Autorenseite

 << zurück weiter >> 

III.
Rodrigo Borgias Laufbahn

Am 22. Januar 1459 verließ Pius Rom mit den Kardinälen Bessarion, Estouteville, Alain, Calandrini, Barbo, Colonna und Borgia. Der lange Zug der Kurie bewegte sich fort zu Roß. Überall strömte das Landvolk herzu, den Papst zu sehen, welcher, wie nie ein anderer vor ihm, das offene Land durchzog, nur von wenigen Bewaffneten gedeckt. Der wanderlustige Piccolomini liebte auch als Papst das Reisen; nur wurde es ihm schon in Narni verleidet, wo sich die gierige Bevölkerung auf ihn stürzte, um das Pallium (kl. Schultermantel) über seinem Haupte wegzureißen. Schwerter blitzten vor den Augen des Papstes; er konnte sich an die rohe Szene erinnern, welcher einst Friedrich III. auf seiner Romfahrt in Viterbo ausgesetzt gewesen war. Seither stieg er in eine Sänfte, deren Träger alle 500 Schritte wechselten. So wurden vier lange Monate, den Aufenthalt in Städten mitgerechnet, auf der kurzen Entfernung von Rom nach Mantua verbraucht.

Nach einem Besuch bei seiner Schwester Catarina in Spoleto und einer kurzen Rast in Assisi zog Pius II. in Perugia ein, reitend auf einem weißen Zelter, während die Magistrate der Stadt einen purpurnen Baldachin über seinem Haupte trugen. Zwölf weiße Pferde, von Stallknechten an goldenen Zügeln geführt, schritten ihm vorauf. Sein Einzug in der Hauptstadt Umbriens sollte ein königliches Schauspiel sein, denn seit 70 Jahren war da kein Papst gesehen worden. Er empfing die Huldigungen Federigos von Montefeltre und ersah sich ihn zu seinem General.

Drei Wochen blieb er in Perugia, dann schiffte er sich auf dem trasimenischen See ein, nach Siena zu gehen. Diese Republik, worin die Volkspartei herrschte, sah mit Mißtrauen ihrem Mitbürger entgegen. Sie hatte zwar die Piccolomini wieder aufgenommen, fürchtete aber, daß Pius die Wiederherstellung des gesamten Adels fordern werde. Schon in Rom hatten ihre Boten mit ihm unterhandelt, und sie waren auch in Perugia erschienen: die Signorie begehrte, daß er nicht als Feind der Freiheit komme, sondern sich jeder Einmischung in die Verfassung der Stadt enthalte. Die Bürgerschaft bewaffnete sich voll Argwohn. Nach langen Unterhandlungen holten sienische Gesandte den Papst bei Chiusi ein, und sie erlaubten ihm, seine Vaterstadt zu betreten. Ehe sich Pius dorthin begab, rechtfertigte er seinen Papstnamen durch den Besuch seines Geburtsortes Corsignano und des Grabes seines Vaters; seine Mutter war vor vier Jahren in Siena bestattet worden. Corsignano beschloß er zum Bistum zu erheben und mit Palästen auszuschmücken. Er gab diesem Flecken den Namen Pienza, und noch heute erinnern dort verödete Prachtbauten an die Pietät Pius' II.

Als er am 24. Februar in Siena einzog, erinnerten ihn tausend Dinge an eine Vergangenheit, von welcher er vieles gern mit einem Schleier bedecken mochte, während er freudiger bei jenen Festtagen verweilte, als er Donna Leonora dem Kaiser zugeführt hatte. In dem herrlichen Dom redete er zum Volk von der Größe seiner Republik, die der Kirche einen weltberühmten Papst, Alexander III., gegeben hatte. Er schenkte die Goldene Rose Goldene Rose: Tugendrose, vom Papst geweiht. der Signorie, aber er erbitterte das Volk durch die unkluge Forderung, den Adel wieder zu den Staatsämtern zuzulassen. Der Volksrat gab mit einiger Beschränkung nach. Siena erhob Pius zum Erzbistum und unterwarf diesem Grosseto, Massa, Chiusi, Soana; Radicofani, welches die Sienesen lange vorher unter der Führung eines Piccolomini erobert hatten, verlieh er ihnen als Kirchenlehen auf ewige Zeit.

Gesandtschaften des Kaisers, Spaniens, Portugals, Burgunds, Böhmens und Ungarns trafen in Siena ein, und der Papst bat sie, ihm nach Florenz zu folgen, wo er am 25. April einzog, von den Bürgern festlich eingeholt und geleitet von den Signoren von Rimini, Faenza, Forli und Imola, während ihm Sforza von Mailand, der Verbündete der Florentiner Republik, seinen erstgeborenen Sohn Galeazzo mit glänzendem Gefolge zur Begrüßung schickte. Die Tyrannen des Kirchenstaates, unter ihnen der frevelvolle Gismondo Malatesta, trugen mit widerwilliger Unterwürfigkeit ihren in der Sänfte ruhenden Lehnsherrn streckenweit auf den Schultern, bis man den Papst in feierlicher Prozession zur Santa Maria Novella in Florenz brachte, wo auch die Residenz Martins V. und Eugens IV. gewesen war. Außer Venedig blühte damals keine Stadt Italiens herrlicher als Florenz. Das Haupt ihrer Republik war noch Cosimo, ihr Bürger, ihr reichster Handelsherr, welcher die Märkte von Europa, Asien und Afrika beherrschte, ein Krösus und zugleich der weiseste Staatsmann Italiens. Man zeigte Pius die Bauten, welche dieser Mäzen hatte entstehen lassen, und schätzte ihre Kosten auf 600 000 Goldflorene Goldflorene: In Florenz geprägte Goldmünze.. Mit Zurückhaltung empfing ihn der kluge Medici; über die italienischen Angelegenheiten sprach er sich nur mit Vorsicht aus. Acht Tage lang blieb Pius in Florenz; man gab ihm zu Ehren Schauspiele, auch Wettrennen zwischen Löwen und Pferden. Er betrauerte den Tod des als heilig verehrten Erzbischofs Antonin, welcher während seines Aufenthalts in jener Stadt starb.

Wenn seine Reise bis dorthin einem Triumphzuge gleich gewesen war, so konnte sich dies ändern, sobald er den Apennin überschritt; denn dort hörte, wenn auch nicht das geographische Reich, so doch der gebietende Einfluß der Päpste auf. Latium, die Sabina, Spoleto und Tuskien, so unsichere Besitzungen S. Peters sie auch waren, lagen wenigstens in der Machtsphäre Roms, aber jenseits des Apennin begann ein anderes Völkergebiet. Die Marken und die Romagna, die fernsten und unruhigsten Provinzen des Kirchenstaates, hatten ihren politischen Pol in Mailand und Venedig. Da lag zuerst das mächtige Bologna, auf dessen himmelhohen Türmen das Wort »Libertas« geschrieben stand. Dort hatte der Legat der Kirche nicht die geringste Gewalt. Die Bentivogli vielmehr regierten unter der Vormundschaft des weisen und kräftigen Santi. Auf den Rat Sforzas hatten die Bolognesen den Papst schon in Rom eingeladen, ihre Stadt zu besuchen, aber zugleich zehn Scharen mailändischer Reiter in ihre Mauern aufgenommen. Als nun die Bürgerschaft von der Annäherung des Heiligen Vaters hörte, geriet sie in Aufregung, als nahte sich ein der Freiheit Tod bringender Tyrann. Pius selbst weigerte sich, in Bologna einzuziehen, ehe ihm nicht jene Mailänder Truppen vereidigt und unter den Befehl des jungen Galeazzo gestellt waren; denn dieser war ihm dorthin voraufgegangen. Man verständigte sich: ehrenvoll wurde Pius am 9. Mai eingeholt; kniend reichte ihm der Magistrat die Schlüssel der Stadt, die er den Anzianen zurückgab; die edelsten Bürger trugen seine Sänfte, doch wenn er daraus hervorschaute, dem Volk den Segen zu erteilen, sah er die finstern Paläste von trotziger Jugend in Waffen umringt. Ein geschwätziger Redner, der Jurist Bornio, welcher bei der öffentlichen Begrüßung den anarchischen Zustand Bolognas beklagte und den Papst ermunterte, die Stadt zu reformieren, wurde ins Exil geschickt.

Am 16. Mai verließ Pius mit froherem Herzen, als er gekommen war, das unheimliche Bologna. Man geleitete ihn auf einem Schiff den Po hinab. Hierauf führte ihn Borso, der Herzog von Modena, am 18. Mai nach Ferrara, welches er von der Kirche zu Lehn trug. Diese Stadt war von Volk erfüllt, das aus meilenweiter Entfernung zu den Festen herbeigekommen war; denn mit jeder Art von Huldigung, mit Spielen und Schaugeprängen feierte Borso seinen Gast. Als er sich sodann so große Kosten durch den Erlaß des schuldigen Tributs und die Erteilung der Herzogswürde für Ferrara bezahlt machen wollte, erreichte er seine Absicht nicht. Grollend geleitete er den Papst auf dem Po, welchen schön geschmückte Gondeln durchfurchten, bis zum Gebiete Mantuas. Er versprach, dort zur Zeit sich einzufinden, doch er kam nimmer.

Endlich erreichte Pius am 27. Mai 1459 Mantua. In dieser uralten Stadt Virgils herrschte der feingebildete Ludovico Gonzaga, der Sohn jenes kriegsberühmten Giovan Francesco, welchen Sigismund zum Markgrafen erhoben hatte. Er überreichte dem Papst am Tore kniend die Schlüssel der Stadt, die er ihm zur Verfügung stellte, und er geleitete ihn im Festzuge nach seiner Residenz. Dies von finstern Türmen umringte Schloß wetteiferte schon damals mit dem Urbinos, ehe es Ludovicos Nachfolger zu der großartigsten Herrenburg Italiens erweiterten.

Der Kongress zu Mantua

Das Parlament zu Mantua macht in der Geschichte Europas Epoche. Es war der erste wirkliche Mächte-Kongreß zu einem allgemeinen Zweck. Weil der Türkenkrieg noch als Kreuzzug galt, glaubte sich der Papst berechtigt, nicht allein den Kongreß zu berufen, sondern auch dessen Präsident zu sein. So tief war das Ansehen des Reichsoberhauptes gesunken, daß niemand diese Berechtigung bestritt, und daß der Kaiser die Leitung einer europäischen Angelegenheit ruhig dem Papst überließ; freilich sah er das nichtige Resultat voraus. Pius fand sich in seinen Erwartungen getäuscht, denn Mantua war von Gesandten leer; die Mächte Europas, selbst Italiens, beschickten den Kongreß entweder gar nicht oder sehr spät. Zumal hinderte die Belehnung Ferrantes die Pläne des Papstes, indem sie die Parteien schuf, welche fortan die Gestaltung Italiens bestimmten.

Der König Frankreichs vertrat die Ansprüche des Hauses Anjou, und zu Frankreich neigten sich Venedig und Florenz; indem nun auch die Orleans Rechte auf Mailand erhoben, zwang dies Sforza, die Sache Ferrantes zu verfechten. Er schloß mit Pius II. einen Bund. Nachdem er seine Gemahlin und seine fünf Kinder, darunter Galeazzo Maria und die sechzehnjährige Hippolyta, nach Mantua vorausgeschickt hatte, kam er selbst dorthin im September 1459.

Die Boten des im Peloponnes bedrängten Kaisers von Byzanz und andre von Epirus, Lesbos, Cypern und Rhodus brachten den Hilferuf des letzten Restes des byzantinischen Reiches vor den Thron des Papstes, und Pius eröffnete die Sitzungen des Kongresses am 26. September. Seine Türkenrede erntete den Beifall ciceronischer Beredsamkeit, ohne den Zuhörern den Ruf »Deus lo vult« Deus lo vult: »Gott will es so«. zu entlocken, welcher einst den kunstlosen Worten Urbans II. zu Clermont geantwortet hatte. Nach ihm hielt Bessarion im Namen des Kardinalskollegiums eine lange Rede.

Die Sitzungen wurden mit glänzenden Phrasen oder mit peinlichen Streitfragen ausgefüllt, bis endlich der Papst die Ergebnisse seiner Anstrengungen in der Bulle vom 15. Januar 1460 zusammenfaßte, wodurch ein dreijähriger Türkenkrieg Europas vom 1. April ab verkündigt und ein allgemeiner Zehnte ausgeschrieben ward. Der Bannerträger dieses Kreuzzuges sollte der Kaiser Friedrich III. sein, und keine größere Karikatur des ersten und zweiten Friedrich würde in diesem Falle die Geschichte gesehen haben. Der ehemalige Schreiber in der Kanzlei zu Wien durfte es sich erlauben, das Oberhaupt des Reiches förmlich zum Generalkapitan des Kreuzheeres zu ernennen. Er schickte Bessarion als Legaten zu ihm; dieser Kardinal erschöpfte vergebens seine Beredsamkeit vor Kaiser und Reichsständen, bis er fruchtlos nach Italien zurückkehrte.

Der Papst schloß den Kongreß, nachdem er am 18. Januar eine Bulle erlassen hatte, worin er erklärte, daß fortan jede Berufung an ein Konzil, von wem immer sie ausgehen möge, als Ketzerei und Majestätsverbrechen bestraft werden solle. Die Bulle »Execrabilis« Die Bulle »Execrabilis«: Die Bulle der feierlichen Verfluchung. war das erstaunlichste Aktenstück, welches aus jenem Kongreß hervorging. In den Augen der Papisten mochte sie als dessen wahrer Zweck erscheinen. Sie hob das Werk von Konstanz und Basel auf; sie sollte die päpstliche Monarchie gegen die Flut der Konzilienbewegung sichern, welche seit dem Ausgange des mittelalterlichen Papsttums immer mächtiger gegen sie herangedrungen war. Die Berufung an das Konzil war die furchtbarste aller Waffen sowohl feindlicher Fürsten als reformbedürftiger Völker, und nun schmeichelte sich Pius II. mit dem Gedanken, diese Waffe für immer zerbrochen, die päpstliche Alleingewalt für immer gerettet zu haben. Als diese Bulle veröffentlicht wurde, konnte sich jeder Mann mit Erstaunen sagen, daß sie derselbe Piccolomini als Papst erließ, welcher einst zu Basel die Autorität des Konzils so eifrig verfochten hatte. Jetzt verbot er mit der Berufung an eine Kirchenversammlung auch die Reform der Kirche überhaupt, denn diese konnte nur durch jene irgendeinem Papste abgezwungen werden. Das Dekret in Mantua zu erlassen, war Pius II. dadurch bewogen worden, daß die französischen Gesandten, von denen er den Verzicht auf die pragmatische Sanktion Pragmatische Sanktion: ein wichtiges landesherrliches Grundgesetz, Staat und Kirche betreffend. von Bourges forderte, mit der Berufung an ein Konzil drohten. Dasselbe tat der Herzog Sigmund von Tirol, damals im heftigen Streit mit dem Kardinal Cusa um das von diesem besetzte Bistum Brixen.

Pius erfuhr bald, daß seine Bulle mißachtet wurde; der kühne Rat Sigmunds, Gregor von Heimburg, einer der kraftvollsten Geister Deutschlands und ein Vorläufer der Reformation, appellierte an ein Konzil, worauf der Papst ihn am 18. Oktober 1460 mit dem Bann belegte. Der Streit zwischen Sigmund und Cusa erneuerte in kleineren Sphären den Kampf Ludwigs des Bayern mit dem Papsttum; er stellte in Heimburg einen Streiter auf, welcher die Grundsätze des Marsilius gleich kühn und mit noch schärferem Geist verfocht. Dieser Kampf gehört der deutschen Geschichte an, wo er sich in das schon sichtbare Gewebe der Reformation verschlingt, und wir gedenken seiner nur um jener dreisten Bulle »Execrabilis« willen, auf welche der deutsche Reformationsgeist durch Heimburg die Antwort gab.

