Paul Heyse
Am Tiberufer
Paul Heyse

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In der seltsamsten Verfassung hatte Theodor Bianchi's Haus verlassen. Sobald er die stille Luft um sich fühlte, wich der letzte schwere Hauch von ihm, der ihn noch vor dem Bilde gedrückt hatte. Nur eine Mattigkeit, schmerzlos wie sie ein Genesender empfindet, nachdem das Fieber ausgetobt hat, breitete sich über sein Gemüth. Auch die heimliche Reue im Hintergrund seiner Gedanken trug fast dazu bei, seine innerliche Helle zu erhöhen, wie der Schatten das Licht. Er sagte sich, daß noch nichts verscherzt sei, daß Alles, was er in Verblendung von sich gestoßen, ihm noch unverändert zugehöre, daß er nur die Hand auszustrecken habe, um sich seines Besitzes zu freuen. Habe er sich die Zeit her mit widersinnigen Wünschen gepeinigt und sich die Freude am Besten verkümmert, um einem reizenden Schein nachzuhängen, so sei er an sich selber gestraft.

Die Gestalten beider Mädchen gingen ihm vorüber, und sein Herz ward keinen Augenblick irre; noch ward es ungerecht gegen die Fremde. Ein Staunen beschlich es noch immer, indem es sich aller Züge des wunderbaren Gesichts erinnerte. Aber es hüpfte hoch auf, wie die Zeit des ersten Sehens und Findens, der wachsenden Neigung zu Marien ihm wieder lebendig wurde. Und was war inzwischen anders geworden? War sie nicht dieselbe geblieben? Freilich auch dieselbe an Scheu und Gefühl der Sitte, sich zurückzuhalten vor den Augen Anderer. Aber sie sagte ihm mit der ganzen gesteigerten Wärme ihres Wesens, mit den Augen, die nicht von ihm ließen, wenn er da war, mit den Händen, die ihn nicht lassen wollten, wenn er ging, daß sie ihm völlig und ohne Vorbehalt hingegeben war. Kann ich ihr vorwerfen, sagte er, daß sie noch im Bann der puritanischen Mutter ist? daß sie nicht das Band dieser Ehrfurcht zerriß, sobald sie sich an mich knüpfte? Und ich konnte wollen, daß sie wie eine zügellose Minente aus Trastevere, die Niemanden zu fragen hat, als ihre Leidenschaft, mir an den Hals stürze!

Als habe er ihr Alles abzubitten, womit er sich seit Wochen das Leben zerstört hatte, treibt es ihn jetzt nach ihrem Hause. Er weiß, daß der Besuch aus England, der ihn verdrossen, gestern Rom verlassen hat. Es ist ihm, wie wenn nun Alles von neuem beginnen solle. In dieser aufwachenden, glückseligen Stimmung springt er die Treppen hinauf.

Wenige Augenblicke vorher war in Mariens Zimmer Miß Betsy aufgestanden, um zu gehen. Das Mädchen blieb am Clavier sitzen, im Dunkeln mit den Händen sich an die Arme des Sessels anklammernd, als müsse sie zu Boden gleiten, wenn sie sich nicht halte.

