Manfred Kyber
Einführung in das Gesamtgebiet des Okkultismus
Manfred Kyber

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Fünfter Vortrag

Träume und Trauerlebnis – Hellsehen und Prophetie

Bevor wir den Problemen des Hellsehens und der Prophetie nähertreten, dürfte es sich empfehlen, einige Worte über den Traum und das Traumerlebnis zu sagen, die in ihrer Weise unter Umständen bereits eine Aufhellung der geistigen Welt bedeuten können. Träume haben ja von jeher in der Geschichte der Menschheit eine große, mehr oder weniger rühmliche Rolle gespielt, und auch im heutigen persönlichen Leben werden ihnen je nach Veranlagung des einzelnen Werte eingeräumt, die ebenso oft bejaht wie bestritten werden. Die Materialisten pflegen alle Träume vom geistigen Standpunkt aus als Unsinn zu bezeichnen und sie lediglich rein körperlichen Ursachen zuzuschreiben. Man wird ohne weiteres zugeben müssen, daß die Materialisten damit in der weitaus größten Zahl der fraglichen Fälle recht haben. Die meisten Träume entstehen sicherlich nur aus körperlichen Zuständen heraus, aus zufälligen mechanisch-physischen Anregungen, die auf das Gehirn einwirken und in seinem Halbbewußtsein während des Schlafes eine Reihe von mehr oder weniger zusammenhängenden Bildern, meist aus Rückerinnerungen gewoben, hervorrufen. Sehr richtig bezeichnet du Prel in seinem Werken den Traum daher als Dramatiker, der, an ein mechanisches Zufallsmoment anknüpfend, ein scheinbares Schaffen entwickelt, eine Art dramatischer Produktivität. Man träumt, durch das Fallen eines Gegenstandes beeindruckt, vielleicht eine seltsame Geschichte von einem Überfall, der mit einem Schuß abschließt, nur daß der Fall des Gegenstandes, der den vermeintlichen Schuß im Halbbewußtsein hervorrief, nicht am Ende, sondern am Anfang der Traumkette steht. Selbst hier also, im rein physisch erklärbaren Traum, ist die Zeit als solche überwunden oder in das Gegenteil ihres normalen Ablaufes verkehrt. Alle diese Träume, die sich, wie du Prel ausführt, auch unter Umständen willkürlich herbeiführen und experimentell verwerten lassen, haben natürlich mit irgend einer Wahrnehmung oder auch nur Aufhellung der geistigen Welten nichts zu tun. Sie sind nicht mehr als Reflexerscheinungen des Gehirns und des Nervensystems, das im Halbbewußtsein mit irgendwelchen Rückerinnerungen auf mechanische Anregungen hin ein vielleicht oft logisches, aber niemals sinnvolles Spiel treiben.

Eine interessantere, aber weitaus seltenere Gattung der Träume sind die sogenannten Wahrträume, das heißt Traumwahrnehmungen, die sich später, und zwar meist genau in allen vorher geträumten Einzelheiten, erfüllen. Es gibt sehr viele Menschen, die solche Wahrträume haben, und wenn man im praktischen Leben meist nicht allzuviel von solchen Vorkommnissen merkt oder hört, so liegt das teils an der sehr äußerlichen Einstellung unserer heutigen Scheinkultur, teils aber auch daran, daß die wenigsten dieser Träume sich wirklich mit irgendwie wichtigen oder eingreifenden Ereignissen befassen, sondern oft nur auf reichlich belanglose Einzelheiten, auf gleichgültige Tagesbegebnisse gerichtet sind, deren genaues Vorherträumen und Eintreffen die Träumer wohl flüchtig interessiert, aber sie kaum näher zu berühren vermag. Da im Schlaf die Zeit als uns gewohnte Dimension aufgehoben ist, ist es einleuchtend, daß die bevorstehenden Dinge, belanglos oder nicht, genau so erschaut werden können wie die zurückliegenden.

Das gleiche trifft zu bei den sogenannten Vorahnungen, die ja auch heute noch viele Menschen haben und die sich von Wahrträumen nur dadurch unterscheiden, daß sie im Tagesbewußtsein erfolgen, anstatt als Traumbilder im Schlafe aufzutreten. Manche Ahnungen sind übrigens auch nichts weiter, als im Unterbewußtsein zurückgebliebene Traumwahrnehmungen. Die eigentlichen Bilder sind vergessen, sind ins Tagesbewußtsein nicht hinübergenommen worden, und nur ihr essentieller Inhalt ist in einem unklaren Gedanken, einem Gefühl, einer Ahnung im Seelischen des Menschen haften geblieben. In diesen Fällen handelt es sich meist um eingreifendere Ereignisse, um Erkrankungen oder Todesfälle nahestehender Personen, um Bilder, die also einen tieferen Eindruck hinterlassen mußten als gleichgültige Tagesbegebnisse. Darum sind Ahnungen meist inhaltschwerer als Wahrträume, der Zahl nach verglichen, sie sind eben Niederschläge wichtiger Wahrträume oder telephatische Wirkungen im Tagesbewußtsein. Es ist ja ohne weiteres einleuchtend, daß ein belangloser Wahrtraum, wenn er nicht aus irgendwelchen Gründen, aus irgendeiner besonderen Veranlagung des Betreffenden heraus, ins Tagesbewußtsein hinübergenommen wird, essentiell, im Unterbewußtsein, keinen Niederschlag als Ahnung hinterlassen wird. Sehr interessante Untersuchungen und reiches Material über das Gebiet der Wahrträume und der Ahnungen finden Sie unter anderem in Flammarions Werk »Rätsel des Seelenlebens« (deutsch im Verlag von Julius Hoffmann, Stuttgart); von den älteren Forschern wäre noch Professor Daumer an dieser Stelle zu nennen, von den neueren Dr. Georg Lomer, der sich eingehend mit Träumen und ihrer Wertung befaßt hat.

Wenn die rein auf mechanischen Ursachen beruhenden Träume eine erste Stufe des Traumlebens darstellen und die Wahrträume seine Mittelstufe sind, so können als dritte und höchste Stufe die Traumerlebnisse gelten, die, bereits von allem Irdischen gelöst, ein Erleben geistiger Welten und eines übersinnlichen Daseins in sich schließen. Das bekannte Fliegen, Tanzen, alle ähnlichen Empfindungen, die den Körper leichter erscheinen oder ganz vergessen lassen, das Schauen wundervoller Landschaften, die kein irdisch vergleichbares Gegenbild haben, das Sehen von Blumen und anderen Pflanzen, die in Farben und Formen unirdisch sind – all das sind Erlebnisse, Realitäten der geistigen Welt, die wahrgenommen werden beim Verlassen des physischen Körpers im Schlafe, sind wirkliches Leben der im feinstofflichen Gewand in eine feinstoffliche Welt gehobenen Individualität des Menschen. Auf ihre Grade und die sehr verschiedenen Gebiete dieser Welt näher einzugehen, würde zu weit führen und den Rahmen dessen überschreiten, was hier vorerst einmal erstrebt werden soll. Alle Ausführungen sollen ja nur Hinweise auf die Eintrittsmöglichkeiten in eine Welt sein, nicht eine Schilderung ihrer zahllosen Erlebnismöglichkeiten im schönen oder grauenhaften Sinne. Sie sollen nur zum Erleben hinführen, zu eigener Wahrnehmung, nicht zum blinden Glauben oder zu ebenso blinder Ablehnung der Welt, die nur solchem Selbsterleben, keiner noch so fein gearteten Diskussion zugänglich sein kann und soll. Ich will hier nur hinzufügen, daß diese Traumerlebnisse, im Verhältnis zu den anderen Träumen gemessen, die seltenste Wahrnehmung zu sein pflegen, wenigstens beim normalen Menschen der heutigen Zivilisation mit ihrem Nützlichkeitsdenken. Sehr viel häufiger treten diese Traumerlebnisse auf beim Beginn einer esoterischen Schulung, die ja beim Eindringen in die geistige Welt unter anderem auch eine Aufhellung des Traumbewußtseins und sein Mithinübernehmen in das sogenannte Tagesbewußtsein anstrebt bis zur eventuellen sogenannten Kontinuität des Bewußtseins, wo das Leben während des Schlafes vom Leben während des Wachzustandes keine Trennung mehr aufzuweisen hat.

