Johann Gottfried Herder
Italienische Reise
Johann Gottfried Herder

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Briefe 1790

J. G. Herder an Herzogin Anna Amalia

Weimar den 22. Jan. 90.

Wo dieser Brief auch Euer Durchlaucht zu Händen kommen möge: entbeut er Ihnen, gnädigste Herzogin, den schönsten besten Segensgruß zum neuen Jahr u. zu allen 90ger Jahren.

Das süße, artige Andenken, mit dem Euer Durchlaucht uns noch in den letzten Tagen zu Napel haben begrüßen wollen, ist mir wie der letzte Gruß der schönen Abendsonne in Napel gewesen, wenn sie sich groß u. sanft u. rührend ins Meer taucht. In Deutschland werden Sie uns als eine Morgensonne aufgehen.

Ja gnädigste Herzogin, auch ich war in dem Arkadien, ob ichs gleich nur gesehen, u. auch nicht alles einmal in ihm gesehen habe. Euer Durchlaucht haben unstreitig sich mit hundertfach mehreren Banden der Erinnerung daran gefesselt. Tant mieux! Erinnerung ist in der Welt vielleicht der schönste, wenigstens der reinste u. längste Genuß; also werden Sie, ich bins überzeugt, wie jener Philosoph von dem Gastmahl des Lebens aufstehen wollte, am Tage des Abschiedes frisch von dieser Tafel aufgestanden sein; vielleicht wars gar den 1. Jan. an welchem wir vorm Jahr aus Rom aufbrachen, aber gewiß mit bessern Winken des Himmels u. der Witterung, die, nach unserm Winter zu rechnen, Ihnen nicht anders als angenehm u. glücklich sein kann. Und so möge sie es sein u. bleiben! –

Aber warum, gnädigste Herzogin, schon im März über die Berge? warum wollen Sie noch den Abschied des Winters bei uns sehen, da Sie sich in die Arme des jungen Frühlings werfen könnten? Warum in Venedig, das auch eine Nymphe, wie Parthenope ist, so kurz verweilen? Es ist eine Welt in ihm; Theater, Lage etc. kann, glaube ich, einige Wochen sehr vergnügen, ja selbst nützen u. unterrichten. Eine Ausflucht nach Vicenza, wo Palladios Geist ganz schwebet, halte ich über Padua an der Brenta hin, für unentbehrlich; Euer Durchlaucht beraubten sich sonst des schönsten Anblicks der Kunst in Gebäuden, Lustsitzen u. f., da jener Kaiser aus Constantinopel selbst das Paradies in diese Gegend setzte, falls er nicht aus der Bibel wüßte, daß Gott der Herr es in Asien erschaffen hätte. Aber ohne Zweifel ist jede dieser Fragen unnötig, weil E. D. selbst darauf werden Rücksicht genommen haben. Was mich betrifft, tat es mir recht leid, daß ich so schnell von Venedig weg, u. auch Vicenza nur durchfliegen mußte. Der Campo Marzo am letzten Ort ruhet mir sehr angenehm im Gedächtnis. Sobald ich auf die Alpen stieg, kam ich in Donner, Blitz, Regen u. Kälte; ich bekam einen Husten, von dem ich noch nicht recht frei bin; herzlich wünsche ich E. D. einen schönern Flug dahinüber.

[ . . . ] Ich küsse Ihnen aufs dankbarste die Hand und empfehle mich Ihrer Gnade aufs schönste.

Der alte Vizepräs. hinter der Kirche.

J. G. Herder an Johann Wolfgang von Goethe

Weimar, Anfang März 1790

Bamberg. Der Leibmedicus, Hofrat Markus, wird, sobald er nur Deinen Namen hört, Dich ohne Dir überlästig zu sein, mit allem Sehenswürdigen bekannt machen, insonderheit den Gemälden AltDeutscher Schule, die hier u. da gesammlet sind. Er selbst hat einige, der Domprediger u. Regent eines Collegii junger Leute, W[eyermann], noch mehr, insonderheit einen Dürer, die H. Anna, aus dem er viel macht.

Nürnberg im roten Roß, bei Hrn Rothe zu logieren.

