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[Kriminalgeschichten]

Beyspiele sonderbar entdeckter Meuchelmorde nach
Fielding.


Heinrich Fielding, der unsterbliche Verfasser des Tom Jones, bekleidete bekannter Maßen, in den letztern Jahren seines Lebens, das Amt eines Friedensrichters in der Grafschaft Midlesex. Mehreren Bemerkungen nach war die Zahl der Mordthaten in England nie so hoch gestiegen, als eben damahls. Fielding suchte, – und wohl mit Recht – den Grund davon in der Verachtung religiöser Begriffe; und um diesem Laster auch als Schriftsteller entgegen zu arbeiten, gab er, vom Bischof zu Worchester ermuntert, ein Büchelchen unter dem Titel heraus: Beyspiele von Einwirkung göttlicher Vorsicht in Entdeckung und Bestrafung des Mordes Exemples of the interposition of Providence in the Detection and Punishment of Murder. London, 1752. 16. Eine französische Übersetzung führt den Titel: Dieu vengeur du meurtre, prouvé par plus de trente Exemples, où la Providence s'est manifestée en decouvrant et punissant les assassins..

Schon dieser bloße Titel zeigt hinlänglich Plan und Inhalt des Werkleins selbst an. Es enthält drey und dreißig Fälle, wo Meuchelmorde durch sonderbare Umstände ans Tageslicht kamen. Daß nun alle Mahl eine unmittelbare göttliche Vorsicht eingewirkt haben müsse, kann man nicht sagen. Denn oft liegt der Grund der Entdeckung in einer Unvorsichtigkeit des ThätersZum Beyspiel in Christinens und Lauriettens Geschichte. Nr. 2 und 8., oder in andern sehr natürlichen Eigenschaften des menschlichen HerzensZ. B. Nr. 5, in dem Geständniß der ertappten Banditen.; schon seltner, in Zufällen, deren seltenes Zusammenpassen allerdings Verwunderung erregtZ. B. Nr. 1, 3, 7 und vorzüglich 9 und 11., und am allerseltensten in wahren Wundern – die vielleicht ganz wegbleiben könntenWeßhalb ich auch nur ein einziges Nr. 10 ausgehoben habe. Einige Träume und Erscheinungen, die wahrlich mit genaueren Zeugnissen hätten belegt seyn müssen, überging ich.. – Überdieß trägt das Ganze unverkennbare Spuren: daß es nur für eine gemischte Classe des Volks und mit einiger Flüchtigkeit niedergeschrieben worden sey. Daher sind einige Anecdoten, – z. B. von den Mördern des Ibykus, von Bessus, dem die Schwalben seinen Vatermord vorzuwerfen schienen, vom Hunde, der die Mörder seines Gebiethers nach langer Zeit in Pyrrhus Heer ausfindig machte, u. a. m. – von allbekannter Art. Daher sind andere, aus nicht allzu guten Quellen, aus italienischen Novellisten vorzüglich, genommen. Daher fehlen fast überall die nöthigen Belege, und die genauern Bestimmungen von Zeit, Ort und oft von den Nahmen selbst. Nicht gerechnet, daß der einförmige, stets mit Gewißheit vorauszusehende Schluß, – die Versicherung nähmlich: der Mörder oder die Mörderinn ward hingerichtet! – unumgänglich bey öfterer Wiederhohlung etwas Ermüdendes bey sich führen muß!

Doch wie es meisten Theils der Fall bey denjenigen Schriften ist, die ein vortrefflicher Schriftsteller flüchtig hinwirft, – das Ganze ist nicht vorzüglich, aber einzelne Theile sind wenigstens brauchbar und auszuheben! – so dünkt mich, muß man auch diese Sammlung von Kriminal-Anecdoten betrachten. Verschiedene dieser Geschichten hat Fielding aus eigenem Erfahrungs- oder Überlieferungs-Kreis genommen, und also zuerst erzählt; andere hat er aus Quellen entlehnt, die man in dieser Rücksicht wenig kennt; und noch andere hat er aus ursprünglicher Weitläufigkeit glücklich zusammengedrängt. – Da nun, meines Wissens, von diesem Büchlein nie eine deutsche Übersetzung erschienen ist; da ich sogar zweifle, ob es in die vollständige Original-Sammlung aufgenommen worden; – wenigstens habe ich es in derjenigen, die 1775 zu London erschien, und die alle übrigen gerichtlichen Schriften vom Fielding enthält, vergebens gesucht; – so glaube ich doch meine Zeit nicht ganz unrecht verwendet, meinen Lesern keinen Stoff zu billiger Beschwerde gegeben zu haben, wenn ich von jenen drey und dreyßig Geschichten vierzehn, die mir die merkwürdigsten schienen, hier aushebe. An Fieldings Ausdrücke habe ich mich nicht alle Mahl ängstlich gehalten; Thatsachen hingegen keine Einzige verändert. Anmerkungen konnte ich einige Mahl (zumahl bey italienischer und französischer Justiz,) nur mit Mühe, – und zwey oder drey Mahl auch Trotz solcher nicht, – ganz zurückhalten.


I.

Victorine, eine junge adelige Venetianerinn, war von ihren Ältern gezwungen worden, einen schon betagten Gemahl zu ehelichen, und hielt sich für die Langeweile und den Verdruß, den er ihr verursachte, zuweilen in den Umarmungen eines jüngern Liebhabers, Syponti mit Nahmen, schadlos. Sie that Dieß mit ziemlicher Dreistigkeit; um aber noch ungebundener in ihren Ausschweifungen zu seyn, ward sie endlich mit ihrem Buhler einig, sich des Gemahls ganz zu entledigen, und Syponti setzte diesen, schon an sich schändlichen Vorsatz auf eine Art ins Werk, wo er noch vierfach schändlicher wurde.

Der gute Alte pflegte alle Abende zum Vergnügen in der Gondel zu fahren. Syponti lauerte ihm in der seinigen auf; sprang in jenes Schiff; stieß rasch dem Greis seinen Degen in den Leib; tödtete eben so schnell die beyden Ruderer; warf alle drey Leichname ins Wasser; schwamm nach seiner Gondel zurück; stürzte, nicht minder unvermuthet, seinen eigenen mitwissenden Gondolier über Bord; verzog bis tief in die Nacht hinein auf dem Schiffe; landete alsdann; schlich zu seiner Gebietherinn, und meldete ihr froh, obschon mit so vielem Blute belastet, den glücklichen Erfolg seiner Schandthat.

Zur Vermeidung alles Verdachts ward man einig, eine kurze Zeit hindurch sich nicht zu sehen und zu sprechen. Alles ging im Anfang erwünscht. Ganz Venedig glaubte, daß der arme Alte ertrunken sey. Aber ungefähr acht Tage nachher fanden einige Fischer seinen Leichnam, und man sah, daß er ermordet worden sey. Mancherley Muthmaßungen entstanden deshalb; doch blieb der Mörder unverhaftet, wenn auch nicht unverdächtig. Erst als der Bruder des Erschlagenen nach Venedig kam, gewann der Handel ein anderes Ansehen. Diesem war sowohl die wenige Liebe, die Victorine gegen ihren Gatten gehegt, als auch ihr Verständniß mit Syponti ziemlich genau bekannt. Durch ansehnliche Geschenke suchte er Felicien, Victorinens vertraute Kammerfrau, zu gewinnen, und – es gelang ihm. Diese, vom Glanz des Goldes verblendet, verrieth nicht nur den Liebeshandel ihrer Gebietherinn vollständig, sondern überlieferte ihm auch einen Brief vom Syponti, in welchem dieser Viktorinen mit ziemlich bestimmten Worten an den wichtigen Dienst, den er ihr geleistet, erinnerte. Die Gerichte, als dieses Schreiben ihnen vorgelegt wurde, ließen sogleich Liebhaber und Geliebte verhaften, und Jedes besonders einsperren. Syponti, als er vernahm, daß sein eigener Brief ihn ins Gefängniß bringe, glaubte Anfangs: Victorine habe ihn verrathen; doch da er Mittel fand ihr zu schreiben, und Antwort von ihr zu erhalten, sah er aus dieser Letztern, daß Felicie einen Brief untergeschlagen haben müsse, und entschloß sich, das Leben seiner Gebietherinn auf Kosten seines eigenen zu retten. Auf der Folter gestand er daher sogleich sein Verbrechen, erklärte aber Victorinen bis ans Ende für unschuldig. So ward er hingerichtet, sie hingegen der Haft entlassen.

Nur allzu bald vergaß diese Unwürdige ihres alten Gemahls sowohl, als ihres jungen Liebhabers, und warf sich dem größten Wüstling in ganz Venedig, Nahmens Fassino, in die Arme; heirathete ihn auch, allen väterlichen Vorstellungen zuwider. Die Strafe blieb nicht lange aus. Fassino begann in Kurzem seine Gemahlinn zu mißhandeln, und sich der niedrigsten Schwelgerey, den feilsten Dirnen Preis zu geben. Victorinens Neigung verkehrte sich hierdurch ebenfalls in den bittersten Haß, und zu Mordthaten schon gewöhnt, suchte sie auch diesen Gatten sich vom Halse zu schaffen. In dieser Absicht ließ sie einen Neapolitanischen Apotheker, Augustino mit Nahmen, der eben damahls nach Venedig gekommen war, zu sich rufen, und versprach ihm eine ansehnliche Belohnung, wenn er ihren Mann vergiften wolle. Doch Dieser, weit entfernt, zu einer solchen Schandthat sich brauchen zu lassen, ermahnte sie ernstlich von einem so schwarzen Vorhaben abzustehen. Gerührt schien sie ihm zuzuhören. Mit Hand und Mund versprach sie ihm zu folgen. Doch einige Tage nachher kaufte sie sich heimlich Arsenik, fest entschlossen, es bey erster bester Gelegenheit dem Fassino beyzubringen.

Einst, als er nach seiner gewöhnlichen Sitte von einer Lustbarkeit ziemlich spät nach Hause kam, und eine Schale Hühnerbrühe begehrte, befahl Victorine ihrer Kammerfrau, solche für ihn zu besorgen; kaum aber wandte Diese den Rücken, so schüttete Jene die Hälfte des Arseniks in die Brühe; die andere Hälfte wußte sie schlau genug in Feliciens Koffer zu bringen.

Fassino starb; – starb unter Umständen, die offenbar auf Vergiftung schließen ließen. Victorine und ihre Kammerfrau wurden sogleich verhaftet. Im Koffer dieser Letztern fand man das bewußte Gift. Ihre Schwüre galten nichts gegen den Augenschein. Sie ward zum Strange verurtheilt, und Victorine abermahls freygelassen. Doppelt vergnügt mochte jetzt diese Nichtswürdige seyn. Sie hatte ungestraft ihren Gatten ermordet, hatte sich nebenbey an Felicien gerächt, die sie seit jener Verrätherey im Herzen zwar entschieden haßte, die sie aber doch beybehielt, damit sie, im Fall der Verabschiedung, nicht ein Mehreres von ihrem ausschweifenden Leben entdecken mochte.

Der Tag der Hinrichtung ward anberaumt. Felicie war bereits auf dem Hingang zum Galgen begriffen; und in eben dem Augenblick mußte, durch eine sonderbare Schickung, Augustino, jener Neapolitanische Apotheker, bey der St. Markus-Brücke landen. Er sieht eine große Menge Volks herbeyeilen, fragt um die Ursache dieses Zusammenlaufs, und erfährt: daß eine Kammerfrau von Victorinen gehängt werden solle, weil sie ihren Gebiether vergiftet habe. Er stutzt nicht wenig über diese Nachricht. Die eigentliche Beschaffenheit der Sache dämmert sogleich vor den Augen seines Geistes. Er drängt sich zu den Gerichtspersonen hin, die immer einer solchen Hinrichtung beyzuwohnen pflegen. Er bittet sie, diese Strafhandlung nur noch auf einige Minuten zu verschieben, weil er etwas Wichtiges ihnen zu entdecken habe. Seine Bitte wird ihm gewährt; und nun erzählt er das Gespräch, das er mit Victorinen hielt, als sie Gift von ihm für ihren Gemahl begehrte. Daß eine solche Erzählung den Richtern auffallen mußte, ergibt sich von selbst. Man schickt sogleich nach Victorinen. Sie kommt, zuversichtlich genug. Aber kaum erblickt sie den Apotheker, so erblaßt sie und sinkt ohnmächtig zu Boden. Man bringt sie ins Gefängniß, und in der nächsten Stunde auf die Folter. Doch gleich bey den ersten Versuchen bekennt sie nun Alles – ihre Mitwissenschaft um den Mord ihres ersten Gemahls, Fassino's Vergiftung, und den Plan, Felicien ihrer Rache aufzuopfern.

Der ganze Gerichtshof schauderte bey der Abscheulichkeit so vielfältiger Verbrechen. Die Kammerfrau ward sogleich entlassen. Über ihre Gebietherinn erging das Todes-Urtheil in möglichster Strenge.


II.

Signor Thoniari Vituri, ein Mailändischer Edelmann zu Pavia, hatte eine einzige Tochter, Christine mit Nahmen; ein Mädchen von so unvergleichlicher Schönheit, daß sie die Augen aller jungen Männer in ihrer Vaterstadt auf sich zog. Vor vielen andern bewarb sich Signor Gasperino um ihre Gunst. Geburt, Vermögen, Gestalt und Herz empfahlen ihn kräftig genug; und eben konnte er sich mit der gegründeten Hoffnung ihres baldigen Jaworts schmeicheln, als er den unglücklichen Einfall hatte, auch seinen vertrautesten Freund, Pisani, in diesem Hause aufzuführen. Pisani war allerdings noch wohlgewachsener und reizender, als Gasperino. Christine sah und sprach ihn kaum, so fühlte sie Liebe gegen ihn; durch Blicke, Worte, und bald darauf durch ein zärtliches Briefchen gestand sie ihm ihre Empfindung. Pisani ließ solche nicht unerwiedert. Ohne Bedenken opferte er seinen Freund einer solchen Geliebten auf. In wenigen Tagen vernahm ganz Pavia mit Verwunderung, daß Christine seine Gattinn geworden sey.

Gasperino's gerechter Unwille läßt sich leichter denken, als beschreiben. Ein Brief, voll bitterer Vorwürfe wegen gebrochener Freundschaft, schloß sich mit Pisani's Herausforderung. Sie schlugen sich; Pisani ward erstochen; Gasperino floh. Doch da er bey diesem ganzen Handel als ein Mann von Ehre sich betragen hatte, erhielt er bald gerichtliche Verzeihung, und erschien wieder zu Pavia.

Unwiderstehlich ist die Gewalt der Liebe! Gasperino, von Christinen so unwürdig verrathen, sah kaum diese gefährliche Schönheit wieder, so entbrannte er von Neuem gegen dieselbe. Alle Schuld trug in seinen Gedanken Pisani; Dieser hatte verführt; Christine bloß gefehlt. Er begann daher abermahls ihr seine Aufwartung zu machen; sie betrachtete ihn mit dem lebhaftesten Gefühl von Haß und Rachbegier; doch um die Letztere zu befriedigen, verbarg sie schlau genug den erstern. Unter dem Vorwand, daß sie den Mörder ihres Gemahls nicht öffentlich begünstigen dürfe, versprach sie ihm in einem Garten, der dicht an ein Nonnenkloster stieß, eine heimliche, nächtliche Zusammenkunft. Der freudetrunkene Gasperino unterließ nicht sich einzufinden. Auch Christine kam, doch – von zwey Banditen begleitet. Auf ein gegebenes Zeichen stürzten Beyde über den Unglücklichen her. Vergebens wehrte er sich wie ein Löwe; von vielfachen Wunden durchbohrt, sank er endlich zu Boden. Da er sterbend noch einige laute, tiefgehohlte Seufzer ausstieß, stopfte Christine, aus Furcht, man könne Dieß in der Nachbarschaft hören, ihr eigenes weißes Schnupftuch ihm in den Mund; dann schleifte man seinen Leichnam in die andere Ecke des Gartens und warf ihn in einen Brunnen.

Wirklich hatten die Nonnen im Kloster ein Degengeklirre gehört, und schickten des andern Morgens nach dem bewußten Ort. Man fand allda eine Menge vergossenen Blutes. Alle Wundärzte der Stadt wurden davon benachrichtigt. Da Gasperino allerdings beyde Banditen, bevor er gesunken, verwundet hatte; da sie zu einem Wundarzt, um sich verbinden zu lassen schickten, und da man gleich darauf den Gasperino vermißte, so wurden sie jetzt als seine Mörder beargwohnt und verhaftet. Sie läugneten, gaben vor, sich untereinander selbst geschlagen zu haben; kamen zwar Beyde auf die Folter, aber überstanden sie auch, ohne eine Sylbe zu bekennen. Christine, von diesem Allem benachrichtigt, glaubte schon außer Gefahr zu seyn. Da indeß Gasperino nirgends sich blicken ließ, so bezeigte die Obrigkeit viel Sorgfalt seinetwegen, und durch langes Nachsuchen fand man endlich seinen Leichnam in jenem Brunnen. Gleichwohl blieben seine Mörder immer noch unentdeckt; denn die zwey Banditen beharrten fest auf ihrem Läugnen. Erst nach abermahliger, genauer Besichtigung fand man im Munde des Entseelten ein Schnupftuch, und in einem Zipfel desselben Christinens Nahmen. Mehr brauchte es nicht, um sie zu verhaften, und auf die Folter zu spannen. Sie gestand sogleich ihr Verbrechen; gab ihre beyden Mitgenossen an, und alle Drey wurden gehängt. Die Körper der zwey Banditen warf man nachher in den Po. Der Leichnam der grausamen Christine aber, die zum Morde noch die schwärzeste Verrätherey gefügt dem, ward verbrannt, und ihre Asche in die Luft verstreut.


III.

Herr von Laurier, ein ziemlich bemittelter Juwelier aus Dijon in Bourgogne, kam von der Frankfurter Messe zurück, und hatte in seiner Schatulle siebzehn hundert Thaler, die er aus verkauften Edelsteinen gelöset, nebst einigen andern Sachen, die an Werth ungefähr eben so viel betragen mochten. Zu Salines ward er plötzlich krank, so krank, daß er im Wirthshause liegen bleiben mußte. Seine Reisegefährten trennten sich von ihm mit dem Wunsche baldiger Besserung. Er selbst, da sein Fieber immer noch zunahm, schickte nach einem Arzt im Orte. Dieser, Nahmens de la Motte, kam, verschrieb ihm einige Mittel, und sie wirkten so erwünscht, daß der Kranke bald des Doctors nicht mehr zu bedürfen glaubte. Er entließ ihn daher mit einem kleinen Geschenke, und würde wahrscheinlich bald völlig genesen, seine Heimreise vollendet haben, hatte nicht ein unglückliches Schicksal es anders mit ihm gefügt.

Adrian, der Besitzer des Gasthofes, hatte indeß den unseligen Wahn gefaßt, daß sein Gast unermeßliche Reichthümer bey sich führe; hatte den noch unseligeren Entschluß hinzugefügt, sich deren zu bemächtigen, und den Reisenden unbemerkt zu ermorden. Er entdeckte diesen Vorsatz seinem Weibe; sie schauderte zurück und beschwur ihren Mann mit Thränen, einen so schrecklichen Gedanken aufzugeben. Der Nichtswürdige sah bald, daß er sie nicht zur Theilnahme bereden werde; stellte sich daher von ihren Bitten gerührt, von ihren Gründen überzeugt; unter dem Vorwand, daß ihr Vater gefährlich krank sey, wußte er sie einige Meilen weit zu entfernen, und schritt dann sofort zur Sache. Noch ein anderer Bösewicht, durch's Angeboth der halben Beute gewonnen, war sein Gehülfe. Des Nachts überfielen sie den Juwelier in seinem Bette, erwürgten ihn, und vergruben den Leichnam auf einer benachbarten Wiese. Als zehn Tage darauf die Gastwirthinn zurückkam, überredete sie ihr Mann: Herr von Laurier sey schon seit einer Woche frisch und gesund nach Dijon abgereiset. Das Pferd des Ermordeten hatte Adrians Mordgehülfe in den Wald geführt, und gesattelt und gezäumt laufen lassen. Vielleicht, glaubten sie, werde es den Weg nach Hause finden, und die Familie des Unglücklichen, wenn sie das Roß ledig ankommen sähe, muthmaßen: sein Herr, ihr Verwandter, sey im Walde geplündert und ermordet worden. Schlau genug waren diese Maßregeln. Ein Monath verging; niemand sprach noch von diesem Unfall. Nach dieser Zeit gingen einige Personen aus der Nachbarschaft bey der Wiese vorbey, wo Lauriers Leichnam lag. Sie erblickten einen Wolf, der vom Walde hereingekommen seyn mußte, und an einem menschlichen Körper zu fressen schien. Theils in der Ungewißheit, ob ein Knabe vielleicht vom Wolf getödtet worden; theils um das Thier selbst zu erlegen, sprangen sie über den Zaun. Der Wolf entfloh. Es war Lauriers Leichnam, den er aus der Erde herausgescharrt hatte. Daß dieser Körper noch nicht lange hier liegen konnte, sah man wohl; und da ihn niemand kannte, so trug man ihn auf den Markt, um dort durch öffentliche Ausstellung vielleicht hinter seinen Nahmen zu kommen. Wirklich war er kaum dort, so ging der Arzt de la Motte vorbey, und erkannte ihn für den Fremden, den er vor Monathsfrist im Gasthof behandelt habe. Auf seine Angabe umringten sogleich Gerichtspersonen das Wirthshaus und hielten Durchsuchung. Die Wirthinn nebst allem Gesinde wurde verhaftet. Der einzige Schuldige, ihr Mann, entkam dieß Mahl noch.

Durch ein Ungefähr war dieser Nichtswürdige gerade bey seinem Spießgesellen, und zechte mit ihm, als die Nachricht von dem gefundenen Leichnam und von des Raths genommenen Maßregeln erscholl. Sie ergriffen sogleich die Flucht. Ihre Absicht war, nur des Nachts zu fliehen, und des Tages hindurch sich im Gebüsche zu verstecken. Sie gingen wirklich einige Nächte hindurch. Aber am fünften Morgen befanden sie sich zu ihrem großen Erstaunen wieder am Eingange des Gebüsches unweit Salines. Ob auch hierbey eine höhere Gerechtigkeit obgewaltet? Oder ob bloß eine natürliche, bey nächtlichen Reisen nicht ungewöhnliche Verirrung vorgefallen sey? wer kann Dieß zu entscheiden wagen! Kurz, von Anstrengung und Hunger ermattet, konnten die Schuldigen nicht weiter, sondern warfen sich im Schatten eines Baumes nieder, und schliefen ein. Kaum war Dieß geschehen, so ritten gerade bey diesem Wege vorbey – der Sohn des Ermordeten, und der Arzt de la Motte, der ihn zur Leiche seines Vaters abgehohlt hatte. La Motte erkannte sofort mit neuem Erstaunen die beyden Schlafenden; da sie es aber mit zwey verzweifelten Menschen zu thun gehabt haben würden, so wagten sie nicht, Dieselben aufzuwecken und anzugreifen. Erst als noch einige Landleute dazu kamen, bemächtigte man sich ihrer, und zwar ohne den geringsten Widerstand. Daß sie jetzt der Haft, und später dem peinlichen Gericht überliefert wurden, bedarf wohl nicht erst der Erwähnung.


IV.

Im Dorfe Spreazo, funfzehn Meilen von Brescia, im Gebieth der Republik Venedig gelegen, lebte auf einem kleinen Grundstück ein Landmann, Alibius mit Namen, viele Jahre hindurch mit seinem Weibe, Menille, in friedlichster Eintracht. Eine Tochter, Amalia genannt, war die einzige Frucht ihrer Ehe. Erst als Alibius selbst schon allmählig zu altern begann, ward er seiner, freylich auch nicht mehr reizenden Frau überdrüßig. Häusliche Zwistigkeiten, immer von ihm zuerst veranlaßt, schlichen sich ein. Endlich verließ er Weib und Kind ganz, und ging nach Brescia, um dort sein Unterkommen zu suchen.

Er fand Eintritt im Hause eines Mannes vom Stande; und weil er sich im Dienste desselben einige Jahre hindurch mit vielem Eifer betrug, verhalf ihm sein Gebiether endlich zur Belohnung seiner Treue beym Magistrat dieser Stadt zu dem kleinen Posten eines Kanzley-Dieners. Auch hier fuhr er fort, sich als ein Mann von Rechtschaffenheit zu betragen; erwarb sich das Zutrauen aller Nachbarn und Bekannten; und würde wahrscheinlich bis an seinen Tod im besten Rufe verblieben seyn, hätte nicht diejenige Leidenschaft, die schon manchen braven Mann zum Schelm, und nur selten diesen Letztern zum redlichen Mann umformte, – hätte Liebe nicht ihm einen schlimmen Possen gespielt.

Alibius hatte schon seit einiger Zeit Bekanntschaft mit einer jungen, schönen, bemittelten Witwe gemacht. Sie gefiel ihm ausnehmend, und Trotz des merklichen Unterschiedes ihrer Jahre hatte er auch ihr zu gefallen gewußt. Sie zu heirathen, es koste auch, was es wolle, war sein fester Entschluß; und da seine noch lebende Frau das Haupthinderniß bey diesem Vorsatz ausmachte, so suchte er sich derselben auf alle nur mögliche Art zu entledigen.

Er kaufte sich in dieser Absicht zu Brescia eine beträchtliche Dosis Gift; ritt dann nach Spreazo; stieg bey seiner Frau ab; überhäufte sie mit Freundlichkeiten, und schien die vorige Eintracht wieder erneuern zu wollen. Dieses gute Weib, die schon so lange von ihrem Manne nichts wußte, freute sich bey dieser scheinbaren Rückkehr von ganzem Herzen; und da er hier übernachten wollte, trug sie ihm zum Abendessen auf, was ihre Armuth vermochte, – Milch und Früchte. Er aß von diesen Letztern, aber er warf, so wie die geschäftige Alte nur ein Mahl den Rücken wandte, einen guten Theil des Giftes in die Milch-Schale; blieb dann die Nacht bey seiner Gattinn, und eilte des andern Morgens sehr früh nach Brescia zurück. Alle Tage hoffte er nun: daß die Nachricht von Menillens Tode eintreffen werde.

Als eine reichliche Woche verfloß, und er zu seiner Verwunderung immer noch nichts erfuhr, wiederhohlte er seinen Besuch mit dem Vorsatz, auch jene Dosis, wo möglich, zu verdoppeln. Er fand sein Weib krank, und seine Tochter in Thränen. – »Die Mutter, erzählte sie ihm, sey nach dem Genuß derjenigen Milch, die sie ihm vorgesetzt, und die er stehen lassen, tödtlich krank geworden.« – Alibius spielte zum Schein den Betrübten; im Herzen grollte es ihm zweyfach. Nicht nur, weil seine Absicht vereitelt worden (denn Menille befand sich auf der Besserung;) sondern weil er auch in dieser Erzählung einige Spuren von Verdacht gegen sich selbst zu entdecken glaubte. Er liebte überhaupt Amalien nicht. Sie war während seiner Entfernung verheirathet, Mutter von mehreren Kindern, wieder Witwe, und in jeder Rücksicht ein braves Weib geworden. Doch die Sorgfalt, die sie für Menillen hegte, empfahl sie schlecht in Alibius Augen. Er hüthete sich bey solchen Umständen wohl, nochmahligen Gebrauch von seinem Gifte zu machen. Er entfernte sich vielmehr bald; kam aber tief in der Nacht zum dritten Mahl wieder, und pochte halb leise an die Hausthür. Seine Enkelinn, ein Mädchen von neun oder zehn Jahren, öffnete dieselbe. Erst stürzte in die Kammer, wo sein Weib lag und schlief. Mit einem Stück Holz zerschmetterte er auf einen Schlag ihr die Hirnschale, sprengte dann mit verhängten Zügeln nach Brescia, und erschien dort, schon des andern Morgens um sechs Uhr, absichtlich in einer Amtsverrichtung, damit Niemand seine Reise muthmaßen könne. Das Kind, das ihm die Thür eröffnet, kannte ihn wirklich nicht. »Ein Räuber sey mit Gewalt in das Haus gedrungen, und habe die Großmutter getödtet!« das war dessen ganze Aussage vor Gericht.

Als dieser Mord in Brescia erscholl, stellte sich Alibius herzlich betrübt bey der Nachricht; heirathete aber bald darauf jene junge schöne Witwe, die ohne ihr Wissen die Veranlaßung von Diesem Allen war. Er hoffte die Frucht seines Frevels nun in stolzer Ruhe zu genießen; aber die rächende Hand der allsehenden Vorsicht schwebte bereits über ihm. – Nur wenige Tage hatte er in seinem neuen Ehestande verlebt, so kam einer von seinen alten Bekannten nach Brescia, ging in ein Weinhaus, und erzählte daselbst halb berauscht: Alibius und seine Tochter Amalia hätten zusammen die alte Menille erschlagen. Bald verbreitete sich dieses Gerücht weiter in der Stadt, und fand hier und da Glauben. Selbst die Obrigkeit, als es ihr kund ward, ließ den Alibius und auch den Urheber jener Sage vorfordern, um Beyde gegen einander abzuhören. Alibius läugnete dreist; und auch der Zweyte versicherte: Er habe zwar allerdings im trunkenen Muthe dergleichen Reden ausgestoßen, wisse aber nicht den geringsten Grund zu diesem Argwohn anzuführen, und bitte, nach verflogenem Rausch, seinen alten Freund herzlich um Verzeihung.

Man entließ auf diese Erklärung Beyde. Da aber unter den Gerichts-Beysitzern Einer bemerkte: daß auch ein falsches Gerücht nicht leicht ganz ohne Grund, so wenig als ein Rauch ganz ohne Feuer entstehe; da überdieß Alibius zwar sich selbst vertheidigt, in Rücksicht seiner Tochter aber sehr unbestimmt sich ausgedrückt hatte; so beschloß man, doch noch mit der Untersuchung nicht ganz abzubrechen, sondern auch Amalien zu verhaften. Es geschah. Sie ward vor Gericht geführt und befragt: Ob sie an dem Morde ihrer Mutter keinen Antheil habe! Ganz schuldlos in ihrem Gewissen, erschrack sie bey einem Vorwurf, der so unerwartet und so ungerecht zugleich kam. Aber gerade dieses Erschrecken galt für einen Anklage-Grund mehr für sie. Man war grausam genug, sie auf die Folter zu werfen; und sie überstand solche mit einer Gelassenheit und Standhaftigkeit, wie man nur selten sie findet.

Jetzt hätte die Schuldlose doch wohl entlassen werden sollen! Und wirklich wollte man es thun. Aber – schändlich und unglaublich beynahe! jetzt trat ihr eigener Vater, der sie schon erwähnter Maßen haßte, noch ein Mahl gegen sie auf; sagte gerade zu: das er schon lange einen Verdacht wider sie hege; und rieth, sie abermahls zu foltern, weil sie dann wohl die Wahrheit bekennen würde. Ohne Zweifel hoffte der gräßliche Bösewicht, sie würde den Schmerzen unterliegen. Auch unterlag sie allerdings denselben, nur nicht so, wie er dachte. Denn empört in ihrem Innersten durch eine so unnatürliche Grausamkeit, bath sie, als sie das zweyte Mahl auf die Folter gebracht ward, nur um das Gehör eines Augenblickes, und erhielt auch dasselbe. Nunmehr erzählte sie frey heraus, welchen Argwohn sie schon ehemahls gegen ihren Vater bey jener Milch gefaßt habe, welche die Mutter bey seiner Anwesenheit genoßen, und gleich darauf tödtlich krank geworden sey. Doch diese Aussage ward wenig geachtet. Theils schien es eine Tücke zu seyn, womit Amalia an ihrem Vater sich rächen, theils eine List, wodurch sie ihr eigenes Leben retten wolle. Man war daher im Begriff mit der Marter fortzufahren.

Aber zum Glück für die Ärmste war gerade der Apotheker-Bursche zugegen, bey welchem Alibius das Gift gekauft hatte. Er erinnerte sich noch genau des Tages, wo Jener zu seinem Lehrherrn gekommen sey, verglich ihn in Gedanken mit Amaliens Aussage, und fand, daß die Zeit pünctlich eintreffe. Er benachrichtigte sofort die Gerichte davon, und fügte hinzu: daß Alibius auch den Tag vor Menillens Ermordung sich abermahls mit Arsenik versehen habe. – Allein auch hieraus machte man noch nicht viel! Alibius bewies mit leichter Mühe, daß er in seiner Wohnung gewaltig durch Ratten leide, und daß er, um solche zu tödten, wirklich schon Gift aufgestellt habe. Über dieß war Menille ja nicht durch Arsenik, sondern offenbar durch einen gewaltsamen, ihr Haupt zerschmetternden Schlag umgekommen; und am Tage dieses Mordes hatte sich Alibius, dem allgemeinen Glauben nach, zu Brescia befunden.

Ganz vorzüglich hatte der Bösewicht auf diesen letzten Punct sich gesteift. Doch auch hier ergab sich jetzt ein Umstand, der bedenklich zu werden drohte. Beym Ritt in jener Mord-Nacht hatte Alibius – wie schon erwähnt worden – sein Roß gewaltig gespornt, und das arme Thier hatte sich bey dieser Eile den Vorderbug ein wenig verstaucht. Der Hufschmied, der ihm nachmals einen Verband aufgelegt, war jetzt ebenfalls zugegen, gedachte an diesen Vorfall, trat hervor, und zeigte an, was er wußte. Noch verzagte Alibius nicht. Er gestand den Zufall des Pferdes; aber er behauptete, dasselbe damahls einem jungen Mann aus Brescia geliehen zu haben, durch dessen allzu wilden raschen Gallopp das Thier angegriffen und seine eigene Güte gemißbraucht worden sey.

Glaublich genug war die Ausflucht; doch fingen die Gerichte nun an, Argwohn zu schöpfen. Da auch von Spreazo eine Menge Einwohner erschienen, da Alle der armen Amalie das beste Zeugniß ertheilten; vom Alibius aber versicherten: daß er vordem schon Frau und Tochter oft hart behandelt habe, da entschloß man sich endlich, diese Letztere wenigstens vor der Hand los zu lassen, und lieber mit der peinlichen Frage gegen den Alibius zu verfahren. Auf der Stelle ward dieses Letztere in das Werk gesetzt; und der Nichtswürdige, der so gelassen sein einziges Kind der Marter überliefern konnte, fühlte nun kaum an sich selbst die nähmlichen Qualen, als er Alles gestand, und nur inständigst bath: daß man seiner jungen Frau verschone, weil diese bey seinen Verbrechen ganz schuldlos und unwissend sey. Man schauderte bey diesem furchtbaren Beyspiel eines wollüstigen Alten, der grausamer Gatte, unnatürlicher Vater, überdachter Mörder und schändlicher Heuchler zugleich gewesen war. Eben trat er in sein sechzigstes Jahr, als er, mit verdienter Strenge, von unten herauf gerädert ward.


V.

Unglücklich – in mehr als einem Verstande des Wortes, – ist Derjenige, der bey Ausführung seiner Rache zu Banditen seine Zuflucht nimmt. Nichts hier über die Ungerechtigkeit einer solchen Handlung, über die Gewissensbisse, die sie verfolgen, über die Schändlichkeit, die einen so feigen Mörder brandmarkt! Aber der Weg jener gedungenen Bösewichter führt auch gewöhnlich, nur bald früher, bald später, zum Galgen, wo sie meisten Theils durch ein öffentliches Geständniß ihrer Frevelthaten die hiesige Strafe und die dortige Pein zu lindern glauben. Unablässig sieht daher Derjenige, der ihnen vertraute, sein eigenes Glück und Leben in den Händen der schändlichsten Menschen. Unzählige Beyspiele beweisen dieß. Hier stehe nur eines von den vielen!

In einem Flecken, unweit Sens in Bourgogne, lebten zwey Brüder – Vimorie und Harcourt mit Nahmen. Beyde waren verheirathet, doch mit Frauen von sehr verschiedenem Werthe. Messarine, Vimoriens Gattinn, besaß der körperlichen Reize nur wenig, des baren Vermögens desto mehr; Harcourts Gemahlinn hatte hingegen kein anders Heirathsgut, als eine blendende Schönheit. – Leider werden die Männer dieser Letztern in der Ehe gar bald gewohnt, wo nicht überdrüßig. Auch Harcourt bedauerte binnen Kurzem, daß er nicht auch so wie sein Bruder gewählt habe; ja er haßte sogar denselben dieses Vorzugs halber und suchte ihn um sein Vermögen und seine Frau, – doch so, daß er sich deßfalls nicht mit der Gerechtigkeit überwürfe! – zu bringen.

Nur allzu bald gelang es ihm. Häßlich von Seele, doch desto angenehmer in seinem Äußerlichen, vermochte er durch männlichen Reiz und durch die Kunst der Verführung das Herz seiner Schwägerinn leicht zu rühren, vermochte es sogar, daß sie den raschen Entschluß ergriff, ihren rechtmäßigen Gemahl zu verlassen, – und ihren gleißenden Liebhaber in ein fremdes Land zu begleiten. Da sie den Vimorie als Witwe geheirathet, und da sie den ganzen Besitz ihres Vermögens sich vorbehalten, so nahm sie auch fast Alles mit, was sie hatte, übergab es völlig Harcourts Willkür, und lebte als seine angebliche Gattinn mit ihm zu Genua. Vimorie hingegen und Harcourts Gemahlinn blieben in ihrer Einsamkeit dahinten, und genoßen, Trotz der Dürftigkeit ihrer Umstände, eine Seelenruhe, wie sie jenes treulose Paar in seinem verbothenen Umgang nie finden konnte.

Indeß starb Masserinens Bruder. Vimorie nützte die Abwesenheit seines entwichenen Weibes, und trat eine beträchtliche Erbschaft an. Harcourt erfuhr es zu Genua. Schon ging das große Vermögen, das Masserine ihnen überliefert hatte, allmählig zu Ende. Der Unersättliche beschloß daher, seinem Bruder auch diese Erbschaft und das Leben zugleich zu rauben. Den Entwurf dazu vertraute er seinem Kammerdiener, und both ihm eine ansehnliche Summe, wenn er sich der Ausführung unterziehe. Doch Dieser dachte zu rechtschaffen, als in einen solchen Handel sich zu mischen. Der ungeduldige Harcourt versteckte sich daher in Bauerkleidung; ging in seine Heimath zurück, und schlich so lange um seines Bruders Wohnung herum, bis er ihn einst in der Abenddämmerung einige Schritte weit vom Hause lustwandeln sah; rasch sprang er dann hervor, schoß ihn mit einer Pistole nieder, beraubte ihn sogar, damit man desto eher auf einen gemeinen Straßenräuber rathen möchte; und eilte dann, so schnell er konnte, nach Genua zurück. Seine Entfernung war aufs Beste verborgen worden. Kein Mensch muthmaßte diese Schandthat; Harcourt konnte nun vollkommen zufrieden seyn.

Dennoch hatte er noch ein Hinderniß zu übersteigen. Masserine, die ihn immer noch blindlings liebte, wollte ihm gern öffentlich ihre Hand, und mit solcher das ihr wieder zugefallene Vermögen überliefern. Um Dieses durchsetzen zu können, mußte Harcourt sich erst seines Weibes entledigt haben. Der meuchelmörderische Bösewicht trug kein Bedenken, den Vorschlag anzunehmen. Ein Marktschreyer und Halb-Arzt, Tiroli mit Nahmen, ward durch eine ansehnliche Summe Geldes bestochen; ging nach Sens; wußte sich bey Harcourts Frau Eintritt und Zutrauen auf seine Kunst zu verschaffen, und räumte sie durch ein schleichendes Gift aus dem Wege. Kaum vernahm jenes lasterhafte Paar die Nachricht ihres Todes, so kehrten Beyde nach Sens zurück, eheligten sich und genossen einige Jahre hindurch die Früchte ihres Lasters in Ruhe.

Doch indeß trieb Tiroli auf mancherley Art sein Unwesen fort; und da er endlich, eines Straßenraubes halber, in die Hände der Gerechtigkeit fiel, so gestand er unter andern Schandthaten auch, gleichsam als Zugabe betrachtet: daß er auf Masserinens und Harcourts Bitte die Gemahlinn des Letztern vergiftet habe. Noch hätte man vielleicht darauf nicht, wie man sollte, geachtet. Doch sonderbar genug mußte gerade damahls auch jener Kammerdiener erkranken, dessen Rechtschaffenheit Harcourt vergebens auf die Probe gestellt hatte, und auch Dieser erzählte in der Fieber-Hitze jenen Antrag, der ihm zu Vimories Ermordung gemacht worden sey. Auf diese doppelte Anklage, von noch andern Umständen begleitet, wurde unser Ehepaar plötzlich in seiner schönsten Sicherheit verhaftet; gestand auf der Folter Alles, und ward wenige Tage darauf von Niemanden bedauert, zum Tode geschleift.


VI.

Im Winter des Jahres 1611 fiel zu Constantinopel – was in diesen warmen Ländern äußerst selten ist! – ein ziemlich tiefer Schnee. Einige Bedienten des englischen Gesandten, Ritter Glovers, warfen sich bey dieser Gelegenheit mit Schneeballen; verschiedene Türken sahen diesem Scherz-Gefechte zu; aber leider ward es am Ende nur allzu ernstlich. Denn einen vorbeygehenden Janitscharen traf ein, vielleicht zu hart gedrückter Ball, so heftig ins Auge, daß er nicht nur dieses einbüßte, sondern daß auch der Brand hinzu schlug, und der Unglückliche ein fremdes Spiel mit seinem Leben bezahlen mußte.

Dieser Vorfall machte unter seinen Gefährten gewaltigen Lärmen. Der Janitscharen Aga selbst beschwerte sich beym Großvezir, und Dieser forderte vom Ambassadeur die Auslieferung des Thäters. Vergebens erwiederte der Gesandte: daß ja der Wurf offenbar nicht in feindlicher Absicht geschehen, sondern nur durch ein Ungefähr schädlich geworden sey. Der Vezir blieb unerbittlich. Ja, als der Gesandte erklärte: daß er durchaus nicht wisse, welcher unter seinen Bedienten den unglücklichen Ball geworfen habe, rüstete sich Alles zu einem ernstlichen Sturm des Pöbels aufs englische Gesandten-Haus; so daß Glover endlich versprechen mußte, alle seine Hausgenossen vortreten zu lassen, und den Schuldigen, wenn er erkannt werde, auszuliefern.

Kaum war die Dienerschaft vorgetreten, so fielen fünf Türken, die jener Scene zugesehen hatten, zu gleicher Zeit über einen gewissen Simon Dibbins her, der vor Kurzem erst von Candia nach Constantinopel gekommen war; und sie sowohl, als auch noch andere Janitscharen beschwuren einmüthig: daß er der Thäter sey. Von Neuem that der Ambassadeur jetzt Vorstellung. Er wußte ganz gewiß, daß dieser Dibbins unschuldig und damahls gar nicht zugegen gewesen sey. Er führte Dieß zum Beweis für ihn an, und erboth sich auch eine ansehnliche Summe für seine Befreyung herzugeben. Nichts half! Jene Gründe wurden als ein bloß erdichteter Vorwand betrachtet, und das Lösegeld schlug man aus. Der Gesandte, wollte er anders nicht das Leben von mehrern Menschen in Gefahr setzen, mußte sich endlich entschließen, einen seiner Überzeugung nach ganz Unschuldigen aufzuopfern.

Dieß schmerzte ihn gewaltig. Noch den Morgen vor der Hinrichtung schickte er seinen Secretär zu dem Gefangenen, um sich gleichsam mit der Nothwendigkeit gegen ihn zu entschuldigen. Dieser fand seinen Landsmann des Todes gewiß und doch sehr gelassen. Noch mehr! Dibbins trug es ihm sogar auf, den Gesandten seinetwegen zu beruhigen. – »Ich sterbe,« sprach er, »zwar unschuldig in diesem Punct, doch nicht schuldlos. Ich habe, was ich nun gestehen will, in England einen Mord begangen; habe deßhalb aus meinem Vaterland entweichen müssen; bin deßhalb nach Candia geflohen! Daß ich hier nun für einen Andern angesehen werde, daß so viele, die ich nie beleidigte, einmüthig meinen Tod begehren,– darin sehe ich nichts anders, als eine Spur verdienter göttlicher Vergeltung; und ich sterbe gern!«

Wenige Stunden nachher ward er wirklich vor der Thür des Gesandten aufgeknüpft, und Dieser war es allerdings nun zufrieden, daß mit dem Tode eines eingestandenen Mörders das Leben eines ganz unwillkürlichen Todtschlägers erkauft werde.


VII.

Signor Albemane, ein vornehmer junger Mailänder, verliebte sich in eine, gleichfalls junge Dame, Clara mit Nahmen; warb um sie, erhielt die Einwilligung ihrer Ältern, konnte aber ihre eigene nicht erhalten; denn sie hatte schon Wort und Herz an einen gewissen Graf Barentano verschenkt. Albemane wußte Dieses; aber, durchglüht von dem Wunsch ihres Besitzes, beschloß er ihren begünstigten Nebenbuhler umbringen zu lassen; dingte hierzu zwey der entschlossensten Banditen, jeden mit hundert Ducaten; und war vorsichtig genug, am Tage der That einige Meilen weit von Mailand zu verreisen, so daß er wirklich bey diesem Morde ganz verdachtlos blieb.

Nachdem Clara einige Monathe lang dem Andenken ihres Barentano manche bittere Thräne gewidmet hatte, milderte sich endlich ihr Schmerz, und sie reichte dann Albemanen wirklich ihre Hand. Er sah sich im vollsten Genuß eines so heiß gewünschten, durch Frevel erkauften Glücks. Doch eben dieser Genuß kühlt, wie gewöhnlich, die Leidenschaft selbst ab. Der junge Schwärmer ward der Liebkosungen seiner nun im Ernst für ihn zärtlich gesinnten Gemahlinn bald satt; und begann andern schwelgerischen Lüsten nachzuhängen.

Inzwischen hatte Pedro, einer von jenen Banditen, den Sündenlohn der hundert Ducaten längst wieder verpraßt, und war bey Gelegenheit eines Straßenraubes der Obrigkeit in die Hände gefallen. Aus seinem Gefängniß schrieb er an Albemanen, bath um Rettung, und drohte zugleich, ihn als Mordbesteller anzugeben, wofern er ihn nicht jetzt von dem schon zugesprochenen Strange befreye. Albemane beantwortete diesen Brief sehr herablassend; versprach dem Gefangenen seine Hülfe, und ließ ihm des andern Tages durch seinen Kammerdiener melden: die Begnadigung sey schon unterzeichnet. Doch diese Freundlichkeit und diese Bothschaft waren nur eine Kriegslist, um Pedros Mund so lange zu schließen, bis er das Gift getrunken habe, welches der Kammerdiener in einer Flasche Wein ihm zustecken sollte. Des Morgens, als die Hinrichtung vor sich gehen sollte, fand man den Verbrecher todt auf der Streu. Alle glaubten, er habe sich selbst vergiftet, um einem schmählichen Tode vorzubeugen. Auf Albemanen rieth wieder Niemand.

Kaum ein Paar Tage darauf erhielt er auch vom zweyten Banditen, Leonardo, der sich zu Pavia befand, einen Brief mit der Bitte: Ihm eine Summe von funfzig Ducaten, womit er sich aus großer Verlegenheit zu ziehen gedenke, zu verehren, oder wenigstens vorzustrecken. Albemane nahm auf dieses Begehren keine Rücksicht. Leonardo schrieb daher abermahls, und bedrohte sogar, jenen Mord des Barentano anzugeben, wenn er die begehrte Summe nicht so bald als möglich erhalte. Denn es gelte ihm (so waren seine Worte) in dieser Bedrängniß gleichviel, am Galgen oder Hungers zu sterben.

