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Erster Akt

Fritz (serviert schweigend den Kaffee auf dem Sofatisch rechts. Er schleicht darauf an die Tür links und horcht. Stummes Spiel: er zieht sich leise wieder zurück, gibt ein lautes Klingelzeichen und geht, mit dem Blick auf die Tür links, schnell ab.)

Viktor (öffnet die Tür links und sieht ins Zimmer. Dann tritt er ein und ruft zurück:) All right! (Er geht zur Tür rechts und schließt dieselbe ab.) So. – Du kannst erscheinen, Angele!

Angele, (fertig bis auf die Taille angekleidet, von links.)

Viktor (küßt ihr mit tiefer formeller Verbeugung die Hand:) Guten Morgen, mein allergnädigstes Fräulein!

Angele (fröstelnd:) Ach, aber es ist noch kalt hier. Ich will doch lieber meine Taille anziehn – ja?

Viktor. O nein! O bitte nein! Deine Arme . . . Könntest du ahnen, Kind, wie ich deine Arme liebe. (Er faßt sie um die Taille und führt sie nach vorn:) Komm! Wie soll mir der Kaffee schmecken, wenn du ihn nicht so mit deinen schönen, weißen . .

Angele (lächelnd:) Schon wieder galant?

Viktor. Komm nur! Es wird gleich wärmer werden. Der Esel, der Fritz hat natürlich wieder zu spät geheizt. (Sie läßt sich zum Sofatisch führen.) So! Und nun setz dich! Warte! Damit du nicht frierst, werd ich dir dein Tuch holen. (Eilt links ab.)

Angele (bleibt vor dem Sofatisch stehen. Ihr Blick ist auf das Bild über dem Sofa gefallen. Sie betrachtet es unbeweglich.)

Viktor (kommt zurück, naht sich leise und küßt sie von hinten auf die Schulter. Dann legt er ihr das Tuch um:) Nun?

Angele (ohne sich zu regen:) Ist das deine Mutter?

Viktor (erstaunt:) Ja . . .

Angele (in Gedanken:) Sie ist sehr schön . . sehr schön. Und sie sieht so lustig aus. Hast du sie noch gekannt?

Viktor. Nein. Sie starb, als ich zwei Jahr alt war.

Angele (sich nach ihm umwendend:) Weshalb hängt das Bild nicht im Zimmer deines Vaters?

Viktor. Weshalb das Bild nicht . . . Ich weiß nicht. Vielleicht . . . Nämlich mein Vater ist eigentlich riesig sentimental. 4

Angele. Ach so. Aber ich denke, es wäre so'n Lebemann?

Viktor. Auch, ja. Faute de mieux vielleicht.

Angele. Das versteh ich nicht. –

Viktor. Aber nun komm, Kind. Der Kaffee wird ja kalt. Setz dich ins Sofa.

Angele (setzt sich in die Sofaecke, vorn, dem Publikum zu, und schenkt Kaffee ein.)

Viktor (ihr gegenüber auf einem Stuhl:) Danke schön. Siehst du, Angele, so liebe ich nun die Hausfrau! Die Geliebte, welche die Hausfrau spielt. Aber sonst – brr! – sonst rangiert sie in meinen Vorstellungen gleich nach der Schwiegermutter.

Angele (ohne auf ihn zu hören, nachdenklich:) Lebte dein Vater glücklich mit deiner Mutter?

Viktor (befremdet:) Wie?

Angele. Ich meine . . . dein Vater hat deine Mutter wohl sehr liebgehabt?

Viktor. Aber Kind! Was sind das für Einfälle! Selbstverständlich, das heißt: ich habe nie darüber nachgedacht, aber – auch nie daran gezweifelt. Wie kommst du aber nur darauf?

Angele. Ich weiß nicht. –

Viktor. Na – aber lassen wir das. – Ach, ich bin müde . . . (Er gähnt.)

Angele (mit einem kurzen Blick auf ihn:) »Müde.« Hm. –

Viktor. Kind, ich bin doch eigentlich furchtbar leichtsinnig.

Angele. Wieso?

Viktor. Ich hätte dir das nicht versprechen dürfen.

Angele (verächtlich:) Ah so . . .

Viktor. Kind, bedenke mal: Zweihundertundfünfzig! Es ist sträflich viel für meine Verhältnisse. Solltest du –

Angele. Aber nicht für dein Verhältnis.