Pius verließ Mantua am Ende Januar 1460, um sich nach Siena zu begeben, wo er am 31. eintraf. Er war krank und durch die ihn hindernden Weltverhältnisse tief enttäuscht. England, Spanien und Deutschland erfüllten dynastische Verwirrungen; außerdem war in Neapel der Krieg ausgebrochen. Dort standen viele Barone aus Haß gegen Ferrante und aus alter Anhänglichkeit zur Partei Anjou. Gianantonio Orsini von Tarent, Marino Marzano Prinz von Sessa, der Marchese von Cotrone riefen den jungen Sohn Renés aus Genua, wo er für Karl VII. von Frankreich Regent war, da sich diese von Alfonso bedrängte Republik jenem Könige im Jahre 1458 in Schutz gegeben hatte. Johann von Lothringen-Anjou ließ sich durch die lange Reihe verunglückter Prätendentenzüge seines Hauses nach Neapel nicht abschrecken, sondern er erschien mit einer in Marseille ursprünglich zum Kreuzzuge gerüsteten Flotte schon im Oktober 1459 an jenen Küsten, worauf die meisten Barone sich für ihn erklärten. In kurzer Zeit sah sich Ferrante auf Neapel und Campanien beschränkt. Die wachsende Macht Anjous verstärkte im Frühjahr 1460 Piccinino, während Gismondo Malatesta, für welchen der Papst eben erst in Mantua den Frieden von Ferrante verlangt hatte, bundbrüchig wurde und die Waffen erhob. Der König suchte jetzt Rettung bei Sforza und dem Papst; beide schickten ihm Truppen, aber er verlor die Schlacht bei Sarno am 7. Juli 1460, und bald darauf siegte Piccinino über die päpstlichen Kapitäne Alessandro Sforza und Federigo von Urbino bei San Fabbiano in den Abruzzen.

Pius II. befand sich damals noch im Sienischen, teils mit der Erbauung Pienzas beschäftigt, teils seine Gesundheit in den Bädern zu Macereto und Petriolo stärkend. Es war damals, wo Rodrigo Borgia durch sein üppiges Leben den Unwillen des Papstes erregte: der Vizekanzler der Kirche hielt in einem Garten Sienas Freudenfeste mit schönen Frauen, deren Männer dabei nicht zugelassen wurden. Pius schrieb ihm einen ernsten Brief, das erste Dokument zur Privatgeschichte des nachmaligen Alexander VI.

Tumulte in Rom

Aus Rom trafen immer schlimmere Nachrichten ein. Hier hatte die Abwesenheit der Kurie so gesetzlose Zustände erzeugt, daß sie an die dunkelsten Zeiten der Stadt erinnerten. Welchen Eindruck die damalige Bevölkerung auch auf gebildete Italiener machte, lehrt die Schilderung, welche Campanus, der Hofdichter Pius' II., von ihr entworfen hat. Er war voll Sehnsucht in die Stadt gekommen, und bitter enttäuscht schrieb er seinem Freunde Matteo Ubaldo folgendes: »Das Volk ist den Barbaren ähnlicher als den Römern, widerlich anzusehen, von verschiedenartigem Dialekt, undiszipliniert, bäuerisch in seiner Kultur. Kein Wunder; aus der ganzen Welt strömt es ja in diese Stadt zusammen, wie in ein Tierbehältnis der Dienstbarkeit. Von den Bürgern haben nur wenige das Gepräge alten Adels bewahrt. Denn sie verachten den Ruhm der Waffen, die Größe des Reiches, die Sittenstrenge und die Rechtschaffenheit als etwas Veraltetes und Fremdes, und sie haben sich in Luxus und Weichlichkeit, in Armut, Hochmut und zügellose Lust gestürzt. – Die Fremden in Rom sind nur ein Schwärm von Knechten; da sind Köche, Wurstmacher, Kuppler und Possenreißer. Solche Menschen halten jetzt das Kapitol besetzt. Sie entehren mit dem Schmutz jedes Lasters die erlauchten Statuen der Catuli, der Scipionen und der Cäsaren, auf deren Stätten sie wohnen. Wer sollte nicht in der Erinnerung an die ruhmvollen Taten des römischen Volks, Senats und Heers ihr elendes Leben und den Wankelmut des Glückes beklagen, wenn er sieht, in welchen Unflat jene herrlichen Bildnisse gestürzt sind, während die Häuser der berühmten Römer, der Heerführer und Imperatoren jetzt im Besitze sind von Meuchelmördern, Köchen und Kupplern, und ihre Inschriften Rauch der Garküchen und unsagbarer Schmutz bedeckt, wenn nicht Verachtung, Nachlässigkeit oder Alter sie überhaupt zerstört hat.«

Dies Gemälde ist boshaft und übertrieben, aber einige Wahrheit ist doch in ihm; es läßt die Elemente erkennen, in denen naturgemäß die Herrschaft der Borgia sich ausbildete. Campanus selbst war ein Pfaffendiener; daher überrascht es nicht, wenn er in demselben Briefe sagt: »Alle Würde ist bei den Priestern, die entweder Geburt oder Genie zu diesem Rang erhob.« Er setzt dann mit frecher Stirn hinzu: »Diese sind es, welche aus Rom das machen, was nicht die Kraft des Romulus, sondern die Heiligkeit des Numa Numa: Der sagenhafte zweite König des alten Roms, weise, fromm und friedliebend, Nachfolger des Romulus. aus ihm gemacht haben soll. Aber nicht alle können Priester sein.«

Wir haben das politische Leben der Römer immer tiefer verfallen sehen, bis es unter den Päpsten der Restauration erlosch. In Porcaro war die demokratische Bewegung schon zu den Zwecken Catilinas ausgeartet, in Tiburtius und Valerianus, den Helden des Jahres 1460, sank sie zum Banditenwesen herab. Das Schicksal dieser unglücklichen Brüder war durch schreckliche Erinnerungen an jenes des Porcaro geknüpft, denn ihr Vater Angelo de Maso hatte als dessen Mitschuldiger mit ihrem älteren Bruder den Tod durch Henkerhand erlitten. Blutrache und Freiheitsdrang quälte jene Jünglinge. Unfähig, eine politische Partei zu bilden, rotteten sie Altersgenossen zusammen, um Rom mit Schrecken zu erfüllen. Man zählte gegen 300 trotzige Jünglinge, darunter Söhne angesehener Häuser, wie der Specchi, Renzi und Rossi, welche die Stadt bei Tag und Nacht bewaffnet durchzogen. Der Governator mußte sein Haus auf Campo di Fiore verlassen und nach dem Vatikan flüchten. Dies machte die Rebellen dreister. Man fing Bürger auf, die sich dann loskaufen mußten; man raubte Frauen, ertränkte widerstrebende Mädchen, man plünderte Häuser von Gegnern.

Am 30. März schrieb der Papst nach Rom: dies sei ein ihm selbst angetaner Schimpf: die erstaunte Welt werde sagen, daß er nicht mehr Herr über das römische Volk sei; er könne nicht begreifen, wie die Magistrate solche Frevel von Söhnen der Römer duldeten; man sage ihm, es geschehe, um seine Rückkehr zu erzwingen; er aber wolle selbst die Kurialen, die er dort gelassen, abberufen. Die Behörden Roms blieben machtlos; der Kardinal Cusa hatte längst die Stadt verlassen; Senator war Francesco degli Aringhieri von Siena.

Die Bande des Tiburtius hatte Gönner in der Campagna, weil die Colonna, Savelli und Eversus sie als ihre Werkzeuge gebrauchen konnten. Diese Barone regten sich wieder, als der neapolitanische Krieg ausbrach; sie nahmen Partei für Anjou und setzten sich auch mit Piccinino und Malatesta in Verbindung. Palombara bei Tivoli, wo Jacopo Savelli Baron war, diente den Empörern als Asyl, so oft sie in Rom nicht sicher waren. Als am 16. Mai ein junger Römer ein Mädchen raubte, welches eben Hochzeit halten sollte, brachten ihn die Häscher aufs Kapitol; alsbald drang die Rotte des Tiburtius aus Palombara in die Stadt; sie schleppte ein Familienmitglied des Senators als Geisel zuerst in einen Turm bei S. Maria del Popolo, dann nach dem Pantheon. Neun Tage lang lagen die Räuber in dieser Kirche verschanzt, das umliegende Viertel brandschatzend. Man wagte nicht, sie anzugreifen; die Obrigkeit unterhandelte: der Gefangene wurde ausgeliefert, und lachend machte er das geraubte Mädchen zu seiner Frau. Trotzdem lieferten die Tiburtianer den Häschern Gefechte und begingen tausend Exzesse. Dies Unwesen war nur möglich, weil ein großer Teil des Volkes die Papstgewalt haßte und verstimmt war, sowohl über die Entfernung Pius' II. als über seine Teilnahme am neapolitanischen Krieg. Er hatte seinen Nepoten Antonio zum Hauptmann von Truppen gemacht, die er dem König Ferrante zuführen sollte, und ihm zugleich aufgetragen, die Ruhe in Rom herzustellen. Er kam mit einem Reiterhaufen und richtete nichts aus. Die Empörer verschanzten sich erst in einem Turm bei S. Lorenzo in Lucina, dann im Palaste Capranica. Hier schwelgten sie am Tag, während sie nachts auf Raub auszogen. Tiburtius war ihr König. Endlich bewogen diesen römische Große zum Abzuge. Der junge Bluträcher schritt stolz durch die Stadt, vom Volk bis zum Tor begleitet, worauf er sich mit seinen Genossen nach Palombara zurückzog.

Die Rückkehr des Papstes

Nur mit Widerwillen entschloß sich Pius II. heimzukehren. Es bewog ihn dazu die Entdeckung einer Verschwörung, wonach der Fürst von Tarent, der Graf Eversus, die römischen Barone und Tiburtius den Condottiere Piccinino nach Rom rufen wollten. Piccinino war von den Abruzzen aufgebrochen in der Absicht, gegen die Stadt vorzugehen; zugleich überwältigte Malatesta Städte in den Marken und der Graf von Anguillara Orte im Patrimonium. Am 10. September 1460 verließ Pius Siena. In Viterbo erschienen die römischen Gesandten Antonio Caffarelli und Andrea Santa Croce, berühmte Rechtsgelehrte der Universität, welche ihm sagten, daß die Stadt seiner mit Ungeduld harre: er möge die Frevel der Jugend verzeihen. »Welche Stadt«, so entgegnete der Papst, »ist freier als Rom? Ihr zahlt keine Abgaben, ihr tragt keine Lasten, ihr bekleidet die ehrenvollsten Ämter, ihr verkauft euern Wein und euer Korn um beliebigen Preis, und eure Häuser bringen euch reichlichen Zins. Und außerdem: wer ist euer Gebieter? etwa ein Graf, Markgraf, Herzog, König oder Kaiser? nein, ein größerer als solche, der römische Papst, der Nachfolger Petri, der Stellvertreter Christi – dieser ist es, der euch Ruhm und Wohlstand verleiht, der euch aus der ganzen Welt Reichtümer zuführt.«

Man meldete, daß sich Piccinino Rom nähere, und die Kardinäle rieten dem Papst, in Viterbo zu bleiben, bis Federigo von Urbino und Alessandro Sforza heranziehe, denn leicht könnten die Römer Piccinino die Stadt öffnen. Pius erklärte, daß er dem Condottiere zuvorkommen müsse; wo nicht, würden Rom und Neapel verloren gehen. Besonders der Herzog Sforza bestand auf der Rückkehr des Papstes; er schickte ihm 500 Reiter nach Viterbo. Langsam zog Pius über Nepi, Campagnano und Formello nach Rom. Auf seinem Wege fand er nichts zur Aufnahme gerüstet: man kaufte notdürftigen Bedarf an Wein und Brot. Der Governator und der Senator trafen den Papst an einer schattigen Quelle speisend, was er als Naturfreund zu tun liebte. Am sechsten Meilenstein begrüßten ihn die Magistrate; sie brachten eine Schar junger Römer mit sich, welche die Sänfte des Papstes tragen sollten, und diese trotzigen Burschen waren meist Genossen des Tiburtius, was Pius übersehen mußte. Sein Einzug in Rom nach fast zweijähriger Abwesenheit war traurig genug, obwohl er vom Volk mit Ehren empfangen wurde. Er übernachtete bei S. Maria del Popolo und zog sodann am 7. Oktober 1460 in den Vatikan.

Auflehnung gegen die Priesterherrschaft

Rom fand er tief verstimmt. Denn Piccinino war bis Rieti gerückt und hatte Truppen nach Palombara vorgeschoben. Dies Kriegsvolk vereinigte sich mit dem der Barone, verheerte die Sabina, plünderte die orsinischen Güter und bedrohte die Wirtschaften der Römer mit neuem Untergang. In einer zweistündigen Rede vor dem Volksrat verteidigte Pius seine neapolitanische Politik; da man ihm seine Liebe zu den Sienesen vorgeworfen hatte, so beteuerte er seinen Patriotismus und folgerte sogar aus seinem Namen Aeneas Sylvius, daß sein Geschlecht römischen Ursprungs sei. Wenn seine Beredsamkeit die Römer nicht von der Richtigkeit seiner Staatsgründe überzeugte, so beruhigte doch seine Anwesenheit die Stadt. Daß sie ihm treu blieb, verdankte er noch mehr dem Glück als der Untätigkeit seiner Feinde. Wenige Päpste haben sich zu ihrer Ehre so wenig um Kriegswesen bekümmert wie Pius II. Den Kirchenstaat ließ er fast wehrlos; die Festungen beachtete er nicht; Truppen warb er nur so viele, als für die Unterstützung Ferrantes nötig schienen. Nach Rom war er mit einer kleinen Reiterschar zurückgekehrt, und die Bewachung der Stadt überließ er der Bürgerschaft. Zum Glück war Piccinino nicht stark genug; er befürchtete die Bewegungen Federigos, Alessandros und des Kardinals Forteguerra in seinem Rücken. Sein Versuch auf Tivoli war fehlgeschlagen.

Tiburtius forderte vergebens Piccinino auf, herabzukommen und dem verhaßten Priesterregiment in Rom ein Ende zu machen. Bald stürzte ihn seine eigene Tollkühnheit ins Verderben. Am 29. Oktober hatte sich Bonanno Specchio in die Stadt gewagt, wo er am Colosseum den Häschern in die Hände fiel. Hierauf drang Tiburtius mit vierzehn Genossen kühn in Rom ein, den Freund zu befreien. Sie ergriffen einen Sienesen, schleppten ihn mit sich fort und riefen das Volk zur Freiheit auf. »Es ist zu spät!« so antworteten ihm die Bürger. Die kühnen Jünglinge verfolgte der Senator Ludovico Petroni und der Majordomus des Papstes, Alessandro Mirabelli, mit Truppen. Man ergriff Tiburtius und fünf seiner Gefährten in einem Rohrgebüsch und führte sie gebunden nach dem Kapitol. Papisten verspotteten ihn auf dem Wege dorthin als Tribun und Restaurator der Republik. Er bekannte auf der Folter, daß ihm Wahrsager den Sturz der Priesterherrschaft geweissagt hätten, und daß es sein Plan gewesen sei, sein Vaterland aus der Knechtschaft der Pfaffen zu befreien, deren Joch zu tragen für die Römer schimpflich sei; er habe sich deshalb mit Piccinino verbunden; ihre Absicht sei gewesen, die Stadt, zumal die Paläste der Kardinäle und besonders den Scarampos, auszuplündern. Tiburtius zeigte im Tod ein edleres Gemüt als in seinem unglücklichen Leben. Er bat um nichts als um schnelle Hinrichtung. Der Papst verbot, ihn zu quälen, und am 31. Oktober wurde der Verurteilte, wie sein Vater, im Kapitol gehenkt. Sein Schicksal teilten Bonanno Specchio, Cola Rossi und zwei andere Jünglinge. Die Justiz ereilte im März 1461 noch elf Römer, welche ihre Raubzüge von Palombara aus fortgesetzt hatten. Dies war der klägliche Ausgang der Verschwörung Porcaros, um Rom von der Priesterherrschaft zu befreien.

