Karl May
Der Oelprinz
Karl May

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Im Mogollongebirge

Am kleinen Rio San Carlos, einem Nebenflusse des Rio Gila, stand ein Rancho, welcher nach seinem damaligen Besitzer Forners Rancho genannt wurde. Es gehörte diesem Amerikaner eine große Strecke Weidelandes; zur Feldwirtschaft war nur der am Flusse gelegene Teil desselben geeignet. Das Haus war nicht groß, aber sehr stark aus Steinen gebaut und von einer ebenso starken, doppelt mannshohen Mauer umgeben, welche in regelmäßigen Zwischenräumen von schmalen Schießscharten unterbrochen wurde, hier in dieser abgelegenen und gefährlichen Gegend eine sehr notwendige Einrichtung. Der Hof, welchen diese Mauer umschloß, war so groß, daß Forner im Falle einer Feindseligkeit von seiten der Indianer seinen ganzen Viehbestand in denselben zu retten vermochte.

Es war jetzt die beste Jahreszeit; die Steppe trug dichtes, grünes Gras, in welchem sich zahlreiche Rinder und Schafe gütlich thaten; auch einige Dutzend Pferde weideten im Freien, von mehreren Knechten bewacht, welche, ihres friedlichen Amtes waltend, miteinander Karten spielten. Das breite, gegen den Fluß gerichtete Mauerthor stand weit offen. Eben jetzt erschien der Ranchero unter demselben, eine echte, sehnige und kräftige Hinterwäldlergestalt. Er überflog mit scharfem aber zufriedenem Blicke die weidenden Herden und beschattete dann seine Augen mit der Hand, um hinaus in die Ferne zu sehen. Da nahm sein Gesicht den Ausdruck der Spannung an; dann wendete er sich um und rief über den Hof hinüber:

»Hallo, Boy, stell' die Brandyflasche bereit! Es kommt einer, der ihr auf den Boden sehen wird.«

»Wer?« fragte derjenige, dem dieser Ruf gegolten hatte, nämlich sein Sohn, dessen Gesicht an einem Fenster des Hauses erschien.

»Der Ölprinz.«

»Kommt er allein?«

»Nein. Es sind zwei Reiter mit einem Packpferde bei ihm.«

»Well; wenn sie ebenso trinken wie er, kann ich lieber gleich mehrere Flaschen herausstellen.«

Vor dem Hause lagen zehn oder zwölf Steinquader, welche so geordnet waren, daß der größte, mittelste, den Tisch vorstellte, während die andern, kleineren, als Sessel dienten. Der Sohn kam bald aus dem Hause und stellte drei volle Schnapsflaschen nebst einigen Gläsern auf diesen Tisch; dann schritt er über den Hof herüber, um den Ankömmlingen an der Seite des Vaters entgegenzusehen.

Diese hatten das jenseitige Ufer des Flüßchens erreicht und trieben ihre Pferde in das nicht tiefe Wasser desselben.

»Ist's möglich!« meinte da Forner erstaunt. »Aber wahrscheinlich irre ich mich. Wüßte wirklich nicht, was diesen Mann aus dem sichern Arkansas in diese haltlose Gegend führen könnte.«

»Wen?« fragte der Sohn.

»Master Rollins in Brownsville.«

»Etwa der Bankier, mit welchem du damals zu thun hattest?«

»Ja. Und wahrhaftig, er ist's; ich irre mich nicht! Bin großartig neugierig, zu erfahren, was er hier im wilden Arizona zu suchen hat.«

Die Reiter hatten das diesseitige Ufer erreicht und hielten nun im Trabe auf den Rancho zu. Der vorderste von ihnen rief schon von weitem:

»Good morning, Master Forner! Habt Ihr einen kräftigen Schluck übrig für drei Gentlemen, welche vor Durst fast von den Pferden fallen?«

Der Sprecher war ein langer, hagerer und sehr gut bewaffneter Mann, dessen außerordentlich scharf geschnittenes Gesicht von der Sonne verbrannt und von Wind und Wetter gegerbt worden war. Er trug einen für diese Gegend geradezu eleganten Anzug, welcher aber gar nicht zu ihm zu passen schien.

Der zweite Reiter war ein ältlicher Herr von behäbigem Aussehen. Der schnelle Morgenritt schien ihn angestrengt zu haben; er schwitzte. An seinem Sattel hing ein schönes Jagdgewehr. Ob er noch andre Waffen – wohl in den Taschen – bei sich hatte, sah man nicht, da er keinen Gürtel trug. Desto deutlicher aber sah man seinem ganzen Habitus an, daß ihm der wilde Westen fremd oder doch wenigstens nicht anheimelnd war. Er schien sich ungefähr in derselben Lage wie eine Landratte auf hoher See zu befinden.

Der dritte Ankömmling war ein junger, blonder und kräftiger Mann, welcher zwar nicht wie ein erfahrener Westmann auf dem Pferde saß, aber doch wenigstens ein guter Promenadenreiter war. Er hatte ein offenes, sympathisches Gesicht, welches leicht gebräunt war. Seine Waffen bestanden aus einem Gewehre, einem Bowiemesser und zwei Revolvern.

»Mehr als einen Schluck!« antwortete Forner. »Welcome, Mesch'schurs! Steigt ab und laßt es euch bei mir gefallen!«

Der behäbig aussehende Herr hielt sein Pferd an, musterte den Ranchero einige Sekunden lang und sagte dann:

»Mir ist's, also ob wir uns schon gesehen hätten, Sir. Forners Rancho! Also heißt Ihr Forner. Seid Ihr vielleicht bei mir in Brownsville gewesen? Ich heiße Rollins, und dieser junge Sir hier an meiner Seite ist Mr. Baumgarten, mein Buchhalter.«

Forner verbeugte sich gegen die beiden und antwortete:

»Natürlich haben wir uns gesehen, Sir. Ich hatte meine Ersparnisse bei Euch stehen und holte sie mir, ehe ich nach Arizona ging. Nur war es keine so hohe Summe, daß Euch meine Person hätte auffallen und im Gedächtnis bleiben müssen. Also kommt herein! Mein Brandy ist so gut, wie sonst irgend einer, und einen Imbiß könnt Ihr auch haben, wenn Ihr keine großen Ansprüche macht. Wie lange gedenkt Ihr hier zu bleiben, Master Grinley?«

»Bis die heißeste Mittagszeit vorüber ist,« antwortete der, welcher Ölprinz genannt worden war, denn an diesen hatte Forner seine Frage gerichtet.

Die Pferde wurden abgesattelt und durften auf die Weide gehen. Die Reiter nahmen auf und an den erwähnten Steinen Platz. Grinley goß sich sofort ein Glas voll Brandy und leerte es in einem Zuge; schon nach kurzer Zeit hatte er der Flasche auf den Boden gesehen. Der Bankier mischte den Branntwein mit Wasser, während Baumgarten nur Wasser trank. Forner, Vater und Sohn, hatten sich in das Haus zurückgezogen, um von ihren einfachen Vorräten den Gästen ein Essen zu bereiten.

Von ihnen allen konnte keiner sehen, daß jetzt abermals zwei Reiter über den Fluß kamen und sich dem Rancho näherten. Sie hatten jedenfalls einen weiten Ritt hinter sich, und ihre Pferde waren sehr ermüdet. Diese beiden Männer waren Buttler, der Anführer der zwölf Finders, und Polier, der entlassene Führer der deutschen Auswanderer. Indem sie sich dem offenen Thore näherte, fragte Polier:

»Bist du wirklich überzeugt, daß der Ranchero dich nicht kennt? Du hast ihn mir als einen ehrlichen Kerl beschrieben, und ich nehme also an, daß der Name Buttler bei ihm Anstoß erregen würde.«

Man sieht, die beiden waren so vertraut miteinander geworden, daß sie sich jetzt du nannten. Buttler antwortete:

»Er hat mich nie gesehen. Nur mein Bruder ist oft bei ihm gewesen.«

»Der aber natürlich auch Buttler heißt!«

»Allerdings, aber er hat sich hier stets Grinley genannt.«

»Das war klug. Aber Brüder pflegen sich ähnlich zu sehen. Wahrscheinlich ist dies bei euch auch der Fall?«

»Nein. Wir sind Stiefbrüder und stammen von verschiedenen Müttern.«

»Weißt du, wo er sich jetzt befindet?«

»Nein. Als wir uns trennten, ging ich südwärts, um die Gesellschaft der Finders zu gründen; er aber war unentschlossen, wohin er sich wenden würde. Wer weiß, wo wir uns einmal wiedertreffen, wenn wir überhaupt in diesem Leben--alle Wetter, dort sitzt er ja!«

Die beiden waren in diesem Augenblicke unter dem Thore angekommen und sahen die drei Fremden im Hofe sitzen.

Buttler erkannte sofort Grinley, seinen Bruder, und hielt erstaunt sein Pferd an. Grinleys Blick fiel zu gleicher Zeit nach dem Thore. Er erkannte Buttler und hatte trotz seiner Überraschung die Geistesgegenwart, die Hand schnell auf den Mund zu legen, was eine Aufforderung zum Schweigen ist.

»Ja, er ist es,« fuhr Buttler fort, indem er sein Pferd wieder in Bewegung setzte und in den Hof ritt. »Sahst du das Zeichen, welches er mir gab? Wir dürfen ihn nicht kennen.«

Sie stiegen von ihren Pferden, ließen dieselben laufen und näherten sich den Steinen, gerade als die beiden Forners aus dem Hause kamen, um ihren Gästen Fleisch und Brot zu bringen. Sie grüßten und fragten, ob es erlaubt sei, sich mit niederzusetzen. Es wurde ihnen natürlich nicht versagt, und sie aßen und tranken mit, ohne daß man sie nach ihren Namen und sonstigen Verhältnissen oder Absichten fragte.

Die beiden Brüder, welche sich nicht kennen durften, beabsichtigten ganz selbstverständlich, sich gegen einander auszusprechen; dies mußte aber heimlich geschehen. Darum stand Grinley nach dem Essen auf und sagte, er wolle hinter das Haus gehen und sich dort im Schatten niederlegen, um ein wenig auszuruhen. Buttler folgte ihm nach einiger Zeit so unauffällig und unbefangen wie möglich. Die andern blieben sitzen.

Und wieder kamen zwei Reiter, aber nicht jenseits des Flusses, sondern am diesseitigen Ufer entlang. Sie waren sehr gut beritten. Wären ihre Figuren andre gewesen, so hätte man sie von weitem für Old Shatterhand, den berühmten Prairiejäger, und für Winnetou, den ebenso berühmten Häuptling der Apachen, halten können. Aber sie waren beide von zu kleiner Gestalt, der eine dick und der andre schmächtig.

Der Schmächtige trug lederne ausgefranste Leggins und ein ebenso ausgefranstes ledernes Jagdhemde, dazu lange Stiefel, deren Schäfte er über die Kniee emporgezogen hatte. Auf seinem Kopfe saß ein sehr breitkrämpiger Filzhut. In dem breiten, aus einzelnen Riemen geflochtenen Gürtel steckten zwei Revolver und ein Bowiemesser. Von der linken Schulter nach der rechten Hüfte hing ein Lasso und am Halse an einer seidenen Schnur eine indianische Friedenspfeife. Quer über dem Rücken hatte er zwei Gewehre, ein langes und ein kurzes. Genau so pflegte sich Old Shatterhand zu kleiden. Auch er besaß zwei Gewehre, den gefürchteten Henrystutzen und den weltbekannten langen, schweren Bärentöter.

Während dieser kleine hagere Mann bemüht zu sein schien, ein Eben- oder Abbild von Old Shatterhand zu liefern, war der andre bemüht gewesen, Winnetou nachzuahmen. Er trug ein weißgegerbtes und mit roter, indianischer Stickerei verziertes Jagdhemde. Die Leggins waren aus demselben Stoffe gefertigt und an den Nähten mit Haaren besetzt; ob dies aber Skalphaare waren, das ließ sich sehr bezweifeln. Die Füße steckten in mit Perlen gestickten Mokassins, welche mit Stachelschweinsborsten geschmückt waren. Am Halse trug er auch eine Friedenspfeife und dazu ein Ledersäckchen, welches einen indianischen Medizinbeutel vorstellen sollte. Um die dicke Taille schlang sich ein breiter Gürtel, welcher aus einer Santillodecke bestand. Aus demselben schauten die Griffe eines Messers und zweier Revolver hervor. Sein Kopf war unbedeckt; er hatte sich die Haare lang wachsen lassen und sie in einen hohen Schopf geordnet. Quer über dem Rücken hing ihm ein doppelläufiges Gewehr, dessen Holzteile mit silbernen Nägeln beschlagen waren -eine Imitation der berühmten Silberbüchse des Apachenhäuptlings Winnetou.

Wer Old Shatterhand und Winnetou kannte und hier diese beiden Männlein sah, der hätte sich sicher eines Lächelns nicht erwehren können – das glattrasierte, gutmütige und etwas naseweise Gesicht des Hageren im Vergleiche zu den durchgeistigten, gebieterischen Zügen Old Shatterhands -und die blühend roten, runden Backen, die treuherzigen Augen und freundlich lächelnden Lippen des Dicken als Konterfei des ernsten, bronzenen Gesichtes des Apachen!

Und doch waren diese beiden ganz und gar nicht Personen, über welche zu lachen man Ursache gehabt hätte. Ja, sie besaßen gewisse auffällige Eigentümlichkeiten, aber sie waren Ehrenmänner, Gentlemen durch und durch, und hatten mancher großen und seltenen Gefahr tapfer und unerschrocken in das Auge geschaut. Mit einem Worte: der Dicke war der als »Tante Droll« bekannte Westmann und der Hagere sein Freund und Vetter Hobble-Frank.

Ihre Verehrung für Old Shatterhand und Winnetou war so groß, daß sie sich wie diese beiden gekleidet hatten, was ihnen freilich ein ganz ungewohntes Aussehen gab. Ihre Anzüge waren neu und hatten jedenfalls ein nicht geringes Geld gekostet; und in Beziehung auf ihre Pferde waren sie auch nicht sparsamer gewesen.

Auch sie hatten den Rancho zum Ziele und ritten durch das Thor desselben ein. Als sie auf dem Hofe erschienen, erregten sie einiges Aufsehen, welches seinen Grund in dem Kontraste hatte, welcher zwischen ihrer kriegerischen Ausrüstung und ihrem gutmütigen Aussehen bestand. Sie machten nicht viel Federlesens, stiegen von ihren Pferden, grüßten kurz und setzten sich auf zwei noch leere Steine, ohne zu fragen, ob dies den andern angenehm sei oder nicht.

Forner musterte die beiden Ankömmlinge mit neugierigen Augen. Er war ein erfahrener Mann und wußte dennoch nicht, was er aus ihnen machen sollte. Er konnte nur durch Fragen zum Ziele kommen; darum erkundigte er sich:

»Wollen die Gentlemen vielleicht auch etwas genießen?«

»Jetzt nicht,« antwortete Droll.

»Also später. Wie lange gedenkt ihr hier zu bleiben?«

»Das kommt auf die Verhältnisse an, wenn es nötig ist.«

»Ihr meint jedenfalls hiesige Verhältnisse?«

»Ja.«

»Da kann ich euch sagen, daß ihr bei mir sicher seid.«

»Wo anders auch!«

»Meint ihr? So wißt ihr wohl noch gar nicht, daß die Navajos ihre Kriegsbeile ausgegraben haben?«

»Wir wissen's.«

»Und daß auch die Moquis und Nijoras sich im hellen Aufstande befinden?«

»Auch das.«

»Und dennoch fühlt ihr euch sicher?«

»Warum sollen wir uns unsicher fühlen, wenn es nötig ist?«

Es ist ganz eigentümlich und eine alte Erfahrung, daß es selten einen richtigen Westmann gibt, der sich nicht irgend eine bestimmte, stehende Redensart angewöhnt hat. Sam Hawkens z.B. bediente sich häufig der Worte »wenn ich mich nicht irre«; Droll hatte sich den Ausdruck »wenn es nötig ist« angewöhnt. Oft werden diese Redensarten bei Gelegenheiten angewandt, wo sie höchst lächerlich erscheinen und wohl gar das Gegenteil von dem sagen, was ausgedrückt werden soll. So auch jetzt und hier. Darum sah Forner den kleinen Dicken erstaunt an, fuhr aber doch ernsthaft fort:

»Kennt Ihr denn diese Völkerschaften, Sir?«

»Ein wenig.«

»Das reicht nicht aus. Man muß Freund mit ihnen sein, und selbst dann noch ist es möglich, daß man den Skalp verliert, wenn sie den Kampf gegen die Weißen beschlossen haben. Wenn euch euer Weg etwa nach Norden führt, So rate ich euch ab; es ist dort keineswegs geheuer. Ihr scheint zwar gut ausgerüstet zu sein, aber wie ich an euern neuen Anzügen sehe, kommt ihr direkt aus dem Osten, und eure Gesichter sind auch nicht solche, aus denen man den unerschrockenen Westmann sofort herauszulesen vermag.«

»So! Das ist sehr aufrichtig. Ihr beurteilt die Leute also nach ihren Gesichtern, wenn es nötig ist?«

»Ja.«

»Das gewöhnt Euch sobald wie möglich ab. Man schießt und sticht mit der Büchse und dem Messer, nicht aber mit dem Gesichte, verstanden! Es kann einer sehr martialische und grimmige Gesichtszüge besitzen und dabei doch ein Hasenfuß sein.«

»Das will ich nicht bestreiten; aber ihr – hm. Darf ich nicht vielleicht erfahren, was ihr seid, Mesch'schurs?«

»Warum denn nicht?«

»Nun, bitte!«

»Wir sind – na ja, wir sind eigentlich das, was man Rentiers oder wohl auch Particuliers nennt.«

»O weh! Da seid ihr wohl zu euerm Vergnügen nach dem Westen gekommen?«

»Zu unserm Herzeleid natürlich nicht!«

»Wenn das ist, Sir, da kehrt sofort wieder um, sonst werdet Ihr hier ausgelöscht, wie man ein Licht ausbläst. Aus der Art und Weise, wie Ihr redet, höre ich, daß Ihr keine Ahnung von den Gefahren habt, die in dieser Gegend auf Euch warten, Master – Master – wie ist doch Euer Name?«

Droll griff gemächlich in die Tasche, brachte eine Karte hervor und überreichte sie ihm. Der Ranchero machte ein Gesicht, als ob er sich die größte Mühe geben müsse, das Lachen zu verbeißen, und las laut.

»Sebastian Melchior Pampel.«

Der Hobble-Frank hatte auch in die Tasche gelangt und ihm eine Karte gegeben. Forner las:

»Heliogabalus Morpheus Edeward Franke.«

Er hielt einen Augenblick inne und brach dann lachend los:

»Aber, Gents, was sind das für sonderbare Namen, und was seid ihr doch für sonderbare Menschen! Meint ihr etwa, daß die aufrührerischen Indianer vor diesen euern Namen ausreißen werden? Ich sage euch, daß –«

Er mußte innehalten, denn Rollins, der Bankier, fiel ihm in die Rede:

»Bitte, Master Forner, redet nichts, was diese Gentlemen beleidigen könnte. Ich habe zwar nicht die Ehre, sie persönlich zu kennen, aber ich weiß, daß sie Leute sind, vor denen Ihr Respekt haben müßt.«

Und sich dann direkt an den Hobble-Frank wendend, fuhr er fort:

»Sir, Euer Name ist ein so ungewöhnlicher, daß ich ihn mir gemerkt habe. Ich bin der Bankier Rollins aus Brownsville in Arkansas. Wurden nicht vor einigen Jahren Gelder für Euch bei mir deponiert?«

»Ja, Sir, das ist richtig,« nickte Frank. »Ich vertraute es einem guten Freunde an, welcher es für mich bei Euch niederlegen mußte, weil Ihr mir von Old Shatterhand als sicher geschildert worden waret. Später konnte ich es nicht selbst erheben, sondern ließ es mir nach New York schicken.«

»Das stimmt, das stimmt!« fiel Rollins eifrig ein. »Old Shatterhand, ja, ja! Ihr hattet damals droben in der Nähe von Fillmore City, am Silbersee glaube ich, eine große Masse Gold gefunden. Ist's nicht so, Sir?«

»Ja,« lachte Frank vergnügt. »Es waren so einige Fingerhüte voll.«

Da sprang Forner von seinem Sitze auf und rief:

»Donnersturm! Ist das wahr, ist das möglich? Ihr seid mit da oben am Silbersee gewesen?«

»Gewiß. Und hier mein Vetter war auch dabei.«

»Wirklich, wirklich? Damals waren ja alle Zeitungen voll von der außerordentlichen Geschichte. Old Firehand, Old Shatterhand, Winnetou sind dabei gewesen, diese berühmten Kerls. Dann der dicke Jemmy, der lange Davy, der Hobble-Frank, die Tante Droll! So kennt Ihr also diese Leute, Sir?«

»Natürlich kenne ich sie. Hier sitzt die Tante Droll, da neben mir, wenn Ihr es gütigst erlaubt.«

Er deutete bei diesen Worten auf seinen Gefährten, dieser zeigte auf ihn und erklärte:

»Und hier habt Ihr unsern Hobble-Frank, wenn es nötig ist. Meint Ihr nun immer noch, daß wir Leute sind, welche den Westen noch nicht kennen?«

»Unglaublich, geradezu unglaublich! Aber es kann nicht sein! Die Tante Droll ist nie anders zu sehen, als in einem ganz sonderbaren Anzuge, in welchem man sie für eine Lady hält. Und der Hobble-Frank trägt einen blauen Frack mit blanken Knöpfen und auf dem Kopfe einen großen Federhut!«

»Muß das immer sein? Darf man sich nicht anders kleiden? Meint Ihr, daß ein Anzug so unverwüstlich ist, daß er im wilden Westen jahrhundertelang getragen werden kann? Als Freunde und Gefährten von Old Shatterhand und Winnetou beliebt es uns jetzt, uns genau wie diese beiden Männer zu kleiden. Wenn Ihr uns nicht glaubt, so ist das Eure Sache; wir haben nichts dagegen.«

»Ich glaube es, Sir, ich glaube es! Ich habe ja gehört, daß man es der Tante Droll und dem Hobble-Frank gar nicht ansehen soll, was für prächtige Kerls sie sind, und das stimmt vollständig. Wie freu' ich mich, euch zu sehen, Mesch'schurs. Jetzt müßt ihr erzählen; ich bin ganz begierig, aus euerm eigenen Munde zu erfahren, was sich alles damals ereignet hat, und wie jenes außerordentliche Placer entdeckt worden ist.«

Da wehrte der Bankier ab.

»Langsam, langsam, Sir! Das könnt Ihr noch jederzeit hören. Es gibt vorher noch viel Wichtigeres, wenigstens für mich.«

Er hatte das zu Forner gesagt; dann fügte er hinzu, sich an Droll und Frank wendend:

»Ich stehe nämlich vor einem ähnlichen Ereignisse; ich befinde mich auf dem Wege, viele, viele Millionen zu verdienen.«

»Wißt Ihr auch ein Placer, Sir?« fragte Droll.

»Ja; aber nicht Gold, sondern Petroleum soll dort zu finden sein.«

»Auch nicht übel, Sir. Petroleum ist flüssiges Gold. Wo soll denn dieses Placer zu suchen sein?«

»Das ist noch Geheimnis. Master Grinley hat es entdeckt. Er besitzt aber nicht die Mittel, es auszubeuten; dazu gehört viel, sehr viel Geld, und das habe ich. Er hat mir das Placer angeboten, und ich bin bereit, es ihm abzukaufen. Zu solchen Geschäften muß man die eignen Augen nehmen. Darum habe ich mich mit meinem Buchhalter, Mr. Baumgarten hier, aufgemacht, um mich von Grinley nach der Stelle führen zu lassen. Wenn seine Beschreibung sich als richtig erweist, kaufe ich ihm den Platz auf der Stelle ab.«

»Also wo er Euch hinführen wird, das wißt Ihr nicht?«

»Genau allerdings nicht. Es ist ja ganz begreiflich, daß er den Ort bis zum letzten Augenblicke geheim halten will. Wenn es sich um Millionen handelt, kann man nicht bedächtig genug sein.«

»Ganz richtig. Hoffentlich ist er es nicht allein, welcher vorsichtig handelt, denn Ihr habt noch viel mehr Grund, wenigstens ebenso vorsichtig zu sein. Aber so ungefähr müßt Ihr doch wissen, in welcher Gegend das Öl zu finden ist?«

»Das weiß ich allerdings.«

»Nun, wo? Wenn Ihr es mir nämlich sagen wollt.«

»Euch sage ich es gern, denn ich möchte wissen, was Ihr davon haltet. Es ist am Chellyarm des Rio San Juan.«

Das volle, rote Gesicht Drolls zog sich in die Länge. Er sah nachdenklich vor sich nieder und sagte:

»Am Chellyarm des Rio San Juan? Da – soll – Pe--tro-le-um zu finden – sein? Im ganzen Leben nicht!«

»Was? Wie? Warum?« rief der Bankier. »Ihr glaubt es nicht?«

»Nein.«

»Kennt Ihr denn die Gegend?«

»Nein.«

»So könnt Ihr doch auch nicht in dieser Weise absprechend urteilen!«

»Warum nicht? Man braucht nicht dort gewesen zu sein, um dennoch zu wissen, daß es dort kein Öl geben kann.«

»Da widerspreche ich. Mr. Grinley war dort und hat Öl gefunden. Ihr aber seid nicht dort gewesen, Sir.«

»Hm! Ich war auch noch nicht in Ägypten und am Nordpole; aber wenn mir jemand sagte, er habe im Nil Buttermilch fließen und am Pole Palmen wachsen sehen, so glaube ich es nicht.«

»Ihr zieht die Sache in das Lächerliche; um ein so schnelles und bestimmtes Urteil fällen zu können, müßtet Ihr Geolog oder Geognost sein. Seid Ihr das?«

»Nein; aber ich besitze meinen gesunden Menschenverstand und habe ihn geübt.«

Da nahm Forner sich der Sache an, indem er der Tante Droll erklärte:

»Ihr thut Mr. Grinley unrecht, Sir, jedermann hier weiß, daß er Petroleum gefunden hat. Es ist ihm gar mancher heimlich nachgegangen, um ihm sein Geheimnis abzulauschen und den Ort zu entdecken, doch stets vergeblich.«

»Natürlich ganz vergeblich, weil es diesen Ort überhaupt nicht gibt!«

»Es gibt ihn, sage ich Euch! Mr. Grinley wird hier von jedermann der Ölprinz genannt.«

»Das beweist gar nichts.«

»Aber er hat mir verschiedene Male Proben des Öles gezeigt!«

»Auch das ist kein Beweis. Petroleum kann jeder zeigen. Es ist mir wirklich ganz unglaublich, daß es da oben Erdöl gibt. Nehmt Euch in acht, Mr. Rollins! Denkt daran, daß es vor nicht gar langer Zeit Schwindler gab, welche Geldleute in sogenannte Gold- und sogar auch Diamantdistrikte lockten; dann stellte es sich heraus, daß es dort weder Metalle noch Edelsteine gab!«

»Sir, wollt Ihr Mr. Grinley verdächtigen?«

»Fällt mir nicht ein. Die Sache geht mich gar nichts an; aber Ihr habt mich nach meiner Meinung gefragt, und ich habe sie Euch mitgeteilt.«

»Gut! Darf ich vielleicht auch erfahren, was Mr. Frank davon denkt?«

»Ganz dasselbe, was Droll denkt,« antwortete der Hobble-Frank. »Wenn Ihr uns nicht beistimmen wollt, so wartet hier einige Tage; dann werden zwei Personen kommen, auf deren Urteil Ihr Euch verlassen könnt.«

»Wer wird das sein?«

»Old Shatterhand und Winnetou.«

»Was?« fragte Forner freudig überrascht. »Diese beiden Männer wollen in einigen Tagen nach hier kommen?«

»Ja.«

»Woher wißt Ihr das?«

»Von Old Shatterhand.«

»Hat er Euch hierher bestellt?«

»Nein; aber er hat die Güte, mich zuweilen mit einem Briefe zu erfreuen, und vor acht Wochen schrieb er mir, daß er sich mit Winnetou verabredet habe, um die jetzige Zeit mit ihm auf Forners Rancho am Rio San Carlos zusammenzutreffen.«

»Und Ihr meint, daß dies geschehen wird?«

»Ganz bestimmt.«

»Es können Störungen eintreten!«

»Ja; aber dann wartet hier einer auf den andern.«

»Und wenn sie doch nicht kommen?«

»Sie kommen so gewiß, wie der Tag auf die Nacht erscheint. Es ist dagewesen, daß sie sich verabredet haben, an einem gewissen Tage bei einem bestimmten Baume mitten im Urwalde zusammenzutreffen, und niemals haben sie sich verfehlt. Sobald ich den Brief gelesen hatte, war ich überzeugt, daß sie jedes Hindernis überwinden und zur angegebenen Zeit hier sein würden. Ich entschloß mich sofort, mit dabei zu sein und sie zu überraschen. Mein Vetter Droll war gleich dabei, und daß wir aus Deutschland und Sachsen herübergekommen sind, das muß Euch beweisen, daß sie unbedingt hier eintreffen werden.«

»Aus Deutschland? Aus Sachsen?« fiel da Baumgarten, der Buchhalter, rasch ein. »So seid Ihr wohl ein Deutscher, Sir?«

»Ja. Wißt Ihr das noch nicht?«

»Nein. Und hätte ich es einmal gewußt, so habe ich es wieder vergessen. Um so mehr bin ich erfreut, in Euch einen Landsmann begrüßen zu können. Hier meine Hand, Sir; erlaubt mir gefälligst, die Eurige zu drücken!«

Da reichte ihm der Hobble-Frank die seinige hin und rief erfreut in seinem heimatlichen Dialekte:

»Da nehmen Sie sie hin; hier ist sie gegenwärtig mit allen Fingern, die daran gehören! Sie ooch een Deutscher? Wenn mersch nich erleben thät, so thät mersch gar nich glooben! In welcher heimatlichen Gegend sind denn eegentlich Sie aus der jenseitigen Ewigkeet in die diesseitige Zeitlichkeet hineingeschprungen?«

»In Hamburg.«

»In Hamburg? I der Tausend! Also eenige Stunden oberhalb der geographischen Schtelle, an welcher meine liebe Elbe ihre Verlobung mit der Nordsee feiert. Das is mir unendlich intriguant. Wir sind also beede mit Elbwasser getooft, und wenn ich wieder off meinem Bärenfette sitze, kann ich Ihnen mit den Wellen meine Grüße franko zuschpedieren.«

»Bärenfett?« fragte Baumgarten verwundert.

»Jawohl, jawohl! Sind Sie denn nich Abonnement vom ›Guten Kameraden‹, der in Schtuttgart herausgegeben und an allen Orten der Erde begeischdert gelesen wird?«

»Sie meinen die Knabenzeitung, die diesen Titel führt?«

»Natürlich meene ich nur die!«

»Gesehen habe sich sie, aber abonniert bin ich nicht darauf.«

»Nich? Hören Sie, das is eene Unterlassungssünde, für welche es keenpaterpizzicato gibt. Die müssen Sie halten; die müssen Sie lesen! Ohne die kann keen gebildeter Mensch mehr existieren, denn ich bin eener ihrer oberschten Mitarbeiter. Hätten Sie sie gelesen, so wüßten Sie ganz genau, was ich mit meinem Bärenfett meene, nämlich meine Villa ›Bärenfett‹, die ich im dritten Jahrgange paganini 397 so physikalisch-dramatisch geschildert habe. Wenn Sie mal nach Sachsen kommen, müssen Sie mich da besuchen, denn dort finden Sie alle Andenken, Erinnerungen und Souverains von meinen ein- und auswärtigen Erlebnissen.«

Baumgarten hatte vom Hobble-Frank gehört: er besann sich jetzt, daß derselbe als ein recht sonderbares Menschenkind geschildert worden war. Jetzt hatte er ihn in Lebensgröße vor sich und gab sich der nun in einem ununterbrochenen Strome fließenden Unterhaltung mit großem Vergnügen hin. Dieselbe gewann dadurch an Interesse und Lebhaftigkeit, daß sich Droll in seinem Altenburger Dialekte auch daran beteiligte.

Unterdessen stand Poller, der entlassene Führer, von seinem Platze auf und that, als ob er nach seinem Pferde sehen wolle. Er machte sich eine kleine Weile mit demselben zu schaffen und verschwand dann hinter dem Hause, wo die beiden Brüder Buttler neben einander im Grase lagen und sich höchst wichtige Dinge mitzuteilen hatten. Da der eine von ihnen sich hier auf dem Rancho unter dem Namen Grinley eingeführt hatte, mag ihm derselbe auch behalten bleiben. Die Gebrüder Buttler hatten früher im Verein mit andern gleichgesinnten Menschen an den Grenzen zwischen Kalifornien, Nevada und Arizona eine lange Reihe von Thaten begangen, welche so unerhört waren, daß sich schließlich notgedrungener Weise eine Gesellschaft von Regulatoren gebildet hatte, um diesem Unwesen, gegen welches sich das Gesetz als machtlos erwies, auf eigene Faust ein Ende zu machen. Dies war gelungen. Man hatte die meisten Mitglieder der Bande gelyncht: nur wenige waren entkommen, unter ihnen gerade die beiden hervorragendsten und schlimmsten, die Buttlers. Sie hatten sich, wie bereits erwähnt, getrennt. Der eine war nach dem Süden gegangen, um die Gesellschaft der Finders zu gründen, und der andre hatte sich lange Zeit planlos in Utah, Colorado und Neumexiko herumgetrieben, bis er auf einen raffinierten Gedanken verfallen war, dessen Ausführung in das Werk zu setzen er jetzt nun im Begriffe stand. Als er seinem Bruder das Hauptsächlichste darüber mitgeteilt hatte, warf dieser einen bewundernden Blick auf ihn und sagte:

»Du warst stets der Pfiffigere von uns beiden, und ich gestehe dir aufrichtig, daß mir auch dein jetziger Plan ungeheuer imponiert. Meinst du, daß dieser Bankier Rollins wirklich darauf hereinfallen wird?«

»Unbedingt. Er ist geradezu begeistert für das Unternehmen, welches mir mit einem Schlage wenigstens hunderttausend Dollars einbringen wird.«

»Soviel – – soviel setzt er daran?!« rief der andre aus.

»Still! Nicht so laut! Hier haben zuweilen die Grashalme Ohren. Bedenke, daß er überzeugt ist, mit leichter Mühe und in kürzester Zeit Millionen verdienen zu können! Was sind da lumpige hunderttausend Dollars, für welche ich mich ein für allemal abfinden lasse!«

»Aber wann zahlt er sie? Er muß ja in kürzester Zeit hinter den Betrug kommen.«

»Sofort hat er zu zahlen, sofort. Ich weiß, daß er die Anweisungen schon jetzt in der Tasche trägt. Sie sind nur noch zu unterschreiben, und das wird er sicher thun, sobald das Öl ihn in den voraussichtlichen Taumel versetzt.«

»So wundert mich nur eins, nämlich, daß er keinen wirklich Sachverständigen mitgenommen hat; der Buchhalter, welcher ihn begleitet, ist in dieser Beziehung doch wohl nur ein Null.«

»Ja, das habe ich geschickt anfangen müssen. Je mehr Begleiter, desto mehr Bieter. Ich soll auf ihn allein angewiesen sein und keine andre Gelegenheit zum Verkaufe finden. Nähme er einen Ingenieur mit, so könnte dieser leicht auf eigene Faust und heimlich mit mir verhandeln. Diesen Gedanken glaubt er, selbst gefaßt zu haben, und doch bin ich es, der ihm denselben eingegeben hat. Den Buchhalter hat er mitgenommen, weil er seiner bedarf, um sofort und nach allen Seiten hin disponieren zu können. Ich habe mir ihn gefallen lassen, weil er ein dummer Deutscher ist, den ich nicht zu fürchten brauche. Er wäre der Allerletzte, auf den Gedanken zu kommen, daß die Petroleumquelle Schwindel ist.«

»Bist du überzeugt, daß dein Ölvorrat hinreichend ist?« fragte Buttler seinen Bruder.

»Er reicht. Du kannst dir aber denken, welche Mühe es mich gekostet hat, die Fässer von so weit her- und einzeln hinaufzuschaffen. Kein Mensch durfte etwas ahnen, und jede Begegnung hatte ich unterwegs zu vermeiden. Ich habe mich damit ein ganzes, volles Jahr geschunden und alles allein, ganz allein machen müssen, denn einen Vertrauten außer dir konnte ich nicht gebrauchen, und du warst nicht da.«

»Hättest du denn auch das, was nun noch zu thun ist, ohne fremde Hilfe fertig gebracht?«

»Es hätte gehen müssen, wäre aber nur sehr schwer gegangen. Du mußt bedenken, daß ich der Führer des Bankiers bin und mich also nicht von ihm entfernen darf, ganz besonders auch deshalb nicht, weil er sonst Verdacht schöpfen könnte. Und doch hätte ich dies thun müssen, um das Öl in das Wasser zu bringen. Es sind vierzig Fässer, eine wahre Heidenarbeit für einen einzelnen Menschen, der überdies keine Zeit dazu hat! Um so mehr freue ich mich, dich getroffen zu haben, denn ich denke doch, daß du mir helfen wirst?«

»Mit dem größten Vergnügen. Aber natürlich setze ich da voraus, daß es nicht umsonst geschehen soll.«

»Selbstverständlich. Zwar von den hunderttausend Dollars möchte ich nichts abgeben, denn ich habe sie redlich verdient, und du hast nun weiter nichts zu thun, als die Fässer zu öffnen. Ich werde also mehr verlangen und was dies beträgt, das ist dein, verstehst du?«

»Und wenn er aber nicht mehr gibt?«

»Er gibt mehr; ich versichere es dir. Und sollte ich mich darin täuschen, so kennst du mich und weißt, daß wir leicht einig werden. Du wirst aber heut noch aufbrechen müssen, denn wenn du länger bleibst, kann leicht etwas geschehen, was Rollins und seinen Deutschen auf den Gedanken bringt, daß wir uns kennen.«

»Ich müßte auch ohnedies fort, da noch am Nachmittage die Auswanderer mit ihrem ›Kleeblatte‹ ankommen und die dürfen mich natürlich nicht sehen.«

»Ahnen sie, daß du sie verfolgst?«

»Nein, wenigstens glaube ich es nicht, denn sie können nicht erfahren haben, daß ich entkommen bin. Es hat uns große Anstrengung gekostet, sie ein- und dann heut gar zu überholen. Dieser schlaue Sam Hawkens hat sie beredet, von ihrer ursprünglich geplanten Richtung abzuweichen. Er ist über den Gila gegangen, anstatt diesem zu folgen und hat dann, um rascher reisen zu können, auf Bells Farm die langsamen Ochsen mit den schnelleren Maultieren vertauscht und ebenda die Wagen und alles überflüssige Gerät verkauft. Nun reiten sie alle.«

»Du weißt bestimmt, daß sie heute hier ankommen?«

»Ja; ich habe sie gestern abend in ihrem Lager belauscht. Poller hat es auch gehört.«

»Ah, dieser Poller! Ist er dir nicht im Wege?«

»Jetzt noch nicht.«

»Aber desto mehr mir. Kannst du ihn nicht loswerden?«

»Schwerlich.«

»Durch irgend eine List?«

»Geht nicht. Er würde mich aus Rache an das ›Kleeblatt‹ verraten und gewiß auch Aufklärung über dich erteilen.«

»Er kennt mich doch nicht!«

»O doch, denn als ich dich sitzen sah, habe ich ihm gesagt, daß du mein Bruder bist. Während wir uns jetzt hier befinden, wird sicher von eurer Petroleumquelle gesprochen; er denkt sich natürlich das Richtige und würde, wenn ich ihn verließe, an dir zum Verräter werden.«

»Das ist dumm. Du hättest ihm nichts sagen sollen.«

»Es ist nun einmal geschehen und kann nicht geändert werden. Überdies kann er mir behilflich sein und mir da droben am Gloomy-water meine Arbeit sehr erleichtern.«

»Willst du ihn einweihen?«

»Nur zum Teil, vollständig nicht.«

»Dennoch wird er mit uns teilen wollen!«

»Mag sein; er bekommt jedoch nichts. Sobald ich ihn nicht mehr gebrauchen kann, schaffe ich ihn aus dem Wege.«

»Well, das lass' ich gelten. Er mag uns jetzt helfen, und dann bekommt er, ist's nötig, eine Kugel oder mag im Petroleum ersaufen. Wann brecht ihr hier auf?«

»Das kann sofort geschehen.«

»Schön! So könnt ihr heut abend schon weit von hier sein.«

»Da täuschest du dich. Es fällt mir gar nicht ein, die deutschen Auswanderer aus den Augen zu lassen.«

»Auf sie wirst du nun, da du mir zu helfen hast, verzichten müssen.«

»Keinesweges. Es ist einer dabei, Ebersbach heißt er, welcher viel bares Geld bei sich hat, und außerdem besitzen sie viel und allerlei, was unsereiner gut gebrauchen und verwerten kann. Dazu kommt die Rache, die ich an ihnen nehmen will und die ich ganz unmöglich aufgeben kann.«

»Ist mir außerordentlich unlieb und paßt ganz und gar nicht in meinen Plan!«

»Warum nicht? Ihr Weg führt sie in der Nähe des Gloomy-water vorüber; du brauchst dich ihnen also nur anzuschließen; das übrige ist dann meine Sache.«

So weit waren sie in ihrem Gespräch gelangt, als sie Poller kommen sahen. Er trat ganz zu ihnen heran und sagte in wichtigem Tone:

»Ich muß euch stören, denn da vorn gehen wichtige Dinge vor.«

»Sind sie wirklich so wichtig, daß du uns deshalb unterbrechen mußt?« fragte Buttler unwillig.

»Ja. Nämlich Old Shatterhand und Winnetou kommen hierher.«

»Alle Wetter!« fuhr Grinley auf. »Was haben die hier zu suchen!«

»Was geht es dich an, daß sie kommen?« meinte Buttler, jetzt wieder ruhig. »Dir kann es ja ganz gleichgültig sein, wo sie stecken.«

»Ganz und gar nicht, denn da, wo diese beiden Menschen sich befinden, bleibt in der ganzen Gegend kein herabgefallenes Blatt unumgewendet; sie müssen alles wissen und erfahren alles.«

»Hm, das ist wahr. Woher weißt du denn, Poller, daß sie kommen?«

»Eben als du dich entfernt hattest, kamen zwei Fremde, von denen wir es erfahren haben. Sie wollen hier auf Winnetou und Old Shatterhand warten und sind genau so gekleidet, wie diese beiden sich zu tragen pflegen. Jetzt sitzen sie da und kauderwelschen mit dem Buchhalter des Bankiers in deutscher Sprache.«

»Woher wißt Ihr denn,« fragte Grinley, »daß es ein Buchhalter mit seinem Bankier ist?«

»Rollins hat es selbst gesagt.«

»Daß doch – hat er vielleicht gar noch mehr von uns erzählt?«

»Ihr meint von Petroleum? ja, das hat er gesagt.«

»Das ist fatal, außerordentlich fatal!« rief er aus, indem er eifrig aufsprang. »Ich muß vor zu ihnen, um weiteres zu verhüten. Ihr sagt, daß sie deutsch sprechen. Sind sie denn Deutsche?«

»Ja. Der eine wird Tante Droll und der andre Hobble-Frank genannt.«

»Was Ihr sagt! Da gehören sie ja zu der Gesellschaft, die da oben am Silbersee in kurzer Zeit so reich geworden ist!«

»Ja; sie sprachen davon. Diese beiden Kerls scheinen sehr viel Geld bei sich zu haben.«

»Und was sagten sie zu meiner Petroleumquelle?«

»Sie glaubten es nicht und haben den Bankier gewarnt. Sie halten es für Schwindel.«

»Donner und Doria! Habe ich es nicht sofort gesagt, als ich hörte, daß Old Shatterhand und Winnetou kommen wollen! Sie sind noch nicht einmal da und schon beginnt der Teufel sein Spiel! Da können wir uns nur fest in den Sattel setzen. Was sagte der Bankier zu der Warnung?«

»Er schien das Vertrauen nicht zu verlieren; aber sie rieten ihm, hier auf Winnetou und Old Shatterhand zu warten und sich bei ihnen zu erkundigen.«

»Das fehlte noch! Ging er vielleicht darauf ein?«

»Das sagte er nicht. Jetzt sitzt er still dort und scheint zu überlegen.«

»Da muß ich zu ihm, um ihm die Grillen auszureden. Vorher aber muß ich mit Euch schnell klar werden, denn Ihr müßt fort. Also hört, was ich Euch sage!«

Sie sprachen noch eine kleine Weile leise und hastig miteinander. Es schienen Versprechungen und Beteuerungen zu sein, denn sie gaben einander die Hände mehreremal; dann gingen Buttler und Poller miteinander nach vom, wo sie dem Ranchero erklärten, daß sie aufbrechen wollten. Sie wollten das, was sie verzehrt hatten, bezahlen, aber er nahm nichts, da sein Rancho kein Wirtshaus sei; dann ritten sie fort, ohne daß jemand – natürlich Grinley ausgenommen – etwas über ihre Namen und Absichten erfahren hatte. Sie waren nicht einmal darnach gefragt worden.

