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Sechstes Kapitel. Eine Einbrecherfalle.

Ich war eben im Begriff, mein Licht auszublasen, als das Telephon im nächsten Zimmer ein wildes Sturmgeläute erschallen ließ. Mehr schlafend als wachend fuhr ich aus meinem Bett heraus. Eine Minute später, und ich hätte den Ruf überhaupt nicht mehr gehört, denn es war ein Uhr morgens, und ich hatte mit Swigger Morrison in dessen Klub diniert.

»Wer dort?« rief ich.

»Bist du's, Bunny?«

»Ja – Raffles?«

»So viel von mir überhaupt noch übrig ist! Bunny, ich brauche dich – rasch!« Und selbst durch den Draht klang seine Stimme matt vor Angst und Sorge.

»Was in aller Welt ist denn geschehen?«

»Frage nicht. Du ahnst nicht –«

»Ich komme sofort. Bist du noch da, Raffles?«

»Was – sagst – du?«

»Ob du noch da seist, Mensch!«

»J–a.«

»Im Albany?«

»Nein, nein: bei Maguire.«

»Das hattest du mir ja noch gar nicht gesagt. Und wo wohnt denn dieser Maguire?«

»In der Half-moon Street.«

»Die kenne ich. Ist er jetzt auch dort?«

»Nein – noch nicht nach Hause gekommen – und ich bin – gefangen!«

»Gefangen!«

»Ja, in jener Falle, mit der er geprahlt hatte. Geschieht mir ganz recht, denn ich glaubte nicht daran. Nun aber bin ich doch erwischt – doch erwischt!«

»Und er sagte uns auch noch, daß er sie jeden Abend stelle. O Raffles, was für eine Art Falle ist es denn? Was soll ich tun? Was soll ich mitbringen?«

Seine Stimme hatte bei jeder Antwort schwächer und mühsamer geklungen, und nun kam überhaupt keine Antwort mehr. Wieder und wieder fragte ich, ob er noch da sei, allein kein andrer Laut als das leise, metallische Summen der elektrischen Drähte zwischen seinem und meinem Ohre erreichte mich. Erst nachher, als ich wie geistesabwesend dasaß und meine vier sichern Wände anstarrte, während ich den Empfänger noch immer an mein Ohr gepreßt hielt, vernahm ich ein kurzes Stöhnen und gleich darauf zu meinem Entsetzen das dumpfe Geräusch eines zu Boden stürzenden menschlichen Körpers.

In panischem Schrecken lief ich in mein Schlafzimmer zurück, fuhr dann hastig in das zerknitterte Hemd und den Gesellschaftsanzug, der noch da lag, wo ich ihn hingeschleudert hatte. Allein ich wußte weder, was ich tat, noch was ich tun sollte. Erst später fand ich, daß ich eine frische Krawatte herausgenommen und sie eher besser als gewöhnlich geknüpft hatte. Dagegen erinnere ich mich, daß ich nichts andres zu denken vermocht hatte, als an den in irgend einem satanischen Falleisen steckenden Raffles und an ein grinsendes Ungeheuer, das sich hereinschlich, um ihm mit einem einzigen mörderischen Schlage vollends den Garaus zu machen. Ich mußte ja wohl in den Spiegel gesehen haben, um mich so sorgfältig anzukleiden: aber nur das geistige Auge war das sehende Auge, und dieses war ganz erfüllt von der fürchterlichen Vision des weit und breit unter dem Namen Barney Maguire berühmten und berüchtigten Preisboxers.

Erst die Woche zuvor waren Raffles und ich ihm im Imperial Boxingklub vorgestellt worden. Als wuchtiger Champion der Vereinigten Staaten war der Kerl noch ganz trunken von seinen »drüben« errungenen rohen Triumphen und brannte nun nach neuen, über uns davonzutragenden Siegen. Allein sein Ruf war ihm über den Ozean vorausgeeilt, und so hatten die feinen Hotels ihm ihre Türen verschlossen, so daß ihm nichts andres übrig geblieben war, als ein Haus in der Half-moon Street zu mieten und es pomphaft einrichten zu lassen, ein Haus, das bis auf den heutigen Tag nicht wieder hat vermietet werden können. Raffles hatte sich mit diesem prunksüchtigen Untier angefreundet, während ich mir verstohlen seine Diamanthemdenknöpfe, seine juwelenbesetzte Uhrkette, seine achtzehnkarätigen Armbänder und seinen sechs Zoll breiten Unterkiefer einschärfte. Schaudernd hatte ich mit angesehen, wie Raffles auch seinerseits diesen Tand bewunderte, und zwar mit jener Miene eines kaltblütigen Kenners, die für mich eine doppelte Bedeutung hatte. Ich für mein Teil hätte jedoch ebenso gerne einem Löwen in den Rachen geschaut. Als wir dann schließlich Maguire nach Hause begleiteten, um uns auch seine übrigen Trophäen anzusehen, war mir zu Mut, als beträten wir die Höhle des Löwen. Und eine wunderbare Höhle war es in der Tat. Einheitlich von einer berühmten Firma eingerichtet, war ihr bis zum Dachstuhl hinauf der Stempel des Phantastischen aufgedrückt.

Eine noch größere Überraschung aber boten die Trophäen selbst. Sie klärten mich über die rosigere Seite der edlen Boxerkunst, wie sie gegenwärtig jenseits des Ozeans ausgeübt wird, auf. Unter andern Gaben durften wir auch den juwelenbesetzten Gürtel in die Hand nehmen, der dem Preisboxer vom Staate Newada gestiftet worden war; ferner einen goldenen Block in der Größe und Form eines Ziegelsteins von den Bürgern aus Sakramento, sowie ein Abbild von Maguires eigener Person in getriebenem Silber, das der Fisticuffklub in New York ihm verehrt hatte. Ich erinnere mich deutlich, wie ich mit stockendem Atem auf Raffles' Frage, ob er sich denn nicht vor Einbrechern fürchte, gewartet, und wie Maguire erwidert hatte, daß er eine Falle besitze, um auch den geriebensten Einbrecher lebendig darin zu fangen, sich zugleich aber auch rundweg weigerte, uns zu sagen, was für eine Falle dies sei. In diesem Augenblick aber konnte ich mir keine schrecklichere vorstellen, als den hinter einem Vorhang versteckten, wuchtigen Boxer selbst. Trotzdem war es leicht zu sehen, daß Raffles die Prahlerei des Großsprechers als eine Herausforderung auffaßte. Auch leugnete er dies nicht, als ich ihm später seinen tollen Entschluß vorwarf, zugleich weigerte er sich aber auch, mich an dessen Ausführung teilnehmen zu lassen. Daß Raffles mich nun schließlich doch hatte zu Hilfe rufen müssen, darin lag ja wohl für mich ein Körnchen unedler Befriedigung. Und wäre nicht der entsetzliche Plumps gewesen, den ich durchs Telephon gehört, so hätte ich aus dem unfehlbaren Scharfsinn, der Raffles gerade diese Nacht hatte wählen lassen, vielleicht einen echten Trost schöpfen können.

