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Auf heiteren Pfaden

Auf sonnenhellem Wege
Durch blühendes Gehege,
Was Trauer da bedeuten soll?
Und in der Lüfte Wehen
Wirst du es leicht verstehen,
Wie ist die Welt so freudenvoll!

Auch in des Waldes Düster
Meint wohl ein leis Geflüster,
Was Trauer da bedeuten soll?
Blick aufwärts durch die Zweige,
Daß blaue Luft dir zeige
Auch hier die Welt so freudenvoll!

Ja, selbst wo Gräber ragen,
Kannst immerhin du fragen,
Was Trauer da bedeuten soll?
Da lehrt dich neues Blühen
Und Licht und Farbenglühen,
Wie doch die Welt so freudenvoll!

Zuletzt in deinem Herzen
Frag' freundlich an in Scherzen,
Was Trauer da bedeuten soll?
Was rings um dich gewesen,
Das wirst auch hier du lesen,
Wie ist die Welt so freudenvoll!

*

Aus des Lebens goldenen Tagen

Als ich Blatt für Blatt entfaltet,
Längst vergilbt und längst veraltet,
War es mir, als hört' ich weit
Lieder aus der Kinderzeit.

*

Primula veris

Starr lag die Erde in Winters Gewalt,
Er hielt sie mit eisigen Armen umkrallt;
Im Herzen auch war es öd' und leer,
Es keimten darin keine Blumen mehr,
            Keine duftigen Liebeslieder.

Ich grüße dich, Lenz, der die Schläfer erweckt,
Die Nebel zerstreut, so die Fluren bedeckt!
Dein warmer Odem bringt Lebenslust;
Er weckt auch das schlummernde Herz in der Brust.
            Die Gesänge erwachen wieder.

*

Schriftlicher Befehl

Ist's wirklich, oder täusch' ich mich?
Ich glaube, mein Kind, ich liebe dich.
Was frag' ich lang'? Es ist ja wahr;
Ich seh's in deinen Augen klar.
Mit blauer Schrift steht da geschrieben:
»Mein lieber Junge, du mußt mich lieben!«

*

Entschädigung

Ich war dir nah'. Du sahst mich nicht,
            Und ich könnt' es dir nicht sagen.
Voll Menschen war der Saal, so dicht,
            Da durft' ich es nimmer wagen.

Jetzt blicktest du mich plötzlich an
Mit den Augen, den freundlich blauen.
Der Himmel war mir aufgetan,
Wie ihn selige Engel schauen.

Die Lippe sprach kein einzig Wort,
Es schwieg der Mund verlegen,
Und dennoch riefen wir uns dort
Manch herzigen Gruß entgegen.

*

Geständnis

Du bist das höchste Kleinod,
Das je ich nannte mein.
Wie eine Königskrone
Sollst auch bewahrt du sein.

Gleich wie man wohl Demanten
In laut'rem Golde trägt,
So in ein Herz voll Liebe
Hab' ich dein Bild geprägt.

*

Blumensprache

Wollt' ich mich zur Blume neigen
Und sie fragen: Sprich, wie alt
Bist du? Und wie lange freust du
Dich der duftigen Gestalt?

Würde sie wohl leise flüstern
Auf zu mir ein heimlich Wort:
»Nimmer zähl' ich meine Tage,
Und ich blühe ruhig fort.

Liebeglühend hab' ich oftmals
In der Sonne Aug' geschaut,
Oftmals hat der Abendwind mir
Liebesmärchen anvertraut.«

*

Träumende Liebe

Zürnst du, daß ich einem Freunde
Hab' erzählt mein Leid,
Und erzählt hab' meiner Liebe
Märchen-Herrlichkeit ?

Von des ersten Frührots Glühen
Bis zur späten Nacht,
Immer hab' ich meiner Liebe
Träumend ja gedacht.

Sieh', der Traum war so lebendig,
Und da sprach ich laut.
Wie's geschah? Kaum weiß ich selber,
Daß ich's ihm vertraut.

*

Zuversicht

Warum die Träne, die so heiß
An müder Wimper hängt?
Blick' auf, mein Kind, sieh her! ich weiß,
Welch Weh' dein Herz bedrängt.

Du wähnst, verlassen und allein
Seist du in dieser Welt.
Ein Vater wohnt im Himmel d'rein,
Der dich im Auge hält.

Und auf der Erde lebt ein Mann,
Der liebt dich so wahr und rein.
Blick' erdenrings! Blick' himmelan!
Nie wirst du verlassen sein.

*

Der beste Trost

Schließ' deine Augen, Geliebte,
Dann wird es um mich Nacht;
Und öffnest du sie freundlich,
Ist neu der Tag erwacht.

Doch darf ich einmal küssen,
Dich auf die Lippen, so rot,
Dann kannst du die Augen schließen;
Dann hat es keine Not.

*

Eifersüchtelei

Dich sehen und dich lieben
Ist wahrlich eins, mein Kind,
Ich wünschte d'rum, die andern,
Die wären alle blind.

*

Strenge Milde

Du frommes Herz, du liebes Kind,
Du bist so mild und gut,
Und dennoch hab' ich dich gekränkt
In schnödem Übermut.

Da naht' ich bittend wieder dir
Und sprach dich freundlich an,
Da fragst du mich durch Tränen nur:
»Was hab' ich dir getan?«

Und hätt' mich je dein Zorn betrübt,
Tat je ein Wort mir weh,
So möcht' ich weinen wie ein Kind,
Wenn ich so mild dich seh'.

*

Blumen, Liebe und Lieder

1

Mitten in dem Kranz der Blüten
            Send' ich dir den Kranz der Lieder,
So vertraulich, still und freundlich,
            Gleich als wären beide Brüder.

Aus dem treuen Schoß der Erde
            Sind die Blumen froh entsprossen,
Und der treue blaue Himmel
            Hat den Tau darauf gegossen.

Und aus einem treuen Herzen
            Sind gekommen all' die Lieder.
Daß auf sie der blaue Himmel
            Deiner Augen strahle nieder.

2

Längst sind über's Jahr auf diesen Tag
            Staub der Blumen duftige Gestalten;
Doch der Liebe treuer Geist vermag
            Ewig frisch die Lieder zu erhalten.

3

Die Blumen welken;
            Doch kehren sie neu.
Es bleibt ja der Frühling
            Der Erde so treu.

Die Sonne sinket
            Gehorchend der Nacht,
Bis wieder im Osten
            Der Tag erwacht.

Doch treuer als Frühling
            Und Sonnenschein
Soll unsere Liebe
            Beständig sein.

4

Wenn die Fluren abends dunkeln,
Und noch matt die Sterne funkeln,
            Wenn die Nacht sich sanft und schmeichelnd
                        Will zur stillen Erde schmiegen,
            Und die Blumen halb im Traume
                        Zwischen Schlaf und Wachen liegen.

Dann erhebt sich in den Zweigen
Leises Flüstern, stilles Neigen,
            Und mir ist's, als könnt ich hören,
                        Daß mich Worte leis umschweben,
            Daß die Blumen heimlich Kunde
                        Sich von meiner Liebe geben.

Doch ist's Täuschung, wenn ich's meine.
Wie ich liebe, weiß nur eine.
            Blumen können's nimmer wissen,
                        Daß wir uns so herzlich lieben,
            Weil wir's ihnen nicht gestanden,
                        Nicht gesungen, nicht geschrieben.

5

Und schrieb ich vom Morgen
            Bis spät in die Nacht,
Und hätt' bis zum Frührot
            Ich dichtend gewacht,

Ich hätte nichts anders
            Zustande gebracht,
Als daß mich die Liebe
            So glücklich gemacht.

*

Ein stilles Gebet

Wie waren alle so munter
            Und sprudelnd tolle Lust!
Auch ich war mitten drunter,
            Kaum meiner selbst bewußt.

Auch ich sang all' die Lieder,
            Und trank aufs Wohl der Welt.
Es hallte jubelnd wider,
            Hinauf zum Sternenzelt.

Was auch der Mund gesungen,
            Was auch die Lippe sprach,
Im Herzen hat geklungen
            Nicht eine Silbe nach.

Es leuchtet in heiliger Zelle
            Der ewigen Ampel Schein.
Mein Herz war die Kapelle;
            Da leuchtet die Liebe d'rein.

Es glänzte dort im Scheine
            Ein fromm Madonnenbild;
Dies Bild, es war das deine,
            Du lächeltest treu und mild.

Dort war ich im Gebete,
            So heimlich, ungesehn;
Zu Gott im Himmel flehte
            Ich für dein Wohlergehn.

*

Verklungene Lieder

Mir träumte, ich wär' im Walde
            Ein Baum von Blüten schwer;
Da kam die schönste Jungfrau
            Mit leichtem Schritt daher.

Sie trat zum Baum' und blickte
            Ihn an, so wunderbar;
Da ließ ich ihr Blüten regnen
            In's gold'ne Ringelhaar.

Und wie sie die Maid berührten,
            Da waren die Blüten alsbald
Geworden zu Liebesliedern.
            Wie jauchzten sie durch den Wald!

Ich aber, ich erwachte,
            Und hörte ein Klingen so fern.
Ach! hätt' ich die Lieder behalten,
            Ich säng' sie ihr gar zu gern!

*

Auf dem Heimwege

Ich ging mit ihr im Mondenschein
            Wohl über den Markt und die Straßen.
Ich ging sogar mit ihr allein;
            Das Herz schlug mir über die Maßen.

Ich sprach von dem, was man so spricht,
            Vom Konzert, und wie sie sangen,
Von meiner Liebe sprach ich nicht,
            Da war ich zu befangen.

Ich eilte nach Hause und schrieb es hin,
            So kann ich's auch morgen noch lesen,
Daß ich, wie oft, auch diesmal bin
            Ein rechter Narr gewesen.

*

Verlorene Stunden

Als es Winter war und kalt,
            Konnten wir beisammen bleiben,
Und mit dringlicher Gewalt
            Schlug der Schneesturm an die Scheiben.

Und wir sprachen hin und her,
            Hand in Hand, so leis' und traulich;
»Ach, wenn es nur Frühling wär',
            Grün die Flur, die Lüfte laulich.«

Lenz hat alles nun gebracht,
            Lerchenschlag und Frühlingswehen,
Daß in bunter Blütenpracht
            Rings die grünen Wiesen stehen.

Aber ich muß einsam sein
            Oder mit den fremden andern;
Und mein Liebchen muß allein
            Durch die reichen Fluren wandern.

Guter Winter, kehr' zurück!
            Sollst auch gar nicht wieder scheiden.
Nimmer soll der Mensch im Glück
            Denken an zukünft'ge Zeiten.

*

An den Rhein

Ihr grünen Wellen im Strome,
            Ihr zieht so still einher,
Als ob ein Glück ihr wüßtet,
            Das euch beschieden wär'.

Ihr schäumenden Wellen am Ufer,
            Ihr plätschert so eilig her,
Als ob ihr den grünen Reben
            Erzählen woll't frohe Mär'.

Und könnet's doch nicht wissen,
            D'rum will ich's euch vertrau'n:
Ihr sollt im schmucken Boote
            Alsbald mein Liebchen schau'n.

Jetzt wißt ihr's und dürft euch freuen;
            Doch werdet nicht laut und wild,
Auf daß ihr das fromme Herzchen
            Mit Furcht nicht und Zagen erfüllt.

*

Die Ohrenbeichte

Ich fühl' es in meinem Herzen tief
            Beklommen und stürmisch pochen,
Als ob darin eine Stimme rief:
            »Du Sünder! was hast du verbrochen!«

Und wenn sie dann so vor mir steht,
            Dann blick' ich ihr in die Augen.
Mir ist's, als spräch' ich ein Gebet,
            So recht, wie es Sünder brauchen.

Und sitze ich bei ihr so nah' und traut,
            So Wang' an Wange gelehnet,
Dann wird eine Stimme im Sünder laut,
            Die sich nach der Beichte sehnet.

Und beichten muß ich ihr alsbald,
            Ist gleich meine Schuld so erkenntlich:
»Du liebe, holdselige Engelsgestalt,
            Wie lieb' ich dich so unendlich!«

Sie senkt das Auge, und flüstert mir zu:
            »Deine Liebe, sie ist ja mein Leben.«
Da wird es im Herzen mit einem Ruh',
            Und alle Schuld ist vergeben.

Doch muß ich ein arger Sünder sein;
            Denn kaum ist die Beichte gesprochen,
So ist mir's von neuem im Herzen d'rein,
            Als hätt' ich was Neues verbrochen.

*

Herbstfreuden

Hand in Hand, leicht zogen wir hin durch die Gänge des Weinbergs.
            Wer die süßeste Frucht fände im Dunkel des Laub's,
Darum wetteten wir und scherzten und lachten wie Kinder.
            Plötzlich mit freundlichem Blick riefst du, Geliebte, mir zu:
»Siegerin bin ich auch jetzt; denn schönere Beeren als diese
            Hat an der Rebe fürwahr nimmer die Sonne gesehn!«
Und du neigtest dich hin, mir die köstlichen Früchte zu brechen.
            Mit dem Besiegten zugleich feiernd im Schmause den Sieg.
Rascher doch eilt' ich hinzu, und küßte dich, Wehrende, oftmals.
            »Sieger nun nenne ich mich; süßere Früchte, fürwahr,
Finden im Garten wir nicht, und mäheten ab wir den Weinberg!«
            Lange noch stritten wir so, öfter noch wettend aufs neu'.

*

Der Minnehof

Wenn ich ein Lieb hab',
            Dann muß ich schweigen.
Still ist's im Herzen,
            Im liederreichen.

Wie eine Fürstin,
            So herrscht sie drinnen;
Aber sie läßt nur
            Sich schweigend minnen.

Alle die Lieder,
            Die groß und kleinen,
Müssen als Pagen
            Am Hof erscheinen.

Aber nur lautlos,
            So fromm und stille,
Stehn um den Thron sie;
            Es ist ihr Wille. –

Doch ist die Liebe
            Hinaus gezogen,
Kommen die Lieder
            Ihr nachgeflogen,

Frei und vergnüglich,
            Mit Lust vielredig,
Daß sie der harten
            Bedienstung ledig.

Andere aber,
            Die folgen klagend,
Treu ihr Gedenken
            Im Sinne tragend.

Gleich wie die Schwalben,
            Wenn Blätter fallen,
Fort mit dem Sommer
            Nach dem Süden wallen.

*

Der Walzer

Hast im Frühling unter Blüten
            Je geträumt du, mein Kind,
Wenn so schmeichelnd aus dem Süden
            Durch der Zweige Gewind',
Durch die Blumen, durch die Rosen
Sich erhob des Windes Kosen?

Deine Locken hat geschaukelt
            Dann die buhlende Luft,
Und die Blüten hat umgaukelt
            Der betäubende Duft;
Und es sanken in die Locken
Dir die bunten zarten Glocken.

So auch wehen Melodien,
            Und sie wecken die Lust.
Wie sie wogen, wie sie ziehen
            Durch die bebende Brust!
Und sie taumeln uns entgegen
Wie ein duft'ger Blütenregen.

Wie so selig ist dies Schweben,
            Wie so wonnig, so frei!
Welches zauberische Leben!
            Und es lockt uns herbei.
Ja wir folgen euch, ihr Klänge,
In des Tanzes wirre Gänge!

*

2

Wie durch geebnete Wogen der Kahn,
Wie auf den spiegelnden Fluten der Schwan,
            Sanft wie der fliegende,
            Ruhig sich wiegende
Aar auf der luftigen, sonnigen Bahn,

Also auch schweben wir hin in dem Tanz,
Hin durch den rhythmisch verschlungenen Kranz.
            Töne, fast klagende,
            Heben wie tragende
Wellen uns hin durch den festlichen Glanz.

Ruhst mir im Arme so wonnig beglückt,
Schaust mir in's Auge so innig entzückt.
            Fern in den fröhlichen
            Himmel der Seligen
Hat uns der tönende Zauber entrückt.

Bist du der Träne im Aug' dir bewußt?
Hörst du den Seufzer in klopfender Brust?
            Nicht allein Leidende
            Weinen und Scheidende;
Seufzer und Tränen verkünden auch Lust.

*

Frühlingssegen

Das Liebste, was ich habe,
Seh' ich an liebster Stelle.
Wie ist der Wald viel grüner,
Der Tag so weit mehr helle!

Wie ist die Welt so schöner,
Ihr Schönstes so mir eigen,
Und fromme Dankesworte
Sprech' ich in tiefstem Schweigen.

Aufs Haupt der Vielgeliebten
Möcht' ich des Himmels Segen
Wie eine Blumenkrone,
Die nie verwelket, legen.

*

Das Grab unter der Eiche

Unter der Eiche
Schlummert als Leiche,
Die ich geliebet, in stiller Ruh'.
Könnt' ich die blauen
Augen noch schauen!
Die sind geschlossen auf ewig zu.

Magst wohl dort unten
Denken der Stunden,
Die uns so selig entflohen sind.
Träumest wohl sinnig,
Wie wir so innig
Einst uns geliebet, mein herz'ges Kind.

Sendest auch Grüße,
Träumende, süße
Freundliche Worte zu mir empor;
Wie sie den bleichen
Lippen entweichen,
Sprossen als Blumen sie dann hervor.

Gütige Eiche
Senke die Zweige,
Daß sich ein schattiges Laubdach flicht!
Wahre mit Schatten
Vor dem Ermatten,
Was aus dem Grabe die Liebe spricht!

*

Wiederum

Still in die Brust verschließ die Klagen;
Die Freuden streu' wie Blumen hin!
So möcht' ich aller Welt es sagen,
Wie ich geliebt und glücklich bin.

Wer denkt noch an die Angst der Nächte,
Wenn er in's Licht des Tages schaut?
Wer ist's, der noch des Sturms gedächte,
Wenn er dem Hafen sich vertraut?

Vergeß'ner Schmerz! verklungne Klagen!
Wie Märchen seid ihr meinem Sinn.
Ich möchte aller Welt es sagen,
Daß ich geliebt und glücklich bin.

*

Gefunden

Wie bin ich frei von Sorgen!
Ich weiß mein Herz geborgen,
Und meine Seel' hat Ruh'.
Klar kann ich vorwärts schauen;
Mein Hoffen, mein Vertrauen
Bist einzig, Liebste, du.

Ist je mir Schmerz beschieden,
Du hast für mich den Frieden,
Den Trost für mich bereit.
Ein Wort aus deinem Munde
Gibt mir die sich're Kunde:
Der Himmel ist nicht weit.

Denn jedem ward gegeben
Für dieses Erdenleben,
Daß er ihn führen soll,
Ein Engel; doch ihn finden,
Sich treu mit ihm verbinden,
Es ist so mühevoll.

Mir war das Glück gewogen;
Zu dir hat's mich gezogen,
Und einsam wandl' ich nicht.
Nun mag es Gott verleihen,
Daß wir noch lang zu zweien
Uns freu'n am Sonnenlicht.

*

Die weiße Rose in den dunkeln Locken

Der Frühling kommt, und auf der grünen Flur
Spielt linder Hauch in bunten Blütenglocken.
Es mag geschehn; ich aber suche nur
Die weiße Rose in den dunkeln Locken.

Der Sommer glüht; es stehen trauernd da
Viel tausend Blumen, farbenlos und trocken;
Doch immer blüht, wenn gleich der Sonne nah,
Die weiße Rose in den dunkeln Locken.

Und wenn der Winter spricht sein Machtgebot
Und alles Leben deckt mit kalten Flocken,
Dann tröstet mich in solcher Tage Not
Die weiße Rose in den dunkeln Locken.

Du bist mir schöner als die schönste Zeit,
Und bist mir Trost; dich grüß' ich mit Frohlocken;
Sei du mein Stern fortan in Freud und Leid',
Du weiße Rose in den dunkeln Locken!

*

Die weiße Rose und die roten Perlen

Das rote Perlenband hat mir mein Glück begründet;
So sei der Perlen Lob in diesem Lied verkündet.

Ein jeder einzelne Stein in seinem dunkeln Glühen
Scheint einen Freudenstrahl mir in die Brust zu sprühen.

Ein jeder einzelne Stein spricht in verstohl'ner Weise
Ein warmes Liebeswort vertraut zu mir und leise.

Es rankt sich die Korall' auf dunkelm Meeresgrunde,
Sie gibt mir von dem Stein der Tiefe keine Kunde;

Doch hier am Licht des Tags, da löset sie ihr Schweigen,
Die Wunder kann sie mir des liebsten Herzens zeigen;

Was sie im tiefsten Grund dort Heimliches erschauet,
Des leisen Seufzers Hauch, den hat sie mir vertrauet.

Die weiße Perle soll der Tränen sein ein Zeichen,
Die roten Perlen sind's, die deinen Lippen gleichen;

Und wie um deinen Mund nur Freud' und Lächeln schweben,
So können Perlen mir nur frohe Kunde geben;

Es melden Glück und Licht und Seligkeit die roten,
Ich grüße dankbar sie, des Herzens Frühlingsboten.

So viel als Perlen sich um deinen Nacken schlingen,
Möcht' Wünsche für dein Glück ich dir zum Gruße bringen;

So viel als Perlen sich um deinen Nacken winden,
Möcht' Lieder ich für dich zu deinem Preis erfinden.

So viel als Perlen sich zu gleichem Schmuck vereinen,
Soll dir des Jahres Lauf heilbringend neu erscheinen.

Die weiße Rose spricht zu dunkelen Korallen:
Kommt, laßt uns Freunde sein, der Freundin zu gefallen.

Das rote Perlenband erwidert nun der Rose:
Wir sind der Schönheit Schmuck; wie gleich sind unsre Lose!

Der Dichter aber denkt: Verbunden bleibt in Einheit,
Die ihr die Farben tragt der Liebe und der Reinheit!

*

In die Ferne

1

Wie gerne legt' ich dir zu Füßen
Der Alpenrosen vollen Strauß,
So aber hab' ich dich zu grüßen,
Dies einsam Wort nur fern von Haus.

Und kann ich keine Blumen streuen,
Des Herzens Blüten doch sind dein;
Der frühe Gruß mag dich erfreuen
Gleichwie ein früher Sonnenschein.

2

Du kannst dich meiner nicht erwehren,
Ich folge dir durch Berg und Tal;
Es muß mein Geist mit dir verkehren,
Sonst krankt mein Herz in Sehnsuchtsqual.

Du merkst es wohl, auf allen Wegen
Begleit' ich dich, Geliebte, dort,
Und in der Zweige leisem Regen
Hörst du von mir ein freundlich Wort.

In dichten Waldes dunkeln Schatten
Schreit' ich an deiner Seite hin;
Du blickst nach sonnenhellen Matten,
Und fühlest, daß ich bei dir bin.

Am klaren Bache ruhst du müde,
Du nimmst des Dichters Jugendsang,
Erquickst dich an der frischen Blüte,
Und an des Verses hellem Klang.

Ein Blättchen fällt zu deinen Füßen,
Das in das Buch ich einst gelegt;
Es soll dich in der Ferne grüßen,
Da es des Freundes Namen trägt.

Und wenn's der Meilen tausend wären,
Was frägt die Sehnsucht nach der Zahl?
Du kannst dich meiner nicht erwehren,
Ich folge dir durch Berg und Tal.

3

Fliehst du weiter mir und weiter,
Meine Sehnsucht holt dich ein;
Die Gedanken werden heiter
Immer dir zur Seite sein.

Sollen wir am Abend klagen
Bei der Sonne Untergehn?
Alles Scheiden ist zu tragen,
Wenn uns winkt ein Wiedersehn.

Stiller Nacht geheime Sorgen
Schwinden, wenn ein Traum erscheint,
Der das Heute und das Morgen
Freundlich tröstend uns vereint.

Und so will ich nach dir schauen
Wie im Traume Tag und Nacht,
Bis das schönste Morgengrauen
Einstens dich zurückgebracht.

4

Ich bin seit lang im tiefsten Herzen krank
Nach jenen dunkeln Bergen waldumfangen,
Denn wer nur einmal jene Lüfte trank,
Dem ist der Sinn auf Lebenszeit gefangen.

Nun wandelt gar mein einzig höchstes Glück,
Mir die Geliebte dort in jener Ferne;
Wie könnten die Gedanken da zurück!
Ich folgte selbst in raschem Flug so gerne!

Nur eines ist es, was mir Tröstung gibt,
Vermag es auch den Schmerz mir nicht zu heilen:
Die stillen Orte, die ich so geliebt,
Sie werden heilig nun durch ihr Verweilen.

5

»Wär' ich eine Fee, so sollte
Rasch von dort mein Zauberwagen
Dich hierher in dieses holde
Tal zu mir herüber tragen!«

Ach, du Liebste, wie so herzlich
Hat dies Wort zu mir geklungen!
Doch ich fühl' es tief und schmerzlich,
Daß dein Werk nur halb gelungen.

Meine Seele, all mein Sinnen,
All mein Hoffen und Erwarten
Hast du mir entführt von hinnen
Fort in deinen Zaubergarten.

Und ich wandle dir zur Seite
Durch des Waldes ernste Wunder,
Blicke mit dir in das weite
Lichterfüllte Tal hinunter.

Und ich fühl' dein seufzend Sehnen
Bei der Abendsonne Scheiden.
Und ich küsse dir die Tränen
Von den schönen Augen beiden.

Du bist eine Fee! O sende
Wirklich deinen Wolkenwagen,
Daß den Zauber er vollende,
Mich zu dir, zu dir zu tragen!

6
Um Mitternacht

Dasselbe Licht des Mondes, das vor mir
Auf Flur und Stadt so sanft hernieder gleitet,
Auch in der Ferne hält es dort bei ihr
Schweigsam den Silberschleier ausgebreitet.

Derselbe Hauch, der leis die Luft durchweht
Und kaum erkennbar durch die Blätter spielet,
Er ist's auch dort, der durch die Wälder geht,
Und ihr im Schlaf den leichten Atem kühlet.

O, möchte freundlich nun ein Engelchor
Unsichtbar meines Herzens Botschaft tragen
Von mir zu ihr, und heimlich ihr in's Ohr,
In's träumende, die stillen Worte sagen.

»Er ist noch wach, der ferne treue Freund,
Und deiner denkt er in der späten Stunde;
Er denkt der Zeit, die wieder euch vereint;
Vernimm im Traum die hoffnungsfrohe Kunde!«

7
Der Mond spricht zu ihr:

Einen Auftrag hat gegeben
Mir der Freund in weiter Fern'
Just zu dieser Stunde eben;
Ihn besorgen will ich gern.

Ja, ich soll dich freundlich grüßen
Sanft in Tönen und Gedicht;
Nur soll ich dich aus dem süßen
Leichten Schlummer wecken nicht.

Ei! da send ich meine Kinder,
Meiner Träume bunte Schar.
Sieh, schon hebt die Brust sich linder,
Und sie stärkt sich wunderbar.

Um die Lippen spielt ein Lächeln,
Du vernimmst den fernen Ton,
Leisen Abendwindes Fächeln
Weht ihn her von dem Balkon.

Und der schönsten Träume einer
Flüstert heimlich dir in's Ohr:
Immer denkt der Freund noch deiner.
Treu dich liebend wie zuvor.

*

Waldlieder

1

Unter Blättern und Ranken
Seh' ich die Fürstin meiner Gedanken
            Ruhig sitzend hoch zu Roß,
Ganz allein an dem Stamm der Eiche,
Unter Blumen die blumengleiche,
            Fernab von der Diener Troß.

Gerne möcht' ich mich neigen
Dort vor der jugendlich Anmutreichen
            Haltend fest den Bügel ihr;
Wollte sie sanft zur Erde tragen,
In meinen Armen leis ihr sagen:
            Willkommen, an meinem Herzen hier!

2

Im tiefen Dunkel, im grünen Wald,
Zu Rosse siehst du die leichte Gestalt,
            Du hörst nicht den Tritt der Hufen.
Das ist der Schutzgeist hier am Ort;
Doch schweige und sprich nicht das leiseste Wort;
            Man darf die Fee nicht rufen.

Und wo das Roß den Boden tritt,
Da sieht man leuchten bei jedem Schritt
            Viel wundersame Blüten;
Und rechts und links den Weg entlang
Da klinget von Geistern ein Zaubergesang;
            Die schönste der Feen zu hüten.


Und wem die Herrin erscheinen will,
Der mag die Stunde sich segnen still,
            Dem wird ein Glück geschehen;
Ich aber wünsche mehr mir nicht,
Als nur ihr lieblich Angesicht
            Ein einzig Mal zu sehen.

3

Die dunklen Kronen hoher Föhren,
Sie rauschen über deinem Haupt,
So daß das Ohr in ernsten Chören
Die Geister zu vernehmen glaubt.

Und lautlos stille ist es unten,
Das Blatt am Zweige regt sich nicht,
Nur hie und da spielt auf den bunten
Waldblumen hell das Sonnenlicht.

Du schwebst dahin mit leichtem Schritte,
Des Waldes Rose in der Hand,
Und leis umrauscht bei jedem Tritte
Vom hellen faltigen Gewand.

Als ob die holde Fee des Tales
Still wandelte durch ihren Wald,
So in der Pracht des grünen Saales
Hell leuchtet deine Lichtgestalt.

Und stiller wird's auf allen Wegen
Im weiten duftigen Revier,
Und milder senkt sich auch der Segen
Des Friedens in die Seele dir.

*

Überfluß

Glaub' nicht, der Strom der Lieder sei versiegt,
            In dem sich meines Herzens Lust ergossen,
Und wie ein Traumbild farbenlos verfliegt,
            Sei all mein Glück in eitel Nichts zerflossen.

O glaub' es nicht! Wie gerne möcht' ich dir
            In nie vernommenen Harmonien singen,
Und deinem Liebreiz als die würdige Zier
            Den Schmuck des Reims in reinen Perlen bringen!

*

Waldlied im Mai

Im jungen grünenden Walde
Sang sonst ich ein Liedlein so gern,
Daß es durch die Wipfel erschallte,
Ein Gruß in weiteste Fern!

Jüngst aber ein solches zu wagen
Da fehlte der keckliche Mut,
Doch hatt' ich zu singen und sagen
Viel Schönes in vollester Glut.

Wie klare und klingende Wogen
So wallte es durch mich hin,
Und Lieder gar viele, sie zogen
Mir jubelnd durch Herz und durch Sinn.

Nie war doch der Wald je so prächtig,
Nie war doch die Luft je so rein,
Mein Jubel war fast übermächtig,
Und das Herz für die Lust fast zu klein.

Ich ging mit der liebsten der Frauen
In der grünen Pracht dort herum,
Da konnt' ich nur hören, nur schauen;
Das höchste Glück ist ja stumm.

Mir war es, als täte mich führen
Ein Engel im Himmel herum;
Rings um mich ein froh Jubilieren,
Es machte das Glück mich stumm.

Heut' geh' ich auf einsamen Wegen,
Mich hält keine Zaubergewalt,
Da ruf ich's den Wipfeln entgegen:
Hab Dank, du jung grünender Wald!

*

Der Anmutreichsten

Um deine Anmut will ich einen frischen Kranz
Von Versen zierlich leicht sich schlingen lassen;
Ich will die Reime ihren Ringeltanz
Um deine Anmut fröhlich springen lassen;
Des süßen Wohlklangs abgemessnen Laut
Will ich von deinen Reizen singen lassen;
Du, meines Herzens ewig junge Braut,
Sollst Freundes Huldigung dir bringen lassen.
Doch du belächelst anmutsvoll mein Tun,
Und sieh', kein Preis wird sich erringen lassen,
Und Reim und Vers und Wohllaut müssen ruh'n,
Sie müssen schweigend sich von dir bezwingen lassen.
Sie wissen's wohl; denn alle Poesie
Soll ruhen hier die Himmelsschwingen lassen,
Weil Schön'res als dein Lächeln sich doch nie
In Wort und Klang und Reim wird bringen lassen.

*

Wie im Bache die Forelle

Hörst du nie auf, mich zu kränken,
            Du mit nie verlegener List?
Die mit hunderttausend Ränken
            Du so fest gewappnet bist;
Denn du blickst so scharf und helle
Wie im Bache die Forelle.

Du entschlüpfst in Schlangenwindung
            Eilig jedem, der dir naht,
Und der Feinste an Erfindung
            Wird ein Knabe ohne Rat;
Denn du bist gewandt und schnelle
Wie im Bache die Forelle.

Sag, was hilft ein heißes Werben?
            Scharfer Spott ist sein Gewinn;
Du belächelst das Verderben;
            Kalt bist du an Herz und Sinn,
Kälter als in kühler Welle
In dem Bache die Forelle.

*

Nimm dir mein Herz,
doch laß mir den Kopf!

Schone mich, schone mein junges Leben!
Jedes Wort von dir brennt und glüht;
Flammen sind's, die dein Auge sprüht.
Muß ich denn Leib und Seele dir geben?
Mitleid hab' mit dem armen Tropf;
Nimm dir mein Herz, doch laß mir den Kopf!

Siehe, wir sind keine Salamander,
Die sich auf feurigen Kohlen ergehn,
Und wenn uns glühende Hauche umwehn,
Ruhig verhandeln noch miteinander.
Siehe, ich brenne vom Fuß bis zum Schopf,
Nimm dir mein Herz, doch laß mir den Kopf!

Wie wir es treiben, so darf's nicht enden;
Muß denn die Liebe aus Nessus Hand
Immer empfangen ein giftig Gewand?
Läßt sich dies Feuer nicht besser verwenden?
Öffne die Tür, wenn nächtlich ich klopf';
Nimm dir mein Herz, doch laß mir den Kopf!

*

Nur für dich!

Warum am Himmel Sterne glühen?
            Um freundlich dir herab zu glänzen.
Warum auf Erden Blumen blühen?
            Um dir dein schönes Haupt zu kränzen.

*

Bedenken

Lieben kann man dich schon, du flackerig flammende Seele,
            Aber leben mit dir, wäre gewagt und verspielt.

*

Probatum est

Ich spräch' so viel, ich sei so laut,
So schmollst du, süße Herzensbraut.
Nun wohl! So zwinge mich zur Ruh',
Schließ mir den Mund mit Küssen zu!

*

Frommer Wunsch

Ein Engel bist du leider! Und man kann
Zu Engeln beten, Engel lieben.
Wärst du ein Teufel, wär' ich besser d'ran,
Längst hätt' ich Leib und Leben dir verschrieben.

*

Höflichkeiten

Ich hab 'nen Schatz, der mag mich nicht.
            Zum Lohn für meine Sorgen
Bekomm' ich früh ein bös' Gesicht
            Und einen »Guten Morgen!«

Des Mittags in der Sonne Brand
            Sitzt sie in kühler Laube
Und ruft, komm ich vorbeigerannt:
            »Ei, guten Tag im Staube!«

Des Abends gar bei Sternenschein'
            Seh' ich sie mit 'nem andern;
Da lacht sie noch mir hinter d'rein:
            »Bst! Gute Nacht – zum Wandern!«

*

Erinnerung

Fühl' ich Wein so hell und rein
            Im Kristall mir munden,
Fällt mir meine Liebe ein
            Und vergang'ne Stunden.

Wie der Wein gegoren lang
            In des Fasses Banden,
Schwiegen wir auch oft und bang,
            Bis wir's uns gestanden.

*

Abschied

Wir scheiden
Das Herz voll Leiden,
Mit schmerzlichem Sehnen,
Das Auge voll Tränen,
Und bebend muß der Mund gestehn:
Wir werden uns nimmer wiedersehn!
Und doch und doch ist's, als riefe
In der Brust aus tiefster Tiefe
Eine Stimme tröstend leis:
Wer weiß? Wer weiß?

*

Das Ende

Ich war es selbst, der in der Träume Land
Sich weit verirrt. Darf ich mich nun beklagen,
Wenn endlich auf mein allzukühnes Fragen
Erwachend ich die ernste Antwort fand?

Was mir auch kommt von so geliebter Hand,
Ich muß es still als Schicksalsfügung tragen;
Der Wunde selbst, die du mir hast geschlagen,
Bringt deine Freundschaft lindernden Verband.

Was du auch gibst, du kannst nichts Böses geben;
Ich kenne dich und deiner Seele Leben,
Ich weiß es ja, du bist so himmlisch gut.

So sei der Schmerz gesegnet, der mich peinigt,
Weil er das Herz veredelt mir und reinigt;
Und zur Entsagung stärke sich der Mut!

*

Im Hause und für das Haus

Dir wärme Sonnenschein dein Haus,
Die Dichtung schmück' es freudig aus,
Sonst bleiben farblos Seel' und Saal
Ohn' solchen echten Himmelsstrahl!

*

Am Weihnachtsabend

Einem schwer Erkrankten

Wie in Zauberschlaf befangen
            Liegt die Flur, es starrt der Strom.
Wo sonst Freud' und Lieder klangen,
            Ist's ein weiter Trauerdom.

Alle Pfade öd' verlassen;
            Unter'm Fuße knarrt der Schnee,
Und es blicken kalt die blassen
            Sterne in das stille Weh'.

Aber laß die Stürme brausen!
            Liebe schaffet früh und spat.
Unter starrem Eise draußen
            Schlummert nur die Frühlingssaat.

Liebe hat mit grünen Bäumen
            Freundlich heut' das Haus geschmückt;
In den lichtdurchglänzten Räumen
            Schweift das Auge froh entzückt.

Mut, du Kranker! Fest Vertrauen!
            Liebe schafft ja früh und spat.
Laß sie grüne Lauben bauen.
            Bis des Jahres Frühling naht.

Laß herab die lichten Sterne
            Durch die dunkeln Zweige sehn,
Daß von ihrer heil'gen Ferne
            Trost und Grüße dich umwehn.

Weihnachtsfeier soll dir ziehen
            Grün und leuchtend durch die Brust.
Auch die bösen Tage fliehen,
            Nicht allein die Zeit der Lust.

Bald wird all der Zauber enden,
            Der die Flur gefangen hält,
Lust'ge Boten wird dann senden
            Frühling seiner lieben Welt.

Und die Welt wird rasch genesen;
            Frühlingsstrahlen gehn zum Mark.
Deine Leiden sind gewesen;
            Freund, dann bist du heil und stark!

Ha! welch Duften dann und Regen
            Durch der Blumen junge Schar!
Sieh, sie nicken sich entgegen;
            Freunde sind's vom letzten Jahr.

Und die lauen Winde flüstern
            Durch den Wald von Baum zu Baum;
Die erzählen wohl den düstern,
            Leidenschweren Wintertraum.

Wie ein Weihnachtsgarten leuchtet
            Alles über Berg und Tal,
Und die Fluren, taubefeuchtet,
            Schimmern hell im Morgenstrahl.

Freund, dann regt sich sehnend wieder
            Alte, sel'ge Wanderlust,
Und die halb verklung'nen Lieder
            Geh'n wie Träume durch die Brust.

Singend, wandernd über Berge
            Ziehn wir dann mit leichtem Fuß;
Hoch vom Himmel jauchzt die Lerche
            Dir den frohsten Morgengruß.

*

Des Winters Gruß

An fröhlich Vereinigte

Mit den Silberglocken grüßt uns
Winter, der's so herzlich meint,
Und es fallen weiße Flocken,
Wenn er nickt, der alte Freund.

Gerne möcht' er Blüten geben,
Hätt' er selber welche nur,
Und er streut die eignen Locken
Lächelnd auf die weite Flur.

Nimmer lass' ich mir ihn schelten!
Ist er gleich ein wenig hart,
Knurrt und zankt er auch zuweilen,
Das ist alter Leute Art.

Dennoch meint er's mit uns Menschen
Innen in dem Herzen gut,
Und der alte Kerl ist wahrlich
Doch ein ehrlich treues Blut.

Sagt, was hat denn heut' so traulich
Uns zusammen hier gebracht?
Wohl, das hat der alte Winter,
Unser guter Freund, gemacht!

Draußen hüllt er dann indessen
Wald und Flur in's Schlummerkleid;
Ruhig kann die Erde träumen
Von vergang'ner Blütenzeit.

Auch dem Menschenherzen nahet
Einstens solche Winterruh',
Und des Alters rauher Windhauch
Schneit des Herzens Blüten zu.

Ja, dann träumt es still und schweigend
Von verwelkter Blumen Pracht;
Träumt wohl auch im stillen Hoffen,
Bis ein neuer Lenz erwacht.

Aber blick' ich heute ringsum,
Glaub' ich wahrlich im Gemüt'
Fern zu wandeln in dem Garten,
Der auf Ätna's Höhen blüht.

Wie die Wandrer uns berichten,
Ist das Land so wunderbar,
Daß sich Frühling, Sommer, Herbstzeit
Dort vereinen immerdar.

So auch seh' ich Frühlingsherzen
Lebensfröhlich, blütenreich,
Wo die Dichtung heimisch wohnet,
Leicht beschwingter Lerche gleich;

Und bei andern ist es Sommer;
Da ist's regsam, voller Kraft;
Wohl bestellt wird da das Saatfeld,
Alles drängt sich, sorgt und schafft.

Noch bei andern wird geerntet;
Gute Tat, sie reift zur Frucht.
Heil! wer in dem Herbst des Lebens
Nicht umsonst nach Früchten sucht!

D'rum, ihr Freunde, sorg' ein jeder,
Daß die Blüten sprossen frei,
Daß im Sommer rastlos tätig,
Sorgsam er im Ernten sei.

Dann wird auch des Herzens Winter
Lang so schlimm nicht, wie ihr meint,
Weil dann mit der reichen Ernte
Kindlich Hoffen sich vereint.

Und so sei gegrüßt mir, Winter,
Stellst du dich auch barsch und wild!
Streue immer deine Locken
Auf das schlummernde Gefild'!

Weiß ich doch, du bist so arg nicht;
Es ist eben so Manier,
Und die warmen Menschenherzen,
Alter Freund, gefallen dir.

*

Der Engel der Freude

Ein heit'rer Engel wallet heute
            Mit lichten Schwingen durch das Haus.
Es ist der Geist der reinen Freude,
            Er schmückte diese Hallen aus.
Mit Rosen ist sein Haupt gezieret,
            Und Blumen blüh'n, wohin er zieht,
Und wem die Lippen er berühret,
            Dem wird das Wort zum frohen Lied.

Auch ist er nicht hereingekommen
            Dem hilfsbedürft'gen Bettler gleich,
Viel' Schätze hat er mitgenommen,
            Und wen er liebt, den macht er reich.
Ein buntes Spiel will er entfalten;
            Er ist ein Elfe reich an Scherz,
Und zieht in wechselnden Gestalten
            Ins sorglos offne Menschenherz.

Bald taucht er in die gold'nen Wellen,
            Und spielt in Weines würz'ger Flut.
Wie dann die Blicke sich erhellen!            
            Fast pocht das Herz mit Übermut!
So atmet frischer jede Blüte
            Und alles Leben jauchzt erneut,
Wenn auf die Flur, die heiß durchglühte,
            Die Wolke ihren Segen streut.

Bald wiegt er sich auf leichten Schwingen
            In einem Liede, zart und lind;
Er weiß euch in das Herz zu dringen,
            Das listenreiche Elfenkind!
Bald rauscht er stürmend, übermächtig
            In eines Jubelchores Klang,
Dem Krieger gleich, der stolz und prächtig
            Das Land durchzieht, das er bezwang.

Jetzt leuchtet er im Freundes-Auge,
            Und grüßt verklärt im schönsten Licht;
Dann fühlt ihr ihn im sanften Hauche
            Des Wortes, das von Liebe spricht.
In tausendfältigen Gestalten
            Zieht er ins Herz der Menschen ein,
Und wo er ungestört darf walten,
            Da ist's wie Frühlingssonnenschein.

Ihr Freunde! Ja, es wallet heute
            Ein heit'rer Engel durch das Haus,
Ein Elfe, der die reinste Freude
            Als Himmelsgabe teilet aus.
Heil! wenn er eine Heimatstätte
            In unser aller Herzen fand,
Dann schlingt sich fest die Rosenkette
            Der Einigkeit von Hand zu Hand!

*

Zeichung: Heinrich Hoffmann

Aus: König Nußknacker und der arme Reinhold. Ein Kindermärchen in Bildern. (1851)
Abgebildet ist der Weihnachtsmarkt auf dem rankfurter Römerberg

Weihnachtslied

Aus: König Nußknacker

Auf den Feldern,
In den Wäldern Manch ein Baum gar prangend steht,
            Der von linden
            Frühlingswinden
Wird mit Blüten übersät;

Der in Hülle
            Und in Fülle
Goldne Frucht am Zweige trägt;
            Wo in süßen
            Wechselgrüßen
Nachtigall und Finke schlägt.

Aber saget,
            Ob wohl raget
Je ein Baum so voller Pracht,
            Wie der reiche,
            Dessen Zweige
Strahlen in der heil'gen Nacht?

Und noch wahrer
            Und noch klarer
Als die Lichtflut euch entzückt,
            Glänzt auf's neue
            All die treue
Liebe, die den Baum geschmückt.

*

Silvester-Nacht

Mag der Frühling milden Hauch,
            Frisches Grün und Veilchen spenden,
Aber tückisch weiß er auch
            Euch des Schlimmsten viel zu senden.
Wenn der Winter streng und arg
Wenig gibt, an Freuden karg,
            Gibt er doch mit treuen Händen.

In der Sankt Walpurgisnacht
            Regen sich die bösen Geister,
Und der Zug in toller Pracht
            Mit sich fort die andern reißt er;
Auf dem Brocken sammelt froh
Sich das Hexenrokoko
            Um den alten Höllenmeister.

Anders in Silvesters Nacht
            Bei der Kerzen frohem Schimmer;
Gute Geister halten Wacht,
            Und durch Saal und Flur und Zimmer
Schreiten sie in stillem Zug,
Schauen rings und sorgen klug,
            Und die bösen wagen's nimmer.

Heute jauchzt das Menschenherz,
            Selbst dem Kummer fehlen Zähren;
Heute will der alte Schmerz
            Sich in neuem Wunsch verklären.
Mit der Freude teilt zugleich
Ja die Hoffnung heut das Reich;
            Laßt die Lust nur frei gewähren!

Wenn aus würz'ger Schal empor
            Heiß die leichten Wölkchen steigen;
Seht, das ist der Geister-Chor,
            Der Silvesterelfen Reigen.
Was ihr hofft, sei bald erreicht!
Was ihr wünscht, sie schaffen's leicht;
            Eins nur hassen sie: Das Schweigen.

Freund an Freund! Ja Hand in Hand!
            Rechts der Bruder, links die Schwester!
Einig soll sich heut' das Band
            Enger schließen noch und fester.
Heut sei Schlimmes abgetan!
Fangt mit Lust das Neue an;
            Denn wir feiern heut Silvester.

*

Die Rose auf meinem Arbeitstische

Fast scheint es mir, als nehm' es arg dich Wunder,
            Wie man dich mocht' in solche Nähe zwingen,
            Wo dich Papier und Schnitzel eng umringen,
            Zigarrenreste, Staub und mancher Plunder.