Viktor. Nein, im Ernst, Schatz . . .

Angele. Ach bitte, wollen wir doch lieber endlich mal davon aufhören – ja? Es ist wirklich nicht mehr interessant. Wozu hast du denn deinen Vater? 5

Viktor. Das ist Unsinn, liebes Kind. Ich bekomme von ihm meine fünfhundert Mark und damit gut. Ich . .

Angele. Und freie Station.

Viktor. Und zweihundertfünfzig sind genau die Hälfte.

Angele. Jawohl, genau. Nicht einmal die – bessere Hälfte. Also sagen wir dreihundert.

Viktor. Um Gottes willen!

Angele. Also bitte nun kein Wort mehr davon.

(Schweigen. Viktor setzt sich neben sie ins Sofa und reicht ihr die Hand. Sie nimmt sie nicht.)

Viktor. Du bist doch nicht böse, Kind? – – Angele. Du weißt doch: am liebsten hielt ich dir Wagen und Pferde . .! Alles . . aber, siehst du . . ich muß mich doch nach meinen Mitteln richten.

Angele. Ein Wort an deinen Vater!

Viktor. Niemals!

Angele. Weshalb nicht?

Viktor. Du weißt es.

Angele. Nein.

Viktor. Angele: du weißt es. Um deinetwillen werde ich ihn nie um einen Pfennig bitten. Mein Vater ist Kaufmann und Lebemann. Er weiß, was Geld ist. Er weiß, was Weiber sind. Wenn er erst anfängt zu kalkulieren, daß eigentlich er seinem Sohne . .

Angele. Viktor!

Viktor. Nun ja. Ich weiß, wie er denkt. Und glaube mir, er denkt schon jetzt so. Dieses väterliche Wohlwollen gegen dich . . . meinst du denn –

Angele (lachend:) Er ist eifersüchtig auf Papa!

Viktor. Ich kenne ihn. Er und die Weiber! Und er hat ein Glück!

Angele. Er ist der Vater seines Sohnes . . nicht wahr?

Viktor. O nein! Durchaus nicht.

Angele. Nicht?

Viktor. Nun ja . . . das heißt . . . 6

Angele. Aber lieber Viktor!

Viktor. Du suchst das nun wieder ins Lächerliche zu ziehn.

Angele. Gewiß! Und mit Recht! Es ist doch auch nur komisch . . .

Viktor. Meine Eifersucht?

Angele. Ja, und auch die Liebenswürdigkeiten vom Papa. Der wohlwollende Herr, der mir so väterlich die Haare streichelt . . .

Viktor. Und dann das Töchterchen fragt: »Nun, was machen Sie denn, mein liebes Kind? Haben Sie gut geschlafen?« Ach, der Alte . . . (Er lacht.)

Angele (ebenfalls lachend:) Nun ja, ist das denn nicht reizend? (Es klopft.)

Viktor. Horch! (Laut:) Wer ist da? (Zu Angele:) Du sollst sehn: er.

Karl (hinter der Tür rechts:) Guten Morgen, Viktor!

Angele (lacht übermütig und hell auf.)

Viktor (ärgerlich:) Richtig! Es ist doch wirklich . . .

Karl. Kann ich eintreten?

Viktor (zögernd:) Jetzt gleich?

Angele (eifrig, halblaut:) Natürlich! Natürlich!

Viktor. Aber Kind, du bist ja noch im Korsett.

Angele. Ach, ich habe ja mein Tuch um. Mach doch!

Karl. Aber wenn ich störe . . .

Viktor. Gleich, Papa!

(Er schließt die Tür auf, die beiden sehen sich an und reichen sich dann die Hand.)

Karl. Guten Morgen.

Viktor. Guten Morgen

Karl (geht langsam nach vorn. Angele ist ruhig in ihrer Sofaecke sitzengeblieben.) Guten Morgen, Fräulein Schwiegertochter. Küßt ihr die Hand.

Angele. Guten Tag, Herr Brandes!

Karl. Nun? Wie geht es Ihnen, mein liebes Kind?

Angele. Danke sehr.

Karl (ihr das Haar streichelnd:) Und haben Sie diese Nacht gut geschlafen? 7

Angele und Viktor (lachen laut auf.)