Jetzt hoffte Pius, Jacopo Savelli zur Unterwerfung überreden zu können: aber der trotzige Baron verwarf die Bedingungen und wurde deshalb in die Acht erklärt. Dringend bat der Papst Florenz und Mailand um Hilfe. Im Winter befreiten ihn endlich Alessandro Sforza und Federigo von der Nähe Piccininos, welcher nach den Abruzzen zurückkehrte. Schon vorher hatte sich Pius in den Besitz Terracinas gesetzt. In dieser dem König Ferrante auf zehn Jahre verliehenen Stadt hatte sich nämlich nach dessen Niederlage bei Sarno eine päpstliche Partei erhoben; sie rief den Schutz der Kirche an, und Pius II. ließ Terracina durch seinen Nepoten Antonio besetzen, ehe ihm der Graf von Fundi zuvorkam. Zwar erregte das den Zorn Ferrantes und auch Sforzas, doch der Papst behielt diesen Schlüssel Campaniens: am 21. Oktober 1460 bestätigte er den Terracinern ihre Autonomie und gab ihnen manche Privilegien.

Im folgenden Jahre unterwarf der Feldherr der Kirche, Federigo von Urbino, die ganze Sabina dem Papst. Im Juli 1461 unterwarf sich auch Savelli in Palombara. Pius schonte diesen Mann aus Rücksicht auf die römischen Großen, mit welchen er verschwägert war; er nahm ihm nur sieben Kastelle und ließ ihm die übrigen. Seither geriet das berühmte Haus der Savelli in immer tieferen Verfall; es behielt bald nur das steile Aspra und Palombara von allen seinen sabinischen Gütern übrig.

Jetzt konnte Pius, begleitet von Federigo, nach Tivoli reisen, wo er den Sommer zubrachte, eine Burg bauen ließ und in Muße seine Beschreibung Asiens entwarf. Auch als Papst liebte er nichts so sehr als ländlichen Aufenthalt. Nie erschien er liebenswürdiger, als wenn er sich mit dem Behagen eines Dichters und Altertumskenner auf Wanderungen in Latium, in Ostia, in Tivoli und dem Albanergebirge befand. In den Sommern besuchte er Etrurien und Campanien, mit Entzücken in den uralten saturnischen Städten verweilend, deren Geschichte und Zustand er beschrieb. Nur mit Heerhaufen oder auf der Flucht hatten frühere Päpste jene Gefilde durchzogen, welche Pius II., den Virgil in der Hand, gemächlich besuchte.

Seine Ruhe störte nur der Krieg mit Gismondo und jener in Neapel. Der Bastard des Pandolfo Malatesta war ein Tyrann im vollen Sinn des Worts, frevelhaft, schön, tapfer, beredt, in humanistischen Studien bewandert und Atheist. Auf ihn und Astorre Manfredi von Faenza hatte Pius im Winter den Bann geschleudert, dessen Fluchformel an die finstersten Zeiten des Mittelalters erinnert und im Munde eines der gebildetsten Päpste um so gräßlicher erscheint. Der kraftvolle Tyrann schlug die Kapitane des Papstes am 2. Juli 1461 bei Kastell Lione aufs Haupt, und noch zwei Jahre lang setzte er den Krieg fort.

Päpstliche Vetternwirtschaft

Viel glücklicher gestalteten sich für Pius die Verhältnisse in Neapel, wo es galt, im Bunde mit Mailand die Franzosen zu vertreiben. Schon im März 1461 warf Genua deren Joch ab und machte Prospero Adorno zum Dogen Doge: Titel des gewählten Staatsoberhauptes der ehemaligen Republiken Venedig und Genua. Doge: Dux, Duce, Führer.. Erfolglos belagerten die befreite Stadt die Geschwader des Königs von Frankreich und Renés. Nach einer verlorenen Schlacht kehrte dieser entmutigt in die Provence zurück. Dasselbe Schicksal hatte bald sein junger Sohn Johann in Neapel. Ferrante, welchem Pius II. im Frühjahr 1461 Truppen unter seinem Nepoten zu Hilfe schickte, während selbst aus Albanien Scanderbeg Kastriota mit räuberischem Kriegsvolk herbeikam, wurde allmählich Herr seines Landes. Die päpstliche Hilfe bezahlte er durch reiche Lehen für Antonio, den Sohn Laudomias und des Sienesen Nanni Todeschini. Nepotismus verleitete Pius, diesen unbedeutenden Neffen groß zu machen, und Neapel, von jeher das Eldorado des Nepotenglücks, bot dazu die Mittel dar.

Im Jahre 1461 machte Ferrante jenen Antonio erst zum Herzog von Sessa, zum Großrichter des Königreichs, dann zum Herzog von Amalfi; auch vermählte er ihn mit seiner natürlichen Tochter Maria von Aragon. Noch größeres Glück ward dem Nepoten zuteil, als Johann von Anjou überwunden war. Der von seinen Bundesgenossen, den Baronen, endlich auch von Piccinino verlassene Sohn Renés entwich im Sommer 1463 nach Ischia und von dort in die Provence. Pius nun, dessen Waffen diese Erfolge keineswegs entschieden hatten, beanspruchte im Namen der Kirche das schöne Herzogtum Sora, worin Pietro Catelmi zu Lehn saß; denn damit wollte er seinen Neffen ausstatten. Federigo von Urbino und Napoleon Orsini eroberten zuerst die Burg Isola, worauf sich Arpino und Sora ergaben. Pietro schloß Frieden mit dem Papst, dem er alle jene Orte auslieferte; auch Pontecorvo, welches einst Alfonso von Eugen IV. erobert hatte, ergab sich den Päpstlichen. Damit nicht befriedigt, beanspruchte Pius auch Celano am Fuciner-See, wo er einen Familienstreit zwischen der Gräfin Cobella und ihrem Sohne Ruggiero auf unredliche Weise ausbeutete. Ferrante widerstritt heftig diesen Forderungen, aber er hielt es doch für klug, nachzugeben, und Antonio Piccolomini wurde als Vasall der Krone Neapels mit der marsischen Grafschaft Celano beliehen.

Auch an Pius II. zeigte sich, wie unwiderstehlich für die Päpste der Reiz des Nepotismus war. Von den vier Söhnen Laudomias hatte er Antonio zum Herzog, Francesco zum Kardinal, Andrea zum Herrn von Castiglione della Pescaja, Giacomo zum Signor von Montemarciano gemacht. Niccolò Forteguerra, von mütterlicher Seite ihm verwandt und bald durch Kriegstaten berühmt, ward Kardinal; Giacomo Tolomei, in Rom verhaßt, Vogt der Engelsburg; Alessandro Mirabelli Piccolomini, welcher mit Ambrosio Spannochi eine Bank in Rom hatte, bekleidete das Amt des Hausmeisters und war Rektor Frascatis; der Sienese Jacopo Ammanati, wie viele andere in des Papstes Familie aufgenommen, erhielt das Bistum Pavia und den roten Hut. Der innigste Vertraute des Papstes war sein Sekretär Gregorio Lolli, Sohn seiner Tante Bartolomea. Zahllose Sienesen wurden mit Ämtern ausgestattet; Siena, so konnte man sagen, blühte in Rom, wohin es ausgewandert schien. Selbst die selige Catarina verdankte Pius II. ihre Erhöhung in den Himmel der Heiligen. Wenn er den Türken Griechenland abgenommen hätte, so würde man in Hellas Piccolomini als Despoten gesehen haben. Jedoch wenigstens nicht auf Kosten des Kirchenstaates bereicherte Pius seine Nepoten, und diese Zurückhaltung bewies er auch, nachdem Malatesta überwältigt war.

Gismondo, durch Federigo von Urbino und Forteguerra mit Erfolg bekämpft und bei Mandolfo am 13. August 1462 geschlagen, wandte sich um Vermittlung an die Venetianer, die, im Besitze Ravennas, den Tyrannen schützten, weil sie die Kirche am Adriatischen Meer nicht wollten mächtig werden lassen. Pius durchschaute die Absichten der Republik, welche gerade im Mai 1463 von Domenico Malatesta Novello das durch seine Salinen wichtige Cervia erkaufte; er wies sie mit Heftigkeit ab, bis er nach der Eroberung Fanos und Sinigaglias durch Federigo ihren Drohungen Gehör gab; denn eben belagerten die Venetianer Triest, wovon Pius einst Bischof gewesen war. Der Papst ließ Gismondo von allen seinen Städten nur Rimini gegen Tribut, und seinem Bruder Cesena und Bertinoro, aber auch diese letzten Städte der Malatesta sollten nach deren Tode an die Kirche zurückfallen. Der Vertrag vom Oktober 1463 zerstörte die Macht des berühmten Guelfenhauses von Verucchio, und so bahnte sich auch in jenen Landen die päpstliche Monarchie ihren Weg.

Das Glück war Pius günstig; dieser Papst, welcher Kriege verabscheute, besiegte alle seine Feinde, eroberte deren Länder und vergrößerte den Kirchenstaat. Zwei Feldherren verhalfen ihm dazu, der berühmte Federigo und der mannhafte Kardinal Forteguerra. Mit Genugtuung sah er einst vom Monte Cavo, dem Gipfel des Albanergebirges, auf den weiten Kirchenstaat hinab, dessen herrliche Gefilde von jener entzückenden Höhe der Blick umspannen kann, soweit sie von Terracina bis zum Kap Argentaro reichen; ein Land, welches, wenn es auch sonst nichts enthielte als die Alma Roma, seine Beherrscher dennoch Kaisern gleichzumachen scheint.

Die Türkenfrage

Die Verwirrungen in Italien hinderten den Türkenkrieg; aber Pius verlor dies große Ziel nicht aus dem Auge, sondern er fuhr fort, Fürsten und Völker dafür anzurufen, während sein Legat Carvajal in Österreich und Ungarn tätig war.

Europa überließ den Kampf mit den Türken dem jungen Heldensohne Hunyadis, Mathias Corvinus (1458-1490), dem Karl Martell des Ostens. Mit Mühe verteidigte er jenes Donauland, während Serbien und Bosnien, Trapezunt, Morea und viele Inseln des Archipels in die Gewalt Mohammeds II. fielen, und Rhodus, Cypern, auch Caffa, die Kolonie Genuas, dem Falle nahe kamen. Auf der Akropolis Athens, dem alten Kapitol der Bildung der Welt, war schon im Jahre 1458 die Fahne des Islams aufgepflanzt worden. Der große Sultan befestigte seine Herrschaft am Bosporus, das griechische Imperium verwandelte sich in das türkische Reich, und von dieser Stunde an wurde die europäische Politik durch ein neues Problem erst in Schrecken und dann in Verlegenheit gesetzt, durch die türkische Frage.

Eine seltsame Hoffnung erfaßte Pius: die Bekehrung des furchtbaren Eroberers zum Christentum. In diesem Falle würde sich die Geschichte der Entstehung des zweiten westeuropäischen Reichs im Osten wiederholt haben; denn wie einst dies Reich auf die Dynastie der Franken übertragen ward, so würde auch das griechische Imperium nur auf eine neue Dynastie, die türkische, zu übertragen und der getaufte Mohammed II. als Kaiser der Griechen anzuerkennen sein. Es hieß, daß er, von einer christlichen Mutter geboren, für das Evangelium nicht unempfindlich sei. Pius schrieb ihm einen Brief oder eine lange Abhandlung. In dieser merkwürdigen Schrift, wohl der am tiefsten empfundenen, die er verfaßt hat, ermahnte ihn der Papst, sich zu bekehren: wenn Mohammed II. Christ geworden sei, würde kein Fürst ihm an Ruhm und Macht gleichen; statt als Usurpator würde er das griechische Reich als legitimer Kaiser besitzen; das goldene Zeitalter würde über der glückseligen Welt aufgehen. Er stellte dem in der Geschichte des Okzidents unwissenden Sultan das Beispiel heidnischer Könige vor, welche wie Constantin, Chlodwig, Reccared, Agilolf und in neueren Zeiten Wladislaw von Litauen große christliche Fürsten geworden waren. Er zeigte ihm, daß die Türkenwaffen ohnmächtig sein, das mit starken Städten besiedelte Italien zu besiegen, und wies nach, daß nicht unter dem Gesetze des Propheten, sondern nur unter dem Evangelium Christi der Friede und die Einheit der Welt möglich sei. Mit theologischer Gelehrsamkeit entwickelte er die Dogmen des Christentums.

Pius II. erhob sich darin noch einmal zu der Höhe der Reichsdogmen Virgils und Dantes, aber er würde auf den Großtürken mehr Eindruck gemacht haben, wenn er statt seiner Missionsrede eine Flotte in den Bosporus und ein Kreuzheer von 200 000 Mann über die Donau geschickt hätte. Wenn sich Mohammed II. herabließ, die päpstliche Dithyrambe in die Sprache der Osmanli übersetzen zu lassen, so wird der Enkel Osmans die genialen Phantasien des Bischofs der Christenheit mit einem Lächeln der Genugtuung angehört haben. Er selbst hatte dem Kampf Europas mit Asien, welcher so alt ist wie das trojanische Epos Trojanische Epos: Homers Ilias., eine neue weltgeschichtliche Gestalt gegeben und die Pläne des Darius und Xerxes ausgeführt. Er konnte hoffen, daß einst der Halbmond auch auf den Zinnen S. Peters erscheinen würde, doch dies war ein Wahn: das Bollwerk Europas wider das asiatische Imperium war, außer der Entstehung des österreichischen Ländergebiets zur rechten Stunde, die abendländische Kultur selbst, gegen welche, wie Pius II. es richtig voraussagte, der Koran ohnmächtig blieb.

Rom war voll von wahren und falschen Abgesandten des Orients, welche Bündnisse asiatischer Chane darboten, und Pius hoffte noch einen europäischen Bund zustande zu bringen. Er zeigte der Welt, sie zu begeistern, das Haupt des Apostels Andreas, welches als der ehrwürdigste aller Türkenflüchtlinge nach Rom gekommen war. Der Legende nach war Andreas, der Bruder Petri, zu Patras gekreuzigt worden; dort blieb sein Kopf zurück, während sein Leib nach Amalfi geführt wurde. Als nun die Türken im Frühling 1460 in Morea einbrachen, herrschten da noch auf den Trümmern hellenischer Städte die letzten Kaiser von Byzanz, Demetrius und Thomas, die Brüder des letzten Constantin. Der erste fiel zu den Türken ab, der andere rettete sich nach dem venetianischen Navarin. Dann kam er nach Korfu, mit sich führend als letztes Kleinod einen Totenschädel, jetzt das Symbol des Reiches Constantins und Justinians und der Kirche des Origines und Photius. Die Fürsten Europas, die sich um Byzanz nicht kümmerten, streckten begierig ihre Hände nach dem sagenhaften Kopf des Apostels aus; viele wollten ihn kaufen; Thomas gab nur dem Papst Gehör. Er landete im Winter 1460 in Ancona; dort übergab er das Haupt dem Kardinal Oliva, und dieser legte es auf Befehl des Papstes in der Burg zu Narni nieder. Der unglückliche Thomas eilte in der Quaresima nach Rom, sich dem Papst zu Füßen zu werfen. Pius II. gab ihm als Trost für ein verlorenes Reich die Goldene Rose, eine Wohnung im Spital Santo Spirito, ein Jahresgehalt und eine Bulle, worin er allen denen, welche mit ihm zur Wiedereroberung Moreas ausziehen würden, Sündenablaß versprach. Der letzte Nachfolger jenes Constantin (303-337), der einst dem Papst Sylvester Rom und das ganze Abendland geschenkt hatte, starb schon am 12. Mai 1465 in jenem Hospital zu Rom.

Feierliche Einholung des Apostelhauptes

Das große Fest der Ankunft des Apostelhauptes in Rom ist eine der seltsamsten Szenen aus der römischen Renaissance. Pius hatte dazu Einladungsbriefe an die Städte Italiens gesandt und den Teilnehmern am Fest Jubiläums-Ablaß bewilligt. Im April 1462 wurde die Reliquie von den Kardinälen Bessarion, Piccolomini und Oliva aus Narni abgeholt. Auf den Wiesen diesseits Ponte Molle, wo sie am Palmsonntage, dem 11. April, eintrafen und wo am folgenden Tage der Empfang stattfinden sollte, hatte man Tribünen und einen Altar aufgestellt. Der Papst wollte die Köpfe Peters und Pauls dem Ankömmlinge zur Begrüßung entgegenbringen, doch das zu schwere Gewicht ihrer Hüllen verbot dies. Er ritt in Prozession mit den Kardinälen dorthin: sie alle trugen Palmen, gleich den Tausenden weißgekleideter Priester.