Dieser zweyte Brief kam in Albemanens Abwesenheit; ward von dessen Kammerdiener in Empfang genommen, und auf seines Herrn Tisch gelegt, damit er gleich bey der Ankunft ihn finde. Da aber Albemane nach damahliger Sitte vornehmer Personen, auch einen Narren in seinen Diensten hatte, so traf sichs, daß dieser Narr den Brief früher erblickte, ihn nahm, damit in den Hof ging, und ausrief: So eben habe er ein Schreiben vom lieben Gott erhalten. Die Frau vom Hause hörte Dieß, nahm dem Narren das noch versiegelte Papier ab, und da sie sah, daß die Aufschrift an ihren Gemahl gerichtet sey, steckte sie es in die Tasche, um es bey seiner Heimfahrt ihm selbst einzuhändigen. Doch äußerst unwillig geberdete sich der Narr dabey; unaufhörlich schrie er: »dieser Brief komme gerade vom Himmel her, und sey an ihn selbst, nicht an seinen Herrn gerichtet.« – Das Sonderbare in diesen Worten, die Hartnäckigkeit des Narren, und sein öfteres Wiederhohlen des Ausrufs, fiel endlich seiner Gebietherinn auf. Eine weibliche Neugier wandelte Claren an; sie erbrach jenes Schreiben und las in ihm das schreckliche Geheimniß; daß ihr Gemahl ein Mörder – ein Mörder ihres Geliebten sey.

Ganz versteinert wußte sie eine lange Weile selbst nicht: welche Wahl sie zu treffen habe? Ob sie den Meuchelmord ihres Geliebten verschweigen, oder die Anklägerinn ihres Gatten werden solle? Doch da die Mitwissenschaft um eine solche Frevelthat ihr die Seelenruhe auf immer zu rauben drohte; und da ihr in jenen Worten des Stocknarren ein höherer Wink zu liegen schien, so glaubte sie endlich durch ihr Gewissen verbunden zu seyn, diesen Brief der Obrigkeit nebst der Anzeige, wie sie dazu gekommen sey, auszuhändigen. – Dieß geschah; Albemane ward sofort verhaftet, Leonardo von Pavia herbeygehohlt. Der Letztere, als man seinen Brief ihm vorlegte, stutzte, erblaßte, bekannte sogleich Alles. Albemane wollte läugnen; aber jene Aussage und die gedrohte Folter zwangen ihn bald zum Geständniß. Er war nichtswürdig genug, nun auch den Kammerdiener anzugeben, dessen er sich zu Pedros Vergiftung bedient hatte; und, als sie dort alle Drey zum Tode verurtheilt wurden, stieß er noch mit seinem letzten Athem Flüche gegen seine Gattin, seinen Narren und Leonarden aus.


VIII.

Lauriette R**, ein junges, schönes Mädchen zu Avignon, konnte, in sofern sie reizend, wohlerzogen und die Erbinn eines ansehnlichen Vermögens war, Anspruch auf eine der vortheilhaftesten Heirathen in der Provinz machen. Aber ihr Herz war verdorben; ihre Sitten waren zügellos; ohne Wahl und Maß verschwendete sie ihre Gunstbezeigungen. Unter ihren Liebhabern zeichnete sich vorzüglich ein gewisser Graf von Poligni aus, ein junger Mann, der allerdings viel Liebenswürdigkeiten besaß. Eines Abends, als er von ihr ging, ward er meuchlings ermordet. Der größte Verdacht dieser That fiel auf einen gewissen Herrn von Belville, der früher Lauriettens begünstigter Anbether gewesen, und von Poligni verdrängt worden war.

Hinlängliche Beweise, Belvillen öffentlich anzuklagen, fehlten; doch Lauriette im Herzen überzeugt, daß er um ihren Liebling sie gebracht habe, war sich und diesen Letztern zu rächen entschlossen. Unter der freundlichsten Larve verbarg sie ihren feindlichen Plan. Ein Billet von ihr lud ihn zum Besuch ein. Mit aller Wärme eines Verliebten nahm er dieses Anerbiethen auf. Der Empfang war zärtlich. Doch sie sowohl, als auch Lucette, ihre Kammerfrau, hatten sich mit Pistolen bewaffnet. Als Belville, nach den ersten Umarmungen, nur einen Augenblick ans Fenster, den Rücken gegen die Thür gekehrt, trat, nützten sie sofort diese Gelegenheit. Ein Schuß von hinten stürzte ihn zu Boden. Er blieb alsbald todt, doch begnügten sie sich nicht damit, sondern durchbohrten noch seinen Leichnam mit mannigfachen Dolchstichen. Dann trugen sie gemeinschaftlich den todten Körper in den Keller, und vergruben ihn unter einem Holzstoß.

Des andern Tages erkundigte man sich nach Belvillen. Er war nirgends zu finden. Sein Bedienter versicherte: ihn bis Lauriettens Wohnung begleitet, und daß er zu ihr hinein gehe, gesehen zu haben. Man befragte sie deßhalb. Sie erwiederte: daß Belville allerdings zum Besuch gekommen, aber gar nicht lange geblieben sey; was nachher mit ihm geworden wäre, wisse sie nicht. – Diese Antwort genügte den Gerichten keineswegs. Man glaubte Grund genug zu haben, Laurietten auf die Folter zu werfenWahrlich abscheulich genug, daß man Das glaubte! Woher Laurietten (wenn nicht andere Umstände obwalteten) die Schuldigkeit oblag, für Belvillen zu haften, läßt sich schwer begreifen.; sie gestand keine Sylbe. Lucette, die indeß besorgte, daß ihre Gebietherinn beichten und sie als Mitschuldige angeben würde, entfloh heimlich aus der Stadt, und ersäufte sich in dem See, der zwischen Avignon und Orange liegt. Ihre Flucht vermehrte den Argwohn gegen Laurietten. Sie ward zum zweyten Mahle gefoltert, und blieb bey ihrer ersten Standhaftigkeit. Endlich sprach man sie frey, und sie feyerte diese Anerkennung ihrer Unschuld mit einem fröhlichen, festlichen Mahle. Dennoch blieb ihre Frevelthat nicht lange unentdeckt und unbestraft.

Ihre Ausgaben überstiegen ihre Einnahmen bey Weitem. Bald war der ansehnlichste Theil ihrer Erbschaft verpraßt. Das Haus, wo sie wohnte, eines der prächtigsten in ganz Avignon, gehörte ihr nicht eigenthümlich. Schon seit drey Jahren war sie dem Besitzer desselben, einem Herrn von Richecourt, den Miethzins schuldig geblieben. Nachdem er oft genug sie vergebens um Bezahlung gemahnt hatte, nahm er zur gerichtlichen Hülfe seine Zuflucht. Nicht nur ihr Hausgeräthe, sondern auch ihre Weine und die Holzvorräthe im Keller wurden in Beschlag genommen und verkauft. Indern man bey diesen Letztern einen kleinen Schutthaufen wegräumte, ward man einige Spuren von Blute gewahr, grub weiter und fand Belville's Leichnam noch unvermodert. Man trug ihn sofort zu Laurietten. Beym Anblick desselben sank sie ohnmächtig zur Erde. Zu laut und zu stark sprach nun Alles gegen sie. Ihr Verbrechen ließ sich länger nicht läugnen; sie selbst bequemte sich nun zum Geständniß. Die Richter verurtheilten sie, vor der Thür desjenigen Hauses, wo sie gewohnt und gesündigt hatte, aufgeknüpft zu werden. – Daß man dann ihren Leichnam, und Lucettens todten, in die Stadt zurückgeschleiften Körper verbrannte, und die Asche in die Luft verstreute, gehört zu den zwecklosen Üblichkeiten ehemahliger Gerichtspflege.


IX.

Ein Kaufmann zu London hegte gegen einen seiner Nachbarn einen so bittern, unbeschränkten Haß, daß er endlich unter mancherley, seine Bosheit und Grausamkeit noch erschwerenden Umständen, einen Meuchelmord an ihm beging. Da er nun, wie sehr natürlich, vor Untersuchung der Gerechtigkeit sich scheute, so entfloh er nach Frankreich und lebte allda verschiedene Jahre. Seine Einkünfte waren beträchtlich, häusliches Bedürfniß drängte ihn keineswegs; aber die Stimmung seiner Seele war äußerst traurig. Tag und Nacht stand der Schatten des Ermordeten vor seinen Augen. Um diesem Schreckbild zu entgehen, durchreisete er Deutschland und Italien. Doch seine Reisen nützten ihm nichts. Jener Schatten begleitete ihn über die Alpen und über den Rhein.

Nach zwanzig Jahren eines unstäten, kummervollen Lebens entschloß der Unglückliche sich nach England zurück zu kehren. Hier hoffte er abermahls die Ruhe wieder zu finden, die ihm seit der Entfernung aus dem Vaterlande fremd geworden war. Zeit und Reisen, schmeichelte er sich, würden seine Gesichtszüge verändert und unkenntlich gemacht haben. Im Winkel einer Provinz, fern von der Hauptstadt, unter fremdem angenommenen Nahmen, wollte er den Überrest seiner Tage verleben. Sein Plan war weislich genug überdacht; aber doch schien ihn dadurch das Verhängniß nur zum Empfange einer längst verdienten Strafe zu berufen.

So wie er in London aussteigt, und bey dem Hause des Kaufmanns, den er vordem getödtet, vorbey geht, hört er hinter sich eine Stimme erschallen: »Haltet ihn! Haltet ihn! das ist er!« Sofort ergreift er aus allen Kräften die Flucht. Eine Menge Volks stürzt hinter ihm her. Binnen wenigen Minuten sieht er sich umringt und ergriffen. Erschreckt durch diesen Vorfall, und durch diesen Haufen seiner Verfolger, bekennt er sogleich: »Ja, ja! er sey schuldig!« Kaum hört der Pöbel dieses Geständniß, so setzen sich Einige davon in Bereitschaft, ihn ins Wasser zu werfen; nur begehrt man: daß er zuvor das Gestohlene wieder ausliefere. Er weiß nicht, was er hierauf antworten soll. Er betheuert, daß er freylich seinen Nachbar (den er mit Nahmen nennt) ermordet hätte; aber er versichert zugleich, ihn nie beraubt zu haben. – Jetzt klärt es sich erst auf, daß bey der ganzen Geschichte ein Irrthum obwalte. Jenes Rufen und Verfolgen hatte einem Beutelschneider gegolten, der in diesem Hause gerade damahls auf einem Diebstahl ertappt worden war. Er hatte sich gerettet, indem man Diesem nur nachsetzte. Voll Verwunderung blickte man sich nun wechselseitig an. Sogar den Angehaltenen wieder loszulassen, hatten Mehrere von der Menge Lust.

Doch in eben diesem Augenblick erinnerten sich ein Paar von den Umstehenden an den Nahmen jenes getödteten Kaufmanns und an den gegen ihn verübten Mord. Man brachte daher den Verhafteten zu einer Gerichtsperson, und er wiederhohlte daselbst sein voriges Geständniß. Bald darauf ward er zum Strange verurtheilt; und noch wenige Minuten vor seinem Tode betheuerte er, diese zwanzig Jahre hindurch, seit jenem verübten Morde, nicht einen ruhigen Tag, nicht eine frohe Stunde nur, gekannt zu haben.


X.

Ein Geistlicher in Nord-England – wahrscheinlich in der Grafschaft Lancaster, – ward einst, als er auf die Kanzel kam, und seine Bibel aufschlug, in dieser ein Blättchen Papier gewahr, welches er beym ersten Blick für einen kirchlichen Aufgeboths-Zettel hielt, worauf er aber beym genauern Anschauen folgende Worte las:

»Johann P* und Jacob D* haben einen Reisenden, der bei ihnen einkehrte, Nahmens N**, geplündert, ermordet, und seinen Leichnam im nächsten Wäldchen an dem und dem Orte verscharrt.«

Voll Erstaunen rief der Pfarrer sogleich seinen Schulmeister, und fragte ihn: Ob er wohl ein Billet ihm in die Bibel gelegt habe! Dieser verneinte es, und der Prediger wollte nicht weiter darnach fragen; denn die Nahmen der angeblichen Mörder auf diesem Zettel waren gerade die Nahmen des Schulmeisters selbst und des Küsters. Beym Herausgehen aus der Kirche begab er sich zu einem Friedensrichter; sagte ihm, was er gefunden und gelesen habe; zeigte auch das Papier selbst vor. Aber wie staunte er von Neuem, als Dieses – ein vollkommen weißer Zettel war. Der Friedensrichter behandelte den Pfarrer als einen Schwärmer und Thoren; schmählte ihn weidlich aus, und schickte ihn wieder nach Hause.

Aber einige Stunden später kam er von Neuem wieder; betheuerte, daß bey jenem Lesen keine Schwärmerey und eben so wenig ein vorhergegangener Argwohn obgewaltet; kurz, sprach mit einer solchen Überzeugung, daß der Richter endlich in die Verhaftung des Schulmeisters willigte.Mit welchem Rechte, mag ich nicht entscheiden. – Ein Gesicht dieser Art, auch mit der innigsten Überzeugung von einem einzelnen, noch so glaubwürdigen Mann angezeigt, verdient vor Gerichte doch wohl ohne Zweifel Anhörung aufs Höchste, und dann – Abweisung! Selbst das nachmahlige Eintreten entschuldigt die vorhergegangene Ungesetzlichkeit nicht.            M. Sie wurden Beyde besonders gefragt; läugneten Beyde den Mord, widersprachen sich aber gleichwohl stark in ihrer Aussage. Der Küster, der zugleich einen Gastschank unterhielt, gestand: daß der erwähnte Reisende bey ihm eingekehrt, übernachtet, und des andern Morgens wieder weggereiset sey; der Schulmeister hingegen versicherte, alle seine Abende schon seit geraumer Zeit beym Küster zugebracht, und doch nichts von diesem Reisenden gesehen oder gehört zu haben. Man schritt nunmehr zu einer Hausuntersuchung. Sowohl beym Küster als beym Schulmeister, fand man mehrere Goldstücke und verschiedene Kaufmanns-Waaren. Doch beym Verhöre deßhalb wußten Beyde davon so genaue Rechenschaft zu geben, daß der Richter sich damit befriedigen mußte. Endlich erinnerte sich der Geistliche – und staunte, nicht eher darauf gefallen zu seyn! – daß jener wunderbare Zettel ja auch den Ort angegeben habe, wo der Leichnam verscharrt worden sey. Man begab sich dorthin; fand wirklich vor Kurzem erst aufgewühlte Erde; grub nach, und traf glücklich den Körper des Ermordeten an. Als man diesen dem Küster vorlegte, da erschrack er; bekannte Alles; gab den Schulmeister als Mitgenossen seiner Frevelthat an; und er litt bald darauf mit ihm zugleich die verdiente Todesstrafe.


XI.

In Frankreich hatte ein Mann von Stande verschiedene Officiere von der Besatzung zum Mittagsmahle geladen: Unter ihnen war auch der Vater desjenigen jungen, glaubwürdigen Mannes, der Fieldingen diese und die nachstehende Geschichte erzählte. – Schon eine Weile war die Gesellschaft beysammen; doch indem man sich eben zur Tafel setzen wollte, hob einer dieser Officiere von ungefähr die Augen auf, erschrack und rief: »Gott im Himmel, ich bin verloren! Schafft sie weg – weg von mir! Ich kann ihren Anblick nicht aushalten!« – Mit diesen Worten warf er seinen Stuhl um, und fiel selbst zur Erde. Ein allgemeines Getümmel erhob sich; man brachte ihn wieder auf seinen Sessel; man kam ihm so schnell und so gut als immer möglich zu Hülfe; aber indem er noch ein Mahl sein Gesicht gegen die vorige Seite des Zimmers richtete, rief er wiederum: »Ha, immer noch da? Fort aus meinen Augen! Oder ich will lieber Alles gestehen; will mich der Strafe unterwerfen, die ich verdient habe!« – Man glaubte, er spreche in einer Fieber-Hitze; der Herr vom Hause ließ ihn auf ein Bett im andern Zimmer bringen, und schickte nach einem Wundarzt, der ihm die Ader schlagen sollte.

Sehr natürlich war durch diesen Vorfall die ganze Tafel etwas gestört worden, und man sprach, auch nach des Officiers Entfernung, über die muthmaßliche Ursache seiner Krankheit. Eine Person in der Gesellschaft hatte bemerkt, daß die Anfälle des Kranken gestiegen wären, so oft er ein gewisses Porträt an der Wand des Zimmers betrachtet habe; und sie fragte daher: Wen dieses Bildniß vorstelle? Man antwortete ihr: Es sey das Bildniß einer Dame, die vor ungefähr zwey Jahren, einige Meilen von hier, auf ihrem Landsitz von Meuchelmördern überfallen, geplündert und getödtet worden wäre. Der Rest ihres Hausgeräths sey in eine öffentliche Versteigerung gekommen, und da dieses Bild von der Hand eines geschickten Künstlers stamme, habe man es gekauft und aufgehängt. Der Hausherr aber fragte die Officiers nun gegenseitig: »Wer eigentlich dieser krankgewordene Herr sey? denn bloß weil er zu ihrem Regimente gehöre, habe er aus Achtung für die Übrigen ihn geladen, ohne ihn jemahls vorher zu kennen.« – Alle erwiederten: daß auch sie nicht eigentlich wüßten, wer und woher er sey? denn erst seit Kurzem habe er sich bey ihrem Regimente eingekauft, ohne sonst eine Empfehlung für sich oder einen Tadel gegen sich zu haben.

Während dieses Gesprächs kam der Wundarzt an, um dem Kranken zur Ader zu lassen. Einige von der Gesellschaft begleiteten ihn zum Bette desselben. Er war wieder bey völliger Besinnung; aber in seinen Blicken war doch immer noch eine gewisse Ängstlichkeit zu spüren. Als man ihn um die Ursache fragte, war seine ganze Antwort, daß er schon mehrmahls dergleichen Anfälle gehabt, und so oft der Chyrurgus sich ihm nahte, stieg seine Verlegenheit sichtlich.– Alle diese Umstände fielen dem Herrn vom Hause auf. Er winkte dem Wundarzt, führte ihn ins Nebenzimmer und fragte ihn: Ob er vielleicht diesen Herrn kenne? – Der Wundarzt erwiederte: Er glaube, nein! weil er ihn in Officiers-Uniform finde; denn sonst habe er allerdings einmahl einen Landstreicher gekannt, der diesem Fremden sehr geähnelt habe. – Der Hausherr bath ihn, doch wieder zum Kranken zu gehen, und ihn geradezu unter dem Nahmen jenes Landstreichers anzureden. Man könne ja sehen, was es für eine Wirkung mache. Im Fall eines Irrthums werde man mit einer kleinen Bitte um Verzeihung leicht durchkommen. Auch stehe er für die Folgen.

Der Wundarzt war willig hierzu; ging hinein, nahm den Officier bey der Hand, und sagte in einem zuversichtlichen Tone: »Aber, Bernard, wie befindest du dich denn eigentlich? Wahrlich in dem Aufzuge hätte ich dich doch nicht wieder zu treffen verhofft!« Bey diesen Worten erblaßte Jener von Neuem. »Ich sehe es, rief er, ich bin verrathen! Ja, ja! ich will Alles bekennen!« Die Gesellschaft ward nun herbeygerufen. Er gestand laut, daß er Derjenige sey, den der Wundarzt in ihm erkannt habe – ein Landstreicher, ein Räuber, ein Mörder sogar! Durch Beyhülfe eines treulosen Bedienten habe er sich vor zwey Jahren ins Haus derjenigen Dame, deren Bildniß ihn an der Tafel so erschreckt, heimlich eingeschlichen, habe sie mit jenem Bösewicht erst beraubt und dann ermordet; habe daneben so rasch seinen Spießgesellen auch umgebracht, und den Leichnam desselben im Keller verscharrt, damit man glauben solle: Dieser habe die That gethan, und dann die Flucht ergriffen. Im Schreibeschrank dieser Dame wären unter andern fünfhundert Louisd'ors befindlich gewesen; mit ihnen habe er sich eine Stelle in der Armee gekauft. Die Juwelen hingegen und das Silberzeug, das er damahls erbeutet, habe er, aus Furcht verrathen zu werden, bisher noch in der Erde vergraben.

Er gab den Ort an, wo Dieses geschehen seyn sollte. Man schickte sogleich Leute dorthin, und fand Alles noch unversehrt. Auch die Gebeine des ermordeten Bedienten wurden angetroffen und ausgegraben. Der Verbrecher aber ward nunmehr ins Gefängniß gebracht, genauer verhört, und als seine Strafwürdigkeit auch nicht dem geringsten Zweifel mehr unterlag, zum Rade verdammt.


XII.

In einer Stadt des nördlichen Frankreichs fand man eines Morgens einen jungen Mann von Stande in seinem eigenen Zimmer aufs grausamste ermordet. Die Obrigkeit des Orts stellte zur Entdeckung des Mörders die sorgfältigsten Nachsuchungen an. Alles vergebens! Eine geraume Zeit verlief. Niemand gedachte mehr an den Ermordeten.

Doch sieben Jahre nach dieser Frevelthat durchlief auf ein Mahl die ganze Stadt ein Gerücht: Herr von S**, ein angeblicher Busenfreund des Ermordeten, habe diese Schandthat begangen. Den ganzen Tag sprach man überall, und als sey es ausgemacht, davon. Woher die Erzählung komme, wußte niemand; aber Viele wunderten sich sogar, daß die verdächtige Person noch nicht verhaftet werde. Wirklich hatten die Gerichte auch davon gehört; doch einen Mann von Stande und unbescholtenem Rufe auf eine so schwankende, unbezeugte Rede einziehen zu lassen, trugen sie, (wie billig!) Bedenken; und am andern Morgen dachte schon wieder kein Mensch daran.

Des andern Jahres, an eben demselben Tage, erneuert sich plötzlich die Sage wieder, und verstärkt sich noch mit dem Zusatze: Herr von S** sey bereits verhaftet; habe vor Gericht Alles gestanden, und einen Ort in seinem Garten angezeigt, wo man den Hirschfänger, mit welchem er das Herz seines Freundes durchstoßen, und einige Kleidungsstücke, vom Blut des Erschlagenen befleckt, vergraben finden werde. – Der Pöbel umringt sogleich scharenweise das Haus des angeblichen Thäters und verlangt in den Garten hineingelassen zu werden. Erschrocken über dieses Getümmel fährt Herr von S** mit dem Kopfe zum Fenster hinaus. Man lärmt, man schimpft, man wirft mit Steinen nach ihm. Er glaubte im Ernst als Derjenige, der er wirklich war, entdeckt worden zu seyn; eilt durch eine Hintertreppe hinab; sattelt selbst sein bestes Pferd, und sprengt damit im schnellsten Gallop der nicht allzu weit entfernten französischen Grenze zu.

Die Stadt-Gerichte, die am besten wußten, daß an keine Verhaftung gedacht worden, und daß mithin auch jenes Geständniß eine Fabel sey, schickten indeß einige Stadtsoldaten ab, mit dem Befehl: den Pöbel zu zerstreuen, und Haus und Person des Herrn von S** vor aller Thätlichkeit zu sichern; als sie aber gleich darauf vernahmen: daß S** bereits mit aller möglichen Eile die Flucht ergriffen habe, da stutzten sie selbst über das Sonderbare dieses Zufalls. Der Urheber des ganzen Gerüchts ließ sich durchaus nicht ausfindig machen. Eine höhere Kraft schien hier im Spiele zu seyn, um den Urheber jenes grausamen Meuchelmords ans Licht zu bringen. Man ließ aufs Gerathewohl im Garten nachgraben: und siehe da! Alles traf buchstäblich mit der allgemeinen Sage überein. Ja, um das Sonderbare noch sonderbarer zu machen, das Blut auf den Kleidern schien diese acht Jahre hindurch noch ganz frisch geblieben zu seyn.

Jetzt schickte man sogleich Häscher nach, den Entflohenen zu verfolgen. Ansehnlich genug war der Vorsprung, den er hätte gewinnen können. Doch kaum zwey Meilen von der Stadt erhaschte man ihn bereits. Sein Pferd war mit ihm gestürzt; er selbst hatte sich eine Hüfte ausgefallen. Man brachte ihn zurück. Er gestand sogleich Alles, und ward dafür, wie natürlich, im Verfolg öffentlich hingerichtet.


XIII.

Ein Irländer, und zwar ein Mann von ansehnlichem StandeDerjenige, der Fieldingen diese Anecdote erzählte, versicherte: Sein eigener Großvater sey Richter des Verklagten gewesen. Aber weil die Familie dieses Letztern zu den ersten Familien im Königreiche gehörte, verschwieg er den Nahmen desselben., hatte seinen Freund im Zweykampf erlegt, und mußte deßhalb vor Gericht sich stellen. Er vertheidigte sich unerschrocken, und alle Umstände waren so günstig für ihn, daß er am Ende des vorsetzlichen Mordes quitt gesprochen, und ihm nach Landes-Gebrauch ein Buch, um den Reinigungs-Eid zu leisten, dargebothen wurde. Aber indem er darauf blickte, trat er erschrocken zurück, nahm es zwar, konnte jedoch vor Bestürzung kein Wort herlesen. – Man fragte ihn um die Ursache seiner Betretung, und er antwortete: »Er wundere sich allerdings, daß man so mit ihm umgehe. Die Buchstaben dieser Schrift wären ja über und über voll Blut!«

Einige Personen, die neben ihm standen, warfen nun sogleich ihre Blicke auf dieses Blatt; aber sie sahen auch nicht die geringste Spur von Blute; im Gegentheil war die Schrift rein, groß und leserlich. Sie sagten ihm Dieß; seine Bestürzung nahm zu; er blickte noch ein Mahl hin; seufzte tief, und rief aus: »Ich Unglücklicher, nun sehe ich, daß die göttliche Rache mich verfolgt; daß seine Langmuth mich nicht länger ertragen will; zwar bin ich in Rücksicht meines Freundes wirklich schuldlos. Ich tödtete ihn wider Willen, indem ich mich bloß zu vertheidigen suchte. Doch habe ich leider die Todesstrafe nur allzu wohl verdient. Denn vor fünf Jahren schon habe ich heimlich meinen eigenen Vater getödtet.«

Das Schrecken der Richter bey diesem ganz unerwarteten Geständniß läßt sich ermessen. Sie gaben dem Selbst-Ankläger Zeit zu bedenken, was er sage. Doch Dieser blieb auf seiner Rede; erzählte umständlich, auf welche listige Art er Vater-Mörder geworden sey; und erkannte noch nachher, als das Todesurtheil über ihn gesprochen ward, mit reumüthiger Ergebung die sonderbaren Wege der göttlichen GerechtigkeitSonderbar genug ist dieser Vorfall; doch daß man eine Art von Wunder in ihm suchen müßte, glaube ich keineswegs, und wahrscheinlich hat es auch Fielding nicht geglaubt. Wer nur einiger Maßen mit den großen Wirkungen der Ideen-Association und einer einmahl erregten Einbildungskraft bekannt ist, erklärt sich Vorfälle dieser Gattung – wiewohl sie allerdings merkwürdig bleiben! – doch gar leicht. Man lasse in der Seele des Verbrechers, indem das Buch zum Schwur ihm dargereicht wird, den in seiner Lage sehr natürlichen Gedanken aufsteigen: »An diesem Blute bist du zwar rein! Aber möchtest du es doch auch so am Blute deines Vaters seyn!« so ist das Schreckniß, welches ihn verblendete, vielleicht schon da; ist ein Geschöpf seiner eigenen Seele; und ist wirksam genug, seinen bisher verschlossenen Mund zum Geständniß zu öffnen..


XIV.

Welche unendlich kleine Kleinigkeit oft hinreiche, selbst störrigen Verbrechern ihr Geständniß zu entwinden, zumahl wenn ihre eigene Einbildungskraft gegen sie auftritt, davon führt Fielding noch ein Beyspiel auf, das zu seinen Zeiten vorfiel.

Katharina Hayes ward angeklagt und überwiesen, ihren Ehemann umgebracht zu haben; ward deßhalb den Gesetzen nach zum Feuer verurtheilt. Sie bewies anfänglich in ihrem Verhör äußerst viel Kühnheit und Dreistigkeit; läugnete auch Alles frischweg. Doch indem die Zeugen abgehört wurden, brachte man vor die Schranken unter andern ein Kleid, das ihr Mann getragen, und womit sie einem ihrer Nachbarn ein Geschenk gemacht hatte. Dieses Kleid, auf eine Stange mit einem Querholz aufgehängt, glich gewisser Maßen dem Körper eines Menschen, dem der Kopf abgeschlagen worden, weil man freylich oben nichts als den Rand sehen konnte; daß die Ähnlichkeit jedoch nicht groß seyn konnte, ergibt sich von selbst. Als man aber dasselbe (und vielleicht ein wenig unerwartet), vor die Gefangene hinstellte, ward sie so betreten hierüber, daß sie ohnmächtig hinsank, und beym Wieder-Erwachen mit keinem Worte mehr ihr Verbrechen abläugnete.


Zwey Rechtsfälle, die noch nicht im Pitaval stehen.


I.

Valmont war ein junger Rechtsgelehrter, aus Orleans gebürtig, der in Frankreichs Hauptstadt seine Wissenschaft auszubilden, und nebenbey seine Jugendjahre zu genießen suchte. Er dachte nicht schlecht, aber doch leicht genug. Er genoß, wo er etwas fand, und je wohlfeiler er sein Vergnügen kaufen konnte, desto angenehmer war es ihm. Eines Winterabends, als er aus dem Schauspiele kam, brachten einige seiner Freunde ein kleines Abendessen auf einen öffentlichen Hause im Vorschlag. Die Sache ward beliebt; man aß, zechte und sang bis tief in die Nacht. Endlich schlug es ein Uhr und man brach auf. Der December-Monath übte so eben seine Gerechtigkeit aus. Es schneyte, daß man kaum aufsehen, und stürmte, daß man kaum gehen konnte. Valmonts Gefährten eilten nach möglichsten Kräften in ihre Wohnungen; Valmont eilte nicht minder, nur lag die seinige am entferntesten. Jetzt war er ganz nahe schon bey seiner Hausthür, als er eine weibliche Stimme aufs erbärmlichste weinen hörte. Aus Mitleid oder aus Neugier nahte er sich dem Winkel, wo dieser Klageton herkam, und erblickte, beym Schimmer der Laternen, angeschmiegt an eine leere verschlossene Bude, ein Mädchen von äußerst niedlicher Bildung, doch fast halbtodt bereits vor Frost, und in Thränen gleichsam gebadet. Sie schien Anfangs zu erschrecken als ein einzelner Mann sich ihr nahte. Aber Valmont sprach so freundlich ihr zu; kam ihr so ungekünstelt mit seinem Mitleiden zuvor, und fragte sie so oft: welcher Zufall wohl, in solch einer Stunde und solch einem Sturm, auf diese Gasse und in diesen Winkel hier ein so reizendes Mädchen verschlagen habe? daß sie endlich Muth schöpfte und also antwortete:

»Ach, gnädiger Herr, reizend bin ich eben nicht; aber ich heisse Javotte, und bin aus der Normandie. Eine meiner nächsten Muhmen, die als Kammerfrau bey der Herzoginn von Belleisle dient, hat mich vor knappen zwey Monathen nach Paris gezogen, und bey einem reichen Kaufmann untergebracht. Er ist ein herzensguter Mann, aber seine Frau ist ein erzböses Weib. Nichts kann man ihrem Eigensinn nach Wunsche machen, und eifersüchtig ist sie, wie ein Drache. Heute Abends sah sie, daß der Herr im Vorbeygehen mich in die Backen knipp. Es war nichts; Gott weiß, es war weiter nichts. Aber sie erhob einen ganz schrecklichen Lärm; der arme Mann, nach zwanzig fruchtlosen Schwüren, flüchtete sich endlich auf seine Schreibstube; ich, nun ganz im Stiche gelassen, suchte mich aufs bescheidenste zu vertheidigen, aber ich ward tüchtig durchgebläut, und zum Hause hinaus geworfen. Ich wollte zu meiner Muhme; aber es ist Nacht; kaum finde ich mich noch am Tage durch Paris. Ich habe mich daher verirrt, und weiß weder aus noch ein. Sie scheinen mir ein mitleidiges Herz zu haben, gnädiger Herr; erbarmen Sie sich meiner! Sie sehen das schreckliche Wetter; ich bin halb todt vor Furcht und Kälte. Schon sieben Mahl habe ich meinen Rosenkranz durchgebethet, und meine Seele Gott empfohlen. Ohne Zweifel schickt der Himmel selbst Sie her. Nehmen Sie mich mit nach Hause! Ich will, wenn Sie es haben wollen, bey Ihrer Frau Gemahlinn wachen. Ich will als Mädchen bey ihr dienen. Oder ich bitte auch nur bis morgen früh um Quartier; denn mit Tagesanbruch kann ich mich schon wieder zu meiner Muhme finden.«

Dieser naive Ton, dieß unbefangene Zutrauen, – und warum auch nicht des Mädchens körperliche Wohlgestalt? – gefielen Valmont. Er versprach Javotten Quartier und ein Bett; nahm sie am Arm und führte sie zu sich heim. Je mehr das Mädchen aufthaute, je hübscher ward sie; aber freylich merkte sie auch jetzt bald zwey bedenkliche Umstände: daß Valmont keine Frau und nur Ein Bett habe. Weislich hatte Valmont dieß Letztere nicht eher eingestanden, bis die Sache kaum sich ändern ließ. Auch verwandte er zu ihrem Trost so viel Liebkosungen, so mannigfache Sorgfalt, daß das weiche, erkenntliche Mädchen endlich, wenigstens auf einige Augenblicke, ihres Unfalls vergaß, und in ein enges Bett, und in die Lage der Dinge sich ergab. Wie weit diese Ergebung sich erstreckte, oder wie lange sie dauerte, das haben wir nicht zu untersuchen. Genug, der junge Mann bediente sich unter andern Beruhigungs-Gründen auch des Versprechens von einem Laubthaler; doch als am andern Morgen beyde Parteyen sich trennten, und der Laubthaler abermahls in Erinnerung kam, entschuldigte sich Valmont (es sey nun mit Wahrheit, oder bloß um einen Vorwand zu haben), mit Mangel an barem Gelde, und gab ihr bloß, als eine Art von Entschädigung, ein Lotterieloos, das er am vorigen Tage mit vier und zwanzig Sous bezahlt hatte, und das so eben noch auf seinem Kamine lag. Das arme, doppelt hintergangene Mädchen ging weinend von ihm hinweg zu ihrer Muhme; hüthete sich wohl, die Geschichte dieser Nacht aufrichtig zu erzählen, und vermiethete sich bald darauf zu einem Goldarbeiter, der sie zum Verkauf der Waaren in seinem Gewölbe nützte.

Während dieser Zeit ward die Lotterie gezogen, und Javottens Loos, das Valmont für so gut als eine Niete geachtet hatte, gewann den ersten Preis. Die Zeitungen zeigten, wie gewöhnlich, die glückliche Nummer an; und der junge Advocat, der durch ein Ungefähr diese Zahl in sein Taschenbuch eingetragen hatte, erschrack nicht wenig, als er sah, daß er, ganz seiner Absicht entgegen, vier und zwanzig tausend Livres weggeschenkt habe. Er eilte, so schnell er nur konnte, zum Lotterie-Comptoir hin; widersprach aufs förmlichste der Auszahlung dieses Looses; gab seine Adresse, und versicherte: daß dieß ihm zugehörige, von ihm erkaufte Loos ihm diebischer Weise entwendet worden sey. Im Heimgehen fügte es ein glückliches Ungefähr, daß er gerade bey dem Goldschmiedsgewölbe vorbey ging, wo Javotte am Fensterchen saß. Das arme Mädchen wollte ihm ausweichen. Doch Valmont hatte sie schon gesehen und erkannt; er ging sogleich ins Gewölbe, erinnerte sich scherzend jener stürmischen Nacht, wünschte sich bald eine ähnliche, gedachte, nur wie zufällig, jenes ihr gegebenen Looses, und erboth sich zu dessen Auslösung.

So kläglich Valmont auch seinen Handel einzuleiten glaubte, so hatte er doch im letzten Puncte mit einer so angelegentlichen Wärme gesprochen, daß selbst bey der sonst argwohnslosen Javotte einiges Mißtrauen aufstieg. Sie hatte bisher dieß Loos fast wie gar nichts geachtet; hatte an dessen Erwerbung so wenig als möglich sich erinnert, und noch weniger daran erinnert zu werden gewünscht; gleichwohl hatte sie dasselbe aufbewahrt, und ward jetzt noch aufmerksamer darauf. Sie gab daher Valmont eine unentschlossene Antwort; machte sich von ihm, so bald als möglich, los; erkundigte sich genauer nach der Lotterie, und erfuhr ihren Gewinnst gar leicht. Spornstreichs lief sie nun zu ihrer Muhme hin; gestand ihr Alles; erhielt einen derben Verweis des Anfangs, und Verzeihung der Wendung wegen. Muhme und Nichte gingen nun den Gewinnst zu heben. Sie staunten, als sie hörten, daß er verkümmert sey. Ihr Weg ward stracks zu einem Advocaten genommen. Javotte wiederhohlte – jetzt zwar ohne Verweis, doch mit größerer Schamröthe – ihre Beichte; und der Handel ward Rechtsanhängig.

Beyden Parteyen fehlte es nicht an Gründen. Valmont, der seine Sache selbst führte, verlangte die Rückgabe des Looses, das nun zum Document von vier und zwanzig tausend Livres an Werth geworden war. Es habe ihm nicht im Traum einkommen können, sagte er, für solch eine Kleinigkeit eine so große Summe wegzuschenken; auch sey das Mädchen nie so thörigt sie zu fordern gewesen. Sie habe sich selbst ihm überliefert; daß sie nicht genauer nach seinen häuslichen Umständen sich erkundigt, sey ihre Schuld. Bloß über einen Laubthaler wären sie des Handels einig geworden, und den sey er ihr auch zu geben erböthig.

Doch Javottens Sachführer entgegnete: Valmont habe zweyfach unredlich gehandelt; zuerst, daß er sein Wort nicht gehalten, und dann, daß er ein unschuldiges Mädchen des Diebstahls angeklagt habe. Was das Lotterie-Billet betreffe, so habe er sich bey dessen Wegschenkung alles dabey möglichen Gewinnstes und Verlustes natürlicher Weise begeben; und da er unbillig genug gedacht habe, einer Person, die sich so gutmüthig ihm anvertraut, und die so viel ihm aufgeopfert habe, statt versprochener sechs Livres ein Billet von vier und zwanzig Sous aufzubringen, so sey er auch jetzt, da dieser Zettel allerdings vier und zwanzig tausend Livres werth geworden sey, ihn zurück zu fordern nicht berechtigt.

Die Sache schien äußerst weitläuftig werden zu wollen. Zwar war Javottens Partey die stärkere; doch auch Valmont fand seine Vertheidiger: denn nur allzu Viele von der Pariser Jugend dachten wie er. Einer von den Richtern, ein Mann von gutmüthigem Herzen, und kältern Jahren, schlichtete zuletzt, ohne in diesem Augenblick Richter zu seyn, den Streit. Er lud einst Kläger und Beklagte zu sich, und sprach ungefähr also zu Beyden: »Wenn es um Sporteln mir zu thun wäre, so würde ich ganz anders reden, als ich jetzt zu reden Willens bin. Vier und zwanzig tausend Livres hat Eines von euch Beyden gewonnen; am Ende, fürchte ich, werdet ihr Beyde sie nicht bekommen. Warum wollt ihr euch wechselweise des Genusses von diesem Gewinnste berauben? Genießt ihn doch lieber zusammen! Javotte ist ein artiges, nun wohl bemitteltes, und wenn man einer einzigen Nacht vergißt – auch unbescholtenes Mädchen. Valmont ist ein mit Ausnahme jener Nacht – untadelhafter Mann. Ihr gefielt euch ein Mahl beyderseits. Heirathet euch jetzt, statt euch zu zanken, und seht die vier und zwanzig tausend Livres als eine Mitgift an!«

Man nahm das Ding in Überlegung und entschloß sich. Die Hochzeit ward bald vollzogen. Als Valmont ins Brautbett stieg, wußte er freylich ganz, was er an Javotten darin finden würde. Aber wie oft ist dieser Fall, auch ganz ohne Lotteriegewinnst, da! Überdieß hatte sie wohl noch mehr ihm zu verzeihen! – Ihre Ehe war glücklich. Sie lebten fortan unsträflich. Er streifte weder in Sommer- noch Winternächten auf den Straßen weiter umher. Er ward vielmehr ein berühmter Advocat, und übte sein Talent in minder kitzlichen, aber rechtschaffnern Händeln.


II.

Nannette war ein Mädchen aus der Provinz, wie es deren selbst in der Hauptstadt Frankreichs – die Franzosen sprächen lieber gar in der Hauptstadt Europens – äußerst wenig gibt. Ein feiner, schlanker Wuchs, ein Busen, der sich nicht schöner denken läßt, ein interessantes Gesicht, und eine Hand, die kein Wachskünstler nachzubilden vermöchte. – Sie war Waise, und lebte bey einer Muhme, die in Lyon ein Gasthaus hielt, und kaum seit sechs Monathen Witwe war. Auch diese Muhme konnte für ein flinkes anlockendes Weibchen gelten. Ihr Alter stieg nicht über fünf und zwanzig; ihr Gesicht war nicht schön, doch regelmäßig gebildet, von feiner Haut und frischer Farbe; gewachsen war sie, wie ein Püppchen; auch frisch konnte man noch in jedem Betracht sie nennen; denn ihr erster Mann, ein schwindsüchtiger Sechziger, hatte wenig gethan, und viel gewacht. Seit seinem seligen Hintritt hatte sie freylich schon manchen jungen Gatten zu haben vermocht; doch noch gedachte sie an die Trübsale ihres Ehestandes mit Schrecken; wollte ihrem Hauswesen selbst vorstehen, und hatte des Zuspruchs von Gästen ziemlich viel. – Ein Umstand, der nach dem jetzt Gesagten auch ziemlich natürlich zuging.

Einst trat ein Fremder von der Art, wie man in Wirthshäusern am liebsten sie sieht, bey ihr ab; ein junger artiger Mann, der durch Erbschaft unbeschränkter Herr eines großen Vermögens geworden war, und der den guten Vorsatz hatte, dessen auf Reisen vorzüglich zu genießen. Er hatte Italien bereits gesehen; die Reihe sollte nun Frankreich treffen. Zu Marseille war er gelandet; nach Paris wollte er gehen. Aber der Weg hatte ihn ermüdet; Lyon gefiel ihm. Er nahm sich vor, hier ein Paar Tage auszuruhen; und man wies ihn, durch einen Zufall, ins Haus unserer Witwe.

Kaum hatte er hier Nannetten erblickt, als er von Allem, was sonst noch in Lyon sehenswürdig war, nichts weiter zu sehen begehrte. Es war ein Mann von der feurigsten Empfindung. Bey Welschlands Schönen hatte er sich schon oft seines Lebens und seiner Jugend erfreut; von den Französinnen hatte er weit minder gehofft; aber Nannette dünkte ihm das reizendste Mädchen zu seyn, das er je gesehen habe. Er merkte bald, daß die Leidenschaft über ihn mächtig werde; da er aber Bedenken trug, sich allzu lange bey ihr aufzuhalten; da er noch minder Lust hatte, deßfalls eine ernstliche Sprache zu führen; so hielt er es fürs Klügste, denjenigen Ton anzunehmen, der bey Mädchen selten, und bey Mädchen in Wirthshäusern fast nie unerhört bleibt, das heißt: er sprach nett und kurz von seiner Neigung, und von seiner Bereitwilligkeit an Mademoiselle für eine einzige Nacht, die sie auf seinem Zimmer hinbringen würde, fünf und zwanzig Louisdor zu bezahlen.

Der Fremde hatte geglaubt, ein ächt englisches Geboth an dieser Summe zu thun. Doch Nannette war nicht reizend allein, sie war auch von guter Erziehung, die besser, als gewöhnlich geschieht, bey ihr angeschlagen hatte. Sie hörte daher diesen Vorschlag erröthend an, und entfernte sich ohne ein Wort darauf zu verlieren. Ihr nächster Gang war zu ihrer Muhme; dieser erzählte sie ihr Abenteuer; und empfing von ihr sowohl Lobsprüche wegen jetzt bewiesener Tugend, als auch Ermahnung zu gleicher Standhaftigkeit in künftigen Fällen.

Dieser Fall kam bald wieder. Der Fremde, durch einen Widerstand, den er nicht vermuthete, nur noch mehr erhitzt, glaubte, daß man sein Anerbiethen nur deßhalb, weil man es noch zu geringfügig befunden, verworfen habe. Er paßte daher des nächsten Tages den ersten einsamen Augenblick sorgfältig ab; sprach in weit eindringenderm Ton, und erboth sich zu funfzig Goldstücken. Auch jetzt antwortete ihm Nannette nur mit einem verächtlichen Blick und rascher Entfernung.

Des jungen Mannes Erstaunen wuchs und seine Leidenschaft in eben dem Maße. Daß er nicht an ein Mädchen, sondern an eine Jungfrau sich verwendet habe, schien ihm nun sehr glaublich; daß man für eine solche Seltenheit auch einen hohen Preis darbiethen könne, sehr erlaubt. Er sandte daher des andern Morgens einen zärtlichen Brief an Nannetten und versprach hundert Louisdor. Die Tugend der Nichte blieb noch unerschüttert; aber auf die Tante, der dieses Billet ebenfalls sogleich gewiesen ward, wirkte der mächtige Reiz des Goldes. Sie ward ein Weilchen nachdenkend, und nahm dann eine wichtige Beschränkung in ihrer Sittenlehre vor. – Daß eine Jungfrau unerkaufbar bleiben müsse, darauf beharrte sie doch, daß eine Witwe sich schon etwas mehr nachsehen dürfe, das glaubte sie, oder schien es zu glauben. Sie beredete daher Nannetten zu einer bejahenden Antwort, und übernahm die Endigung dieses Handels. Alles ging vortrefflich. Madame erschien zur bestimmten Zeit. Ihre jungfräuliche Scham hatte sich Verschonung mit allem Lichte ausbedingt. Der Fremde ward in jedem Betracht vergnügt, zahlte seine hundert Louisdor, ward mit Kuß und Händedruck quittirt, und merkte vom Betrug keine Sylbe.

Nannette, die äußerst ungern in diese List gewilligt hatte, ließ den ganzen andern Tag sich nicht blicken. Es war allerdings Scham, aber der Fremde nahm es doch für eine andere Art von Scham. Er hatte große Lust jene Nacht, nur um einen etwas billigern Preis, noch ein Mahl zu feyern. Bloß deßwegen verzog er abermahls in Lyon. Doch am dritten Tage fand sich ein neuer Grund zum Verzuge, woran Niemand gedacht hatte. Er ward krank. Die Ärzte, die er rufen ließ, schüttelten gleich Anfangs bedenklich den Kopf, und erklärten, daß ein heftiges Fieber im Anzuge sey. Nach vier und zwanzig Stunden sprachen sie von Lebensgefahr, von der Nothwendigkeit, sich mit dem Sacrament versehen zu lassen, und dergleichen mehr. Freylich fand der junge Mann eine solche Nachricht gar nicht nach seinem Wunsche; denn er hatte noch gar zu viel auf der Welt zu thun sich vorgenommen, als jetzt schon gleichgültig an einen Abschied von ihr zu denken. Doch betrug er sich als ein Mann von Fassung, brachte seine Angelegenheiten bestmöglichst in Ordnung, und da sich in seiner Brieftasche Wechsel auf zwey tausend Pistolen befanden, da Nannette seine letzte Liebe gewesen war; so vermachte er ihr diese Summe durch ein förmliches Testament, »Theils um (wie er sich ausdrückte), die Gefälligkeit zu belohnen, die sie für ihn gehabt habe, Theils sie wegen der Folgen zu entschädigen, die doch vielleicht noch jene Nacht nach sich ziehen könne.« – Gleich nach Besiegelung dieses letzten Willens fiel er in fieberhafte Verrückungen, aus welchen er nie wieder ganz zu sich selber kam; am siebenten Tage starb er.

Man öffnete sein Testament, ersah sein Vermächtniß, und machte es Nannetten bekannt. Das arme Mädchen erröthete vor Scham bis an die Haare; ihre Tante, die zugegen war, erröthete auch, doch aus ganz andern Gründen. Habsucht, ihr voriger Fehler, sah hier eine noch weit stärkere Anreizung. Sie machte nun Alles bekannt, widersprach laut dem Glück ihrer Nichte, und verlangte, daß dieß Legat auf sie gezogen werden müsse; denn sie allein habe solches verdient, und auch dabey derjenigen Gefahr sich unterzogen, deren im Testament Erwähnung geschehe.