Während der letzten vierundzwanzig Stunden hatte Barney Maguire seinen ersten großen Kampf auf britischem Boden ausgefochten. Ohne Zweifel würde er nun nicht mehr so ganz auf der Höhe seiner Kraft stehen, als während des scharfen Trainierens vor dem Kampfe; niemals, so sagte ich mir, würde solch ein Raufbold weniger auf seiner Hut oder weniger fähig sein, sich und seine Besitztümer zu behüten, als in diesen ersten Stunden der Abspannung und einer unvermeidlichen Schwelgerei, worauf Raffles mit der für ihn charakteristischen Voraussicht gerechnet hatte. Auch sah es dem gefürchteten Barney keineswegs ähnlich, deshalb mäßiger zu sein, weil er von unserm eigenen Vertreter Nick Fisher ziemlich unsanft traktiert worden war, ehe man diesen Helden mit einer Gehirnerschütterung vom Platze getragen hatte. Was aber mochte dann dieser fatale Plumps zu bedeuten haben? Konnte es am Ende der Boxer selbst sein, der in seinem Rausche den › coup de grâce‹ erhalten hatte? Raffles war jedenfalls der Mann, ihm den zu versetzen – nur hatte es eben durchs Telephon nicht so geklungen, als sei er dieser Mann gewesen.

Und doch – was konnte sonst geschehen sein? Dies mußte ich mich wohl zwischen all den oben erwähnten Reflexionen gefragt haben, sowohl während ich mich ankleidete, als auch im Hansom auf dem Wege zur Half-moon Street. Es war bis jetzt noch immer die einzige Frage in meinem Hirn. Man muß doch vor allem wissen, was für ein Unglück geschehen ist, ehe man sich über die Art der Hilfeleistung schlüssig machen kann, und bis auf den heutigen Tag zittere ich noch manchmal, wenn ich an das vorschnelle Verfahren denke, wodurch ich mir die gewünschte Aufklärung verschaffte. Ich fuhr nämlich tatsächlich direkt vor das Haus des Preisboxers. Aber man darf eben nicht vergessen, daß ich bei Swigger Morrison in dessen Klub diniert hatte.

Immerhin blieb mir indes doch eine unklare Vorstellung davon, was ich beim Aufgehen der Haustüre zu sagen beabsichtigte. Es erschien mir höchst wahrscheinlich, daß das tragische Ende unsres Telephongesprächs durch die plötzliche Rückkehr und den ebenso plötzlichen Überfall Barney Maguires hervorgerufen worden sei. Für diesen Fall war ich entschlossen, ihm zu sagen, daß Raffles und ich eine Wette wegen der Einbrecherfalle eingegangen seien, und daß ich gekommen sei, um zu sehen, wer von uns beiden gewonnen habe. Je nachdem wollte ich gestehen, daß Raffles mich zu diesem Zweck aus dem Bett heraustelephoniert habe. Täuschte ich mich jedoch über Maguire und war er noch gar nicht zurückgekehrt, dann sollte mein Vorgehen von dem Dienstboten abhängen, der auf mein ungestümes Klingeln erscheinen würde. Jedenfalls aber mußte unter allen Umständen alles zu Raffles' Rettung angestrengt werden.

Ich hatte um so mehr Zeit, eine Entscheidung zu treffen, da ich vergebens klingelte und klingelte. Die Halle war tatsächlich dunkel; als ich jedoch durch den Spalt am Briefkasten hineinguckte, konnte ich einen schwachen, vom hintern Zimmer kommenden Lichtschein sehen. Dies war das Zimmer, wo Maguire seine Trophäen aufbewahrte und seine Falle stellte. Im Hause regte sich nichts. War es möglich, daß man den Eindringling während der kurzen zwanzig Minuten, die ich zum Anziehen und Herfahren gebraucht, in die Vine Street geschleppt hatte? Ein furchtbarer Gedanke! Allein während ich noch immer aller Wahrscheinlichkeit zum Trotz hoffte, und von neuem klingelte, wurden Vermutung und Spannung auf eine Weise abgeschnitten, die ich am wenigsten vorausgesehen hatte.

Ein Brougham kam von Piccadilly langsam die Straße heruntergefahren. Zu meinem Entsetzen hielt es, als ich von neuem durch den Briefkasten guckte, hinter mir, und herausstolperte der zerzauste Preisboxer unter doppelter Eskorte. Nun saß auch ich hübsch in der Patsche. Der Tür gerade gegenüber stand eine Laterne, und ich sehe noch immer, wie die drei mich bei deren Schein betrachteten. Vor seinem letzten Kampfe hatte der Boxer doch wenigstens den Eindruck eines stattlichen Eisenfressers und Renommisten gemacht, jetzt aber schmückte ihn ein blaues Auge und eine aufgeschwollene Lippe, der Hut saß ihm hinten am Kopfe, die fertig gekaufte Krawatte unter dem einen Ohr. Begleitet war er von seinem blassen Yankeesekretär, dessen Namen ich tatsächlich nicht mehr weiß, obwohl ich ihn mit Maguire im Boxerklub getroffen hatte, sowie von einem aufgeputzten Frauenzimmer in schillernder Paillettenüberhaut.

Ich kann die Ausdrücke, womit Barney Maguire seine Frage, wer ich sei und was ich hier treibe, verbrämte, weder vergessen noch wiederholen. Dank Swigger Morrisons Gastfreundschaft erinnerte ich ihn jedoch sofort an unser früheres Zusammentreffen und an noch andres, was mir erst einfiel, während ich die Worte schon auf der Zunge hatte.

»Raffles werden Sie doch jedenfalls nicht vergessen haben, wenn Sie sich auch meiner nicht mehr erinnern. Sie zeigten uns doch neulich Ihre Trophäen und forderten uns alle beide auf, Sie nach dem Kampfe zu irgend einer Tages- oder Nachtstunde auszusuchen.«

Ich war im Begriff, hinzuzufügen, daß ich erwartet hätte, Raffles hier vorzufinden, um eine Wette, die wir wegen der Diebsfalle eingegangen, zum Austrag zu bringen. Allein meine unüberlegte Absicht wurde von Maguire selbst vereitelt, dessen gefürchtete Faust sich in eine Hand verwandelte, die die meinige mit brutaler Inbrunst umschloß, während seine andre mir auf den Rücken klopfte.

»Was Sie nicht sagen!« rief er. »Ich hielt Sie nämlich für einen verfluchten Spitzbuben, aber jetzt erinnere ich mich Ihrer ganz gut. Wenn Sie nicht flugs das Maul aufgemacht hätten, wären Ihnen die Zähne in den Hals gefahren, mein Söhnchen. Ja, ja, ganz gewiß. Nun kommen Sie aber rasch mit hinein und trinken Sie einen Schluck, um mir zu zeigen, daß – Jee-hoshaphat!«

Der Sekretär hatte inzwischen den Schlüssel ins Schloß gesteckt, wurde jedoch, nachdem die Türe geöffnet war, sofort am Kragen zurückgezerrt, denn aus dem hintern Zimmer sah man Licht auf das am Ende der schmalen Halle befindliche Treppengeländer fallen.