Ehe ich das Gebiet der Träume verlasse, will ich auch noch auf die wohl allen bekannte reiche Symbolik des Traumlebens hinweisen. Im Bilderbewußtsein des Traumes äußert sich vieles in reinen Symbolen, ganz abgesehen davon, daß hier Sinnliches und Übersinnliches in den verschiedenen Traumformen durcheinanderwogt und nicht immer leicht zu scheiden ist. Die Symbolik des Traumes zu deuten ist meist sehr schwer, oft ganz unmöglich, und man tut jedenfalls gut, nicht über Dinge nachzugrübeln, die eher zu falschen Folgerungen als zu einer Aufklärung führen werden. Es ist sicher anzuempfehlen, auf Träume wie auf Ahnungen und alle feineren Regungen seelischen Lebens zu achten, ungut aber ist es sicher, ihnen Bedeutung oder ausschlaggebende Wertung einzuräumen, ehe man nicht seiner Sache völlig sicher ist. Das Aufhellen des Traumbewußtseins, das Achten auf bisher überhörte Feinheiten des Seelenlebens bedeutet in erster Linie eine Verfeinerung des ganzen Menschen und seiner Empfindungsmöglichkeiten im allgemeinen, keineswegs soll hier in Einzelfällen ein oft gewagtes Spiel mit Rätseln empfohlen werden. Die Dinge, die sich aus solchem Aufhellen heraus als wirklich und dauernd erweisen, zeigen sich im Laufe der Entwicklung mit ziemlicher Sicherheit durch ein bestimmtes Erlebnisgefühl an, das etwas Dauerndes vermittelt, eine Sicherheit in bestimmter Richtung, ein Hineinwachsen in eine geistige Welt – und erst wenn dieser Grad erreicht ist, sollte man es sich erlauben, auf einzelne Träume und Traumerlebnisse mehr Gewicht zu legen und in ihnen mehr zu sehen als Symptome eines Entwicklungsvorgangs. Damit ist natürlich nicht gesagt, daß ganz ohne solche erzielte Schulung und Gesinnung, besonders in der jetzigen bewegten Zeit, nicht auch einzelne Träume oder Ahnungen Warnungen oder Ratschläge von nahen Verstorbenen oder sonstigen übersinnlichen Wesenheiten darstellen können.

Man sollte auch dieses Gebiet des Okkultismus, wie alle seine Äußerungen, beachten, ohne sich darin kritiklos zu verlieren. Besonders sollte man den beiden wichtigen Schwellen des Bewußtseins, dem Einschlafen und Aufwachen, stets besondere Aufmerksamkeit schenken, sollte mit Bewußtsein und einer entsprechenden Gesinnung beim Einschlafen in die geistige Welt eintreten und sie in gleicher Weise beim Aufwachen verlassen. Nicht unerwähnt möchte ich lassen, daß viele Menschen vor bevorstehenden Katastrophen, umwälzenden politischen oder kosmischen Ereignissen, die viel Schweres mit sich bringen, meist wiederholt und eindringlich von nahen Verstorbenen träumen. Auch Materialisten haben mir diese Wahrnehmung oft mit einigem Erstaunen berichtet. Ohne die Träume zu überschätzen, ohne ihnen einseitig allzugroße Bedeutung im Einzelfall einzuräumen, sind sie doch eine Aufhellung der geistigen Welten, eine Erweiterung der Wahrnehmungsmöglichkeiten in eine übersinnliche Existenz hinein, wenigstens in ihren höheren von mir bezeichneten Formen. Sie gewöhnen, bei sorgfältiger Beachtung, genau wie ihre Schwestern, die Ahnungen, an den früheren Kulturen selbstverständlichen Gedanken, daß wir Bürger zweier Welten sind, daß das, was das eigentliche Leben darstellt, nicht sein grob Greifbares ist, sondern daß es zu lesen ist gleichsam zwischen den Zeilen des Lebens.

In diesem Sinne leiten die Träume in das Gebiet des Hellsehens hinüber, in dem man ja auch eine geistige Welt wahrnimmt, eine geistige Welt erlebt, nur ohne erst die Schwelle des Schlafes überschritten zu haben. Als ich über Spiritismus sprach, versuchte ich bereits, Ihnen den Unterschied zwischen spiritistischer und hellsichtiger Wahrnehmung an einem Beispiel klarzumachen, an das ich jetzt wieder erinnern möchte. Ich sagte Ihnen, daß wir, wenn wir vom Erdgeschoß aus erfahren wollen, ob im ersten Stockwerk Leben vorhanden ist, zwei Möglichkeiten haben: entweder durch ein Loch in der Decke irgend einen Gegenstand aus dem ersten Stockwerk herabzuholen oder aber durch die Öffnung selbst den Kopf in das erste Stockwerk hineinzustecken. Im ersten Fall, der dem Spiritismus entspricht, liegt ein Herabziehen der geistigen Welt ins Grobstoffliche vor, das wohl den Beweis übersinnlicher Existenzen zu erbringen vermag, Folgerungen weitgehender Art aber kaum zuläßt und reiche Irrtumsmöglichkeiten in sich schließt. Im zweiten Fall, der dem Hellsehen entspricht, findet ein Hinaufsteigen in die geistige Welt selbst statt, ein Sichselbstverfeinern in eine feinstofflichere Welt hinein – und somit ein Vorgang, der nicht nur die Existenz der übersinnlichen Welt zu beweisen imstande ist, sondern in ihr selbst Erlebnis herbeiführt und Wahrnehmungen ermöglicht, die, mögen sie auch begrenzt sein, doch immerhin in jenem Lande selbst vermittelt werden, das wir erforschen wollen. Daß beim Betreten eines fremden Landes erst einmal nur ein Einblick und keine Übersicht erzielt wird, liegt auf der Hand. Immerhin aber ist solch ein Einblick ungleich mehr wert und zuverlässiger, als alle Folgerungen, die sich an Gegenstände oder Nachrichten aus dem Lande knüpfen und mehr oder weniger doch nur Hypothesen bleiben können. Insofern ist hellsichtige Wahrnehmung, selbstverständlich unter gehöriger sachlicher Eingrenzung und Prüfung, sicherlich die am weitesten führende Möglichkeit, die Artung geistiger Welten zu erforschen.

Wenn ich vom Hellsehen spreche, so rechne ich unter diesen Begriff gleichmäßig auch das, was man sonst Hellhören, Hellfühlen usw. nennt. Diese verschiedenen Formen feinstofflicher Wahrnehmung ähneln sich im wesentlichen und treten sehr häufig so eng miteinander verbunden auf, daß man sie bei einer Besprechung kaum zu trennen braucht. Zudem läßt sich bei dieser verfeinerten Form der Wahrnehmung oft gar nicht auseinanderhalten, was mehr erschaut, erfühlt oder erhört wird. Der Ausdruck Hellsehen kann aber als vorwiegend in erste Linie gestellt werden, da es sich meist um Bilder handelt, die, unterschiedlich von irdischen Bildern, in vieler Hinsicht doch dem Schauen und dem Bildbegriff am nächsten kommen. Man muß ja stets berücksichtigen, daß man geistige Vorgänge doch nur an analogen physischen vorerst zu erklären imstande ist. Sie sind damit nicht dasselbe, aber sie ähneln dem namhaft gemachten physischen Vorgang am meisten.