Bessarion, ein ehrwürdiger Mann mit langem Bart, jetzt Vertreter Griechenlands, reichte am Altar das Kästchen, worin der Schädel lag, weinend dem Papste dar. Weinend und totenbleich warf sich dieser vor dem Apostelhaupt nieder, dann richtete er als echter Sohn seiner Zeit eine lateinische Begrüßungsrede an den Ankömmling. »So kommst du endlich, o allerheiliges duftendes Apostelhaupt, durch die Türkenwut von deinem Sitz vertrieben. Zu deinem Bruder, dem Fürsten der Apostel, nimmst du als Verbannter deine Zuflucht. Dies ist die Alma Roma, welche du vor dir siehst, und die dem kostbaren Blut deines leiblichen Bruders gewidmet ist. Die Römer sind die Nepoten deines Bruders, und sie begrüßen dich alle als ihren Oheim und Vater.«

Dichtgeschartes Volk umringte dies sonderbare Schauspiel. Viele weinten. Der Rede des Papstes diente zum geschichtlichen Hintergrunde das ruhmvolle Byzanz, die unglückliche in die Knechtschaft der Türken gefallene Tochter Roms. Tausend Erinnerungen, der ganze Weltbezug der ewigen Roma, konnte in den Zuschauern wach werden. Päpste waren oft genial in der Erfindung von Kirchenfesten, womit sie auf die Phantasie des Volkes wirkten, und hier war es Pius II. nicht minder als einst Cola di Rienzo, da er die »Lex Regia« dem Volk erklärte. Als er Gott anrief, durch die Vermittlung des Apostels die Christenheit vom Türkenjoch zu befreien, und das Haupt hoch auf der Tribüne vor allem Volk erhob, antwortete ihm das tausendstimmige Geschrei: »Misericordia!« Misericordia: Barmherzigkeit!. Die päpstliche Kapelle sang eine vom Dichter Agapito Cenci gedichtete sapphische Festhymne; die Prozession setzte sich nach Rom in Bewegung, während der Papst die Reliquie in Händen trug. Er übernachtete in S. Maria del Popolo.

Am folgenden Tage brachte man das Apostelhaupt nach dem Vatikan, wobei der Papst auf dem goldenen Thronstuhle getragen ward. 30 000 Kerzen flammten in dem Zuge, welcher sich stundenlang erst längs des Tiber, dann am Pantheon vorbei und auf der Via Papalis fortbewegte. Mit Mühe bahnten ihm die Milizen den Durchgang durch die Volksmenge. Blumengewinde und Teppiche umhüllten die Häuser; aus Fenstern und Türen grüßten mit angezündeten Lichtern schöngeschmückte Frauen das vorübergetragene Haupt. Weihrauchduftende Altäre standen auf den Straßen, Gemälde und Statuen auf den Plätzen.

Die Kardinäle und Großen, deren Paläste am Papstwege lagen, wetteiferten im Luxus ihres Schmuckes. Man pries die Anstrengungen des Prokurators der Rhodiser und des Kardinals Alain; doch sie übertraf Rodrigo Borgia, der seinen Palast mit den reichsten Teppichen bedeckt und auch die Umgebung in ein von Musik tönendes Paradies verwandelt hatte.

Die Reliquie wurde endlich in den prachtvoll erleuchteten Dom getragen. Dort saß im Vestibulum noch die Statue S. Peters: der Papst brach in Tränen aus, wie er an ihr vorüberkam, als ob diese Figur die Begegnung mit dem Bruder fühlen sollte. Als das Haupt endlich in die Konfession Konfession, hier: die Hauptgrabstätte eines Kirchenheiligen. niedergelegt ward, hielt noch Bessarion eine Rede an S. Peter, worin er seine Überzeugung aussprach, daß der Apostelfürst seinen Bruder an den Türken rächen, und daß Andreas als neuer Protektor Roms die Könige zum Kreuzzuge vereinigen werde.

Der große Sultan Mohammed durfte spotten, als ihm von diesem schwärmerischen Schauspiel in Rom erzählt ward; denn der Nerv des Türkenkrieges war das Geld, und dieses fehlte im Kirchenschatz. Pius II., freigebig ohne zu verschwenden, verstand nichts von Finanzwirtschaft; er blieb auch als Papst arm. Die Könige, die Kirchen und Landstände verweigerten die Kriegssteuer, ja sie drohten mit der Berufung ans Konzil, wenn solcher Zehnte begehrt würde.

Die Alaunlager von Tolfa

Da wurde schon im Mai 1462 wie durch ein Wunder eine neue Finanzquelle entdeckt. Dies waren die Alaungruben von Tolfa, welche Johann de Castro auffand und die zum Kirchenstaat gehörten. Dieser Mann, Sohn des Juristen Paul von Castro, hatte sich einst in Byzanz aus der Färbung italienischer Stoffe mit türkischem Alaun Reichtümer erworben. Er verlor sie, als Byzanz fiel, und rettete sich und sein industrielles Genie nach Italien. Der erfinderische Johann durchforschte das rauhe Waldgebirge von Tolfa; der Anblick eines Krauts, welches er auch auf alaunhaltigen Bergen Asiens gesehen hatte, machte ihn aufmerksam, und Minerale, die er fand und auskochte, lieferten das reinste Alaun. Er eilte jubelnd zum Papst. »Heute«, so rief er, »verkündige ich Euch den Sieg über die Türken, nämlich 300 000 Dukaten jährlicher Einkünfte, welche jene dem Abendland für Färbstoffe abnehmen. Ich fand sieben Berge so voll von dem besten Alaun, daß sie hinreichen, sieben Weltteile damit zu versorgen.« Man hielt diese Angaben für Träume, und der Entdecker spielte die Figur des Columbus, bis er durchdrang. Man rief Genuesen herbei, welche einst in Asien Alaun bereitet hatten; sie jubelten an Ort und Stelle vor Freude: sie fanden das Material reicher und besser als das türkische. Die Gruben wurden in Gang gebracht; Genuesen kauften daraus zuerst für 20 000, Cosimo Medici für 70 000 Dukaten. Der entzückte Papst sagte jetzt, daß Johann einer öffentlichen Statue würdig sei. Hofdichter besangen ihn.

In einer Bulle erklärte Pius die Auffindung der Alaungrube für ein Wunder und einen göttlichen Beitrag zum Türkenkriege, und er forderte die Christenheit auf, diesen Färbestoff fortan nicht mehr bei den Ungläubigen zu kaufen. Der Gewinn der Gruben wurde in der Tat für den Türkenkrieg ausgesetzt; ein Artikel in der Konklave-Konstitution von 1464 und noch von 1484 bestimmte dies ausdrücklich. Schon unter Pius II. wurden die Alaunwerke von mehreren tausend Arbeitern betrieben und mit noch besserem Erfolg unter seinem Nachfolger ausgebeutet. Man berechnete den Ertrag der apostolischen Kammer auf 100 000 Goldgulden. Dreihundert Jahre lang behaupteten die Gruben Tolfas ihren Ruf, bis ihr Produkt seit 1814 vom europäischen Markt verschwand, da die Wissenschaft die Erzeugung des Alauns durch chemischen Prozeß gefunden hatte.

Aufruf zum Türkenkreuzzug

Der Plan Pius' II. war, durch eine kühne Tat die Welt zum Kreuzzuge fortzureißen: er selbst wollte sich an dessen Spitze stellen, und von Ancona aus gegen die Türken in See gehen. Eine glorreiche Unternehmung wollte er vollführen, die seinem Namen unsterblichen Glanz, der Kirche eine neue Weltherrschaft sichere. Als der Pius Aeneas wollte er von Rom aus nach jenen homerischen Küsten zurückkehren und sie den türkischen Barbaren entreißen. Schon im Frühjahr 1462 hatte er die Kardinäle mit diesem Gedanken überrascht. Die Mittel sollten der Kirchenstaat, Ungarn und Venedig aufbringen; Philipp von Burgund erklärte sich bereit, in den Kampf zu ziehen, welchen zu beginnen er gleich nach dem Falle Konstantinopels gelobt hatte.

Pius lud alle Mächte Italiens für die Mitte des August 1463 zu einem Kongreß nach Rom ein: Ferrante, Sforza, Borso, Ludovico von Mantua genehmigten hier die mantuanische Kriegssteuer, andere, wie Florenz, wichen aus. In einer langen Rede an die Kardinäle überblickte der Papst seinen Pontifikat: die Hindernisse seien entfernt, die Kriege in Italien geschlichtet, die mantuanische Kriegssteuer, andere, wie Florenz, er wolle eine Flotte ausrüsten. Das Geld zwar fehle, denn trotz der Alaungruben betrage die Einnahme des Kirchenstaats kaum 300 000 Dukaten, wovon die Hälfte durch die Burgvögte, die Präfekten der Provinzen, die Feldhauptleute und die Kurialen verzehrt werde. Indem Pius fragte, womit die wankende Herrschaft der Kirche erhalten werden könne, wies er auf die christlichen Tugenden, auf welchen sie gegründet worden sei; denn jetzt hätten Schwelgerei und Luxus das Priestertum in der ganzen Welt verächtlich gemacht. Kardinäle wie Barbo, der junge Gonzaga, der reiche Estouteville, der lukullische Scarampo und ein Rodrigo Borgia konnten diese Wahrheit schwerlich leugnen, aber sie mußten um so mehr Grund zum Staunen haben, als der Papst seinen Entschluß ankündigte, die altchristlichen Zeiten der Märtyrer durch sein und ihr eigenes Beispiel zu erneuern. Wollte dieser gichtbrüchige Greis das heilige Kollegium mit sich auf die Schlachtbank und unter die Säbel der Janitscharen schleppen, zu enden, wie Cesarini geendet hatte? »Wir selbst«, so rief Pius, »sind zu schwach, um mit dem Eisen in der Hand zu streiten, und wir sind Priester. Auf hohem Schiff, auf irgendeiner Höhe wollen wir stehen, den heiligen Kelch erhebend, und so vom Herrn Sieg auf unsere Streiter herabflehen.« Er weinte; einige Kardinäle weinten; alle stimmten, aufrichtig oder nicht, dem seltsamen Entschlusse zu; ganz von Eifer flammte der greise Carvajal.

Nachdem Pius seinen Beitritt zur Liga Venedigs und Ungarns erklärt hatte, erließ er die Kreuzzugsbulle am 22. Oktober 1463 und verkündigte in ihr seine Absicht, nach Ancona zu gehen. Zwei lange Stunden brauchte der Sekretär Lolli, dies Manifest im Konsistorium vorzulesen. Fruchtlos beschwor der Papst den glorreichsten Fürsten Italiens, der Tancred in dieser Renaissance der Kreuzzüge zu sein: aber der alternde Sforza fand die Rüstungen zu einem so großen Kriege kläglich und lehnte den Ruhm ab, sich wie Decius dem Vaterlande zu opfern. Der greise Cosimo sagte mit Ironie, daß der Papst sich an ein jugendliches Unternehmen im Alter wage. Florenz widerstrebte schon aus Eifersucht gegen Venedig. Ludwig XI. von Frankreich empfing ein geweihtes Schwert, ohne nach dem Heiligenschein eines Vorgängers Lust zu haben. Vielmehr zwang er aus Erbitterung über die neapolitanische Politik des Papstes selbst Philipp von Burgund, sein feierliches Wort zu brechen; denn den Versprechungen des Papstes hatte Ludwig in einer schwachen Stunde die pragmatische Sanktion der französischen Kirche aufgeopfert, ohne doch die Sache Anjous in Neapel dadurch zu retten. In Deutschland wollte man nichts vom Kreuzzuge wissen: war es nicht praktischer, die Kirche an Haupt und Gliedern zu reformieren, statt sie wieder in langwierige, politische Unternehmungen zu verwickeln?

Pius II. stirbt in Ancona

Unvermögend, auch nur drei Galeeren auszurüsten, konnte Pius II. seine Hoffnung nur auf die Venetianer und die Kreuzfahrer setzen, welche sich freiwillig nach Rom und Ancona aufmachten; und die Züge dieses zusammengelaufenen Volks boten Europa noch einmal das abstoßende Schauspiel des kreuzfahrenden Mittelalters dar. Viele Zweifel bestürmten unterdes den Papst, doch da er sein verpfändetes Wort nicht mehr zurücknehmen konnte, trat er am 18. Juni 1464 seine Reise nach Ancona an. Man trug ihn schon fieberkrank in einer Sänfte nach Ponte Molle, wohin ihn die Römer begleiteten. Scheidend wandte er sich gegen die erhabene Stadt und rief: »Lebe wohl, Roma, du wirst mich lebend nicht wiedersehen.« Mit wenigen Vertrauten stieg er in eine Tiberbarke; er weinte, als ihn das Volk vom Ufer zum Abschiede grüßte. Der Auszug eines kranken Papstes zur Eroberung Asiens auf einem Tiberkahn, welchen keuchende Knechte teils mit Rudern, teils am Ufer mit Tauen fortbewegten, würde den boshaften Spott der Türken erregt haben, wenn sie ihn hätten sehen können. Pius nächtigte im Kahn schon beim Castel Giubileo, am zweiten Tage bei Fiano. Hier sah er einen jungen Ruderer vor seinen Augen ertrinken, was ihn tief erschütterte. Am Soracte stieg er ans Land, um bald wieder in die Barke zurückzukehren. Er verließ sie bei Otricoli; in einer Sänfte wurde er weiter getragen. Scharen rückkehrender Kreuzfahrer, Gesindel, welches plündernd dieselbe Straße zog, begegneten ihm: man verschleierte die Sänfte, ihm diesen Anblick zu ersparen. Durch die Gefilde der Sabina und Umbriens, die er noch vor wenig Jahren mit hohem Genuß durchzogen hatte, wurde er jetzt als ein Sterbender fortgeführt. Mühsam gelangte er am 18. Juli nach Ancona.

Er nahm dort Wohnung im bischöflichen Palast neben der altertümlichen Kirche S. Ciriaco hoch auf jenem Vorgebirge, von wo der Blick mit Entzücken über das Adriatische Meer schweifen kann. Die reinen Lüfte, die dort wehen, die Sonne, die dort strahlt, scheinen schon Äther und Licht von Hellas und dem Orient zu sein. Aus den Fenstern des Palastes blickte Pius über dies glänzende Meer nach Osten, wo Byzanz und Jerusalem, die Vergangenheit der Menschheit, lagen; während vielleicht in derselben Stunde der junge Columbus an einem andern Strande nach dem Westen blickte, wo die Zukunft der Menschheit noch mit dichten Schleiern bedeckt lag. Der Hafen Anconas war leer; nur zwei päpstliche Galeeren ankerten in ihm. Tage vergingen in Aufregung und Enttäuschung; den Papst verzehrte das Fieber. Endlich zeigten sich am Horizont die Segel S. Marcos: am 12. August lief der Doge Cristoforo Moro mit zwölf Schiffen in den Hafen ein. Doch Pius konnte ihn nicht mehr empfangen.

Am 14. August versammelte er an seinem Lager die Kardinäle, welche bei ihm waren, Bessarion, Carvajal, Forteguerra, Eroli, Ammanati und Rodrigo Borgia. Er nahm Abschied. Er bat sie um Vergebung, wenn er die christliche Republik nicht gut regiert oder sie selbst gekränkt habe. Er legte ihnen den Türkenkrieg, den Kirchenstaat, auch seine Nepoten ans Herz. Bessarion antwortete ihm, rühmte seine Regierung und versicherte, daß niemand eine Anklage wider ihn erhebe. Als er die Kardinäle entlassen hatte, fragte ihn sein Günstling Ammanati, ob er in Rom begraben sein wolle. Weinend sagte Pius: »Und wer wird dafür sorgen?« – Auf die Antwort des Kardinals, daß er selbst dies tun wolle, erheiterte sich der Sterbende. Er verschied am 15. August 1464.

Papst Paul II.