»Licht in meiner Bude!« sagte Maguire in kräftigem Flüstertöne, »und die verdammte Türe offen, trotzdem ich den Schlüssel in der Tasche habe und wir sie vor dem Weggehen abgeschlossen hatten! Man darf nur den Teufel an die Wand malen, was? Beim heiligen Kesselflicker, hoffentlich haben wir wenigstens einen lebendig gefangen! Meine Damen und Herren, bleiben Sie, wo Sie sind, während ich nachsehe.«

Dabei ging die schwerfällige Gestalt auf den Zehenspitzen wie ein dressierter Elefant bis zur offenen Türe. Dort sahen wir einen Augenblick lang seine linke Hand wie den Kolben einer Dampfmaschine herumfuchteln und seinen Kopf boxgerecht sich nach hinten werfen. Allein schon in der nächsten Sekunde lösten sich seine Fäuste wieder; behaglich sich die Hände reibend und sich vor Lachen schüttelnd, stand er im Lichte der offenen Tür.

»Kommt!« rief er, uns dreien zunickend. »Kommt und schaut euch einen von diesen verfluchten Spitzbuben an, der da auf dem Boden liegt, festgenagelt wie der Teppich.«

Man stelle sich meine Gefühle vor, mit denen ich auf der Strohmatte stand! Der blasse Sekretär ging zuerst hinauf. Das Wesen in den Pailletten folgte ihm glitzernd auf den Fersen, und einen kurzen feigen Augenblick hatte ich nicht übel Lust, zur Haustür hinauszustürzen, die niemand hinter uns zugemacht hatte. Schließlich aber war doch ich es, der sie schloß. Dagegen gereicht es mir wenig zur Ehre, daß ich tatsächlich hinter der Zimmertür blieb.

»Wach auf, gemeiner, ungewaschener Whitechapeler!« hörte ich Maguire drinnen im Zimmer rufen. »Der Henker soll mich holen, wenn unsre Spitzbuben drüben solche Ausbünde von Scheusälern sind! Ei, so hast du also angebissen! Werde mich hüten, meine Knöchel an deinem Schweinegesicht zu beschmutzen; aber wenn ich meine dicken Stiefel anhätte, so würde ich dir mit Vergnügen die Seele aus deinem Brustkasten heraustanzen!«

Nun gehörte nicht mehr so viel Mut dazu, den andern ins Zimmer zu folgen. Im ersten Augenblick konnte sogar ich das wirklich abstoßend scheußliche Individuum, das alle umstanden, nicht erkennen. Das Gesicht war zwar durch keinen falschen Bart entstellt, dafür aber so schwarz wie das eines Schornsteinfegers. Auch den Anzug kannte ich nicht: er war älter und scheußlicher als die meisten, die Raffles je zu Berufszwecken getragen hatte. So war ich, wie gesagt, zuerst durchaus nicht sicher, ob ich auch wirklich Raffles vor mir hätte. Dann aber fiel mir wieder der dumpfe Fall ein, der unser Telephongespräch unterbrochen hatte, denn dieser leblose Haufen Lumpen lag direkt zu Füßen eines Telephonapparats, dessen Empfänger über jenem baumelte.

»Kennen Sie ihn vielleicht?« fragte der blasse Sekretär, während ich mich zitternden Herzens hinunterbeugte.

»Du lieber Gott, nein! Ich wollte nur sehen, ob er tot ist,« antwortete ich, nachdem ich mich versichert hatte, daß es wirklich Raffles war, und daß Raffles wirklich die Besinnung verloren hatte. »Aber was um des Himmels willen ist denn geschehen?« fragte ich nun meinerseits.

»Das möchte ich wahrhaftig auch gerne wissen,« wimmerte das Paillettenfrauenzimmer, das schon verschiedene Ausrufe, die der Erwähnung nicht wert sind, beigesteuert hatte und schließlich hinter einem pompösen Fächer untergetaucht war.

»Meiner Ansicht nach,« bemerkte der Sekretär, »ist es lediglich Mr. Maguires Sache, ob er es uns sagen will oder nicht.«

Der berühmte Barney aber stand jetzt auf einem persischen Kaminteppich und schaute uns alle mit einem Triumph an, der zu wonnig für ihn war, als daß er ihn gleich in Worte hätte umsetzen wollen. Der Raum war als Studierzimmer eingerichtet, und zwar höchst kunstvoll, wenn man phantastisch geformte Möbel aus dunkelm Eichenholz kunstvoll nennen will. Nichts verriet in Barney Maguires Umgebung den traditionellen Preisboxer, außer seinem eigenen Vokabular und seiner Kinnlade. Ich hatte sein Haus bereits einmal gründlich besichtigt und kannte deshalb auch den Raum, wo sich jetzt unsre kleine Tragödie abspielte. Die Dame im Flittergewand lag funkelnd wie ein gelandeter Salm in einem grotesken, mit ungeheuren Nägeln beschlagenen Fauteuil, der Sekretär lehnte sich gegen ein Schreibpult mit riesigen Scharnieren aus Schmiedeeisen; der Stierkopf des Boxers aber hob sich von einem funkelnagelneuen, reichgeschnitzten Porzellanschrank mit vielen Fächern und bleigefaßten Scheiben ab. Er ließ seine blutrünstigen Augen mit wonnigem Entzücken von der Karaffe und den Gläsern auf dem achteckigen Tischchen zu einer zweiten Karaffe in dem seltsamsten, raffiniertesten aller drehbaren Likörgestelle schweifen.

»Ist es nicht großartig?« fragte er, indem er uns der Reihe nach mit seinen blutunterlaufenen Augen und seiner geschwollenen Lippe anlächelte. »Wenn ich bedenke, daß ich nur eine Falle zum Einfangen eines Spitzbuben zu erfinden brauchte, und daß solch ein verfluchter Spitzbube dann auch gleich hineinläuft! Sie, Mr. Soundso –,« dabei nickte er mir mit seinem großen Kopf zu, – »Sie werden sich erinnern, daß ich Ihnen damals, als Sie mit dem andern Sportsmann hierher kamen, von einem Kerl erzählte, den ich gefangen hatte? Schade, daß Ihr Freund jetzt nicht bei Ihnen ist! Er war ein netter Bursche, der mir riesig gut gefallen hat: aber er wollte gar zu viel wissen – wird übrigens schon gewußt haben warum. Nun muß ich Ihnen die Geschichte aber doch wohl Schande und Ehren halber erklären. Sehen Sie jene Karaffe dort auf dem Tisch?«

»Ich habe sie mir soeben betrachtet,« sagte das glitzernde Frauenzimmer. »Sie ahnen nicht, was für einen fürchterlichen Schreck ich hatte, sonst würden Sie mir ein bißchen was anbieten.«

»Sie sollen gleich ›ein bißchen was‹ haben,« antwortete Maguire. »Wenn Sie aber ›ein bißchen was‹ aus dieser Karaffe zu sich nehmen, werden Sie gleich neben unsrem Freund hier am Boden liegen.«

»Gütiger Himmel!« rief ich in übermächtiger Entrüstung, als der grausame Plan mir wie mit einem Schlage klar wurde.