Hellsichtige Fähigkeiten können sowohl ererbt als erworben sein. Die ererbte, von vielen auch atavistisch genannte Hellsichtigkeit erstreckt sich meist auf Bilder, die mit der irdischen Welt, ihren Geschehnissen und den menschlichen Schicksalen verbunden sind, die erworbene strebt meist auf Grund besonderer Meditationen oder Konzentrationsübungen an, sich lediglich den Wesenheiten und dem Leben der geistigen Welten zu nähern. Die im übrigen wohl geläufigste Unterscheidung zwischen den Formen des Hellsehens ist diejenige, die räumliches und zeitliches Hellsehen trennt.

Das räumliche Hellsehen ist der unserer Vorstellung eigentlich leichter zugängliche Vorgang. Wenn uns eine Wahrnehmung auf sehr weite Entfernungen auch nicht gleich einleuchtet, so haben wir doch an der drahtlosen Telegraphie, die sowohl Worte als Bilder übermitteln kann, eine Analogie auf technischem Gebiet. Noch begreiflicher kann uns das Hindurchsehen durch Stoffe erscheinen, die dem physischen Auge undurchdringlich sind, da man mit dem gewöhnlichen Auge seit Erfindung der Röntgenstrahlen diesen Vorgang jederzeit ermöglichen kann. Es ist logisch klar, daß man sich die veränderten Bedingungen, die hier durch das Licht dem Auge geboten werden, nur aus dem Licht in das Auge übertragen zu denken braucht, um dem räumlichen Hellsehen sehr nahezukommen und es nicht mehr als so unwahrscheinlich zu empfinden, wie man es sich früher vor Erfindung dieser technischen Parallelen vielleicht denken mochte. Swedenborgs zweites Gesicht, das »secundum visus«, bezieht sich meist auf räumliches Hellsehen in seinen bekannteren Beispielen. Auch Schopenhauer hat in seinen Parerga und Paralipomena im Kapitel »Über das Geistersehen und was damit zusammenhängt« noch heute lesenswerte Untersuchungen darüber angestellt. Eine Reihe solcher Beispiele räumlichen Hellsehens führt auch Flammarion bei Behandlung der Ahnungen und Träume in seinem von mir schon erwähnten Werk »Rätsel des Seelenlebens« an. Räumliches Hellsehen, wie jede Hellsichtigkeit überhaupt, ist meist nicht willkürlich herstellbar, in der Regel wird es wachgerufen durch irgend einen Anlaß, eine Erregung im Menschen, eine besondere Beschaffenheit des fraglichen Gegenstandes, wie zum Beispiel in Spukhäusern usw. Manche können freilich auch, ohne deswegen immer gleich sicher disponiert zu sein, diesen Zustand der Hellsichtigkeit willkürlich in sich wachrufen. In vielen Fällen angeblichen Hellsehens mag Gedankenübertragung vorliegen oder zum mindesten störend oder fördernd hineinspielen. Das ganze Gebiet ist ja eine schwimmende Grenze für andere bisherige Forschung. Uns kann aber vor allem nur die grundsätzliche Frage interessieren, ob es eine hellsichtige Wahrnehmung unter Ausschluß der Gedankenübertragung gibt, und diese Frage muß restlos bejaht werden. Ich besuchte einmal in Berlin eine Hellseherin, die mich nicht kannte und nichts von mir wußte. Sie empfing mich zwar, lehnte es aber gleich darauf ab, mir irgend etwas zu sagen. Sie begründete das damit, daß sie angeblich mit mir keine Fühlung gewinnen könne, weil sie sonst bei allen Menschen eine bestimmte Wahrnehmung vor allen anderen habe, die ihr anzeige, daß sie etwas von dem Betreffenden hellsichtig schauen könne, und dies ihr sonst gewohnte Bild sei bei mir, zum ersten Male in ihrem Leben, ein schwankendes. Sie sähe nämlich stets bei jedem Menschen einen Baum mit zwölf Ästen und an einem der Äste hinge die Waage seines Lebens, um anzuzeigen, daß er in diesem Monat geboren sei. Es ist überflüssig, auf diese Symbolik des Bildes näher einzugehen. Bei mir vermochte sie nun keinen Geburtstag anzugeben – ich sei im Februar geboren und doch nicht im Februar, im März und doch nicht im März. Ich gab ihr die Erklärung, daß ich zur Zeit meiner Geburt im Gebiet russischer Staatszugehörigkeit geboren sei und also nach dem damals geltenden alten Stil im Februar und nach dem neuen Stil im März. Immerhin eine merkwürdige hellsichtige Wahrnehmung beim ersten Erblicken eines Menschen. Wie wenig der Raum für solch ein geistiges Schauen bedeutet, mag Ihnen ein anderes Beispiel klar machen, das eine mir bekannte Dame mit der gleichen Hellseherin erlebte. Die Dame hatte die Hellseherin, eine einfache Frau ohne besondere Bildung, eigentlich mit einem gewissen Hochmut aufgesucht, mit dem Wunsch, die Belanglosigkeit dieser Fähigkeiten nachzuweisen, nicht, etwas ihr persönlich oder wissenschaftlich Wichtiges zu erfahren. Die Frau sagte der Dame ihre Gesinnung auch sofort unverblümt und nicht sehr schmeichelhaft auf den Kopf zu und meinte, sie würde sich dafür nun den Spaß machen, ihre Wohnung zu besuchen und zu schildern. Tatsächlich beschrieb die Frau die ihr völlig fremde Wohnung mit allen Einzelheiten der zahlreichen Räume, gab die Lage der Zimmer, den Charakter der Möbel an und machte sogar zwei Momente namhaft, die in Berlin sehr selten sind und auf bloßes Erraten hin wohl kaum auf eine Wohnung zutreffen würden: sehr viele Wandschränke, wie man sie zum Beispiel in den französischen Häusern findet, und die nächste Nähe eines Sees. Jede dieser Einzelheiten traf zu, und zum Schluß sagte die Frau: »Ich betrete nun ein Zimmer, das an einen Wintergarten stößt, es enthält helle Damenmöbel und ist offenbar Ihr Zimmer. In der Mitte ist ein Schreibtisch. Sie sitzen oft davon und vermögen dort nur schwer Ihre Gedanken zu sammeln. Das liegt daran, daß eine Photographie auf dem Tisch steht, die einen alten Mann mit langem Bart vorstellt. Dieser Mann hat sehr viel im Leben erreicht, aber lange nicht alles, was er erhofft hatte, er hatte so weitgehende Pläne wie wenige. Diese Unerfülltheit gibt ihm etwas Unbefriedigtes, und es stört Sie unbewußt, daß sich das in dem Bilde ausprägt. Ich rate Ihnen, dieses Bild von Ihrem Tisch zu entfernen.« Auch hier stimmte jede Einzelheit, und das Bild war das Leonardos da Vinci, von dessen Schaffen und Schicksal diese Frau keine Ahnung hatte.