Folgt meinem Rath, Kind, schloß die kleine Dame ein langes Gespräch, das sie fast allein geführt hatte. Gleich wenn er wiederkommt und ohne Umschweife stellt ihn zur Rede, daß er nicht Zeit gewinnt auf Ausflüchte zu sinnen. Mary, thut das, sag' ich Euch; er ist noch in den Jahren sich zu bessern, wenn man's recht anfängt. Schändlich ist es und bleibt es, und – süßes Herz – so gern ich wollte, ich kann nichts von Allem zurücknehmen, was ich im ersten Zorn gegen ihn gesagt habe. Indessen, unser Herrgott hat schon andere Sünder erleuchtet. Wenn er nur mehr Religion hätte! Ihr müßt mir zugeben, daß ich ihm das schon oft vorgeworfen habe, und nun seh' ich, wie sehr ich Recht hatte. Schande über ihn, daß er Euch so wenig ehrt, Kind, schande fürwahr! Ich sah mich um; zum Glück saßen in unsrer Nähe keine Bekannte von Euch, denn die meisten von der guten Gesellschaft, wenn sie nicht das Volk studiren wollen, gehen nicht auf diesen Platz, sondern in die getrennten Logen. Aber mir hat er das ganze Schauspiel verdorben, das vergess' ich ihm nicht. Dear me, wenn Ihr mit mir gewesen wärt, Ihr wäret gestorben auf der Stelle. Meint Ihr, daß er Ein Auge von ihr gelassen? Und sie schienen sich zu kennen, eine alte Passion; und das wäre noch zu seiner Entschuldigung. Denn er wird genug Mädchen schön gefunden haben, ehe er Euch kennen lernte. Aber man achtet doch auf sich, zumal öffentlich, und thut als kenne man sich nicht wieder. Nun nun, Kind, wenn Ihr mit ihm redet, ernsthaft und ein für alle Mal, so wird er in sich gehn. Aber wenn Ihr es nicht thut – so gern ich es Euch ersparte – meine Grundsätze verlangen dann, daß ich es Euern Eltern anheimstelle, ihm ins Gewissen zu reden. Eine solche Familie! der Schimpf wäre zu groß und das Unglück, wenn sie einen leichtsinnigen Menschen in ihren Kreis aufnähme. Habt Ihr denn nie etwas von einer alten römischen Liebschaft gehört, die er Euretwegen abgeschafft hätte?

Nein, sagte das Mädchen leise. Wie hätte sie's über die Lippen bringen können, daß ihr die Beschreibung der dienstbeflissenen Zuträgerin ein Bild wieder lebendig machte, das ihr früher schon einmal einen nachdenklichen Tag gekostet hatte! Am Tage darauf, nachdem Theodor ihr von dem Tanz in der Schenke erzählt hatte, war sie an seinem Arm durch die Stadt gegangen. Aus einem niedrigen Fenster sah ein schönes Gesicht, auf das sie ihren Freund aufmerksam machte. Er hatte eine starke Bewegung nicht unterdrücken können, und auch das Mädchen ihn zu erkennen geschienen. Es ist die Albanerin von gestern Abend, hatte er gesagt, und dann rasch von andern Dingen gesprochen. Ihr aber war das Gesicht Zug für Zug im Gedächtniß geblieben.

Laßt es jetzt gut sein, redete ihr Miß Betsy zu und strich ihr mit der Hand über die Locken. Grämt Euch nicht, Liebe! Die Menschen und zumal die Männer sind keine Engel. Mein Gott, wer erlebte dergleichen nicht! Und sprecht mit ihm, so wird noch Alles in Ordnung kommen. Gute Nacht, Kind! Ich komme morgen und sehe nach Euch. Der Herr sei mit Euch!

Sie ging rasch. Draußen begegnete sie Theodor, der sie fast überrannte. Verzeihung! sagte er, ein Bräutigam, der zu seiner Braut geht, darf es ja wohl eilig haben. Nicht wahr, liebe Miß Betsy? – Er bemerkte die kalte Miene nicht, mit der ihm entgegnet wurde: Ihr werdet Mary finden; in der That, sie erwartet Euch nicht. Er verabschiedete sich schnell und stürzte in das Zimmer.

Zum ersten Mal fand er sie allein, in der fast nächtlichen Dämmerung am Fenster stehend, die Locken ganz um das Haupt aufgelöst. Er dankte im Stillen inbrünstig dem guten Glück, das so willig schien, Alles auszugleichen. Leise tritt er heran; sie bewegt sich nicht. Er schlingt den Arm um ihren Leib und ruft ihren Namen. Sie fährt zusammen und wendet sich um, und er sieht es feucht in ihren Augen schwimmen. Du weinst, Marie, liebes, theuerstes Leben, du weinst? ruft er und will sie fester an sich ziehen. Sie wehrt ihm, ohne zu antworten; sie drückt die Augen zu und zerdrückt die Tropfen und schüttelt den Kopf. Nein, sagt sie endlich, ich weine nicht, laß! Es ist vorbei, es ist gut!

Er geht drei Schritte auf und ab; er weiß nicht wie ihm geschehen, aber mit Einem Schlag ist all seine Freudigkeit gelähmt. Was hast du, fragt er nach einer Pause, das ich nicht wissen darf? Wenn du wüßtest, mit welchen Freuden ich über diese Schwelle trat, wie mich's selig durchfuhr, dich endlich einmal allein zu finden! und ich finde dich nun so fremd, verschlossner als in aller Bedrängniß fremder Gesellschaft – du weißt nicht, was du uns zu Leide thust!