Karl (beide erstaunt ansehend:) Die Herrschaften amüsieren sich? Ich hörte schon draußen ein fröhliches Gelächter. Darf man nach der Ursache dieser erfreulichen Heiterkeit fragen?

Viktor (klopft seinem Vater auf die Schulter. Malitiös:) Papa, du glaubst gar nicht, wie komisch du bist.

Karl. Also ich mache euch diese Freude! –

(Mit diesen Worten rückt er den Sessel, welcher sich vorn – von der Rampe aus – neben dem Sofa befindet, so herum, daß er dem Sofa gegenüber zu stehen kommt und setzt sich so nah Angele gegenüber, daß sich beide fast mit den Knien berühren.)

Angele (kokett:) Und es ist doch so unrecht von mir, daß ich lache. Ich sollte vielmehr gerührt sein durch die – väterliche Freundlichkeit, die Sie mir erweisen.

Viktor (brutal:) Sehr gut!

Karl (fein:) Ah . . . mein liebes Fräulein! Sie machen mich zum Glücklichsten der Sterblichen, wenn Sie mich erraten lassen, daß Sie ernstliche Zweifel hegen an der – Väterlichkeit meiner Gefühle für Sie.

Angele. Ah . . .

Karl (sich zu ihr vorbeugend, leise:) So darf ich Ihre Ironie doch deuten . . . wie?

Viktor (laut, grob:) Trinkst du noch 'ne Tasse Kaffee, Papa?

Karl (gestört:) Wie meinst du?

Viktor. Ob du noch eine Tasse Kaffee trinkst?

Karl. Ich danke dir, mein Sohn. Ich bin leider schon vier Stunden auf den Beinen.

Angele. Leider?

Karl, (wie eben, leise:) Ja – leider! Wenn ich mich in die glückliche Lage meines beneidenswerten Sohnes versetze . . .

Viktor. Oder vielleicht einen Kognak?

Karl (richtet sich auf und sieht ihn unwillig an – dann ruhig:) Kognak. O ja. Weshalb nicht. Sie trinken gewiß ein Glas mit, Angele – ach, Sie erlauben doch, daß ich Sie so schlechtweg Angele nenne – wie? 8 Es ist ein so schöner, so bezeichnender Name, es wird einem so himmlisch wohl . . . Und – wenn Sie auch nicht an meine väterlichen Gefühle glauben, so werden Sie doch deshalb nicht annehmen, daß ich überhaupt keiner Gefühle für Sie fähig wäre. Nicht wahr, meine liebe Angele?

Angele (nickt ihm zu.)

Viktor, (indem er den Kognak eingießt, wütend:) Hör mal, Papa – du – mußt mal sehr jung gewesen sein.

Karl (aufrichtig:) Ja, das ist wahr, Viktor. Wenigstens als ich so jung war, wie du jetzt, war ich noch sehr viel weniger – alt.

Viktor. Was soll das heißen?

Karl. Aber das läßt sich doch kaum deutlicher sagen. In deinem hoffnungsvollen Alter war ich eben bedeutend jünger als du.

Angele. Darf ich wissen, wie alt Sie sind, Herr Brandes?

Viktor. Sei nicht so boshaft, Angele.

Karl. Angele ist nicht boshaft. – Jawohl – Sie dürfen das wissen, mein Kind. Ich bin zweiundfünfzig.

Angele (ernsthaft:) Sie sehen jünger aus.

Karl. Leider – ja. Man glaubt mir nicht, daß ich für gewisse Torheiten doch schon zu alt bin.

Viktor (grob:) Wirklich?

Angele (gleichzeitig, kokett:) Wirklich?

Karl (gelassen:) Ja, wirklich, mein lieber Viktor. – Na, prosit, Kinder: auf daß es uns wohl gehe und wir lange leben auf Erden!

(Sie nehmen den Kognak und berühren sich mit dem kleinen Finger.)

Angele (trinkt aus und stellt das Glas hin.) Verstehst du, Viktor? – »Du sollst Vater und Mutter ehren.«

Karl. O fürchten Sie nichts, Angele. Der gute Viktor zeigt sich zwar jetzt ein wenig von egoistischen Regungen übermannt, indes . . . im Grunde verstehen wir uns vorzüglich. Nicht wahr, Viktor?

Viktor (antwortet nicht.)