Dieser sonderbare Rechtshandel gelangte nothwendig vor Gericht, und mittlerweile dort die Parteyen und ihre Anwälde sich zankten, fanden Tante und Nichte auch beym Publicum unangesprochene Advocaten und Richter. – »Es ist ja klar, sagten die Anhänger der Witwe, wem der Fremde sein Geschenk zugedacht hat! Derjenigen Person, die ihm eine vergnügte Nacht gemacht; die sich dadurch in Gefahr gesetzt hatte, Mutter eines Kindes, eines Kindes von ihm zu werden. Der Nahme thut nichts zur Sache, so bald man sich in der Person nicht irren kann. Er nannte die Nichte, weil er glaubte, daß diese sich für ihn aufgeopfert habe. – Hätte er die Wahrheit gewußt, so würde er die Tante genannt, und ihr diese zwey tausend Louisdors hinterlassen haben.«

»Nein, das hätte er sicher nicht gethan!« erwiederte die Gegenpartey. »Er kannte Tante und Nichte; aber es fiel ihm nicht ein, Jener seinen Antrag zu thun, da er von der Letztern, Trotz ihrer Sprödigkeit, nicht abließ. Nur von ihr glaubte er auch umarmt worden zu seyn, und sorgte, ihre übertäubte Tugend nicht reichlich genug bezahlen zu können. Zudem kann die Witwe wohl ein so ansehnliches Geschenk für einen Dienst erwarten, den sie bloß durch Betrügerey leistete? Man kann einen Fehltritt, eine Schwäche belohnen, doch nicht ein so verächtliches Betragen, als die Wirthinn sich hier zu Schulden kommen ließ. Der Fremde hat Nannetten genannt. Ihr gehört auch daher das Vermächtniß, und nicht einem ausschweifenden Weibe, das Geldgeiz oder Wollust hinriefen, wo Niemand ihrer begehrte. Käm' ein Kind zum Vorschein, dann würde Dieß allein Nannetten zuvor gehn, denn Dieß scheint der Sterbende als den Hauptgegenstand seiner Großmuth zu betrachten.«

Die Richter sprachen endlich, und ihr Urtheil war ziemlich der letztern Meinung gleich. – »Die Gastwirthinn, hieß es, behalte ihre hundert Louisdor, ein nur allzu hoher Preis für ihre Liederlichkeit. Ihrem Kinde, wenn sie binnen gehöriger Zeit von einem entbunden werden sollte, gehöre die Summe der zwey tausend Louisdor. Doch da eine Dame, die so schwach bey hundert Goldstücken war, für zwey tausend möglich zu erhaltende, wohl mancherley noch thun könnte, so verbleibe sie zwey Monathe im engen Gewahrsam. Eine sehr gelinde Strafe für ein Vergehen, dessen sie sich sogar rühmen konnte. Ist die gehörige Zeit ohne Spur einer Schwangerschaft verflossen, so falle die ganze Summe der unschuldigen Nannette anheim.«

Und sie fiel ihr anheim! Bald machte dieß brave Mädchen einen braven Gatten glücklich. Ihre Muhme hingegen erntete ein, was sie verdiente. Der Ruf ihres Hauses verfiel, mit diesem Ruf auch ihre Nahrung. Oft noch mußte sie sich zu einem Geschäfte entschließen, das jenem Ersten glich; nur daß man nun – es mochte ein Nachtlicht brennen oder nicht – sie dabey besser kannte, und für ihre Gunstbezeigung die Louisdore nicht mehr zu Hunderten verschleuderte.


Blutschänder, Feueranleger und Mörder zugleich, den Gesetzen nach, und doch ein Jüngling von edler Seele.


Brief eines Predigers in *** an seinen Freund.


Ja wohl, mein Theuerster, haben Sie Recht, daß es zu unsern süßesten und schweresten Geschäften zugleich gehöre, Elende, die nun endlich dem Arm der rächenden Gerechtigkeit anheim gefallen sind, zum letzten Augenblick des Lebens vorzubereiten. – Ist unsere Mühe fruchtlos; hört der Verurtheilte die Warnung nicht, die wir ihm zurufen; und wankt er hin zum Block oder zum Rade, kalt, eisern und verblendet – o Gott, welch ein Gefühl des Schauderns dann für uns! – – Hört er uns mit Zerknirrschung, mit Ergebung und Reue; welches bange Mitleid! welche quälende Ungewißheit, ob bey ihm nur Todesbuße, oder innere Umkehrung wirke! Aber freylich auch welches süße Gefühl, oft eine Seele gerettet zu haben, die schon verloren war! Welches göttliche Bild jenes Augenblicks, wenn einst vielleicht beym ersten Tritt in jene Ewigkeit der Erhaltene, der Beseligte uns entgegen eilt, und uns dankbar zum Throne dessen begleitet, der war und ist und seyn wird.

Warum ich Dieß eben heut Ihnen sage? – O mein Herzensfreund! ich hatte noch nie Dieß Alles so glühend überdacht, als jetzt in diesem Augenblicke. – Jetzt, da ich eben vom Schaffot zurückkehre, bespritzt vom Blute eines jungen Manne, dessen unglückliches Schicksal mein Allerinnerstes durchbebte; von dem ich gewiß weiß, daß er zur kleinern Anzahl edler, unbekannt gebliebener Seelen gerechnet zu werden verdiene, dessen beynahe einziges Geschick ich nach seinen verborgensten Falten kenne, und den ich endlich mit einem Muthe sterben sah, der alle meine mühsam erzwungene Herzhaftigkeit übern Haufen warf.

Ja, mein Freund! eben derjenige Unglückliche, den Sie in unsern öffentlichen Blättern, als einen dreyfachen Übelthäter, als Blutschänder, Mordbrenner und Todtschläger angegeben finden werden; der alle diese drey schreckliche Laster, deren jedes Einzelne schon den gesetzlichen Tod verdient, in dem geringen Alter von zwey und zwanzig Jahren auf sich lud: eben Er, den die Menge öffentlich verabscheut, und den vielleicht nur einige, äußerst wenige, bessere und verständigere Seelen heimlich bemitleiden; eben Er besaß ein edles Herz, sanftes Gefühl und Empfindungen, deren Sie und ich uns nicht schämen dürfen. – Eine Behauptung, die Sie beleidigen kann, die aber hoffentlich meine Erzählung wieder gut machen wird.

Es sind acht Tage ungefähr, als ich vom Rath des nächsten Städtchens, wegen plötzlicher Krankheit des dasigen Priesters den Auftrag erhielt, nungedachten Inquisiten, den ich bloß dem Gerüchte nach kannte, zum Tode vorzubereiten. Ich läugne nicht, daß ich mit dem äußersten Widerwillen mich diesem Berufsgeschäfte unterzog. – »Erst zwey und zwanzig Jahr, und schon ein so schrecklicher dreyfacher Missethäter! Was läßt von einem so früh und so hart sündigenden Gemüthe sich für Besserung hoffen! Wie tief verderbt muß von Kindheit an seine Seele gewesen seyn! und welche ächte Änderung läßt sich in der kurzen Zeit von acht Tagen bey einem Menschen dieser Art vermuthen?« – so dachte ich, indem ich ins Gefängniß trat.

Doch gleich sein erstes Ansehen griff mir ans Herz. – Durch einen lang gewachsenen schwarzen Bart, durch bleichgelbe Haut, durch Schmutz und Elend schimmerten sanfte menschenfreundliche Gesichtszüge. Gelassenheit und Kummer sprachen in seinem thränenden Auge, und sein Blick war offen, freundschaftlich und zutrauensvoll. – Mit einer einzigen leidenden Miene überwand er meinen ganzen vorgefaßten Widerwillen, und meine Anrede ward unzusammenhängender, als sie sonst bey ähnlichen Gelegenheiten zu seyn pflegt.

»Ich zweifle nicht, (sagte ich), daß er die Absicht errathe, in welcher ich zu ihm komme; auch glaube ich eben so zuversichtlich, daß es ihm angenehm seyn solle, nach so langwieriger Inquisition und so widrigem Umgange mit Kerkermeistern und Richtern, endlich einmahl einen Mann zu sich hereintreten zusehen, dessen Herz so freundschaftlich gegen ihn gesinnt sey; dessen einziger Wunsch dahin gehe, ihm die letzten Tage seines Lebens und die Schrecken eines nahen Todes zu versüßen, und vor dem er ohne Mißtrauen die geheimsten und drückendsten Gedanken seiner Seele ausschütten könne.«

Ich würde Ihnen, antwortete er mir, meine rechte Hand zum Zeichen des herzlichsten Willkommens darbiethen, wenn diese Bande mich nicht hinderten. Allerdings muß ich der Inquisition und aller der Richter und Kerkermeister längst überdrüßig seyn. Gern verlasse ich eine Welt, auf welcher für mich weiter kein Glück zu finden ist, und der ich zum Lohn meiner Übelthaten, und zur Warnung für andere Gleitende, diejenige willige Hingabe des Lebens schuldig bin, die ich auch wirklich leisten will. Sie halten mich wohl (setzte er mit einem Lächeln hinzu, das in Wehmuth verschmolz, und mir durch die Seele ging); Sie halten mich wohl, ehrwürdiger Herr, für einen der größten Bösewichter?

Ich zuckte die Achsel: – »Ich möchte gern nicht; aber kann ich anders?«

»Nein! Nein! Ich gestehe es selbst – es lasten viel Vergehen auf meiner Seele; und doch ist der Allsehende mein Zeuge, daß der Grund zu allen Diesen eine Leidenschaft war, die bey ihrer ersten Entstehung nicht nur untadelhaft, sondern vielleicht sogar edel genannt werden könnte! – Mag zwar immer die Welt mich für lasterhaft halten! Ich ertrage es willig; denn die unbestochene Stimme meines eigenen Herzens nennt mich nur größten Theils unglücklich. – Aber, daß mein Tröster in diesen letzten schaudervollen Stunden, daß der Mann, der bey seinem ersten Eintritt sich so liebreich zu meinem Freund anbiethet, mich besser kennen möge, das wünsche ich sehnlicher, als die Rechtfertigung bey allen Übrigen, und die Leutseligkeit, die Theilnehmung in Ihrer Miene, versichern mir im Voraus Ihr williges Gehör.«

Sie können sich leicht vorstellen, mein Theuerster, daß eine solche Begrüßung mein Erstaunen noch vermehrte, und daß ich selbst nun neugierig genug war, ihn um die Mittheilung seiner Geschichte zu bitten; er erzählte sie mir ungefähr mit folgenden Worten:

»Mein Vater war ein Handelsmann in diesem Städtchen, und ich, sein einziger Sohn, ward mit möglichster Sorgfalt, unter seinen eigenen Augen zu gleicher Lebensart auferzogen. Seit meinen ersten Jahren war meine Gemüthsart still, und das Lesen nützlicher Bücher in Nebenstunden mein liebster und fast einziger Zeitvertreib; lärmende Ergetzlichkeiten vermied ich aus eigener Wahl, und meine Ältern liebten mich, dieser Eingezogenheit halber, mit doppelter Liebe. Im siebzehnten Jahre verlor ich meine Mutter; mein Vater lebte einige Jahre hindurch frey, ledig und vergnügt; ja, er war schon nahe an Sechzigen, als er die Schwachheit beging, sich in ein nachbarliches ganz junges Mädchen zu verlieben, deren einziger Reichthum in äußerlichem Reize und unbescholtenem Rufe bestand. – Er hielt förmlich bey ihren Ältern um sie an, und diese, da er für einen ansehnlichen vermögenden Handelsmann galt, nöthigten ihre Tochter, halb durch Ernst, halb durch gütliche Zuredungen, ihm ihre Hand, mehr mit dem Munde, als dem Herzen, zuzusagen. Der Tag zur Hochzeit war bereits anberaumt, als mein Vater gefährlich krank ward. Er erhohlte sich jedoch bald einiger Maßen; und wiewohl ihm sein Arzt und eigenes zurückgebliebenes Unvermögen zum Aufschub riethen, so achtete er doch auf Beyde nicht, zwang sich nach möglichsten Kräften, und feyerte seine Verbindung so gut, als es nur sein Zustand erlaubte. Aber noch an seinem Hochzeittage ward er von Neuem so matt und krank, daß man ihn von der Tafel hinweg auf ein Lager tragen mußte, von welchem er nie wieder aufstand. – So verfloß ein ganzes Jahr, und es ist erwiesen, unwidersprechlich erwiesen, daß er nie seine Heirath wirklich habe vollziehen können.

»Indeß hieß doch das junge mit ihm getraute Mädchen seine Frau, und da sie mit größter Gelassenheit mancherley Ungemach bey ihm ausstand, so vermachte er ihr durch ein Testament sein ganzes Vermögen, und hinterließ mir, seinem einzigen Sohn, über den er nie eine Klage geführt, außer dem gesetzlichen Pflichttheil, keinen einzigen Heller. So viel ich nun Ursache zu haben schien, eine Person, die mich, auf beynah widerrechtliche Art, um ein für hiesigen Ort ansehnliches Vermögen brachte, zu hassen, oder wenigstens zu vermeiden, so geschah doch gerade das Gegentheil. Sie war, wie ich schon gesagt, jung, schön, vom bestmöglichsten Charakter, leutselig, dienstfertig gegen jedermann und vorzüglich gegen mich seit dem ersten Augenblicke unserer Bekanntschaft von dem gefälligsten Betragen. – So wenig ich auch noch damahls wußte, warum? so suchte ich doch bereits in müßigen Stunden ihre Gesellschaft; sprach gern und viel mit ihr; fragte sie in Haus- und Handelsangelegenheiten oft um ihre Meinung, und merkte bald, daß auch sie die meinige bey der kleinsten Kleinigkeit zu wissen begehre, und pünctlich befolge. – So blieb es einige Monathe, und ich muthmaßte nichts Besonderes hierbey. Aber als sie von Tage zu Tage mir werther ward, kein Ort, wo sie nicht war, mir mehr gefallen wollte; und stets im Schlafe und Wachen ihr Bild vor meinen Augen schwebte; da merkte ich endlich, was dieß für ein Funke sey; der tief in meinem Herzen glimme; erschrack über meine Thorheit, beschloß eine Person, die nicht für mich geschaffen sey, aufs möglichste zu vermeiden; und hätte vielleicht sogleich mich aus dem väterlichen Hause wegbegeben, wenn nicht die Furcht vor der Nachrede meiner Mitbürger, ihr Argwohn, als geschähe es aus Zorn über das väterliche Testament, die Lage unserer Handlung, bey welcher ich unentbehrlich geworden, und endlich der nahe vor unsern Augen schwebende Tod meines Vaters mich abgehalten hätte.

»Indeß hielt ich wenigstens meinen Vorsatz, sie so viel als möglich zu fliehen, eine lange Zeit aufs standhafteste; aber kaum ward sie Dieß selbst gewahr, als sie mir einst in einem abgelegenen Orte des Hauses nachfolgte, und mich mit thränenden Augen um die Ursache einer Änderung befragte, wozu sie wenigstens mit Wissen mir keinen Anlaß gegeben habe. – Ich stotterte etwas her, das einem Vorwand ähnlich sehen sollte; doch Alles ward von ihr mit leichter Mühe widerlegt, und als meine Verwirrung zunahm, und einige mir unversehens entschlüpfte Worte ihr meine wahren Gesinnungen verriethen, da konnte und wollte sie nicht länger den ausbrechenden Strom ihrer Thränen und Empfindungen zurück halten, sondern fiel mit Inbrunst um meinen Hals, und drückte mich, voll des unaussprechlichsten Gefühls, an ihre bebende Brust. – Dieser Augenblick machte, daß wir uns nicht länger von Dem, was in uns selbst vorging, ein Geheimniß machten; ich sprach vielmehr ohne alle Zurückhaltung mit ihr; stellte ihr die Nothwendigkeit unserer Trennung und das Unmögliche in unseren Wünschen vor, und wollte bey Endigung meiner Rede mich von ihr losreissen. Aber auch jetzt hielt sie mich zurück, schwur bey Allem, was ihr heilig und werth sey, daß sie nie die Seite meines Vaters berührt habe; stellte mir die vermuthliche Nähe seines Todes vor, und äußerte die zuversichtliche Hoffnung: daß alsdann ein bloßer leerer Titel uns nicht hindern sollte, ganz für einander zu leben.

»Ihr feyerliches Bitten, und die Zuversicht, mit der man das Gewünschte so gern auch glaubt, erweichten mich endlich. Aber bey Demjenigen, vor dessen Richterstuhl ich nun bald zu treten gedenke, sey es Ihnen, Ehrwürdiger Herr, zugeschworen: nie ist damahls etwas unter uns vorgefallen, dessen Erinnerung mich in diesen letzten Stunden meines Leidens bekümmern könnte. – Wir drückten uns freundschaftlich die Hände; weinten zusammen, entdeckten uns wechselseitig die Regungen unserer Sehnsucht, und höchstens – wiewohl auch Dieß sehr selten, war ein Kuß die zärtlichste Liebkosung, die ich begehrte und sie vergönnte.

»Endlich starb mein Vater, und einige Wochen nachher fing sie von Neuem an, in mich zu dringen: ob es nicht wohl gethan seyn würde, sich bey irgend einem Rechtsgelehrten Raths zu erhohlen? – Ich vermag es mir selbst nicht zu erklären; aber so sehr auch meine Liebe mit jedem Tages zunahm, so sehr verringerte sich doch im Gegentheil meine ehemahls feurige Hoffnung ihres Besitzes; und zitternd, bloß um ihretwillen, bloß um endlich ein Mahl diese quälende Ungewißheit zu enden, ging ich zu einem Advocaten, dem ich mich ganz entdeckte. – Er gab mir die beste Vertröstung; setzte sogleich in meinem Nahmen eine Bittschrift um Dispensation an das Oberconsistorium auf, ging aber – es sey nun aus Unwissenheit, oder Übereilung; denn boßhaftere Bewegungsgründe möchte ich nicht gern meinen Nebenmenschen zutrauen – über den wichtigen Punct der priesterlichen Trauung, und der nie vollzogenen aber doch wirklich gesetzlichen Heirath mit solcher Flüchtigkeit hinweg, daß Mißdeutung und zweyfache Auslegung hier sehr leicht Statt finden konnten.

»Stellen sie sich indeß unser Entzücken vor, als wir in wenig Wochen auf dieses Ansuchen die unbedingteste Erlaubniß uns zu ehelichen erhielten, und auf ein Mahl von bey folterndsten Zweifeln zur süßesten Hoffnung unauflöslicher Vereinigung übergingen! – Entscheiden Sie aber auch zugleich über die Reinigkeit meiner Liebe, wenn ich bey dem Allgegenwärtigen betheure: daß, ungeachtet dieser Erlaubniß, ungeachtet sie auf jedem meiner Schritte mein Schatten war, und von meinem kleinsten Winke abhing; ungeachtet auch ich sie mit der unaussprechlichsten Liebe liebte; nichts suchte, noch dachte, als ihr zu gefallen, und gewiß nur Eines Wortes bedurft hätte, um ein Weib, das mehr in mir als in sich selber lebte, zu allem Möglichen zu bewegen; daß, sage ich, doch auch jetzt wieder ganze vier Wochen verstrichen, ohne daß irgend etwas unter uns vorgefallen wäre, wobey wir des strengsten Richters Anblick zu befürchten Ursache gehabt hätten.

»Wir machten von Stunde an aus unserer Liebe, so wie aus unserem Vorsatz, kein Geheimniß mehr; bereiteten Alles zu unserer Vereheligung, und reizten nothwendig, durch das Sonderbare in dieser Begebenheit, die Neugier und Verwunderung unserer Mitbürger; der hiesige Rath selbst mischte sich mit ein; befahl uns Aufschub der Hochzeit, und machte einen Bericht ans Oberconsistorium. Weiß Gott die Ursach, die jetzt solches zu einem Ausspruch bewog, der schnurstracks dem ersten zuwider lautete! So viel weiß ich, das Schrecken eines Unglücklichen, der sich unvermuthet in einen bodenlosen Abgrund hinabgestürzt fühlt, ist ein Kinderspiel gegen das meinige, als ich vorgerufen ward, und das schreckliche Verboth unserer Heirath erfuhr. –– Und nun zumahl ihren Schmerz, ihre Thränen, ihren nahmenlosen Jammer! – O Ehrwürdiger Herr, wenn ich auch (was zwar weit über meine Kräfte geht,) alles Dieß zu schildern vermöchte; ich würde es doch niemahls thun. – Welchen andern Vortheil könnte ich davon haben, als Ihr fühlbares menschenfreundliches Herz zu verwunden, und selbst dieser Erinnerung unterzuliegen?

Hier schwieg der Bedauernswürdige einige Secunden lang. In seinen Augen standen Thränen; aus den meinigen ergoßen sie sich; er sah es, drückte dankbar meine ihm dargebothene Hand, und fuhr fort:

»Der Befehl unserer Obrigkeit legte uns die Trennung unserer Wohnungen auf, verboth mir aber keinesweges, meine sogenannte Stiefmutter, so oft ich wollte, zu sehen und zu sprechen. – Da nun auch jetzt noch nicht alle Hoffnung verschwunden war, durch erneuerte Gegenvorstellung, die Sache in das vorige gute Geleise zu bringen; da mein Anblick und Zureden allein die Unglückliche von den schwärzesten Entschließungen zurück hielt; und da auch mein eigenes liebekrankes Herz ihres Umgangs unmöglich so leicht entbehren konnte; so war ich vom frühen Morgen bis zum späten Abend immer um sie; jedoch noch eben so schuldlos als vorher.

»Aber damahls hatte ein Nachbar, der sehr oft bey uns war, und inniges Mitleid bey unsern Schmerzen bezeigte, die Unvorsichtigkeit in ihrer Gegenwart zu mir zu sagen: daß in meinem Falle er sich leicht Hülfe zu verschaffen wissen würde; daß man nur unser Geld zu erpressen suche und daß ein lebendiger Zeuge unserer Liebe uns besser als alle Advocaten die Erlaubniß zur Heirath auswirken würde.

»Was nützte es mir wohl jetzt, zumahl gegen Sie, Ehrwürdiger Herr, mit einer Enthaltsamkeit zu prahlen, die mir weder Ruhm noch Vortheil weiter schaffen kann? Aber gewiß, meine eigene Überzeugung sagt es mir: auch dieser verführerische Rath hätte mich nicht zum Straucheln gebracht, wäre er nur nicht tiefer bey ihr, als bey mir eingedrungen. – Denn, ach! kaum war ich wieder mit ihr allein, als sie, zwar mit aller Schüchternheit einer noch nie verletzten Scham, aber auch zugleich mit aller Gewalt der Liebe in mich eindrang, zu – thun, was Neigung und Klugheit mir anrathe; zu wagen, was noch als das letzte sicherste Mittel zu unserer künftigen Ehe übrig bleibe. Mit Schwüren, daß nicht thierischer Trieb, sondern bloß der verzweifelnde Wunsch, mich ganz und ruhig zu besitzen, aus ihr spreche, bestürmte sie mich so zwey ganzer Tage lang, und vergebe es mir Derjenige, der uns schwach erschuf, wenn ich endlich wankte, und am dritten Tage that, was Tausende meiner Mitbrüder beym ersten Wink eines so liebevollen und so zärtlich wieder geliebten Geschöpfes gethan haben würden!«

»Da wir, voll innerer Überzeugung von der Unschuld unserer Entwürfe, das ein Mahl Geschehene noch oft wiederhohlten, so dauerte es gar nicht lange, daß sie sich schwanger fühlte. Mit der feurigsten Umarmung, mit einem dankbar zum Himmel gewandten Blick, hinterbrachte sie mir diese Nachricht; machte sogleich gegen keine ihrer Freundinnen ein Geheimniß daraus; bekannte gegen Alle laut und unbefragt, daß ich Vater sey; daß Niemand anders, als ich, je Vater ihrer Kinder werden könne, und daß sie selbst, da wir doch einmahl längst, durch Verbindung unserer Herzen, vor Gott Eheleute wären – mich dazu angefeuert habe, um nur endlich unsere so sehr erschwerte Heirath durchzusetzen. – Kurz, es kam durch unsere eigene vorsetzliche Bemühung bald dahin, daß der Rath sich von Neuem in unsere Angelegenheit mischte, und ein gerichtliches Verhör anberaumte. Keines von uns Beyden zögerte, ein freyes einstimmiges Geständniß abzulegen, und dessen natürliche, obgleich von uns nicht vorhergesehene Folge war, ferner weitere Untersuchung, neue Berichtserstattung und einstweiliges getrenntes Gefängniß, welches doch, auf ihrer Seite, bloß in Hausarrest bestand. – Selbst jetzt glaube ich, und der Rechtsgelehrte, der meine nachherige Schutzschrift übernommen, bestärkte mich in diesem Glauben: daß wir Beyde damahls ziemlich gelinde durchgekommen seyn würden, hätte nicht plötzlich ein neuer Unfall Alles, was sich zu unserem Besten sagen ließ, zu Boden geworfen.«

»Sie nähmlich, welcher Einsperrung und Trennung von mir ein unerträgliches Elend schien, hatte zu entfliehen gesucht, ward aber eingehohlt, und, ihres körperlichen Zustandes ungeachtet, auf eine sehr unbarmherzige Weise gezüchtiget worden. Dieß erfuhr ich, und meine bisherige Ruhe verwandelte bey dieser Nachricht sich in Wuth. Flucht und ihre Befreyung wurden von diesem Augenblicke an meine einzigen und angelegensten Gedanken, und in meiner damahligen Seelenfassung dachte ich nur immer an das Erstere, ohne zugleich auch das Letztere gehörig überdacht zu haben.«

»Es gelang mir noch in nähmlicher Nacht, unbemerkt zu entfliehen, und ich war bereits auf offener Straße, als ich erst auf Mittel, Sie mit hinweg zu bringen gedachte. Wohin wir fliehen! wovon mir leben sollten? das Alles schienen mir Kleinigkeiten, die das Bedürfniß leicht uns zeigen würde. Nur, wie Sie jetzt erhalten? das war meine einzige Frage. – Ward ich wieder eingehohlt, so war nichts gewisser, als daß man hinführo mein Gefängniß fester verwahren, und mir jeden Weg zu wiederhohlter Flucht abschneiden würde. Gleichwohl mußte ich, was ich zu ihrer Rettung thun wollte, bald thun, weil ich keinen Augenblick sicher war, vermißt zu werden. Aus diesem Hin- und Herschwanken, bald Erwählen und bald Verwerfen, entsprang endlich der Anschlag: das Haus, oder vielmehr die hölzerne Hütte, in der man sie aufbewahrte, anzuzünden; mitten in dem Lärmen, der nothwendig daraus entstehen würde, mich einzudrängen; sie dann, wo möglich, so wie ich sie finde, fortzureissen, und so weit zu tragen, als es Kraft und Umstände mir vergönnen würden.«

»Gedacht, und auch gethan! – Eine nahe Laterne gab mir Feuer; das dürre Holzwerk faßte bald Flamme; ich selbst war unerkannt einer der ersten, der Lärmen machte; drang glücklich zu ihr hindurch, und trug sie, halbtodt vor Schrecken und Erstaunen, immer fort zum Stadtthor hinaus. – Aber ach, daß so selten unsere Kräfte gleich stark, als unser Wille, sind! Die entsetzliche Anstrengung, die Schwere der geliebten Bürde, die Länge des Weges, und meine schwächliche Leibesbeschaffenheit machten, daß ich, nach der Flucht von ungefähr einer Viertelmeile, halb todt, und indem ein Strom von Blut aus meinem Halse schoß, nieder sank. Jetzt wollte die Unglückliche mich weiter forttragen; aber ihr körperliches Unvermögen hinderte sie. Überdieß hatte man uns bereits vermißt: man setzte nach, fand uns, und brachte uns wieder zurück.

»Mein Gefängniß ward nun, wie ich es vorher gesehen, sehr hart, und mein Tod unvermeidlich; aber eben hierdurch stärkte sich meine Entschlossenheit, noch ein Mahl Alles zu wagen, was wagbar sey. Der mir zugegebene Wächter gehörte zu den rohesten, gröbsten Seelen, der zur Unmenschlichkeit wenig oder gar nichts fehlte. Ich sah ihn einst im tiefsten Schlaf versunken; die Angst machte mich stark; ich fand Mittel meiner Ketten los zu werden; nahm ihm den Schlüssel aus seiner Tasche, und war schon halb zur Thür hinaus, als er aufwachte, und wüthend auf mich zueilte. Ich, als der Jüngere, war auch der Stärkere; ich rang mit ihm, und drängte ihn so fest an die Wand, daß es ihm unmöglich fiel, nach Hülfe zu rufen. Ich fragte ihn: ob er schwören wolle, mich unverrathen entfliehen zu lassen? Aber statt der Antwort zog der Elende mitten im Streit ein Messer aus der Tasche, mit welchem er mich von sich abzubringen suchte; doch auch dieses entrang ich ihm, und da ich bey seinem Leben keine Hoffnung zur Erhaltung des meinigen mehr vor mir sah, so versetzte ich ihm zwey gefährliche Halswunden, streckte ihn damit zu Boden, und floh. Auch jetzt kam ich wieder bis zu ihr; denn sie war, wie ich wohl wußte, wegen Annäherung ihrer Geburtszeit gegen Bürgschaft losgelassen worden; und auch jetzt wollte sie mit mir flüchten. Doch der Arm des Bluträchers war nahe und schwer über mir. Wir wurden abermahls eingehohlt, und ich sehe nun binnen wenig Tagen den gewissen Tod vor meinen Augen. – O wie gern will ich sterben! wie gern ein Leben verlassen, dessen ich nicht werth bin, und wo auch hiernieden kein Glück für mich mehr vorhanden ist.«

Hier schloß der Unglückliche seine Erzählung, und hielt sein Versprechen der willigen Todeserduldung aufs heiligste. Wie viel könnte ich Ihnen noch von seinem Muthe in der fürchterlichen Stunde, von seinem letzten Gespräche mit der bedauernswürdigen Frau, und von einer Menge ähnlicher Umstande erzählen! Aber vergeben Sie mir, wenn ich diesen ohnedem langen Brief hier abbreche. – Er ist mir so werth geworden, dieser arme Jüngling, daß ich nie seiner ohne Thränen gedenken werde: und ist er es Ihnen von nun an nicht auch, so trägt meine matte Erzählung, nicht seine Geschichte die Schuld davon. Ich bin u. s. w.


Doppelter Ehebruch, boßhafte Entweichung, widersetzliche Ehe – aus sehr verzeihlichen Gründen.

Brief eines Geistlichen an Meißner.


Mein Herr!

Sie haben in Ihren Skizzen den Wunsch geäußert, daß sich unparteyische Beobachter menschlicher Natur und Handlungen erwecken lassen möchten, Ihnen Lebensbeschreibungen merkwürdiger Personen, welche der Gerechtigkeit als Opfer heimgefallen, mitzutheilen, weil hier noch ein weites beurbares Feld übrig wäre. Schon oft habe ich ähnliche Wünsche, obgleich in verschiedener Absicht, in der Stille gethan. Sie wünschen Dieß für den DichterNicht für den Dichter allein, sondern auch für jeden Forscher des menschlichen Herzens, sind, wie ich glaube, dergleichen Lebensbeschreibungen nützlich., ich für den Prediger und Pädagogen. In beyder Absicht, glaube ich, würde die Ausführung dieses Wunsches nützlich seyn; denn was ist ein Prediger ohne Menschenkenntniß? Er kann ein gelehrter Mann, ein berühmter Redner seyn, aber ohne Jene wird er einem tönenden Erze und einer klingenden Schelle gleichen.Ja wohl! Ja wohl! und doch gibt es der Prediger so viele, die mitleidig auf Denjenigen herab sehen, der das von Gott unläugbar herstammende Buch – das menschliche Herz, und die Geschichte des Menschen-Geschlechtes – studiert. Man muß den Menschen kennen, ehe man ihn bessern will; man muß seine vorgefaßten Meinungen (denn Unwahrheit wirkt so stark als Wahrheit) wissen: man muß sein Temperament und die Heftigkeit seiner Leidenschaften bemerken; muß auf seine Bewegungsgründe, seine Verbindungen und die Nebenumstände, die auf seine damahlige Denkungsart einen Einfluß hatten, sehen; ja, noch mehr, man muß sich nach seiner ersten Erziehung und Bildung des Herzens erkundigen: wie, und durch wen sie geschehen sey? Und dann wird man erst nach einer so langen und mühsamen Untersuchung den Gang wahrnehmen, den die menschliche Seele zu nehmen pflegt; wird, nach gewissenhafter Abwägung aller Umstände, richtiger über Handlungen urtheilen, und den nach Grundsätzen handelnden, oft unverbesserlichen Bösewicht, von dem aus Schwachheit Gefallenen, durch Vorurtheil Verblendeten, oder durch viele mächtige Neigungen zum ersten Schritt des Lasters verleiteten Menschen unterscheiden können. So mühsam diese Untersuchung ist, so belohnend wird sie auch; denn durch sie ausgerüstet, ist es uns möglich, Mittel zu finden, die Verstand und Herz bessern, selbst in den härtesten Gemüthern Empfindungen der Reue erwecken und dem unglücklich Gefallenen wieder aufhelfen.

Doch, bester Freund, so gerecht also auch Ihr Wunsch ist, so fürchte ich doch, er wird eben nicht von Vielen mit Beyfall gehört werden. Denn schon oft hat mir bey ähnlichen Gesprächen, ein heiliger Diener der Gerechtigkeit, dessen größter Gewinn peinliche Untersuchungen waren, geantwortet: »Was kann Dieß helfen? Laster ist Laster und muß nach den Gesetzen bestraft werden. Die Leute ersinnen sich tausend Lügen, ihre Boßheiten zu entschuldigen. Wer kann sich die Mühe geben, Alles zu untersuchen! Ja selbst im Zirkel meiner Amtsbrüder fand ich, nach dahin gelenktem Gespräch, oft, daß man alle dergleichen Untersuchungen für fremd und zur Bekehrung unnütz erkläre. Ich hatte dann die Klugheit zu schweigen, und hörte mit Erstaunen, wie man Jeden, der der Gerechtigkeit anheim fällt, verdammte, indeß man dem feinen Betrüger, heimlichen Ehebrecher und ränkevollen Bösewicht den Weg zum Himmel ganz eben bahnte.

Erlauben Sie mir, Ihnen jetzt die Geschichte einer Person mitzutheilen, die auch das Schicksal hatte, daß Jedermann sie als ein ruchloses Weib verdammte, so wenig sie es war. Die Gesetze hatten sie wegen doppelten Ehebruches, boßhafter Entweichung von Mann und Kinde und anderweitiger Verheirathung zum Tode verdammen müssen. Welches Urtheil würden Sie nun wohl im Voraus über sie fällen? »Entweder sie muß eine wollüstige oder sehr einfältige Person seyn.« So dachte auch ich bey der ersten vorläufigen Nachricht und fand doch bey einer genauern Untersuchung, daß sie keines von Beyden, sondern vielmehr von einem Charakter sey, deren ich unter dem weiblichen Geschlecht recht sehr viel anzutreffen wünschte. Hier sind ihre Lebensumstände, die sie aus mißverstandener Scham lange tief in ihrer Seele verbarg und noch länger darin verborgen haben würde, wenn nicht endlich Zutrauen sie offenherzig gemacht hätte.

Ihr Vater, ein Mann aus einer ehemahls angesehenen Familie, hatte sich mit dem wenigen Überreste seines Vermögens ein Bauerngut von ungefähr tausend Thaler am Werthe erkauft. Ein frühzeitiger Tod entriß ihn seiner achtjährigen Tochter, der er im Testament den Besitz seines Gutes noch versicherte, die Verwaltung davon aber bis zu ihrer Verheirathung der Mutter bestimmte. Diese besorgte auch einige Jahre die Wirthschaft mit aller Treue; warf aber nachher, als eine noch junge Witwe, ihre Augen auf einen noch jüngern Mann, und würde ihn, wenn es die Umstände erlaubt hätten, selbst geheirathet haben. Um nun ihren vertraulichen Umgang mit ihm der Nachrede der Welt zu entziehen, bestimmte sie ihn zum Bräutigam für ihre dreyzehnjährige Tochter. Zwang und Zureden nöthigten dieses noch unverständige Mädchen zu einer Verbindung Ja zu sagen, die sie nicht verstand, und die sie sowohl aus Schamhaftigkeit, als auch aus natürlichem Widerwillen gegen diesen Mann, verabscheute.

Im funfzehnten Jahre ihres Alters ward sie die Mutter von einer Tochter, die noch lebt.

Ihr mit den Jahren sich aufklärender Verstand entdeckte ihr bald ihre traurige Verfassung, daß sie in einem Hause als Magd gehorsamen müsse, in welchem sie als Frau herrschen sollte. Die Erinnerungen der empfundenen eheligen Liebe, die ihr jetzt boßhaft von ihrer Mutter geraubt wurden, vermehrten den Haß gegen sie und den Abscheu gegen ihren Mann gleich stark, und endlich kam noch ein gewisses Bewußtseyn von Rechtschaffenheit und Ehrlichkeit hinzu, welches man bey Vornehmen Selbstgefühl, bey Geringern Bauernstolz zu nennen pflegt.

Nach einigen Jahren starb zwar diese Mutter, aber nicht zugleich mit ihr der nun ein Mahl tief eingewurzelte Haß der Frau gegen ihren Mann.

Sie blieb kalt und unempfindlich gegen alle Liebkosungen und Umarmungen, die er ihr jetzt mit Gewalt aufdrang, und wozu er theils durch die Schönheit ihrer Person, theils durch einen heftigen natürlichen Trieb angereizt ward. Einige Jahre verfloßen so wieder unter täglichem und nächtlichen Zank und Streite, wo sie, nach ihrem eigenen Geständniß, jeden Andern, selbst den elendesten Zustand eines Gefangenen für beneidenswürdig achtete, und den Tod als eine Wohlthat angesehen hätte. Es waren vielleicht Mittel übrig, ihr zu helfen; aber ihre Schamhaftigkeit schloß ihr den Mund, und ihr angeborener Stolz verachtete jeden andern Rath, indem er sie zugleich in dem Widerwillen gegen einen Mann bestärkte, der durch sie Besitzer eines ansehnlichen Gutes geworden war.

Der getretene Wurm krümmt sich und sucht den Fuß, der ihn unterdrückt, zu stechen, oder wenigstens ihm zu entfliehen. Der Mensch hat gleiche Empfindungen, gleiche Triebe. Der Kluge überdenkt, vergleicht Ursachen mit dem Erfolge, wählt, räumt Hindernisse weg und wird glücklich. Der Schwache, der Eingeschränkte, der Blöde und Furchtsame hat bey gleichem Gefühle nicht gleichen Verstand, greift zu den ersten sichtlichsten Mitteln und wird unglücklich. – Eine gewisse Ursache, warum unter hundert Personen, die den weltlichen Gerichten zur Bestrafung in die Hände fallen, gewiß siebenzig Menschen von eingeschränkter Einsicht, schwacher Beurtheilungskraft, weniger Erfahrung und besonders von niedrigem Stande sind.

Schon lang unterhielt sich dieses gute Weib mit dem Gedanken, sich aus ihrer Sclaverey zu retten. Nur noch ein einziger kleiner Umstand fehlte, um der Wage, die im Hin- und Herschwanken war, den Ausschlag zu geben, und auch dieser fand sich.

Unvermuthet nähmlich mußte sich es treffen, daß sie bey einer feyerlichen Gelegenheit mit einem guten treuherzigen Manne näher bekannt ward, der zu Hause von einem der größten Übel, von einem zanksüchtigen Weibe, geplagt wurde. Gleiche Noth! Gleiche Empfindungen! Gleiche Ergießungen der Seele! Wer hat sich jemahls in einer solchen Lage befunden, und Denjenigen nicht geliebt, nicht als seinen Freund angesehen, der mit uns sympathisirt? – O armes menschliches Herz, du bist oft wider deinen Willen ein Betrieger, und läßt dich betriegen!

Beyde Personen eröffneten einander bald ihr Herz, theilten sich ihre Gedanken, ihr Schicksal und Gefühl mit, beklagten sich gegenseitig und liebten sich, ohne es Anfangs zu wissen, Eine öftere Zusammenkunft machte sie vertrauter, bis sie endlich ihm heimlich Dasjenige erlaubte, was die vertrauteste Liebe zu ihrer Bestätigung verlangt. Im gleichen Grade wuchs nun die Zuneigung zu Diesem und der Haß gegen Jenen; hatte sie vorher noch manche Bedrückung mit Gleichgültigkeit ertragen, so ward ihr jetzt ihr Elend immer sichtbarer und diese Verbindung unerträglicher. So oft sie zusammen kamen, hatten sie sich neue Kränkungen zu erzählen und ihre Wünsche, sich aus diesem Elend zu retten, begegneten einander. Kurz! sie faßten den Entschluß, den verhaßten Aufenthalt zu verlassen und an jedem andern Orte ihren Unterhalt zu suchen.

»Aber wie? (so fragte ich sie,) schien dir dieser Schritt denn nicht ungerecht?« – »Damahls im geringsten nicht, ob ich es gleich jetzt anders einsehe; sondern ich freute mich, ein Mittel gefunden zu haben, mich aus meiner Qual zu retten, und Das, dachte ich, müßten mir Gott und Menschen erlauben.« – »Gedachtest du nicht an den Verlust deines schönen Vermögens?« – »Was ist Vermögen, wenn man es nicht ruhig genießen kann? Hier dieses Züchtlings-Brot schmeckt mir süßer, als die beste Kost in meinem Hause; und dieses harte Lager ist für mich erquickender, als der weiche Platz in dem Ehebette meines Mannes.« – »Erwachte denn aber nicht die mütterliche Liebe gegen deine einzige Tochter?« »Allerdings! Ich nahm mit Thränen von ihr Abschied, nicht sie auf ewig zu verlassen, sondern sie in kurzer Zeit von einem bösen Vater zu mir kommen zu lassen.« – »War es aber damahls schon dein Entschluß, dich mit diesem andern Manne zu verheirathen?« – »Nein, bey Gott nicht! Daran dachte ich nicht, sondern freute mich nur, an ihm einen Begleiter gefunden zu haben.«

»Sorgfältig vermied ich, (denn ich will sie selbst reden lassen), alles Dasjenige, was mir einigen Verdruß zuziehen könnte. Mein Mann war früh an seine Arbeit ins Holz gegangen, und ich hatte den Auftrag, zwanzig Thaler Steuergelder von der Gemeine in die Stadt zu tragen. So viel Nachdenken hatte ich, daß das Mitnehmen dieses Geldes mir den Verdacht einer Diebinn, und dadurch große Strafe zuziehen könnte. Ich legte es daher sorgfältig in einen verwahrten Schrank und nahm nichts weiter mit, als etliche wenige Stücke meiner weiblichen Kleidung, Wäsche und einiges Geld, das ich mir heimlich gesammelt hatte. Mit allem Diesen eilte ich auf einem Wege fort, von dem mich tausend Mahl die Liebe zu meinem Kinde und zu den Meinigen zurück rief und auf dem mich der Haß gegen meinen Mann, die Erinnerung meines unglücklichen geführten Lebens eben so vielmahl wieder fortstieß. Ich war, wie ein Vogel, der aus seinem Kerker entflogen, auf dem nächsten Ast eines Baumes das erste Mahl frey Athem hohlt, und noch ein Mahl nach seinem ehemahligen traurigen Aufenthalt zurück sieht.

»Ich wanderte in Begleitung meines Führers fort und wir unterhielten uns Beyde mit dem Gedanken, recht gehandelt zu haben. Ich würde eine Lüge sagen, wenn ich meinem Begleiter auch nur im geringsten einige Schuld beylegen wollte. Ich muß vielmehr bekennen, daß ich noch entschlossener, als er war.

»Wir erreichten bald die Grenzen eines nachbarlichen Landes und hielten uns vollends vor allen Nachstellungen sicher. Unglücklicherweise aber mußten wir in dem nächsten jenseitigen Dorfe auf einen Trupp Werber stoßen. Mein Begleiter wurde durch List, durch Überredung und durch andere Kunstgriffe genöthigt, Dienste zu nehmen; ich wollte weiter gehen, um irgend anderswo mein Brot zu verdienen. Aber das Bitten meines Begleiters, das Zureden der Werber, die ihre Beute in der Verbindung mit mir um desto sicherer zu halten glaubten, und mein eigenes Herz machten alle meine Entschließungen wankend, und ich gab Demjenigen vor dem Altare meine Hand, den ich immer wegen seiner Theilnehmung an meinem Schicksale geliebt hatte.

»Die erste Nacht unsers eingebildeten Glückes war aber auch die Nacht unsers Unglücks. Denn es waren schon Steckbriefe uns nachgekommen und man hohlte uns aus unserm Brautbette ins Gefängniß, von da wir bald in unsere Gerichte geschafft wurden. Ich gestand bey der ersten Vernehmung sogleich nicht nur Dasjenige, worüber man mich befragte, sondern auch Das, was man nicht ein Mahl wissen wollte, denn man hatte, wie ich hernach erfahren habe, den Entschluß gefaßt, mich nach einer geziemenden Bestrafung wieder zu meinem Mann zu thun, der mich für seine Frau erklärte, und mir Alles vergeben wollte. Er kam sogar wöchentlich ein oder zwey Mahl zu mir ins Gefängniß und suchte durch Geschenke, durch Bitten, durch andere Zudringlichkeit mich wieder mit sich zu vereinigen. Ich aber, die ich Eines wie das Andere verabscheute, war entschlossen, lieber den Tod zu leiden, ehe ich, als Weib, wieder zu einem Manne ging, den meine ganze Seele verabscheute.

»Ich entdeckte Alles; aber die wahre Ursache dieses meines Unwillens gegen meinen Mann verschloß ich in meiner Seele, und es hat solche noch niemand erfahren als Sie.«

So weit sie selbst! Die Untersuchung verzögerte sich über ein ganzes langes Jahr; ich weiß nicht aus welchen Ursachen; vielleicht weil sie Geld hatte.

Endlich erschien der Tag, an welchem ihr das Urtheil eröffnet wurde, dessen Inhalt dieser war, daß sie

wegen doppelten Ehebruchs, boßhafter Entweichung von ihrem Manne und anderweitigen Verheirathung, mit dem Schwerte vom Leben zum Tode gebracht werden solle.

Sie hörte dieß Urtheil mit einer unerschrockenen Miene an und freute sich, in Kurzem eine Welt zu verlassen, wo sie bisher so viele unglückliche Tage hatte durchleben müssen; der Richter fühlte Mitleiden gegen sie und gab ihr Gelegenheit um Gnade zu bitten. Es mußte ihr lange zugeredet werden, ehe sie den süßen Gedanken zu sterben aufgeben konnte. Sie bath: ein vortheilhafter Bericht wirkt ihr Begnadigung von der Lebensstrafe aus. Dreyjährige Zuchthausstrafe söhnte sie wieder mit den weltlichen Gesetzen aus, nachdem ihr Herz schon lange vorher sich in wahrer Reue über ihren Leichtsinn und ihre Vergebung vor dem Allwissenden hingeworfen und sich durch ihren großen Mittler versöhnt hatte.

Sie durchlebte die Jahre ihrer Bestrafung mit dem zufriedensten Herzen und ertrug alle ihre Noth mit christlicher Gelassenheit; sie weinte öfters, aber niemahls murrend. Sie beklagte oft den Verlust ihres Vermögens, aber stets mit Mäßigung. Ihre aufrichtige ungeheuchelte Gottesfurcht, ihr redliches Betragen gegen ihre Mitgenossen, ihre Treue, Fleiß und Dienstfertigkeit gegen ihre Obern machten ihr trauriges Schicksal ihr erträglich.

Ich überlasse Ihnen, theuerster FreundHier folgte im Original eine Vollmacht für mich, Anmerkungen und Änderungen zu machen, welches Letztere ich aber nicht, außer in einigen einzelnen Worten, gewagt habe. – Die Ausdrücke, mit denen mich mein Freund berechtigte, waren übrigens zu schmeichelhaft für mich, als daß ich sie selbst einrücken lassen könnte.
            Meißner. – – Nur etwas erlauben Sie nur hier noch hinzuzufügen. – Ich hatte von dieser Person in einem Privatbriefe eine sehr unvollständige, aber sehr nachtheilige Beschreibung gelesen. Als sie das erste Mahl zu mir kam, redete ich sie daher nachdrücklich und hart an, wie es die Benennung solcher großen Verbrechen zu erfordern schien, und stellte ihr die großen Versündigungen vor, wozu gewiß Leichtsinn und Wollust sie verleitet hätten. Sie ward sehr gerührt und weinte; sah mich aber mit einem gewissen Blicke der Verachtung an. Ich ward stutzig und entließ sie. Hartnäckigkeit, Verstockung war es nicht; denn dawider sprach ihre Miene und ihr übriges Betragen. Mein Auge suchte sie unter der ganzen Menge auf; jedoch ich ward verachtet. Ich suchte bald Gelegenheit, ihr Herz näher kennen zu lernen, und fand sie durch verschiedene zu meiner jetzigen Erzählung nicht gehörige Umstände. – Jetzt erkannte ich bald meinen Fehler, und sie selbst hat mir nachher offenherzig gestanden, daß die Härte meiner Anrede anfänglich auf eine lange Zeit in ihr alles Zutrauen gegen mich erstickt und sie gegen alle meine Ermahnungen gleichgültig gemacht hätte; denn von mir hätte sie, da sie von aller Welt verlassen und verdammt worden, am allerersten Trost erwartet.