Kurze Zeit darauf kam Grinley herbeigeschlendert. Er that, als ob er sich nun ausgeruht habe, und setzte sich wieder an seinen Platz, indem er Frank und Droll höflich grüßte und ihnen ein möglichst offenes und ehrliches Gesicht zeigte, um ihr Vertrauen zu erwecken. Der Bankier konnte sich jedoch nicht halten; er sagte:

»Master Grinley, hier sitzen zwei gute Bekannte von Winnetou und Old Shatterhand, nämlich Mr. Droll und Mr. Hobble-Frank, welche nicht an Eure Petroleumquelle glauben wollen. Was sagt Ihr dazu?«

»Was ich dazu sage?« antwortete der Gefragte gleichmütig, »ich sage, daß ich ihnen das gar nicht übelnehmen will. In Sachen, wo es sich um so große Summen handelt, muß man vorsichtig sein. Ich habe ja selbst auch nicht eher daran geglaubt, als bis meine Ölproben von mehreren Sachverständigen untersucht worden waren. Wenn es den Herren Spaß macht, mögen sie mit uns reiten, um sich zu überzeugen, was für eine mächtige Menge von Öl der Platz enthält.«

»Sie wollen hier auf Winnetou und Old Shatterhand warten.«

»Dagegen kann ich gar nichts haben; aber da ich mein Placer weder an Old Shatterhand noch an Winnetou verkaufen will, so bin nicht ich es, der auf diese beiden zu warten hat.«

»Aber wenn nun ich warten möchte?«

»So fällt es mir nicht ein, Euch zu hindern. Ich zwinge keinen Menschen mit mir zu gehen. Wenn ich hinüber nach Frisko reite, finde ich Kapitalisten genug, welche sofort dabei sind und mich nicht unterwegs im Stiche lassen. Wer mir nicht glaubt, der mag daheim bleiben.«

Er goß ein volles Glas Brandy hinunter und ging dann hinaus zu seinem Pferde.

»Da habt ihr es,« meinte der Bankier. »Sein Verhalten muß euch vollständig überzeugen, daß er seiner Sache sicher ist.«

»Das ist er allerdings,« antwortete der Hobble-Frank. »Aber ob diese Sache eine gerechte oder ungerechte ist, wird sich erst später herausstellen.«

»Ich habe ihn beleidigt, und er wird nicht hier warten. Es versteht sich ganz von selbst, daß ich ihn nicht allein fortlassen kann, sondern mit ihm gehen muß, denn ich mag auf das außerordentliche Geschäft, auf welches ich mit ihm eingegangen bin, nicht verzichten. Ihr werdet doch wohl zugeben, daß euer Mißtrauen noch gar nichts beweist.«

»Für Euch wahrscheinlich nicht; aber wir hielten es für unsre Pflicht, Euch zur Vorsicht zu mahnen. Wir haben gesagt, daß da oben, wohin Ihr wollt, kein Petroleum gefunden werden kann; damit soll freilich nicht direkt behauptet werden, daß Euer Grinley partout ein Betrüger sei, denn er kann sich ja selbst geirrt haben. Doch will ich Euch freimütig gestehen, daß mir sein Gesicht nicht gefällt. Was mich betrifft, so würde ich es mir zehnmal überlegen, ehe ich ihm mein Vertrauen schenkte.«

»Ich danke Euch für Eure Aufrichtigkeit, bin aber nicht der Meinung, daß man einen Menschen für sein Gesicht verantwortlich machen kann, denn er hat es sich nicht selbst gegeben.«

»Da irrt Ihr Euch, Sir. Allerdings, das Gesicht wird dem Kinde von der Natur gegeben, dann aber durch die Erziehung und andre Eindrücke verändert, wobei auch die Seele von innen heraus an dieser Veränderung teilnimmt. Ich werde keinem Menschen trauen, der mich nicht aufrichtig und grad ansehen kann, und das ist mit diesem Master Grinley der Fall. Ich fordere keineswegs von Euch, ihn für einen Spitzbuben zu halten, sondern will Euch nur zur Vorsicht mahnen.«

»Was das betrifft, so würde ich auch ohne diese Eure Ermahnung nicht leichtsinnig handeln. Ich bin Geschäftsmann und pflege scharf zu kalkulieren. Da versteht es sich ganz von selbst, daß ich hier, wo es sich um so hohe Summen dreht, mich hundertmal bedenke, ehe ich nur zehn Worte sage.«

»Well, ich begreife das; aber Ihr seid unerfahren hier im wilden Westen. Ich will gern glauben, daß Ihr in Eurem Comptoir der Mann und Meister seid, dem nichts entgehen kann; die hiesigen Verhältnisse aber sind Euch fremd. Auch von dem Petroleum ganz abgesehen, wollt Ihr, der Ihr ein reicher Mann seid, mit einem Menschen, den Ihr nicht kennt, nach einer Gegend, in welcher Euch im Falle der Gefahr keine Spur von Hilfe werden kann – – –«

»O, wir sind ja zwei gegen einen!« fiel der Bankier ein, indem er auf seinen Begleiter deutete.

»Jetzt; ob aber auch später, das könnt Ihr nicht behaupten. Grinley kann da oben Helfershelfer haben, die auf Euch warten; auch müßt Ihr bedenken, daß die Roten, durch deren Gebiet Ihr kommt, grad jetzt im Aufstande begriffen zu sein scheinen. Und selbst, wenn dies nicht wäre, so gewährt Euch der Umstand, daß Ihr zwei gegen einen seid, nicht die mindeste Sicherheit. Er schießt Euch plötzlich nieder, oder er nimmt Euch im Schlafe fest, um Euch Geld oder sonst etwas abzupressen. Darum habe ich Euch vorgeschlagen, hier zu warten, bis Old Shatterhand und Winnetou kommen. Das sind berühmte und erfahrene Männer, auf deren Urteil Ihr Euch ganz sicher verlassen könntet.«

Rollins blickte eine ganze Weile nachdenklich und still vor sich nieder. Franks Vorstellungen hatten sichtlich Eindruck auf ihn gemacht. Dann fragte er:

»Meint Ihr denn, daß beide Gentlemen sich für mein Vorhaben interessieren würden?«

»Ich bin überzeugt davon. Petroleum da oben am Chelly-flusse! Ich versichere Euch, daß sie sich den Mann, der das behauptet, sehr genau ansehen würden. Höchst wahrscheinlich würden sie es Euch ganz aus freien Stücken anbieten, mit hinaufzureiten. Und in solcher Begleitung wäret Ihr sicherer, als wenn hundert Soldaten über Euch wachten.«

»Das glaube ich gern; aber wie Ihr gesehen habt, kann ich leider nicht warten, bis sie kommen. Wenn ich darauf bestehe, hier zu bleiben, reitet der Ölprinz ganz sicher ohne mich fort.«

»Davon bin ich auch überzeugt, und ich kenne auch den Grund: er hat die Begleitung solcher Leute höchst wahrscheinlich sehr zu fürchten.«

»Mögt Ihr da recht haben, oder nicht, es bleibt mir nur die eine Wahl: Entweder begleiten wir Grinley weiter und setzen uns den Gefahren aus, auf welche Ihr hingedeutet habt, oder ich verzichte auf ein Geschäft, welches Millionen einbringen muß, wenn es glückt.«

»Das ist richtig. Ich habe meine Schuldigkeit gethan und Ihr müßt nun selbst wissen, wofür Ihr Euch zu entscheiden habt.«

»Das ist schwer, sehr schwer, zumal diese Entscheidung so rasch getroffen werden muß. Ich habe bis zu dieser Stunde das vollste Vertrauen zu Grinley gehabt; jetzt ist es beinahe erschüttert worden, Was soll ich thun? Verzichten? Die größte Dummheit, die es gäbe, wenn die Sache ehrlich wäre! Mr. Baumgarten, Ihr steht mir hier am nächsten, was werdet Ihr mir raten?«

Der junge Deutsche war dem Gespräche mit Aufmerksamkeit gefolgt, ohne sich an demselben zu beteiligen. Jetzt, da er direkt aufgefordert worden war, zu sprechen, antwortete er:

»Die Sache ist so wichtig, daß ich darauf verzichten muß, Euch einen Rat zu geben, es würde dadurch eine Verantwortlichkeit auf mich fallen, die ich nicht auf mich nehmen kann. Also mit Eurer Erlaubnis, Sir, einen direkten Rat nicht; aber was ich an Eurer Stelle thun würde, das kann ich Euch sagen.«

»Nun? Verzichten, oder die Gefahr auf mich nehmen?«

»Keines von beiden.«

»Es gibt ja nichts Drittes!«

»O doch!«

»Was wäre das?«

»Wir reiten mit dem Ölprinzen weiter, ohne uns dadurch in Gefahr zu bringen.«

»Wie wollt Ihr das anfangen?«

»Wir bitten diese beiden Gentlemen hier, Mr. Frank und Mr. Droll, uns zu begleiten.«

»Hm!« brummte der Bankier. »Meint ihr, daß uns dies nützen könnte?«

Er schien die beiden kleinen Männer nicht für voll anzusehen.

»Unbedingt!« antwortete der Buchhalter im Tone vollster Überzeugung. »Wer mit Winnetou und Old Shatterhand so lange zusammengewesen ist, wie diese meine beiden lieben Landsleute, auf den kann man sich gar wohl verlassen, ganz abgesehen davon, daß Mr. Frank und Mr. Droll auch ohnedies Männer sind, welche Haare auf den Zähnen haben.«

»Zugegeben! Aber ob sie einverstanden sein werden, mit uns zu gehen?«

»Ich hoffe, daß sie es thun, wenn wir darum bitten.«

»Nein, das werden wir nicht,« antwortete der Hobble-Frank.

»Nicht?« fragte Baumgarten. »Warum?«

»Erstens weil wir hier bleiben müssen, um mit Shatterhand und dem Apachen zusammenzutreffen, und zweitens weil wir uns nur solchen Leuten anzuschließen pflegen, welche Vertrauen zu uns haben.«

»Das haben wir ja!«

»Nein.«

»Wieso?«

»Hat Mr. Rollins es nicht sehr deutlich in Frage gestellt, ob wir Euch nützen würden?«

»Das war nicht so gemeint, wie Ihr es aufzunehmen beliebt. Ihr habt ihn besorgt gemacht und tragt also selbst die Schuld, wenn er sich nun bedenklich zeigt. Was aber mich betrifft, so halte ich grad euch beide für die Leute, welche wir brauchen, und denke, daß ihr einen Landsmann nicht im Stiche lassen werdet.«

»Hm, das mit dem Landsmann hat seine Richtigkeit; ein Deutscher kann stets und überall auf uns rechnen. Ich würde also wohl mitgehen; aber Ihr wißt es ja, warum wir hier bleiben müssen.«

»Müssen? Das wohl nicht. Winnetou und Old Shatterhand können uns ja nachkommen, oder, wenn sie das nicht wollen, hier warten, bis Ihr zurückkehrt. Bedenkt, daß wir bis zum Chellyflusse nur drei Tage zu reiten haben; das wären sechs Tage für hin und zurück, gewiß keine lange Zeit für Leute, welche nicht nach Stunden zu rechnen brauchen, sondern vielmehr freie Herren ihrer Tage und Wochen sind. Euch und ihnen kann es sogar auf Monate und Jahre nicht ankommen.«

»Das geben wir zu; in dieser Beziehung sind wir nicht nur Freiherren, sondern Grafen und Fürsten. Übrigens sind wir überzeugt, daß unsre berühmten Freunde sehr gern auf uns warten, oder gar uns nachfolgen werden, wenn wir sie durch den Ranchero darum bitten lassen. Sie haben keine Ahnung davon, daß wir hier sind, und schon die Freude, uns so unerwartet wiederzusehen, wird sie veranlassen, unsern Wunsch zu erfüllen. Was meinst du dazu, Vetter Droll?«

»Wir reiten mit,« antwortete der Gefragte kurz entschlossen. »Old Shatterhand kommt sicher nach und der Apache auch. Ich brenne darauf, diesem Ölprinzen ein wenig auf die Finger zu sehen, und da er nicht warten will, so bleibt uns nichts übrig, als mitzugehen. Es gibt hier zwei Gründe, welche so wichtig sind, daß wir ihnen folgen müssen. es handelt sich um ein Millionengeschäft, und Mr. Baumgarten ist ein Deutscher, der ein Recht hat, Teilnahme und Hilfe von uns zu erwarten.«

»Ich danke euch!« sagte der letztere, indem er ihnen die Hände drückte. »Ich will nun auch offen sein und gestehen, daß ich dem Ölprinzen kein volles Vertrauen entgegengebracht habe; grad darum bat ich Mr. Rollins, mich mitzunehmen. Ich habe Grinley unterwegs stets beobachtet und sehr scharf im Auge behalten, aber freilich nichts entdeckt, was mein Mißtrauen hätte vergrößern können. Jedoch nun, wo ich solche Leute, wie ihr seid, bei uns weiß, ist mir für die Folge nicht mehr bange. Schlagt ein, wollen gute Kameraden sein!«

Er reichte den beiden abermals die Hände, und der Bankier folgte diesem Beispiele. Er schien jetzt erfreut darüber zu sein, solche Begleiter gefunden zu haben. Der Ranchero war herbeigekommen, hatte den letzten Teil des Gespräches mit angehört und sagte nun:

»So ist's recht, Mesch'schurs; haltet gut zusammen! Ich denke nicht, daß ihr das wegen des Ölprinzen nötig haben werdet, denn ich kann nichts Böses über ihn sagen; aber der Indianer wegen gebe ich euch diesen Rat. Die Nijoras und Navajos haben ihre Kriegsbeile ausgegraben und selbst den Moquis, die sonst außerordentlich friedlich sind, soll heute nicht mehr zu trauen sein. Ihr werdet also nicht hierblieben. Was soll ich Winnetou und Old Shatterhand sagen, wenn sie kommen?«

»Daß sie hier auf uns warten oder, noch weit besser, uns nach dem Chellyflusse sofort folgen sollen,« antwortete Droll. »Ich muß Euch aber sehr bitten, dem Ölprinzen hiervon nichts mitzuteilen!«

»Das verspreche ich Euch gern; er soll kein Wort erfahren. Wo er nur stecken mag? Will doch einmal nach ihm sehen.«

Er ging hinaus vor das Thor, wohin Grinley vorhin vorausgegangen war, und sah sich nach demselben um. Da erblickte er eine Gruppe von Reitern, welche sich von Süden her dem Rancho näherte. Diese Leute waren noch so fern, daß man jetzt nur bemerken konnte, daß sie auch Lasttiere bei sich hatten. Bald darauf aber erkannte Forner, daß die Gesellschaft nicht nur aus Männern bestand; es waren auch Frauen und Kinder dabei. Einige Reiter hatten Pferde; die übrigen saßen auf Maultieren.

Voran ritt ein kleiner Kerl, welcher in einem großen und viel zu weiten bockledernen Jagdrocke stak. Von dem Gesichte waren wegen eines außerordentlich starken Bartwuchses nur zwei kleine, listig blickende Äuglein und eine Nase zu sehen, welche fast erschreckende Dimensionen besaß. Dieses Männchen war Sam Hawkens, welcher mit seinen beiden Gefährten Dick Stone und Will Parker die Leitung der Auswandererkarawane übernommen hatte und mit derselben von dem erst projektierten Wege abgewichen war, weil das Verbleiben auf demselben zu viel Zeit erfordert hätte. Er ließ sein altes Maultier, die »Mary«, aus dem langsamen Marschschritte in Galopp fallen, hielt sie vor Forner an und grüßte:

»Good day, Sir! Nicht wahr, diese Niederlassung wird Forners Rancho genannt?«

»Ay, Master, das ist so,« antwortete der Farmer, indem er erst den Kleinen und dann die nachfolgenden Reiter musterte. »Ihr scheint wohl Emigranten zu sein, Master?«

»Yes, wenn Ihr nämlich nichts dagegen habt.«

»Ist mir recht, wenn ihr nur ehrliche Kerls seid. Wo kommt ihr her?«

»Ein wenig von Tucson herauf.«

»Da habt ihr einen bösen Weg gehabt, zumal Kinder bei euch sind. Und wo wollt ihr hin?«

»Gegen den Colorado zu. Ist der Ranchero daheim?«

»Yes, wie ihr seht. Ich bin es selbst.«

»So sagt, ob wir bis morgen früh bei Euch rasten dürfen?«

»Soll mir recht sein; denn ich hoffe, daß ich es nicht zu bereuen brauche, wenn ich euch diese Erlaubnis gebe.«

»Werden Euch nicht fressen; darauf könnt Ihr Euch verlassen. Und was wir vielleicht von Euch entnehmen, das werden wir gern bezahlen.«

Er stieg ab. Der Ölprinz hatte erst fern gestanden, war aber näher gekommen und hatte alles gehört. Er wußte nun, daß er die Auswanderer vor sich hatte, von denen er von seinem Bruder und dem ungetreuen Führer gehört hatte. Die im Hofe befindlichen Personen kamen auch an das Thor, und zwar grad in dem Augenblicke, in welchem die Gesellschaft dort anlangte, um abzusteigen. Das ging aber nicht so glatt, wie man erwartet hatte. Der Maulesel, auf welchem Frau Rosalie saß, schien seinen Kopf für sich zu haben; er wollte sie nicht herablassen, sondern weiterlaufen. Der Hobble-Frank trat als stets galantes Kerlchen herbei, um ihr behilflich zu sein, und das empörte den Maulesel in der Weise, daß er mit allen vier Beinen zugleich in die Luft ging und sie abwarf. Die Frau hätte sicher einen schweren Fall gethan, wenn Frank nicht so gewandt gewesen wäre, sie aufzufangen. Aber anstatt ihm dafür dankbar zu sein, riß sie sich von ihm los, gab ihm einen sehr kräftigen Rippenstoß und fuhr ihn zornig an:

»Sheep's-head!« – was so viel wie Schafskopf bedeutet.

»Sheep's-nose – Schafsnase!« antwortete er in seiner wohlbekannten Zungenfertigkeit.

»Clown – Grobian!« fuhr sie wütend fort, indem sie ihm die geballte Rechte entgegenstreckte.

»Stupid girl – dumme Liese!« lachte er und wendete sich von ihr ab.

Sie hielt ihn für einen Amerikaner und hatte sich also derjenigen englischen Kampfeswörter bedient, welche ihr bekannt waren, die stupid girl aber brachte sie in solche Aufregung, daß sie seinen Arm faßte und ihn deutsch andonnerte, weil ihr englischer Sprachschatz nun nicht weiterreichte:

»Sie Esel, großartiger, Sie! Wie können Sie eine Dame schimpfen! Wissen Sie, wer ich bin? Ich bin Frau Rosalie Eberschbach, geborene Morgenschtern und verwitwete Leiermüllern. Ich werde Sie beim Gerichtsamte anzeigen! Erscht machen Sie mir meinen Esel irre; nachher quetschen Sie Ihre Arme um meine Tallje, und endlich werfen Sie mir Schimpfwörter ins Gesicht, die een anschtändiger Mensch gar nich kennen darf. Das muß gerochen werden! Ich werde Sie ganz exemplarisch beschtrafen lassen. Verschtehn Se mich?«

Sie blickte ihn höchst herausfordernd an und stemmte kampfeslustig beide Hände in die Hüften. Der Hobble-Frank trat vor Überraschung einen Schritt zurück und fragte:

»Wie war das? Ihr Name is Rosalie Eberschbach?«

»Ja,« antwortete sie, indem sie ihm diesen Schritt folgte.

»Geborene Morgenschtern?« fuhr er fort, indem er zwei Schritte retirierte.

»Natürlich! Oder hab'n Sie vielleicht etwas dagegen?« erwiderte sie, indem sie ihm um zwei Schritte folgte.

»Verwitwete Leiermüllern?«

»Na, freilich!« nickte sie.

»Aber da sind Sie doch wohl eene Deutsche?«

»Und was für eene! Sagen Se nur noch een falsches Wort, so werden Se mich kennen lernen! Ich bin gewöhnt, daß man per Galanterie mit mir verkehrt. Verschtehn Se mich!«

»Und ich bin doch galant gegen Sie gewesen!«

»Galant? Was Se nich sagen! Is es etwa galant von Ihnen, sich an meinem Esel zu vergreifen?«

»Ich wollte ihn nur halten, weil er Ihnen nich gehorchte.«

»Nich gehorchte? Da hört aber gradezu alles und verschiedenes off! Mir gehorcht jeder Esel; das können Se sich merken! Und nachher haben Se mich in Ihren Armen halb zerdrückt. Der Atem ging mir aus, und das Feuer is mir förmlich aus den Oogen herausgefahren. Das muß ich mir schtreng verbitten. Mit eener Dame muß man hübsch sachte und behutsam verfahren. Wir sind das schönere und ooch das sanftere Geschlecht und wollen zart behandelt sein. Wer aber wie een Packträger zugreift und – – –«

Sie hielt inne, denn sie wurde unterbrochen; es erscholl hinter ihr ein Ausruf, der sie verstummen ließ, ein Ausruf der Verwunderung und des Entzückens:

»Herr Jemmineh, das ist ja doch wohl der berühmte Hobble-Frank!«

Frank wendete sich schnell um und rief, als er den Sprecher sah, mit ebenso großem Erstaunen:

»Unser Kantor Hampel! Is das denn die Möglichkeet! Schteigen Sie ab, und schweben Sie in meine Arme!«

Der langsame Opernbeflissene war, wie gewöhnlich, zurückgeblieben und erst jetzt beim Thore angekommen. Er hielt warnend den Finger empor und antwortete:

»Kantor emeritus, wenn ich bitten darf, Herr Frank! Sie wissen ja, es ist nur der Vollständigkeit halber und um etwaige Verwechselungen zu vermeiden. Es könnte leicht einen zweiten Kantor Matthäus Aurelius Hampel geben, der noch nicht emeritiert worden ist. Und sodann möchte ich Sie, ehe ich absteige, auf einen noch andern Punkt aufmerksam machen.«

»Off welchen denn?«

»Das werde ich Ihnen gleich sagen.«

»Sie sehen, wie begierig ich darauf bin, mein sehr verehrter und lieber Kantor.«

»Sehen Sie, da ist es schon wieder! Sie sagen bloß Kantor, während ich Sie höflicher Weise Herr Frank tituliere. Ein jünger der Kunst darf sich nichts vergeben, und darum muß ich Sie bitten, bei mir zukünftig den ›Herrn‹ nicht wegzulassen. Das ist nicht etwa Stolz von mir, sondern nur der Vollständigkeit wegen, wie Sie wohl wissen werden.«

Der Kantor kletterte sehr vorsichtig vom Pferde und umarmte Frank mit majestätischen Bewegungen. Dieser meinte lachend:

»Wir befinden uns hier merschtenteels im wilden Westen, wo so eene Vollschtändigkeet eegentlich gar nich nötig is; aber wenn es Ihnen Schpaß und Vergnügen macht, da werde ich Herr Kantor sagen.«

»Herr Kantor emeritus, bitte ich!«

»Gut, schön! Aber sagen Sie mir jetzt zu allererscht, wo und wie Sie da so hergeschneit kommen. Sie können sich mit aller Offiziellität daroff verlassen, daß ich een Reservoir mit Ihnen hier nicht für möglich gehalten hätte.«

»Revoir, auf deutsch Wiedersehen, wollen Sie wohl sagen! Das wundert mich sehr. Sie mußten auf ein Zusammentreffen mit mir gefaßt sein, Sie kennen doch meine Absicht, eine Oper zu komponieren?«

»Ja, Sie haben davon gesprochen, eene Oper von drei oder vier Aktricen.«

»Zwölf! Und nicht Aktricen, sondern Akte! Es soll eine Heldenoper werden, und da Sie mir von den ›Helden des Westens‹ erzählt haben, so wollte ich mit Ihnen nach dem Westen reisen, um mir Stoff für diese Oper zu sammeln. Sie sind aber leider fortgegangen, ohne mich zu benachrichtigen, und da ich ungefähr wußte, wohin Sie sind, so bin ich nachgekommen.«

»Welche Unvorsichtigkeet! Meenen Sie etwa, daß man sich hier so leicht und so schnell treffen kann wie derbeeme off dem Haus- oder Oberboden? Sie haben da mit eener gradezu lebensgefährlichen Unvorsichtigkeet gehandelt, und ich muß Ihnen eene kräftige Reprisande erteelen, denn es gibt –«

»Reprimande wollen Sie wohl sagen,« fiel ihm der Kantorin die Rede, »was einen Verweis, einen Tadel zu bedeuten hat.«

Da zog Frank die Stirn in Falten und sagte in sehr ernstem Tone:

»Hören Sie, Herr Kantor, Sie haben mir nun schon bereits zum drittenmale widersprochen; das kann und darf ich aber unmöglich dulden. Die erschten beeden Male habe ich's unbeschtraft hingehen lassen; jetzt aber darf ich meine Nachsicht nich länger kompendieren. Sie wissen nich bloß, wer und was ich bin; Sie wissen ooch, was ich leiste. In allen Wissenschaften gut sistiert, habe ich mir besondersch in Fremdwörtern eene Untrüglichkeet angeeignet, die sich niemals gymnastieren läßt. Ihre Widerschprüche sind also Beleidigungen für mich, wegen denen ich mich eegentlich mit Ihnen duellisieren müßte, wenn ich nich so een guter Freund von Ihnen wäre. Also reden Sie mir nich mehr drein, wenn ich in Zukunft wieder etwas sage; es könnte das unsre gegenseitige Sympathie auseenanderpartizipieren, was mir um Ihretwillen leid thun würde. Jetzt aber geschtatte ich mir, Ihnen hier meinen Freund und Vetter vorzuschtellen, wofür ich hoffe, daß Sie mich mit Ihren Begleitern subkutan bekannt machen werden. Bei mir heeßt es immer wie bei Cäsar: fenni, fitti, fitschi, zu deutsch: er kam, sie packte ihn, und ich kriegte ihn!«

Der Kantor schien große Lust zu haben, ihn abermals zu verbessern, sah aber glücklicherweise davon ab und nannte ihm die Namen aller derer, welche mit ihm gekommen waren. Da gab es ein freudiges Hallo, als die Männer, welche so viel voneinander gehört hatten, sich nun persönlich kennen lernten, besonders als Sam, Dick und Will erfuhren, daß sie mit Old Shatterhand und Winnetou zusammentreffen würden. Da gab es zu erzählen und tausend Fragen zu beantworten. Aber zunächst war es notwendig, das Lager zu errichten und für die Tiere zu sorgen; alles andre mußte aufgeschoben werden.

Als man damit beschäftigt war, sah der Ölprinz eine Weile zu. Er hatte versprechen müssen, sich der Auswandererkarawane zu bemächtigen und sie seinem Bruder und dessen Begleiter nachzubringen; darum nahm er einen Augenblick wahr, an welchem sich Sam Hawkens abgesondert von den andern befand, grüßte ihn höflich und sagte:

»Ich habe gehört, Sir, daß Ihr Sam Hawkens, der berühmte Westmann seid. Hat man Euch vielleicht meinen Namen genannt?«

»Nein,« antwortete der Kleine, auch in höflichem Tone. Der Ölprinz war ein Stiefbruder Buttlers und diesem in Beziehung auf seine Gesichtszüge gar nicht ähnlich. Darum konnte Sam nicht ahnen, daß er einen so nahen Verwandten des Räubers vor sich hatte.

»Ich heiße Grinley; man nennt mich in dieser Gegend den Ölprinzen, weil ich eine Stelle weiß, an welcher eine außerordentlich ergiebige Ölquelle zu Tage tritt.«

»Eine Ölquelle?« fragte Sam sofort interessiert. »Dann seid Ihr sehr glücklich gewesen und könnt ein steinreicher Mann werden. Wollt Ihr die Ausbeutung der Quelle in die eigene Hand nehmen?«

»Nein; dazu bin ich zu arm.«

»Also verkaufen?«

»Ja.«

»Habt Ihr schon einen Käufer?«

»Ich habe einen gefunden. Er sitzt drin im Hofe, Mr. Rollins, ein Bankier aus Brownsville in Arkansas.«

»So laßt Euch nicht über die Ohren barbieren, und verlangt so viel wie möglich! Ihr wollt mit ihm nach der Quelle reiten?«

»Ja.«

»Ist es weit von hier?«

»Nicht sehr.«

»Well, der Ort ist natürlich Euer Geheimnis, und ich will Euch nicht nach demselben fragen. Aber Ihr habt mich angeredet, und ich schließe daraus, daß Ihr irgend einen Grund habt, Euch mir zu nähern?«

»Das ist richtig, Sir. Man sagte vorhin, daß Ihr nach dem Colorado wollt?«

»Allerdings.«

»Meine Petroleumquelle liegt am Chellyflusse und ich habe von hier aus also die Richtung, welche auch Ihr reitet.«

»Freilich wohl; aber warum sagt Ihr das grad mir?«

»Weil ich Euch bitten wollte, mir zu erlauben, mich Euch anzuschließen.«

»Mit Eurem Bankier?«

»Ja, und mit dem Buchhalter desselben, welcher bei ihm ist.«

Sam betrachtete den Ölprinzen vom Kopfe bis zu den Füßen herab und antwortete dann:

»Hm, man kann hier in der Wahl seiner Begleiter nicht vorsichtig genug sein, wie Ihr wohl wissen werdet.«

»Ich weiß das gar wohl; aber sagt mir doch, Sir, ob ich wie ein Mensch aussehe, dem man kein Vertrauen schenken darf?«

»Das will ich nicht behaupten. Aber warum wollt Ihr mit uns reiten? Einen Fundort von Petroleum hält man doch geheim, und darum ist es auffällig, daß Ihr Euch uns anschließen wollt, wenn ich mich nicht irre.«

»Was das betrifft, so bin ich überzeugt, daß ein Sam Hawkens mich nicht betrügen wird.«

»Well; damit habt Ihr den Nagel auf den Kopf getroffen. Durch mich und meine Kameraden werdet Ihr sicher keinen einzigen Tropfen Öl verlieren.«

»Ich habe noch einen andern Grund, sogar zwei. Die Roten sind unruhig geworden, und da fühle ich mich bei Euch sichrer, als wenn ich mit meinen beiden unerfahrenen Leuten allein reiten müßte. Das werdet Ihr wohl begreifen?«

»Sehr gut.«

»Und sodann hat Mr. Frank mich in große Verlegenheit gebracht. Wir haben ihm aufrichtig mitgeteilt, was wir droben am Chelly wollen, und er hat mir diese Offenheit damit vergolten, daß er den Bankier mißtrauisch gemacht hat. Er glaubt nicht, daß am Chelly Petroleum zu finden ist.«

»Hm, das kann ich ihm nicht verdenken. Ich muß Euch sagen, Sir, daß ich auch nicht daran glaube.«

»Das sagt Ihr im Ernste?«

»Im vollen Ernste.«

»So haltet auch Ihr mich für einen Schwindler?«

»Nein.«

»O doch. Es ist ja gar nicht anders möglich, wenn Ihr nicht an meine Behauptung glaubt.«

»Ich denke, daß Ihr getäuscht worden seid.«

»Es hat mich niemand täuschen können, denn ich selbst bin es gewesen, der das Placer entdeckt hat.«

»Kein andrer war dabei?«

»Keinen«

»So habt Ihr sehr einfach Euch selbst getäuscht und irgend eine Flüssigkeit für Petroleum gehalten.«

»Das ist ja gar nicht möglich, Sir. Welche Flüssigkeit könnte das sein?«

»Weiß es auch nicht; aber ich möchte darauf schwören, daß es da oben am Chelly kein Petroleum gibt.«

»Kennt Ihr die Gegend?«

»Ja; ich bin einmal dort gewesen.«

»Längere Zeit?«

»Nein, sondern nur einige Tage; aber das ist gar nicht nötig; man braucht nicht dort gewesen zu sein, um zu wissen, daß kein Erdöl dort vorhanden ist; die Gegend stimmt nicht dazu. ja, wenn Ihr sagtet, Gold und Silber oder irgend ein andres Metall dort entdeckt zu haben, das wollte ich wohl glauben, Petroleum aber nie!«

»Aber ich habe es doch probieren lassen!«

»So! Und wie ist das Gutachten ausgefallen?«

»Zu meiner vollsten Zufriedenheit.«

»Das kann ich nicht begreifen. Dann ist ein Wunder geschehen, und ich gestehe Euch, daß es mich verlangt, dieses sonderbare Petroleum zu sehen.«

»Das könnt Ihr, Sir. Wenn Ihr uns die Erlaubnis gebt, uns Euch anzuschließen, werdet Ihr es zu sehen bekommen.«

»Ihr würdet mich zu dem Placer führen?«

»Ja.«

»Well; das ist mir wirklich hoch interessant. Also Mr. Frank hat auch nicht an das Öl geglaubt und Mr. Droll wohl auch nicht?«

»Beide nicht.«

»Und Ihr ärgert Euch natürlich darüber?«

»Darüber eigentlich nicht, sondern vielmehr darüber, daß sie den Bankier mißtrauisch gemacht haben. Sie konnten meinetwegen zehnmal oder hundertmal zweifeln; aber ihm ihren Unglauben aufzureden, das hätten sie nicht thun sollen. Sie konnten mir dadurch leicht das Geschäft, welches ich vorhabe zu Schanden machen.«

»Ist dieser Mr. Rollins denn wirklich zweifelhaft geworden?«

»Ja. Und eben auch aus diesem Grunde habe ich Euch gebeten, mich mitzunehmen. Sie wissen sich dann unter Eurem Schutze und werden nicht länger denken, daß ich irgend etwas gegen sie unternehmen will. Wollt Ihr mir den Gefallen thun, Sir?«

»Gern, möchte aber vorher meine Gefährten darum fragen.«

»Ist das nötig, Sir? Sehe ich so wenig Vertrauen erweckend aus, daß Ihr, der Ihr der Anführer zu sein scheint, Euch erst die Genehmigung andrer holen müßt?«

»So schlimm ist es nicht. Wenn Ihr nichts dagegen habt, daß ich aufrichtig gegen Euch bin, will ich Euch ehrlich sagen, daß ich Euch nicht für einen Schwindler, aber auch nicht für das Gegenteil halte; ich halte Euch für einen Menschen, den man erst kennen lernen und prüfen muß, um ihn richtig beurteilen zu können. Darum wollte ich mich erst bei Dick Stone und Will Parker erkundigen.«

»Alle Teufel, Sir! Diese Eure Aufrichtigkeit ist nicht etwa ein Kompliment gegen mich!«

»Aber sie ist doch besser, als wenn ich Euch in das Gesicht freundlich, hinterrücks aber mit Mißtrauen behandelte. Und damit Ihr seht, daß es nicht gar so schlimm gemeint ist, will ich meine Gefährten nicht erst fragen, ob sie Euch mitnehmen wollen, sondern Euch meine Zustimmung gleich jetzt erteilen.«

»Den Bankier und seinen Buchhalter eingeschlossen?«

»Versteht sich doch ganz von selbst, Sir.«

»Wann reitet Ihr von hier fort?«

»Morgen früh, wenn ich mich nicht irre. Wann wolltet denn Ihr weiter?«

»Heute schon; aber ich werde Mr. Rollins und Mr. Baumgarten zu bestimmen suchen, bis morgen zu warten.«

»Thut das, Sir; denn unsre Tiere sind ermüdet und die Frauen und Kinder ebenso, weil diese des Reitens nicht gewohnt sind. Ich will hoffen, daß ich es nicht zu bereuen haben werde, Euch meine Zustimmung gegeben zu haben.«

»Keine Sorge, Sir! Ich bin ein ehrlicher Kerl und glaube dies auch dadurch bewiesen zu haben, daß ich trotz der Gefahr, die ich dabei laufen könnte, bereit bin, Euch das Placer zu zeigen. Ein andrer würde das wohl schwerlich thun.«

»Ja; ich wenigstens würde mich sehr hüten, mein Geheimnis außer dem Käufer noch andern Leuten zu verraten. Also wir sind einig, Sir; morgen früh wird aufgebrochen.«

Er wendete sich von ihm ab. Der Ölprinz wendete sich nach dem Hofe, indem er einen Fluch ausstieß und dann zornig vor sich hinmurmelte:

»Damned fellow! Das sollst du mir büßen! Mir so etwas in das Gesicht zu sagen! Ich muß erst beobachtet und geprüft werden, ehe man mich für einen ehrlichen Menschen halten kann! Der Blitz soll dir dafür in die Glieder fahren! jetzt freut es mich, daß mein Bruder diese Halunken haben will. Hatte erst wenig Lust, mich mit ihnen abzugeben; nach dieser Beleidigung aber wird es mir eine Wonne sein, sie ihm zuzuführen. ja, sie sollen Petroleum zu sehen bekommen, und zwar was für welches!«

Die Pferde, Maultiere und Maulesel waren jetzt entsattelt und weideten im frischen Grase oder thaten sich im Wasser des Flusses gütlich. Mit Hilfe von Stangen, welche Forner herlieh, und Decken wurden Zelte improvisiert, da so viele Personen nicht im Innern des Rancho Platz finden konnten; die Zelte wurden im Hofe errichtet. Dann entwickelten die Frauen eine sehr rege Thätigkeit, welche bald zur Folge hatte, daß der Hof vom Dufte gebratenen Fleisches und neu gebackener Maisfladen erfüllt war. Zu dem Schmause, weicher nun begann, wurden der Hobble-Frank und auch die Tante Droll eingeladen. Die andern mochten für sich selber sorgen.

Frank lachte still in sich hinein, als er bemerkte, wie besorgt Frau Rosalie Ebersbach, geborene Morgenstern und verwitwete Leiermüller für ihn war. Sie legte ihm die besten Bissen vor; er mußte fast mehr essen, als er vermochte, und als er schließlich nicht mehr konnte und sehr energisch dankte, weil sie ihm noch einen dampfenden Maiskuchen aufzwingen wollte, bat sie ihn:

»Nehmen Sie doch nur dieses noch, Herr Hobble-Frank! Ich gebe es Ihnen ungeheuer gern. Verschtehen Se mich?«

»O ja,« lachte er. »Ich habe ja schon vorhin gesehen, daß Sie mir gern 'was geben. Beinahe hätte ich sogar Ohrfeigen bekommen.«

»Weil ich nich wußte, wer Sie eegentlich sind. Wenn ich Sie für den berühmten Hobble-Frank gehalten hätte, wäre das Mißverschtändnis gar nich vorgefallen.«

»Aber eenem andern gegenüber wären Sie demnach grob gewesen?«

»Verschteht sich ganz von selbst. So een Betragen is eene Beleidigung, und beleidigen lasse ich mich eenmal nich, denn ich bin nich nur eene gebildete, sondern ooch eene tapfere Frau und weeß genau, wie man sich zu verhalten hat, wenn man als Dame nich mit der erforderlichen Weechherzigkeet behandelt wird.«

»Aber ich wiederhole Ihnen, daß von eener Unzartheet oder gar Beleidigung gar keene Rede war. Ich wollte Ihnen eene ritterliche Offmerksamkeet erweisen, weil Ihr Maulesel schtörrisch war. Mir haben Sie fälschlicherweise die Vorwürfe gemacht, während der Esel es gewesen is, der sich nich als Gentleman gegen Sie betragen hat.«

»Was brauchten Sie ihn aber anzugreifen? Sie hatten doch nich die allerkleenste Ursache dazu. Ich wäre schon alleene mit ihm fertig geworden. Ich verschtehe es schon mit Eseln umzugehen, von welcher Sorte sie nur immer sein mögen. Sie werden mich schon noch kennen lernen. Wenn Sie 'mal eene recht resolute Person brauchen, so wenden Se sich nur an mich. Ich fürchte mich vor keenem Esel und vor keenem Maultiere, vor keenem roten Indianer und ooch vor keenem weißen Bleichgesichte. Der Herr Kantor emeritus hat uns so viel Liebes und Schönes von Ihnen erzählt, daß ich Sie lieb gewonnen habe und bereit bin, Ihnen in aller Not und Gefahr hilfreich beizuschpringen. Sie können sich droff verlassen: ich gehe für Sie durchs Feuer, wenn es sein muß. Da, nehmen Sie noch dieses Schtückchen Rindfleesch; es is das beste, was ich noch für Sie habe.«

»Danke, danke!« wehrte er ihr ab. »Ich kann nich mehr, wirklich nich mehr. Ich bin geschtoppt voll und könnte mir, wenn ich noch mehr äße, leicht eene gefährliche Indigestikulation zuziehen.«

»Indigestion, wollen Sie wohl sagen, Herr Frank,« fiel der Kantor ihm in die Rede. Da aber fuhr ihn der Kleine zornig an:

»Schweigen Sie, Sie konfuser Emeritechnikus! Was verschtehen denn Sie von griechischen und arabischen Wörterbüchern! Sie können zwar Orgel schpielen und vielleicht ooch Opern komprimieren, im übrigen müssen Sie ganz schtille sein, zumal eenem Prairiejäger und Gelehrten gegenüber, wie ich eener bin. Wenn ich mich mit Ihnen in gelehrten Schtreit einlassen wollte, würden Sie doch allemal kleene zugeben müssen!«

»Das möchte ich denn doch bezweifeln,« wendete der Kantor ein.

»Wie? Was? Das wollen Sie nich zugeben? Soll ich's Ihnen beweisen? Soll ich Ihnen zeigen, was für eene schprächliche Null Sie gegen mich sind, wenn es sich um unsre extrakten Wissenschaften handelt?«

»Exakt muß es heißen, Herr Frank!«

Da fuhr der Kleine ihn noch zorniger als vorher an:

»Was? Schon wieder wollen Sie mich verbessern? Was meenen Sie denn eegentlich mit Ihrem exakt, he?«

»Unter exakten Wissenschaften versteht man bekanntlich diejenigen Wissenschaften, welche auf sichern, feststehenden Kenntnissen beruhen.«

»Ach so! Und damit wollen Sie mich Schlagen, mich, den berühmten Hobble-Frank? Wissen Sie, was das zu bedeuten hat? Besitzen Sie eene Ahnung davon? Es soll Ihnen gleich een Licht offgehen! Was verschtehen Sie denn nu zweetens unter dem Worte, dessen ich mich höchst zutreffender Weise bedient habe; ich meene nämlich das Wort extrakt?«

»Den Auszug aus irgend etwas, zum Beispiele aus Schriften, aus Kräutern und so weiter.«

»Schön, sehr schön, mein lieber Herr Kantor emeritus! Sie geben aber doch wohl zu, daß der Extrakt stets das Beste enthält? Lindenblütenextrakt zum Beispiel enthält die ganzen körperlichen und geistigen Fähigkeiten, welche in der Lindenblüte geschteckt haben. Nich?«

»Ja, wenn ich mich auch vielleicht etwas anders ausgedrückt hätte.«

»O bitte, drücken Sie sich immer ergebenst aus, wohin es Ihnen beliebt, ich bin Ihnen nich im geringsten hinderlich. Die Hauptsache is, daß Sie mir zugeschtimmt haben. Extrakt is der Inbegriff aller Geister, die sich herausziehen lassen. Wenn ich nun von extrakten Wissenschaften schpreche, so meene ich natürlich, daß die Geister aller Wissenschaften in mir vereenigt sind. Das muß jedes Kind einsehen, Ihnen aber scheint diese Schprache viel zu hoch zu sein. Es ist wirklich nich zu begreifen, wie es menschenmöglich sein kann, daß Sie sich vorhin über meine Indigestikulation offgehalten haben!«

»Weil es Indigestion heißen muß.«

»So, so! Was soll denn dieses schöne, liebliche Wort bedeuten?«

»Unverdaulichkeit. Indigestibel bedeutet unverdaulich oder unverdaubar.«

»Das gloobe ich Ihnen sofort und von ganzem Herzen, denn Sie selber sind im höchsten Grade indigestibel; wenigstens ich kann Sie ganz unmöglich verdauen. Was haben Sie nun aber gegen das Wort, welches ich gebraucht habe, nämlich Indigestikulation?«

»Daß es kein richtiges Wort, sondern der reine Unsinn ist.«

»Ach so, hm, hm! Und was heeßt denn wohl Gestikulation?«

»Die Gebärdensprache, die Sprache durch Bewegung der Hand oder andrer Körperteile.«

»Schön, sehr schön! jetzt habe ich Sie, wohin ich Sie haben wollte. Jetzt sind Sie gefangen wie Kleopatra von Karl Martell in der Schlacht an der Beresina! Also Gestikulation is Gebärden- oder Bewegungsschprache, und indi bedeutet innerlich, sich off den Magen beziehend, denn Sie haben selber gesagt, daß indigestibel unverdaulich heißt. Also wenn ich mich des sehr geistreichen Ausdruckes Indigestikulation bediene, so habe ich zu viel gegessen und will durch die Blume andeuten, daß mein Magen sich in schtürmische Windungen versetzt, um mich durch diese Gebärden- und Bewegungsschprache daroff offmerksam zu machen, daß ich Messer, Gabel und Löffel nun in die Serviette wickeln und beiseite legen soll. Sie aber scheinen für solche zarten Andeutungen Ihres Magens keen Verschtändnis zu besitzen, sonst hätten Sie meine Indigestikulation nich angezweifelt. Is Ihnen vielleicht die Fabel von dem Frosche und dem Ochsen bekannt?«

»Ja.«

»Nu, wie war die denn?«

»Der Frosch sah einen Ochsen, wollte sich so groß machen, wie dieser war, blies sich auf und –- zerplatzte dabei.«

»Und die Lehre, welche man aus dieser Fabel zu ziehen hat?«

»Der Kleine soll sich nicht groß dünken, sonst kommt er in Schaden.«

»Schön, sehr schön! Ausgezeichnet sogar!« stimmte Frank begeistert bei. »Nehmen Sie sich diese Lehre zu Herzen, Herr Kantor emeriticus

»Warum, wenn ich Sie darum fragen darf?«

»Weil diese Fabel außerordentlich gut off uns paßt, nämlich off Sie und mich.«

»Wieso?«

Das schlaue Lächeln, mit welchem der Kantor dieses Fragewort aussprach, ließ erraten, daß er beabsichtigte, den Hobble-Frank in seine eigene Falle zu locken. Auch die andern blickten mit großer Spannung zu dem erregten Kleinen herüber; sie waren neugierig, ob er wirklich in die Grube fallen würde, in welche der Kantor stürzen sollte. Frank war zu begeistert, dies zu bemerken; er antwortete auf das »Wieso?« des Emeritus, ohne sich zu überlegen, was er sagte:

»Weil Sie geistig unbedeutend sind, während ich eene Größe bin. Wenn Sie sich mit mir vergleichen wollen, so müssen Sie unbedingt zerplatzen, denn Sie sind in Bezug off Kenntnisse, Fertigkeeten und Wissenschaften der kleene Frosch, während ich in allen diesen Dingen der große Och – – –«

Frank hielt mitten im Worte inne; sein Gesicht wurde länger; er erkannte plötzlich, an welcher Leimrute er im Begriff stand, kleben zu bleiben.