Karl (beugt sich wieder nach Angele vor, leise und schnell:) Ich 9 danke Ihnen übrigens, daß Sie Ihr Versprechen vom vorigen Sonntag gehalten haben.

Angele. Versprechen?

Karl. Nun ja – Ihre Arme . . .

Viktor (wütend:) Ja, weiß Gott – ich glaube, ich verstehe dich!

Karl (ruhig:) Sehen Sie. Da hören Sie's ja. Ja – darüber können Sie ganz außer Sorge sein. Viktor und ich werden uns nie veruneinigen. Bei unserer gemeinschaftlichen Junggesellenwirtschaft ist die Solidarität der Interessen zu evident. Wir kennen uns – haben uns nichts vorzuwerfen und sind ganz offen gegeneinander. Sie kennen doch die hübsche Geschichte von den beiden Bauernfängern, die aneinandergeraten? Beide glauben, einen von denen gefunden zu haben, die nicht alle werden. Als aber der eine anfängt seine Künste zu entfalten, sagt der andere freundlich: Entschuldigen Sie, mein Herr: ich fange selbst Bauer.

Angele (lacht allein, gezwungen.)

Viktor (frostig:) Du bist zu gütig, Papa – aber –

Karl (sieht ihn groß an. Er weicht seinem Blicke aus. Verlegenes Schweigen. Pause.)

Angele (um über die Verlegenheit hinwegzuhelfen:) Ach, da muß ich Ihnen auch eine entzückende Geschichte erzählen. Die ist mir selbst vor einigen Tagen passiert. (Mit einem Blick auf Karl:) Aber es wird mir hier warm . . . (Sie wirft ihr Tuch zurück.)

Karl (drückt ihr dankbar die Hand.)

Viktor (stampft mit dem Fuße.)

Angele (unbeirrt:) Also . . . du weißt doch, Viktor . . . vorigen Freitag war ich doch auf der Hochzeit der Müllers. Die wohnen nämlich in der Etage über uns. Da war auch ein Predigtamtskandidat . . . Predigt-amts-kan-didat . . . Schön, nicht wahr? Aber wissen Sie, Herr Brandes, gar nicht so einer wie man ihn sich gewöhnlich vorstellt. Denken Sie: rote Locken! Als er mich sah, bekam er nun noch einen roten 10 Kopf, – ach das sah reizend aus! – Anfänglich wagte er sich nicht an mich heran. Aber ich glaube: das war nicht aus Schüchternheit, denn er sah mich immer ganz groß an.

Karl. Und Sie erwiderten das mit gewissen – gewissen Blicken . . .

Angele (mit einem frech lüsternen Blick auf Karl:) Ja – Sie wissen Bescheid. Schließlich stellte ihn Frau Müller mir vor. Und nun raten Sie, was das erste Wort war, das er sagte?

Karl. »Ich liebe Sie!«

Angele. O nein, viel praktischer. Er sagte: »Wie ich höre, Fräulein, sind Sie Kindergärtnerin.«

Karl. Prachtvoll! Echt pastoral! Denkt gleich an die Nachkommenschaft. Sie sagten natürlich, daß das allerdings Ihr Beruf sei und daß Sie die Sorge für die kommende Generation zurzeit bei dem Herrn Referendar Brandes übernommen hätten. Nicht wahr?

Angele. O nein, ich sagte ihm – die Wahrheit: ich sei leider Gottes augenblicklich außer Stellung.

Karl. Angele! Sie – und außer Stellung! Das glaubt Ihnen nur ein Predigtamtskandidat. Aber bitte, fahren Sie fort.

Angele. Also darauf tanzten wir, und er wurde immer kühner. Schließlich setzte er mir auseinander, daß er begründete Aussicht habe, demnächst – eine Pfarre zu bekommen.

Karl. Hört! Hört!

Angele. Ah – da wurd ich hellhörig: Aber leider – es war zu Ende. Er errötete wieder und schwieg.

Karl. Und Sie?

Angele. Ich . . . nun, ich sprach von den Freuden des Landlebens. Und dann klagte ich. Ein alleinstehendes Mädchen in Berlin . . . Man wäre so vielen Gefahren, so mancherlei Anfechtung ausgesetzt . . .

Viktor (bitter:) Armes Mädchen.