Sie schwieg noch immer und hatte die Augen zugedrückt. Sie hielt in Gedanken die Worte, die er sprach, mit denen zusammen, die ihr so eben das Herz zusammengeschnürt hatten, seine Blicke mit denen, die ihr die alte Freundin geschildert hatte und die einer Andern galten. Es war etwas in ihr, das gern für ihn gesprochen hätte; aber zu viele Stimmen schrieen dagegen. Nicht, daß sie ihn für unwahr hielt, für unwürdig, und ihn anklagte in ihrem Herzen. Sie hatte die Erzählung der Alten mit angehört, als gelte sie weder ihr noch ihm, wie ein Unerhörtes, für das wir kein Organ in uns haben. Aber dennoch warf es ein letztes Gewicht auf die Last, die sie schon wochenlang getragen hatte. Theodor betrog sich, wenn er glaubte, durch seine gespannte, unglückliche Stimmung nur sich selbst wehe gethan zu haben. Daß er verändert war, der erste Glanz der Liebe verblichen, das Herz seiner selbst nicht mehr gewiß, war Marien nicht entgangen. Wenn er zugegen war, bezwang sie sich um seinetwillen; sie hätte ihm um die Welt nicht gestanden, daß sie an ihm zweifelte; und war sie allein, so schalt sie sich selbst und sagte sich, daß sie falsch gesehn und zu viel gesehn habe, daß ein Mann sich mit Gedanken trage, die ihn zerstreuen und selbst bis zu seiner Geliebten verfolgen. Auch wußte sie, daß ihm der Zwang vor der Mutter immer unerträglicher wurde. Und doch brach auf Augenblicke das Gefühl des bittersten Kummers durch und verschloß ihr gerade jetzt den Mund und das Herz, wo Worte so nöthig gewesen wären. Sie hoffte auch nichts von Fragen, und Vorwürfen wollte sie nichts zu danken haben. Sie war ohne heftigen Schmerz, wie abgestorben, daß sie seine Nähe nicht fühlte und doch einen tödtlichen Stoß empfangen hätte, wenn er gegangen wäre.

So stehen sie in unseliger Täuschung einander gegenüber. Er greift schon nach dem Hut, um dem unerträglichen Zustand ein Ende zu machen, als die Mutter hereintritt. Er muß bleiben; Lichter werden gebracht, die Frauen setzen sich, während er einsilbig steht, sich selbst und sein elendes Geschick tausendmal verwünschend. Und wie sich in solchen Stunden alles Widerwärtige häuft, kommt die Mutter von neuem auf Edwards Monument zu sprechen. Er kann nicht verschweigen, daß es ihm heut zum ersten Mal aufgedeckt worden, und muß Gegenstand und Art der Darstellung beschreiben. Er belebte sich wieder ein wenig. Es ist unvergleichlich, sagte er; ich kann nicht ausdrücken, wie mich das Bild ergriff, Edward ganz und gar, lebend und verklärt zugleich, und wunderbar! fast durch Offenbarung die Art wiedergegeben, wie er sich bewegte, jene eigentümlich innige Gewohnheit den Kopf vorzuneigen, von der ich meinem Freunde nie gesprochen.

Es mag Alles unbestritten sein, was Sie sagen, lieber Theodor, sagte die Mutter nach einigem Besinnen. Und doch verberge ich nicht, daß mir die Nebenfiguren, wie Sie sie beschreiben, durchaus widerstreben, daß ich mich nicht werde entschließen können, an dem Grabe meines Sohnes zu beten, wenn der Stein diese fremden, fabelhaften Gestalten zeigt, die mich schrecken, statt mich zu erheben.

Es sind Zeichen, Mutter, Zeichen für den liebevollsten Sinn, die Ihnen nicht fremd sind, sobald Ihnen der Sinn nah getreten. Und würden Sie nicht ergriffen werden, wenn ein italienischer Poet Strophen auf Edward in seiner Sprache gedichtet hätte, obwohl sie nicht Ihre Muttersprache ist?

Wohl, aber dann wär' es wirklich nur die Form, die mich fremd berührte. Hier ist der Sinn von Vorstellungen, die meinem Heiligsten widerstreiten, so getränkt, daß ich mich abwende und nichts damit gemein haben kann.