»... der große Ochse bin,« ergänzte der Kantor den unterbrochenen Satz. »Ja, ja, da haben Sie Recht. Ihr Beispiel ist nicht ganz unzutreffend gewählt, besonders rücksichtlich des einen Bildes, welches Sie auf sich beziehen.«

Es brach natürlich ein allgemeines Gelächter aus, welches gar nicht enden wollte. Frank schrie zornig dazwischen hinein, was aber nur zur Folge hatte, daß das Lachen immer stärker wurde und immer wieder von neuem ausbrach. Da sprang er, im höchsten Grade ergrimmt, auf und brüllte, was er nur brüllen konnte:

»Haltet die Mäuler, ihr Schreihälse, ihr! Wenn ihr nich off der Schtelle schtille seid, reite ich fort und lasse euch hier sitzen!«

Aber man beachtete diese Drohung nicht; das Gelächter schwoll im Gegenteile von neuem an und selbst sein Freund und Vetter Droll lachte, daß er sich den Bauch mit beiden Händen halten mußte. Dies brachte den Hobble vollends außer sich, er schüttelte die geballten Fäuste wütend gegen die Lachenden und rief mit vor Zorn fast überschnappender Stimme:

»Nu gut! Ihr wollt nich hören, da sollt ihr fühlen! Ich schüttle den Schtaub von meinen Schtiefeln wie Johann Huß off seinem Scheiderhaufen in Magenta und gehe meine Wege. Düh l'ah wollüh, Anton! Ich wasche meine Hände in kindlicher Unschuld und lasse die Seefe bei euch zurück. Adieu, off Reservoir in eener bessern Welt, wo's keene dummen Menschen gibt, die über meine reformatorische Geistesgröße lachen!«

Er rannte davon, während das Gelächter nun wahrhaft homerisch hinter ihm erscholl. Sein Pferd graste draußen im Freien; er lief hinaus.

Ein einziger nur war es, der nicht mit in das Lachen eingestimmt hatte, nämlich Schi-So, der Häuptlingssohn. Der angeborene Indianerernst ließ ihn zurückhaltend sein. Er verstand ja auch deutsch und hatte gar wohl gehört, in welch drolliger Weise Frank in sein eigenes Netz gelaufen war; er fühlte sich auch belustigt, doch fand seine Heiterkeit ihren Ausdruck nur in einem Lächeln, welches um seine Lippen spielte. Er erhob sich nach kurzer Zeit von seinem Platze und ging nach dem Thore, um sich nach dem zornigen Kleinen umzusehen. Bereits nach wenigen Augenblicken kehrte er zurück und meldete.

»Er macht wirklich Ernst, denn er sattelt draußen sein Pferd. Soll ich ihn bitten zurückzukommen?«

»Nee,« antwortete Droll in seiner Altenburger Mundart. »Er will uns nur in Verlegenheet bringe. Ich kenne meine Pappenheimer; dem fällt es epper gar nich ein, fortzureite und mich hier sitze zu lasse.«

Dennoch kehrte Schi-So an das Thor zurück. Kaum war er dort angekommen, so ließ er einen Pfiff hören und rief, als sie nach ihm hinblickten, ihnen zu:

»Er steigt auf; es scheint ihm Ernst zu sein.«

Nun rannten alle hin. Da kamen sie gerade recht, zu sehen, daß der ergrimmte Hobble wirklich im Sattel saß und, sein Pferd nach dem Flusse lenkend, fortritt. Droll rief ihm nach.

»Frank, Vetter, wo willste hin? Es war ja gar nich so gemeent!«

Der Hobble drehte sein Pferd herum und antwortete:

»Meents wie ihr wollt; der Prairiejäger und Privatgelehrte Heliogabalus Morpheus Edeward Franke läßt sich nich auslachen.«

»Mer habe ja nich über dich, sondern über den Kantor gelacht,« log Droll.

»Das machste mir nich weiß. Ihr habt über den Ochsen gelacht, den ich gar nich 'mal vollschtändig ausgeschprochen habe; er kam nur halb heraus; die hintere Hälfte is mir im Munde schtecken geblieben. Is das etwa lächerlich?«

»Lächerlich nich, aber höchst gefährlich, eenen halben Ochsen im Maule zu habe; das macht dir wahrhaftig keener von uns nach. Unsre Achtung schteigt; also komm nur wieder her, altes Haus!«

»Fällt mir nich im Troome ein, besonders da du sogar jetzt wieder über den Ochsen lachst. O, Vetter Droll, was muß ich alles von dir erleben und erleiden. Das hätte ich nich gedacht! Aber Schtrafe muß sein. Ich bin Achilles mit der Ferse und werde es mit euch grad so machen, wie er es mit den Russen gemacht hat.«

»Achilles? Der is mir unbekannt und seine Ferse ooch.«

»Pfui Schande, so was nich zu wissen! Und dennoch lachste über mich? Achilles war der größte Held der Schpartaner und zog mit den Russen gegen die Türken aus. Bei der Belagerung von Dünkirchen beleidigte ihn Gortschakoff durch grad so een höllisches Hohngelächter, wie heut das eurige war; da setzte er sich off seinen Rappen und jagte wütend und mit verhängtem Zügel zum Burgthore hinaus. Seit dieser Zeit is er verschwunden, schpurlos verschwunden, und keen Mensch hat ihn jemals wiedergesehn. Zum Andenken aber hat man ihm eenen astronomischen Fixstern an den Himmel gesetzt, mit seinem schpartanischen Namen darüber. Wenn du off die Himmelskarte guckst, kannste ihn am südlichen Firmamente im Bilde des grauen Bären sehen, zu dem ooch der Mond gehört. So wie dieser große Held wird jetzt ooch der Hobble-Frank verschwinden.«

»Unsinn! Komm nur her, und sei nich albern!«

»Albern? Dieses Wort schtößt dem Faß vollends den Boden'naus! Der Hobble-Frank und albern! Hat man jemals so was nur gehört! Nee, ich verschwinde ganz so, wie Achilles unsichtbar geworden is, und lasse mich durch nischt zur Rückkehr mehr bewegen, ooch nich dadurch, daß ihr mir eenen Schtern 'noff an den Himmel setzt. Lebt also wohl, Gentlemen! Habe die Ehre! Mein Kompliment!«

Er wendete wieder um, gab seinem Pferde die Sporen, jagte nach dem Flusse und ritt in denselben hinein.

»Frank, Frank, kehr um, kehr doch um!« schrie Droll ihm lachend nach. »Du kannst doch deine Tante nich verlasse!«

Der Hobble drehte diesmal nur den Kopf herum und rief zurück:

»Wir sind von heute an geschiedene Leute; da beißt keene Maus keenen Faden nich! Ich drehe mich kontinatürlich weiter, wie sich die Erde um die Sonne dreht. Ich bin für euch een abgeschiedener, toter Mann. Quietist in patrem – Friede eurer Asche!«

Der neue Achilles ritt weiter, über das Flüßchen hinüber und dann in den weiten Camp hinein.

»Das thut mir außerordentlich leid,« gestand der besorgte Kantor. »Er ist etwas streitfertig, besonders in Beziehung auf die Wissenschaft, aber sonst ein seelensguter Mann. Ich hatte mich so sehr darauf gefreut, ihn zu treffen, und nun haben wir ihn eingebüßt!«

»Für höchstens eenige Schtunden nur,« antwortete Droll.

»Meinen Sie wirklich?«

»Ja; ich kenne ihn. Wenn man ihm nich recht gibt, so schmollt er gern, wird aber gleich wieder gut.«

»Aber heut scheint es anders zu sein!«

»Nee. So wild wie heut is er freilich noch nie gewese; zum Fortreite is es noch niemals gekomme; aber ich weeß, daß er ohne mich nich lebe kann, und selbst wenn er das könnte, verlasse thut er mich doch sicher nich. Er wird seinen Zorn hinaus in den Camp reite, ihn dort liege lasse und nachher zu uns zurückkomme; darauf könne Sie sich verlasse. Dann dürfe Sie freilich nich off ihn rede; Sie müsse so thun, als ob gar nischt geschehe wäre und als ob Sie ihn gar nich sehe thäte. Überhaupt dürfe Sie ihn, wenn er 'mal zu schtreite beginnt, nich durch Widerschpruch zornig mache. Er bildet sich nu eemal ein, alle mögliche Gelehrsamkeet zu besitze; das macht keenem eenen Schaden; darum lasse Sie ihn off seinem Schteckenpferd sitze, wenn er es partuh reite will!«

Natürlich waren alle Anwesenden Zeugen der Entfernung Franks gewesen. Sogar das Gesinde des Ranchero hatte, durch das Gelächter angelockt, das Haus verlassen und war vor das Thor gelaufen. Auch der Bankier hatte mit seinem Buchhalter den Vorgang beobachtet; da er nicht deutsch verstand, mußte der letztere ihm die gefallenen Reden erklären. Er lachte nachträglich auf das herzlichste und war neugierig, ob die Voraussetzung Drolls sich erfüllen und Frank wiederkommen werde. Während diese beiden noch miteinander sprachen, trat Sam Hawkens zu ihnen und fragte:

»Ihr wollt nach dem Chellyflusse, Mr. Rollins? Unser Weg führt uns dort vorüber, und morgen früh reiten wir von hier fort, Euer Ölprinz hat die Absicht, sich uns anzuschließen, und ich bin darauf eingegangen. Wißt Ihr schon davon?«

»Nein; er hat mir noch nichts gesagt. Was denkt Ihr von dem Ölfunde?«

»Daß er sich in der Flüssigkeit geirrt hat, wenn es nicht etwas noch Schlimmeres ist. Ich kann Euch nur zur Vorsicht mahnen.«

»Also genau so, wie Mr. Frank und auch Mr. Droll mir sagten. Diese beiden scheinen auch mit euch zu gehen?«

»Ja. Und später kommt Old Shatterhand mit Winnetou uns nach. Ich denke, daß die Gelegenheit gar nicht trefflicher für Euch passen kann. Ihr werdet mir willkommen sein; macht aber, was Ihr wollt!«

»Well! Ich müßte gar kein Hirn im Kopfe haben, wenn ich nicht auf Euern Vorschlag eingehen wollte. Ihr gewährt mir einen Schutz, den ich vielleicht sehr nötig habe. Es mag also zugesagt sein: ich werde mich Euch anschließen, Sir, und sage Euch für die Erlaubnis einstweilen meinen Dank.«

So war die Sache also zur allseitigen Zufriedenheit abgemacht, und Rollins, Baumgarten und der Ölprinz, welche sich bisher mehr für sich gehalten hatten, schlossen sich den Emigranten und deren Führern an. Man setzte sich zusammen; es wurde viel erzählt, so daß man bald bekannter miteinander wurde. Darüber verging der Nachmittag; der Abend brach herein, und man brannte im Hofe ein Feuer an, um an demselben das Fleisch, welches der Ranchero lieferte, zu braten. Nach dem Essen sollte Kaffee gekocht werden. Die dazu gehörigen Gefäße hatten die Einwanderer mit; man brauchte sie also nicht von Forner zu borgen. Frau Rosalie und eine der andern Frauen nahmen einen Kessel und gingen damit nach dem Flusse, um Wasser zu holen. Nach einigen Minuten kamen sie in großer Aufregung und ohne den Kessel zurück. Ihre Gesichter drückten das größte Entsetzen aus.

»Was ist denn mit Ihnen?« fragte der Kantor. »Wo haben Sie den Kessel? Wie sehen Sie denn aus?«

Die andre Frau konnte vor Schreck nicht reden; Frau Rosalie antwortete, aber unter allen Anzeichen des Schreckes.

»Wie ich aussehe? Wohl schlecht, he?«

»Ganz leichenblaß. Ist Ihnen vielleicht etwas passiert?«

»Passiert? Und ob! Herjesses, was wir gesehen haben!«

»Was denn?«

»Was? Ja, das weeß ich nich, da fragen Sie mich zu viel.«

Da meinte ihr Mann:

»Sei doch nich so dumm! Du mußt doch wissen, waste gesehen hast!«

Da stemmte sie die Fäuste in die Hüften und fuhr ihn zornig an:

»Weeßt du es vielleicht?«

»Ich? Nee,« antwortete er verblüfft.

»Na also! Da schweigste ooch schtille, verschtehste mich! Ich weeß schon, wo ich meine Oogen hab; aber so een grausiges Geschöpf, wie wir gesehen haben, is mir in meinem ganzen Leben noch nich vorgekommen.«

»Es war een Geist, een Flußgeschpenst,« erklärte die andre Frau, indem sie sich schüttelte. Sie hatte die Sprache wieder erlangt.

»Unsinn!« antwortete Frau Rosalie. »Geister gibt es nich, und an Geschpenster gloobe ich erscht recht nich.«

»So war es een Wassernix!«

»Ooch nich. Sei doch nich so abergläubisch! Nixe gibt es nur in den Kindermärchen.«

»Was denkste denn, was es da gewesen sein mag?«

»Ja, da fragste mich zu viel. Een Geist also warsch nich, denn es gibt keenen; een Mensch is es ooch nich gewesen, also warsch een Vieh, aber was für eens!«

Da ergriff der Kantor das Wort wieder:

»Wenn es ein Tier gewesen ist, so werden wir die Gattung, die Art und den Namen bald herausbekommen; ich bin ja Zoologe, nämlich vom Unterrichte in der Schule her. Beantworten Sie mir meine Fragen. War es ein Wirbeltier?«

»Von eenem Wirbel hab'ich nischt bemerkt. Dazu ist es zu dunkel gewesen.«

»Welche Größe hatte es denn?«

»Als es im Wasser saß, konnte ich das nich gut sehen; aber als es offschprang, war es meiner Seele so groß wie een Mensch.«

»Also war es unbedingt ein Wirbeltier, wahrscheinlich ein Säugetier?«

»Das kann ich nich sagen.«

»Gehen wir die einzelnen Klassen durch. Ist es ein Affe gewesen?«

»Nee, denn es hatte keenen Schwanz.«

»Es gibt auch ungeschwänzte Affen. Vielleicht ein Raubtier?«

»Ooch nich, obgleich es gefährlich genug ausgesehen hat.«

»Woher wissen Sie denn, daß es kein Raubtier gewesen ist?«

»Weil es keene Haare hatte.«

»So so, hm, hm! Vielleicht ein Fisch?«

»Nee, gar nich, denn een Fisch hat doch keene Arme und Beene.«

»Die hatte es aber?«

»Ja.«

»Sonderbar, höchst sonderbar! Arme und Beine haben nur die Menschen und die Affen; ein Affe aber war es nicht, wie Sie behaupten; also scheint anzunehmen zu sein, daß es ein Mensch gewesen ist, zumal er keine Haare, also kein Fell gehabt hat.«

»Gott bewahre, een Mensch war es nich; een Mensch hat eene ganz andre Schtimme,«

»Hatte er denn eine?«

»Na, und was für eene.«

»Können Sie es mir nicht einmal vormachen?«

»Ich will's versuchen,« meinte sie, setzte sich in Positur, holte tief Atem und brüllte dann. »Uhuahuahuahuaauauauahhh!«

Bei diesem entsetzlichen Gebrüll sprangen alle Anwesende auf.

»Herrgott, was muß das für eine Bestie gewesen sein – ein Löwe – Tiger – – Panther!« so rief es durcheinander.

»Still, ihr Leute!« gebot der Kantor. »Regen Sie sich nicht auf! Sie haben ja gehört, daß es kein Raubtier gewesen ist. Wir haben also nichts zu befürchten, und ich werde an der Hand der Wissenschaft die Sache bald aufklären. Das Tier hatte kein Fell, war also kein Säugetier. Ein Fisch kann es auch nicht gewesen Sein, weil es eine Stimme hatte. Da wir von den wirbellosen Tieren ganz absehen müssen, so bleiben uns nur noch die Amphibien, besonders die Frösche und die Kröten.«

Da rief die andre Frau schnell:

»Ja, ja, das is richtig; es war eene Kröte!«

»Nee, es war een Frosch!« behauptete Frau Rosalie ebensoschnell.

»Nee, eene Kröte! So wie dieses Vieh, kann nur eene Kröte im Wasser sitzen.«

»Se hoppte aber doch in die Höhe!«

»Kröten hoppen ooch!«

»Aber nich so wie die Frösche, und Kröten halten sich ooch mehrschtenteels off der Erde off, aber nich im Wasser. Verschtehste mich. Es war een Frosch!«

»Aber ein so großer Frosch!« zweifelte der Kantor, indem er bedenklich mit dem Kopfe schüttelte. »Sie sagten doch, daß er so groß wie ein Mensch gewesen sei?«

»Ja, so groß war er, off Ehre!«

»Hm, hm! Der größte Frosch, den es hier in Amerika gibt, das ist der Ochsenfrosch; aber der ist doch nicht so groß wie ein Mensch!«

»Ochsenfrosch? Gibt es da welche? Da is es ganz gewiß eener gewesen.«

»Unmöglich, denn ein solcher Frosch erreicht niemals eine solche Größe.«

»Warum denn nich? Es gibt überall Riesen und Zwerge, also wird es wohl auch unter den Fröschen solche geben. Es is also een Ochsenfroschriese, oder een Riesenochsenfrosch, oder een Ochsenriesenfrosch, oder een Froschochsenriese, oder een Riesenfroschochse, oder een Froschriesenochse---«

»Halt, halt, halt!« wehrte der Kantor schaudernd ab. »Was werden Sie noch alles aus diesem Frosche machen! In meinem Lehrbuche der Naturgeschichte war ein solcher Ochsenfroschriese nicht verzeichnet; aber ich will nicht streiten; ich lebe mehr der Kunst als der Zoologie und will nicht behaupten, daß es solche Abnormitäten nicht geben kann. Sie meinen also wirklich, daß es ein riesiger Ochsenfrosch gewesen ist, Frau Ebersbach?«

»Ja, off Ehre und off Seligkeet! Ich kann's beschwören, denn wie das Vieh so mit allen vier Beenen in die Höhe schprang, kann es nischt andres als nur een Frosch gewesen sein.«

»Was that das Tier denn vor dem Springen? Saß oder schwamm es?«

»Es saß wie een Frosch sitzt! Den hintern Teil sah mer nich, und von der vordem Hälfte guckten nur die obern Beene, een bissel vom Leibe und der Kopp aus dem Wasser. Und nu besinne ich mich ooch ganz genau off das breete Froschmaul und off die Glotzoogen, mit denen er uns entgegenschtarrte, Herr Kantor.«

»Bitte, Kantor emeritus, der Vollständigkeit halber! Wir stehen trotz der Beschreibung, welche Sie uns liefern, vor einem Rätsel, und ich schlage vor, wir gehen nach dem Flusse, um uns zu überzeugen.«

»Meenen Sie, daß er noch dortsitzt?«

»Ja. Frösche sind keine Zug-, sondern Standtiere. Dieser Frosch ist hier geboren oder vielmehr gelaicht worden und wird diese Gegend also nie verlassen. Da es aber ein so großes Biest ist, schlage ich vor, die Gewehre mitzunehmen. Frösche haben nämlich Zähne, während Kröten keine haben. Das Tier könnte beißen.«

Der Wirt mußte einige Laternen herschaffen, und dann verließen alle ohne Ausnahme den Hof, um nach dem Flusse zu gehen. Sam Hawkens, Dick Stone und Will Parker waren die hintersten. Ihnen hatte sich auch Droll angeschlossen. Dieser letztere fragte, indem er leise vor sich hinlachte:

»Was meint ihr wohl, Mesch'schurs, was für ein Tier dieses Viehzeug ist?«

»Doch nur ein Frosch, so groß wie meine Hand,« antwortete Hawkens. »Er ist vor den Weibern plötzlich aufgesprungen, und im Schreck haben sie ihn für fünfzigmal größer gehalten, als er war.«

»Nein; er ist wirklich so groß,« entgegnete Droll.

»Wie? Glaubt Ihr das wirklich?«

»Ja.«

»Unsinn! Ein Frosch, so groß wie ein Mensch!«

»Es ist ja gar kein Frosch!«

»Nicht?«

»Nein.«

»Was denn?«

»Ein Mensch, welcher gebadet hat.«

»Ah! Gewiß einer der Knechte, welche hier im Freien das grasende Vieh zu bewachen haben.«

»Auch nicht.«

»Wer denn?«

»Mein Hobble-Frank.«

»Alle Wetter! Welche Idee, wenn ich mich nicht irre!«

»Ja, er ist's gewiß. Er sprach heut, als wir drin im Hofe bei der Sonnenglut zusammensaßen, daß er heut abend, wenn es finster sein werde, ein Bad nehmen wolle. Das hat er jetzt gethan.«

»Aber er ist doch fort!«

»Pshaw! Er ist wieder da; ich kenne ihn. In den Hof hat er freilich nicht kommen wollen, sondern sich hier ins Freie gelagert. Da ist ihm der Gedanke an das Bad wieder aufgestiegen; er hat sich ausgezogen und ist in das Wasser gegangen. Das ist so gewiß, daß ich um tausend Dollars wetten will.«

»Sollte mich freuen, wenn er wiedergekommen wäre.«

»Ich habe nicht daran gezweifelt.«

»Na, daß er uns ganz verlassen werde, habe ich auch nicht gedacht; er weiß ja, wohin wir morgen wollen, und da meinte ich, daß er unterwegs wieder zu uns stoßen würde. Ah, schaut! Da haben wir ja den Frosch!«

Nämlich der Zug der Neugierigen war, mit vier Laternen versehen, in der Nähe des Flusses angekommen. Da saß der Hobble-Frank neben seiner weidenden Mary im Grase. Er erhob sich ganz erstaunt, als er die vielen Menschen erblickte, und fragte in deutscher Sprache:

»Was habt ihr denn da vor, ihr Leute? Das is ja die reene Wallfahrt, die da herangeschlängelt kommt!«

»Ah, Sie sind wieder da, Herr Frank!« antwortete der Emeritus. »Das ist mir außerordentlich lieb, denn vielleicht können Sie uns Auskunft geben. Wie lange befinden Sie sich wieder hier?«

»Seit vielleicht eener Schtunde.«

»Haben Sie beobachtet, was an dieser Stelle vorgegangen ist?«

»Natürlich! Ich habe ja meine Oogen und ooch meine Ohren, und so eenem Prairiejäger, wie ich bin, kann niemals nischt entgehen.«

»Haben Sie die beiden Frauen gesehen, welche Wasser holen wollten?«

»Ja.«

»Und auch das Tier?«

»Welches Tier?«

»Welches im Wasser gesessen hat?«

»Im Wasser gesessen? Ich habe keens bemerkt.«

»So sind Ihre Augen und Ohren doch nicht so aufmerksam gewesen, wie Sie denken.«

»Oho! Was für een Vieh soll es denn gewesen sein?«

»Ein Ochsenfrosch.«

»Sapperlot! Da soll eener hier gewesen sein?«

»Ja.«

»Wer hat denn das gesagt?«

»Die Frauen.«

»Von eenem Ochsenfrosch is mir wirklich nischt ins Bewußtsein gekommen.«

»Waren Sie denn wirklich in der Nähe, als die Damen hier waren?«

»Was das betrifft, so war ich ihnen allerdings sehr nahe.«

Da schob sich Frau Rosalie zu ihm hin und sagte:

»Sie habe ich allerdings nich gesehen, Herr Hobble-Frank, desto deutlicher aber den Ochsenfrosch. Wenn Sie so sehr in unsrer Nähe gewesen sein wollen, so müssen Sie ihn unbedingt ooch gesehen haben!«

»Leider nich!«

»Er war ja groß genug!«

»Wie denn ungefähr?«

»Grad wie een ausgewachsener Mensch.«

»Oho! So groß wird im ganzen Leben keen Frosch, Frau Eberschbach, selbst wenn es een Ochsenfrosch wäre. Ich habe genug solche Kerls gesehen; sie werden etwas größer als eene tüchtige Männerhand, größer nich. Ihren Namen haben sie nich etwa daher, daß sie die Größe eines Ochsen besitzen, sondern von ihrer obligaten Schtimme. Sie schreien nämlich ganz ähnlich, wie ein Ochse brüllt.«

»Das schtimmt, das schtimmt! Wir haben das Biest schreien hören.«

»Wann denn?«

»Na, als wir hier waren!«

»Das hätt' ich doch ooch hören müssen!«

»Das denke ich ooch. Wo haben Se denn nur Ihre Ohren und Ihre Oogen gehabt, daß Sie das Vieh nich gehört und nich gesehen haben?«

»Das weeß ich wirklich nich. Zeigen Sie mir doch ergebenst 'mal die genaue topographische Schtelle, an welcher der Frosch gebrüllt hat!«

»Er brüllte erscht dann, als er offschprang.«

»Hörn Se 'mal, Frau Eberschbach, das will mir unglooblich erscheinen. Een Frosch brüllt nich im Schpringen, sondern nur wenn er sitzt.«

»Nee, dieser schrie in dem Oogenblicke, an welchem er aus dem Wasser in die Höhe fuhr. Kommen Sie! Ich will Ihnen die Schtelle zeigen.«

Frau Ebersbach führte den ungläubigen Frank vollends an das Ufer hinab, deutete auf einen Punkt desselben, in dessen Nähe der leere Eimer lag, dann in das Wasser hinein und erklärte dabei:

»Hier schtanden wir, um Wasser für den Kaffee zu schöpfen; da sehen Sie zum Beweise ooch den Eemer liegen, den wir vor Platzangst weggeworfen haben. Und da im Wasser saß der Ochsenfrosch.«

Da machte der Hobble-Frank ein sehr langes Gesicht, welches aber mehr und mehr einen lustigen Ausdruck annahm, und fragte:

»Sie haben also genau gesehen, daß es een Ochsenfrosch gewesen is?«

»Na, offen und ehrlich geschtanden, haben wir erscht nich so recht gewußt, in welche Klasse von Insekten das Biest gehören mag; aber unser Herr Kantor hat die Zowolie schtudiert, und mit seiner gütigen Hilfe is es herausgedüftelt worden, daß es ooch een Ochsenfrosch gewesen is.«

»Ausgezeechnet, ausgezeechnet! Das macht mir gewaltigen Schpaß, meine Damen und meine Herren! Und warum kommen Sie denn jetzt mit Laternen und Lampinjongs nach dem Flusse gezogen?«

»Um den Ochsenfrosch zu suchen und zu fangen,« antwortete Frau Rosalie.

»Meenen Sie, daß das so leicht sein wird?«

»Na, vor eenem Frosche werden wir uns doch nich fürchten. Er is zwar riesengroß, aber wenn er sich ooch wehrt, es hilft ihm nischt. Sobald er beißen will, wird er erschossen. Wir haben die Flinten mit, wie Se sehen.«

Da schlug er ein helles Gelächter auf, durch welches Frau Rosalie sich so beleidigt fühlte, daß sie zornig sagte:

»Feixen Se nich so! Es is keen Schpaß, so bei nachtschlafender Zeit und wenn es dunkel wird, off eenen Ochsenriesen –- Froschriesenochsen – – Riesenochsenfr – – –«

Sie hielt einen Augenblick verlegen inne; da Frank noch lauter lachte als vorher, stemmte sie die Fäuste in die Hüften und schrie ihn an:

»Sie sind wohl übergeschnappt, Sie Lachmeier, Sie? Ich möchte bloß wissen, wo Sie Ihre Bildung hernehmen, daß Sie in Gegenwart eener so reschpektabeln Dame, wie ich bin, nich ernsthaft bleiben können. So een Lachtauber, wie Sie, is mir wirklich im ganzen Leben noch nich vorgekommen!«

Er gab sich die größte Mühe, den Lachreiz zu bemeistern, und antwortete ihr, als ihm dies gelungen war:

»Und wenn eener seine Bildung mit Scheffeln messen könnte, hier müßte er lachen. Een Ochsenfrosch soll das gewesen sein, een Ochsenfrosch!«

Er fing von neuem an zu lachen. Da faßte sie ihn bei den beiden Oberarmen, schüttelte ihn und rief:

»Kommen Sie nur zu sich! Sie müssen ja sonst die Maulschperre kriegen, Sie ewiger Lachullrich, Sie! Is denn een Ochsenfrosch gar so 'was Lächerliches?«

»Ochsenriesenfrosch – Riesenfroschochse – Froschriesenochse!« lachte er weiter. »Mich, den berühmten und gelehrten Hobble-Frank für eenen Ochsenfrosch zu halten! Das is schtark; das is zu schtark; das geht wahrhaftig über alle Begriffe und logischen Estimationen!«

Da trat sie einen Schritt zurück, funkelte ihn mit ihren Augen an und fragte:

»Sie, Sie sind für eenen Ochsenfrosch gehalten worden?«

»Ja, ich!« lachte er.

»Von wem denn?«

»Von Ihnen doch!«

»Das is nich wahr; das is eene Lüge, eene großartige Lüge!«

»Ich muß es leider dadroff ankommen lassen, denn was ich sage, das is wahr. Ich war hinaus ins Camp geritten, und kehrte, als es dunkel geworden war, wieder um. Es war den ganzen Tag über so heeß gewesen und der Ritt hatte mich noch mehr erhitzt. Als ich hier dann wieder durch das Flüßchen ritt, kühlte mich das Wasser so hübsch an, und es fiel mir ein, daß ich een Bad hatte nehmen wollen. Ich stieg also vom Pferde oder vielmehr von meiner alten, guten Mary, die een Maultier is, zog mich aus und ging ins Wasser.«

Als Frank hier eine kurze Pause machte, schlug Frau Rosalie die Hände zusammen und rief ahnungsvoll aus:

»Herrjemerschneh, was werd'ich da zu hören bekommen! Sie sind ins Wasser geschtiegen?«

»Ja. Ich schwamm hin und her, plätscherte mich tüchtig aus und wollte eben wieder offs Trockene heraus, als ich zwee weibliche Personen erblickte, welche nach dem Flusse gekommen waren und, ohne daß ich sie wegen der Finsternis bemerkt hatte, sich schon ganz nahe befanden. Ich hockte mich rasch nieder, denn ich gloobte, daß sie vorübergehen würden; aber sie kamen grad nach derjenigen Schtelle, wo der Hase im Pfeffer und der Frank im Wasser lag. Da blieben sie schtehen und sahen mich an.«

»Das is freilich wahr,« fiel Frau Rosalie ein. »Wir sahen was Helles im dunkeln Wasser und wußten erscht gar nich, was wir daraus machen sollten; aber off alle Fälle war es een lebendiges Wesen, was uns fürchterlich anglotzte.«

»Bitte sehr, Frau Eberschbach! Angeklotzt habe ich Sie nich! Ich habe Sie sogar ängstlich angeblickt, weil ich hoffte, daß Sie sich in zartfühlender Deliciosität entfernen würden. Aber dies war nich der Fall. Darum entschloß ich mich zu eener strategischen Revolution: ich schprang in die Höhe, klatschte die Hände zusammen und brüllte, was ich konnte.«

Frau Ebersbach schien über diese Mitteilung sehr indigniert und im Begriffe zu sein, ihm noch schärfer als bisher antworten zu wollen; da aber ergriff Droll das Wort:

»Es is een Irrtum gewese, meine verehrte Herrschafte, een Irrtum, der keenen Menschen in Schaden bringe kann. Darum wolle mer uns nich weiter schtreite und zanke, sondern lieber demjenigen Ehre erweise, dem Ehre zu erweise is. Unser Hobble-Frank, der Rieseochsefrosch, soll lebe hoch, hoch und dreimal hoch!«

Als alle lachend in das Hoch eingestimmt hatten, fuhr er fort:

»Dort liegt der Kessel; schöpft ihn voll, damit wir endlich zu unserm Kaffee komme; dann schtelle wir uns in Reih und Glied, um unsern Ochsefrosch im Triumph eheeme zu schaffe!«

So geschah es, Hobble-Frank mochte sich noch so sehr sträuben; er wurde dem Schmiede Ebersbach, welcher der längste der Anwesenden war, wie ein Kind auf die Schultern gesetzt, und dann kehrte der Zug im militärischen Gleichschritte und indem alle das Quaken von Fröschen nachahmten, in den Hof zurück.

Nun setzte man sich um das Feuer, und die unterbrochene Bereitung des Abendbrotes wurde wieder aufgenommen. Als das Fleisch verzehrt worden war, wurde Kaffee gekocht, von welchem jeder einige Becher voll bekam.

Das Ziel für morgen war ein einsames Pueblo, welches am südlichen Abhange der Mogollonberge lag. Um es noch vor Abend zu erreichen, mußte man zeitig aufbrechen und durfte unterwegs nicht öfters und allzulange rasten. Dennoch ging man heute nicht zeitig schlafen. Es gab zwischen denen, welche sich noch nie gesehen hatten und sich kennen lernen wollten, gar viel zu erzählen. Im Laufe des Abends wurde zwischen Hawkens, Stone und Parker einerseits und Frank und Droll andrerseits Brüderschaft gemacht, wie das so zwischen Westmännern üblich ist. Nur ganz hervorragende Jäger pflegen sich in dieser Beziehung zurückzuhalten, und dann wird auch kein andrer es wagen, einen Antrag auf das Du auszusprechen.

Was den Ölprinzen betrifft, so beteiligte er sich auch recht lebhaft an der Unterhaltung. Dies wurde dadurch möglich, weil der Bankier das Deutsche auch nicht verstand und man diesem zuliebe sich viel des Englischen bediente; so konnte Grinley also auch teilnehmen. Er gab sich sichtlich alle Mühe, Sympathie zu erwecken, was ihm bei den deutschen Auswanderern auch leidlich zu gelingen schien, obgleich diese nicht viel von der englischen Unterhaltung verstanden. Auch der Bankier schien in seinem Mißtrauen arg wankend zu werden. Schi-So und sein junger Gefährte Adolf Wolf beteiligten sich an der Unterhaltung, wie es ihrem jugendlichen Alter zukam, nur in der Weise, daß sie antworteten, wenn sie gefragt wurden.

Bei dem eigenartigen Charakter des kleinen, listigen Sam Hawkens, der Lustigkeit Drolls und der Originalität des Hobble-Frank verstand es sich ganz von selbst, daß das Gespräch ein höchst animiertes war. Die Zeit verging außerordentlich schnell, so daß alle höchst verwundert waren, als Will Parker endlich daran erinnerte, daß Mitternacht bereits vorüber sei.

Es gab jetzt nur vier, höchstens fünf Stunden Schlaf; darum legte man sich nun zur Ruhe. Wenige Minuten später schliefen alle. Wachen brauchte man nicht auszustellen, weil die Knechte des Ranchero draußen wachten.

Als am andern Morgen der Tag kaum graute, hatte Forner schon für Kaffee und frisches, in Fladenform gebackenes Maisbrot gesorgt, so daß die Gesellschaft sich wegen des Frühstückes gar nicht zu bemühen oder Zeit zu verlieren brauchte. Die Tiere wurden tüchtig getränkt, weil bis zum Abende kein Wasser zu finden war; der Ranchero bekam Bezahlung für das, was er geliefert hatte; den Knechten desselben wurde ein Trinkgeld gegeben; dann brach man auf.

Sam Hawkens war dafür besorgt gewesen, daß die Frauen auf ihren Tieren gute Sitze hatten: das Reiten strengte sie auch nicht mehr als die Männer an. Die Kinder hatten Platz in Körben gefunden, deren zwei je ein Maultier trug, einen auf der rechten und einen auf der linken Seite. Diese mit Stroh ausgepolsterten Plätze verursachten gar keine Beschwerden, und so kam es, daß die Reiter ihre Tiere ausgreifen lassen konnten und der Ritt ein ziemlich schneller war.

Je weiter man sich von dein Flusse entfernte, desto unfruchtbarer wurde das Land. Wo es in jenen Gegenden Feuchtigkeit gibt oder gar fließendes Wasser, da bringt die Erde einen außerordentlichen Reichtum von Produkten hervor; wo aber der belebende Tropfen fehlt, ist nichts als Öde, als die trostloseste Wüste zu sehen.

Am Vormittage war die Temperatur noch nicht allzu beschwerlich; je höher aber die Sonne stieg, desto größer wurde die Hitze, welche von dem sterilen, felsigen Boden und den nackten, kahlen Steinwänden der Berge zurückgestrahlt,wurde, so daß sie für die deutschen Emigranten, welche eine solche Glut nicht gewöhnt waren, kaum auszuhalten war.

Bis einige Stunden nach Mittag ging es durch flache Thalmulden oder über weite Ebenen, welche nicht eine Spur von Vegetation zeigten. Dann gab es Höhen, die aber dem Auge keine Erquickung boten, da die hier so geizige Natur ihnen keinen einzigen Baum, nicht einmal einen Strauch geschenkt hatte. Nur an verborgenen, seltenen Stellen, auf welche die Sonne nicht von früh bis zum Abend zu brennen vermochte, wo es also wenigstens für einige Zeit Schatten gab, ließ sich ein einsamer, phantastisch gestalteter Kaktus sehen, dessen farb- und charakterloses Grau dem Beschauer jedoch auch keine Freude brachte.

Zur Zeit der größten Tageshitze wurde an einer steilen Bergwand gerastet. Es gab da einigen Schatten; aber die gegenüberliegende Wand warf die Wärme so intensiv auf die Ruhenden, daß dieselben keine Erquickung fanden und sie lieber wieder aufstiegen, weil der Ritt, wenn er ein schneller war, doch eine etwas kühlende Luftbewegung brachte,

Endlich – die Sonne neigte sich schon sehr dem Horizonte zu – schien die Hitze abzunehmen, und zwar schneller, weit schneller, als es eigentlich hätte sein sollen. Sam Hawkens prüfte den Himmel und machte ein leicht bedenkliches Gesicht.

»Warum schaust du so nach oben?« fragte ihn der Hobble-Frank. »Es scheint mir, als ob der Horizont dir nich gefällt?«

»Kannst recht haben,« antwortete der Gefragte.

»Warum?«

»Weil sich die Luft so schnell und plötzlich abkühlt.«

»Ach, wohl gar Gewitter?«

»Möchte es fast befürchten, wie mir scheint.«

»Das wäre doch gut! Een Gewitter nach dieser Trockenheet und Hitze müßte uns doch willkommen sein!«

»Danke! Die Gewitter pflegen in dieser Gegend ganz anders aufzutreten, als du zu denken scheinst. Es gibt Jahre, in denen hier nicht ein Tropfen Regen fällt; ja es hat Zeiten gegeben, wo es zwei und gar drei Jahre lang nicht geregnet hat. Wenn es dann aber einmal ein Wetter gibt, dann ist es auch ein fürchterliches. Wollen machen, daß wir das Pueblo erreichen.«

»Wie weit ist's noch dahin?«

An einer halben Stunde sind wir dort.«

»Da hat's ja keene Gefahr. Es schteht noch nich een Wölkchen am Firmamente des Himmels; es können also noch Schtunden vergehen, ehe es da oben schwarz und finster wird.«

»Irre dich nicht. Es bedarf hier nur einiger Minuten, um den Himmel zu verdunkeln, und ich möchte fast behaupten, daß ich die Elektrizität, welche sich in der Luft angesammelt hat, rieche. Schau nur meine Mary an, wie eilig sie es hat, wie sie die Nüstern aufbläst und mit den Ohren und mit dem Schwanze wedelt! Die weiß ganz genau, daß etwas im Anzuge ist, das gescheite Vieh.«

Es war wirklich so. Das alte Maultier hastete förmlich vorwärts und zeigte eine Unruhe, welche auffallen mußte. Und doch war für den Unerfahrenen ganz und gar nichts Bedrohliches zu bemerken. Als Frank seinem Vetter Droll die Befürchtung Sams mitteilte, antwortete dieser:

»Habe mir ooch schon so 'was gedacht. Sieh nur, wie gelb es draußen rund off dem Gesichtskreis liegt! Das wird höher und höher schteige, und wenn es den Scheitelpunkt erreicht hat, bricht das Wetter los. Gut, daß wir bald unter Dach und Fach komme!«

»Im Pueblo?«

»Ja.«

»Da gibt's doch wohl nur Zelte, durch die der Regen dringen wird.«

»Was du denkst. Hast du denn noch keen Pueblo gesehn?«

»Nee.«

»Da wirst du dich wundern, wenn wir hinkommen. So een Pueblo is ganz sonderbar anzuschauen.«

Er hatte ganz recht, wenn er sagte, daß ein Pueblo einen ganz eigenartigen Anblick biete. Was das Wort an und für sich betrifft, so ist es ein spanisches und bedeutet »bewohnter Ort«, also sowohl ein einzelnes Haus als auch ein Dorf, eine Ortschaft. Diejenigen Indianer, welche Pueblos bewohnen, werden Puebloindianer oder kurzweg Pueblos genannt. Zu ihnen gehören die Tanos, Taos, Tehua, Jemes, Queres, Acoma, Zuhi und Moqui, im weiteren Sinne auch noch die Pimas, Maricopas und Papagos am Gilaflusse und südlich von demselben.

Ein Pueblo ist entweder aus Stein oder aus Adobes (Luftziegeln) oder aus beiden gebaut. Gewöhnlich liegt das Gebäude an einem Felsen, welcher als Rückwand dient, und etwaige Felstrümmer sind mit in den Mauerbau gezogen. Das Gebäude steigt stets stufenartig an, so daß jedes vorhergehende, tiefere Stockwerk vor dem nachfolgenden, höheren vortritt, und alle sind mit einem flachen Dache versehen. Das Erdgeschoß also trägt auf seinem platten Dache das erste Gestock, welches um einige Meter zurückgebaut ist. Dadurch bleibt vor dem ersten Stocke ein freier Raum, der vordere Teil des Parterredaches, in welchem sich ein Loch befindet, das den Eingang zum Parterre bildet. Der zweite Stock liegt auf dem ersten, aber auch zurück und hat vor sich das vordere platte Dach des ersten Geschosses. In der Parterremauer gibt es keine Thür; es hat überhaupt kein Geschoß eine eigentliche Thür, sondern ein Loch im Dache, durch welches man hinabsteigt. Treppen gibt es nicht, sondern nur Leitern, welche von Stock zu Stock außen anliegen und weggenommen werden können. Wer also in das Parterre will, muß zum ersten Stock hinauf- und dann durch das dort im Parterredache befindliche Loch hinuntersteigen. Die immer weiter zurückliegenden höheren Stockwerke bilden also eine Reihe gewaltiger Stufen, von denen man sich ein ungefähres Bild machen kann, wenn man sich hier bei uns einen Weinberg betrachtet, welcher sich etagenweise nach rückwärts in die Höhe hebt.