Angele. Beim Abschiede drückte er mir denn auch feurig die Hand, und mit feuchten Augen sagte er, 11 so recht aus tiefem Herzen, wissen Sie, mit zuckenden Lippen: »Es hat mich sehr –«

Karl (einfallend:) ». . . gefreut Sie kennen zu lernen!« Was?

Angele (lachend:) Unglaublich! Woher wissen Sie das? – Aber dann setzte er noch mit fast erstickter Stimme hinzu: »Man sieht so selten reine und einfache Menschen.«

Karl. Sie sind erkannt!

Viktor (hat sich neben Angele aufs Sofa gesetzt:) Nun – und da?

Angele (spottend:) »Nun – und da?« Seitdem pflegt er mich abends oft zu begleiten.

Viktor. Wohin?

Angele. Zu dir, wenn du nichts dagegen hast.

Viktor. Ah – (Will sie küssen.)

Karl und Angele. Pst! –

Angele. Sei artig.

Karl. Mach mich nicht rasend. In meinem Alter ist das gefährlich.

Viktor (verbeißt seine Wut, verlegen:) Weiter.

Angele. Weiter nichts. Aber – er würde mich vom Fleck weg – heiraten.

Karl. Ein Gemütsmensch.

Viktor. Es gibt immer noch mehr Verrückte, als man denkt.

Angele (feindselig:) Ich danke dir.

Karl (gleichzeitig:) Aber Viktor!

Angele. Du scheinst mich demnach wohl kaum heiraten zu wollen?

Viktor. Aber liebes Kind! Du machst doch sonst bessere Scherze.

Angele. Scherze?

Viktor. Nun ja . . . Du hast eben heute wieder Einfälle wie ein altes Haus. Du weißt: ich habe dich lieb –

Karl und Angele. Pst! –

Viktor. Was soll das heißen?

Karl (behaglich:) O . . . wir wollen dir nur die Mühe 12 sparen, hier, jetzt deinen Gefühlen »voll und ganz« Ausdruck zu leihen. Ich persönlich bin ein Feind jeglichen Luxus. Gib mir eine Zigarette.

Viktor (reicht ihm sein Etui.)

Angele. O Viktor – Viktor – du stellst es dir zu einfach vor. (Sich erhebend:) Ich muß jetzt gehn. – Bitte hol mir meine Sachen.

Karl. Aber nicht doch . . .

Angele. Ja . . . ja, ich muß. Es ist gleich Zwölf. Bitte.

Viktor (ab nach links.)

Karl (hastig:) Angele! Ich muß Sie sprechen. Endlich mal allein. Heute. Sagen Sie! Wann und wo? Schnell!

Angele (ebenso:) Kommen Sie um Drei. Zu mir. Ich bin allein.

Karl. Ah du . . . Süßes Weib! (Er will sie küssen.)

Angele. Pst. Er kommt. Er kommt.

Viktor (kommt mit Angeles Sachen:) Wintertrikot – was?

Angele. Jawohl

Karl (betrachtet sie, während ihr Viktor beim Anziehen behilflich ist:) Wintertrikot. – – Aber müssen Sie denn wirklich schon gehn, Fräulein Angele?

Angele. Leider, Herr Brandes. Was würde meine Wirtin sagen. Sie wartet auf mich mit dem Essen.

Karl. Und haben Sie denn einen weiten Weg? In welcher Gegend wohnen Sie denn, wenn ich fragen darf?

Angele. Ach – hoch im Norden – Philippstraße 26.

Viktor, (während er ihr den Mantel anzieht, sieht sich nach Karl um:) Zwei Treppen, rechts. Damit du's ganz genau weißt.

Karl. Nun, da benutzen Sie wohl die Ringbahn bis zur Luisenstraße. Aber Fritz kann ja auch eine Droschke holen.

Angele. Zu gütig, Herr Brandes. Aber ich habe noch einige Besorgungen. (Sie reicht ihm die Hand:) Adieu! Es hat mich sehr gefreut –

Karl (ihr die Hand schüttelnd:) »Sie kennen zu lernen. Man sieht so selten reine und einfache Menschen.« Auf Wiedersehn! (Lachen.) 13

Angele (ebenfalls lachend:) Auf Wiedersehn!

Viktor (öffnet ihr die Tür:) Bitte. (Beide rechts ab.)