Und dennoch stehst du eben mitten d'runter
            So schön wie sonst, und aus den tollen Schlingen
            Chaot'schen Wirrwarrs fährst du fort zu bringen
            Des Duftes Spende, unverdrossen munter.

Und hab' ich Gleiches selbst nicht oft empfunden,
            Wenn mir des Tag's Getriebe so erbärmlich
            Und allen Reizes bar erschien und ärmlich?

Manch Lied gelang mir wohl in solchen Stunden
            Und froh begrüßt' ich, was sich leicht gereimet.
            Der Rose gleich, die unter Trümmern keimet.

*

Einem jungen Paare

Wie in den Strahlen des Lichts sich das Leben der Blume entfaltet,
            Daß sie in Farben erglüht, daß sie in Duft sich verhaucht,
So auch die Seele des Menschen bedarf der Kunst und der Dichtung,
            Daß sie durchleuchtet, verklärt himmlischer Wärme sich freut.
Freundliche Musen, umschirmet dies Haus wohlwollenden Sinnes!
            Sorget, daß nimmer des Lichts segnende Quelle versiegt!

*

Sicheres Glück

Nicht das Glück, das unverhofft
Launisch dir die Götter senden,
Wenn sie ihre Gunst so oft
Blindlings hier und dort verschwenden,
Nicht ein solches hat Bestand;
Wie es kam, so wird es schwinden,
Denn die herrisch mächtige Hand
Kann es wieder dir entwinden.
Nur das Glück, das langsam naht,
Das du mühvoll mußt erringen,
Das der Lohn der eig'nen Tat
Sich im Kampfe ließ erzwingen,
Nur ein solches wird dir treu
Wie ein Stern am Himmel glänzen,
Und als Preis dir frisch und neu
Immerdar das Haupt umkränzen.

*

Giebelsprüche

Willst du dir hier ein stilles Haus erbauen,
Schreib' keinen stolzen Namen an die Tür';
In's Giebelfeld als bess'ren Schmuck dafür
Kann ich dir manchen guten Spruch vertrauen.

1

In Gottes Hand
Ruht Meer und Land,
Auch dieses Haus und was darein,
Mag seinem Schutz befohlen sein.

2

Es wird dir wenig nützen,
Baust du dein Haus vom stärksten Stein;
Der Frieden muß es stützen,
Sonst bricht der Bau ob deinem Haupte ein.

3

Den Gast,
Den du hast,
Den laß walten
Still,
Und schalten,
Wie er will!

4

Wer uns mag was Liebes sagen,
Trete ein! Gegrüßt er sei!
Doch wer ärgern will und plagen,
Der geh' lieber gleich vorbei!

5

Ist's Sonnenschein, geh' aus;
Bei Regen bleib' zu Haus!
Bist fröhlich, mag's mit andern sein,
Bist mürrisch, sei's für dich allein!

*

Zimmersprüche

Über die Küchentür

Sei die Küche noch so rein,
Niemand gehe vor Tisch hinein,
Wenn er guten Appetit
Will zum Essen bringen mit.

Der Mann in der Küche,
Die Frau auf dem Roß,
Das geht in die Brüche,
Und die Schande ist groß.

Speisekammer

Spare, wo gespart sein soll;
Wenn du geben willst, gib voll!

Speisezimmer

Was gern gegeben ist, gedeiht;
Die beste Schüssel versalzt der Neid.

Einfach und heiter!
Was willst du weiter?

Kinderzimmer

Frische Luft und Sonnenschein
Sollen euch Gespielen sein.

Was helfen Elterntreu und -lieb',
Wenn Gottes Schutz dahinten blieb ?

Gastzimmer

Froher Gast ist allzumal
Wie ein Frühlingssonnenstrahl.

Wer da geht von dieser Schwelle,
Möge denken still bei sich:
Gute Stunden eilen schnelle;
Wieder komm' ich sicherlich.

Arbeitszimmer

Immer erwerben
Heißt für den Himmel sterben.

Gesprochen Wort,
Wie Spreu verfliegt es;
Geschrieben Wort,
Ein Saatkorn liegt es;
Drum überlege, was du sagst,
Doch zweimal, eh' du's schreiben mag

Schlafzimmer

Gutes tun
Läßt frohen Mutes ruhn.

Auf weichem Kissen
Mit gutem Gewissen
Wirst du den Schlaf nicht vermissen.

Zeitig zu Bette und zeitig heraus
Jaget den Mißmut dir aus dem Haus.

Hast du Feinde, versöhne dich;
Hast du Fehler, entwöhne dich;
Hast du Arbeit, so säume nie;
Hast du Sorgen, verträume sie!

Über die Kellertür

Feuer in's Dach hinein
Mag dir Gott abwehren;
Feuer im Faß mit Wein
Soll wachsen und sich mehren.

*

Im Freien und auf der Wanderung

Sonnenlicht in Lüften heiter,
Und die Freude wandert mit,
Gleichgemessen immer weiter
Fördern Ruderschlag und Schritt.
Rhythmisch wird, was wir empfanden,
Und wir wissen selbst nicht wie,
Und zum Liede, rasch entstanden,
Findet sich die Melodie.

*

Im grünen Hag

Geh' ich durch den grünen Hag
Ist's, als wär' die Welt mein eigen;
Hör' ich gar den Finkenschlag,
Sing ich mit und kann nicht schweigen.

Geh' ich durch den grünen Hag,
Scheint die Welt mir ganz vollkommen;
Weine, wem das Herz danach!
Mir ist's nie in Sinn gekommen.

Geh' ich durch den grünen Hag,
Seh' ich rings ein lustig Leben;
Draußen gibts wohl Nacht und Tag,
Hier nur gleiches Dämmerleben.

Darum in dem grünen Hag
Sollt ihr mich dereinst begraben,
Denn ein froher Bursche mag
Auch ein frohes Grabmal haben.

*

Auf den Bergen ist Heil

Wenn dir das Herz in Kummer bricht,
Hinaus, hinauf! Verzage nicht!
Blick' von dem Berge über's Land,
Da kommt die Kraft von Gott gesandt.

Wenn dich der Haß des Lebens faßt,
Wirf sie nicht weg, des Daseins Last!
Steig auf die Berge, blick' in's Land!
Gott knüpft ein neues Lebensband.

Und ist dein Herz so jubelvoll,
Daß es nicht schweigend bleiben soll,
Steig' auf die Berge, ruf's hinaus!
Schön klingt der Ruf in Gottes Haus.

*

Innerer Rhythmus

Hier, wo reinste Lüfte wehen,
Atmest tief du in Spondeen,
Schlürfest Bergluft, Kraft und Lust;
Sieh das Maß der Zeiten regt sich
In dir selbst schon, es bewegt sich
Rhythmisch alles, Welt und Brust.

Bei des Tanzes frohen Festen
Atmest du in Anapästen
Heiße Luft in schnellem Zug;
Möchtest gern das Herz dir kühlen,
Doch es schlägt dir in Daktylen
Rasch den Takt zum Wirbelflug.

*

Winterkur

Enger Stube schwerer Haft
Eil' ich zu entrinnen;
Sorgenreiche Wissenschaft,
Bleibe du da innen!

Die Gedankenquälerei
Drückt wie Alp die Seele;
Wüßt' ich selbst nur, was es sei,
Selbst nur, was mir fehle.

Nehm' den Stab und wandre fort
Durch den Schnee da draußen;
Laß' mir frischen Luftzug dort
Um die Stirne saußen.

Durch die Brust bis tief in's Mark
Geht des Atems Kühle,
Daß ich mich erfrischt und stark,
Neu geschaffen fühle.

Sei's ein Rätsel immerdar,
Was mit mir gewesen,
Freudig fühl' ich in mir klar,
Daß ich bin genesen.

*

Frühlingsmorgen im Walde

Schau', wie ist es jugendgrün
            Im Wald!
All' die Bäume wollen blüh'n
            Alsbald.
Bist du, alte Eiche, auch
            Erwacht?
Hat dich jung der Frühlingshauch
            Gemacht?
Standest doch im Herbst so arm,
            Entlaubt;
Maiesodem zog dir warm
            Um's Haupt.
Dachtest schlummernd wohl im Traum
            Zurück
An die Jugend, armer Baum,
            An's Glück.
Und im Traum von Frühlingsluft
            So schnell
Sproßte Laub, dir unbewußt,
            So hell. –
Frohe Menschen ziehn entlang
            Im Wald.
Frühlinggrüßend ihr Gesang
            Erschallt.
Mit den andern zog ich auch
            Daher,
Tränentau im müden Aug',
            So schwer,
Öden Herzens, blütenarm,
            Entlaubt;
Letzte Hoffnung hat der Harm
            Geraubt.
Ach! ein blaues Aug' so mild
            Und treu,
Zauberte das Frühlingsbild
            Aufs neu;
Und ein Blick voll Liebeslust
            Und fromm
Rief dem Frühling in der Brust:
            O komm'!
Und er kam. Ich fühlte reich
            Und grün
All' die Lust aufs neu' sogleich
            Erblüh'n. –
Frühlingsgrün die Eiche steht,
            So alt;
Doch der nächste Sturm verweht
            Sie bald.

*

Frühlingsfehde

Herbei, ihr heit'ren Gedanken, herbei!
            Erscheinet zum Kampfe bewehrt!
Dem Trübsinn, der finsteren Laune sei
            Jetzt ernstliche Fehde erklärt.

Bekränzt euch mit Blumen das glänzende Haar!
            Belagert das Herz mir mit Macht!
Hell juble, du neckische muntere Schar,
            Und tändelnd gewinnst du die Schlacht!

Im Herzen da ist es gar bös und schwer;
            Viel Seufzer, so lastend und bang,
Die ziehen darin wie Gespenster einher
            Mit geisterhaft tönendem Sang'.

Da wohnt auch die Liebe; die grämt sich so viel,
            Blaßwangig, in ewigem Leid';
Sie hasset das scherzende muntere Spiel,
            Und Tränen, die sind ihr Geschmeid'.

Die lockt aus der Burg, aus dem Herzen, hervor
            Mit des Liedes einschmeichelndem Wort!
Dann aber hinein, durch das offene Tor!
            Verschanzt dann mit Blumen den Ort!

Und seid ihr darin, so soll euer es sein;
            Dann singet und jubelt und lacht!
Doch laßt mir die Liebe nicht wieder herein!
            Ihr Frühlingsgesellen, habt acht!

*

Nachts am See

Wie so lautlos jetzt die Flut
Tief in Schlaf versunken ruht,
            Und die Wellen,
            Sonst im hellen
Tagesglanz voll Übermut!

Riesenwächter, festgebannt,
Zauberhaft, an Ufers Rand
            Steh'n die Eichen.
            Aus den Zweigen
Grüßt es leise nach dem Strand.

Rings die Weiden, knorrig alt,
Kauern, Zwerge an Gestalt;
            Und die langen
            Flechten hangen
In das Wasser schwarz und kalt.

Vor dem Mond' in raschem Lauf
Heller Wolkenbilder Hauf;
            Und sie leuchten
            Aus dem feuchten
Spiegel wunderbarlich auf.

Ha! Jetzt dort in leichtem Kahn
Will es geisterhaft mir nah'n;
            Winkt nach unten!
            Jetzt verschwunden
Ist das Bild auf dunkler Bahn!

Von der Lippe bebend flieht
Scheu das leis erklung'ne Lied. –
            Still! zu lauschen,
            Wie das Rauschen
Durch die nächt'gen Wipfel zieht!

*

Früh am Morgen

Es weht des Morgens frische Kühle
            Erquickend um das heiße Haupt;
Der freie Lufthauch scheucht die schwüle
            Beklemmung, die den Schlaf geraubt.
Ich stehe sinnend an dem Strande,
            Und schaue nieder in die Flut.
Ihr Wellen, zieht vorbei dem Lande!
            Mit euch die Wolken, wohlgemut!
                        Wohin, wohin
                        Wollt ihr denn ziehn?
                        Der Weg so weit!
                        So schwül, so schwül die Mittagszeit!

Vom Ufer stößt ein Schifflein munter,
            Es treibt stromabwärts blitzesschnell;
Die Ruder tauchen rastlos unter,
            Die Wimpel flattern lustig hell.
Der Morgenwind rauscht in den Zweigen,
            Es grüßt der Hauch die Blüten wach.
Wie flattern sie im bunten Reigen
            Dem fernen Schifflein eilend nach!
                        Wohin, wohin
                        Wollt ihr denn ziehn?
                        Der Weg so weit!
                        So schwül, so schwül die Mittagszeit!

Dort, wo der Pfad sich steiler schlinget,
            Dort eilt bergan mit rüst'gem Fuß
Der Wandrer hin. Sein Lied erklinget
            Den Schlummernden ein Abschiedsgruß. –
Und mit den Blüten und den Wogen,
            Fort mit dem Wandrer und dem Kahn
Ist all mein Sinnen hingezogen
            Durch Land und Meer, auf lichter Bahn.
                        Wohin, wohin
                        Willst du denn ziehn?
                        Der Weg so weit!
                        So schwül, so schwül die Mittagszeit!

*

Wald-Andacht
Aus: Prinz Grünewald

Wie in der Kirche kühlig
Ist's hier im grünen Wald;
Den Atem Gottes fühl' ich,
Wie er mich leis umwallt.

Es wölbt sich aus den schlanken
Baumstämmen grün das Dach,
Und leichte Schatten schwanken
Am Boden allgemach.

In meinem Herzen hör' ich
Ein tröstend mildes Wort:
Auch du bist Gott gehörig,
Er ist dein Schirm und Hort!

Kling' hin aus frischer Kehle,
Was mir das Herz geschwellt!
Und aufwärts jauchzt die Seele
Hoch über Wald und Welt.

*

Glückliche Reise!

Lerchen in der blauen Höh'
            Jauchzen herab mit Frohlocken,
Leise wehen an dem See
            Abendlich läutende Glocken.
Jägerhallo aus Gebüsch und Wald;
Horch, wie das Horn durch die Berge schallt!
            Lustig Klingen weit und breit,
            Freudenruf und Seligkeit:
                        Glückliche Reise!

Sängerfahrt, talaus, talein,
            Fröhliches, seliges Wandern!
Waldesschatten, Sonnenschein,
            Weiter von einem zum andern!
Über den Strom in dem schwankenden Kahn!
Über die Berge den Pfad hinan!
            Alles leuchtet, glänzt und blinkt,
            Alles lacht und ruft und singt:
                        Glückliche Reise!

Sängervolk, du leichtes Blut,
            Klänge, sie sind dein Geleite!
Keiner zieht so wohlgemut
            Fröhlichen Sinns in die Weite.
Traute Genossen am letzten Tag
Senden ein grüßendes Liedchen nach.
            Und wer steht nicht lauschend gern,
            Tönt es freundlich aus der Fern':
                                    Glückliche Reise!

*

Wandernde Musikanten

Aus: Prinz Grünewald

Wir ziehen durch die weite Welt
Wir halten still, wo's uns gefällt,
            Wir lust'gen Musikanten!
Es scheint der Mond, die Sonne scheint,
Wir bleiben immer treu vereint
            In aller Herren Landen.

Und geht durch Dorf und Stadt der Lauf,
Wie fliegen alle Fenster auf,
            Wenn unsre Lieder klingen!
Die Mädchen nicken gern heraus;
Es fliegt manch frischer Blumenstrauß,
            Den Dank uns darzubringen.

*

Abschied im Hafen

Wie uns der Landwind durch die Locken weht,
Und mächtig in die vollen Segel dringt!
Lebt wohl! Lebt wohl, die ihr am Ufer steht,
Und mir noch ferne Abschiedsgrüße winkt!
            Die Woge rauscht,
            Und sorglich lauscht
Das Ohr, ob ihm ein Wort herüberklingt.


Vor mir das Meer vom Morgenglanz umsäumt,
Wie sehnsuchtsvoll der Blick die Bahn durchstrebt!
Nach fernen Inseln schweift er hin, und träumt
Von Ufern, wo sich schlank die Palme hebt,
            Wo leis und lind
            Der Abendwind
Auf dunkelblauer Meereswoge schwebt.

Und bin ich dort nach mühvoll langer Fahrt,
und ruh' ich aus im heißen Ufersand,
Dann bleibt der Palme Gruß mir ungewahrt,
Mein Aug', der fernen Heimat zugewandt,
            Blickt über's Meer;
            Zu dir hierher
Schwebt all' mein Träumen, teures Vaterland!

Und wie mich's jetzt auch in die Weite treibt,
Ich weiß es wohl, daß es mich wiederbringt.
Lebt wohl! Lebt wohl, die ihr am Ufer bleibt,
Und mir noch ferne Abschiedsgrüße winkt!
            Die Woge rauscht,
            Und sorglich lauscht
Das Ohr, ob ihm ein Wort herüberklingt.

*

Gut Heil!

Wie die Zeit auch eilig schreite,
            Unsre Kraft bleibt frisch und jung,
Wandern wir nur im Geleite
            Freudiger Begeisterung.

Wie durch Berge und durch Steine
            Goldne Adern schimmernd gehn,
So auch birgt das Leben reine
            Schätze, viel und ungesehn.

Doch das Schöne und das Wahre
            Trübem Blick entschwindet's dort,
Nur allein das freudig klare
            Auge schaut den reichen Hort.

Wer den heil'gen Götterfunken
            In dem Herzen sorglich facht,
Nimmer hilflos und versunken
            Irrt er durch die Erdennacht.

In der Seele hellen Gluten
            Wird der Weg ihm frei und klar;
Nur dem Edlen und dem Guten
            Glänzt der Himmel wunderbar.

*

Wandelbarkeit

Am dunkeln Himmel steht die Vollmondscheibe,
Und leichte Wolken jagen vor ihr her;
Das Auge wähnt, daß jähe Hast ihn treibe,
Und daß er selbst der eilige Wand'rer wär'.

So sprichst du auch: »Es ändern sich die Zeiten.«
Solch töricht Wort, man hört es oft genug.
Der Gang der Zeit ist ebenmäßig Schreiten,
Die Menschen aber ändern sich im Flug.

*

Naturgenuß

Sie haben die Stadt verlassen
            In schönem Sonntagsputz,
Daheim die engen Straßen
            Mit ihrem Qualm und Schmutz.

Wie Beeren hockten sie drinnen
            In schwerer Kelter Haft,
Und Seufzer hörte man rinnen
            Wie saurer Trauben Saft.

Auf Berge nun sind gestiegen
            Sie, schwerer Fesseln bar.
Wie mögen die Herzen fliegen
            Ein einzigmal im Jahr!

Das erste, was sie trieben,
            Sie langten in Taschen tief,
Und schauten nach der lieben
            Stadt durch ein Perspektiv.

Es suchte sein Fenster der eine,
            Der andre sein Lädchen auf;
Der zählte die Pflastersteine,
            Und der die Menschen d'rauf.

*

Badenweiler Wald- und Feldblumen

1 Erinnerung

War es Wahrheit? War's der Dichtung
            Märchenhaftes Zauberbild,
Was aus dunkler Tannenlichtung
            Uns begrüßte wundermild?

Mit den Liebsten eng verbunden,
            Seel'ge Tage fort und fort!
Freundeswort in späten Stunden,
            Freundesgruß als erstes Wort!

War der Sinn uns damals offen
            Wechselvollem reinstem Glück,
Wollen wir vertrauend hoffen:
            Solche Zeit kehrt einst zurück!

2 Das Badenweiler Meisterstück

Als Gott der Herr sich einst entschloß,
Die leere Luft sei viel zu groß,
Es müsse etwas leben drein,
Und dieses soll' der Erdball sein,
Da setzt' er still sich in die Kammer,
Und schuf mit Meißel, Kell' und Hammer,
Mit Meisterhand und viel Geschick
Von unsrer Erd' ein kleines Stück.
Und als das Plätzlein war gemacht,
Wurd' es in's rechte Licht gebracht,
Und alles Himmelshofgesind
Herbei gerufen nun geschwind.
Das gab ein Ah! und gab ein Oh!
Wie sie das Wunder sahen so,
Und all' die grüne Herrlichkeit,
Der blauen Lüfte Lieblichkeit,
Des Bachs Geriesel und den Wald,
Drinn alles summt und singt und schallt;
Denn was der Herr schuf dazumal,
Das war das Badenweiler Tal.

Der Meister sprach nun also: »Hier,
Gesellen, Jünger und Parlier,
Das Stücklein hab' ich selbst gemacht;
Beschaut's genau und nehmt's in acht!
Ich selber hab' die Zeit ja kaum
Für alles in dem ew'gen Raum;
Trieb ich viel solche Spielereien,
So würd' die Welt gar schlecht gedeihen.
Jetzt aber scheint mir's an der Zeit
Zu schau'n, was ihr für Engel seid,
Und ob aus euch zu dieser Frist
Zuletzt was Klug's geworden ist.
Ein jeder soll von euch aufs best'
Ein Stückchen machen von dem Rest.
Hier habt ihr Erde und Gestein
Und auch den nötigen Sonnenschein
Und Wasser, Luft und Wolkendunst.
Jetzt zeigt mir einmal eure Kunst!
Hier ist auch Grünes allerlei.
Frisch dran, daß bald was fertig sei!«

Da regten nun die Engel sich,
Und waren gar sehr emsiglich,
Und mauerten und richteten
Und gruben aus und schichteten
Und kneteten und schmiedeten
Und zimmerten und nieteten,
Und jeder trieb's nach seiner Kraft,
Nach Sinn und Art und Wissenschaft.

Als nun der Herr zu schauen kam,
Und alles schön in Obacht nahm,
Da fand er vieles recht geschickt,
So daß er freundlich Beifall nickt;
Doch and'res war auch so verkehrt,
Daß er sich kaum des Lachens wehrt,
Und höchstens mit den Achseln zuckt,
Und nach der nächsten Arbeit guckt;
Doch wie sein Herz ja immerdar
Voll Güte und voll Nachsicht war,
So spricht er jetzt in mildem Sinn:
»Im ganzen ich zufrieden bin;
So wie es ist, so mag es sein!
Wir richten es zur Erde ein.«

Auf solche Art ist's denn geschehn,
Daß wir die Länder vor uns sehn,
Das eine goldgewirkt und reich,
Das andre armem Kittel gleich.
In voller lichter Sonnenhellung
War dies die erste Weltausstellung.
Langweiliger Berliner Sand
Und Lüneburger Heideland
Sind eben Pfuscherarbeit nur
Im reichen Laden der Natur;
Eins läßt die andern weit zurück:
Das Badenweiler Meisterstück!

3 Willkomm

Guten Abend! Guten Abend!
All ihr Höhen, all ihr Tiefen!
Ist's doch, als ob Guten Abend!
Sie zur Antwort wieder riefen.

Ist mir's doch, als kläng's hernieder
Aus der Nacht der hohen Fichten:
»Nun, jetzt kommt auch der schon wieder
Mit den Reimen und Gedichten!«

4 Bergblumen

Du darfst nicht schelten, wenn die Lieder
Nicht regelrecht geraten sind.
Es streut hier alles hin und wieder
Der tolle Gärtnerbursche Wind;
Und wo nun alles blüht und keimet,
Just wie es jeglichem gefällt,
Möcht' den ich sehn, der, was er reimet,
In gartenrechte Furchen stellt.

5 Sonnenuntergang

Nicht kärglich aus den Büchern,
Nicht tropfenweis aus Worten,
Nein, aller aller Orten
In vollem reichen Strome
Fließt dir die Dichtung zu.
Von allen Höhen weht es,
Durch alle Tiefen geht es,
Es saust im Haupt der Tannen,
Im Waldstrom braust's von dannen;
Es quillt aus tausend Bronnen,
Es glüht im Licht der Sonnen
Die heilige Poesie.

6 Zur Befriedigung

Euch Ruhe zu erringen,
Jagt ihr von Ort zu Ort,
Ihr wähnt sie zu erzwingen
Heut hier und morgen dort.

So werdet ihr die Schatten
Im Sonnenschein nicht los,
Bis euch, die Lebensmatten,
Einhüllt der Erde Schoß.

Macht auf, weit auf die Herzen!
Werft von euch eure Qual!
Sonst folgen euch die Schmerzen
Weit über Berg und Tal.

Es hetzt euch nicht das Leben,
Die Welt läßt euch in Ruh';
Gesetzlich Maß im Streben
Führt euch den Frieden zu.

7 Der Badepöbel

Ganz unbegreiflich ist es, wie das Volk
Sich doch vertreibt den lieben langen Tag,
Und nur von Wetter, Essen, Trinken, Putz
Und hundert andern Nichtsen plappern mag.
Doch ja! Es schwelgt als Abt der Leib sich feist,
Die weil als Mönchlein fasten muß der Geist.

8 Regenstimmung

Du prunkst so sehr, und tust so dreist
Mit deinem freigebornen Geist!
Und was er denkt und was er fühlt,
Ob er sich hebt mit raschem Flügel,
Ob still er kauert abgekühlt,
Er ist nur ein getreuer Spiegel
Der Dinge, wie sie ringsumher
Sich zeigen mögen leicht und schwer.
Der Morgensonne frischer Strahl
Erregt in dir ein freudig Hoffen;
Die Abendglut im stillen Tal
Hält sehnsuchtsvoll den Busen offen;
Die Mitternacht mit ihren Sternen
Führt in des Denkens ernste Fernen;
Und ist der Himmel grau Papier,
Weitaus ein trostlos Regenträufeln,
So ist's, als tränkst du sauer Bier,
Du wünschest dich zu allen Teufeln,
Dir ist so scheußlich schlecht zu Mut,
Dein Feuer ist erlosch'ne Glut,
Dein Denken ist morastig Tappen,
Die Seele fröstelt schmählich arg,
Als wär' ihr Leib aus nassen Lappen,
Und läg' in einem feuchten Sarg.
Nun prunk' einmal, und tu' noch dreist
Mit deinem freigebornen Geist!

9 Die Sonnentage.
Den beiden befreundeten Sängerinnen

Am heißen Tag, wo alles zitternd brennt,
Sucht jeder sich im Wald den grünen Schatten.
Weit schweift der Blick hinaus von End' zu End',
Weit über Berge, Wälder, Feld und Matten.

Der eine nimmt ein Buch, und will
Nachfühlen, was man gut und schlecht gesungen;
Doch offenherz'ger nickt ein and'rer still
Vom Arm des Schlafes gar zu süß umschlungen.

Der lieben Frauen nimmermüde Hand
Versucht's mit kunstverschlung'nen Stickereien;
Da wächst manch zierlich bunt gewirktes Band,
Vielleicht als Fessel einem nicht mehr Freien.

Und wieder andre wehren sich der Glut
Der blauen Lüfte ohne Hauch und Wolken,
– Was doch der Mensch nicht aus Verzweiflung tut! –
Mit lauem Wasser und mit heißen Molken.

Wir aber, wenn zur Nacht der heiße Tag
Sich wendet, lauschen euren Liedern,
Die Zither klingt in anmutsvollem Schlag,
Die Stimme folgt in reizendem Erwidern.

10 Den Alpensängerinnen

Sagt mir, Mädchen, was ihr seid,
Zauberbilder oder Wirklichkeit?
Euer Lied, bald war es Lerchenschall,
Bald der süße Hauch der Nachtigall.
Nun erscheint ihr feenhaft geschmückt;
Fragend ruht auf euch das Aug' entzückt,
Fragend, wie solch' Wunder euch gelang,
Wunder alles: Lied und Kleid und Klang.
Aber klar wird es mit einem Mal:
Paradies an Schönheit ist dies Tal,
Und so seid ihr beiden denn gewiß
Lerch' und Nachtigall im Paradies.

11 Berglied

Auf Bergeshöh' im grünen Wald
            Schwing' ich den Hut,
            Wie singt es sich gut!
Hinaus, hinab, das weht und schallt!
Und von der Felswand widerhallt
            Der Freudenruf:
                        Hallo!


Ein grünes Meer, wogt's weit und breit;
            Mein ist die Welt
            Und das Himmelszelt
Und all' die leuchtende Herrlichkeit.
Vergessen hast du nun Weh und Leid,
            Du frohes Herz!
                        Hallo!

Was quält ihr euch im engen Tal
            Leidengebückt
            Von Sorgen erdrückt?
O, kommt herauf ein einzigmal,
Wo rein der lebendige Sonnenstrahl
            In's Herz euch scheint!
                        Hallo!

12 Den Tannenwäldern

Ihr Tannenwälder, weit und kühl,
Ihr habt doch etwas Ehrgefühl?
            Jetzt könnt ihr schön mir danken.
Strömt euren milden Balsam aus,
Und deckt mit Schatten euer Haus
            Zum Schutz der teuren Kranken.

Ich hab' euch schon besungen viel
Vom Stamm bis hoch zum leisen Spiel
            Der Zweige und der Ranken.
Jetzt legt den schönsten Festschmuck an!
Euch reut dann nicht, was ihr getan
            Der lieben teuren Kranken.

Macht mir die schönste Frau gesund!
Sonst öffn' ich nimmermehr den Mund,
            Als um mit euch zu zanken;
Doch Jubelpreis wird euch zuteil,
Helft ihr getreu zu Kraft und Heil
            Der lieben teuren Kranken.

13 Tills Trost

Du danke deinem Herrn!
Er hat sehr wohlgetan,
Daß, wenn du bergherunter gehst,
Es jetzt nicht geht bergan.

14 Höchste Weihe

Weit in den Himmeln und auf den Erden
Ein ewiges Schaffen, Wandeln und Werden;
Überall drängen die innersten Gewalten
Zur Vollendung und zum schönsten Gestalten;
Nach Ebenmaß, Schönheit und Ordnung strebt,
Was leben will und was da lebt.
Und mitten in diesem Werden und Schwanken
Walten und streben des Menschen Gedanken,
Ringend nach der ewigen Wahrheit,
Nach Gestalt im Worte, nach Schönheit und Klarheit.
So magst du denn gläubig erhoben
In allem die heilige Urkraft loben;
In dem Grün der Flur, in des Waldes Nacht,
In des Meeres Weite, in der Sterne Pracht,
Im Wort des Weisen, im schlichten Liede,
In höchster Begeisterung helleuchtender Blüte,
Im Kunsterschaffen geweihter Hand,
In allem Sein Einheit und Verband,
Dasselbe Gesetz, der gleiche Drang
Unendlich weit und ewig lang.

15 Den Badenweiler Eseln

Du könntest bitter dich mit Recht beklagen,
Du schwerbepackte graue Zunft,
Wenn ohne dir ein Abschiedswort zu sagen,
Wir gingen, wir die Ritter der Vernunft.

Du dächtest wohl in klugverschloss'nem Sinnen:
Da sieht man, was am Menschen ist;
Wir schleppten ihn, nun geht er kalt von hinnen;
Der beste bleibt doch immer Egoist.

Du Eselein, ziehst hin in sanften Schritten,
Und höchstens noch in leichtem Trott;
Du bist von allen gern gelitten,
Und leidest doch so viel in deinem Gott.

Nur manchmal bleibst du stehen, tief betrachtend,
Und nimmst bedächtig etwas Kraut;
Botanik liebst du, treibst sie still verachtend,
Ob dich der Treiberbube schilt und haut.

Du trägst geduldig allerlei Gelichter,
Den frohen, wie den kranken Mann,
Den Griesgram und den liederlust'gen Dichter;
Da sieht man, was man fertig bringen kann.

Du gleichst der Sonne, deren Licht sie preisen,
Daß es auf Gut' und Schlechte fällt;
So trägst auch du wohl ohne auszureißen
Die Guten und die Bösen durch die Welt.

16 Abschied

Laß schweifen noch einmal das Auge
Weit durch die stromdurchglänzte Pracht,
Der durst'ge Blick, noch einmal tauche
Er in die kühle Waldesnacht,
Noch einmal magst du schweigend lauschen,
Wie Welle mit der Welle kost,
Noch einmal höre auf das Rauschen,
Das wachsend durch die Föhren tost;
Die Pfade sind ja allbekannte,
Die ich gewandelt auf und ab,
Die Orte rings so oft genannte,
Von denen jeder Freude gab.
Wie faßte herwärts mich ein Eilen,
Nie ging es stürmisch mir genug,
Und nun wie wünscht' ich ein Verweilen,
Wie gerne hemmte ich den Flug!
Ein ew'ger Wechsel unsre Tage!
Ein Finden, Lassen; Ja und Nein!
Es ruft das Leben: jage, jage!
Was du erjagst, ist doch nicht dein.
Der höchste Gipfel deines Strebens,
Die reinste Probe für ein Glück
Ist immer nur, daß du vergebens
Das Hingeschwundene rufst zurück.

17 Unterwegs

            Brause mit Ungestüm,
            Dampfendes Ungetüm!
            Heimwärts, heimwärts
            Sehnt sich mein Herz.
Hab' ich den Garten Dornrösleins verlassen?
Rissen die Bande des Zaubers entzwei?
Will mich das Alte nun mächtig erfassen?
Fühlst du dich glücklich, Herz? Fühlst du dich frei?
Fort zu geprüftem, zu heimischem Lieben
Schneller als Dampfesflug eilst du voraus;
Hat es dich jüngst in die Weite getrieben,
Mächtiger zieht es dich wieder nach Haus.
            Brause mit Ungestüm,
            Dampfendes Ungetüm!
            Heimwärts, heimwärts
            Sehnt sich mein Herz.

Zeichung: Heinrich Hoffmann

Am Genfer See.
Zeichung: Heinrich Hoffmann

Am Genfer See

1868

Schöne Tage, die hinter uns liegen,
Blicken wie leuchtende Träume uns an,
Tönen wie Lieder, die ferne verfliegen,
Leuchten wie Sterne auf dunkeler Bahn.

See mit den blauen kristallenen Wogen,
Berge mit ewigem Eise gekrönt,
Zweige von reifenden Lasten gebogen,
Sonniger Glanz, der dies alles verschönt!

Dort auf dem Hügel die köstliche Rebe
Überbeladen mit herrlicher Frucht,
Hier sich verschlingend zum Laubengewebe
Dicht an den Ufern leisrauschender Bucht!

Gastliche Häuser zu friedlicher Pflege;
Dort auch an glänzenden Ufern die Stadt,
Die sich der Fleiß, der lebendige, rege,
Freien Bewußtseins gegründet hat!

Dämm'rung dann über die Fläche gegossen,
Lautlose Stille im gleitenden Kahn,
Gipfel von rötlichem Lichte umflossen!
Mondlicht erglänzt; – die Nacht will nah'n.

All dies umfing uns, vom Zauber geblendet;
Märchenhaft glänzte die Welt in der Pracht.
Als wir die Fahrt in die Heimat vollendet,
War es, als seien wir träumend erwacht.

Zeichung: Heinrich Hoffmann

Am Genfer See:
Zeichung: Heinrich Hoffmann

1 Olten

Kurz war die Dauer der nächtlichen Rast,
Einfach die Stätte, bescheiden der Gast,
Zehrung und Rechnung, wie sich's gebührt;
Von Engländern aber wurde gar nichts verspürt.

Zeichung: Heinrich Hoffmann

Bahnhof bei Freiburg.
Zeichung: Heinrich Hoffmann

2 Freiburg

Was wollen Jesuiten und Pfaffen?
Sie kriegen die Welt nicht klein;
Diese Berge hat Gott erschaffen,
Und bringt schon wieder gesunde Menschen hinein.

3 Vevey

Ein bequemes Bett und ein guter Tisch
Sind eben nicht zu verachten,
Man kann dann noch einmal so frisch
Sich Gottes Welt betrachten.

4 Montreux

Unter schattigen Platanen
Ruhten wir am heißen Tag;
Leise plätschernd kam die Welle
Uferwärts, so Schlag um Schlag.
Wenn wir gleich nichts Großes dachten,
Und das Buch der Hand entfiel,
Saßen wir doch still beseeligt,
Träumten so unendlich viel.

5 Dolce far niente

Währenddem wir Grillen fingen,
Wollt' es andern nicht gelingen,
Fische in ihr Netz zu zwingen.
Niemand will das Zeug genießen;
Laßt die Fischlein weiter fließen,
Wie wir die Gedanken auch!
Gleiches tun wir hier am Ende,
Süßes Dolce far niente.

6 Die Trauben

An keiner Rebe konnt' ich dort vorübergehn,
Mit frommer Andacht mußt' ich nach den Trauben sehn,
So köstlich süß, in Farb' und Form vollendet;
Ein Unrecht, daß man sie zu Wein verwendet.
Und daß ich solchen Mißbrauch nun verhüte,
Führt' ich mir möglichst viele zu Gemüte.

7 Vor der Kirche von Montreux

Vor der Kirche saßen wir in dem kühlen Schatten,
Eine schöne Predigt war's, die wir draußen hatten,
Klarer Himmel, blauer See, Wunder rings unendlich.
Was sie drinnen redeten, klang so unverständlich;
Nur der Orgel weicher Ton griff zur Herzenstiefe,
Und es war, als ob der Chor her vom Himmel riefe;
Uns war es ein lang Gebet, wenn wir still so saßen,
Daß wir unsern Amenspruch meist zuletzt vergaßen.

8 Meiner Frau an ihrem Geburtstage

Es liegt die Zeit so ferne,
Da ich mit leiser Hand,
Den ersten Kranz der Dichtung
Um deine Stirne wand,
Da ich in mir mit Zagen
Nur scheu gewann den Mut
Um heimlich dir zu sagen,
Wie ich dir sei so gut.

Es hat seitdem das Leben
Uns viel geschenkt, geraubt;
Viel Blumen sind entfaltet,
Viel Zweige sind entlaubt;
In all der Überfülle
Blieb uns nur eines wahr,
In Zuversicht und Hoffen
Der Blick zum Himmel klar.

Unduldsam drängt die Jugend
In achtlos raschem Schritt,
Und merkt nicht, wie sie Blumen,
Die schönsten, niedertritt.
Auf eb'nen Wegen wandelt
Das Alter langsam still,
Und blickt mit Dank im Herzen,
Wenn etwas blühen will.

Und heut' in späten Jahren
Erlaubt uns das Geschick
Auf herbstbeglänzte Wogen
Den freudetrunknen Blick.
So nimm auch diese Worte
Als einen späten Strauß!
Fehlt es an Duft und Farben,
Es blickt der Herbst heraus.

9 Schloß Chillon

Gut ist's, daß aus finstern Tagen
Solche Zwingburg hier noch steht,
Um dem Enkelvolk zu sagen,
Daß die Welt doch vorwärts geht.

Zeichung: Heinrich Hoffmann

In Sankt Moritz.
Zeichung: Heinrich Hoffmann

10 Sankt Moritz

Rebgelände, grüne Matten
Ziehn die eine Seite hin,
Starre Felswand auf der andern,
Und ein Bethaus mitten d'rin.
Frommes Nest, du zeigst uns deutlich,
Zu was uns das Christentum
Machen kann, nachdem wir's treiben:
Arbeitsfreudig oder – dumm!

11 Die Cascade de Pissevache

Reizend wie ein weißer Schleier
Stürzt des Wassers schäumiger Schwall;
Doch die Poesie des Namens,
Die gehört in einen Stall.

12 In der Gorge de Trient

Mir ward's ängstlich da zu Mut,
Als war' ich an falschem Orte,
Und als kam' in Zorneswut
Gleich der Gnom' mit strengem Worte:
»Flieht, sonst schließ ich, Menschenbrut,
Hinter euch die Felsenpforte!«

13 Im Hotel de la Dent du Midi in Champery
nach beschwerlicher Wanderung im Regen

Champery! du Ararat,
Wo wir unsre Arche fanden,
Als wir triefend naß und matt
Eine Sündflut überstanden.

Was da fliegt und kriegt und brüllt,
War zwar da nicht eingeschlossen,
Doch der Kasten war gefüllt
Ganz mit echten Englandssprossen.

Als nun kam der Sonnenschein
Morgens früh als Friedenstaube,
Zogen fürbaß wir allein
Unter duft'gem Tannenlaube.

14 Im Creux des Champs im Val d'Ormont

Ein abgeschlossner Felsensaal
Umragt von Felsen und Klippen;
So lautlos liegt das finstere Tal,
Dir erstirbt das Wort auf den Lippen,
Als hätt' ein böser Geist auf der Flucht
Zu ruhen hier eine Stunde versucht.

15 Im Hotel des Diablerets

Nach solcher Fahrt eine gute Stätt',
Gut Essen, Trinken und Wohnen;
Der Reisende dehnt sich im weichen Bett
Und träumt von Himmelspensionen.

16 Lausanne

Reizend liegst du! Berg und Tal
Hältst du gleich umschlungen.
Und die Landschaft ist zumal
Siegreich eingedrungen.

17 Genf

Goldenschimmernde Stadt, dich gründete Freiheit und Arbeit,
Reichtum schmückte dich aus. Strenge erhalte dich stark!

            Fürsten könnten in dir wohnen,
            So lehnt an Palast Palast,
            Gleich als ging mit gold'nen Kronen
            Dort spazieren jeder Gast;
            Aber du bist klüger, feiner,
            Kronen gelten nur geprägt,
            Sei's ein Großer, sei's ein Kleiner.
            Wenn er bar sie bei sich trägt.

18 Jean Jacques auf der Insel

Denker mit dem Haupt voll Sorgen,
Wie du nach dem Strome schaust!
Willst du auf das Wogen horchen,
Das so pfeilschnell weiter braust?

Rascher noch als hier die Welle
Treibet uns das Leben fort,
Gutes, Schlimmes, eilig schnelle
Wechselnd Zeit und Form und Ort.

Sieh' die Gondeln draußen fliegen!
Wie das lustig schäumt und weht,
Wie die Masten sanft sich wiegen,
Und die Fahrt so sicher geht!

Denn in solcher wilden Brandung
Bleib' am Steuer fest die Hand;
Eins nur führt zur sichern Landung,
Klarer, nüchterner Verstand.

Und im Herzen fest Vertrauen,
Daß der Hauch zum Segel dringt,
Und der Kiel den tiefen blauen
Wogendrang im Spiel bezwingt.

Armer Rousseau! dir im Herzen
War das Stürmen selbst zu groß,
Und es riß in wilden Schmerzen
Von dem Mast die Segel los.

19 Die Italiener

Hell leuchtet der Quai und hell die Brücken
Vom Glanz der hundert flammenden Laternen;
Frei atmete die Brust und mit Entzücken
Die laue Luft aus dunkeln Seesfernen.
Musik, Gesang! Und rings umher die Menge,
Die lauschend steht, um jeden Ton zu fassen!
Wir gehen hin und sehen im Gedränge
Ein Mädchen und zwei Männer, die da saßen;
Sie singt uns eine zierliche Canzone;
Guitarre, Geig' und Mandoline schlingen
Um's Lied wie eine reiche Blumenkrone,
Des Hörer's Ohr in süßen Rausch zu bringen.
Der mit der Mandoline weiß vor allen
Uns zauberhafte Weisen vorzugaukeln;
Bald ist's, als ob vom Fels Kaskaden fallen,
Bald wieder wie ein leichtes Wellenschaukeln.
Uns scheint es, daß ein Gruß herüberklänge
Gesendet aus Italiens Blumenzonen;
Der Lorbeer hier, die Feigen, die Gesänge,
Sie zeigen, daß wir nah' einander wohnen.

20 Der Buß- und Bettag

Dieser hat uns schwer betroffen;
Ob zu unsrer Seelen Heil?
Kein Café, kein Laden offen,
Selbst kein Bäcker hielt da feil;
Kein Theater, nichts zu sehen,
Alles Buß' in Asch' und Sack!
Nur zur Kirche könnt' man gehen
Und in Laden mit Tabak.

21 Basel

Kurze Rast zu letztem Grüßen;
Diese Fahrt vergeß' ich nie.
Gib', den Abschiedsschmerz zu süßen,
Noch ein Päckchen »Leckerli«!

*

Am Vierwaldstätter See

1 Mit Goethe's Gedichten

Nach Regentagen endlich Sonnenschein,
Der Himmel blau, die Gipfel glanzumwoben,
Die Gletscher hoch wie Silber blank und rein;
Auf Erden Freude und im Himmel droben!
Komm' her, du Freund! In allen Stunden
Hab' treueren ich nie befunden.
Dein heller Geist ist tief und wunderbar
Wie dort der See zu meinen Füßen;
Und wenn er je in dunkeln Stürmen war,
War's nur um lichtere Tage zu begrüßen.

2 Die verstockte Gemeinde Im Muottatal

Hier führt allein das große Wort,
Und predigt donnernd fort und fort
            Des Bergstroms wildes Schäumen.
»Es eilt die Flut, es stürzt die Wand;
Vergänglich ist, was steht und stand.
            Wacht auf aus euren Träumen!«

Die Felsen hören ungerührt
Die Rede, die der unten führt
            Seit tausend, tausend Jahren;
Sie denken: »Schwatz' du immer zu!
Wir sind so alt ja grad wie du,
            Und werden's beid' erfahren.«

3 Die Berge zu den Wassern

Ihr zürnt und nagt zu unsern Füßen,
Und gießt die Wut in Regen aus;
Wir senden donnernd euch zu grüßen
Den Felsblock nieder in's Gebraus.

Was ihr uns nehmt, wir lassen's willig;
Der Reiche gibt zu jeder Zeit.
Nun aber seid im Sinn auch billig!
Was wär't ihr ohne unsern Streit?

In trübem trägem Lauf verzehrte
Das Dasein sich in schlaffem Traum.
Aus unsern Steinen wird die Erde
Und eurer Ufer grüner Saum.

Ihr seid die Kinder unsrer Höhen,
Wir sammeln euch zu ew'gem Lauf;
Ihr steigt, um wieder heimzugehen,
Im Meere dann als Wolken auf.

So scheiden wir in klarem Sinne,
Der Kraft bewußt, des Streits erfreut.
Es bleibt so, wie seit Anbeginne:
Im Kampf nur wird die Welt erneut.

4 Beim Kaplan in Bristen
Im Maderaner Tal

Baut ihr dem Herrn 'ne Kapelle,
Sogleich ist der Teufel zur Stelle,
            Und baut eine Schenke daran;
Zu Bristen, da ward er betrogen,
Da kam zu spät er gezogen,
            Die Wirtschaft hält dort der Kaplan.

5 Naturanschauung

A.: Soll die Landschaft mir gefallen,
            Muß ein Strom sie breit durchwallen,
            Blauer See in weiter Fläche,
            Wassersturz und munt're Bäche;
            Alles dies von schönsten Stellen
            Läßt als Aussicht sich betrachten.

B.: Und die Aussicht auf Forellen
            Bitt' ich auch nicht zu verachten!