Zu dieser Bauart waren die alten seßhaften und arbeitsamen Urwohner durch die Nähe der räuberisch herumstreifenden wilden Horden gezwungen. So ein Pueblo bildet, so einfach sein Bau ist, eine Festung, welche durch die Angriffsmittel, die es damals gab, unmöglich eingenommen werden konnte. Man brauchte nur die Leiter wegzunehmen, so konnte der Feind nicht herauf. Und brachte er welche mit, so mußte er jedes vorhergehende Stockwerk erobern, ehe er seinen Angriff auf das nachfolgende, höhere richten konnte.

Diese Puebloindianer sind meist sehr friedlich gesinnt und stehen unter der Aufsicht von Agenturen. Es gibt aber Pueblobauten, welche einsam in fern- und abgelegenen Gegenden liegen; deren Bewohner betrachten sich als frei und sind genau so zu beurteilen und zu behandeln wie die ungezügelt herumzichenden Stämme. Zu dieser letzteren Art gehörte das Pueblo, welches sich unsre Reiter zum heutigen Ziele genommen hatten. Die Bewohner desselben waren wilde Nijoraindianer, deren Häuptling Ka Maku hieß. Ka heißt drei, und Maku ist der Plural von Finger; Ka Maku bedeutet also »Drei Finger«. Er trug diesen Kriegs- und Ehrennamen, weil er an der linken Hand im Kampfe zwei Finger verloren hatte und also nur noch drei besaß. Er war als ein tapfrer, aber habsüchtiger Krieger bekannt, auf dessen Wort und Freundschaft man sich in gewöhnlichen Zeiten vielleicht verlassen konnte; jetzt jedoch, wo verschiedene Stämme ihre Kriegsbeile ausgegraben hatten, war es jedenfalls gewagt, ihm rückhaltloses Vertrauen zu schenken.

Sein Pueblo lag einsam im Glanze der nun fast untergehenden Sonne. Es hatte außer dem Erdgeschoß fünf Etagen, welche sich mit ihrem Rücken an die senkrechte Wand des Berges lehnten. Zusammengesetzt waren die untern Stockwerke aus gewaltigen Felsstücken, welche durch Adobessteine verbunden waren; die oberen Etagen bestanden ausschließlich aus Luftziegeln. Der Bau war ganz gewiß mehr als ein halbes Jahrtausend alt, und noch zeigte sich nicht der kleinste Riß in demselben.

Man sah Frauen und Kinder auf den Terrassen sitzen, alle beschäftigt und sehr ernsten Gesichtes, wie es so Art der Roten ist. Ein aufmerksamer Beobachter hätte wohl bemerken können, daß diese Frauen, ja auch die Kinder, oft und geflissentlich nach Süden blickten, als ob sie von dorther ein wichtiges Ereignis erwarteten. Ein Mann oder gar Krieger war jetzt nicht zu sehen.

Da aber stiegen aus dem Loche der dritten Terrasse drei Personen, ein Roter und zwei Weiße hervor, welche auf dieser Plattform stehen blieben und ihre Aufmerksamkeit auch nach Süden richteten. Der Rote war Ka Maku, der Häuptling, eine lange, sehnige Gestalt mit der Rabenfeder im Schopfe. Sein Gesicht war nicht bemalt, ein Zeichen, daß sein Pueblo im Frieden lag; darum steckte auch nur das Skalpmesser in seinem Gürtel. Die beiden Weißen neben ihm waren –- Buttler, der Anführer der zwölf Finders, und Poller, sein Gefährte, welcher der Führer der deutschen Einwanderer gewesen war. Als sich in der Richtung, in welche sie blickten, nichts sehen ließ, sagte Buttler:

»Noch nicht; aber sie kommen jedenfalls noch vor Anbruch des Abends.«

»Ja, sie werden sich beeilen,« stimmte der Häuptling bei. »Es sind kluge Männer bei ihnen, welchen nicht entgehen wird, daß ein Wetter naht; darum werden sie ihren Ritt beschleunigen, um hier zu sein, ehe es hereinbricht.«

»Du wirst also Wort halten? Ich darf mich auf dich verlassen?«

»Ich lüge nicht gegen dich. Du bist seit langer Zeit mein Bruder gewesen, und ich werde ehrlich gegen dich sein. Doch hoffe ich, daß ich mich auch auf dich verlassen kann und den Lohn erhalte, welchen du mir versprochen hast.«

»Ich habe dir meine Hand darauf gegeben; das ist so gut wie ein Schwur. Sorge nur dafür, daß ich baldigst und ungesehen mit dem Ölprinzen sprechen kann!«

»Ich werde ihn zu dir führen. Es wäre mir wohl nicht leicht geworden, dir mein Wort zu halten; nun aber, da das Wetter naht, werden diese Bleichgesichter nicht im Freien bleiben wollen, sondern in das Pueblo steigen, um nicht naß zu werden; da kann ich sie gefangen nehmen, ohne daß es zum Kampfe kommt.«

»Diejenigen aber, welche ich dir bezeichnet habe, mußt du von ihnen trennen, damit sie später glauben, daß der Ölprinz sie gerettet hat.«

»Es wird geschehen, wie du gesagt hast. Uff! Da draußen kommen Reiter; sie werden es sein. Versteckt euch schnell!«

Die beiden stiegen eiligst nach dem obersten Stock empor, in welchem sie verschwanden. Der Häuptling aber blieb stehen und beobachtete die Nahenden mit scharfem Auge.

Es war ein langer Zug von Reitern und Packpferden, lang, weil er sich auf indianische Weise im Gänsemarsche, also ein Reiter hinter dem andern, bewegte. Nur die drei vordersten ritten nebeneinander, nämlich Sam Hawkens, Droll und der Hobble-Frank. Als dieser letztere die sich übereinander aufbauenden Terrassen des Pueblo beim Näherkommen deutlich vor sich liegen sah, sagte er:

»So een Bauwerk is mir noch nich vorgekommen. Was für een Bauschtiel mag das wohl sein? Ob byzantinisch-chloroformisch oder hebräisch-imperialisch? Vielleicht is es gotisch-objektivisch, vielleicht ooch griechisch-mixturalisch. Jedenfalls aber is es für so eenen Sachverschtändigen, wie ich bin, über alle Maßen interessant, zu sehen, mit welch eener regelmäßigen Treppenschtufenförmlichkeet sich diese Puebloindianer übereenander auf- und ansässig gemacht haben. Hast du, geliebter Sam, een architektonisches Verschtändnis für so eene amphidialektische Gebäudeförmlichkeet?«

»Du meinst jedenfalls amphitheatralisch,« antwortete Hawkens.

»Nee, das fällt mir nich im Troome ein. Ich gebe dir zu bedenken, daß du nich die nötigen Kenntnisse und Finessen besitzest, meinen gelehrten Verschtand petrefaktisch zu verbessern. Das Wort amphi is griechischer Dialekt und hat mit der Opernbühne und dem Theater nischt zu thun, und weil es Dialekt is, wird een derartiges Mauerwerk een amphidialektisches genannt. Als ich damals noch als Forschtgehilfe in Moritzburg amtifizierte, kam der berühmte Baumeester Gottfried Semper oft in unsern Wald schpaziert; ich habe ihn wohl zwanzigmal von weitem gesehen, und eenmal ging er so nahe an mir vorüber, daß ich ›guten Tag‹ zu ihm sagte. Er nickte mir interimistisch zu und antwortete mit freundlichem Kontrapunkte: ›Habe die Ehre‹ Wenn ich nun so eener Berühmtheet so nahe geschtanden habe, wirscht du doch nich wagen wollen, mir meine Bauschtile und geometrischen Schtandesverhältnisse abzuändern. Oder kannst du mir vielleicht sagen, off welchem Grundschteene die gesamte Baukunst errichtet is?«

»Nun?«

»Off dem Pythagoräischen Lehrsatz, welcher bekanntlich lautet: das Quadrat der Hypokonfuse sitzt off den beeden Kathedern. Aber was nutzt der Kuh Muschkate! Ich kann euch zehn Wochen lang das höhere Tierreich predigen, ihr bleibt doch die niedrigen Regenwürmer, die nur als Maulwurfsfutter nütze sind.«

Er machte bei diesen Worten eine wegwerfende Geste, die leider keinen andern Erfolg hatte, als daß die beiden andern sich heimlich und vergnügt zulächelten. Dann wurde schweigend weitergeritten, bis man am Fuße des Bauwerkes angekommen war.

Die Leiter, welche zum Besteigen des Erdgeschosses diente, war aufgezogen. Auf den verschiedenen Terrassen ließen sich außer den Frauen und Kindern nur einige Männer sehen. Das machte den Eindruck, daß die Krieger abwesend seien. Der Häuptling erwartete in stolzer, unbeweglicher Haltung die Ansprache der Reisenden. Sam Hawkens rief in dem dort gebräuchlichen, aus Englisch, Spanisch und Indianisch zusammengemischten Idiom zu ihm hinauf:

»Bist du Ka Maku, der Häuptling dieses Pueblo?«

»Ja,« antwortete er kurz.

»Wir wollen hier rasten. Können wir Wasser für uns und unsre Pferde bekommen?«

»Nein.«

Diese Abweisung war eine scheinbare. Es lag in seinem Plane, sie festzuhalten; er mußte ihnen also Wasser gewähren; aber sie sollten nicht ahnen, daß er sich nur gar zu gern mit ihnen befassen wolle.

»Warum nicht?« fragte Sam.

»Das wenige Wasser, welches wir haben, reicht kaum für uns und unsre Tiere.«

»Ich sehe aber doch weder eure Krieger noch eure Pferde. Wo befinden sie sich?«

»Auf der Jagd; sie werden aber bald zurückkehren.«

»Dann müßt ihr Wasser übrig haben. Warum verweigerst du es uns?«

»Ich kenne euch nicht.«

»Siehst du nicht, daß Frauen und Kinder bei uns sind? Wir sind also friedlich gesinnte Leute. Wir müssen trinken. Wenn du uns kein Wasser gibst, werden wir es uns suchen.«

»Ihr werdet es nicht finden.«

»Meinst du, daß weiße Männer keine Augen haben?«

»Sucht! Dann werde ich erfahren, ob ihr sehen könnt.«

Er wendete sich ab und that so, als ob er nichts mehr von ihnen wissen wolle. Das war dem braven Hobble-Frank zu viel; er sagte in zornigem Tone zu seinem Vetter Droll:

»Was denkt denn der Kerl eegentlich, wer und was wir sind? Wenn mir's einfällt, so gebe ich ihm eene Kugel durch den Kopp, nachher wird er schon höflicher werden. Wir sind auserlesene, peremierende Leute, die Haare zwischen den Zähnen haben, und lassen uns nich wie Vagabunden von der hohen Pforte weisen. Ich schlage vor, in ernster Kompression mit diesem konsistenten Manne zu schprechen. Oder nich?«

»Ja,« antwortete der geborene Altenburger in seinem heimatlichen Dialekte; »es is nich sehr angenehm, Dorscht zu habe und keen Wasser zu bekomme; aber finde wer'n mersch jedenfalls; mer dürfe nur bloß suche.«

Die Reiter stiegen ab, um nach einem vorhandenen Quell zu suchen. Feuchtigkeit war genug da, denn es wuchs Gras in der Nähe des Pueblo, und gar nicht fern von demselben gab es mehrere kleine Gärten mit Mais, Melonen und andern Gewächsen, deren Gedeihen fleißiges Begießen voraussetzte. Aber das Gesuchte wollte sich trotz alles Forschens nicht entdecken lassen, so daß Frank schließlich unmutig ausrief –

»Dummköpfe sind wir, weiter nischt! Wenn Old Shatterhand oder Winnetou mit ihrer anwesenden Gegenwart hier vorhanden wären, hätten sie das Wasser längst gefunden; ja, ich gloobe sogar, daß sie es riechen thäten.«

»Dieser berühmten Krieger bedarf es nicht,« meinte da Schi-So, der Häuptlingssohn, welcher sich an den bisherigen Bemühungen nicht beteiligt, sondern denselben leise lächelnd zugesehen hatte. &›Man muß nachdenken, anstatt zu suchen.«

»So? Na, da denke doch 'mal nach!«

Man sieht, daß unter den sich näher stehenden Personen der Reisegesellschaft das Sie oder Ihr dem Du gewichen war. Es widerstrebte dem Hobble-Frank, von dem Jünglinge, der fast noch ein Knabe war, an Scharfsinn übertroffen zu werden.

»Das habe ich schon gethan,« antwortete dieser.

»Wirklich? So habe doch die Gewogenheit, uns das offizinelle Resultat deiner geistigen Anschtrengung mitzuteilen!«

»Dieses Pueblo ist eine Festung, welche ohne Wasser nicht bestehen kann. Am notwendigsten ist dasselbe im Falle einer Belagerung, während welcher die Verteidiger den Bau nicht verlassen können. Zieht man diesen Umstand in Erwägung, so läßt sich leicht denken, wo der Brunnen zu finden ist.«

»Ah, du meenst vielleicht im Innern des Gebäudes?«

»Ja.«

»Aber wo denn da?«

»Jedenfalls nicht in einem der oberen Stockwerke,« lächelte der junge Indianer.

»Nee, ooch ich hab' noch keen Wasserwerk off eener Kirchturmspitze gesehen. Der Brunnen wird parterre zu suchen sein.«

»Wo er schon vor Jahrhunderten, als das Pueblo erbaut wurde, angelegt worden ist.«

»Richtig! Das is so klar und deutlich wie Schtiefelwichse.

»Höre, mein lieber, jugendlicher Freund, du scheinst gar nich so dumm zu sein, wie du aussiehst. Wenn du dich so weiter fortentwickelst, is es partial möglich, daß aus dir vielleicht,was werden kann. Also da im Erdgeschoß hätten wir zu suchen. Aber wie kommen wir hinein? Een subjektives Eingangsthor is nich vorhanden, ebensowenig sind gerade oder gewendelte Treppen zu sehen, und die gewohnheetsmäßige Leiter haben sie außergewöhnlich emporgezogen. Aber wenn wir eene ägyptisch-sarmatische Pyramide bilden, indem immer eener off die Achseln des andern schteigt, so können mehrere von uns hinauf offs Dach und von da inwendig hinunter ins Parterre gelangen, wo das Aqua destillanterium zu finden is.«

Da bemerkte Sam Hawkens:

»Das hieße den Zugang erzwingen, was wir möglichst vermeiden wollen, wenn ich mich nicht irre. Wie es scheint, können wir das umgehen; der Häuptling kommt herab. Ich denke, daß er mit uns reden will.«

Wirklich kam Ka Maku jetzt bis auf die erste Plattform herabgestiegen. Er trat an den Rand derselben vor und fragte.

»Haben die Bleichgesichter das Wasser gefunden?«

»Erlaube uns, hinauf zu dir zu kommen, dann werden wir es finden,« antwortete Sam, der Kleine.

»Denkst du, daß es hier oben fließt?«

»Nein, sondern unter dir im Erdgeschoß.«

»Du hast es erraten. Ich würde euch welches geben, aber es ist hier so selten, daß – –«

»Wir werden es dir bezahlen,« unterbrach ihn Sam.

»Das ist gut! Doch weiß mein Bruder vielleicht, daß mehrere Stämme der Roten ihre Kriegsbeile gegen die Weißen ausgegraben haben? Darf man da den Bleichgesichtern trauen?«

»Von uns hast du nichts zu fürchten. Vielleicht hast du schon einmal von uns gehört. Ich und diese beiden Krieger, welche hier neben mir stehen, werden das ›Kleeblatt‹ genannt; da hinter mir steht – – –«

»Das Kleeblatt?« fiel ihm der Häuptling schnell in die Rede. »Da kenne ich eure Namen. Ihr heißt Hawkens, Stone und Parker?«

»Ja.«

»Warum habt Ihr mir das nicht gleich gesagt? Das ›Kleeblatt‹ ist stets freundlich zu uns roten Männern gewesen; ihr seid unsre Brüder, und wir heißen euch willkommen. Ihr sollt Wasser haben, umsonst und so viel, wie ihr braucht. Unsre Frauen sollen es euch hinausreichen.«

Auf einen Ruf von ihm kamen die Squaws auf die unterste Plattform herabgestiegen und holten aus dem innen im Erdgeschosse befindlichen Brunnen in großen, thönernen Krügen Wasser, welches die Reisenden sich leicht herunterlangen konnten, weil einige Leitern angelegt worden waren. Das Ganze machte einen so friedlichen Eindruck, daß weder Sam Hawkens, der doch sonst so klug war, noch einer seiner Gefährten auf den Gedanken kam, daß die Freundlichkeit des Häuptlings nur Verstellung sei.

Während die Menschen sich erquickten und dann die durstigen Pferde getränkt wurden, hatte die Farbe des Himmels sich in sehr bedrohlicher Weise verändert. Er war erst hellrot, dann dunkelrot und schließlich violett geworden, und diese letztere Färbung ging nun in ein düsteres Schwarz über, ohne daß man hätte sagen können, daß eigentliche Wolken vorhanden seien.

»Das sieht bös aus,« meinte Will Parker zu Hawkens. »Was sagst du dazu, Sam? Das scheint ein Hurrikan oder Tornado zu werden.«

»Glaube es nicht,« antwortete der Gefragte, indem er mit einem langen Blicke den Himmel prüfte. »Ja, Sturm wird es geben, einen tüchtigen Sturm, aber viel, sehr viel Wasser dazu. Es wäre am besten, wenn wir unter Dach und Fach kommen könnten, und unsre Pferde auch, sonst gehen sie uns durch.«

Und sich an den Häuptling wendend, welcher noch immer auf der Plattform stand, fragte er diesen –

»Was sagt mein roter Bruder zu diesen bedenklichen Wetteranzeichen? Was wird daraus werden?«

»Ein großer Sturm mit einem solchen Regen, daß in kurzer Zeit hier alles schwimmen wird.«

»Denke das auch, habe aber keine Lust, zu schwimmen und unsre Sachen durch den Regen verderben zu lassen. Können wir nicht im Pueblo aufgenommen werden?«

»Meine weißen Brüder mögen mit ihren Frauen und Kindern zu uns heraufsteigen. Es soll sie kein Tropfen Regen treffen.«

»Und unsre Tiere? Gibt es keinen Platz für sie, wo sie uns nicht entfliehen können?«

»Da links um die Ecke des Pueblo ist ein Korral, in welchem ihr sie einsperren könnet.«

»Gut, das werden wir thun. Indessen können die Frauen zu euch emporsteigen.«

Es wurden noch einige Leitern herabgelassen, an denen die deutschen Frauen und Kinder nach der zweiten Etage und durch das dort befindliche Loch in das Innere der ersten Etage niederstiegen. Zu gleicher Zeit kamen mehrere indianische Squaws und halberwachsene Knaben herunter, welche das Gepäck, das man den Pferden und Maultieren abgenommen hatte, nach der ersten Plattform trugen und von da durch ein ebensolches Deckenloch in das Erdgeschoß schafften.

An der Seite des Pueblo, welche der Häuptling bezeichnet hatte, war durch ziemlich hohe Mauern ein offener, viereckiger Platz eingeschlossen, den Ka Maku als Korral bezeichnet hatte. Hierher wurden die Pferde geschafft. Als sie sich in Sicherheit befanden, verschloß man den Eingang durch Stangen, welche in dazu bestimmte Mauerlöcher querüber zu liegen kamen. Eben als man damit fertig war, gab es mit einemmal einen Blitz, als ob der ganze Himmel in Flammen stehe, und es krachte ein Donnerschlag, unter dem die Erde zu zittern schien. Zu gleicher Zeit begann es zu regnen, daß man kaum einige Schritte weit zu sehen vermochte, und es brach urplötzlich ein Sturm los, welcher von solcher Mächtigkeit war, daß man sich an der Mauer festhalten mußte, um nicht niedergeworfen zu werden. Die Männer eilten zu den Leitern.

Der Bankier und sein deutscher Buchhalter waren nicht so erfahren, gewandt und schnell wie die andern und darum die letzten, welche die Leitern erreichten. Alles drängte in höchster Eile hinauf nach der zweiten Plattform und nach dem dort befindlichen Loche, durch welches man mittels einer Leiter in das erste Stockwerk niederstieg. Da immer nur eine Person hineinkonnte, ging dies nicht so schnell, wie der gleich einem See niederstürzende Regen wünschen ließ. Jeder dachte nur an sich selbst und drängte vorwärts; auf andres hatte man nicht acht. So kam es, daß keinem die fünf oder sechs Indianer auffielen, welche ganz plötzlich bei dem Häuptlinge standen, der das Niedersteigen leitete.

Der Deckel, durch welchen das Eingangsloch verschlossen werden konnte, lag neben demselben. in der Nähe waren mehrere große, mehr als zentnerschwere Steine zu sehen, was auch niemandem auffiel. Der Bankier und Baumgarten, sein Buchhalter, waren, wie schon erwähnt, die beiden letzten. Eben als der erstere seinen Fuß auf die erste, oberste Leitersprosse setzen wollte, rief ihm der Häuptling zu

»Halt, zurück! Ihr dürft nicht da hinein!«

»Warum nicht?« fragte Rollins.

»Das werdet ihr erfahren.«

Er warf sich mit den erwähnten Indianern auf die beiden, welche, ehe sie sich nur besinnen und an Widerstand denken konnten, niedergerissen und gefesselt wurden. Ihre Hilferufe, die sie ausstießen, wurden von dem Toben des Sturmes und dem Krachen des Donners verschlungen. Ebenso schnell, wie dies geschehen war, zog der Häuptling die Leiter aus dem Loche empor und warf den Deckel auf dasselbe, worauf seine Leute die schweren Steine auf den letzteren wälzten. Die Hinabgestiegenen konnten nicht herauf; sie waren gefangen.

Hierauf wurden der Bankier und Baumgarten eine Etage tiefer geschafft und mittels Lassos in das Erdgeschoß hinabgelassen. Dann wurde auch hier der Eingang mit dem fallthürähnlichen Deckel verschlossen, Hierauf schickte der Häuptling einen seiner Leute fort, Der Mann verließ zunächst mittels der untersten Leiter das Pueblo und rannte dann trotz Blitz und Donner, Sturm und Regen längs der Felsenhöhe, an welche sich das Bauwerk schmiegte, hin, bog um eine Ecke derselben und kam dann nach vielleicht zehn Minuten an einen Platz, wo, wie es schien, die Trümmer einer herab- oder zusammengestürzten Steinwand ein Wirrwarr bildeten, welches sich sehr gut zum Verstecke eignete. Hierher hatten sich die Krieger des Pueblo mit ihren Pferden zurückgezogen, um den Weißen glaubhaft zu machen, daß sie auf der Jagd abwesend seien. Diesen Leuten meldete der Bote, daß der Streich geglückt sei und sie also zurückkehren könnten.

Ja, er war geglückt, und zwar viel, viel leichter, besser und schneller, als der Häuptling sich vorher gedacht hatte. Zu diesem unerwarteten Gelingen hatte freilich das so plötzlich hereinbrechende Wetter am meisten mitgewirkt, kaum weniger aber auch die Unvorsichtigkeit, mit welcher die Gefangenen in die Falle gegangen waren.

Erst waren, wie schon erzählt, die Frauen und Kinder von der dritten Terrasse in das zweite Stockwerk hinabgestiegen. Als sie da angelangt waren, sahen sie sich in einem ungefähr fünf Ellen hohen, fensterlosen Raume. Es war außer dem Loche oben in der Decke, durch welches sie herabgestiegen waren, nicht die kleinste Maueröffnung vorhanden. Dieses Stockwerk wurde von vier Querwänden in fünf Räume geteilt, deren mittelster der größte war; in diesem befanden sie sich. In einer Nische desselben brannte ein kleines Thonlämpchen, dessen matter Schein nur wenige Schritte weit zur Geltung kam.

Frau Rosalie sah sich kopfschüttelnd um. Als sie in dem ganzen Raume außer der Leiter und der Lampe nicht den geringsten Gegenstand entdeckte, sagte sie entrüstet:

»Na, so was habe ich ooch noch nich gesehen und erlebt! Schteckt man denn seine Gäste in so een Loch, wo es keen Kanapee und keenen eenzigen Schtuhl nich gibt! Das is ja grad wie in eenem Keller! Wo setzt man sich hin? Wo hängt man seine Sachen off? Wo macht man das Feuer? Wo kocht man den Kaffee? Keen Fenster is zu sehen, und keen Ofen is da! Das muß ich mir wirklich sehr verbitten! Wir sind Damen, und Damen schteckt man nich in – – – Dunner Sachsen!« unterbrach sie sich erschrocken, als sie den ersten Donnerschlag hörte, welcher bis in diesen Raum herabklang. »Ich gloobe gar, das hat eingeschlagen! Nich?«

»Ja, das war een Schlag, und was für eener!« antwortete Frau Strauch. »Ich guckte grad in das Loch hinauf und habe es deutlich blitzen sehen.«

»Na, dann stellt euch nur gleich alle mit 'nander dort in die hinterschte Ecke! Die Männer schprachen unterwegs davon, daß die Gewitter hier ganz andersch offtreten als bei uns derheeme. Wenn so een rabiater amerikanischer Blitz durch das Loch herunterkommt, sind wir bei lebendigem Leibe off der Schtelle mausetot. Da is es freilich gut, daß es hier keen Heu, keen Schtroh und überhaupt keene brennbaren Sachen gibt. Verschteht ihr mich? Hört ihr's, wie der Regen da oben auftrappst? Du meine Güte, unsre guten Männer werden durchweecht bis off die Haut! Nachher gibt's Erkältung, Schnupfen, Leib- und Magenschmerzen, und wer hat die Sorgen und die Angst? Natürlich wir Weiber, wir Frauen, wir Damen, wie sich ganz von selbst verschteht! Wenn sie nur bald kämen!«

Ihr Wunsch wurde augenblicklich erfüllt, denn soeben kam der erste herabgestiegen, Hobble-Frank, dem nach und nach die andern folgten. Unten angekommen, schüttelte er die Nässe möglichst von sich ab, sah sich um und sagte enttäuscht:

»Was is denn das für een konfernalisches Loch hier unten? Das soll doch nich etwa eene aggregate Wohnung für provisorische Menschen sein? Ich danke für Pflaumenkuchen zu Weihnachten! Nich 'mal das liebe Tageslicht will hier herunter! Wenn diese roten Gentlemen keenen bessern Aufenthaltsort für uns haben, werde ich ihnen nächstens eenen königlich sächsischen Baumeester herüberschicken. Der mag ihnen zeigen, was für een Unterschied is zwischen meiner brillanten ›Villa Bärenfett‹ an der Elbe und dieser unterirdischen Hekatombe unter der Erde. Wo setzt man sich denn da eegentlich hin, wenn man müde is und een Mittagsschlummerchen riskieren will?«

»Überall hin, Herr Franke,« antwortete Frau Rosalie. »Platz is genug.«

»Wie? Was sagen Sie?« fragte der Hobble gereizt. »Überall hin? Warum setzen denn Sie sich nich? Wohl weil es Ihnen nich paßt? Und was Ihnen nich gefällt, das is wohl für mich gut genug? Da kommen Sie freilich an den Unrichtigen. Bei meinen vestibulen Anlagen und Talenten habe ich es nich nötig, mit dem fürlieb zu nehmen, was andern Leuten nich in die Suppe und in den Kaffee paßt!«

»Still, Frank!« forderte ihn Sam auf. »Es ist hier nicht der Ort und die Zeit zu solchen Häkeleien. Wir haben mehr und Besseres zu thun.«

»So? Was denn?«

»Vor allen Dingen müssen wir die Friedenspfeife rauchen, wenn ich mich nicht irre.«

»Mit diesen Indianern?«

»Ja, mit dem Häuptlinge wenigstens. Du weißt doch jedenfalls, daß man eines Roten erst dann sicher ist, wenn man das Calummet mit ihm geraucht hat.«

»Das weeß ich wohl. Aber da hätten wir doch draußen roochen sollen!«

»Warum?«

»Um eben unsrer Sicherheit willen.«

»Es gab ja keine Zeit dazu.«

»Die hätten wir uns trotz des schlechten Wetters nehmen sollen. Jetzt schtecken wir in diesem Keller und wenn die Roten es nich offrichtig mit uns meenen, so is es grad so gut, als ob – – alle tausend Deixel! Siehste, daß die Geschichte schon losgeht? Da ziehen sie die Leiter in die Höhe. Haltet sie fest; haltet sie fest!«

Er eilte hin und sprang mit ausgestreckten Armen in die Höhe, um die Leiter noch zu ergreifen, kam aber zu spät; sie verschwand oben durch die Öffnung.

»Da habt ihr die Bescherung!« rief er zornig. »Jetzt schtecken wir in der Patsche, grad wie Pythagoras im Fasse!«

»Das war wohl Diogenes,« verbesserte Sam.

»Schweig!« fuhr ihn Frank an. »Was verschtehst du von Diogenes! Das is der Zwerg beim Heidelberger Fasse. Ich aber meene dasjenige Faß, in welchem Pythagoras schteckte, als der große Georginenzüchter Galilei zu ihm kam und ihn bat: »Karo, Karo, gib mir meinen Leviathan wieder!« Als guter Deutscher mußt du wissen, daß das kurz nach der Schlacht im Teutoburger Walde geschah, wo Dschingis Khan dem General Moreau alle beede Beene wegschießen ließ. Das eene flog nach Blasewitz, wo es die berühmte Gustel von Blasewitz in der Nähe von Wallensteens Lager fand, und das andre nach Loschwitz ins Schillerhäuschen, wo Schiller grad damals seinen Trompeter von Sigmaringen dichtete. Er und die Gustel haben nachher die Beene zusammengetragen und oberhalb Dresden bei Räcknitz unter vier Linden begraben. Ich bin selbst dort gewesen und habe das Denkmal, welches off seine Beene gesetzt worden is, mit meinen eegenen zwee Oogen gesehen. Is das nich Beweis genug? Willst du nu noch immer mit mir schtreiten?«

»Nein,« lachte Sam. »Aber die Sache mit der Leiter kommt mir nun auch einigermaßen bedenklich vor. Warum hat man sie hinaufgezogen? Hat man sie vielleicht schnell für ein andres Stockwerk gebraucht? Das wäre bei diesem Wetter ja wohl leicht möglich. Laßt einmal sehen, ob wir alle beisammen sind!«

Es stellte sich heraus, daß der Bankier und sein Buchhalter fehlten. Darum meinte Sam Hawkens befriedigt:

»Da bin ich beruhigt. Die gehören zu uns und müssen also auch noch zu uns herab. Die Leiter ist schnell anderwärts gebraucht worden, wenn ich mich nicht irre.«

»Aber warum hat mer da obe zugemacht und den Deckel offs Loch gelegt?« warf Droll ein.

»Das fragst du noch?« antwortete Frank. »Ich schäme mich wahrhaftig, daß du mein Vetter und Verwandter bist! jeder vernünftige Mensch macht, wenn es regnet, die Klappe zu. Hier regnet es nicht bloß, sondern es gießt wie aus Badewannen. Darum is der Deckel zugemacht worden, damit es nich prima Visite uns off die Köppe regnen soll. Kannst du das begreifen?«

»Ja, lieber Freund und Vetter Heliogabalus Morpheus Edeward Franke, weil du's so deutlich zu mache verschtehst, habe ich's verschtande.«

»Ja, das wird der Grund sein,« stimmte Sam bei. »Wir haben Zeit; bis der Häuptling herunterkommt, wollen wir uns einmal unsre heutige Wohnung ansehen. Wir können das, weil es eine Lampe gibt.«

Sie waren von dieser »Wohnung« keineswegs erbaut. Die Räume waren vollständig leer. Es gab keinen Sitz, keine Decke, keine Spur von Stroh, Heu oder Laub, woraus man auch nur für einen einzigen Menschen ein Lager hätte bereiten können. Das zog die Stimmung der durchnäßten Leute tief herab. Doch Sam verlor seinen Gleichmut noch immer nicht, sondern sagte, als sie wieder in den mittleren Raum zurückgekehrt waren:

»Das wird bald anders werden; laßt nur erst den Häuptling kommen. Dann werden wir alles erhalten, was wir brauchen.«

Schi-So, der junge Indianer, hatte sich an der Besichtigung der Räumlichkeiten nicht mit beteiligt. Er saß, mit dem Rücken an die Mauer gelehnt, am Boden und blickte sehr ernst vor sich hin. Jetzt, als er Sams tröstliche Worte hörte, brach er sein bisheriges Schweigen und sagte:

»Sam Hawkens irrt sich. Es wird nicht bald anders werden.«

»Wieso?« fragte der Genannte.

»Wir sind gefangen.«

»Gefangen? Alle Wetter! Woraus schließest du das?«

»Ich bin Indianer und weiß, woran ich bin, ihr seid erfahrene Westmänner und könnt das ebenso wissen. Als wir oben einstiegen, sah ich zwei Leitern, welche an dem nächsten Stockwerk lehnten. Wenn man schnell eine brauchte, warum hat man da nicht eine von diesen genommen, welche doch bequemer zu haben waren, sondern grad die unsrige emporgezogen?«

»Ah! Ich habe diese beiden Leitern auch gesehen. Da ist es allerdings sonderbar, daß man grad die unsrige genommen hat.«

»Und noch eins,« fuhr der Jüngling fort. »Wo ist Grinley, welcher sich den Namen eines Ölprinzen gibt?«

»Alle Wetter, ja, das ist richtig!« rief Sam in betroffenem Tone aus.

»Warum fehlen grad die beiden, welche er höchst wahrscheinlich betrügen will? Er weiß, daß wir es nicht zu dem Betruge kommen lassen werden; er will sie von uns trennen und hat sich zu diesem Zwecke an den Häuptling gewendet.«

»Aber wie und wann?«

»Denkt an die beiden Weißen, welche vor uns auf Forners Rancho gewesen sind! Er hat mit ihnen gesprochen; ich habe erfahren, daß er sogar mit dem einen längere Zeit hinter dem Hause gesteckt hat.«

»Wenn das wäre, so gäbe es freilich einen Zusammenhang, der mich bedenklich machen muß. Aber wie kann man es wagen, so viele Leute, wie wir sind, hier als Gefangene einzuschließen? Wir sind ausgezeichnet bewaffnet und können ausbrechen.«

»Wo?«

»Indem wir den Deckel öffnen.«

»Versucht das doch! Er geht gewiß nicht auf.«

»Dann durch die Außenmauer.«

»Die besteht aus Steinen und einem Mörtel, welcher sicher noch härter als Stein ist.«

»Durch die Decke.«

»Versucht es einmal, mit euern Messern hindurchzukommen!«

»Aber ich habe außer dem Häuptlinge nur Weiber und Kinder gesehen!«

»Die Krieger hatten sich versteckt. Sie sollen sich auf der Jagd befinden. Welch ein Wild gäbe es zu dieser Jahreszeit und in dieser öden Gegend zu jagen? Ihr wißt, daß mehrere Indianerstämme das Kriegsbeil ausgegraben haben. Wenn diese sich auf dem Kriegspfade befinden und zu jeder Zeit an jedem Orte erscheinen können, werden da andre so unvorsichtig sein, ihr festes Lager zu verlassen, indem sie auf die Jagd gehen und dabei ihr Leben riskieren? Gehen überhaupt die Puebloindianer in solchen Massen auf die Jagd? Leben sie nicht vielmehr von den Erträgnissen, welche sie in ihren Gärten ziehen?«

»Du hast recht. Deine Gründe sind nicht zu widerlegen.«

»Ja; wir sind gefangen.«

»So wollen wir uns überzeugen und vor allen Dingen versuchen, ob der Deckel da oben zu öffnen ist.«

Dick Stone und Will Parker mußten zusammentreten. Sam stieg auf ihre Schultern, so daß er den Deckel erreichen konnte, und stemmte sich mit aller Kraft gegen denselben -vergebens; er war nicht um einen halben Zoll zu bewegen.

»Es ist richtig; man hat uns eingeschlossen,« zürnte er, indem er wieder niederstieg. »Aber wir werden diesen Schuften zeigen, daß sie sich verrechnet haben.«

»In welcher Weise?« fragte Stone.

»Wir graben uns durch, entweder durch die Mauer oder durch die Decke. Wollen zunächst die erstere untersuchen.«

Bei dem Scheine des Lämpchens wurden erst in den verschiedenen Abteilungen der Etage mehrere Mauerstellen in Augenschein genommen. Es zeigte sich, daß die ganze Außenmauer, wie Schi-So gesagt hatte, in ihrer ganzen Länge aus dicken Steinen bestand, welche durch einen Mörtel verbunden waren, den kein Messer zu entfernen vermochte. Und andre, kräftigere Werkzeuge gab es nicht. Schi-So blieb auf seinem Platze sitzen, ohne sich an der Untersuchung zu beteiligen.

Nun blieb nur noch die Decke, durch welche vielleicht ein Ausgang erzwungen werden konnte. An der Untersuchung beteiligten sich alle Männer, indem je zwei sich zusammenstellten und ein dritter auf sie stieg, um mit dem Messer zu versuchen, ein Loch fertig zu bringen. Es stellte sich heraus, daß die eigentliche Unterlage aus einem eisenfesten Holze bestand, Knüppel an Knüppel nebeneinander gelegt, welches selbst seit Jahrhunderten nicht von der Feuchtigkeit angegriffen worden war und den Messern einen unbesieglichen Widerstand entgegensetzte, so daß man nicht einmal in Erfahrung bringen konnte, woraus die darauf liegenden Schichten bestanden.

Die Frauen hatten diesen Bemühungen mit banger Erwartung zugesehen; als sich dieselben als nutzlos erwiesen und die Versuche eingestellt wurden, rief Frau Rosalie zornig aus:

»Sollte man denn denken, daß es so schlechte Menschen in der Welt geben kann! Wir haben dieser indianischen Rasselbande nich das mindeste gethan und trotzdem schperren sie uns hier ein wie Schpitzbuben, die zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt worden sind. Wenn ich die Halunken jetzt hier hätte, Herr meines Lebens, wie wollte ich ihnen die Wahrheet sagen! Aber da sieht man wieder 'mal, was dabei 'rauskommt, wenn man sich off die Männer verläßt! Die sollen unsre natürlichen Beschützer sein; aber anschtatt offzupassen und uns zu beschützen, führen sie uns gradezu ins blaue Unglück'nein!«

»Sei doch schtille!« bat ihr Mann. »Du beleidigst ja die Herren mit deiner ewigen Zankerei.«

»Was? Wie? Ewig?« fragte sie erbost. »Seit wann habe ich denn geredet und geschprochen? Seit höchstens drei oder vier Sekunden. Und das nennst du ewig? Es is mir ganz egal, ob ich jemand beleidige, denn ich bin in meinem guten Rechte. Und wer recht hat, der braucht seine Zunge nich schtille schtehn zu lassen. Wir sind so dumm gewesen, uns einschperren zu lassen; ich bin nich schuld daran; aber fragen will ich doch, was wir nun zu erwarten haben und was mit uns geschehen wird?«

»Das fragen Sie noch?« antwortete der Hobble-Frank, indem es pfiffig um seine Mundwinkeln zuckte. »Es is doch ganz selbstverständlich, was mit uns geschehen wird.«

»Na, was denn zum Beischpiele?«

»Zuerscht werden wir gefesselt – – –«

»Etwa ooch wir Damen?«

»Natürlich! Dann bindet man uns an den Marterpfahl – –«

»Uns Damen ooch?«

»Selbstverschtändlich! Und nachher werden wir ermordet – – –«

»Die Damen ooch?«

»Allemal! Und wenn wir dann tot sind, werden wir schkalpiert.«

»Dunner Sachsen! Doch nich etwa wir Damen ooch?«

»Freilich ooch! Die Roten pflegen die Weiber sogar lebendig zu schkalpieren; sie warten gar nich, bis sie tot sind, wissen Sie, weil die Damen schöneres und längeres Haar haben, was dem Schkalpe eenen viel größeren Wert verleiht –--«

»Danke ergebenst für diese Schmeichelei!« fiel sie ihm in die Rede.

»Bitte sehr!« antwortete er. »Und sodann weil die Schkalphaut sich bei eener toten Leiche nich so gut losziehen läßt wie bei eener lebendigen.«

»Ist das wahr, oder wollen Sie mir bloß angst machen, Herr Franke?«

»Es is die volle, reene Wahrheet, off die Sie sich ganz ergebenst verlassen können.«

»So sind diese Roten ja die echten und richtigen Mordbarbaren! Aber ich lasse mich weder tot noch lebendig schkalpieren. Meine Haut bekommen sie nich, um keenen Preis. Ich wehre mich; ich verteidige meine Haare vom erschten bis zum letzten Oogenblicke. Mir sollen sie nich kommen, denn ich bin Frau Rosalie Eberschbach, geborene Morgenschtern und verwitwete Leiermüllern, und mich sollen sie kennen lernen!«

Bei der andern Gruppe von Gefangenen, nämlich bei dem Bankier und seinem Buchhalter, ging es weniger lebhaft her. Sie lagen miteinander im Erdgeschosse. Dort brannte keine Lampe; es war finster. Die dortige Feuchtigkeit der Luft und ein zeitweiliges Gurgeln ließen vermuten, daß sie sich in der Nähe der Wasserquelle befanden. Die Mauern waren hier unten so stark, daß das Toben des Unwetters fast gar nicht vernommen wurde. Als man sie an Lassos niedergelassen, und der Deckel sich über ihnen geschlossen hatte, horchten die beiden erst eine kleine Weile. Es blieb rund um sie her still, und nichts verriet die Anwesenheit eines andern Menschen. Darum ergriff der Bankier das Wort, natürlich in englischer Sprache:

»Seid Ihr ohnmächtig, Mr. BaumgaRten, oder hört Ihr mich?«

»Ich höre Euch, Sir. Es ist allerdings zum ohnmächtig werden. Was haben wir den Indianern gethan, daß sie uns in dieser Weise behandeln?«

»Hm, das frage ich mich auch. Warum nehmen sie grad uns zwei gefangen und nicht auch die andern?«

»Was das betrifft, so vermute ich, daß diese es nicht besser haben werden als wir.«

»Ihr meint, daß sie auch gefangen sind?«

»Ja.«

»Habt Ihr einen Grund dazu?«

»Mehrere. Einer von ihnen ist mir vor allen Dingen maßgebend. Die Roten können uns nicht gefangen nehmen, ohne unsre Gefährten auch festzuhalten, da diese uns sonst jedenfalls befreien würden.«

»Das ist richtig, aber zugleich auch traurig für uns, denn wir müssen die Hoffnung, befreit zu werden, aufgeben.«

»Fällt mir nicht ein! Ich hoffe bis zum letzten Augenblicke.«

»Auf wen?«

»Zunächst auf Gottes Hilfe. Und sodann erscheint es keineswegs ausgeschlossen, daß wir trotz allem auch auf unsre Gefährten rechnen können. Sie sind wahrscheinlich ebenso eingeschlossen wie wir, aber nicht gefesselt. Sie haben ihre Waffen bei sich. Nehmen Sie dazu, was für Kerls sie sind! Dieser Hobble-Frank ist zwar eine ganz wunderliche, originelle Persönlichkeit, aber gewiß ein unerschrockener, mutiger Mensch und tüchtiger Westmann. Von Hawkens, Parker, Stone und Droll läßt sich ganz dasselbe sagen, und was die übrigen betrifft, so gibt es außer diesem unzuverlässigen Kantor gewiß keinen, der die Hände furchtsam in den Schoß legen wird.«

»Well, denke das auch. Aber warum hat man sich unser bemächtigt? Das ist es, was ich wissen möchte. Vielleicht eines Lösegeldes halber?«

»Schwerlich. So etwas wäre die Artweißer Banditen, aber nicht diejenige der Indianer.«

»Also einfach uns ausrauben?«

»Auch nicht, wenigstens nicht allein. Wäre es nur das, so hätte man uns sogleich die Taschen geleert, anstatt uns nur die Waffen abzunehmen. Ich bin kein Westmann und kann also nichts Sicheres sagen, aber ich vermute, das Verhalten der Roten ist eine Folge der zwischen ihnen und den Weißen ausgebrochenen Streitigkeiten.«

»All devils! Dann hätten wir nichts zu hoffen, denn dann wären wir, sozusagen, Kriegsgefangene, und es wird uns wohl an den Kragen gehen!«

»Wenigstens wird das die Absicht der Roten sein.«

»Schöne Aussicht! Am Marterpfahle braten und skalpiert zu werden!«

»So weit sind wir noch nicht! Ich hoffe, wie gesagt, bis zum letzten Augenblicke. Wollen zunächst einmal versuchen, ob wir aus den Fesseln kommen können.«

Sie gaben sich alle Mühe; sie strengten ihre Kräfte bis auf das Äußerste an, doch ohne jeden Erfolg; die Riemen waren zu fest. Freilich, wenn Old Shatterhand und Winnetou sich an ihrer Stelle befunden hätten, die wären wohl schon nach einigen Minuten ihrer Banden ledig geworden; aber diese beiden hier waren unerfahren, und es fehlte ihnen derjenige Scharfsinn, welcher selbst aus der übelsten Lage noch einen Ausgang findet. Sie gaben ihre Bemühungen, die Riemen zu zersprengen, auf; sie einander aufzuknoten, daran dachten sie nicht, und doch hätten sie, selbst mit gefesselten Händen, wenigstens einen Versuch dazu machen können.