Augsb. im weißen Lamm; es ist ein gescheuter Lohnlaq[uais], der einem alles Sehenswürdige mit den Taxen gleich vorsagt, u. die Wahl überläßt nach Zeit u. Lust. Der Senator der über die Geschichte der Künste u. das Sehenswürdige in Augsb. ein paar brauchbare Bücher in Oktav geschrieben hat, deren eigentl. Titel ich nicht weiß, heißt von Stetten; an seiner Person verliert man nichts. Seine Bücher sind besser als Murrs Beschr[eibung] v[on] Nürnberg. Der Lohnlaq. kennt u. bringt sie.

Das Schloß bei Inspruck, wo die alten Merkwürdigkeiten der Grafen von Tyrol sind u. sonst die große Menge geschnittener Steine von denen die besten aber schon nach Wien gebracht sein sollen, heißt Ambras. Die Hofkirche bitte ich auch nicht zu vergessen. Man logiert in der goldnen Sonne.

In Mantua ist der Abbate Andrés, der Verfasser der Storia d'ogni Litteratura, der Dir sehr dienstfertig sein wird. Die Gemälde von Jul. Rom. sind im Herz. Palast, u. vor der Stadt im Palast T. Wo das Grab des Mantegna sei, steht im Volkmann; aber nicht wo sein Bild, die Maria, ist; in einem Kloster, ich weiß nicht welcher Mönche. Das Logis ist nirgen<d> zu nehmen, als im albergo Imperial, dies ist wohlfeil, bequem u. prächtig.

Caroline Herder an Johann Wilhelm Ludwig Gleim

Weimar, 14. 5. 1790

[ . . . ]

Sie hatten wohl recht, als Sie bei der Nachricht von seiner Italienischen Reise zur mir sagten, er käme nicht wieder – beinahe ists ihm u. mir so, als ob er noch nicht oder nur halb wiedergekehrt sei – das ist denn immer die Wirkung von einer langen Reise u. freilich von einer Reise in dieses Land kann man nichts anderes erwarten. Die Zeit wird auch wieder ins Gleis bringen, was hineinzubringen ist.

[ . . . ]

Johann Friedrich Hugo von Dalberg an J. G. Herder

Trier, den 7. September 90.

Heil dem jungen Weltankömmling, Heil seinen guten Eltern und dem engern Kreise Heil, der hierdurch zwischen uns geschlossen ward! O, Ihr Guten und Lieben! womit soll ich Euch dies neue Zeichen Eurer Freundschaft lohnen? womit anders als mit den wärmsten Wünschen für des Kindes, für der Eltern Wohl, mit der treuesten Versicherung inniger Freundschaft und Liebe? Segensvoll lebe und wachse Rinaldo, zur Freude des Vaters, und wenn die liebende Mutter ihn in den Armen trägt, so denke Sie zuweilen an seinen Paten, der Ihr und Ihnen so ergeben ist. Amen.

Nein, Lieber! Brutus schlief nicht, Ihnen wenigstens nicht, und wenn ich auch lange geschwiegen, so war mein Herz Ihnen immer noch so nah, als in jenen Tagen, da wir zusammen wandelten am Clitumnus, an der Tiber und am Strande der schönen Parthenope! Ach, unvergeßlich bleibt mir der süße Traum, der selbst im Nachgenusse noch so schön ist, und auch mir mehr Gleichmütigkeit und Ruhe in die Seele gießt; selbst das, was ich an Kenntnissen dort erntete, wiegt diese Ruhe nicht auf; denn ohne sie ist kein Glück, aber in ihr alles Dasein, alle Vervollkommnung, alle Reinheit, ich möchte sagen alle Göttlichkeit; denn je ruhiger und heiterer das Gemüt, desto gottähnlicher! Diese weise Mäßigung, diese Gleichmut, dies innere Leben wirksam in mir zu machen, ist mein vorzügliches Streben, und hiezu ist nur ein Weg: das Herz nämlich dem Guten zu öffnen; dann wirkt es von selbst in ihm oder aus ihm; denn das Gute liegt ursprünglich in uns, und breitet sich aus, wenn es nicht gehindert wird.