Sie sprechen es hart aus.

Es wundert mich, das Sie hart finden, lieber Theodor, was das natürliche Gefühl eines Weibes und einer Christin ist.

Und Sie sind in Rom und sehen täglich die Wunder vergangener Geschlechter und haben Freude am Thun der tausend verschiednen Geister, die auch von Ihnen verschieden sind, und wollen sich hier verschließen und abwenden; hier wo ein edler Mensch Ihnen zu Liebe aus Seinem Tiefsten hergegeben, was er nur hatte?

Ich fechte seinen Willen nicht an. Aber gerade weil es mich zunächst mit betrifft, mir zu Liebe geschehen soll, bin ich empfindlicher gegen das, was geboten wird. Denn der beste Willen kann uns beleidigen, wenn er keine Rücksicht auf uns nimmt.

Theodor trat auf Marien zu, die auf einen Stickrahmen gebeugt still dagesessen. Marie, sagte er, hat dich Bianchi's Werk auch beleidigt?

Nein, sagte sie leise, aber ich gebe der Mutter Recht. Man kann nichts lieben, was fremd ist; ich nicht; ein Mann vielleicht.

Er verstand nur halb ihre Worte; aber er verstand, daß sie sich von ihm gewendet. Ein unsägliches Wehgefühl ergriff ihn. Es war nicht Trotz, nicht kleine Verbitterung, daß er sich stumm verneigte und ging. Er fühlte, daß er sich sammeln, seine betäubten Geister aufrichten müsse. Er hätte irre geredet, wenn er geblieben wäre.

Es sollte nicht sein, sagte er vor sich hin, als er auf der Gasse war. Sie hat Recht; wir wären uns immer fremd geblieben. Ich hielt meine fruchtlosen Mühen, mich immer wieder von neuem ihr aufzudrängen, für Zug und Bestimmung. Kein Wunder, daß sie es endlich müde wird. Aber es war grausam, daß es gerade heut so kommen mußte, da ich eben mich so schön getäuscht, so selig belogen hatte und hoffnungsvoller war als je. Es war grausam und heilsam! Ich bin nun für immer von diesem gutmüthigen, vermessenen Selbstbetrug geheilt.

Dann dacht' er an Bianchi. Schade! sagte er. Dem hätt' ich's sparen sollen. Er wird wieder was in die Tiber zu werfen haben. Nein, er soll nicht; ich will diese Tafel besitzen, mich in Zukunft zu warnen, wenn ich Menschen vertraue.

So kam er in seine Wohnung. Er zündete Licht an und setzte sich zu schreiben. Er fing einen Brief an Marien an, ruhig und sanft; nach den ersten Zeilen ward er der Lüge inne, denn es kochte und zürnte und sehnte in ihm, daß er die Feder am Tisch zerstieß und aufsprang. Er wußte nicht, wohin. Endlich ging er wieder ins Freie, den Weg nach Bianchi's Hause. Wollte er ihn aufsuchen, ihm Alles sagen, ihm Alles verschweigen, nur wieder in seiner Nähe nach Entschluß und Fassung ringen? Er wußte es nicht klar; aber er ertrug sich nicht in der Einsamkeit.

Nur eine schmale Mondsichel stand über den Dächern. Aber die Häuser waren hell, die Balcone und Fenster belebt; auf dem Corso wallte ein muntres Gewoge von sorglosen Menschen, die sich nach dem Tagesbrande erfrischten, lachende Mädchengesichter, fremde und römische, so leicht gekleidet, wie sie sich aus den Zimmern fortgeschlichen hatten. Die Straße glich einem langen Corridor neben einem Festsaal, wo sich die Gesellschaft zwischen den Tänzen in kühlerem Zwielicht ergeht. Hie und da drang auch Musik aus einem Hause vor, und eine Nachtigall schlug im Käfig.

Theodor mußte den Strom kreuzen. Er kam sich vor wie ein Abgeschiedener, der nichts mehr vom Leben, den es nur noch zu einem Freunde treibt, um eine unvollzogene Pflicht ihm zu offenbaren, ehe er für immer ruht. Er vertiefte sich in öde, schmale Gassen, die nach der Tiber führten, und ging so hin ohne die Kraft, irgend einen Gedanken fest zu halten. Endlich, von der vergeblichen Anstrengung ermattet, ließ er seinen Geist auf der leeren Weite des Schmerzes treiben, wie auf dem grenzenlosen Meer in der Windstille.