Sie lagen nun still neben einander und warteten – – eine lange, lange Zeit, wie ihnen dünkte. Da hörten sie über sich ein Geräusch. Der Deckel wurde entfernt. Sie erblickten den blauen Sternenhimmel. Das Unwetter hatte sich also verzogen' und es war Abend geworden. Sie sahen, daß die Leiter herabgelassen wurde und der Häuptling an derselben herniederstieg. Er bückte sich nach ihnen und betastete sie mit seinen Händen. Als er sich überzeugt hatte, daß sie noch gefesselt waren und still gelegen hatten, sagte er:

»Die weißen Hunde sind dümmer wie die heulenden Koyoten. Sie kommen in die Wohnung der roten Krieger, ohne zu bedenken, daß jetzt das Messer zwischen uns und ihnen ausgegraben ist. Sie haben uns unser Land, unsre heiligen Orte genommen und uns vertrieben; sie verfolgen und betrügen uns fort und fort. Sie kamen zu Wenigen und schwellen zu Millionen an; wir aber waren Millionen und müssen verschwinden wie die Mustangs und Bisons auf der Savanne. Aber wir sterben nicht, ohne uns zu rächen. Das Kriegsbeil ist ausgegraben, und alle Bleichgesichter, welche in unsre Hände fallen, sind verloren. So auch ihr. Morgen früh, sobald der Tag graut, werden die Marterpfähle errichtet werden, und euer Schmerzgeheul wird so laut in die Lüfte schallen, daß die Geier in Scharen kommen werden, um euch das blutige, vor Schmerz dampfende Fleisch vom lebendigen Leibe zu reißen. So wird es geschehen, denn Ka Maku, der Häuptling, hat es gesagt!«

Nach diesen Worten stieg er wieder empor, zog die Leiter nach sich und legte den Deckel auf die Öffnung.

Seine Drohung war den beiden durch Mark und Bein gegangen; sie nahmen dieselbe ernst, denn sie wußten nicht, daß er im Auftrage handelte und ihnen ihr Schicksal nur deshalb in so düsterer Farbe malte, damit sie ihrem vermeintlichen Retter später um so dankbarer sein möchten.

Dieser Besuch des Häuptlings drückte den Bankier vollständig nieder, und auch Baumgarten war bei weitem nicht mehr so zuversichtlich wie vorher. Schon morgen früh am Marterpfahle! Das war ja entsetzlich schnell und die Zeit viel, viel zu kurz zu einer möglichen Rettung!

Sie teilten sich ihre Befürchtungen mit; sie zermarterten sich das Gehirn, um einen Ausweg zu finden; sie begannen wieder, an ihren Fesseln zu zerren, so daß dieselben ihnen in das Fleisch schnitten, doch ohne den geringsten Erfolg. Da – – es waren wohl einige Stunden vergangen, hörten sie wieder ein Geräusch. Sie blickten nach oben. Der Deckel wurde weggeschoben, und ein Kopf erschien über der Öffnung.

»Pst, pst, Mr. Rollins, seid Ihr etwa da unten?« hörten sie in unterdrücktem Tone fragen.

»Ja, ja!« antwortete der Genannte, vor Freude laut, weil er Hoffnung schöpfte.

»Leise, leise! Wenn man etwas von uns hört, bin ich verloren. Ist vielleicht Mr. Baumgarten bei Euch?«

»Ja, ich bin auch hier,« antwortete der Deutsche.

»Endlich, endlich finde ich euch! Ich habe euch unter tausend Todesgefahren gesucht, um euch zu retten. Habt ihr euch gewehrt? Seid ihr etwa verwundet?«

Es klang eine fast liebevolle Besorgnis aus diesen Worten.

»Nein, wir sind gesund und unbeschädigt,« antwortete Rollins.

»So wartet eine kleine Weile; ich will sehen, ob es mir gelingt, eine Leiter herbeizuschaffen. Es stehen zwar überall Wächter da oben, aber ich will, um euch zu retten, gern mein Leben wagen.«

Der Kopf verschwand aus der Öffnung.

»Gott sei Dank! Wir werden entkommen!« seufzte der Bankier, indem er sich durch einen tiefen, tiefen Atemzug erleichterte. »Das war Grinley, unser Ölprinz. Nicht?«

»Ja,« antwortete der Buchhalter. »Zwar konnte ich sein Gesicht nicht sehen, aber ich habe ihn an der Stimme erkannt, obgleich er nur flüstern durfte.«

»Er holt uns heraus; er riskiert sein Leben, um uns zu befreien. Ist das nicht brav, außerordentlich brav von ihm?«

»Sehr!«

»Da sieht man wieder einmal, wie sich Leute, die sonst scharfsinnig sind, in einem Menschen irren können! Man wollte ihn zum Betrüger stempeln. Jetzt können wir die feste Überzeugung haben, daß er unser vollstes Vertrauen verdient, Ihr seht, wie ehrlich und treu er ist. ich werde gewiß nicht wieder an ihm zweifeln.«

Jetzt erschien der Ölprinz wieder an der Öffnung. Er ließ eine Leiter herab und forderte die beiden mit leiser Stimme auf:

»Es ist mir gelungen. Da habt ihr die Leiter. Kommt herauf!«

»Wir können nicht, denn wir sind gefesselt,« antwortete Rollins.

»Das ist schlimm, sehr schlimm, denn da vergeht eine kostbare Zeit, weil ich zu euch hinunter muß.«

Er kam zu ihnen hernieder, betastete ihre Fesseln und schnitt dieselben durch. Sie standen auf und dehnten ihre Glieder, um das stockende Blut wieder in Umlauf zu bringen. Dabei erkundigte sich Rollins:

»Das werde ich Euch nie vergessen, Sir! Aber sagt mir doch einmal wie es Euch gelungen ist, hier – – –«

»Pst, still!« fiel ihm der Ölprinz in die Rede. »Davon später. Jetzt haben wir keine Zeit. Es gilt, schnell fortzukommen, da jeden Augenblick jemand nach euch sehen kann; dann wären wir verloren. Kommt also schnell herauf! Aber richtet euch nicht etwa in die Höhe, denn da würdet ihr sofort gesehen. Wir müssen uns kriechend entfernen.«

Er stieg empor, und sie folgten ihm. Oben legten sie sich glatt auf das Dach nieder.

»Schaut hinauf!« flüsterte er ihnen zu. »Seht ihr die Wächter?«

Sie sahen im hellen Sternenscheine Indianer auf den oberen Terrassen stehen. In ihrer Unerfahrenheit fiel es ihnen gar nicht auf, daß grad hier unten bei ihnen, wo ein Posten doch am notwendigsten gewesen wäre, keiner stand. Und noch viel weniger kamen sie auf den Gedanken, daß sie von den Wächtern da oben recht gut gesehen wurden und das Gebaren des Ölprinzen nichts war als die reine Spiegelfechterei. Er ließ das Loch offen und die Leiter in demselben stecken und raunte ihnen zu:

»Folgt mir ganz leise bis hin zum Rande, wo ich eine Leiter angelegt habe. Wenn wir nicht gesehen werden und erst unten sind, dann haben wir nichts mehr zu fürchten.«

Sie krochen nach der Kante der ersten Terrasse und sahen dort die Leiter lehnen. Auch das fiel ihnen nicht auf. Sie stiegen einer nach dem andern hinunter und befanden sich nun außerhalb des Pueblo.

»Endlich, endlich!« sagte da der Ölprinz. »Es ist gelungen. Nun schnell fort von hier!«

»Noch nicht, Mr. Grinley,« sagte der gewissenhafte Buchhalter. »Unsre Gefährten sind doch jedenfalls auch gefangen?«

»Allerdings.«

»Wollen wir sie stecken lassen? Wir haben wohl die Pflicht, ihnen---«

»Unsinn!« fiel ihm der andre in die Rede. »Was fällt Euch ein! Der Häuptling hat gelogen. Seine Krieger sind nicht auf der Jagd, sondern hier. Was können wir drei gegen sechzig bis siebzig wohlbewaffnete Indianer thun? Wir würden ins sichere Verderben rennen. Seid froh, daß ich euch herausgeholt habe! jedes längere Verweilen muß uns Verderben bringen.«

»Das mag richtig sein; aber es thut mir doch leid um die, welche wir nicht retten können.«

»So, die werden schon selbst für sich sorgen. Es sind ja tüchtige Kerls dabei, welche gewiß einen Ausweg finden werden.«

»Das beruhigt mich. Aber wie kommen wir fort? Man wird uns wahrscheinlich verfolgen. Ja, wenn wir unsre Pferde und Waffen hätten! Auch unser Gepäck wird uns fehlen.«

»Es ist alles da; ich habe alles gerettet!«

»Was? Wie? Das ist ja ganz unmöglich!«

»So, ein mutiger Mann macht seinen Freunden zuliebe selbst das Unmögliche möglich. Ich allein freilich hätte es nicht fertig gebracht; ich habe Hilfe und Unterstützung gefunden.«

»Bei wem?«

»Bei zwei wackern Gentlemen, zu denen ich euch führen werde. Kommt also rasch; wir dürfen keinen Augenblick mehr hier verweilen.«

Er führte sie an der Außenmauer des Pueblo hin und dann nach dem Trümmergewirr, in welchem heut die Indianer gesteckt hatten. Dort trafen sie auf Buttler und Poller und fanden bei denselben nicht nur ihre Pferde und Waffen, sondern auch ihr ganzes sonstiges Eigentum. Darüber waren sie denn doch erstaunt; ihre Fragen aber wies der Ölprinz mit den Worten zurück:

»Jetzt müssen wir augenblicklich fort, denn man wird, wie ihr selbst ganz richtig vermutet habt, uns verfolgen, und da ist es notwendig, einen möglichst großen Vorsprung zu erlangen. Unterwegs sollt ihr erfahren, wie sich alles zugetragen hat.«

Er hatte sich eine glaubhafte Erzählung zurechtgelegt und war überzeugt, daß dieselbe die gewünschte Aufnahme finden werde. Sie stiegen auf und jagten im Galopp von dannen. Der Bankier war von Dank gegen seine Retter erfüllt; ihn kümmerten die Zurückgelassenen nicht; Baumgarten aber konnte sich des Gedankens doch nicht erwehren, daß es eigentlich ihre Pflicht gewesen wäre, die Befreiung ihrer Gefährten wenigstens zu versuchen.

Diese letzteren befanden sich in einer Lage, welche zwar jedenfalls ernst war, aber doch auch ihre komische Seite hatte, dieses letztere infolge der Eigentümlichkeiten einiger der beteiligten Personen. Man war zuerst der Überzeugung gewesen, daß die Eingangsklappe wieder geöffnet werde, damit der Bankier und sein Buchhalter noch nachkommen könnten. Die feste Behauptung Schi-Sos brachte in diese Ansicht die erste Bresche, und als man dann längere Zeit, ja stundenlang gewartet hatte, ohne daß der Deckel geöffnet wurde, konnte es nicht länger in Abrede gestellt werden, daß die Meinung des Indianerjünglings die richtige war. Da erlitt die bisher ziemlich ruhige Stimmung der Eingesperrten freilich einen gewaltigen Umschlag. Die erfahrenen Westmänner waren allerdings gewohnt, sich zu beherrschen, desto aufgeregter aber zeigten sich die andern, die deutschen Auswanderer, welche vor Sorge außer sich waren; sie dachten natürlich, daß es nicht bloß auf ihr Eigentum, sondern auch auf ihr Leben abgesehen sei. Ein einziger von ihnen bewahrte seine Fassung, nämlich der Kantor, welchem es gar nicht einfiel, zu glauben, daß sein künstlerisches Dichten und Trachten hier einen gewaltthätigen Abschluß finden könne. Wie sich sehr leicht denken läßt, führte Frau Rosalie das erste Wort. Sie schimpfte ganz gewaltig zunächst auf die Indianer und dann aber auch auf Sam Hawkens und seine Gefährten, denen sie die Schuld gab, daß sie in die gegenwärtige Lage gekommen war.

»Wer hätte das diesem alten, roten Indianerbürgermeester angesehen!« zürnte Frau Rosalie. »Der Mann war so freundlich, wie schöne, gelbe Grasbutter; er that so schön und so freundlich, daß ich schon gloobte, er werde mich zu eenem Walzer anggaschieren. Und jetzt schtellt sich's 'raus, daß das alles Falschheet, Betrug und Hinterlistigkeet gewesen is. Ohrfeigen sollte man dem Kerl geben, Maulschellen, gehörige, tüchtige Maulschellen, immer eene herüber und die andre hinüber! Was will er denn eegentlich von uns? Off was hat er es denn abgesehen? Off unsre Sachen und off unser Geld? Sagen Sie mir doch das, Herr Hawkens! Reden Sie doch; schprechen Sie doch! Schtehen Sie doch nich da wie een chinesischer Ölgötze, der keen Wort von sich geben kann! Ich will und muß partuh wissen, woran ich bin!«

»Natürlich haben sie es auf unser Eigentum abgesehen,« antwortete Sam.

»Natürlich? Das finde ich gar nich so natürlich wie Sie. Mein Eegentum is eben mein Eegentum, an dem mir keen andrer Mensch herumzufispern hat. Wer die Hand nach meinen rechtmäßigen und gesetzlichen Habseligkeeten ausschtreckt, der is een Schpitzbube, verschtehn Se mich! Und da gibt's in Sachsen gewisse Paragraphen, welche von der Polizei schtreng gehandhabt werden. Wer maust, der wird eingeschteckt oder ooch sogar ins Loch geschperrt!«

»Das ist sehr richtig; aber leider befinden wir uns nicht in Sachsen.«

»Nich in Sachsen? I was Se nich sagen! Ich bin noch lange keene Amerikanerin; ich befinde mich zwar gegenwärtig off der Auswanderung, aber meine gute, sächsische Schtaatsangehörigkeet habe ich trotzdem noch nich offgegeben. Ich bin immer noch eene Landestochter des schönen Sachsenlandes an der Elbe. Die Sachsen haben in mehr als zwanzig Schlachten gesiegt und werden mich ooch hier herauszuhauen wissen. Verschtehn Se mich? Ich habe dreißig Jahre lang meine Abgaben, Schteuern und Schulanlagen pünktlich und ehrlich bezahlt, bin noch keenen einzigen Pfennig schuldig geblieben und kann also wohl verlangen, daß mein Heimatsschtaat sich tapfer meiner annimmt, wenn so een roter, indianischer Taugenischt und Thunichgut mich betrügen und beschtehlen will! Ich lass'mich nich berauben und dann ohne eenen Pfennig in der Tasche fortjagen.«

Sam warf einen seiner eigentümlich funkelnden Blicke auf die erregte Frau und meinte:

»Sie machen sich eine falsche Vorstellung, Frau Ebersbach. Man wird Sie nicht ausrauben und dann fortjagen.«

»Nich? Was denn?«

»Wenn der Indianer raubt, so tötet er auch. Nimmt er uns das Eigentum, so nimmt er uns auch das Leben, damit wir uns nicht später rächen können.«

»Herr, meine Seele! Wollen Sie etwa sagen, daß wir ermordet werden sollen?«

»Ja.«

»Wirklich? Na, da hört aber nu grad alles off! Und das haben Sie gewußt und uns trotzdem hierher geführt? Herr Hawkens, nehmen Sie es mir ja nich übel, aber Sie sind een Ungeheuer, een Molch, een Drache, wie es keenen zweeten geben kann!«

»Entschuldigen Sie! Konnte ich wissen, was die Indianer vorhatten? Diese Pueblos sind als freundlich und zuverlässig bekannt; es war beinahe unmöglich, zu denken, daß sie uns eine solche Falle stellen würden.«

»Mußten Sie denn hineinschpringen? Wir konnten draußen bleiben.«

»Bei dem Wetter?!«

»Ach was Wetter! Ich lasse mir doch lieber zehn Wasserbottiche in den Zopf regnen, als mich ausrauben und umbringen. Das können Sie sich doch so von ohngefähr selbst denken. Du lieber Himmel! Ermordet werden! Wer hätte das gedacht! Ich bin ausgewandert, um noch eene ganze Reihe von Jahren amerikanisch leben zu bleiben, und kaum habe ich meine Füße in dieses Land gesetzt, so tritt mir ooch schon der leibhaftige Tod entgegen. Ich möchte denjenigen sehen, der das aushalten kann!«

Da trat der Kantor zu ihr heran, legte ihr die Hand auf den Arm und sagte in beruhigendem Tone:

»Regen Sie sich nicht unnütz auf, meine liebe Frau Ebersbach. Vom Tode kann hier keine Rede sein.«

»Nich? Wieso?«

»Solange ich bei Ihnen bin, sind Sie sicher vor jeder Gefahr. Ich schütze Sie!«

»Sie? – – Mich – –?« fragte sie, indem sie ihren Blick ungläubig an seiner Gestalt heruntergleiten ließ.

»Ja, ich Sie! Sie wissen doch wohl, daß ich eine Heldenoper von zwölf Akten komponieren will?«

»Natürlich; ich hab's ja mehr als oft genug hören müssen.«

»Na, also! Ein Komponist ist ein jünger der Kunst, und Sie können sich fest darauf verlassen, daß diese mächtige Göttin keinen ihrer Anhänger sterben läßt.«

»Aber ich komponiere doch nich!«

»Schadet nichts; Sie stehen unter meinem Schutze. Um meiner großen Oper willen werden es die Musen zu machen wissen, daß ich gesund und froh nach Hause zurückkehre, denn sonst würde der Welt ein Kunstwerk verloren gehen, welches geradezu unersetzlich wäre. Es wird mir während meiner amerikanischen Reise kein Haar meines Hauptes gekrümmt werden; folglich ist auch jeder, der sich bei mir befindet, vor jedem Unfalle sicher.«

»Schön! Dann will – – – ich wollte sagen. Wenn Sie so sicher sind, daß uns nischt passieren kann, so haben Sie doch,mal die Gewogenheet, uns aus der Patsche, in -welcher wir schtecken, herauszuschaffen!«

Da kratzte er sich hinter dem Ohre und antwortete brummend:

»Sie scheinen mich falsch verstanden zu haben, meine Allerliebste. Man darf ein Tonstück, welches mit Lento bezeichnet ist, nicht allegro vivace spielen. Wenn ich gesagt habe, daß Ihnen in meiner Gegenwart kein Unglück geschehen kann, so meine ich damit keineswegs, daß ich es bin, der die Pforten unsrer gegenwärtigen Gefangenschaft zu öffnen hat. Dazu sind andre Leute da. Ich brauche Ihnen nur Herrn Franke zu nennen, der schon viele große Thaten ausgeführt hat und uns auf keinen Fall sitzen lassen wird. Habe ich da nicht recht?«

Er richtete diese letztere Frage an den Hobble-Frank. Dieser fühlte sich geschmeichelt und antwortete in seiner bekannten Weise:

»Ja, Sie haben richtig geschprochen, vollschtändig richtig, Herr Kantor emeriticus, und das Vertrauen, mit welchem Sie mich in so reservierter Weise beehren, soll nich betrogen werden. Ich bin der Mann, off den Sie sich in jeder partikularen Fährlichkeet verlassen können. Was keen Verschtand der Verschtändigen sieht, das is dem Hobble sein Lieblingslied. Und wenn alle Schtränge reißen sollten, ich mache euch frei!«

»Wie denn?« fragte Sam.

»Du gloobst's wohl etwa nich?«

»Ob ich es glaube oder nicht, das ist jetzt Nebensache. Ich möchte aber wissen, wie du es anfangen willst, deine Versicherung wahr zu machen.«

»Nebensache? Red nich so dumm. Der Glaube is eben grad die Hauptsache. Mit Hilfe des Glaubens kann man psychologische Berge versetzen und die intimsten Eisenbahnen bauen. Dieses Schprüchwort hat schon Josua gesagt, als er die Pyramide des ägyptischen Königs Washington von Moskau nach Schtockholm schaffte.«

»Aber, verehrtester Herr Frank,« fiel da der Kantor ein, »Josua, Washington, Pyramide, Stockholm, Ägypten – wie kann man das zusammenbringen?«

»Wie? Das fragen Sie? Sie, der Sie een jünger der Kunst sein wollen? Ich sage Ihnen, für mich is es gar keene Kunst, das alles zusammenzureumen. Sie haben ja gehört, daß ich es fertig gebracht habe. Und so werde ich es ooch mit der größten Leichtigkeet und Differenz fertig bringen, uns zu befreien. Es gehört weiter gar nischt dazu, als een bißchen angeborene Schlauheet und affektierte Pfiffigkeet. Während ihr euch hier ganz ohne Resultat und Marzipan hier herumgeschtritten habt, bin ich mit meiner innerlichen Orangerie zu Rate gegangen und habe den Weg entdeckt, der uns ins Freie führen wird.«

»So bin ich sehr neugierig, ihn kennen zu lernen,« meinte Sam.

»Das gloobe ich dir offs Wort. Du hättest ihn jedenfalls nich gefunden!«

»Laß nur erst hören, ob dein Weg kein Irrweg ist.«

»Du, ich will dir'mal was sagen. Wo du nich bist, Herr Organist, da schweigen alle Flöten. Ich bin der Herr Organist und du bist die Flöte, welche zu schweigen hat! Mein Weg is der richtige, wie ihr gleich erkennen werdet. Ihr habt an der Mauer herumgepocht und an der Decke herumgeschtochen, ohne ein richtiges Facit destillata zu finden; eure Messer konnten nich in die Schteene dringen. Ich aber mach eene Wette mit, daß es hier Löcher gibt, in denen wir die Hebel der Befreiung ansetzen müssen, wenn wir die Fesseln der Gefangenschaft in die Luft mundieren wollen.«

»Löcher? Wo denn?«

»Wo? ja, das müssen wir erst suchen.«

»So sind wir grad so klug, wie vorher, als wir suchten und nichts fanden!«

»Schweig schtille! Wäre dieses Suchen unter meiner geographischen Oberleitung vor sich gegangen, so hättet ihr den Kasus Belladonna sofort gefunden. Eure Oogen sind mit Blindheet geschlagen und alle eure Nasen nich drei Pfennige wert. Der Deckel da oben is zu, und außer ihm scheint es keene Öffnung zu geben. Wenn das wahr wäre, so müßte man hier erschticken, weil die Lebensluft infolge unsers konservierten Sauerschtoffes alle würde. Wenigstens würde es hier moderig und müffig riechen. Nu seht euch aber'mal die Lampe an, wie schön sie brennt, und schtrengt dazu die Riechorgane an, ob ooch nur eene Schpur von schlechter Luft vorhanden is! Ich bin überzeugt, daß die Luft immer wieder erneuert wird, was der Gelehrte mit Vehikulation bezeichnet. Diese Vehikulation habe ich sehr genau schtudiert, als ich meine Villa »Bärenfett« bauen ließ. Sie findet schtets in der Weise schtatt, daß unten die frische Luft eintritt und die schlechte oben entweicht. Es müssen also unten und oben Löcher sein, hier ebenso wie in meiner Villa an der Elbe. Es gibt eenen immerwährenden Luftzug hier, den wir entdecken müssen. Und wißt ihr denn, wie man diese Entdeckung am besten improfitieren kann?«

»Mit dem Lichte, meinst du wohl?« fragte Sam.

»Ja, mit der Lampe. Siehste, daß es bei dir Zeiten gibt, wo du nich ganz off den Kopp gefallen bist! Nehmt also 'mal die Lampe und haltet sie unten am Fußboden längs der Mauer hin; da werdet ihr die Schtellen finden, wo die Luft von außen hereinkommt. Und wenn ihr nachher die Decke ebenso untersucht, entdeckt ihr ganz gewiß die Panamakanäle, durch welche die schlechte Atmosphäre in das draußen befindliche Weltall schteigt.«

»Du, Frank, dieser Gedanke ist wirklich nicht übel!« rief Sam Hawkens. »Deine Beobachtung ist ganz richtig; wir haben hier eine vollständig reine Luft; es muß also eine Art von Ventilation vorhanden sein. Wir werden suchen.«

»Na, siehste also, alte Flöte, daß der Organist seine Sache verschteht! Wenn ich nich wäre, so – – – horch!«

Er hielt in seiner Rede inne, und die andern lauschten auch nach oben, wo jetzt ein Geräusch vernommen wurde. Das Wetter war vorüber; es donnerte nicht mehr und so hörte man ziemlich deutlich, was auf dem platten Dache geschah: es wurden schwere Steine weggewälzt, und dann öffnete man den Deckel, aber nur um eine schmale Lücke. Dann ließ sich die Stimme des Häuptlings vernehmen:

»Die weißen Männer mögen hören, was ich ihnen sage! Sie werden jetzt wissen, daß sie meine Gefangenen sind. Es ist Krieg zwischen uns und den Bleichgesichtern, und so sollte ich sie eigentlich töten; aber ich will gnädig sein und ihnen ihr Leben schenken, wenn sie freiwillig alles abgeben, was sie bei sich haben. Ihr Anführer mag mir antworten!«

Mit der Bezeichnung Anführer war Sam Hawkens gemeint. Dieser antwortete sofort:

»Du sollst alles haben, was du wünschest. Laß uns hinauf, so geben wir es ab!«

»Mein Bruder spricht mit der Zunge der Schlange. Wenn ich euch hinaufließe, so würdet ihr nichts geben, sondern euch wehren.«

»So komm herab und hol dir, was du verlangst!«

»Dann würdet ihr mich unten behalten. Die Bleichgesichter mögen zunächst ihre Waffen zusammenthun und mit den Riemen, welche ich hinabwerfe, zusammenbinden. Wir werden dann unsre Lassos hinablassen und die Bündels emporziehen. Der Anführer mag sagen, ob ihr damit einverstanden seid!«

»Wird Ka Maku, der Häuptling, sein Wort halten und uns auch freilassen, wenn wir ihm alles abgegeben haben?«

»Ja.«

»Ja? Hihihihi! Halte uns doch nicht für so dumm", wie du selber bist, und mach dich schleunigst von da oben weg, sonst gebe ich dir eine Kugel in den Kopf! Wir wissen genau, woran wir mit euch sind, ihr Lügner und Verräter. Ihr werdet nicht so viel von uns bekommen, wie man vom Fingernagel schneidet.«

»Ist das dein Ernst?«

»Mein voller Ernst.«

»So müßt ihr sterben!«

»Warte es ab! Der Tod drohte uns auch dann, wenn wir euch alles geben. Ihr habt euch verrechnet. Wir haben Gewehre und werden euch zwingen, uns ohne Lösegeld ziehen zu lassen.«

»Mein Bruder irrt sich. Eure Waffen bringen euch keinen Nutzen, denn es wird gar nicht zum Kampfe kommen. Ihr seid eingesperrt und könnt nicht heraus. Wir werden euch nicht angreifen, und ihr braucht euch nicht zu verteidigen; aber ihr habt kein Wasser und nichts zu essen. Wir werden warten, bis ihr verschmachtet seid, und dann ohne Kampf bekommen, was wir wollen. Howgh!«

Der Deckel klappte wieder zu, und dann hörte man unten, daß die Steine auf denselben gewälzt wurden.

»Dummheit!« brummte Dick Stone. »Du hättest es besser machen sollen!«

»Wie denn?« fragte Sam.

»Gar nicht antworten, sondern ihm eine Kugel geben.«

»Fällt mir nicht ein!«

»Warum nicht? Der Halunke hielt zwar den Kopf weit zurück, aber seine Stirn war doch so deutlich zu sehen, daß man sie mit einer Kugel durchlöchern konnte.«

»Das weiß ich wohl, alter Dick; aber du glaubst doch nicht, daß uns dies etwas genützt hätte. Unsre Lage wäre im Gegenteile dadurch nur verschlimmert worden. Nein, wenn es nicht notwendig ist, vergieße ich kein Blut. Wollen vor allen Dingen versuchen, uns durch List zu befreien.«

»So gilt es, den Rat Franks zu befolgen; aber wir müssen uns damit beeilen, denn die Lampe wird nicht mehr lange brennen, dann sitzen wir im Finstern.«

Es stellte sich heraus, daß der Hobble-Frank recht gehabt hatte. In der Außenmauer waren nahe dem Fußboden Löcher angebracht, um den Eintritt der Luft zu ermöglichen, und bald entdeckte man auch in der Decke kleine Öffnungen, durch welche die schlechte Luft entweichen konnte. Diese Öffnungen führten schräg durch die Decke. Wären sie senkrecht angebracht gewesen, so hätte man sie leichter entdeckt, weil man den Himmel hätte durch sie sehen können. Sie hatten einen Durchmesser von vielleicht nur sechs Centimeter; bedeutend größer waren die Öffnungen, welche unten durch die Außenmauer führten.

»Jetzt ist uns wahrscheinlich geholfen,« meinte Will Parker. »Vorhin konnten wir mit unsern Messern nichts machen; jetzt aber bieten die Löcher uns Punkte, wo die scharfen Klingen gewiß greifen werden. Es fragt sich nur, wo wir hinaus wollen. Durch die Mauer?«

»Die ist zu dick,« sagte Sam. »Um da ein Loch, welches groß genug ist, fertig zu bringen, müßten wir mehrere Tage lang arbeiten.«

»Also durch die Decke?«

»Ja. Freilich wird das dadurch schwierig, daß derjenige, welcher arbeitet, auf den Schultern zweier andrer stehen oder sitzen muß; aber wenn wir erst einmal ein Holz entfernt haben, dann wird es desto schneller gehen. Leider haben wir nur noch höchstens für eine halbe Stunde Licht; dann befinden wir uns im Finstern. Suchen wir uns die passendste Stelle aus!«

Die war bald gefunden. Sam und Frank wollten zuerst arbeiten; der erstere stellte sich auf Stone und Parker, der letztere auf die beiden Deutschen Ebersbach und Strauch. Später, wenn sie ermüdet waren, sollten sie abgelöst werden. Als sie ihre Arbeit in Angriff genommen hatten, machte Schi-So die Bemerkung:

»Das Licht reicht nicht. Vielleicht ist es später nötiger als jetzt. Warum es also jetzt zu Ende brennen lassen?«

Er hatte recht; darum wurde es ausgelöscht. Nun war es völlig dunkel in dem Raume. Man hörte das leise Bohren und Knirschen der Messer und das Atmen der beiden Arbeitenden; sie strengten sich so an, daß sie schon nach einer Viertelstunde abgelöst werden mußten. Von Schlaf war keine Rede. Man bohrte und schnitt und kratzte die ganze Nacht hindurch; dann war so viel Holz aus der Decke geschnitten, daß ein Loch entstand, durch welches ein Mann kriechen konnte. Nun galt es, dieses Loch durch das Außenmaterial nach oben fortzusetzen. Dieses Material bestand aus festgeschlagenem Lehm, welcher fast zu Stein verhärtet war. Da kam man äußerst langsam voran, und es war Mittag geworden, als das Geräusch, welches die Messer verursachten, einen Klang annahm, welcher verriet, daß die Decke nun bald durchbrochen sei.

»Macht jetzt leise, so leise wie möglich,« gebot Sam Hawkens, »sonst hören sie euch oben.«

Kaum hatte er diese Worte gesprochen, so fiel draußen über den Arbeitenden ein Schuß, und einige Augenblicke später rief Dick Stone, welcher neben Droff oben im Loche arbeitete:

»All devils! Ich bin verwundet.«

»Ist's möglich? Wo denn?« fragte Sam.

»Im Oberarme. Die Halunken schießen auf uns.«

»Durch die Decke? Da haben sie also das Geräusch eurer Messer gehört. Ist's bös mit der Wunde?«

»Glaube nicht. Wahrscheinlich ein Streifschuß. Der Knochen ist unverletzt; aber ich fühle das Blut rinnen.«

»So kommt schnell herab! Sie könnten wieder schießen und euch in die Köpfe treffen. Wollen deinen Arm untersuchen.«

Jetzt war es gut, daß man die Lampe nicht ganz ausgebrannt hatte. Kaum war der Platz unter dem Loche frei geworden, so fielen noch zwei oder drei Schüsse durch die Decke. Man hörte die Kugeln unten in den Boden schlagen. Sam Hawkens stieß ein überlautes Gebrüll aus.

»Was schreist du?« fragte ihn Parker. »Bist du getroffen worden?«

»Nein. Will bloß wissen, wo die Halunken stehen.«

Oben ertönte ein Freudengeheul. Die Indianer hatten die Stimme Sams gehört, glaubten, ihn getroffen zu haben, und äußerten in dieser Weise ihre Freude darüber.

»Sehr gut!« lachte Sam. »Die Kerls liegen oder kauern gerade über unserm Loche und horchen. Wollen ihnen auch einige Kugeln geben. Frank und Droll, kommt! In unsern drei Doppelgewehren stecken sechs Kugeln. Jeder zwei Schüsse schnell hintereinander. Eins – zwei – drei!«

Die Schüsse krachten, und sofort erhob sich draußen über den Gefangenen ein Wat- und Schmerzensgeheul.

»Well! Ausgezeichnet! Hihihihi!« lachte Sam. »Wir scheinen einige getroffen zu haben. Glaube nicht, daß sie sich wieder hersetzen, um zu lauschen.«

»Aber ich stelle mich auch nicht wieder in das Loch, um auf mich schießen zu lassen!« murrte Stone.

»Wird kein Mensch verlangen,« erwiderte Sam. »Zeig deinen Arm!«

Die Lampe war wieder angebrannt worden. Beim Scheine derselben stellte es sich heraus, daß es nur eine kleine Streifwunde war, welche leicht verbunden werden konnte. Als dies geschehen, ließ sich der Hobble-Frank hören:

»Wir hätten nich durch die Decke, sondern hier unten durch die Mauer graben sollen. Off der Decke schtehen die Indianer und hören uns. Brechen wir aber durch die Mauer, so kann uns keen Mensch hören.«

»Aber die Arbeit ist viel schwerer,« warf Sam ein.

»Lieber eene schwere Arbeit, wobei man nich das Leben wagt, als eene leichte, bei der man erschossen wird. Das is meine unmaßgebliche Kompensation, mit welcher ich geflissentlicherweise recht haben werde.«

Man stimmte ihm bei. Es wurde eine kurze Beratung gehalten, deren Ergebnis der Beschluß war, seinem Rate Folge zu leisten. Die in der Außenmauer befindlichen Luftlöcher waren so groß, daß man zwei Flintenläufe nebeneinander in eins derselben stecken und sie als Hebel benützen konnte. Auf diese Weise gelang es, allerdings erst nach stundenlanger Anstrengung, das Bindematerial der Steine so zu lockern, daß man nun mit den Messern fortfahren konnte.

Darüber verging der Nachmittag. Es war Abend geworden, als endlich der erste Stein aus der Mauer fiel. Der erste! Und wie viele waren noch zu entfernen! Und wie stand es mit den Gefangenen! Sie hatten hier Rast machen und sich erholen wollen; aber es war nach ihrer Ankunft nur Zeit zum Trinken, nicht zum Essen gewesen. Nun waren sie schon über einen Tag gefangen, ohne etwas genossen zu haben. Der Hunger und der Durst stellten sich ein. Das hatte bei den Erwachsenen jetzt noch nicht viel zu sagen, aber die Kinder verlangten nach Speise und nach Trank und konnten nicht leicht beruhigt werden.

Indem immer je zwei und zwei sich ablösten, wurde die ganze Nacht hindurch an dem Loche gearbeitet; es ging äußerst langsam vorwärts, weil die Mauer so stark und der Mörtel fast noch fester als der Stein war. Endlich war man hindurch; ein Stein fiel nach außen, Das kleine Loch, welches dadurch entstanden war, ließ den fahlen Schein des anbrechenden Morgens hereinfallen. Nun ging es rascher; noch eine halbe Stunde und das Loch war so weit, daß ein Mann hinauskriechen konnte.

»Gewonnen!« jubelte Frau Rosalie. »Dieses Loch is zwar keene bequeme Passage für eene anschtändige Dame, aber wenn es sich um die Freiheit handelt, krieche ich sogar durch eene Feueresse, wobei man sich doch schpäter wieder abwaschen kann. Jetzt vorwärts, meine Herren! Wer macht voran? Die Höflichkeet erfordert natürlich, daß wir Damen zu allererscht gerettet werden. Darum mache ich den Vorschlag, daß ich den Anfang mache.«

Sie bückte sich schon, um den Kopf in das Loch zu stecken; aber der Hobble-Frank zog sie zurück und sagte:

»Sind Sie denn nich recht gescheit, Madame Eberschbach? Was fällt Ihnen denn ein? Das is nischt für Weiber. Hier müssen die Herren der Schöpfung den Anfang machen.«

»Wer?« fragte sie. »Die Herren der Schöpfung? Zu denen rechnen Sie sich wohl ooch mit?«

»Natürlich!«

»Na, da thut mir aber die ganze liebe Schöpfung leed. Ich bin eene Dame, eene deutsche Dame vom zusammengeenten deutschen Kaiserreich. Und haben Sie etwa nicht gehört, daß man gegen Damen zuvorkommend sein soll?«

»Ja, das weeß ich sehr genau und bin es ooch schtets gewesen.«

»Das machen Sie mir nich weiß; verschtehn Se mich! Ich danke dafür, wenn eener, der so unhöflich is, sich ooch noch großartig eenen Herrn der Schöpfung nennt!«

»Aber ich verschtehe Sie nich, meine liebste, ergebenste Frau Eberschbach! Ich bin doch ganz und gar zuvorkommend gegen Sie!«

»I, was Sie nich sagen! Wieso denn eegentlich?«

»Weil ich Ihnen beim Hinauskriechen so pomäle zuvorkommen will. Is das denn nich zuvorkommend?«

»O – o – o! Ja, wenn Sie das in dieser Weise meenen, da wenden Sie das Wort ganz falsch an. Sie sollen zuvorkommend sein, indem Sie mich zuvorkommend sein lassen. Können Sie das denn nich begreifen?«

»Sogar sehr gut. Aber Sie machen's doch ganz verkehrt!«

»Verkehrt? Wieso?«

»Na, das Loch da is doch wenigstens fünf Ellen hoch über der darunterliegenden Terrasse. Nich?«

»Jawohl.«

»Sie müssen also so hoch hinunterschpringen?«

»Natürlich!«

»Können Sie das?«

»Ich hoffe es. Wenn es sich um meine Freiheit und um mein Leben handelt, schpringe ich, so hoch oder so tief es is.«

»Mit dem Koppe voran?«

»Mit dem Koppe? Wie denn anders?«

»Na, wenn Sie mit dem Koppe fünf Ellen tief unten offfliegen, da schtoßen Sie ihn sich so weit in die Achseln hinein, daß er gar nich mehr zu sehen is. Man schpringt doch mit den Füßen, aber nich mit demjenigen Körperteele, in welchem der gesunde Menschenverschtand offbewahrt zu werden pflegt. Also muß man mit den Füßen voran durch dieses Loch kriechen!«

»Das is aber dennoch verkehrt. Ich habe doch die Oogen nich in den Füßen!«

»Sehr richtig, wenn Sie nich etwa die Hühneroogen meenen.«

»Und ich muß mich doch, wenn ich hinauskomme, erscht genau umsehen, ob niemand da is, der mir schaden kann! Dazu sind die Oogen notwendig, und also muß man mit dem Koppe zuerscht ins Loch.«

»Ooch das gebe ich zu. Dennoch werden Sie sofort einsehen, daß es höchst rücksichtsvoll von mir is, wenn ich vor Ihnen hinein will. Ich setze den Fall, die Indianer haben die Schteene fallen. hören, welche wir hinaus geschtoßen haben. Dann schtehen sie gewiß Wache und sehen unser Loch. Wenn nun der erschte kommt, der hinaus will, so geben sie ihm sicher eene Kugel, ganz gleich, ob er mit den Füßen oder mit dem Koppe zuerscht das Morgenlicht erblickt. Wenn Sie nun noch voran wollen, so habe ich nischt dagegen. Schaköng a song Hut!«

»Da danke ich freilich; da danke ich sehr! Ich bin eine Dame und als solche nich verpflichtet, für die Herren der Schöpfung den Kugelfang abzugeben.«

Sie trat jetzt außerordentlich schnell zurück. Aber Frank erhielt auch nicht die Erlaubnis, der erste zu sein, sondern Sam Hawkens nahm dieses gefährliche Vorrecht für sich in Anspruch. Er kroch, mit dem Kopfe voran, langsam, sehr langsam vorwärts. Als sein Auge die Mündung des Loches erreicht hatte, fuhr er schnell zurück, kam wieder herein und meldete:

»Wahrhaftig, es stehen mehrere Wachen unten auf der Plattform. Unser Loch ist also entdeckt worden.«

»Haben sie dich gesehen?« fragte Dick Stone.

»Nein.«

»Wie sind sie bewaffnet?«

»Mit Gewehren.«

»So schießen sie auf alle Fälle. Sie stehen unten auf der Plattform, auf welche wir springen müssen, und von uns kann immer nur einer hinaus. Wahrscheinlich wird das Loch nicht nur von ihnen, sondern auch von oben aus bewacht. Wollen einmal sehen.«

Er nahm seine lange Rifle, stülpte seine unaussprechliche und unbeschreibliche Kopfbedeckung auf die Mündung und schob den Lauf langsam so in das Loch, daß es draußen aussehen mußte, als ob ein Menschenkopf in der Öffnung erscheine. Draußen ertönte ein Ruf, und zugleich fielen mehrere Schüsse. Er zog das Gewehr wieder herein, untersuchte die Kopfbedeckung genau und sagte:

»Zwei Kugeln sind hindurch, eine von unten und eine von oben. Was sagst du dazu, alter Sam?«

Es dauerte eine ganze Weile, ehe der Gefragte antwortete. Sie warteten alle mit großer Spannung auf seine Rede; dann endlich sagte er in einem Tone, welcher ziemlich niedergeschlagen klang:

»Es sind auch Wächter über uns, welche über die Kante unsrer Etage hinausblicken und das Loch beobachten. Über uns Wächter und unter uns Wächter; das ist schlimm, sehr schlimm!«

»Wir schießen sie weg!« meinte der Hobble wohlgemut.

»Versuch es doch!«

»Warum nich?«

»Überlege doch, bevor du sprichst. Kannst du diejenigen, welche auf unserm Dache liegen, wegschießen?«

»Nee. Daran hatte ich freilich nich gedacht; aber desto leichter diejenigen, welche draußen unter uns schtehen.«

»Wie willst du das anfangen?«

»Na, ich brauch' doch bloß das Gewehr off sie zu richten und loszudrücken!«

»Das ist leichter gesagt als gethan. Das Loch ist so eng, daß du nur dann auf sie zielen kannst, wenn du das ganze Gewehr, die beiden Hände und den Kopf draußen hast. Aber ehe du dich in diese höchst gefährliche Lage bringst, hast du einige Kugeln im Kopfe.«

»Wetter! Das is richtig! Nu haben wir das schöne Loch und können doch nich'naus!«

»Leider, leider! Wir haben uns umsonst geplagt. Wir können weder durch die Decke noch durch die Mauer.«

»Dunner Sachsen! Is das wahr?« fragte Frau Rosalie.

»Es ist nur zu wahr,« erklärte Sam.

»Gibt es denn keenen andern Ausweg? Etwa hier durch den Fußboden?«

»Nein, denn es wird unter uns jedenfalls auch aufgepaßt.«

»Na, da schtehen die Ochsen ja gerade so am Berge wie vorher! Und das will sich Herren der Schöpfung nennen. Wenn ich een Mann wäre, ich wüßte gewiß, was ich thäte!«

»Nun, was?«

»Ja, das weeß ich eben nich, weil ich keen Mann, sondern eene Dame bin. Die Herren sind da, um uns zu schützen; verschtehn Sie mich? Nu thun Sie doch Ihre Pflicht! Ich hab's ganz und gar nich nötig, mir den Kopp darüber zu zerbrechen, wie Sie mich aus dieser Gefangenschaft retten wollen. Aber 'raus muß ich unbedingt, und so fordre ich Sie off, Ihre paar Sinne anzuschtrengen, um zu ermitteln, off welche Weise Sie mich retten können und sich dazu!«

Es trat eine lange Pause ein. Jeder und jede dachte nach, ob es denn keinen Weg der Rettung gebe; aber es erhob niemand die Stimme, um einen solchen zu verkünden. So verging eine halbe, eine ganze Stunde in trübem, peinlichem Schweigen. Da endlich hörte man Schi-So sagen:

»Das Denken und Grübeln bringt keinen Nutzen. Wir können nicht hinaus, denn wir müßten einzeln hinauskriechen und würden einzeln weggeschossen. Dennoch aber denke ich, daß wir gerettet werden.«

»Wie? Wie? Wodurch? Auf welche Weise?« erklang es um ihn her.