Sagen Sie doch, Sie haben eine viel stärkere Stimme, als ich, Dieses allen meinen geliebten Mitbrüdern, die sich über Mangel der Liebe bey ihren Gemeinden beklagen. Vielleicht sind ähnliche Verstöße oft allein die Ursache davon. Ich bin etc.

H.


Die Spießruthen.


Ein Bruchstück aus Branko's Reisejournal.

Auf einer Messe zu Frankfurt ward ich an der Wirthstafel im römischen König mit einem Fremden bekannt, der mir, seiner Gestalt und seinem Gespräch nach, ein Mann von Einsicht und Ehre zu seyn schien. Er stand kaum in der Mitte von dreyßig Jahren, war wohlgebaut, wohlgesittet, und, seinem Aufwande nach, auch wohlbemittelt. Auf einer Tabacksdose, die er über Tische gewöhnlich neben seinem Teller stehen hatte, führte er das Bildniß einer schönen Dame, mit Brillanten reich besetzt. Er besah es sich oft, und mit einem so sichtlichen Wohlgefallen, daß ich einst mich nicht enthalten konnte, ihn lächelnd zu fragen: Ob dieß das Bild einer Braut oder einer Geliebten sey?

»Keiner Braut, antwortete er rasch, doch wohl einer Geliebten! Meines Weibes, – der edelsten, trefflichsten Frau, die jemahls einen Mann beglückte!«

»Sind Sie schon lange verheirathet?« fragte ich weiter, und, mit Beschämung gestehe ich's jetzt, es war Boßheit in dieser Frage. Er schien sie nicht zu bemerken.

»Es sind vorgestern gerade sechs Jahre gewesen, erwiederte er: aber ich konnte den ersten Tag, als ich ihre Zusage erhielt, nicht heißer, als heute noch sie lieben. Auch verdient sie das in jeder Rücksicht um mich. Von ihrer Bildung zeugt dieß Gemählde, das mehr vermindert als erhebt. Aber eben diese Bildung ist das Geringste; denn sie brachte mir Stand, sorgenloses Leben und Reichthum – brachte mir mehr als Dieß, einen hellen Geist und ein edles Herz zur Mitgift.«

Ein Dritter störte hier von Weidla's (so nannte er sich) leidenschaftliches Lob. Mir war von einem sechsjährigen Gatten ein solcher Ton, ein solches Feuer der Rede, ein halbes Wunderwerk. Fast hatte ich Lust, ihn der Heucheley zu zeihen; doch der Gedanke an ihre Zwecklosigkeit und die Wahrheit, die in Weidla's Antlitz sprach, straften mich. Ich gewann, je mehr ich mir es überdachte, um desto herzlicher den Mann lieb, der Muth genug hatte, von der Mode unserer heutigen Gatten eine Ausnahme zu machen. Bisher hatte ich seinen Umgang nur so mitgenommen, von nun an suchte ich ihn. Er merkte mein Wohlgefallen und vergalt es durch Gegenachtung. Wir wurden Freunde. Die acht Tage hindurch, als noch die Messe dauerte, waren wir bey jeder Mittagstafel Nachbarn, und dann Gefährten auf den größten Theil des übrigen Tages. Endlich waren seine Geschäfte geendigt; er sprach von Abreisen, und fragte mich: Wo nun mein Weg hingehe?

»Das weiß ich selbst so eigentlich nicht, – war meine Antwort – mein Arzt befindet für gut, daß ich einige Monathe, ganz frey von Geschäften, auf Reisen zubringen soll. Wohin ich meinen Stab zu setzen habe, hat er nicht vorgeschrieben. Deutschland durchreiste ich schon mehrmahls; außer seinen Grenzen fühle ich aber doch dieß Jahr mich umzusehen keine Lust. – Bloß dem Zufalle überlasse ich mich daher, der mich bald da, bald dort hin treibt.«

»So wünschte ich, versetzte er mit verbindlichstem Tone, daß Sie dieser Zufall, oder noch lieber Ihr eigner Wille, auf meine Güter führen möchte. Sie liegen ungefähr zwölf bis dreyzehn Meilen von hier, in einer der schönsten Rheingegenden. Strom, Weingebirge, freye, lachende Aussicht, angebautes Land, ein ziemlich geräumiges Schloß, und jedes andere Vergnügen, das Sommer und Landluft geben können, würden Sie da antreffen. Kleine Ausflüchte auf nachbarliche Städte sollten die Einförmigkeit mannigfaltiger machen; und weder bey mir, noch bey meiner Gemahlinn dürfte Ihnen der Gedanke an Fremd- und Beschwerlichseyn einfallen.«

Ich fand dieß Erbiethen so annehmlich, daß ich einschlug. Wir reiseten am andern Morgen ab, und kamen, ehe vier und zwanzig Stunden verflossen, an den Ort unserer Bestimmung. Meine nächsten acht Wochen gehörten zu der neidenswerthesten Zeit meines Lebens. Auf dem Landsitze meines neuen Freundes fand ich Alles, was er versprochen hatte; aber Alles zweyfach so schön. Eine fast himmlische Gegend, ein fast fürstliches Schloß, Spaziergänge an dem majestätischen Rheine, Jagd, Zerstreuung, Belustigung jeder Art. Doch der Edelstein seiner Habe, die Zierde seiner Besitzungen – war – seine Gemahlinn. Ein Weib, so liebevoll, so sanft, an gefälliger Laune so reich, an Stolz, Eigensinn und bitterm Witze so arm bey jedem Wetter, jeder Gesellschaft, jeder Gesundheit und jeder Lage so ganz sich gleich, sah ich noch niemahls. In der niedrigsten Hütte hätte ich sie finden können, und würde ein halbstündiges Gespräch mit ihr einer Reise von zehn Meilen werth gehalten haben. Sie stand nahe am dreyßigsten Jahre; aber sie war noch so schön, als eine Jungfrau im zwanzigsten. Kinder hatte sie nie gehabt. Selbst über diesen Punct, der vielleicht die Ruhe einer andern Gattinn verbittert haben würde, dachte sie auf eine Art, die ihr zwiefach Ehre brachte. – »Der Himmel, antwortete sie mir einst, als ich sie deßhalb bedauerte, gab mir von seinen Gütern so viele, es wäre strafbare Begehrlichkeit, sie alle zu fordern. Zudem, schon der Abschied von meinem Gatten wird mir einst schwer genug fallen; müßte ich auch von Kindern mich trennen, ich würde selbst der frohesten Ewigkeit mit unwilligem Herzen entgegen gehen.«

Es vergingen in dieser Gesellschaft zwey Monathe, – ich hätte lieber Kalender und Jahrszeit einer Unwahrheit gestraft, so ganz dünkten es mir nur Wochen gewesen zu seyn. Wenn ich neben ihr und ihm oft in der Laube am Hügel saß; wenn fern auf den trefflichsten aller deutschen Flüsse, auf Traubenberge, lachende Fluren und die untergehende Sonne unsere Blicke geheftet waren; wenn wir sahen, wie die Letztere den Strom beglänzte, die Hügel vergoldete, die Wolken röthete; wenn dann Emilie erst lange und schweigend die Hand ihres Gatten drückte, an seine Schultern sich lehnte, ihn halblaut fragte: Wird unser Abend auch so reizend seyn? Wenn sie dann, ehe er noch antworten konnte, einen feurigen Kuß seiner Wange aufdrückte, oder zuweilen in die Worte ihrer Lieblingsode: »Schön ist Mutter Natur, deiner Empfindungen Pracht!« ausbrach – wer beschreibt, was ich dann empfand! Es war nicht ganz ungetrübte Wonne; denn ich fühlte es nur allzu gut, daß sich nie an mich ein solches Weib anschmiegen würde; und doch war es auch nicht Schelsucht. Denn wer diese beym Anblicke eines tugendhaften glücklichen Paares empfindet, der kann selbst auf Glück und Tugend keinen Anspruch machen.

Weidla's Schloß, das sehr weitläufig gebaut war, faßte auch eine große Zahl von Zimmern in sich. Die meisten waren schön, einige davon hätte man sogar prächtig nennen können. Am übereinstimmendsten mit meinem Geschmacke war ein großer Saal, austapeziert mit den erlesensten Gemählden, und mit verschiedenen, nicht minder schönen Zeichnungen. Oft hatte ich mich hier an einem Regentage, oder beym Ausruhen von einem Morgenspaziergange zu ganzen Stunden verweilt und wohl befunden. Fast alle Gemählde kannte ich genau, und doch fand ich immer etwas Neues an ihnen. Vorzüglich hatte ich mir sehr oft eine Zeichnung besehen, auf welcher die bekannte kriegerische Strafe des so genannten Spießruthenlaufens vorgestellt, und zwar mit einer Mühsamkeit, mit einer Ausführung vorgestellt war, die mich bey einem Gegenstande dieser Art höchlich Wunder nahm. Das ganze Bild dünkte mich sehenswerth zu seyn: doch besonders zogen zwey Figuren meine Aufmerksamkeit an; die erste war der junge leidende Mann, der mit schon zerfleischtem Rücken die Reihen durchging. Er hatte eine schöne, edle Gestalt, ganz abweichend von dem gewöhnlichen Schlage der Unglücklichen, die dieser Strafe unterworfen sind. Er schien mit Gelassenheit, mit fast stiller Hoheit die Schmerzen zu ertragen, oder wohl gar zu verachten. Die zweyte merkwürdige Person war ein Frauenzimmer, das auf dem Balcon eines nahen Hauses in Ohnmacht gesunken war, und die man wieder zu sich selbst zu bringen suchte; eine alte, lachende, bey ihr stehende männliche Mißgeburt mißfiel mir eben so stark, als die weibliche Schönheit mir behagte. – Wie schon gesagt, fast jeden Tag besah ich mir das Bild, ohne dessen überdrüßig zu bekommen.

Einst, als ich wieder davor stand, trafen mich Herr und Frau vom Hause dabey an; sie hatten, wie ich nachher erfuhr, schon mehrmahls im Stillen mich bemerkt; dieß Mahl nahten sie sich mir; – »Wie kommt es, fragte Weidla, daß Sie so lange und oft bey dieser Zeichnung verweilen? Fällt Ihnen vielleicht ein Fehler dabey auf?«

»Gerade das Gegentheil, erwiederte ich: ich weiß selbst nicht, warum ein Auftritt, von welchem ich in der Wirklichkeit selbst stets unwillig mein Auge wegwandte; bey welchem ich stets Unanständigkeit, Despotismus, und das ganze Gefolge der kriegerischen Grausamkeit vereint zu finden glaubte; – warum dieser mich in einer künstlichen Nachahmung so oft unterhält. Freylich thut die Gewalt der Kunst unendlich viel; freylich hat sie den Anstand des Leidenden so zu veredeln, die Wirkung des Mitleids bey den Zuschauern so heraus zu heben gewußt, daß sie zweifelsfrey die Natur weit dahinten läßt; – –

O nein, nein! rief Frau von Weidla mit Wärme dagegen: Guter Branko, wie sehr irren Sie sich! Nie hat die Kunst vielleicht so tief hinter der Natur als hier gestanden. Nie war eine Scene rührender für denjenigen, der zu fühlen vermag, und zugleich – –

Mein neugieriger Blick ließ ihr erst, daß sie sich übereilt habe, bemerken. Sie erröthete, wandte verlegen ihr Auge seitwärts aufs Fenster hin, und schien sich entfernen zu wollen. Weidla selbst hielt sie lächelnd bey der Hand. – »Bleib, sagte er, für einen falschen Freund hättest du doch schon zu viel verrathen; ein redlicher kann mehr noch wissen. – Errathen Sie wohl, lieber Branko, von welcher Hand diese Zeichnung, die Sie in aller Unschuld so herzlich lobten – von welcher Hand sie sich herschreibt?« –

»Nein wahrlich, das kann ich nicht?«

Von der Hand meiner Gemahlinn.

»Ihrer Gemahlinn? rief ich, und trat voll Erstaunen zurück. Sie, in deren Hand ich noch keine Zeichenfeder sah, ist so weit in dieser Kunst? Und diese Kunst ward, von ihr an einen Gegenstand verschwendet, der dem Auge einer Dame sonst so widrig zu seyn pflegt? Wahrlich meine Verwunderung« – –

»Halten Sie sparsam damit Haus, damit Sie im Verfolge noch etwas davon übrig haben! Dieser Unglückliche, den Sie, und vielleicht mit Recht, für veredelt halten, – dieser Unglückliche, der hier die Gassen durchgeht – –«

Nun! dieser Unglückliche?

War ich selbst!

Sie selbst! – sprach ich nicht, rief ich nicht; sondern stieß es vielmehr aus meinem Innersten heraus. Ein Erstaunen, mit dem einzigen Worte unbeschreiblich zu bezeichnen, warf mich auf den nächsten Sessel hin. Wahrlich, mich selbst hätte man eines Straßenraubes beschuldigen können, und ich wäre nicht stärker außer aller Fassung gekommen. Bald auf ihn, bald auf Emilien starrten meine Augen, zu forschen, ob sie vielleicht mit einem Mährchen meiner spotten wollten; doch ihre Miene war – ein Lächeln zwar, doch nicht das Lächeln des Spottes. Mein Staunen gefiel ihnen nur; und die erneuerte Erinnerung an vergangene Zeiten wirkte nach ihrer gewöhnlichen Art; vorzüglich glühte in Emiliens Augen ein Feuer, wie ich noch niemahls bey ihr wahrgenommen hatte.

»Ja wohl war die Probe hart!« – rief sie endlich, als ich beym Schweigen verharrte! – »Ja wohl litt Weidla unendlich viel; litt es unschuldig! litt es für mich! Werden Sie nun sich noch wundern, daß Feuer in dieser Zeichnung herrscht? Und daß ich diesen Mann liebe, mit einer Gluth, die sicher nie erlöscht?« – Sie küßte ihn drey Mahl, schlang eine Minute lang sich fest an ihn, und wollte sich dann entfernen; ich vertrat ihr den Weg. – »Gnädige Frau, darf der Mann, der nun so viel, und in anderer Rücksicht doch noch gar nichts weiß – darf Dieser nicht um nähere Erklärung bitten?«

»Sie sollen dieselbe haben! – Heute Abends noch! Nach der Mahlzeit! Nur jetzt muß ich erst mich sammeln. Diese Erinnerung hat allzu stark mich gefaßt.« – Sie ging, ihr Gemahl mit ihr; doch bald kam er zurück und lud zu einem Spaziergange mich ein. Ich konnte es nicht abschlagen. Er brachte das Gespräch auf tausenderley Dinge. Ich mochte mitunter trefflich seltsam ihm antworten; denn immer waren meine Gedanken abwesend; immer sehnte ich mich bereits nach dem Abend.

Er kam, und begieriger hat kaum jemahls ein Hungriger der Auftragung der Speisen, als ich deren Wegnahme, entgegen gesehen. Ein freundschaftliches Gespräch pflegte sonst uns dann gewöhnlich noch ein Stündchen zu beschäftigen; heute, hoffte ich, würde Emilie diese Zeit zu ihrer Erzählung nützen; auch irrte ich mich nicht. »Ich habe, sprach sie, als die Bedienten sich entfernt hatten, aus tausend Kleinigkeiten schon Ihre Erwartung gemerkt. Zusage macht Schuld; wünschen Sie wirklich, daß ich sie jetzt abzahle?«; Je früher, je lieber! Je umständlicher, je besser! war meine Antwort; und Emilie fuhr ungefähr also fort.

*
*                *

Daß ich sechs bis sieben Jahre zu den Unglücklichsten meines Geschlechts zu zählen war, daß ich nahe daran stand, durch Fehltritte mich selbst dieses Unglücks werth zu machen: daran war bloß ein Irrthum meines Vaters Schuld. – Ein Irrthum, sage ich; denn unmöglich konnte ein Vater das Glück seines Kindes inniger wünschen, als es der meinige that; nur gehörte er leider zu der großen Menge Menschen, die Glück und Reichthum für gleichbedeutend halten. Durch diesen Wahn verleitet, ließ er nicht eher mit Bitten und Ermahnungen nach, bis ich mich, mit größtem Widerspruche meines Herzens, im sechzehnten Jahre entschloß, einem häßlichen, schon alternden Reichen, von Mossau mit Nahmen, meine Hand zu überlassen.

Häßlichkeit wird man gewohnt, und den Abgang körperlicher Kräfte kann ein verständiges Alter durch geistige Vorzüge zuweilen ersetzen: doch mein Gatte fügte zu seinen Runzeln und seinem ungestalteten Wesen noch einen dritten Fehler, den nichts gut zu machen vermag: ein durchaus verderbtes Herz. Tief versteckte Heucheley war sein Hauptfehler; wer nun noch nach den Übrigen fragt, der weiß nicht, daß alle Sünden tausendfachen Nahmens und Ursprungs, in dieser einzigen sich vereinen. In Gesellschaft der nachgiebigste, sanftmüthigste, heiterste Freund, schien er gemeiniglich auf meine Worte nur zu warten; schien er, selbst ehe ich noch redete, meinen kleinsten Augenzug schon zu verstehen: aber so bald er ohne Zeugen sich sah, ward er so grämlich, so gebietherisch, so unbescheiden und argwöhnisch, daß selbst der liebenswürdigste Jüngling mir dadurch unangenehm hätte werden müssen, geschweige ein fast sechzigjähriger, nie von mir geliebter Mann.

Dennoch verbarg er noch den größten Theil von der Häßlichkeit seiner Seele, so lange mein Vater lebte. Dieser betrogene, und von mir selbst – da ich ungern sein Herz ihm schwer machen wollte – in der süßesten Täuschung unterhaltene Greis starb mit dem Glauben, mich gut versorgt zu haben; und die Sorgfalt, mit welcher mein Mann bey seinem Sterbelager ausdauerte, die Emsigkeit, mit welcher er die Augen ihm zudrückte, hielt er für die zärtliche Liebe eines Sohnes, da es doch nur die sehnliche Begierde eines Erben war.

Jetzt, da mein Ehegemahl sich in dem Besitze meines ganzen ansehnlichen Vermögens, und von dem einzigen Menschen, den er scheute, befreyt erblickte: – jetzt enthüllte er, im Betragen gegen mich, sein abscheuliches Herz erst völlig. Schmählen war sein Morgengruß und sein Abendsegen; jeden Pfennig zählte er mir sparsam zu; selbst die nothwendigsten Kleidungsstücke schaffte er mir murrend, jedes Erforderniß der Bequemlichkeit oder des Putzes versagte er mir ganz. Wenn er mich weinen sah, lachte er; wenn ich gelassen mich beschwerte, höhnte er; wenn ich in ernsthafte Vorwürfe ausbrach, bedrohte er mich selbst mit thätlicher Mißhandlung. Um seiner Nichtswürdigkeit gleichsam die Krone aufzusetzen, war er eifersüchtiger als ein Kislar Aga. Eben so unvermögend, als widerwärtig, begehrte er selbst alsdann Liebkosungen von mir, wenn er durch sein Betragen mir gerade am verhaßtesten seyn mußte. So oft ich einen jungen Mann nur ansah, hatte ich schon eine Absicht auf ihn, so bald ich mit Einem sprach, ein unerlaubtes Verständniß: selbst der Bediente, von dem ich nur irgend etwas mit Freundlichkeit forderte, erhielt des andern Tages seinen Abschied. – Es war ein Leben, man kann es in der Hölle wenigstens nicht viel schlechter haben.

Unserm Hause, – oder vielmehr meinem Kerker gerade gegenüber wohnte ein junger Hauptmann, ein schöner, wohlgebildeter Mann, der den Ruf hatte, brav in seinem Dienste, wohlgesittet in seinem Gespräche, und eingezogen in seiner ganzen Aufführung zu seyn. Wirklich brachte er den größten Theil der Zeit, wenn er nicht im Dienste seyn mußte, zu Hause hin; ich sah ihn oft an seinem Fenster, aber meistens ein Buch in seiner Hand. Er blickte zuweilen hinüber; er machte mir sein Compliment, so oft ich hinaus sah; aber in seinem Blicke und seiner Verbeugung war bloß Höflichkeit und Ehrerbiethung, nicht ein Zug von Frechheit oder Zudringlichkeit zu spüren. Einen einzigen besondern Umstand bemerkte ich doch. So oft mein Mann neben mir am Fenster stand, unterblieb dieser Gruß. Im Grunde wußte ich ihm für diese Unterlassung Dank, denn sie ersparte mir nur ein eifersüchtiges Murren; gleichwohl – so sind wir Frauen! – gleichwohl befremdete sie mich.

Eines Tages, als ich kurz vorher einen harten Zwist mit meinem Tyrannen gehabt hatte, fand ich auf meinem Nachttische einen versiegelten Zettel, und darauf mit einer Hand, die dem schönsten Kupferstiche glich, diese vier Strophen geschrieben:

Wo ist der Mann, der nicht von Zorn entglüht,
      Wenn er die Krone holder Jugend,
      Geschmückt mit seltnem Geist, mit Sittsamkeit und Tugend,
So tief gekränkt von einem Wüthrich sieht?

Wer würde nicht sein eignes Leben gern,
      Um Frauenreiz zu schützen, wagen?
      Wer könnte vor dem Dolch des Eifersücht'gen zagen,
Bestrahlt ihn nur der Hoffnung milder Stern!

Ein Wink von dir, und dir zu Füßen liegt,
      O Göttliche, mein ganzes Leben.
      Dann soll des Frevlers Trotz vor meinem Muth bald beben!
Und Eifersucht! – Wie leicht ist die besiegt.

Doch zürne nicht! Nie werd' ich deiner Pflicht,
      Durch Wort und Wunsch zu nahe treten.
      Von fern' dich nur zu seh'n, zu schätzen, anzubethen –
Dieß wag' ich dreist. O dieß verbeuth mir nicht!

Kein Wunder, daß ich noch jetzt diese Verse, so mittelmäßig sie seyn mögen, auswendig weiß! Wohl zwanzig Mahl überlas ich sie damahls. Es waren die ersten, die je auf mich gemacht worden; auch war ich, um meine Schwachheit ganz zu gestehen, gar nicht böse darüber; nur von wannen und wie sie hierher gerade gekommen seyn könnten, das begriff ich nicht. Kein Bedienter kam gewöhnlich in dieß Gemach und an diesen Tisch; nur mein Kammermädchen durfte es. Sie war, mit mir auferzogen, meine Gespielinn von Jugend auf, und jetzt schon oft die einzige Vertraute meines Grams gewesen; sie hatte Geist, und – nach ihren Augen zu schließen auch Temperament genug zu Liebeshändeln; sehr natürlich fiel daher jetzt mein erster Argwohn auf sie. Ich rief, ich befragte sie; aber sie that so erstaunt, wußte so ernstlich zu versichern, daß ihr kein Wörtchen von allem dem bekannt, ja, daß sie selbst diesen ganzen Morgen nicht an den Tisch hierher gekommen sey, daß ich schon glaubte, es wäre Sünde, ein Mißtrauen in ihre unschuldige Miene und in ihre Betheurungen zu setzen; ja, daß ich im Begriff stand, sie um Vergebung zu bitten, als ein ungefährer Zufall mir Alles entdeckte.

Minette, so hieß das Mädchen, hatte ohne gehörige Überlegung gesagt: Sie habe vor einer halben Stunde ungefähr, meine Zimmerthür gehen gehört; aber geglaubt: ich oder mein Gemahl sey es. Was mir gerade am wenigsten auffallen sollte, das Wort Gemahl, fiel mir am stärksten auf. Der Kreis meiner männlichen Bekannten war so äußerst klein, noch kleiner die Zahl Derjenigen, die von meiner häuslichen Lage etwas wissen, oder auch nur etwas muthmaßen konnten. Beym Nahmen meines Mannes schoß mir daher wie ein Blitzstrahl der Gedanke durch den Kopf: Wie, wenn er selbst auf solche Art deine Treue, wenigstens deine Aufrichtigkeit zu prüfen suchte! Je mehr ich dieser Vermuthung nachdachte, je glaublicher, je gewisser ward sie mir. Ich fand so ganz den Gang der Eifersucht und des Wunsches nach ehrlicher Zwietracht, so ganz die Denkungsart seiner heimtückischen Seele in ihr, daß ich endlich keinen Zweifel mehr hegte; und daß ich mich entschloß, sogleich auf sein Zimmer zu gehen, ihm Alles zu entdecken, und auf diese Art seine List entweder zu beschämen, oder wenigstens ihn fühlen zu lassen, was man von ihm und von seinem Betragen gegen mich denke.

Ich machte aus diesem Vorsatze Minetten kein Geheimniß; doch er mißfiel ihr offenbar. – Es schien ihr jetzt auf einmahl unmöglich zu seyn, daß mein Gemahl hier gewesen seyn könne; sie fand es äußerst gewagt, seiner ohnedem nur allzu großen Eifersucht neuen Stoff und größern Schein des Rechts zu geben. Sie versicherte, es würde sofort eine Untersuchung, ein Lärmen durch's ganze Haus sich anheben; sie erinnerte mich, daß Gedanken zollfrey wären; daß doch immer einiger Verdacht auf mich fallen könne; und daß Dieß um desto mehr mich kränken würde, je unschuldiger ich sey. Ja, sie fand sogar etwas Hartes darin, wenn ich den Brief eines Mannes, von dem sich doch noch nicht entscheiden lasse, ob nicht sein Mitleid edel und redlich sey, einem solchen Argus übergäbe, der ihn sofort zum Schlimmsten wenden, und alle Mittel der Rache aufbiethen werde.

Vielleicht hätte ich selbst diese Gründe noch erheblich gefunden, aber was mich am stärksten befremdete, war die immer steigende Lebhaftigkeit, mit welcher Minette sie mir vorbrachte. Es schien mir augenscheinlich, daß sie nicht meinetwegen bloß, sondern auch einer Nebenursache halber so eifrig werde; ich stellte mich daher, als bliebe ich auf meinem Sinne; als wollte ich sogleich zu meinem Gemahl; und jetzt sah das arme Geschöpf, das bald von einer strengern Untersuchung überwiesen zu werden besorgte, keinen andern Rath, als mir zu Füßen zu fallen, und, was sie vor wenig Minuten geläugnet hatte, nun aufrichtig zu gestehen – zu gestehen, daß sie selbst dieß Gedicht mir hingelegt habe; und daß der Schreiber und Verfertiger desselben, wie Sie schon errathen haben werden, kein Anderer, als mein Nachbar, der Hauptmann, sey.

Nur zu gut weiß ich jetzt, was bey dieser Entdeckung die Pflicht einer untadelhaften Gattinn gewesen wäre; noch mehr, ich fühlte wirklich in den ersten Augenblicken mich durch die Kühnheit eines Mannes, der nie noch ein Wort mit mir gesprochen hatte, und der jetzt eine so verliebte Epistel mir zuschickte, ernsthaft beleidigt. Aber ich war noch nicht zwanzig Jahre alt, war unglücklich vermählt, war, wie alle meines Geschlechts, für Schmeicheleyen nicht gleichgültig, und zumahl da dasjenige Mädchen bath, in dem ich sonst meine Freundinn mehr, als meine Bediente zu sehen glaubte; da sie mir hundert Mahl zuschwur, nur auf sein unermüdetes Anhalten, nur auf sein zahlloses Versichern, daß Dieß bloße Sprache der Hochachtung und Bewunderung wäre, habe sie endlich zur Bestellerinn sich brauchen lassen; da sie mich nochmahls an die Barbarey meines Gatten erinnerte, an das traurige Schicksal, das ihr bevorstände, wenn ich sie verriethe; an die Unmöglichkeit, meinen Mann von ganzer Seele zu lieben; an ihre Treue, ihre und meine Jugend, an die Sitte der Zeit und dergleichen mehr: da war ich endlich schwach genug, diesen Schritt nicht etwa löblich, aber doch verzeihlich zu finden. Verzeihlich unter der Bedingung, daß sie nie wieder von dem Hauptmann zu mir spreche, seine Verse ihm zurückbringe; jede andere sich verbiethe, und meinen Unwillen ihm ungeheuchelt erzähle.

Sie versprach Alles; ja, was noch mehr ist, sie hielt Manches davon besser sogar, als ich gehofft hatte. Es verliefen wenigstens acht Tage, ohne daß mein Herr Hauptmann auch nur sich blicken ließ. Zwar schloß ich ein Paar Mahl aus einer linden Bewegung seiner Vorhänge, daß der Besitzer derselben auf der Lauer stehe: doch sein Fenster selbst öffnete er wenigstens nicht; und als er endlich wieder sichtbar ward, zeigte sich in seinem Blicke eine solche Schüchternheit, in seinem Gruß eine solche Beschämung, daß ich nothwendig durch diese Unterwürfigkeit gegen meine Befehle, wenn auch nicht ganz versöhnt, doch besänftigt werden mußte. – Minette war viel zu aufmerksam, als Dieß nicht zu bemerken, aber auch viel zu schlau, als durch ein Wort sich zu verrathen. Für sie war der Hauptmann so gut als gestorben; um desto mehr hoffte sie, daß er für mich noch leben solle. Ihre einzige Absicht schien, durch Erzählung alles dessen, was sie höre, sehe und denke, mir meinen Gemahl täglich noch verhaßter zu machen. Sie fand zu diesem Gebäude in mir selbst schon einen nur allzu guten Grund; und seine eigene Unfreundlichkeit half ihr treulich.

Es ward eben Winter. Daß meines Mannes altem rheumatischen Körper die Decembertage nicht bequem fielen, war sehr begreiflich; daß er sich innen hielt, sehr natürlich. Doch daß sein Asthma auch mich mit klösterlicher Zucht auf seinem Zimmer festhalten sollte, – dieser Befehl dünkte mich schon hart genug; und daß er, als ich ihn wirklich befolgte, zur schuldigen Danksagung jede Stunde, die ich bey ihm verlor, mit Zanken mir noch verbitterte; das war doch wohl so ungerecht als möglich. Sechs Wochen hindurch kam ich nicht vor die Thür; aber freylich desto öfter an's Fenster. Daß ich dann gerade vor mich hinsah, daß mir Gegenstände, die ich draußen erblickte, durch die Häßlichkeit derer, die ich darinnen sah, besser als bisher dünkten: das war, glaube ich, eine unumgängliche Folge des Zwanges; des Zwanges, welcher überhaupt noch nie etwas Gutes erzeugte.

Ein Ungefähr linderte endlich meinen Hausarrest. Eine alte Muhme besuchte uns; sie war reich, war ohne Erben; mein Mann hatte daher viel Hochachtung für sie. Die Verwandtschaft kam von meiner Seite her; und er bestrebte sich daher, auch mir den Weg zu jeder Beschwerde bey ihr zu versperren. Ich ward auf einmahl wieder zu einem englischen, unvergleichlichen Weibchen, und für sie ward jede Bequemlichkeit unsers Hauses aufgebothen. Zehn Mahl des Tages überhäufte mein Gemahl das verwünschte Asthma mit einer Ladung von Schmähworten, weil es ihn verhindere, sie selbst überall herumzuführen; zehn Mahl ward ich erinnert, ja nichts zu vergessen, was hier zu besehen und zu besuchen sey. Die Alte fand den Alten äußerst angenehm. Ich wußte es freylich anders; aber ich hielt es für nutzlos und für thöricht, ihr zu widersprechen, und nahm bloß die Gelegenheit eines freyeren Lebens mit, so lange ich sie haben konnte.

Es ging, wie aus der Jahreszeit erhellt, gerade damahls mit dem Carneval zu Ende; die letzteren Redouten wurden, wie das der Fall in größeren Städten zu seyn pflegt, die glänzendsten. Auch für alte Jungfern ist alles Glänzende noch reizend. Meine Muhme bekam Lust, den Fastnachts-Dienstag mit ihrer Gegenwart zu verherrlichen. – Mein Murrkopf zitterte heimlich, als er diesen Einfall vernahm; aber auch jetzt war seine Heucheley mächtiger als seine Eifersucht. Er pries diesen Gedanken als allerliebst; er fand es vortrefflich, als meine Tante mir vorschlug, in männlicher Kleidung ihren Führer zu machen; und er befahl mir wohl hundert Mahl, – versteht sich in ihrer Gegenwart – diesen Abend ja recht munter und vergnügt zu seyn.

Wir fuhren hin. Unter Weges ward die gute Alte gar nicht müde, meinen Gemahl zu loben. – Sie können nicht glauben, Nichte (sprach sie unter andern ), wie sehr er Sie liebt. Sie haben vielleicht nie bemerkt, daß er eifersüchtig sey. Gleichwohl hat er mich heute, da ich ein Paar Augenblicke allein mit ihm war, auf's Leben beschworen, ja nicht zuzugeben, daß irgend ein Geck Schmeicheleyen Ihnen vorsage. Zwar bin ich, fügte er hinzu, von der schuldlosen Tugend meiner Frau ganz überzeugt; aber leid sollte es mir thun, wenn solche Wespen auch nur von Weitem Sie umschwärmten. – Ich lächelte über die Treuherzigkeit meiner Muhme, errieth die Absicht meines Mannes gar wohl, und – schwieg wie gewöhnlich.

Mittlerweile kamen wir in den Redoutensaal; er war voll, und wir mischten uns in das dichteste Gedräng. Aber kaum waren wir einige Schritte weit fortgeschoben worden, so hörte ich dicht an meinem Ohre eine Maske französisch flüstern: »Bey Gott, das ist kein Jüngling; das ist eine der reizendsten ihres Geschlechtes!« – Der Schmeichler verfehlte seinen Endzweck nicht; ich wandte mich, und betrachtete ihn genauer; doch zu unerfahren war ich im Maskenenträthseln, um mehr, als eine gutgewachsene Mannsperson in ihm zu erkennen. Ich kehrte mich daher, aus Besorgniß entdeckt zu werden, auf eine andere Seite; aber er folgte mir Schritt für Schritt. Als wüßte er, daß meine Tante kein Französisch verstehe, mischt er in sein Lob auf mich, Spöttereyen gegen sie. Er schwur, daß hier der Frühling den Winter führe. Er fragte mich: ob vielleicht die Schelsucht eines mürrischen Gemahls mich zur Verbergung meiner weiblichen Reize zwänge? Er brach endlich in den Ausruf aus: Nur eine Schönheit, aber freylich die vorzüglichste von allen, habe man bisher bey Ball und Redouten vermißt; vielleicht sey ich diese Vermißte. – Er schilderte den mürrischen Greis, der diesen weiblichen Schatz einem Drachen gleich behüthe, ohne ihn selbst nach Würden nützen zu können. Sein Bild glich meinem Gemahle Zug für Zug. Er schilderte auch die wohlverwahrte Dame – mit welchen Farben können Sie errathen; und meine Eigenliebe erkannte sich selbst, Trotz dieser Verschönerung, gar leicht.

Meine Unruhe bey diesem Ereigniß war unbeschreiblich. Schon zehen Mahl hatte meine Tante mich gefragt: Wer denn diese Maske sey, die unsern Schatten mache? Ich hatte ihr natürlich, daß ich's nicht wisse, geantwortet; hatte allem seinen Zuflüstern ein bloßes Kopfschütteln entgegengesetzt. Endlich, als er immer noch anhielt, faßte ich ein Herz, und sagte ihm auf französisch: »Maske, Sie fehlen doppelt; in Ihrem Errathen und Ihrem Betragen. Denn wenn ich wirklich, nicht eine Dame bloß, sondern Diejenige wäre, die Sie glauben, sollte es dieser wohl an einem Argus fehlen, den sie fürchten müßte?« – So wie diese Worte ausgesprochen waren, sah' ich sogleich, daß ich eine Thorheit gesagt hatte; aber ich sah' es zu spät. Mein Verfolger beugte sich ehrerbietig; auch dieser Argus soll vielleicht entfernt werden, sprach er, und verschwand. Meine Verwirrung wuchs bey seiner Entfernung mehr, als daß sie abnahm. – Ich rieth hin und her, wer es gewesen seyn könnte; ich verbarg es vor mir selbst, auf wen ich muthmassen sollte; und suchte mich durch Bemerkung der übrigen Gesellschaft zu zerstreuen, so gut ich konnte.

Eine halbe Stunde nachher kam eine andere Maske, und zog meine Tante zum Tanze auf. Ich wunderte mich nicht wenig über diese Wahl; denn so jugendlich sie immer ihren Leichnam aufgestutzt hatte, so sichtlich blickte doch das Alter überall hervor. Ich wunderte mich noch mehr, als meine Tante wirklich den Vorschlag in Überlegung nahm. – »Was meinen Sie wohl, Mühmchen – lispelte sie gleichsam verjüngt mir zu: – Was meinen Sie, wenn ich unter der Maske versuchte, was ich nun seit zwanzig Jahren ohne Maske ruhen ließ? Vor Zeiten galt ich für die beste Tänzerinn am ganzen Hofe.« – Ich zuckte die Achseln; und meine Alte trippelte zum Contretanze hin, indem ich ihrer auf einem nahen Sitze zu warten versprach. Kaum hatte ich mich niedergelassen, so eilte aus einer nahen Ecke mein erster Verfolger wieder herbey. Ich wollte aufstehen, er faßte mich bey der Hand. – »Nur auf zwey Augenblicke beschwöre ich Sie zu bleiben! sprach er halbleise: Sind Sie nicht vor jeder Beleidigung in einer so zahlreichen Gesellschaft sicher? Ist denn mich anzuhören gar so schwer? und reizen Sie nicht eben dadurch, wenn Sie sich rasch entfernen, und ich eben so rasch Ihnen folge, stärker als durch ein schuldloses Gespräch, die Neugier der Menge?« – War es die Scheinbarkeit seiner Gründe; war es die Schwäche meines Herzens; kurz ich setzte mich, und er ward mein Nachbar.

Jetzt veränderte er sofort den Ton seines Gesprächs, auf eine Art, die sich leicht errathen läßt. Er nannte nun dreist meinen Nahmen, er verwandelte noch dreister mein bisheriges Lob in ein offenes Geständniß seiner Liebe; zwar war es in den Ausdrücken der tiefesten Bescheidenheit abgefaßt, und mit dem Putz der feinsten Schmeicheley verflochten; doch war er deutlich genug, um meine Empfindlichkeit zu reizen. Ich fragte ihn, halb mit Staunen, halb mit Unwillen: Wodurch – wenn er ja mich kenne – wodurch ich je einen fremden Mann zu einer solchen Sprache berechtigt habe? Ich stand noch ein Mahl auf, ernst entschlossen, nicht wieder mich niederzulassen. Doch abermahls hielt er mich so fest, daß ich ohne Aufsehen zu erregen, nicht loskommen konnte.

Ich bin der Unglücklichste unter allen Menschen, erwiderte er, wenn Sie Beleidigung Ihrer Ehre in meiner Rede finden; und ich würde der Strafbarste seyn, wenn ich es absichtlich darauf angelegt hätte. – Nein, gnädige Frau, die Tugend selbst kann nicht reiner, als Ihr Betragen seyn; aber auch die Tugend selbst kann die Hochachtung nicht tadeln, die ich für Sie, schöne Unglückliche, und den Haß, den ich gegen Ihren unwürdigen Besitzer hege. – Ja, ja, ich liebe Sie. Wie? das fassen Worte und selbst die Gedanken alltäglicher Menschen nicht. Sey immer ein Abstand zwischen uns! Einer Fürstinn selbst würde ich meine Gluth bekennen; würde vor Haft und Tod mich nicht scheuen, wenn ich so sie liebte. Seit Jahren bekämpfe ich meine Flamme; sie macht mich elend, das weiß ich; ich will sie verhehlen, das schwöre ich; doch ganz sie unterdrücken, das kann ich nicht.

Er führte meine Hand, indem er Dieß sprach, an den Flor seiner Maske; auch durch diesen Flor brannte seine Lippe beym Kuß, den er aufdrückte. Ehe ich einer Antwort fähig war, entfernte er sich. Nur als er zur Saalthür mehr hinausstürzte, als ging, kehrte er sich noch einige Secunden lang gegen mich; dann sahe ich ihn den ganzen Ball nicht weiter.

Fast in eben dieser Minute noch kam meine Tante wieder. Ihre abgelebten Füße waren im Tanze gar bald ermüdet worden, ehe sie noch die halbe Colonne endigen konnte. Ihr Mittänzer hatte sehr gern in's Abtreten gewilligt, und verschwand auch sofort. Daß sein ganzer Einfall nicht ein Versehen, sondern eine Verabredung gewesen sey, konnte ich leicht errathen. Meine Tante war müde und schläfrig; ich stellte mich, als ob ich's nicht minder wäre; denn daß nun dieser Ball mir lästig geworden, daß es mir scheinen mußte, als wisse jede Maske, die mich ansah, wer ich sey, und was man mir gesagt habe, das ist leicht begreiflich. Auch als ich nach Hause kam, war meine übrige Nacht fast ganz schlaflos; nicht die Musik und die Freuden des Balls, nur die Reden jener Maske schwebten stets vor meinem Ohre. Wer sie gewesen sey, das konnte ich mir selbst unmöglich länger verbergen; denn zu einstimmig waren jene Verse und seine letzteren Worte gewesen. Ich zwang mich auf ihn zu zürnen; und schon fühlte ich, daß es nur Zwang sey.

Des andern Morgens fragte mich Minette: Was mir fehle? – Ich hatte nur auf solch eine Veranlassung gewartet, um mit ihr zu schmolen. Sie machte eine Miene, als ob sie vom Himmel falle. Sie fragte mich wohl hundert Mahl, was ich meine? sie fand, als ich ihr Alles erzählte, es zwar möglich, daß der Hauptmann in dieser Maske gesteckt habe; aber sie schwur, daß er von ihr kein Wort erfahren; daß sie seit der ungünstigen Bothschaft, die sie auf meinen Befehl ihm überbringen müssen, jeden Umgang mit ihm abgebrochen habe, und schilderte mir, gleichsam im Vorbeygehen nur, die Verzweiflung, in welche ihre Nachricht ihn versetzt hätte. – Kein Wort von ihrer Schilderung fiel auf die Erde; aber noch wachte ich über mein Herz. Mit angenommenem Unwillen hieß ich sie schweigen, und legte mir eigentlich die Pflicht auf, wenigstens vier Wochen lang nicht am Fenster zu erscheinen. – Fünf Tage hindurch hielt ich es, nicht ohne Zwang, doch standhaft; am sechsten besuchte meinen Mann, wie gewöhnlich, sein Hausarzt; ein kleines Geschäft rief den Erstern ab; der Letztere unterhielt sich indeß mit meiner Tante, und erzählte ihr: daß es jetzt häufige Krankheiten gäbe. – »Das Carneval hat seine gewöhnlichen Folgen, sprach er: und die Schwärmer büßen nun zum Theil, wenn auch nicht mit Reue, doch mit Schmerzen. Auch in der Nachbarschaft habe ich einen Kranken, der mir Sorge macht.« – Schon wollte ich von meinem Stickrahmen aufsehen, und ihn fragen: wen? aber meine Tante kam mir mit ihrer Neugier zuvor. – »Es ist ein Hauptmann, hier gerade gegenüber, gab er halb gähnend zur Antwort; ein Mann, von dem ich sonst tausenderley Gutes habe sagen hören. Jetzt aber hat er sich doch bey einer Fastnachtsschwärmerey den Rest gehohlt. Immer ist in seinen Fieberparoxismen Maske und Liebe, und Grausamkeit das dritte, vierte Wort. Er hat vom Glück zu sagen, wenn er den morgenden Abend erlebt.«

Ein großer Vortheil war es für mich, daß mein Stuhl und mein Stickrahmen in einer Fenstervertiefung standen, und daß daher meine Tante mich nicht sehen konnte. Die Bewegung, mit welcher mir bey dieser Erzählung die Nadel aus den Händen sank, meine Farbe und mein Erstarren hätten sonst nothwendig mich verrathen müssen. – Der Arzt sprach noch Manches, ich vernahm es nicht, sondern sobald meine Besinnung zurückkehrte, entfernte ich mich auf mein Zimmer, und schellte nach Minetten. – »Ist es wahr, rief ich ihr, so wie sie eintrat, entgegen: daß der Hauptmann krank darnieder liegt!« – »Ja, gnädige Frau!« – »Und das gefährlich!« –»Ich höre, zum Tode!« »Und warum verschweigst du mir das?« – »Ich darf ja nicht einmahl seinen Nahmen Ihnen nennen.«

Mein Herz, das Verstellung nicht kannte, das nie noch Liebe empfunden hatte, konnte jetzt nicht länger sich zwingen. Ich brach in Thränen aus. Ich warf mich an Minettens Hals. – »Mädchen, sprach ich, verbirg mich vor mir selbst! Ich sollte es nicht, aber ich liebe ihn!« – Die Heuchlerinn stellte sich, als traue sie vor Verwunderung ihren eigenen Ohre nicht. – »Sie sollten Den lieben, fragte sie mich wohl zwanzig Mahl, von dem Sie nichts lesen, nichts hören, nichts sehen wollten? Ich fürchte, gnädige Frau, Ihr Mittel. kommt nun zu spät! Ihre Strenge ist nur zu kräftig gewesen.« – Ich beschwur sie, mir ohne Verstellung zu sagen: ob sie wirklich glaube, daß verschmähte Liebe die Ursache seiner Krankheit sey? – Sie zuckte die Achseln. – »Wenigstens ward er an dem Morgen krank, als er Sie die Nacht zuvor auf dem Balle sprach; ward bettlägerig, als er hörte, daß er Sie nicht einmahl mehr künftig sehen solle; wünschte sich tausend Mahl, so lange er vernünftig sprechen konnte, den Tod, weil ein ungeliebtes Leben kein Leben zu nennen sey. Schließen Sie nun auf das Übrige.« – Und sollte er ganz ohne Rettung krank seyn? – »Er hat die geschicktesten Ärzte, und sie verzweifeln doch. Ein Mittel würde freylich, wenn es früher gekommen wäre, Alles gewirkt haben, und kann jetzt noch viel thun.« – »O welches, welches, Minette?« – »Lassen Sie ihn Ihr Mitleid erfahren.«

Ich schwieg. Mehr als dieß Schweigen begehrte Minette nicht. Auch unterbrach meine Tante gerade hier das Gespräch. Eine Unpäßlichkeit versteckte meinen Kummer. So sehr ich mich noch länger allein zu bleiben sehnte, so wenig gelang es mir; nur verstohlen konnte mein Mädchen mir des Abends beym Schlafengehen zuflüstern: »Erwangen weiß, daß Sie ihn bedauern. Schon seit drey Tagen war er unempfindlich bey jeder Nachricht; nur, als ein Freund, der Alles weiß, Ihren Nahmen mit dieser Bothschaft ihm nannte, lächelte er, und ward vor einer Stunde etwas ruhiger.« – Um desto unruhiger war ich nun selbst! Daß ich im Begriff stehe, einer Neigung Platz zu geben, die meiner Pflicht entgegenlaufe: Dieß sah ich zwar; nur war Dieß, aufrichtig zu reden, mein kleinster Kummer. Sorge hingegen für das Leben eines Mannes, von dem ich nun erst fühlte, daß er mir werth geworden sey; – Sorge für meinen guten Nahmen, der jetzt vielleicht nur allzu oft in der Bewußtlosigkeit von ihm ausgesprochen werden konnte; – Sorge für die Zukunft, Mißmuth mit der Gegenwart, Alles Dieß bestürmte mich so abwechselnd, daß kein Schlaf in mein Auge kam, und daß ich, die ich des Tages vorher nur angeblich krank gewesen war, des andern Morgens in der Wirklichkeit kaum aufzustehen vermochte.