6 Ein frommes Genrebild

Am Klosterberg zu Ingenbohl,
– Das Plätzchen, das behagt ihr wohl –
Ragt oben schmuck und helle
Die kleine Betkapelle.
Die Nonnen gehen jung und alt,
Und beten ohne Aufenthalt
An Kreuz um Kreuz, an Bild um Bild;
Es wird das Herz uns sanft und mild.
Ein Wand'rer dort am Wege steht,
Gesenkt das Haupt wie im Gebet;
Die blonden Locken sind ihm dicht
Gefallen über das Gesicht;
Die Hände hält er fest verschlungen,
Und beugt sich ganz von Gram bezwungen.
Die Nonnen aber steh'n und schauen
Mit Freuden solches Gottvertrauen.
Du armes Herz, was quält dich so?
Warst du noch nie im Leben froh?
Geht unter dunkelm Schleier dort,
Die dir einst sprach ein liebes Wort?
Wie naht' ich tröstend dir so gern!
Du aber sprichst zu Gott, dem Herrn.
Doch halt! – So aber war es nicht,
Ich schau' ein fröhlich Angesicht;
Ich weiß jetzt, was er dort getan,
Er steckte die Zigarre an.

*

In Auerbach an der Bergstraße

1 Sommerfrische

»Sommerfrische«, so nennt ihr es wohl, durch Saaten und Wiesen
            Hinzuwandeln und hoch über die Berge zu ziehn.
Nun auch ein Bad ist erfrischend, und stärket den Geist und die Glieder;
            Hier aber badet und geht man in dem eigenen Schweiß.
Essen sollst du dein Brot im Schweiße des Angesichts! heißt es;
            Seht, für den Fleißigen gilt, wie für den Faulen dies Wort!

2 Idylle

Unten im Tal ein freundliches Haus inmitten der Bäume,
            Die mit Schatten das Dach decken und friedlich den Hof,
Und aus dem Schlot' empor steigt leicht gekräuselt des Rauches
            Zierliches Wölkchen, es spricht still für die schaffende Hand,
Welche am Herde sich müht für des Tages Bedarf und Erquickung,
            Alles ein friedliches Bild stillen geborgenen Glücks. –
Doch in der Küche, o weh! wie herrschet da arge Verwirrung,
            Keift mit dem Manne die Frau, raufen die Kinder und schrei'n!
Über des Topfes Rand steigt zischend die Milch in die Kohlen,
            Und im beißenden Qualm hustet und tränet das Volk.

3 Die Mittagsglocke in der Krone

Es hat der Wirt zu Tisch geschellt,
Rasch hat sich jeder eingestellt.
Der Himmel wär' schon übersetzt
Mit Heiligen und Frommen,
Wenn alle Welt so schnell wie jetzt
Zur Kirche wollte kommen.

4 Sonntagsfeier auf dem Auerbacher Schloß

Es braucht das Volk nur einen eb'nen Platz,
Zwei, wenn auch schlecht gestimmte Geigen;
Dann findet für den Burschen sich ein Schatz,
Und alles fliegt in bunt bewegtem Reigen.

Das schwirrt und jauchzt! Wo bleibt da Sorg' und Not?
Zeigt mir ein Auge kummerschwer umdüstert!
Der Dirne glüht die heiße Wange rot,
Als ihr der Freund ein Wörtlein zugeflüstert.

Des alten Schloßhofs Mauern schauen drein
Vom grünen Laube gastlich übersponnen;
So mag es oft schon hier gewesen sein,
Auf klassischem Boden leicht geschaffner Wonnen.

Ein Lied ertönt, drei Stimmen treten zu;
Der Witz wird frei, ein Schauspiel ist im Gange,
Mit Tüchern schafft die Bühne sich im Nu,
Und jeder hilft mit vollem Herzensdrange.

Und daß die Kraft nicht schwinde vor der Zeit,
Entleert ein Fäßlein seine dunklen Fluten,
Und aus dem Korb, versteckt zwar, doch bereit,
Kommt viel hervor des längst ersehnten Guten.

So geht Gesang und Tanz bis spät zur Nacht;
Sprüht auch in Tropfen wohl einmal ein Wölkchen,
Wer hat sich daraus heute viel gemacht?
Die Menschen sind ein gutgeartet Völkchen.

Nun jammert noch vom Drucke, der so schwer
Des Volkes frischen Sinn in Bann geschlagen!
Wenn jeder Tag so wie der heut'ge wär,
Dann wären diese Leutchen zu beklagen.

5 Echorufe

He! Echo, darf ich von dir Wahrheit hoffen?
– offen!

Was soll ich, wenn mir reiche Vettern sterben?
– erben!

Wenn andre hungern, sprich, was unterdessen?
– essen!

Sag', welchen Wein soll ich damit vereinen?
– reinen!

Und was ist für die Mädchen dann geblieben?
– lieben!

So rasche Fahrt stößt oft auf böse Klippen!
– Lippen?

Ob andre alles dieses aus wohl schlügen?
– Lügen!

Dich kostet Höflichkeit nicht viel des Schweißes!
– weiß es!

Die Grobheit tut es kürzer schon und eilig!
– du bist langweilig!

6 Aquarelle

Wieder ein anderes Bild! Es träufelt der Regen geduldig
            Über den Hof und das Dach, nieder auf Straßen und Platz.
Wie begrüßtet ihr froh die ersten fallenden Tropfen!
            Kaum sind der Stunden es drei, jetzt ist's schon wieder nicht recht.
Schwer mag wahrlich es sein, die Welt zu regieren, daß allen
            Recht und Genüge geschieht, und daß sich keiner beklagt.
In der Ecke des Saales, gedrängt, da sitzen die Frauen,
            Stricken am Strumpf wie um's Geld, blicken mit Seufzen empor;
In der andern am Tisch, da rauchen wie Meiler die Männer,
            Und verspielen ihr Geld samt ihrem guten Humor.
Ja die Erde, ich möchte sie sehen, wenn jeder sein Wetter
            Machen könnte für sich ganz nach der eigenen Wahl!
»Ich muß Sonnenschein haben, mir liegt auf dem Rasen die Wäsche.« –
            »Ich brauch' Regen die Meng', weil uns der Brunnen versiegt.« –
»Etwas Donner und Blitz; da bleibt mir die Frau von der Ausfahrt!« –
            »Mondschein wär' mir erwünscht, jetzt wo ich wandle mit ihr.« –
»Über den Eislauf geht mir doch nichts! Da friere der Fluß zu!« –
            »Unser Ofen, der raucht; Sommer verlang' ich für mich.« –
Und so trieben sie's alle; verlangt doch ein Kind sogleich Regen,
            Wenn ihm der Vater den Schirm brachte als Gabe nach Haus.
Ja! es ist wahrlich ein Glück, daß Gott die oberste Leitung
            Vorbehalten sich hat und auch die Weltpolizei.

7 Immer verkehrt

Hast du einen stillen Platz, sinnend dort zu weilen,
Kommt gewiß ein Schwätzer her, ihn mit dir zu teilen;
Möchtest du mit Freunden gern plaudern ein paar Stunden,
Sind sie über Berg und Tal spurlos dir verschwunden.

*

Reisexenie
Für Schnyder von Wartensee

Wenn Freunde scheiden, soll es nie in unbedachter Schnelle sein;
Das Letzte mag ein freundlich Wort noch auf des Abschieds Schwelle sein.
Der besten Wünsche leicht Gepäck, nimm du es auf die Reise mit!
Der Himmel soll bei deiner Fahrt beständig blau und helle sein;
Es ebne sich der rauhste Pfad, der steilste Weg für deinen Schritt,
Und trifft dich heißer Sonnenbrand, soll kühle Rast zur Stelle sein.
Wenn dich des Durstes Flamme faßt und an der Kraft versengend zehrt,
Dann soll zum Trunk bequem und nah' am Weg die frische Quelle sein;
Und wollte Unmut mit dir ziehn, dann sei die Reise ihm verwehrt,
Es soll der Frohsinn immerdar dein lustiger Geselle sein.
In keiner Schenke, wo du weilst, berechne dir der Wirt zu viel,
In deinem Säckel aber soll des Überflusses Welle sein.
Es reiche Freundschaft dir die Hand, wenn du erreicht dein fernes Ziel;
Wer Ruhe sucht, dem wird ja stets ein Herz die stille Zelle sein.

Doch kehrst du einstens uns zurück, dann soll das Beste besser sein;
Dann soll der Weg wie Samt so glatt, der Himmel zwiefach helle sein;
Dann gebe jeder Wirt ein Fest, die Brunnen statt Gewässer Wein;
Der Frohsinn soll dann zwiefach froh, die Reise zwiefach schnelle sein!

*

Mit fröhlichen Gesellen

Weine gibt's von vielen Sorten
            Wechselreicher Gluten voll,
Darum kling' in Liedes Worten
            Es in Dur bald, bald in Moll!

*

Proömium

So wie das Auge für das Licht,
So ist das Herz zur Fröhlichkeit geschaffen;
Im Dunkel treibt des Lebens Blüte nicht,
In Schwermut wird die beste Kraft erschlaffen.
Die Stunde, die uns heiter will begegnen,
Sie sei gegrüßt! Laßt uns sie dankend segnen!

*

Immer neue Lieder

Wenn mir die tausend Lieder nicht genügen
            Vom lieben Wein,
Wen ficht es an? Ich will dazu noch fügen
            Für mich das Mein'.

Es trank mein Urahn wohl schon mit Behagen
            Den lieben Wein;
Mein Enkel, hoff ich, wird in späten Tagen
            Kein andrer sein.

Ich weiß nicht, was der Urahn sich tat singen
            Damals zum Wein;
Beim Enkel wird es wohl auch anders klingen;
            Es mag so sein!

Nicht jeder zieht an eignen Rebgezweigen
            Sich selbst den Wein;
Die Lieder aber sollen doch mein eigen
            Gewächse sein!


Gefällt dem andern nicht mein lustig Singen
            Vom lieben Wein,
Er sing' sein eig'nes; keinen will ich zwingen,
            Und schenk' mir ein.

*

Die lustige Feldschlacht

Einen Kriegszug gilt's zu halten,
Und der Frieden hat ein Ende.
Ruhe ziemt sich für die alten,
Waffen für die jungen Hände.

Durch die Straßen laßt erschallen:
Zu den Waffen! Zu den Waffen!
Feinde sind in's Land gefallen!
Kämpfen gilt und nimmer gaffen!

Frisch heran, ihr jungen Recken!
Blank sei euer Kampfgeschmeide,
Blitzend hell, dem Feind' ein Schrecken!
Jubelnd ziehn wir dann zum Streite.

Doch wer ist der Feind, der schlimme?
Ist's der prahlerische Franke?
Bricht der kahle Türk, der grimme,
Durch des Reiches ferne Schranke?

Still! Es sind ganz andre Horden,
Nimmer frommt's zurück zu treiben;
Alle, alle müßt ihr morden,
Übrig darf kein einz'ger bleiben.

Hört denn, was uns bringt in Nöten!
Und dann vorwärts! Es hat Eile,
Dummheit will das Land veröden
Mit dem Heer der langen Weile.

Hört nun ferner, wie gerüstet
Jeder muß im Streit erscheinen!
Jeder, dem nach Sieg gelüstet,
Mög' sich also mit uns einen!

In dem Festsaal' sei die Schanze,
Sei die Burg, die wir verrammeln,
Wo in schmucker Waffen Glanze
Rüst'ge Kämpfer sich versammeln.

Heiterkeit und Lust beschütze
Wie ein Panzer euren Busen,
Solcher Waffen lichte Blitze
Strahlen gleich dann wie Medusen.

Blickt empor zum klaren Himmel!
Solcher Fahne könnt ihr trauen;
Reich mit goldnem Sterngewimmel,
Wird sie lustig niederschauen.

Frische Rosen, Rebenkränze
Sollt als Helme ihr gebrauchen;
Und statt des Visieres glänze
Frohsinn euch um Mund und Augen.

Statt der Trommeln und Trompeten
Vor des Heeres langen Gliedern
Laßt uns frohe, heitre Reden
Lachend, scherzend froh erwidern.

Witze seien losgelassen!
Laßt als Pfeile sie uns richten,
Und des Feindes plumpe Massen
Werden sie uns wacker lichten.

Und zu unsern Kampfgesängen
Wählen wir uns Frühlingslieder.
Seht nur, wie bei solchen Klängen
Sich verwirren ihre Glieder!

Jetzt die Waffen in die Rechte!
Feuerwaffen, niederstreckend;
Doch im hitzigsten Gefechte
Neues Leben uns erweckend!

Wein, die beste aller Waffen,
Langer Weile arger Gegner,
Läßt den Müden nicht erschlaffen,
Macht den Kühnen nur verwegner.

Stark fürwahr und gut gerüstet
Steht der Kämpfer lange Zeile.
Wenn's der Dummheit noch gelüstet,
Komm' sie und die Langeweile!

Jeder sei des Kampfs gewärtig!
Nimmer ziemt uns schwaches Bangen.
Ordnung jetzo! Macht euch fertig!
Wart', wir wollen euch empfangen!

Achtung! Feuer! Auf die Dummheit!
Paff! – Da liegt sie schwer am Boden,
Liegt gestreckt in ew'ger Stummheit,
Und ihr Reich ist bei den Toten.

Achtung! Feuer! Tod und Schrecken
In das Heer der langen Weile!
Seht, zerstreut nach allen Ecken
Flieht es hin in wilder Eile!

Achtung! Feuer! Sieg und Frieden!
Knatterndes Viktoriaschießen!
Ruhe ist uns jetzt beschieden;
Aus ist's mit dem Blutvergießen.

Ständen allwärts solche Streiter,
Dummheit sollte nie frohlocken.
Klingt ihr Gläser, hell und heiter,
Wie beim Siegesfest die Glocken.

*

Das schönste Wirtshaus

Ein schön'res Wirtshaus kenn ich nicht
            Als das »zum grünen Wald«.
Es liegt bequem am Wege dicht.
            Kommt her, wir machen Halt!
Es wölbt sich frei der weite Saal,
            Für Tausende ist Raum,
Und kam' die ganze Stadt zumal,
            Wir merkten sie wohl kaum.

Der Gastwirt heißt Herr Sonnenschein.
            Er zog sich stattlich an,
Und ruft uns freundlich all' herein;
            Das ist ein munt'rer Mann.
Und Kühlung ist sein Eheweib.
            Wie sieht die ehrbar aus!
Im schwarzen Kleid auf frischem Leib
            Besorgt sie still das Haus.

Und wenn es dunkelt, kommt herzu
            Der Wirtin Töchterlein;
Der Wirt geht müde dann zur Ruh',
            Das Kind heißt Mondenschein.
Es setzt sich zu der Mutter dann,
            Erzählt ihr vielerlei;
Die Gäste hören's gern mit an,
            Und trinken brav dabei.

Die Blumen rings, die lauschen auch
            Der Wundermärchen Pracht.
Durch Tränen blickt ihr dunkles Aug';
            Das ist der Tau der Nacht.
In aller Früh' tritt dann herein,
            Herein in's schmucke Haus,
Der Wirt, der munt're Sonnenschein,
            Und schilt die Träumer aus.

Heut' aber soll es klingen weit,
            Weit durch die grüne Hall'!
Sie tut sich auf mit Gastlichkeit.
            Welch' Jauchzen überall!
Wie schimmert lustig das Gemach,
            So sprossend grün und hell
Vom Estrich bis hinauf zum Dach!
            Goldblumen um den Quell!

Wie trinkt sich's hier so wonniglich!
            Blick' her, mein Freund, und schau'!
Im Glase spiegelt Laubwerk sich
            Und hoch des Himmels Blau.
Was Erd' und Himmel Schönes beut,
            Es lebt und lacht im Wein;
Und alle Erd- und Himmelsfreud',
            Wir schlürfen sie mit ein.

Herr Wirt, das hat er brav gemacht!
            Frau Wirtin, habet Dank!
Wir bleiben auch bis in die Nacht
            Auf eurer Rasenbank.
Und wollt ihr recht gefällig sein,
            – Der Weg ist gar zu weit, –
Laßt euer Kind, den Mondenschein,
            Uns geben das Geleit'.

*

Trinklied

Geschrieben auf den Ruinen des Falkensteins

Was das ein and'res Leben war
            Hier in dem Rittersaal!
Wie jauchzte sonst die Zecherschar!
            Wie klang da der Pokal!
Wie schmeckte da der Wein so gut!
Wie glühte da das durst'ge Blut!
            Gesang erschallte d'rein.

Und leise kosend mit dem Arm
            Umfing der Knapp' die Maid,
Er küßte sie, er sprach so warm
            Von Lieb' und Ewigkeit.
Da schallt das Hüfthorn durch das Tal.
Die Ritter stürzen aus dem Saal
            Aufs Roß, hinab zum Kampf.

Versunken ist jetzt all' die Pracht,
            In Trümmern liegt das Schloß.
Die Ritter deckt des Grabes Nacht;
            Längst schweigt der Knappen Troß.
Kein Liebespaar sitzt an der Lind';
Es rauschet nur der Abendwind
            So flüsternd durch das Laub.

Jetzt aber trinken wir allhier;
            Der Trinkende hat recht,
Und was sie waren, das sind wir:
            Ein durstiges Geschlecht.
Und fielen gleich die Keller ein,
So gibt es doch noch alten Wein
            Und Mädchen und Gesang.

*

Ein Unterschied

Die Flaschen sind gesetzte Leut',
            Wie jeder sein es soll.
Sie stehen da in Festigkeit
            Und dennoch sind sie voll.

Die Zecher sind gesetzte Leut',
            Die sitzen d'rum herum;
Die sitzen nüchtern, leer und breit,
            Da fällt kein einz'ger um.

Jetzt aber sind die Flaschen leer.
            Wie sieht das anders aus!
Die Flaschen rollen hin und her,
            Und nichts mehr läuft heraus.

Und voll sind auch die Zecher jetzt,
            Gestrichen voll von Wein.
Die fallen untern Tisch zuletzt;
            Es geht nichts mehr hinein.

Die Flasche voll, doch steht sie grad',
            Der volle Zecher fällt!
S'ist unerklärlich in der Tat:
            Wie komisch ist die Welt!

*

Einem gichtkranken Freunde

Es hat ein Licht sich mir entzündet,
Durch Forschung habe ich ergründet,
Woher dein schlimmes Hüftweh kommt.
Vom Weine fährt und nur vom Weine
Ein solch Gebrest' in deine Beine,
Vom Weine, der dir wenig frommt.

Doch merke dir es, wie ich's meine,
Das kam allein vom sau'ren Weine,
Den du getrunken irgendwann;
Zu Kopfe steigen gute Weine,
Die schlechten fahren in die Beine;
D'rum trinke gute nun fortan!

*

Champagner-Ghasele

Es goß der Freund ein Glas vom blanken Wein
Mir in den Kelch, den zierlich schlanken, ein.
Da schau' ich Perlen zahllos, rasch empor,
Ein Sterngewimmel, lustig schwanken drein.
Zu deuten scheint dies Wunder nicht so schwer:
Es müssen wohl des Weins Gedanken sein;
Die kamen mit der Sonne heißem Strahl
Zur Erde, wo sie müde sanken ein.
Doch als die Rebe wuchs, da sog die Schar
Sich in die dichtbelaubten Ranken ein.
Sie wollen aufwärts, heimwärts an das Licht,
Sie brechen lustig alle Schranken ein.
Und ist der Flasche Zauberbann gelöst,
Dann hält sie nichts, wenn wir sie tranken, ein.
Zum Himmel geht's! Es schließt die tolle Flucht
Gar uns're eigenen Gedanken ein.
War's auch ein Kampf, wie leicht sind wir besiegt?
Und wir gestehn's mit frohem Schwanken ein.

*

Beim letzten Glas

Ein einzig Glas,
Was heißt denn das?
Und zwei und drei,
Wer lacht dabei?
Wie viel dir frommt,
Und gut bekommt,
Weißt du allein;
Nun schenk' dir ein!
Doch eins zu viel
Verdirbt dein Spiel;
Drum halte Maß
Beim letzten Glas!

*

Halt!

In all den hundert Büchern,
            Die ich gelesen,
Ist doch am End' blutswenig
            Gescheites gewesen.
Der eine hat's geschrieben
            Auf lange Bogen,
Die andern schrieben's ab, und
            Doch war's gelogen.
Da lob ich die Bücher unten,
            Dort unten im Keller;
Das ist ein Born der Weisheit,
            Ein frischer und heller;
Das heißt, wenn der Brunnenmeister
            Es ehrlich will meinen,
Und wenn er Wein uns einschenkt
            Vom guten und reinen.

*

Fromme Wünsche

Käm' statt Wasser hergeflossen
In den Strömen süßer Wein,
Wünscht' ich mir mit Schupp' und Flossen
Wohl ein durst'ger Fisch zu sein.

Wenn aus Wolken lief' herunter
Wochenlang so spät als früh
Statt des Regens der Burgunder,
Wär' ich gern ein Parapluie.

Wär' die Brandung an dem Riffe
Gar Champagnerschaumgebraus,
Litt ich gern mit morschem Schiffe
Schiffbruch dort mit Mann und Maus,
Oder spräng' zum Schiff hinaus.

*

Der Schenkin

Der flinken Hand,
Die rasch gewandt
Des Hauses Dienst verrichtet,
Daß spiegelblank
So Tisch wie Bank,
Der bist du dankverpflichtet.

Doch möge dich
Herzinniglich
Ein tief'rer Dank durchdringen
Für jene Hand,
Die es verstand,
Den rechten Wein zu bringen.

Es hält der Wein
Das Auge rein,
Das Hirn im Kopf gescheuert;
Es spült der Trank
Das Herz dir blank,
Als sei es schmuck erneuert.

Das Spinngeweb
Der Sorge kleb'
In noch so tiefen Eckchen,
Er fegt es fort
Und hier und dort
Die Flecken und die Fleckchen.

Derselben

Das Trinken ist nicht Näscherei,
Es ist auch Grillenwäscherei,
Es ist auch Seelenputzerei
Und Herzensneuzustutzerei.
Der Wein, du Freudenhasser,
Ist Seelenfleckenwasser!
So mag die Hand gesegnet sein,
Die dir den Sinn hält sorgenrein!

*

Der Gesundbronnen

Es hat der Herr in diese Welt
Gar manchen Bronnen hingestellt
Für durst'ge Kranke reich genug;
Ein Brönnlein aber kenn' ich,
Und d'raus zu trinken renn' ich
Aus vollem Humpen einen tiefen Zug.

Wenn alles durcheinander geht,
Die Kreuz und Quer' der Kopf mir steht,
Ein Mittel weiß ich, das macht klug;
Da tu' ich ohn' Verweilen,
Ich tu', um mich zu heilen
Aus vollem Humpen einen tiefen Zug.

Wenn's in der Lieb' mir schlecht erging,
Im Netz ich wie ein Vogel hing,
Gott Amor mir ein Schnippchen schlug,
Da hilft vom Herzgebreste
Mein Bronnen mir aufs Beste,
Aus vollem Humpen recht ein tiefer Zug.

Und quält mich's hier und quält mich's dort,
Und bräch mir selbst ein Freund das Wort,
Den ich so warm im Herzen trug,
Vergeß ich bald den Lumpen,
Und trink' aus meinem Humpen,
Aus vollem Humpen einen tiefen Zug.

Zum Singesang, zur Reimerei
Da muß mein Brönnlein flugs herbei,
Sonst hapert der Gedankenflug.
Hei! Lustig geht die Reise,
Nehm' ich gewohnter Weise
Aus vollem Humpen einen tiefen Zug.

Du goldig Brönnlein, tief und rund,
O zeig' mir nie den trocknen Grund;
Dann hab' ich Lust und Kraft genug.
Dich will ich nie verlieren,
Du sollst mich stets kurieren
Durch manchen tiefen, tiefen, tiefen Zug!

*

Bannspruch

            »Du schnöder Weinverprasser,
            Trink' Wasser, trinke Wasser!«
Hinweg! Es ziehe, wer da will,
Sich Wasser in's Geäder!
Im Wasser lebt das Krokodil
Und andre Übeltäter;
Das Wasser tötet Blut und Mark;
Das Wasser ist mir viel zu stark,
Es treibt ja Mühlenräder.

            »Du schnöder Weinverprasser,
            Trink' Wasser, trinke Wasser!«
Hinweg! Hol' Rat beim Wirte dir,
Den Chemiker geh' fragen;
Sie wissen, wieviel Wasser hier
Im Wein schon ist, zu sagen.
Und dann bedenke, Unglückssohn,
Daß wir dreiviertel Wasser schon
Im Leib durch's Leben tragen.

            »Du schnöder Weinverprasser,
            Trink' Wasser, trinke Wasser!«
Hinweg! Es sträubt sich mir das Haar
Vor Sümpfen, Brunnen, Flüssen;
Was soll ich in dem Magen gar
Mit Wolkenbruch und Güssen?
Ich will kein Vieh im Wasser sein;
S' ist gut allein, daß wir darein
Die Hände waschen müssen.

            »Du schnöder Weinverprasser,
            Trink' Wasser, trinke Wasser!«
Hinweg von diesem heil'gen Ort,
Wo wir den Göttern dienen.
Wo gottbegeistert jedes Wort,
Gottselig alle Mienen!
Was soll gemeine Flüssigkeit?
Verdunste eilig! Fließe weit,
So schnell, wie du erschienen!

*

Toleranzedikt

Nun kein Wort mehr von dem Glauben,
            Nichts von Wittenberg und Rom!
Bringt vom Friedensöl der Trauben
            In den grünen Friedensdom!

Unversöhnlich, immer böser
            Wird der Mensch im frommen Zank.
Unser himmlischer Erlöser
            Sei ein freudenvoller Trank!

Alles Beten laß' ich gelten
            Wie es Meinung lehrt und Not;
Mohammed nur ist zu schelten,
            Da er uns den Wein verbot.

Gründen wir hier die Gemeinde;
            Wein im Glase sei Monstranz.
Stoßt mit an, ihr Glaubensfeinde!
            Freudig hoch, die Toleranz!

*

Ungeheuerlicher Durst

Füllt mir ein Glas! Ein Glas! Und noch ein Glas!
Wälzt Tonnen aufwärts aus des Kellers Nächten!
Doch, wehe! Nichts als Tropfen sind mir das,
Und wenn wir ewig fort so lustig zechten,
Durch meine Kehle, wünsch' ich, flöss' der Rhein,
Doch schlechtes Wasser nicht; es müßte sein
            Ein Strom von Wein, ein Strom von Wein.

Warum ich immer bin so trunkbereit,
Wie könnt ihr doch so überflüssig fragen!
In meinem Magen ist die dürre Zeit,
Er lechzt in ewig heißen Sommertagen.
Drum wünsch' ich, durch die Kehle flöss' der Rhein,
Doch schlechtes Wasser nicht; es müßte sein
            Ein Strom von Wein, ein Strom von Wein.

Wenn ihr mich fragt, wo dann mein Magen sei,
Was weiß ich viel? Er kam mir wohl abhanden,
Und liegt jetzt in der heißen Berberei,
Dicht am Äquator, in den Tropenlanden,
Drum wünsch' ich, durch die Kehle flöss' der Rhein,
Doch schlechtes Wasser nicht; es müßte sein
            Ein Strom von Wein, ein Strom von Wein.

Und brauste dann durch mich des Weines Flut,
Und gingen hoch die klaren, goldnen Wogen,
Dann wär' mir wohlich und erfrischt das Blut,
Und um die Seele glänzt' ein Regenbogen.
Ich stürzte selbst mich in mich selbst hinein,
Im Rhein, im Rhein wollt' ich versunken sein,
            Im Strom von Wein, im Strom von Wein!

*

In schlimmer Zeit

Mel.: Im Wald und auf der Heide

In schlimmen, dunkeln Tagen
Lehrt froher Mut uns tragen,
:,: Was drohend ob uns kommt. :,:
Was auch die Zeiten bringen,
Wir wollen trinken, singen,
:,: Weil Fröhlichkeit uns frommt. :,:

Wir schließen eng und dichter
Die Reihen, ob auch lichter
:,: Sie macht die rauhe Zeit. :,:
Der blasse, feige Jammer,
Der bleib' in seiner Kammer,
:,: Und jamm're sich sein Leid! :,:

Erprobt ward der befunden,
Der mit dem Freund verbunden
:,: Das Schwerste fröhlich trug. :,:
Kreist' sonst der Wein auch schneller,
Klang sonst das Lied auch heller,
:,: Noch klingt es hell genug. :,:

Ihr Jungen und ihr Alten!
Laßt uns zusammen halten!
:,: Dann wird die Zeit noch gut. :,:
Knüpft heute ohne Sorgen
Das Gestern an das Morgen,
:,: Und haltet treuen Mut! :,:

Und will der Mut euch sinken,
Dann sollt im Wein ihr trinken
:,: In's Herz euch Kraft und Licht! :,:
Der Gott, der deutschen Reben
Den Sonnenschein gegeben,
:,: Gibt uns auch Zuversicht. :,:

*

Glück auf!

Der liebste Bergmann, mir so wert,
Trägt nicht das Leder hinten;
Im Schacht, in den er niederfährt,
Ist lauter Gold zu finden.
Der Bergmann ist der Küfer mein,
Der Schacht, das wird der Keller sein.

Sein Gold ist gut, sein Gold ist rein,
Es lieget dort in Stücken;
Es funkelt drin wie Sonnenschein,
Das Herz uns zu berücken.
Dem Gold des Weins ist keines gleich,
Es führt sogar in's Himmelreich.

Du liebster Bergmann, nimm mich mit,
Nimm Heber mit und Hammer!
Ich folg' dir treulich Schritt vor Schritt
In deine güld'ne Kammer;
Wir schürfen dann, und schlürfen dann,
Soviel ein Mann vertragen kann.

*

Non possumus!

Will uns die Frühlingssonne hell
In dunkler Stube grüßen,
So prickelt es uns auf der Stell'
In wanderlust'gen Füßen;
Ruft eine Stimme dann: Studier'!
Studiere eifrig, und bleib' hier!
Dann kommt der päpstliche Beschluß:
Non possumus! Non possumus!

Sowie ich an der Lippe spür'
Vom Wein die gold'nen Wellen,
So will's mir aus der Brust herfür
In Liederströmen quellen.
Kommt dann uns ein Pedant die Quer',
Und meint, daß Schweigen besser wär',
Dem rufen wir des Papstes Schluß:
Non possumus! Non possumus!

Beut uns ein Mädchen süßen Mund,
Wer kann da widerstehen?
Es kommt das Glück nicht jede Stund',
Und niemand braucht's zu sehen.
Wir freuen uns in rascher Tat,
Uns bindet ja kein Zölibat,
So daß es traurig heißen muß:
Non possumus! Non possumus!

Duckmäusern wehrt der fromme Spruch
Non possumus, non possumus!
Wenn wir getrunken viel genug,
Dann gilt erst das non possumus!
Doch nirgends noch geschrieben steht
Wie es beim Küssen uns ergeht,
Ob je wir kommen zu dem Schluß:
Non possumus! Non possumus!

*

Unseren Frauen

Mel.: Jetzt schwingen wir den Hut

            Das ist ein lustig Fest!
            Zuletzt da kommt das Best'!
Wir trinken nun ein volles Glas;
Wir singen laut Tenor und Baß
Auf's Wohlsein unsrer Frauen,
            Der Frauen.

            Am Himmel stehn die Stern',
            Doch stehn die gar zu fern.
Die Stern', die ich am liebsten schau',
Sind eure Augen braun und blau,
Da kann mein Glück ich lesen.
            Ja lesen.

            Die Rosen blüh'n am Hag;
            Die Dornen ich nicht mag.
Viel schönre Blumen selbst ihr seid
In eurer lieben Freundlichkeit;
Die will ich allerwegen
            Treu pflegen.

            Ihr, Kranz von Blumen mild!
            Ihr, freundlich Sternenbild!
Astronomie und Gärtnerei
Für künftig unsre Losung sei,
Der wir uns für das Leben
            Ergeben.

*

Das rebengrüne Schwaben

Die Gläser füllet voll zum Rand,
Weil voll das Herz wir haben!
Es gilt dem bravsten deutschen Land,
Dem rebengrünen Schwaben!

In Hessen Korn, in Bayern Bier;
Im Harz wird Erz gegraben.
Was aber gibt uns, sagt es mir,
Das rebengrüne Schwaben?

In Mecklenburg am Ostseestrand
Gar stolz die Rosse traben.
Was aber bringt das Neckarland,
Das rebengrüne Schwaben?

Es schafft des Sachsen stiller Fleiß
Viel wundervolle Gaben.
Nun aber sage, wer es weiß,
Was bringt das grüne Schwaben?

Auf sonnigen Höhen, dort am Rhein
Gedeiht, um uns zu laben,
Der echte, gute, deutsche Wein.
Was gibt das grüne Schwaben?

Nun wohl! Es gibt die beste weit,
Die köstlichste der Gaben,
Gibt Männer uns voll Biederkeit,
Das rebengrüne Schwaben.

Die besten Männer, frei und frank,
Die besten, die wir haben.
Drum lebe hoch und habe Dank,
Du rebengrünes Schwaben!

Und Mädchen gibt's, wie Milch und Blut,
Die uns das Herz erlaben.
Und nochmals hoch! Wir sind dir gut,
Du rebengrünes Schwaben!

*

Faschingslied

Mel.: Ich hab' den ganzen Vormittag

Herr Griesgram und Herr Sauertopf.
Hinaus! Hinaus! Hinaus!
Präzeptorvolk mit steifem Zopf!
O Schauder und o Graus!
Hinaus, wer sich mit Sorgen plackt!
Heut' geht es im Dreivierteltakt!
            Falleri, Fallera, Falleri, Fallerum!
            Hui! Wie der Wind herum!

Des süßen Unsinns Muse soll
Heut' haben Kron' und Reich;
Und treibt's der Narr auch noch so toll,
Ein zweiter tut's ihm gleich.
Begeist'rung hat uns all gepackt;
Heut' geht es im Dreivierteltakt!

Frisch auf, du bunter Narrenchor,
Im Flatter-Flitterputz!
Das Narrenkäpplein schief aufs Ohr!
Die Weisheit ist nichts nutz.
Es ist kein einz'ger schwarz befrackt.
Heut' geht es im Dreivierteltakt!

Zu löschen nehm' ich nun geschwind
Mein Gläschen in die Hand.
Mir hat dein Auge, liebes Kind,
Ein Loch in's Herz gebrannt;
Schon fühl' ich, wie es zwickt und zwackt
Crescendo im Dreivierteltakt.

Das Gläslein singt, das Glöcklein klingt
Bis tief in das Gemüt.
Triumph! Der Baum der Narrheit dringt
Empor zu voller Blüt'!
Das andre all' ist abgeschmackt!
Heut' geht es im Dreivierteltakt!
            Falleri!

*

Ein erbauliches Lied

Für den Architekten-Verein
Mel.: Ich hab' den ganzen Vormittag

Wie alles sich der Arbeit freut!
Wie alles schöpft und haut!
Ging's alle Tage so wie heut',
Da wäre leicht gebaut!
Heut aber gibt's ein fröhlich Haus;
Das sieht schon jetzt erbaulich aus!

Gesprochen ist manch guter Spruch,
Von Herzen frisch und frank;
Das Fundament ist fest genug
Aus Speise und aus Trank.
Jetzt setzt die Lust den Giebel ein;
Ein bunter Kranz soll oben sein.

Der Meister Wein, der ist Parlier,
Der nimmt's nicht so genau,
Und klafft es dort und kracht es hier,
Das geht so bei dem Bau.
Nur mit der Wasserwaage kann
Nicht fertig werden dieser Mann.

Und wo was aus den Fugen geht,
Das Haus fällt noch nicht ein;
Und wo was nicht im Senkel steht,
Da liegt die Schuld am Wein.
Und was auch wankt, und was auch schwankt,
Dem Meister Wein wird noch gedankt!

Das Wasser ist 'ne böse Sach';
Das bleib' dem Hause fern!
Es steigt der Wein zuletzt in's Dach,
Dachdecker ist er gern.
Und was gehörig deckt der Wein,
Das dürfte, denk' ich, fertig sein!

Juchhei! Juchhe! Das lob ich mir!
Der Bau sieht stattlich aus!
Und unser Werk, das nennen wir:
Zum kreuz-fidelen Haus!
Und ist auch dies und das nichts nutz,
So liegt es höchstens am – Verputz!

*

Ein säkulares Trinklied

Mel.: Wohlauf, Kameraden, auf's Pferd, auf's Pferd

Ein ganzes Jahrhundert! Ein gutes Stück Zeit!
            Wir sollen es heute vertrinken.
            Da haltet fein wacker den Durst mir bereit,
            Und lasset den Mut nur nicht sinken!
            Es fließet im Strome die Zeit so schnell,
            Auch der Wein ist ein flüchtiger, rascher Gesell.

Die Beere im Laube, die liebliche Kost,
            Ihr gleichet die Kindheit so milde.
            Die brausende Jugend, der schäumende Most,
            Der gäret und bäumt sich recht wilde;
            Dann aber klärt sich der goldene Saft,
            Das zeigt uns das Alter der männlichen Kraft.

(Langsamer und leiser)

Wenn aber die Flasche zur Neige geht,
            Dann heißt es: bescheiden! bescheiden!
            Was der tollen Jugend so gut ansteht,
Will würdiges Alter nicht kleiden;
            Dann schlürft ohne stürmische Leidenschaft
            In Ruhe des Weines verjüngende Kraft!

(Tempo primo)

O Menschenleben! O Erdenzeit!
            Und himmlischer Freuden Gewährung!
            Die Rätsel der Zukunft! Vergangenheit!
            Der Wein nur gibt die Erklärung;
            Und mit der irdischen Philosophei
            Ist's ohne den Weintrank total vorbei.

Versenken wir uns in dem Weisheitsfaß
            Um ein ganzes und volles Jahrhundert
            Zu Männern, die das sibyllinische Naß
            Schon damals strenggläubig bewundert.
            Den Humpen, den lieblichen Humpen, erhebt!
            Den Braven, den Guten, die damals gelebt!

Nun aber zum Fluge, hinauf und voraus!
            Die Kinder der Enkel zu grüßen,
            Die in hundert Jahren in diesem Haus
            Das Mahl sich mit Liedern versüßen.
            Den Humpen, den lieblichen Humpen, herbei!
            Dem Durste der Zukunft! Er wachs' und gedeih'!

*

Carmen nuptiale physicale

Einem jungen Professor der Physik
Mel.: Prinz Eugen der edle Ritter

Sinnend nach des Himmels Fernen,
Nach Planeten und andern Sternen
            Schaute sie und schaute er;
Und er sprach in tiefer Regung
Von der Venus Bahnbewegung
            Und sogar vom großen Bär.

Von dem Trauring des Saturnus,
Der Trabanten treuem Turnus
            Sprach er dort auf dem Balkon;
Wollt' von Deklination er
Reden, so verfehlt den Ton er,
            Sprach von Inklination.

Während des Sternschnuppenspieles
Dacht' er seufzend wohl an vieles;
            Alles dieses merkte sie.
Ja! der Bund der Eh'genossen
Ward im Himmel abgeschlossen
            Durch die Asteronomie!

Vieles weiß zwar ein Professor;
Doch jetzt lernt er vieles besser
            Im Kolleg bei seinem Schatz:
Licht der Liebe wärmt die Seele;
Daß dem Licht nicht Wärme fehle,
            Ist der Liebe alter Satz.

Als nun aus dem teuren Munde
Er vernahm die süße Kunde,
            Wie schlug da sein Herz geschwind!
So erkannt' er die Bedingung,
Daß fast gleicher Wellen Schwingung
            Ton und Licht und Wärme sind.

Er begriff gar bald die Lehre
Der zentripetalen Schwere,
            Das Gesetz der Attraktion;
Praktisch war hier die Erlernung;
Im Quadrate der Entfernung
            Wuchs die Liebessehnsucht schon.

Daß ein Druck der zarten Hände
Gleicht galvan'schem Elemente
            Und dem Blitz ein Liebesblick,
Nun das lernt sich schon geschwinder,
Das sind alte Sachen in der
            Liebeslehre und Physik.

Solch' ein Bund hat gut begonnen,
Der von Sternen her und Sonnen,
            Von dem Himmel erdwärts zog,
Und den dann die Urgewalten
Schützend in den Armen halten.
            Diesem Hoch! Und nochmals Hoch!

*

Weinlieder für Ärzte

1 Der Rechte

Wollt ihr wissen, wer ich bin,
Wissen, wie ich's treibe,
Geht zum lieben Schenkwirt hin,
Daß er's euch beschreibe.

Spricht der wohl: »Ein Medikus,
Wie wir gern sie haben,
Wissensdurstig im Genuß,
Liebt die großen Gaben.

Regelmäßig hier zu Haus,
Ist er leicht zu finden;
Weiß sich rite jeden Schmaus
Einen Zopf zu binden.

Volle Flaschen hat er gern,
Leere läßt er stehen,
Und das weiß er schon von fern
Jeder anzusehen.

Trinkt den ersten Schoppen stets
Früher als den zweiten,
Und dann an den dritten geht's
Ohne vieles Streiten.

Freunde machen's grade so,
Ut exemplum docet,
Nam praesente medico
Nobis nihil nocet.«

Also spricht er wohlbedacht.
Meint ihr, mich soll's kränken?
Nein, es hat mich stolz gemacht,
Dies Diplom des Schenken.

2 Repetitorium anatomicum

Mel.: Ich bin der Doktor Eisenbart

Ein nützlich Lied! Wer stimmt mit ein?
Wir singen (das mag nötig sein!)
Vom Studium anatomicum
Ein groß Repetitorium.

Das &#945;&#957;&#945;&#964;&#8051;&#956;&#957;&#949;&#953;&#957; leicht gelingt,
Wenn man uns etwas Gutes bringt.
Ein Anatom, das ist ein Mann,
Der mit Geschick aufschneiden kann.

Zuerst, ihr Freunde, glaubt es mir:
Im Hirn da gibt's Ventrikel vier;
Dem Bauch jedoch genügen muß
Ein einziger Ventriculus.

Die grobe Kost, das schwere Zeug,
Das bleibt im Magen liegen euch;
Jedoch des Weines luft'ger Geist
Flugs nach den Hirn-Ventrikeln reist.

Die Lehre vom Ventriculus
Berechtigt darum zu dem Schluß:
Im Essen sollst du mäßig sein,
Doch vierfach trinke guten Wein.

Die Alten wußten schon Bescheid,
Wie uns der liebe Trunk gedeiht;
In's Hirn verlegten darum sie
Das Torcular Herophili.

Der Larynx, seht ihr, ist gebaut
Aus Knorpeln, Muskeln und aus Haut.
Es hat ihn größer auch der Mann,
Daß er beim Trinken singen kann.

Die Bänderlehre! Welch' ein Graus!
Man beißt sich dran die Zähne aus;
Beim Essen ist es darum gut,
Wenn man sie still bei Seite tut.

Beachtet den Oesophagus,
Was der heut' alles schlucken muß!
Dann rechnet ihn kein Mensch zu dem
Serösen Kapillar-System.

Die Thymus ist sehr rätselhaft
Mit ihrem unbekannten Saft;
Nur eines sich als wahr erweist,
Daß man vom Kalbe sie verspeist.

Ein Stückchen Tierschweif ist gewiß
Beim Menschen das os coccygis,
Und darum hat auch Mann und Weib
Was von der bestia in dem Leib.

Des Nachbars Nase schau dir an,
Studier' die Kapillaren d'ran!
Es wird der Mensch, der trinken tat,
Ein injiziertes Präparat.

Und sollt' es heute gar geschehn,
Daß flimmernd sich die Welt will drehn,
Liegt ohne Zweifel das Warum:
Im Flimmer-Epithelium.

Genug! – das nächste Mal den Rest!
Ars longa, coena brevis est.
Wenn man aufs neue trinken kann,
Geht auch aufs neu' das Lernen an.

3 Ein Frühlings-Lied
den Gästen gewidmet

Mel.: Mit Männern sich geschlagen

Es ist ein Ruf erklungen!
Der Frühling hat gesungen!
Wir folgen und sind hier.
Fort Bücher und Papier!
            :,: Valleri, vallera, valleri, vallera
            Fort Bücher und Papier! :,:

Herbarium, wie trocken!
Umsonst ist all dein Locken;
Bleib ruhig auf dem Tisch!
Es grünt der Wald so frisch.

Ihr Bestien noch so selten
Aus unentdeckten Welten,
Und wär't ihr unica,
Heut kommt uns nicht zu nah!

Und all' die Raritäten
Mit Knochen oder Gräten,
Das lieblichste Geschmeiß,
Heut' fort aus unserm Kreis!

Ein seliges Genügen
Schlürft heut' in vollen Zügen,
Was lebend sich erfreut,
Weil sich die Welt erneut.

Befreundeten Genossen
Hat sich das Herz erschlossen,
Der Seele tiefster Grund
Tut sich in Liedern kund.

Die ihr euch gleichem Streben
Nach ernstem Ziel ergeben,
Kommt, reichet uns die Hand
Zu freudigem Verband!
            Valleri, vallera, valleri, vallera!
            Zu freudigem Verband!

4 Ein Kraft- und Stoffliedchen

Mel.: Ich bin der Doktor Eisenbart

Es sind sich feindlich Stoff und Kraft;
Deswegen sitzt ihr unerschlafft,
Und quält euch früh und quält euch spät
Dies auszugleichen, wo es geht.

Ein Rinderbraten ist, ich hoff,
Doch unbestreitbar echter Stoff.
Wenn ihr am Stoff nun zwickt und zwackt,
Zuletzt bleibt Liebig's Fleischextrakt.

Den Kranken machet dies wohl satt,
Zumal wenn er nichts anders hat;
Wir aber wollen doch gestehn,
Daß wir ein Roastbeef lieber sehn.

Der Trauben goldner Feuersaft,
Der ist schier absolute Kraft,
Die manche Seele schon im Flug
Durch Wolkennacht zum Himmel trug.

Doch überholt die Kraft das Ziel,
Dann treibt der Stoff sein Teufelsspiel;
Gar unsanft wird der Leib erfaßt
Und tief gestürzt in den Morast.

Das ist der Flug des Ikarus,
Vor dem sich jeder hüten muß,
Der nicht will fallen jählings schwer
Aus Sonnenglanz in's Heringsmeer.

Nun, die Moral von der Geschicht?
Bewahr' organ'sches Gleichgewicht!
Ein echter Doktor ist im Staat
Der allerbeste Diplomat.

5 Das vierte Reich der Natur

Mel.: Mein Lebenslauf ist Lieb' und Lust

Ja, »Forschung« sei das Losungswort,
            Ihr Forscher der Natur,
Kommt, forscht mit Eifer fort und fort!
            Bald sind wir auf der Spur.
Wir sitzen hier wohl bis zur Nacht
            In reger Emsigkeit!
Und haben vieles klein gebracht
            Für also kurze Zeit.