»Jawohl, mein Herr,« sagte Maguire, mich mit seinen blutrünstigen Augen anstarrend. »Meine Falle für Spitzbuben und Einbrecher ist eine Flasche Whisky, versetzt mit einem Schlaftrunk, und jene dort auf dem Tisch mit der silbernen Etikette um den Hals wird es wohl sein. Nun schauen Sie sich aber auch noch jene andre Flasche an, die überhaupt keine Etikette hat. Beide gleichen sich auf ein Haar. Ich will sie nebeneinander stellen, dann können Sie es sehen. Aber nicht nur die Karaffen, sondern auch die Flüssigkeit in beiden sieht ganz gleich aus, und wollte man sie kosten, so würde man den Unterschied nicht eher merken, als bis man wieder aufwacht. Ich habe mir das Zeug von einem verflucht geriebenen Indianer im äußersten Westen verschafft, es ist nicht damit zu spaßen, deshalb hänge ich am Tage die Etikette um die gefährliche Flasche und nehme sie nur nachts ab. Das ist der ganze Witz,« fügte Maguire hinzu, indem er die Flasche mit der Etikette an ihren alten Platz stellte. »Unter zehn Gaunern werden sich wohl neun ein Schnäpschen zu Gemüt führen, ehe sie sich ans Werk machen, so wie unser Freund hier am Boden.«

»Darauf würde ich doch nicht rechnen,« bemerkte der Sekretär mit einem Blick auf den ausgestreckten Raffles. »Haben Sie schon nachgesehen, ob die Trophäen alle unversehrt sind?«

»Noch nicht,« antwortete Maguire mit einem Blick auf den imitierten Renaissanceschrank, wo er sie aufbewahrte.

»Dann können Sie sich die Mühe sparen,« erwiderte der Sekretär, indem er unter dem achteckigen Tischchen verschwand und dann mit einem schwarzen Säckchen wieder auftauchte, das ich auf den ersten Blick erkannte. Es war dasselbe, das Raffles, seitdem ich ihn kannte, für schwere Beute zu benützen pflegte.

Dieses Säckchen war jetzt so schwer, daß der Sekretär beide Hände brauchte, um es auf den Tisch zu heben. Im nächsten Augenblick hatte er den dem Preisboxer vom Staate Newada gestifteten juwelenbesetzten Gürtel, die Statuette des Boxers aus getriebenem Silber, sowie den goldenen Ziegelstein der Bürger von Sakramento herausgenommen.

Der Anblick seiner um ein Haar verlorenen Schätze oder das Bewußtsein, daß der Dieb sich schließlich eben doch daran gewagt hatte, versetzten Maguire plötzlich in einen solchen Grad von Wut, daß er der besinnungslosen Gestalt ein paar brutale Fußstöße versetzte, noch ehe der Sekretär oder ich hätten einschreiten können.

»Vergessen Sie sich nicht, Mr. Maguire!« rief der blasse Sekretär. »Der Mann ist betäubt und liegt hilflos da.«

»Der kann lachen, wenn er überhaupt wieder in die Höhe kommt. Der Teufel soll ihn holen!«

»Meiner Ansicht nach wäre es jetzt an der Zeit, nach der Polizei zu telephonieren.«

»Nicht bevor ich mit ihm abgerechnet habe. Warten wir, bis er zu sich kommt! Dann will ich sein Gesicht zu Mus zerstampfen. Die Zähne soll er mit seinem Blut hinunterspülen, ehe die Kerle kommen und den Rest besorgen.«

»Mir wird ganz übel!« jammerte die feine Dame im Lehnstuhl. »Wenn Sie mir doch endlich ein bißchen was geben und sich, wenn möglich, etwas weniger gemein ausdrücken wollten!«

»Nehmen Sie sich doch, was Sie wollen,« sagte Maguire ungalant. »Na, was ist denn mit dem Telephon los?«

Der Sekretär hatte den baumelnden Empfänger aufgenommen.

»Mir macht es den Eindruck,« sagte er, »als ob der Spitzbube noch bei jemand angeläutet hätte, ehe er zusammenbrach.«

Währenddessen hatte ich mich umgewandt und der feinen Dame zu der so gierig verlangten Erfrischung verholfen.

»Das sähe dem frechen Biest ähnlich!« donnerte Maguire. »Erst wollen wir was trinken und dann den verfluchten Kerl aufrütteln.«

Nun aber fing ich an zu zittern, denn ich sah deutlich, was dies zu bedeuten hatte. Selbst wenn ich Raffles für den Augenblick rettete, so würde die Polizei doch sofort feststellen, daß ich von dem Einbrecher angerufen worden war, und gerade die Tatsache, daß ich kein Wort darüber hatte verlauten lassen, würde jedenfalls mich, wenn nicht gar uns beide überführen. Es wurde mir ganz blümerant bei dem Gedanken, daß wir vielleicht der Szylla der gegenwärtigen Gefahr entrinnen könnten, um schließlich an der Charybdis des Indizienbeweises zu zerschellen. Trotzdem konnte ich, wenn ich noch einen Augenblick länger schwieg, keinen annehmbaren sichern Mittelkurs entdecken. So fing ich denn verzweiflungsvoll mit jener raschen Entschlossenheit, die mein ganzes Verhalten in dieser Angelegenheit kennzeichnet, zu reden an. Aber jedes Schaf wäre zu entschlossenem Handeln fähig, wenn es mit Swigger Morrison in dessen Klub gespeist hätte.

»Ich möchte wohl wissen, ob er nicht am Ende mir angeläutet hat!« rief ich, als sei mir eine plötzliche Erleuchtung gekommen.

»Sie, mein Söhnchen?« wiederholte Maguire mit dem Glas in der Hand. »Woher, zum Teufel, könnte der denn etwas von Ihnen wissen?«

»Oder Sie von ihm?« ergänzte der Sekretär, indem er mich anstarrte, als wolle er mich mit seinen Augen durchbohren.

»Nichts,« gab ich zu, meine Kühnheit von Herzensgrund bereuend. »Aber irgend jemand läutete mir vor etwa einer Stunde an, und ich glaubte, es sei Raffles. Erinnern Sie sich, ich sagte Ihnen vorhin ja auch, daß ich geglaubt hätte, ihn hier anzutreffen.«

»Aber ich begreife nicht, was das mit diesem Spitzbuben zu schaffen haben soll,« fuhr der Sekretär fort, seine unbarmherzigen Augen tiefer und tiefer in die meinigen eingrabend.