Langweilig würde die Geschichte der nächsten drey oder vier Tage seyn. Zwar waren die Bothschaften, die Minette heimlich mir zusteckte, keines Weges trostlos zu nennen, doch beruhigend eben so wenig. Der Hauptmann, hieß es, lebe zwar nicht nur, er bessere sich auch; doch äußerst langsam gehe es mit dieser Besserung von statten; immer noch waren Rückfälle zu besorgen. Bey dieser stäten Ungewißheit, bey diesem stäten Kampfe von Furcht und Hoffnung, von zunehmender Neigung und erwachtem Bewußtseyn meiner Pflichten, konnte meine Lage unmöglich neidenswerth seyn. So oft Minette mich fragte: ob sie dem Kranken meinen Gruß zuflüstern lassen sollte, stockte ich Minuten lang, und seufzte doch zuletzt ein Ja heraus. So oft sie in mein Zimmer trat, und nur ein wenig ernst aussah, bebte ich, und glaubte, sie sey die Hinterbringerinn einer schlimmen Nachricht. So oft sie mir sagte: Er lebt und liebt! ward ich roth, und wäre gern unwillig geworden, hätte mein Herz mich nicht der Heucheley gestraft.

Mein Mann besaß ein Landgut, Berlachsheim, drey starke Meilen von der Stadt, in einer reizenden, selbst zur Winterszeit angenehmen Gegend gelegen. Nie war meine Tante noch dort gewesen. Bei einigen schönen Lenztagen, die sich im Anfange des Märzmonaths gleichsam verirrt zu haben schienen, schlug mein gefälliger Gemahl, unter abermahligem Bedauern seiner Unpäßlichkeit, meiner Tante und mir eine kleine Reise nach Berlachsheim vor. Ob mir Dieß recht oder widrig seyn sollte, wußte ich selbst nicht; denn Weg und Jahreszeit machten bey diesem Ausfluge ein Nachtlager unumgänglich; und jede Entfernung von der Stadt, auch auf einige Stunden nur, war bei meiner jetzigen sorgsamen Lage ein Opfer. – Doch auf der andern Seite hoffte ich dort endlich einmahl mit Minetten ohne Zeugen mich auszureden; hoffte dort ungestört Überlegung zu treffen und Plane zu entwerfen. Ich nahm daher an, was ich ohnedem nicht abschlagen durfte, und nach manchem, auf's Fenster meines Geliebten heimlich geworfenen Blick, reis'ten wir ab.

Es ging, wie ich vermuthet hatte. Meine Tante, müde von der Reise und vom Herumführen im Schlosse, verlangte zeitig nach der Ruhe, und ich widersprach ihr nicht, um nur ja bald mit meiner Vertrauten mich allein zu sehen. Worauf meine Rede gleich in der ersten Minute sich lenkte, ist keine Frage. Jener erste Ton der Strenge und des Unwillens hatte sich nun ganz in Vertraulichkeit und in die ungeduldigste Neugier verwandelt. Wie sie eigentlich mit dem Hauptmann bekannt geworden? Wie er von mir gesprochen? Wie er meine abschlägige Antwort und mein Betragen auf dem Maskenball aufgenommen? Ob sie überzeugt sey, daß er nur aus Liebe zu mir krank geworden? Ob sie während seiner Krankheit ihn gesehen und gesprochen? Ob sie mit gehöriger Vorsicht meinen Gruß ihm überbracht habe? Ob sie auch gewiß sey, daß er, als ein edler Mann, und mit wahrer Wärme mich liebe? – Alles, alles Dieß und tausend Mahl mehr noch wollte ich wissen. Selbst das Lächeln meines Mädchens, die natürlich bey so vielen Fragen zur Antwort keine Zeit erhielt, besserte mich nicht; denn, wie ich schon gesagt habe, es war meine erste Liebe.

Minette, als sie endlich doch zum Worte kommen konnte, schien nur auf meine letzte Frage gehört zu haben. Wie können Sie zweifeln, sprach sie, ob derjenige Mann Sie wirklich liebe, der so lange seine Neigung, aus Furcht Ihnen zu mißfallen, in sich selbst verschloß, und nur mit Ihrem Anschauen sich begnügte? den eine abschlägige, und, gestehen Sie selbst, allzu harte Antwort schwermüthig, den Ihr Zorn tödtlich krank, und der erste schwache Trost von Ihnen wieder genesend zu machen vermochte? Wahrlich, gnädige Frau, wenn Sie noch zweifeln konnten, ob ein solcher Mann Sie innig liebe: dann nützte meine Fürsprache nichts; dann muß ich die Überzeugung davon ihm selbst allein überlassen. – Sie sagte es, öffnete schnell die Thür eines Cabinetts, und ehe ich noch, ganz erstaunt, was sie damit wolle, fragen, ehe ich noch hinblicken konnte, lag Erwangen – Erwangen selbst! bereits zu meinen Füßen.

Mahomet, wie Sie wissen werden, sah einst im Traum einen Engel, der, wenn ich nicht irre, siebenzigtausend Zungen hatte; alle diese Siebenzigtausend könnten die Empfindungen nicht sattsam ausdrücken, die in diesem Augenblicke auf mich losstürmten. Ihn, zu dem ich mich unsichtbar diese acht Tage hindurch so zahllos hingewünscht, von dem ich so eben im Tone der sich verrathenden Liebe gesprochen hatte; ihn, den ich fern von mir, auf einem Krankenlager, ja noch in Lebensgefahr vermuthete; ihn, den ich noch nie mit freyem Angesicht in der Nähe erblickte, und dessen Bild doch schon nur allzu tief meinem Herzen eingeprägt war, – ihn sah ich jetzt, so unvorbereitet, so ganz ohne zu wissen, wie und woher er komme! Es war der erste Man, der mir zu Füßen lag, und das im Schlosse meines eigenen Gemahls, so dicht am Schlafgemach meiner Tante, rund umgeben von den Lauschern eines eifersüchtigen Tyrannen, in einer nächtlichen Stunde – wahrlich, ich wußte nicht, ob alles Vorige Betrug, oder alles Jetzige ein Traum zu nennen sey?

So verflogen drey oder vier Minuten; die sonderbarsten, die ich jemahls gelebt hatte. Sein Auge, ganz verloren in meinem Anschauen, die tausend Küsse, die er meiner Hand aufdrückte, die stumme Beredsamkeit seiner Blicke; – alles Dieß fühlte ich so ganz, und fühlte es sogar nicht; denn im unbeschreiblichsten Zirkel drehten alle meine Gedanken sich herum. Erst sein Ausruf: O hier laß mich sterben, guter Himmel, und ich habe lange und glücklich genug gelebt! – Erst diese Worte, mit des Entzückens innigstem Tone ausgesprochen, gaben mir einige Besinnung wieder. Ich beschwur ihn ängstlich aufzustehen; ich erinnerte ihn an die Gefahr, der er mich aussetze, wenn ihn hier irgend Jemand sehe oder höre; ich fragte ihn sogar mit erzwungenem Ernst: woher er das Recht bekommen habe, zu einer solchen Zeit, und unter solchen Umständen sich bey mir einzustehlen? – Er blieb auf den Knien. Sie ließen mir sagen, gnädige Frau (war seine Antwort), daß Sie meine Genesung wünschten. Genesung ohne Ihre Liebe wäre nur ein langsamer Tod für mich. Ich komme daher, mein Urtheil, sey es zum Leben oder zum Tode, zu empfangen. Er betheuerte mir: daß sein Arzt ihm zwar noch jede Bewegung, jede freye Luft verbothen; doch daß er über Meer und Land mir eben so schnell, eben so entschlossen, als jetzt gefolgt seyn würde. Er schwur mir – doch warum soll ich jetzt alles Das wiederhohlen, was freylich nur allzu kräftig, nur allzu süß mir in der Wirklichkeit klang, was aber unschmackhaft in der Erzählung werden müßte. – Kurz, Erwangen erzwang in dieser Stellung ein Geständniß von mir, welches ihm auch ungesagt schon bekannt seyn mußte, das Geständniß: daß er mir nicht gleichgültig sey.

Wie so zahllos viel wir uns nun wechselseitig zu sagen hatten! – Wie künstlich mir nun der Schlaue die Geschichte seines letzt durchlebten Jahres zu schildern wußte! Seinen langen inneren Kampf, bevor er mir geschrieben, den Schmerz bey meiner Kälte, die Lebensgefahr bey seiner Krankheit; die Freude bey Anhörung meines Grußes und das Wundersame in seiner Genesung. Selbst die Gefahr, mit welcher er sich in Bauernkleidung und durch Minettens Hülfe hier eingeschlichen hatte; selbst die Blässe, die noch auf seinen Wangen zurückgeblieben war, vergrößerten den Antheil, den mein Herz an ihm zu nehmen begann, und zwey bis drey Stunden verflogen, nur der Himmel weiß, wie schnell und wohin? – Doch verflogen sie nicht so, daß ich noch jetzt mich ihrer zu schämen Ursache hätte! Eben die Ehrfurcht vielmehr, die er selbst im höchsten Entzücken mir bewies, eben die Schwüre, mit welchen er zu tausend und aber tausend Mahlen die Reinigkeit seiner Liebe mir betheuerte; eben die romantische Schwärmerey, mit welcher er von sympathetischem Gefühl und vom Verständniß der Herzen mir vorschwatzte, – eben dieß Alles empfahl mir ihn fast eben so stark, wo nicht stärker, als die Süße seiner Schmeicheleyen und die jugendliche Gluth seiner Küsse.

Gleichwohl war nun der erste Schritt zu verstohlner Liebe, zu sträflicher Vertraulichkeit, geschehen; der zweyte folgte schnell hinterdrein; das heißt: wir sannen auf die Wiederhohlung von jenem. – Meines Gatten Wachsamkeit war groß; doch seit zwey Stunden war mir der Muth sie zu täuschen, mächtig gewachsen. Den kleinen Überrest von Furchtsamkeit erstickte Minettens Zureden und Erwangens Bitten. Nichts, wollen Weiberkenner behaupten, nichts soll uns Frauen bey jedem Liebeshandel so werth und wichtig seyn, als eben derjenige Punct, durch welchen wir gewöhnlich uns verrathen, ein heimlicher Briefwechsel. Er war das Erste, was auch Erwangen in Vorschlag brachte; und bey der seltenen Möglichkeit eines persönlichen Gespräches machte ich von jener erst angegebenen Regel keine Ausnahme. Minette sollte natürlich auch hier das Hauptrad in der Maschine abgeben; da aber alle Fälle sich denken ließen, wo ihr Eifer und ihre Schnelligkeit nicht allein hinreichen könnten, so brachte mein Hauptmann noch eine Nothhülfe in Vorschlag.

»Er habe, sagte er, unter seiner Compagnie einen jungen Unterofficier, auf dessen Treue und Verschwiegenheit er Häuser bauen könne. Es sey ein Mann von höchstens drey und zwanzig Jahren, von guter Geburt, guter Bildung und noch besserem Herzen. Er gehe mehr mit ihm auf dem Fuße des Freundes, als des Untergebenen um, und wisse, daß er willig für ihn durch Feuer und Wasser sich stürze. Er sey es gewesen, der meine Tante neulich zum Tanz aufgefordert habe; er sey die ganze Krankheit hindurch nicht von seinem Lager gekommen, und kenne die Heftigkeit einer Leidenschaft, die vor ihm – doch auch nur vor ihm allein! – in den Reden der Fantasie sich nicht verbergen konnte. Er solle mir, unter dem Scheine, als ob er Minettens Liebhaber wäre, auch zuweilen Briefe bringen und Antwort sich hohlen.« – Ich hatte freylich gegen diesen Vorschlag mancherley Einwendungen; doch Erwangens Betheurungen, und Minettens Beyfall (die zu wünschen schien, daß der junge Soldat seine Rolle nicht bloß spielen möge) machten, daß ich nachgab; und wir schieden spät nach Mitternacht mit manchem Kuß und Händedruck, mit manchem Wunsch, uns bald wieder zu sehen, aus einander.

Ich will Ihre Geduld, Branko, nicht mit der Chronik der nächsten sechs bis sieben Wochen ermüden. Unser Roman war diese ganze Zeit über in seinem schönsten Gange. Briefe flogen von beyden Seiten hin und her. Manche Stunde darbte ich meinem Schlafe, und – was bey den meisten meines Geschlechtes noch mehr bedeuten will – selbst dem Putztische ab, um nur Erwangens verliebte Sendschreiben nach Würden zu beantworten. Da meine Tante indeß wieder wegreiste, und mit Rückkehr der wärmeren Jahreszeit auch mein Mann wieder auszugehen vermochte, so hatte Minette Geschicklichkeit und Erwangen Herz genug, um eine Hinterthür und eine Civilverkleidung zu wiederhohlter heimlicher Zusammenkunft zu nützen. Immer war solche nur auf wenige Augenblicke möglich, und unsicher genug; aber mit jedem neuen Gespräche ward mein bescheidener Liebhaber auch etwas dreister. Manche Zeile seiner letztern Briefe, mancher Wunsch seiner letzten Gespräche war feurig genug, aber um so minder platonisch, und ich – – – noch zürnte ich, noch strafte ich ihn dann; aber schon ward mein Zorn allmählig linder; schon befragte ich mich zuweilen insgeheim: ob ich nicht allzu strenge verfahre? Und der Himmel weiß, ob ich nicht endlich nur zu nachsichtig gegen ihn und gegen mich selbst geworden wäre, hätte nicht ein sonderbarer Zufall auf ein Mahl die ganze Lage der Sachen verändert.

Daß die Eifersucht mehr Augen in ihrem ausgedorrten Gesichte, als der Pfau auf seinem Schweife hat, das ist eine Erfahrung, die gewiß keiner Bestätigung bedarf. Leider machte ich sie an mir selber. So vorsichtig Minette und ich unser Geschäft zu betreiben glaubten; so sorgfältig ich mich hüthete, selbst durch's Fenster nur oft nach meinem Geliebten hinzublicken; Mossau schöpfte doch Argwohn. Bis auf diese Stunde weiß ich nicht, woher. Sey es, daß ein Bedienter im Hause mein Ausspäher und Verräther war, sey es, daß mein Mann selbst Minetten zu Erwangen hingehen, oder den jungen Unterofficier zu ihr herkommen sahe: sey es – was mir am glaublichsten scheint – daß im Schlafe, wo freylich mancher Traum mich umschwebte, ein Ausruf mir entschlüpfte; und von ihm gehört ward; kurz, Mossau, wie der Erfolg es deutlich ergab, schöpfte Argwohn.

Wenn er sonst, ganz ohne Grund und Ursache, ihn hegte, brach er sofort in die bittersten Vorwürfe aus; dieß Mahl, da ihm allerdings die Rechtmäßigkeit nicht ganz abging, ließ er auch mit keiner Sylbe seinen Mißmuth spüren. Er hatte sonst dann und wann von Erwangen gesprochen; jetzt kam dieser Nahme, der wahrscheinlich meine Wangen geröthet haben würde, nicht über seine Lippen. Er pflegte mich sonst, wenn er auf eine Viertelstunde nur vor's Thor ging, oder fuhr, sorgfältig mitzuschleppen. Jetzt, da ich ein Mahl über etwas Kopfschmerzen klagte, erzählte er mir ganz gelassen: daß er diesen Nachmittag zu einem Schuldner, zwey Meilen weit fahren müsse; und fand es sogleich bey meiner ersten bedenklichen Miene sehr natürlich, daß ich mich schonen und daheim bleiben sollte.

Meines Mannes Wegreise entging Erwangens Aufmerksamkeit nicht, und noch minder mein Zurückbleiben. Die Uhren der Liebenden gehen gewöhnlich viel zu langsam; doch kaum dünkte mich, daß eine halbe Stunde verflossen sey, so hatte ich schon ein Billet von meinem Liebhaber, wodurch er um die Erlaubniß mich zu besuchen bath. Ob mir es ahndete, ob ich mir selber nicht traute, oder ob ich nur seine Beharrlichkeit prüfen wollte; genug, ich schlug es ihm für heute unter Vorschützung meines Kopfwehes und des noch allzu hellen Mittags ab. Jedoch ein zweyter Brief folgte bald; jener junge Unterofficier war dessen Überbringer. Erwangen schrieb mir: er habe ihm aufgetragen, alle nur mögliche mündliche Beredsamkeit mit seiner schriftstellerischen zu vereinen, und nicht eher zurückzukehren, bis er Gewährung mitbringe. – Diesem Auftrage zu Folge, verlangte der Soldat mich selbst zu sprechen. Minette war seines Lobes schon oft voll und übervoll gewesen. Erwangen selbst setzte ein so unbeschränktes Vertrauen in ihn; gesehen hatte ich ihn noch niemahls. Ich war daher wirklich begierig ihn kennen zu lernen, und befahl dem Mädchen ihn in mein Zimmer zu führen. So vorbereitet ich war, keine gewöhnliche Musketierfigur zu erblicken, so fand ich doch meine Erwartung noch beym Anblick übertroffen. Ein blühender schöngewachsener Mann, kaum über Zwanzig, voll Anstand, ohne Zwang; dessen Gesicht nicht Anlage bloß, sondern schon Ausbildung verrieth; der selbst in seiner bloßen Verbeugung eine gewisse Bekanntschaft mit der feinen Welt, schon in seinen ersten Worten ein sanftes Gefühl, und in seinem ganzen Betragen einen Geist, der seinen niedern Stand übertraf, verrieth; der mit Augen, so blau und schön – doch ich sehe die Verlegenheit meines Nachbars, und muß hier abbrechen, wenn er nicht weggehen soll. Kurz, denken Sie sich diesen Mann hier, der jetzt mein Gemahl, mein theuerster Gemahl ist, – denken Sie ihn sich, vielleicht nicht schöner als jetzt; denn in meinen Augen verringert er sich nie – aber wenigstens um zehn bis eilf Jahr jünger; etwas dreister noch seinen Blick; etwas kriegerisch sein Ansehen, und Sie haben ganz das Bild des damahligen Unterofficiers, der in Erwangens Bestallung zu mir eintrat.

Da er mir gefiel, da ich Willens war, zu versuchen, ob er auch im fernern Reden den ersten Eindruck behaupten werde; so stellte ich mich absichtlich, als wollte ich abermahls das Gesuch seines Hauptmannes abschlagen. Jedoch er sprach so warm für ihn, daß ich auch diese kleine Verstellung nicht lange behaupten konnte; ich gab ihm daher die Erlaubniß seinem Herrn zu sagen: daß ich ihn erwarte; begehrte aber zuvor, ehe er ihm Dieß melde, zu wissen: wie er selbst in Kriegsdienste gekommen sey? – Er zuckte die Achseln; er wollte so eben mir antworten, als Minette, die der Vorsicht wegen auf dem Saale Wache stand, todtenbleich, zitternd, vor Schrecken kaum der Sprache mächtig, in's Zimmer hereinstürzte. – »Gott im Himmel, rief sie, was soll das bedeuten? Als ich jetzt von ungefähr durch's Fenster in den Hof hinab sah, erblickte ich drey baumstarke Kerls; die an der Seitenwand sich anlehnten; als ich voll Verwunderung genauer noch schaute, sehe ich unsern Herrn, wie er ganz leise die untern Treppenstufen herauf schleicht. Binnen zwey Minuten ist er oben, so schlecht auch seine Füße seyn mögen; er muß zum Hinterthor herein gekommen seyn, muß Wind haben, und will uns überraschen.«

Ich war im Begriff ohnmächtig hinzusinken. Eben die Größe des Schreckens hinderte mich daran. Wie dieser Soldat fortzuschaffen sey, wußten wir durchaus nicht. Keine Hinterthür, keine Hintertreppe, zu der wir konnten, ohne meines Mannes verschlossenes Zimmer zu erbrechen; was sich von selbst verboth! Keine Ausflucht, die uns zur Beschönigung seines Daseyns einfiel! – Wie verblendet uns je zuweilen ein böses Gewissen machen kann, davon wird mir unsere damahlige Lage ein ewiger Beweis seyn. Wilhelm sollte gleich vom Anfange her für Minettens Liebhaber gelten. Was war natürlicher, als daß er gerade in ihr Zimmer gehen und mit der Ausrede sich entschuldigen konnte: er habe sein Mädchen besuchen wollen. Doch Keines von uns besann sich darauf; auf jedes entfernte, jedes unmögliche Mittel, selbst auf einen Sprung zum Fenster hinaus, dachten wir desto treulicher. Die Gefahr kam indeß nicht nur näher; sie war wirklich schon da. Wir hörten an der Saalthüre pochen und klinken. Der junge Mann faßte einen herzhaften Entschluß. Minette hatte gleich anfangs einen Kleiderschrank der in meinem Cabinette stand, zum Verstecken vorgeschlagen. Ich hatte ihn verworfen, weil mir seine Durchsuchung doch unvermeidlich schien. – Jetzt, indem Wilhelm einen silbernen Leuchter, der auf meinem Schreibtische stand, rasch ergriff und zu sich steckte, jetzt erneuerte er selbst Minettens Vorschlag. – »Ich werde freylich, sprach er, dort nicht unentdeckt bleiben; aber mag mich ihr Gemahl doch ausspähen; ich habe nun das Mittel gefunden, das Ihre Ehre gewiß retten, gewiß die Liebe meines Hauptmannes verdecken soll! Es kann mich viel kosten; doch nicht zu viel, wenn es Ihren guten Nahmen und ihren ehelichen Frieden rettet. Bestehen Sie nur fest darauf, daß Sie nichts, gar nichts von mir oder sonst einem Manne wissen; und überlassen Sie mich meinem Schicksal! Sie sollen dabey unverwickelt bleiben; das schwör' ich beym ewigen, einigen Gott!«

Eigentlich verstand ich kein Wort von allem Diesem; aber die Angst, in welcher ich mich befand, war so unbeschreiblich, daß ich gern Alles that und versprach, was er begehrte. Wir sperrten ihn in den Schrank; ich eilte dann in mein Zimmer zurück, und warf mich auf einen Sofa; Minette riegelte die Saalthüre auf. – Ich hatte mich auf Sturm und Toben gefaßt gemacht. Völlig im Gegentheil war mein Mann die Freundlichkeit selbst, indem er zu mir eintrat; doch welch' eine Freundlichkeit, das ergab sich bald; und hätte Satan menschliche Gestalt, so müßte sein Lächeln beym Fehltritte eines Verführten gerade so aussehen, wie damahls die Miene meines Gemahls. – »Es habe ihn, sagte er, unter Weges eine so sonderbare Ängstlichkeit überfallen, daß er sie endlich für eine Ahndung gehalten und zurück gekehrt sey. Wirklich glaube er jetzt noch, ein böser Dämon habe ihn gewarnt; denn so eben habe er vernommen; daß eine verdächtige Person hinauf zu mir, und nicht wieder hinunter gegangen sey; er frage mich daher, ob ich Niemanden gesehen, und ob ich ihm selbst nachzusuchen erlaube?« – Meine Antwort bestand in einer Klage über verstärkten Kopfschmerz, in der Verneinung, irgend einen fremden Menschen indeß gesehen zu haben, und in der Erlaubniß nachzusuchen, so lange und so viel er wolle. Die Worte waren ganz dreist und gut; doch wie ängstlich das Herz dabey mir schlug, wie nahe mir Thränen und Klagen waren, das verbarg ich so gut als möglich, oder vielmehr übel genug.

Wahrscheinlich merkte mein Mann die Bestürzung meines Herzens gar wohl; doch in der festen Zuversicht, bald stärkere Beweise gegen mich aufzufinden, verließ er mich, ohne ein Wort weiter zu verlieren. Feige, wie fast alle Nichtswürdige zu seyn pflegen, hatte er noch zwey Bediente, die ich vor Dem nie gesehen hatte, bey sich, und geboth ihnen, jeden Winkel meines Schlafgemaches zu durchstöbern. Denken Sie sich, wie mir zu Muthe ward, als ich sie gleich darauf die Thür des bewußten Schrankes öffnen hörte! Und wie dann erst, als ich zwey oder drey Secunden später an der Verstärkung ihrer Stimmen gar leicht erkannte, daß unser Versteckter gefunden sey. Eine zweyte Ohnmacht wandelte mich an. Einen lauten Schrey des Jammers unterdrückte Minette durch ihr vorgehaltenes Tuch. Sie beschwur mich zu bedenken: daß immer noch nicht Alles verloren sey; daß Wilhelm versprochen habe, die ganze Schuld auf sich zu nehmen; und daß er vielleicht noch dreist und glücklich genug seyn werde, wenn auch nicht sich, doch uns zu retten.

Er that es! Das Unglaubliche ward möglich. Alles schien verloren; und doch hatte in wenig Minuten mein Mann mehr Stoff zum Erstaunen auf seiner Seite, als ich bisher zum Erschrecken auf der meinigen. – Mit Befremden hatte er schon in dem Herausgezogenen eine ganz andere Person, als er vermuthet, gefunden; mit noch größerem Erstaunen vernahm er, daß Wilhelm, auf das Befragen: Was er hier gesucht? sich zitternd eines Diebstahls schuldig gab. Immer noch verwirrter wurde er, als man den silbernen Leuchter wirklich bey ihm fand. So sehr sein Geiz sich sonst gefreut haben würde, einen Dieb auf der That anzutreffen, so gern hätte er jetzt zwanzig silberne Leuchter für einen andern Fund hingegeben. Stumm stand er einige Augenblicke da; Er, der Ertappende schien der Ertappte zu seyn.

»Ist das deine ganze Absicht gewesen?« fragte er endlich: »führte sonst kein böser Wille dich hierher?« – Als verstände er ihn nicht, betheuerte Wilhelm hoch und theuer, daß er von thätlicher Beleidigung keinen Gedanken gehegt, daß er durch die äußerste Noth nur zu diesem Schritte gedrungen worden sey; und daß er eben sich wegschleichen wollte, wie er hergekommen sey. – Etwas gefaßter war jetzt mein Mann geworden. – »Das glaube ich gern; rief er mit bitterem Lachen; aber wo sind die Briefe, die du brachtest oder hohltest?« Mein braver Wilhelm that, als ob diese Frage griechisch sey. Mit tausend Schwüren versicherte er: daß er keine Wechselbriefe gesehen noch entwendet habe; immer tobender ward meines Mannes Nachforschen; immer unwissender stellte sich Wilhelm. – »Bedenke, was du thust, wessen du dich anklagst! rief endlich Jener: Wenn du in Liebeshändeln als Bothe oder Vertrauter herkamst; wenn du bekennest, was du wissen mußt; siehe, diese Börse voll Gold ist für dich bestimmt, und du kannst gehen, wohin du willst! Selbst vor dem Zorn deines Hauptmannes will ich dich schützen, will dich loskaufen und versorgen, wenn deine Angabe der Mühe lohnt! Bleibst du aber auf deinem Vorwande, so übergebe ich dich der Gerechtigkeit, und diese wird hoffentlich dem Strange dich überliefern.« – Gott, wie bebte ich bey dieser vorgeschlagenen Wahl; aber Wilhelm blieb sich gleich. Er wolle ja gern verrathen, sagte er, wenn er nur wisse, was? Er wolle ja gern angeben, wenn er nur wisse, wen? Was sein Hauptmann dabey solle, begreife er nicht; denn dieser pflege kein Kind zu betrüben, geschweige daß er zu einer solchen That ihm gerathen haben sollte.

Länger konnte mein Mann sich nicht mehr zwingen. Ich war die ganze Zeit über in meinem Zimmer geblieben, dessen Thür offen stand. Jetzt befahl er mir herauszukommen; und als ich es mit verhehltem Zittern that, ergriff er mich, schleuderte mich unsanft vorwärts, und rief: Siehe hier, Nichtswürdige, deinen Buhler oder deinen Kuppler! Fünf Minuten früher, und ich Unerfahrene wäre ihm zu Füßen gesunken, hätte Alles bekannt, und wäre wahrscheinlich von ihm mit dem Fuße fortgestoßen worden. Jetzt hatte ich – so schnell begreift der Mensch das Sträfliche! – jetzt hatte ich die Kunst mich zu verstellen bereits von Wilhelm erlernt; hatte durch seine Standhaftigkeit auch Herz gefaßt, und läugtnete gerade zu: daß ich ihn kenne, und daß ich wisse, wie er hierher gekommen sey.

Die Wuth meines Mannes ward immer größer; er mißhandelte mich; er wollte auch an Wilhelmen Hand legen. Der Soldat fühlte sich; er trat ein Paar Schritte zurück. – »Ich weiß, sprach er, daß ich ein Verbrechen beging; ich weiß, daß ich Strafe verdiene: aber diese Strafe hängt nicht von Ihnen ab. Überliefern Sie mich der Wache, und ich folge willig; aber wer mich schlägt, gegen Den wehre ich mich.« – Der Feige, dem eine Menge Bedienten zu Befehle standen, scheute sich doch. – »Die Wache begehrst du selbst?« schrie er. »Die soll kommen, die soll kommen!« – Auf sein Geboth ging man sofort nach ihr. Mir befahl er, alle Schlüssel zu meinen Schränken ihm zu geben, dann in ein dunkles Hinterzimmer zu gehen, und allda abzuwarten, was er über mich beschließen würde. Ich gab ihm die Schlüssel und ging; daß er mir Minetten ließ, war mir sehr tröstlich, und ist noch jetzt mir unbegreiflich.

Was in den nächsten Paar Stunden vorging, das sah ich zwar nicht, aber errathen konnte ich es leicht. Die Wache hatte jenes unschuldige Schlachtopfer meiner Unbesonnenheit abgehohlt. Jedes Papierchen in meinen Habseligkeiten war durchsucht worden. Gefunden hatte er – nichts. Ein verborgenes Fach in einem alten ererbten Schranke, Niemanden als mir und Minetten bekannt, war mir treu, und Erwangens Briefwechsel unentdeckt geblieben. Überzeugen konnte mich mein Gemahl mit nichts; seine abermahligen Versuche, mich zu schrecken und zu täuschen, blieben fruchtlos. Daß deßfalls sein Verdacht nicht verschwand, hätte ich im Herzen ihm gern vergeben; aber seine fernern Maßregeln – ob diese verzeihlich waren, davon urtheilen Sie selbst!

Zwar bekam ich mein Zimmer wieder; aber verbothen ward mir für den nächsten Monath jeder Ausgang; verbothen jedes Heraussehen zum Fenster. Grüne, herabgelassene, verschlossene – nicht figürlich etwa, sondern wirklich verschlossene Gardinen, machten es zum leibhaftigen Staatsgefängniß; Dinte und Feder waren mir weggenommen; Minetten ward zeitliche Verstoßung und ewige Ungnade angekündiget, wenn man auch auf der geringsten Spur von Unterschleif sie ertappe. – Natürlich hatte dieß Betragen ganz diejenigen Folgen, die eine übertriebene Strenge insgemein zu haben pflegt. Ich haßte meinen Tyrannen mit jeder neuen Stunde um so viel unaussprechlicher; und sann immer stärker darauf, ihn seines Bewachens ungeachtet, zu hintergehen. Zwar nicht auf mich war meine ganze Sorge, ein weit größerer Theil derselben war auf den jungen Mann hin gerichtet, den ich durch die Schuld, die er auf sich genommen, unglücklich gemacht zu haben besorgte. Zu wissen, wie es um ihn stehe, Dieß war des Abends mein letzter, des Morgens mein erster Gedanke; an allen gewöhnlichen Schreibmaterialien fehlte es mir; doch ein Stückchen Bleystift, das in einem alten Kalender sich verhalten hatte, besaß ich noch; und statt des Briefbogens diente mir das hintere leere Blatt eines Gebethbuches. Ich schrieb an Erwangen; ich beschwur ihn, wenn er mich jemahls geliebt, Wilhelmen zu retten; ich both ihm, wenn er dazu eine Geldsumme bedürfe, meine Goldbörse und den größten Theil meines Schmuckes an; ich drang in ihn desfalls, so heiß ich nur immer konnte. Minette, Trotz jenes Verbothes, wagte die Bestellung. Ein Mittagsschlaf meines Tyrannen ward benützt. Zwar hatte dann ein alter Bediente genaue Aufsicht über jeden ihrer Schritte: zwar war er wirklich seinem Herrn so treu, daß er jedes ihm angetragene Trinkgeld ausschlug. Doch Minette verstand sich auf bessere Münze. Unser Argus, wie ich schon erwähnt habe, war alt; Minette war jung und hübsch. Ein Paar Küsse, die sie ihm antrug, und auch sofort zum Voraus bezahlte, waren ihm eine so selten gewordene, und noch so lockende Bestechung, daß er ihr endlich auf ein funfzehn Minuten auszugehen erlaubte. Einer längern Zeit bedurfte sie ohnedem nicht.

Sie brachte mir eine schriftliche Antwort zurück, geschrieben im Ton der innigsten Liebe und Zärtlichkeit, und dennoch in einem Tone, der mir nicht ganz gefiel. Erwangen bedauerte mein Schicksal, beschwur mich auf eine bessere Zukunft zu hoffen, beschwur mich, meine Neigung nicht durch diese Prüfung erkalten zu lassen. – Alles gut; aber ich fand keinen Plan, wie er mich zu retten gedenke! – Und was Wilhelmen betraf? Er beklagte diesen rechtschaffenen Burschen; er gestand, daß er die höchste Verpflichtung gegen ihn fühle; er versprach Alles was er könne, für seine Befreyung zu thun; aber er zweifelte doch, daß Dieß möglich sey, ohne den Verdacht gegen uns zu verstärken; und er äußerte am Schlusse: daß er es für rathsamer halte, ihn jetzt eine kleine Strafe leiden zu lassen, und dann erst zu belohnen. – Dieß war die Sprache der Klugheit vielleicht; aber wahrlich die Sprache nicht, die ich von Demjenigen erwartet hatte, der sonst so oft mir schwur, daß er meinen Gemahl selbst zittern zu machen wisse! Dieß war der Eifer nicht, auf den ich bey einem Liebhaber rechnete, der meinetwegen hatte sterben wollen. – Ich schüttete daher meinen Unwillen gegen Minetten aus. Vergebens wandte sie alle Beredsamkeit zu seiner Vertheidigung an; mein Herz blieb beleidigt, wenn auch mein Kopf nichts weiter einzuwenden wußte. Gerne hätte ich dem Hauptmanne meinen Mißmuth in einem zweyten Schreiben zu erkennen gegeben. Aber Minetten war ein zweyter Ausgang unmöglich; auch des andern Tages bestand unser Hüther auf seiner Verweigerung, und drohete, meinen Mann aufzuwecken, wenn wir noch ein Mahl ihn zu betrügen versuchten.

So verfloßen zwey Wochen; die Gefangenschaft eines Vogels im Käfig ist gelinder, als damahls die meinige war. Wenn ich zuweilen meinen Zuchtmeister fragte: wie lange diese Einkerkerung noch dauern sollte? antwortete er mit schadenfrohem Lächeln: »Gerade so lange, bis der Trotz deines Mitschuldigen nachgibt, oder wenigstens seinen Lohn erhält!« Er war blind genug, nicht zu spüren, daß eben diese Antwort nur zur Befestigung in meinem Läugnen dienen konnte; denn ich erkannte aus ihr, daß Wilhelm standhaft bey seinem Worte bleibe; und ich hoffte immer fort, daß Erwangen ihn retten werde. – Vergeblicher Traum, und schrecklich die Art, wie ich aus ihm erweckt ward!

Eines Morgens, als ich kaum aufgestanden war, befahl mir mein Mann, ein besseres Hauskleid noch, als gewöhnlich anzulegen, weil er sich eines Besuchs versähe, der auch mich betreffe. Ich that es; aber kein Besuch erschien. Bald darauf vernahm ich ein Getöse und Gemurmel auf der Straße; nachzusehen, was geschähe, verbothen mir jene herabgelassenen Gardinen; auch hatte ich viel zu viel und allzu ernste Gedanken im Kopfe, als über eine solche Kleinigkeit nachzudenken. Doch jetzt kam auch mein Herr Gemahl wieder, mit einer Miene, so tückisch-freundlich, als ich seit jenem Tage der Überraschung sie nicht an ihm gesehen hatte. – »Willst du nicht einmahl, sprach er, mit mir auf unsern Altan kommen, und sehen, was da unten vorgeht? Es ist Zeit, daß du wieder allmählig der frischen Luft genießen lernest.« – Ich folgte ihm, zwar mit einiger Verwunderung, doch völlig wieder mit dem blinden Gehorsame eines Opferthieres. Ich trat zuerst auf den Altan; indem er nachkam, schloß er die Glasthür, die auf ihn führte, ab. Die Straße hinunter, bey unserm Hause vorbey, hatten Soldaten in eine lange, lange Reihe sich gestellt. – Was bedeutet dieß? fragte ich voll Erstaunen. – Daß ein Nichtswürdiger hier Spießruthen laufen soll. – »Und dazu riefst du mich?« »Allerdings! weil es auch dich mit angeht!« – »Mich mit angeht?« fragte ich mit steigender Angst, und blickte starrer hin. So eben trat der Unglückliche, der heute zu leiden bestimmt war, in die Reihen, und war – und war – wie Sie längst errathen haben werden – war Wilhelm.

Ein Schrey des Entsetzens entfuhr mir; gern hätte ich in diesem Augenblicke meiner Wuth – meines Widerwillens – meiner Rache ganzen Inbegriff mit einem einzigen Worte meinem grausamen Wütherich in das Angesicht geschleudert. »Abscheulicher Mensch, rief ich, das ist dein Werk! Ja, nun gesteh ichs dir, daß ich dich hasse, dich verabscheue, dich verabscheuen will bis zum jüngsten Gerichte, und noch weiter hinaus!« Ich wollte hier ins Zimmer hinein; ich riß an der verschlossenen Thür mit einer Gewalt, daß sie schier aufsprang. Mein Mann warf sich dazwischen, schob mich gegen das Geländer des Erkers hin, und sagte so kalt als möglich; »Es steht bey Ihnen, Madame, diese ganze Straße voll Menschen zu Zeugen Ihrer Schuld, die sich jetzt selbst verrathen hat, zu machen. Aber, und wenn Sie zehnfach noch das Metall ihrer Stimme und meine Ehrennahmen verstärkten, Sie sollen doch das Trinkgeld mit anschauen müssen, das man ihrem Kuppler zum Lohne seiner Lügen zuzählt; sollen es mit ansehen, und wenn ich nach den Bedienten rufen müßte, die einstweilen Sie hielten.« – Noch jetzt, wenn ich mir das Übermaß meines Schreckens und die Größe der Beleidigung denke, ist es mir unbegreiflich, wie ich damahls Meisterinn von meinen Sinnen bleiben konnte. Dennoch blieb ich es nicht nur, sondern ich begriff sogar, daß ein längeres Sträuben mich zum Schauspiele der Menge machen würde, und daß blos Zwang und Verstellung noch zur Rettung meines guten Nahmens etwas beytragen könne. Ohne ein Wort weiter zu verlieren, doch mit dem festen Vorsatz, kein Auge aufzumachen, lehnte ich mich daher über das Geländer herab; aber auch dieser Vorsatz war über meine Kräfte; immer öffneten sich bey jedem Geräusche unwillkürlich meine Augen; immer suchten sie den Unglücklichen, der meinetwegen eine so schmähliche Strafe duldete. Die Gelassenheit, mit welcher er nicht eilte, sondern ging; der Gleichmuth in seinem Gesichte, der der Schmerzen nicht zu achten schien; der Stolz, mit dem er noch jetzt sich trug – o, alles Dieses zerriß vollends mein Herz. Jeden Streich, den erlitt, fühlte ich zweyfach. Aufschreyen hätte ich vor Jammer mögen, und würde es gethan haben, wenn dadurch seine Strafe zu lindern gewesen wäre. – Jetzt war er fünf Mahl schon auf und abgegangen. Sein Rücken war überdeckt mit Blut. Er wandte sich zum sechsten Mahle um, Jene Grausamen hatten noch nicht geendet. Als er dieß Mahl bey meinem Erker vorbeyging, blickte er hinauf; unsere Augen begegneten sich. Plötzlich ward es Nacht um mich, und bewußtlos sank ich nieder.

Nach einer Stunde erst, auf meinem Lager, von Minetten mit starkriechenden Wassern schier gebadet, empfing ich wieder Leben und Besinnung. Meinem Gemahle selbst schien bey meiner langen Ohnmacht bange geworden seyn. Er redete wieder gelinder mit mir; er both ein wechselseitiges Vergeben und Vergessen an; er versprach mir die vollkommenste Freyheit. Auf alles Dieses antwortete ich ihm keine Sylbe; nur daß er sich entfernen möchte, gab ich durch Zeichen zu verstehen. Denn sonderbar! so ganz betäubt auch jetzt mein Körper und meine Seele gewesen waren; so ganz schien mittlerweile doch in dieser Letztern das Vorhaben gereift zu seyn, mit diesem Gegenstande meines Hasses ferner nicht mehr zu leben; und Plane an Plane drängten sich deßfalls, so bald ich mich wieder besann, vor den Augen meines Geistes. Noch hielt mein Mann ein Paar Minuten mit seinen Versuchen mich zu besänftigen an; doch ich blieb bey meinem halsstarrigen Schweigen, und auch der Arzt, der gerufen worden, rieth, mir Ruhe zu lassen. Nur Minette blieb bey mir, und kaum sah ich mich mit ihr allein, da ergossen sich meine bisher verhaltenen Thränen und Klagen desto reichlicher.

Sie gestand mir: daß sie gestern schon Wilhelms Schicksal gewußt, aber in der gutherzigen Absicht, mir Kummer zu ersparen, verschwiegen habe. Ja, als ich stärker in sie drang, gestand sie auch, daß ihr gestern schon ein Soldat, indem sie nur vor die Salthür geblickt, einen Brief an mich zugesteckt habe, der zweifelsfrey von Wilhelm sey. Die Eilfertigkeit, mit der ich ihn forderte, und der Verweis, den ich ihr gab, lassen sich denken. Sie überreichte mir einen Zettel, den Sie hier im Originale noch sehen können, und der also lautete.

Gnädige Frau! Schon bin ich zum gemeinen Soldaten herabgesetzt; schon ist mir auf morgen eine Strafe angekündigt worden, die schmählich, schmerzlich und erniedrigend zugleich ist. Doch bitte ich Sie, bedauern Sie mich nicht; suchen Sie durch keine Übereilung mich zu befreyen: jeder Widerruf ist nun fruchtlos! Was ich leiden soll, litt schon mancher Schuldige gelassen; warum sollte ich Unschuldiger es minder gelassen tragen können? Es sichert, hoffe ich, Ihre Ehre, und das belohnt mich schon. Möchte doch auch dadurch Ihre Tugend gerettet werden, und ich wollte gern Alles zweyfach leiden. Nicht aus Rache thue ich diesen Wunsch; nicht weil er mich retten konnte, und ungroßmüthig meinem Schicksale überließ; aber weil ich ihn kenne, wünsche ich noch ein Mahl: Möchten Sie seinetwegen nie mit dem kleinsten Gewissensvorwurf sich belasten! Er verdient nicht, bey Andern zu erzeugen, was er selbst niemahls fühlt; verdient Liebe nicht, und am mindesten von Ihnen. – Ich sehe, ich spreche Sie vielleicht, gnädige Frau, in meinem Leben nicht wieder; aber ich hoffe, Sie werden mir das Zeugniß geben, daß ich zum ersten und letzten Mahle wahr sprach und Wort hielt.

Zehn Mahl wohl durchlas ich diesen Brief; und der edle Ton desselben, weit über den Stand des Schreibers erhaben, riß mich dergestalt hin, daß der Schmerz mich abermals zu übermannen, mein Bewußtseyn abermahls sich zu entfernen drohte. – »Ja, ja, rief ich endlich, ich will thun, was du begehrst; will den Nahmen des Elenden, der so dich aufopfern, so meine Bitte verschmähen, mich so einer peinlichen Lage, die doch sein Werk allein nur ist, überlassen konnte – aus meinem Herzen reissen. Noch mehr, ich will deine Treue dir vergelten, und sollte es mein ganzes Vermögen, meines Lebens ganzes Glück mir kosten. Nur Eines, Minette, nur Eines hilf mir ausführen! Mein fester Vorsatz gehet jetzt dahin, mich der Bothmäßigkeit meines Tyrannen zu entziehen. List rette mich nur vor der Hand aus seinen Krallen; und von seiner Verbindung, wie ich hoffe, sollen und müssen mich dann die Gesetze scheiden.«

Daß ein Mädchen, die alle Augenblicke sich ihres Abschiedes versah, mir ihren Beystand gern versprach, mir gern nachdenken half, so viel sie wußte und konnte, ist sehr natürlich; und ehe noch ein Stündchen verfloß, war unser Plan entworfen, überdacht und ausgefeilt. Ihm gemäß beschloß ich meines Gemahls heuchlerische Aussöhnung mit gleicher Münze zu vergelten; durch scheinbaren Gehorsam auf einige Tage wenigstens seinen Argwohn einzuschläfern; durch ein Dutzend Ducaten Minettens Schwager, der vom Fuhrwerke lebte, zur stäten Bereithaltung einer leicht bespannten Chaise zu bereden; meine besten Habseligkeiten unvermerkt zusammen zu packen, und wenn mein Alter einst, seiner Sitte nach, fest schlafe und schnarche, mich über Hof und Gärten weg, bey Nacht und Nebel, zu meiner Tante zu flüchten, die ungefähr sieben Meilen davon in einem mäßigen Landstädtchen lebte. Was dann aus mir werden sollte, wenn diese Tante mich nicht aufnähme, das wußte ich freylich nicht so recht. Doch stützte ich mich auf ihre Liebe, und im höchsten Nothfalle auf den Werth einiger Juwelen. Kurz, ich war zu Allem muthig entschlossen, wenn ich nur nicht länger in dieser ehelichen Hölle leben durfte.

Niemand kann besser einsehen, als ich jetzt, wie viel Unbesonnenes und Gewagtes in diesem Entwurf war; und doch traf das Sprichwort: daß Entwürfe dieser Art oft am besten gelingen, bey mir gleichfalls ein. Alles ging so gut, als ich es wünschen, Manches besser noch, als ich es hoffen konnte. Meine gelassener werdende Miene und Rede betrog meinen Mann bey seinem nächsten Besuche; meine fortgesetzte Unpäßlichkeit machte ihn sorglos; Minettens Schwager ließ sich erkaufen; alles Nöthige ward bald und leicht bey Seite geschafft; schon in der dritten Mitternacht, als mein Ehegemahl mit dem faulsten Murmelthiere um die Wette schlief, stand ich auf; rief die lauschende Minette und entfloh mit ihr so glücklich und so unbemerkt, daß man am andern Morgen um acht Uhr erst unsere Flucht gewahr wurde.

Nicht eine Stecknadel, nicht einen Pfennig von meines Mannes Vermögen hatte ich mitgenommen; aber wohl meinen Schmuck, ein Paar hundert mir nach und nach von väterlichen Geschenken und von meinem Taschengelde ersparte Ducaten, und dann endlich noch etwas, was freylich, auch ohne innern Werth, meinem zeitherigen Gebiether kostbarer als ein ganzer Sack voll Duplonen dünken mußte. Denn alle Abende pflegte mein bisheriger Mann, und zwar wie er sagte, seit seinem zwanzigsten Jahre schon, alle Ereignisse seines wichtigen Lebens mit eben der Sorgfalt, mit welcher er seine Ducaten zählte, in ein eigens dazu bestimmtes Buch aufzuzeichnen. Noch sorgfältiger war er dann seinen Schreibtisch zu verschließen gewohnt, und übel würde es mir gegangen seyn, hätte ich jemahls nur die geringste Neugier darnach blicken lassen. Nur heute – war er entweder durch meine Krankheit sicher gemacht worden, oder war es ausdrückliche Fügung des Schicksals – nur heute, als ich durch sein Zimmer mich schlich, sah ich zu meiner Befremdung sein Pult offen stehen, und gleich oben in ihm einige Hefte dieses Tagebuchs liegen. So groß meine Angst auch in diesem Augenblicke war, so schnell stieg doch der Gedanke von der Wichtigkeit eines solchen Fundes in mir empor, und ich bemächtigte mich dieser Papiere; mit welchem Rechte, das mag ich freylich jetzt nicht entscheiden; doch wie sehr zu meinem Nutzen, das werden Sie bald sehen.