[ . . . ]

Und nun noch einmal Heil dem holden Kinde, Heil den lieben Eltern! Liebt mich, wie ich Euch liebe; auch ich stehe am Altar der Freundschaft, und opfere meinen Kranz.

Ihrer würdigen Frau tausend Segenswünsche zu Ihrer Genesung.

Caroline u. J. G. Herder
an Friederike Luise Gräfin zu Stolberg-Stolberg

[Weimar,] 8. Nov. 90.

[Caroline Herder:]

Wenn und wo wir nur an Sie gedenken, erhebt sich unsre ganze Seele, und Sie beide sind uns schöne lichte Sternen an unserm Himmel.

– Unsere Herzogin Mutter ist freundlich u. gesellig aus Italien heimgekehrt, ob sie gleich mit meinem Mann u. den andern Pilgrimen Italiens oft den heitern Himmel u. was unter ihm an Geist und Kunst gedeiht, vermißt. Wer nicht ein Weltbürger ist, der überall sein Vaterland hat, sollte nicht reisen; der Grund seines Verhältnisses wird erschüttert und er hat viel zu tun, sich wieder darin zu befestigen.

 

[J. G. Herder:]

Wie oft wollte ich Ihnen schreiben, insonderheit da ich in Rom vom Tode der zarten lieblichen Agnes lesen mußte. Sie schwebte recht wie eine Erscheinung vor mir – um so mehr, da ichs, sobald ich sie kennen lernte, oft sagte und bei mir für ausgemacht annahm, daß sie nicht lange hier, sondern einmal unvermutet wie ein leichter Hauch hinweg sein würde. So ists auch gewesen: Nun dann, ruhe sie sanft, die weiße liebe Gestalt, u. der entflogene Schmetterling schwebe auf der unverwelkenden Blüte Elysiums fröhlich!

Von meiner Reise kann ich Ihnen nichts sagen, denn ich habe mir selbst über sie noch das wenigste Zeit gehabt zu sagen pp Überhaupt muß bei mir der Same im Erdreich lange ruhen, ehe er hervorgehen kann, wenn er nicht indes gar verweset. Ich bin nun O[ber] Konsist[orial] VizePräsident, un altro nome e con ello altre cure. Gott helfe mir nur, daß ich zu irgend etwas, was es auch sei, in eigner Geistesarbeit gelange: sonst vertrockne ich ganz.

In Absicht der Französischen Revolution mögen sich unsre Gedanken manchmal begegnet sein, da es scheint, daß Sie daran soviel Anteil nehmen. Auch ich habe es getan: denn es ist ein gewaltiges Thema, daraus und daran im Guten und Bösen zu lernen. Jetzt ermatten beinah meine Kräfte, da so vieles gedacht, gesagt, beschlossen, u. so wenig recht eingerichtet und ausgeführt wird. Noch bin ich auf ihre Projekte über die NationalErziehung begierig: denn schließe ich das Buch vor der Hand, und warte ruhig die Zeit ab, die am Ende alles aufs beste ordnet. Wenn nur kein Krieg das ganze Spinnengewebe zerreißt: denn da so wenig ausgeführt u. fest eingerichtet ist, bleibt das meiste am Ende doch alsdenn ein Spinnengewebe. Das Problem der Stellung Frankreichs mit andern Europäischen Mächten u. dem ganzen Bedürfnis unserer Zeit ist mir immer das schwerste Stück der Auflösung gewesen. Wenn nur eben an diesen spitzen Ecken nicht das ganze Werk scheitert! Denn leider, es ist keine Insel zu einem völlig neuen Zustande. Sie haben zu tief herauf u. zu weit umher graben müssen, daß sogleich ein fruchtbarer Boden werden könne. Doch was bekümmert uns Frankreich! uns Deutsche, die wir jetzt ein neues Oberhaupt, u. also den Kranz und Gipfel der besten Konstitution haben. Wenn ich mich nur selbst konstituieren könnte; wäre mirs genug. Wir leben wirklich zuviel außerhalb Landes – Indessen ists unleugbar, der Gang der Dinge geht rasch; vor 1800 werden wir noch manches erleben.


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