Auch hier, wie auf allen Gebieten des Okkultismus, die wir bisher betreten haben, muß ich mich darauf beschränken, Ihnen einige charakteristische Beispiele herauszugreifen und Sie im übrigen auf eigenes Studium von Quellen und Material verweisen, wenn es Sie interessiert, selbst weiter zu forschen. Ich will beim räumlichen Hellsehen nur noch erwähnen, daß meist auch Kinder und Tiere hellsichtig sind. Kinder nehmen sehr viel mehr wahr als Erwachsene, deren feinere Empfindung durch Verstandesdenken und einseitig praktische Gesinnung vergröbert und verschleiert worden ist. Man hört nur meist nicht hin auf das, was Kinder sagen und was doch vielfach gescheiter und interessanter ist, als das, was ihnen darauf sehr von oben herab geantwortet wird. Bei Tieren sind gleichfalls Beobachtungen gemacht worden, die fraglos auf Hellsichtigkeit hinweisen. Oft scheuen Pferde an Stellen, an denen irgend etwas geschehen ist, dessen Reste vielleicht noch wahrnehmbar für ein feineres Empfinden erscheinen können, Hunde heulen meist aus gleichen Anlässen und zeigen Furcht, wo sie sonst sogar sehr wachsam und nichts weniger als feige sind. Das trifft auch nach meinen Erfahrungen zu, die gerade bei Tieren sehr reichhaltig sind durch mein langes und nahestehendes Zusammenleben mit ihnen. Besonders bei sogenannten Spukhäusern wird man das beobachten können. Auch erkennen Tiere sehr häufig schon aus einiger Entfernung, ob ihnen die betreffenden Menschen gut gesinnt sind oder nicht, ohne daß erst eine nähere Berührung nötig wäre, die ihr Urteil vielleicht aus einer sympathischen magnetischen Beschaffenheit herleitet. Es handelt sich dabei wohl um ein hellsichtiges Erkennen der feinstofflichen Beschaffenheit des Menschen, die in ihrem Charakter und den sich darin offenbarenden Eigenschaften auch jedem Hellseher deutlich wahrnehmbar ist. Es würde manchen Leuten unheimlich werden, wenn sie ahnten, wie genau man sie unter Umständen zu durchschauen vermag. Ich möchte nun zu dem für uns eigentlich sehr viel wichtigeren und in seinen Folgerungen auch weit interessanteren Gebiet des zeitlichen Hellsehens übergehen, das, ohne ähnliche Analogien im physischen Leben, uns schwerer faßbar erscheint und gleichzeitig das vielumstrittene Problem der Prophetie in sich einschließt. Es handelt sich hier um Wahrnehmung von Bildern, in denen gleichsam Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der einzelnen Menschen und der ganzen Menschheit leben, um eine Aufhebung dessen, was wir Zeit nennen, wie im räumlichen Hellsehen der Raum aufgehoben wird. Einem höheren Hellsehen erscheint naturgemäß die ganze Geschichte, die man sonst aus sehr verschiedenen und meist sehr einseitigen Gesichtswinkeln betrachtet, völlig anders. Man wird vielleicht hier als Ursprung der französischen Revolution in ihren günstigen Auswirkungen Rousseau erblicken, man wird sehen, welche Werte Jakob Böhme in das Geschehen der Menschheit brachte im Vergleich zu anderen Ereignissen, die, mehr plumper und greifbarer Art, als geschichtlich wichtiger angesehen werden. Mehr noch als vieles andere, das der Verstand allein aufgezeichnet, erweist sich das, was man Geschichte nennt, als mehr oder weniger bewußt gefärbte Täuschung, wenn man einen Einblick in übersinnliche Ursachen und übersinnliches Geschehen erhält. Daß die Prophetie im Altertum bereits eine große Rolle gespielt hat, wissen Sie ja aus dem Alten Testament und aus der Geschichte. In erster Linie werden viele von Ihnen an die zweifelhaften Prophezeiungen denken, an die irreführenden, die eher eine diplomatische Begabung der Priester als ihre hellsichtigen Fähigkeiten erweisen. Ich brauche nur an die bekannte Prophezeiung zu erinnern, die das Delphische Orakel Krösus gab, indem es ihm sagte, er werde, wenn er den Halys überschreite, ein großes Reich zerstören, oder an das ebenso doppelsinnige, von Cicero überlieferte und dem Pyrrhus bestimmte Apollinische Orakel: »Ajo te, Aeacida, romanos vincere posse.« In beiden Fällen sind beide Möglichkeiten in der Fassung der Sprüche enthalten, nämlich daß Krösus sein eigenes oder ein anderes großes Reich zerstören und daß Pyrrhus die Römer besiegen oder von ihnen besiegt werden würde. Diese Fälle priesterlicher Geschicklichkeit und feldherrlicher Ungeschicklichkeit sind für unser Gebiet natürlich ganz belanglos. Uns interessieren nur wirklich erwiesene Prophezeiungen, was zum Beispiel beim Alten Testament in der Regel bei richtiger Deutung zutreffen dürfte.

Um aber bei dem Ihnen näherliegenden Feld der Geschichte zu bleiben, will ich gleich vorausschicken, daß es eine unumstößliche Tatsache ist, daß es fast kein großes Ereignis der Weltgeschichte gibt, das nicht vorher in Form irgend einer Vorhersage vorausgeschaut und vorausgesagt worden wäre. Es ist das Verdienst des bekannten Historikers Dr. Max Kemmerich, der auch auf verwandten Gebieten viel Mut und Geist bewiesen hat, auf diese Tatsache zuerst an Hand eines nicht mehr anzweifelbaren Materials hingewiesen zu haben. In seinem Buch »Prophezeiungen« (Haus Lhotzky Verlag) bringt er eine reiche Fülle vorzüglich beglaubigter, von ihm selbst nachgeprüfter Prophezeiungen. Nun mögen manche einwenden, es sei vielleicht gar nicht so schwer, große politische Ereignisse aus einer gewissen Kausalität heraus vorherzusagen, am meisten pflegen ja gerade diejenigen das zu glauben, die stets alles vorausgewußt haben, wenn es erst eingetroffen ist, und die bekanntlich nicht gerade zu den interessantesten Zeitgenossen zu gehören pflegen. Dieser Einwand, in seltenen Fällen nicht ganz unberechtigt, wird aber sofort hinfällig, wenn nachgewiesen wird, daß es sich bei wirklichen Prophezeihungen um solche mit genauesten Einzelheiten handelt und meist auch um solche, für die irgend eine Ursächlichkeit, die geistreiche Folgerungen erlaubte, nicht vorliegt.

Ich will, um gerade diese Einzelheiten der Prophetie zu beleuchten, gleich am Anfang eine Persönlichkeit herausgreifen, die wohl das erstaunlichste prophetische Phänomen der uns bekannten historischen Zeiten gewesen ist, Michael Nostradamus. Michael de Notredame, einer ehemals jüdischen Familie entstammend, wurde am 14. Dezember 1503 zu St. Remy in der Provence geboren, zeichnete sich besonders durch seine ärztliche Tätigkeit während der großen Pest des Jahres 1546 aus und starb nach einem bewegten und an Studien und Reisen reichen Leben am 2. Juli 1566 zu Salon. Hier entstanden auch seine sogenannten Quatrains, in Centurien geordnet, die Prophezeiungen bis in die Jetztzeit und weit darüber hinaus enthalten und in ihrer Form mehrfach, aus Furcht vor Feinden, verändert oder verschleiert wurden. Die erste Ausgabe der Centurien des Nostradamus erschien 1558 zu Lyon. Es sei hier gleich bemerkt, daß ein Teil der heute wieder bekannt gewordenen Quatrains des Nostradamus nachträgliche Fälschungen sind, die ihm später zugeschrieben wurden. Nostradamus hat zweifellos fast alle großen kommenden Weltereignisse vorausgesehen, und ich empfehle jedem, der sich näher über diese äußerst interessante Persönlichkeit und ihre seltsame Gabe unterrichten will, das Studium des Kemmerichschen Buches. Ich will daraus nur einige Beispiele herausgreifen, um Ihnen einen Begriff davon zu geben, was man unter einer wirklichen Prophezeiung zu verstehen hat und wie fern eine solche in all ihren Einzelheiten einem nur erratenden spekulativen Denken steht. Der 18. Quatrain der IX. Centurie lautet, in der Fassung des damaligen Französisch:

»Le lys Dauffois portera dans Nanci
Jusques en Flandres electeur de l'Empire;
Neusve obturée au grand Montmorency,
Hors lieux prouvés delivré à clere peyne.«