»Ich auch nicht,« lautete meine klägliche Antwort. Immerhin aber lag ein gewisser Trost in seinen Worten und gleichzeitig eine vielversprechende Hoffnung in der Menge Branntwein, die Maguire in sein Glas goß.

»Wurde Ihr Gespräch dann plötzlich abgeschnitten?« fragte der Sekretär, nach der Karaffe greifend, während wir alle drei um das achteckige Tischchen saßen.

»Ja, und zwar so plötzlich,« antwortete ich, »daß ich nicht einmal mehr erfahren konnte, wer mich angerufen hatte. – Nein, ich danke, nichts für mich.«

»Was?« brüllte Maguire, den gesenkten Kopf plötzlich aufrichtend. »Sie wollen mir in meinem Haus einen Trunk abschlagen? Nehmen Sie sich in acht, junger Mann. Das tut ein anständiger Kerl nicht!«

»Ich habe auswärts diniert,« entschuldigte ich mich, »und mein reichliches Teil gehabt, ja mehr als das.«

Mit seiner furchtbaren Faust schlug Maguire jetzt auf das Tischchen.

»Na, hören Sie mal, mein Söhnchen, Sie gefallen mir ja soweit recht gut,« sagte er. »Wenn Sie aber nicht gemütlich sind, dann ist's gleich aus mit meiner Liebe.«

»Gut, gut,« antwortete ich hastig. »Dann also einen Finger hoch, wenn es absolut sein muß.«

Und so schenkte mir der Sekretär das Doppelte von dem gewünschten Maße ein.

»Warum soll es denn durchaus Ihr Freund Raffles gewesen sein?« nahm er dann unbarmherzig sein Verhör wieder auf, während Maguire brüllte: »Trinken Sie aus!« und dann wieder in sich zusammensank.

»Ich schlief schon halb, und Raffles war der erste, der mir einfiel. Wir pflegen uns nämlich sehr viel durchs Telephon zu unterhalten und hatten eine Wette gemacht.« –

Das Glas war an meinen Lippen, aber ich brachte es doch fertig, es unberührt wieder niederzustellen. Maguires riesige Kinnlade war auf seine weiße Hemdbrust gesunken, zugleich entdeckte ich, daß die hinter ihm in ihrem kunstvollen Stuhle ruhende Paillettendame fest eingeschlafen war.

»Was denn für eine Wette?« fragte, plötzlich aufschreckend, eine Stimme. Blinzelnd schaute der Sekretär mich an, während er sein Glas austrank.

»Über das, was uns soeben auseinandergesetzt worden ist,« antwortete ich, meinen Fragesteller scharf beobachtend. »Ich behauptete, es sei ein Falleisen, während Raffles dachte, es müsse etwas andres sein. Wir stritten uns fürchterlich herum. Raffles sagte, es sei kein Falleisen, und ich sagte, es sei doch eines. Schließlich wetteten wir. Ich setzte mein Geld auf das Falleisen, Raffles das seinige auf etwas andres. Und Raffles hatte recht – es war kein Falleisen. Aber es ist ganz genau ebensogut – ganz genau ebensogut! Und die ganze Schmiere ist nun darin gefangen mit Ausnahme von mir!«

Ich hatte die Stimme beim letzten Satz gesenkt, hätte sie aber ebensogut erheben können. Dann wiederholte ich dasselbe fortwährend, um zu erproben, ob die halsstarrige Tautologie den Sekretär nicht bewegen würde, seine Augen aufzuschlagen. Sie schien indes die entgegengesetzte Wirkung zu haben. Sein Kopf fiel vornüber auf den Tisch, ohne daß er den Stoß gefühlt hätte, auch zuckte er nicht zusammen, als ich ihm einen seiner eigenen langausgestreckten Arme als Kissen unterschob. Und neben ihm saß Maguire mit dem Kinn auf seiner Hemdbrust, aber sonst bolzgerade, während die Silberpailletten unter den regelmäßigen Atemzügen der in den Phantasiestuhl zurückgelehnten Gestalt der Dame glitzerten. Alle drei waren fest eingeschlafen: ob aus Zufall, oder durch den Einfluß eines Dritten – mit dieser Frage hielt ich mich nicht auf: es genügte mir, diese über jeden Zweifel erhabene Tatsache feststellen zu können.

Endlich wandte ich meine Aufmerksamkeit Raffles zu. Hier war nun die Kehrseite der Medaille. Der Ärmste schlief noch immer ebenso fest wie der Feind – so fürchtete ich wenigstens zuerst. Sanft schüttelte ich ihn, doch gab er kein Lebenszeichen von sich. Dann wandte ich etwas mehr Kraft an, worauf er unzusammenhängend murmelte. Aber es dauerte noch manchen angstvollen Moment, bis seine zwinkernden Augen die meinigen erkannten.

»Bunny!« stammelte er gähnend und sonst nichts, bis seine Lage ihm endlich zum Bewußtsein kam. »So bist du also doch gekommen,« fuhr er fort in einem Tone, dessen liebevolle Anerkennung mir durch Mark und Bein ging. »Ich wußte es ja! Sind sie noch nicht zurückgekommen? Dann müssen wir jede Minute darauf gefaßt sein; nicht eine einzige ist zu verlieren.«

»Nein, nein, die kommen nicht, alter Freund!« flüsterte ich. Rasch richtete er sich jetzt auf und sah nun mit eigenen Augen das in Schlaf versunkene Trio.

Er schien indes über das Ergebnis weniger erstaunt zu sein, als ich über den Vorgang selbst verblüfft gewesen war. Anderseits aber hatte ich auch noch nie ein solch triumphierendes Lächeln gesehen wie dasjenige, das jetzt wie Sonnenschein aus seinem geschwärzten Gesicht hervorbrach. Für Raffles war dieser Anblick offenbar keine große Überraschung und auch durchaus kein Rätsel.

»Wieviel haben sie getrunken, Bunny?« lauteten seine ersten geflüsterten Worte.

»Maguire gut drei Finger hoch und die andern wenigstens zwei.«

»Dann brauchen wir unsre Stimmen weder zu dämpfen noch auf den Fußspitzen zu gehen. Mir träumte, jemand stoße mich in die Rippen, aber es muß wohl Wirklichkeit gewesen sein.«

Die eine Hand an seine Seite gepreßt und das Kaminfegergesicht schmerzlich verziehend, war er aufgestanden.

»Wer von den dreien es war, kannst du dir wohl denken?« sagte ich. »Das Vieh hat nun seinen Lohn dafür!«

Zugleich schüttelte ich meine geballte Faust vor dem starren Gesicht des brutalsten Boxers seiner Zeit.