Karl (allein. Er geht schnell auf und ab:) Donnerwetter! – »Los den Anker! Das Steuer dem Strom! Den Winden Segel und Mast!« – Das ist mal wieder was! Teufel auch! (Er bleibt stehen, ruhig:) Hm. Also um Drei. Einen Schmuck kaufen . . . um Zwei Essen . . . Kutsche . . . Philippstraße 26, zwei Treppen, rechts. (Wieder gehend:) Weib – – Weib –

Viktor (tritt wieder ein und geht zum Schreibtisch.)

Karl. Nun, ist sie fort?

Viktor (mürrisch:) Allerdings.

Karl. Ein brillantes Geschöpf! Junge, du hast weiß Gott mehr Glück als – ich Verstand!

Viktor. Ich wage dir nicht zu widersprechen.

Karl. Herrliches Mädchen!

Viktor, (sich vor dem Schreibtisch niederlassend, so daß er dem Publikum und seinem Vater den Rücken kehrt.) Mein Gott, ja – sie scheint dir ja ganz gut zu gefallen.

Karl. Na und ob! Den Geschmack scheinst du doch von mir zu haben.

Viktor. Den Geschmack – ja, das macht mir fast den Eindruck. (Er dreht sich schnell zu Karl um:) Ein Wort, Papa! aber du mußt mir nicht böse sein. Ich muß dir allen Ernstes gestehen, ich . . . ich . . . verstehe dich einfach nicht. Jedesmal, wenn die Angele hier war, erscheinst du des Morgens. Und immer früher. Anfangs trafst du sie nur beim Fortgehen – zufällig – auf dem Korridor. Nach einiger Zeit verirrtest du dich einmal – zufällig – hierher, in mein Zimmer – ich glaube, du wolltest mich fragen, wo Wadelai liegt . . . Seitdem haben wir fast regelmäßig die Ehre, dich beim Frühstück zu begrüßen. Und zwar beglückst du uns immer zeitiger. Heute war Angele noch nicht einmal fertig angezogen. Nächstens wirst du . . . Es ist wirklich . . .

Karl (auflachend:) Ach du zimperlicher Kerl! 14

Viktor. Lieber Papa! Ich bitte dich, die Sache auch einmal anders, als komisch auf dich wirken zu lassen. Ich begreife dich nicht, ich weiß gar nicht, was du willst. Du mußt doch merken, daß mir, wenn Angele bei mir ist, deine Anwesenheit in doppelter Weise peinlich ist. Einmal weil du überhaupt ein Dritter bist –

Karl. Ähä!

Viktor. – besonders aber deshalb, weil du – mein Vater bist.

Karl. Wer? – Ich?

Viktor. Nun ja – du.

Karl. Hm. –

Viktor. Siehst du, ich besitze nicht die konsequente Schamlosigkeit, die du bei mir vorauszusetzen scheinst. Das Ungeheuerliche einer solchen Situation, wie eben, empfinde ich höchst – höchst unangenehm. Es stört mich eben.

Karl (ironisch:) Läßt du dich schon wieder von deinen egoistischen Regungen übermannen? So ein geringfügiges Gefühl der Störung zu ertragen, um seinem Vater eine große Freude zu gönnen – das bringst du nicht fertig. Das – das »stört dich eben«.

Viktor (energischer:) Papa! Wenn du nicht ernsthafter mit mir über diese Sache sprechen willst – gut, dann schweigen wir. Aber dann möchte ich mir meinerseits dir zu bemerken erlauben, daß ich in Zukunft auf diese Morgenbesuche von dir verzichte. Mit deiner gütigen Erlaubnis werde ich dir die Tür von nun an nicht mehr aufschließen. Mit einem Worte, wir werden uns nicht mehr von dir stören lassen.

Karl (tritt ihm nach kurzem Schweigen näher. Scharf:) »Wir?« Sagtest du: wir?

Viktor. Allerdings.

Karl. Also: auch Angele – meinst du – hätte eine Störung empfunden?

Viktor. Ja – freilich. Eben auf der Treppe sagte sie noch: Du, der Alte fängt wirklich an lästig zu werden. 15

Karl (schlägt vor Vergnügen die Hände zusammen:) Ach das ist ja köstlich! Dieses Weib – weiß Gott, das ist allein schon zum Entzücken.

Viktor (verblüfft:) Wieso denn? Zum Entzücken . . .

Karl. Viktorchen! (Mitleidig:) Ach Viktorchen, du mußt – verliebt sein.