Kemmerich übersetzt mit Pelletier (I, p. 113): »Die Lilie des (bisherigen) Dauphin (die Lilie war bekanntlich das Wappen der Bourbons; Dauffois ist Synkope für Dauphinois = Dauphin) wird nach Nancy kommen und wird bis nach Flandern einen Kurfürsten des Reiches unterstützen (portera = supportera). Neues Gefängnis (obturée lateinisch = obturare, einsperren) dem großen Montmorency. Außerhalb des dazu bestimmten Ortes (prouvés für approuvés) wird er ausgeliefert werden dem Clerepeyne (oder: einer berühmten Strafe). Alle angegebenen Daten, führt Kemmerich weiter aus, passen auf Ludwig XIII. Er drang mit seinen Truppen 1633 in Nancy ein und 1635 weiter bis nach Flandern vor, um die Sache des Kurfürsten von Trier, der 1635 in spanische Gefangenschaft geraten war, zu unterstützen. Und zwar war diese Gefangennahme Anlaß der Kriegserklärung, und Ludwig belagerte Löwen in Flandern. Etwa um die gleiche Zeit, im Jahre 1632, wurde Heinrich II. Montmorency wegen Rebellion gegen seinen Herrn, Ludwig XIII., im neu erbauten Gefängnis des Rathauses in Toulouse eingesperrt (neusve obturée). Darauf wurde er einem Soldaten namens Clerepeyne übergeben, der ihn am 30. Oktober 1632 enthauptete und zwar nicht an dem sonst dafür bestimmten Orte (hors lieux prouvés) – das wäre der Stadtplatz, place du Salin in Toulouse, gewesen – sondern, als Gnade, im verschlossenen Hofe des Rathauses. Auch die Ablösung des Henkers durch einen Soldaten war eine von der Familie Montmorency erwirkte Gnade. Zugetroffen sind also in diesem Quatrain: 1. Der Name Dauphin, da Ludwig XIII. seit einem Jahrhundert, das heißt seit dem Jahre 1566, als die IX. Centurie erschien, der erste König von Frankreich war, der vor seiner Thronbesteigung diesen Titel geführt hatte. 2. Die Ortsnamen Nancy, das der König eroberte, und Flandern, in das er eindrang. 3. Die Person des Kurfürsten, der den Krieg verursacht hatte. 4. Der Name Montmorency, mit dessen Tode die Hauptlinie des uralten Geschlechtes erlosch und der mit Recht »der Große« heißt; denn mit 17 Jahren war er bereits Admiral, zeichnete sich bei der Eroberung von La Rochelle aus und setzte 1630 den Grafen Doria gefangen. 5. Der Name des hinrichtenden Soldaten Clerepeyne. Endlich die Nebenumstände als: Neubau des Rathauses, die Hinrichtung außerhalb der Richtstätte, und zwar nicht durch Henkershand, sondern durch einen Soldaten, dessen Name übrigens auch gleichzeitig eine Bezeichnung der Strafe in sich schließt. Dieser Beweis, einer von vielen, soll Ihnen klarmachen, daß nicht nur Namen und Ereignisse vorausgeschaut werden können, sondern sogar alle ihre kleinsten und scheinbar nebensächlichen Einzelheiten und Begleiterscheinungen.

Ich will nun von Nostradamus noch ein weiteres Beispiel heranziehen, das, ebenfalls sehr charakteristisch für die Art der Abfassung und Einkleidung seiner Quatrains, Ihnen zeigen wird, daß dieser phänomenale Hellseher auch genaueste Zeitangaben zu machen imstande war. Ein der X. Centurie angehängter Quatrain der Ausgabe von 1605 lautet:

»Quand le fourchu sera soustenu de deux paux,
Avec six demi-corps, et six sizeaux ouvers,
Le trés puissant Seigneur, héritier des crapaux,
Alors subjuguera sous soy tout l'univers.«

Zu deutsch: Wenn die Gabel unterstützt sein wird von zwei Pfählen (paux ist Plural von pal = pieu), mit sechs Halbhörnern (corps ist Schreibfehler statt cors) und sechs offenen Scheren, dann wird der sehr mächtige Herr, Erbe der Kröten, sich unterwerfen das ganze Reich. Das klingt unsinnig, ergibt aber nach Le Pelletiers Auflösung eine genaue Zeitangabe. Der Buchstabe V kann sehr wohl als Gabel bezeichnet werden. Dann entsteht, wenn wir in der Bildsprache fortfahren, durch Unterstützung des V mit je einem Pfahl an der Seite der Buchstabe M. Der Zahlenwert dieses lateinischen M aber ist 1000. Ein Halbhorn, das heißt die Hälfte eines Jagdhornes, bildet ein C, dessen Zahlenwert 100 entspricht. Ein Paar geöffnete Scheren bildet ein X mit dem Zahlenwert 10. Dann erhalten wir ein M, sechs C und sechs X zusammenschreibend, also MCCCCCCXXXXXX, die Jahreszahl 1660. – Die Kröte war das Wappentier der ersten Merowinger, das erst unter den späteren durch die Lilie ersetzt wurde. Es handelt sich also um einen König von Frankreich und zwar um einen sehr mächtigen, Ludwig XIV. Dann aber heißt die Prophezeiung: im Jahre 1660 wird der sehr mächtige Herrscher, Erbe des merowingischen Wappens, unter sein persönliches Regiment sein ganzes Reich bringen. Und diese Prophezeiung stimmt. Denn nach dem Tode des allmächtigen Kardinals Mazarin, am 9. März 1661, ergriff tatsächlich der Sonnenkönig die Zügel der Regierung mit der Energie, die ihn in der Geschichte als Prototyp des absoluten Monarchen fortleben läßt.

Vielleicht werden auch hier manche einwenden, es sei eine sehr ausgeklügelte Deutung, wenn auch mit erstaunlichem Resultat. Aber auch dafür, daß Nostradamus in der Lage war, eine Jahreszahl deutlich und unverschleiert vorauszusagen, haben wir Belege. Wie schon gesagt, hat er ja meist mit Absicht seine Quatrains verdunkelt, aber ein einziges Mal macht er eine Ausnahme, und zwar in einem Brief an Heinrich II., den er als Widmung der zweiten Sammlung seiner Centurien vorausschickt und der vom 27. Juni 1558 datiert ist. Hier finden wir neben einer Zusammenstellung der wichtigsten und sensationellsten Ereignisse auch genaue Zahlenangaben. Es heißt darin: »Und dann wird der Anfang sein, versteht sich, von dem was dauern wird, und in diesem Jahre wird beginnend eine größere Verfolgung der christlichen Kirche stattfinden, wie die in Afrika war, und ebenso lange dauern; im gleichen Jahre 1792 wird man glauben eine neue Zeitrechnung einzuführen.« Die Kirchenverfolgung der französischen Revolution ist bekannt, wie auch ihr alberner Kult mit einer Göttin der Vernunft, und der neue Kalender begann seine Zeitrechnung mit der Herbsttagundnachtgleiche am 22. September 1792 um Mitternacht. Sehr treffend ist auch der Ausdruck, daß man glauben wird, eine neue Zeitrechnung einzuführen, denn die Herrschaft dieses Kalenders war von sehr kurzer Dauer.