Es liefern sich zum Studium
            Die Reiche alle drei;
Die Wissenschaft sitzt drum herum
            Mit Leib und Seel' dabei.
Die muntren Vöglein alle fast:
            Fasan und Schnepf' und Hahn;
Ornithologen, aufgepaßt!
            Man fühlt euch auf den Zahn.

Die wilden Tiere aus dem Wald,
            Die frommen aus dem Stall;
Zoologie, wie gut und bald
            Verstehen wir sie all'!
Die saub'ren Fische aus der Flut,
            Die fehlen wahrlich nicht;
Ichthyologen, faßt sie gut!
            Sitzt ernsthaft zu – Gericht!

Botanik liefert Sauerkraut
            Und Pfeffer, Obst und Zimt.
Wir brauchen kein System; o schaut,
            Wie rasch sind sie bestimmt!
Das Erdreich fehlt allein uns noch;
            Doch gibt es jedenfalls
Als stete Würze uns das Koch-
            Und ihr wohl Attisch Salz.

Doch halt: der Wein! Du lieber Wein!
            Du machst den Kopf uns schwer.
Du bist kein Tier, du bist kein Stein,
            Bist keine Pflanze mehr.
Wir wissen wohl, wohin mit dir;
            Du schlürfst dich angenehm.
Trotz allem dem, wer hilft uns hier?
            Du paßt in kein System!

Ja! Ja! Ich hab's! Ich sah es ja!
            Sie tranken Mann für Mann
Dein Blut, vitis vinifera,
            Von allem Anfang an!
Dem Minera-, dem Zoo-log,
            Dem gabst du Lust und Kraft;
Kaum trieb dich, wer am Glase sog,
            Als Nebenwissenschaft.

Dem Wein darum das vierte Reich,
            Voll Kraft und Herrlichkeit!
Dies Studium ist freudenreich,
            Die Forscher sind bereit,
Die Sammlung liegt im Keller kühl;
            Da träf' man sicher sie,
Studierend sich die Köpfe schwül. –
            Vivat Oinologie!

6 Ein therapeutisches Trinklied

Mel.: Mein Lebenslauf ist Lieb' und Lust

Viel Reden geht durch Mark und Bein.
Zu trocken ist der Spaß.
Bringt Wein herauf! vom besten Wein!
Vom allerbesten Faß!
In meinem Leib die kleinste Zell'
Hat endosmotische Gier;
Der trockne Brand droht auf der Stell';
Gefährlich steht's mit mir.
            Der Wein! der Wein!
            Die beste Medizin!
            Kolleg'! Kolleg'!
            Verschreiben Sie mir ihn!

Ich fühl' ein Brett vor meiner Stirn
Von all dem Wortgekram;
Atrophisch wird mir das Gehirn,
Die Zunge ist mir lahm;
Entzündet ist mein Trommelfell,
Mir flimmert's vor dem Aug.
Holt einen Doktor her – und schnell,
Eh' ich den Geist verhauch'!

Pfortader ist ob der Geschicht',
So scheint es, sehr verstimmt;
Die Leber macht ein bös Gesicht,
Die Milz ist ganz ergrimmt.
Gedörrt liegt wie auf trocknem Sand
Das Netz mir, meiner Treu!
Mir ist, als sei, was ich empfand,
So was wie Wasserscheu.

In meinem Hirne habe ich
Ein durstig Ganglion.
Dies Ganglion, das peinigt mich
So recht zu Spott und Hohn.
O Ganglion, laß' mich in Ruh'!
Vermaledeite Hex'!
Denn trinken muß ich immerzu:
Es ist ja nur Reflex.

Ein Mühlenrad muß Wasser han,
Wenn es fein mahlen will;
Und wenn die Mühl' nicht klappern kann,
Dann steht die Mühle still.
Doch meiner Seele Mühlenrad,
Das treibt sich nur mit Wein;
Da weiß ich keinen andern Rat,
Als schenkt mir fleißig ein!
            O Wein! o Wein!
            Mir ist so wohl wie nie.
            Schenkt ein! Schenkt ein!
            Das nenn' ich Therapie!

7 Des Teufels Anteil

Mel.: Was hör' ich draußen vor dem Tor

Als Gott erschuf das Paradies
Mit Wäldern, Blumen, Tieren,
Da tat der Teufel das und dies
Am Menschen kritisieren.
Als nun der Sündenfall geschah,
Da schrie der Böse: »Heisasa!
Jetzt will ich's korrigieren!«

Herr Adam fing sich einst im Fluß
Zur Abendmahlzeit Fische;
Vergnüglich und voll Hochgenuß
Saß Eva mit zu Tische.
Da sprach der Satan: »Hollah ho!
Das Leckern geht nicht immer so!«
Und schuf dem Fisch die Gräten.

Des Menschen Antlitz war so rund
Und glatt wie Pomeranzen,
Da tät der Teufel über'n Mund
Ihm eine Nase pflanzen.
»Für einen einz'gen Wohlgeruch
Hast zehnmal du Gestank genug
Und zwischendurch den Schnupfen!«

Vom Tagwerk müde ganz und gar,
Kroch Adam in die Ecke,
Er streckte sich, so lang er war,
Behaglich nach der Decke.
Das Bettgehn war schon Gotteslohn;
Doch da erfand der Höllensohn
Das Aufstehn Morgens frühe.

Der Wein vertreibt des Teufels Spuck;
Spült Gräten dir hinunter;
Trink abends einen guten Schluck,
So wirst du zeitig munter,
Und wenn des Weines Blume haucht,
Ist Stank und Stänkerei verraucht.
Das ist der Teufelsbanner!

8 Das Lied vom Frosch

Mel.: Crambambuli, das ist der Titel

Ihr wäret ohne mich verloren,
Ihr Physiologen ohne Frosch.
Ihr wart wie Katzen blind geboren,
Ein Licht, das jämmerlich erlosch.
Als ihr noch ganz im Finstern stakt,
Hab ich euch Licht in's Hirn gequakt.
Quak, quak, quak, u. s. w.

Was kanntet ihr vom Rückenmarke?
Was wußtet ihr von dem Reflex?
Ich bin der Führer euch, der starke,
Und ohne mich war's damit ex.
Die Weisheit, die ihr eingesackt,
Wir haben sie euch vorgequakt.

Der Blutbahn lustiges Getreibe,
Das haben wir euch dargelegt;
Wir zeigten euch in unserem Leibe
Den Strom, der euer Herz bewegt.
Wie habt ihr euch herumgeplackt,
Bis daß wir Trost euch zugequakt!

Von euch gekreuzigt und zerschunden,
Geköpft, geätzt, doch würdig stumm,
Erdulden wir mit tausend Wunden
Ein wissenschaftlich Martyrtum.
Wie ihr an uns auch zwickt und zwackt,
Der Frosch ist's, der euch Weisheit quakt.

Und rana esculenta meint ihr,
Das sei ein schöner Name da;
Ein einz'ger passend nur erscheint mir:
Die rana scientifica.
Und temporaria, wie vertrackt!
Wer hat euch so was vorgequakt?

Geht darum nur in frommer Demut
An jedem Sumpfe still vorbei,
Und lauscht mit dankerfüllter Wehmut
Auf unsere Abendmelodei.
Begleitet fein in schönem Takt,
Was wir euch lieblich vorgequakt!

9 Die Klage des Gorilla

Mel.: Ich weiß nicht, was soll es bedeuten

Es glänzt in dem Mondesscheine
Der Nyanzasee so still;
Am Ufer auf moosigem Steine
Sitzt finster der alte Gorill.
Er seufzet, die Haare zerrauft er,
Zerkratzt sich die Brust mit Macht;
Mit dröhnender Stimme dann schnauft er
Den Jammer hinaus in die Nacht:

O weh mir! Was muß ich erfahren!
O wüßt' ich nicht, was ich nun weiß!
Ich glaubte in besseren Jahren,
Als Affe gehör' mir der Preis;
Da mußte die Neugier mich prickeln!
Unsel'ger Erkenntnistrieb!
Ich bin nur verpfuscht im Entwickeln,
Ein Mensch, der da stecken blieb!

Was wär' ich nicht alles geworden!
Groß wär' ich in literis;
Ich wär' ein Professor mit Orden
Und Hofrat, geheimer, gewiß!
Ein Diplomate voll Feinheit,
– Wohl fühl' ich es, was ich vermag –
Ich hülf' an der deutschen Einheit
Zu Frankfurt beim Bundestag.

Vierhändig mit tobendem Rasen,
Wie hätt' ich die Tasten zerwühlt,
In Lisztischen Knallparaphrasen
Mich trunken im Beifall gefühlt!
Als Turner, wie hätt' ich die Riegen
Zerbläut und beschämt und verhöhnt,
Bis daß man nach lustigen Siegen
Mit Eichlaub das Haupt mir gekrönt.

Ich Unglücksaffe! – Kreuz Wetter!
Wer löst mir die Seelenqual?
Da bracht' es doch weiter mein Vetter,
Der Mann im Neandertal!
O wär' ich doch Zelle geblieben
Im Urschleim, träumend still,
Statt daß mich ein Teufel getrieben,
Zu werden ein Jammergorill!

Duchaillu, du Erster der Bande!
Du Darwin, du nimm dich in acht!
Carl Vogt, du predigst im Lande,
Und hast mich in's Pech gebracht!
Ja, treff ich euch, Wahrheitsritter,
So denkt ihr d'ran, alle drei;
Ich schlag' euch die Schädel in Splitter,
Das entwickelte Hirn euch zu Brei!

Nur eins noch vermag mich zu trösten,
Versöhnend weht es mich an;
Aus Zweifeln, aus nimmer gelösten,
Zeigt es mir die rettende Bahn:
Kein Aff ward zum Menschen geschaffen,
Ich trag' es bescheiden und still;
Doch werden die Menschen oft Affen,
Da bleib' ich bequemer Gorill.

10 Die Emetika

Kommt einer her gesalbt, geleckt,
Den Zwicker auf die Nas gesteckt
Und rappelleer den Schädel,
Geschnürt, verziert und aufgeputzt
Und affenmäßig zugestutzt
Wie ein kokettes Mädel,
Da dreht sich mir das Herz herum,
Der Kerl ist ein Emetikum.

Wenn einer fromm die Augen dreht,
Zur Kirche läuft, und es versteht,
Frommsprüchlein auszupacken,
Gleichwohl den Weg zur Dirne fand,
Und fremdes Gut mit seiner Hand
Weiß trefflich einzusacken,
Da dreht sich mir das Herz herum,
Der Kerl ist ein Emetikum.

Ein andrer bläht sich wie ein Pfau,
Weil ihm sein adlich Blut so blau,
So stolz sein Wappentierchen;
Sein Urahn wohl ein Schnapphahn war,
Und seine Ahne etwa gar
Des Königs Nachtpläsierchen;
Da dreht sich mir das Herz herum,
Der Kerl ist ein Emetikum.

Wenn uns der Wein sein Feuer zeigt,
Und frei sich Herz zum Herzen neigt,
Und einer bleibt verschlossen;
Wenn sich in hellem Lustgesang
Die Seele jubelnd aufwärts schwang,
Und einer bleibt verdrossen,
Da dreht sich mir das Herz herum,
Der Kerl ist ein Emetikum.

Nennt einer mich als Arzt Kolleg',
Und geht auf schmutzig krummem Weg,
Um sich herbei zu drücken,
Nimmt er das Geld des Armen an,
Sucht er als feiler Scharlatan
Die Dummheit zu berücken,
Da dreht sich mir das Herz herum,
Der Kerl ist ein Emetikum!

*

Aus den Kriegs- und Siegesjahren

1 Das deutsche Handwerk

Im Sommer 1870

Aus der Werkstatt all heraus!
Neue Kunden warten draus,
            Wollen sie bedienen!
Arbeit ist da viel bestellt;
Liefern's billig, ohne Geld;
            Wohl bekomm es ihnen!

Statt des Hammers hier ein Schwert!
Gut Gewehr ist Goldes wert;
            Handwerkzeug sind Waffen.
Vorwärts! Vorwärts! All herbei!
An die Arbeit frisch und frei!
            Wollen ehrlich schaffen.

Schmiede hämmert Schlag um Schlag,
Daß es Funken sprühen mag,
            Daß der Boden dröhnet!
Schlosser helft und seid nicht faul!
Legt ein Schloß an's Lügenmaul,
            Daß der Feind nur stöhnet!

Zuaven, Fässer sind's voll Wein;
Schlagt dem Faß den Boden ein!
            Küfer, kommt, das sollt ihr!
Frankreich hätte neu versohlt
Gern den Rücken sich geholt;
            Schuster, hin! das wollt ihr!

Tischlerhandwerk, Ehr' und Heil!
Grobem Klotz ein grober Keil!
            Hobelt den Franzosen!
Und ihr Tüncher seid zur Hand!
Färbt uns rot des Feindes Land,
            Rot wie seine Hosen!

Maurervolk und Zimmerleut',
Wie es euch im Herzen freut,
            Ihm aufs Dach zu pochen!
Späne fliegen, daß es kracht,
Schwingt den Hammer voller Macht!
            Bresche wird gebrochen.

Seht, der Bursch wird gar zu frech,
Lügt und prahlt und schwatzt nur Blech;
            Klempner, seid zur Stelle!
Und vor allen, Gerber, ihr,
Viel für euch zu tun ist hier:
            Gerbt die schönen Felle!

Auch ihr Schneider seid dabei;
Flickt dem Feinde allerlei,
            Wohl am Zeug und Kleidern,
Und ihr wißt zu guter Letzt
Ihm, den wir hinaus gehetzt,
            Rückzug abzuschneidern.

Und ihr andern all', hurrah!
Eure Mutzeit ist jetzt da;
            Wisset sie zu nützen!
Lohnen wird's in treuem Sinn
Vaterland, die Meisterin,
            Die wir alle schützen.

2 Frankfurter Trommellied

1870

            Wirble, deutscher Trommelschlag
            Durch des Feindes Gassen!
            Fröhlich folgen wir ihm nach,
            Mann an Mann, in Massen.
Blom berom blom, blom, blom, blom!
Louis-chen! Louis-chen! Wart' ich komm!

Zu Sankt Chass'pot, rat' ich dir,
            Brünstiglich zu beten;
            Doch das Amen wollen wir
            Dann für dich vertreten.

Dreh' nur deine Kaffeemühl'
            An den Kugelspritzen!

            Spritzenmeister, wird dir's schwül?
            Gelt, es macht dich schwitzen?

Ungetauft' Türk-Osenzeug
            Wird dir wenig frommen,
            Das ihr aus dem Viehstall euch
            Afrika's ließt kommen.

Jetzt geht's in Champagnerland,
            Wo die Stopfen knallen;
            Mancher Schuß von uns'rer Hand
            Soll dort lustig fallen.

Besser noch wir senden sie,
            Diese süße Beute,
            Grand Mousseux und Sillery,
            Heim für uns're Leute.

Schießt damit Victoria!
            Trinkt auf Deutschlands Ehre!
            Hoch dem König! Und Hurrah!
            Hoch dem deutschen Heere!

Drauf und drauf! Und wieder drauf!
            Vorwärts muß es gehen!
            Trommler! schlagt zum Siegeslauf!
            Unsere Fahnen wehen!
Blom berom blom! blom! Hurrah!
Louis-chen! Louis-chen! Wir sind da!

3 Wir bitten um Vergebung

1871

Bei Weißenburg begann der Witz,
Da schlug euch unsers Kaisers Fritz
            Aus Rock und aus den Hosen;
Bei Wörth da wurd' es ärger schon,
Da lief davon Herr Mac Mahon
            Mit Turkos und Franzosen.
            Verzeiht, verzeiht
            Die Dreistigkeit,
            Die kecke Überhebung!
            Wir bitten um Vergebung.

Bei Saarburg und bei Spicheren,
Das kann ich euch versicheren,
            Gab's Hiebe und recht bitter;
Dann steckten wir das ganze Pack
Bei Sedan endlich in den Sack
            Mitsamt dem Plebiszitter.

Wir blieben hart und ungerührt;
Paris, das wurde eingeschnürt.
            War's nicht abominabel?
Und Metz und Straßburg, alles war
In uns'rer Hand, zuletzt sogar
            Das liebe Sündenbabel.

Bei Amiens und Orleans,
Da wurd' euch Schlimmes angetan
            Ganz in der alten Weise;
Bei Belfort aber ward zuletzt
Dem Ding die Krone aufgesetzt
            Durch eure Schweizerreise.
            Verzeiht, verzeiht
            Die Dreistigkeit,
            Die kecke Überhebung!
            Wir bitten um Vergebung!

4 Der tolle Hugo

1871

Du hochpoetischer Gigant!
Wie macht dein Wort die Deutschen zittern!
Du schleuderst Felsen aus der Hand,
Und brüllst in Sturm und Ungewittern.
Wo fandst du all den Unsinn? Wo?
La folie brûle ton cerveau.

Du bist sie alle! Alle du!
Ihr seid ein einziger Pariser!
Wie geht es da im Schädel zu,
Wo ein Gedanken wuchs wie dieser?
Da brennt es hell und lichterloh;
La folie brûle ton cerveau.

Es ist dein Kopf, ich sage mehr,
Ein Turm gefüllt mit Sprenggeschossen;
Der Unsinn platzt, das deutsche Heer
Ist hin, und ganz zu Brei zerflossen.
O du Gedanken-Chassepot!
La folie brûle ton cerveau.

5 Eintracht hält Wacht!

            O Einigkeit erhalte
            Ein unzerreißbar Band!
            Beschirme, wache, walte
            Im deutschen Vaterland.

Ein festes Band der Einheit
            Um Bürger und um Thron!
Dem Rechte Allgemeinheit,
            Dem Schurken seinen Lohn!
Nie Scheu vor freiem Wort,
Das sei der Fürsten Hort!

Laßt jedem seinen Glauben,
            Schürt nicht den Unglücksbrand!
Nur eins laßt euch nicht rauben:
            Ein Gott, Ein Vaterland!
Trotz Pfaff und Klerisei
Seid einig, stark und frei!

Ob euch im Süd, im Norden
            Der Kindheit Wiege stand,
Uns allen ist geworden
            Ein herrlich Vaterland.
Wir sind ein Stamm voll Mark,
Ein einig Volk, so stark.

Dir, deutsche Muttererde,
            Sind wir getreu zum Tod!
Wir schützen mit dem Schwerte
            Dich, wenn ein Feind dir droht!
Sei einig, stark und frei!
Und blühe und gedeih'!

O Einigkeit! erhalte
            Ein unzerreißbar Band!
            Beschirme, wache, walte
            Im deutschen Vaterland!

*

An Fest- und Jubeltagen

Muntre Freunde, schöne Stunden
Fordern auf zu Lied und Spruch;
Ist Getrenntes dann verbunden,
Wird das Leben selbst ein Buch.

*

Faschingsrede

Wenn im Narrenkleide bunt
Ich bei diesem Fest erscheine,
Ei, so hat dies tiefen Grund;
Sagen will ich, wie ich's meine.
Sicher habt ihr schon vernommen,
Daß der Sonne heißer Brand
Manchem ist sehr schlecht bekommen;
Er verlor wohl den Verstand,
Wurde rasend, ganz unbändig,
Oder seufzte jämmerlich.
Ach, den Armen traf inwendig,
Wie man sagt, der Sonnenstich.
Wenn durch einer Sonne Strahl
Solches Unheil hat begonnen,
Liebe Kinder, sagt einmal,
Was vermögen vierzig Sonnen?
Vierzig Sonnen, hell in Glut,
Schwarze, braune oder blaue,
Strahl auf Strahl in lichter Flut,
Blenden mich, wohin ich schaue;
Vierzig Sterne hell und klar,
Vierzig schöne Frauenaugen
Können einem doch fürwahr
An dem Mark des Lebens saugen.
Das ertrage, wer es kann!
Ich konnt' es nicht überwinden;
Ja, ihr habt mir's angetan,
Nun erbarmt euch auch des Blinden!
Ich gesteh' es frei und frank,
Was ich scheine, ja, das bin ich,
Bin am Sonnenstiche krank,
Närrisch, ganz und gar unsinnig.
Und ich steh' geblendet hier,
Nicht nach stillen Schatten flücht' ich;
Nein, ich bin, o glaubt es mir,
Zwar nicht mond- doch sonnensüchtig.
Nur in eurer Sonnennähe
Wird der Sommer grün und heiß;
Aber fern von euch, o wehe!
Da gefriert das Blut zu Eis.
Wie einst drei in Ofens Glut
Noch ein fröhlich Loblied sangen,
Also ist mir jetzt zu Mut
Rings vom Flammenmeer umfangen.
Wie ein Peruaner bet' ich
Mich vor diesen Sonnen neigend;
Wie ein alter Parse tret' ich
Hin zu diesen Flammen schweigend;
Und das Glas voll Wein geschenkt
Dien' als fromme Opferspende.
Sengt und brennt und brennt und sengt,
Blieb' auch Asche nur am Ende!
Selig dann zusammen sink' ich
Schmerzenlos, verzehrt in Wonnen,
Auf das Wohl der Frauen trink' ich
Und der vierzig heißen Sonnen!

*

Ein Hochzeits-Karmen

Im Standesbuch seid ihr schon Eheleute,
Ihr letztes Wort sprach auch die Kirche heute,
Und auf die teuren Häupter legen
Die Eltern ihren frommen reichsten Segen.
Nun nimmt die Freundschaft sich das Wort am Schluß.
Sie hat noch einiges auf dem treuen Herzen,
Was sie nun einmal heute sagen muß,
Sei es in Ernst, sei's in erlaubten Scherzen.

Es zieht in jedes neue Haus
Ein Schutzgeist ein, ein freundlich wohlgesinnter,
Er schmückt die Räume hoffnungsgrünend aus
Das ganze Jahr, auch in dem strengsten Winter;
Der Geist der Liebe ist's, der Tag und Nacht
Des Hauses Glück und Frieden still bewacht.
Und wer den lieben Gast recht freundlich hegt,
Und ihn am Herzen treu und sorglich pflegt,
Der wird vor seinen Augen Wunder sehen,
Wie sie in alten Märchen nur geschehen.
Es zieht in solches Haus der Segen ein
Zu jeder Zeit, bei Sonn- und Mondenschein;
Uns wird's zu Sinn, als ob von allen Seiten
Uns gute Engel grüßen und begleiten.

So sei's bei euch, und was wir scherzend singen,
Der Zaubergeist wird es zustande bringen.
Er gibt der Schwelle schon die Wunderkraft,
Daß sie dem Mann ein fröhlich Wesen schafft;
Er fühlt sich heiter und im Herzen frei
Von allem Ärger, aller Brummelei;
Was im Geschäft, im Leben ihn verdrossen,
Es geht nicht durch, die Türe bleibt verschlossen.

Und nun die Frau! – Ist das nicht zum Erstaunen?
Da merkt man nichts von quälerischen Launen;
Sie schwebt durch's Haus gleich wie der junge Tag,
Wie eine Sonne, ringsum Lust und Leben,
Und es gedeiht, was sie beginnen mag,
Und fröhliche Dauer ist dem Tun gegeben.
In Freude leuchtet Stube, Flur und Saal,
Und durch die Räume lacht ihr heitres Singen;
Doch in der Küche Heiligtum zumal,
Da wird ihr nie ein hohes Werk mißlingen;
Da wird die Suppe niemals angebrannt,
Kein Kuchen teigig oder schwarz am Rand,
Kein Bier wird sauer, keine Butter ranzig,
Von Eiern gehn aufs Dutzend etwa zwanzig,
Kein Krug wird leer, er füllt sich wieder sachte,
Ja schimmlich selbst wird nie das Eingemachte,
Und fertig steht das Essen, lecker, frisch,
Zur rechten Stunde allzeit auf dem Tisch.
Da wird die Milch nicht sauer in dem Topf,
Es fehlt dem Mann zur Unzeit nie ein Knopf,
Kein Butterbrot fällt da aufs Angesicht,
Kein Glas zerspringt und auch kein Stuhl zerbricht,
Verlegt wird da im Hause nie ein Schlüssel,
Da fällt zu Boden nie die Suppenschüssel,
Am Teppich haftet da kein Tintenfleck,
Und keine Katze maus't der Frau den Speck,
Im Pelzwerk nisten Sommers keine Motten,
Kein Ei selbst wird da je zu hart gesotten;
Die Fenster schließen und kein Ofen raucht,
Kein Doktor wird im ganzen Jahr gebraucht,
Der weiß die Haustür nicht einmal zu finden.
Wie da die Tage wonnenreich verschwinden!
Für größeres Glück ist da nicht weiter Platz,
Und selbst die Köchin hat da keinen Schatz.

Das alles weiß der Schutzgeist zu vollbringen;
Und will es hie und da nicht ganz gelingen,
So weiß der Schalk das Aug' des Gatten
Mit solchem Zauber zu beschatten,
Und so das Ohr ihm gänzlich zu betören,
Daß er von allem, was geschieht,
Nichts scheint zu hören,
Auch gar nichts sieht,
Nichts, gar nichts!

So sei's bei euch! – Was weiter noch gedeiht
In eurem Haus, davon ist noch nicht Zeit
Zu reden. Warten wir ein Jahr!
Dann bringen wir euch neue Wünsche dar.
Nun sei dies Glas auf solches Glück geleert,
Daß nie der Schutzgeist euch den Rücken kehrt!

*

Der freien Stadt

Für die Polytechnische Gesellschaft am 19. Dez. 1845

Mel.: Gott erhalte usw.

Freie Stadt, du reich beglückte,
Blühen mögst du immerdar,
Die im Schmuck des Kaiserreiches
Wohl die schönste Perle war!
Schirmen soll dich Gottes Wille
Und der eig'nen Bürger Hand,
Fest begründet, gut bewahret,
Und das ganze Vaterland!

Freiheit, Freiheit, heiß erkämpfte,
Der kein Gut des Lebens gleich,
Ja, wir wissen dich zu schätzen,
Ist auch eng begrenzt dein Reich,
Freiheit, die aus Leipzigs Auen,
Aus den blut'gen uns erstand!
Möchten doch die Saaten reifen
Auch für's ganze Vaterland!

In den deutschen Landen führen
Trug und Wahrheit wilden Krieg.
Heil! Es hat das Licht sich glänzend
Hier erfochten seinen Sieg.
Deutsche Männer, von der Schwelle
Scheucht den fremden Unverstand,
Daß der Wahrheit Flamme leuchte
Durch das ganze Vaterland!

Freie Stadt, du reich beglückte,
Blühen mögst du immerdar!
Deine Söhne sollen bleiben
Frei und glücklich, deutsch und wahr!
Deinen Enkeln sei's gegeben,
Daß sie einstens Hand in Hand
Jubelnd singen mit den andern:
Heil dem freien Vaterland!

*

Die deutschen Weine

an den Jubilarius Geh. Hofrat Dr. med. S. F. Stiebel am 3. Mai 1865

Die Fakultät der deutschen Weine
            Erscheint bei diesem Festgelag,
Daß sich ihr Glückwunsch froh vereine
            Mit andern, die da bringt der Tag.

Wir saßen oft mit dir beisammen,
            Und traulich gab sich Wort auf Wort,
Bis uns des Geist's vereinte Flammen
            Zu Himmelsfernen trugen fort.

Und was wir dir dann still vertrauten,
            Du sprachst es aus in frischem Lied,
Das nun in frohbewegten Lauten
            Durch deiner Freunde Herzen zieht.

Wir senden unsre besten Männer,
            Zu feiern deinen Jubeltag,
Und du verstehst als Sprachenkenner,
            Was dir ein jeder sagen mag.

Wir wollen unsern Bund erneuen;
            Denn du bist unser, wir sind dein.
Der deutsche Mann soll sich erfreuen
            Noch jahrelang am deutschen Wein!

Im Namen der übrigen:

Dominus decanus Dr. Hochheimer,
Dr. Steinberger,
Dr. Marcus Brunner
Dr. med. Bremser von Rüdesheim,
Geh. Rat Dr. med. Rauenthaler,
Dr. med. Aßmannshäuser

*

Des Minstrels Abschied

Für den Sänger Pischeck

Die Sonne steigt; die grünen Höhen dampfen;
            Die Lerche singt ihr erstes Morgenlied;
Ich hör' mein Roß zum Abschied mahnend stampfen
            Dort glänzt der Pfad, den euer Sänger zieht.
Ein Wandrer bin ich; eilend muß ich gehn.
Lebt wohl, lebt wohl! Ob wir uns wiedersehn?

Die Harfe reicht noch einmal an der Pforte!
            Im vollsten Klang ertön' ihr goldnes Spiel!
Zum letztenmal! Ich scheide von dem Orte
            Mit herbem Schmerz, wo oft mein Lied gefiel.
Mög' eurem Hause Gutes nur geschehn!
Lebt wohl, lebt wohl! Ob wir uns wiedersehn?

Lebt wohl, ihr schönen minniglichen Frauen!
            Euch sang ich oft von süßem, stillem Glück;
Dem Liede darf der Sänger sich vertrauen;
            So schöne Zeit kehrt nimmermehr zurück.
Vom Söller laßt die Abschiedsflaggen wehn!
Lebt wohl, lebt wohl! Ob wir uns wiedersehn?

Und euch den Rittern sang ich Heldenzeiten
            Und stolzer Ahnen kampfbewährten Mut.
Gedenket mein! Uns soll ein Spruch geleiten:
            Dem Vaterland das Leben und das Blut!
So wollen treulich wir zusammenstehn.
Lebt wohl, lebt wohl! Auf freudig Wiedersehn!

*

Das fröhliche Verfassungswerk,

wie es die Frankfurter Doctores medicinae unter freundlichem Beistand etzlicher zur hohen deutschen Reichsversammlung abgeordneten Kollegen am 26. Juli 1848 glücklich zustande gebracht haben.

Mel.: Prinz Eugenius

Bin just in der rechten Schenke.
Will's euch sagen, wie ich's denke,
            Daß's in Deutschland werden soll.
Traun! Wir machen's kurz und bundig;
Wir sind Staats- und rechtekundig.
            Schenkwirt, schreib das Protokoll!

Hie keine Rechte und keine Linke!
Tagesordnung: Trinke! Trinke!
            Und dann trinke bis an's End!
'S Redebrünnlein könnt ihr schließen,
Wasser soll hier gar nicht fließen,
            'S ist unnütz Amendement.

Ruft ein Parlament zusammen!
Deutschen Landen soll's entstammen,
            Patrioten, heiß und wahr:
Aßmannshäuser, Rüdesheimer,
Liebfraumilch gar manchen Eimer
            Und den Bleichart von der Ahr.

Markobrunner und Niersteiner,
Scharlachberger, Ingelheimer,
            Pfälzer Herrn, bald leicht, bald schwer;
Zween Bocksbeutel aus Frankenlanden,
Aus Hochheim den Domdechanten,
            Und Gott weiß, wen all noch mehr.

Einen Reichsverweser wollt ihr?
Wahrlich einen finden sollt ihr
            Wohl so gut als den Johann!
Metternich ist fortgetrieben,
Der Johannisberg ist blieben,
            Und da wohnt der rechte Mann!

Mit der Konstitution sind gleich wir fertig:
Unter'n Tisch, was widerwärtig,
            Was gesellig, rück' herbei!
Liberale Weinverprassung!
Schaut, in seligster Verfassung
            Sind wir frisch und froh und frei!

Volksbewaffnung? Wie wir's meinen,
Stets des Fläschlein in der einen,
            Gläslein in der andern Hand.
Dann fein eifrig exerzieret!
Feuert, eh' man kommandieret!
            Stehende Truppen braucht kein Land.

Mündlich ist hie das Verfahren,
Offen treiben wir's seit Jahren,
            Nirgends ein geheim Gericht.
Als Geschworne sind vereint wir,
Denn mir seind geschworne Feind hier
            Jedem grämlichen Gesicht.

Grundrecht soll euch garantiert sein,
Nur muß gründlich demonstriert sein
            Erst das Wie und erst das Was.
Wer recht bis zum Grund kann leeren,
Hat kein Grund sich zu beschweren,
            Und ein Grundrecht nennt man das.

Unsre Banner, schwarzrotgolden,
Was die jedem sagen sollten,
            Wird nicht schwer zu deuten sein:
Goldenen Wein und roten dito
Schlürfen wir jucunde cito
            Bis in die schwarze Nacht hinein.

*

Dem deutschen Volkskaiser

1848

Tritt zu dem Volk! Es tritt das Volk zu dir;
            Es reicht dir Banner dar und Krone.
Dein Wahlspruch sei: Allweg' gut Deutschland hier!
            Die Freiheit steht als Schutz an deinem Throne.

Dann wird das Reich erstehen fest und wahr,
            Das Reich des heilig einigen Verbandes,
Und jener Tag des freien Wählens war
            Der Siegestag des freien Vaterlandes.

*

Ein Jubiläum im Geisterreiche

Vorgetragen bei Gelegenheit des fünfzigjährigen ärztlichen Jubelfestes eines alten Kollegen

Gleich einer Spinne webt, und rascher noch als sie,
Ein Eisenbahnennetz geschäft'ge Industrie.
Wie lange wird's, da saust auf dampfbeschwingten Rossen,
Nachdem ein Gläschen Eis am Nordpol man genossen,
Man flugs zum Südpol hin, weil man gehört, es sei
Gefrornes besser in der Süd-Konditorei?
Den Kaffee schlürft man dann auf Java selber ein;
In Havanna wird die Morgenpfeif man rauchen;
Zum Mittagessen wird man auf dem Forsthaus sein;
Zu der Siest' nach Tisch wird man Italien brauchen;
Nachdem man in Paris die Zeitungen durcheilt,
In Kanton dann beim Tee behaglich sich verweilt,
Bringt man den Abend zu vielleicht in Wien im Prater,
Vielleicht auch anderswo, wo g'rade gut Theater.
Ja Größ'res wird sogar die Zukunft noch erreichen,
Wenn nur die Aktien nicht fallen, sondern steigen.
Dampf ist's, der alles treibt, und durch die Dampferfindung
Gibt's einst von Stern zu Stern noch eine Postverbindung.
Doch halt! Mich hat der Dampf von meiner Bahn gebracht,
Nicht von der Zukunft hatt' zu sprechen ich gedacht;
Denn wo die Gegenwart so Preisliches vollendet,
Da ist es Torenwort, das sich zur Zukunft wendet.

Es hat die heut'ge Zeit ein Riesenwerk gebaut,
Und eine Brücke zwar, wie man noch nie geschaut.
Hat gleich der Dampf dabei die Hand nicht mit im Spiel,
So war's der Nebel doch und Dunst. Das gilt gleich viel.
Ein Pfeiler steht gar breit im Württemberger Land,
Der Bogen ragt in's Blau, weit übers Himmelszelt,
Bis an den Ort, wo man die Geister hingebannt,
Bis in's Gespensterreich, bis in die Hexenwelt.
Wer aber war der Ries', der sich zum Himmel reckte,
Und diese neue Welt Kolumbus gleich entdeckte?
Justinus Kerner war der kecke Brückenmeister
Vom Württemberger Land bis in das Land der Geister,
Und wenn's beim tollen Bau dem Arzt an Kraft gebrach,
Dann half der Dichter bald dem müden Doktor nach.
Was Wunder, daß, seitdem die Nebelbrücke steht,
Man in der Zeitung liest, wie es im Himmel geht,
Daß die Gespenster sich zu uns herüber wagen,
Ein bene sich zu tun in ihren alten Tagen!
Sie rauchen dann Tabak, und trinken unser Bier,
Sind voll und prügeln sich, gerade so wie wir.
Wer weiß, ob je der Dampf so was zustand gebracht?
Der Nebel und der Dunst, die hatten's gleich gemacht.

Auf diesem Wege denn konnt' es zu mir gelangen,
Daß man vor ein'ger Zeit ein Fest dort hat begangen,
So blüh'nden Unsinns voll und schlechter Witze reich,
Als je man eins gesehn im tollen Geisterreich.
Und wer's etwa nicht glaubt, dem weiß ich nichts zu sagen,
Als: »Geh nach Weinsberg hin, dort kannst du's ja erfragen.«

 

                    Im Geisterreich so gut, wie hier unten,
                    Hat man es eben nötig gefunden,
                    Daß alles gehörig geordnet sei,
                    Darunter auch die Medizinalpolizei.
                    Da gibt's Ärzte, Geburtshelfer und Bader,
                    Chirurgen und auch Zank und Hader,
                    Badärzte, Stadt- und Landphysici,
                    Apotheker und Leibmedici,
                    Viele gelehrte Societäten,
                    Ein Heer von Hof- und anderen Räten,
                    Geheimmittel und Wunderkuren,
                    Morisson's Pillen und Lebensmixturen,
                    Und über das alles, wie ihr wohl wißt,
                    Der alte Hippokrates Physicus ist.
                    Hat einer einmal ein Amt bekommen,
                    Dann hat das Studieren ein End' genommen.
                    Der Alte dachte: »Ich will mich bedanken,
                    Mit euch mich da herum zu zanken.
                    Ich geb' euch alles zu;
                    Aber laßt mich in Ruh'
                    In meinen alten Tagen!
                    Treibt, was ihr wollt; ich will nichts sagen.«
                    Da ließ er denn alles geschehen.
                    Es mochte bunt durcheinandergehen,
                    Er ließ alles ohne himmlische Leitung,
                    Las nicht einmal die Salzburger Zeitung,
                    Und von mehr denn zweitausend Jahren
                    Hatt' er gar nichts erfahren.
                    Doch hatten den alten guten Herrn
                    Die andern Doktors recht herzlich gern,
                    Und konnten sie ihm einen Spaß bereiten,
                    Sie taten's mit Freuden.
                    Da war denn auch der Tag gekommen,
                    Wo, wie man vernommen,
                    Vor zwei und zwanzig hundert Jahr
                    Hippokrates Doktor geworden war. –
                    Ja! das war Wasser auf die Mühl'!
                    Da konnte man essen und trinken viel;
                    Das durfte niemand tadeln und wehren,
                    Es geschah ja doch nur dem Alten zu Ehren.
                    Mußt' einer sich auch am Stuhle halten,
                    So war's nur Anhänglichkeit an den Alten.
                    Die Gelegenheit wurde benutzt auch reichlich,
                    Das Fest gefeiert, wie bei uns gebräuchlich.
                    Da gab's eine Deputation in Fräcken,
                    Geschenke von allen Enden und Ecken,
                    Einen silbernen Becher, wie ein Eimer groß,
                    Ein Ehrendiplom von der Insel Kos,
                    Ein Essen mit Trüffeln und feinen Saucen,
                    Mit Liedern und Reden, ganz famosen.
                    Auch war kein Mangel an Toasten,
                    Wo alle tranken, wenn sie auch nicht paßten.
                    Von diesen Dingen, da kann ich schweigen;
                    Man braucht nicht in den Himmel zu steigen,
                    Um recht überzeugend einzusehn,
                    Daß die Doktors das Essen und Trinken verstehn.
                    Aber nach dem Mahle erst, da war es,
                    Da bekam man zu schau'n noch was Rares;
                    Denn keiner hat je noch gesehn, ich wett',
                    Ein medizinisches Geisterballett.
                    Nicht etwa nur Sprünge wie in Berlin;
                    Nein! da sah man über die Bühne ziehn
                    In etwa einer halben Stunde:
                    Die Geschichte der Arzneikunde.
                    Es war extra für diesesmal
                    Aufgebaut worden ein großer Saal.
                    Gewölbt zeigte er, hoch und enorm,
                    Von einer Schädelhöhle genau die Form.
                    Im Hinterhaupt' war das Publikum;
                    Das schrie und drängte und stieß sich herum.
                    Eine Ehrenloge für den Jubilar
                    Auf dem Felsenbein errichtet war;
                    Auf dem andern dagegen die Musikanten
                    Mit ihrem Kapellmeister sich befanden.
                    Vorn aber über den Augendecken
                    Sah man die Bühne sich erstrecken,
                    Und dann, auch ein Souffleur war da,
                    Der saß in der Sella turcica.
                    Zuerst kam ein Festspiel für den Alten.
                    Es wurden viel schöne Sprüch' gehalten.
                    Und auch viel Lorbeer wurde verbraucht,
                    Und auch viel Weihrauch wurde verraucht.
                    Drauf eine Pause.

                              Dann mit gemessenem Schritt
                    Ein possierlicher Zug auf die Bühne tritt.
                    Es kam wohl anfangs fast allen vor,
                    Als wär's Sarastro mit seinem Chor.
                    Die fingen an zu schwadronieren,
                    Über Gott und die Welt zu räsonieren.
                    Dabei wurden sie dicker und breiter
                    Und immer leichter und immer weiter.
                    Sie flogen zuletzt mit großem Alarm
                    Durch die Luft wie ein Seifenblasenschwarm.
                    Da verbeugte sich einer ganz gebührlich,
                    Und hob an zu reden ganz manierlich:
                    »Verehrten Publikums ergebenste Diener,
                    Wir sind die Schule der Alexandriner.
                    An allen Krankheiten, wovon ihr gelesen,
                    Ist immer das Pneuma schuld gewesen.
                    Und war die Theorie auch eitel,
                    Wir ließen als praktische Windbeutel
                    Auf Erden viel eifrige Schüler zurück;
                    Denn leichte Ware macht leichter Glück.«
                    Kaum waren sie davon geflogen,
                    Da kamen andre herangezogen.
                    Die wagten's kaum ihre Füße zu brauchen,
                    Als litten sie an Hühneraugen;
                    Warfen scheue Blicke umher,
                    Als ob niemandem zu trauen wär'.
                    Sie schienen bei allem Verdacht zu schöpfen,
                    Und schüttelten mit ihren kahlen Köpfen.
                    Es sollen darunter gewesen sein,
                    Die nichts mehr sprechen konnten als: Nein!
                    Auch traf es sich bei gar zu vielen,
                    Daß blind sie wurden von Blinzeln und Schielen.
                    Es ist nun wohl einem jeden klar,
                    Daß dies die skeptische Schule war.
                    Käuze von solch kuriosem Schlag
                    Gibt's noch bis auf den heutigen Tag,
                    Die vor lauter subtilen Finessen
                    Zuletzt das Abc vergessen.
                    Hierauf mit superklugen Mienen
                    Die Iatromechaniker erschienen,
                    Mit mächtigen Brillen auf den Nasen,
                    Mit Mikroskopen und Zirkeln und Maßen.
                    Die fingen an zu betrachten und zu überlegen,
                    Zu messen, zu vergleichen und abzuwägen,
                    Und nachdem sie damit viel Zeit verloren,
                    Schoben sie alles auf Atome und Poren.
                    Das einzig Wahre scheint zu sein:
                    Es ist fürwahr keine Pore so klein,
                    Es geht wenigstens eine Theorie hinein.

Nun fingen an die Trompeten zu schmettern,
Die Pauken zu wirbeln, die Posaunen zu wettern,
Und in dem Höllenspektakel mitten
Kam wieder ein Zug auf die Bühne geschritten.
In Triumphes Glanz wurde daher gebracht
Der Tyrann Galen, der Stern der Nacht.
Da kamen ganze Haufen
Von Gassenjungen gelaufen,
Man schrie, wohin der Held auch zog,
In allen Straßen: Galenus, hoch!
Endlich erschien er im Purpurgewand.
Vor seinen Wagen waren gespannt
Als Gefangene allerlei Krankheiten,
Geheilte Gebrechen und bezwungene Leiden,
Und hintenauf als Viktoria
Mit dem Lorbeer stand die Gesundheit da.
Es folgte nach wie der Sand am Meer
Zahllos seiner Schüler Heer.
Der Zug hielt an, und er stieg herab,
Und wollte nun dem Äskulap
Ein Dankopfer bringen.
Er band sich vor eine Schürze;
Man brachte ihm Schüsseln, Mehl und Gewürze
Und Büchsen mit allerhand Siebensachen,
Und er fing an zu kneten und Teig zu machen.
Da kam denn allerlei hinein.
Von jedem sollte etwas drin sein,
Von Platons göttlicher Poesie,
Von Aristoteles' natürlicher Theorie;
Er mischte es mit geschäftigen Händen.
Von den vier dogmatischen Elementen
Wurde alles fein zusammengehalten:
Von dem Trocknen und Feuchten, Warmen und Kalten.
Das roch zuletzt einmal angenehm!
Er nannte den Pudding sein System.
Uns will die Speise nicht mehr recht bekommen,
Weil er gar zu viel Trocknes hat genommen. –
Mit Trompetenruf und Jubelgeschrei
Ging nun der Zug vollends vorbei.
Bald schien in der Ferne sich zu verlieren
Das Vivatrufen und Musizieren.
Es wurde still und öd';
Eine kalte Zugluft weht,
Und in dem weiten Haus
Löschen allmählich die Lichter aus.

Da klingt ein Glöckchen, wie Silber rein,
Ein zweites und drittes dann im Verein,
Und Tamburin und Kastagnette
Tönen näher und näher der Stätte.
Wie hergezaubert ist plötzlich erschienen
Eine Bande tanzender Beduinen.
Die machten nun mancherlei Sprünge,
Trieben allerlei gefährliche Dinge,
Faßten glühendes Eisen mit den Händen,
Und zeigten sich noch in andern Experimenten.
Es schien ihnen aber der Aufenthalt
Doch gar zu düster und zu kalt.
Sie sahen nichts, froren wie die Schneider,
Und tappten weiter.

Und immer dichter, wie Blei so schwer,
Lagert sich jetzt die Nacht umher.
Da konnte man keine zwei Schritte schauen,
Und alle befiel eine Angst und Grauen.
Nur zuweilen durch die Nacht
In dunkler Tracht
Ließ sich ein Mönch gewahren,
Gebeugt von den Jahren.
Der schien ein traurig Leben zu führen
Mit Botanisieren.
Das Orchester spielte dazu
Immer von neuem, ohne Ruh,
Um das Maß zu machen voll,
Ein langweilig Wiegenlied in Moll.

Jetzt hört man die Turmuhr zwölfe schlagen,
Und es fängt an zu tagen;
Doch Sonnenschimmer ist es nicht,
Es ist ein schweflicht falbes Licht.
Nachtvögel fliegen durch die Luft,
Und der Kuckuck ruft,
Und es zuckt der Blitz,
Wie im Freischütz.
Wie es wird heller und heller,
Sehen wir in Auerbachs Keller,
Da war ein wildes wüstes Treiben;
Da dröhnten vom Gebrüll die Scheiben;
Gelächter, lautschallendes,
Gejauchze, weit hallendes,
Taumeln der Trunkenen,
Fluchen der Umgesunkenen,
Geklirr von Würfeln und Degenklingen,
Todesröcheln und Saufliedsingen,
Die Hölle war dagegen, traun!
Wie ein frommes Bethaus anzuschau'n.