So kam er an den Theil des Ufers hinaus, der Ripa grande heißt, wo die Kähne liegen, die nach Ostia fahren, die kleinen Postdampfboote und andere Fahrzeuge mehr. Von da hinunter bis zur Ripetta sind noch einige hundert Schritt und keine unmittelbare Verbindung am Wasser hin. Er wandte sich eben rechts die breitere Straße hinauf, als ihm ein lautes Gezänk von den obersten Stufen der Wassertreppe ans Ohr schlug. Ein Ton klang dazwischen, der ihn plötzlich im Gehen hemmte. Er näherte sich dem Menschenhaufen, dessen einzelne Gestalten sich ihm nur langsam bei einer schlechten Straßenlaterne entwirrten. Es handelte sich um ein Mädchen, wie es schien, das ein Schiffer beim Arm hielt und hinabzuziehen bemüht war. Ein Anderer suchte Beide zu trennen. Laßt sie los, Pietro! rief er. Laßt sie gehn! Seit wann ladet Ihr Weiber, Ihr Seelenverkäufer, der Ihr seid? Seht, sie weint, armes Ding! sie will nicht in Euer Loch von Kajüte zurück; sie wird ihre Gründe haben! –

Hol's der Henker! schrie der Andere und riß an dem Mädchen herum, Gründe genug wird sie haben. Aber der sie mir brachte und das Geld dran wandte und sagte: »Schaff sie mir nach Ostia und gieb sie dort in sichere Hände, daß sie nicht wieder zurück kann,« der wird auch seine Gründe haben, und Gründe, die er mit Quattrinen beweist. Die Dirne! Sie wird nicht gut gethan haben. Wäre sie die liebe Unschuld, die sie jetzt spielen will, warum konnte sie nicht darauf pochen, wie der Mann sie mir brachte? Aber was denkt Ihr? Da war sie stille; nur geweint und geschluchzt und den Mann geküßt, daß dem angst und weh wurde und er versprach, er wolle in Ostia nach ihr sehn. Und jetzt? Warum kommt ihr die Tücke, daß sie davon laufen will, die Katze, sobald ich den Rücken wende, und hier die halbe Straße gegen mich zusammenschreit, wie ich meiner Schuldigkeit nachkommen und sie wieder in Sicherheit bringen will? Sag mir das einer, wenn er kann! Nein! zurück mit der Hexe, und Maul gehalten, und Accidenti über Jeden, der mir in den Weg tritt!

Ich kann nicht, ich will nicht zurück, hörte man die Stimme des Mädchens. Dieser Mann ist falsch. Er muthete mir das Aergste zu, er bricht seinen Vertrag; rettet mich!

Wer will ihr glauben, der verruchten Lügnerin, dem Abschaum, der nur sinnt sich loszumachen und mich zu verschwärzen? Zurück die Hand, sag' ich, und hinunter mit der Metze!

Halt! donnerte eine Stimme überlaut dazwischen. Die Streitenden wandten sich stutzend um und sahen Theodor durch den Haufen brechen und die Hand auf des Mädchens Arm legen. Sie ist mein, rief er, und geht mit mir!

Eine Stille trat ein; Caterina hatte aufgeblickt und den jungen Mann erkannt. Unschlüssig zwischen Freude und heftigen Zweifeln stand sie und senkte die Augen.

Haltet Ihr uns für Kinder, Herr, fuhr ihn der Schiffer an, daß wir uns vom ersten besten Laffen einschüchtern lassen? Wenn Ihr ein Mädchen braucht – Ihr findet ihrer am Corso für Geld und gute Worte. Umsonst und mit bösen ist keine zu haben. Wer zum Teufel heißt Euch hier dreinreden und mit einer Manier, als hättet ihr das beste Recht von der Welt?

Ich hab' es, sagte Theodor laut und entschlossen; denn sie ist meine Frau.

Seine Frau! lief es durch den Haufen. Die zunächst Stehenden wichen einen Schritt zurück.