Ich denke nun, Ihnen einen genügenden Einblick und Beweis dessen gegeben zu haben, was man unter Prophetie, unter zeitlichem Hellsehen versteht. Ich griff zu diesem Zweck die Prophetien des Nostradamus heraus, als des größten prophetischen Phänomens, das unserer Nachprüfung zugänglich ist. Damit ist nicht gesagt, daß er das einzige war, vor ihm und nach ihm gibt es viele Namen und zahllose Beispiele, die das gleiche verbürgen. Die bekannten Prophezeiungen des Cazotte über die französische Revolution möchte ich hier übergehen, sie werden, wenn auch kaum mit wesentlichem Recht, vielfach angezweifelt, und mir liegt daran, Ihnen ein zweifelsfreies Material zu unterbreiten. Für mich sind Cazottes Aussagen durchaus wahrscheinlich, wenn sie auch vielleicht später ein wenig ausgeschmückt wurden, denn für mein Denken und meine Erfahrung ist zeitliches Hellsehen nichts Erstaunliches, sondern etwas ganz Selbstverständliches.

Aber auch aus der allerletzten, neuesten Zeit kann ich Ihnen von den vielen Beispielen solcher Fähigkeit eines herausgreifen, das völlig verbürgt und nachprüfbar in Bezug auf seine Entstehungstermine ist, nämlich die Prophezeiungen der Madame de Ferriem, die sie in ihrem Buche »Mein geistiges Schauen in die Zukunft« teilweise niedergelegt hat und die ebenfalls von Dr. Max Kemmerich sorgfältig untersucht wurden. Madame de Ferriem ist übrigens keine Französin, sondern eine Berlinerin, und der fragliche Name ist ein Pseudonym. Madame de Ferriem hat eine Reihe von Ergebnissen der letzten Zeit, den Hafenbrand in Newyork, die Sturmflut in Swinemünde und vor allem auch mit allen Einzelheiten das Unglück in den Kohlengruben von Brüx-Dux genau vorausgesehen. Sie hat diese Bilder, wie sich an Aufzeichnung von Zeugen verfolgen läßt, sehr deutlich in einer Art von Trancezustand gesehen und anschaulich geschildert. Es rollt sich also ein vorausbestimmter Vorgang als im Geistigen gleichsam existierend vor einem solchen Schauen ab, so bildhaft wie sein späteres getreues Abbild in der physischen Welt. Als charakteristisch möchte ich einige Stellen aus dem Visionsbericht der Frau Ferriem anführen, die sich auf das Unglück von Brüx-Dux beziehen: »Die ganze Gegend ist so schwarz, es sind lauter kleine Hütten da. Die Leute, die ich sehe, reden eine andere Sprache, auch verschiedene Sprachen, alles durcheinander. Jetzt wird einer herausgebracht, der einen Gurt mit einer blanken Schnalle umhat. Dort ist einer, der hat eine Lampe mit einem Gitter. Es ist ein Kohlenbergwerk. Ich verstehe, was der eine jetzt sagt. Er sagt: ›Die Ärzte kommen alle aus Brüx‹ – ach, das ist ein böhmischer Ort. Wie die Männer aussehen, sie sind ganz von Rauch geschwärzt, sind gewiß alle in der Erde erstickt. Mit einem solchen Zug, der eben angekommen, bin ich schon gefahren. Da steht es dran, der kommt doch von Eger. Ja, es ist Böhmen. – Das sind doch wohl Ärzte, die da reiben? Viele haben Binden mit einem Kreuz um die Arme. – Ach, das ist wohl ein Schaffner, der da steht? Ich höre, was er sagt: ›In den Kohlengruben von Dux‹, sagt er; aber ich lese doch Brüx. Der da hat's an der Binde.« Dieser Visionsbericht, in dem Hellsehen und Hellhören, wie übrigens meistens, zusammen auftritt, ist vor Eintreffen der Prophezeiung veröffentlicht worden.

Erwähnen möchte ich, daß die größte Zahl derartiger Gesichte tragischer Natur ist – kein Wunder, da ja auch das Leben überwiegend tragisch ist und besonders dasjenige solcher Menschen, die irgendwie Führung oder Stellung einnehmen und die häufiger vielleicht als andere Gegenstand solcher Prophezeiungen sein werden. Aufmerksam machen möchte ich auch darauf, daß selbst bei sehr genauen Voraussagen, die sonst alle Einzelheiten in einer oft erstaunlichen Weise enthalten, Personen und deren Kleidung in jeder Kleinigkeit zu schildern vermögen, die Zeitangaben stets mit größter Vorsicht aufzunehmen sind. Das Bild ist Vorbild eines einmal im Physischen sich realisierenden Bildes, die Zeit aber ist eine Relation, etwas, was im Übersinnlichen, wie wir schon mehrfach, zum Beispiel auch bei den Träumen, sahen, ein anderes Empfindungsmaß hat als im Rahmen der körperlichen Sinne. So genaue Zeitangaben, wie die von Nostradamus genannten, sind Ausnahmen. Im allgemeinen wird der Zeitpunkt eines Ereignisses mehr empfunden als gesehen, oder er wird je nach Schärfe und Deutlichkeit, sozusagen nach der Nähe des Bildes eingeschätzt, so daß stets ein sehr dehnbarer Spielraum übrig bleibt. Etwas anderes ist es, wenn im Bilde selbst Anhaltspunkte für die Zeit vorhanden sind, allgemeine, wie beispielweise die Jahreszeit nach dem Aussehen der Bäume, oder aber ganz besondere. Für letzteren Fall ist mit die Prophezeiung einer Hellseherin erinnerlich, die sich auf den Tod einer bayerischen Prinzessin bezog. Die Frau sah das Bild des in der Kirche aufgebahrten Sarges und las auf der Schleife eines der den Sarkophag schmückenden Kränze das Datum des Todestages. Dieses Datum stimmte genau, nur folgerte die Hellseherin in sofern falsch, als sie von diesem Bilde auf das Ableben einer damals gerade erkrankten Prinzessin des bayerischen Hauses schloß. Tatsächlich starb eine andere, aber genau an dem vorausgesehenen Tage, so daß hier eine völlig richtige Wahrnehmung mit genauer Zeitbestimmung vorliegt, aber mit einer falschen und lediglich mit dem Verstande gezogenen Folgerung.

Außer diesen nachträglich einsetzenden Folgerungen, die mit dem Bilde nichts mehr zu tun haben, werden hellsichtige Wahrnehmungen auch häufig getrübt oder beeinflußt durch persönliche Wünsche und Gefühle, die mehr oder weniger bewußt in das hellsichtige Schauen sich einmischen. Das trifft besonders auf alle politischen Prophezeiungen in hohem Grade zu, und zwar um so mehr, je näher sie den Ereignissen stehen und je mehr die Betroffenden nationale Empfindungen hinzutun oder doch zum mindesten sich nicht von ihnen freimachen können. So beeinflußt sind die meisten Prophezeiungen kurz vor dem Weltkriege oder während seines Verlaufes, darunter auch die von der französischen Seherin Madame de Thèbes, die freilich auch eine ganze Reihe sehr treffender und interessanter Voraussagen gemacht hat. Darum sind im allgemeinen diejenigen politischen Prophezeiungen vorzuziehen, die lange zurückliegen und eine Verkettung mit der persönlichen Gefühlswelt des Hellsichtigen möglichst ausschließen. Nennen möchte ich an dieser Stelle auch die sehr merkwürdigen Voraussagen des Jakob Lorber, der in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts den Weltkrieg und die kommende Kulturkatastrophe mit ziemlicher Genauigkeit angegeben hat, abgesehen von allerlei in religiöser Hinsicht recht interessanten Daten. Auch Jakob Böhme gründete ja bekanntlich seine Werke auf ein hellsichtiges Schauen, auf Gesichte, die Größeres enthalten, als man heute anzunehmen geneigt ist. So genau manche Prophezeihungen den Weltkrieg und seine Folgen mit ziemlicher Übereinstimmung auch schildern, so finden sich verhältnismäßige wenig Angaben darüber, was nach jener Weltrevolution eigentlich kommen solle. Meist sind es Hinweise auf eine neue höhere Kultur, die dem Tausendjährigen Reiche verwandt ist, deren Herbeiführung und Zeitpunkt aber sehr widersprechend angegeben werden. Es scheint, wohl mit Recht, daß hier am Angelpunkt einer Kulturwende, der menschlichen Willensmöglichkeit weiterer Spielraum als bisher gelassen ist, daß man beschleunigen oder verzögern, verbessern oder verschlechtern könne. Es dürfte wohl auch kaum ein Ereignis seit dem Untergang der Atlantis, der uns ja historisch nicht faßbar ist, mit der heutigen noch lange nicht beendeten Katastrophe der Menschheit zu vergleichen sein. Dies ist auch meiner Ansicht nach der Grund, warum die sonst sehr geistreichen Untersuchungen von Kemmerich und Stromer von Reichenbach über den internen und externen Parallelismus in der Weltgeschichte nur in zweiter Linie sich erfüllen dürften, mehr als Rahmen wie als Entscheidung, mehr als Nebenerscheinung des Hauptbildes, dessen Konturen in ihrem kaum faßbaren Ausmaß noch nicht feststehen.