Das heilige Kollegium bestand damals aus 22 Kardinälen; Prospero Colonna und Oliva waren im Jahre 1463, Cusa im August 1464 gestorben. Einige glänzten durch Reichtum und fürstliche Geburt, andere durch Gelehrsamkeit oder lange Dienste. Aus der Zeit Eugens IV. stammten noch der unbestechliche Carvajal, ein Greis von 70 Jahren; der Dominikaner Torquemada, eifrigster Verfechter der unfehlbaren Papstgewalt; der Grieche Bessarion, ein Liebling Pius' II.; Estouteville, das Haupt der französischen Partei, reich und vornehm, Freund edler Künste, zumal der Kirchenmusik; Scarampo und dessen Feind Pietro Barbo. Unter den jüngeren war Rodrigo Borgia ausgezeichnet durch seine Stellung als Vizekanzler, ein schöner und heiterer Mann, welcher die Frauen magnetisch an sich zog. Mit ihm wetteiferte in solchem Glück der schöne und junge Kardinal von Mantua Francesco Gonzaga, Sohn des Markgrafen Ludovico und der Barbara von Brandenburg, der einen wahrhaft fürstlichen Hof hielt. Pius II. hatte ihn zum Dank für seine Aufnahme in Mantua mit 17 Jahren zum Kardinal gemacht. Als unbescholtene Männer galten Filippo Calandrini, ein Halbbruder Nicolaus' V., und Francesco Todeschini Piccolomini. Nepot Pius' II. war auch Jacopo Ammanati, der Kardinal von Pavia, ein gebildeter und lebensfroher Prälat; ferner der kriegerische Forteguerra.

Das Konklave versammelte sich am 27. August 1464 im Vatikan. Der Venetianer Dominicus, Bischof von Torcelli, ein gefeierter Humanist, hielt die übliche Rede. Er beklagte, daß das Ansehen des heiligen Kollegiums geschwunden sei, daß jetzt alles durch päpstliche Willkür zu geschehen pflege und die ganze kirchliche Verwaltung deshalb in tiefer Verderbnis sei; sie sollten einen Papst wählen, welcher sich verpflichte, diese Übel abzustellen. Die Wahl selbst machte keine Schwierigkeit, denn schon im ersten Gang am 30. August ging der Kardinal von S. Marco einstimmig als Papst hervor. Dies war Piero vom Haus der Barbi, Sohn des Nicolaus Barbo und der Polixena Condulmer, einer Schwester Eugens IV., geboren am 26. Februar 1418. Der junge Piero war einst im Begriff gewesen mit einem Handelsschiff in den Orient zu gehen, als er die Wahl seines Oheims zum Papst erfuhr; er blieb deshalb in Venedig, sich den Studien zu widmen, wofür er jedoch kein Talent besaß. Den Oheim suchte er in Ferrara auf, und hier nahm er die Tonsur. Schon am 22. Juni 1440 wurde er mit dem roten Hut beschenkt.

Der Kardinal von S. Marco war ein Mann von mittelmäßigen Eigenschaften, aber von hoher und schöner Gestalt und gewinnendem Wesen. Er besaß die Kunst sich einzuschmeicheln, selbst mit Tränen zu bitten, weshalb ihn Pius II. bisweilen scherzend »Maria pietissima« Maria pietissima: s.v.w. die mitleiderregendste Maria. nannte. Bei S. Marco baute er den Palast, der noch zu sehen ist; dort sammelte er Antiken, dort gab er heitere Gastmähler. Er war sinnlich und liebte den Prunk. Eitel auf seine Schönheit, zeigte er sich als Kardinal gern beim Kirchendienst mit theatralischem Gepränge, froh, die Augen aller auf sich zu ziehen. In öffentlichen Angelegenheiten hatte er sich kaum hervorgetan, es sei denn, daß er versuchte, Eversus von Anguillara mit den Orsini oder der Kirche zu versöhnen. Der Verbindung der Kurie mit Venedig wegen des Türkenkrieges verdankte er die Tiara.

Nach seiner Wahl wollte er sich Formosus nennen; die Kardinäle beanstandeten diesen eitlen Namen, wie den Namen Marcus, weil S. Marco der Schlachtruf der Venetianer sei, und Piero Barbo nannte sich Paul II. Am 16. September 1464 ward er geweiht. Noch im Konklave und dann nach seiner Erhebung hatte er die Wahlkapitulation beschworen: den Türkenkrieg fortzuführen, die Kurie zu reformieren, in drei Jahren ein Konzil zu berufen, die Zahl von 24 Kardinälen nicht zu überschreiten, keinen zu ernennen, der nicht 30 Jahre alt und der Rechte oder der Theologie kundig sei, nur einem einzigen Nepoten den roten Hut zu geben. Die Kardinäle hatten in jener Kapitulation ihre Privilegien gewahrt, aber den Papst noch durch einen Zusatzartikel verpflichtet, zu genehmigen, daß sich das Heilige Kollegium zweimal im Jahre versammle, um zu prüfen, ob alle diese Artikel eingehalten seien. Dieser merkwürdige Versuch, den Papst einer Aufsicht zu unterwerfen, scheiterte an dessen dogmatischer Autorität und allen andern Mitteln, welche jeder Papst besaß, seinen Willen durchzusetzen.

Barbo wollte nicht zur Machtlosigkeit eines von den Ausschüssen der Nobili überwachten Dogen herabsinken, und er belehrte alsbald seine ehemaligen Ranggenossen über das, was er wagen durfte. Er legte ihnen eine veränderte Abschrift jenes Dokuments vor; einige unterschrieben sie aus Gunstbuhlerei, andere, wie Bessarion, zwang er mit Gewalt. Sie alle unterzeichneten das Aktenstück, ohne es einmal lesen zu dürfen, denn der Papst bedeckte es mit der Hand. Nur Carvajal blieb standhaft. Die Urkunde warf Paul verächtlich in den Schrank, ohne sie selbst zu unterschreiben, und kein Mensch hat sie wieder gesehen. Nachdem er seine Kardinäle so hintergangen hatte, tröstete er sie mit Purpurmänteln und roten Decken für ihre Pferde, denn solche Abzeichen verlieh er ihnen als Privilegium ihrer Würde. Kardinälen, deren Einnahme nicht viertausend Goldflorene betrug, warf er einen monatlichen Zuschuß von 100 Gulden aus; nicht minder unterstützte er freigebig arme Bischöfe. Alles sollte um Paul II. glänzen, aber er selbst den strahlenden Klerus überragen. In seiner eigenen Person sollte das Papsttum bewundert werden. Mit krankhafter Eitelkeit brachte er Edelsteine zusammen, seine Papstkrone zu schmücken. Man schätzte diese auf 200 000 Goldgulden.

Als später der Kaiser nach Rom kam und Paul ihm die Apostelhäupter im Lateran zeigte, verglich er einen Smaragd ihres Schmuckes mit einem Edelstein an seinem Finger, um zu sehen, welcher der schönere sei. Sultane konnten ihn beneiden, doch Heilige ihm bemerken, daß die Kirche groß war, als ihre Oberpriester nur Bischofsmützen aus weißem Linnen trugen.

Die Leidenschaft für so kostbaren Tand besaß Paul vielleicht als ehemaliger venetianischer Kaufmann, aber sie war überhaupt eine Manie jener Zeit. Päpste, Könige, Kardinäle sammelten schöne Steine und Perlen mit derselben Begier, mit der ihre Vorgänger Reliquien gesammelt hatten. Einen kostbaren Schatz dieser Art besaß Scarampo. Dieser Gegner Pauls II. starb am 22. März 1465, wie man sagte, aus Ärger über dessen Wahl. Seine Schätze, mehr als 200 000 Goldgulden, würde er eher den Türken als dem Papst gegönnt haben. Er hatte sie seinen Nepoten hinterlassen, doch Paul stieß das Testament um, ließ die Flüchtigen greifen und zurückbringen. Ganze Ladungen gemünzten Goldes und Kostbarkeiten jeder Art, was alles Scarampo nach Florenz hatte schaffen lassen, wurden im Vatikan ausgeleert; nur einen Teil davon ließ er den Nepoten. Es gab in Rom niemand, der dies Verfahren mißbilligte; denn die Schätze Scarampos waren räuberisch aufgehäuftes Gut gewesen.

Es war ein eigenmächtiges Wesen in Paul II. Man murrte, aber man unterwarf sich ihm. Die ganze Ordnung des Palastes kehrte er um: Tag ward Nacht und Nacht zum Tage. Die Kurie wollte er nach seinem Sinn reformieren, und er begann im Jahre 1466 mit einem Dekret, welches unter dem Schwarm der Sekretäre einen wahren Sturm erregte. Seit Nicolaus V. erfüllten diese Kurie zahllose Schreiber; literarische Abenteurer, Günstlinge, Nepoten drängten sich in diese Stellen. Der Handel damit war ein Geldgeschäft; manche Skriptorstelle kostete 1000 Dukaten, doch sie trug ihren Lohn. Diese Skriptoren waren Kabinettssekretäre des Papstes, welche mit dessen Tode wieder aus dem Vatikan verjagt wurden, oder sie saßen in festen Ämtern, wie die Geheimschreiber, deren Kollegium unter dem Vizekanzler stand. Pius II. hatte demselben eine Verfassung gegeben, seine Zahl auf 70 herabgesetzt, es mit seinen Geschöpfen angefüllt und dem Vizekanzler den Einfluß darauf genommen. Diese Verordnungen vernichtete Paul, der Freund Rodrigo Borgias. Er setzte die Abbreviatoren seines Vorgängers ab, um ihre Stellen andern zu vergeben. Die Sekretäre, welche sich die wichtigsten Personen der Welt dünkten, erhoben ein Geschrei; zwanzig Nächte lang belagerten sie den Vatikan, ohne Gehör zu finden; ihr Führer Platina schrieb endlich dem Papst einen heftigen Brief, worin er mit der Berufung an ein Konzil drohte. Er wurde nach der Engelsburg gebracht, wo er vier Monate lang schmachtete, bis ihn die Fürbitten Gonzagas befreiten. Seine Sache setzte er nicht durch.

Paul II. wollte überhaupt eine gründliche Reform in den Ämtern der Kurie einführen, aber keineswegs schaffte er das hergebrachte Wesen des Ämterhandels, diesen »großen geistlichen Markt« ab. Er verbot den Rektoren im Kirchenstaat, Geschenke anzunehmen; er verbot, Kirchengüter zu veräußern. Die Burgen gab er zuerst Prälaten zur Bewachung, um sie sicherer zu erhalten. Calixt III. und Pius II. hatten ihre Familien mit solchen Vogteien reichlich versorgt, aber Paul zwang auch seine Feinde wenigstens zu diesem Lobe, daß er nicht Nepoten noch Günstlinge emporbrachte. Zwar gab er seinen Verwandten Marco Barbo, Giovanni Michiel und Baptista Zeno den Purpur, doch Vertraute duldete er nicht.

Dieser praktische Venetianer verstand sich auf die Kunst des Herrschens. Er war streng aber oft gerecht. Selten unterschrieb er ein Todesurteil. Die Fraticellen, welche in den Marken und selbst in Poli bei Tivoli ihr Wesen trieben, bestrafte er nur mit dem Exil; ihr Haupt Stefano Conti kerkerte er in der Engelsburg ein. Die Verschwörungen der Tiburtianer und Porcaros hatten ihn argwöhnisch gemacht, und die freisinnigen Ketzereien der römischen Akademie des Pomponio Leto trieben ihn zu der kleinlichen Verfolgung dieses Instituts. Doch kamen die Angeschuldigten mit Gefängnis oder Flucht davon. Sein Hof war üppig, er selbst sinnlichen Genüssen ganz ergeben. Zeitgenossen, welche das damalige Rom sahen, schauderten vor der Verderbtheit des Klerus zurück. Dem Volk gab Paul II. Brot und Spiele. Er ließ Speicher und Schlachthäuser in der Stadt anlegen. Mit ganz weltlichem Sinn stattete er die Festlichkeiten des Karneval aus: man hielt Umzüge mit mythologischen Darstellungen von Göttern, Heroen, Nymphen und Genien; von der Loge seines Palastes bei S. Marco sah der Papst den Wettrennen zu, die er vom Bogen des Domitian bis dorthin halten ließ. Er führte eigentlich erst diesen neuen heidnischen Charakter der Karnevalslustbarkeit in Rom ein. Wenige fragten, ob einem Papst gezieme, was einem Pompejus oder Domitian geziemt hatte. Als der Kardinal Ammanati seine Stimme dawider erhob, wurde er wahrscheinlich nur ausgelacht. Am Ende der Spiele bewirtete Paul das Volk vor seinem Palast. Die ersten Bürger tafelten dort an reichbesetzten Tischen, während Vianesius de Albergatis, der Vizekämmerer, und andre Hofprälaten für musterhafte Ordnung sorgten. Paul sah aus dem Fenster zu und warf wohl, seiner Würde ganz vergessend, Münzen unter den Pöbel, der sich an die Reste der Mahlzeit machte. Wenn er den Senator, die Beamten und die Bürger ohne Erröten bei diesem Mahle beschäftigt sah, durfte er sich gestehen, daß Senat und Volk fortan der Freiheit unfähig seien.

Reform des Stadtrechts

Im Jahre 1469 ließ Paul II. die Statuten Roms verbessern, wodurch er sich ein Verdienst um die Stadt erwarb. Dies Statutenbuch zerfällt in drei Teile: vom Zivilrecht, Kriminalrecht und der Verwaltung. Die alte Form der kapitolischen Magistratur dauerte fort, obwohl sie vom Papst vollkommen abhängig war. Neben dem sechsmonatigen Senator bestanden die drei Konservatoren Konservator: Aufseher, Stiftungsverwalter. der Rat der Regionenkapitane und der Sechsundzwanziger. Alle diese drei Körperschaften bildeten das Consilium Secretum, den geheimen Rat. Es faßte Beschlüsse, welche es dann dem Consilium Publicum vorlegte, worin alle über zwanzig Jahre alten Bürger Stimme hatten. Ein Wahlausschuß von Imbussulatoren Imbussulator: Eingeweihter, Vertrauensmann. wählte die Richter des Kapitols, die Konservatoren, die Wegemeister, die Syndici und Regionenkapitane. Kein Geistlicher durfte in der kapitolischen Kurie ein Amt bekleiden; nur römische Bürger durften in den Orten des Stadtgebiets Podestaten, also Bürgermeister, sein. Die alte Zunftverfassung blieb bestehen.

Der Magistrat hatte die Gerichtsbarkeit über Leben und Tod römischer Bürger aus dem Laienstande, und diese durften vor keine geistliche Kurie gezogen werden. Die Scheidung beider Fora war jedoch nicht immer durchzuführen und die Menge der Tribunale so groß, daß die Römer bald nicht mehr wußten, welchem sie zugehörten. Diese Verwirrung zu ordnen, erneuerten später Sixtus IV. und Julius II. das alte Gesetz der Scheidung des kapitolischen und des geistlichen Forum.

Die Kriminaljustiz hatte in Rom eine schwierige Aufgabe; denn das Volk war durch Blutrache und Erbfehden tief verwildert. Die trotzige Kraft des Einzelnen spottete des Gesetzes, und jeder focht seine Sache nach Willkür aus. Wir haben heute keinen Begriff mehr von Zuständen, wie sie noch Benvenuto Cellini Benvenuto Cellini: ital. Bildhauer, Erzgießer und Goldschmied; 1500-1571. Seine Selbstbiographie übersetzte Goethe. geschildert hat. Die Kämpfe der Adelsparteien großen Stils waren zwar meist erloschen, aber Orsini und Colonna, Valle und Santa Croce, Papareschi, Savelli, Caffarelli, Alberini und andere fochten ihre Streitigkeiten durch besoldete Bravi Bravi: gedungene Meuchelmörder. und ihr Hausgesinde aus. Die um Blutrache Verfehdeten nannte man Brigosi. Sie hatten unter Umständen das Recht, ihre Häuser zu verrammeln und mit Bewaffneten anzufüllen. Blutrache war die furchtbarste Geißel aller Städte Italiens; auch in Rom verschlang sie zahllose Opfer. Nicht nur Verwandte, auch Fremde boten sich zum Dienst des Bluträchers dar.

Dies Unwesen zu zügeln, hatte schon Pius II. das Friedensgericht der zwei »Pacierii Urbis« ernannt, welchem bisweilen Kardinäle vorsaßen, und seine Verordnung erneuerte dieser Papst.