»Old Shatterhand und Winnetou wollen sich auf Forners Rancho treffen. Forner wird ihnen von uns sagen, und es ist gewiß, daß diese beiden berühmten Männer unsrer Spur folgen. Sie werden also hier nach dem Pueblo kommen.«

»Ja,« erklärte Sam mit einem tiefen Seufzer, »das ist die einzige Hoffnung, die wir noch haben können. Sie werden kommen; darauf möchte ich schwören, und wenn wir es bis dahin aushalten, werden wir gerettet werden.«

»Aber das sind doch nur zwee Menschen. Was können die gegen so viele Indianer ausrichten?« warf Frau Rosalie ein.

»Schweigen Sie unterthänigst!« wurde sie von dem Hobble aufgefordert. »Was verschtehen Sie von diesen beeden Helden, die meine Freunde und Gönner sind! Ich sage Ihnen: Und wenn tausend Rote uns bewachen, Old Shatterhand und Winnetou holen uns doch heraus, entweder mit List oder mit Gewalt, je nachdem es ihnen beliebt. Die haben noch ganz andre Sachen fertig gebracht. Wenn sie nur erscht unsre Schpur haben, nachher brauchen wir uns nich zu sorgen; sie holen uns heraus, und nich uns alleene!«

»Wen denn noch?«

»Ooch den Bankier, wenn er noch lebt.«

»Der wird wohl nicht mehr leben,« meinte Sam; »er nicht und sein Buchhalter nicht. Auf diese beiden war es wohl ganz besonders abgesehen, sonst hätte man sie nicht von uns getrennt.«

Er hatte recht, jedoch in andrer Art. Auf sie war es allerdings besonders abgesehen gewesen, doch nicht so, daß es, wenigstens von seiten des Häuptlings, ihr Leben galt. Sie waren entkommen und mit dem Ölprinzen, Buttler und Poller gegen Norden geritten, ohne anzuhalten, bis sie um die Mittagszeit in den Mogollonbergen den ersten Wald erreichten, der ihnen Schatten, Kühlung und Wasser bot. Da stiegen sie ab und setzten sich an einem Bache nieder, um auszuruhen und auch ihren Pferden Erholung zu gönnen. Hier war es, wo der Ölprinz sein Märchen erzählte, mit welchem er dem Bankier die Ereignisse des vergangenen Abends zu erklären versuchte, was ihm auch vollständig gelang. Rollins hielt ihn jetzt fest für einen Ehrenmann und freute sich auch darüber, in Buttler und Poller so brave und ehrenwerte Gefährten gefunden zu haben.

Als sie sich ausgeruht hatten, stiegen sie wieder auf und ritten weiter, bis sie gegen Abend eine Stelle fanden, welche sich sehr gut zum Lagerplatze für die Nacht eignete. Es gab da Wasser und genug dürres Holz, um ein Feuer die ganze Nacht zu unterhalten. Daß der Ölprinz, Buttler und Poller sehr reichlich mit Nahrungsmitteln versehen waren, die sie nur vom Pueblo mitgenommen haben konnten, das fiel weder Rollins noch Baumgarten auf. Als Poller das Feuer anbrannte, meinte Buttler im Tone leiser Besorgnis:

»Wir befinden uns in der Nähe des Gebietes der Nijoraindianer. Wäre es nicht vielleicht besser, auf das Feuer zu verzichten, welches uns verraten kann?«

»Es hat keine Gefahr,« erklärte der Ölprinz. »Ich stehe mit den Nijoras auf gutem Fuße.«

»Aber sie haben das Kriegsbeil ausgegraben!«

»Thut nichts. Mir sind sie selbst auf dem Kriegszuge nicht gefährlich.«

»Mag sein; aber sie wohnen nördlich von hier und die Gileños südlich; wir befinden uns also auf der Grenze zwischen beiden, und solche Grenzgebiete sind stets gefährlich, weil da etwaige Feindseligkeiten zuerst beginnen und zum Austrage gebracht werden. Da gibt es immer einzelne Herumtreiber, welche die gefährlichsten sind und weder Feind noch Freund schonen, wenn sie nur ihre Rechnung dabei finden.«

»Und ich sage dir, du kannst sicher sein, daß sich in dieser ganzen Gegend außer uns kein Mensch befindet. Und gerade diese Stelle liegt tief versteckt; ich glaube, ich bin der einzige, der sie kennt, denn so oft ich auch hier war, bin ich doch niemals einem Menschen begegnet und habe auch nie die leiseste Spur von einem solchen gefunden. Wir befinden uns im weiten Umkreise ganz allein und können ruhig unser Feuer brennen lassen.«

Er war vollständig überzeugt, recht zu haben, und hatte doch nicht recht, denn es gab nordwärts von ihnen zwei Reiter, welche, ohne daß sie einander sahen, das gleiche Ziel zu verfolgen schienen, nämlich die Stelle, an welcher der Ölprinz mit seinen Begleitern lagerte.

Diese beiden Reiter waren vielleicht drei englische Meilen von diesem Lagerplatze und nur eine voneinander entfernt und hielten einer wie der andre nach Süden zu.

Der eine war ein Weißer und ritt einen prächtigen Rapphengst mit roten Nüstern und jenem Haarwirbel in der langen Mähne, welcher bei den Indianern als sicheres Kennzeichen vorzüglicher Eigenschaften gilt. Sattel und Riemenzeug waren von feiner, indianischer Arbeit. Dieser Mann war von nicht sehr hoher und nicht sehr breiter Gestalt, aber seine Sehnen schienen von Stahl und seine Muskeln von Eisen zu sein. Ein dunkelblonder Vollbart umrahmte sein sonnverbranntes, ernstes Gesicht. Er trug ausgefranste Leggins und ein ebenso an den Nähten ausgefranstes Jagdhemd, lange Stiefel, welche er bis über die Kniee emporgezogen hatte, und einen breitkrämpigen Filzhut, in dessen Schnur rundum die Ohrenspitzen des grauen Bären steckten. In dem breiten, aus einzelnen Riemen geflochtenen Gürtel, der rundum mit Patronen gefüllt zu sein schien, staken zwei Revolver und ein Bowiemesser. An ihm hingen außer mehreren Lederbeuteln zwei Paar Schraubenhufeisen und vier fast kreisrunde, dicke Stroh- oder Schilfgeflechte, welche mit Riemen und Schnallen versehen waren. Von der linken Schulter nach der rechten Hüfte trug er einen aus mehrfachen Riemen geflochtenen Lasso und um den Hals an einer starken Seidenschnur eine mit Kolibribälgen verzierte Friedenspfeife, in deren Kopf indianische Charaktere eingegraben waren. In der Rechten hielt er ein kurzläufiges Gewehr, dessen Schloß eine höchst eigentümliche Konstruktion besaß – es war ein fünfundzwanzigschüssiger Henrystutzen – und über seinem Rücken hing ein doppelläufiger Bärentöter von allerschwerstem Kaliber, wie es heutigen Tages keinen mehr gibt.

Der echte Prairiejäger gibt nichts auf Glanz und Sauberkeit; je mitgenommener er aussieht, desto größer die Ehre, denn desto mehr hat er mitgemacht. Er betrachtet einen jeden, der auf sein Äußeres etwas hält, mit souveräner Geringschätzung; der allergrößte Greuel aber ist ihm ein blankgeputztes Gewehr. Nach seiner Überzeugung hat kein Westläufer die nötige Zeit, sich mit solchen Nebendingen abzugeben. Nun aber sah an diesem Manne alles so sauber aus, als sei er erst gestern von St. Louis aus nach dem Westen aufgebrochen. Seine Gewehre schienen vor kaum einer Stunde aus der Hand des Büchsenmachers hervorgegangen zu sein. Seine Stiefel waren makellos eingefettet und seine Sporen ohne die geringste Spur von Rost. Seinem Anzuge konnte keine Spur von Strapazen angesehen werden, und wahrhaftig, er hatte nicht nur sein Gesicht, sondern sogar seine Hände rein gewaschen! Es war wirklich gar nicht schwer, in ihm einen Sonntagsjäger zu vermuten.

Und allerdings, dieser Westmann war sehr, sehr oft von Leuten, die ihn nicht kannten und zum erstenmal sahen, seines saubern Äußeren wegen für einen Sonntagsjäger gehalten worden. Sobald sie aber seinen Namen hörten, sahen sie ein, welch ein grundfalsches Urteil sie gefällt hatten, denn er war kein andrer als Old Shatterhand, der berühmteste, verwegenste und dabei doch bedächtigste Jäger des wilden Westens, der unerschütterliche Freund der roten Nation und zugleich der unerbittlichste Feind aller Bösewichter, deren es jenseits des Mississippi eine Menge gab und noch heute gibt.

Old Shatterhand war sein Kriegsname, abgeleitet von dem englischen Worte shatter, zerschmettern, niederschmettern. Er vergoß nämlich nur dann das Blut eines Feindes, wenn es unbedingt nötig war, und selbst dann tötete er nicht, sondern verwundete nur. Im Handgemenge pflegte er, dem man eine solche Körperkraft kaum ansah, den Gegner mit einem einzigen Hiebe gegen die Schläfe niederzuschmettern. Daher der Name, der ihm von den weißen und roten Jägern gegeben war.

Und der andre Reiter, welcher eine englische Meile westlich von ihm ritt, war ein Indianer; das Pferd, auf welchem er saß, glich ganz genau demjenigen von Old Shatterhand.

Es gibt Menschen, welche gleich im ersten Augenblick der Begegnung, noch ehe sie gesprochen haben, einen tiefen, unauslöschlichen Eindruck auf uns machen. Ohne daß eine solche Person sich freundlich oder feindselig verhalten hat oder verhalten konnte, weil man sie eben zum erstenmal sieht, fühlt man sogleich und deutlich, ob man sie hassen oder lieben werde. Ein solcher Mensch schien dieser Indianer zu sein.

Er trug ein weißgegerbtes, mit roter, indianischer Stickerei verziertes Jagdhemd. Die Leggins waren aus demselben Stoffe gefertigt und mit dicken Fransen von Skalphaaren besetzt. Kein Fleck, keine noch so geringe Unsauberkeit war an Hemd oder Hose zu bemerken. Seine kleinen Füße steckten in mit Perlen gestickten Mokassins, welche mit Stachelschweinsborsten geschmückt waren. Um den Hals trug er einen kostbaren Medizinbeutel, die kunstvoll geschnitzte Friedenspfeife und eine dreifache Kette von den Krallen des grauen Bären, welche er mit größter Lebensgefahr dem grauen Bären, dem gefürchtetsten Raubtiere der Felsengebirge, abgenommen hatte. Um seine schlanke Taille schlang sich ein breiter Gürtel, welcher aus einer kostbaren Santillodecke bestand. Aus demselben schauten, wiederum so wie bei Old Shatterhand, die Griffe zweier Revolver und eines Skalpmessers hervor. Den Kopf trug er unbedeckt. Sein langes, dichtes, blauschwarzes Haar war in einen hohen, helmartigen Schopf geordnet und mit einer Klapperschlangenhaut durchflochten. Keine Adlerfeder, kein andres Unterscheidungszeichen schmückte diese Frisur, und doch sagte man sich gleich beim ersten Blicke, daß dieser rote Krieger ein Häuptling, und zwar kein gewöhnlicher, sein müsse. Der Schnitt seines schönen, männlich ernsten Angesichtes konnte ein römischer genannt werden; die Backenknochen standen kaum merklich vor, die Lippen des vollständig bartlosen Gesichtes waren voll und doch fein geschwungen und die Hautfarbe zeigte ein mattes Hellbraun mit einem leisen Bronzehauch. Quer über dem Sattel hatte er ein Gewehr vor sich liegen, dessen Holzteile dicht mit silbernen Nägeln beschlagen waren.

Wäre ihm ein Westmann begegnet, der ihn noch nie gesehen hatte, er hätte ihn sofort an diesem Gewehre erkannt, welches der Gegenstand des Gespräches an Tausenden von Lagerfeuern gewesen war. Es gab im Westen drei Gewehre, an deren Berühmtheit kein viertes reichte; das waren Old Shatterhands Henrystutzen, sein Bärentöter und Winnetous Silberbüchse. Dieser rote Reiter war also Winnetou, der Häuptling der Apachen, überhaupt der berühmteste Häuptling des Westens, der treueste und aufopferndste Freund seiner Freunde und zugleich der gefürchtetste Gegner aller seiner Feinde.

Er ritt nicht nach unsrer Manier, sondern er hing vorn über auf seinem Pferde, als ob er das Reiten gar nicht verstehe. Sein Blick schien müd und träumerisch unausgesetzt am Boden zu haften, aber wer ihn kannte, der wußte, daß seine Sinne von einer unvergleichlichen Schärfe waren und seinem Auge nichts, aber auch gar nichts entging.

Da plötzlich richtete er sich mitten im Reiten auf; ebenso schnell hatte er seine Silberbüchse angelegt und auf einen Baum gerichtet; der Schuß krachte; es war ein kurzer, scharfer, sonorer Knall. Er lenkte sein Pferd nach dem Baume, ganz an denselben heran, stieg mit den Füßen auf den Sattel, langte in eine Höhlung, welche sich in der Nähe des untersten Astes befand, und zog den Gegenstand hervor, nach welchem er geschossen hatte. Es war ein Tier von der Größe eines mittleren Hundes mit gelblich grauem Pelze, dessen Grannen schwarze Spitzen hatten; der Schwanz war halb so lang wie der Körper. Dieses Tier war ein Waschbär oder Schupp, bei den Amerikanern Coati oder Raccoon genannt, für jeden Jäger ein höchst willkommener Braten.

Kaum hatte er den Waschbären in der Hand, und noch waren seit seinem Schusse nicht zehn Sekunden vergangen, so ertönte östlich von ihm ein zweiter Schuß, welcher einen tiefen, eigentümlich schweren Fall hatte.

»Uff!« sagte der Indianer überrascht zu sich. »Akaya Selkhi-Lata!«

Dieser Ausruf in der Apachensprache heißt: »Dort ist Old Shatterhand!« Und sonderbar: Auch Old Shatterhand hatte scheinbar ganz gleichgültig und in sich versunken seinen Weg verfolgt, als der Schuß des Apachen fiel. Sofort hielt er sein Pferd an und sagte:

»Das war Winnetou, der Häuptling der Apachen! Ich kenne die Stimme seiner Silberbüchse.«

Er hatte diese Worte in deutscher Sprache gesagt, ein untrügliches Zeichen, daß er ein Deutscher war. Schnell nahm er seinen Bärentöter vor und gab den Schuß ab, an welchem Winnetou augenblicklich seinen Freund erkannte. Dem Europäer und auch jedem andern, der den Westen nicht betreten hat, scheint dies unmöglich zu sein; aber der erfahrene und geübte Westmann kennt die Stimme jedes ihm bekannten Gewehres; seine Sinne sind geschärft, weil von der Feinheit derselben hundertmal sein Leben abgehangen hat und noch abhängen wird. Wer sich diese Sinnesschärfe nicht anzueignen vermag, der geht verloren. Wie verschieden ist die menschliche Stimme! Man hört einen Bekannten unter Tausenden heraus. Und wie ist es z. B. mit dem Hundegebell? Erkennst du deinen Phylax, Cäsar, Ami oder Nero nicht sofort an der Stimme? So ist es auch mit den Gewehren. Ein jedes hat eine andre, seine eigene Stimme; das weiß und hört freilich nur derjenige, der ein Ohr dafür hat.

Als die beiden Schüsse, an denen die Freunde einander sich erkannten, gefallen waren, verließen sie ihre bisherige Richtung und ritten aufeinander zu, Old Shatterhand westlich und Winnetou östlich. Um den andern genau zu finden, schoß jeder noch einmal; dann trafen sie auf einer kleinen Lichtung zusammen, sprangen von den Pferden und umarmten und küßten einander.

»Wie freut sich meine Seele, meinen guten, weißen Bruder schon heut zu treffen!« sagte Winnetou. »Wir wollten erst übermorgen uns auf Forners Rancho finden. Mein Herz sehnte sich seit langer Zeit nach dir und meine Gedanken eilten dir viele Tagereisen weit entgegen.«

»Auch ich bin ganz glücklich, den besten und edelsten meiner Freunde bei mir zu haben,« erwiderte Old Shatterhand. »Ich habe an dich mit Sehnsucht gedacht; du hast mir gefehlt, seit ich von dir schied, und meine Seele ist nun stille, da ich dich vor mir sehe. Wie ist es meinem Bruder während dieser langen Zeit ergangen?«

»Die Sonne steigt und fällt wieder nieder; die Tage kommen und gehen; das Gras wächst und verdorrt; Winnetou aber ist derselbe geblieben. Hat mein weißer Bruder viel erlebt, seit ich ihn zum letzten Male sah?«

»Viel! Nicht jeder Tag ist schön, und unter den Blumen der Prairie gibt es manche giftige. Dieser Prairie gleicht die Vergangenheit. Aber auch ich bin noch der, der ich war. Wenn wir am Lagerfeuer sitzen, werden wir uns erzählen, was wir erlebt und erfahren haben. Weiß mein Bruder einen Platz, an dem es sich gut ruhen läßt?«

»Ja. Wenn wir noch eine Stunde reiten, kommen wir über ein kleines Wasser, in welches sich ein Seitenquell ergießt. Da, wo dieser Quell entspringt, ist der Ort von allen Seiten mit Gebüsch umgeben, durch welches kein Auge dringen kann. Dort dürfen wir ein Feuer haben, an welchem wir den Waschbär braten, den ich soeben geschossen habe. Mein Bruder mag mit mir kommen!«

Sie ritten weiter unter den hohen, lichten Bäumen des Waldes hin. Es war hier ziemlich düster, denn die Sonne hatte sich, was man aber im Walde nicht bemerken konnte, dem Horizonte weit zugeneigt.

Als eine Stunde ziemlich vergangen war, erreichten sie das Wasser, den kleinen, schmalen Bach, von welchem Winnetou gesprochen hatte. Sie ritten über denselben hinüber und – -hielten sofort ihre Pferde an, denn sie erblickten im Grase einen Streif, eine niedergetretene Fährte, welche von links her kam und nach rechts am Wasser weiterführte. Beide stiegen ab, um die Spur zu betrachten und zu lesen, und beide richteten sich nach wenigen Augenblicken zu gleicher Zeit wieder auf. Sie waren im Spurenlesen gleich gut bewandert.

»Fünf Reiter,« sagte Old Shatterhand, »mit ziemlich müden Pferden.«

»Erst vor einigen Minuten hier vorübergekommen,« ergänzte Winnetou. »Werden nicht weit von hier Lager machen. Was beschließt Old Shatterhand?«

»Wir dürfen sie nicht unbeachtet lassen, sondern müssen sehen, wer sie sind. Mein Bruder wird wissen, daß der Tomahawk des Krieges ausgegraben ist. Da muß man vorsichtig sein.«

Sie schritten nach einem dichten Gebüsch, welches in der Nähe stand, führten die Pferde hinein, um sie einstweilen zu verbergen, banden sie an und legten ihnen die Hände auf die Nasen. Das war das Zeichen für die indianisch dressierten Tiere, sich ruhig zu verhalten und nicht etwa durch ein lautes Schnauben zu verraten. Dann kehrten sie zu dem Wasser zurück und folgten der Spur mit langsamen, unhörbaren Schritten. Sie waren beide Meister im Anschleichen und benutzten jeden Baum, jeden Strauch, jede Biegung des Baches zur Deckung für sich.

Kaum waren sie fünf Minuten gegangen, so blieb Winnetou stehen und sog die Luft durch die Nase ein. Old Shatterhand that dasselbe und spürte Rauch.

»Sie befinden sich ganz in der Nähe und haben ein Feuer,« flüsterte er Winnetou zu. »Es müssen Weiße sein, denn ein Roter würde nicht die Unvorsichtigkeit begehen, einen Lagerplatz zu wählen, der nach der Windrichtung hin offen ist.«

Winnetou nickte und huschte weiter. Der Bach wand sich jetzt zwischen Bäumen hin, unter denen ziemlich hohe Büsche standen. Das gab eine herrliche Deckung für die beiden Jäger. Bald sahen sie das Feuer; es brannte hart am Wasser, und die Flamme stieg wohl mehrere Fuß empor. Das war eine Unvorsichtigkeit, die ein richtiger Westmann wohl nicht begangen hätte.

Der Boden des Waldes bestand hier aus weichem Moose, so daß die Schritte auch ungeübterer Leute, als Winnetou und Old Shatterhand waren, nicht gehört werden konnten. Vier Bäume, hinter denen das Feuer brannte, standen eng beisammen, und zwischen ihren Stämmen gab es Buschwerk; das bildete einen Schirm, hinter welchem die beiden Lauscher sich leicht verstecken konnten. Sie krochen vorsichtig heran und legten sich lang auf den Boden nieder, mit den Köpfen hart an den Büschen, durch deren blattlose Unterteile sie hindurchblicken konnten. Da sahen sie die fünf Männer ganz nahe vor sich. Das Feuer brannte ungefähr vier Schritte von den Bäumen entfernt. Diesseits desselben saßen der Ölprinz und Buttler, sein Bruder, mit den Rücken an die Stämme gelehnt, jenseits der Bankier und Baumgarten, sein Buchhalter; rechts davon war Poller beschäftigt, dürres Holz klein zu brechen und in die Flamme zu werfen. Sie mußten sich sehr sicher fühlen, denn sie hielten es nicht für nötig, bei dem Gespräch, welches sie führten, leise zu sprechen, vielmehr redeten sie so laut, daß man ihre Worte gewiß auf wenigstens zwanzig Schritte weit deutlich verstehen konnte, ein Umstand, welcher den beiden Lauschern nur lieb sein mußte.

»Ja, Mr. Rollins,« sagte der Ölprinz, »ich versichere Euch, daß das Geschäft, welches Ihr machen werdet, ein glänzendes, ein großartiges sein wird. Das Petroleum schwimmt dort gewiß einen Finger dick auf dem Wasser; es muß unterirdisch in großen Massen vorhanden sein. Wenn dies nicht der Fall wäre, so hätte ich es gar nicht entdeckt, denn der Ort liegt so versteckt und weltverlassen, daß ich wette, es ist noch nie der Fuß eines Menschenkindes hingekommen und es würde ihn auch in Jahrzehnten keiner betreten, obgleich der Chelly-Arm schon oft von Jägern und wohl noch mehr von Indianern besucht worden ist. Wie gesagt, ich wäre an dieser Stelle gewiß vorüber gegangen, wenn mich nicht der Ölgeruch aufmerksam gemacht hätte.«

»War dieser wirklich so stark?« fragte der Bankier.

»Sollte es meinen! Ich war wohl fast eine halbe Meile von der Stelle entfernt, und doch spürte meine Nase das Petroleum. Ihr könnt Euch also denken, in welchen Massen es vorhanden sein muß. Ich bin überzeugt, daß der Bohrer gar nicht tief in die Erde zu dringen braucht, um auf das unterirdische Ölbassin zu treffen. Heigh-day, muß das eine Fontaine geben, wenn es dann emporspringt! Wollen wir wetten, Sir, daß sie wenigstens hundert Fuß in die Höhe steigt?«

»Ich wette nie,« antwortete Rollins in ruhigem Tone, zu welchem er sich zwingen mußte, denn das Funkeln seiner Augen bewies, daß seine Begierde heftig erregt worden war; »aber ich will hoffen, daß alles wirklich so ist, wie Ihr sagt.«

»Kann es anders sein, Sir? Kann ich Euch belügen, da Ihr doch dann, wenn wir an Ort und Stelle kommen, den Betrug sofort erkennen würdet? Ich habe noch keinen einzigen Dollar von Euch verlangt, sondern Ihr bezahlt mich erst dann, wenn Ihr Euch überzeugt habt, daß ich Euch nicht täusche und der Handel ein ehrlicher ist. Ein Betrug könnte doch nur dann möglich sein, wenn ich die Bedingung stellte, vorher bezahlt zu werden.«

»Ja, Ihr habt da so gehandelt, daß ich Euch für einen ehrlichen Mann halten muß; das will ich gern zugeben.«

»Dazu kommt, daß Ihr mich nicht bar, sondern in Anweisungen auf San Francisco bezahlen werdet.«

»Ihr wollt doch hoffentlich nicht damit sagen, daß Ihr bezweifelt, daß diese Anweisungen in Frisco honoriert werden?«

»Fällt mir nicht ein! Ich weiß, daß Eure Unterschrift selbst für eine Million gut sein würde. Aber sagt mir doch einmal, ob Ihr diese Anweisungen bereits jetzt in der Tasche tragt!«

Ein aufmerksamer Beobachter hätte wohl bemerkt, daß er bei dieser Frage einen Ausdruck der Spannung auf seinem Gesichte nicht ganz zu unterdrücken vermochte. Sein Blick war mit schlecht verhehlter Begierde auf den Bankier gerichtet, und das hatte seinen guten Grund.

Der angebliche Petroleumfund war Schwindel; Rollins sollte getäuscht und nach der Zahlung mit seinem Buchhalter ermordet werden. Hätte er die Summe bar bei sich gehabt, so wäre sie ihm schon längst abgenommen worden, und er lebte nicht mehr. Trug er nun die fertig ausgestellten Anweisungen in seiner Tasche, so war das ebensogut wie bares Geld, und man brauchte sich mit ihm keinen Augenblick länger zu befassen. Eine Kugel in den Kopf, dem Buchhalter auch eine, und der Ölprinz befand sich so gut wie im Besitze des Geldes. Waren diese Papiere aber noch nicht fertig, so mußte die Komödie weiter- und bis zu Ende gespielt werden.

Rollins beachtete weder den bösen Blick noch den Gefühlsausdruck des Fragenden und antwortete:

»Warum wollt Ihr das wissen, Sir?«

»Weil es von großer Wichtigkeit für mich und auch für Euch ist. Wir befinden uns in der Wildnis, wo man seines Lebens oder wenigstens seines Eigentumes niemals sicher ist. Das habt Ihr ja im Pueblo erfahren. Wie nun, wenn wir überfallen und beraubt werden, wenn man Euch die Papiere abnimmt und mit ihnen nach Frisco reitet, um das Geld zu erheben?«

»Das wird nicht geschehen, denn ich bin vorsichtig gewesen. Ich habe zwar Formulare mitgenommen, aber sie sind nicht ausgefüllt und unterschrieben.«

»Das ist recht; das beruhigt mich. Aber wie wollt Ihr sie ausfüllen? Meint Ihr, daß da oben am Chellyflusse Federn wachsen und statt des Wassers Tinte fließt?«

»Habt keine Sorge! Ich bin natürlich mit einigen Federn versehen und habe auch ein kleines Fläschchen Tinte bei mir. Was übrigens den gestrigen Vorgang im Pueblo betrifft, so wundre ich mich allerdings darüber, daß es diesem Häuptlinge Ka Maku nicht eingefallen ist, uns die Taschen auszuleeren. Ich kann mir das wirklich nicht erklären.«

»O, die Erklärung ist doch so einfach wie nur möglich. Die Roten waren mit der Gefangennahme so beschäftigt, daß sie zum Plündern zunächst gar keine Zeit fanden; dies sollte später geschehen.«

»Meint Ihr, daß sie es auch auf unser Leben abgesehen hatten?«

»Natürlich! Ihr wäret auf alle Fälle beim Anbruche des Morgens an den Marterpfahl gebunden worden.«

»Dann haben wir beide euch dreien viel, sehr viel zu verdanken, und es thut mir um unsre armen Gefährten um so mehr leid. Wahrscheinlich lebt in diesem Augenblicke kein einziger mehr.«

»Ja,« fügte Baumgarten hinzu, »ich mache mir die bittersten Vorwürfe, daß wir fortgeritten sind und nur an uns gedacht haben. Es war unbedingt unsre Pflicht, alles zu versuchen, sie auch zu retten.«

»Das sagt Ihr nur, weil Ihr Euch jetzt in Sicherheit befindet und es Euch nun wohl leicht erscheint, diese Leute aus dem Innern des Pueblo herauszuholen. Ich aber gebe Euch die Versicherung, daß dies nicht nur ungeheuer schwierig, sondern sogar unmöglich gewesen wäre. Wir hätten unser Leben nicht etwa bloß gewagt, sondern es unbedingt verloren, ohne damit den andern den geringsten Nutzen gebracht zu haben. Ich bin hier im wilden Westen erfahren, und Ihr könnt also jedes Wort glauben, welches ich Euch sage. Wir brauchen uns nicht den geringsten Vorwurf zu machen; ja, ich behaupte im Gegenteile, daß unsre Flucht den Gefährten nützlicher gewesen ist, als wenn wir geblieben wären, um sie zu retten, und dabei unser Leben ohne Vorteil für sie eingebüßt hätten.«

»Wieso?«

»Weil sie dadurch Zeit gewonnen haben. Die Roten sind, sobald sie heut früh unser Entkommen entdeckten, sicher sofort aufgebrochen, um uns zu verfolgen; sie haben also keine Zeit, ihre Gefangenen schon heut zu martern und zu töten. Ich rechne einen Tag, daß sie uns folgen, und einen Tag, daß sie zurückkehren; das gibt eine Frist von zwei Tagen, und man weiß, was in zwei Tagen alles geschehen kann, zumal wenn es sich um so tüchtige, erfahrene und kühne Leute handelt. Ja, Ihr könnt sehr ruhig sein!«

»Hm,« brummte der Bankier, »was ihr da sagt, scheint Hände und Füße zu haben. Der Hobble-Frank ist zwar ein origineller Kauz, aber gewiß kein Mann, der sich gemächlich niederstechen läßt, von Droll möchte ich dasselbe sagen, und nun gar diese drei Jäger, welche sich das ›Kleeblatt‹ nennen, die haben noch viel weniger den Eindruck auf mich gemacht, als ob sie mit sich scherzen ließen.«

»Ihr meint Sam Hawkens?« fragte Buttler.

»Ja, ihn und Dick Stone und Will Parker. Das sind Westmänner, wie sie im Buche stehen. Ihr habt sie nicht gesehen, Mr. Buttler und Mr. Poller, und ich habe euch noch nicht erzählt, wie sie mit den deutschen Auswanderern zusammengetroffen sind. Das müßt ihr hören, um zu wissen, was für tüchtige Männer sie sind.«

»Waret Ihr dabei, Sir?« fragte Poller.

»Nein; aber während des Rittes von Forners Rancho nach dem Pueblo wurde es erzählt; daher weiß ich es.«

Und nun berichtete er, was er gehört hatte. Er ahnte dabei nicht, daß Buttler und Poller die Sache noch viel besser und genauer wußten als er, weil sie ja dabei gewesen waren. Als er geendet hatte, fragte er sie:

»Müssen das nicht tüchtige Kerls sein, da sie mit den berüchtigten Finders in dieser Weise umgesprungen sind?«

»Ja,« antwortete Buttler mit einem erzwungenen Lächeln. »Besonders scheint dieser Hawkens eine außerordentlich listige Kreatur zu sein.«

»Kreatur? Wie kommt Ihr dazu, ihn so zu nennen? Das hatte einen beinahe feindlichen Klang, Sir. Kennt Ihr ihn etwa? Hat er Euch einmal beleidigt?«

»Nicht im geringsten. Ich habe ihn nie gesehen, ja nicht einmal seinen Namen gehört. Aber die Hauptsache ist, daß Ihr nun seht, wie recht ich vorhin hatte, als ich sagte, Ihr braucht um die Gefangenen im Pueblo nicht besorgt zu sein. Männer wie diejenigen, welche Ihr jetzt genannt habt, wissen sich in jeder Lage zu helfen, und ich möchte fast sagen, ich hege die Überzeugung, daß sie unsrer Hilfe gar nicht bedürfen, um sich zu befreien. Ich wette mit Euch gegen jeden Einsatz: Wenn die Roten, welche uns verfolgen, heimkehren, sind die gefangenen Vögel ausgeflogen.«

»Ich wette nicht, will aber wünschen, daß Ihr recht habt. Vielleicht befinden wir uns dann in viel größerer Gefahr als diejenigen, um welche wir uns so vergeblich gesorgt haben.«

»Wieso?«

»Nun, Ihr sagtet doch, daß wir verfolgt werden.«

»Allerdings.«

»Wenn die Roten uns nun aufstöbern? Wenn sie unser Feuer sehen, welches so schön hell und offen brennt!«

»Das werden sie wohl bleiben lassen. Sie holen uns nicht ein.«

»Irrt Ihr Euch da nicht, Sir? Ich kenne den wilden Westen nicht; aber ich habe viel von ihm gehört und noch mehr über ihn gelesen. Diese Indianer sind schreckliche Leute, welche einem Menschen, den sie haben wollen, monatelang auf der Ferse bleiben, bis sie ihn erwischen.«

»Das wird hier nicht geschehen, denn ich würde dafür sorgen, daß unsre Spur ihnen verloren ginge. Das ist aber gar nicht nötig, denn sie können uns nicht einholen. Bedenkt doch, wann wir vom Pueblo fortgeritten sind, und daß sie erst nach Tagesanbruch sich auf die Verfolgung gemacht haben können! Wir besitzen also einen Vorsprung, den sie gar nicht einholen können.«

»Warum nicht? Sie brauchen nur weiterzureiten, während wir hier sitzen, so sind sie noch vor Mitternacht hier an dieser Stelle.«

Da stieß der Ölprinz ein schallendes Gelächter aus und rief:

»Ihr behauptetet vorhin, vom wilden Westen nichts zu verstehen und habt da allerdings sehr recht gehabt, Sir. Ihr versteht ganz und gar nichts. Ihr behauptet, daß die Roten uns während der Nacht folgen können?«

»Ja. Wenigstens wenn sie klug sind, werden sie es thun, um den Vorsprung, welchen wir haben, auszugleichen.«

»Wie sollen sie das anfangen? Wissen sie denn, wo wir uns befinden?«

»Das nicht; aber sie brauchen doch nur auf unsrer Spur zu bleiben, um uns zu finden.«

»Kann man Spuren etwa riechen, Sir, oder dieselben des Nachts sehen?«

»Na, das nun freilich nicht.«

»Können die Roten also jetzt, da es dunkel geworden ist, unsrer Fährte folgen?«

»Nein.«

»Richtig, nein; sie müssen halten bleiben und warten, bis es wieder Tag geworden ist. Wie also wollen sie unsern Vorsprung einholen, zumal morgen früh unsre Fährte auf keinen Fall mehr zu erkennen ist? Nein, Sir, wir haben nichts, aber auch gar nichts zu fürchten und werden glücklich nach dem Gloomy-water kommen und dort unser Geschäft hoffentlich ganz glücklich zum Abschluß bringen.«

»Gloomy-waterFinsteres Wasser? Was ist das?«

»Das ist eben der Ort, an welchem ich das Petroleum entdeckt habe.«

»Und dieser Ort hat diesen Namen? Das klingt ja ganz anders, als Ihr vorhin sagtet.«

»Wieso, Sir?«

»Ihr sagtet doch, es sei wohl noch kein Mensch dorthin gekommen.«

»Das habe ich allerdings gesagt und das ist meine ganz entschiedene Meinung.«

»Aber es muß doch jemand dort gewesen sein!«

»Aus welchem Grunde kommt Ihr auf diese Vermutung?«

»Weil der Ort Gloomy-water heißt; er hat also einen Namen.«

»Nun? Weiter! Ich verstehe Euch noch nicht ganz.«

»Wer einen Namen hat, muß ihn doch von jemand bekommen haben. Nicht?«

»Allerdings.«

»Es muß also einen Menschen geben, von welchem Euer Ort seinen Namen erhalten hat, und dieser Mensch muß dort gewesen sein. Warum hat man nichts davon gehört? Er muß das Petroleum doch ebensogut bemerkt haben, wie Ihr es gesehen habt.«

Dieses Argument brachte den Ölprinzen in Verlegenheit; trotz seiner Verschlagenheit fiel ihm nicht sogleich eine Antwort ein, mit welcher er sich heraushelfen konnte; er füllte die kurze Pause, welche dadurch eintrat, durch ein halblautes Lachen aus, das überlegen klingen sollte. Zum Glücke für ihn wurde es durch seinen Stiefbruder Buttler unterbrochen:

»Mr. Rollins, Ihr glaubt jedenfalls, eine recht geistreiche Bemerkung gemacht zu haben. Nicht?«

»Geistreich?« antwortete der Gefragte. »Nein, das denke ich keineswegs; aber sachlich war sie jedenfalls. Der Ort hat einen Namen, also muß unbedingt jemand, der ihm denselben gegeben hat, vor Mr. Grinley dort gewesen sein. Und da man diesen Namen kennt, muß dieser jemand viel und oft von dem Orte gesprochen haben. Warum hat er nicht auch vom Petroleum erzählt, welches er doch unbedingt entdeckt haben muß? Und wenn er es entdeckt hat, so wird es ihm nicht eingefallen sein, von diesem Orte zu sprechen, sondern er muß um seines eigenen Vorteiles willen darüber geschwiegen haben. Ihr seht also, es gibt hier gewisse Widersprüche, denen ich meine Aufmerksamkeit unbedingt schenken muß.«

»Thut das immerhin; aber laßt Euch dabei sagen, daß diese Widersprüche nur scheinbar sind.«

»Könnt Ihr sie etwa lösen und erklären?«

»Nichts leichter als das!«

»Nun?«

»Sonderbar, höchst sonderbar, daß man Euch das erst sagen muß, daß Ihr nicht selbst darauf kommt! Der jemand, von welchem Ihr redet, ist eben hier unser Mr. Grinley, der Ölprinz gewesen.«

»Ah!« machte jetzt der Bankier verwundert.

»Ja, er ist es gewesen und er hat dem Orte den Namen Gloomy-water gegeben, weil – –«

»Weil,« fiel der Ölprinz schnell ein, »die Örtlichkeit eine düstere ist und weil das Wasser eine fast ganz schwarze Farbe hat.«

Er war nun außerordentlich froh, von Buttler aus seiner Verlegenheit erlöst worden zu sein und warf ihm einen dankbaren Blick zu, welchen dieser mit einem mißbilligenden, leisen Kopfschütteln beantwortete. Weder dieser Blick noch dieses Kopfschütteln wurden von Rollins oder Baumgarten bemerkt. Der Ölprinz schien die Lust, das Gespräch fortzusetzen, verloren zu haben; er stand auf und entfernte sich mit der Bemerkung, daß er noch Holz für das Feuer sammeln wolle.

Nun war es Zeit für Old Shatterhand und Winnetou, sich zurückzuziehen, weil sie, wenn sie noch länger blieben, von Grinley ganz gewiß entdeckt werden mußten. Zum Glück für sie entfernte er sich bachaufwärts und ohne einen Blick nach der Seite zu werfen, wo sie lagen. Wäre sein Auge nach dieser Richtung gefallen, er hätte sie unbedingt sehen müssen.

Er hatte mit dem Rücken nach ihnen gesessen und die Baumstämme und Sträucher hatten sich zwischen ihm und ihnen befunden; aus diesem Grunde hatten sie sein Gesicht nicht sehen können. Aber als er jetzt aufstand, um fortzugehen, mußte er eine Wendung machen, infolge deren sie seine Züge auf das deutlichste erkannten. Sie krochen zurück, in den Wald hinein, bis der Schein des Feuers sie nicht mehr treffen konnte; dann richteten sie sich auf und kehrten nach der Stelle zurück, an welcher sie ihre Pferde versteckt hatten.

Andre Personen hätten nun nichts Eiligeres zu thun gehabt, als sich ihre Bemerkungen über das Gehörte und Gesehene mitzuteilen; diese beiden berühmten Westmänner aber waren aus einem andern Stoffe gemacht. Sie verstanden sich auch ohne Worte und pflegten nur dann zu reden, wenn die Zeit dazu gekommen war.

Winnetou zog sein Pferd aus dem Gebüsch heraus und schritt, es an dem Zügel hinter sich herführend, in den Wald hinein. Old Shatterhand folgte ihm mit dem seinigen, ohne zu fragen, warum der Apache diesen bequemen Ort verließ und den finstern Wald aufsuchte, wo bei der gegenwärtigen abendlichen Dunkelheit mit den Pferden so schlecht fortzukommen war. Er kannte den Grund und hätte, wenn er allein gewesen wäre, genau so wie Winnetou gehandelt.

Da, wo die Pferde gesteckt hatten, gab es Gras für dieselben und auch Wasser, zwei Dinge, welche unbedingt nötig waren. Man hätte dort also recht gut lagern können, ohne befürchten zu müssen, während der Nacht von den fünf Personen, welche belauscht worden waren, entdeckt oder gar belästigt zu werden. Aber es war die Möglichkeit doch nicht ausgeschlossen, daß am nächsten Morgen zufällig einer von ihnen nach dieser Stelle kam, wo er sie sehen oder, falls sie schon fort waren, ihre Lagerspuren entdecken mußte. Darum gingen sie fort. Die Spuren, welche sie bis jetzt gemacht hatten, konnten am nächsten Morgen gewiß nicht mehr erkannt werden, da das Gras sich bis dahin wieder aufgerichtet haben mußte.

Da sie aber unbedingt Wasser und Weide für ihre Tiere brauchten, verstand es sich ganz von selbst, daß sie wieder zu dem Bache zurückkehrten, allerdings an einer sehr entfernten Stelle. Der Weg dorthin mußte durch einen Bogen gemacht werden, den man durch den Wald schlug, weil das weiche Moos desselben die Huf- und Fußeindrücke am Morgen nicht mehr sehen ließ. Das alles verstand sich ganz von selbst, und so kam es, daß Old Shatterhand dem Apachen folgte, ohne zu fragen.

Es gehörten die an die Dunkelheit gewöhnten Augen Winnetous und Old Shatterhands dazu, ohne anzustoßen oder gar zu fallen, durch das Gehölz zu kommen. Sie bewegten sich mit einer Sicherheit, als ob es am hellen Tage wäre, wohl eine ganze Viertelstunde lang zwischen den Bäumen hin und bogen dann nach rechts, um den Bach wieder zu gewinnen. Ganz genau an der Stelle, wo sie ihn erreichten, floß ein kleines Wässerchen in denselben; sie überschritten den Bach und folgten diesem schmalen Wasser aufwärts, bis sie seinen Ursprung erreichten. Das war die Quelle, von welcher Winnetou gesprochen hatte und an der er hatte lagern wollen. Wie außerordentlich ausgeprägt mußte der untrügliche Ortssinn des Häuptlings sein, trotz der Dunkelheit und mitten im wilden Walde diese Quelle zu finden!

Sie nahmen nun ihren Pferden die Sättel ab und ließen sie dann frei grasen; sie durften das, weil die beiden Rappen treu wie die Hunde waren, dem leisesten Ruf gehorchten und sich nie von ihren Herren entfernten. Erst jetzt fiel das erste Wort, indem Winnetou fragte:

»Hat mein Bruder einen Imbiß bei sich?«

»Ein Stück trockenes Fleisch,« antwortete Old Shatterhand. »Ich sorgte nicht für mehr, weil ich morgen auf Ka Makus Pueblo vorsprechen wollte.«

»Mein Bruder mag sein Fleisch aufheben; wir werden das Coon braten, welches ich vorher geschossen habe.«

Nach diesen Worten entfernte er sich. Old Shatterhand fragte nicht, wohin er wolle; er wußte, daß Winnetou jetzt die Umgebung der Quelle umkreisen würde, um sich zu überzeugen, daß dieselbe sicher sei. Er kehrte nach vielleicht zehn Minuten zurück und brachte einen Arm voll trockenes Holz mit, ein Beweis, daß kein feindliches Wesen in der Nähe sei. Das außerordentlich scharfe Ohr Old Shatterhands hatte das Abbrechen und Knacken dieses Holzes nicht gehört, wieder ein Zeichen von der unvergleichlichen Geschicklichkeit des Apachen.

Bald brannte ein Feuer, aber klein, nach indianischer Weise; die beiden Männer ließen sich an demselben nieder, um den Waschbär aus seinem Fell zu schälen. Nach kurzer Zeit verbreitete das bratende Fleisch desselben jenen feinen Duft umher, welchen es in keiner Küche, sondern nur am Lagerfeuer gibt. Es wurde gegessen, langsam und mit Genuß, ohne daß ein Wort dabei fiel. Als beide satt waren, brieten sie die Überreste des Fleisches für den morgenden Tag, an welchem sie sich nicht mit der Jagd befassen durften, und nun erst hielt Winnetou es an der Zeit, sich hören zu lassen.