»Er ist unschädlich bis zum Vormittag, vorausgesetzt, daß keine ärztliche Hilfe kommt,« sagte Raffles. »Ich bezweifle, daß wir ihn jetzt wecken könnten, auch wenn wir's versuchten. Wieviel glaubst du wohl, daß ich von diesem wunderbaren Zeug getrunken habe? Etwa einen Eßlöffel voll. Ich dachte mir nämlich, es werde wohl etwas Derartiges sein, doch konnte ich nicht widerstehen, mich zu vergewissern. Sobald meine Wißbegierde befriedigt war, änderte ich rasch die Etikette und den Platz der beiden Karaffen, ohne zu ahnen, daß ich den Spaß noch hier mit ansehen würde. Allein schon in der nächsten Minute konnte ich kaum mehr die Augen offen halten. Nun wurde mir klar, daß das süffige Zeug ziemlich stark war. Wollte ich das Haus überhaupt in diesem Zustand verlassen, dann mußte ich jedenfalls die Beute zurücklassen oder mich, meine Schätze mit dem Kopf beschwerend, als Betrunkener in einer Gasse auffinden lassen. So oder so hätte man mich aufgegabelt und eingesteckt, und das hätte zu was Hübschem geführt.«

»Deshalb hast du mir dann angeläutet?«

»Es war meine letzte glänzende Eingebung – eine Art Gedankenblitz vor dem Ende – und ich weiß nur noch ganz wenig davon, denn ich schlief damals schon mehr, als ich wachte.«

»Deine Stimme klang auch so, Raffles. Nun ich den Schlüssel habe, ist mir alles ganz klar.«

»Ich erinnere mich nicht eines einzigen Wortes, das ich sagte, und auch nicht an das Ende unsres Gesprächs, Bunny.«

»Weil du zusammenbrachst, ehe du zum Ende kamst.«

»Das konntest du aber doch nicht durchs Telephon hören?«

»Doch; so gut als wenn es im gleichen Zimmer gewesen wäre. Aber ich glaubte, Maguire sei dir zuvorgekommen und habe dich niedergeschlagen.«

Nie hatte ich Raffles mit mehr Spannung und Interesse zuhören sehen; allein bei diesem Punkt verwandelte sich plötzlich sein Lächeln, der Ausdruck seiner Augen milderte sich, und seine liebe Hand suchte nach der meinigen.

»Du glaubtest das, und doch kamst du wie der Blitz, um dich meinetwegen mit einem Barney Maguire in einen Kampf einzulassen! Georg mit dem Drachen ist ja der reinste Waisenknabe neben dir!«

»Es war gar kein besonderes Verdienst von mir – der Grund lag ganz wo anders,« sagte ich im Gedanken an meine tollkühne Unbesonnenheit und mein Glück, indem ich beides eingestand. »Du kennst doch den alten Swigger Morrison?« fügte ich als Schlußerklärung hinzu. »Ich hatte nämlich mit ihm in seinem Klub diniert.«

Raffles aber schüttelte seinen lieben Kopf, und das milde Leuchten in seinen Augen war für mich noch immer der schönste Lohn.

»Mir ist es ganz egal,« sagte er, »wie gründlich du diniert hast: in vino veritas, Bunny. Deine Schneid braucht solchen Ansporn nicht. Ich habe übrigens auch nie daran gezweifelt und werde es nie tun. Tatsächlich hoffe ich, daß sie uns auch jetzt wieder aus dieser Klemme hilft.«

Mein Gesicht mußte sich bei diesen beunruhigenden Worten verlängert haben. Hatte ich mir doch eingebildet, wir seien nun bereits aus der Klemme heraus und brauchten uns nur noch aus diesem Hause hinauszuschleichen – jetzt die einfachste Sache der Welt. Als Raffles jedoch mich und ich Raffles auf der Schwelle des Zimmers, wo die drei Schläfer lautlos und unbeweglich schliefen, anschaute, begriff ich die vor uns liegende doppelte Schwierigkeit. Das Komische aber war, daß ich die beiden Hörner des Dilemmas schon selbst entdeckt hatte, noch ehe Raffles wieder zum Bewußtsein gekommen war. Allein von dem Augenblick an, da Raffles eben wieder im Besitz seiner Sinne war, hatte ich aufgehört, meine eigenen anzuwenden, oder meinen Teil der gemeinsamen Last auch nur einen Zoll weit zu tragen. Es war ein unbewußtes Sichgehenlassen meinerseits gewesen, eine meinem Führer instinktiv dargebrachte Huldigung. Ich schämte mich deswegen aber auch gründlich, während wir uns diese Schwierigkeit gegenseitig aus den Augen lasen.

»Wenn wir uns einfach aus dem Staube machten,« sagte Raffles, »würdest du mal in erster Linie sofort als mein Spießgeselle zur Rechenschaft gezogen, und wenn erst du auf Nummer Sicher wärest, hätten sie einen mit der Nadel direkt auf mich zeigenden Kompaß. Sie dürfen aber keinen von uns abfassen, Bunny, sonst kriegen sie uns alle beide. Meinetwegen wär mir's ja schließlich egal.«

Ich aber sprach Raffles ein Gefühl nach, das bei ihm reiner Edelmut, bei mir aber eine unleugbare Wahrheit war.

»Für mich wäre es ja keine Kunst,« fuhr er fort, »denn ich bin ein gewöhnlicher Einbrecher, der entwischt. Von mir weiß man ja nichts weiter, aber dich kennt man, und wie kämest du wohl dazu, mich entwischen zu lassen? Was aus dir geworden sein könnte, das ist der Haken. Was konnte passiert sein, nachdem sie alle eingeschlafen waren?«

Und einen Augenblick lang lächelte Raffles mit gerunzelter Stirne wie ein sensationssüchtiger Romanschreiber, der im Begriff ist, einen interessanten Knoten zu schürzen. Dann aber brach die Erleuchtung durch, und sein Gesicht strahlte trotz der Korkschwärze. »Ich hab's, Bunny!« sagte er. »Du hast ebenfalls von dem Zeug getrunken, nur lange nicht so viel als sie selbst.«

»Großartig!« rief ich. »Sie haben es mir ja auch tatsächlich aufgenötigt, und ich hatte gesagt, daß ich nur sehr wenig haben wolle.«

»Du duseltest somit ebenfalls ein, kamst aber natürlich als erster wieder zu dir. Ich war inzwischen entflohen mitsamt dem goldenen Ziegelstein, dem Juwelengürtel und der silbernen Statuette. Du versuchtest, die andern aufzuwecken. Es gelang dir aber nicht, auch wäre es tatsächlich unmöglich gewesen, selbst wenn du es versucht hättest. Was also tatest du? Was ist das einzig Mögliche, das du unter diesen Umständen tun konntest?«

»Die Polizei herbeirufen,« warf ich zögernd ein, ohne dieser Aussicht einen besondern Geschmack abzugewinnen.