Paul II. erklärte die Brigosi für ehrlos und gebot, ihre Häuser einzureißen, eine Maßregel, welche im Statut vom Jahre 1580 nicht mehr gestattet wurde. Noch konnte der Mörder, wenn die Verwandten des Erschlagenen einwilligten, seine Strafe abkaufen, der Baron und selbst sein Bastard mit 1000, der Ritter und selbst der Cavalerotto Cavalerotto: Knappe. mit 400, der Bürger mit 200 Pfund Provisinen Provisinen: Vergütung, Entschädigung (in Silberpfunden)., Der Mörder wurde in solchem Fall auf ein Jahr verbannt; nur Verwandtenmord sollte nicht abgekauft werden. Das Strafmaß wurde durch Ort oder Zeit verdoppelt; das Gesetz vervierfachte es. wenn der Frevel im Bezirk des Kapitols oder auf dem Markt geschehen war.

Der dritte Teil des Statuts regelte die städtische Verwaltung, Finanzen, Markt, Straßenwesen, Bauten, Spiele, Universität. Noch immer besaß die Stadt ihre Güter und tributpflichtige Orte wie Cori, Barbarano, Vitorchiano, Rispampano und Tivoli. Ein Artikel bestimmte, daß kein Bewohner eines Vasallenortes Roms einem Baron schwören oder dessen Wappen auf sein Haus malen dürfe. Gesetze ordneten den Handelsverkehr, die Münze, das Maß und Gewicht. Die »Grascierii Urbis«, Beamte, welche zuerst im Jahre 1283 bemerkt werden, überwachten den Markt. Man konnte die Anlegung von Kornmagazinen rühmen, wenn nicht dies Verpflegungssystem bald zum Kornwucher Veranlassung gab. Der »Gabellarius« oder »Gabelliere maggiore« verwaltete das öffentliche Zollwesen der Stadt. Auch dieser hohe Kommunalbeamte, dessen Einführung der Zeit nach der Rückkehr der Päpste aus Avignon anzugehören scheint, mußte wie der Senator ein Fremder sein. Er wurde auf sechs Monate gewählt. Unter ihm stand ein »Camerarius gabellarum«. Die Zölle wurden in der Regel verpachtet. Nichts durfte aus Rom ohne Doganaschein (»apodissa dohanae«) ausgeführt werden. Dagegen durfte jeder Bürger Waren aus dem Stadtdistrikt und dem Gebiet von Montalto bis Terracina, ohne Zoll außerhalb der Stadt zu erlegen, einführen. Paul legte eine Steuer auf Kohlen und Brennholz; außerdem bestand die Mahl-, Schlacht- und Weinsteuer und das schon von altersher übliche städtische Zollsystem für Einfuhr und Ausfuhr. Gewerbesteuern gab es nicht; jeder Römer durfte verkaufen, was er wollte, nur von dem »Stein«, auf welchem er feilbot, bezahlte er eine kleine Abgabe. Die Zünfte entschieden die Zulassung zur Ausübung der Meisterschaft, und dafür durfte keine Abgabe erhoben werden. Das Gewicht der Wechsler wurde gleichgemacht; darüber wachte ein Consilium von Wechslern aus den Buden am Pantheon, vom Platz S. Peter, von der Engelsbrücke, von S. Adriano auf dem Forum und von S. Angelo. Gesetze, welche heute sinnlos erscheinen, beschränkten den Luxus in Kleidern, Gastmählern, bei Hochzeiten, Leichenbegängnissen, selbst bei der Aussteuer von Töchtern, die nicht mehr als 800 Goldgulden betragen durfte.

Das sind die bemerkenswertesten Artikel des unter Paul II. verbesserten Gemeindestatuts. Wenn die Stadt ihre Bedeutung als politische Kommune verloren hatte, so war sie doch im Besitz einer ausgedehnten Gerichtsbarkeit und ihrer Selbstregierung geblieben. Allein ihre Mittellosigkeit war so groß, daß sie kaum noch eine eigene Finanzverwaltung besaß, sondern von der apostolischen Kammer abhängig war. Diese hatte das Aufsichtsrecht über die städtischen Einnahmen, und die römischen Zollbeamten wurden vom Papst ernannt.

Die politischen Verhältnisse

Von Soldatenwirtschaft wollte Paul II. nichts wissen. Nur notgedrungen führte er einige Kriege mit Vasallen des Kirchenstaates, zuerst mit den Anguillara. Der Graf Eversus, einer der grausamsten Tyrannen jener Zeit, hatte sich während der Regierung Pius' II., des ehemaligen Präfektenlandes im Patrimonium bemächtigt, wo er den Raub von Städten, Pilgern und Kaufleuten in seinen Felsenburgen aufhäufte. Wie Malatesta war er mit allen Feinden der Päpste in Verbindung gewesen, ein Verächter des Priestertums und der Religion. Doch dies hinderte ihn nicht, für sein Seelenheil zu sorgen: er vermachte dem Domkapitel in S. Maria Maggiore ein Legat und stiftete große Summen für das Lateranische Hospital, wo noch heute sein Wappen auf der Außenwand zu sehen ist. Noch steht in Trastevere der Rest seines Palastes, ein finsterer Turm, auf dessen Giebel jetzt in der Weihnachtszeit die Geburt Christi in Figuren dargestellt zu werden pflegt.

Als Eversus am 4. September 1464 starb, hinterließ er die Söhne Francesco und Deifobo, von denen der zweite sich unter Piccinino einen Namen gemacht hatte. Deifobo huldigte dem Papst, versprach die Auslieferung einiger Burgen und ward eidbrüchig. Hierauf griff Paul II. die Sache mit Ernst an; am Ende des Juni 1465 schickte er Federigo von Urbino, Napoleon Orsini und den Kardinal Forteguerra mit Kriegsvolk ins Patrimonium, und in wenigen Tagen ergaben sich die dreizehn Felsenburgen des Eversus. Deifobo entfloh aus Bleda bis nach Venedig, wo er Dienste nahm, und Francesco wurde mit seinen Kindern nach der Engelsburg geführt. In den Raubnestern fand sich massenhaft Beute; aus den Turmverliesen zog man viele Unglückliche hervor; Werkstätten der Falschmünzerei wurden entdeckt, und die Briefschaften des Eversus enthüllten ein jahrelanges Gewebe von Freveln. Die Städte, welche dieser Tyrann beherrscht hatte, kamen an den Fiskus. So wurde die Kirche Herrin im Patrimonium.

Zu jenen Erfolgen hatte auch die Unterstützung des Königs von Neapel beigetragen, des Feindes des Eversus und Deifobus, der Verbündeten Anjous. Doch schon zeigte sich Ferrante mißgestimmt; er hinderte den Papst an der Besetzung der Burg Tolfa, welche er endlich von Ludovico, einem Schwager des Herzogs Orso von Ascoli, um 17 000 Goldgulden erkaufen mußte. Der König grollte, weil Paul II. ihm den Lehnzins nicht erließ; auch wollte er Sora wieder zur Krone ziehen. Schon rüstete er sich zum Rachekrieg gegen die rebellischen Barone und alle Anhänger Anjous; schon hatte er im Jahre 1465 Jacopo Piccinino verräterisch nach Neapel gelockt und dort im Kerker umgebracht – ein Frevel, von dessen Mitschuld Sforza selbst nicht freizusprechen war. Mit dem letzten großen Condottiere aus der Schule Braccios war der einzige Mann hinweggeräumt, durch welchen der Papst Mailand und Neapel zu beschränken vermocht hätte: und diese beiden Dynastien hatten sich durch die Vermählung Alfonsos von Calabrien mit Hippolyta Sforza enge verbunden.

Zum großen Teil durch Ferrante wurde Paul II. auch an der Besitznahme der Städte des Hauses Malatesta gehindert. Malatesta Novello starb kinderlos am 20. November 1465, während sein Bruder Gismondo unter den Fahnen Venedigs in Morea diente. Der junge Robert, dessen Bastard, Regent Riminis während der Abwesenheit des Vaters, versuchte nach dem Tode des Oheims Cesena und Bertinoro zu besetzen, welche sich jedoch der Kirche ergaben; aber der Papst verlieh dem tapferen Jüngling Meldola und Sarsina, rief ihn nach Rom und schickte ihn als seinen Soldkapitan nach Pontecorvo, um ihn so von der Romagna fernzuhalten. Da starb auch Gismondo, kaum aus dem Türkenkriege heimgekehrt, im Oktober 1468, und Isotta, seine ehemalige Geliebte, dann Gemahlin, wurde Regentin Riminis. Aber Robert spiegelte dem Papst vor, daß er ihm jene Stadt überliefern wolle, ward mit Dank dorthin entlassen, vertrieb seine Stiefmutter, und im Einverständnis mit dem Könige Neapels behielt er Rimini für sich. Der getäuschte Papst sammelte ein Heer, bald wurden fast alle Mächte Italiens in den Krieg um diese eine Stadt gezogen. Sie alle beargwöhnten die aufsteigende Macht des Papsttums; die Venetianer zumal, von denen Paul II. Ravenna und Cervia zurückforderte, trachteten nach dem Besitz der adriatischen Küsten. Außerdem hatte der Tod Francesco Sforzas am 8. März 1466 und der Cosimos dei Medici am 1. August 1464 Verwirrungen herbeigeführt, denn auf die Söhne und Erben, in Mailand Galeazzo Maria und in Florenz Piero, war nichts vom Geist ihrer Väter übergegangen. Die verbannten Florentiner hatten mit ihren Verbündeten unter dem venetianischen General Colleone Florenz von der Romagna aus hart bedrängt, worauf diese Republik am Anfange 1467 mit Neapel und Mailand in Liga getreten war. Der Papst vermittelte im April 1468 einen allgemeinen Frieden. Diesen nun drohten die Händel wegen Sora und der Krieg um Rimini zu zerstören.

Romfahrt Kaiser Friedrichs III.

In solcher Spannung befanden sich die Verhältnisse Italiens, als Friedrich III. unerwartet eine Romfahrt machte, wie es hieß, um ein Gelübde zu lösen, in Wahrheit, um mit dem Papst wegen Mailands, Ungarns und Böhmens und des Türkenkrieges sich zu besprechen. Als er in der Weihnachtszeit 1468 über Ferrara heranzog, erregte sein Nahen auch jetzt noch die Furcht des Papstes, der Römer wegen, denn so oft der Kaiser, ihr legitimes Oberhaupt, in Rom eintraf, erschien der Papst als Usurpator. Paul zog Truppen in die Stadt. Der Kaiser, welcher mit einem Gefolge von 600 Reitern kam, wurde feierlich empfangen, obwohl er spät in der Weihnacht selbst eintraf. Bessarion begrüßte ihn am Tor del Popolo, mit Fackeln zog man nach dem S. Peter, wo der Papst seinen Gast empfing. Man muß die Bemerkungen des päpstlichen Zeremonienmeisters lesen, um zu wissen, wie das Rangverhältnis des Kaisers damals aufgefaßt wurde. »Die Leutseligkeit,« so schreibt der Hofbeamte, »welche der Papst dem Kaiser bewies, erschien um so größer, als die päpstliche Autorität heute keineswegs geringer ist denn vor Zeiten, während die päpstliche Macht gestiegen ist. Denn die römische Kirche ist durch das Geschick der Päpste und zumal Pauls II. an fürstlicher Gewalt und Reichtum so vermehrt worden, daß sie den größten Königreichen gleichsteht. Dagegen ist das Imperium des römischen Kaisers in so tiefem Verfall, daß von ihm nichts als der Name übrig blieb. Bei diesem Wechsel der Dinge muß man daher auch das kleinste Zeichen von Artigkeit sehr hoch anschlagen.« Der Hofbediente rühmte es, daß sich der Papst zweimal herabließ, den Kaiser zu besuchen, daß er mit ihm gehend ihn stets an der linken, bisweilen an der rechten Hand faßte, ja ihm sogar erlaubte, gleichen Schritt mit ihm zu halten, und noch mehr, daß er ihm winkte, mit ihm sich nieder zu setzen, und kurz ihn so behandelte, als wäre er seinesgleichen. Der Thron, auf welchem dem Kaiser des Abendlandes neben dem Papst zu sitzen erlaubt wurde, reichte indes nur so hoch als der Fußschemel des letzteren. Demütig beugte sich der Vater Maximilians vor dem Papste; bei der Weihnachtsprozession eilte er flink herbei, ihm den Steigbügel zu halten. Als sie beide unter einem Baldachin daherritten, sah Rom zum letztenmal die zwei Häupter der Christenheit nebeneinander durch die Straßen ziehen. Dem Kaiser ward das Schwert voraufgetragen, wie in alter Zeit. Alle Körperschaften der Stadt und die Gesandten der Fürsten bewegten sich zu Pferde in diesem glänzenden Zuge. Auf der Engelsbrücke erteilte der Kaiser wieder zahllosen Deutschen den Ritterschlag, wobei ihm der Papst eine Stunde lang zusah; er duldete es auch, daß Friedrich auf dieser Brücke Galeazzo Maria öffentlich des Herzogtums Mailand für verlustig erklärte und damit seinen Enkel belieh. Die Unterhandlung wegen des Türkenkriegs blieb fruchtlos, und den Vorschlag eines Fürstenkongresses lehnte der Papst ab.

Schon am 9. Januar 1469 verließ der Kaiser Rom in hoher Morgenfrühe. Er hatte reichlich Ehrendiplome ausgestreut und setzte dies einträgliche Geschäft auf seiner Heimreise fort. Die Zerwürfnisse Italiens hatte er nicht zu schlichten vermocht, vielmehr beschäftigte jetzt der Krieg um Rimini alle Mächte.

Der Papst schloß am 28. Mai 1469 mit Venedig ein Bündnis; aber auf die Seite Roberts trat Federigo von Urbino, welcher seit Pius II. dem Heiligen Stuhl so wichtige Dienste geleistet hatte und jetzt mit Mißtrauen sah, wie das Papsttum einen Feudalherrn nach dem andern vernichtete. Er gab Robert seine Tochter zum Weibe und Truppen zur Unterstützung. Auch Mailand, Neapel und Florenz schickten ihm Hilfe. Mannhaft verteidigte der junge Malatesta Rimini; er und Federigo schlugen im August das päpstlich-venetianische Heer aufs Haupt, und sie bemächtigten sich vieler Orte in der Pentapolis. Dieser Erfolg, die drohende Stellung Ferrantes und endlich die Türkengefahr bewogen Paul II., von Rimini abzustehen, zumal als am 12. Juli 1470 Negroponte in die Gewalt des Sultans gefallen war. Schon im Sommer und endlich am 22. Dezember 1470 ward der Friede geschlossen: der Papst, Venedig, Neapel, Mailand, Florenz, Borso von Este erneuerten die Liga von Lodi, und in diese wurde auf Verlangen der Mächte auch Robert Malatesta aufgenommen.

Borso Die Markgrafen von Este (Borso) macht Kaiser Friedrich III. 1452 zu Herzögen von Modena und Ressio. 1471 belehnt Papst Paul II. sie mit dem Herzogtum Ferrara. war der Liebling Pauls II. Der glänzende Fürst kam im Frühjahr 1471 nach Rom; 138 Maultiere, worunter zwanzig mit Gold beladene, trugen seine Reisebedürfnisse, und ein strahlendes Gefolge von Rittern umgab ihn. Er wohnte im Vatikan. Am 14. April erteilte ihm Paul die Würde eines Herzogs von Ferrara, welche ihm Pius II. verweigert hatte. Der glückliche Borso starb in Ferrara schon am 27. Mai, beweint von seinen Untertanen wie kaum je ein Fürst vor ihm.