»Hat mein Bruder Riemen bei sich?«

»Vielleicht zwanzig Stück,« antwortete Old Shatterhand, welcher genau wußte, warum der Apache nach Riemen fragte. Mit Riemen ist ein Westmann überhaupt stets gut versehen.

»Ich habe auch so viel,« erklärte der Häuptling; »dennoch werden wir das Fell dieses Waschbären auch noch in Streifen schneiden, weil wir morgen vielleicht Riemen brauchen.«

»Für Ka Makus Krieger,« nickte Old Shatterhand. »Dieser Häuptling ist uns zwar nie feindlich begegnet, aber es steht zu erwarten, daß wir ihn morgen zwingen müssen, das zu thun, was wir wollen.«

»Mein Bruder hat recht. Kennt er die Männer, welche wir belauscht haben, oder vielleicht einen von ihnen?«

»Nur einen habe ich schon einmal gesehen, den, welcher Grinley und Ölprinz genannt wurde. Ich entsinne mich, ihn bei einer Bande Buschklepper gesehen zu haben.«

»Auch ohne dies zu wissen, habe ich mir gesagt, daß er ein gefährlicher Mensch ist. Mein Bruder ist mit mir am Chellyflusse, von dem sie sprachen, gewesen; er mag mir sagen, ob es dort Erdöl geben kann!«

»Keinen Tropfen!«

»Und hat dieser Grinley das Gloomy-water entdeckt und ihm den Namen gegeben?«

»Nein. Ich bin mit dir ja schon vor Jahren an diesem kleinen See gewesen und schon damals hatte er seinen Namen. Der ›Ölprinz‹ hat einen großen Schwindel und jedenfalls noch viel Schlimmeres mit den beiden Männern vor.«

»Einen Doppelmord!«

»Ja. Zwei von den fünf Männern, die wir sahen, sollen betrogen und dann ermordet werden. Sie sollen eine Petroleumquelle vorfinden, diese Entdeckung bezahlen und dann – verschwinden.«

»Wir müssen sie retten!«

»Das versteht sich ganz von selbst.«

»Will mein Bruder das gleich jetzt thun?«

»Nein. Und auch dir kommt das nicht in den Sinn, sonst hättest du dich nicht so weit von ihrem Lager entfernt. Wir würden durch Streitigkeiten aufgehalten werden und selbst dann, wenn die beiden Betrogenen uns Glauben schenkten, würden wir sie zu uns nehmen müssen und dabei die kostbare Zeit verlieren, welche wir brauchen, um die Gefangenen Ka Makus zu befreien.«

»Ja, diese Leute müssen schon morgen unsre Hilfe haben, und darum werden wir den Ölprinzen mit seinen Begleitern einstweilen ziehen lassen. Wir holen sie später sicher ein.«

»So ist mein roter Bruder entschlossen, unsern ursprünglichen Plan aufzugeben?«

»Ja. Wir wollten uns auf Forners Rancho treffen und haben uns schon hier getroffen. Wir wollten von dort aus nach der Sonora hinüber, um die dortigen Stämme der Apachen zu besuchen; das können wir später thun. Jetzt gilt es, diesen zweien Bleichgesichtern das Leben zu retten und die Gefangenen aus dem Pueblo zu holen. Aber was sagt mein Bruder dazu, daß unter ihnen Freunde von uns sind?«

»Ich war natürlich überrascht, als ich es hörte.«

»Was will der Hobble und was will auch Droll jetzt hier?«

»Ich mußte dem kleinen Hobble versprechen, ihm einmal zu schreiben. Das habe ich gethan und dabei erwähnt, daß und wann und wo ich beabsichtigte, mit dir zusammenzutreffen. Da ist in dem kleinen komischen Kerl das Westfieber erwacht und hat ihn herübergetrieben. Droll hat ihn natürlich gern begleitet.«

»Und Hawkens, Stone und Parker sind auch dabei! Uff!«

Dies war ein Ausruf der Verwunderung und Mißbilligung. Der Grund dieser Mißbilligung wurde sofort von Old Shatterhand deutlich angegeben:

»Daß sich so erfahrene Leute fangen lassen; es ist kaum glaublich! Sie müssen doch unbedingt gehört haben, daß sich eine gefährliche kriegerische Bewegung einiger roter Stämme bemächtigt hat, und da ist doppelte Vorsicht geboten. Sie durften das Pueblo nicht betreten, ohne vorher mit dem Häuptling die Pfeife des Friedens geraucht zu haben. Nur das Unwetter von gestern kann daran schuld sein.«

»Ganz richtig! Das Wetter hat sie wahrscheinlich in das Pueblo getrieben, ohne daß sie Zeit fanden, sich vorher der Freundschaft des Häuptlings zu versichern. Das ist klar und leicht zu begreifen.«

»Dieser Häuptling ist den Weißen sonst freundlich gesinnt.«

»Ja, aber anders ist es kaum möglich. Ka Maku muß im Einvernehmen mit diesem Ölprinzen gestanden haben und von ihm verführt worden sein. Wir werden morgen erfahren, daß diese Vermutung die richtige ist. Ferner gebe ich meinem Bruder Winnetou etwas höchst Wichtiges zu bedenken: Unser Hobble-Frank ist mit seinem Droll nach Forners Rancho gekommen, um dort mit uns zusammenzutreffen. Er kennt uns genau und hat also gewußt, daß wir pünktlich dort ankommen würden. Warum hat er nicht auf uns gewartet? Warum hat er sich dem Zuge dieser Auswanderer angeschlossen?«

»Ölprinz!«

Winnetou sagte nur dieses eine Wort und bewies damit, daß es ihm keine Schwierigkeiten bereitete, auch diese schwere Frage zu beantworten.

»Ganz recht. Der kleine Hobble hat auf dem Rancho von dem vermeintlichen Ölfunde gehört und nicht daran geglaubt, sondern Verdacht gefaßt. Er ist ein ritterliches Kerlchen und wagt gern mehr, als er auszuführen vermag; er und Droll haben sich vorgenommen, einmal Winnetou und Old Shatterhand zu spielen und sich der beiden Männer, welche betrogen werden sollen, anzunehmen. Das haben sie natürlich auch Sam Hawkens und seinen beiden ›Kleeblättern‹ gesagt, und diese sind mit ihnen in den Bund getreten. Das hat der Ölprinz gemerkt und sich ihrer dadurch entledigt, daß er Ka Maku auf irgend eine Weise veranlaßte, den ganzen Zug gefangen zu nehmen und dann aber die Betreffenden entkommen zu lassen.«

»Mein Bruder Old Shatterhand spricht meine eignen Gedanken aus. Wann meint er, daß wir zur Befreiung der Gefangenen von hier aufbrechen werden? Jetzt?«

»Nein; das ist ja sicher auch deine Absicht nicht. Reiten wir jetzt schon fort, so kämen wir am Tage beim Pueblo an und würden leicht entdeckt. Was wir vorhaben, kann nur des Nachts ausgeführt werden. Wenn wir morgen früh von hier fortreiten, kommen wir zeitig genug dort an.«

»Winnetou stimmt bei. Wir werden kurz vor Abend in der Nähe des Pueblo sein, um, bevor es dunkel wird, unsre Augen auf dasselbe zu richten.«

»Ja, um zu rekognoszieren. Durch mein Fernrohr können wir alles sehen, ohne uns soweit nähern zu müssen, daß wir Gefahr laufen, entdeckt zu werden. Löschen wir jetzt das Feuer aus!«

Während Old Shatterhand die Flamme mit Wasser aus der Quelle löschte, machte Winnetou noch einmal die Runde, um sich zu überzeugen, daß sie ohne Besorgnis schlafen konnten; dann streckten sie sich neben einander zur nächtlichen Ruhe im weichen Grase aus. Sie hielten es nicht für nötig, abwechselnd zu wachen; sie konnten sich auf ihr gutes Gehör und auf ihre Pferde verlassen, welche gewohnt waren, die Annäherung von Menschen oder Tieren durch Schnauben zu verraten.

Am andern Morgen früh erwacht, ließen sie vor allen Dingen die Pferde tüchtig trinken, weil vorauszusehen war, daß dieselben wohl länger als einen Tag kein Wasser bekommen würden, denn am Pueblo konnten sie nicht getränkt werden, weil die Bewohner desselben jetzt als Gegner zu betrachten waren. Die beiden so verschiedenfarbigen und doch so innigen Freunde genossen einen Teil des gestern Abend übrig gebliebenen Fleisches, sattelten dann und ritten mutig dem Tage entgegen, dessen Abend für sie ein sehr schwieriger zu werden versprach.

Von ihrem Lagerplatze bis zum Pueblo war es ein guter Tagesritt, ihre vortrefflichen Pferde aber brauchten sie gar nicht anzustrengen, um schon lange vor Abend an Ort und Stelle zu sein. Sie kannten die Gegend so genau, wie sie dem Ölprinzen bekannt gewesen war. Da dieser die gerade Richtung eingeschlagen hatte und sie dasselbe thaten, fiel ihr Weg mit dem seinigen zusammen. Die Fährte, welche er mit seinen vier Begleitern gestern zurückgelassen hatte, war für gewöhnliche Westmänner nicht zu sehen, für ihre scharfen Augen aber doch von Zeit zu Zeit zu erkennen. Sie ritten während des ganzen Vormittages und machten erst um die Mittagszeit einen Halt, um ihre Pferde ruhen zu lassen. Es war bis dahin nur davon die Rede gewesen, was sie seit ihrer letzten Trennung erlebt hatten; über ihr heutiges Vorhaben hatten sie nichts erwähnt. Jetzt aber, während sie ruhten, sagte Winnetou:

»Mein Bruder sieht ein, daß wir uns nicht getäuscht haben: Ka Maku hat mit dem Ölprinzen im Bunde gestanden.«

»Jawohl,« nickte Old Shatterhand, »Wäre das nicht der Fall, so hätte der Häuptling die Flüchtigen verfolgt und wir wären ihm entweder begegnet, oder müßten seine Fährte sehen. Und wie wir uns hier nicht geirrt haben, werden wir uns auch in Beziehung auf das übrige nicht täuschen.«

Dann ging es weiter, bis sie am Nachmittage soweit gekommen waren, daß sie bis zum Pueblo nur noch eine Stunde zu reiten hatten. Nun galt es, vorsichtig zu sein, wenn sie sich nicht sehen lassen wollten. Sie stiegen also abermals ab, um noch einige Zeit verstreichen zu lassen, da sie sich dem Pueblo erst kurz vor Abend nähern wollten.

Die Gegend, in welcher sie sich befanden, war eben und sandig. Diese Ebene zog sich als immer schmaler werdende, unfruchtbare Zunge in die Mogollonberge hinein. Hier und da sah man einen einzelnen Felsblock liegen. Sie hatten aus Berechnung sich hinter einen solchen Block niedergesetzt, hinter dessen Ecke hervor sie südwärts blicken konnten, wo das Pueblo lag. Jemand, der von dorther kam, konnte sie und auch ihre Pferde nicht sehen.

Sie hatten noch nicht lange dagesessen, so deutete Winnetou nach rechts hinüber und rief überrascht aus:

»Teshi, tlao tchate!«

Diese drei Worte der Apachensprache bedeuten: »Schau, viel Rehe,« oder »schau, ein Rudel Rehe!« Es sind aber nicht wirkliche Rehe gemeint, sondern eine Art der amerikanischen Antilope, welche in Arizona äußerst selten vorkommt.

Daher die Überraschung des Apachenhäuptlings. Wie gern hätten er und Old Shatterhand die Jagd auf diese schnellfüßigen Tiere aufgenommen, die einen sehr zarten Braten geben; aber die Aufgabe, welche sie heut zu lösen hatten, verbot es ihnen.

Das schöne Wild zog in reizenden, eleganten Sprüngen dem Winde entgegen, südwärts, wo es bald hinter dem Horizonte verschwand. Wird es gejagt, so pflegt es mit dem Winde davonzugehen, um den Verfolgern nicht nur aus den Augen, sondern auch aus der Nase zu kommen.

»Herrliches Wildpret!« sagte Old Shatterhand. »Kommt uns hier aber außerordentlich ungelegen.«

Er prüfte die Luft, welche aus Süden kam.

»Kann uns leicht die Feinde herbeiführen,« nickte Winnetou. »Das Rudel zieht grad nach dem Pueblo hin. Wenn es von dort gesehen wird, können wir bald rote Jäger hier haben, da die Luft von dorther weht.«

Sie nahmen nun den südlichen Horizont noch schärfer als bisher ins Auge. Es verging eine halbe Stunde und noch mehr, und nichts war zu sehen; die Antilopen schienen also nicht bemerkt worden zu sein. Da aber tauchten da, wohin die Augen gerichtet waren, mehrere kleine Punkte auf, welche sich schnell vergrößerten.

»Uff! Sie kommen!« sagte Winnetou., »Nun werden wir entdeckt!«

»Vielleicht doch nicht,« meinte Old Shatterhand. »Es ist möglich, daß wir uns verbergen können. Reiten sie nicht geteilt, sondern in einem Trupp vorüber, so kommen sie nur an einer Seite vorbei, und wir können uns auf die andre hinübermachen. Wollen sehen!«

Sie standen auf und nahmen ihre Pferde kurz bei den Zügeln.

Ja, die Antilopen waren bemerkt worden; sie kamen zurück, und hinter ihnen sah man vier Reiter, welche ihre Pferde zur äußersten Anstrengung antrieben.

»Nur vier!« sagte Winnetou. »Wäre doch der Häuptling dabei!«

Schnell nahm Old Shatterhand sein Fernrohr aus der Tasche und richtete es auf die Reiter.

»Er ist dabei,« meldete er. »Er reitet das schnellste Pferd und ist der vorderste.«

»Das ist gut!« rief der Apache, indem seine Augen leuchteten. »Nehmen wir ihn?«

»Ja. Und natürlich nicht ihn allein, sondern die drei andern auch.«

»Uff!«

Indem er dieses Wort ausrief, sprang er in den Sattel und nahm seine Silberbüchse zur Hand. In demselben Augenblicke saß auch Old Shatterhand schon auf seinem Pferde und hielt den Henrystutzen bereit. Das war so schnell gegangen, daß von dem Augenblicke, in welchem die zurückkehrenden Antilopen gesehen wurden, bis jetzt kaum eine Minute vergangen war. Da kam das flüchtige Wild herangeflogen und jagte in der Entfernung von vielleicht tausend Schritten vorüber. Die vier Indianer waren noch zurück; man hörte ihre scharfen Schreie, mit denen sie ihre Pferde antrieben.

»Jetzt!« rief Winnetou.

Zugleich mit diesem Worte schoß er hinter dem Felsen hervor, Old Shatterhand dicht neben ihm, den Indianern schräg entgegen. Diese stutzten, als sie so plötzlich zwei Reiter erblickten, die sich ihnen in den Weg warfen.

»Halt!« rief ihnen Old Shatterhand zu, indem er seinen Rappen parierte und der Apache dasselbe that. »Wo will Ka Maku mit seinen Kriegern hin?«

Es wurde den Indianern schwer, ihre Pferde im schnellsten Laufe anzuhalten; sie thaten es; aber der Häuptling schrie zornig:

»Was haltet ihr uns auf! Nun ist das Fleisch für uns verloren!«

»Ihr hättet es überhaupt nicht bekommen. Jagt man denn die flüchtige Gazelle wie einen langsamen Prairiewolf? Wißt ihr nicht, daß man ihr Fleisch nur dann erlangt, wenn es gelingt, sie einzuschließen, so daß sie trotz ihrer Flüchtigkeit keinen Ausweg findet?«

Erst jetzt war es den vier Roten gelungen, ihre aufgeregten Pferde zur Ruhe zu bringen, und nun konnten sie die beiden Störenfriede genauer betrachten.

»Uff!« rief da der Häuptling aus. »Old Shatterhand, der große, weiße Jäger!«

»So kennst du mich noch? Kennst du auch den Krieger hier neben mir?«

»Winnetou, der berühmte Häuptling der Apachen!«

»Ja, wir sind es; du täuschest dich nicht. Steig ab mit deinen Leuten, und folge uns dorthin in den Schatten des Felsens, hinter dem wir ruhten, als wir euch kommen sahen.«

»Warum sollen wir denn dorthin gehen?« fragte jetzt Ka Maku.

»Wir haben mit euch zu sprechen.«

»Kann das nicht auch hier geschehen?«

»Gewiß; die Sonne scheint uns noch zu warm; dort aber gibt es Schatten.«

»Wollen meine beiden berühmten Brüder nicht mit mir nach dem Pueblo kommen, wo sie mir alles ebensogut sagen können, was sie mir hier mitteilen wollen?«

»Ja, wir werden mit dir nach dem Pueblo reiten; vorher aber sollst du die Pfeife des Friedens mit uns rauchen.«

»Ist das nötig? Ich habe sie doch schon längst mit euch geraucht.«

»Damals gab es Frieden in dieser Gegend; jetzt aber ist das Schlachtbeil ausgegraben; darum trauen wir nur dem, welcher bereit ist, das Calumet mit uns zu teilen; hingegen, wer sich dessen weigert, den betrachten wir als unsern Feind. Also entscheidet euch; aber schnell!«

Er spielte hierbei mit seinem Henrystutzen in einer Weise, welche dem Häuptlinge Angst einflößte. Er kannte dieses Gewehr, das die Roten für ein Zaubergewehr hielten, ganz genau und wußte, was es zu bedeuten hatte, wenn Old Shatterhand es in so demonstrativer Weise in den Händen hielt. Darum erklärte er, freilich in einem nicht sehr frohen Tone:

»Meine berühmten Brüder wünschen es; so werden wir es denn auch thun.«

Er wäre am allerliebsten fortgeritten, wußte aber, daß er dies leider nicht wagen durfte. Sein Pferd war nicht so schnell wie die Kugeln Old Shatterhands und Winnetous. Er hatte zwar auch eine Flinte, seine drei Begleiter ebenso, aber den Gewehren dieser beiden Jäger gegenüber war das genau so, als ob er keine Waffen in der Hand hätte. Er stieg also von seinem Pferde, und seine Leute folgten diesem Beispiele. Man schritt, indem jeder sein Pferd führte, nach dem Felsen, wo man sich niedersetzte. Als dies geschehen war, nestelte Ka Maku seine Friedenspfeife von der Schnur los, mit welcher sie um seinen Hals hing, und sagte:

»Mein Tabaksbeutel ist leer; vielleicht besitzen meine großen Brüder Kinnikinnik, um das Calumet zu füllen?«

»Wir haben Tabak, soviel wir brauchen,« antwortete Old Shatterhand. »Aber ehe wir mit dir die Friedenspfeife rauchen und dann nach dem Pueblo gehen, um deine Gäste zu sein, möchte ich wissen, was für Krieger wir dort vorfinden werden.«

»Die meinigen.«

»Keine andern?«

»Nein.«

»Und doch wurde mir gesagt, daß du fremde Krieger bei dir beherbergst. Es ist Unfrieden ausgebrochen zwischen einigen Stämmen und zwischen den roten Männern und den Bleichgesichtern. Ka Maku wird begreifen, daß es da gilt, vorsichtig zu sein.«

»Wenn meine Brüder zu mir kommen, werden sie keinen fremden Krieger bei uns finden.«

»Und doch führte eine große Spur von Forners Rancho nach eurem Pueblo, wo sie aufhörte; von euch weg ist sie dann zu einer kleinen Fährte von nur fünf Männern geworden.«

Ka Maku erschrak, ließ sich aber nichts merken, und versicherte in bestimmtestem Ton:

»Da müssen sich meine Brüder irren. Ich weiß von keiner solchen Spur etwas.«

»Der Häuptling der Apachen und Old Shatterhand irren sich niemals wenn es sich um eine Fährte handelt. Sie zählen nicht nur die Eindrücke der Tiere und der Menschen ganz genau, sondern sie kennen auch die Namen der letzteren.«

»So kennen meine berühmten Brüder Namen, welche mir unbekannt sind.«

»Hättest du nie von Grinley, dem Ölprinzen, gehört?«

»Nie.«

»Das ist eine Lüge!«

Da griff der Häuptling nach dem Messer in seinem Gürtel und rief zornig aus:

»Will Old Shatterhand das Haupt eines tapfern Häuptlings beleidigen? Mein Messer würde ihm Antwort geben!«

Der weiße Jäger zuckte leicht die Achsel und antwortete.

»Warum begeht Ka Maku den großen Fehler, mir zu drohen? Er kennt mich doch und weiß also sehr genau, daß er meine Kugel im Kopf hätte, ehe die Spitze seines Messers mich erreichte, oder seine Hand die Flinte gegen mich richten könnte.«

Er hatte während dieser Worte mit einem schnellen Griffe seine beiden Revolver gezogen und hielt ihm die Mündungen derselben entgegen. Zugleich hatte auch Winnetou seine beiden Drehpistolen in den Händen und hielt sie den drei andern Roten vor, indem Old Shatterhand in ruhigem Tone weiter sprach:

»Ich versichere euch bei dem großen Manitou, den die roten Männern verehren, daß bei der leisesten Bewegung eurer Waffen die unsrigen blitzen und knallen werden! Old Shatterhand bricht nie sein Wort; das wißt ihr ebenso gut wie jeder andre Indianer! Ihr kennt diese kleinen Gewehre hier in meinen Händen, in denen zweimal sechs Schüsse stecken. Mein Bruder Winnetou wird euch jetzt eure Messer und Gewehre wegnehmen. Wer sich dagegen wehrt, ja, wer nur eine kleine Bewegung des Widerstandes macht, erhält sofort eine Kugel. Ich habe es gesagt, und es gilt, Howgh!«

Dieses letzte Wort ist eine indianische Bekräftigung. Old Shatterhand wollte mit demselben sagen, daß er gesonnen sei, seine Drohung unbedingt auszuführen. Sein Auge senkte sich mit gebieterischem Blicke in dasjenige des Häuptlings, welcher es nicht wagte, sich zu regen, als der Apache ihm das Messer und die Flinte wegnahm. Auch die drei andern regten sich nicht, als sie von Winnetou entwaffnet wurden. Nachdem dies geschehen war, fuhr Old Shatterhand fort:

»Die roten Männer sehen, wie die Sache steht; sie befinden sich in unsrer Gewalt. Nur das Eingeständnis der Wahrheit kann sie retten. Ka Maku mag meine Fragen beantworten! Warum hat er einige Gefangene mit dem Ölprinzen vorsätzlich entfliehen lassen?«

»Es sind keine Gefangene bei uns gewesen,« zischte der Häuptling grimmig.

»Und auch jetzt befinden sich keine im Pueblo?«

»Nein.«

»Ka Maku lügt. Er müßte doch wohl wissen, daß Winnetou und Shatterhand nicht junge, unerfahrene Burschen sind, welche sich täuschen lassen. Wir wissen, daß Sam Hawkens, Parker und Stone sich bei euch befinden.«

Das zuckende Auge des Häuptlings verriet seinen Schreck, doch antwortete er nicht.

»Auch noch zwei andre weiße Krieger, Frank und Droll genannt, stecken bei euch. Dazu ein Häuptlingssohn der Navajos und sein junger, weißer Freund, auch noch vier andre weiße Männer nebst ihren Frauen und Kindern. Will Ka Maku dies eingestehen?«

»Kein Mensch ist da, kein einziger,« lautete die Antwort. »Bin ich ein elender, räudiger Hund, daß ich so mit mir sprechen lassen muß?«

»Pshaw! Ich werde noch ganz anders mit dir sprechen! Werden die drei andern roten Krieger vielleicht zugeben, was ihr Häuptling so unklug ist, zu leugnen?«

Diese Frage war an die Begleiter Ka Makus gerichtet.

»Er hat die Wahrheit gesagt,« antwortete einer von ihnen. »Es gibt keinen Gefangenen bei uns.«

»Ganz, wie ihr wollt. Wir werden nach dem Pueblo gehen, um nachzuforschen, und damit ihr uns nicht hindern könnt, werden wir euch binden. Winnetou wird mit Ka Maku den Anfang machen.«

Der Apache zog seine Riemen aus der Tasche. Da sprang Ka Maku auf und schrie wütend:

»Mich fesseln? Da soll – –«

Er kam nicht weiter, denn er erhielt von Old Shatterhand, der ebenso rasch aufgeschnellt war, einen solchen Fausthieb gegen die Schläfe, daß er augenblicklich zusammenbrach und besinnungslos liegen blieb. Das war der Hieb, dem der berühmte Westmann seinen Namen zu verdanken hatte. Er wendete sich drohend zu den andern dreien:

»Da seht ihr, was es nützt, uns zu widerstehen! Soll ich euch ebenso an die Köpfe schlagen? Haltet still, wenn ihr gefesselt werdet, sonst ergeht es euch grad ebenso wie diesem hier!«

Der zürnende Jäger, welcher mit einem Schlage seiner Hand einen starken Mann zu fällen vermochte, machte einen solchen Eindruck, daß die drei Indianer sich fesseln ließen, ohne daß sie zu widerstreben wagten; dann wurde auch Ka Maku an Händen und Füßen gebunden. Es handelte sich hier um Puebloindianer, die seßhaft waren, die einen guten Teil ihres ursprünglichen Charakters verloren hatten. Hätten sie zu einer herumschweifenden, wilden Truppe gehört, so wäre ihr Verhalten wahrscheinlich ein andres gewesen.

Um ihre Pferde am Entlaufen zu verhindern, wurden sie mit den langen Zügeln an die Erde gepflockt. Dann mußte dafür gesorgt werden, daß die Gefangenen nicht im stande waren, sich von der Stelle zu bewegen oder gar sich trotz der gefesselten Hände gegenseitig Hilfe zu leisten. Ein selbst an Händen und Füßen gebundener Mensch kann, indem er sich fortwälzt, zu entfliehen versuchen, und niemand kann, wenn er gut gefesselt ist, sich selbst befreien, aber doch die Banden seiner Mitgefangenen aufknoten. Darum wurden die Flinten der vier Indianer tief in den Sand gegraben, weit von einander entfernt und dann an jede einer von ihnen so festgebunden, daß er unmöglich loskommen konnte.

Während dies geschah, kehrte dem Häuptling die Besinnung zurück. Als er sah, in welch einer hilflosen Lage er sich befand, knirschte er mit den Zähnen. Old Shatterhand hörte es und sagte:

»Ka Maku trägt selbst die Schuld, daß er in dieser Weise behandelt wird. Ich ersuche ihn noch einmal, die Wahrheit zu gestehen. Wenn er mir verspricht, die Gefangenen herauszugeben und alles, was ihnen gehört, soll er losgebunden werden.«

Der Angeredete spuckte aus und antwortete nicht, für Old Shatterhand eine Beleidigung, welche diesem ein mitleidiges Lächeln entlockte. Nachdem noch einmal sorgfältig nachgesehen worden war, daß es den Gefangenen ganz unmöglich sei, durch eigne Anstrengung loszukommen, bestiegen die beiden Freunde ihre Pferde und ritten fort, dem Pueblo entgegen.

Ka Maku warf ihnen haßerfüllte Blicke nach und sagte sich:

»Diese beiden Hunde waren meine Freunde, sind aber nun meine Feinde geworden. Sie irren sich. Sie glauben, die gefangenen Bleichgesichter befreien zu können, werden aber selbst ergriffen werden, da es ihnen nicht gelingen kann, unsren Wächter zu täuschen. Sie sind zwar Meister des Anschleichens, aber ein Pueblo kann nicht beschlichen werden. Auf keinen Fall werden wir hier lange liegen, denn wenn wir nicht bald zurückkehren, wird man Boten aussenden, welche uns suchen und bald finden werden.«

Darin täuschte sich Ka Maku freilich. Es fiel seinen Leuten gar nicht ein, nach ihm und seinen drei Gefährten wie nach verlorenen Kindern zu suchen. Daß sie nicht zurückkehrten, beunruhigte niemanden. Die Verfolgung der windesschnellen Antilope kann den Jäger weit, weit fortführen, und bricht darüber die Nacht herein, so kann er leicht Gründe haben, die Heimkehr auf den nächsten Morgen zu verschieben.

Da das Pueblo an der Südseite des Felsenberges lag, konnte es nur von dieser Seite her beobachtet werden, und weil Old Shatterhand und Winnetou von Norden, also aus der entgegengesetzten Richtung kamen, mußten sie einen Bogen reiten, wenn sie ihren Zweck erreichen wollten. Dabei waren sie zur allergrößten Vorsicht gezwungen, da zu jedem Augenblicke in ihrem Gesichtskreise ein Indianer erscheinen und sie ebenso gut sehen konnte, wie sie ihn.

Eben war die Sonne hinter dem Horizonte verschwunden, als sie den Berg und an seinem steilen Hange das Pueblo liegen sahen. Sie näherten sich demselben nicht ganz bis auf Augensichtweite; dann hielten sie ihre Pferde an, und Old Shatterhand zog sein Fernrohr hervor. Nachdem er einige Zeit durch dasselbe geblickt hatte, gab er es Winnetou. Dieser setzte es nach einer kurzen Weile ab und sagte:

»Die Gefangenen haben die Hände gerührt, hat mein Bruder das Loch gesehen, welches sich in der Mauer der zweiten Etage befindet?«

»Ja,« antwortete Old Shatterhand. »Sie haben es durchgebrochen, können aber nicht heraus, weil es bewacht wird. Vielleicht haben sie auch versucht, durch die Decke zu gelangen.«

»Das kann ihnen ebensowenig gelingen, denn auch da stehen die Wächter.«

»Jedenfalls werden, wenn es dunkel ist, Feuer angebrannt; das ist uns außerordentlich hinderlich. Wollen aber zunächst zufrieden sein, daß wir jetzt das Loch gesehen haben, denn nun wissen wir, unter welcher Terrasse die Gefangenen stecken. Unten lehnt eine Leiter an, jedenfalls für den Häuptling, wenn er zurückkehrt, Wie prächtig wäre es, wenn sie nicht emporgezogen würde!«

Sie stiegen ab und setzten sich nieder, um die Dunkelheit zu erwarten. Als dieselbe hereingebrochen war, sahen sie auf dem Pueblo einige Feuer aufflammen. Nun pflockten sie ihre Pferde an und schritten langsam dem Orte entgegen, an welchem es heut ein wahres Meisterstück auszuführen gab. Diese einzelnen zwei Männer wollten es, ob durch List oder Gewalt, mit der ganzen zahlreichen Besatzung des Pueblo aufnehmen!

Eigentlich war es für dieses kühne Unternehmen noch zu früh, und es wäre weit besser gewesen, wenn sie noch einige Stunden hätten warten können, bis die Indianer, welche jetzt noch alle wach waren, sich zur Ruhe gelegt hatten. Dann hätte es nur einige Wachen gegeben, welche zu überwältigen waren. Aber es gab verschiedene sehr triftige Gründe, die Ausführung des Vorhabens trotzdem nicht aufzuschieben. Erstens war zu bedenken, daß doch immerhin ein Umstand eintreten konnte, durch welchen der gefangene Häuptling mit seinen Begleitern befreit wurde. Es konnte einer seiner Leute unterwegs sein und ihn finden. Kam Ka Maku los und in das Pueblo, so war die Befreiung der in demselben eingeschlossenen Leute fast unmöglich. Zweitens konnte man nicht wissen, in welcher Lage sich diese Personen befanden und was ihnen drohte; eine Verzögerung konnte ihnen leicht verhängnisvoll werden. Und drittens fühlten die Roten über die verzögerte Rückkehr ihres Häuptlings jetzt noch keine Besorgnis; wahrscheinlich trat dies erst am morgenden Tage ein; aber es war auch möglich, daß man schon im Verlaufe des Abends sein Fortbleiben auffällig fand. In diesem Falle schickte man wohl Boten nach ihm aus und wartete auf die Rückkehr derselben. Das gab dann einen Zustand der Aufregung, der allgemeinen Wachsamkeit, welcher das Gelingen von Old Shatterhands und Winnetous Vorhaben vereiteln mußte. Darum war es auf alle Fälle besser, schon jetzt an die Ausführung desselben zu gehen.

Als sich diese beiden dem Pueblo weit genug genähert hatten, sagte Winnetou:

»Mein Bruder mag rechts gehen, und ich gehe links. In der Mitte, da wo die Leiter lag, treffen wir zusammen.«

Old Shatterhand verstand ihn; sie wollten erst das vor dem Pueblo liegende Terrain absuchen, ob dasselbe vielleicht bewacht werde oder überhaupt jemand von den Roten sich außerhalb der Niederlassung befand. Old Shatterhand folgte der Aufforderung seines Freundes und fand nichts, was ihm hätte auffallen können. Als er mit ihm zusammentraf, zeigte es sich, daß die Leiter, welche sie hatten liegen sehen, hinaufgezogen worden war.

»Uff!« sagte der Apache leise. »Sie ist fort. Kein andrer könnte hinauf.«

»Ja, kein andrer,« nickte Old Shatterhand. »Uns aber soll dies nicht abhalten, das unterste Dach zu erreichen. Vor allen Dingen aber müssen wir wissen, wie die Feinde sich verteilt haben, wo sie sich befinden.«

»Es brennen zwei Feuer.«

»Richtig. Das sind die Wachtfeuer. Eins auf der Terrasse, unter welcher die Gefangenen stecken, und eins auf der darunterliegenden Etage, um das Loch zu erleuchten, durch welches sie sich haben retten wollen. Dort stehen Posten, die ich gezählt habe: oben drei und unten drei. Wo aber sind die andern Indianer?«

»Im Innern der Stockwerke. Hat mein Bruder nicht gesehen, daß dort Licht ist?«

»Ja; die Eingangslöcher stehen offen, und der Lichtschein schlägt von innen heraus. Darnach zu urteilen, würden die Roten mit ihren Squaws und Kindern die oberen Etagen bewohnen, während die beiden unteren unbewohnt sind und wahrscheinlich zur Aufnahme der Vorräte dienen.«

»Mein Bruder hat recht geraten. Ich war vor einigen Jahren hier und habe mir das Innere des Pueblo angesehen.«

»Hm! Die damalige Anordnung kann verändert worden sein. Wir müssen vorsichtig verfahren. Es ist ein schöner Abend heut und wir dürfen getrost annehmen, daß nicht alle Indianer sich in den Wohnungen befinden; sehr wahrscheinlich liegen auch welche, ohne daß wir sie sehen können, auf den platten Dächern im Freien.«

»Wollen wir uns dadurch abhalten lassen?«

»Nein.«

»So stell dich auf die Mauer, damit ich auf deine Schultern steige!«

Old Shatterhand folgte dieser Aufforderung und der Apache schwang sich ihm auf die Achseln. Als er von da aus die Kante der untersten Plattform mit den Händen nicht erreichen konnte, flüsterte er dem Gefährten zu.

»Strecke die beiden Arme hoch, damit ich dir auf die Hände steigen kann!«

Old Shatterhand that dies und hielt den Häuptling mit solcher Leichtigkeit empor, als ob derselbe ein Kind von wenigen Jahren wäre.

»Es geht noch nicht,« sagte der Apache.

»Wieviel fehlt noch?« fragte Old Shatterhand.

»Drei Hände breit.«

»Schadet nichts. Deine Finger sind wie von Eisen. Wenn sie die Kante erreichen, wirst du dich festhalten, obgleich dies kein andrer vermöchte. Dann helfe ich mit meinem langen Bärentöter nach. Ich zähle bis drei und werfe dich in die Höhe; paß auf und greif schnell zu! Eins – zwei – drei –!«

Bei drei gab er dem Apachen einen kräftigen Schwung nach oben; dieser erreichte die Kante mit den Händen und hielt sich dort mit denselben wie mit eisernen Klammern fest. Schnell nahm Old Shatterhand seinen langen Bärentöter zur Hand und hielt ihn empor, um mit demselben einen Fuß Winnetous zu stützen. Dieser fand dadurch einen festen Punkt und schwang sich, da Old Shatterhand mit dem Gewehre kräftig nachschob, auf die Terrasse, wo er zunächst ganz still und unbeweglich liegen blieb, um zu lauschen, ob sich vielleicht jemand in der Nähe befinde, der ihn bemerkt habe oder sehen könne. Er lag eng zusammengekrümmt und sprungbereit, um sich sofort wie ein Panther auf denselben zu schnellen und ihn mit einem Griffe nach der Gurgel unfähig zu machen, einen Warnungsruf auszustoßen. Seine scharfen Augen überblickten die ganze Länge der Terrasse – es befand sich außer ihm kein Mensch auf derselben. Unweit von sich sah er das offene, viereckige Eingangsloch, welches hinab in das Erdgeschoß führte, und hart neben ihm lag die Leiter, welche heraufgezogen worden war.

Zunächst kroch er mit unhörbaren, schlangengleichen Bewegungen nach dem Loche und horchte hinab. Es führte eine Leiter hinunter und es war dunkel unten. Nichts regte sich; es schien niemand unten zu sein. Nun kroch er zur Leiter zurück und ließ sie zu Old Shatterhand hinab, so daß sie wieder, wie am Tage, an der Mauer lehnte und der Genannte heraufsteigen konnte. Als dieser Winnetou erreichte, legte er sich neben demselben nieder und fragte:

»Ist jemand unter uns?«

Daß jemand oben bei ihnen auf der Etage sei, das fragte er gar nicht, denn er sah gleich beim ersten Blicke, daß sie sich allein befanden.

»Ich habe nichts gehört,« antwortete Winnetou.

»Ziehen wir die Leiter wieder herauf?«

»Nein.«

»Richtig! Es könnte der Fall sein, daß wir fliehen müssen, und dann brauchen wir sie. Nun aber auf die nächste Etage.«

Zu derselben führte eine Leiter hinauf, weil nur die unterste weggenommen worden war. Aber diese Leiter durften sie nicht benutzen, denn sie lehnte an der Mitte der Etage, wo das unterste Feuer brannte, an dem die drei Wächter saßen, welche auf das von den Gefangenen durch die Mauer gebrochene Loch aufzupassen hatten. Von diesen hätten sie sofort bemerkt werden müssen, wenn sie auf dieser Leiter emporgestiegen wären.

Die Plattform über ihnen war vielleicht vier Schritte breit und achtzig Schritte lang. Das Feuer, welches in der Mitte brannte, war nach indianischer Weise nur klein und konnte also seinen Schein nicht bis an die Endpunkte der Terrasse werfen; dort war es also dunkel und dort mußten die beiden Befreier hinauf, entweder nach der rechten oder nach der linken Ecke des platten Daches. Sie entschlossen sich für das erstere, und zwar infolge eines Umstandes, der zwar sehr geringfügig, ihnen aber von großem Vorteile war. Andre Leute hätten diesen Umstand wohl gar nicht beachtet; diesen beiden erfahrenen und scharfsinnigen Leuten aber mußte alles, selbst das Geringste, zur Erreichung ihrer Zwecke und Absichten dienen.

Nämlich die drei indianischen Wächter saßen so an dem Feuer, daß zwei von ihnen ihre Gesichter dem Loche, welches sie zu bewachen hatten, zukehrten; der dritte kauerte links davon, so daß er den Lichtschein auf sich nahm und einen langen, dunklen Schatten nach dieser Seite der Plattform warf. Dieser Schatten ermöglichte es, sich ihnen zu nähern, ohne sofort bemerkt zu werden.

Sie zogen also die Leiter, weiche von der ersten Etage hinunter in das Erdgeschoß führte, hinauf und trugen sie nach dem linksseitigen Ende der Etage. Dies mußte mit außerordentlicher Vorsicht geschehen. Dort angekommen, legten sie sie an die Mauer der zweiten Etage und stiegen hinauf. Oben angelangt, blieben sie eine Zeitlang ebenso vorsichtig wie vorher liegen, um diese Plattform zu überblicken.

»Die Wächter sind allein.« flüsterte der Apache.

»Ja, und das ist gut,« meinte sein weißer Freund. »Dennoch ist die Sache außerordentlich schwer. Es gibt hier keine Deckung, weder Busch noch Baum, hinter welchen man sich verbergen könnte.«

»Aber Schatten!«

»Well! Doch das ist nicht hinreichend. Wir können höchstens bis auf zwanzig Schritte an sie heran, und wenn der Bursche, der den Schatten bildet, sich bewegt, so fällt das Licht auf uns und sie müssen uns noch viel eher bemerken.«

»Wir werden ihre Aufmerksamkeit nach der andern Seite richten.«

»Womit? Mit kleinen Steinchen?«

»Ja.«

»Schön! Wenn sie dumm genug sind, werden sie sich dadurch irre machen lassen. Dann aber heißt es, die zwanzig Schritte in zwei Augenblicken zurückzulegen. Ich schlage den, welcher uns den Rücken kehrt, sofort nieder; du nimmst den nächsten und ich den dritten.«

»Aber ja ohne das geringste Geräusch!« warnte Winnetou.

»Natürlich, denn sonst werden die drei Wächter auf der nächsten Etage aufmerksam. Selbst wenn uns das Anschleichen gelingt, braucht es nur einem dieser Roten einzufallen, von da oben herabzuschauen, so sieht er uns, und wir sind verraten. Was würden wir in diesem Falle thun?«

»Die drei hier niederschlagen und dann rasch hinauf zu den andern drei. Sind diese unschädlich gemacht, so besitzen wir den Eingang zu denen, die wir befreien wollen.«

»Aber es würde laut hergehen und das ganze Pueblo käme in Alarm.«

»Winnetou und Old Shatterhand würden sich trotzdem nicht fürchten. Wir löschten die Feuer aus und würden nicht gesehen; da könnte man nicht auf uns schießen.«

»Gut! Also jetzt Steinchen her!«

Es war von großem Vorteile für sie, daß Old Shatterhand diese Frage aufgeworfen hatte und sie zu einer Verständigung über dieselbe gekommen waren, denn es trat später wirklich der Umstand ein, daß sie gesehen wurden, und da konnten sie sofort im Einvernehmen handeln, ohne vorher die kostbare Zeit durch Fragen zu verlieren. Sie griffen auf der Plattform mit den Händen nach Steinchen umher und fanden schnell so viele, wie sie brauchten. Dann legten sie sich lang auf den Boden nieder und krochen auf die drei Wächter zu. Old Shatterhand hatte sehr genau taxiert: als sie noch ungefähr zwanzig Schritte von denselben entfernt waren, mußten sie anhalten. Winnetou erhob sich ein wenig und warf ein Steinchen über sie hinweg, so daß es jenseits von ihnen niederfiel. Das dadurch entstehende Geräusch wurde, so gering es war, von ihnen bemerkt, und sie wendeten ihre Gesichter nach rechts, um zu lauschen.

»Es gelingt,« flüsterte Old Shatterhand. »Sie sind dumm genug, ihre Aufmerksamkeit von dieser unsrer Seite abzuwenden.«

Winnetou warf noch einige Steinchen, was zur Folge hatte, daß die drei Wächter ein lebendes Wesen, vielleicht gar ein feindliches, rechts von sich vermuteten und scharf nach dorthin lauschten.

»Jetzt!« sagte Old Shatterhand leise.

Sie erhoben sich. Fünf, sechs weite, aber ganz leise und fast unhörbare Sprünge, und sie standen bei den dreien. Die Faust des starken weißen Jägers fuhr dem ersten so gegen den Kopf, daß er lautlos niedersank; im nächsten Augenblicke hatten sie den zweiten und dritten bei den Kehlen. Ein fester Druck, einige Hiebe an die Schläfen und auch diese waren besinnungslos. Sie wurden schnell gefesselt und bekamen Knebel zwischen die Zähne.