Ich erwähnte schon die Prophetie des Altertums, das Orakel von Delphi, die römischen Auguren und die heidnischen Priester und Priesterinnen. Bei allen liegt, wenn es sich nicht, wie in sehr vielen Fällen, um bewußten Betrug handelt, ein mehr oder weniger ausgeprägtes Hellsehen vor. Die Weissagungen der Bibel, der Mythologie, beruhen auf hellsichtigen Wahrnehmungen großer Eingeweihter und geistiger Führer, die ihre Voraussagen in Bilder kleideten, die, wenn auch nicht immer jedem verständlich, meist tief Geheimnisse und Erkenntnisse bergen. Im Mittelalter ist auch dieser Zweig des Okkultismus immer mehr korrumpiert und einem abergläubischen Chaos zugetrieben worden, gegen das als einzig mögliche Reaktion der Rationalismus entstehen mußte.

Das ändert natürlich nichts an der Tatsache der Prophetie als solcher und der Forderung des Tages, nun wieder die Denkfehler des Rationalismus abzulegen, die einmal eine vorübergehende Notwendigkeit waren.

In meinen früheren Vorträgen, bei Erklärung der niederen Magie, nannte ich unter anderem auch die niedermagischen Verrichtungen, die sich auf das Hellsehen gründen, zum Beispiel das Kartenschlagen, die Kataptromantie, die Daktylomantie und ähnliche. Beim Kartenschlagen sowohl wie beim Wahrsagen aus dem Spiegel oder dem polierten Fingernagel, beim Prophezeien aus dem Kaffeesatz und anderen oft komischen Manipulationen spielen die betreffenden Gegenstände eine sehr untergeordnete Rolle. Sie dienen kaum zu mehr, als zu einem gewohnheitsmäßigen Wachrufen gewisser, oft nur sehr schwacher gradweiser Hellsichtigkeit, die den Vertretern dieser zweifelhaften Künste oft gar nicht einmal deutlich bewußt ist. Es erübrigt sich wohl zu sagen, daß man mit den Äußerungen so geringer Anlagen von Hellsichtigkeit mehr als zurückhaltend umgehen muß. Manchmal setzen einen freilich auch solche Pythien in Erstaunen, und man erwartet hinter ihren primitiven Mitteln nicht einen so erheblichen Grad von hellsichtiger Begabung. Übrigens ist eine solche in Familien und Völkerstämmen oft erblich, zum Beispiel bei den Zigeunern. Häufig finden sich das sogenannte zweite Gesicht auch im Norden, besonders an der Küste, wo das viele Hinstarren auf den glänzenden Seespiegel ähnliche Wirkung hervorrufen kann, wie das Schauen in den Kristall, das Fixieren polierter Flächen usw. Die Chiromantie oder Handlesekunst und noch weit mehr die Graphologie und ihre Schwestern, die Phrenologie und Physiognomik, fußen freilich auf einem realeren System und haben ihre sehr fein ausgebildeten Methoden. Ich habe aber auch hier die Beobachtung gemacht, daß niemand auf diesen Feldern Wesentliches zu leisten vermag, bei dem nicht zu den faßbaren Kenntnissen eine nicht faßbare Kombinationsgabe hinzutritt, die in ihrem rein intuitiven Charakter an Hellsichtigkeit grenzt.

Ich sprach schon über den Doppelsinn der Orakel und nannte Ihnen die bekannten Beispiele des Krösus und Pyrrhus, die zweifellos auf einem Betrug oder zum mindesten auf betrügerischer Vorsicht der Priester beruhten. Solche unlauteren Beweggründe brauchen aber keineswegs immer bei jedem doppelsinnigen Orakelspruch vorzuliegen, zum Beispiel meines Erachtens kaum bei der Prophezeiung, die Julia Apostata gegeben wurde, als man ihm sagte, er würde sterben in phrygischer Gegend. Er starb nicht in Phrygien, sondern auf dem Feldzug bei Ktesiphon 363. Die Umgebung eines kleinen Dorfes dort aber hieß die phrygische Gegend. Eine ähnliche Doppelsinnigkeit kommt öfters vor, und es liegt vielfach an dem persönlichen Wunschleben oder den Gedanken des Betreffenden, wenn er sie in seiner Weise anders deutet, als sie gemeint ist.

Zum Schluß will ich Ihnen noch ein überaus interessantes Beispiel anführen für die Unvermeidlichkeit eines Geschehens, für die Unentrinnbarkeit einem Schicksal gegenüber. Ich entnehme die Daten dem schon erwähnten Buche von Flammarion, »Rätsel des Seelenlebens«. Flammarion zitiert nach den »Annales psychiques«, 1896, p. 237: »Herrn X. wurde von einer Kartenschlägerin gesagt, er würde an einem Schlangenbiß sterben. X. war Administrator und hatte immer einen Posten auf der Insel Martinique ausgeschlagen, weil dort viele gefährliche Schlangen vorkommen. Endlich schlug ihm Herr B., der Direktor des Innern in Guadeloupe, vor, eine brillante Stellung unter seiner Leitung in dieser Kolonie, die gar keine Schlangen hat, anzunehmen. Herr X. kehrte von seinem Aufenthalt in Guadeloupe nach Frankreich zurück. Das Schiff legte in Martinique an, und Herr X. wagte nicht, auch nur für einige Stunden an Land zu gehen. Wie immer kommen Negerinnen an Bord und bieten Früchte feil. Herr X. greift nach einer Orange im Korb einer Negerin, schreit auf und weiß sofort, daß ihn eine Schlange gebissen hat. Die Negerin stürzt den Korb um und findet die Schlange unter den Blättern, die den Korb verzieren. Einige Stunden nachher war Herr X. eine Leiche.«

Sie werden mich nun fragen, wie man sich persönlich zum Hellsehen stellen soll – und ich möchte Ihnen darauf antworten: wie zu allen Gebieten des Okkultismus auch zu diesem wichtigsten: ohne materialistischen Dünkel und ohne mystischen Aberglauben. Ich empfehle niemandem, die Gelegenheiten aufzusuchen, sich von hellsichtigen Personen sein Schicksal sagen zu lassen. Ebensowenig aber würde ich es in einer so ereignisschweren Zeit, wie der heutigen, für richtig halten, einer sich von selbst bietenden Möglichkeit ängstlich auszuweichen, es sei denn, daß man eine deutliche Abneigung davor empfindet, die dann wohl meist eine Warnung des Überbewußtseins sein dürfte. Freilich soll man sich nicht irgendwelche Voraussagen aus billiger Neugier machen lassen. Wird einem nun aber von einem Hellsichtigen etwas gesagt, so ist es eine unerläßliche Bedingung, daß er auch vor allem Ereignisse der Vergangenheit richtig anzugeben vermag, denn die Zukunftsangaben allein können ebensogut nichts als Spielerei oder Betrug sein. Ein Beweis der Hellsichtigkeit ist im persönlichen Falle erst dann erbracht, wenn auch die sofort nachprüfbare Kenntnis der Vergangenheit wenigstens in einzelnen charakteristischen Momenten geboten wird.