Viktor gereizt: Ach bitte, antworte mir! Wieso . . . wieso ist das zum Entzücken? Glaubst du etwa nicht, daß du ihr lästig gefallen bist? Bildest du dir vielleicht gar ein –

Karl (sanft:) Werde nicht abgeschmackt, Viktor. Ich bilde mir gar nichts ein. Ich habe eben nur meine besondere Art, die Weiber – hochzuschätzen, und so kann es kommen, daß ich etwas an ihnen entzückend finde, was anderen vielleicht weniger ekstatische Gefühle abgewinnen würde. (Er legt Viktor die Hand auf die Schulter, kameradschaftlich:) Lieber Junge! Wir wollen uns doch nicht gar wegen eines solchen Weibes zanken!

Viktor. Eines solchen Weibes?

Karl. Nun ja – überhaupt wegen eines Weibes.

Viktor. Es ist meine Geliebte.

Karl. »Geliebte!« Dieser Ausdruck! Ja –: liebst du sie denn?

Viktor. Lieben – was heißt »lieben«. Heiraten werde ich sie nicht.

Karl. Ah – bravo! der Gedankengang war deiner würdig. Nicht wahr: man heiratet – oder – man heiratet nicht. Das ist alles. – Nun siehst du: ich – ich werde sie – auch nicht heiraten. Das ist aber auch wirklich das einzige, was ich dir mit einiger Bestimmtheit versprechen kann.

Viktor (erregt:) Aber deshalb gehört Angele doch mir. Ich habe doch ein Recht auf sie – ich –

Karl. Pardon! Du wirst gewiß nicht bestreiten wollen, daß ich – wie soll ich sagen – wohlhabender bin, als du. Also demnach, wenn man einmal von Rechten spricht – hätte ich doch wohl ein größeres »Recht« auf sie, als du. 16

Viktor. Wie? – Ach nun machst du wieder schlechte Witze. – – Lieber Papa! Quäle mich doch nicht so! Ich weiß ja: ich kämpfe gegen Windmühlen. Es ist ja selbstverständlich: du denkst gar nicht daran, mir ernstlich ins Gehege zu kommen, du willst eben ein pikantes Gespräch mit ihr . . . ihre schlagfertige Koketterie amüsiert dich usw. – Ich weiß das alles – wozu mich aber so quälen und peinigen! So viel kann dir doch ernstlich nicht an dem Geplauder mit ihr liegen, daß du darum solche gereizten Szenen zwischen uns heraufbeschwören müßtest, und es kann dir doch unmöglich so viel auf diese Morgenvisiten ankommen, daß du mich darum in die Versuchung führst, so . . . so unschicklich gegen dich zu werden.

Karl. Wie seriös du diese ganzen Verhältnisse nimmst – es ist unglaublich! Was ist denn eigentlich? Ein Mädchen, ein Weib, ein hübsch gebautes, nicht allzu langweiliges Ding – nun ja . . . Aber das ist doch auch alles. Oder weißt du noch mehr? Mein Gott, du tust, als hätten wir noch niemals zusammen etwas ausgefressen, als . . .

Viktor (heftig aufspringend:) Halt! Jetzt bekennst du aber Farbe! Jetzt heraus mit der Sprache! Was willst du? Denkst du wirklich daran –

Karl (laut, geärgert:) Zum Teufel: natürlich denke ich daran! Was denn sonst? Wofür hältst du mich? Für einen Schuljungen oder für einen Greis? Meinst du, ich wollte mich mit einem so strammen Mädel in Konversation üben? Haben will ich sie – natürlich will ich sie haben!

Viktor (lehnt sich in dumpfem Schweigen an den Tisch.)

Karl. So sei doch nur für zwei Pfennig vorurteilslos. Du bist doch sonst nicht so atavistisch veranlagt. Es wär doch zu lächerlich, wenn wir uns zanken wollten . . zanken – um ein Weib. Ich will es dir ja nicht wegnehmen – Gott bewahre, denke gar nicht daran. Aber – na, sei kein Frosch! Wir sind seit Jahren gute Freunde – wollen wir uns wegen einer so dummen Sache 17 entzweien? (Er reicht ihm die Hand:) Komm, gib mir deine Hand!