»Das ist geglückt!« flüsterte Old Shatterhand. »Nun schnell die Leiter an das Loch, unter welchem die Gefangenen stecken. Ich will mit ihnen reden; während dessen mag mein Bruder Winnetou die nächste Etage nicht aus den Augen lassen. Es könnte einer der dortigen Wächter an der Kante des Daches erscheinen.«

Er zog nun die Leiter, welche sie vorhin vermieden hatten, als sie sich auf der unteren Plattform befanden, herauf, lehnte sie neben dem Loche an die Mauer und stieg hinauf. Den Kopf in dieses Loch steckend, rief er hinein, aber so, daß nur die innen Befindlichen es hören konnten:

»Sam Hawkens, Dick Stone und Will Parker! Ist einer von euch da?«

Er lauschte und hörte drin eine Stimme:

»Horcht! Da draußen sprach jemand! Es ist ein Mensch am Loche.«

»Wahrscheinlich einer der roten Halunken!« meinte ein andrer. »Gebt ihm eine Kugel!«

»Unsinn!« fiel schnell ein dritter ein. »Ein Indianer wagt es nicht, seinen Schädel so schön herzuhalten, daß wir ihm das Lebenslicht ausblasen können, wenn ich mich nicht irre. Es muß ein andrer sein, einer, der uns retten will, vielleicht gar Old Shatterhand oder Winnetou. Macht mir Platz! Ich will an das Loch.«

Aus der Redensart »wenn ich mich nicht irre«, erkannte Old Shatterhand, wer der Sprecher war; darum fragte er:

»Sam Hawkens, seid Ihr da?«

»Will's meinen,« antwortete es von innen. »Wer seid denn Ihr?«

»Old Shatterhand.«

»Heigh-day! Ist's wahr?«

»Yes. Wollen euch herausholen.«

»Wollen? Die Mehrzahl? Also seid Ihr nicht allein?«

»Nein. Winnetou ist mit.«

»Noch jemand?«

»Wir sind allein.«

»Thank you! Haben mit großen Schmerzen auf Euch gewartet. Aber, Sir, seid Ihr denn auch wirklich Old Shatterhand? Oder heißt Ihr vielleicht Mr. Grinley, der Ölprinz?«

»Müßt mich doch an der Stimme erkennen, alter Sam!«

»Stimme hin und Stimme her! In diesem Loche klingt, zumal Ihr leise redet, eine Stimme wie die andre. Es wäre eine nette Geschichte, wenn wir Euch trauten und nachher hätte sich Old Shatterhand in den Ölprinzen verwandelt. So ein dummes Coon bin ich nicht. Gebt mir einen Beweis!«

»Welchen?«

»Habt Ihr Euern Henrystutzen bei Euch?«

»Ja.«

»So langt ihn einmal herein, damit ich ihn befühlen kann.«

»Hier ist er. Aber gebt ihn schnell wieder heraus, denn ich kann ihn jeden Augenblick gebrauchen müssen.«

Er schob das Gewehr ins Loch; es dauerte nur wenige Sekunden, so wurde es ihm zurückgegeben und Sam sagte:

»Es hat seine Richtigkeit; Ihr seid es, Sir. Gott sei Dank, daß Ihr kommt! Wir können nicht hinaus. Zwar ist Rettung möglich; aber es würde dabei einen heißen Kampf geben und wir möchten nicht Blut vergießen. Wie wollt Ihr uns herausbringen?«

»Könnt ihr nicht nach oben?«

»Nein; das Loch ist zu.«

»Habt ihr keine Leiter?«

»Die Schufte haben sie hinaufgezogen.«

»Und Waffen?«

»Die haben wir; man konnte sie uns nicht abnehmen. Werde Euch später erzählen, wie wir in diese himmelblaue Tinte geraten sind.«

»Müßt es freilich sehr geistreich angefangen haben; ist ein wahres Meisterstück von Leuten wie ihr seid! Wer ist alles drin?«

»Gute Bekannte von Euch: Ich, Stone, Parker, Droll, der Hobble-Frank und so weiter.«

»Auch Kinder?«

»Leider!«

»Well! So paßt genau auf, was ich Euch sage! Erst schiebt Ihr uns die Kinder heraus; aber sie dürfen keinen Laut von sich geben. Dann folgen die Damen, die hoffentlich auch still sind. Hierauf kommen diejenigen, welche den Westen nicht kennen und wenig Erfahrung besitzen. Es ist geraten, alle diese zuerst ins Freie zu bringen, damit sie schon heraus sind, wenn wir vielleicht entdeckt werden. Hier saßen drei Wächter, die wir überwältigt haben, Über euch sind auch drei, die uns leicht überraschen können. Wenn dies geschehen sollte, so muß ich schnell eingreifen: ich steig' hinauf und schlage sie nieder. Gelingt mir dies, so öffne ich euch das Loch und gebe euch eine Leiter herab, an welcher diejenigen, die sich noch drin befinden, schnell zu mir hinaufsteigen und mich unterstützen können. Also, die Erfahrenen von euch bleiben bis zuletzt drin. Habt Ihr alles verstanden?«

»Alles.«

»So macht los! Ich warte hier, um zunächst die Kinder in Empfang zu nehmen.«

In kurzer Zeit erschien ein Knabe im Loche. Old Shatterhand zog ihn heraus und langte ihn Winnetou zu, welcher ihn ergriff und dicht an die Mauer stellte. So wurde es mit allen Kindern und dann auch mit den Frauen gemacht. Das war eine schwere Arbeit, bei welcher Old Shatterhand, auf der Leiter stehend, alle seine Kräfte anstrengen mußte. Als es bis hierher geglückt war und Sam Hawkens ihm meldete, daß nun die Männer, zunächst die deutschen Auswanderer, folgen würden, antwortete er:

»Die bedürfen, um die Leiter zu erreichen, meiner Hilfe nicht. Ich werde mich also entfernen, um die drei über euch befindlichen Wächter in die Augen zu nehmen.«

Er stieg zu Winnetou nieder, warf diesem einige leise, erklärende Worte zu und huschte dicht an der Mauer nach der linken Seite hin, wo die Leiter lag, an welcher sie auf diese Plattform gestiegen waren. Er zog sie herauf und lehnte sie an die nächste Etage, um da hinaufzusteigen.

Oben angekommen und das von dem Feuer erleuchtete Terrain musternd, sah er die großen Steine, welche auf den Deckel gelegt worden waren und diesen festhielten, so daß die Gefangenen nicht herausgekonnt hatten. Daneben lag die Leiter, welche von den Indianern, ehe sie den Deckel zuwarfen, emporgezogen worden war. Eine zweite Leiter führte zur nächsten Plattform empor. Die Wächter saßen so, daß zwei von ihnen ihm den Rücken zukehrten.

Old Shatterhand war auf dieses Dach gestiegen, um im Falle einer Entdeckung sofort bei der Hand zu sein. Im Falle es aber den Gefangenen bis auf den letzten Mann gelang, ins Freie zu kommen, wollte er hinabsteigen, ohne sich sehen zu lassen. So lag er still und wartete. Er rechnete nach, welche Zeit eine Person brauchte, um durch das Loch zu kriechen, und wie viele also schon heraus sein konnten. Eben sagte er sich, daß nun wohl schon der sechste an der Reihe sein werde, da ertönte eine schrille Frauenstimme laut durch die Nacht:

»Herrjesses, Kantor, schtürzen Sie doch nich off mich!«

Sofort sprangen die drei Wächter auf, traten an den Rand der Plattform und blickten hinab. Sie sahen die befreiten Weißen; sie sahen auch den Apachen, der hoch aufgerichtet am Feuer stand. Sie erkannten ihn, und einer von ihnen rief, so daß es über das ganze Pueblo schallte:

»Akhane, akhane, arku Winnetou, nonton, schis inteh!«

Diese Worte heißen zu deutsch: »Herbei, herbei; Winnetou, der Häuptling der Apachen ist da!«

Kaum war dieser Ruf erschollen, so ertönte es hinter ihnen ebensolaut:

»Und hier steht Old Shatterhand, um die Gefangenen zu befreien. Winnetou, nimm die beiden Burschen in Empfang!«

Der weiße Jäger war zu gleicher Zeit mit den Wächtern auf- und auf diese zugesprungen. Während er die angegebenen Worte rief, schlug er einen von ihnen nieder und stieß die beiden andern über die Kante der Plattform, an welcher sie standen, hinab, wo sie von den Untenstehenden in Empfang genommen wurden. Dann warf er zunächst die Leiter um, welche zur nächst höheren Etage führte, damit kein Roter von oben herunter könne. Hierauf wälzte er die zentnerschweren Steine von dem Deckel und nahm diesen weg; dann ließ er die Leiter in das Loch und rief in dasselbe hinab:

»Schnell herauf! Es könnte zum Kampfe kommen.«

Nun sprang er mit beiden Füßen in das Feuer, um dasselbe auszutreten, was, da es klein gewesen war, ihm sofort gelang. Es wurde dunkel, denn Winnetou hatte auch das untere Feuer ausgelöscht. Old Shatterhand hatte mit einer solchen Schnelligkeit gehandelt, daß seit dem Augenblicke, an welchem die unvorsichtige Frauenstimme erschallte, kaum eine Minute bis jetzt vergangen war. Und schon kamen die letzten der Gefangenen aus der Luke zu ihm heraufgestiegen.

Auf den über ihnen liegenden Terrassen wurde es lebendig. Laute, fragende Stimmen erschallten. Lichter erschienen und man sah dunkle Gestalten an den Leitern herniedersteigen. Da ertönte Old Shatterhands mächtige Stimme:

»Die roten Männer mögen oben bleiben, wenn sie nicht sterben wollen! Hier stehen Old Shatterhand und Winnetou mit ihren Leuten. Wer sich zu uns herunterwagt, wird erschossen!«

Er wollte keinen der Indianer töten, mußte ihnen aber beweisen, daß er wirklich hier war. Diesen Beweis konnte er, wie er wußte, ihnen nur durch seinen so viel- und schnellschüssigen Stutzen geben, den sie alle kannten und fürchteten. Er legte ihn an und zielte empor nach einem Indianer, welcher, mit einer Leuchte in der Hand, eiligst herniedergestiegen kam; er wollte ihn in die Hand treffen und drückte ab.

»Hahi, Latah-schi – au, meine Hand!« schrie der Getroffene, indem er das Licht oder die Fackel fallen ließ.

Drei weitere Schüsse, schnell hintereinander, und ebenso viele Lichte verschwanden. Eine Stimme rief:

»Das ist Old Shatterhands Zauberflinte; hinauf, schnell wieder hinauf!«

Es wurde oben ganz dunkel und plötzlich so still, als ob auf den höheren Terrassen kein Mensch zu finden sei.

»Seid ihr alle hier?« fragte Old Shatterhand die jetzt bei ihm Stehenden. »Ist niemand mehr unten?«

»Keiner,« antwortete Sam Hawkens.

»So legt die beiden Leitern an und steigt hinab zu den andern! Ich denke, daß die Roten uns in Ruhe lassen werden, bis wir die freie Erde unter den Füßen haben.«

Sie folgten seiner Aufforderung; er folgte zuletzt. Als er die nächst untere Plattform erreichte, sah er, daß der umsichtige Apache schon für das weitere gesorgt hatte. Die Befreiten befanden sich auch dort bereits im Niedersteigen. Es fiel Winnetou nicht etwa ein, sie zur Eile aufzufordern; im Gegenteile mahnte er sie, wegen der Frauen und Kinder hübsch langsam und vorsichtig zu verfahren, denn er wußte, daß wenigstens für einige Zeit die Indianer jetzt nicht zu fürchten waren; sie wurden durch die beiden Namen Old Shatterhand und Winnetou in Furcht gehalten.

Der Abstieg ging also ziemlich gemächlich von statten und zwar in der Weise, daß alle Leitern von oben mit hinuntergenommen wurden, um den Roten die Verfolgung zu erschweren. Als sie dann alle am Fuße des Pueblo im Freien beisammenstanden, sagte Old Shatterhand:

»Es ist gelungen, und zwar viel leichter, als ich dachte. Nun gibt –«

Er wurde von mehreren unterbrochen, die ihrer Dankbarkeit Ausdruck geben wollten, fiel ihnen aber schnell in die Rede:

»Still! Nichts davon jetzt! Es muß zunächst das Notwendigste geschehen. Später, wenn wir von hier fort sind, könnt ihr reden, so viel ihr wollt. Wo sind eure Pferde?«

»Dort im Corral, rechts hinter dem Mauerwerk,« antwortete Hawkens.

»Habt ihr alle eure Waffen?«

»Ja.«

»Und euer Eigentum?«

»Was wir einstecken hatten, konnte uns nicht genommen werden; aber was sich in den Satteltaschen befand, das werden die roten Spitzbuben wohl an sich genommen haben.«

»Hattet ihr auch Packpferde bei euch?«

»Yes. Die mußten die Sachen der Auswanderer tragen.«

»Sind diese Gegenstände vorhanden?«

»Weiß nicht; glaube es auch nicht. Das Wetter brach so rasch über uns herein, daß wir gar nicht Zeit hatten, abzuladen und die Tiere abzusatteln.«

»Hm! Wäre alles da, was euch und ihnen gehörte, so könnten wir gleich fort von hier, sonst aber müssen wir die Roten zwingen, das Geraubte herauszugeben. Sam Hawkens mag mich nach dem Corral begleiten; die andern bleiben hier und passen auf die untersten Terrassen des Pueblo auf. Sobald ein Roter sich dort hören oder gar sehen läßt, wird nach ihm geschossen, doch ohne ihn zu treffen; verstanden! Es genügt vollständig, wenn er die Kugel neben sich einschlagen hört. Diese Leute sollen nur wissen, daß wir uns hier aufgestellt haben, um sie nicht herunter zu lassen. Mein Bruder Winnetou wird indessen gehen, um unsre beiden Rappen herbeizuholen.«

Der Apache entfernte sich still, wie es so seine Weise war, und Old Shatterhand ging mit Hawkens nach der Umfriedigung, in welche die Pferde gebracht worden waren. Als diese drei sich entfernt hatten, sagte der Kantor, natürlich in deutscher Sprache:

»Also das sind die beiden großen Helden, nach deren Anblick ich so begierig gewesen bin! Man kann sie nicht erkennen, weil es dunkel ist, aber schon ihr Auftreten imponiert mir ungeheuer. Sie werden sehr hervorragende Stellen in meiner Oper einnehmen.«

»Na, sehen Sie sich die beeden nur erscht eemal bei Tage an!« antwortete der Hobble-Frank. »Schon während man das erschte Ooge off sie wirft, muß man sich gleich hypothekarisch sagen, daß man keene gewöhnlichen Leute vor sich hat. Is es nich genau so, wie ich prophezeit habe? Diese beeden berühmten Leute brauchen nur zu erscheinen, so sind wir ooch schon frei!«

»Sehr wahr!« stimmte Droll bei. »Es is een wahres Heldenschtück von ihne, uns herausgeholt zu habe, ohne daß uns nur een Haar gekrümmt worde is. Es wär sogar noch viel besser gegange, wenn Frau Eberschbach den Mund gehalte hätte.«

»Ich?« fiel schnell Frau Rosalie ein. »Meenen Sie vielleicht, ich bin schuld, daß mir der Schrei entfahren is?«

»Natürlich! Wer denn sonst?«

»Der Kantor, aber doch nich ich!«

»Bitte ergebenst!« verteidigte sich der von ihr Beschuldigte. »Sie wissen wohl, daß ich Emeritus bin! Wenn Sie das doch nicht immer auslassen wollen. Sie haben kein Recht, zu behaupten, daß ich die tiefe Stille, welche geboten war, gebrochen habe. Über meine Lippen ist kein Laut gekommen, kein einziger, und wenn er noch so pianissimo gewesen wäre. Sie sind es gewesen, Frau Ebersbach, die geschrieen hat.«

»Das leugne ich gar nich. Aber weshalb habe ich geschrieen? Hätten Sie sich doch fester angehalten, Sie Emeritus 1 Wenn Sie wieder 'mal Lust haben, von der Leiter herabzupurzeln, so thun Sie es doch wenigstens nich grad dann, wenn eene reputierliche Dame drunter schteht! Wenn Sie Ihre Tonleitern ooch nich fester in die Hände nehmen, so kann mich Ihre schöne Heldenoper dauern. Verschtehn Sie mich!«

»Ich verstehe Sie, Verehrteste; aber Sie verstehen etwas nicht, nämlich mit einem Sohne der Musen höflich umzugehen. Ich habe Ihnen versprochen, seiner Zeit an Sie zu denken, und hegte wirklich die Absicht, Ihnen eine Sopranarie in den Mund zu legen; da Sie aber in dieser Weise von meiner Kunst sprechen, sehe ich davon ab. Sie werden nicht die Ehre haben, in meiner Oper zu erscheinen!«

»Nich? 1, was Sie nich sagen! Meenen Sie etwa, es liegt mir so sehr viel daran, off den Brettern zu erscheinen, die die Erde bedeuten? Das fällt mir gar nich ein. Und Sopran hab' ich singen sollen? Hören Sie, damit lassen Sie mich in Ruh! Wenn ich singen will, da laß ich mir gar nischt vorschreiben, da singe ich, was ich will, Fagott, Klarinette oder Rumpelbaß, ganz was mir beliebt. Und nu sind wir miteinander für dieses Leben fertig. Leben Sie wohl! Adjes off Ewigkeet!«

Sie wendete sich höchst aufgebracht von ihm ab. Er wollte noch eine Bemerkung machen, doch der Hobble-Frank forderte ihn schnell auf –

»Pst! Schweigen Sie schtille! Es is mir ganz so, als ob ich een lebendiges Wesen da oben off der erschten Etage hätte huschen sehen. Wahrhaftig, da schleicht es wieder! jetzt bleibt es schtehen und neigt den Kopp herab. Das is een Indianer, der jedenfalls eene Okularkonstruktion beabsichtigt, um zu sehen, wo wir schtecken. Er soll es gleich erfahren!«

Er hob sein Gewehr, zielte kurz und drückte ab.

»Uff!« rief eine erschrockene Stimme gleich nach dem Knalle des Schusses.

Soeben kehrte Old Shatterhand mit Sam Hawkens zurück.

»Was gibt es? Wer hat geschossen?« fragte er.

»Ich,« antwortete Frank.

»Warum?«

»Das is eene Frage an das Schicksal, die ich gern beantworten will. Es schtand een roter Signor da oben off dem Dache Nummer eens; der wollte wahrscheinlich wissen, welche Zeit es is, und da habe ich ihm gezeigt, wieviel die Repitieruhr geschlagen hat, wenn er sich nich gleich off die Socken macht. Er hat sich ooch gleich kompetent zurückgezogen.«

»Ist er getroffen worden?«

»Nee; ich habe weiter rechts gezielt, vielleicht zwee Ellen weit; aber wenn er vier Fuß lange Ohren haben sollte, so is ihm die Kugel höchst wahrscheinlich durch das reche Läppchen gefahren, was ihm hoffentlich zur physharmonischen Warnung dienen wird.«

»Also haben sie sich doch schon bis herunter auf die erste Terrasse getraut! Da müssen wir aufpassen. Wir halten uns natürlich in solcher Entfernung, daß sie uns nicht sehen können, denn sonst würden sie auf uns schießen. Aber sie müssen wissen, daß wir da sind und sie nicht herunterlassen. Darum mögen Frank und Droll hinschleichen und sich eng an der Mauer niederlegen. Wenn sie dann aufwärts gegen den Himmel blicken, können sie jeden Kopf sehen, der oben über der Kante erscheint, um herabzublicken. Dann rasch eine Kugel hinauf!«

»Aber wohl ohne zu treffen?« fragte der Hobble.

»Ja. Ich möchte kein Leben vernichten.«

»Da werde ich mich hüten, meine schönen Kugeln in die Luft zu schießen! Ich schtecke lieber keene in den Lauf.«

Da näherte Schi-Scho sich Old Shatterhand und bat in deutscher Sprache:

»Herr, erlauben Sie mir, an dieser Bewachung des Pueblo teilzunehmen! Sechs Augen sind besser als nur vier.«

»Das ist sehr richtig,« antwortete der Jäger, indem er den Jüngling, dessen Gesicht er nicht erkennen konnte, forschend anblickte. »Sie scheinen aber noch sehr jung zu sein. Haben Sie gute Augen?«

»Ja.«

»Und aber auch Erfahrung?«

»Ich bin der Schüler meines Vaters,« antwortete Schi-So in bescheidenem Tone.

»Wer ist Ihr Vater?«

»Nitsas-Ini, der Häuptling der Navajos.«

»Was? Meines Freundes, des ›großen Donners‹? Dann wären Sie ja Schi-So, von dem ich weiß, daß er in Deutschland ist?«

»Ich bin es.«

»Dann hier meine Hand, junger Freund. Ich freue mich sehr, Sie hier zu treffen; sobald wir Zeit haben, sprechen wir weiter miteinander. Wäre es heller, so hätte ich Sie wohl erkannt. Da Sie Schi-So sind, so weiß ich, daß ich Ihren Wunsch getrost erfüllen darf. Gehen Sie also mit Frank und Droll und postieren Sie sich mit ihnen so weit auseinander, daß die ganze Länge der Plattform unter Beobachtung steht!«

Der Häuptlingssohn entfernte sich, stolz darauf, seinen Wunsch erfüllt zu sehen. Eben, als er ging, kehrte Winnetou mit den Pferden zurück, welche in genügender Entfernung von dem Pueblo angepflockt wurden. Als dies geschehen war, fragte er Old Shatterhand:

»Ich hörte einen Schuß. Aus wessen Gewehr ist er gefallen?«

Der Gefragte sagte es ihm und fuhr dann fort:

»Die ledigen Pferde derer, die wir befreit haben, stehen dort im Corral; aber alles Gepäck und das ganze Sattel- und Zaumzeug ist verschwunden.«

»Muß sich im Pueblo befinden!«

»Ja. Wir können also nicht fort, sondern müssen hier bleiben, um die Herausgabe zu erzwingen.«

»Das ist nicht schwer, denn der Häuptling befindet sich in unsrer Hand.«

»Wohl. Wir müssen ihn holen. Will mein roter Bruder den Befehl hier übernehmen? Dann reite ich mit Hawkens, Parker und Stone fort, um Ka Maku herzuschaffen.«

»Mein Bruder mag gehen; er wird bei seiner Rückkehr hier alles in Ordnung finden.«

Die drei »Kleeblätter« waren gern einverstanden mit Old Shatterhand zu reiten. Sie gingen nach dem Corral, um ihre Tiere zu holen. Diese waren freilich ohne Zaum und Sattel, was aber den Reitern vollständig gleichgültig war. Sie schwangen sich auf und ritten in nördlicher Richtung davon. Es verstand sich ganz von selbst, daß Old Shatterhand sich nun unterwegs erkundigte, wie sie mit den Auswanderern zusammengetroffen und dann in die Gefangenschaft geraten seien. Sie hatten Zeit, es ihm ausführlich zu erzählen und von jedem der Beteiligten eine Charakterschilderung zu geben. Als er alles gehört hatte, sagte er, den Kopf leise schüttelnd:

»Sonderbare Menschen und höchst unvorsichtig dazu! Also ihr habt euch ihrer angenommen und wollt sie begleiten?«

»Ja,« antwortete Sam. »Sie bedürfen unser, und uns ist es ja ganz gleich, ob wir hierhin oder dorthin reiten. Was sagt Ihr dazu, Sir?«

»Hm! Ich wollte mit Winnetou über die Grenze, halte es aber für meine Pflicht, mich dieser Leute auch anzunehmen, zumal sie durch Gegenden wollen, wo sie ohne die Hilfe erfahrener Leute zu Grunde gehen müssen, da den Roten, auf die sie dort treffen müssen, nicht zu trauen ist. Da gilt es, wie es scheint, nachsichtig zu sein. Dieser emeritierte Kantor zum Beispiel kann gefährlich werden.«

»Ist er schon geworden. Am liebsten hätte ich ihn fortgejagt; aber das geht ja nicht. Und dann die Geschichte mit dem Ölprinzen. Was sagt Ihr dazu?«

»Schwindel!«

»Well, ist auch meine Meinung. Der Buchhalter ist ein Deutscher; darf man ihn ins Verderben laufen lassen?«

»Auf keinen Fall. Wir folgen diesem Grinley, der sehr wahrscheinlich auch noch andre Namen führt, und ich denke, daß wir ihn noch zur rechten Zeit einholen werden. Bin sehr neugierig, zu erfahren, auf welche Weise er das Öl aus der Erde gezaubert hat oder noch hervorzaubern will!«

Sie waren sehr schnell geritten und befanden sich jetzt nicht sehr weit mehr von der Stelle, an welcher der gefesselte Häuptling mit seinen Leuten zurückgelassen worden war.

Old Shatterhand erzählte ihnen, wie derselbe in seine und Winnetous Hände gefallen war, und fügte dann hinzu:

»Er hat alles geleugnet und verdient eine Strafe. Ich bin als ein Freund der Roten bekannt und lebe gern mit ihnen in Frieden, darum möchte ich mit Ka Maku so glimpflich wie möglich verfahren. Will sehen, ob er mir doch nicht vielleicht ein Eingeständnis macht. Wenn er euch sieht, merkt er sofort, wie die Sache steht; ich will also voranreiten; folgt mir langsam nach. Wenn ihr euch genau nördlich haltet, kommt ihr grad nach dem Felsen, hinter dem wir die Gefangenen zurückgelassen haben.«

Es war sehr dunkel, und ein andrer hätte sich in dieser ebenen Gegend, in welcher nichts als Anhalt und Merkmal diente, wohl kaum zurechtgefunden; Old Shatterhand aber durfte sich auf seinen Ortssinn verlassen und erreichte sein Ziel mit derselben Genauigkeit, als ob es nicht in dunkler Nacht, sondern am hellen Tage gewesen wäre.

Er war überzeugt, die vier Roten in der Lage anzutreffen, in welcher er sie verlassen hatte, dennoch aber mußte er vorsichtig sein. Sie konnten auf irgend eine Weise die Möglichkeit gefunden haben, sich frei zu machen, und nun auf ihn und Winnetou warten, um sich zu rächen, Darum stieg er in angemessener Entfernung von dem Pferde, pflockte dasselbe an und schlich sich zu Fuße nach dem Felsen hin. Als er so nahe an diesen gekommen war, daß er ihn sehen konnte, legte er sich nieder und kroch auf den Händen und Füßen weiter. Bald hatte er den hohen, breiten Stein links vor sich, machte einen kurzen Bogen und sah dann die Gefangenen liegen. Sie konnten frei sein und ihre Stellung aus Hinterlist beibehalten haben; darum ließ er sich noch nicht hören, sondern kroch so leise bis hinter den Häuptling heran, daß dieser nicht das geringste Geräusch zu vernehmen vermochte. Dann erhob er die Hand und betastete das in die Erde wie ein Pfahl gegrabene Gewehr, an welches Ka Maku festgebunden worden war. Die Riemen befanden sich noch in derselben Lage wie vorher; sie waren nicht gelöst worden. Da richtete er sich auf und stellte sich, wie plötzlich aus der Erde gewachsen, vor den Gefangenen hin.

»Die Zeit wird Ka Maku lang geworden sein,« begann Old Shatterhand. »Er hat, da er einen Knebel im Munde trägt, nicht einmal mit seinen Gefährten sprechen können. Ich werde ihm die Stimme wiedergeben.«

Er zog ihm den Knebel aus dem Munde und fuhr fort:

»Der Häuptling hat Zeit gehabt, sich zu besinnen. Wenn er bereit ist, mir zu gestehen, daß sich Gefangene in seinem Pueblo befinden, werde ich ihn freilassen, ohne daß ihm etwas weiteres geschieht.«

Ka Maku schloß aus der Stellung dieser Worte, daß Old Shatterhand noch nichts Genaues wisse, und war infolgedessen entschlossen, nichts zu gestehen. Da er Old Shatterhands Art und Weise kannte, war er überzeugt, daß sein Leben sich nicht in Gefahr befand. Also nichts gestehen und lieber hier noch angebunden liegen, bis seine Leute kommen würden, ihn zu befreien. Er nahm an, daß sie dies bald nach Tagesanbruch thun würden. Er sah nur Old Shatterhand. Wo war Winnetou? Um dies zu erfahren, fragte er:

»Warum kommt nicht der Häuptling der Apachen, um mit mir zu reden?«

Man hörte es seiner Stimme an, daß der Knebel ihm das Atmen erschwert hatte.

»Er mußte in der Nähe des Pueblo bleiben, um dasselbe beobachten zu können.«

Auf Grund dieser Antwort vermutete Ka Maku, daß die Bemühungen Winnetous und Old Shatterhands vergeblich gewesen seien und der letztere nur gekommen sei, durch weiteres Ausfragen etwas zu erfahren; darum sagte er in deutlich höhnischem Tone:

»Winnetou wird nichts andres hören und sehen, als was ich gesagt habe: es befindet sich kein Gefangener bei uns. Warum schleichen die beiden tapfern Männer heimlich beim Pueblo hin und her? Warum fordern sie nicht Einlaß, um sich zu überzeugen, daß ich die Wahrheit gesprochen habe und es ehrlich meine?«

»Weil wir euch nicht trauen und fest überzeugt sind, daß wir auch festgenommen werden würden.«

»Uff! Wo ist die Klugheit Old Shatterhands hin? Der große Geist hat ihm das Gehirn genommen. Ich bin sein Freund gewesen; nun er mich als Feind behandelt hat, wird das Messer zwischen ihm und mir entscheiden!«

»Habe nichts dagegen. Also ihr haltet wirklich keine weißen Männer, Frauen und Kinder im Pueblo gefangen?«

»Nein.«

»Bedenke, daß es mir und Winnetou nicht schwer sein würde, sie zu befreien! Dann träfe dich die Strafe. Gestehst du es aber ein, so werden wir daran denken, daß du unser Freund und Bruder gewesen bist und dich mit Milde behandeln.«

»Old Shatterhand mag thun und denken, was er will. Ich habe die Wahrheit gesagt und werde mich rächen!«

»Ganz wie du willst! Aber horch! Wer mag da kommen?«

Man hörte nahendes Pferdegetrappel; Ka Maku richtete sich, soweit seine Fesseln es zuließen, empor und stieß einen Ruf der Freude aus. Die Reiter, welche sich nahten, konnten doch nur seine Leute sein, die ihn suchten. Sie bogen um den Felsen und blieben da halten. Er konnte ihre Gestalten nicht deutlich erkennen, war aber in seiner Ansicht so sicher, daß er ihnen zurief:

»Ich bin Ka Maku, den ihr sucht. Steigt ab und bindet mich los!«

Da antwortete Sam Hawkens lachend:

»Daß du Ka Maku bist, das glaube ich gern; aber daß ich dich losbinde, das glaube ich nicht. Old Shatterhand wird bestimmen, was geschehen soll. Erkennst du mich vielleicht an der Stimme, alter Schurke?«

»Sam Hawkens!« schrie der Häuptling vor Schreck förmlich auf.

»Ja, Sam Hawkens und Dick Stone, nebst Will Parker,« bestätigte Old Shatterhand. »Meinst du nun noch immer, daß der große Geist mir das Gehirn genommen hat? Oder war es richtig, als ich sagte, daß es uns nicht schwer werden würde, die Gefangenen zu befreien? Wir haben die Lanze umgedreht und nun gegen euch gerichtet: Eure Gefangenen sind frei, und ihr seid gefangen. Keiner von deinen Kriegern ist im stande, das Pueblo zu verlassen, denn wir halten vor demselben und werden jedem, der zu entkommen versucht, eine Kugel geben. Wir sind jetzt gekommen, dich zu holen. Wir werden euch auf eure Pferde binden, und ich rate euch, euch ja nicht etwa dagegen zu wehren, wenn ihr nicht unsre Messerklingen kosten wollt!«

Die »Kleeblätter« stiegen von ihren Pferden und machten sich über die vier Indianer her, welche so bestürzt waren, daß es ihnen gar nicht einfiel, Widerstand zu leisten, der ihnen doch nichts gefruchtet hätte. Sie wurden auf ihre Tiere gebunden, welche bis jetzt angepflockt gewesen waren, und dann trat man den Rückweg an, auf welchem kein Wort gesprochen wurde, bis man bei dem Pueblo angekommen war. Dort mußten die vier Roten absteigen und wurden unter scharfe Bewachung genommen. Sie mußten trotz der Dunkelheit bald bemerken, daß alle ihre Gefangenen, keinen einzigen ausgenommen, sich in Freiheit befanden. Ihr Grimm darüber läßt sich leicht denken.

Die Weißen, besonders die lebhafteren unter ihnen, hätten am liebsten die ganze Nacht durchplaudern mögen; aber Old Shatterhand gab das nicht zu. Er machte sie darauf aufmerksam, daß ihnen morgen ein jedenfalls scharfer und auch langer Ritt bevorstehe, und brachte sie soweit, daß sie, die sich stündlich ablösenden Wachen natürlich abgerechnet, sich zur Ruhe legten.

Die Nacht verging, ohne daß die Roten wagten, das Pueblo zu verlassen und einen Angriff zu versuchen. Als der Tag graute, sah man, daß sie sich auf die oberen Plattformen zurückgezogen hatten. Die Mehrzahl von ihnen schlief, wurde aber, sobald es nur einigermaßen hell geworden war, von den Wächtern, welche auch sie ausgestellt hatten, geweckt. Sie versammelten sich oben und warfen den Weißen, welche sich ebenso vom Schlafe erhoben hatten, drohende Reden herab. Daß ihr Häuptling sich als Gefangener bei diesen befand, konnten sie nicht erkennen.

Winnetou und Old Shatterhand waren entschlossen, sich auf keine langen Verhandlungen einzulassen. Man durfte keine Zeit verlieren, wenn es gelingen sollte, den Ölprinzen noch rechtzeitig einzuholen. Darum begaben sich beide zu Ka Maku, um mit ihm zu reden. Die andern bildeten einen Kreis um sie, um zuzuhören, oder, was diejenigen betraf, die das Gespräch nicht verstehen konnten, wenigstens zuzusehen. Da Winnetou sich lieber schweigend verhielt und nur dann zu sprechen pflegte, wenn es nicht unterlassen werden durfte, ergriff Old Shatterhand das Wort:

»Ka Maku sieht wohl, daß alle seine Gefangenen sich in Freiheit befinden?«

Der Häuptling antwortete nicht; darum ermahnte ihn der Westmann in drohendem Tone:

»Ich pflege nicht gern in den Wind zu reden. Du sollst so mild wie möglich behandelt werden. Antwortest du nicht, so hast du es nur dir zuzuschreiben, wenn wir nur die Rache gelten lassen. Beantworte also meine Frage!«

»Ich sehe, daß sie frei sind,« knurrte er ingrimmig.

»Und daß deine Krieger nun unsre Gefangenen sind?«

»Das sehe ich nicht.«

»Nicht? Kann einer von ihnen das Pueblo verlassen, wenn wir es nicht wollen? Wir brauchen nicht einmal zu dulden, daß sie auf den Dächern stehen. Unsre Gewehre tragen bis zur obersten Terrasse, und wir können sie alle zwingen, in das Innere der Stockwerke zu flüchten. Wo nehmen sie zu essen und zu trinken her? Sie dürfen nicht dorthin herab, wo der Brunnen ist und die Vorräte liegen. Außerdem haben wir dich und deine drei Gefährten fest. Was meinst du wohl, was wir mit euch vornehmen werden?«

»Nichts!«

»Ah, wirklich?«

»Ja, denn es ist keinem von euch ein Leid geschehen.«

»Das haben sie nicht euch, sondern Winnetou und mir zu verdanken. Ihr hattet es anders mit ihnen vor. Ich will es kurz mit dir machen. Es fehlen ihnen noch viele Sachen, welche sich im Pueblo befinden. Wenn ihnen alles, was verloren gegangen ist, ersetzt wird, geben wir euch frei und reiten fort; weigerst du dich aber dessen, so wirst du erschossen, und wir verbrennen deine Skalplocke, daß du in den ewigen Jagdgründen ohne sie erscheinen mußt. Ebenso wird es deinen drei Mitgefangenen ergehen. Entscheide dich! Sieh, eben jetzt geht die Sonne auf. Wenn sie eine Hand breit über dem Horizonte steht, will ich deine Antwort haben. Länger warte ich nicht. Ich habe gesprochen!«

Er stand auf und ging mit Winnetou fort, zum Zeichen, daß er kein weiteres Wort verlieren wolle. Ka Maku starrte finster vor sich hin. Er kannte die Humanität seiner Sieger und glaubte nicht, daß sie ihre Drohung wahr machen würden. Die ganze Beute hergeben, das schien ihm zu viel verlangt. Als die Sonne soweit, wie angegeben, vorgerückt war, kamen die beiden zurück, und Old Shatterhand fragte:

»Was hat Ka Maku beschlossen? Soll die Ersetzung stattfinden?«

»Nein!« stieß er hervor.

»Well! Ich habe dir gesagt, daß ich gesprochen habe; wir sind fertig. Schafft die Kerls fort, nach jenem Felsen hinüber; schneidet ihnen die Skalplocken ab und gebt nachher jedem eine Kugel in den Kopf! Ich habe keine Lust, meine Worte unnötig zu verlieren.«

Sam, Dick und Will, Frank und Droll griffen zu und schleppten die vier Roten nach dem bezeichneten Felsen. Ein Indianer, welcher ohne Skalplocke stirbt und begraben wird, geht der Freuden der ewigen Jagdgründe verloren. Darum schrie der Häuptling, als Hawkens mit der Linken ihn an der Locke ergriff und mit der Rechten das Messer schwang:

»Halt, halt! Ihr sollt alles haben!«

»Gut!« nickte Old Shatterhand. »Es war grad die höchste Zeit; widerrufe aber ja nicht, denn dann gibt es keine Gnade! Ich verlange, daß alles, bis auf den geringsten Gegenstand, ausgeliefert wird. Eure Squaws mögen uns diese Sachen heraus- und herunterbringen; sollten Männer es wagen, zu erscheinen, würden wir sie niederschießen. Bist du einverstanden?«

»Ja,« knirschte Ka Maku.

»So mag dieser Mann hier es den Deinen melden; aber wenn die Auslieferung nicht binnen fünf Minuten beginnt, bist du verloren!«

Er deutete auf einen der Gefangenen; es wurden ihm die Fesseln abgenommen, und dann erhielt er eine Leiter, um auf das Pueblo zu steigen. Erst durch ihn erfuhren die Indianer, daß ihr Häuptling gefangen war. Sie erhoben ein großes Geheul und rannten unter drohenden Gebärden oben hin und her, doch schien der Bote ihnen ernstlich zuzusprechen, und nach den festgesetzten fünf Minuten kamen schon die ersten Squaws mit Lasten herabgestiegen, die sie unten abgaben. Jeder Beraubte nahm das in Empfang, was ihm gehörte und gab an, was ihm noch fehlte. Es wurde scharf darauf gedrungen, daß selbst der kleinste Gegenstand zurückerstattet wurde; das machte freilich viele Mühe, endlich aber war doch alles vorhanden und verteilt. Darum rief der Häuptling:

»Es ist geschehen, was ihr wolltet. Nun bindet mich los und packt euch fort!«

»Du irrst,« antwortete Old Shatterhand ihm ruhig, »ihr habt noch nicht alles ersetzt.«

»Was verlangst du noch?«

»Die Zeit, die uns verloren gegangen ist.«

»Kann ich euch Zeit geben, Stunden schenken?« erwiderte Ka Maku.

»Ja. Wir haben alle deinetwegen eine kostbare Zeit verloren, die wir unbedingt wieder einbringen müssen. Das ist mit den schlechten Pferden, welche einige von uns besitzen, nicht möglich. Ich habe gesehen, daß ihr in eurem Corral sehr schöne Tiere habt; wir werden unsre schlechten gegen eure guten umtauschen.«

»Wage das!« rief Ka Maku, indem seine Augen zornig blitzten.

»Pshaw! Was ist dabei zu wagen? Du glaubst doch nicht etwa, daß ich mich vor dir fürchte! Wer kann es uns verwehren, den Tausch vorzunehmen? Du bist in unsrer Gewalt, und deine Krieger dürfen sich nicht herunter wagen, um uns zu hindern. Unsre Gewehre tragen weiter als die ihrigen; wir würden sie treffen, nicht aber sie uns; das wissen sie recht gut und werden sich also hüten, uns nahe zu kommen.«

»Es würde ein Raub, ein Diebstahl sein!«

»Nur Vergeltung! Ihr seid Diebe; wir aber strafen euch. Sollt ihr alle diese Leute umsonst gefangen genommen und beraubt haben? Man muß euch zeigen, daß der Unehrliche stets dem Ehrlichen unterliegt. Also, dein Widerstreben hilft dir nichts. Winnetou, Sam Hawkens und Droll mögen kommen, um mit mir die Pferde auszulesen!«

Er ging mit den drei Genannten nach dem Corral. Der Häuptling geriet in große Wut; er bäumte sich unter seinen Fesseln und gebärdete sich, als ob er den Verstand verloren hätte. Da trat Frau Rosalie zu ihm und fuhr ihn zornig an:

»Willste gleich schtille sein, du Schreihals ewiger, du! Was biste denn eegentlich? Een Häuptling willste sein? Wennste denkst, daß ich das gloobe, da kommste schöne an! Een Lump biste, een langfingriger Galgenschtrick. Verschtehste mich? Klappse sollteste kriegen, Haue, tüchtige Prügel! Eingeschperrt haste uns, uns arme Würmer! Und nu, da das gerechte Schtrafgericht über dich kommt, wie der Pfeffer off die Suppe, da thuste grad, als obste die reene Unschuld wärscht. Nimm dich in acht und komm' mir nich etwa 'mal in meine Hände; ich reiß dir die Haare alle eenzeln 'raus! So, jetzt weeste, woran du bist und mit wem du es zu thun hast. Bessere dich! jetzt is es vielleicht noch Zeit. Sonst kriegst du's noch mit der Polizei und dem Schangdarm zu thun!«

Sie warf ihm noch einen vernichtenden Blick zu und wendete sich dann von ihm ab. Ihre Worte blieben nicht ohne Wirkung, obgleich er keins derselben verstanden hatte. Desto verständlicher war ihm ihr Ton gewesen. Er sah ihr ganz erstaunt nach und schwieg, schwieg selbst dann, als kurze Zeit darauf die Pferde aus dem Corral gelassen und gesattelt wurden. Es befanden sich seine besten dabei. Aber wenn er auch nichts sagte, seine Blicke redeten um so deutlicher. Es war ihnen anzusehen, daß er auf Rache sann.

Als die auf den obern Stockwerken befindlichen Roten sahen, daß die Weißen aufbrechen wollten, kamen sie mit Hilfe der ihnen gebliebenen Leitern herabgestiegen. Sie glaubten, dies wagen zu können, weil die Bleichgesichter aufgehört hatten, eine drohende Haltung zu zeigen. Hätte man ihnen den Willen gelassen, so wäre kein ruhiger Abzug möglich gewesen. Darum richtete Old Shatterhand seinen Stutzen auf sie und rief drohend:

»Bleibt oben, sonst schießen wir!«

Da sie dieser Aufforderung nicht Folge leisteten, so gab er zwei Warnungsschüsse ab, doch absichtlich ohne jemand zu treffen. Da erhoben sie ein Geheul und wichen nach oben zurück. Sie waren übrigens den Verhältnissen angemessen sehr gut weggekommen, denn außer den Fackelträgern, welche von Old Shatterhand in die Hände getroffen worden waren, hatte keiner von ihnen eine Verletzung davongetragen; Tote gab es gar nicht. Dennoch sagte der Häuptling zu Old Shatterhand, als dieser das Gewehr absetzte:

»Warum schießest du auf meine Leute? Siehst du nicht, daß sie keine feindlichen Absichten mehr haben?«

»Und hast du nicht gesehen, daß auch meine Absicht eine friedliche war?« antwortete der Jäger. »Oder glaubst du, ich hätte treffen wollen und doch Fehlschüsse gethan? Wenn ich will, trifft meine Kugel stets; ich habe sie nur warnen wollen.«

»Aber siehst du nicht, daß einige mit verbundenen Händen oben stehen? Sie erheben dieselben, um mir zu zeigen, daß sie verwundet worden sind.«

»Sie mögen es meiner Güte danken, daß ich nur auf ihre Hände, nicht aber auf ihre Köpfe gezielt habe. Eigentlich hättet ihr alle verdient, erschossen zu werden.«

»Nennst du auch das Güte, daß du uns die Pferde weggenommen hast?«

»Allerdings. Es ist das eine Strafe, mit der ihr sehr zufrieden sein könnt. Eigentlich habt ihr eine viel größere, viel strengere verdient.«

»Das sagt du. Weißt du aber, was ich in Zukunft sagen werde?«

Old Shatterhand machte eine geringschätzige Handbewegung, wendete sich ab und stieg, ohne zu antworten, auf sein Pferd. Die andern waren schon aufgesessen. Da rief Ka Maku, über diese Verachtung entrüstet, ihm zornig nach:

»Ich werde jedem, der zu mir kommt, sagen: Winnetou und Old Shatterhand, die so stolz auf ihre Namen sind, sind unter die Pferdediebe gegangen, und Pferdediebe pflegen gehangen zu werden!«

Der Jäger that, als ob er diese Beleidigung gar nicht gehört habe; aber der kleine Hobble-Frank war so ergrimmt über dieselbe, daß er sein Pferd nahe zu dem Häuptling herantrieb und ihn zornig anfuhr:

»Schweig, Halunke! So een inklusiver Spitzbube, wie du bist, muß froh sein, daß er nich selber an eenem kapitularen Schtricke offgehängt worden is. Dir wäre noch besser, du würdest mit eenem Mühlschteen am Halse ersäuft im Indischen Ozean, da wo er am tiefsten is. Da haste meine Meenung, nu adjes!«

Er wendete sein Pferd und ritt davon, leider ohne sich zu sagen, daß Ka Maku diese deutsche Strafrede gar nicht verstanden haben konnte.


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