Noch sehr zeitig am Tage kam ich bey meiner Tante an. Sie machte große Augen, als ich in ihr Zimmer trat; sie machte noch größere, als sie erfuhr, wann, wie und warum ich Abschied von meinem Gemahle genommen habe? Sie fand den Vorschlag, den ich ihr that, sich meiner anzunehmen, sehr bedenklich. Sie fing mit Gegengründen und Zureden an; sie hielt in der Folge dem Charakter meines Manne, wiewohl sie ihm Eifersucht und Härte zugestand, in tausend andern Stücken eine förmliche Lobrede; und sie würde wahrscheinlich mit einer völlig abschlägigen Antwort beschlossen haben, hätten mir nicht hier die Tagesregister meines Tyrannen den ersten Dienst geleistet.

Schon unter Weges hatte sich meine Neugier nicht enthalten können, in ihnen zu blättern. Zwar fand ich hier nur die Geschichte der letzten sechs Monathe; zwar stieß ich auf eine Menge Stellen, mit einer Zifferschrift geschrieben, die mir jetzt und nachher unerforschlich blieb. Doch auch in dem leserlich geschriebenen Theile entdeckte ich manche mir wichtige Nachricht. Jetzt erkannte ich (was mir wirklich bisher nicht klar genug gewesen war) warum Mossau so eifrig auf die Gewißheit seiner Schande gedrungen hatte? um nähmlich dann nicht nur mit Schmach mich zu verstoßen, sondern auch, den Landesgesetzen gemäß, mein Eingebrachtes zu behalten. Jetzt fand ich, welche lockende Versprechungen er Wilhelmen auch im Verhafte noch gemacht, und welche bittere Abweisung er bekommen hatte. Jetzt sah ich beynahe auf jeder Seite mein Bild mit so schwarzen lügenhaften Farben entworfen, daß ich doppelt überzeugt ward: jede Aussöhnung mit ihm sey unmöglich. Aber nicht mich allein hatte er geschmäht; sondern manchen und manche Andere noch; und gleich nach mir am übelsten hatte er meiner Tante (deren Besuch auch in diesen Zeitraum fiel) mitgespielt. Jede ihrer Schwächen war unbarmherzig geschildert, jede ihrer Reden verspottet, jeder Pfennig, den sie gekostet, bedauert, jede Stunde, die sie – wohl verstanden auf sein Bitten! – länger dageblieben war, verwünscht worden. Und diese Beschreibung, seinen mündlichen Gesprächen so unähnlich, diese wies ich ihr jetzt, als sie gerade von seinem Lobe am stärksten überfloß.

Ich zweifele, ob es in der ganzen Natur ein rachgierigeres Wesen, als eine alte verspottete Jungfrau gibt. Als ich meiner Tante vorlas und wies, wie mein Gemahl von ihr geurtheilt habe, da dehnte sich vor Erstaunen ihr ohnedieß längliches Gesicht zu einer reichlichen Elle aus; ihre grauen gebleichten Augen bekamen das grünliche Feuer einer gereizten Katze im Dunkeln; zehn Mahl putzte sie das Glas ihrer Brille, um gewiß zu seyn, daß sie auch recht sehe; zehn Mahl rief sie: Gerechter Himmel, ist eine solche satanische Bosheit auch nur möglich! und von Stunde an versprach sie Alles, was sie in Habe und Vermögen besitze, daran zu wenden, um von einem solchen ruchlosen Ungeheuer mich zu befreyen. Ein Rechtsgelehrter, der ihren Curator machte, ward spornstreichs herberufen. Mit einer Beredsamkeit, die meine eigene hundertfach übertraf, erzählte meine Tante ihm alle meine Beschwerden; und er gab uns dafür die heiligsten Versicherungen: daß bey solchen Umständen weder mein Gemahl mich zurückhohlen, noch im Klagefalle die Scheidung mir versagt werden könne. Ja er selbst erboth sich diese Sache durchzusetzen, und erhielt meine Vollmacht dazu unverzüglich.

Jetzt, so bald ich mich, wenigstens auf einige Zeit, in Sicherheit wußte – jetzt war Wilhelms Belohnung, wie billig, mein angelegentlichster Gedanke. Schmerzlich genug hatte es mir gedäucht, aus der Stadt als seine Schuldnerinn gehen zu müssen; doch hatte ich der Nothwendigkeit nachgegeben. Nunmehr, da ich meiner Tante – versteht sich ihr allein! – aufrichtig gestanden, wie viel ich seiner Verschwiegenheit verdanke, und wie theuer er sie bezahlen müssen; nunmehr, da sie selbst meine Verbindlichkeit erkannte, und meine Dankbegier billigte; nunmehr eilte ich, meine kleine Barschaft mit ihm zu theilen, und ihm hundert Ducaten in einem Briefe zu übersenden, worin ich kurz, doch mit möglichster Wärme meine Erkenntlichkeit schilderte, und ihn versicherte, daß dieses nicht eine Lösung meiner Schuld, sondern nur meines Dankes erste Probe seyn sollte; zugleich auch ihn bath, sobald als möglich persönlich zu mir zu kommen, und mir selbst die Art anzugeben, wie ich jene unverschuldete Schmach ihm vergüten könne. Ein alter treuer Diener meiner Tante mußte die Bestellung dieses Briefes über sich nehmen; Einhändigung ohne Zeugen, und Zurückbringung einer schriftlichen Antwort wurden ihm strenge eingeschärft.

Diese Antwort kam, und verstärkte meine Hochachtung für deren Schreiber noch um ein Großes. Mit der liebenswürdigsten Bescheidenheit verringerte er den Werth des mir gebrachten Opfers; erklärte sich durch das erhaltene Geschenk für mehr als reichlich belohnt; betheuerte, daß er selbst Dieß nicht annehmen würde, hätte er nur für sich allein, und nicht auch für die Erhaltung einer andern Person zu sorgen, die er mehr als sein eigenes Leben liebe; und entschuldigte sich endlich, daß er nicht persönlich mir aufwarten könne, weil hierzu ein Urlaub nöthig sey, den er schwerlich jemahls erhalten dürfte. – Wie selten wir doch in unserm eigenen Herzen daheim sind! Als ich zwanzig Mahl dieß Briefchen wieder und wieder las; immer den Ausdruck: eine andere Person, die er mehr als sein eigenes Leben liebt! halb leise halb nachdenkend wiederhohlte; immer, Trotz anerkannter Gültigkeit seiner Gründe, mich ärgerte, daß er nicht gekommen sey; – wahrlich, da würde ich laut aufgelacht haben, hätte irgend jemand aus allen diesen Empfindungen auf mehr als Dankbarkeit schließen wollen. Jetzt, wenn ich selbst darüber nachdenke, jetzt sage ich: vielleicht war es damahls noch Dankbarkeit allein; vielleicht war es schon mehr.

Kurz, jetzt gedachte ich, Trotz seines Weigerns, entschlossen noch ein Mahl ihn einzuladen, zuerst wieder an einen Mann, dessen Andenken ich bisher unterdrückt hatte – an Erwangen. Vergebens hatte Minette abermahls zu seinen Gunsten gesprochen. Die Preisgebung seines Vertrauten, die Ruhe bey meinen Drangsalen, vielleicht noch mehr die Warnung Wilhelms hatten mir ihn verhaßt, ja was noch ärger, hatten mir ihn verächtlich gemacht. Ihm nie wieder einen Anspruch auf mein Herz zu ertheilen, war ich fest bestimmt; doch daß er jetzt mir nützen könne, glaubte ich, und schrieb daher an ihn: Wenn er gegen eine bitterbeleidigte Person einen Schein von Gefälligkeit noch habe, möchte er Wilhelms Urlaub bewirken; möchte es ja thun, damit ich wenigstens in etwas vergüten könne, was ganz auszusöhnen unmöglich sey.

Was ich vermuthet hatte, geschah. Erwangen sah Dieß als den ersten Schritt zu einer günstigen Rückkehr an; hoffte, durch diesen Canal jene getrennte Verbindung nun mit größerer Sicherheit zu erneuern, bewirkte Wilhelms Urlaub mit Freuden, und schickte ihn mit Aufträgen, die Sie errathen können, und von denen ich bald noch mehr sprechen werde, schleunigst an mich ab. Oft hat mein Gemahl mir nachher gestanden: daß es ihm Mühe gekostet habe, zu gehorchen. Ein gewisser Widerstand, den er selbst nicht begreifen können, eine gewisse Scham, die er selbst für thörigt erklären müssen, hätten sich dagegen gesträubt; und schon unter Weges sey er mehrmahls noch wieder umzukehren Willens gewesen.

Ich hoffe, Branko, Sie errathen, was meine Eitelkeit aus diesen Merkmahlen folgert; aber ich weiß gewiß, auch bey warmer Fantasie, können Sie sich den Eindruck nicht genüglich denken, den Minettens Nachricht, daß Wilhelm draußen vor meiner Thür stehe, auf mich machte. – Es war eben gegen Mittag; meine Tante war in der Wirthschaft beschäftigt und ich allein. Daß ich jetzt den Unterschied des Standes ganz, und, wenn Sie wollen – die Etikette meines Geschlechts wenigstens halb vergaß; daß ich rasch von meinem Sofa aufsprang; ihm entgegen eilte; ihn, ehe er noch recht auf Anrede und Verbeugung sich besinnen konnte, bey der Hand ergriff; und mit Thränen im Aug, gewiß auch mit Gefühl im Tone ausrief: armer Mann, was haben Sie meinetwegen erlitten! das versteht sich ungesagt. – Wahrlich, als er sich ehrfurchtsvoll meine Hand zu küssen bückte; dann so bescheiden aussah, und mit wenigen einfachen Worten für meine Theilnahme dankte, da war mir – mir Schwärmerinn vielleicht! – als sähe ich den Inbegriff männlicher Schönheit im Bilde eines Jünglings vor mir stehen, da fehlte wenig nur, ich hätte mich zu Anschmiegung und Kuß in seine Arme geworfen. Tausenderley, ehe er gekommen war, hatt' ich mir zu fragen vorgenommen. Jetzt ward es mir schwer, auf irgend etwas mich zu besinnen; jetzt war endlich die Frage: Wer die Person sey, von der er mir geschrieben, daß er sie mehr als sich selber liebe? das Einzige, was ich herausstotterte.

Ihr Lächeln, lieber Branko – verbergen Sie es immer nicht! ich sehe und verstehe es doch. Selbst damahls mußte ich die Unschicklichkeit dieser Frage fühlen; denn ich hing so gleich die Versicherung daran: daß ich nur frage, um für diese geliebte Person zu sorgen. Aber wie sonderbar ward mir, als er antwortete: daß es seine Mutter wäre; wie weit sonderbarer noch, als ich endlich – wiewohl nach mancher Weigerung und mancher Frage – seine ganze Lebensgeschichte allmählig aus ihm hervorzog. Wäre es nicht Mitternacht bereits, auch diese sollten sie umständlicher erfahren. Jetzt genügt Ihnen folgender Auszug. – Wilhelms Vater war ein Mann von ansehnlichem Amte, war Rath des Fürsten zu S. gewesen, ein treuer Diener, ein thätiger Kopf, und doch nicht geliebt, doch nicht belohnt; denn in seinen Rathschlägen pflegte er mehr auf Recht und Billigkeit als auf des Fürsten Wunsch und Lieblings-Leidenschaft zu achten. Als er verkannt und verschuldet starb, bath seine Witwe, eine Mutter von vier Kindern, vergebens um einen Gnadengehalt. Aufs Land geflüchtet, mit allmähliger Aufopferung alles des Ihrigen, fristete sie ihr und ihrer Kinder Leben drey Jahre hindurch. Wilhelm, ein siebzehnjähriger Jüngling, der älteste unter seinen Geschwistern, studierte auf einer Schule, fünf oder sechs Meilen von ihr. Seine Lehrer hofften viel, und seine Mutter gab treulich her, was sie vermochte. Jetzt war ihre Habe ganz erschöpft; da gingen die Blattern verwüstend umher; ihre drey Waisen daheim erkrankten. Wilhelm erhielt von ihr statt des Vierteljahrgeldes, worauf er wartete, einen jammervollen Brief; denn sie hatte nicht, wovon sie Arzt, Arzeneyen, und die nothdürftigste Wartung ihrer Kranken bezahlen konnte. Ein zweyter Brief, nicht mehr des Jammers, schon der Verzweifelung voll, folgte in acht Tagen darauf. Sie schrieb ihm am Leichenbrete ihres jüngsten, am Todtenlager ihrer zwey übrigen Kinder: woher sie Diesen ein Labsal nur, und Jenem Beerdigung schaffen könne, war ihr fremd; noch fremder, was sie dann machen solle, wenn diese Beyden dem Erstern nachfolgten. Wilhelms Seele, wäre sie auch zehn Mahl minder empfindsam gewesen, mußte sich wohl bey diesen Nachrichten zerrissen fühlen. Er selbst in Mangel; seine geliebten Brüder, todt oder sterbend, seine Mutter in Verzweifelung. Um sich nur etwas zu zerstreuen, ging er in einen öffentlichen Garten, und setzte sich dort – denn auch in Gesellschaft sucht der Unglückliche die Einsamkeit! – setzte sich in einem Winkel auf eine Gartenbank nieder. Ihn hungerte und durstete, doch forderte er nichts, denn auch die kleinste Münze gebrach ihm. Ein Mann, der ihn vielleicht längst schon beobachtet haben mochte, setzte sich neben ihn, und bath, ein Glas Wein mit ihm zu trinken; Wilhelm nahm es an. Nach mancher erwiesenen Freundlichkeit befragte ihn der Fremde um die Ursache seiner Traurigkeit. Mit siebzehn Jahren weiß man noch nicht, daß man meistens seinen Gram klüglicher verschließt, als eröffnet. Der Jüngling schüttete sein volles Herz aus. Gerührt schien ihm Jener zuzuhören. – »Ich wüßte wohl ein Mittel, brach er endlich aus, wie Sie Ihre Mutter zu retten vermöchten. Aber freylich etwas Aufopferung dürfte es kosten. Sie sind nicht außerordentlich groß, aber wie ich höre, noch jung, und im Wachsen. Werden Sie Soldat, und von dem Handgelde, das Sie empfangen, retten Sie vielleicht Ihre Brüder vom Grabe, Ihre Mutter von der Verzweifelung. Auch Ihr künftiger Unterhalt ist dann gesichert. Verloren geht nicht viel. Wie bald sind acht Jahre vorbey. Mittlerweile haben Sie es entweder zum Officier gebracht, oder in den Nebenstunden, deren Sie viele haben werden, Ihren Geist gebildet. Wer tritt viel vor dem fünf und zwanzigsten Jahre in ein bürgerliches Amt; und Sie thun es dann mit dem Bewußtseyn, eine der edelsten Handlungen gethan, und auch schon dem Vaterlande gedient zu haben. – Ein Mann von Kälte, oder auch von Erfahrung nur, würde freylich die Boßheit dieses Vorschlages gemerkt, das Verderbliche dieser so genannten Rettung aufgefunden haben. Doch Wilhelm, bey solcher Jugend, solcher Noth, überdieß vom Wein, der ihm etwas seltnes war, zwar nicht berauscht, aber doch erhitzt, glaubte im Rath dieses Fremden den Rath eines Engels zu hören. Sich für Diejenige zu verkaufen, der er Leben und Alles schuldig war, das schien ihm kein Verdienst einmahl, sondern bloß Pflicht zu seyn; und begierig fragte er daher auch nach weiter nichts: als wie doch wohl sein Handgeld sich belaufen könne? Ich zweifle freylich, war die Antwort, daß Sie jetzt schon das gehörige Maß haben möchten. Doch ich kenne einen Mann, der nicht Werber allein, sondern auch Menschenfreund ist. Folgen Sie mir zu ihm! Vernimmt er die edle Absicht Ihres Schrittes, so hoffe ich, wird er zwanzig bis fünf und zwanzig Gulden nicht ansehen.« – Der arme Jüngling, nie noch im Besitz einer so ungeheuren Summe, schlug ein. In einer Viertelstunde stand er schon unterm Maß; wenige Minuten darauf schwur er. Die Menschenkäufer selbst konnten nicht mehr eilen, als er; denn an jedem Augenblick Verzug schien ihm das Leben seiner Mutter und seiner Geschwister zu hängen. Noch diesen Abend schickte er ihr durch einen eigenen Bothen jene fünf und zwanzig Gulden Blutgeld, nebst einem aufrichtigen Geständniß, wie er dazu gekommen sey. Für sich selbst nur einen Groschen davon zu behalten, hätte ihm ein Kirchenraub zu seyn geschienen. Daß diese Nachricht ein Dolchstich mehr für das Herz seiner Mutter seyn würde, davon ahndete dem Unerfahrnen kein Gedanke. Erst am dritten Tage, als er die Bedaurung seiner bisherigen Lehrer vernahm, als sein erster Rausch verflogen war, und er in jenem Fremden, jenem Rathgeber, den Kameraden des Werbers erkannte, da merkte er, daß er durch List in ein Netz verwickelt worden; und auch selbst dann war er noch nicht überzeugt, ob er seinen Schritt bedauern sollte oder nicht.

Wirklich hätte seine Mutter fortan ohne ein Wunderwerk vom Himmel – und wer ist darauf zu hoffen berechtigt? – ihn nicht zu unterhalten vermocht. Wirklich waren jene schrecklich erworbnen fünf und zwanzig Gulden, so sehr ihr Herz dagegen sich sträubte, das einzige Geld, wovon sie kärglich ihre drey Söhne begraben lassen mußte. Was sie ihrem Wilhelm zur Antwort schrieb; wie sie auf einer Seite seine Aufopferung bewunderte, auf der andern seine Übereilung bejammerte, das gehört nicht hierher; aber wohl muß ich ihnen noch die Standhaftigkeit rühmen, mit der er auf jedem Vorsatz, für sich und sie ergriffen, ausharrte. Ein ganzes Jahr hindurch war, wenn nicht ein Freund ihn lud, trocknes Brod seine Speise, und Wasser sein Trank, um wenigstens ein Drittheil seiner Löhnung heimsenden zu können. Vom ersten Tage, da er Soldat ward, bis zu demjenigen, da er mit mir sprach, verwandte er jede erübrigte, dienstfreye Stunde zum Lesen nützlicher, mühsam erborgter Bücher, und sein eigener Fleiß ersetzte die Stelle von fremdem Unterricht. Seine Aufführung zeichnete ihn bald vor seinen Gefährten aus, und erwarb ihm die Gunst seiner Vorgesetzten. Erwangen, der seine Handschrift und seine Thätigkeit zu nützen hoffte, beförderte ihn zum Unterofficier und both ihm Tisch und Zuschuß an. Wilhelm ward seitdem seine rechte Hand, und vergalt kleine selbstsüchtige Wohlthaten mit der redlichsten unbestechlichsten Treue. Selbst als der Unedelmüthige ihn retten konnte, und es nicht that, hielt er doch muthig aus; aber mit dem Vorsatz, von nun an nur als Soldat, nie weiter als Mensch ihm unterwürfig zu seyn. »Was wird meine Mutter sagen.!« das war sein einziger Kummer gewesen, als er sein Urtheil angekündigt erhielt. Auch diesen Gedanken hatte er bezwungen, um treu seinem Versprechen, und einem innern, ihn treibenden Gefühle zu bleiben. Doch hatte er ihr, ihr allein, Alles entdeckt; ihr allein Alles, was ich sandte, zugeschickt; und durch ihre Billigung und ihren Segen sich für den Hohn getröstet, der seitdem von seinen Kameraden ihn oft getroffen hatte und noch traf.

Dieß war die Quintessenz von Wilhelms Erzählung. Mit innigster Theilnahme hatte ich ihr zugehört. Auch auf meine Tante hatte die edle Gestalt des Erzählers beynahe eben so günstig, als der Inhalt seiner Rede selbst, gewirkt; als ich ihr vorschlug, ihn zu unserm Mittagstisch einzuladen, stockte sie höchstens drey Minuten lang, und erwiederte endlich: der Sohn eines fürstlichen Rathes bleibe freylich auch als gemeiner Soldat ein junger Mann von gutem Hause, wenn nur seine Strafe nicht – – sie verstand hier mein bittendes Auge, schwieg und lud selbst ihn ein. Hätte es noch einer stärkern Empfehlung bey mir bedurft, er hätte sie durch sein Gespräch bey dieser Tafel sich erworben. Eine edle gesetzte Denkungsart, ein gebildeter Geist leuchtete, wie mir schien, aus jeder seiner Reden hervor; ich konnte nicht satt werden, ihn zu hören, nicht satt, ihn anzusehen. Doch stieg mir oft, wenn ich dieß Letztere that, die Thräne in's Auge; denn immer verband sich mit jedem Blick der Gedanke: Ein so edler Jüngling litt durch deine Unvorsichtigkeit, litt einem Verbrecher gleich!

Mein Entschluß war gefaßt; nur noch über einen kleinen Punct wollte ich meinen neuen Freund erst prüfen. Er hatte mir von Erwangen einen Brief mitgebracht. Der Liebe höchste Schwärmerey, das innigste Gefühl schienen ihn geschrieben zu haben. Ich rief Wilhelmen nach Tische bey Seite, zeigte ihm diesen Brief, und fragte ihn: Was er mir zu antworten riethe? Ob er glaube, daß Erwangen mich wirklich aufrichtig liebe? – »Wie könnte ich Dieß entscheiden? erwiderte er halblächelnd: nach einer kurzen Frist würde mein Lob Ihnen vielleicht eine Nothwendigkeit meines Standes, und mein Tadel eine Art von Rachbegier scheinen.« – Fein ausgewichen! Aber an meiner Stelle, reden Sie unbefangen, was würden Sie dann thun? – Er sah mich starr an, und schwieg ein Paar Augenblicke. »Es ist eine so edle Sache um den Weg der Tugend, daß ein solcher Geist in einem solchen Körper ihn nie verlassen sollte.« So sprach er endlich, und der Ton seiner Worte war beynahe noch eindringender, als die Worte selbst. – »Sie haben Recht, junger braver Mann! rief ich aus: nur Ihrem Unfall, und nur Ihrem Edelmuth verdanke ich es, daß ich nicht ganz von diesem Weg der Tugend abkam. Ich hoffe jetzt, auf ihm auszudauern. Sagen Sie Erwangen: ich würde nie ihm antworten; mir meinem Willen nie ihn sprechen; nach zwanzig erschlichenen Gesprächen wenigstens nie wieder auf ihn hören. – »Ist Dieß Ihre feste Bestimmung, gnädige Frau?« Meine feste, so wahr ich einen Gott und eine Vergeltung glaube. »Wohlan! fiel er rasch ein; so ist meine Aufrichtigkeit auch nun keine Verrätherey mehr. Für Sie zu leiden, gnädige Frau, fiel mir nicht schwer. Doch Sie dem Falle nahe zu wissen, jammerte mich schon oft. Erwangen war Ihrer Zärtlichkeit niemahls werth. Seit den zwey Jahren, die ich ihn kenne, waren Sie seine fünfte Liebe; Allen schrieb er mit gleicher Gluth; alle betrog er.« – Aber seine Krankheit? – »War erdichtet. Arzt und Minette waren mit im Bunde. Geld hat er nie geschont.«

Diese letzte Nachricht überraschte mich allerdings. Eine gewisse Eitelkeit ist von dem menschlichen, zumahl von dem weiblichen Herzen so unzertrennbar, daß man zehn Mahl muthmaßen kann, getäuscht worden zu seyn, und es schmerzt gleichwohl noch, wenn man es nun gewiß weiß. Es bedurfte daher einiger Augenblicke, bevor ich mich faßte. »Sogar der Nahme dieses Unwürdigen, fuhr ich endlich fort, sey von nun an aus unsern Gesprächen verbannt! Doch da selbst diese neue Nachricht meine Schuld bey Ihnen verdoppelt, so gestehen Sie mir desto unbefangener: Gefällt Ihnen der Stand, in welchem Sie sich jetzt befinden?« – »Dann müßte ich nie mich in ihm befunden haben!« – Aber doch vielleicht, wenn Sie höher aufrückten? – »Und wenn ich General werden könnte, nie! Er ist jetzt nur das Werkzeug in der Despotenhand; hundertfältig der Ungerechtigkeit, ein Mahl kaum der Menschlichkeit und seiner erstern edlen Bestimmung fähig.« – »Was aber wünschen Sie sich?« – »Ach, einen Traum erfüllt zu sehen, der ewig ein Traum bleiben wird! Wenn meine Dienstjahre geendiget sind, den Wissenschaften, und durch solche einst meinem Vaterlande in bürgerlichen Geschäften mich zu weihen.« – Muth gefaßt, edler junger Mann! rief ich voll Freuden aus. Dieser Traum soll zur Wirklichkeit werden, und zwar eher noch, als Ihre Dienstzeit sich endet. Gehen Sie zu Ihren Obern! und Ihre erste Frage sei: Wie hoch man Ihren Abschied schätze? Meine erste Sorge sey dann, Ihnen diesen Abschied zu schaffen, und für Ihr künftiges Schicksal zu sorgen! – Mit Ungewißheit starrte er mir, vielleicht eine volle Minute, in's Auge. »Ich darf's nicht annehmen, erwiderte er endlich. Lassen Sie mich's gestehen. Schon damahls, als ich Ihr Geschenk erhielt, war mich loszukaufen mein erster Gedanke, und ich hoffte, auch ohne Löhnung mein Leben zu fristen. Doch die Erinnerung an meine Mutter.« – »Auch für sie soll gesorgt werden! Ich brauche künftig eine Gesellschafterinn; sie soll es seyn, und ruhig wird ihr Alter verfließen.« – Sein großes schönes Auge füllte jetzt eine überströmende Thräne. Ich sehe ihn noch, und noch schlägt freudig mein Herz bey der Erinnerung an diese Minute. – »Nein, rief er noch ein Mahl, nein! ich darf sie nicht annehmen – diese verschwenderische Güte.« – Sie ist keine Verschwendung für mich, fiel ich ein: denn sie übersteigt meine Kräfte nicht. Sobald ich mein väterliches Vermögen wieder erhalte, und das muß binnen wenig Tagen geschehen, – belaufen sich meine Einkünfte jährlich auf einige tausend Thaler, und Sie, der Sie für Ihre Mutter Leib und Leben verkaufen, für eine Unbekannte Schmach und Schmerz erdulden konnten, – Wilhelm, Sie verstehen sich doch schlecht auf der Dankbarkeit süßes Gefühl, wenn Sie länger sich weigern. – Ich wollte weiter sprechen; meine Empfindungen, unwillkürliche Thränen unterbrachen mich, und in eben diesem Augenblick warf sich Wilhelm vor mir nieder aufs Knie. »Mag es doch in tausend Romanen stehen, sprach er, daß es groß sey, Wohlthaten auszuschlagen; ich nehme die Ihrigen an. Ihre Milde« – – Sie können leicht denken, Branko, was ihn hier Alles seine überfließende Erkenntlichkeit zu meinem unverdienten Lobe sprechen ließ. Es zu wiederhohlen wäre Zeitverderb und Schwäche. Kurz, er gab endlich meinen Bitten nach; gab mir die Adresse seiner Mutter, überließ es mir, ihr Alles zu schreiben, und trennte sich mit dem Versprechen, mir bald und aufrichtig zu melden: Ob und wie theuer er loszukaufen sey?

Was sich vermuthen läßt, geschah. Man machte ihm noch manche kleine Schwierigkeit, und steigerte zwey Mahl den Preis seines Abschieds. Doch diese Habsucht ließ sich befriedigen. – Drey Tage vorher, ehe man endlich sich fügte, ward auch mein Prozeß entschieden; entschieden, wie ich gehofft hatte; unsre Ehe ward für aufgelöst erkannt. Ich erhielt Freyheit und Besitz meines Eingebrachten wieder. Zwar hatte mein Gemahl Anfangs Himmel und Hölle zu bewegen gesucht, um wenigstens, so lang er lebe, auf ein Jahrgeld mich zu setzen; doch die Landesgesetze sprachen zu laut dagegen, und er selbst war verachtet und verhaßt bey allen seinen Richtern. Als er nichts weiter auszurichten vermochte, hatte er mit einer Ängstlichkeit, die zu manchem Verdacht Argwohn gab, wenigstens die schleunigste Auslieferung seiner Papiere von mir verlangt. Es war billig, daß ich diese leistete. Seine Zifferschrift zu enträthseln, war ich nie neugierig genug gewesen, und meine ernstliche Versicherung desfalls schien ihn nicht wenig zu trösten.

Ich war nun Gebietherinn eines ansehnlichen Einkommens, dankte meiner Tante für Vorschuß und bisherige Unterstützung, kaufte mir dicht bey ihrer Wohnung ein eignes Haus, entließ Minetten mit einem Verweis und einem Geschenke, und lud versprochener Maßen Wilhelms Mutter zu meiner Gesellschaft ein. Sie kam; ich fand eine greise, brave, noch im Alter thätige, im Gespräch angenehme, an Seelengaben unverbesserliche Freundinn in ihr. Auch ohne Wilhelms Verwandtschaft wäre ein solcher Fund für mich Gewinn gewesen.

Ein glückliches Ungefähr wollte, daß den Morgen darauf, als sie anlangte, und eben, als sie aufgestanden war, ihr freygewordener Sohn eintraf. Seit drey Jahren hatte sie ihn nicht gesehen; erblickte jetzt zum ersten Mahl ihn wieder in bürgerlicher Kleidung; Manches schien ihr töstlich an ihm, was nur sauber war; Alles, ihn selbst, glaubte sie mir schuldig zu seyn. Als sie sich zehn – zwanzig Mahl umarmten, als kindliche Ehrfurcht von mütterlichem Segen belohnt wurde; als bald sie, bald er, ihre Gefühle gegen sich und mich herzustammeln suchten; – – Branko, der Anblick der feyerlichen Natur im Frühlingsschmuck, oder in der Kühle eines entwichenen Gewitters ist nicht so herzerschütternd, so herzerhebend, als es für mich der Anblick dieser Scene war.

Wilhelm blieb nur wenige Tage bey seiner Mutter, und ging dann nach Göttingen, um dort einzuhohlen, was er zeither hatte verabsäumen müssen. Bey seinem Abschied, als mir Alles hernach so einsam schien, da war es, wo ich zum ersten Mahl mich heimlich befragte: Ob das, was ich empfände, bloßer Dank nur sey? Ich blieb die Antwort mir schuldig, und war wenigstens Meisterinn genug, keinem andern Beobachter einen Blick in mein Herz zu verstatten. Bey meiner Jugend, meinem Wohlstande, meiner unbeschränkten Lage, sah ich bald eine Menge von Freywerbern erscheinen. Einige darunter waren annehmlich. Meine Tante beschwur mich, sie anzunehmen; Wilhelms Mutter rieth mir das Gleiche. Aber ich war scharfsichtig genug, an Allen Flecken zu finden; wohl gar so ungerecht, einige ihnen anzudichten. Höflich gegen Alle, wies ich doch Alle ab. Man zerbrach sich in der ganzen Nachbarschaft den Kopf darüber gewaltig. Man war ein Paar Mahl – denn Neugier ist schlau, – der wahren Ursache ziemlich nahe; aber man fand sie immer gar zu unmöglich, und man classifizirte endlich meine Sprödigkeit unter das weitumfaßende Gebieth des weiblichen Eigensinns.

Zweyerley trug in diesen zwey Jahren sich zu, was ich doch nicht ganz zu übergehen vermag. Meine Tante starb; ich ward ihre Erbinn; vorher schon wohlhabend ward ich nun reich. Und dann, es kam auch jener berühmte siebenjährige Krieg in's Land. Das Regiment, wo Wilhelm gedient hatte, brach auf. In der Schlacht bey Lowosiz kam es tief in's Feuer; that seine Schuldigkeit, aber litt viel dabey. Von Erwangens Compagnie kamen nur sechs Mann von der Wahlstatt zurück. Erwangen selbst blieb auf ihr. Als die Nachricht davon zu uns erscholl, und als Wilhelms Mutter sie vernahm, da warf sie – sie, die sonst nur allzu ehrfurchtsvoll mit mir umzugehen pflegte, sich rasch um meinen Hals, und rief: Gott vergelte es Ihnen tausendfältig, daß ich jetzt meinen Sohn noch habe! – Eine solche Minute auszumahlen, meine damahligen Gefühle auszusprechen, wäre ein fruchtloses Beginnen.

Doch weit merkwürdiger ward noch das dritte Jahr für mich. Meine ehrwürdige Freundinn, bisher so gesund und heiter; daß ich noch ein langes Leben ihr verbürgt hätte, erkrankte durch eine Erkältung; stand zwar wieder vom Lager auf: doch die Ärzte sprachen über ihre zurückgebliebene Mattigkeit das Urtheil, daß es eine Abzehrung sey, die zwar langsam, doch unheilbar, sie aufreiben werde. Mit Gelassenheit hörte sie diesen ernsten Spruch; mit gleicher Stimmung schrieb sie ihn ihrem Sohne, und lud ihn ein, sie noch ein Mahl zu sehen. – In dem musterhaftesten Fleiße hatte Wilhelm seine bisherige Zeit verlebt. Oft hatte seine Mäßigkeit meine Geschenke verschmäht; daß er Mangel leide, hatte er nie, daß er Überfluß spüre, oft geschrieben. Nachrichten, die ich im Verborgenen einzog, gaben seiner Aufführung ein Lob, das oft Schmeicheley zu seyn schien, so groß war es. Jetzt, schon im Begriffe seine Studien zu schließen, las er kaum seiner Mutter Nachricht und Bitte, als er aufs eiligste, auf's bekümmertste herbey eilte. Ich staunte bey seinem Anblick, so verändert, so ausgebildet dünkte er mir indeß geworden zu seyn. Auch seine welkende Mutter schien einige Tage hindurch von seinem Anblick wieder aufzuleben und zu genesen. Doch leider siegte bald das Gesetz der Natur über die Zauberkraft der mütterlichen Liebe, und des Abschieds wichtige Minute nahte sich ihr immer sichtlicher.

Mitten in der Betrübniß, die ich bey der Aussicht auf ihren Verlust empfand, sprach mein Herz über einen andern Punct so vernehmlich, daß ich mich länger nicht selbst zu täuschen vermochte. Liebe zu dem Abwesenden hatte ich mir oft abgeläugnet; auch wenn ich an ihn dachte, von ihm hörte, von ihm sprach. Doch jetzt der Anwesende – – wenn er bey seiner leidenden Mutter so mitfühlend saß; jeden ihrer Winke deutete und zuvorkam; jetzt mit männlichem Ernst, jetzt mit kindlicher Liebe ihr vorlas, ihr zusprach, jetzt ans Fenster ging, und unvermerkt sich die Thräne vom Auge wischte; – ach diesen, diesen anwesenden jungen Mann, den must' ich lieben; mußte mir gestehen, daß es Liebe sey. In diesen vier Wochen, mir unvergeßlich für immer, entwarf ich einst in einer einzigen Nachmittagsstunde jene Zeichnung, die mich heute zur Schwätzerinn macht. Als sey es ein Verbrechen, entzog ich sie emsig jedem fremden Blick; doch vor dem meinigen stellt' ich sie, so oft ich allein war. Eben so schnell, als ich das Bild entworfen hatte, so langsam vermocht' ich es zu vollenden. Immer fand ich noch etwas daran zu bessern, um nur noch länger mich damit zu beschäftigen.

Einst, zu einer Stunde, wo ich sonst Mittagsschlaf zu halten pflegte, lag ich auf einem Sofa an eben derjenigen Seite, wo an des andern Zimmers Wand das Bett von Wilhelms Mutter stand. Sie ruhte ebenfalls ein wenig; doch ohne schlafen zu wollen, auf ihrem Lager aus; ihr Sohn saß neben ihr. Die Thür des Zimmers stand ein wenig offen; daß ich ihnen so nahe sey, wußten sie nicht; kein Wort ihres Gesprächs konnte mir entgehen. Sie sprachen von der Zukunft. Die gute Alte gestand ihrem Sohn, daß sie nur seinetwegen noch einige Jahre Leben sich wünsche; sie gab ihm ihre Besorgniß seines Fortkommens halber zu erkennen; er tröstete sie durch Verweisung auf die bisherigen sonderbaren Wege der Vorsicht. Das Gespräch lenkte sich nun sehr ungezwungen auf mich. Sie sprach von mir mit der wärmsten Erkenntlichkeit. »Ich hoffe, rief sie endlich, sie wird vollenden, was sie so weit fortführte; wird nicht eher mit deiner Unterstützung aufhören, bis sie dich geborgen weiß. Ach, wenn sie zuweilen so günstig von dir sprach – – doch nein, eine solche Hoffnung wäre Thorheit.« – Sie brach ab, indem sie Arzney von seiner Hand gereicht begehrte.

Es war ein sonderbares unaussprechliches Gefühl, eine seltene auf ein Mahl gereifte Entschließung, die ich bey diesen Worten, und bey dem Lobe, das Wilhelm hinzufügte, in mir aufsteigen fühlte. Ich erhob mich schnell, trat in ihr Zimmer; sie waren ein wenig betreten, mich jetzt zu sehen. Ich nahte mich lächelnd dem Bette der Kranken. – »Wohlan, meine ehrwürdige Freundinn, sprach ich, auch diese Sorge für die Zukunft will ich noch befriedigen! Mit eigenen Augen sollen Sie noch sich überzeugen, welches Loos Ihr so geliebter, und dieser Liebe so würdige Sohn erwählt. Sagen Sie mir, junger braver Mann, haben Sie noch keinen Gegenstand Ihrer Zärtlichkeit?« – Er erröthete und antwortete stammelnd: Keinen.

»Warum verbergen Sie mir ihn? fuhr ich fort. Können Ihre Geliebte, sie sey wer sie wolle, zwanzig tausend Thaler Mitgift zu der Ihrigen machen, so soll Ihre Mutter noch Beyder Hände zusammen fügen, ehe sie einschläft. Für ein ehrendes Amt wird Ihre eigene Fähigkeit sorgen.« – Ich habe keine Geliebte, sprach er, die ich durch eine solche Summe kaufen könnte; auch macht diese verschwenderische Güte – – »Still! fiel ich ein, lernen Sie die Verschwenderinn erst ganz kennen, bevor sie ein Urtheil von ihr fällen. Wilhelm, ist es Wahrheit, daß Ihr Herz ganz frey sich fühlt, so ist das meinige um desto mehr zu beklagen: denn drey Jahre schon liebt es Sie; und biethet sich jetzt sammt meiner Hand Ihnen an, wenn Sie es anders erwiedern können.«

O Gott, wäre es möglich! riefen Mutter und Sohn zugleich; der Letztere schon zu meinen Füßen. – Ob er es annahm, ob er Wahrheit sprach, als er mir Liebe schwur; ob ich thörigt oder weislich wählte; das wissen Sie Branko schon; das sehen Sie bereits seit einem Monath ungefähr als ein Augenzeuge. Aber seiner Mutter feuriger Dank zum Himmel, ihre unbegrenzte Freude, ihre Liebkosungen – lassen Sie mich abbrechen davon, denn mein Herz wird bey der Erinnerung weich! Auch sorge ich: eben dieß Übermaß von Entzücken verkürzte ihr Leben noch um ein Paar Tage, statt es, meinen Wünschen nach, zu verlängern. Wenigstens aber empfing sie von mir bereits den Mutternahmen; starb am vierten Tage in meinen Armen und in den Armen meines Bräutigams.

Bekannt mit der Schmähsucht unsrer Mitmenschen that ich Wilhelm den Vorschlag, unser bisheriges Vaterland mit einer anmuthigen Fremde zu vertauschen; und er folgte mir willig. Ich verkaufte meine liegenden Gründe, wir durchreisten Deutschland, suchten einen Ort, der uns zur Heimath gefalle; und fanden ihn hier. Den Nahmen, den er führt, erkauften wir nicht aus Stolz, sondern nur um der Forschbegier unsrer ehemahligen Landsleute uns zu entziehen. So manches ansehnliche Amt an den Höfen nachbarlicher Fürsten konnte mein Gemahl schon erhalten. Doch ihm genügte der Genuß der Wissenschaften und der Liebe im Stillen. Mir genügte ein Gatte, den ich nicht gegen einen Fürsten vertauschen würde. Ein Gatte, der einst nicht nur so viel litt für mich, sondern dem ich es auch verdanke, daß fleckenlos mein Gewissen, und rein meine Tugend blieb.


Der Stockschilling.

Auch noch ein Bruchstück aus Branko's Journal, und ein Gegenstück zu dem vorhergehenden.


Daß Weidla – so sehr er sein Glück verdiente – auf einem seltsamen Wege dazu gelangt sey, davon fühlte ichEs versteht sich von selbst, daß dieses Ich in der ganzen Einleitung auf Branko geht.            M. mich überzeugt; ja eine geraume Zeit glaubte ich sogar, auf dem seltsamsten unter allen. Erst seit Kurzem weiß ich, daß dieser Superlativ noch zu voreilig war. – An einem Winterabende genoß ich den Besuch von einigen meiner vertrautesten Freunde. Der freundliche Kamin und ein dampfendes Glas Punsch machten uns um desto frohern Muthes, je stärker es draußen stürmte und schneyte. Doch waren unsere Gespräche von einer Art, daß sie keinen Ort, selbst den in der Kirche nicht, entweiht haben würden; denn wir sprachen von der sonderbaren Verkettung menschlicher Schicksale, und wie so oft Glück in Unglück, Unglück in Glück sich verwandeln könne. Meine Freunde meinten: ich müsse manchen Beweis davon in meinen Tagebüchern haben; und ich läugnete es nicht. Sie bathen mich eine oder die andere Geschichte davon ihnen vorzulesen; und ich ließ mich nicht lange bitten. Wir waren jetzt wenigstens ein funfzig bis sechzig Meilen von Weidla's Schloß entfernt. Keiner meiner Freunde kannte einen Menschen in dieser ganzen Gegend; auch konnte ich ja mit leichter Mühe die Nahmen verändern. Kurz, ich sah keinen Grund, den Geheimnißvollen zu spielen, und las ohne Bedenken seine Geschichte ihnen vor.

Sie erhielt ihren Beyfall; nur Einer meiner Freunde – – darin mir ähnlich, daß er gern Allem, was er hörte, und was ihm des Behaltens werth schien, durch Aufschreiben eine längere Dauer gab – nur Dieser sagte: Sie haben Recht, Branko. Weidla machte durch Trübsal und Beschimpfung sein Glück. Aber wenigstens war es ein unverdienter Schimpf, und was er litt, war eigentlich die Ausübung einer edlen That. Ich aber weiß die Geschichte eines Mädchens, die wirklich zum Laster sich herab ließ; die eine Strafe empfing, zehn Mahl schmähliger noch, als Weidla's Strafe; die Diese wenigstens nicht so unverdient litt, als Er, und die eben dadurch – Branko, Sie haben uns heute bis Mitternacht unterhalten; ich will versuchen, ob ich es morgen kann.

Wir Übrigen hielten ihn beym Wort; und er las uns den andern Abend folgende Geschichte vor, von welcher er mir eine Abschrift mittheilte, und deren Wahrheit er mit mancher Betheurung verbürgte.

*
*                *

Bekannter Maßen schließt jedes Lager in Kriegszeiten nicht Krieger allein, sondern auch eine Menge von Troß in sich, und zu diesem Troß gesellt sich oft eine nur zu reichliche Anzahl gutwilliger weiblicher Geschöpfe. Dieß war auch im siebenjährigen Kriege der Fall bey einem ansehnlichen Theil des preußischen Heeres, das eine geraume Zeit hindurch unweit Leipzig im Felde stand. Ein feindliches, noch stärkeres Heer machte Vorrücken unmöglich, und zurück ziehen wollte sich der tapfere H** nicht. Während dieses Verzugs sammelten sich die Töchter des Landes, die, eingestanden, nicht häßlich sind, häufig bey den Preußen, und brachten mannigfache Freuden mit. Aber diese Freuden waren nicht alle rein. Sey es durch alte, oder durch neue sich vervielfältigende Sünden – kurz, viele von diesen Mädchen erkrankten, und ihre Liebhaber nothwendig mit ihnen. Bald nahm das Übel so überhand, und die Lazarethe wurden so angefüllt, daß es bis zu den Ohren der Generale und der Feldherrn selbst drang. Zum moralischen Schaden hatten sie geschwiegen, dem physischen mußte, der Folgen halber, vorgebeugt werden. Ein scharfes Geboth befahl allen unkeuschen Frauenspersonen, sich aus dem Lager zu entfernen. Diejenige, die am dritten Tage sich noch betreten lasse, und durch keinen Trauschein sich schützen könne, sollte durch die Hand des Büttels zum Lager hinaus gepeitscht werden.

Wie alle Gesetze in der Welt Übertreter finden, ging es auch hier. Man fand Nymphen genug, die der Strafe, und dem Profoßen zu entgehen gehofft hatten: man zahlte sie aus und jagte sie fort. Oft war es freylich nur ein Abmarsch gegen Westen, und eine Rückkehr gegen Süden; aber die Justiz that wenigstens ihre Pflicht. Oft bestach auch so eine Unglückliche den schon aufgehobenen Arm ihres Begleiters, durch Aufopferung ihres sauern Gewinnstes. Aber wenigstens war Dieß eine Ausnahme von der Regel; und die Verbannung blieb nicht aus, gesetzt, daß man die fühlbare Züchtigung milderte.

Eines Tages ward zum Auditeur Wellmann vom Profoßen ein Mädchen gebracht, das in der That selbst ertappt worden, Marianne Meran sich nannte, höchstens siebzehn Jahr alt, und von einer so reizenden Gestalt war, daß jeder, der sie sah, den Mißbrauch dieser Reize bedauern mußte. Auch das Bescheidene in ihrem Betragen unterschied sie von dem Haufen alltäglicher Dirnen weit; und der Profoß, der doch sonst zu der empfindsamsten Classe der Menschen nicht gehörte, gestand, daß er eben auf ihr Bitten und gegen ein kleines Geschenk sie habe wollen laufen lassen; als der Soldat, mit dem er sie angetroffen, beym Anblick ihres Geldes ausgerufen: Dieß sey ihm gestohlen worden. Eine solche Beschuldigung zu entscheiden, habe er nicht vermocht, und deßhalb eigentlich sie hier hergebracht.

Wellmann schritt zur Untersuchung, und bald ergab es sich, wenn nicht mit Gewißheit, doch mit Wahrscheinlichkeit, daß jener Elende, der ihrer genossen, sie des Diebstahls nur bezüchtigte, damit er umsonst sie genossen habe. Freylich blieben noch einige kleine Umstände unerörtert; freylich hatte sie auch durch die Sünde schon, die sie eingestand, der Verordnung nach, eine körperliche Strafe verdient. Aber sie bath so kläglich, betheuerte erst seit Kurzem, und zwar durch ein Eheversprechen verführt, in dieß unselige Leben verstrickt zu seyn; und – was am kräftigsten war – ihre Jugend und niedliche Figur halfen so treulich mit bitten, daß der Auditeur eben im Begriff stand, sie mit einem tüchtigen Verweis durchschlüpfen, und vor das Lager bringen zu lassen, als sein General von ungefähr vorüber ging, ein kleines Gedränge vor dem Zelte wahrnahm, und hinein trat.

Es war der Graf R–r, ein alter, rauher, gefürchteter Mann, eigentlich zwar gerecht und brav, aber ganz Soldat; ein Hagestolz, dessen Seele durch Liebe nie gemildert worden; der keinen Widerspruch vertrug, und daher immer streng, nicht selten grausam zu handeln schien. – »Was soll der Zusammenlauf hier? rief er, indem er eintrat: Ha, was gilts! wieder eine Hure! Herr Auditeur, ich empfehle Ihnen die möglichste Schärfe. So eben höre ich, daß zwey meiner besten Bursche im Lazareth gestorben sind; und woran? – Wahrlich, wenn der Prinz mir folgte; nicht wegjagen, in den nächsten Strom sollte man alles ertappte weibliche Gesindel werfen.«

Bey einem solchen Eingange wäre Wellmann gern des ganzen Besuche erübrigt gewesen; und als er doch den gegenwärtigen Handel erzählen mußte, that er es mit möglichster Schonung, und mit mancherley eingestreuten Entschuldigungsgründen. Aber eben dieser Glimpf erhitzte den alten General nur noch mehr.