Eure Frau! das habt Ihr zu beweisen, oder es könnte – halt! unterbrach sich der Schiffer. Nennt ihren Namen, Herr, ihren Namen; den pflegt doch ein Ehemann von seiner Frau zu wissen, wenn er auch nicht weiß, was sie in später Nachtzeit auf den Gassen treibt.

Caterina, sagte Theodor, erkennst du mich?

Ja! antwortete das Mädchen.

Es ist richtig, murmelte der Schiffer. Caterina, so nannte sie der Andere.

Du wirst mit mir gehn, Caterina, sagte Theodor. Du wirst mir den nennen, um dessentwillen du mich verlassen hast, daß ich in Angst und Wuth die Straßen Roms auf und ab nach dir gesucht habe. So? Nach Ostia? Und dort wollt' er nach dir sehen? Es ist genug. Komm!

Er sprach diese Worte so ernsthaft und mit einem Gesicht, auf dem so deutlich Schmerz und Entschlossenheit standen, daß Keinem ein Zweifel nahe trat. Es ist ihr Mann! flüsterten sie. Sie ist ihm mit einem Andern entlaufen. Dem gnade Gott, wenn er ihm auch so in die Hände kommt, wie diese!

Caterina that nichts, diesen Glauben zu irren. Gehorsam stieg sie die letzten Stufen der Treppe an Theodors Hand hinauf, und ihre Ueberraschung, von dem gerettet zu werden, dem zu entfliehen sie in die Gefahr gerathen war, glich täuschend der dumpfen Niedergeschlagenheit einer ertappten Schuldigen. Der Schiffer allein schien nicht völlig überzeugt. Er sah das Geldstück an, das ihm Theodor zugesteckt hatte, und brummte in den Bart: Wär' Alles richtig, hätte der Herr die Hand nicht in die Tasche gesteckt. Nun, ich bin doppelt bezahlt. Was geht's mich an?

*

Theodor ging erst mit ihr ein paar Straßen weit und hatte sie noch immer bei der Hand gefaßt; Keins sah das Andere an, noch fiel ein Wort zwischen ihnen, bis er sie auf einmal los ließ und fragte: Wohin soll ich Euch führen, Caterina?

Ich weiß nicht, sagte sie.

Nach Via Margutta?

Nein – und sie schrak zusammen – die Alte fände mich da, oder er.

Wer?

Ich darf ihn nicht nennen, Euch am wenigsten; er hat mir's verboten.

So ist es Bianchi, sagte Theodor dumpf. Sie wagte nicht zu läugnen.

Während sie weitergingen, befestigte sich die Ahnung, die in seinen Gedanken aufgegangen war. Die seltsame Stummheit des Künstlers, als er ihm von den Spielen und seiner Begegnung mit dem Mädchen erzählt, war ihm nun erst bedeutsam und erklärt. Hätten wir nicht geschwiegen zu einander von dem, was uns das liebste war! klagte er sich und den Freund an. Doch wußte er noch nicht Alles.

Am Hause angelangt, wo er wohnte, suchte er den Schlüssel und öffnete, Caterina trat zurück. Ich gehe da nicht mit, sagte sie. Nein, und sollt' ich auf den Stufen von S. Maria Maggiore schlafen, lieber als da hinein, mit Euch! – Kind, sagte er schmerzlich, ich bin nicht mehr, der ich dir noch vor wenig Stunden scheinen mochte. Du bist sicher bei mir, wie bei einem Bruder.

Sie sah ihn in der Dunkelheit an, so scharf sie konnte, und es war, als käme ihr plötzlich eine besondere Erleuchtung. Ich weiß, sagte sie und blieb immer noch einige Schritt von der Thür; er hat es mit Euch abgeredet. Er kam und wollte mir im Guten sagen, daß er mich an Euch verhandelt habe oder verschenkt. Ich sollte Euch lieben, wie ihn. Ich kann nicht, sagt' ich ihm, und in mir verschwor ich's, und er sah wohl, daß ich Ernst daraus mache. Da wollt' er mich überlisten und brachte mich in den Kahn hinunter und lief dann zu Euch, zu sagen, ich sei drunten und Ihr solltet mich holen. Aber Ihr sollt mich nicht haben, und wenn Ihr tausendmal sein Freund seid und er mich tausendmal morden will, wenn ich seinen Willen nicht thue. Geht! Ich finde schon meinen Weg nach dem Gebirge zurück, und Ihr könnt ihm sagen – was Ihr wollt, und – gute Nacht!