Und mitten in diesen Sündenpfuhl
Ein Harlekin tritt, springt auf den Stuhl,
Trompetet und schreit:
»Mit Bewilligung der Obrigkeit
Wird zurückgekehrt aus dem Himmelreich
Sich produzieren sogleich
Philippus Aureolus Theophrastus
Paracelsus Bombastus
Ab Hohenheim, der hohen Magie
Graduierter Professor und Rat, sowie
Unumschränkter König der Geister,
Doktor, Operateur und Hexenmeister.«
So posaunte der Famulus
In ununterbrochenem Redefluß,
Bis endlich mit gewichtiger Majestät
Paracelsus unter der Türe steht.
Der sieht aus wie ein Nekromant,
Mit dem Zauberstab in der Hand
Wie des Teufels hoher Priester.
Eintretend rechts und links grüßt er.
Kramt dann in Büchsen, Schachteln und Laden,
Unter Tinkturen, Pulvern und Pomaden,
Und baut einen Turm von Apparaten.
Nun fing er an, den jauchzenden Zechern
Kunststücke zu machen mit Karten und Bechern.
Er schlug eine Uhr entzwei,
Praktizierte sie ganz in ein Hühnerei.
Dann sah man ihn wirklich allerhand treiben,
Was sich sehen läßt, aber nicht beschreiben:
Kabbalistisches und Astrologisches,
Alchimistisches, Dämonologisches,
Chiro- und Nekro-Mantisches,
Selbst Diabolisch-Neu-Romantisches.
Dabei wußte er viel anzubringen
Vom Astralischen Leib und dergleichen Dingen,
Und wie an aller Krankheit nur
Schuld sei: Salz, Schwefel und Merkur.
Dann hab' er mitgebracht von seinen Reisen
Den Unsterblichkeitstrank und den Stein der Weisen.
Auch trieb er dabei das Zahnausreißen,
Und verkaufte Pillen und Mixturen
Für Menschen- und für Gaulsnaturen.
Er hatte schon ziemlich Geschäfte gemacht,
Und eben es auch dahin gebracht,
Daß ein armer Bauer sein Gebiß
Zum Operieren ihm überließ.
Da erbebte das Haus in seinem Grund
Und hervorstieg aus der Erde Schlund
Herr Samiel mit seinen Konsorten.
(Der ist in neuerer Zeit geworden
Überall auf der Bühne ja
Ein willkommner deus ex machina.)
Wie die den Paracelsus erkannten,
Und ihn in so saubrer Gesellschaft fanden,
Fielen sie über ihn her,
Als ob er ein Demagoge wär'.
Der Doktor mit all seinem Hexenkram
Ein furchtbar gräßlich Ende nahm.
Wie war man vor Entsetzen stumm!
Durch das foramen opticum
Mußt einer nach dem andern
Kopfüber wandern
Hinunter in den Höllenpfuhl.
Nur der Bauer auf seinem Stuhl
Saß heil und gesund,
Der machte mit offnem Mund
Ein seltsam Gesicht zu all dem Spiel,
Und der Vorhang fiel.

Bei diesem ersten Akt muß es verbleiben.
Ich kann euch nichts schreiben
Leider vom zweiten,
Der da begriff die neueren Zeiten,
Weil mir selber verschwiegen das End'
Mein Geisterkorrespondent.
Ich hoffe aber, daß er mir's später schreibt,
Wenn nur die Nebelbrücke bleibt.
Nur soviel hab' ich erfahren,
Daß die Minister sehr ungehalten waren,
Und daß streng wurde verboten sogleich
Allen Ärzten im Geisterreich
Auf irgend eine Weise Komödie zu spielen, –
Und das soll schwer angekommen sein vielen.

Aber was Hippokrates machte?
Was der zu dem allem sagte?
Ach Gott! der liebe fromme Mann,
Der schlief bis zum Ende vom Anfang an,
Und als man am andern Morgen ihn frug,
So sprach er: »Es war des Unsinns genug.
Es gibt Kapitel, ihr lieben Leute,
Wo der Narr soviel weiß, wie der Gescheite.«

*

Das Sängerfest zu Frankfurt am 29. und 30. Juli 1838

1 Das Aufgebot

»Herbei zum Kampf des Liedes! Herbei ihr, jung und alt,
Wem immer ward gegeben des Sanges Allgewalt!
Gar eine kräft'ge Waffe, allsiegend ist das Lied,
Es kämpft für Recht und Wahrheit, im Streite nimmer müd'.

Herbei, wem frei und munter das Herz im Busen schlägt!
Herbei, wer in der Brust auch des Kummers Dornen trägt!
Es jubelt auf zum Himmel die Freude im Gesang,
Der dumpfe Schmerz geht unter in Liedes Wogendrang.«

So ging der Ruf ertönend. Stark, weithin zog sein Schall,
Wie Rolands Horn ertönte im Tal von Ronçeval.
Wohl war's ein Ruf zu helfen, doch nicht in blut'gem Streit';
Zu helfen galt's mit Liedern, mit Lust und Fröhlichkeit.

Da kamen die Gesellen von Nord und Süden her,
Mit Schätzen reich beladen, – doch keiner trug zu schwer.
Viel gold'ne Schätze waren's, wie Silber rein an Klang,
Wie Perlen, unbezahlbar: das Lied war's und Gesang.

Es kamen fernher Pilger aus Ost und West herbei;
Die kamen zwar zu singen, doch keine Litanei;
Der Becher war das Glöckchen, die Freude hielt das Amt,
Der Wald, der war die Kirche, der Rasen Altars Samt.


Und wie sich enger drängten die Scharen, Mann an Mann,
Da jauchzte hell der Jubel des Grußes himmelan:
»Seid uns willkommen alle! Gegrüßt mit Herz und Hand,
Die ihr des deutschen Liedes euch freut im deutschen Land!«

2 Fort mit den Pedanten!

Alle seien aufgenommen,
Die mit rechtem Sinne kommen,
Jeder, der der Liederlust
Sich, der echten, ist bewußt.

Sei er jung und unerfahren;
Sei er älter schon an Jahren;
Aus was immer welchem Stand',
Hochgeehrt und unbekannt.

Hab' ihn eigner Fuß getragen,
Sei gekommen er zu Wagen;
Sei er Millionen reich,
Sei er arm, ist alles gleich.

Ob er Christ sei, Jude, Heide,
Aus der Nähe, aus der Weite,
Volksmann oder Royalist,
Wenn er nur ein Sänger ist.

Jeder sei hier aufgenommen,
Der mit rechtem Sinn' gekommen!
Aber hat er kein Gemüt,
Ist das Herz verwelkt, verblüht;

So ein trockener Magister,
Ein verzwickter Tonphilister,
So ein giftiger Pedant,
Gleich zu meistern bei der Hand;

Freunde, diesem laßt uns zeigen,
Daß er besser tut zu schweigen;
Der ist wohl am falschen Ort.
Solchen Burschen jagt mir fort!

3 Gesang im Freien und Freies im Gesang

Vom Himmel kommt die Freude und jauchzt im Lied empor;
Es tönt darum im Freien so freudig auch der Chor.
Was tief im Herzen schlummert, es reißt sich mächtig los.
Du freier Sang im Freien, wie bist du stark und groß!

In ferner Ätherbläue wiegt sich der Lerche Lied,
Der Klang, wie Licht der Sonne, weit durch die Wolken zieht.
Und wie die Lerche sich hebet, erheb' sich das Gemüt,
Dann tönt in freiem Lied' auch, was uns das Herz durchglüht.

Es zogen fort die Sänger, hinaus zum Eichenwald.
Horch! wie vom Freudenrufe der Wipfel widerhallt!
Das ist ein ander Leben! Welch frisches, freies Sein!
Die alte Märchenjugend kehrte jubelnd bei uns ein.

Bald braust es durch die Wölbung wie sturmbewegte Flut,
Wie stürzender Lawinen wild fessellose Wut;
Bald rieselt's sanft und flüsternd wie leichter Wellenschlag,
Und säuselnd durch die Zweige verliert sich's allgemach.

Es grüßt ihr Lied den Morgen, der Sonne gold'ne Pracht,
Singt, wie auf Bergen und Höhen die Freiheit neu erwacht,
Wie in dem deutschen Walde so stark die Eiche steht,
Und wie es liederähnlich uns wunderbar umweht.

Es jauchzen hoch die Klänge im Lied vom deutschen Wein,
Von kräft'ger Jagdlust tönt es wie Hörnerruf darein.
Es singt das Lied vom Sturme, wo wild die Woge schäumt,
Es singt vom Männerkampfe, wo sich das Schlachtroß bäumt.

Dann tönt's vom Vaterlande in mächtigem Akkord,
Gewaltig stark die Weise, gewichtig ernst das Wort.
Da blickt manch Auge ringsum, von heil'ger Lust verklärt,
Auch manche Wimper senkt sich, es klirrt wohl manches Schwert.

Fern liegt am ruh'gen Strome die alte Kaiserstadt;
Wohl mag sie sinnend hören, was man gesungen hat,
Und träumen von fernen Zeiten, von Pippin's großem Sohn,
Von Helden und vom alten zerfall'nen Kaiserthron.

4 Zum Abschied

Auf! Wohlan! Es sei geschieden,
Weil ja doch zuletzt hienieden
Alles einmal scheiden muß.
Nehmt den letzten Abschiedsgruß!

Doch es sei mit heit'rem Singen;
Statt der Reden Gläserklingen,
Statt der Tränen nehmt den Wein!
Dies soll unser Abschied sein.

Kommt ihr einstens einmal wieder,
Ei! Dann sollen alte Lieder,
Alte Freundschaft, alter Wein
Unser erstes Grüßen sein.

*

Vor-Tisch-Lieder zu dem Gutenbergsfeste
am 24. und 25. Juni 1840

Aus dem »Gedenkbuch zur vierten Jubelfeier der Erfindung der Buchdruckerkunst«.
Frankfurt am Main 1840
(Anmerkung von Heinrich Hoffmann).

Seht! Alles ist trefflich bereitet,
            Das Gutenbergsfestliche Mahl.
Es dampfen die Schüsseln, es breitet
            Die Tafel sich weit durch den Saal.

Voll edelen Weines die Becher,
            Gleich Rosen im Garten erblüht,
Und ringsum die durstigen Zecher.
            Wie alles das lechzet und glüht!

Es perlet und locket und leuchtet,
            Ambrosisch von Düften umweht,
Daß lüstern die Lippe sich feuchtet,
            Und fast uns das Singen vergeht.

Doch liebe Gesellen, wir halten
            Auf deutschen gewohnten Gebrauch,
Und wie es getrieben die Alten,
            So treiben wir jetzo es auch.

Nicht lange mir einer zum Weine,
            Bevor er gesungen ein Lied!
Es bringe nur jeder das Seine,
            So wie er es fühlt im Gemüt'.

Mit fremdem bombastischen Plunder
            Bleib' jeder daheim, der erscheint.
Wird stolpernd der Vers auch mitunter,
            Er singe so, wie er es meint.

Es werde ein jeder auch inne,
            Daß Reichtum nicht gilt hier und Rang.
D'rum Bettelmann komm', und beginne
            Den lustigen Wechselgesang!

Bettelmann

Ihr lieben Herr'n! Begreif, wer mag,
            Dies lärmende Geschrei;
Als ob der Druck nicht heut zu Tag
            So ganz gewöhnlich sei!

Der Reiche

Euren Gutenberg, den kenn' ich;
            Sein Verdienst gesteh' ich ein.
Unter manchem andern nenn' ich
            Kupons nur und Kassenschein.

Der Politiker

Ungeheure Seiten
Voll Neuigkeiten
Lass' ich mir jeden Morgen
In's Haus besorgen.
So las ich heute
Zu meiner Freude:
Ein hoher Herr
Mußt dreimal niesen;
Woraus zu schließen,
Daß nächster Tage
Ihn der Schnupfen plage.

Ist's auch nicht wahr gewesen,
So war's doch zum Lesen.
Wir Urenkelkinder
Danken's dem Zeitungserfinder.

Der Müde

Alles hatt' ich durchprobiert,
            Doch kein Mittel wollte fruchten.
            Was die Ärzte auch versuchten,
Immer blieb ich unkuriert.

Schlaf! und Schlaf! Und nichts als Schlaf
            War es, was ich stets verlangte.
            Wie man sich auch stritt und zankte,
Keiner je das Rechte traf.

Philosoph wurd' ich aus Wut;
            Hegel fing ich an zu lesen,
            Und zur Stund' – war ich genesen.
Ach! ich schlief so fest und gut!

Doch das Mittel wirkt mit Macht.
            Keinem rat ich starke Gaben,
            Weil man es erlebt will haben,
Daß der Mann nicht mehr erwacht.

Der Durstige

Miserable Weine! Gekünstelt Gebräu'!
            Da schmecke mir einer die Lage
Oder Jahrgang heraus! Fürwahr, meiner Treu!
            Ob es Wein ist, das ist noch die Frage;

Doch hat man den Taufschein gedruckt ihm gar fein,
            Und der Flasche um's Hälslein gebunden.
Ein pfiffiger Kopf mußte Gutenberg sein.
            Was hat er nicht alles erfunden!

Der Nachdrucker

Räuberbanden, Diebsgesindel
            Fällt es jetzt zu finden schwer,
Und die morschen alten Galgen
            Stehen heut zu Tage leer.

Daß nun nicht zu Grunde gehe
            Die romantisch schöne Welt,
Lagern wir jetzt auf dem Wege,
            Kleppern wir durch Busch und Feld.

Beten doch auch die Banditen
            Zu Madonna's Gnadenbild;
D'rum, o Gutenberg, beschütz' uns,
            Sei des Räuberhandwerks Schild!

Der Kriminalist

Was liegt mir an der Reimerei
            Und all dem Zeug zum Lesen?
Darin ist von der Polizei
            Niemals die Red' gewesen.
Von allem, was man liest und schreibt
Am Ende doch der Steckbrief bleibt
            Das einzige Vernünft'ge.

Steht nur darin, wie groß, wie klein
            Die Nas' des Inkulpaten,
So fängt man sicher jemand ein, –
            Und das kann niemals schaden.
Wenn Gutenberg noch heut' zu Tag
Lebendig wär', fürwahr! ich sag',
            Er wär' Gendarm geworden.

Der Kunstkenner

Was man früher Kunst genannt,
            War ein roh empirisch Tasten;
Doch der kritische Verstand
            Hatte weder Ruh' noch Rasten,
Bis er Regeln sich erfand,
            Die die Sache schlau erfaßten.

Durch Kritik und Zeitungsblatt
            Wird der Kunstsinn jetzt geleitet,
Und ein Urteil gibt sich glatt;
            Kunstverstand ist weltverbreitet.
Schuster, Schneider selber hat
            Jetzt ein Urteil, wenn man streitet.

Ein Unsterblichkeits-Aktionär

Hochgepriesen ist die Zeit,
            Wo die Aktien so florieren,
Ja sogar Unsterblichkeit
            Können wir euch garantieren.

Zahlt! und unser Zeitungsblatt
            Gibt euch täglich Lobesspende;
Werden's auch die Leser satt,
            Glauben sie es doch am Ende.

All' für einen! Wenn man droht,
            Irgendwo zu widersprechen,
Stromweis Schmach und Hohn und Kot
            Schleudern wir auf solch Erfrechen.

Der Papiermüller

Wär' in solcher Kunstvollendung
            Nicht das Büchermachen jetzt,
Ob der Lumpen all' Verwendung
            Wären wir in Angst versetzt.

Der Krämer

Und wie stände es schlecht mit des Handels Betrieb und des Krämers chaotischem Fachwerk,
Wäre Gutenberg nicht uns mit Hilfe zur Hand und der Pressen ergiebiges Machwerk!
Doch so herrschet bei uns literarische Pest, und zu Tausenden wimmeln die Leichen,
Daß bequem wir umwickeln mit Makulatur Speck, Käse und and'res dergleichen.

Der Unnahbare

Wäre, was vom Druck ihr redet,
            Wirklich schwarz auf weiß gedruckt,
Ei! dann sollet ihr erkennen,
            Wie es mich im Finger juckt.

Jeder sieht auf eig'ne Weise,
            Darum auch erkenn' ich nur
In dem ganzen Festgepränge
            Den Geburtstag der Zensur.

Der Hungrige

Der Mann, der den Hunger erfunden,
            Der hat euch noch Schlimm'res gebracht;
Der hat auch in müßigen Stunden
            Zuerst an den Aufruhr gedacht.

D'rum wurd' auch, zum klaren Beweise,
            Manch trotziges Wörtlein hier laut;
Doch kehret er bald in's Geleise,
            Der Mund, wenn er schweiget und kaut.

Ach! Schaut nur, wie viele es treiben,
            Das Dichten aus Hunger und Not;
Und alle das Reimen und Schreiben,
            Es schmeckt nach dem täglichen Brot.

Ich denke, ihr lasset euch raten,
            Und mehrt nicht den kläglichen Schwarm;
Es werden nur kälter die Braten,
            Und doch eure Lieder nicht warm.

Doch führt euch auf leuchtende Bahnen
            Des Festes begeisternde Lust,
Dann folget dem heiligen Mahnen
            Der Stimme in jauchzender Brust!

Nun allwärts die Gläser erhoben,
            Ihr Ritter im lust'gen Turnier!
Zum Streit! Und im festlichen Toben
            Sei Gutenberg unser Panier!

*

Fest der Enthüllung des Goethe-Denkmals

am 22. Okt. 1844

Tischrede bei dem Bankette in der Börsenhalle

Ein seltsam Schreiben ist mir zugekommen,
Das Wie und Wo will ich euch kurz erzählen. –
Ihr kennt den Hügel, südlich unsrer Stadt,
Auf welchem einst an einem Ostertage
Sich Faust erging mit seinem Famulus,
Und wo er spät, als sich der Schwarm der Menschen
Verloren hatte, jenen Pudel traf,
Aus dessen zott'ger Hülle sich als Kern
Der glatte Lügengeist Mephisto schälte.

In jüngsten Tagen zog ich dort umher,
Wo reich Geländ sich an dem Saum des Waldes
Hinzieht. Die herbstlich matte Sonne stand
Schon tief im Westen, und verglomm in Nebeln.
Ich dachte, wie natürlich, an dies Fest,
Und was sich Gutes tun und sagen ließe,
Um solchen Tag recht würdig zu begehn. –
Da seh' ich plötzlich, erst in weit'ren Kreisen
Und dann in enger'n immer, um mich her
Ein dunkles Tier in sonderbaren Sprüngen
Das Feld durchstreifen. Leuchtend schien die Bahn.
Ich staune, bleibe stehn und blicke scharf;
Ein Pudel war's. Ein Pudel, hier? Verdächtig!
Du hast, bei Gott! so dacht' ich bei mir selbst,
Doch wahrlich gar nichts Faustisches an dir.
Erträglich schien dir stets dein Erdenlos,
Und wenn du je des Teufels werden wolltest,
So war das nicht so eigentlich gemeint.
Indem ich also zaudere, steht der Hund
Dicht vor mir auf den beiden Hinterfüßen.
Er wedelt freundlich und im Munde trägt
Er ein Papier, gefaltet und gesiegelt.
Kaum wissend, was ich tue, nehm' ich's ab,
Und gleich in tollen Freudensprüngen jagt
Dem nahen Wald' er zu. Verschwunden ist er.
Doch mich bedünken will's, als säh' ich dort
Ein wohlbekanntes Antlitz winkend grüßen,
Die Adlernase und die rote Kappe
Und obenauf die kecke Hahnenfeder.
Ob's Täuschung war? Es glühte just der Strahl
Der Sonne auf dem herbstlich roten Laube. –
Wie dem auch sei; es blieb mir doch der Brief.
Ich hielt ihn fest, und seht! – ich hab' ihn noch.
Von wem er kommt, ihr habt es wohl erraten,
Und wem er gilt, das macht die Aufschrift kund:
»Beim Schmause darf Mephisto frei erscheinen;
Da habt ihr das Pikante nie gehaßt.
Von allen Geistern, die verneinen,
Ist euch der Schalk am wenigsten zur Last.«
Was alles nun der Brief enthalten mag,
Ich weiß es nicht. Er war und blieb versiegelt.
Für fremde Rede steh' ich nimmer Bürge,
Und der vom Mühlberg ist zuweilen grob.
So steht's damit. Ihr habt nur: Ja! zu sprechen,
So wollen wir des Teufels Siegel brechen.

Mephistopheles schreibt:

Den Herrn in Frankfurt meinen besten Gruß
Zu senden, wollt' ich nicht verfehlen.
Ich lebe ziemlich auf dem alten Fuß,
Und mache nach wie vor in Christenseelen.

Hat irgend wer nun heut' ein Recht
Mit Redensarten zu stolzieren,
So hab' ich's selbst; und wird's auch schlecht,
Ich scher' den Teufel mich um's Rezensieren!

Aus Dankbarkeit – ich glaub', so heißt's –
Sitzt Ihr bei Trinken dort und Essen,
Und das Verständnis jenes Geist's
Wird heut' in Flaschen zugemessen.
Ein guter Magen kann es da erproben,
Wie man am besten kann den Dichter loben.
Nun gut, es sei! – Jedoch verzeiht!
Der Teufel fühlt zuweilen menschlich Regen –
Zum goldenen Haufen Eurer Dankbarkeit
Will ich auch mein bescheidnes Scherflein legen.
Dem alten Wolfgang aber schuld' ich viel.
Er brachte wieder mich zu Ehren,
Als er in seinem Trauerspiel
Mich mit den Menschen menschlich ließ verkehren.
Hoffähig hat er mich sogar gemacht,
Belehnt mit Würde und mit Amtsornat;
Und hätt' ich's damals recht bedacht,
Der Teufel wäre jetzt ein Diplomat.
Mein Wort ist darum wohl am Platze hier.
Und wie am Platz! – Bedenkt nur dies,
Daß Euer Dichter mich das Staatspapier
Am Kaiserhof erfinden ließ.
Wahrhaftig! Dort in Eurem Saale
Befand' ich mich in meiner Kathedrale!
Und manches Paktchen wurde da geschlossen,
Von dem ich gut Prozente hab' genossen.

Gern wär' in eigener Person
Ich bei dem Feste mit erschienen,
Um meiner wohlgesetzten Rede Lohn
In dero Bravorufe zu verdienen.
Jedoch im Werktags-Negligée,
Im Pelz, mit Hörnern, Schweif und Klauen,
Kurz so, wie ich am liebsten geh',
Konnt' ich zu Euch mich nicht getrauen.
A quatre épingles will man jetzt
Sogar den Herrn der Hölle wissen;
Da hätt' es Streit und Zank gesetzt;
Man hätte mich hinaus geschmissen.
Wohl mit dem Mäntelchen von starrer Seide,
Dem Bratspieß, mit dem roten Kleide,
Der Hahnenfeder, mit den falschen Waden
Hätt' ich am eh'sten wieder mich versöhnt,
Wenn nur in Frankfurt Maskeraden
Nicht wären gar zu streng verpönt.
Den Leib in einen Frack zu zwängen,
Die Hand von weißem Leder knapp umfaßt,
Sind Dinge, die mir nimmermehr gelängen;
Und alles Ridikül ist mir verhaßt.
Auch wird man alt und steif von Lenden,
Und lebt wie andre gern von seinen Renten.
Und dann zuletzt nicht zu vergessen,
Ich hab' zum Denkmal gar nicht subskribiert;
So war ich ja von Eurem Essen
Schon eo ipso exkludiert.
Dies all bedacht, bin ich geblieben
Zu Haus; da sitz' ich leidlich warm,
Und diesen Brief hab' ich geschrieben,
An Worten reich, an Geist so arm.

Was soll ich Euch von Goethe sagen?
Ihr seid vertraut ja mit des Dichters Welt!
Das hieße Wasser nach dem Brunnen tragen.
Ihr habt ihm ja ein Bildnis aufgestellt!
Wer so viel wendet auf den einen,
Der muß den einen doch verstehn!
Ihr seid nicht Leute, die da meinen,
Es sei schon längst genug geschehn,
Wenn sie den Faust, den Berlichingen
Zu sehn in das Theater gingen;
Die höchstens sich an Wilhelm Meister wagen,
Weil allerlei Pikantes drinnen sei,
Und denen auch vielleicht in heißen Tagen
Notdürftig fällt ein Liedchen bei:
Vom Land, wo die Zitronen blühn.
Das nennt man dann für einen Dichter glüh'n! –
O nein! – Ich weiß zu unterscheiden,
Und kenne schon mein Publikum.
So seid Ihr nicht! – Von allen Seiten
Kennt Ihr den Goethe, um und um.
Ihr seid des Dichters Nobelgarde,
Die seinen edeln Geist bewacht;
Dazu hat Euch die blaue Karte
Ja diesen Morgen erst gemacht!
Ihr habt ihn nicht allein gelesen;
Ihr habt ihn durch und durch studiert,
Und seines Sinns geheimstem Wesen
Mit reger Sorgfalt nachgespürt.
Des Ostens duftige Blumenspenden
Reicht Euch im West der Divan dar,
Und vom Beginn bis zum Vollenden
Folgt Ihr dem Dichter Jahr für Jahr.
Ihr habt Euch an den Sprüchen oft erbaut,
Selbst in der Farbenlehre umgeschaut.
An jener Tische langer Kette
Ist nicht ein einziger, ich wette,
Der nicht auf blankem Bücherbrette
Des Dichters Werke samt und sonders hätte;
Und nicht allein in säuberlichem Bande,
Daß fest am Blatt noch klebt das Blatt;
Nein! wohl verbraucht und mit verstoß'nem Rande,
Kurz, wie ein Buch, das man gelesen hat,
So daß man deutlich sieht und ohne Not:
Hier holt man sich ein täglich Seelenbrot.

So kann ich mir die Mühe sparen,
Zu wiederholen, was bekannt,
Zumal da Bess're willig waren
Mit schönrem Wort und mehr Verstand
An diesem Tag zu Goethe's Ehren
Euch über alles zu belehren.
Nur eins bin ich zu sagen noch so frei:
Zum wärmsten Danke bin ich Euch verpflichtet.
Am Denkmal, das Ihr habt errichtet,
Befindet sich mein Konterfei.
Zwar muß ich mit Beschämung es gestehen:
Der Bildner nahm mich etwas ideal,
Und jeder wird dies auch bestätigt sehen,
Trifft er mich wirklich einst einmal;
Doch immer ist es ehrend vor der Welt,
Daß man auch mir ein Denkmal aufgestellt.

Ich hoff auch, daß es Euch nicht wundert,
Daß Euch der Teufel Verse schickt.
In Deutschland reimen neunzig unter hundert;
Auch mich als Deutschen hat die Lust bestrickt.
So lebt denn wohl! Verbraucht in Hast
Das Kerzenstümpfchen, Euer Leben!
Es wird nicht jedem Erdengast
Post festum solch ein Fest gegeben.
Erhascht, genießt und jagt mit aller Macht!
Jetzt wirft es Euch, und morgen schwimmt Ihr oben.
Es ist wie in der Sankt-Walpurgis-Nacht:
»Ihr glaubt zu schieben, und Ihr seid geschoben.«
Baut Eisenbahnen kreuz und quer!
Geschwind! Geschwind! ist ja das Losungswort.
Doch eines nehmt als gut gemeinte Lehr':
Zu mir herab bleibt mit den Schienen fort!
Der Weg ist kurz, die Reise amüsant;
Es geht bergab und durch ein lustig Land.
Da möchte solches Spekulieren
Sich kaum zu zwei Prozent rentieren.

Ich schließe mit dem achtungsvollsten Gruß,
Der Junker
            Hanns vom Pferdefuß.

*

Zum Jubelfeste Goethes
am 28. Aug. 1849

Der Hahn auf der Mainbrücke

Jetzt wird mir's wahrhaftig doch zu bunt!
Begreif's, wer will! Mir ist's zu rund.
Man kann trotz Soldaten und Kanonen
In Frankfurt nicht mehr sicher wohnen. –
Vielleicht habt ihr es noch nicht vergessen,
Was ich bei dem letzten Goethe-Essen
Für einen sonderbaren Auftrag bekam,
Als der Satan mich zum Briefträger nahm.
Nun diesmal ist das Ding noch toller,
Noch unbegreiflicher und grauenvoller.
Wenn jemand mir nur die Ursach' sagte,
Was dem Spuk denn just an mir so behagte!

Es hat nämlich jüngst in der Nacht
Ein Gespenst mich zu seinem Sekretär gemacht,
Zu seinem Beichtvater und Stenographen,
Und das zur Zeit, wo die andern schlafen.
Es ließe sich hier nun gar manches sagen
Über die Gespenster und Werwölfe in unsern Tagen,
Auch ließe sich manche Belehrung schöpfen,
Wo es in Frankfurt spukt und in welchen Köpfen,
Und was für unsaubere Geister
Jetzt spielen bei uns die Herren und Meister;
Damit will ich euch aber nicht quälen,
Sondern einfach erzählen.

Es hat der Mensch seine Eigenheiten;
Ich hab' die meinen. Ich lieb' zu Zeiten,
Wenn die Augen mir bleiben hell und munter,
Am Ufer des Mains hinauf und hinunter
In später Nacht umher zu wandern.
Der liebste Gang aber vor all den andern
Ist mir über die Brücke, wenn voll und rein
Im Wasser fließet der Mondesschein.
So tat ich es denn auch vor wenig Tagen,
Wo, was ich erzähl', sich hat zugetragen. –
An beiden Ufern war tiefes Schweigen,
Vom Lärm des Lebens nicht ein leises Zeichen.
Es war, als ob auch die Häuser schliefen
Einen ruhigen, müden Schlaf, einen tiefen;
Sie hatten die Lider der Augen geschlossen,
Da kam kein Lichtstrahl hervorgeschossen.
Der Strom ging lautlos. Ein Fischerkahn
Hielt mitten darin unbeweglich an;
Sonst lauert er wohl auf nächtliche Beute,
Doch eingeschlummert war der Fährmann heute.

Gekommen war ich mit langsamem Schritte
Auf dem Brückenweg bis just in die Mitte.
Da stand ich, das Haupt gelehnt in die Hand,
Und sah westwärts über des Geländers Rand
Hinab in den leise gleitenden Strom.
Ich gewahrte es kaum, daß vom nahen Dom
Die Stunde der Mitternacht herunter klang;
Der letzte Schlag verhallte zitternd und lang.
Da fuhr ich auf, denn hinter mir schrie
Es wie ein Hahn, ein gellendes: Kikeriki!
Ich dachte: hat sich hier einer versteckt,
Der um Mitternacht die Leute neckt?
Der des edeln Äpfelweins zu viel genossen,
Sich selbst will erwecken durch solche Possen?
Ich blickte und suchte. Es war niemand hier,
Außer dem steinernen Karl und mir. –
Als ich nun so dastand im blauen Wunder,
Spricht eine Stimme wie vom Himmel herunter:
Potz Kuckuck! Herr Doktor und Grillenfänger,
Hier oben sitz' ich, der Redner und Sänger!
Ich schau empor, – und was seh' ich dort! –
Ihr könnt mir's glauben auf Poetenwort! –
Der goldene Hahn war geworden lebendig,
Mit den Flügeln schlug er ganz unbändig,
Mit den Füßen scharrt so geschickt und gut,
Wie es jemals ein wirklicher Gockel tut.
Kurz es schien mir ein recht ungebärdiger Hahn,
Und endlich schnarrt er mich also an:

Ich will Euch etwas anvertrauen, –
Doch auf Euer Gedächtnis ist nicht zu bauen;
Drum nehmt hervor das Notizbüchlein
Und notiert Euch Punkt für Punkt hinein!
Zwar könntet Ihr sagen: Du alter Gesell,
So flieg' doch herunter von deinem Gestell,
Um alles selbst in Ordnung zu bringen,
Statt andern das Bündel aufzuzwingen!
Da ist nun die Antwort klar und spitz:
Das laß' ich bleiben! Ich sitz', wo ich sitz'.
Ich bin und bleibe zu meinem Glück
Der Hahn auf der Brück',
Und hoffentlich wird man am Ende gar
Nicht einen neuen wählen alle fünf Jahr.
Doch ist nicht zu spaßen;
Denn hätt' ich den Platz einmal verlassen,
Dann käm' so ein neumodischer Haupthahn schnell
Und setzte hierher sich an meine Stell',
Um wenigstens eins in der Stadt zu erreichen,
Das Amt als Frankfurter Wahrzeichen.
Ich aber müßte, um tragisch zu enden,
Zuletzt mich nach dem Hinkelmarkt wenden,
Um so mein altes, zähes Leben
Für ein Kindbettsüppchen hinzugeben.
Dazu nun verspür' kein Verlangen im Leib ich,
Darum bleib ich!

So schwatzte der Hahn.
Ich hatte mein Büchlein hervorgetan,
Wir wechselten noch manches fröhliche Wort,
Und dann fuhr der Vogel also fort:

Die Stunde, die Ihr feiernd wollt begehn,
Ich hab' sie fröhlich einstens kommen sehn;
Mit hellem Schrei hab' ich den Tag verkündet,
Der unsern Dichter golden angelacht.
Es schien die Sonne leuchtender entzündet,
Und wie verklärt entstieg die Stadt der Nacht.
Den jungen Wolfgang sah ich wohl als Knaben
Den ersten Blick an Strom und Flur sich laben,
Und oftmals kam er hier mit andern Jungen
In frohen Spielen jubelnd hergesprungen.
Ich sah als Mann ihn ernst und sinnend schreiten
Im Jahreslauf vergang'ner schöner Zeiten.
Doch eines hab' ich einst von ihm vernommen,
Das soll durch dich zu deinen Freunden kommen.

Es war ein Abend still herab gestiegen
Wie heut', wo alle Lebenslaute schwiegen,
Und wo des Stromes Welle leicht bewegt
Lautlos den Glanz des Mondenscheines trägt.
Da kam der Jüngling dieses Wegs heran,
Ein Knabe mehr noch als ein Mann;
Doch nicht allein. Es war zu jener Zeit,
Wo sich in ahnungsvoller Herrlichkeit
Der ersten Liebe Märchenpracht entfaltet,
Und in dem Herzen wunderbarlich waltet.
Am Arme führt er Gretchen, ernst und mild,
Von der in späten Jahren er ein Bild
So engelrein entwarf, daß selbst die Schuld
Nichts trüben kann an solcher Seelenhuld.
Sie kamen näher, und der volle Klang
Der jungen Dichterstimme tönte wie Gesang:

Ja glaub' es mir, ich fühl' es tief und wahr:
Ich ring' mich durch, ich will den Wettkampf wagen.
Zum Lichte aufwärts führt der Flug den Aar;
Es wächst die Kraft, der Fittich wird mich tragen.
Wenn unsre Gräber längst verödet stehn,
Dann ist mein Namen dauernder geschrieben,
Und wie wir hier vereint umschlungen gehn,
Soll man mit mir auch die Geliebte lieben.
Denn sieh! das ist des Dichters höchster Preis,
Daß er verklärt, was seiner Bahn begegnet,
Gleich wie die Sonne den Planetenkreis
Mit Licht erleuchtet und mit Wärme segnet.

Das Haupt in Anmut schüttelnd sprach sie nun:
Wohl! Du magst leben, ich werd' schweigend ruhn.
Die arme Maid, ist die des Ruhmes wert?
Im Zorne halb und halb in Scherzen fährt
Der Jüngling auf und ruft: Die Undankbaren!
Wie eine Heilige sollen sie dich wahren!
Und sollten deinen Namen sie vergessen,
Und was an Lieb' und Anmut du besessen,
Dann nehm' der Wächter dort, der goldne Hahn,
Als treuer Mahner, unsers Ruhms sich an!
Der soll die Schlafenden erwecken,
Und, die den Herrn in dir verleugnen, schrecken. –
So sprachen sie und wandten ihren Schritt.
Ich lauschte lang noch auf den fernen Tritt,
Bis er verschwunden,
In den Straßen weit unten.

Das war, was ich gehört und treu bewahrt.
Verwendet es nun auf die rechte Art!
Ihr wißt ja, wie man solche Dinge macht.
Herr Doktor, gute Nacht! –

Es schwieg der Hahn. Und geendet und voll
War mein Protokoll.
Aber die Begier
Noch mehr zu erfahren hier,
Hatte mich erfaßt,
Deshalb rief ich in Hast:
Ich danke, Herr Hahn! Doch sagen Sie,
Wie verhält sich's denn – Kikeriki!
Das war die Antwort. – Die Uhr schlug eins;
Der Hahn blieb stumm, und blickte nach Mainz.
Und so sitzt er noch zur Stunde;
Alles Fragen bringt keine weitere Kunde.

*

Zum Jubelfeste Schillers

bei dem Festmahle am 10. November 1859

1 Schiller als Kollege

Nicht eigne Redelust drängt mich herzu,
An euch das Wort zu richten. Solches wag'
Ich nur im Auftrag andrer, die mich sandten,
Und besser hätt's ein Bess'rer ausgerichtet.
Jedweder Stand und jed' Gewerk ist heute
Mit Fahnenschmuck in reichem Glanz erschienen,
Um huldigend das edle Angedenken
Des Lieblings unseres Volkes zu begehen;
– Denn wer das Hohe ehrt, der ehrt sich selbst. –
Nur einen Stand vermißt' ich, oder sah
Ihn würdig zwar, doch schmucklos nur vertreten:
Den Stand der Ärzte, und so mag das Wort
Ersetzen nun, was sonst untunlich war.
Wir aber glauben wohl ein Recht zu haben,
Und können mit besond'rem Nachdruck sagen,
Wie einst der Dichterfreund: »Denn er war unser«.
Zwei Jahre nur! Es war vielleicht ein Glück
Für ihn und für das Bataillon, daß er's
Nicht länger blieb; denn ehrlich muß ich euch
Bekennen, auf seine Verse halt' ich viel,
Weit mehr als auf Rezepte, die er schrieb:
Wohllautiger klang bei ihm die Muttersprache
Als das Latein der Apothekerküche,
Und besser, deucht mir, ist es immer noch,
Wenn gute Ärzte (wie dies oft der Fall)
Recht schlechte Dichter sind, als umgekehrt.
Nicht leugnen läßt es sich, es eint ein Band,
Ein unsichtbar geheimnisvolles, beide,
Und beide deuten nach demselben Ziele.
Der Dichter führt des Menschen Seele weit
In himmlische Gefilde fort: der Arzt
Bringt leider manchesmal ein gleiches fertig.

Wie dem auch sein mag: Unser war er doch!
Und war er's nur? Und ist er's denn nicht noch?
Ist der nicht Arzt, der Irdisches verklärt,
Der höchsten Trost in tiefstem Leid gewährt?
Ist der nicht Arzt, auf dessen mächt'gen Ruf
Der Himmel seine Strahlen niedersendet,
Der einen Glorienglanz um alles Edle schuf,
Daß alles Niedre flieht, verscheucht, geblendet?
Dreimal gepriesen, wer des Herzens Wunden
Mit Zaubersprüchen schonend läßt gesunden!
Ja, Heil der Kunst, die also weiß zu heilen!
Er mag auch diesen Lorbeer mit uns teilen.
Auf seinen Worten ruht ein Wundersegen,
Und heil'ger Heilkunst ist er treu geblieben.
So grüßen wir im Dichter den Kollegen,
Und hätt' er nimmer ein Rezept geschrieben.

2 An Uhland und die Schwaben

Manches Lied ist schon gesungen,
Manches Glas ist schon geleert,
Und gelöst sind Herz und Zungen;
Eines hab' ich nicht gehört.
            Noch ein Trinkspruch, Freunde, soll
            Klingen laut und jubelvoll:
            Einen Festgruß sollen haben,
            Unsre Brüder dort in Schwaben.

Dort wo sich der Neckar windet
Durch das rebengrüne Tal,
Wo ein Männervolk sich findet,
Treu wie Gold und fest wie Stahl,
            Dort von Staufen's Höhe stieg
            Deutscher Ruhm und deutscher Sieg.
            Denen, die uns Helden gaben,
            Hoch den Männern dort in Schwaben!

Und im reinsten Schmuck der Sitte,
Lebensfrisch, das Auge blau,
Treulich in des Hauses Mitte
Waltet dort die deutsche Frau.
            Segen bringt es, was sie tut;
            Was sie lenkt, das wandelt gut.
            Die uns deutsche Dichter gaben,
            Hoch die Frauen dort in Schwaben!

Einen noch will ich euch nennen,
Einen Fürsten des Gesangs.
Lehrt mich einen bess'ren kennen,
Einen Namen schön'ren Klangs;
            Ernst und mild, sich selbst genug,
            Ohne Prunk und ohne Lug.
            Hoch dem Meister hoher Gaben,
            Ludwig Uhland, dort in Schwaben!

Frühlingssegen, reicher, lichter,
Über dich, du Schwabenland,
Wo der Helden und der Dichter
Treugepflegte Wiege stand!
            Frisch und fröhlich sollst du sein!
            Du bist unser, wir sind dein.
            Bleibe stets das ruhmesreiche
            Land der klugen Schwabenstreiche!

*

Zum Einhundertjährigen Jubelfeste der Senckenbergischen Stiftung 1863

Noah Senckenberg

Mel.: Prinz Eugen der edle Ritter

Senckenberg, dich muß ich preisen,
Dich, den guten, frommen, weisen,
Der wie Noah Hilf' uns bot!
Höher stieg die Flut des Lebens,
Das Gewässer, und vergebens
Schrien wir aus allertiefster Not.

Da ergriff dich unser Wimmern,
Eine Arche ließ'st du zimmern
Für die Wissenschaft in der Stadt;
Und du sprachst: Kommt her, Geschöpfe!
Ihr gelehrten, armen Tröpfe!
Was ein Obdach nötig hat.

Ließen's sich nicht zweimal sagen,
Und zu Roß, zu Fuß, zu Wagen,
Mit Gepäck da kamen sie.
Kamen da die Zoologen
Mit gar viel Getier's gezogen
Und mit vielem Federvieh.

Ganze Fuhren schwerer Steine
Und uralte Mammutbeine
Lud da Herr von Meyer ein.
Grünes Kraut und Heu in Wagen
Bracht' Fresenius getragen,
Und auch Pilze winzig klein.

Und Herr Lucae kam mit Dingen,
Über die man nicht kann singen,
Sondern beim Essen schweigen muß;
Allerlei aus Fleisch und Knochen,
Kindlein aus dem Ei gekrochen,
Eben erst, in Spiritus.

Und mit neuen Apparaten,
Gläsern, Büchsen schwerbeladen,
Kam Herr Böttcher nun herbei,
Und voll köstlicher Gerüche
Mit der ganzen Hexenküche
Und mit sehr gelehrtem Brei.

Geographen und Statisten
Täten gleich in's Haus sich nisten,
Cassian, der führt den Chor;
Varrentrapp tät ein sich stellen
Mit so mächtig viel Tabellen;
Gingen fast nicht durch das Tor.

Kamen nunmehr zwei Vereine;
Ärztlicher, so hieß der eine,
Führte Protokolle mit;
Mikroskop'scher kam gesprungen,
Milbenbrut und Schneckenzungen
Brachte Doktor Adolph Schmidt.

Auch von Quart- und Folianten
– Niemand wußt', was drin gestanden –
Kamen Wagen voll und schwer;
Alles wurde registrieret
Und mit Zetteln schön verzieret
Meisterlich durch Herrn Stricker.

Wollten sie sich all' einrichten;
Sprach Herr Senckenberg: mitnichten!
Rücken Sie zusammen fein!
Denn viel Leut' noch draußen stehen,
Und die müssen all' noch gehen
Hier in meine Arche hinein.

Und man sah nun Einzug halten
Fieber, Gicht und Gaumenspalten,
Hier verbürgert allesamt,
Knochenbrüch' und Herzgebreste,
Angeführt auf's allerbeste
Von Doktor Lorey und Passavant.

So war jedes nun geborgen
Und enthoben aller Sorgen
Und im Trocknen für und für.
Als er alles sah am Orte,
Sprach Herr Senckenberg die Worte:
»Reichard, schließen Sie die Tür!«

Nunmehr wohnen sie gemütlich,
Tun sich in der Arche gütlich,
Recht als wären sie zu Haus.
Brächten aus der Stadt die Tauben,
Jed' ein Ölblatt, ihr könnt's glauben,
Niemand ging deshalb heraus.

*

Zum Friedensfeste,

am 11. März 1871

Mel.: Wo Mut und Kraft etc.

Nun senk' das Schwert! Dein ist der Sieg geblieben,
Dich schmückt der Kranz, mein herrlich Vaterland!
Du gingst mit Gott, er ist dir treu geblieben,
Und warf den Feind dir machtlos in den Sand.
            Wer wird es fürder wagen,
            Dir Fehde anzusagen?
:,: Ernst ist das Antlitz, mächtig ist dein Schritt,
Wenn stark dein Fuß des Frevlers Nacken tritt. :,:

Er wähnte dich in Zwietracht zu verwirren;
Du aber riefst die Söhne auf zum Streit.
Von Nord und Süd ein einig Waffenklirren,
Und Mann für Mann, sie waren kampfbereit.
            Am nord'schen Meeresstrande,
            In Bayerns Alpenlande,
:,: In jedem Gau derselbe hohe Mut,
In jedem Herz dasselbe deutsche Blut! :,:

Ob rings umher auch neid'sche Feinde lauern,
Die Fahne rauscht, in Felsen ruht ihr Schaft;
Sie schützt kein Wall, es schützen sie nicht Mauern,
Ihr Schirm und Schutz, das ist des Volkes Kraft.
            Doch wollt ihr es erfahren,
            Wer eure Helfer waren?
:,: In Sitten rein, in Worten wahr und frei,
In Pflichten streng: es waren diese drei! :,:

Nie hat ein Volk dem Herrscher einen vollern
Und reichern Kranz gelegt in's greise Haar;
Deutsch ist der Stamm der kühnen Hohenzollern,
Deutsch, wie er stets von Anbeginne war.
            Sein Anrecht an die Krone,
            Das Recht zu solchem Lohne,
:,: In Sitten rein, in Worten wahr und frei,
In Pflichten streng, es waren diese drei. :,:

Leg' ab das Schwert! Nun senket sich der Frieden
Auf deine Flur, du neues deutsches Reich;
Ein neuer Preis ist glanzreich dir beschieden;
Die Bürgerkrone ist dem Lorbeer gleich.
            Nun blühe und erstarke
            Zur fernsten Grenzesmarke,
:,: Daß unser Volk in Liedern diesen Tag
In später Zeit noch segnend feiern mag! :,:

*

Der aus dem Kriege heimkehrenden Jugend

1871

Es öffnet sich das Vaterhaus;
Stolz ragt der Siegesbogen.
Die bunten Fahnen all' heraus!
Ihr kommt ja heimgezogen!

Die Zeit der Sorge ist vorbei,
Rings soll die Freude walten,
Das Mutteraug' ist tränenfrei;
Gott hat euch uns erhalten.

Ihr bringt den Frieden uns zurück,
Im Ruhmeskranz den Frieden;
In's stille Haus bringt ihr das Glück.
Sei Dauer ihm beschieden.