»Wetter, Herr, rief er, Sie sind doch nicht Willens, diese Vettel hier mit heiler Haut davon laufen zu lassen, bloß weil sie ein leidliches Gesichtchen hat? Schickt es sich für einen Richter, darnach zu sehen! He? Heißt das den Gesetzen, zumahl so frischen Gesetzen nachgelebt? He? Nein, Dirne, eben weil du so aussiehst, und diesem Aussehen nach etwas Besseres hättest thun können, als huren und stehlen, sollst du desto schärfer bestraft werden, damit es nützt und abschreckt. – Holla, Profoß! schnüre einmahl diese Dame hier aus, durchwandere er die längste Zeltgasse mit ihr, und streiche er ihr alle zehn Schritte den blanken Rücken so tüchtig, daß sie in ihrem sechzigsten Jahre noch an diesen heutigen Spaziergang mit Zittern und Zähnklappern denkt!«

Verzeihen Ew. Exzellenz, entgegnete Wellmann, wenn ich nur noch erinnere: daß der Diebstahl, dessen man dieß Mädchen bezüchtiget, nichts weniger als erweislich sey.

Wer spricht vom Diebstahl, Herr? Hat sie nicht ohne dieß auch Strafe verdient? Blieb sie nicht wider Verboth im Lager? – Ertappte man sie nicht auf der Streu? He? Hätte sie nicht mit der Larve hier ein besseres Handwerk wählen können, als mir meine Bursche zu verführen, und zu verderben vielleicht? Hat sie gewuchert mit ihrem Leibe, so mag sie nun auch zahlen mit ihm!

Nur Ew. Exzellenz, daß diese Schärfe –

Zum Element, Herr, wissen Sie wohl, daß Ihr Nur und Aber mir mißfallen? daß ich Ihr Mitleid mit solch einer Kreatur ganz gegen Recht und Subordination finde? Gleich will euch Federhelden doch das Herz zerspringen, zumahl wenn es ein Weibsbild trifft. Ich will es, und damit gut! – Doch halt! wenn dieser Spaziergang Ihnen mißfällt, wenn Sie durchaus an den Buchstaben des Befehls sich nicht binden wollen, auch dazu kann Rath werden. – Holla, Profoß, eine Bank vor das Gezelt gestellt! Ruthen gebracht! deinen tüchtigsten Knecht herbey gerufen! Hingelegt diese Jungfrau! Und ihr dann, daß wir Alle zusehen, einen derben Stockschilling gereicht! Aber einen derben, das sage ich dir. Schont der Kerl das Mensch, funfzig Streiche für ihn auf eben dem Ort! Zahlt er sie weidlich aus, einen Friedrichsdo'r Trinkgeld!

Jetzt half keine Vorstellung weiter. Auch das ängstliche Bitten des armen niederknieenden Geschöpfs blieb vergeblich. – »Eben weil du so hübsch bist! Eben weil so eine Aderlaß dich noch bessern kann! Eben, weil ich überzeugt seyn will, daß man dich nicht verschone!« Dieß war und blieb seine Antwort, Ruthen und Bank waren binnen zwey Minuten in Bereitschaft, in der dritten lag das Mädchen schon, wie sie sollte, und empfing ihre Strafe.

Die nicht leicht war! Der versprochene Friedrichsdo'r wirkte. Ein Körper, der freylich nur der Körper eines Bürger-Mädchens war, der aber an Bau und Reiz und Weiße mit der vornehmsten Dame wetteifern konnte, ward binnen wenig Minuten von den Hüften an bis zur Kniekehle mit Blut und Striemen überdeckt. Doch weder seine anfängliche Schönheit noch seine nachmahlige traurige Veränderung rührte das Herz des alten rauhen Kriegers. Umsonst war Mariens Winseln und Schreien, bis von der Ruthe das letzte Reißchen zerstäubt war. Erst als das arme Mädchen weinend wieder da stand, und ihr ferneres Schicksal bebend erwartete, da schien den alten General auf einen Augenblick seine Strenge zu dauern. – »Eigentlich, sagte er, sollte es deinem Rücken nicht besser gehen. Doch trolle dich nur, und sündige nicht wieder!«– Ein Zweyguldenstück, das er ihr hinwarf, und sein Weggehen gaben die Losung zu einer milden Sammlung. Alle Umstehenden, und deren waren viel, zollten willig dazu. Das arme Mädchen empfing binnen wenig Minuten vielleicht mehr Geld, als sie im ganzen Leben noch auf eine andere Art erworben hatte; und eben so mild beschenkt, als scharf gestäupt, verließ sie am Arme des Büttels das Lager. Ein Begleiter, der Trotz seiner Unannehmlichkeit beym Abschiede doch nicht unterließ, sich für die gehabte Mühe ein Trinkgeld ziemlich gewaltsam auszubitten.

Mancherley waren zwar die Regungen der Zuschauer bey dieser Scene gewesen; aber fast Alle hatten Mitleid mit der gestraften Person, und Unwillen gegen den strengen General empfunden. Am unwilligsten war Auditeur Wellmann gewesen. Nicht bloß wegen des Eingriffes in sein Amt, sondern weil das ganze Gericht ihm zu scharf, wenn auch nicht für die Sache, doch für die Person wenigstens dünkte. Selbst kein Verächter des andern Geschlechtes, hatte er beym Anblick des armen Mädchens, als sie ihrer Strafe zitternd entgegen sah, ein wahres Mitleid, und als sie dieselbe wirklich litt, manches von richterlicher Strenge himmelweit unterschiedene Gefühl verspürt. Jeder Streich, den sie empfing, traf ihn gewisser Maßen mit; einen blanken Ducaten hatte er ihr nachher verehrt; und gern hätte er sich erkundigt: wohin ihr Weg nun gehe? wäre er nicht durch Scham und durch die Furcht vor dem Zorn des Generals davon abgehalten worden.

Der Herbst war da, der Winter nicht fern. Die Heere, nachdem sie, stets einander im Angesicht, noch ein gutes Stück Land durchzogen, und hier und da sich gelagert hatten, gingen endlich in die Winterquartiere. Ein nothwendiges Geschäft führte Wellmann einst in ein Städtchen, das drey Meilen weit von seinem Standort ablag. Gedankenlos ritt er durch ein schmahles Gäßchen. Ein Fenster, hart über seinem Haupt eröffnet, machte, daß er ganz mechanisch die Augen aufschlug. Zwey Frauenspersonen, eine Alte und eine Jüngere sahen heraus. In dieser letzern erkannte Wellmann sogleich zu seinem Erstaunen die vor wenig Wochen so hart bestrafte, und jetzt recht sauber gekleidete Nymphe. Auch ihn schien das Mädchen zu erkennen; denn erschrocken fuhr sie vom Fenster hinweg, und warf es mit Geräusch zu.

In der Seele des Auditeurs stiegen bey diesem Zufall mancherley Begierden auf, die er auch mancherley taufte. Neugier wollte wissen, wie das Mädchen gerade hierher gekommen sey? Zweifelsucht, ob sie es auch wirklich wäre? Mitleid, wie es nach einem so herben Abschied ihr ergangen seyn möchte? und Menschenliebe – ein weitumfassender Nahme! – ob man nicht irgend womit ihr dienen könne? Kurz, ehe noch unser Ritter sein Gasthaus erreicht hatte, war er auch zu Mariannen hinzugehen entschlossen.

Er hatte das Haus, wo sie wohnte, sich trefflich gemerkt. Anmelden schien ihm unnöthig. Als er ins Zimmer zu ihr, nach einem flüchtigen Anpochen, eintrat, fand er Alles, was er da sah, sehr einfach, doch reinlich und anständig. Sie selbst saß in einem weißleinenen bürgerlichen Hauskleide am Fenster und nähte: roth wie Blut, ward ihr Gesicht, als sie aufblickte und ihn eintreten sah. Fast unvermögend und zitternd ging sie ihm ein Paar Schritte entgegen, und fragte: Was ihm hier zu suchen gefällig sey? In der guten Absicht, sie nicht vor ihrer Stubengenossinn zu beschämen, und überhaupt noch ungewiß, in welcher Lage er sie hier wieder finde, nahm Wellmann einen jener alltäglichen Vorwände, die Männern, zumahl Officieren, so geläufig sind; das heißt, er fragte nach Band oder Spitzen; und that noch gar nicht, als ob er sie kenne.

Aber das Mädchen verschmähte diese Schonung. – »Nicht doch, gnädiger Herr, rief sie, und machte Miene ihm zu Füßen zu fallen, schon weiß meine Muhme, daß Sie mich erkannt haben. Sowie sie überhaupt Alles weiß, was ich unter Ihren Augen erlitt und verdiente. Aber auch sie allein im ganzen Städtchen kennt zur Zeit meine Schande. Allen Übrigen ist meine Person und mein ehemahliges Leben fremd. Ich beschwöre Sie, gnädiger Herr, machen Sie mich durch Ausbreitung meiner Schmach nicht noch unglücklicher, als ich es schon bin; ohne Eltern, ohne Freunde, ohne Ehre, ohne Hoffnung, jemahls meinen Fehler ganz aussöhnen zu können!«

Auf diesen Ton hatte sich Wellmann nicht gefaßt gemacht, und desto stärker wirkte er. Mit der freundschaftlichsten Antwort suchte er sie zu beruhigen. Er versicherte sie, hier noch mit keiner Sylbe von ihr gesprochen zu haben, und versprach, es auch ferner nicht zu thun. Er erinnerte sie, daß ja alles Erlittene wider seinen Willen und gegen sein Vorwort sie betroffen habe. Er ermahnte sie halb scherzend, zu vergessen, was ja doch nicht mehr schmerzen, und da hier Niemand etwas davon wisse, ihr auch nicht schaden könne; und schloß mit der Frage: durch welchen Zufall sie hierher gekommen sey? da dieß Städtchen von jenem Lagerplatze wenigstens zwölf bis sechzehn Meilen abliege.

Die Verlegenheit des Mädchens minderte sich durch Wellmanns Zureden. Sie nöthigte ihn zum Niedersetzen, und erzählte ihm: daß sie mühselig nur an jenem ihr so widrigen Tage das nächste Dorf erreichen konnte; daß sie dort, an Leib und Seele krank, in Gefahr auf der Straße liegen zu bleiben, von einer gutherzigen Bäuerinn aufgenommen, und nach Vermögen gepflegt worden; daß sie Dieser freylich den wahren Grund ihrer Unpäßlichkeit verhehlt, aber auch, nachdem sie sich erhohlt, den ernstlichsten Vorsatz zu künftiger Lebensänderung gefaßt habe. Rückkehr in ihre Vaterstadt sey unmöglich gewesen; aber eine entfernte Muhme, die sie nie gesehen, aber oft loben gehört, sey ihr beygefallen, zu Dieser wäre sie gereiset, sey gütig von ihr aufgenommen worden; habe Alles gebeichtet; vollkommene Besserung gelobt, und endlich unter dieser Bedingung die Erlaubniß erhalten, hier zu bleiben und mit verändertem Nahmen durch ihrer Hände Arbeit sich zu nähren.

Mit freundlichem Lächeln, wie man einem Mährchen zuhört, vernahm Wellmann diese Erzählung. Wer diese gütige Muhme und was ihr Gewerbe sey, glaubte er so gut als gewiß schon zu wissen. Unter dem Vorwand, daß er hier Kaffeh zu trinken wünsche, und ihn zu bezahlen erböthig sey, entfernte er die Alte aus der Stube, und sah kaum mit dem Mädchen sich allein, als er sich zu einem Kundmann für ihre Reize anboth, und durch Worte sowohl, als durch das Spiel seiner Hände, deutlich genug zu erkennen gab: wie viel er von ihrer angeblichen Besserung halte.

Aber wie staunte er, als er statt der gehofften Ergebung den allerernstlichsten Widerstand antraf. Jetzt schob er ihn auf die Nähe der Alten, und that Vorschläge zu deren weitern Wegsendung; vergebens! Jetzt glaubte er das Nothwendigste noch vergessen zu haben, und both eine Hand voll Silbergeld ihr zur Belohnung an; vergebens! Jetzt ward er unwillig und ungestüm; fand es unglaublich, daß eine Person, die sonst so öffentlich sich Preis gegeben, nun die Spröde spielen wolle; aber Alles vergebens!

»Ich kann es Ihnen nicht verdenken,– sprach sie, indem sie aus seinen Armen sich loswand, wenn Sie meine Lebensänderung nicht für Ernst annehmen; und doch ist sie es wirklich. Zu nachdrücklich war die Art, mit der sie mir eingeschärft ward; zu merklich die Reden des Herrn Generals, als daß ich deren jemahls vergessen sollte. Zwar zu vergüten, was ich verschuldet habe, ist mir eben so wenig möglich, als meine Strafe unempfangen zu machen. Aber gefruchtet soll diese Züchtigung haben, mehr als beym folgsamsten Kinde; das schwur ich, indem ich Ihr Lager verließ; und das hoffe ich zu halten.«

Immer stärker ward Wellmanns Begierde, je stärker er die Hindernisse fand. Sein Geboth stieg vom Silber zum Golde. Mancher ehrbaren Jungfrau erste Gunst ward von Schwelgern selbst wohlfeiler gekauft. – Man verschmähte es. Zum Versuch wahrer Gewaltthätigkeiten schritt er; und es blieb nur Versuch. Selbst so weit stimmte er herab, daß er nur um einen Kuß sie bath. Sie antwortete mit einer Bescheidenheit, die wirklich Contrebande bey solch einem Geschöpfe schien:

»Warum das nicht! Aber erinnern Sie sich, daß eine so Entehrte, wie ich, selbst dessen, was Sie Anfangs begehrten, von einem solchen Manne nicht werth ist; geschweige eines Kusses, den tausend bessere Mädchen Ihnen willig geben werden! – O gnädiger Herr, ich war wahrlich nicht von Jugend auf zu dem Stande bestimmt, in welchem Sie mich fanden!«

»Und was war denn die Schuld, daß du zu solchem herabsankst?« fragte Wellmann, dessen Körper Erhohlung bedurfte, und dessen Neugier eben so wuchs, als seine Hoffnung sich minderte. – Matt von dem fruchtlosen Feldzuge warf er auf einen nahen Sessel sich nieder, indeß das Mädchen also, wenn auch nicht wörtlich, doch dem Inhalt nach, zu ihm sprach:

»Eines ehrbaren, selbst eines wohlhabenden Handwerksmanns einziges Kind bin ich. Mein Vater, Meran mit Nahmen, galt in dem Städtchen P–z für einen der ersten Bürger nach den Rathsherrn. Aber von Natur schon etwas hart, ward er noch härter gegen mich, als er eine Stiefmutter heirathete, die mich haßte und hassen mußte, weil ich ein Jahr nur jünger, und vielleicht um ein gutes Theil hübscher als sie selbst war. Ein alter Lederhändler warb um mich, buckelig, einäugig, ein Witwer, der drey Weiber schon zu Tode gequält hatte; aber auch ein Mann von Vermögen. Ich haßte ihn, wie den Tod. Aber er machte meiner Stiefmutter ein reichliches Geschenk, und nun erging meines Vaters Befehl an mich, ihn zu nehmen. Kein Bitten, kein Flehen half. Ihr General war kaum so unerbittlich wie mein Vater; und fast war auch Beyder Urtheil über mich einstimmig. Denn braun und blau von Schlägen mußte ich mich endlich zur Verlobung bequemen. Zehn Tage waren jetzt noch bis zur Hochzeit hin; da kamen Preußen in unser Städtchen, und hielten allda Rasttag. Ganz allein saß ich in meiner Kammer und weinte; als ein Unterofficier, der mir leise nachgeschlichen, hinein trat. Mein Weinen befremdete ihn. Er fragte nach dessen Ursache. Erst nach langem Weigern gestand ich sie ihn. Er schien mich zu bedauern. – »Dem Dinge ist noch abzuhelfen; sprach er: Nehm sie mich! Sie gefällt mir; ich bin ledig; und nahe am Feldwebel.« – Ich schlug es aus; aber wo er diesen Abend, und den kommenden Tag zu mir kommen, und in mich dringen konnte, that er es treulich. Es war ein langer, schöner Mann; im Herzen gefiel er mir. Zweyerley gab mir den letzten Stoß. Eine gute Freundinn erzählte mir, daß man meinen Bräutigam mit meinem Widerwillen vexirt, und er darauf geantwortet habe: Er besitze ja das nähmliche spanische Rohr noch, das seine ersten drey Weiber zahm gemacht habe. – Ich ging mit dieser Neuigkeit zu meinem Vater. Ich fiel ihm zu Füßen; ich beschwur ihn, sein einziges Kind nicht unglücklich zu machen. Er antwortete mir mit bitterem Lachen. Es sey gut, wenn ein Starrkopf wie ich in etwas scharfer Zucht bliebe. Ich rief Gott zum Zeugen an, daß er zu einem Schritte noch mich treiben werde, der ihn vielleicht ewig reuen würde. Er stieß mich fort, daß ich zu Boden sank; und indem er zur Thür hinaus ging, rieth er mir lachend: ich sollte nur des Nachbars Brunnen, wie tief er sey, versuchen, wenn ich soviel Beruf dazu fühlte. –

Diese Unmenschlichkeit brach fast mein Herz. Jener Unterofficier trat eben hinein, indem ich noch auf dem Boden kniete, und zum Himmel mehr schrie, als bethete. Er hob mich auf, both von Neuem seine Dienste dar, und ich nahm sie an. Des andern Morgens brachen die Soldaten auf. In der nächsten Nacht folgte ich meinem Verführer, und erreichte ihn allzubald. Ich betrachtete ihn nun als meinen Bräutigam; er brachte es freylich bald dahin, daß er mich als sein Weib ansehen konnte. Wenn ich ihn an sein Versprechen der Trauung erinnerte, entschuldigte er sich mit der Unmöglichkeit, den Schein dazu im Kriege zu erhalten, schwur nur aber hoch und theuer, nie von mir zu lassen. Ich glaubte ihm, weil mich noch nie ein Mann betrogen hatte, und hing mit der heißesten Liebe an ihm. Seine Zeltkameraden sah ich kaum an. Sieben Wochen durch folgte ich ihm auf Märschen und im Lager. Einst bekam er einen Brief, und ward nach Lesung desselben äußerst stille, oder tiefsinnig vielmehr. Ich fragte ihn, warum, und erfuhr nichts. Ich ließ nicht nach, und als wir gegen Abend allein im Zelte saßen, sprach er endlich: »Es muß freylich heraus, Mariannel! Wir können so nicht lange mehr leben. Ich habe schon ein Weib; doch das möchte noch hingehn! Aber sie kömmt mir auch ehestens nach; und das hat der T– – erdacht.« –

Sinnlos stürzte ich bey diesen Worten zu Boden. Er brachte mich wieder zu mir selbst; aber die Gründe, womit er mich nun auch zu trösten versuchte, waren nichts weniger, als dazu hinlänglich. Seine Frau hatte eben in ihrer Heimath in Wochen gelegen, als er mich gesehen und verführt hatte. Er schwur: er habe sie andern Nachrichten zufolge schon für todt gehalten. Doch was schadete diesem Nichtswürdigen ein Schwur, und was nützte er mir! Daß seine eigentliche Frau ein wahrer Drache sey, das gestand er selbst, und schloß mit dem tröstlichen Rathe: Einer seiner Zeltkameraden liebe mich; ich sollte Diesem seyn, was ich ihm gewesen, und wir könnten dann sicher zuweilen noch seine Frau – – Ich ließ nicht enden; riß mich los, nahm die wenigen Habseligkeiten, die ich noch hatte, zusammen, – denn einige mitgebrachte Ducaten waren leider durch ihn verzehrt, und rannte so fort, einer Unsinnigen gleich. Aber wohin mich wenden? was anfangen nun! Von meiner Heimath war ich fern; war entehrt, war eine Bettlerinn! Auch wäre ich eher lebendig in die Hölle hinab, als wieder zu meinen Ältern gegangen. Mit unaussprechlichem Jammer warf ich mich, ohnweit vom Lager auf einen kleinen Grasfleck nieder. Auch jetzt waren meine Thränen abermahls meine leidigen Helfer. Ein vorbeyreitender junger Lieutenant sah mich, hielt an, befragte mich: was mir fehle? Weiß der gerechte Gott, wodurch ich ihm gefiel; kurz, er both mir Dienste als seine Köchinn an. Ich ging es ein. Daß es nicht lange bey der Köchinn blieb, wiewohl ich mich ernsthaft weigerte, können Sie errathen. Einen Monath lebten wir so. Auch ohne daß er es nöthig hatte, schwur er mir oft: ich gefalle ihm dergestalt, daß er nimmermehr mich verstoßen werde. In einem Scharmützel ward er erschossen. Nun sank ich ganz zum Laster hinab und nun werden Sie die weitere Erzählung mir schenken. Aber, bey Gott! ich sank, mehr, weil ich mußte, als weil ich wollte. Oft wachte der Wunsch in mir auf, lieber von meinem Vater todt geschlagen, als so ihm entwichen zu seyn. Mein ganzes Bestreben war, einige wenige Thaler mir zusammen zu sparen, und dann hierher mich zu flüchten. Drey Wochen führte ich dieß Gewerbe; da erging das bewußte Verboth. Noch zwey Gulden fehlten mir zu zwey Ducaten. Diese hätte ich so gerne noch gehabt. Ehe Dieß mir gelang, fiel ich dem Profoß in die Hände. An dem Diebstahl, dessen man mich anklagte, war ich unschuldig. Das Übrige wissen Sie. Die Strafe, die über mich erging, war hart, sehr hart. Aber selbst, das schwör' ich Ihnen, indem ich sie erlitt, fühlte ich in mir: daß ich sie verdiente; und die Worte des alten Generals: Eben weil du so hübsch bist! und sein: Sündige nicht mehr! sollen mir ewig unvergeßlich bleiben.«

Fast mit Rührung hatte Wellmann Mariannen zugehört. Aber bald fiel es ihm wieder ein, daß Geschichten dieser Art bey Freudenmädchen nicht allzu selten, und noch seltener eine strenge Wahrheit wären. Bald machte eben das Interessante in Mariannens Stimme und Mienen sie ihm noch angenehmer; und von Neuem fing der Sturm mit Händen und mit Worten an. Sie widerstrebte, wie vorher. Er bewies ihr, daß bey so manchen eingestandenen Sünden eine einzige mehr, unmöglich von Bedeutung seyn könnte; er erinnerte sie, daß er selbst auf ihre Erkenntlichkeit durch die Vorbitte, die er eingelegt, Anspruch habe; ja, er war sogar schwach genug, ihr mit Bekanntmachung ihrer Schande zu drohen, wenn er keinen Genuß für sein Schweigen habe. Alles umsonst!

»Sie haben fast in Allem Recht, gnädiger Herr, erwiederte sie bescheiden, und wäre ich nicht so fest zur vollständigen Besserung entschlossen, ich würde – aber wahrlich ohne Ihr Geld zu achten, da ich jetzt vor dem Verschmachten sicher bin – würde dem Mann unterliegen, der sich einst so mitleidig meiner annahm, und Vorzüge in sich vereint, die alle meine vorigen Liebhaber nicht einzeln besassen. Aber ich schwur dem Laster ab, und will diesen Schwur halten. Dank, ewigen Dank, der Ruthe, die mein Bußprediger war! – Was hingegen Ihre Drohung betrifft? O viel zu edel sind Sie, um sie zu erfüllen. Hätte ich mich aber in Ihnen geirrt, so schwiegen Sie auch dann nicht, wenn ich von Neuem fiele. Handeln Sie in diesem Punct daher ganz nach eigenem Belieben!

Die alte Muhme trat bey diesen letzten Worten mit dem Kaffeh ins Gemach. Die hohe Farbe, die sie auf Beyder Wangen lodern sah, entschuldigte einen ohnedieß natürlichen Argwohn noch mehr. »Ich will doch nicht fürchten, daß es jener Ermahnung bedarf!« so sprach sie und warf einen bedeutenden Blick jetzt auf Mariannen und jetzt auf den Spiegel hin. Mit noch höher steigendem Erröthen antwortete Diese: – »Wahrlich nicht, liebe Muhme! Zwar prüfte man mich, ob ich auch jene Besserungslehre noch behalten habe. Aber ich vergaß meine Pflicht nicht, das wird, hoffe ich, dieser Herr selbst bezeugen.«

»Ich wollte, ich könnte anders!« brummte Wellmann halb in sich; trank rasch und fast stumm seinen Kaffeh aus, und warf einen ganzen Thaler zu dessen Bezahlung hin. Beyde Frauenzimmer sträubten sich dagegen; aber er nahm ihn nicht zurück. Als er beym Weggehen Mariannen umarmen, sie sich hingegen ihm wieder entwinden wollte, brach sein Unwille am sichtlichsten selbst in der Alten Gegenwart aus. – »Soll diese herrnhuthische Ehrbarkeit, sprach er, so weit gehen, daß mir beym Abschied verweigert wird, was vor zwey Monathen vielleicht meinem Reitknecht angetragen worden wäre?« – »Das ist hart, gnädiger Herr! Aber ich verdiene freylich noch zehnfach härtere Ausdrücke!« – Der Blick, mit welchem Marianne Dieß sagte, hatte selbst bey einem solchen Gemein-Mädchen etwas Strafendes. Erst auf den Wink ihrer Muhme reichte sie ihm, was er begehrte, und was er doch eigentlich nicht erhielt, sondern nur sich nahm. So ging er fort, mit ganz anderm Erfolg, als er beym Eintritt vermuthet hatte.

Den ganzen Rückweg hindurch war er mißmuthig, und doch mußte er sich es selbst gestehen: daß er nicht ganz dazu berechtigt sey. Eben weil er hier gefunden, was er nicht gesucht hatte, befremdete es ihn desto stärker. Doch blieb er dabey, Alles, was sie gesagt, für bloße Heucheley, oder höchstens für ein vorübergehendes Besserungs-Fieber zu halten. Der erste beste Reiter, dachte er; macht in vier Wochen wieder möglich, was heute seinem Auditeur für zehnfachen Lohn abgeschlagen ward! Daß er Niemanden etwas von seinem Abenteuer erzählte, daß er sich selbst vornahm, so wenig als möglich daran zu denken, kann man wohl glauben.

Aber sonderbar, daß es in diesem letzten Puncte durchaus ihm nicht gelingen wollte! So manches genossene Mädchen hatte er vergessen, dieß Ungenossene wollte aus seinem Kopfe nicht weichen. Hundert Mahl des Tages wiederhohlte er sich: Es war doch ein fataler Einfall von ihr, die Spröde zu spielen. Selbst des Nachts, – zehn Träume reichten kaum für die nächsten zwey Wochen hin. Jene Scene auf der Bank, und jene zweyte, wo er vergebens die Kraft seiner Arme versuchte,– immer sah er sie; immer verfeinerte seine nur zu sinnliche Einbildungskraft tausend kleine Umstände an Beyden. Er ward beym Erwachen oft unwillig auf sich selbst. Aber dieser Zorn schützte nicht vor der Erneuerung des Traumbildes beym nächsten Einschlafen.

»Nein, rief er einst aus: dem Ding muß ich ein Ende machen, und sollte es mit der Hälfte meines Vermögens seyn!« – Zwey Börsen, jede mit funfzig Ducaten, (was wahrlich schier seine ganze Barschaft betrug,) steckte er zu sich, und ritt wieder zu dem Ort hin, wo Marianne wohnte. Aus Furcht, sie möchte sich verläugnen, auch in der Hoffnung, sie vielleicht unter Umständen zu überraschen, die seinen Sieg befördern könnten, ritt er zu des Städtchens anderer Seite hinein, schlich sich, gleichsam verstohlen, unter den Fenstern des Hauses hin, öffnete wieder die Thür ihres Zimmer, ehe sie sich seiner versah, und fand sie – ganz allein und bey der Arbeit. Ihr dießmahliges Erstaunen gab ihrem ersten nicht viel nach. Sie schien Lust zu haben, sich in eine Kammer zu flüchten und zu verriegeln. Aber Wellmann, sonst freylich nur ein halber Soldat, war doch im Punct des Wegabschneidens ein ganzer Held. Er hatte sich unter Weges schon den Kopf zerbrochen, wie er die Alte schicklich entfernen werde. Jetzt, da das Glück dafür gesorgt hatte, wollte er dieß Glück auch nützen.

Gern hätte er sogleich mit Kuß und Umarmung den Anfang gemacht. Doch Marianne versicherte mit dem ernstlichsten Ton, daß bey der kleinsten Gewalt ihr Geschrey die halbe Gasse herbeyziehen solle. Die feurigste Beredsamkeit, Schwüre, daß er ihretwegen bloß herkäme, Bitten, nur dieß Mahl ihre Gunst ihm zu gewähren, wurden angewendet und abgeschlagen. Zehn, zwanzig Ducaten wurden gebothen und – abgewiesen. Sogar ein Jahrgehalt, eine fortdauernde Freundschaft, Trotz mancherley Bedenken, die sich dabey finden könnten, wurden angetragen, und – abgelehnt. »Wohlan, Mädchen, das ein böser Genius mir zur Qual losließ, rief er, nimm, was recht angelegt, auf Lebenslang dir helfen, was einen Mann dir schaffen kann! Nimm dieß Geld hier, und gönne mir dafür eine einzige frohe Stunde!« Er leerte seine eine Börse, und funfzig neue Ducaten funkelten auf dem Tische.

Mariannens Augen hafteten eine halbe Minute lang auf diesem Golde. Gedanken des Zweifels stiegen sichtbar in ihr auf; Wellmann glaubte schon gewonnen zu haben. Er schlang seinen Arm um ihren Leib; sein Mund drückte im Nu zehn Küsse auf ihre Lippen; aber nur überrascht, nicht überwunden, entwand sie sich ihm ebenso schnell und sprach: Ich danke Ihnen, daß Sie so ernstlich meinen Entschluß prüfen; aber ich bleibe ihm treu. Ich bin dessen, was Sie mir biethen, auch nicht ein Zehntheil werth: doch ich verkaufe mich nicht mehr. Ich wuchere nie wieder mit meinem Leibe, um auch nie mehr mit ihm zahlen zu dürfen.

»Sind denn diese Worte meines Generals – –«

O, mir sind sie mit keinem Gold abzukaufen! Nie übergeb' ich mich wieder einem Mann anders, als –

»Als wie?«

Als auf immer!

»Auch dann nicht, wenn ich diese Summe verdopple? Verdopple, beym Himmel und bey der Hölle, mit meiner ganzen baren Habe!«

Seine zweyte Börse wollte er jetzt leeren. – »O nein! nein! rief das Mädchen: nur der erste Glanz blendete mich einen Augenblick. Zwanzig solche Börsen, wären Sie auch Verschwender genug, dieselben mir anzutragen, würden hoffentlich mich nicht weiter rühren.«

Sehr gelegen kam in dieser Minute Mariannens Muhme. Schon hatte sie von einer Nachbarinn, daß ein Officier in ihr Haus gegangen sey, erfahren, und staunte nicht wenig, als sie Wellmann erkannte; staunte noch mehr, als sie ihren Tisch so glänzend schier, wie den eines Wechslers erblickte. Nur eine Secunde ungefähr war Wellmann bestürzt. Vielleicht, dachte er dann, verschafft dir der Geiz dieser Alten eine Vorsprache. Offenherzig gestand er ihr daher: was er wünsche, und was er gebothen habe. Wenig fehlte nur, so hätte er richtig geschlossen. Denn bedenklich sah die Alte auf das schöne blinkende Häuflein hin. Nicht ohne Kopfschütteln brausete ihr der Gedanke: das both dir Niemand in deiner Jugend! durchs Gehirn. Schon wollte der bekannte Trost, ein Mahl ist ja nicht immer, bey ihr geltend werden. Aber zum Glück besann sie sich noch auf einige Sittensprüche von Zucht und von Tugend. Mariannens standhafte Weigerung erinnerte sie auch an ihre Pflicht; und mit vollen Börsen, aber gewiß noch mit verdrießlicherm Herzen, als das erste Mahl, mußte Wellmann zurück in sein Standquartier reiten.

Umständlichkeit jeder Art ermüdet. Nichts weiter daher, als: Wenigstens drey Mahl noch versuchte Wellmann sein Glück, aber nie mit besserm Erfolg. Je öfter er das Mädchen sah, je mehr gute Eigenschaften oder Anlagen entdeckte er bey ihr. Selbst ihren Geist fand er nicht ganz ungebildet. Sie hatte früh schon gelesen; freylich nur Gellerts und Rabners Schriften, doch genug, um Liebe für diesen Zeitvertreib zu behalten. Häuslichkeit war ihre Freude, und nie entschlüpfte ihr eine Sylbe, die auch von Weitem ihr ehemahliges Leben verrieth. Mit Gespräch, mit Blick und Abschiedskuß begnügte sich Wellmann zuletzt, weil er – mußte. Auch der Letztere ward ihm immer nur sträubend erlaubt. Tausend Mahl ertheilte sich Wellmann das vollgültigste Zeugniß, dem nur Besieglung und Unterschrift fehlte: daß er ein Thor sey. Dennoch erschien er immer wieder.

Der Frühling kam, und rief die Heere zum vierten oder fünften Mahl ins Feld. Geschäfte zerstreuten Wellmanns Geist; doch konnte er es sich nicht versagen, so oft er ein anderes Mädchen sah, an Mariannen zu denken, und fast immer fiel der Vergleich zu ihrem Vortheil aus. Gegen den Herbst ward das Regiment, wo Wellmann war, nebst mehreren nach Schlesien gesendet. Ein Paar Jahre vergingen. Wellmann kam nicht mehr in jene Gegenden. Er hielt sich nun für längst und gänzlich geheilt; dennoch empfing er auch jetzt eine ziemlich verständliche Warnung. Denn als er einst mit verschiedenen Freunden bey einer Flasche Wein sich freute; und das Gespräch auf die Thorheiten der Jugend kam, gestand er: »daß er auch als Mann sich einer bewußt wäre, indem er einst einem Mädchen für eine einzige Stunde vergebens hundert Ducaten gebothen habe.« – Das mußte wohl eine Vestale seyn? fragte sein Nachbar lachend. – »Wenigstens nicht gewesen! denn was glaubt ihr wohl, daß mich zuerst an ihr reizte?« – Man rieth auf Zwanzigerley und traf es nicht. – »Ein Stockschilling, den sie im Angesicht des ganzen Lagers zum Lohn ihres liederlichen Lebens empfing.« – Die Stube wollte schier bersten vom Gelächter. Was für ein Mährchen, riefen Alle, willst du uns weis machen? Wellmann erzählte seine Geschichte, und man scherzte weidlich über ihn; er selbst half mit. Aber in der nächsten Nacht erneuerte sich im Traum jene Scene, und Wellmann dachte ganz anders im Schlaf, als er wachend zu denken geschienen hatte. – »Darf ich denn von dem Zetter-Mädchen nicht einmahl sprechen?« rief er beym Erwachen, und hatte binnen Monathsfrist noch einige Mahl Gelegenheit, seinen Ausruf zu wiederhohlen. Seine Einbildungskraft mahlte feurig, und sein Gedächtniß hatte treuer behalten, als ihm selbst lieb war. Wo er hinsah, glaubte er wieder Mariannens Bild zu sehen; er spottete gern nicht von Neuem, um sich nicht selbst zu bestrafen.

Eben damahls gab endlich der Hubertsburger Frieden dem zerrütteten Deutschland seine Ruhe wieder. Wellmann, der schon längst eine bürgerliche Stelle dem halb kriegerischen Herumwandern vorgezogen haben würde, erhielt sie jetzt wirklich. Sie war einträglich genug, aber in einem etwas einsamen Winkel von Westphalen. Er reisete hin, um sie anzutreten, und sein Weg trug ihn durch Sachsen. – Unter die mancherley Unarten sächsischer Postillions gehört auch unnöthiger Aufenthalt in der Mitte jeder Post. Da mögen seine Pferde noch so schneckenmäßig sich bewegt haben; da mag der Wagen, den er fährt, noch so leicht seyn: der Postillion rastet unter Weges doch eine halbe Stunde, auf Kosten des Reisenden und zum Wohlbehagen des Wirths. In einem kleinen Städtchen, wo auch an Wellmann dieß Sachsen-Recht ausgeübt wurde, fragte er ganz mechanisch, um doch etwas zu fragen: Wie dieser Ort wohl heisse? und der Schwager gab eben so mechanisch: es ist P–z! zur Antwort.

P–z! wiederhohlte Wellmann bey sich: woher ist doch dieser Nahme mir so bekannt, da ich niemahls noch in hiesige Gegend kam? – Alle Wetter, hieß nicht Mariannens Geburtsstadt so? – Mit einem Sprunge war er aus dem Wagen; mit drey so großen stand er in der Wirthsstube. Eine genaue Untersuchung ging nun vor sich: Ob nicht ein gewisser Carl Meran hier wohne? Ob er nicht eine Tochter gehabt? Wo sie hingekommen? Ob er und sie noch lebe? Treulich erstattete der Wirth seinen Bericht. »Er kenne diesen Carl Meran gar wohl; es sey ein wohlhabender Mann, aber ein eigensinniger Kopf. Eben seine Tochter habe es erfahren. Ein bildschönes, braves Mädchen, das aber aus Verzweiflung endlich durchgegangen wäre. Mancherley sey ihr alsdann noch nachgeredet worden. Aber er glaube es nicht, denn ihm selbst habe sie ehemahls mächtig ins Auge und Herz gestochen, und es lasse sich Tage lang von ihrem Lobe reden. Wo sie geblieben, wisse er nicht. Wolle Wellmann sich aber genauer darnach erkundigen, so wohne ihr Vater kaum das vierte Haus davon.«

Wellmann ging. Ein kleiner Kauf verschaffte ihm den Eingang zum Gespräch mit diesem Alten. Er fand ihn ganz, wie er geschildert worden war, rauh, fast grob, zur Anrede und zur ausführlichen Antwort gleich schwer geneigt. Doch ließ Wellmann nicht nach, bis er ihm Rede stand. Unter dem Vorwand, seine Tochter schon vorher gesehen zu haben, erkundigte er sich: ob ihm nichts von ihren Schicksalen bekannt sey? Der Alte verneinte es ein Paar Mahl. Erst als Wellmann sich ihm davon Nachricht zu geben erboth; als er versicherte: daß er sie lange nach ihrer Entweichung, und zwar gebessert wieder gefunden habe; ließ jener die Verstellung fahren, und brach unwillig in die Worte aus:

»Brauchen sich mit keiner weitern Nachricht erst zu bemühen, gnädiger Herr. Ich weiß längst mehr von jener ungerathenen Dirne, als mir lieb ist. Weiß, daß sie eine Soldatenmetze ward; daß man sie herauspeitschte zum Lager; daß sie zu einer Muhme sich flüchtete, und daß Diese, Gott verzeih es ihr, die Bübinn aufnahm. Weiß auch, daß sie zehn Mahl wohl um Vergebung an mich geschrieben, und statt solcher meinen Unsegen zurück erhalten hat. – Mehr mag ich von ihr nicht wissen; mag sie nicht wieder sehen, und wenn es auch zehn Mahl wahr wäre, was ihre Muhme neulich von ihr schrieb: daß ein braver wohlhabender Mann dort so ein Narr sey, und sie heirathen wolle.«

Wellmanns Postillion blies hier; Herr Meran wies seinem Besuch durch einen Mützenruck nicht undeutlich die Thür; und auch ohne jenes Blasen und dieses Abschiednehmen wäre nach dem jetzt Gehörten ein längeres Gespräch ein Zeitverderb gewesen. Die Reise ging daher weiter. Aber Wellmanns ganzer Kopf war wieder ein Strudel leidenschaftlicher aufgeregter Gedanken geworden. – »Sie log also doch nicht! Sie sprach wahr von ehemahls; das ist ein günstiges Kennzeichen für dereinst. – Die Wärme, mit der dieser Wirth ganz ohne eigennützige Absicht sie lobte! – Sonderbar, daß ein solches Mädchen gerade an einen solchen Vater kommen – gerade durch ihn zum Laster gleichsam hingestoßen werden mußte! – Aber sprach er nicht von einer Heirath? »Vielleicht ist sie nun schon vorbey! Und Das noch dazu mit einem braven Mann? – Gewiß, ich freue mich darüber. Selbst daß sie mir widerstand, freuet mich nun. Aber sehen möchte ich sie doch noch ein Mahl; nur der Neugier halber sie sehen!« – So ging ungefähr der Faden seiner Ideen, den er wohl zwanzig Mahl auf und ab webte! Schon auf der nächsten Station stand er vor einer Postkarte und berechnete: Ob jenes Städtchen, wo sie wohne, allzu weit aus seinem Wege liege? – Er fand, daß sechs Meilen Umweg ein Seitensprung, vier oder fünf Tage später in Westphalen kein Versäumniß wären. Seine Kalesche steuerte von nun an gegen Süden zu, und des andern Abends war er in Mariannens Städtchen.

Er hatte mit Fleiß dieß Mahl einen Gasthof gewählt, wo er vordem niemahls abgetreten war. Indem sein Wirth, ein guter Graukopf, seine Abendmahlzeit ordnete, fragte ihn Wellmann nach verschiedenen Personen, und unter andern auch: ob bey der alten Wiesner (so hieß Mariannens Muhme) nicht noch ein junges Frauenzimmer wohne?

Sie werden Mamsell Dörring meinen; – erwiederte der Alte, und ward ordentlich noch um eins so freundlich. – Ja wohl, wohnt sie noch dort, und fast unser halbes Städtchen ist darüber froh.

Wie das? fragte Wellmann weiter, und staunte im Ernst.

Weil wir neulich schon sie zu verlieren besorgten. Ein reicher Amtmann in der Nähe warb um sie. Wir alle hielten die Heirath schon für richtig. Aber jetzt soll es noch Anstoß ihrer Seite haben; und das ist, – so gern wir jedes Glück ihr gönnten – ist uns fast Allen lieb.

Ihr behieltet sie also gern hier?

O, von Herzen gern!

Aber, lieber Gott, wodurch erwirbt sich denn das Mädchen diese allgemeine Liebe?

Erstens, wirklich durch ihr gutes Betragen gegen Jedermann, und dann auch durch ihre Geschicklichkeit. – Wenn Sie, gnädiger Herr, des Sonntags in unsere Kirche kämen, so ist sicher die eine Hälfte von dem Kopfputz, mit dem Sie unsere Weibchen stolzieren sehen, Mamsell Dörrings Werk.

Ha! ha! Putz also macht sie, und ist so allgemein beliebt? Sollte sie da nicht noch ein Verdienst, das oft mit diesem Gewerbe verbunden zu seyn pflegt – – –

»Nein, gnädiger Herr, auch so was nur denken – denn ich errathe gar wohl, was Sie meinen – ist Sünde. Zwar gab es, als sie hierher kam, ein Gerede, das ich mich nachzusagen schäme; zwar brachten nachher ein Paar Besuche von einem preußischen Offizier sie in neuen Verdacht. Aber erwiesen ist es, daß sie mit diesem Letztern nur in ihrer Muhme Gegenwart sprach; und jenes erste Geschwätz, für so sicher man es ausgegeben hatte, glaubt jetzt kein Mensch mehr.« –

Das Uhrwerk der gastwirthlichen Beredsamkeit blieb nun eine halbe Stunde lang im vollsten Gange. Nur unter dem Vorwand, Ruhe zu bedürfen, entfernte Wellmann endlich den Plauderer. – »Beym Himmel, rief er, als er allein sich sah, es ist doch viel, sehr viel, einen übeln, und noch überdieß gegründet übeln Ruf so ganz durch sein nachheriges Leben zu überwinden! Dieß wäre nun der zweyte Gastwirth schon, der ihres Lobes nicht satt wird, da Leute dieses Schlags sonst so gern auf Abwesende schmähen. – Sonderbar! sehr sonderbar! – Und ich war bereits ein Mahl Schuld, daß ihr guter Nahme wieder wankte? Fast dürfte ich es nicht wagen. – – Aber so weit her, und wahrscheinlich nie wieder in diese Gegend! – Possen, ich muß sie morgen sehen, und dann am Abend stracks wieder weiter!«

Wellmann war äußerst müde von der Reise; doch schlief er spät ein, und wachte früh wieder auf. Ewig schien es ihm zu währen, ehe die Glocke zehn schlug. Verdrießlich und schon angezogen ging er in seinem Zimmer auf und ab, als ein stärkeres Gehen auf der Gasse ihn ans Fenster lockte. Es war ein Schwarm Menschen, die aus der nächsten Kirche und zwar aus einer wöchentlichen Frühpredigt kamen. Er wollte gerade etwas genauer sie betrachten, indem öffnete sein Wirth die Thür. – »Wir sprachen gestern von Mamsell Dörring; da geht sie so eben beym Hause vorbey?« – »Wo? Welche? Wo?« Der Wirth zeigte auf ein in Hellblau wohlgekleidetes Frauenzimmer. Ich danke Ihnen! rief Wellmann, und war zu des Alten Erstaunen mit einem Sprunge zum Zimmer hinaus, und ihr nach. Ehe sie noch um die Ecke sich wandte, hatte er sie eingehohlt. Wenig fehlte, so hätte Marianne laut aufgeschrieen, als er sie anredete, und sie Trotz seines geänderten, nunmehr bürgerlichen Kleides ihn erkannte. Er bestand darauf, daß sie an seinem Arm sich führen lassen sollte. Alles vor und hinter ihr stieß, voll Neugier: wer dieser Fremde wohl sey? die Köpfe zusammen. Das arme Mädchen ging neben ihm, wie auf glühenden Kohlen. Daß Wellmann an der Hausthür nicht Abschied nahm, versteht sich von selbst.

Aber auch ihm ward es schwer, die Verwunderung zu verbergen, in welche Mariannens Anblick ihn versetzte. Unendlich hatte sie indeß zu ihrem Vortheil sich verändert. Etwas voller war ihr Gesicht, röther ihre Wange, gebildeter ihr ganzer Wuchs geworden. Sie trat so eben seit wenigen Tagen erst aus ihrem zwanzigsten Jahre. Jede Spur ehemahliger Ausschweifungen – welche niemahls sie entstellt, nur etwas gebleicht hatten – war verschwunden. Seit den drey Jahren, welche sie wieder stets im Zimmer zugebracht hatte, war weißer ihre Hand, gesegneter ihr Busen, feuriger ihr Auge geworden. Hübsch sah sie aus, als Wellmann zum letzten Mahl mit ihr sprach: schön fand er sie wieder.

Groß war diese Veränderung bereits, noch größer eine andere, die mit ihrem Geiste vorgegangen war. Lesen in den Winterabenden, und in ein Paar täglichen Feyerstunden des Sommers, noch mehr ein eigenes glückliches Nachdenken über das Gelesene bey ihrer stillen sitzenden Arbeit, hatte ihrem Ton eine Annehmlichkeit, ihrem Geist eine Ausbildung gegeben, die Wellmann schier für ein halbes Wunder gehalten hätte. Es verfloßen ihm im Gespräch mit ihr zwey Stunden; er glaubte, es sey ein halbes Stündchen nur. Recht sittlich mußte das alte Mütterchen mit Tischtuch und Tellern handthieren, um ihn zu erinnern, daß es Tisch- und Weggehenszeit sey. An Wiederkommen bedurfte es keiner Erinnerung. Ehe die Glocke noch zwei Uhr schlug, hatte Wellmann bereits sich selbst zum Kaffeh eingeladen.

Er erzählte ihr im Gespräche, daß er in ihrer Vaterstadt gewesen und mit ihrem Vater geredet habe; Marianne ward bleich. Er verbarg ihr die harte Äußerung desselben nicht; eine Thräne trat ihr ins Auge. Er fuhr fort, sie wegen Dessen, was er von einer Heirath gehört, halb scherzend zu befragen, und sie erröthete; er wiederhohlte seine Frage, und sie gestand: daß das Gerücht nicht ungegründet sey. – »Aber noch,« setzte sie hinzu, »bin ich unentschlossen; bin mehr für Nein, als für Ja.« – Wellmann forschte weiter. »O, antwortete sie, und verbarg eine zweyte Thräne, wo nähme ich Schamlosigkeit genug her, um mein voriges Leben einem Mann zu entdecken? Oder woher Gewissenslosigkeit, um einen Unwissenden mit meiner Ehe zu täuschen?«

Und wenn nun ein Freund von Ihnen mit gehöriger Vorsicht die Entdeckung unternähme? Wenn selbst diese nicht die Liebe bey ihrem Anbether erkaltete?

