekommen, seinen Hut, den er darin hält, Auguste auf den Kopf, zieht sich schnell den Ring vom Finger und steckt ihn auf Augustens Finger und nimmt darauf seinen Hut wieder von ihrem Kopfe.)

Auguste. (zeigt Emma den Finger). Fräulein! Fräulein! nun gehört er mir!

Emma. (glückselig zu Woldsen). Verhängnisvoller Ring!   Im Sturm und Wogendrang!

Dr. Grosse. Aber wie ist das alles denn so schnell gekommen?  

Schneckenberg. (schnell, selbstgefällig und geschwätzig). Wie der Herr Doktor und dero Fräulein Tochter schon geruhten zu vernehmen, durch mich!   Ich hatte die beiden zufällig auf Lager!  

Emma, Woldsen, Dr. Grosse. (zugleich, erstaunt). Auf Lager?!

Schneckenberg. (wie vorher, schnell). Sie hatten sich erst soeben bei mir auf meine Annonce gemeldet!  

Dr. Grosse. Auf Ihre Annonce von dem wohlsituierten Herrn? Ha! Ha! Ha!

Schneckenberg. (wie vorher, schnell). Nein, erlauben Herr Doktor, auf die andere von der jungen Dame!

Emma, Auguste, Johanna. (zugleich). O Gott!

Dr. Grosse. Denn ist die auch von Ihnen?

Schneckenberg. (wie vorher, schnell, selbstgefällig). Zu dienen ja! Operierte diesmal mit zwei Annoncen! Einer Herren- für die Damen und einer Damen- für die Herren! Na, und dann reflektiert man so von beiden Seiten, und die Partie wird gemacht!

Schümann. O! O! Was für'n Mensch ist das?

Wüstenfeldt. (mit der Faust drohend). Ja, töf!   ich will di!

Schümann. (wieder schnell durch die Tür retirierend und gleich wieder da.)

Dr. Grosse. (zu Schneckenberg). Sie sind ja ein wahrer Menschenbeglücker!

Schneckenberg. (wie vorher, schnell). Menschenbeglücker! Beglücke andere und habe doch selber nichts dabei!  

Wüstenfeldt. Oho! nichts? Von mir haben Sie doch schon zwanzig Mark gekriegt.

Timbke. (schnell). Und von mir dreißig.

Wüstenfeldt. (zu Johanna). Ja, twintig Mark kost du mi!

Schneckenberg. (sentimental geschwätzig). Ach Geld! Was ist Geld! Chimäre! Nur im Herzen wohnt das reine Glück!   (Zu Emma.) Fräulein Emma, wenn ich die Annahme dieser Blumen als ein günstiges Zeichen für mich  

Woldsen, Dr. Grosse. (zugleich). Herr!  

Emma. (lachend und sich an Woldsen lehnend, der den Arm um sie legt). Ha! Ha! Ha! Aber sehen Sie denn nicht? Ich bin ja schon verlobt!   Sie sind zu spät gekommen.

Schneckenberg. (den Arm mit dem Bukett sinken lassend, resigniert, traurig). Verlobt?! zu spät gekommen?!

Schümann. Na, Sie schwindsüchtiger Reiseonkel in Fett und Ölen!    

Wüstenfeldt. Wullt du mal!

Schümann. (retiriert ein wenig, kommt aber sofort wieder vor und spricht gegen Schneckenberg gewendet). Nun reisen Sie nur nach Berlin und lassen Sie sich was einspritzen gegen die Heiratsbazillen!  

Schneckenberg. Nun auch noch der Hohn!   Einspritzen!   Heiratsbazillen!  

Schümann. Ja, gerade Heiratsbazillen!   (zu Dr. Grosse). Na, Herr Doktor, wer hat nun Recht?!

Dr. Grosse. Du!   und das alles von der kleinen Annonce.

Alle. (außer Schneckenberg). Ein goldener Ring ist gefunden!

(Der Vorhang fällt)


 << zurück