Die blut'gen Waffen legt zur Seit'!
Uns scheint, ihr seid die besten
Daheim die deutsche Einigkeit
Für immer zu befesten.

Und Segen sei mit eurem Tun!
Es soll dem Reiche frommen!
Und tausend Herzen rufen nun:
Willkommen! Seid willkommen!

*

Bunte Bilder

Von den Liedern und Gedichten
Blieb beim Ordnen und beim Sichten
Übrig eben diese Schar;
Wie sie nun beisammen lagen,
Mögen sie sich auch vertragen,
            Weil es nicht zu ändern war.

*

Die Rebellen

Zur ersten Ausgabe 1842

Geflüchtet vor der Sonne Glut,
            Umspielt von lust'gen Ranken,
Saß in der Rebenlaube ich.
            Weit schwärmten die Gedanken,
Und Traumesbilder sah ich bunt
            Und gaukelnd mich umschwanken,
Indes die Lippen gold'nen Wein
            In leichten Zügen tranken.

Zerstreut vor mir und buntgemengt
            Beschriebne Blätter lagen.
Es war manch freud'ger Widerhall
            Aus fernen frohen Tagen;
Auch blickte manches Blatt mich an
            Mit schmerz-erfüllten Klagen,
Und and'res, was beschrieben ich
            Mit halbverklung'nen Sagen.

Der Abendsonne gold'ner Strahl
            Brach durch das Laub der Reben,
Und um die Blumen schien der Duft
            Wie Elfentanz zu schweben.
Es sank das müde Haupt zur Brust,
            Dem Schlaf dahin gegeben,
Und immer enger um mich zog
            Der Traum sein duftig Weben.

Da in den Blättern auf dem Tisch',
            Die staunend ich betrachte,
Seh' ich ein Regen hin und her,
            Hör' flüstern leis und sachte,
Und aus dem Rebendickicht schallt's,
            Als ob es d'rinnen lachte;
Und Grüße hier und Grüße dort,
            Gar freundlich dargebrachte.

Jetzt schau' ich plötzlich einen Zug
            Fein zierlicher Gestalten.
Es ist der Elfen luftig Heer,
            Der mir bekannten, alten.
Sie schreiten ernst und tragen heut'
            Die Stirn' in wicht'gen Falten,
Und einer tritt auf mich herzu,
            Mir einen Spruch zu halten.

»Von deinen langen Liedern sind
            Die Geister wir, die kleinen.
Nicht Tanzes halben, nicht zum Spiel
            Siehst du uns hier erscheinen;
Du sollst uns jetzo Rede stehn,
            Einschenken Wein uns, reinen,
Warum so schlecht du Sorge trägst
            Für uns, die lieben Deinen?

Gefangen in dem alten Pult'
            Jahraus, jahrein zu schweigen,
Dies Knechteleben sind wir satt!
            Die Vögel auf den Zweigen,
Die Lerche an des Himmels Blau,
            Es sind ja unsersgleichen.
So gib uns frei! Wer Schwingen hat,
            Der muß die Schwingen zeigen.« –

»Ihr Kinder! Solcher kühne Flug,
            Er wird euch bald gereuen.« –
»Die kommen wahrlich nie an's Ziel,
Die vor dem Weg' sich scheuen.« –
»Es gibt genug der euren schon;
            Zu was denn noch die neuen?« –
»Wir sind belohnt, wenn wen'ge nur
            Sich unser's Kommens freuen.«

Zwei Elfenmädchen hielten sich,
            Halb scheu versteckt, umschlungen;
Die Liebeslieder mußten's sein,
            Die ich mir einst gesungen.
»Ihr bleibt bei mir! Die Freiheitslust
            Ist nicht zu euch gedrungen!« –
»Wir täten's wohl; doch haben uns
            Die andern ja gezwungen!«

Da wurd' in allen Büschen wach
            Ein Rufen, Lärmen, Streiten,
Und manches trotz'ge Elfchen schien
            Zur Flucht sich zu bereiten.
»Wir wollen fort! Wir wollen fort!
            D'rum lass' uns ziehn beizeiten;
Sonst stieben und verwehen wir
            Gar bald nach allen Seiten!«

Ein frischer Luftzug weckte mich.
            Der Mond war aufgestiegen,
In süßen Träumen schienen sich
            Die Blumen sanft zu wiegen;
Doch flatternd in dem Winde sah
            Ich meine Blätter fliegen.
Ich lief und haschte, wo ich konnt';
            Doch hatt' ich Müh' zu siegen.

Ich hab' mich ihnen nun gefügt,
            Den luftigen Gesellen. –
Zu euch, ihr Freunde, pilgern sie
            Aus stillen Klosterzellen.
Wenn sie erscheinen, treibt sie nicht
            Von gastlich-offnen Schwellen!
Nehmt sie mit Nachsicht freundlich auf,
            Die trotzigen Rebellen!

*

Unaufhaltsam!

Es geht der Strom vom Berg zum Tal
Durch Flurengrün zum fernen Ziel;
Das Dämmlein, das der Mensch erbaut,
Dem Starken ist's ein Kinderspiel.

Die Sonne bricht aus finstrer Nacht,
Daß sich die Lichtflut hell ergießt;
Und glaubt ihr, daß es finster bleibt,
Wenn ihr die Augen krampfhaft schließt?

Das Eis zerbirst, der Strom wird frei,
Der Frühling stellt sich siegend ein.
Ihr meint wohl, daß es Winter bleibt,
Wenn ihr befehlt: Es soll nicht sein!

Den Strom der Freiheit hemmt ihr nicht;
Das Licht der Wahrheit schafft sich Bahn;
Und Frühling wird es dennoch sein
Trotz hohem Trotz und niedrem Wahn.

*

Memento mori!

Wie gehst du sichern Haupts einher,
Als ob hier ewige Dauer wär',
            Du eitles Menschenkind!
Es weht ein leiser Hauch dich an,
Da ist's um deine Kraft getan;
            Das endet so geschwind.

Doch sollst du des nicht traurig sein;
In Blütenglanz und Sonnenschein
            Hat dich dein Gott gestellt,
Daß du dich all des Guten freust,
Und selbst des Guten Samen streust
            Zum Schmuck in schmucker Welt.

Dein Wandel ist, ob kurz, ob lang,
Ob freudenreich, ob sorgenbang,
            Ein Schritt zur Ewigkeit.
In Ernst und Freud' sollst du ihn gehn;
Du wirst ja bald am Ziele stehn,
            Es liegt ja nimmer weit.

*

Zur letzten Stunde

O Gott! Du hast auf meinen Wegen
Der Blumen viele ausgestreut,
Und täglich deines Lichtes Segen
Um ihre Farbenpracht erneut.

O laß für meine letzte Stunde
Noch eine Rose übrig sein,
Und gib von deiner Liebe Kunde
Durch frohen hellen Sonnenschein.

Erleichtre mir des Kampfes Schwere,
Erlaß mir allzu harte Pein!
Wenn ich zur lichten Heimat kehre,
So möcht' ich klaren Auges sein.

Laß mich in Wahrheit es erkennen,
Wenn meine Bahn dem Ende naht;
Es ist so schön sich freundlich trennen,
Wenn ab vom Freunde lenkt der Pfad.

Und wenn es Frühling ist auf Erden,
Dann, Herr, laß mich von hinnen gehn,
Damit ein frisches Sein und Werden
Aus meinem Grabe mag erstehn.

*

Auf dem Friedhof

Sorglos schritt in jungen Tagen
            Ich an diesen Gräbern hin.
»Schlaft! Ihr habt mir nichts zu sagen,
            Mir, der ich so fröhlich bin.«

Als die reifen Jahre kamen,
            Hatt' ich nicht des Wegs so Eil'.
»Ja! Hier hier find' ich manchen Namen,
            Dem ich wünscht' ein besser Teil.«

Jetzt nun bleib' ich sinnend stehen,
            Schau' ein Grab mir da und dort.
»Auszuruhn und Wiedersehen
            Ist ein tröstlich frommes Wort.«

*

Das Gebet eines Gottes

Auf dem öden Gipfel
Des Berges ruhe ich sinnend;
In meinen Locken spielen
Die feuchten Wolken.
Tief, tief unter mir
Blühet die herrliche
Sonnenvergoldete Flur
Und weithin meine geliebte
Freundlich betende Erde.

Ihr glücklichen Menschen,
Und ihr verblendeten!
In buntem Wechsel entflieht euch
Das gemessene Dasein,
Und eures Herzens Schläge
Steigen und sinken
In Hoffen und Fürchten;
Und dennoch blicket ihr
Zu meinem Götterthrone
Neidisch hinauf.

Aber auf Blumen wandeln,
Ein fröhlicher Pilger,
Kann ja der nur allein,
Dem auch vergönnt ist,
Unter Blumen zu ruhn
Und zu schlafen in Grabes Heimat
Ohne Furcht des Erwachens
Und ohne Gaukelbilder des Traumes.

Und mich beneidet ihr
Um den Fluch der Unsterblichkeit,
Um dies ewige Heute,
Das in trägem Schritt
Sich durch Jahrtausende zog,
Und eine endlose Wüste
Vor meinen Blicken sich dehnt.

O Geschick, unerbittliches,
Warum hast du zum Gotte gemacht
Mich, dessen Herz die Übersättigung ekelt,
Und der nur einmal möchte
Fühlen den Menschen gleich
In Fürchten und Hoffen?

Nur einmal höre mich,
Du heimlich waltendes!
Nur einmal senke
Das eherne Szepter,
Und verleihe dem Gotte
Dein geringstes Geschenk!
Jauchzend will ich begrüßen
Das Los, sterben zu können.

*

Den Psychologen

Ihr forscht so hoch, ihr forscht so tief,
Wohl mag euch wirrer Schwindel fassen.
Es will der Geist, nach dem man rief,
Sich nimmermehr bezwingen lassen,
Ihr mögt Begriffe listig dreh'n,
Ein künstlich Spiel mit Sinn und Worten,
Ihr mögt dem Leib zu Leibe gehn
Mit Messern, Gläsern, Lupen und Retorten.

Versucht's einmal auf meinen Rat!
Es liegt vor euch ein sonnig lichter,
Ein blütenreich geschmückter Pfad.
Befragt um Lösung eure Dichter!
Sie tun manch nächtig Rätsel kund,
Und können wunderviel erzählen,
Was tief sich im geheimsten Grund
Des Herzens regt und in den Menschenseelen.

Kommt mit hinaus, und horcht und lauscht,
Wie in dem Wald die Lieder klingen!
Kommt mit! Wie's durch die Wipfel rauscht
Auf mächtig unsichtbaren Schwingen!
Es strömt da halb uns unbewußt
Ein Lied hervor in vollen Tönen;
Eins fühlen klar wir in der Brust:
Der Seele Heimat ist das Reich des Schönen.

Kommt mit! Verachtet nicht ein Spiel!
Schaut, wie sich Kinder harmlos zeigen!
Ein Kindesauge spricht so viel,
Selbst wenn die Lippen stammelnd schweigen;
Von allem frei noch, was so wild
Im Handeln sich bekämpft und Meinen,
Zeigt klar dies ungetrübte Bild
Der Seele Schmuck euch in dem kindlich Reinen.

Kommt mit! Ich kenne manchen Ort,
Wo Not und Weh sich schmerzhaft winden;
Gar manch Gebet stieg auf von dort;
Bei euch soll es Erhörung finden.
Ihr tretet hin, ihr reicht die Hand,
Euch dankt ein heißer Strom von Zähren.
Das Höchste, was die Seele je empfand,
Ist, wenn sie sich in Liebe kann verklären.

Kommt weiter mit und tretet ein!
Die Glocken läuten, um die Bogen
Des Domes schwebt Gesang so rein,
Die Orgel tönt in vollen Wogen.
Gleich gilt es, was ihr draußen glaubt,
Und wie ihr wähnt den Herrn zu schauen;
Die Seele ist verarmt, beraubt,
Fehlt ihr das reine fromme Gottvertrauen.

Und endlich kommt und seid begrüßt,
Wo Freunde sich in Lust gesellen,
Wo goldner Strom der Rebe fließt,
Und goldner noch die Lieder quellen!
Es ist der Himmel blau und rein,
Die Erde grün und hell die Sonne.
Des Menschen Seele kann allein
Gedeihn im Licht der Freude und der Wonne.

So lehrt ein Dichter euch den Geist
Und sein Mysterium erfassen,
Indem er einfach unterweist:
Erfassen müßt ihr selbst euch lassen!
Aufwärts der Weg! In kühnem Schwung
Muß sich die Seele frei erheben,
Im Himmel der Begeisterung
Nur wird der Geist unsterblich glücklich leben.

*

Der Wahnsinnige im Irrenhaus

O Gott der Gnade! – Wehe mir! – Schon wieder
In's Haupt lenkst Du des Tages lichten Strahl,
Es weicht der Traum, es öffnen sich die Lider,
Ich sehe, – doch ich seh' der eignen Qual
Unmenschlich Elend! – In des Wahnsinns Tiefen
Hab' ich gerungen ächzend schweren Streit.
Ist dies Genesung? Nein! Als ob sie schliefen,
Ruh'n tückisch nur die Geister kurze Zeit.

Und draußen steht die Welt im Schmuck der Blüten,
Und draußen jauchzt die freigewordne Lust;
Die Liebe hegt den armen Lebensmüden,
Des Freundes Haupt ruht an des Freundes Brust.
Auch ich hab' Freunde, die es redlich meinen,
Doch scheucht von dieser Stätte sie die Scheu;
Sie werden mich beklagen, mich beweinen,
Vergessen dann; es endet hier die Treu'.

Rings um mich Weh in kalten, grauen Mauern! –
Dort rast in ihren Fesseln tolle Wut!
Und hier des Trübsinns angstverwirrtes Trauern
Bricht in verzweifelnd Jammern aus. – Die Glut
Des Blicks erloschen, öde die Gedanken,
Schläft dort der Geist in Blödsinns dunkler Nacht.
Heil, wer gesundet! – Ach, und Heil dem Kranken;
Doch wehe dem, der kurze Zeit erwacht!

Ja! faßt mich wieder, grimmige Gewalten!
Verwirrt den Sinn mir! Lügt mir Bilder vor!
Da nehmt mich hin, – doch um mich zu behalten!
Verschließt dem Lichte künftighin das Tor!
Wird mir der Himmel milde Wahrheit geben,
Wenn ich die Erde grausam lügen seh'?
Zeigt mir die Welt nicht mehr, nicht mehr das Leben!
Gestorben leben tut so gräßlich weh'.

Ihr aber, ihr in freier Kraft Gesunden,
Die ihr die Tage gern und voll genießt,
Daß euch der Freudenbecher, statt zu munden,
An müden Lippen schäumend überfließt!
Ihr schmückt der Toten Gräber mit Zypressen,
Mit Marmorsäulen und mit Blumenzier! –
Und der Lebend'gen Grab wollt' ihr vergessen?
O schmückt die Öde dieses Grabes hier!

*

Die neuen Redner

1848

»Sonst trug Verstand und rechter Sinn
            Mit wenig Kunst sich selber vor«;
Doch Sparsamkeit ist auch Gewinn,
            Noch weniger will des Volkes Ohr.

Des Tages Schlagwort fix zur Hand,
            Das schleud're in der Menge Ohr!
Denn sieh, es trägt der Unverstand
            Sich wahrlich noch viel leichter vor.

Ein recht gesundes Lungenpaar,
            Das rührt der Herrn genügsam Ohr;
Gebrüllter Unsinn, blank und bar,
            Ruft Beifallssturmgebraus hervor.

*

Horch auf, mein Volk!

1848

Horch auf, mein Volk! Ob deutschen Landen
            Geht brausend jetzt ein Sturm einher.
Hoch weht dein Banner, frei von Banden,
            Und beugen soll's der Sturm nicht mehr.
            Treu Hand in Hand,
            Fest Mann an Mann!
            Mein Vaterland,
            Dein Tag bricht an!

Sei frei, mein Volk! Du hast gebrochen
            Die Ketten schnöder Hinterlist.
Frei willst du sein. Du hast gesprochen,
            Du hast gewollt, und sieh: Es ist!

Heb' stolz dein Haupt! Denn du wirst thronen
            Voll Majestät im Völkerrat;
In deinen Gauen sollst du wohnen,
            Fortan ein freies Volk der Tat.

Sei eins, mein Volk! Du Gott dort oben,
            Hör' eines Volkes heil'gen Eid!
Wir stehn zusammen, wir geloben
            Uns feste Treu' für alle Zeit.
            Treu Hand in Hand,
            Fest Mann an Mann!
            Mein Vaterland,
            Dein Tag bricht an!

*

Ein Trosteswort

Einer dramatischen Künstlerin

Du klagst, es sei dein ganzes Tun und Schaffen
            Ein elend Gaukelspiel, das rasch verweht,
Vor einem Volke, das wohl kommt zu gaffen,
            Das Schöne sieht, und doch es nicht versteht,

Dem eiteln Scheine huldige die Menge,
            Die, wenn du ihr dein tiefstes Sein enthüllt,
Gleichgültig geht in eiligem Gedränge,
            Gemein wie sonst, vom Hohen nie erfüllt.

O glaub' es nicht, und sag' es nicht! Dein Walten,
            Es ist ein hoher, heiliger Beruf,
Und sind es auch nur flüchtige Gestalten,
            Das Schöne bleibt, weil es ein Gott erschuf.

Du sollst dich von der Stimme führen lassen,
            Die dir im Busen hochbegeistert spricht.
Nicht rufe dich der Beifallssturm der Massen,
            Der tollen Wahns die Schranken leicht durchbricht.

Dir schallt ein Ruf, der dir in mächt'gen Tönen
            Durch deine schöne Seele mahnend klingt,
Dich treibt die Kraft, daß dir des ewig Schönen
            Lebendige Gestaltung leicht gelingt.

In stummem Schweigen ruht das Lied verloren,
            Wie es begeistert einst der Meister schuf;
Auf deinen Lippen wird es neu geboren,
            Und jauchzt hinaus in hellem Freudenruf.

Als wesenlose Schattenbilder schweben
            Gestalten, die der Dichter einst gedacht;
Du trittst hinzu, und gibst den Schatten Leben,
            Ein siegreich Leben, frisch, voll Farbenpracht.

O klage nicht! Wie bist du reich gesegnet!
            Es lebt in dir die göttlich reine Kraft,
Die alles adelt, was ihr auch begegnet,
            Die Schönes sich zum Selbstgenügen schafft.

Zum Himmel aufwärts magst du freudig schauen;
            Hoch durch Verklärung führt dich deine Bahn;
Als Priesterin gehst du vor andern Frauen.
            Genüge Dir, dann hast du recht getan!

*

Am Geburtstage einer bewährten Freundin

Wir lassen schon die Tage gehen,
Rückt auch das Alter etwas nah,
Wenn wir zu unserm Troste sehen,
Was alle Jahre neu geschah.

Es kehrt der Frühling immer wieder
Und treibt sein lustig buntes Spiel,
Und heit'rer Sinn und frische Lieder
Sind noch im Herzen fast zu viel.

Und wie es ist, so mag es bleiben!
Dies sei mein Spruch für diesen Tag.
Was hilft's in Wünschen übertreiben?
Man nimmt, was Bess'res kommen mag.

*

Einer guten alten Seele

Dem alten Schauspieler Leißring

Denke an Anakreon,
Den ich dir empfehle,
Denn er war vor Alters schon
Eine lust'ge Seele.
Eifrig liebt er zwar den Wein
(Daß ich nichts verhehle),
Doch dies soll der Fall noch sein
Mit manch andrer Seele.
Und er war voll List und schlau,
Galt es, daß er stehle
Küsse einer schönen Frau,
Die verschmitzte Seele!
Sang auch Lieder frisch und frei
Recht aus voller Kehle,
Und verstand's und war dabei
Stets mit ganzer Seele.
Und der Freund, von dem ich hier
Alles dies erzähle,
War schon alt; doch glaube mir,
Jung und frisch von Seele.
Wenn man wo ihn schimpfen mag,
Sind's gewiß Kamele,
Mumienkerle, magenschwach,
Ohne Herz und Seele.
Einst ein Traubenbeerlein war
Quer in seiner Kehle,
Und als just er neunzig Jahr',
Haucht er aus die Seele.
Um zu warnen dich bei Zeit,
Schrieb ich die Gasele. –
Trink' und sing' in Freudigkeit,
Liebe, gute Seele!

*

Ein Maler in das Stammbuch seiner Freundin,
mit seinem eignen Bildnis

Bin ich sonst nicht g'rade weichlich,
Heute schwärm' ich gar zu sehr,
Und mein Herz ist unvergleichlich
Buttermild und noch viel mehr.

Wär' ich doch ein Blümlein worden,
Etwa ein Vergißmeinnicht,
Wie an stillen grünen Orten
Es ein sanfter Schäfer bricht.

Selber würd' ich mich dann pflücken,
Selbst mich legen in's Papier,
Selbst mich platt zusammendrücken,
Und getrocknet blieb' ich dir.

Aber ach! so bin ich leider
Nur ein Mensch von Fleisch und Bein.
Und was bleibt mir, Freundin, weiter,
Als mich abzukonterfei'n?

Siehst du einst mit weißen Locken
Mein gemaltes Angesicht,
Sprichst du wohl: »Ei schau, wie trocken
            Ist dies alt Vergißmeinnicht!«

*

Einem töchterreichen Hause

Es liegt in manchem Königssaal
            Viel prächtiges Geschmeide
Und funkelnd schießt da Strahl um Strahl
            Von samt'nem Fürstenkleide.

Da dünkt der Herr sich wunderreich
            An Perlenschmuck und Steinen;
Er spricht: Ich bin dem Himmel gleich,
            Wenn meine Sterne scheinen.

Er trete hier in dieses Haus,
            Er wird den Meister finden;
Da löschen seine Lichter aus,
            Ihr Leuchten wird erblinden.

Ich zeig' ihm einen reichern Kranz
            Als Perlen und Juwelen
In dieser Jugend Augenglanz,
            Im frischen Licht der Seelen.

*

Seinem Freunde Herrn Heinrich Cornill d'Orville
am 50. Jahrestage des Beginns seiner berühmten Dürersammlung

Ein kleines Reis wird wohl in jungen Tagen
Unscheinbar oft dem Boden anvertraut;
Und sieh, es wächst, um reiche Frucht zu tragen
Zum Baum empor, der stolz die Flur beschaut;
Der gute Gott belohnt des Pflegers Treue,
Und segnet seine Arbeit Tag für Tag,
Daß er des kühlen Schattens einst sich freue,
Und Freunde gastlich zu sich laden mag.
Ein gleiches hast auch du, mein Freund, erfahren,
Die stille Treue hat dich reich gemacht;
Am heut'gen Tage war's vor fünfzig Jahren,
Als du das erste Blättlein heimgebracht.
Wer langsam schreitet, wird an's Ziel gelangen,
Und so nur ist des Dichters Spruch erklärt:
Was in der Jugend träumend wir verlangen,
In Fülle wird dem Alter es gewährt! –
Und edel bleibt der Mensch, der sich zum Führer
Der edeln Geister einen hat bestellt;
So sei auch dir dein hoher Meister Dürer
Noch lange Zeit als Seelenfreund gesellt!

*

Dichterlust

Es rauscht ein kühler Strom, die Wellen schäumen
Gar seltsam klingend nach des Ufers Riffen;
Was sie erzählen, ist ein ahnend Träumen
Vom Meer und von den buntbeflaggten Schiffen,
            Von Städten, die versunken
            Mit all des Reichtums Prunken.

Geheimnisvoll aus schattig dunkeln Tiefen
Im Walde geht ein Flüstern und ein Wehen;
Da ist's, als ob uns leise Stimmen riefen,
Es seien da der Wunder viel' zu sehen
            Aus alten Märchentagen,
            Und Nachtigallen klagen.

Im Osten kömmt die Nacht emporgestiegen,
Erloschen sind des Tages helle Gluten,
Und rasche Sterne an dem Himmel fliegen
Hinunter in die kühlen Meeresfluten.
            Es tropft der Tau von Bäumen,
            Im Duft die Blumen träumen.

Wie ist's erquicklich, in dem Strom zu baden,
Wenn Brust und Haupt in heißem Fieber brennen!
Wie ist es schön, auf kaum betret'nen Pfaden
Des Wald's geheime Wunder zu erkennen!
            Wie schön, zum dunkelblauen
            Nachthimmel aufzuschauen!

Doch schöner noch als Strom und Wald und Sterne
Ist's, wenn die Lieder durch die Seele klingen.
Es sucht der Geist die Heimat auf, die ferne,
Und eilt empor zum Licht auf goldnen Schwingen;
            Da muß das Herz gesunden
            Von seinen tiefsten Wunden.

Ihr sagt, es sei nicht Lust ein Lied zu singen,
Und fabelt viel von herben Dichterschmerzen;
Wohl gibt es Leiden, doch die Dornen dringen
Tiefschneidend ja in aller Menschen Herzen,
            Ein jedes hat zu tragen,
            Zu weinen und zu klagen.

Gebenedeit, wem es ein Gott beschieden,
Daß liederreich der Freude Baum ihm grünet!
Gebenedeit, wenn sich der Kampf zum Frieden,
Der Schmerz zur Seligkeit im Liede sühnet.
            Er trinkt so Freud', als Qualen
            Aus reichen Gold-Pokalen.

So jauchze denn, mein Lied! Frei, ohne Sorgen
Darfst in die Welt, die lärmende, du gehen,
Gleichviel, ob Freunde deinen Klängen horchen,
Ob dich die Lüfte unbelauscht verwehen.
            Die Lust ist mein, die reiche;
            Die schlürf ich bis zur Neige.

*

Zwiegespräche

Still zueinander neigen
            Zwei Blumen sich beschaulich,
Zwei Vögel auf den Zweigen,
            Die zwitschern so vertraulich.
            Was haben wohl die beiden
            Da all' für Heimlichkeiten?

Zwei Mädchen stehn im Garten
            Und flüstern still zusammen.
Kaum kann's die ein' erwarten;
            Die andre glüht wie Flammen.
            Was haben wohl die beiden
            Da all' für Heimlichkeiten?

Was ist da lang' zu fragen?
            Wenn träumend stehn die Rosen,
Wenn Nachtigallen klagen,
            Und wenn zwei Mägdlein kosen,
            Der Liebe Lust und Leiden
            Sind ihre Heimlichkeiten.

*

Allerlei Getier

Es ist das Herz ein Vögelein,
Singt leise schlimme Weisen,
Lockt dich in Zauberbande ein,
Die nichts mehr kann zerreißen.
            Nimm dich in acht
            Bei Tag und bei Nacht!

Es ist dein Herz ein flüchtig Reh;
Wie schnell ist's durchgegangen!
Erst Freiheitslust, dann schweres Weh';
Der Jäger hat's gefangen.
            Nimm dich in acht
            Bei Tag und bei Nacht!

Es ist das Herz ein Schlängelein
Voll giftiger Gedanken;
Sein Biß macht dich durch Mark und Bein
An Leib und Seel' erkranken.
            Nimm dich in acht,
            Bei Tag und Nacht!

*

Guten Mutes!

Sei mir nur kein finstrer Gast
An dem Tisch des Lebens!
Leben ist ja keine Last;
Wenn der Ärger dich erfaßt,
Zankst du erst vergebens.

Erdengrün und Sonnenschein
Halten dich umschlossen;
Soll die Welt ein Kerker sein,
Nun du bist ja nicht allein,
Hast ja viel Genossen.

Nimm es leicht, so viel es wiegt!
Was ist da zu wagen?
Was nicht laufen kann, das kriecht,
Was nicht brechen will, das biegt;
Und es läßt sich tragen.

Wenn's die eine Schulter drückt,
Trag' es mit der zweiten.
Was dir heute nicht geglückt,
Heute nicht vom Platz gerückt,
Geht zu andern Zeiten.

*

Gesegnete Mahlzeit!

Ein Gast, den man so hochgeehrt
Und der das Beste mit verzehrt,
Gestärkt durch Speis und guten Trank
Sagt, eh' er heimgeht, herzlich Dank;
Zu heit'rem Wohlsein neu erquickt
Fühlt heut' er doppelt, was sich schickt.

So könnt' auch ich gar mancherlei
Hersagen, eine Litanei,
Was alles ich den lieben Herrn
Viel Gutes wünsche, herzlich gern:
Ein langes Leben kerngesund,
Das rechte Glück zur rechten Stund',
Zu rascher Fahrt den rechten Wind,
Viel Freud' an Kind und Kindeskind,
Im Winter einen warmen Rock,
Bei schlechtem Weg 'nen festen Stock,
Nie Zahnweh, und was sonst noch mag
Dem Menschen frommen bei Nacht und Tag.
Das alles sich von selbst versteht,
Mein Wunsch heut' mehr in's einzelne geht.

Ich wünsche, daß noch oft wie heut'
Euch Speis' und Trank so sehr erfreut;
In eurem Keller soll der Wein
Stets klar und frisch, voll Feuer sein;
In guten Fässern fest verwahrt
Soll er da lagern aller Art:
Des Rheines goldner Feuersaft,
Der Domdechant in stolzer Kraft,
Des Aßmannshäusers dunkles Blut,
Des Rüdesheimers ernste Glut,
Was aus dem Markobrunnen quillt,
Was Metternich in Flaschen füllt,
Und andre Tropfen, rein wie Gold,
Champagner dann, soviel ihr wollt;
Das alles soll auf beste Art
Im Keller lagern wohl verwahrt.
Doch wär' ein Tropfen je dabei
Aus Naumburgs Essigsiederei,
Von dem das Faß in Schmerzen kracht,
Auslaufen soll das über Nacht!

Das beste soll auf eurem Tisch
Erscheinen, wenn ihr's wünschet, frisch:
Der Turbot und der Cabliau,
Das Lorbeerhaupt der wilden Sau,
Das Feldhuhn mit dem Sauerkraut,
Ein Schinken, der von selbst sich kaut,
Der dunkeln Trüffel edler Duft,
Und Crèmes, so leicht wie Morgenluft,
Und dann – ihr sagt gewiß mir Dank –
Von Austern eine ganze Bank,
Solider weit, daß ihr's nur wißt,
Als selbst die Bank der Gründer ist.

Nicht alle Tag', das war' zuviel
Für solch' ein süßes Leckerspiel!
Nein! nur zuweilen, unverhofft, –
Nicht alle Tag'; – jedoch recht oft!

Und dann wünsch' ich zu solchem Mahl
Auch Mägen euch von Krupp'schem Stahl,
Und einen Durst, gut deutsch und brav,
Dann freien Kopf nach gutem Schlaf;
Und dann – ein Doktor darf es wagen,
Von solchen Dingen was zu sagen –
Zum Schluß so löblicher Erbauung
Die regelmäßigste Verdauung.
Das alles sei des Schicksals Spende
Für jeden bis an's späte Ende.

*

Zur Gründung eines geselligen Vereins von Künstlern und Schriftstellern

Unser Herr Gott läßt auf Erden
Allerlei Gewächse werden,
Und in seinem Garten schaut
Man gar mancherlei an Kraut.
Neben Dunkelm wächst das Helle,
Eins schießt langsam, anderes schnelle,
Eines spricht in zarten Düften,
Oder wiegt das Haupt in Lüften,
Anderes ist gar still und stumm,
Oder kreucht am Boden um.
Bunter Blüten freut das eine
Sich im hellen Sonnenscheine,
Und ein anderes reicht dagegen
Euch der Früchte süßen Segen;
Kurz, es kann ein jedes leben,
Wie's der Herr ihm eingegeben,
Weiß sich ohne Neid und Klagen
Mit dem Nachbar zu vertragen,
Jedes auf dem Stückchen Feld,
Das der Gärtner ihm bestellt.

Darum prangt auch jedes Jahr
Alles frisch und wunderbar;
Über Täler hingebreitet
Berge auf- und abwärts schreitet
Neues Leben, grünes Sprossen
wie ein Teppich hingegossen.

Und wir Menschenkinder nun
Sollten wie die Blumen tun,
Jeder still sich selbst vollenden,
Kräfte nicht umsonst verschwenden,
Nicht in schnödem Selbstvergessen
Neid'schen Blicks den Nachbar messen,
Den Geringen nicht verachten
Und das Ganze stets betrachten;
Denn das Moos am dürren Stein
Soll in Gottes Garten sein,
Und so gut darinnen wohnen
Wie der Palmen stolze Kronen.
Doch wir müssen schon verzichten
Je die Welt so einzurichten,
Und zur Sankt Apostelei,
Glaub' ich, ist die Zeit vorbei.
Darum laßt in stiller Weise
Wirken uns in kleinem Kreise;
Heut mit frohen freien Sinnen
Laßt ein schönes Werk beginnen,
Einen bunten Wintergarten
Treu zu pflegen und zu warten!
Blütenschwer herunter neige
Sich das lustige Gezweige;
Und der Witz soll blitzend funkeln
Wie das Käferlein im Dunkeln,
Und des Wortspiels lust'ge Ranken
Schlingen leicht sich um den schlanken
Festen Stamm der ernsten Rede;
Sinnspruch sprieß' im Blumenbeete!
Und die Lieder mögen rieseln
Wie das Bächlein auf den Kieseln,
Wie des Springquells frische Garben
Bunt in Regenbogenfarben,
Sonnengold im Wolkenglühen,
Tausendfältig Strahlensprühen!
Wunder sollen bald geschehen,
Alles soll allhier erstehen;
Denn das ganze Zauberleben
Jedem ist's in's Herz gegeben,
Der sich ohne Neid und Klagen
Mit dem Nachbar will vertragen,
Jeder auf dem Stückchen Feld,
Das der Gärtner ihm bestellt.

*

Zum Strafwein

Aus Strafgeldern eines kleinen geselligen Kreises ward er erkauft und am Schluß des Vereinsjahres getrunken

Was vor Jahren wir erstrebten,
            Hat uns wiederum erfreut,
Und mit fernen, froh verlebten
            Stunden ward der Bund erneut.

Und so mehrt im Weiterschreiten
            Sich der Schatz von Tag zu Tag;
Das Erinnern guter Zeiten
            Wird ein bleibender Ertrag.

Doppelt sei der goldne Faden,
            Der uns durch das Leben führt:
Heitre Neigung, ernste Taten,
            Abgemessen, wie's gebührt.

Jugend schließt sich leicht an Jugend,
            Spröder will's das Alter tun;
Wählerisch wird Mannes Tugend
            Um vertrauensvoll zu ruhn.

Und da nun es uns so heiter
            Diesesmal gelungen scheint,
Führen wir es hoffend weiter,
            Was uns heuer treu vereint.

Denn zur ewigen Jugend immer
            Scheint ein goldner Weg gebahnt,
Wo des Lebens Abendschimmer
            An die Morgenröte mahnt.

Daß zum Guten nun das Beste
            Segensreich noch sei gesellt,
Haben wir zum Abschiedsfeste
            Diesen Ablaßwein bestellt.

Was im Winter wir gesündigt,
            Sei getilgt mit diesem Trank,
Und die Sühne wird verkündigt
            Jedem, der in Schuld versank.

Süß ist solch' ein Ablaßgeben,
            Auch die Sünde wird Gewinn.
Unsre Sünder sollen leben,
            Und auch jede Sünderin!

Zu Freunden spricht der Älteste:

Da sich wiederum das Jahr
Heute uns zum Schlusse wendet,
Sehn wir, was begonnen war,
Auch in Treue still vollendet.

Freilich mit der Zeiten Schritt
Will der eig'ne kaum uns tragen.
Nehmt ihr mich auch künftig mit?
Weiß ich's? Wißt ihr es zu sagen?

Ach! Je weiter wir zurück
In das eigne Leben schauen,
Um so weniger darf das Glück
Gold'ne Zukunftspforten bauen.

Es verschwindet, was zu fern;
Still beschränkt wird das Verlangen;
Abendwärts senkt sich der Stern,
Rasch ist er hinab gegangen.

Tröstlich ist es da zurück
Unser Auge zu gewöhnen,
Denn dort bleibt ein freier Blick
Auf so viel des Guten, Schönen.

*

Wegweiser

Soll ein schweres Werk gelingen,
            Halt' im Auge stets dein Ziel;
Feindliches läßt sich bezwingen,
            Wäre dessen noch so viel.

Seine Zahl darf dich nicht quälen;
            Greife frisch das Nächste an!
Willst du erst die Feinde zählen,
            Ist es um den Sieg getan.

Erst das eine, dann das zweite,
            Und das dritte andern Tags!
Liegt das eine dir zur Seite,
            Dann erst mit dem andern wag's.

Einzelnes ist zu beseitigen,
            Morgen leichter, heute schwer;
Was du hast, mußt du verteidigen,
            Und dann hast du morgen mehr.

Manchmal gilt es auszuweichen,
            Umweg führt nicht immer weit;
Und bedenke zum Erreichen,
            Dazu brauchst du immer Zeit.

Eh' du aber willst beginnen,
            Eines prüfe immerdar,
Ob auch, was du willst gewinnen,
            Edel sei und gut und wahr!

*

Bestellung

Wenn man je den Kranz mir reiche,
            Weil mein Dichten euch gefiel,
Efeu sei's und Laub der Eiche,
            Und dann nehmt der Rosen viel.

Und den Lorbeer könnt ihr sparen,
            Jenes freudenlose Blatt,
Das die Stirne der Cäsaren
            Blutbefleckt beschattet hat.

Wo des Dichters Lieder wohnen,
            Muß der Kranz gebunden sein,
Müssen auch des Dichters Kronen
            Frisch vom Zweig gewunden sein.

*

Spruchliches und Epigrammatisches

Der Funken einzeln will nicht viel
            In dunkler Nacht bedeuten;
Doch Feuerwerk und Funkenspiel
            Gefällt den müßigen Leuten.

Das Epigramm

Ich meinte einst, die Dichtung sei
Ein mannhaft Schwert mit starker Klinge,
Womit es schon sich klar und frei
Den Lebensweg zu hau'n gelinge.
Nur scharf schien's nie genug zu sein
Und stets der Schliff nicht ohne Tadel;
Ich schliff und schliff auf manchem Stein;
Jetzt bleibt mir in der Hand – die Nadel.

Folgerung

Mit der Nadel willst du's treiben?
Hm! Das Handwerk nährt den Mann.
Doch warum denn eben schreiben?
Schneidern stände besser an.

Antwort

Um Vergebung! Just die Nadel
Scheint mir sonderlich geschickt,
Daß man eiteln Nebenmenschen
Etwas an dem Zeuge flickt.

Gold und Silber

Ihr meint, es sei mir alle Zeit
Das Herz voll heller Fröhlichkeit,
Ich müßte scherzen ganz allein
Just so wie mit euch im Verein.
Das glaubet nicht! Des Menschen Schmerz
Gehört allein in's stille Herz;
Doch Freud' und Glück und frohen Sinn,
Die geb' er gern für andre hin!
Es ist der Schmerz das laut're Gold,
Das ihr euch sorgsam sparen sollt;
Die Freud' ist blankes Silbergeld,
Geprägt zum Laufe durch die Welt.

Ähnliches

Ihr denkt wohl, weil ich mit euch scherze,
Froh sei mein Mut wie meine Schrift;
Die Funken sprüh'n aus glühendem Erze
Nur, wenn der Hammer schwer es trifft.

Kleine Münze

Quäl dich nicht durch ängstlich Suchen,
Nimm das Leben frei und frisch!
Festtag bringt schon Fleisch und Kuchen,
Fasttag nun doch Brot und Fisch.

Blumen selbst am Weges Rand
Hüpfen dir nicht in die Hand;
Niemand kann sie pflücken,
Ohne sich zu bücken.

Der erspart sich manche Kränkung
Für des Lebens späten Rest,
Wer in sorglicher Beschränkung
Manches zeitig unterläßt.

Mach' alles in dir selber fertig,
Und dann tritt keck zur Welt hinan;
Gar viel, was anfangs widerwärtig,
Es schließt zuletzt sich helfend an.

Blindlings immer grad' aus,
Reicht nicht immer der Pfad aus.

Dem Allzueiligen fehlt noch viel,
Daß er der Erste wird am Ziel.

Dich zu fördern, dich zu stützen,
Magst du deine Freunde nützen;
Doch der Hilfe zu entbehren,
Müssen dich die Feinde lehren.

Ein fröhlich Herz sei offen,
Ein trauriges verschlossen;
Dich tröstet einsam Hoffen,
Doch Freude braucht Genossen.

Niemals geht das Räsonieren so glatt
Und flüssig von bösem Maul,
Als wenn der Magen ein Nimmersatt
Und die Hände arbeitsfaul.

Ein einsam Licht in dunkler Nacht
Hat müdem Wandrer oft schon Mut gemacht;
Ein Trosteswort zur rechten Zeit
Hat manches Herz von trüber Not befreit.

Es ist der Beifall zwar ein fein Gericht;
Doch eines fehlt ihm: er ist nahrhaft nicht.

Wer an des letzten Wunsches Ziel sich findet,
Steht an dem Ziel, wo alles Glück entschwindet.

Der letzten Arbeit glückliches Vollenden
Sei ein Gebot, an Neues dich zu wenden.

Wenn es hilft, beschwer' dich!
Hilft es nicht, so wehr' dich!
Warst du irr, belehr' dich!
Siehst du's ein, bekehr' dich!

Doch hilft nicht Fragen, Klagen und Dreinschlagen,
So mußt du es mit Geduld ertragen.

Renommistisches Zanken
Bürgt nie für die Wahrheit;
Wir wollen Gedanken
Voll Ernst und Klarheit.

Beruhigung

Was dich schmerzlich hat bewegt,
Laß im Liede leis verklingen;
Was dich freudig angeregt,
Such' in Wort und Maß zu bringen.
Also endet tiefstes Trauern,
Höchste Lust wird also dauern.

Papiergeld

Der eine sagt: der Schein regiert die Welt!
Der andre spricht: Sie wird regiert durch Geld!
Nun gut! Es mag schon beides richtig sein;
Doch doppelt herrscht alsdann der Talerschein.

Trifolium

Man sagt, es seien nötig drei,
Damit gesellig Leben möglich sei,
Damit der Faden des Gespräches sich
Fortspinne unzerrissen säuberlich,
Damit bei ausgebroch'nem Meinungsstreit
Der dritte gebe gültigen Bescheid.
O eitler Wahn! Er schießt das Ziel vorbei;
Ich will euch sagen, was der Grund der Drei.
Es trifft ein unabwendbares Geschick
Den dritten, wenn er geht, im Augenblick.
Durchhecheln wird ihn stracks das Freundespaar,
Es bleibt an ihm dann nicht ein ganzes Haar;
Wenn von nur zweien da der eine ging,
Dann wäre dies ja ein unmöglich Ding.

Lebensregel

Dauernd kannst du dir verbinden,
Was du Schönes je besessen,
Lerne nur das Rechte finden
Im Erinnern und Vergessen.
Alles Edle, alles Gute,
Schreibe dir in's Herz, in's reine,
Doch vergiß mit schnellem Mute
Alles Schlechte und Gemeine!

Zum Troste

Wohl können schlimme Menschen schaden an schönsten Tagen dir;
Doch gute helfen willig die schweren Zeiten tragen dir,
Und wer aus schlimmer Zeit an gute Menschen denken kann,
Dem ward der höchste Trost, den Gott auf Erden schenken kann.

Goldwährung

Jeder gebe, wie er's habe!
Gold gibt einer reinster Sorte,
Andrer hat für seine Gabe
Nur das Gold der klugen Worte.

Was das Beste, läßt sich streiten;
Aber selten wird sich quälen,
Wer die Wahl hat zwischen beiden,
Und das erste wird er wählen.

Carpe diem!

»Morgen« ist ein Meer, dem nicht zu trauen,
            »Heute« aber, das ist festes Land;
Morgen ist ein Rebhuhn weit im Blauen,
            Heut' ist wie die Taube in der Hand.

Morgen ist wie Duft von Blütenbäumen,
            Heute ist der reifen Frucht Genuß;
Morgen ist wie leeres Liebesträumen,
            Heute aber wie ein warmer Kuß.

Ja, das Morgen liegt im Land der Toten,
            Nur das Heut' ist lebensvoll und frisch;
Nimm, was dir das Leben heut geboten,
            Denn das Morgen deckt dir nicht den Tisch!

In usum poetae

Zwischen Korn- und Weizensegen
Blau und rote Blumen glühn;
Toren schimpfen viel dagegen,
Uns jedoch, uns freut ihr Blühn,
Und wo andre Unkraut finden,
Wissen wir den Kranz zu winden.

Flüchtig

Es gaukelt um den Schmetterling der Schmetterling,
Ein wechselnd Suchen und Entfliehen;
Es sucht sein Glück, das arme Ding,
Und möchte doch so gern sich ihm entziehen;
Es ahnet, daß der Liebe erster Tag
Der letzte seines Lebens werden mag.
Schau zu, du töricht lüstern Menschenkind,
Wie oft die Freuden deines Glückes Mörder sind!

Luftschlösser

Wenn ich einmal wünschen soll,
Wünsch' ich auch den Sack mir voll;
Bau' ich Schlösser mir in's Blau,
Sei es recht ein Wunderbau.
Stürzt die Pracht mir wieder ein,
Trifft kein Balken mich, kein Stein,
Und im Nu, im Handumdrehn
Wird er wieder neu erstehn.

Für des Lebens Wanderfahrt

Blumenschmuck und Rosen will
Jeder an den Wegen;
Dauern wird nur, was wir still
Selbst in Treue pflegen.

Doch die Rose, die dir blüht,
Reiche dann dem andern;
Doppelt freut sich dein Gemüt,
Leichter wird das Wandern.

Der beste Koch

Wird dir zu hart des Lebens Last,
So lerne nur entbehren.
Der Tag, den du gehungert hast,
Er wird dich essen lehren,
Und was du früher niemals dir
Zu schlucken zugetrauet,
Das wird alsdann, o glaube mir!
Ganz musterhaft verdauet.

Echte Kost

Gesunder Sinn in derbem Wort,
Das ist wie schwarzes Brot,
Das hilft dir täglich fort und fort
In größter Lebensnot.
Die lyrische Brezelbäckerei
Macht nur den Magen fett;
Man fühlt sich elend schwach dabei,
Und seufzt: Wer Schwarzbrot hätt'!

Regel

Der ist ein Tor, wer ganz allein
Und ohne Hörer eine Rede hält;
Der ist ein Tor, wer noch so fein
Sich im Gesang doch ganz allein gefällt;
Der ärgste Tor ist, wer den Wein
Sich von der besten Quelle hat bestellt,
Und meint, es könne ihm der Trunk gedeih'n,
Wenn er sich keinem Trinkkumpan gesellt.