Sie wandte sich. Kaum hatte Theodor Zeit, aus der Bestürzung sich aufzuraffen und ihr nachzueilen. Er ergriff sie bei der Hand. Caterina, sagte er, wenn ich dir schwöre, daß du bei mir sein sollst, wie eine Schwester, daß ich dich deinem Carlo wiedergeben will, wie du von ihm gegangen – du kannst dich nicht weigern, mir in mein Haus zu folgen!

Das wolltet Ihr? Das könntet Ihr? fragte sie stillstehend und ungläubig. Es ist unmöglich, Ihr kennt ihn nicht; ihn ändert Keiner.

Vertraue! sagte er. Die Hoffnung, die ihr zu lieblich zusprach, kam ihm zu Hülfe. Sie machte sich sanft los und ging neben ihm ins Haus hinauf. Sobald sie oben in seiner Wohnung war, noch im Dunkeln, setzte sie sich auf einen Stuhl hart neben der Thür, ihr Bündel, das sie immer bei sich geführt, auf dem Schoße vor sich. Er zündete Licht an und sprach nicht mehr und wühlte in Papieren, mechanisch, ohne Zweck. Seine Seele brannte, wenn er an Bianchi's That dachte; das entzückende Bewußtsein, ihn so zu besitzen, wie diese Stunde ihn belehrt, hielt ihn, wenn er an dem Gedanken, Marien verloren zu haben, fast vergehen wollte.

Indem er so in die Zukunft hinaussinnt und sich bereitet, sein Schicksal auf sich zu nehmen, hört er ein leises Athmen von der Thür her. Er steht auf und bemerkt, daß Caterina sich in festen Schlaf geweint hat. Leise naht er ihrem Sitz. Das Haupt ist ihr auf die Schulter gesunken, die Arme hangen nieder, die Brust stürmt in ängstlichen Träumen. Er hebt sie sicher und vorsichtig auf und trägt sie mit kräftigen Armen auf ein Sopha, das an der Wand steht. Wie er sie dort niederläßt, nähert sich sein Gesicht ihrer Wange; er empfindet den gesunden Hauch der Lippen, der Duft des Haares weht ihn an, die Fülle der Glieder ruht blühend vor ihm. Aber alles Verlangen schweigt in ihm. Er hebt sich empor, breitet seinen Mantel über die Schlafende und geht still in die Kammer. Erst als die geringeren Sterne ausloschen, findet er einen kurzen, unruhigen Schlaf. Aber kein Gedanke an Caterina macht ihn unruhig.

*

Am hellen Morgen trat er in Bianchi's Werkstatt. Er erschrak, wie das fahle, verwachte Antlitz des Freundes von der Arbeit zu ihm aufstarrte. Die Haare schienen ihm grauer geworden, die Augen dunkler. Doch ward der gekniffene Mund mild, als er Theodor sah.

Ihr hattet eine böse Nacht, sagte der, und mein ist die Schuld.

Ich habe gewacht, erwiederte Bianchi ruhig; aber was wollt Ihr für meine Grillen können, die mich dann und wann um den Schlaf singen? Reden wir von bessern Dingen. Erzählt, lest, vor Allem bleibt, wenn Ihr könnt. Sei es denn gestanden: Es ist mir heut eine besondere Wohlthat, Euch sprechen zu hören!

Lieber! es ist umsonst, noch jetzt sich in Worte hüllen, wo das geheime Herz zu Tage liegt. Ich weiß Alles!

Ihr wißt? – So verschweigt, was Ihr wißt! sprach Bianchi heftig, verschweigt, von wem Ihr's habt, redet mir nie ein Wort davon! Es liegt hinter mir, hinter mir, ja! fuhr er fort, und denkt davon, was Ihr mögt; nur laßt Alles bleiben, wie es war. Versprecht mir's!

Theodor stand in Schmerzen. Er dachte daran, daß er in wenig Tagen fern von hier das Alles auch ansehn würde, als läge es weit, weit hinter ihm. Aber er konnt' ihm das nicht gestehn, wenn er nicht das Nächste, was zu thun war, zerrütten wollte.