Viktor (wie aus einer Erstarrung aufwachend, weicht ihm mit einer heftigen Gebärde aus:) Niemals! Niemals! (Er geht nach rechts.) Du forderst zu viel, Papa – zu viel von mir. Ich kann das nicht mitmachen. Ich weiß nicht – schon jetzt erschrecke ich manchmal vor mir selbst . . . meine Anschauungen, meine Grundsätze, mein ganzes sittliches Wesen tritt mir fremd, unheimlich fremd entgegen. Dann weiß ich nicht mehr, was aus mir geworden ist, wie ich das geworden bin . . . Aber nun erst dies – dies . . .

Karl (unterbricht ihn mit einer hastigen Bewegung. Dann nach einer Pause:) Verachte das Weib.

Viktor. Du sagst das, du – den ich kenne als so gütig, so edelmütig, so feinsinnig – du sagst –

Karl. Verachte das Weib!

Viktor (wendet sich, einem plötzlichen Einfalle folgend, lebhaft zu Karl um. Herausfordernd:) Und meine Mutter?

Karl (aufbrausend:) Mensch!

Viktor (unbeirrt auf das Bild weisend:) Die da!?

Karl (außer sich:) Junge, nimm dich in acht! (Bitter:) Merkwürdig, wie du die Pointe findest. (Kalt befehlend:) Schweige von deiner Mutter! Ich rate es dir. Zu deinem Vorteil. In deinem Interesse.

Viktor. Siehst du! Also schon die Erwähnung ihres Namens macht dich rasend. Dich, der sich am liebsten den Anschein gäbe, als ob er –

Karl. O du Schlaukopf! Schlaukopf! Nicht wahr? Und das edle Frauenbild deiner Mutter im Herzen, sollte ich – o du geistreichster der Menschen – sollte ich mich zu Tode schämen, so gering von ihrem Geschlecht zu denken!

Viktor. Vater . . .

Karl (tritt gegen das Bild vor und sieht zu ihm auf:) Eine schöne Frau! O ja! Sieh nur diesen Mund, dieses Lächeln. – Und eine kluge, o eine sehr kluge Frau! Sieh diese Augen, diesen Blick. – Ja – ja: das Bild 18 ist gut. Ach und dieser feine spöttische Zug um Nase und Mund – so pikant, so fein, so selbstbewußt dabei . . . O, sie war über vieles hinaus, diese Frau . . . Über vieles! (Mit völlig veränderter, unheimlicher Stimme, indem er noch immer starr auf das Bild schaut:) O Gott – dieses Bild würde mich töten, müßt ich es lange so anschaun. (Wendet sich mit einem plötzlichen, gewaltigen Ruck ab. Befehlend:) Zum letzten Male! Schweige mir von deiner Mutter! Kein Wort mehr von ihr! Freu dich, wenn ich vergessen kann. (Er ist auf Viktor losgegangen, dieser weicht unwillkürlich gegen das Fenster zurück.)

Viktor. Was ist das? Bin ich verrückt? Was – Ha . . . Teufel . . . du wagst es, mir – meine – meine Mutter zu beschimpfen . . . du . . . du . . . (Er dringt außer sich auf ihn ein und packt ihn an.)

Karl (stößt ihn von sich, Viktor taumelt zurück und sinkt in den Stuhl vorm Schreibtisch. Stolz aufgerichtet:) Geschmacklos! – Ich bin stärker als du. Ich – war auch stärker als – dein Vater. (Er geht langsam nach rechts ab.)

Viktor (ist wie vernichtet im Stuhl zusammengesunken. Schweigen. Dann wie nach Luft ringend:) Also also – – Tonlos: Verachte das Weib (Pause.)

Karl (tritt mit Überzieher und Hut wieder ein. Gleichgültig:) Ich werde heut nicht mit dir essen können. Es ist spät geworden. Ich habe eine Verabredung und vorher noch eine Besorgung. (Etwas näher tretend, leise:) Ich bedaure den Ausgang unseres Gespräches. Es war dumm von mir. Denk nicht mehr daran! Ich bin dein Freund. Ich werde es bleiben. Das Vergangene bleibt begraben. Man muß das Leben nicht tragisch nehmen. – Adieu. (Er geht zur Tür und ruft hinaus:) Fritz! Eine Droschke. – (Er zieht sich den Mantel an.) Philippstraße 26, zwei Treppen, rechts.

Vorhang.)

 


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