Das Unausstehliche

Was Ärger's kenn' ich nicht,
Als wenn ein trüb Gesicht
So mürrisch in der Sonne steht,
Daß schier ihr alle Lust vergeht,
            Noch fürder auf so einen
            Zu scheinen.

Reimnot

Wahrhaftig, es gleicht ein Poet,
Dem's Reimen nicht flott weg geht,
Einer Fliege, die an die Nadel gespießt
Zappelnd die Aussicht in's Freie genießt.

Das schlimme Jahr

Ihr sprecht so viel von böser Zeit?
            Was will denn dieses sagen?
Nur wenn der Wein nicht gut gedeiht,
            Das Jahr soll man beklagen.

*

Albumsprüche

1

Willst sicher wahren du ein freundlich Wort,
Im Herzen tu's! Das ist der beste Ort.

2

Ein flüchtiger Hauch der Rede, die Schrift ein flüchtig Blatt!
Es ist die Tat das einz'ge, was sicher Dauer hat.

Kurz gefaßt

Ärger, der dich neckt und quält,
Abgetan muß schnell er sein;
Dem, der seine Sorgen zählt,
Wird kein Tag ein heller sein.

Wem nicht vor sich selber bangt,
Der kann ohne Sorgen sein;
Schaffe, was der Tag verlangt,
Und du wirst geborgen sein!

Besser

Strecke dich nach deiner Decke!
Guter Spruch für faulen Mann;
Besser klingt: An kurze Decke
Nähe, was dir mangelt, an!

Zu überlegen!

Die Wahrheit sagen ist ein löblich Ding,
Und was es nützen mag, oft so gering.
Drei Dinge zu entdecken sei beflissen,
Bevor du dich zu reden machst bereit:
Du mußt den rechten Mann zu finden wissen,
Das rechte Wort dann und die rechte Zeit.

Mittelstand

In Schlamm und Moor ist des Wassers Grund,
Unflat und Schmutz schwimmt oben,
Die Mitte aber ist rein und gesund,
Da wirst du den Trunk dir loben.

Doch was zur Quelle Neues dringt,
Das perlt herauf von unten,
Und was von oben niedersinkt,
Gehört zum Ungesunden.

Teleologische Weltanschauung

Wie hat der Schöpfer doch die Welt
So schön und weise hingestellt,
Daß jedes Ding und jedes Tier
Zu irgend etwas nütze hier;
Die Erd' ist seiner Weisheit Tempel.
Schaut nur! So schuf er zum Exempel
Tiefsinnig zu besonderem Zweck
Die Schnepfe für den Schnepfendreck.

Anfang und Ende

Gott schuf die Welt aus Nichts, so wird verkündet,
Ich weiß es nicht, wie er es hat vollbracht;
Doch eines weiß ich: Was da steht begründet,
In Nichts zu wandeln, gibt es keine Macht.

Die Letzten

Die einz'gen Philosophen,
Die man noch heut' zu Tag
Auf diesem deutschen Boden
Systemtreu finden mag,
Das sind auf ihrem Posten
Die Wärter an der Bahn.
Es braust die Welt vorüber;
Was liegt den Herrn daran?
Sie wissen, was sie sollen;
Der Teufel hol' den Rest!
Sie halten unverrückbar
Auf ihrem Standpunkt fest.

Wie geht's?

Wie geht's? So fragen sie zu allen Stunden;
Wär' nur die Antwort auch so leicht gefunden!
Für Feigheit halt' ich's, viel zu klagen,
Und Lüge wär' es: Gut! zu sagen.

Sankt Lüdrians Woche

Sonntag, wo ist die Braut?
Montag, umhergeschaut!
Dienstag, gefunden,
Mittwoch, verbunden,
Donnerstag, gemieden,
Freitag, geschieden!
Samstag, wer denkt noch dein?
Morgen wird Sonntag sein!

Hausrat
Mit Büchern als Hochzeitsgabe

An Hausrat mancherlei,
Sagt man, daß nötig sei,
Ein Haus zu gründen.
Wir wählten Bücher aus;
Der beste Rat in's Haus
Wird da sich finden.

Türspruch für den aus dem Kriege heimkehrenden Sohn
1871

Mit Sorge einst geschieden,
Bringst du uns nun zurück
In's Vaterland den Frieden,
In's Vaterhaus das Glück.

An Goethe

Wir kommen nach mit kleinlichen Gedanken,
Du schreitest kühn, wir aber tappen, schwanken
Denselben Weg, und sind vergnügt,
Wenn sich das Wort zum Wort notdürftig fügt.
Wir haben dich, wir huldigen deinem Wesen;
Und Glücklicher! Du brauchst uns nicht zu lesen.

Einem vorsichtig Enthaltsamen

Am Jüngsten Tage kommst du kaum in Not;
Es drückt der Sünden Last dich schwerlich tot;
Ein Zecher bist du, der sich nicht berauschen kann,
Und ein Verliebter, der nicht Küsse tauschen kann,
Ein Prediger, dem niemand lauschen kann,
Und ein Prophet, für große Taten schwärmend,
Wär' nur die Welt nicht so abscheulich lärmend.

Die alte Wetterfahne

Du Wetterfahne, morsch und alt,
            Auf deinem hohen Turme,
Du trotzest lang schon der Gewalt
            Im wilden Frühlingssturme.

Du knarrst und drehst dich hin und her;
            Merkst Sonnenschein und Regen
Zum voraus schon; doch nimmermehr
            Kannst dich in's Trock'ne legen.

Solch Muster von Geduldigsein,
            Ist es wohl vaterländisch?
Ein morscher Höfling kann's allein,
            Gleich dir auch wetterwendisch.

Einmal ist keinmal

Ein Schütz traf neunmal Schuß für Schuß
Das Schwarze in dem Kreise;
Der zehnte machte ihm Verdruß,
Er fehlte selbst das Weiße.
Da blickt ein großer Kritikus
Durch Brillen nach den Scheiben,
Und sprach: »Weil ich's doch sagen muß,
Ihr ließet's besser bleiben!«

Der Törichtste

Wer dem Braten setzt als Wächter vor
Seinen Hund, der ist ein blöder Tor;
Mehr noch, wer das Mädchen, das er liebt,
Einem Freunde in die Obhut gibt.
Wenn der Hund dann nun den Braten frißt,
Wenn der Freund zuletzt die Dirne küßt,
Wer sich dann noch wundert und betrübt,
Ist ein Tor, wie's keinen größern gibt.

Die Unverstandenen

Ihr klagt, daß euch die Welt nicht recht verstehe;
            Ihr aber selbst versteht nichts auf der Welt.
Ihr schmollt, daß es euch schlecht im Leben gehe;
            Wie kann der gehn, der stets zu Boden fällt?

Freund und Geliebte hätten euch verlassen;
            Nun, weil man euch ganz unausstehlich fand.
Ihr lebt in Not und möchtet gerne prassen;
            Wer nichts erwirbt, der hat nichts in der Hand.

Trüb ist euch alles, nebeldick umnachtet;
            In eurem Auge aber sitzt der Schmutz.
Kurz, wenn man es im rechten Licht betrachtet,
            Die Welt ist gut, ihr aber seid nichts nutz!

Trost

Tröste dich, du kahler Ast,
Daß du keine Blätter hast,
            Mag der Wind dich zaußen!
Wenig Wochen laß' vergehn,
Und du wirst im Grünen stehn.
            Fröhlich inn- und außen.

Armen Teufels letzter Trost

Trage Not und Leid geduldig;
Endlich kommt der Zahlungstag!
Sieh, den Tod bleibt niemand schuldig,
Wie so arm auch sein er mag.

Ein Theaterrezensent

Du schwatzest von der Presse Tag für Tag,
Wie sie zur Wahrheitssteuer dienen mag.
Nun ja! Dein Blättchen ist darnach bemessen,
Du brauchst die Presse richtig zum Erpressen,
Und steuernd wird bei Künstlern dir es glücken,
Das letzte Guldenstück herauszudrücken.

Ein Porträt

Sein Bild ist sprechend ähnlich,
Genau sein dumm Gesicht!
Am meisten doch gefällt mir,
Daß es nicht wirklich spricht.

Hinreichender Grund

»Hast du für Menschen Jammer gar kein Herz?
Sprichst du der Bruderliebe ewig Hohn?«
»Was Bruderliebe? Geh mir mit dem Scherz!
Ich bin ja meines Vaters einz'ger Sohn.«

Merkantile Kritik

A. Sie haben doch das neue Buch
            Des jungen Dichters Fein gelesen?
B. Mein Herr, ich glaub', Sie sind nicht klug.
            Was soll ich mit dem Bücherwesen?
A. Dem Autor soll das Honorar
            Von tausend Talern wohl gedeihen.
B. Was tausend Taler? Ist das wahr?
            Da muß ich doch das Buch mir – leihen.

Die 48er

Für deutsche Einheit kämet ihr zu tagen,
Und redlich tat ein jeglicher das Seine.
Das Seine! Ja, das ist's, was wir beklagen,
Denn in die Brüche ging das Allgemeine.

Konsequente Reue

Nur bei der Trauung war es,
Daß ihr so was geschah;
Sie sprach ein kaum hörbares,
Jedoch sie sprach ein: Ja!
Das tat ihr gleich so wehe
Und sollt nicht wieder sein,
Und in der ganzen Ehe
Vernahm er nichts als: Nein!

Verstecken

In diesem Buche sei viel Geist?
Ich stöberte in allen Ecken;
Und jetzt begreif ich, was es heißt,
Zu spielen meisterlich Verstecken.

Wie der Hirt so die Herde

Man sagt vom Pfarrer hier, er sei ein Somnambüler,
Und predige im Schlaf viel besser als im Wachen;
Und seine Christen all' sind gutbewährte Schüler,
Nur daß sie umgekehrt es wie ihr Hirte machen.
Sie schlafen, wenn er spricht. – Es soll sie niemand stören,
Weil sie im Schlafe auch wohl um so besser hören.

Tierische Metamorphose

Ihr wollt beweisen, daß aus einem Affen
Allmählich die Natur den Menschen hat geschaffen;
Den besten Grund jedoch vergaßt ihr hier;
Ihr übersaht ihn ganz, und gerade ihr!
Man schaut ja täglich, wie auf Erden
Aus Menschen wieder Affen werden.

Einem jungen Kollegen ins Stammbuch

Den Spruch, den ich dir gebe, mein Sohn,
Ein Größerer gab ihn besser schon.
Da du einmal ein Doktor wardst,
So hör' die beste Regel für den Arzt:
Vertrau' dir selbst, und zeige nie,
Wie tönern deiner Weisheit Füße sind;
Das Wort ist alt: Mundus vult decipi;
Vertrau' dir selbst, und andre trau'n dir blind.

Kurzer Abschied

Bei euch ist mir nichts Guts geschehn,
Nun freilich auch nichts Grobes;
Kein Riegel hindert mich am Gehn,
Solch' gastlich Haus, ich lob' es.

Ich sag' zum Abschied meinen Dank,
Daß ihr mir nichts gestohlen;
Doch eure Herzen, kalt und krank,
Die seien Gott befohlen.

Arzt und Dichter

Das wäre mir doch ein verzweifelt Ding,
Wenn mir's im Schreiben so erging,
Daß mein Gedicht für bittre Arzenei
Und mein Rezept für Poesie zu nehmen sei.

Schlechte Distichen

Über den Knüppeldamm im Hexameter rumpelt das Fuhrwerk,
In dem Pentameter patsch! liegt in dem Graben die Kutsch!

Klein und schwer

Gerne mögt ihr den Wein, und freut euch des flüssigen Feuers.
Habt ihr die Mühe gesehn, die er dem Winzer gemacht?
Auch ein kleines Gedicht es gefällt euch, es liest sich so leichthin,
Und ihr ahnet es nicht, wie es mit Sorge entstand.

*

Xenien für Hermann, den Cherusker,
dessen Denkmal 1843 für 1400 Taler versetzt war

1

Törichtes Volk, wenn's lächerlich schließt, wer wird sich verwundern?
            Ist bei Komödien doch immer das Schönste der Schluß.

2

Ja, als Pfand der Germanischen Kraft und Germanischer Einheit
            Solltest du ragen empor dort auf dem Gipfel des Teut;
Doch noch war es zu früh, und die Rolle nicht ganz dir geläufig,
            D'rum in das Pfandhaus hat man dich gesendet, du Pfand!

3

Armer Armin! Einst hast in der Not du die andern gerettet;
            Doch aus dem Schuldturm jetzt bringt dich kein rettender Arm.

4

Unter die Götter versetzten die Griechen und Römer die Helden;
            Anders geschieht es bei uns, wenn man Heroen versetzt.

5

Hermann sitzt! Wie ist doch die Zeit so bequem und verweichlicht!
            Freilich ist's lang schon her, daß sich der Tapfre erhob.

6

Römisches Recht, es war dir verhaßt, und du wütetest greulich
            Einstmals gegen die Zunft, die man aus Rom euch gesandt.
Sieh, nun haben sie dich; nun warte in stiller Ergebung,
            Bis du nach römischem Recht ledig geworden der Schuld!

7

Mit dem Vergangenen wollen wir gerne dereinst uns beschäft'gen,
            Wenn wir dem heutigen Tag volle Genüge getan.

*

Küchenzettel

In der Küche des Schicksals bestellt sich jeder den Zettel,
            Daß ihm der morgende Tisch reich sei und trefflich bestellt;

Aber das Mahl wird karg und es fehlen die feinsten der Bissen,
            Mancher findet da nichts weiter als Wasser und Brot.

Praktische Weisheit nun, sie lehrt dich: Genieße bescheiden!
            Weder so warm noch so gut ißt man, wie man es bestellt.

*

Reiche Leute

Wie für des Künstlers Aug' sich alles zum Bilde gestaltet.
            Fügt zum melodischen Vers alles dem Dichter sich gleich,
Jenem König des Märchens vergleichbar, dem alles zu Gold ward,
            Was er mit Händen berührt, selbst mit der Speise geschah's;
Dadurch geriet er in arge Bedrängnis, wie mancher Poet auch,
            Dem es zum Segen geschah', würde der Vers ihm zu Brot.

            Dieses Wunder aber sollte
            Nicht unmöglich sein auf Erden,
            Wenn der schlechte Dichter wollte
            Nur ein guter Bäcker werden.

*

Kinderwelt

Garten, Stube und Haus, die wir als Kinder bewohnen,
            Dehnt der bescheidene Blick aus zu gewaltigem Raum;
Kehren wir später dahin, so staunen wir über die Täuschung,
            Wenn uns zum Gärtchen der Park schrumpft und zur Kammer der Saal. –
Ob wohl gleiches geschieht, wenn einst vollendet die Seele
            Aus der ätherischen Welt schaut auf die Erde zurück?

*

Cum grano salis

Kinder liebe ich sehr, doch heulende sind mir zuwider;
            Auf der Amati verletzt doppelt ein schreiender Ton.

*

Meinem Sohne

Lerne was Rechts, und werde ein Mann! Das ist's, was ich wünsche.
            Wo dies und wie es geschieht, das ist am Ende mir gleich.

*

Der rechte Mann

Willst du, daß etwas geschieht, geh' nimmer zum müßigen Manne!
            Nur wer die Arme geübt, hebt auch die schwerere Last.
Zeit auch findet nur der, der von morgens bis abends zu tun hat,
            Geht in den Koffer zuletzt doch auch noch dies oder das.

*

Frankfurter Distichen

Die Sachsenhäuser
1

Fluchen und Schreien! Ist das der Empfang für den reisenden Fremdling?
            Aber das derbere Wort paßt für die Schwiele der Faust.

2

Wer auf Seidenpapier nichtssagende Worte dem Freund schreibt,
            Wählt sich mit vollem Bedacht zierlich die Rede und glatt.
Wer euch das Schelten verdenkt, der gehe und tu' euch die Arbeit,
            Wahrlich ich wette, er lernt bald auch das Fluchen wie ihr.

3

Wie, was hör' ich? Es braust vierstimmigen Männergesanges
            Mächtige Flut auch hier, voll in geordnetem Maß;
Längst zum Hades hinab stieg Orpheus, aber das Wunder
            Seines bezähmenden Lieds schauen wir täglich erneut.

4

Ja, ich hab' euch besucht, euch kennen gelernt, und ich lieb' euch,
            Wenn mir auch mancher darob höhnisch die Nase gerümpft.
Bleibt mir so grob, wie ihr seid, doch bieder und innerlich kräftig,
            Und mit gewaltigem Witz wehrt euch die Spötter vom Leib!
Hebt ihr die wuchtende Last auf die Schulter, die kräftig gebaute,
            Will das begleitende Wort auch ein gehörig Gewicht.

*

Karl der Große auf der Brücke

Mächtiger Karl, zu kurz ist geraten dein steinernes Standbild!
            Ach, die dir folgten im Reich, kamen so häufig zu kurz!

*

Die eiserne Spitze des Nikolaiturms

1

Erzene Straßen erbaut ihr nach Westen, Süden und Norden,
            Selber zum Himmel empor zeigt jetzt ein eiserner Weg.

2

Eisen und Gold! Ja jetzo erkenn' ich, wie sehr ihr verschieden!
            Locket das zweite doch oft tief in die Hölle hinab.

3

Recht so! Von Eisen gebaut muß sein die Brücke zum Himmel,
            Wohlfeil, da sie ja doch nur für die Armen bestimmt.

*

Vor Overbecks Bilde
Der Triumph der Religion in der Kunst

1

Unten auf Erden ein groß Hospital und oben im Himmel
            Langweil! Saget, wo steckt denn der verheißne Triumph?

2

Weil er ein Gläubiger war, d'rum malte Fiesole Bilder:
            Weil ihr malet, so sucht ihr in dem Glauben das Heil.

3

Fromm und naiv erscheinen die Werke der gläubigen Kunst uns,
            Krank und gequält, was heut' künstlicher Glauben erzeugt.

*

Auf dem Diplomaten-Balle

1

Ist das Planetensystem in chaotischen Wirrwarr geraten?
            Wirbelt das Weltall hier lustig in Karnevalsscherz ?
Wahrlich so scheint's, denn ringsum Sterne und Sternchen!
            Wie sich das wendet und dreht, grüßend und wieder begrüßt!

2

Wie doch das Auge uns trügt, das bürgerlich niedergeborne,
            Da ich für Fixstern' euch immer bis heute erkannt!
Und nun scheint ihr Kometen, und schweifende, prächtig geschweifte;
            Schwach ist das Auge, darum sucht es vergebens den Kern.

3

Aber ihr andern, was drängt ihr euch zu? Bleibt sittig zu Hause,
            Bürger und Kaufherrn ihr, Männer des Wechsels, der Bank!
Kaum daß ihr leuchtet ein wenig, so seid ihr schon wieder erloschen,
            Seid Sternschnuppen ihr doch, hier im Planetensystem!

*

Weltbürgertum

1

Deutsch, das sind wir! Und wollen es bleiben, das Land und die Bürger!
            Und nur als Deutsche allein gilt uns ein Weltbürgertum.

2

In der Gemeinde sind die die ärgsten Schreier und Hetzer,
            Welche im eigenen Haus sich nicht auf Ordnung verstehn.

3

Sorge für Haus und für Weib und für Kind, dann für die Gemeinde;
            Übe als Bürger die Pflicht, wie sie der Staat dir verlangt!
Wahrlich genug dann hast du getan, dann kannst du behaupten,
            Daß Weltbürger du bist, ohne zu prahlen damit.

*

Die Mikrognosten

1

Immer das Kleinste zu schauen, bestrebt ihr euch; aber vergeßt nicht,
            Nur wer das Ganze erblickt, wird dem Verständnis sich nahn!

2

Mikrognosten, ich fürchte, ihr findet vor Bäumen den Wald nicht;
            Ja, vor Blättern der Baum bleibt euch am Ende versteckt.

3

Einzelheiten zu sehen ist leicht, doch schwer sie zu deuten,
            Wie der Dinge Gewirr eine ein geistiges Band.

4

Wer den Geist will erkennen, der habe ihn selber im Hirne!
            Trübem Spiegel entsteigt immer ein nebelhaft Bild.

5

In der Zelle da steckt's! – Nun was denn? – Das Rätsel des Lebens! –
Aber ein Rätsel doch bleibt's, wiege es schwer oder leicht.

6

Einmal sagtet ihr sonst: Ich weiß es nicht! Jetzt wiederholen
Müßt ihr es tausendfach nur; das ist der ganze Profit!

*

Anthropologisch

Auf die Lippe wurde dem Menschen gelegt: Überredung,
            Schwache durch Worte dem Mann, starke durch Küsse dem Weib.

Eine Zierde mag sein die Nase, doch bleibt sie dir lästig;
            Hast du nicht Schnupfen in ihr, meldet sie Übelgeruch.


Ja, die Erziehung des Ohrs! Das ist eine schwierige Arbeit,
            Daß dir des Nachbars Lob lieblicher klingt als der Schimpf.

Hüte dein Aug'! Es verrät so leicht die geheimsten Gedanken;
            Schweigen der Zunge ist schwer, schwerer das Schweigen des Blicks.

*

Die Asketen

Einen Heiligen macht ihr vielleicht aus dem oder jenem;
            Aber zum Menschen gewiß ziehet ihr niemand heran.

*

Das Streichquartett

Erste Violine

Jauchzend ruf ich hinaus, was den Busen mir freudig erregt hat,
            Oder zum tiefsten Schmerz findet die Seele den Laut.

Zweite Violine

Also wechselt die Stimmung; doch bleibt der Freund dir verbunden.
            Gib mir die Hälfte der Lust, größer wird dir der Gewinn.

Viola

Und auch dem Dritten erlaubt, daß er ernster zu euch sich geselle;
            Maßvoll tröstendes Wort richtet im Kummer euch auf.

Violoncello

Alles Lebendige ruht auf ewig begründeter Ordnung;
            Davon red' ich zu euch, treu ein verbündeter Freund.

Tutti

Freud' und Leid, wir sprechen es aus, selbständig ein jeder;
            Doch wer sich selber beschränkt, mehrt noch den eigenen Wert.

*

Wendepunkt

Willst du die Stunde erkennen, wo abwärts gehet des Lebens
            Blühende Bahn, und der Sinn ernst sich das Ende beschaut?
Jene Minute, sie ist's, in der du die Blätter und Blättchen,
            Welche du sorgsam bis jetzt still in dem Schreine bewahrt,
Die ein Gedenken dir sind entschwundener glücklicher Stunden,
            Wo du dem Feuer sie gibst, daß sie kein anderer seh'.

*

Erzählendes

Neue Schnurren, alte Sagen
Werden euch hier vorgetragen;
Wem sie etwa nicht behagen,
Mag sie ruhig überschlagen.

*

Der schwedische Trompeter

            Wie mähet und saust
            Der Stahl in der Faust!
            Wild schnauben die Rosse
            Im Dampf der Geschosse.
            Wie triefet von Blut
            Der Hügel, vom roten!
Die schwed'schen Reiter fochten gut; –
            Sie liegen all' am Boden.

            Nur einer, der sucht
            Sein Heil in der Flucht.
            Er trägt, als der letzte,
            Die Fahn', die zerfetzte.
            Es reißt ihm ein Schuß
            Vom Helme die Feder;
Sein heilig Banner retten muß
            Der schwedische Trompeter.

            Wie stiebt da der Sand!
            Aus blutender Hand
            Fast sinkt ihm der Zügel;
            Fort über den Hügel
            Geht donnernd die Flucht.
            Schon nahen die Reiter. –
Da sperrt die turmestiefe Schlucht
            Den Weg zur Rettung weiter.

            »Jetzt gilt es mein Rapp!
            Hinan und hinab!
            Aus feindlichen Ketten
            Mag Gott mich erretten!«
            Hoch bäumt sich am Rand
            Das Roß im Verzagen.
Mit letzter Kraft in schwacher Hand,
            Er zwingt's hinab zu jagen.

            Und sieh! auf dem Grund'
            Sind heil und gesund
            Geborgen die beiden.
            Da bläst er zum Scheiden
            Den Reitern zum Spott,
            Die staunend da gaffen:
»Ein' feste Burg ist unser Gott,
            Ein' gute Wehr und Waffen.«

            So reitet in Ruh'
            Dem Walde er zu.
            Es pfeift ihm zur Seite
            Manch' Kugel in's Weite,
            Und sauset und dringt
            Durch Zweige und Blätter;
Doch bald aus sich'rer Ferne klingt
            Des Liedes froh Geschmetter.

*

Der Glockenguß zu Breslau

Vor dem glüh'nden Ofen prüfend
            Ernst der Glockengießer stand;
Freudeselig war sein Knabe,
            Helfend, schürend ihm zur Hand.

Und es prasselten die Flammen,
            Qualmend kocht des Erzes Flut.
Da ertönte hell das Glöcklein,
            Das zur Abendmette lud.

»Knabe«, also sprach der Meister,
            »Habe acht, und wach' genau!
Ein Gebet noch will ich sprechen
            Vor dem Guß zu unsrer Frau.

Sorg', daß nicht die Glut sich mind're;
            Schüre fort, wie du getan!
Aber wehe deinem Haupte,
            Wenn die Hand berührt den Hahn!«

Und er ging. Sein Schritt verhallte
            Durch die Wölbung. Scheu und bang
Stand der Knabe, bis der letzte
            Laut in weiter Ferne klang.

In dem Ofen singt die Flamme,
            Spielend leckt sie dran empor,
Und tief innen kocht es murrend;
            Es betört ihm Sinn und Ohr.

»Ach! nur einen einz'gen Tropfen
            Von der heißen Flut zu sehn!«
Er erfaßt den Hahn. – Er öffnet. –
            Eh er's denkt, ist es geschehn.

Und es zuckt wie Wetterleuchten,
            Von den Wänden flammt es hell.
Zischend in die Form hernieder
            Unaufhaltsam braust der Quell.

Aus der Werkstätt' eilt der Knabe;
            Angst beflügelt seinen Schritt
Bis zur Kirche, wo der Meister
            Zürnend ihm entgegen tritt.

Seine Knie' umfaßt der Arme
            Gnade flehend, und er schreit:
»Wehe! Herr, ich hab' gefrevelt!
            Wild hat sich das Erz befreit!«

»Ha, Unsel'ger! – Meine Warnung! –
            Büßen mußt du deine Lust!«
Und es dringt des Schwertes Spitze
            Knirschend durch des Knaben Brust.

Durch die Menge stürzt der Meister
            Nach der Werkstätt', bleich vor Wut;
Aber dort ist alles schweigsam,
            Im Verglimmen liegt die Glut.

Den gewicht'gen Hammer faßt er;
            Wetternd folgte Schlag auf Schlag,
Bis die Form, die festgebaute,
            Trümmernd ihm zu Füßen lag.

Sieh! die Glocke stand gegossen,
            Rein und herrlich an Gestalt;
Doch zur Seite lag des Knaben
            Blut'ge Leiche, starr und kalt.

»Gnäd'ger Herr! – Ich bin ein Mörder! –
            Ich erschlug den Knaben dort!
Wohl, mein Leben ist verfallen,
            Und nach Sühne schreit der Mord.

Laßt mich sterben! – Eine Gnade,
            Fleh' ich, daß ihr mir verleiht;
Diese Glocke laßt mich hören
            Auf dem Weg zur Ewigkeit.«

Als die Stunde nun gekommen
            Und der letzte schwere Gang,
Da ertönte von dem Turme
            Reiner mächt'ger Glockenklang.

Hell und milde wogt's hernieder,
            Wie ein fromm Versöhnungswort,
Und der Meister betet stille,
            Schreitet dann getröstet fort.

Von dem Magdalenen Turme
            Hat die Glocke hell und weit
Manchem wohl seitdem gegeben
            Zu der Richtstätt' das Geleit'.

Doch ich weiß nicht, ob sie wieder
            Je so tröstlich hat getönt,
Ob sie jemals einen Mörder
            Mit dem Himmel ausgesöhnt.

*

Das Pfingstfest zu Ossemer

»Ihr Christenkinder, flugs herbei!
Sollt merken heut', daß Pfingsten sei!
Ich lese Messe euch im Freien;
Da kann in Lust der Leib gedeihen.
Im Himmel schläft der Herregott,
Die Engel treiben mit ihm Spott;
Der wird sich wenig kümmern
Um euer Beten und Wimmern.«

Zu Ossemer sang's der Pfarrer laut,
Und aus der Stola Falten schaut
Kein Kelch, kein Meßbuch, kein Brevier,
Ein Geigenspiel schaut keck herfür.
Wohl eine Kirche war im Ort',
Doch führte kaum ein Steig zur Pfort',
Es wuchert auf der Schwelle Gras,
Erblindet ist der Fenster Glas,
Still, ungestört seit manchem Jahre
Wob' eine Spinn' am Hochaltare.
Es schwieg verstummt der Glocke Erz,
Sonst so beredt in Freud' und Schmerz;
Das Lied, das sie zuletzt gesungen,
War längst verklungen.

Und nach der Linde alle zogen;
Voran mit Geig' und Fidelbogen
Der Pastor schritt, und jubelnd einte
Mit ihm sich frevelnd die Gemeinde.
So bricht die Meute aus Waldesnacht,
Mit wildem Gejauchze hervor die Jagd,
Und weit über Anger und Fluren
Verfolgt sie die blutigen Spuren.
»Wohlauf! ihr Burschen, kommt zur Beicht'!
Ihr Mägdlein, kommt und schürzt euch leicht!
Frisch angefaßt! Juchhei! Juchhei!
Daß euch die Schuld vergeben sei!«

Er nimmt die Fidel, und spielt zum Tanz.
Es schlingt sich rings der Tänzer Kranz
Weit um die alte Linde,
Wie Staub gewirbelt vom Winde.
»Juchhei! Was nützt das Kirchlein dort?
Die Fidel hier ist Gottes Wort.
Wein sei des Herzens Nahrung!
Das nenn' ich Offenbarung!«

Jetzt höher schwillt der Töne Flut,
In stürmenden Pulsen jagt das Blut;
Und durch des Tanzes heißen Klang
Webt es im Hohne frommen Sang,
So daß in künstlichem Verschlingen
Die Weisen durcheinander klingen,
Als sei's ein Fluchender, der beten wollte,
Als sei's ein Betender, der mit dem Himmel grollte.
Sie rasen fort. – Doch ernst und schwer
Ziehn von den nahen Bergen Wetter her.
Sie achten nicht,
Wie's aus den Himmeln bricht,
Und wie in finstre Nacht gekleidet
Der Donner zürnend durch die Täler schreitet.

»Gruß euch, Himmelsmusikanten!
Glück auf, wer den Knechtesbanden
            Alten Herrgott's keck entfloh!
            Sit laus plena, sit sonora,
            Sit jucunda, sit decora
            Mentis jubilatio!

            Sturmwind, freudig! Pfeif' zum Reigen,
            Daß die Engel drob erbleichen!
            Lust'ge Pfingsten, frei und froh!«

Es singt der Donner sein wildes Lied,
Vom Sturm gepeitscht die Wolke flieht.
Es träuft auf ihren Wegen
Der Blitze Flammenregen,
Als ob zur Schlacht
In die düstre Nacht
Gewalt'ge Geister dringen,
Und die leuchtenden Schwerter schwingen.
Doch um die Linde rings
Jubelnd im Kreise ging's,
Und es folgten der klingenden
Geige taumelnd die Singenden.

            »Seht, welch lustig greller Schein!
            Kommt herab, ihr Engelein!
            Heida! frisch im Kreis herum!

            Veni, sancte Spiritus!
            Et emitte coelitus
            Lucis tuae radium!

            Sprachenmeister, heil'ger Geist!
            Der du alles kennst und weißt,
            Bist ja heute träg und stumm!«

Wie gellend das Lied
Durch die Nacht hin zieht!
Hell leuchtet des Priesters weit flatternd Gewand,
Es umjauchzet die Rotte ihn Hand in Hand.
Doch gewaltiger braust der Wind und schnaubt
Hoch um des Kirchenturms morsches Haupt,
Und vom Sturm erfaßt,
Wie mit sorgender Hast
Ertönet die Glocke hell und bang,
Ein mahnender, strafender Geistergesang.

            »Wundertätig Saitenklingen,
            Bis zum Himmel soll es dringen,
            Aufruhr keck hinan zu bringen!

            Tuba mirum spargens sonum
            Per sepulcra regionum
            Coget omnes ante thronum.

            Will der Herrgott nieder steigen,
            Gebet Raum im tollen Reigen!
            Satan helfe dann mir geigen!«

Da aus der Wolke Schoß
Ringt es sich wetternd los,
Und wie ein Feuermeer
Stürmt's durch die Äste her.
Durch alle Zweige läuft,
Von allen Blättern träuft
Das wilde Glühen,
Und die Funken sprühen,
Und die Flammen fliegen;
Doch zerschmettert liegen
Unten im lodernd Hellen
Der Priester und seine Gesellen.

*

Die beiden Wanderer

»Gott grüß' dich, Wandrer! Schau, wie gut
            Und wacker kannst du schreiten;
Doch blickst du trüb und sonder Mut,
            Wohl magst du Kummer leiden.«

»Viel Dank dem Gruß! Und auf mein Wort,
            Auch du eilst rüstig weiter,
Und schaust dabei auf's Städtchen dort
            So wohlgemut und heiter.«

»Jawohl, so ist's! Wie schmuck gebaut
            Das Häuschen in der Mitte!
Und drinnen, Freund, wohnt meine Braut.
            Komm', spute deine Schritte!«

»Ein Städtlein sieh' am Bergeshang
            Dort hinter unser'n Pfaden!
Dort hat mich, die ich liebte lang,
            Verlassen und verraten.

Ich kann darum wohl eilig sein,
            Und finster fürbaß wandern.
Laß' mich allein! Zieh' du allein!
            Nicht einer mit dem andern!«

*

Die drei Liebchen

Drei munt're Burschen saßen
            Gemütlich bei dem Wein,
Und schenkten ihn gar wacker
            In ihre Gläser ein.

Da sprach der eine: »Füllet
            Die Becher bis zum Rand!
Ich hab' zu Haus ein Liebchen,
            Dem sei ein Gruß gesandt!

Schwarzaugig und schwarzlockig,
            Wie eine Tanne schlank,
Und Lippen, glühend frische,
            Wo manchen Rausch ich trank.«

Da trafen sich die Gläser,
            Und gaben guten Klang;
Es mochte fernhin tönen
            Wie grüßender Gesang.

»Ei«, sprach der erste wieder,
            »Das deut' ich mir schon gut:
Mein Liebchen denkt jetzt meiner
            Und unsrer Küsse Glut.«

»Nun denn«, so rief der zweite,
            »Auch ich besitz' ein Lieb,
Mit dem ich schäkernd manchmal
            Mir schon die Zeit vertrieb.

Braunaugig und braunlockig,
            Leicht schreitend wie ein Reh,
Und ihre Stimme reiner
            Als Glocken auf Berges Höh'.«

Da trafen sich die Gläser,
            Und gaben guten Klang;
Es mochte fernhin tönen,
            Wie grüßender Gesang.

Da rief der zweit' in Freuden:
            »Dies Klingen ist mir wert.
Sie singt jetzt wohl das Liedlein,
            Das scheidend ich sie gelehrt.«

»Auch ich«, sprach leis der dritte,
            »Ich weiß wohl eine Maid.
Wir lieben uns so treulich
            In alle Ewigkeit.

Blauaugig und blondlockig,
            Mild wie der Sonnen Licht;
Ich kann es nicht beschreiben,
            Dies Engelsangesicht!«

Es trafen sich die Gläser;
            Des dritten Glas zersprang.
Ein Schmerzensruf, lang zitternd
            Und gellend war der Klang.

Die beiden ersten schauten
            Ernst schweigend hin vor sich;
Der dritte aber weinte
            Viel Tränen, bitterlich. –

Und zu derselben Stunde
            In fernem Heimatstal,
Da tönten wie Himmelsgrüße
            Die Glocken im Choral.

Nur eine einz'ge hörte
            Die frommen Klänge nicht;
Die schlummerte still und friedlich,
            Ein Engelsangesicht.

Die milden, blauen Augen,
            Die waren ohne Glanz,
Und in den blonden Locken
            Da lag ein Totenkranz.

*

Stamm und Blüte

Wer in Totenkränze
Blühende Rosen flicht,
Sieht die frischen Zweige
Welken im Sonnenlicht.

Von bleicher Lippe zuckt ein leis Gebet;
Die Mutter ist es, die zum Himmel fleht.

Aus ihrem Auge Trän' um Träne rinnt;
Sie kniet ja auch bei ihrem toten Kind.

Zu Häupten rankt sich ihm ein Rosenstrauch,
Und spendet, wie zum Abschied, süßen Hauch.

Die einz'ge Rose, die sie blühend fand,
Die legte sie in des Knaben kalte Hand.

»Da nimm! Du hast sie einst so gern gepflegt,
Die Rose, die der Tränen Tau jetzt trägt.«

Zum Grabe wankt die Mutter müd' und bleich;
Es trauert blütenlos der Rosenzweig.

Und als der Blätter letztes welk verweht,
Da zuckt auf starrer Lipp' ihr letzt Gebet.

                        Wer in Totenkränze
                        Blühende Rosen flicht,
                        Sieht die frischen Zweige
                        Welken im Sonnenlicht.

*

Der Frühlingskranz

Einsam ragt der Turm und schweigend,
            Hegt wohl finstere Gedanken.
Um ihn schlingt sich keck verzweigend
            Efeu seine frohen Ranken.

Morsch und blattlos trauert neben
            Ihm die tausendjähr'ge Eiche.
Ringsum duftet junges Leben;
            Rosen blühn zum Schmuck der Leiche.

Fast der Jahre Bürd' erliegend
            Sitzt ein Mütterlein im Moose,
Und ein Mädchen sanft sich schmiegend
            Wiegt das Haupt in ihrem Schoße.

Aus den dunklen Efeuzweigen
            Und den Rosenknospen unten
Hat das Kind sich einen reichen
            Duftend frischen Kranz gewunden.

Und es drückt der Frühlingskränze
            Schönsten in die Silberhaare,
Fragend, ob auch wieder glänze
            Frühling in dem künft'gen Jahre.

Schweigend hört's die Alte lallen;
            Eine Träne war im Spielen
Auf des Kindes Haupt gefallen.
            Wohl die letzte war's von vielen!

*

Die Fichte

Einst zog der erste Frühlingsmorgen mild',
            Gleich wie ein Gruß der Liebe, um die Erde.
Des Lichtes Strahlen wallten zum Gefild',
            Verkündend Gottes Schöpferwort: Es werde!

Da zuckt' es durch die jugendliche Brust
            Des Erdenballs; es ging durch alle Auen
Ein Klang der Liebe und ein Ruf der Lust,
            Nach jenem strahlenreichen Quell zu schauen.

Das war ein Glänzen, reg und wunderbar!
            Die Bäume schmückten sich mit grünem Kleide,
Und flochten sich als Perlen in das Haar
            Der Blüten farbig blendendes Geschmeide.

So auch die Fichte; wie den Tag sie schaut,
            Wählt dunkles Grün und Blumen, glühend rote;
So schmückt sich für den Bräutigam die Braut,
            So für die Heimat sich der Siegesbote.

Der Traum war schön. Doch ach! das finstre Reich
            Des Winters naht, und eis'ge Stürme wüten.
Durch graue Nebel blickt die Sonne bleich;
            Verlassen steht die Flur mit ihren Blüten.

Sie hüllt sich in ein trauerndes Gewand,
            Und Blatt und Blume welken an den Zweigen,
Bis daß des nächsten Frühlings milde Hand
            Auf's neu' sie schmückt mit bunten Liebeszeichen.

Die Fichte nur vergißt in ihrem Gram
            Sich ihres grünen Schmuckes zu entkleiden;
Doch hat, als wiederum der Frühling kam,
            Sie auch zu blüh'n verlernt für alle Zeiten.

*

Die Elfenhochzeit

1

Beim Lampenscheine saßen
            Mit kargem Abendbrot
Zwei Spielleut', und veraßen
            Des Tages herbe Not.

Da pocht es leis' am Laden,
            Und wispert durch den Spalt:
»Holla! Ihr Kameraden!
            Hat Gold auf euch Gewalt?

Kommt mit, und spielt zum Tanze
            Der allerschönsten Braut!
Der Mond strahlt hell im Glanze,
            Die Wiesen sind betaut.

Kommt mit, und spielt zum Reigen
            Der allerschönsten Braut,
Nur bis die Sterne bleichen,
            Nur bis der Morgen graut!«

Die griffen zu den Geigen;
            Sie sackten die Pfeifen ein,
Und traten in den bleichen
            Mildhellen Mondesschein.

Ein Männlein, dort sie fanden,
            Das trug ein grünes Kleid;
Dem sagten die Musikanten:
            »Mein Herr, wir sind bereit.«

Nun ging es an ein Wandern,
            Durch Wald und Wiesen fort,
Und keiner sprach zum andern
            Auch nur ein Sterbens-Wort.

Im dunkeln Forste leuchten
            Glühwürmer sonder Zahl,
Es grüßen nickend die feuchten
            Waldblumen im Mondesstrahl.

Gar seltsame Gestalten,
            Ziehn dort die Nebel dicht,
Und aus den Felsenspalten
            Dringt es wie Kerzenlicht.

Tief aus dem Berge schallt es
            Wie Lachen und Becherklang,
Und aus der Tiefe hallt es,
            Ein wunderbarer Sang.

Es überrieselt beide,
            Es dringt die Angst zur Brust,
Und daß er weiter schreite
            Fühlt keiner arge Lust.

Da klinget mit hellem Golde
            Verlockend der Elfenzwerg.
Es folgen dem schnöden Solde
            Die Spielleut' in den Berg.

2

Das war ein Geflimmer
Durch Säle und Zimmer
            Von Gold und Gestein!
Die wölbenden Bogen,
Sie waren umzogen
            Von rosigem Schein'.

Beim glänzenden Feste,
Da saßen viel Gäste,
            Kaum hoch wie die Hand.
Die taten so zierlich,
Und sprachen manierlich
            Und fein und galant.

Viel Hunderte saßen
An Tafeln, und aßen
            Vom köstlichen Mahl.
Es gingen und kamen,
Es brachten und nahmen
            Die Diener im Saal.

Es rannten behende
Mit würziger Spende
            Die Schenken umher,
Und füllten Pokale,
Die fast wie die Schale
            Der Eichel so schwer.

Gar huldvoll mit leichten
Verbeugungen neigten
            Sich Bräut'gam und Braut.
Er zechet schon tüchtig,
Indes sie nur flüchtig
            Die Lippen betaut.

Er klatscht in die Hände:
»So macht nun ein Ende
            Dem Schmaus, dem Gelag'!
Vergeßt nicht das Beste,
Den Tanz bei dem Feste!
            Bald glimmet der Tag.«

O Lust! O Gedränge!
Wie jubelt die Menge
            Dem Saale entlang!
Die Tafeln verschwanden.
Ihr Herrn Musikanten,
            Euch ist doch nicht bang?

Die streichen die Geigen
Zum schwebenden Reigen
            Gar zierlich und leicht,
Bald jubelnd und schnelle,
Bald daß es der Quelle,
            Der rieselnden, gleicht.

Das Völklein erhebt sich;
Ein jeder bestrebt sich
            Das Beste zu tun.
Das trennt sich und schlingt sich;
Der Schwächste bezwingt sich,
            Nicht träge zu ruh'n.

Das tut sich so gütlich,
Und schwebt unermüdlich,
            Und tanzt ohne Rast.
Die beiden, sie geigen;
Es treibt sie der Reigen
            Zu wirbelnder Hast.

Doch bald ist's zu Ende;
Es sinken die Hände
            Der Geiger so müd'.
Es weht durch die Schwüle
Erquickliche Kühle;
            Der Morgen erglüht.

Es drehn sich im Kreise
Die Elfen, und leise
            Erklinget ihr Sang.
Schon bleichen die Sterne;
Es tönt wie von ferne
            Der liebliche Klang.

3

Hoch um der Berge Gipfel
            Glüht lust'ger Morgenschein,
Und durch der Bäume Wipfel
            Hell jauchzen die Vögelein.

Am Rand' des Berges standen
            Die Spielleut' wieder beid';
Zu ihren Füßen fanden
            Sie köstliches Geschmeid'.

Sie blickten hin verwundert;
            Ein Blumenstrauß von Gold,
Maiblumen, jedem hundert,
            Das war der Elfen Sold.

Sie gingen still vom Orte,
            Und zählten die Blüten all.
Es rauschte wie Abschiedsworte
            Tief unten der Wasserfall.

Der eine bricht das Schweigen:
            »Es hat wie diese Nacht
Doch nimmer mich das Geigen
            So todesmüd' gemacht.«

»Dein Schritt ist auch so wankend«,
            Zu ihm der zweite spricht;
»Du gehst gebückt und schwankend,
            So bleich ist dein Gesicht.«

Der erste sagt: »Kaum trau' ich
            Den Augen, wenn ich seh';
Denn deine Locken schau' ich
            Weiß, wie der frische Schnee.«

Sie zogen stille weiter,
            Und zählten den Blütenstrauß.
Es sah der Himmel heiter,
            Der Wald, wie gestern, aus.

Auch Menschen wohl sie fanden,
            Die gingen so fremd vorbei;
Von Freunden und Bekannten
            War keine Seele dabei.

Im Dorf', in den Straßen allen
            War neue fremde Pracht;
In Trümmer war zerfallen
            Ihr Hüttchen diese Nacht.

Die Kirche mit leichten Bogen,
            Die stand noch fest gebaut;
D'raus strömt in mächt'gen Wogen
            Gesang und Orgellaut.

Wie liegen friedlich schweigend
            Die Gräber im Morgenglanz!
Es blicken müd' sich neigend
            Die beiden nach manchem Kranz.

»So möge Gott uns helfen!«
            Spricht einer: »So ist's wahr!
Wir blieben bei den Elfen
            Wohl an die hundert Jahr!«

Mit müden wankenden Schritten
            Gehn beide in's Gotteshaus.
Dort setzen sie sich mitten,
            Und ruhen betend aus.

Der Priester spricht zu allen,
            Es grüßt mit frommem Wort; –
Da sind in Staub zerfallen
            Die beiden Alten dort.

*

Das Elfenlied

Durch's Wiesental in heller Nacht
Geht trauernd hin die Maid, so sacht';
            Sie trägt an dem Herzen
            Den duftigsten Strauß,
            Sie trägt ihn mit Schmerzen,
            In Tränen nach Haus.

Wohl hat sie munter einst gelacht;
Jetzt aber weint sie Tag und Nacht.
            Sie liebte nur einen,
            Der brach ihr die Treu';
            Da darf sie wohl weinen
            So oft und auf's neu'.

Auf schwankem Zweig' der Elf, so klein,
Er wiegt sich und schwelgt im Mondenschein'.
            Er schlürft aus der Rose
            Den würzigen Tau;
            Es kommt mit Gekose
            Der Abendwind lau.