»Dazu ist hier ein Telephon eingerichtet,« sagte Raffles. »Ich würde sie an deiner Stelle herbeiklingeln. Tu nicht, als ob du dich vor den Polizisten fürchtetest, Bunny. Es sind die nettesten Kerls der Welt, und was du ihnen aufzubinden hast, verhält sich zu dem, was ich ihnen schon ohne alle Würze zu schlucken gegeben habe, wie eine Mikrobe zu einem Kamel. Etwas Überzeugenderes könnte man sich gar nicht ausdenken. Aber leider Gottes gibt es noch einen andern Punkt, der eine schwierigere Erklärung verlangt.«

Und selbst Raffles sah recht beunruhigt aus, während er nachdenklich mit dem Kopfe nickte.

»Du meinst, sie könnten ermitteln, daß du mir angeläutet hast.«

»Es ist immerhin möglich,« sagte Raffles. »Aber wie ich sehe, habe ich den Empfänger wenigstens noch richtig aufgehängt. Trotzdem – ist es möglich.«

»Das fürchte ich auch,« antwortete ich beunruhigt, »besonders weil ich ihnen gerade in diesem Punkte auch noch etwas verraten habe. Du hattest den Empfänger nämlich nicht aufgehängt; er baumelte über dir, wo du lagst. Eben dieser Umstand wurde erörtert, und die Biester schienen die verschiedenen Möglichkeiten so rasch zu kapieren, daß ich es fürs beste hielt, den Ochsen bei den Hörnern zu fassen und einzugestehen, daß mir jemand angeläutet habe. Ja, ich ging sogar tatsächlich so weit, zu sagen, daß ich vermutet hätte, es sei Raffles gewesen.«

»Das ist doch nicht möglich, Bunny!«

»Was hätte ich sonst sagen sollen? Ich mußte doch jemand vermutet haben, und daß sie dich nicht erkennen würden, sah ich. So flunkerte ich ihnen ein Märchen über eine Wette vor, die du und ich über Maguires Falle eingegangen wären. Weißt du, ich habe dir ja auch noch gar nicht erzählt, wie ich überhaupt hier hereingekommen bin, und jetzt ist keine Zeit dazu. Aber schon gleich zu Anfang sagte ich, ich hätte halb erwartet, dich hier vorzufinden. Dies tat ich für den Fall, daß sie dich sofort erkennen würden. Und hierzu paßte dann die Geschichte mit dem Telephon ganz gut.«

»Das will ich meinen,« murmelte Raffles in einem Tone, der meinen Lohn noch wesentlich erhöhte. »Ich selbst hätte es nicht besser machen können, und du wirst verzeihen, wenn ich dir sage, daß du deiner Lebtag noch nie etwas halb so Gescheites getan hast. Nun sprich mir nur nicht mehr von jenem Hieb auf den Kopf, den du mir damals versetztest! Heute nacht hast du ihn hundertfach wieder gut gemacht. Aber das Dumme ist, daß uns noch immer so viel zu tun und auszuklügeln übrig bleibt und wir so verflucht wenig Zeit sowohl zum Überlegen als zum Handeln haben.«

Ohne ein Wort zu sagen, zog ich meine Uhr heraus und zeigte sie Raffles. Es war drei Uhr morgens und wir befanden uns im letzten Drittel des März. In weniger als einer Stunde fing es auf den Straßen zu dämmern an. Mit einem plötzlichen Entschluß raffte Raffles sich aus seinem Sinnen auf.

»Es gibt nur ein Mittel, Bunny,« sagte er: »wir müssen uns gegenseitig vertrauen und die Arbeit teilen. Du läutest der Polizei an und überläßt das Übrige mir.«

»Du hast wohl auch noch nicht ausgeklügelt, für was für eine Art Einbrecher sie dich halten werden. Bedenke nur, ein Kerl, der einen Mann, wie ich in ihren Augen einer bin, telephonisch anrufen könnte!«

»Nein, noch nicht, Bunny, aber es wird mir schon noch etwas einfallen. Die nächsten paar Tage wird man sich ja auch noch nicht darüber auszusprechen haben, und jedenfalls ist es nicht deine Sache, eine Erklärung abzugeben. Es wäre sogar äußerst verdachterregend, wenn du es tätest.«

»Das ist richtig,« stimmte ich bei.

»Willst du mir dann also vertrauen, daß ich mir irgend etwas ausdenke – wenn möglich noch vor Tagesanbruch – jedenfalls aber sobald die Zeit es erfordert. Ich lasse dich nicht im Stich, Bunny. Du mußt es doch fühlen, daß ich dich nach der heutigen Nacht unmöglich je im Stich lassen kann.«

Damit war die Sache abgetan. Ohne ein weiteres Wort drückte ich ihm die Hand und stand dann Wache bei den drei Schläfern, während Raffles in den oberen Stock hinaufschlich. Ich habe nachher dann auch erfahren, daß sich unter dem Dach Dienstboten befanden und im Untergeschoß ein Diener wohnte, der tatsächlich etwas von unserm Treiben gehört hatte. Aber er war zum Glück zu sehr an nächtliche Orgien gewöhnt, und zwar an solche von weit lärmenderem Charakter, als daß er ohne direktes Verlangen auf der Bildfläche erschienen wäre. Ich glaube auch, daß er Raffles fortgehen hörte. Dieser machte aber auch kein Geheimnis aus seinem Verschwinden. Er machte sich selbst die Türe auf und erzählte mir nachher, daß der erste Mensch, den er auf der Straße gesehen habe, der wachhabende Schutzmann gewesen sei. Raffles wünschte ihm ohne weiteres Guten Morgen, denn er hatte sich im oberen Stock Gesicht und Hände gewaschen; und im großen Hut und Pelzrock des Preisboxers hätte er unbehelligt sogar im Polizeiamt von Scotland Yard herumgehen können, trotzdem er den goldenen Ziegelstein von Sakramento in der einen Tasche, die silberne Statuette Maguires in der andern, und um den Leib den vom Staate Newada diesem Helden gestifteten Juwelengürtel mit sich führte.

Die mir vorerst zugeteilte Rolle wurde mir nach der Aufregung der letzten Morgenstunden etwas sauer. Ich will indes nur so viel sagen, daß wir uns darüber geeinigt hatten, das Klügste für mich sei, mich eine halbe Stunde lang wie ein Holzklotz neben die andern zu legen, ehe ich Haus und Polizei zusammentrommeln würde, und ferner, daß Barney Maguire plötzlich zu Boden stürzte, ohne jedoch aufzuwachen oder seine Gefährten zu wecken, aber nicht, ohne mein unruhiges Herz bis in den Hals hinauf zum Klopfen zu bringen.