»So würde es einer solchen Ehe doch noch immer an einer Liebe gebrechen – Sehn Sie nicht so starr mich an! Ich weiß, ich fühle es, wie unbescheiden es klingen muß, wenn ein Geschöpf, wie ich, noch wählen will: und wenn ich, jeder Ehe unwürdig, noch anstehe, einem Manne meine Hand zu geben, weil ich bloß ihn achten kann. Dennoch –«

Sie schlang ihre Worte in sich, und entfernte sich auf eine Viertelstunde. Die Alte nützte diesen Zwischenraum zur Beschwerde über ihre Muhme, die einem reichen, braven, freylich etwas betagten Mann, aus Grillen dieser Art, eine abschlägige Antwort geben wolle. Alle Augenblicke berief sie sich auf Wellmanns eigenes Gefühl: ob sie nicht recht habe? Nur durch Beugung des Haupts, nicht durch ein ausdrückliches Ja, vermochte er dieß Recht ihr einzugestehen. Bald darauf kam Marianne wieder. Das Gespräch lenkte sich auf andere Gegenstände; die Stunden flogen bey Wellmanns Seele vorbey; er blieb ungebethen, bis hoher Abend ihn nach seinem Wirthshause zu gehen nöthigte. An Wegreisen ward noch nicht gedacht. Aber die Frage seines gutherzig neugierigen Wirths: Ob Ihr Gnaden vorher schon Mamsell Dörring gekannt hatten? beantwortete er so zerstreut, mit einem so auffahrenden: Und warum das? daß der gute Alte mit bedenklichem Kopfschütteln wegging, und allen Gästen in der untern Stube versicherte: Es stecke ein Geheimniß hinter dem fremden Herrn.

Wenig hatte Wellmann, wie wir schon sagten, in voriger Nacht geschlafen; in dieser schlief er noch minder. – Bey Gott, sie ist schön! ist unbegreiflich verschönert! das wiederhohlte er sich wohl hundert Mahl. Gegen Morgen erst schlummerte er ein und sein Traum erneute sogleich die Scene der ersten Bekanntschaft. Fast hätte er sein eigenes Gedächtniß Lügen gestraft, so entehrend dünkt ihm jetzt diese Scene, und doch selbst in dem Entehrenden fand er sie – angenehm; wenigstens für seine Sinnlichkeit.

Auch diesen zweyten Tag verbrachte er fast ganz bey Mariannen. Verschiedene Mahl berührte er im Gespräche den Punct der ihr angetragenen Heirath. »Ich weiß es, gab sie ihm endlich zur Antwort, daß meine Muhme mich gestern bey Ihnen verklagt hat. Ich zweifele nicht, daß Sie mich tadeln; aber vielleicht verdiene ich auch bald Ihr Lob. Ich vermuthe nur Ende dieser Woche einen Besuch meinen Liebhabers. Möglich, daß er mit meiner Antwort zufrieden hinweggeht!« –– Wellmann verstummte auf ein Paar Secunden; sein Blick haftete etwas starr an dem ihrigen. – »Und Das ist Ihr Ernst?«

»Warum nicht! Riethen Sie mir gestern nicht auch zur Annahme?«

»So ganz unbedingt doch wohl schwerlich!« – Er schwieg, und ging ein Paar Mahl im Zimmer auf und ab. Es schien ihm Mühe zu kosten, den Anfang eines neuen Gesprächs zu finden. Auch begab er sich heute früher in sein Wirthshaus zurück; doch nicht aus eigener Willkür. Marianne, die mit ihrer Muhme gegen Abend weggehen zu müssen vorgab, nöthigte ihn dazu.

»Muß ich Abschied von Ihnen nehmen?« war ihre Frage an ihn, als er ging.

»Abschied! Warum das?«

»Weil ich glaubte – weil ich dächte – daß Sie selbst vorhin von baldiger Abreise gesprochen hätten.« – Wellmanns Gesicht glich seinem Scharlachmantel. – »Ich reise wenigstens nicht, ohne Sie vorher wohl noch ein Paar Mahl gesehen zu haben!« das zwang er mühsam heraus, und entfernte sich. Er hatte bey dieser letzten Rede in Mariannens Ton und Miene ein Etwas gefunden, das er nicht bestimmt zu tadeln vermochte, und was ihm doch mißfiel. Einsam nahm er das Abendessen in seinem Zimmer ein, oder ließ es vielmehr nur sich auftragen und wieder wegnehmen. Um seinen Mißmuth zu zerstreuen, durchstrich er fünf bis sechs Mahl das ganze kleine Städtchen, und wohl doppelt so oft die Gasse, wo Marianne hinzugehen vorgegeben hatte. Erst um zehn Uhr kam er heim. Noch um ein Uhr sah man Licht in seinem Zimmer, und ihn selbst im stäten Spaziergange auf und nieder begriffen.

Daß er am dritten Tage bald nach dem Morgenkaffeh seinen gewöhnlichen Gang ging, läßt sich errathen; aber Marianne empfing ihn nunmehr mit sichtlicher Verlegenheit. – Er saß eine halbe Stunde schon da, und sie hatte kaum zwanzig einsylbige Wörter ihm geantwortet. Er fragte endlich um den Grund. Sie ward roth; schlug die Augen auf, wieder nieder. – »Ich muß gestehen, daß es mir schwer herauszusagen fällt; aber – aber Sie selbst fordern es –«

»Ha, was gilts! Nun ist sogar mein Besuch Ihnen zuwider?«

»Das ist er mir gewiß nicht! Aber auffallend ist dem ganzen Städtchen Ihre Herkunft, Ihr langes Dableiben, Ihr stäter Aufenthalt bey einer Person – gnädiger Herr, seit etlichen Jahren bestrebe ich mich nun schon, und nicht ganz vergebens, wie mir schien, meinen guten Nahmen wieder zu erwerben – nur einen Tag noch bleiben Sie hier, und es ist Alles vernichtet, was ich –«

»Gut, gut! Nichts weiter! Ich verstehe Sie. Aber ich hoffe – Marianne, leben Sie wohl! Bald wieder oder nie!« – Er stürzte mehr fort, als er wegging. Nach einer halben Stunde fuhr er durch ihre Gasse, doch nicht auf der Post, sondern in einer Halbchaise seines Wirths, nicht ganz hinweg, sondern nur spazieren, wie es schien. Marianne dachte mancherley darüber nach, und begriff den Zusammenhang nicht. Erst nach vier oder fünf Stunden kam er wieder. Er konnte kaum noch abgestiegen seyn, so brachte ein Knabe aus dem Gasthof folgenden, an Mademoiselle Dörring überschriebenen Brief.

»Mich zu zerstreuen, und dann in freyer Luft meine Gedanken wieder zu sammeln, das, liebste Marianne, suchte ich, als ich mich so rasch von Ihnen entfernte. Jetzt glaube ich Dieß gethan, und Alles, was in mir kochte, durchdacht zu haben. In einer einsamen Laube eines ländlichen Gartens, ungefähr eine Meile von Ihrem Städtchen, schreibe ich meinen Entschluß nieder. Daß ich schon längst Sie liebte – doch nein, keine Entweihung des Worts! Daß mich vordem schon oft nach Ihnen gelüstete, das wissen Sie längst. Jetzt thue ich noch mehr; ich liebe Sie wahrhaft, und zum Beweis biethe ich Herz und Hand Ihnen dar. Es ist kein vorüberrauschender thörigter Einfall. Ich bin über dreyßig Jahr alt; habe, freygestanden, hart mit meiner Leidenschaft gekämpft; aber sie ist zum festen Entschluß geworden; und ich bin versichert: Sie machen mein Glück, wenn Sie meine Gattinn werden. Mein künftiges Amt würde auch ohne Vermögen – mein väterliches Erbtheil auch ohne Amt mich nähren. Ich habe keine Verwandte, von denen ich abhänge. An dem Ort, wo ich künftig zu leben gedenke, kennt noch Niemand weder Sie noch mich. Alles Vortheile für mich und Sie! Ob mein Äußerliches Ihnen gefallen könne oder nicht, müssen Sie längst bereits wissen. Mißfällt es Ihnen nicht, so schlagen Sie ein! Nur zweyerley beding ich mir. Baldige Antwort! Und keine Entschuldigung wegen ehemahls. Ich bin überzeugt, kann Reue und nachmahlige Änderung selbst die Gottheit versöhnen, so darf der Mensch nicht strenger richten. Versüßen Sie mir nur die Gegenwart und die Zukunft; an Vergangenheit soll Sie nie ein Wörtchen, nie ein Blick von mir erinnern! In zwey Stunden hohle ich mir Ihre Entscheidung. Übermorgen muß ich fort. Entweder allein, um Sie nie wieder zu sehen, oder in Begleitung von Ihnen und – wenn es Ihnen gut deucht, auch Ihrer Muhme. Entscheiden Sie daher bald, und, wenn Sie können, günstig!«

Mariannens Staunen über diesen Brief faßt keine Sprache. – »Ist es möglich? Ist das Ernst?« – Dieß waren ihre einzigen Worte, indem sie der Alten das ganze Schreiben hinreichte. Auch Diese hätte schier ihrer Brille beym Lesen nicht getrauet, aber desto redseliger ward ihre Bewunderung nachher. Daß die Nichte einen solchen Antrag mit beyden Händen ergreifen würde, setzte sie zum Voraus, und stutzte daher nicht wenig, als sie abermahls auf Einwendungen stieß. Zwar läugnete Marianne nicht, daß Wellmann ein angenehmer Mann, daß er schon längst ihr nicht gleichgültig, und seine Hand fast für ein unerhörtes Glück zu rechnen sey aber ihre Zweifel – Die Alte ließ ihr keine Zeit solche auszukramen. Der Fluß dieser Muhmen-Beredsamkeit schien kein Ende zu haben. »Will er denn nicht Alles vergessen?« das war die Frage, mit welcher fast jede Periode sich schloß; und es kostete Mariannen Mühe, auf ein Stündchen nur in ihre einsame Kammer sich zurück ziehen zu dürfen, um dort ungestört diesem Vorschlag nachzudenken.

Die Stunde verfloß ihr so langsam und so schnell zugleich. So langsam, wenn sie nach der Menge von Gedanken, so schnell, wenn sie nach den Entschlüssen rechnete. Ein Klingeln an der Hausthür, ein Gang die Treppe hinauf, den sie alsbald für Wellmanns Gang erkannte, unterbrach endlich ihre Überlegung. Ihre Muhme rief; sich zwey Mahl rufen zu lassen, verboth ihr nicht die Höflichkeit bloß, sondern auch ihr eigenes Gefühl.

Hier eine feine Gelegenheit zu einer lebhaften, vielleicht nicht an Interesse leeren Scene! Aber zu lang ist schon das Vorhergehende gerathen; und Auszug wird daher jetzt räthlicher, als wörtliche Copie seyn; – Genug, als Wellmann seine schriftliche Frage auch mündlich wiederhohlt, als Marianne ihm frey gestanden hatte, daß sein Antrag sie ehre; aber auch oft und viel ihn erinnerte: daß er sich selbst beschimpfe; als er ihren Gründen vom Gerücht, das ruhige Leben in einem einsamen Winkel Germaniens, seiner muthmaßlichen Reue die glühendste Liebe, – ihren Bitten um Aufschub, um Überlegung wenigstens, den feyerlichsten Schwur: Jetzt oder Niemahls! entgegen gestellt hatte; da schien Marianne endlich ihre Gedanken und Zweifel mit diesen Worten beschließen zu wollen:

»Nun gut, Wellmann, ich will es Ihnen glauben, so schwer es mir fällt, daß es nicht mehr ein Gelüsten, – wie Sie selbst es nannten – daß es aufrichtige Liebe ist, was zu diesem Antrag Sie bewegt. Aber deßhalb, weil fern und einsam unser künftiger Wohnplatz, weil ganz neu und fremd der Zirkel unsers Umgangs seyn wird – deßhalb nicht zu fürchten, daß die Zeit, die Alles herausbringt, doch endlich entdecken dürfte: wie niedrig meine erste Lebensart, wie schmählig die Strafe war, die mich von ihr heilte – Wellmann, diese Furcht ist untilgbar! Und wenn Sie dann mich beschimpft in Aller Augen sähen; wenn Sie hörten: wie bitter man Sie selbst Ihrer Schwachheit halber tadle – ich fürchte, es gäb keinen Mann, der so eine Probe der Liebe, zumahl in später Ehe, ohne Reue, oder wenigstens ohne Verlust seiner Ruhe aushielt. – Wie unglücklich würde ich dann seyn; desto unglücklicher, je größer vorher mein Glück gewesen wäre! – Gleichwohl, Wellmann, ich gestehe es Ihnen, ich liebe Sie! Schon Ihre ehemahligen Anerbiethungen schlug ich mit Mühe aus. Ein Jahr lang noch nach Ihrem Abschied, gedachte ich Ihrer stündlich. Es gab Augenblicke sogar – nein, Sie möchten mich verachten, möchten Mißtrauen in meine Besserung setzen, gestände ich Alles heraus, was ich oft Ihrentwegen bereute! Und Ihr jetziges Anerbiethen, o es ist mir so werth, ist – hören Sie daher, wozu ich entschlossen bin!«

»Nun? – zur Gewährung doch, hoffe ich, liebstes Mädchen!«

Zu mehr noch, als zu ihr! – Wellmann, dieß Band der Ehe, je heiliger es ist, desto lästiger dürfte es bald Ihnen werden! Diese Liebe, je gesetzmäßiger Sie solche machen wollen, desto schneller wird sie erkalten. Wohlan, nur Ihr schriftliches Wort bedinge ich mir: mich nie unverschuldet und nie ohne Versorgung für künftig zu verstoßen; und Sie sollen stets in mir eine unwandelbare Liebe und glühende Dankbarkeit finden. Freundinn, Begleiterinn, was Sie selbst begehren, will ich Ihnen werden. Mir sey jeder Zwang, Ihnen kein einziger auferlegt.

»Wie? Höre ich – verstehe ich recht? Können Sie, da schon ein anderer rechtschaffener Mann seine Hand Ihnen both. – Hätte ich mich doch noch geirrt?«

Und worin? Wenn Sie die Wahl haben, in mir die Freundinn ganz zu besitzen, oder an die Gattinn gebunden zu seyn. – Welches wäre Ihnen wohl lieber?

»Ha! das Letztere, bey Gott! das Letztere vor wenig Augenblicken noch. – Doch dieß Erbiethen, der Schleyer, der bey ihm mir vom Auge sinkt –« Wellmann schien hier aufspringen zu wollen. Starr hatte Marianne bis jetzt ihn angeblickt. Mit Entzücken sah sie sein anfängliches Staunen in offenen Unwillen übergehen. Mit heißer Inbrunst ergriff sie seine Hand; ihre glühende Wange schmiegte sich an die seinige. – »O nein, Wellmann, rief sie, urtheilen Sie nicht abermahls zu rasch! Ihr Herz, Ihren Ernst wollte ich nur prüfen. Hätten Sie angenommen, wozu ich mich erboth, überzeugt wäre ich dann gewesen, daß Ihre Begierde noch jetzt mich kaufen wollte, und Sie hätten ein Fehlgeboth gethan; doch nun – o ich Frevelhafte, die ich nach Liebe noch streben, auf Liebe noch hoffen darf! O ich Überglückliche, die ich deren wirklich finde! – Wellmann! ich bin die Ihrige, wenn Sie anders ganz überdacht haben, welch ein Wagestück die Ehe, und zumahl eine Ehe mit mir sey.«

Mit Entzücken ergriff Wellmann jetzt die ihm dargebothene Hand! Hundert Küsse drückte er ihr und den nun willfährig gewordenen Lippen auf. Einen unbedeutenden Ring, von ihrem Finger gezogen, vertauschte er mit einem diamantenen von ansehnlichem Werth. Der Ärmste im Volk, dem das große Loos in einer wichtigen Lotterie zufällt, ist kaum halb so froh. – Jetzt waren Plane des Abreisens, der Begleitung, der baldigsten Verbindung, Wellmanns einziges Gespräch. Mühsam erlaubte er Mariannen, die gewissenhaft auf Vollendung einiger freundschaftlichen Arbeiten bestand, den Verzug von zwey oder drey Tagen noch. Auch freute er sich nicht allein. Die gute alte Muhme starb schier vor Vergnügen. Tief stand zwar schon die Sonne, als Marianne ihr Jawort gab. Doch ehe noch die Dämmerung einbrach, wußten schon zwanzig Freundinnen um diesen Vorfall. Am Abend hatte er bereits die Runde im ganzen Städtchen gemacht. Man staunte darüber; man bedauerte Mariannens baldigen Verlust; ihr Glück beneidete Niemand.

Wellmann wich nun diese Zeit über den ganzen Tag nicht von Mariannens Seite. Je mehr sie ihr Herz vor ihm aufschloß, je mehr fand er Stoff, mit ihr vergnügt zu seyn. Ein einziges Mahl nur sah er sie doch in Verlegenheit gerathen. Es war, als ihre Muhme lächelnd die Frage that: ob nun der alberne Hausrath hinter dem Spiegel noch nicht wegzuwerfen sey? Marianne erröthete bey diesen Worten bis zum Haare hinauf. Dieser Farbenwechsel und der Alten spottendes Gelächter reizten Wellmanns Neugier. – »Was ist das für ein Hausrath?« forschte er hurtig. Marianne ward noch stärker roth, und die Alte lachte noch heller. Daß Wellmann jetzt selbst hinging und nachsah, ist natürlich; eben so natürlich, daß er sich wunderte, hinter dem Spiegel eine große, doch ziemlich verdorrte Ruthe zu finden.

Fast dürfte ich – hob Marianne, etwas gesammelter an: – fast dürfte ich den Scherz meiner sonst gütigen Muhme etwas grausam nennen; doch auch hier offenherzig, wenn gleich nicht gegen Jedermann, doch gegen Sie zu seyn, finde ich keinen Anstand. – Sie wissen, was mich aus Ihrem Lager vertrieb; aber Sie wissen nicht, mit welchen Schmerzen, mit welcher unaussprechlichen Mühseligkeit ich den Weg bis hierher zurücklegte; nicht, wie manche Bitte, wie manchen theuern Schwur künftiger Besserung ich auch hier anwenden mußte, ehe ich die Erlaubniß da zu bleiben erhielt. – Um mich stets jener Schmerzen, jener Schmach zu erinnern, um meine gute Muhme vom Ernst meines Versprechens desto stärker zu überzeugen, um mich – was sollte ich es läugnen? – um mich selbst gegen eine vielleicht rückständige Schwäche desto mehr zu befestigen, band ich mit eigener Hand diese Ruthe, und beschwur meine neue Mutter: auf diese hinzudeuten, wenn sie mich in Gefahr des kleinsten Strauchelns glaube; ja, mit ihr, oder mit strengern Werkzeugen noch, nicht gelinder gegen mich als Ihr General zu verfahren, wenn sie auf dem kleinsten Rückfall mich ertappe. Daß ich ihrer strafenden Hand, wie jeder Ermahnung von ihr, geduldig mich unterwerfen würde, Dieß versicherte ich mit dem heiligsten Eide; und ich hoffe auf ihr Zeugniß: ich hielt ihn!

Ja! ja! rief die Alte, das Zeugniß muß ich ihr geben, und wenn diese Stunde auch meine Todesstunde wäre. Zwanzig Mahl seit zwey Jahren wollte ich diesen Popanz schon wegwerfen; sie selbst nur setzte sich dagegen. Überhaupt, lieber Herr, was vorging, ehe sie das Mädchen her zu mir schickten, das weiß ich freylich nicht, und verantworte es eben so wenig; doch seit sie unter meinem Dache ist, bürge ich für Zucht und Ehrbarkeit mit Seele und Leib. Selbst zur Ermahnung ist es nicht mehr als ein Mahl gekommen.

Etwas ernster ward hier Wellmanns Gesicht. – »Also doch ein Mahl noch?« fragte er, und blickte etwas ausforschend auf Beyde. Gelassen blieb Marianne, und lächelnd fuhr die Alte fort: – »Ist Ihr Gedächtniß so kurz, daß Sie des Augenblickes schon vergessen haben, wo ich, sehr zur rechten Zeit, den Kaffeh Ihnen brachte? Entsinnen Sie sich meiner Frage noch, und meines Winkes auf den Spiegel hin? Wohl möglich, daß Sie mich nur halb verstanden; doch Marianne verstand mich ganz.«

Wellmann erröthete. Überraschend war für ihn diese Wendung. – »O Verzeihung meiner Eifersucht, beste Marianne!« rief er, und küßte ihr zärtlich die Hand. Sie senkte die Augen; eine Thräne blinkte in ihnen. – »Wie unbillig wäre es, lispelte sie, wenn ich, die so mancher Nachsicht bedarf –« Jede weitere Selbstanklage erstickte Wellmann mit hundert Küssen. »Auch dieser Hausrath, sprach er halblächelnd, muß nach Westphalen mit folgen. Er ist ein Beweis mehr von jener ernstlichen Reue, die wohl größere Fehler noch auszusöhnen vermöchte.«

Zwey Tage darauf war ihre Abreise; ehe noch ein Monath verlief, ihre Hochzeit. Marianne galt dort unter verändertem Nahmen für ein sächsisches Mädchen, unweit der böhmischen Grenze, von gutem Hause geboren. Nie hatte Wellmann sein Wagestück zu bereuen Ursache. Eine liebevollere Gattinn, bereitwillig nach jedem Wink und jeder Laune ihres Gemahls, gab es nie: Kein Fehler im Anstand, kein Verstoß gegen feine Sitten, kein Flecken im moralischen Betragen gab jemahls bey ihr zu einem Verdacht nur Anlaß. Selbst von jenen Freunden, denen einst Wellmann, in frohem unbesorgten Muthe, der Geschichte ersten Theil ausgeschwatzt hatte, besuchten ein Paar ihn in der Folge; sahen seine Gattinn, wünschten ihm Glück zu seiner Wahl, und ließen auch keinen Gedanken von Argwohn sich aufsteigen. Daß Wellmann gegenseitig hielt, was er versprochen hatte, versteht sich von selbst.

Sechs Jahre lebten sie so; drey Söhne gab sie ihm; mit dem Vierten ging sie schwanger; da brachte ein Umsturz des Wagens beym Spazierenfahren eine unzeitige Geburt zuwege; und so ängstlich Wellmann zu ihrer Rettung auch Alles aufboth, so eifrig die Ärzte zu helfen suchten, folgte doch eine Abzehrung bald darauf. Fast mit Übermaß weinte ihr Gemahl um sie. Als am Jahrestag ihres Todes einige Freunde durch Trost ihn aufzuheitern suchten, da entdeckte Wellmann ihnen erst sein Geheimniß. Noch zehn Jahre nachher trat gewöhnlich eine Thräne in sein Auge, wenn er von ihr sprach; wenn er ein Paar Minuten lang ihr Bildniß betrachtete; oder wenn seine Kinder ihren Nahmen nannten.


Der Mörder aus Bruderliebe.


Eine wahre Kriminal-Geschichte.

Katharina H** war eine achtzehn- bis neunzehnjährige, von Gestalt nicht uneben, von Denkungsart ziemlich wollüstige, böhmische Landdirne. Da sie das einzige Kind ihrer Ältern und zukünftige Erbinn eines recht artigen Bauerngutes war, so bewarben sich viele junge Burschen um ihre Gunst. Sie gab dem Sohne ihres Nachbarn, Anton S. sichtlich den Vorzug vor allen Andern. Er machte immer ihren Tänzer in der Schenke, ihren Begleiter auf Kirch- und Spazierwegen; auch ihr Kammerfenster fand er des Nachts offen. Doch ihre Ältern stimmten nicht zu dieser Wahl. Sie untersagten ihr streng und plötzlich allen Umgang mit ihm, und zwangen sie endlich, einen Schmied aus der nahe gelegenen Stadt Cz–u zu heirathen.

Diese Heirath schlug aus, wie gezwungene Ehen gewöhnlich ausschlagen. Der vor der Hochzeit schon verhaßte Gatte ward ihr nach derselben noch verhaßter. Alltäglich zankte sie sich mit ihm; was sie wußte und konnte, that sie ihm zum Possen; auch mit ihrem vorigen Liebhaber setzte sie unter der Hand den vertrautesten, jetzt zweyfach unerlaubten Umgang fort. Ziemlich lange hielt die Geduld des beleidigten Ehemannes aus; doch unermüdlich war sie keinesweges. Da er Anfangs das Nachgeben, und dann die ernstliche Vermahnung fruchtlos versucht hatte, so schritt er endlich zur Schmiede-Rhetorik, und ließ sie seine schwere Hand tüchtig fühlen. Sie lief wehklagend zu ihren Ältern, doch diese versicherten, es sey ihr recht geschehen. Auch hier ohne Unterstützung, kroch sie zwar daheim dem Scheine nach zum Kreutze; doch im Herzen hegte sie Gift und Galle. Zu Allem, selbst zu den schändlichsten Gegenmaßregeln, hielt sie sich nunmehr für berechtigt.

Sie erklärte daher bey der nächsten heimlichen Zusammenkunft ihrem Buhler geradezu: Sie halte es nicht länger bey ihrem Wüthrich aus. Er müsse ihr von ihm helfen; oder er habe es nie gut mit ihr gemeint. Sein eigner Vortheil sey damit verbunden. Denn so wie sie jetzt Witwe werde, stehe sie auch unter Niemands Bothmäßigkeit mehr; sey fast noch ein Mahl so reich als vorher, und werde dann ihm mit Freuden ihre Hand reichen.

Anton stutzte gewaltig bey dieser Rede, und meinte, das Ding sey sehr schwer, wo nicht gar unmöglich auszuführen. Aber sie wußte Alles ihm leicht zu machen; zeichnete sogar ihm Schritt vor Schritt den Weg vor, den er einzuschlagen habe. – »Übermorgen, sagte sie, sey Sonntag und zugleich der Nahmenstag ihres Vaters. Ganz gewiß werde sie dann nebst ihrem Manne ins älterliche Haus gehen. Indessen wolle sie sich nach Möglichkeit zwingen, ihrem Unthiere recht schön thun, und ihn dadurch kirren, daß er sie diesen Sonnabend in die Schenke zur Musik führe. Dort wolle sie bleiben, bis gegen eilf Uhr. Wenn sie nun heimgingen, führe sie ihr Weg bey einem Teiche zwischen einigen Weiden hin, wo es am Tage schon düster und des Nachts gewiß völlig einsam sey. Hier solle Anton aufpassen. Zum Zeichen, daß sie es wären, und niemand sonst mitgehe, wolle sie von weitem schon ein Liedchen trällern. Dann soll er rasch hervorspringen, ihrem Mann entweder einen Strick über den Kopf werfen, oder mit einem Beile einen kräftigen Streich aufs Hinterhaupt versetzen, daß er hinstürze. Sie selbst wolle ihn dann schon erdrosseln helfen. Daß sie Zwey eines Einzigen, der sich dessen nicht vermuthend, und überdieß wahrscheinlich halb trunken sey, Meister werden würden, sey gar keine Frage.«

Sie fiel, indem sie Dieß sagte, ihrem Liebhaber um den Hals; wies ihm die Merkmahle der seinetwegen, wie sie vorgab, erhaltenen Schläge; streichelte, herzte ihn, weinte wohl ein Paar Thränen; kurz, that alles Mögliche, um ihn anzufeuern; und er – widerstand nicht länger. Mit Hand und Mund ward man einig: daß der verhaßte Ehemann die Mitternachtsstunde des nächsten Sonntags nicht mehr schlagen hören solle. Zur Vermeidung alles Argwohns wolle man nach vollbrachtem Morde ihn berauben, und seine Mörderinn, absichtlich hier und da blutrünstig geritzt, solle in die nächsten Häuser eilen, allda Räuber oder Mörder schreyen, und die Leute zu Hülfe rufen, wenn keine Hülfe mehr möglich sey.

So schied man von einander. Aber kaum war Anton wieder allein; kaum überdachte er, was er versprochen hatte, genauer, da stellten sich auch schon wieder Bedenklichkeiten in Menge bey ihm ein; der Schmied war ein großer, baumstarker Kerl; wenn der erste Schlag in der Dunkelheit oder Eile ihn verfehlte; wenn er dann selbst über seinen Angreifer herfiele; wenn der genossene Trunk seine ohnedem beträchtlichen Kräfte eher verstärkt, als geschwächt hätte; wenn auf sein Rufen andre Menschen herbeyeilten? – Alles Dieses waren Möglichkeiten, die in Antons Kopfe bald zu Wahrscheinlichkeiten wurden, welche den ganzen Sonnabend ihn tiefsinnig umhertrieben, und ihn endlich Sonntag Morgens zu dem Entschlusse bewogen, noch einen Gehülfen sich anzuwerben. Er hatte einen Bruder, Georg mit dem Vornahmen, der einige Jahr älter, und Knecht auf einem benachbarten Meierhofe war; ein guter, ehrlicher Bursch, der mit Bruder Anton stets im besten Einverständniß gelebt, um seine ehemahlige Liebschaft mit Katharinen gewußt, die Fortdauer ihres Umgangs ebenfalls schon gemerkt, doch nie in etwas sich eingemischt hatte. Zu ihm ging jetzt Anton, vertraute ihm Alles haarklein, und schloß mit der Bitte: Abends seinen Begleiter und Beystand zu machen.

Aber mit Abscheu verwarf Georg einen solchen Vorschlag, mit dem wärmsten Eifer drang er in seinen Bruder, das ganze Unternehmen aufzugeben. Nicht bloß von der Seite der Gefahr, mehr noch von der Abscheulichkeit des Verbrechens selbst nahm er seine Gründe her. Daß ein Weib mit solchen Vorschlägen durchaus nicht Liebe verdiene; daß den Vollbringer einer so abscheulichen That, auch wenn sie unentdeckt bliebe, sein Gewissen durchs ganze Leben elend mache. Das stellte er ihm mit den hellsten Farben vor, und ließ nicht eher ab, bis er von ihm das Versprechen erhielt, seinem Anschlag wenigstens für dieß Mahl noch zu entsagen. Anton hatte bey des Bruders letztern Worten wirklich gerührt zu seyn geschienen; hatte ihm mit merklichem Zittern die Hand darauf gegeben, daß er von ihm nach Hause gehen, und nach Sonnenuntergang nicht mehr vor die Thürschwelle, geschweige an den bewußten Ort, sich begeben wolle. Gleichwohl traute Georg nicht völlig. Nach dem Abendessen, als er alle ihm zukommende Arbeit verrichtet, erbath er sich von seinem Dienstherrn die Erlaubniß, noch ein Stündchen wegzugehen, und eilte ins väterliche Haus. Anton war nicht da. Georg sah in der Schenke nach, und fand ihn dort eben so wenig. »Ha, was gilts! er lauert schon am Teiche!« so dachte er; und flog gleichsam mehr hin, als daß er ging. Sein Argwohn war leider nur zu gegründet. Er traf ihn hinter einer dieser Weiden, mit Strick und Beil bewaffnet.

Jetzt – Dieß bezeugte nachher beym Verhör Anton selbst mit Thränen! – jetzt wandte Georg noch ein Mahl alle ihm mögliche Beredsamkeit an, seinen Bruder zur Rückkehr zu bewegen. Da er wohl sah, daß sein Gewissen, durch Leidenschaft und Eigennutz verblendet, sich über alle Sträflichkeit der That wegsetze, so suchte er ihn durch Vorstellung der Unmöglichkeit, daß so ein Mord unentdeckt bleibe, zu schrecken. Ja, er schwur hoch und theuer, daß er jetzt gleich zum Richter hineilen, Alles anzeigen und diesem Bubenstück zuvorkommen wolle, wenn Anton nicht stracks mit ihm heimgehe. – Diese letzte Drohung wirkte; Anton entschloß sich endlich zum Mitgehen. Aber indem er kaum einige Schritte fortgeschlichen war, schlug es auf dem Kirchthurm in Cz–u eilf Uhr, und indem der Zaudernde stehen blieb, um, wie er sagte, zu zählen, hört er von Weitem schon die unselige Losung – hörte singen, und erkannte gar leicht Katharinens Stimme. Unaufhaltsam riß er sich jetzt von seinem Bruder los, und stürzte auf den Ort zu, von wannen der Schall herkam.

Stockstill und unentschlossen stand Georg einige Augenblicke da. Was sollte er auch thun? Dem Wüthenden nacheilen, ihn rufen – seinen eigenen Bruder verrathen? Oder auf dem Heimweg fortschreiten, und Alles gehen lassen, wie est gehe? Peinlich genug war diese Lage, doch was darauf folgte, war noch peinlicher. Denn kaum 1 oder 2 Minuten später vernahm er ein dumpfes Getöse, rasch darauf einen harten Fall und Antons Ruf: »Um Gotteswillen, Bruder zu Hülfe! Er bringt mich um!« Hier verließ Georgen alle Fassung, ja fast alles Bewußtseyn. Ohne zu wissen, was er eigentlich thue, flog er hinzu, erblickte – so viel es der Ort und die Düsternheit der Nacht zuließen – 2 Männer, die auf dem Erdboden zusammenringend lagen, und hörte, daß der untere nochmahls röchelnd rief: Bruder rette mein Leben! Nicht einmahl einen Stock hatte Georg in der Hand; aber leider sah er in diesem Augenblick das Beil blinken, das Antons Faust beym Fall entsunken war. Rasch griff er darnach, und führte aufs Haupt des oben liegenden Schmieds einen so gewaltigen Streich, daß dem Unglücklichen stracks die Hirnschale zerspaltete, und er mit einem lauten jammervollen Jesus Maria! seinen Gegner fahren ließ. Leicht wandte sich Anton nun wieder hervor und erdrosselte denjenigen vollends, der ohnedem schon mit dem Tode rang.

Alles Dieß war das Werk einiger wenigen gräßlichen Minuten. Georg hatte gleich nach vollführtem Streiche das unselige Werkzeug des Mordes weit von sich weggeschläudert. Ohne weiter auf seines Bruders Zuspruch zu achten, ohne einen Augenblick länger zu verziehen, floh er querfeldein über Äcker, Steine, Gräben seiner Heimath zu. Anton folgte ihm bald darauf mit gleicher Hast. An Beraubung des Ermordeten gedachte er nicht weiter; kaum war er sich so viel gegenwärtig, daß er das weggeworfene Beil aufsuchte und mitnahm.

Auch die Ehebrecherinn, Trotz des kalten Blutes, womit sie den Plan der ganzen Schandthat entworfen, Trotz der Genauigkeit, womit sie Anfangs ihn befolgt hatte, war nachher gewaltig von ihrer Rolle abgewichen. Schon an dem kleinen für sich unbedeutend scheinenden Umstand, daß der Angriff nicht, wie verabredet wurde, hinterrücks, sondern vorwärts geschah, scheiterte ihre Fassung. Als sie nun vollends sah, daß jener erste Streich nicht genüglich wirke, daß der entschlossene Mann seinen Angreifer packe und werfe, da entsank ihr aller Muth, mit Hand anzulegen. Sie ergriff die Flucht, und schrie so ängstlich: Hülfe! Hülfe! als ob sie wirklich dieselbe wünsche. Zwar faßte sie sich in einer ziemlichen Entfernung wieder; blieb stehen, horchte, erkannte Antons Stimme, und schöpfte Hoffnung, daß ihr Bubenstück doch noch gelungen sey. Aber umzukehren wagte sie doch nicht, weitern Lärmen zu machen noch minder. Sie wanderte vielmehr so geradezu nach Hause, legte sich so unbefangen zu Bette, als habe sie nichts mehr zu besorgen, zu verantworten, zu verheimlichenÜber nichts hat man bey Lesung von Kriminal-Akten sich mehr zu verwundern, als über die wenige Vorsicht, welche Verbrecher anwenden, ihre That unentdeckt, oder sich selbst verdachtlos zu machen.
Bis zur Ausführung der That haben sie oft Alles überdacht, was vorzukehren, was aufzubiethen war; haben es oft mit einer Schlauheit gethan, die man anstaunen möchte. Über dasjenige, was nach derselben folgen kann, oft folgen muß, sind sie ganz unbesorgt: oder leben die unwahrscheinlichste Entschuldigung, ein bloßes halsstarriges Läugnen (welches sie überdieß selten durchsetzen) als genügend an. Ganz unerklärlich für den Erforscher des menschlichen Herzens ist eine solche Verblendung zwar nicht. Stärke der Leidenschaft zieht alle Aufmerksamkeit nur auf einen einzigen Punct hin: um diesen zu erreichen, spannt die Seele der Menschen alle Kräfte an, nützt Alles, was ihn dahin leitet; aber was jenseits desselben liegt, gilt ihr gleichviel. Der elende Trost: kommt Zeit, kommt Rath! genügt ihr schon. – Dennoch bleibt es allerdings oft erstaunenswürdig, wenn man sieht, bis zu welchem Grade von Blindheit der Geist des Menschen herabsinken, wie er so ganz seinem eigentlichen Endzweck (der doch immer Verbesserung seines Zustands seyn soll) zuwider handeln, und in Verbrechen sich stürzen kann, derer traurigster Erfolg unausbleiblich ist. Ich will hier, zur Bestätigung aus dem Kreis eigener Erfahrung, nur zwey Beyspiele anführen, die vor Kurzem erst sich zutrugen, und wo man schwören sollte, nur ein Wahnsinniger (was beyde Verbrecher doch gewiß nicht waren) könne so handeln.
Ein junger Bauer im Kön**zer Kreise heirathete eine Dirne aus einem benachbarten Orte. Sie brachte ihm ungefähr hundert Gulden Heirathsgut mit; und diese verthat er, der immer im Wohlleben und Nichtsthun einen großen Hang gehabt hatte, binnen Jahresfrist. Jetzt begehrte er: seine Frau solle von ihren Ältern neue Barschaft hohlen. Sie that es wirklich und brachte, indem sie ihr erstes Wochenbett geltend zu machen wußte, fünf und zwanzig Gulden mit. Auch diese waren nach einigen Monathen durchgebracht; und als er wieder in sein armes Weib drang, als sie endlich, wiewohl etwas langsam, ging, kam sie mit leeren Händen zurück. Ihr Vater hatte geradezu erklärt, daß er bey Lebzeiten nichts mehr herausgebe. Gewaltig hoch empfand der Nichtswürdige diese Weigerung; beschloß sich zu rächen, und nahm zum Gegenstand der Rache die unschuldigste Person von Allen, sein eigenes armes Weib. Kaum hatte sich Diese, müde von ihrem Gange, etwas zeitiger als sonst mit ihrem Kinde an der Brust zu Bette gelegt, als er sie wüthend überfiel und zu erdrosseln strebte. So unerwartet der jungen Frau dieser Angriff kam, so herzhaft wehrte sie sich. Aber freylich unterlag sie endlich. Der Unmensch drosselte sie mit solcher Gewalt, daß ihr die Augen aus dem Kopfe sprangen, und brach ihr zuletzt das Genick über dem Bettbret. Dann nach vollbrachter Schandthat setzte er sich noch ein Viertelstündchen vor die Hausthür, rauchte gemächlich eine Pfeife Toback, ging darauf in eine Bodenkammer und schlief sanft und tief bis in den Morgen hinein. Eine Magd, die ins untere Zimmer kam, die ermordete Frau in der schrecklichsten Lage, den schreyenden Säugling zu ihren Füßen fand, machte zuerst Lärmen. Die Gerichte kamen, und der verhaftete Mörder gestand sogleich Alles.
Ja da Einer von den Gerichtspersonen ihn fragte: Warum er denn die arme Frau erst so lange gemartert. da er sie doch wohl auf eine leichtere Art hätte tödten können? war seine ganze Entschuldigung: Es dauerte ja über zehn Minuten! –
Ein anderer junger Bauernsohn aus eben diesem Kreise hatte die Jägerey erlernt, und sich immer untadelhaft aufgeführt. Unvermuthet hört er: daß sein Vater dem jüngern Bruder die Wirthschaft übergeben will. Dieß kränkte ihn; er ging heim und fragte nach diesem Bruder, der gerade auf dem Felde war. Man sagte ihm: er werde bald kommen. Gelassen setzt er sich ans Fenster des Wohnzimmers zur ebenen Erde, die Flinte neben sich, seine Miene so gleichgültig, als möglich. Endlich erblickt er den Bruder in der Scheune gegenüber. – – »Komm doch her, Franz (rief er, indem er das Fenster öffnete) ich habe dir etwas zu sagen!« – Der Unbesorgte kam. Rasch griff der Jäger nach dem Gewehr und schoß ihn, daß er zusammenstürzte. An keine Flucht dachte er, an Läugnen eben so wenig. Auch wäre das Letztere Unsinn gewesen, da im Hof und in der Stube wenigstens sechs bis sieben Zeugen waren. – »Er habe das Gut haben wollen!« war beym Verhör seine ganze Ausrede. Von Verrückung des Verstandes ließ sich in allen anderen Puncten auch nicht die geringste Spur auffinden.
Verbrechen dieser Art – wenn bey den Thätern derselben nicht etwa ein offenbarer Lebensüberdruß herrschte – dünkten mich von jeher die Unerklärlichsten zu seyn. Begehung des Lasters selbst wird uns, in einer Welt wie die unsrige ist, leider nur zu begreiflich. Aber wie man bey so plumpen Maßregeln auf Straflosigkeit hoffen, oder ohne diese Hoffnung eine Handlung begehen könne, die nothwendig zum Untergang führen muß, Dieß läßt schwer sich fassen. Auch die Entscheidung: daß Thaten dieser Art gewöhnlich nur von rohen Menschen begangen werden, ist nichts weniger als hinreichend; denn diese rohen Menschen zeigen bey tausend anderen Vorfällen Besinnungskraft genug..

Sehr natürlich, daß daher am andern Morgen, als man den Leichnam fand, und die Gewaltthat, die mit ihm vorgenommen worden, erkannte – sehr natürlich, daß dann der erste Verdacht seiner Ermordung, oder wenigstens einer Theilnahme an derselben, diejenige Person traf, die mit ihm ausgegangen, ohne ihn heimgekehrt, und wie man wohl wußte, zuweilen in Zwiespalt mit ihm gewesen war. Sie ward verhaftet, läugnete ein paar Stunden durch Alles, und gestand dann – was sie wußte. Georgs Mitschuld war ihr selbst fremd; diese erfuhr man erst bei Antons Gefangensetzung und erstem Verhör. Als der Unglückliche die Gerichte ins Haus seines Dienstherren eintreten sah, ging er ihnen selbst entgegen; und gestand noch ungefragt mit tausend Thränen sein unwillkürliches Vergehen. Gern hätten im Verfolge die Urtheilssprecher das Schicksal dieses Unglücklichen gemildert. Doch der Buchstabe der Landesgesetze war allzu klar dagegen. Es wurden ihm acht Jahre harten Gefängnisses, der Ehebrecherinn aber dreyßig und ihrem Buhler funfzehn Jahre zuerkannt.

Wohl möglich, daß vielen Lesern diese Geschichte gleichgültig scheint, weil sie nur Personen vom niedrigsten Stand aufführt, aber auf mich, als ich sie zuerst aus dem Munde eines der Glaubwürdigsten, mit jedem Umstande des Verhörs genau bekannten Zeugen erfuhr, machte das Schicksal dieses unglücklichen Jünglings einen so tiefen Eindruck, daß ich es viele Tage lang nicht aus dem Sinn mir schlagen konnte. Armer Georg, als du so warm deinem Bruder abriethest, als du hineiltest, ihn vom Morde zurückzuweisen; da ahndetest du gewiß nicht deine eigene Verwicklung in seine Frevelthat! Nicht, daß du ein Beyspiel mehr werden solltest: wie wenig irgend ein Mensch für die Unsträflichkeit seiner nächsten Stunde sichere Bürgschaft leisten könne!


Letzter Aufsatz eines Selbstmörders.


Die letzten Worte von Sterbenden pflegt man sonst und zwar billig, hochzuschätzen; denn meisten Theils sind sie Wahrheit, und nur äußerst Wenige pflegen, wie Tiber, noch bis zum letzten Zucken des Todes, der Verstellung treu zu bleiben. Doch nicht minder merkwürdig sind, obschon in ganz anderer Rücksicht, die Aufsätze Derjenigen, die freywillig vom Leben Abschied nehmen, und ehe sie es thun, ihren Entschluß noch zu rechtfertigen suchen. Wie oft Verzweiflung mit höchster Kälte, schwärzester Trübsinn mit heiterstem Selbstgefühl, gänzliche Verirrung der Seele mit anscheinendem Scharfsinn grenzen; wie leicht Frömmigkeit in Aberglauben, mißverstandene Philosophie in Unglauben ausarten; wie oft der Mensch nichts sehnlicher suchen kann, als sich selbst zu betriegen, das findet man nirgends so deutlich, als in den Codizillen dieser Unglücklichen. Man kennt die gedruckten (aber sehr abgekürzt gedruckten) Briefe eines Officiers von A., der vor wenig Jahren in Dr. sich erschoß, nachdem er im Leben die Freundschaft Vieler von den besten Menschen genossen, und ihr Bedauern auch mit ins Grab nahm. Die Kälte, das ruhige Blut, der gelassen raisonirende Ton seiner zurückgelassenen Episteln, war Vielen unbegreiflich; aber seine Lage und seine Ehrbegriffe – vielleicht auch sein Religionssystem ließen denen, die ihn genauer kannten, wenig unerklärt. Aber merkwürdiger beynahe noch ist die Selbstentleibung eines jungen Mannes von 19 Jahren, der vor wenig Wochen in L** sich erschoß und nachstehende Zeilen hinterließ.

»Das Leben der Menschen ist ein Traum; wenn ich daraus erwache, ist Dieß Unrecht? – Das Leben der Menschen ist eine Chimäre; ist es nicht löblich, wenn ich die Einbildung verwerfe, und nach dem Wahren strebe? Richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet! Gott kennet nur allein die wahren Triebfedern der menschlichen Handlungen.
Ich danke für das viele Gute, das man mir erwiesen hat. Daß es Gott belohne, werde ich nie ablassen zu bitten, denn ich bin bey ihm. Der Himmel gebe seinen Frieden, das größte Geschenk für uns arme Erdner, auch Ihnen! den Ruf des Vaters muß man nie verwerfen, unser großer Lehrer folgte ihm; Dieser rief auch um Endigung seiner Leiden, sollte ich, als Mensch, das zu thun mich schämen? Ich gehe ganz ruhig, und durchdringe den Nebel der Zukunft standhaft, den unsere Priester uns so schrecklich und zugleich Gott als einen lieben Vater schildern. Welch ein Widerspruch! Wir werden uns Alle wiedersehen in einer Welt, wo keine Vorurtheile herrschen. Da sind wir einander Alle gleich; da hat ein Jeder Anspruch auf Freyheit; da genießen wir einer ewigen Jugend.«

Es ließe über diesen Aufsatz, so kurz er ist, ein ziemlich starkes Buch sich schreiben; denn größere Widersprüche, und mehrere Scheinberuhigungen sind wohl nie in so wenige Zeilen zusammen gefaßt worden.

Der Herausgeber dieses Aufsatzes hat nie von dem jungen unglücklichen Verfasser desselben sonst etwas gehört, gesehen, gelesen; weiß von seinem Stand, Leben, Charakter und Zufälligkeiten nichts als seinen Nahmen, Vaterland und vorstehende Zeilen, die ihm ein hiesiger Freund mitgetheilt hat; aber eben diese Letztern haben ihn zu so innigem Mitleid gegen den Jüngling bewogen, in dessen Geist bey richtiger Leitung gewiß der Gaben so viele sich befanden, daß er äußerst wünscht: der Verstorbene möge doch irgend einen Freund hinterlassen haben, dem es gefällig sey, ihm von dessen Schicksalen, Denkungsart, Lieblings-Neigungen, und vorzüglich, wo möglich von der Art, wie er zu diesem traurigen Entschluß bestimmt worden, Nachricht zu ertheilen.

Man gibt, so viel mir gesagt worden, seiner Liebe zu einer gewissen Art von Lectüre, hauptsächlich seinem öftern Lesen des Werthers, große Schuld. Diese Anklage ist so oft, und fast immer unerwiesen, da gewesen, daß es sich wirklich ein Mahl der Mühe verlohnte, deßfalls eine genauere Untersuchung anzustellen.


Inhalt des zweyten Theils.


Beyspiele sonderbar entdeckter Meuchelmorde nach Fielding.
Zwey Rechtsfälle, die noch nicht im Pitaval stehen.
Blutschänder, Feueranleger und Mörder zugleich, den Gesetzen nach, und doch ein Jüngling von edler Seele.
Doppelter Ehebruch, boßhafte Entweichung, widersetzliche Ehe – aus sehr verzeihlichen Gründen.
Die Spießruthen.
Der Stockschilling.
Der Mörder aus Bruderliebe.
Letzter Aufsatz eines Selbstmörders.


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