Pauls Ende

Auch Paul II. starb plötzlich am 26. Juli 1471. Noch nach dem Abendessen hatte er den Architekten Aristoteles rufen lassen, um ihn wegen der Versetzung des vatikanischen Obelisken auf den Petersplatz zu befragen. Der Schlag traf ihn nachts; man fand ihn tot im Bette. Da er ohne Kommunion verschieden war, entstand das spöttische Gerede, daß ein Geist, den er in einen seiner vielen Ringe gebannt, ihn erwürgt habe. Niemand trauerte um diesen eitlen und stolzen Mann, durch den das Papsttum, welches die Talente und Ideen seines Vorgängers vergeistigt hatten, verflacht worden war. Unter ihm war nichts Großes geschehen; die Anstrengungen seiner Vorgänger, einen europäischen Bund wider die Türken zu vereinigen, hatte er nicht fortgesetzt. Dagegen hatte er die monarchische Gewalt des Heiligen Stuhles gemehrt. Gleich nach ihm begann aber der päpstliche Nepotismus so schrankenlos auszuarten und das Papsttum selbst sich so tief in die italienische Staatenpolitik zu verwickeln, daß die Regierung Pauls II. doch als die letzte einer minder weltlichen und verderbten Epoche bezeichnet werden muß.

Er hatte elf Kardinäle ernannt; darunter befanden sich, außer seinen schon bemerkten Verwandten, auch Oliviero Caraffa vom neapolitanischen Hause der Grafen von Maddaloni, ein bald sehr angesehener Mann, ferner Jean Balue, ein französischer Emporkömmling und berüchtigter Ränkemacher, Günstling Ludwigs XI., der ihn später elf Jahre lang als Kardinal in Loches gefangen hielt, und der Franziskanergeneral Francesco Rovere.

Die Wahl Sixtus IV.

Das Konklave begann am 6. August. Zum zweitenmal schwebte die Tiara über Bessarion, doch schon am 9. vereinigten sich die Wähler auf Francesco Rovere, einen Anhänger der mailändischen Partei. Er verdankte seine Wahl den Stimmen Orsinis, Borgias, Gonzagas und Bessarions. Zum Lohn erhielt Rodrigo Borgia Subiaco (drei Klöster), Gonzaga die Abtei S. Gregorio, und Latino Orsini das Amt des Kammerherrn.

Francesco Rovere stammte aus Savona, in dessen Gebiet in einem kleinen Ort bei Albisola er am 21. Juli 1414 geboren ward. Sein Vater Lionardo soll ein armer Schiffer gewesen sein; seine Mutter wird Lucchesina Mugnone genannt. Schon als Kind war er für den Franziskanerorden bestimmt worden. Er studierte mit Eifer die kirchlichen Wissenschaften. In Padua ward er Doktor der Philosophie und Theologie, und er lehrte nach und nach an den Hochschulen zu Bologna, Pavia, Siena, Florenz und Perugia. Bessarion war sein Zuhörer und sein Freund; ihm verdankte Francesco auch am 17. September 1467 den Kardinalstitel von S. Pietro ad Vincula, nachdem er bereits General der Franziskaner geworden war.

Er galt als einer der gelehrtesten und im Disputieren geübtesten Mönche; jetzt ein Mann von 57 Jahren, mit ausdrucksvollem Gesicht, einer Adlernase, mit scharfen und harten Zügen, die ein selbstsüchtiges Wesen voll heißblütiger Kraft aussprachen, welches schrecklich sein konnte, nicht Widerspruch litt und Hindernisse rücksichtslos zerbrach. In politischen Dingen war er unerfahren, und doch, wie er bald zeigte, zum Herrschen, Planen und Schaffen um sich her wie nur ein Fürst geboren.

Als Sixtus IV. bestieg Rovere den päpstlichen Stuhl am 25. August 1471: es war der Kardinal-Archidiaconus Rodrigo Borgia, der ihn krönte. Bei seiner Besitznahme des Lateran störte ein Volkstumult die Feierlichkeit. Man warf mit Steinen nach der Sänfte, die den neuen Papst trug; nur mit Mühe beschwichtigte der Kardinal Orsini den Aufruhr. Im Namen der Florentiner begrüßte den neuen Papst Lorenzo Medici, und Sixtus machte ihn zu seinem Schatzmeister.

Versuch eines Türkenkrieges

Kaum Papst geworden, beschloß er, die wichtigste Angelegenheit Europas, den Türkenkrieg, zu betreiben, wofür, der Wahlkapitulation gemäß, die von Paul II. gesammelten Schätze verwendet werden sollten, und diese lagen in der Engelsburg verwahrt. Sixtus wollte wegen des Türkenkrieges ein Konzil nach dem Lateran berufen; weil aber der Kaiser Udine als Kongreßort vorschlug, so unterhandelte man darüber ohne Erfolg. Unterdes ernannte der Papst Legaten: Bessarion für Frankreich, Rodrigo Borgia für Spanien, Marco Barbo für Deutschland.

Im Frühling 1472 reisten diese ab, die hadernden Fürsten zu versöhnen und Ablaßgelder wie Türkenzehnten flüssig zu machen. Bessarion, in diplomatischen Geschäften ungeschickt, hatte in Frankreich keinen Erfolg; von Ludwig XI. mit Mißachtung behandelt, kehrte er bald nach Ravenna zurück, wo er starb.

Rodrigo Borgia ging voll Begier nach Spanien und knüpfte dort Verbindungen mit dem Hofe an, die ihm persönlich später nützlich wurden. Die Mächte versagten sich dem Türkenkriege, nur Venedig, Neapel und der Papst brachten eine Bundesflotte auf, welche sich im Frühjahr 1472 in Bewegung setzte. Die päpstlichen Schiffe waren schon nach Brindisi gesegelt; nur vier Galeeren kamen in den Tiber bis S. Paul. Sixtus weihte am 28. Mai ihre Banner im S. Peter, nachdem er den würdigen Kardinal Caraffa, einen in der Theologie und beiden Rechten, doch nicht im Seewesen bewanderten Mann, zum Admiral gemacht hatte. Er begab sich in Prozession nach dem Hafen, bestieg das Admiralschiff und segnete die Flotte. Caraffa ging in See, doch weder er noch die Venetianer erfochten viel Lorbeeren im Levantekriege. Der Kardinal kehrte daraus im folgenden Januar zurück, wo er einen triumphartigen Einzug in Rom hielt, mit 25 gefangenen Türken, welche auf zwölf Kamelen durch die Stadt ritten.

Die ersten Bemühungen Sixtus' IV. verhießen demnach einen Papst, welcher die europäische Politik Pius' II. wieder aufnehmen wollte, indes schon in kurzer Zeit verlor er das Allgemeine aus dem Blick, um sich in die italienische Territorialpolitik zu versenken und mit rastlos ränkevollem Geist darin Verwicklungen zu schaffen, deren Zweck die Erweiterung der Papstmacht war. Mit Sixtus IV. begann im Papst der Landesfürst so stark hervorzutreten, daß die Nachfolger Petri jener Zeit als Dynasten Italiens erscheinen, welche nur zufällig zugleich Päpste sind und statt der Herzogskrone die Tiara tragen.

Verstärkte Vetternwirtschaft

Diese ganz weltlichen Bahnen erforderten auch mehr als je ganz weltliche Mittel: Finanzspekulation, Ämter- und Gnadenhandel, gewissenlose Staatskünste, Nepotenherrschaft. Der Nepotismus, nie zuvor so rücksichtslos betrieben, wurde das Prinzip aller Handlungen Sixtus' IV. Nichts war sonderbarer als dieses illegitime Wesen in Rom. Nepoten, in jener Zeit meist wirkliche Bastarde der Päpste, vatikanische Prinzen, erschienen mit jedem Papstwechsel auf der römischen Szene, wuchsen mit Plötzlichkeit zur Macht auf, tyrannisierten Rom und den Papst selbst, kämpften in einem kurzen Ränkespiel mit Dynasten und Städten um Grafenkronen, lebten im Glück oft nur so lange der Papst lebte, und stifteten, auch wenn ihre Macht zerfiel, neue Familien von päpstlichem Fürstenadel. Die Nepoten waren der Ausdruck der persönlichen Landeshoheit der Päpste und zugleich die Stützen wie Werkzeuge ihrer weltlichen Herrschaft, ihre vertrauten Minister und Generale. Der Nepotismus wurde zum System des römischen Staats; er ersetzte die in ihm fehlende Erblichkeit; er schuf für den Papst eine Regierungspartei und auch einen Damm gegen den Widerspruch des Kardinalskollegiums. Wenn nun der Papst eine flüchtige Regierung benutzte, um seine Familie groß zu machen, so konnte dies meist nur im Umfange des Kirchenstaats geschehen, da die übrigen Mächte Italiens ein weiteres Umsichgreifen verhinderten. Aber dies kirchliche Gebiet, damals für jeden aufstrebenden Ehrgeiz groß genug, bot für Taten des Schwerts und für Künste der Politik hinlänglichen Stoff dar, weil noch manche Feudalhäuser und Republiken darin zu zerstören waren. Die Nepoten unternahmen diesen Vernichtungskampf; sie halfen den Kirchenstaat in eine Monarchie verwandeln, und obwohl sie das Papsttum, dessen gefährlichste Ausgeburt sie waren, offenbar mit der Säkularisation bedrohten, gelang es doch selbst nicht dem Kühnsten dieser Emporkömmlinge, eine Nepoten-Dynastie zu stiften und ihr den Kirchenstaat zu unterwerfen. Sie dienten am Ende doch immer dem Papsttum, in dessen Land sie die großen einheimischen Parteien bändigten und die Tyrannen nach und nach ausrotteten. Der Nepotismus, im Priestertum oder in der Kirche eine Ausartung, hat daher im Kirchenstaat seine politische Berechtigung oder die Ursachen seiner notwendigen Entstehung gehabt.

Wie Rom unter Calixt III. spanisch, unter Pius II. sienisch gewesen war, so wurde es unter Sixtus IV. ligurisch. Zwei seiner Neffen machte er am 15. Dezember 1471 zu Kardinälen; Pietro Riario aus Savona, den man für seinen Sohn hielt, zum Kardinal von S. Sixtus, und Julian Rovere, den Sohn seines Bruders Raffael, zum Kardinal von S. Pietro ad Vincula. Er verletzte dadurch die Konklaveartikel; auch ward die Wahl getadelt, denn beide Nepoten waren junge Menschen niedriger Abkunft, im Franziskanerorden erzogen, weder durch Verdienste noch durch Talente bemerkbar. Die Kardinäle nahmen sie widerwillig unter sich auf, ohne zu ahnen, daß der eine von ihnen, Julian, einst als Julius II. unsterblich werden sollte.

Julian Rovere, Bischof von Carpentras, war 28 Jahre alt, gemessen und ernst, doch sinnlicher Ausschweifung ergeben und ein ganz weltlicher Mann. Nichts verriet in ihm eine große Natur.

Pietro Riario war etwas jünger, ein Minoritenmönch gewöhnlichen Schlages; Sixtus hatte ihn im Kloster erzogen und, kaum Papst geworden, zum Bischof von Treviso gemacht. Er überhäufte ihn mit Würden; er machte ihn zum Patriarchen von Konstantinopel an Bessarions Stelle, zum Erzbischof von Sevilla, Florenz, Mende und gab ihm so viele Benefizien, daß sich sein Einkommen auf 60 000 Goldgulden belief. Pietro wuchs zur Riesengröße auf und beherrschte bald den Papst. Über Nacht aus einem armen Mönch zum Krösus geworden, stürzte sich Riario in die sinnloseste Schwelgerei. Das Leben dieses Parasiten am Papstthron, der in der kurzen Wonnezeit von zwei Jahren seine Reichtümer und sich selbst verschwelgte, ist das grellste Bild von Nepotenglück überhaupt. So schamlos war nie zuvor aller Sittlichkeit Hohn gesprochen als durch diesen Kardinal, welcher das Kleid des heiligen Franciscus trug.

Andere Nepoten blieben Laien, um aus niedrigen Verhältnissen auf hohe Gipfel der Ehren zu steigen. Lionardo, Bruder Julians, so unansehnlich an Körper wie an Geist, wurde Stadtpräfekt, nachdem Antonio Colonna am 25. Februar 1472 gestorben war. Sixtus wollte ihn auf Kosten Neapels groß machen; er erließ Ferrante den Tribut für seine Lebenszeit und verwandelte diesen in die Verpflichtung, dem Papst jährlich einen weißen Zelter zu liefern. Der Preis dafür war die Vermählung Lionardos mit einer aragonischen Prinzessin, welche Sora als Mitgift erhielt.

Das eigenmächtige Verfahren des Papstes lockerte demnach das Lehnsverhältnis Neapels zum Heiligen Stuhl. Die Kardinäle murrten. Was bedeuteten ihre Wahlkapitulationen? Tat nicht jeder Papst alles, was ihm gut dünkte? Gesetzlosigkeit herrschte in der Kurie; bald war nichts mehr heilig; jeder suchte nur Vorteil und Gewinn.

Die Prunksucht des Kardinals Riario

Sixtus hoffte durch sein Bündnis mit Neapel seiner Nepotenpolitik auch jenseits der Apenninen Erfolg zu sichern, und dieses Bündnis wurde glänzend zur Schau getragen, als Leonora, die natürliche Tochter des Königs, im Juni 1473 nach Rom kam, um sich zu ihrem Gemahle Herkules nach Ferrara zu begeben. Die Feste, welche ihr Pietro Riario gab, überstiegen an wahnsinniger Verschwendung alles, was bisher in dieser Weise erlebt worden war.

Die junge Prinzessin kam mit strahlendem Gefolge am Pfingstabend. Der Kardinal Riario, welcher eben erst die Botschafter Frankreichs mit orientalischer Pracht bewirtet hatte, gab ihr Wohnung in seinem Palast bei den Santi Apostoli. Der dortige Platz war mit Segeltuch überdeckt und in ein Festtheater verwandelt worden. Verdeckte Blasebälge wehten in den Sälen des Palastes kühle Luft zu. Die besten Künstler Roms hatten diese herrlich ausgeschmückt. Die schönsten Teppiche Flanderns, darunter der berühmte Nicolaus' V. mit der Darstellung der Schöpfung, verschleierten die fünf Eingänge des großen Festsaals. In den Nebengemächern glänzte alles von Purpur, Gold und kostbaren Gefäßen. Die mit den feinsten Kissen bedeckten Stühle hatten silberne Füße.

Die junge Fürstin konnte auf ihrem wonnigen Lager träumen, daß sie Kleopatra sei, und wenn sie erwachte, lachen, daß sie sich Antonius als einen bepurpurten Franziskanermönch zu denken hatte. Wenn sich die üppigen Hofdamen in ihre Schlafgemächer zurückzogen, brachen sie in Gelächter aus, denn selbst die niedrigsten Geschirre waren dort von vergoldetem Silber. Heidentum und Christentum mischten sich in überschwenglicher Pomperscheinung; denn dieses kam unter Figuren der Mythologie zutage, bald in samtbedeckten Meßaltären, bald in päpstlichen Wappenschildern, bald in Tapeten mit biblischen Geschichten.

Am Pfingsttage hielt die Prinzessin einen glänzenden Aufzug nach S. Peter, wo der Papst die Messe las. Am Mittage ließ der Kardinal die Geschichte der Susanna von Florentiner Schauspielern aufführen; sodann gab er das öffentliche Bankett am Montage, und dies setzte durch die unerhörte Verschwendung alle Welt in Erstaunen. Die in Seide gekleidete Dienerschaft bediente mit musterhafter Kunst, während der Seneschall viermal seine köstlichen Gewänder wechselte. Selbst Vitellius (röm. Kaiser, 15-69 n. Chr.) hätte die Tafel des Mönchs Riario preisen müssen; in Wahrheit wurde dort die ganze Schöpfung aufgetischt. Vor der Tafel nahm man stehend vergoldete, gezuckerte Orangen mit Malvasier; dann wurde Rosenwasser für die Hände gereicht. Der Kardinal ließ sich neben der Prinzessin nieder, worauf unter dem Schalle von Trompeten und Flöten zahllose Gänge von Speisen erschienen, deren Namen und Zubereitung auch die luxuriöseste Küche Asiens in Verwirrung bringen würden. Wenn die sieben Personen, welche an der Haupttafel saßen, von allen Gerichten nur gekostet hätten, so würden sie unfehlbar an Magenüberladung gestorben sein. Man trug vor ihnen auf ganze gebratene Wildschweine samt ihrem Fell, ganze Damhirsche, Ziegen, Hasen, Kaninchen, versilberte Fische, Pfauen mit ihren Federn, Fasane, Störche, Kraniche, Hirsche; selbst einen Bären mit seinem Fell, einen Stock im Maul; nicht zu zählen die Torten, die Gelatinen, die eingemachten Früchte und dergleichen Konfekt.