Es dämmerte bereits, als ich mit Klingel und Telephon Lärm schlug. Binnen weniger Minuten war das Haus gedrängt voll von ungekämmten Dienstboten, aufgeregten Ärzten und barschen Vertretern des Gesetzes. Nicht nur ein-, sondern ein dutzendmal erzählte ich meine Geschichte, und zwar mit noch immer leerem Magen. Aber meine Geschichte mußte entschieden höchst klar und glaubwürdig klingen, selbst ohne daß sie von den noch schlafenden Opfern ihre Bestätigung hätte finden können. Und schließlich wurde mir denn auch gestattet, mich vom Tatorte zurückzuziehen, bis weitere Aufklärungen von mir verlangt würden, oder ich die Identität des Verbrechers, den die gute Polizei zuversichtlich noch vor Tagesschluß zu fassen gedachte, festzustellen hätte.

Ich fuhr direkt nach meiner Wohnung, wo der Hauswart mir entgegenflog, um mir aus meinem Hansom zu helfen, und sein Gesicht beunruhigte mich mehr als irgend eines, das ich in der Half-moon Street zurückgelassen hatte. Meinen Ruin konnte ich von diesen Zügen ablesen.

»Es ist heute nacht in Ihrer Wohnung eingebrochen worden!« rief er. »Die Diebe haben alles mitgenommen, was sie erwischen konnten!«

»Diebe in meiner Wohnung!« schrie ich entsetzt auf. Hatten wir doch sowohl hier als im Albany einige uns belastende Besitztümer liegen!

»Die Türen sind mit einem Stemmeisen geöffnet worden,« fuhr der Hauswart fort. »Der Milchmann hat es entdeckt. Ein Schutzmann ist jetzt oben.«

Ein Schutzmann, der in meiner Wohnung herumstöberte! Ohne auf den Lift zu warten, stürzte ich die Treppe hinauf. Der Eindringling machte eben eifrig Notizen in ein fettiges Taschenbuch und befeuchtete zwischenhinein seinen Bleistift. Weiter als bis zur aufgebrochenen Türe war er indes noch nicht eingedrungen. In fieberhafter Hast rannte ich an ihm vorbei. Ich bewahrte meine Siegestrophäen in einer eigens mit einem Sicherheitsschloß versehenen Schublade auf. Das Schloß war erbrochen – die Schublade leer.

»Etwas von Wert?« fragte der zudringliche Schutzmann dicht hinter mir.

»Ja, altes Familiensilber,« antwortete ich der Wahrheit gemäß, nur daß eben die Familie nicht die meinige war.

Und erst dann blitzte die Wahrheit in meinem Hirn auf. Sonst war nichts Wertvolles gestohlen worden, dafür aber herrschte eine sinnlose Unordnung in allen Räumen. Wieder wandte ich mich an den Hauswart, der mir von der Straße her gefolgt war. Seine Frau versah Aufwartedienste bei mir.

»Sorgen Sie dafür, daß wir diesen Esel von Polizisten so rasch als möglich los werden,« flüsterte ich. »Ich werde selbst nach Scotland Yard gehen. Sagen Sie Ihrer Frau, sie möchte die Zimmer in Ordnung bringen, solange ich fort bin, und lassen Sie das Schloß ausbessern, ehe sie die Wohnung wieder verläßt. Ich gehe, so wie ich bin, noch diesen Augenblick.«

Und das tat ich wirklich. Ich nahm das erste beste Hansom, fuhr jedoch nicht direkt nach Scotland Yard, sondern ließ unterwegs in Piccadilly halten.

Der liebe alte Raffles öffnete mir selbst seine Türe. Ich erinnere mich nicht, ihn je frischer, sauberer und in jeder Hinsicht bezaubernder gesehen zu haben. Könnte ich ein Bild Raffles' auf eine andre Art als mit meiner Feder entwerfen, so würde ich ihn so darstellen, wie er an diesem hellen Märzmorgen unter seiner offenen Türe im Albany vor nur gestanden hat: eine schlanke Gestalt in grauem Anzuge, frisch, heiter und lebensvoll wie der verkörperte Frühling.

»Wozu in aller Welt hast du denn das getan?« fragte ich drinnen.

»Es war die einzige Lösung,« antwortete er, mir eine Zigarette anbietend. »Sobald ich ins Freie hinaustrat, kam mir dieser Gedanke.«

»Ich begreife es noch immer nicht.«

»Wozu könnte ein Einbrecher wohl einen harmlosen Herrn vom Hause wegrufen?«

»Das war es eben, wofür wir keine Erklärung finden konnten.«

»Ich sagte dir ja, daß ich sie sofort fand, nachdem ich dich verlassen hatte. Er rief dich von Hause fort, um auch bei dir einen Einbruch zu verüben; das ist doch ganz sonnenklar.«

Und mich mit seinem unvergleichlich strahlenden Übermut anlächelnd, stand Raffles vor mir.

»Aber warum denn mich?« fragte ich. »Warum in aller Welt gerade mich?«

»Mein lieber Bunny, wir müssen der Phantasie der Polizei doch auch noch etwas überlassen. Doch wollen wir ihr im richtigen Augenblick zu ein paar Tatsachen verhelfen. Es war mitten in der Nacht, als Maguire uns zum ersten Male mit in sein Haus nahm. Im Imperial Boxing Klub lernten wir ihn kennen, und im Imperial Boxing Klub trifft man bekanntlich allerlei kuriose Heilige. Du wirst dich erinnern, daß er seinem Diener telephonierte, ein Abendessen für uns bereitzuhalten, und daß ihr beide euch über Telephone und Kostbarkeiten unterhieltet, während wir durch die mitternächtlichen Straßen gingen. Er prahlte natürlich mit seinen Trophäen, und zur Verfechtung deiner Meinung prahltest du höchst wahrscheinlich mit den deinigen, wie du an geeigneter Stelle gefälligst zugeben wirst. Was war die Folge? Jemand war euch nachgeschlichen und hatte euer Gespräch belauscht. So bist du in denselben Plan verwickelt und in derselben Nacht bestohlen worden.«

»Und du glaubst wirklich, daß damit die Sache erledigt ist?«

»Ich bin darin ganz sicher, Bunny, soweit es mir überhaupt zukommt, die Sache zu erledigen.«

»Dann gib mir noch eine Zigarette, mein lieber Freund, und laß mich weiterfahren nach Scotland Yard.«

In staunender Bewunderung schlug Raffles beide Hände in die Höhe.

»Nach Scotland Yard!«

»Um eine falsche Beschreibung dessen zu geben, was du aus meiner Schublade genommen hast.«

»Eine falsche Beschreibung! Bunny, du kannst nichts mehr von mir lernen. Es hat eine Zeit gegeben, da hätte ich dich nicht ohne mich hingehen lassen, um einen verlorenen Regenschirm abzuholen. Nach der verflossenen Nacht aber kann ich es dir sogar anvertrauen, eine verlorene Rechtssache zu verfechten.«

Und ausnahmsweise ließ ich Raffles, der jetzt wieder vor seiner äußeren Türe stand und mir heiter die Treppe hinunter nachwinkte, gerne das letzte Wort.


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