Ferner sollte man niemals blind auf solche Aussagen sich verlassen, sein Handeln und Denken nun ganz nach ihnen einrichten. Auch ein Hellseher ist kein Automat und kann sich sehr täuschen, kann indisponiert sein usw. Zudem muß man sich stets vor Augen halten, daß selbst ein hochgradig hellsichtiger Mensch doch nur Teilbilder eines Schicksales beim anderen sehen wird, Bilder, die in ihrer Weise wohl sich erfüllen mögen, die aber sehr wesentlich modifiziert werden können durch andere, die der Hellseher in diesem Augenblick nicht wahrnimmt. Im allgemeinen sind spontan auftretende Gesichte zuverlässiger als wunschgemäß herbeigeführte, doch pflegt auch hier die Eigenart des Hellsehers verschieden zu sein. Ferner sollte man versuchen, so gut als es möglich ist, das geschaute Bild und die Folgerung, die der Hellseher oder man selbst daran knüpft, auseinanderzuhalten, was freilich nicht immer ganz leicht ist. Mir ist ein sehr bezeichnender Fall bekannt, der gerade auf diese Forderung hinweist. Es wurde jemand im Jahre 1912 von einer Hellseherin gesagt, er solle nur ja kein Revolutionär sein, in seinem Leben bestünde die Gefahr, erschossen zu werden, und zwar durch eine Hinrichtung. Der Betreffende war weder Reaktionär noch Revolutionär und ändert seine Ansichten auch in keiner Weise auf diese Warnung hin. Tatsächlich kam er viele Jahre später, im Jahre 1919, in die andauernde Gefahr, in dieser Weise hingerichtet zu werden, und zwar im kommunistischen Terror in Rußland, aber nicht als Revolutionär, sondern als angeblicher Bourgeois. Das Bild war also völlig richtig gesehen, immerhin sehr erstaunlich zu einer Zeit, wo niemand an solche Dinge dachte, aber die Folgerung der Hellseherin war falsch, als sie sich mit einem reinen Verstandesdenken den Vorgang nach der damaligen Lage zu erklären versuchte, wo vielleicht höchstens ein Anarchist von einem solchen Tode bedroht sein konnte. – Unter allen angeführten Gesichtspunkten aber richtig eingeschätzt, kann die Angabe eines Hellsehers zur wertvollen Bereicherung des Horizonts werden – und nur das soll sie sein, keine Willenslähmung.

Hellsichtigkeit ist, wie ich schon sagte, ein Hinaufsteigen ins Geistige, zum Unterschied vom Spiritismus, der das Geistige ins Grobstoffliche hinabzieht. Darum ist auch meist der Hellseher nicht nur der Wahrnehmung, sondern auch dem Charakter nach dem Medium bei weitem überlegen, und man findet unter wirklich guten Hellsehern wohl nur sehr selten minderwertige, unethische Naturen. Man kann auch zum Unterschied von der Medialität in ihrer schroffen Form Hellsichtigkeit keinesfalls als etwas Krankhaftes ansehen, sondern als eine durchaus gesunde, der heutigen Zeit und Entwicklungsepoche nur mehr als früher abhanden gekommene Fähigkeit. Übrigens sind weit mehr Personen auch heute noch hellsichtig, als man in der Regel anzunehmen pflegt. Bemerkenswert ist auch der fast stets vorhandene feine Takt der Hellsichtigen, mit dem sie, auch wenn sie sonst vielleicht wenig gebildete und sehr einfache Menschen sind, menschliche Schicksale und ihre oft sehr heiklen Einzelheiten behandeln. Es tritt dabei eben der Umstand in Mitwirkung, daß der Hellseher doch gewissermaßen über den Dingen steht, und zudem die irdischen Dinge im Geistigen eine sehr andere Wertung haben, als in dem uns gewohnten Denken. Es kommt auch kaum vor, daß ein Hellseher jemand seinen eigenen Tod oder sonst ein vielleicht zu erschütterndes Ereignis voraussagt. Das findet nur in den sehr seltenen Fällen statt, wenn der Fragende den geistigen Welten näher steht als der physischen, und ihm der Tod nichts Schreckhaftes mehr bedeutet. Einem Hellseher, der das nicht beachtet, soll man mit Recht sehr mißtrauisch begegnen, er wird kaum viel sagen können, denn sein Mangel an Takt über das, was er sagen darf, beweist seine Unsicherheit in der von ihm geschauten und nicht überschauten Welt. Krankhaft ist Hellsehen dann, wenn, was bei Schwächung der Nerven leicht eintritt, die an sich regulierbare Fähigkeit nicht mehr ausgeschaltet werden kann und der Betreffende in den qualvollen Zustand gerät, alles dauernd sehen zu müssen, was um andere Personen sich an Bildern der Vergangenheit oder Zukunft herumspinnt, oder wenn er physische und übersinnliche Realität nicht mehr auseinanderzuhalten vermag, auf der Straße zum Beispiel Personen ausweicht, die niemand sonst wahrnimmt usw. Eine Überspannung der Gabe gefährdet meist die Gesundheit.

Das in einigen engeren Kreisen und Geheimschulen herangeschulte, methodisch durch Meditationen und ähnliche Übungen erstrebte Hellsehen richtet sich in der Regel nicht mehr auf Vorgänge, die noch im Sinne eines Schicksals mit der Welt irdischer Begierden, Leiden und Freuden verbunden sind. Es soll vielmehr in erster Linie die Wahrnehmung der geistigen Welt als solcher zur Gewohnheit machen und ihre Durchdringung immer weiter fördern und ausbilden. Ich erspare es mir, in einem öffentlichen Vortrag näher darauf einzugehen.

Eine Erklärung des Hellsehens kann man, soweit das in großen Zügen überhaupt möglich ist, kurz zusammenfassen: es handelt sich dabei meist um eine Lockerung des Astralleibes vom grobstofflichen physischen Körper oder um eine Tätigkeit übersinnlicher Wahrnehmungsorgane, die in der indischen Esoterik Chakrams oder Räder genannt werden, auch Lotosblumen mit Rücksicht auf ihre Ähnlichkeit mit diesen Formen. Auch hierüber erübrigt es sich, Näheres zu sagen, das jeder selbst finden kann, wenn er will. Nur auf eine sehr charakteristische Seite hellsichtiger Wahrnehmung will ich noch hinweisen. Die Bilder sind meist von großer Schärfe, wie unter der Lupe gesehen, ferner haben sie das Licht meist von innen, aus sich selbst heraus, nicht von außen, wie ein physisches Bild oder eine nur dem Gehirn entstammende Halluzination. Sie sehen zum Beispiel eine Blume hellsichtig so, als wäre sie mit Blättern und Blüten aus grünem und rotem Glase gefertigt, durch das nun im Inneren in sonst dunkler Umgebung eine elektrische Leitung intensivstes Innenlicht strahlen und die Blume in sich und aus sich selbst durchleuchten würde.

Nachdem wir nun die Tatsächlichkeit nicht nur des Hellsehens, sondern auch der Prophetie im weitesten Sinne und bis zu allen Einzelheiten, ja vor allem bis zur Unentrinnbarkeit einem gegebenen und vorausgeschauten Schicksal gegenüber, kennen gelernt haben, erhebt sich die wichtigste, aus diesem Gebiet des Okkultismus sich von selbst aufdrängende Frage, die den Ausgangspunkt meines letzten Vortrages bilden wird: Was ist Schicksal und was ist freier Wille?


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