Ich muß dennoch reden, sagte er endlich. Hätt' ich gestern geschwiegen, da ich mit jenen leichtsinnigen Worten Eure Ruhe erschütterte, so wäre Euch viel erspart. Ihr hättet die Perle nicht von Euch geworfen, nach der ich Thor einen übermütigen, selbstvergessenen Augenblick lang die Hand ausstreckte.

Bianchi schwieg; die Glut stieg in ihm auf, er suchte nach Worten. – Wenn ich sie Euch nun zurückbrächte und sagte: Da habt sie wieder; ich beneide Euch nicht, denn mein Herz hängt an einem Kleinod und es braucht kein Opfer, um uns Beide bei einander zu halten – würdet Ihr mir glauben, Carlo?

Er sah den Wechsel der übermächtigen Empfindungen auf dem Gesicht des Freundes. Der Künstler hielt sich am Tisch, das Haupt auf die Brust gedrückt, die schwer arbeitete; die Lippen bewegten sich tonlos. Theodor ging zur Thür und rief: Caterina! Sie hatte draußen gestanden, Tod und Leben vor sich. Als sie still mit furchtsamen Schritten über die Schwelle trat, sah sie Carlo mit ausgebreiteten Armen am Tische stehn; die Knie versagten ihm. Da stürzte sie mit einem Schrei an seinen Hals.

Die Thür war offen geblieben. Theodor hatte ihr den Rücken zugewendet, in das Bild Edwards vertieft, das seitwärts unverhangen auf dem Gerüste stand. Er hörte Geräusch an der Schwelle und sah sich um. In demselben Augenblick löste sich Caterina aus Bianchi's Arm und erschrak. Sie sahen drei fremde Gestalten verlegen in der offenen Thür, ein älteres Paar und eine schöne junge Dame. Theodor erkannte sie.

Wir stören, sagte der Herr, wir bitten um Verzeihung; aber die Thür war weit offen. Wir kommen wieder, wenn es Euch gelegener ist, Signor Bianchi.

Treten Sie ein, sagte Bianchi. Sie stören nicht. Die hier anwesend, sind mein Freund und meine Frau – Signora Bianchi. Er betonte das letzte Wort und sein Blick fiel auf Caterina, die im Ueberschwang des Glückes zu ihm aufsah. Indeß war Theodor von dem Bilde zurückgetreten. Der Vater begrüßte ihn mit alter Herzlichkeit und wandte sich dann dem Kunstwerke zu. Mit den Frauen wechselte er keinen Gruß. Die lebhafte alte Frau war nach den ersten Worten Bianchi's vor das Relief getreten und stand sprachlos. Mariens Auge hing nur kurze Zeit an dem Bilde des Bruders, dann flog es zu Caterina. Sie erkannte sie wohl. Während die Eltern in tiefster Rührung an einander lehnend sich vom Bilde nicht trennen konnten, trat sie nahe zu Theodor. Sie faßte seine Hand, sie sprach leise zu ihm, die Augen flossen ihr über. Sie tauschten Geständnisse, Selbstanklagen, Gelübde, Jedes dem Andern zuvorkommend, Jedes das Andere an unbegrenzter Hingebung überbietend. Keiner belauschte sie. Denn auch Bianchi, obwohl er nicht sprach, vergaß Alles über den Augen seines Weibes.

Endlich ging Mariens Vater auf ihn zu und drückte ihm die Hand. Seine Augen waren feucht; die Mutter weinte still in ihr Tuch. Ihr wisset genug, sagte der alte Herr; Ihr erlaßt uns zu sprechen. Eins nur: Wann beginnt die Ausführung? Ich habe meinen Plan geändert. Ich wünsche nur einen Stein auf das Grab meines Sohnes, der die einfache Inschrift trägt. Dieses Bild wüßt' ich gern in dem Zimmer, das er bewohnte, an der Stelle, wo sein Bette stand. Wir können den Ort nicht besser einweihen. Aber ich kann den Tag nicht erwarten, wo es unser wird. Ihr werdet am besten selbst für den Marmor sorgen. Verschiebt es nicht einen Tag!

Indessen hatte sich die Mutter gefaßt. Sie wandte sich und reichte Theodor die Hand: sie zog ihn heran und küßte ihn auf den Mund, was sie nur einmal gethan, da sie ihm ihr Kind verlobte. Dann verließen sie Alle die Werkstatt. Die Lüfte waren rein, und über dem Tiberufer schien die Sonne.


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