Es singt der Elf: »Du schöne Maid
In Blütenschmuck und Traurigkeit,
            Du solltest mir schenken
            Die Blumen. Ich biet'
            Zum Tausch', zum Gedenken
            Ein duftiges Lied.«

Es spricht die Maid: »Da nimm sie all'!
Was soll mir Strauß und Liederschall?
            Was soll mir am Mieder
            Das bunte Gepräng'?
            Wer lauschte der Lieder,
            Die trauernd ich säng'?«

Es singt der Elf: »So hör' mich an!
Hat dir die Liebe Leids getan,
            So merke die Weise
            Des Elfengesangs;
            Sie tönet wohl leise,
            Doch mächtigen Klangs.

            Am Himmel da stehn
            Zwei Sterne, und sehn,
Der eine nach dem andern.
            Sie leuchten so fern;
            Es möchten so gern
Die zwei zusammen wandern.

            Es blühen zumal
            Zwei Blumen im Tal;
Die schau'n sich an so lüstern.
            Sie stehen sich fern,
            Und möchten so gern
Vertraulich stille flüstern.

            Vom Berge der Quell,
            So lustig und schnell,
Es geht zum Bächlein unten.
            Das wirbelt und tost,
            Das murmelt und kost,
Sobald sie sich gefunden.«

Es zieht die Maid des Weges fort,
Und singt das Liedlein Wort für Wort.
            Da weht's in den Zweigen,
            Da rauscht es im Bach;
            Wohl möchten sie schleichen
            Der Sängerin nach.

Wohl hat ein Knab' ihr Herz verschmäht;
Doch als sie dort vorübergeht,
            Da faßt ihn der bange
            Liebselige Wahn.
            Das haben im Sange
            Die Elfen getan.

*

Die trauernde Nixe

Rauschend in dem Felsental
            Kommt der dunkle Strom gezogen,
Durch das Laubwerk spielt der Strahl
            Heit'rer Sonne nach den Wogen.

Auf der lichten Welle wiegt
            Sich die Nix' im Silberkleide,
Und die goldne Harfe liegt
            Kaum berührt zu ihrer Seite.

Heiße Sehnsucht haucht ihr Lied,
            Singt von schönen heil'gen Sternen,
Und ihr blaues Auge sieht
            Nach des Himmels tiefen Fernen.

Staunend geht ein Kinderpaar
            Durch des Ufers Blumen, lauschend,
Wie das Lied so schmerzlich klar,
            Und der Flutendrang so rauschend.

»Dein Gesang«, der Knabe spricht,
            »Nixe! wird dir wenig frommen.
Vater sagt, du würdest nicht
            In das Land der Engel kommen.«

Da verstummt ihr Lied; es neigt
            Mutlos sich das Haupt; das helle
Auge trübt sich, und es schleicht
            Still die Träne hin zur Welle.

»Schöne Frau, sei unverzagt!«
            Ruft das Mädchen ihr entgegen.
»Meine Mutter hat gesagt,
            Auch für dich sei Gottes Segen.«

Jetzt ist aller Schmerz versöhnt,
            Froh der Blick emporgehoben.
Aus den goldenen Saiten tönt
            Es wie Jubelgruß nach oben.

Eilig geht der Wellendrang
            Nach dem fernen Meere rauschend;
Leis verklingt der Elfe Sang,
            Und die Kinder stehen lauschend.

*

Sappho

Es wühlt der Sturm im dunkeln Meer
Bis auf den Grund, den ewigen alten;
Die Wolken gehn so tief, so schwer;
Die Woge stürzt vom Blitz zerspalten.

Der Donner rollt, die Klippe bebt
Vom Arm der Brandung wild umfangen.
Dort wo sich steil der Fels erhebt,
Da steht ein Weib mit blassen Wangen.

»Betrognes Herz, wann wirst du müd'?
Wann hörst du auf so heiß zu schlagen?
Die Flamme stirbt doch und verglüht;
Soll ich den Schmerz denn ewig tragen?«

»Wenn rings um mich der Frühling blüht,
Fühl' ich den Gram am Herzen nagen;
Und wenn der Himmel Flammen sprüht,
So hab' ich nur die alten Klagen.«

Im Sturmgebraus verhallt das Wort,
Die Brandung schwillt, die Blitze leuchten.
Die Wolken ziehen weiter fort;
Still auf der Fläche wird's, der feuchten.

Der Mond glänzt über Meer und Land,
Leis kommt die Flut daher gezogen;
Des Mädchens Leiche ruht am Strand
Umspielt, umflüstert von den Wogen.

*

Ein Lied von der Glaserfindung

Es lehnte das Schiff an den sandigen Strand,
Die Schiffer von Tyrus betraten das Land.
            Sie waren gezogen
            Durch's dunkele Meer,
            Sie waren geflogen
            Im Sturme daher
Jetzt wollten gemächlich und sicher sie ruh'n,
            Und gütlich sich tun.

Bald flackerten lustig die Scheiter im Brand',
Es glühte der trockene, körnige Sand.
            Die Kessel voll Braten,
            Die Schläuche voll Wein;
            Zu Gaste geladen
            Möcht' mancher wohl sein.
Doch, Jammer! sie haben umsonst sich gequält;
            Der Dreifuß, der fehlt.

Mit List und mit Schlauheit geht viel in der Welt.
Es wurden drei Blöcke an's Feuer gestellt,
            Drei mächtige Stücke
            Von salzigem Stein
            Und dann mit Geschicke
            Die Kessel hinein.
Jetzt brodelt und knistert's; es wallt durch die Luft
            Ein köstlicher Duft.

Die Tyrier schmausten aus Schüssel und Krug,
Erzählten Geschichten sich viel und genug,
            Bald ernst, bald zum Lachen,
            Bis tief in die Nacht.
            Dann wurden die Sachen
            Zu Schiffe gebracht;
Doch statt der drei Steine, da schimmert es gar
            Hellglänzend und klar.

Die Gläser, die liebt ihr nun alle so sehr,
Der Schiffer von Tyrus gedenkt ihr nicht mehr.
            Doch lacht euch entgegen
            Der Wein im Kristall,
            So dankt ihr den Segen
            Den Tyriern all.
Ich dachte gar oftmals das Glas in der Hand
            Der Schiffer am Strand'.

Und wurde dem Liebchen ein Vivat gebracht,
Und tönt' es recht lustig hinaus in die Nacht,
            Da klang mir zum zweiten
            Das Glas in der Hand;
            Ich dachte mit Freuden
            Der Schiffer am Strand'.
Die sind zwar gestorben nach Menschengebrauch;
            Sie liebten wohl auch.

Dann zieh' ich nach Hause, vergnügt und allein,
Noch leuchtet ihr Fenster in dämmerndem Schein'.
            »Schlaf wohl und verbleibe
            Du Engel mir hold!
            Bald blickt durch die Scheibe
            Der Morgen wie Gold.«
Ein Gruß wird dann scheidend den Alten gesandt,
            Den Schiffern am Strand.

Und wär' ich ein König und mächtig und reich,
Ich ließ euch errichten ein Denkmal sogleich.
            Ihr solltet mir ragen
            Helleuchtend von Glas,
            Von Bergen getragen,
            In riesigem Maß.
Wie solltet ihr blicken so hell durch das Land,
            Ihr Schiffer vom Strand!

*

Aus dem Lalenbuche

1 Das Herz auf dem rechten Fleck

Einst war der Feind gefallen in's Land,
Und hauste wild mit Mord und Brand;
Da war nun allwärts große Not.
An Lalenburg erging das Gebot,
Sie sollten dem Kaiser ohn' Verweilen
Mit tapferen Mannen zu Hilfe eilen,
Zwölf Leute sollten sie rüsten aus,
Zu jagen den argen Feind nach Haus.
Die wurden auch durch das Los erwählt,
Und waren von Kampfeslust beseelt,
Die braven Vaterlands-Erretter,
Und warteten nur auf besseres Wetter.

Die Todesverachtung und kecker Mut
Sind allerdings im Gefechte gut;
Doch wer zugleich auch schlau und fein,
Der möchte noch besser beraten sein.
Was Goliath hätte vergebens versucht
Mit seiner Knochen derber Wucht,
Hat Däumling in seiner Pfiffigkeit
Zuwege gebracht in kurzer Zeit.

So mochte auch Meister Hänferich meinen,
Ein wackerer Mann, auf festen Beinen,
Gedrungenen Wuchses, mit nerviger Hand,
Ein Seilermeister nach seinem Stand.
Geräuschlos Geschäfte macht sinnige Leute;
D'rum urteilen am feinsten heute
Auch solche, die eben gar nichts treiben,
Die nichts gelernt, und höchstens schreiben.

Mit deren Verstande geht es zu
Wie mit dem Wein', je mehr in Ruh'
Im Fass' er liegt und lautlos gärt,
So feiner wird er, so viel mehr wert. –
Der Meister nun, der dreht seine Seile,
Überlegt sich's hin und her eine Weile,
Und endlich zu sich selbst er spricht:
»Du mußt hinaus; drum sperr' dich nicht!
Zwar wird gestochen und gehauen
Im Krieg, und bös sind zu verdauen
Die Kugeln, Bomben und Haubitzen,
Die Keulenschläge und Lanzenspitzen;
Absonderlich, wie ich gehört und gelesen,
Sind Stiche in's Herz stets schlimm gewesen.
Sei klug! Bedenk', in deinen Jahren
Kann Vorsicht dich vor vielem wahren.
Du brauchst nur für das Herz zu sorgen,
Und, Hänferich, du bist geborgen!«

Gesagt, getan. Er ist bereit,
Kauft sich ein schmuckes Waffenkleid,
Nimmt dann ein Tellerlein von Zinn,
Und geht zu Flick, dem Schneider, hin.
»Gott grüß' Euch, Meister von der Schere!
Ich zieh' in den Krieg; hier ist die Wehre,
Hier ist auch von Zinn ein Tellerlein,
Das näht mir recht behutsam ein,
So daß ich g'rade es kann tragen,
Wo unsereinem das Herz mag schlagen.
Zu Mittag komm' ich's abzuholen.
Lebt wohl, und damit Gott befohlen!«

Herr Flick war in Verlegenheit,
Bedachte sich's geraume Zeit,
Er schüttelt den Kopf, kratzt sich die Ohren,
Sieht aus, als hätt' er was verloren.
An Schneidern konnt er ohne Müh'
Herdemonstrieren die Anatomie;
Doch Seiler – ja, das war die Frage –
Sind Leute von ganz anderm Schlage.
Zuletzt bedenkt er, daß Seiler eben
Verkehrt just wie andere Menschen leben,
Dieweil bei der Arbeit sie rückwärts gehn,
Und genau genommen nach hinten sehn.
Was kann ein Schlaukopf nicht alles finden?
»Ein Seiler, der trägt das Herz wohl hinten!«
Wer war vergnügter als Meister Flick?
Er heftet das Tellerlein mit Geschick
An einen Ort nun in das Kleid,
Der von dem Herz war ziemlich weit,
Wo auch das Herz nicht sitzt und schlägt,
Wo der Mensch vielmehr selber zu sitzen pflegt.
Der Kriegsheld kommt, es scheint ihm zwar
Die Sache etwas sonderbar;
Doch denkt er zuletzt bescheiden bei sich:
»Der Schneider versteht es besser als ich.«

Sie zogen nun mit des Kaisers Heer
Im Feld herum, die Kreuz und Quer,
Aus Vorsicht immer hinterher;
Erfuhren des Fährlichen allerhand,
Und kamen zuletzt in Feindes Land.
Wie tapfer sie waren, und wie sie hausten,
Gebackenes und Gebratenes schmausten,
Wie nicht nur auf dem fremden Boden
Dem Feind' sie mit Vernichtung drohten,
Wie sich sogar noch unter der Erde
Ihr rachedurst'ger Sinn bewährte,
Und wie in den Kellern mit den Tonnen
Manch heißer Kampf sich hat entsponnen,
Wie aus sie stachen den ganzen Troß,
Daß des Feindes Blut auf dem Boden floß,
Dies braucht man alles nicht zu melden
Von solchen kriegsgewohnten Helden.

Ringsstöbernd zog nun unser Held
Einst eines Morgens durch das Feld,
Um sich und seinen Kameraden
Zu sorgen für einen Sonntagsbraten.
Da gewahrt er im schönen Sonnenschein'
Eine Herde Gänse, groß und klein,
Mit so recht herzinnigem Behagen,
Mit Wackeln, Schnattern und Flügelschlagen
Lustwandeln auf dem Rasenplan.
Er fängt mit der Zunge zu schnalzen an,
Mit männlichem Mute rasch zieht er den Degen.
Wie glüht ihm das Auge zu verwegen!
Flieht, Gänse! Sein Magen wird euer Grab;
Er schneidet euch Rückzug und Gurgel ab!
Schon blitzt die Klinge, er führt den Streich; –
Da plötzlich wird er wie Kreide bleich,
Denn hinter ihm schreit es: Ho! Gänsedieb, warte!
Und ein Bauer mit einer Hellebarde,
So lang wie eines Schiffes Mast
Und wie ein Messer schneidend fast,
Stürmt durch das Feld in wilder Hast.
Der Stahl entsinkt gelähmt der Rechten.
Hier gilt's zu laufen oder zu fechten;
Das Laufen ist sich'rer. D'rum spute dich,
Mein lieber Meister Hänferich!
Die Gänse voran mit kläglichem Schrei'n,
Der Bauer wie wütend hinterdrein,
So geht es eine kleine Strecke
Bis an eine hohe Dornenhecke.
Wer jetzt eine Gans und kein Seiler wär'!
Dort schnaubt schon der Bauer mit seinem Speer.
Nun! pfeifen mag, wer nicht kann singen,
Und wer nicht fliegen kann, muß springen.
O Jammer, Jammer! Wie sprang er so schlecht,
So mitten in die Dornen recht;
Nicht vorwärts kann er und nicht zur Seit',
Und wie er auch wimmert und zappelt und schreit,
Lebt wohl, ihr Gänsebraten, süß!
Jetzt kommt er selber an den Spieß.
Der Bauer aber führt sogleich
Auf Hänferichen einen Streich
Mit also ungeschlachten Kräften,
Als wollt' er den Mond an die Erde heften.
Und so gewaltig war der Prall,
Daß Hänferich durch den Dornenwall
Hinflog so leicht wie ein Federball.
Da hat er denn wohl zerfetzt und zerrissen
Den Geist verhaucht, und in's Gras gebissen?
Mitnichten! Das hat er nicht getan;
Von frischem fing er zu laufen an.
Er sah nicht um, lief unverdrossen
Bis hin zu seinen elf Genossen. –
Da nahm er nun mit Freuden wahr,
Daß von den Zehen bis zum Haar
Sein Leib noch so ziemlich in Ordnung war.
Die Hellebarde hatte allein
Getroffen das zinnerne Tellerlein.
»Ei, schau!« so brummt er in den Bart,
»Was, Meister Flick, ihr so pfiffig wart,
Daß besser ihr wußtet selbst als ich,
Wo das Herz trägt der Seiler Hänferich!«

Daher nun kommt es auch, daß man spricht,
Wenn's einem Manne an Mut gebricht,
Ein Sprichwort, wohlbekannt bei allen:
Es ist ihm das Herz in die Hosen gefallen.
Doch trügen sie Teller d'rob aller Orten,
Da wäre das Zinn längst all' geworden.

2 Die Spekulanten

Es saßen ihrer zwei
            Vergnügt beim Wein,
Und schwatzten allerlei
            In's Blau' hinein.

Sie sprachen auch vom Geld,
            Von reich und arm;
Es ging jetzt in der Welt,
            Daß Gott erbarm'!

»Es hat«, fing einer an,
            »Schon über Nacht,
Wer spekulieren kann,
            Sich reich gemacht.

Wir aber, wenn wir kau'n
            Ein Stücklein Brot,
Sind für das Nächste traun
            In Angst und Not.

Und eins besonders taugt
            Nichts in der Welt:
Zum Geldverdienen braucht
            Man wieder Geld.

Wohl an die Angel hängt
            Man Fischlein an;
Doch auch Dukaten fängt
            Mit Talern man.

Ich aber habe nichts,
            Als dort mein Haus.
Da lag es und da liegt's,
            Und damit aus!«

»Auch ich«, der and're spricht,
            »Möcht' spekulier'n;
Man würd' mich armen Wicht
            Baronisier'n.

Doch gute Nacht Baron
            Und Chaise und Pferd!
Das Haus, worin ich wohn',
            Ist auch nichts wert.«

»Ei!« rief der erste, »Halt!
            Mir fällt es ein!
Es soll uns beiden bald
            Geholfen sein.

Wir wollen tauschen beid'
            Mit Haus und Gut.
Es macht sich mit der Zeit!
            Nur frischen Mut!«

»Topp!« schrien beid', »es sei!
            Wir werden reich!
Herr Wirt, noch Wein herbei,
            Und das sogleich!«

Kaum daß am Morgen früh
            Sie waren wach,
So deckten ab mit Müh'
            Sie's Ziegeldach.

Die Sparren, Balken, Stein'
            In kurzer Zeit,
Sie rissen alles ein
            Mit Sorgsamkeit.

Auf Karren jeder lud
            Sodann sein Haus,
Daß also Hab' und Gut
            Sie tauschten aus.

»Ein albern Märchen, das!«
            Fällt mancher ein. –
Beim Lalenburger Spaß
            Blieb Holz und Stein.

Wie mancher heute treibt
            Es ärger schier,
Und was ihm übrig bleibt,
            Ist – schlecht Papier.

3 Zivil-Verdienst

Es war ein warmer Sommertag,
Die Käfer summten um den Bach,
Die Blumen nickten stumm dazu,
Rings war im Wald die tiefste Ruh.
            Da kam zu Pferde
Ganz ohn' Beschwerde
            Ein Lalenburger Müller.

G'rad' auf der Markung Grenze ritt
Der fromme Müller Schritt vor Schritt;
Da hört' er plötzlich hier und dort
Zwei Kuckuck' rufen fort und fort.
            Es schienen beide
In argem Streite;
            Doch schrie der fremde besser.

»Ei«, sprach der Müller, »Sapperment!
Der fremde Kuckuck siegt am End'
Das wär' ja heillos schwere Schand'
Fürs ganze Lalenburger Land.«
            Er springt zur Erde
Von seinem Pferde,
            Und klimmt auf eine Eiche.

Jetzt gab's nun erst ein recht Geschrei;
Sie riefen Kuckuck gar zu drei,
Und Kuckuck hier und Kuckuck dort,
So ging es bis zum Abend fort.
            Der fremde Schreier
Wurd' solch Geleier
            Am ersten müd'. Fort flog er.

Der Müller ruft voll Siegeslust
Ihm: »Kuckuck!« nach aus heis'rer Brust.
Doch wie er schaut nach seinem Pferd,
So hat's ein Wolf ihm aufgezehrt.
            Den Zaum hat unten
Er noch gefunden;
            Der Sattel auch war übrig.

Als solches hört ein weiser Rat,
Beschloß er, solche Bürgertat
Sei aller Anerkennung wert,
Und kaufte ihm ein neues Pferd. –
            In heut'gen Tagen
Viel Müller tragen
            Zivil-Verdienstes-Orden.

4 Ein Erzdieb

In Lalenburg gab's Reiche; auch gab es dort genug,
Die ihren Tisch zwar deckten, doch mit dem Hungertuch.
Ein weiser Rat bedachte dies wohl in seiner Seel',
Und sprach: »Der einz'ge Grund ist: Man hat zu wenig Mehl.

Dem wollen wir schon steuern. Herbei, was Hände hat,
Um eine neue Mühle zu bauen vor der Stadt!«
Der alte Müller schrie zwar: »Haltet ein, und habt Vernunft!
Ihr greift in meine Rechte; ich bin ja eine Zunft!«

Doch gruben sie und bauten und zimmerten Tag und Nacht,
Bis daß die neue Mühle zustande war gebracht.
Sie stand nun fix und fertig bis auf den Mühlenstein,
Und glich wohl einem Munde, wo keine Zähne d'rein.

Der Mühlstein lag behauen hoch auf dem Berge fest.
Wie nun herab ihn bringen? – Ein jeder wußt das Best',
Von Stricken, Hebeln, Walzen dozierten Jung' und Alt';
Da rief der Bürgermeister, Herr Seufried, plötzlich: »Halt!

Ihr edlen Lalenburger, ihr bleibt doch was ihr seid,
Ein albern Volk von Narren in alle Ewigkeit!
Ein kluger Mann, der schreibt sich gar manches hinter's Ohr,
Und holt dann, falls es nötig, es wieder dort hervor.

Habt ihr denn ganz vergessen, wie bei dem Rathausbau
Wir uns zu helfen wußten so über die Maßen schlau?
Und konnten dort die Balken bergabwärts laufen allein,
So kann's wohl auch, so denk' ich, ein runder Mühlenstein.«

Das war ein kluges Wort, traun, gesagt zur rechten Zeit;
So aus dem Grund' verständig ist nur die Obrigkeit. –
»Der Stein läuft wohl bergunter, das liegt am hellen Tag;
Doch wie den Ort erfahren, wo er dann liegen mag?«

»Wahrhaftig«, sprach Herr Seufried, »ein Einwurf von Gewicht!
Denn rufen: He, hier bin ich! das kann ein Mühlstein nicht.
Mit-laufen, -reiten, -fahren ist auch ein böses Ding,
Wenn's nur nicht so bergabwärts und so geschwinde ging.

Doch still! ich hab's gefunden. Seht dieses Loch im Stein!
Es stecke nur ein Bürger da seinen Kopf hinein,
Und da wir für die Armen die Mühle doch gebaut,
So sei auch einem Armen dies Ehrenamt vertraut.«

Bald war zum Steuermanne erwählt ein guter Tropf;
Wie angegossen fügte der Stein sich um den Kopf.
Viel besser als ein Festkleid paßt ja das Unglück stets;
Da ist der Teufel Schneider, und wahrlich der versteht's.

Nun ließen sie den Mühlstein; der polterte dahin,
Als säh' man einen Bären vor seinen Jägern fliehn.
»Halt fest, und tu' behutsam, du flüchtiger Gesell!
Vergiß auch nicht zu schreien, wenn du an Ort und Stell'.«

Sie hatten gut ihn mahnen. Da half nicht Zaum, nicht Wort.
Als sei er auf der Fuchsjagd, so stürmt der Reiter fort,
Jetzt sausend durch Zweig' und Dornen, jetzt pfeilschnell über's Moos,
Und jetzt in graus'gen Sprüngen vom Fels in des Tales Schoß;

Die Beine jetzt oben, jetzt unten, im Kreise stets gedreht,
Den Flügeln gleich der Windmühl', wenn scharfer Ostwind weht.
Es schien dem Kavaliere der Weg nicht eben weit;
Doch hatt' er viel zu denken wahrscheinlich keine Zeit.

Nicht eher hielt er inne, bis daß am Ziel er war;
Das Ziel, das war im Tale, ein Fischteich tief und klar.
Dort lagen in der Tiefe der Stein und unser Mann,
So tot und gut ertrunken, daß keiner rufen kann.

Die Lalen harrten oben, ob was sich hören ließ;
Doch mausestille blieb es, der Kuhhirt nur der blies.
Sie spürten auf dem Berge, im Tale weit umher,
Ob irgendwo der Mühlstein und sein Gefährte wär'.

Und als nun alles Suchen vergeblich Mühen blieb,
Da rief voll Wut Herr Seufried: »Es ist der Kerl ein Dieb!
Doch wenn wir ihn erwischen, dann wird der Kerl ersäuft.
Gleich schreibt mir einen Steckbrief, bevor er weiter läuft.«

Nun las man in der Zeitung, so einer allenfalls
Mit einem Mühlensteine herkäme um den Hals,
Den sollt' man hurtig fahnden, er trüge schwere Schuld;
Zu ähnlichem erbötig sei man für solche Huld.

Man ließ es hiermit gut sein; die Mühl' kam in Verfall.
Die Armen hungerten weiter just so, wie überall,
Und als man auf die Leiche beim Fischen später traf,
Da sprach man: »Seht, das tat er aus Furcht vor Todesstraf'!«

*

Rheinisches Leben

Durch des Tores dunkeln Bogen,
            Über Markt und Straßen fort
Kam ein Knabe hergezogen,
            Grüßte freundlich hier und dort,
Wo er frohe Menschen schaute,
Und im Arm erklang die Laute.

Nach dem Erker sang er blickend
            Stiller Minne Lust und Leid;
Eine Rose warf ihm nickend
            Dort herab die schöne Maid.
Um die Ecke klang der Holden
Noch sein Dank so rein und golden.

Und ein Blinder saß umfangen
            Dort von langer tiefer Nacht;
Diesem sang er von dem Prangen
            Lichten Tags, von Sternenpracht;
Als des Armen Tränen rannen,
Zog der Knabe still von dannen.

Unterm kühlen Dach der Reben
            Saßen zwei beim jungen Wein;
Ihnen sang er von dem Leben
            Und der Lust am schönen Rhein,
Von der Fahrt, der wechselnd schnellen,
Auf des Stromes grünen Wellen.

Und als Spende ihres Dankes
            Reichten sie dem Sänger hin
Einen Becher süßen Trankes;
            Bis zum Grunde leert' er ihn;
Durch der Laute helle Saiten,
Ließ er rasch die Finger gleiten.

»Alle deutschen Mädchen sollen
            Blühn wie Rosen auf dem Feld!
Allen leidend Kummervollen
            Sei ein frommer Trost gesellt!
Und in gut und schlimmen Tagen
Soll der Wein euch baß behagen!

Gerne wollt' ich bei euch weilen
            Hier im Städtlein lange Zeit;
Doch es treibt mich fort zu eilen,
            Selber weiß ich nicht, wie weit;
Euer denk' ich dann noch gerne,
Wandr' ich auch in blauer Ferne.«

Grüßend zog der Knab' geschwinde
            Nach den Bergen durch das Tal,
Mädchen, Zecher und der Blinde
            Lauschten auf sein Lied zumal,
Als er von der Höhe schaute,
Klang von dort herab die Laute.

*

Das Ur-Quartett

Dem Frankfurter Liederkranz, 1844

Da ihr euch sittig hingesetzt
            Recht aufgelegt zum Singen,
Will ich ein uralt Märchen jetzt
            Zu eurer Kunde bringen.

In einer fernen Menschenzeit
            War manches just wie heute;
Man aß, man trank, war dumm, gescheit.
            Und ärgerte die Leute.

Nur in der Kunst des Sanges war
            Die Welt noch sehr zurücke;
Man trällerte zwar manches Jahr
            Recht allerliebste Stücke.

Doch sang ein jeder, wie es kam,
            Nach eigenem Behagen,
Der eine eilig, jener lahm,
            Der freudig, der voll Klagen.

Zwar gab es Bässe brunnentief,
            Und pappelhoch Tenore,
Doch alles durcheinander lief,
            Man wußte nichts vom Chore.

In jenen Tagen trafen nun
            Vier gut gestimmte Kehlen
Im Wirtshaus sich, um auszuruhn,
            Zu singen, zu erzählen.

Der erste war ein junger Fant,
            Der kam von seiner Lieben;
Ihm glühten Lippen noch und Hand,
            Gern wär' er dort geblieben.

In seines Herzens Seligkeit
            Aus innerstem Gemüte
Besang er Liebens Lust und Leid,
            Des Lebens reinste Blüte.

Der zweite blickte auf und schlug
            Die goldbespannte Laute,
Indes er nach der Wolken Zug
            Am blauen Himmel schaute.

Er hatte sich ein Lied erdacht
            Von wunderbaren Dingen,
Von Sternenglanz, von Meerespracht
            Und von der Lust zu singen.

Der dritte trug nach Recken Art
            Sein gutes Schwert zur Seite;
Er war gekehrt von weiter Fahrt,
            Aus narbenreichem Streite.

Er sang von kühner Waffentat,
            Wie sie die Schmach gerochen,
Wie sie sich blut'gen Todespfad
            Zum Feindes Herz gebrochen.

Der vierte saß in aller Ruh,
            Indes die andern sangen;
Er sprach dem lieben Becher zu,
            Ihm glühten Aug' und Wangen.

Jetzt hub er an im tiefsten Baß:
            Das alles schert mich wenig!
Der Wein, der Wein, der Wein im Faß,
            Das ist der Welten König!

So fuhren sie nun alle fort
            Zu singen und zu loben;
Doch keiner hört des andern Wort,
            Es wurd' ein arges Toben.

Und keiner wich 'nen Fingerbreit,
            Und keiner ließ sich bewegen;
Manch spitzig Wörtchen lud zum Streit.
            Gebt acht! Es kommt zu Schlägen!

Da stellte der vierte den Becher hin,
            Und rief: Still, haltet Frieden!
So wird, so wahr ich nüchtern bin,
            Kein solcher Kampf entschieden.

Dein Fechten hab' ich nie versucht;
            Auch weiß ich nichts vom Dichten;
Das Lieben hab' ich bis jetzt verflucht.
            D'rum sollt ihr mich unterrichten.

Es folge jeder meinem Rat,
            Und jeder lehr' den andern;
Und wenn er's recht begriffen hat,
            Dann soll er die Welt durchwandern.

Wir kommen dann nach Jahresfrist
            Hierher zur selben Stelle;
Dann zeige sich's, wer Sieger ist?
            Wer Meister, wer Geselle?

Und so geschah's. Sie zogen fort.
            Und als das Jahr zu Ende,
Da hielten sie getreulich Wort,
            Und reichten sich die Hände.

Da sang der erste alsobald
            Das Lied von seiner Lieben,
Und wie die freundliche Gestalt
Ihm treu im Sinn geblieben.

Da können nun die andern drei
            Nicht fürder widerstehen,
Sie singen mit, daß frisch und frei
            Die Klänge weit verwehen.

Der zweite singt von Dichterlust
            Und wunderbaren Dingen;
Den andern glüht es in der Brust,
            Sie müssen Chorus singen.

Und wie der dritte nun begann
            Sein Lied vom Vaterlande,
Da sangen alle Mann für Mann
            In einigem Verbande.

Der vierte blieb dem Wein getreu,
            Und sang in seligem Schwanken;
Die andern waren gar nicht scheu,
            Und sangen mit und tranken. –

Durch Eifer und durch Wandern auch
            Ward Lehrling so Geselle,
Und Meister dann nach Handwerksbrauch,
            Ein jeder an rechter Stelle.

Und wie vor tausend Jahren dort
            Das Männerlied sie fanden,
So treiben sie es fort und fort
            Noch heut' in deutschen Landen.

Das müßt' ein arger Lumpe sein,
            Der da ein Stummer bliebe,
Wo frisch erklingt das Lied vom Wein,
            Vom Vaterland, von Liebe!

*

Der Esel vom Kloster Allerheiligen

Frau Uta sprach zum Eselein:
»Geh' in's Gebirg zu schauen,
Wo mag die beste Stätte sein,
Ein Kloster aufzubauen.
Das Geld zur Stiftung liegt zurecht,
Denn Schuldenmachen paßt sich schlecht.«

Der Esel denket still bei sich,
Und schüttelt Kopf und Ohren:
»Schickt sich ein solch' Geschäft für mich?
Ward dazu ich geboren?
Ihr meint, daß solcher Eselei
Allein ein Esel fähig sei.«

Mit seinem Geldsack fühlt sich nun
Freund Langohr gar nicht heiter,
Er trottet, ohne auszuruh'n,
Durch Schlucht und Täler weiter;
Durch Nebelwolken hoch hinauf
In's Felsenwirrsal geht der Lauf.

Des Sohlberg's Kuppe raget dort,
Wo jäh die Felsen steigen.
Der Esel denkt: »Das ist der Ort,
Den ich euch wohl soll zeigen!
Dort unten in der Tannennacht
Sei euch ein kaltes Nest gemacht.«

Er schüttelt sich; der Geldsack fliegt
Die Felsenwand hinunter,
Bis daß er tief am Grunde liegt;
Und fertig war das Wunder.
Der Esel schrie, als das geschah,
Die Mönche sangen Gloria.

Der Esel denkt: »Wie mancher Held
Hätt' sich im Sonnenscheine
Den Durst gestillt für dieses Geld
Mit sonnenhellem Weine!
Ihr aber seid nichts Gutes wert;
Was euch gebührt, sei euch beschert!«

Er schlägt mit Ingrimm hinten aus,
Es fliegen Stein' und Funken,
Ein Wasserquell kommt mit Gebraus,
Der macht kein Mönchlein trunken;
So tat der Esel voller Zorn.
Noch heut' zeigt man den Eselsborn.

Doch unten, wo der Gründbach schäumt,
Gilt's Himmels Lohn zu erben;
Das Kloster ragt, von Wald umsäumt,
Und Mönche leben und sterben;
Sechshundert Jahr in Frömmigkeit
Ward dort der irdische Leib kasteit.

Die Heiligen endlich satt einmal
Des Betens und der Lieder,
Sie sandten einen Feuerstrahl,
Und brannten alles nieder;
Zu Trümmern stürzt' die Kirche ein,
Sie dachten wohl an's Eselein. –

Und wieder kam ein frommer Mann
Die Schlucht herab gegangen;
Er schaut die Mauern prüfend an,
Was damit anzufangen.
»Es ist etwas in dem Gestein,
Als wollt' es gern ein Wirtshaus sein.

Viel eingedörrter Durst liegt lang,
Jahrhundert' hier begraben.
Und unterdrückter Liederdrang
Und viele frohe Gaben;
Dies scheint ein benedeiter Platz,
Und heben will ich diesen Schatz.«

So ist's gescheh'n. Ein Häuslein winkt
Aus Trümmern und aus Fichten,
Wo man die hellen Weine trinkt
Mit Singen und mit Dichten,
Und Gläserklang und Lustgeschrei
Schallt durch die Bogen laut und frei.

Sankt Klingelberg führt dort das Wort,
Sankt Zeller wird besungen,
Sankt Kastelberg, dem ist alldort
Manch Gloria gelungen;
Und all' die Heiligen aus dem Land
Umschließt ein fröhlich Bruderband.

Wenn jetzt ein Esel ein dort kehrt,
Denkt er der alten Zeiten:
»Die Menschen wurden aufgeklärt,
Das ist nicht zu bestreiten;
Doch mit uns Eseln, das ist wahr,
Blieb's eben, wie es damals war!«

*

Ein Stücklein Märchen vom geplagten Rhein

1855

Bei Trechtlingshausen, wo der Morgenbach,
Der von Düsseldorfs pinselführenden Söhnen
So viel besuchte, in den Rhein springt,
Dort vor der Tür »des Rößleins« hatt' ich mir
Auf die Straße unter den Schatten des Nußbaums
Das Tischlein bringen lassen samt dem Lehnstuhl,
Und da saß ich, und schlürfte den Aßmannshäuser
Wie ein Domherr behaglich. Heiß war es, um Mittag,
Und homöopathisch glaubt' ich so am sichersten
Dem Sonnenbrand durch Weinesglut zu wehren.
Der Freunde gedacht ich, der in alle Welt
Zerstreuten, und vor allen deiner auch,
Korkziehender Adolf, der du mit Meisterhand
Rheinlandslust und die Gnomenwelt des Kellers
Und des Weines duftiges Feenland darstellst.
So sann ich und schlürfte.

Plötzlich brauste daher
Ein Reisewagen, meergrün außen die Farbe
Und meergrün innen die Polster, sonderbar
Altmodisch der Kasten; schaumbedeckt zogen ihn
Vier Schimmel, und hechtgrau gekleidet saßen oben
Der Kutscher, der Jäger, alte Knasterbärte.
Das Wundersamste aber war, obgleich
Der trock'ne Staub die heiße Straße deckte,
So wirbelte doch kein Wölkchen auf, denn triefend
Von den Rädern rann's herab wie Wasserguß,
Und als das Fuhrwerk angefahren kam,
Da weht' es mich an wie ein kühlender Luftzug.

Aus dem Wagen aber rief ein gurgelnder Baß:
»Halt, Halt! Potz Schilf und Schlamm! Ist kein Doktor da?
Mein Töchterlein fühlt sich über die Maßen erbärmlich.«
Rasch sprang ich hinzu. Es war ein alter Herr,
Von dem der Hilferuf gekommen war;
Er saß in der einen Ecke wohlgenährt,
Schwerfällig, ärgerlich und leberleidend,
Und ihm zur Seit' ein zart blondhaarig Fräulein,
Die Lippen bleich, in Ohnmacht umgesunken.
»Wir wollen helfen!« rief ich. Da schnauzt' er mich an:
»Sie sind auch ein Poet! Drei Schritt' vom Leibe mir!«
Ich aber griff an den Rand des Wegs, und riß
Aus dem Grund einen Baldrianstengel (dorten wächst
Zahlreich die Valeriana officinalis),
Und die Wurzel zerrieb ich, und hielt sie unter die Nas' ihr,
Und einige Tropfen des dunkeln Aßmannshäusers
Flößt' auf die Lippen ich ihr; sie atmete tief,
Und schlägt die Augen auf, und schlürft und lächelt.
Dann sagt' ich zum Alten: »Nun, mein werter Herr,
Sie sehen doch, ich bin noch keiner der Schlimmsten.
Das Fräulein übrigens verträgt nicht das Fahren.«
Er schmunzelte nun, und sprach: »Kein Wunder ist's!
Es ist das erstemal in unserem Leben,
Daß wir in solchem Rumpelkasten sitzen.
Sie seh'n in uns zwei jämmerliche Opfer
Der lyrischen Dichtkunst. Ich bin Vater Rhein,
Und diese meine Tochter Lorelei.
Wie oft hab' ich beschworen nicht das Kind,
Sie möcht' das lästerliche Singen lassen!
Umsonst! Nun hat sich das Geschick erfüllt,
Das Singen hat bestraft sich durch Gesang,
Und furchtbar haben sich gerächt die Menschen.
Seit zwanzig, dreißig Jahren hört man nichts
Als Rhein und Lorelei von unzähligen Dichtern,
Tagtäglich, stündlich, ein gereimt Geplärr'.
'S war schauderhaft! Beim Bingerloch! Mir ist's
Gefahren in die Glieder, und die Leber
Ist mir zu fett geworden; aber sie
Ist ganz nervös, bleichsüchtig und hysterisch.
Es war die höchste Zeit; wir gehen jetzt
Nach Scheveningen, und gebrauchen dort
Seebäder; die sollen helfen, das wolle Gott!
Es sei dort keine Spur von solchem Tun
Und solcher mörderischer Poesie;
Vielmehr sei alles ganz massiv holländisch
Und alles ganz prosaisch nahrhaft dort,
So sagte mir nämlich mein Wasserdoktor in Laubach.«

Und weiter nach Bacharach hin rollte der Wagen.
Mir aber schnitt es tief in die Seele, das Leid
Des liederkranken Paares, und trotzdem
(In der Luft muß es liegen) trieb's mich mit Gewalt,
Noch ein Lied zu singen von dem geplagten Flußgott:
            Rechts und links, auf beiden Seiten,
            Abwärts, aufwärts an dem Rhein
            Sitzen hundert Dutzend Dichter,
            Und sie reimen Rhein auf Wein;
            Klimpern hüben, klimpern drüben.
            Mag der Most auch sauer sein,
            Ei, was schadet's? Denn es reimt sich
            Leider einmal Wein auf Rhein.
            Gut ist's, daß des Stroms Gestade
            Sind von Felsen aufgebaut,
            Sonst war' wohl der gute Alte
            Längst gefahren aus der Haut,
            Wäre Ufer überflutend
            Durchgegangen über Nacht,
            Hätte sich nach Ost und Westen
            Längst schon aus dem Staub gemacht.
            Wasser strebt und strömt zum Wasser,
            Dies Gebot ist ewig alt;
            Darum plätschern auch die Lieder
            Täglich, stündlich sonder Halt,
            Und das lyrische Gewässer
            Wächst und steigt und wühlt und schlingt,
            Bis am Ende gar der müde
            Rhein in solchem Strom ertrinkt.
Auf stand ich, und ging; von den Bergen aber klang
Es hinter mir her wie ein höhnisches Gnomengelächter.

*

Das Ständchen

Nacht, Straße.
Ein Verliebter, die Laute spielend, tritt auf

Die Nacht ist trüb, die Straße leer;
Kein Kätzlein schleicht mehr auf dem Platz.
Kein unberufner Lauscher stört mich mehr;
Jetzt sing' ein Lied ich meinem Schatz.
Doch halt! – Das Lautenspiel muß rein
Zuvor in seiner Stimmung sein,
Daß alles gut vonstatten geh'.
G. H. E! – G. H. E! –
So! Alles schön! Jetzt seufzen wir
Dicht unter ihrem Fenster hier!

            Grünes Laub in frischen Ranken
            Schlingt sich um dein Fensterlein.
            Ach, so müssen die Gedanken
            Immer nahe bei dir sein.

            Und mein Lied soll an die Scheiben
            Pochen wie ein Blütenreis;
            Schlaf und Traum soll es vertreiben,
            Soll dich wecken heimlich leis.

            Ist ihm solches dann gelungen,
            Hör' ich wohl ein dankend Wort,
            Und von Seligkeit durchdrungen
            Wandr' ich singend träumend fort.

Es regt sich nichts! – Nein gar nichts! – Alles still!
Langweilig ist's. Ob sie nicht hören will?
Vielleicht, daß auch mein Lied ihr gar
Zu mager mondscheinschwärmend war!
Schon gut! – Das Lautenspiel muß rein
Jedoch in seiner Stimmung sein,
Daß alles gut vonstatten geh'.
G. H. E! – G. H. E! –
Versuchen wir ein ander Stück!
Ein lustiges! – Vielleicht macht's Glück.

            Du Mägdelein! Du Mägdelein,
            Mit deinen hellen Augen!
            Am Himmel ist kein Mondenschein,
            Weil wir auch keinen brauchen.

            Am Himmel ist kein Sternenlicht.
            Was sollten die auch blinken?
            Dieweil in deinem Angesicht
            Zwei lichte Sternlein winken.

            Du Mägdelein! Du Mägdelein,
            Wach' auf und komm' herunter,
            Sonst steig' ich durch dein Fenster ein,
            Und küß' dich wach und munter!

Zum Verzweifeln! – Umsonst ist alles Locken!
Ich werde heiser; – die Kehle wird trocken;
Die Nacht ist kühl; – ich steh' hier im Frack,
Und die Geliebte, ach! schläft wie ein Sack!
Noch eins! – Doch die Laute muß rein
Dazu in ihrer Stimmung sein,
Daß ihr mein Lied zu Herzen geh'.
G. H. E! – G. H. E!
Ich will ihr noch zu guter Letzt,
Die Wahrheit sagen, in Musik gesetzt.

            Sag heraus es frank und frei,
            Ob ich dir behage,
            Daß ich mit der Singerei
            Mich nicht ewig plage!

            Glaube nicht, es sei mein Tod,
            Soll ich dich verlassen!
            Sieh', es hat noch keine Not,
            Weiß mich schon zu fassen.

            Wenn ich einmal gangen bin,
            Komm ich auch nicht wieder;
            Weiß den Weg woandershin,
            Ich und meine Lieder.

            'S gibt der Mädel gar so viel
            Und so viel der Scheiben,
            Die bei nächt'gem Saitenspiel
            Nicht verschlossen bleiben.

Vermaledeit! – Nun hat's ein End'!
Aufs Pflaster mit dem Instrument!
            Jetzt fängt es an zu regnen gar,
            Der Sänger wird noch naß.
            Das Singen auf der Gasse war
            Von je ein schlechter Spaß.
Doch halt! – dort leuchtet milder Glanz,
Durch einen vollen grünen Kranz.

            Sei mir gegrüßt, du Schenke dort,
            Du Rettungsport,
            Du Wallfahrtsort!
            Du Leuchtturm mit dem hellen Schein,
            Ich lauf in deinen Hafen ein!

            Wie süß ist, Weinhaus, dein Empfang!
            Ich werb' nicht lang,
            Ich seufz' nicht bang.
            Ja, du umfängst mich warm und traut;
            So küßt den Bräutigam die Braut.

(Ab)

*

Triftiger Grund

Liebe Frau, o laß das Schelten!
Ich komm heim in später Nacht;
Unserm Wirt ist heut begegnet,
Was uns Sorgen viel' gemacht;

Sorgen viel' und große Mühe
Und gewaltigen Verdruß;
Nicht zu finden war im Hause,
Was ein Gast doch haben muß.

Was ein Gast durchaus muß haben,
Ganz gewiß, bevor er geht;
Und mir fehlt' es just heut' abend,
Deshalb komm' ich auch so spät.

Ja wir suchten in der Stube,
In dem Keller, in dem Schrank,
Wir versuchten's aller Orten,
Und wir suchten uns fast krank.

»Hast du wohl dein Geld verloren?« –
Bah! Er borgt mir, liebe Frau. –
»Nun, so war's der Hut, der fehlte?« –
Ei, die Nacht ist mild und lau.

 

Will's dir sagen! Sieh, es hielt mich
Fast wie eine Kett' am Bein,
Weil der Wirt nicht finden konnte
Meinen letzten Schoppen Wein.

*

Konzert-Potpourri

Die Jungfrau Nachtigalle
Sang einst vom grünen Zweig;
Da lauschten nach dem Schalle
Die Enthusiasten gleich.

Und zogen hin in Scharen,
Und machten ihr die Kur,
Scharwenzelten und waren
Voll Artigkeiten nur.

(Erster)

»Dir Jungfer Nachtigallen
Als Knecht ich mich erbiet';
Nur tu' mir den Gefallen
Und sing mir dieses Lied!«

(Zweiter)

»Du goldig Vöglein oben,
Hier ist was komponiert;
Du sollst den Sommer loben,
Wo niemand mehr erfriert.«

(Dritter)

»Du Stimmlein sonder Fehle,
Der Sommer ist zu heiß;
Stimm an mit frischer Kehle
Das Lob von Schnee und Eis!«

(Vierter)

»Du schmetterst kühne Weisen,
Weit schallt es durch die Nacht;
Vom Wandern und vom Reisen
Hab ich ein Lied erdacht.«

(Fünfter)

»So still und abgeschieden
Hauchst du den süßen Klang;
Ich bring' von stillem Frieden
Dir einen milden Klang.«

(Sechster)

»Von froher Liebe nimm es,
Und sing ein munter Wort!
Was anders ist was Schlimmes.
Sing es in einem fort!«

(Siebenter)

»Ich traure gar unsäglich,
Mein Herz ist morsch und mürb',
Mein Lied ist weich und kläglich,
Am besten wär', ich stürb'!« –

Doch Jungfrau Nachtigalle
Spricht: »'S ist mir wirklich leid;
Geht heim, ihr Herren alle,
Woher ihr kommen seid.

Sing ich, dann will ich singen
Nicht, wie man mir's gebeut;
Nein! wie's die Stunden bringen,
Und wie's mein Herz erfreut.«

*


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