Man brachte auch einen Berg herein, aus welchem ein lebender Mensch hervorstieg mit Zeichen der Verwunderung, sich mitten in diesem strahlenden Feste zu finden, worüber er einige Verse sagte und dann verschwand. Mythologische Figurenwerke wurden als Hülle von Speisen auf die Tafel gesetzt. Die Geschichte des Atlas, des Perseus und der Andromeda, die Arbeiten des Herkules brachte man in Mannesgröße auf silbernen Platten herein. Kastelle aus Konfekt, mit Speisen gefüllt, wurden geplündert und dann von der Loge des Saals unter das jauchzende Volk geworfen. Segelschiffe schütteten ihre Ladung von Zuckermandeln aus.

Zum Schlusse folgten mythologische Darstellungen, Künste von Buffonen und musikalische Symphonien. Madonna Leonora konnte Rom mit der Überzeugung verlassen, daß die Welt nichts besitze, was an kindischer Schwelgerei dem Hofe eines römischen Nepoten auch nur von Ferne nahe komme.

Das Ende des Verschwenders

Der Kardinal Julian Rovere blickte wohl mit Verachtung auf den Wahnsinn seines Vetters, welchen der Pöbel vergötterte, und dem jetzt die Kardinäle schmeichelten, weil er der allmächtige Günstling des Papstes war. Sein Hof verdunkelte den von Königen. Alles, was der Luxus jener Zeit erschuf, zierte seinen Palast. Ihn erfüllten Scharen von Künstlern, Poeten, Schauspielern und Rednern, und ein Schwarm von Parasiten und Klienten, selbst von den ersten Männern Roms, begleitete Riario ehrfurchtsvoll, so oft er mit hundert Rassepferden aus seinem Marstall zur Kurie ritt. Seine Schmeichler besangen die Gastmähler, die er gab, wie im Altertum die Höflinge des Fabunius oder Reburrus es getan hatten. Er war mächtiger als der Papst.

Indem er seine Größe nach auswärts zur Schau tragen wollte, ließ er sich den Titel eines Legaten für ganz Italien mit unerhörter Vollmacht erteilen, und er reiste sodann im September 1473 mit unglaublichem Aufwande über Florenz, Bologna und Ferrara nach Mailand. Dichter streuten Verse auf seinen Weg und besangen seinen Einzug. Galeazzo Maria empfing ihn mit königlichen Ehren, in feierlicher Prozession. Pietro Riario verstieg sich bereits zu den kühnsten Ideen; er wollte Galeazzo, so hieß es, zum Könige der Lombardei machen, wofür ihm dieser versprach, ihm zum Papsttum zu verhelfen, sei es nach dem Tode Sixtus' IV. oder durch dessen freiwillige Abdankung.

Riario ging nach Venedig, wo er gleiche Ehren empfing. Aber bald nach seiner Rückkehr machte der Tod seinem Freudenleben ein Ende. Der elende Schwelger starb, erst 28 Jahre alt, am 5. Januar 1474. In der kurzen Zeit seines Kardinalats hatte er 200 000 Goldgulden verpraßt, und er hinterließ noch große Schulden. Der Pöbel, dem er die prachtvollsten Karnevalspiele aufgeführt hatte, klagte um ihn, aber jeder ernste Mensch beglückwünschte Rom, als sei es von der Pest erlöst. In diesem Wüstling hatte sich die ganz materielle Renaissance der altrömischen Schlemmerei dargestellt. Riario, ein Monstrum des Nepotenglücks, ist in dieser Richtung die Charakterfigur.

Sixtus IV. beweinte den Tod seines Lieblings, übertrug aber seine Gunst auf dessen Bruder Girolamo Riario, welcher sich bis zur Erhebung des Oheims oder Vaters in Savona als Zollschreiber kümmerlich ernährte, bis ihn das Glück nach Rom berief. Für ihn kaufte Sixtus die Stadt Imola bei Bologna von dem vertriebenen Tyrannen Taddeo Manfredi und belieh ihn mit dieser Grafschaft. Er vermählte ihn mit Catarina Sforza, einer Bastardtochter Galeazzos.

Bald darauf verschwägerte der Papst seine Familie auch mit Urbino. Er erhob Federigo dort zum Herzoge, und dieser versprach seine Tochter Johanna dem sehr jungen Bruder des Kardinals Julian, Giovanni Rovere, zum Weibe. Julian war nämlich mit Federigo befreundet, denn als er im Jahre 1474 als Legat Città di Castello, Spoleto und Todi mit einer Energie, welche den künftigen Julius II. weissagte, der Kirche wiedergewann, hatte ihn Federigo dabei unterstützt. Mit ihm kehrte er im Mai 1474 nach Rom zurück und veranlaßte hier jene wichtige Familienverbindung. Giovanni Rovere wurde trotz des Widerspruchs einiger Kardinäle mit Sinigaglia und Mondovi beliehen und im Jahre 1475 Stadtpräfekt, da Lionardo Rovere am 11. November gestorben war. Die Vermählung mit der noch nicht erwachsenen Prinzessin von Urbino konnte erst im Jahre 1478 vollzogen werden. Sie kam nach Rom, wo die »persische« Verschwendung, mit welcher dies Fest gefeiert wurde, bewies, daß der Nepotenluxus nicht mit dem Kardinal Riario begraben worden war.

Die Verschwörung in Florenz

Immer weltlicher ward das Papsttum, immer tiefer sank die römische Kurie in die Laster der Zeit. Satiren und Berichte davon gingen ins Ausland. Die germanischen Pilger, welche, wie der König Christian von Dänemark, im April 1474 noch als Wallfahrer Rom besuchten, oder die hier zum Jubeljahr 1475 eintrafen, konnten sich überzeugen, daß da nichts zu finden sei als Nepotismus, Wucher und Simonie, die Erwerbung geistliche Ämter durch Kauf. Zum Jubiläum, welches schon Paul II. des Gewinnes wegen auf 25 Jahre herabgesetzt hatte, erschienen die Pilger nur spärlich.

Ein heidnisches Wesen überzog die Stadt mit theatralischem Glanz wie in der alten Kaiserzeit. Weltlicher Pomp wurde zum Bedürfnis der päpstlichen Regierung; der verwöhnte Pöbel schrie nach Festen, und man gab sie ihm reichlich. Hunderttausend Menschen versammelten sich am Tage San Marco des Jahres 1476 auf der Navona, wo Girolamo Riario ein Turnier gab, auf welchem Italiener, Catalanen, Burgunder und andere Nationen um die Preise stritten. Dann sah man wieder Heiligenbilder in Prozession die Stadt durchziehen, als bald darauf die Pest ausbrach. Trotz der strengen Polizeigesetze war Rom und das Landgebiet voll von Meuchelmördern und Frevlern jeder Art.

Glücklicherweise war der Friede bisher nicht gestört worden, denn noch zwang den Papst Furcht zur Mäßigung, weil Mailand, Florenz und Venedig am 2. November 1474 eine Liga geschlossen hatten, um seiner selbstsüchtigen Politik entgegenzutreten. Diesen Bund suchten Sixtus und Ferrante zu sprengen, und aus dieser Absicht war der König im Januar 1475 nach Rom gekommen. Ein schreckliches Ereignis erschütterte bald darauf die bestehenden Verhältnisse: denn der in Mailand verabscheute Galeazzo Maria fiel am 26. Dezember 1476 unter den Dolchen freiheitstrunkener Tyrannenmörder. Die drei jungen Edelleute, welche den Sforza in einer Kirche erstachen, Girolamo Olgiati, Gianandrea Lampugnani und Carlo Visconti, waren wie Stefan Porcaro in der Schule des Altertums gebildet. Olgiati, ein Jüngling von 22 Jahren, starb auf dem Schafott.

Der halbverrückte Wüstling Galeazzo, den man sogar für den Mörder seiner Mutter Bianca hielt, ein zweiter Phalaris, hatte erst 33 Jahre erreicht. Seine Witwe Bona von Savoyen wußte zwar mit Hilfe des Ministers Simonetta die Regentschaft für ihren achtjährigen Sohn Gian Galeazzo zu behaupten, aber die Brüder des Ermordeten, Ludovico der Mohr, Sforza Maria, der Herzog von Bari, Ascanio und Ottaviano begannen alsbald das Spiel ihrer Ränke, so daß in Mailand das Verderben zubereitet ward, welches über ganz Italien hereinbrechen sollte.

Die Mailändische Tragödie wiederholte sich noch schrecklicher in Florenz, und hier stand als der Mitwissende einer Verschwörung, ja als ihr Leiter, hinter der Szene der Papst selbst. Sowohl die Teilnehmer an dieser Freveltat, als die Opfer, als der heilige Ort, wo sie ausgeführt ward, haben die Verschwörung der Pazzi weltberühmt gemacht. Das Haus der Medici hatte seine Macht nicht durch Waffen und Blut, sondern durch Kaufhandel, Reichtum und Tugenden begründet. In der Geschichte alter und neuer Republiken gibt es kaum ein so schönes Schauspiel, als es die ersten Medici darbieten: sie waren nicht die Tyrannen ihrer Vaterstadt, sondern deren gebildetste und wohltätigste Bürger, bis ihre Nachkommen, Wucherer und Heuchler, die Freiheit durch scheinbare Wohltaten zu ermorden lernten. Seit dem Tode Pieros, des Sohnes Cosimos, im Jahre 1469 lenkten den Florentiner Staat dessen Söhne, der liebenswürdige Julian und der geniale Lorenzo.

Eine auf die Größe dieses Hauses eifersüchtige, von ihm vergewaltigte Partei arbeitete an ihrem Sturz, sowohl aus Egoismus, wie aus Ahnung, daß die Geldmacht der Medici die Republik in eine Tyrannis verwandeln werde. Sixtus IV. verband sich mit dieser Partei vom Haus der Pazzi. Anfangs hatte er sich Lorenzo freundlich gezeigt und ihn, der eine Bank in Rom begründete, zu seinem Schatzmeister gemacht. Dieses Verhältnis trübte die Nepotenpolitik; denn Italien wurde durch sie in den Bund zwischen dem Papst und Neapel und die Liga zwischen Florenz, Mailand und Venedig geteilt. Sixtus bemühte sich fruchtlos, die Florentiner von Venedig zu trennen, weil, wie er glaubte, nur dadurch Graf Girolamo Riario zur Herrschaft in der Romagna gelangen konnte. Dagegen suchte Lorenzo die wachsende Größe des monarchisch werdenden Kirchenstaates zu hindern. Er unterstützte Niccolò Vitelli, welchen Sixtus aus Città di Castello vertreiben wollte, und erschwerte Girolamo die Besitznahme Imolas. Man sagt, daß er außerdem dem Papst zürnte, weil er ihm den Kardinalshut für seinen Bruder Julian verweigert hatte.

Der Sturz der Medici erschien Sixtus notwendig, um die Hindernisse zu beseitigen, welche seinen Absichten im Wege standen. Wenn dieser Sturz gelang, hoffte er sich vielleicht auch Toscanas zu bemächtigen, ja Florenz an die Riarii zu bringen. Die Fäden des Planes wurden in Rom gesponnen. Hier hatte der Papst Lorenzo das Schatzamt entzogen und es Francesco de' Pazzi übertragen, dessen Haus in Rom eine Bank besaß. Francesco verabredete mit Girolamo die Ausführung des Planes. Sixtus selbst willigte in den gewaltsamen Sturz der Medici; doch ihren Tod hat er nicht gewollt. Die Pazzi aber beschlossen ihn; käufliche Meuchelmörder fanden sich, unter ihnen ein päpstlicher Söldnerhauptmann, Giambattista von Montesecco, und zwei Priester, Antonio Maffei von Volterra und Stefano von Bagnorea, ein apostolischer Sekretär. Der Umwälzung in Florenz Nachdruck zu geben, sollte Graf Girolamo Truppen in die Nähe jener Stadt schicken, und auch der König Ferrante versprach, seinen Sohn Alfonso in Toskana einrücken zu lassen; denn als seinen Beuteanteil hatte er Siena ausersehen.

In die Verschwörung war auch Francesco Salviati, der vom Papst ernannte, aber von den Medici abgelehnte Erzbischof von Pisa eingeweiht, zu welchem Sixtus IV. den nichtsahnenden Kardinal Raffael Riario schickte, ihm in allen Dingen behilflich zu sein. Raffael war der Schwestersohn und Erbe des Schwelgers Pietro Riario und am 10. Dezember 1477 mit nur siebzehn Jahren Kardinal geworden, nachdem er eben die Hochschule in Pisa verlassen hatte. Noch zwei andere Nepoten hatten gleichzeitig den roten Hut erhalten, Christoforus und Hieronymus Rovere und auch Johann von Aragon, ein Sohn Ferrantes.

Die Untat im Dom zu Florenz

Am 26. April 1478 wurde die fanatische Tat im Dom zu Florenz ausgeführt: Julian fiel von Dolchstichen durchbohrt am Hochaltar, unter den Augen des Kardinals Raffael, während die Hostie erhoben ward. Aber der nur leicht verwundete Lorenzo entrann in die Sakristei, worin er sich verschloß. Ein so großer Tumult erfüllte den Dom, daß man glaubte, er stürze ein.

Florenz erhob sich in Wut, nicht um dem Aufruf des Jacopo de' Pazzi zur Freiheit zu folgen, sondern um die Mörder in Stücke zu reißen; so ganz unentbehrlich waren diese Medici bereits dem Volk geworden. Man knüpfte den Erzbischof von Pisa mit Francesco de' Pazzi und den anderen Schuldigen am Fenster des Palastes der Signorie auf. Verstümmelte Leichen schleppte man durch die Straßen. Scharen bewaffneter Jünglinge führten den geretteten Lorenzo, wie einen zweiten Pisistratus Pisistratus: Tyrann von Athen; 605-528 v. Chr., in seinen Palast, während andere unter Klagegeschrei die Leiche Julians forttrugen, welcher mit fast so viel Dolchstichen durchbohrt war, als einst Cäsar empfangen hatte. Julian war der Liebling von Florenz gewesen; unvermählt gestorben, hinterließ er ein Bastardkind von wenig Monaten mit Namen Julius. Eines Tags offenbarte Antonio da S. Gallo dies Geheimnis Lorenzo, worauf der trauernde Bruder für die Erziehung des Kindes Sorge trug. Der Zufall fügte es, daß dieser Bastard 45 Jahre später als Papst den Heiligen Stuhl bestieg, um dann die Verschwörung der Pazzi dadurch zu rechtfertigen, daß er Florenz dem ganz entarteten Bastardgeschlecht der Medici unterwarf.

Das Florentiner Volk forderte den Tod auch für den Kardinal Raffael, welchen Wachen am Altar ergriffen hatten. Der zitternde Jüngling im Purpur beteuerte seine Unschuld, und seine unreife Jugend überzeugte die Richter, daß er in den Mordplan nicht eingeweiht gewesen war. Man hielt ihn in einem anständigen Gefängnis. Nie hat sich dieser berühmte Kardinal von dem Schrecken jenes Tages erholt, er behielt ein bleiches Antlitz sein Leben lang.

Die Kunde von dem Ausgange der Verschwörung entlarvte Sixtus; das Mißlingen dieses Frevelstücks brachte den Papst in Wut; die gehoffte Umwälzung war so vollkommen mißglückt, daß Lorenzo jetzt zu neuer Größe emporstieg. Mit Bewaffneten drang der wütende Graf Girolamo Riario in den Palast des Florentiner Gesandten Donato Acciajuoli und führte ihn wie einen gemeinen Verbrecher in den Vatikan. Er wurde zwar auf seinen Protest freigelassen und dann von seinem Posten abgerufen, aber die erlittene Beschimpfung gab diesem edlen Staatsmanne bald darauf den Tod.

Am 17. Mai 1478 schlössen der Papst, König Ferrante und Siena eine Liga zum gegenseitigen Schutz und zum ausdrücklichen Zweck, die Medici aus Florenz zu vertreiben. Die Hinrichtung des Erzbischofs, die Festnahme seines Kardinallegaten erklärte Sixtus für ein Verbrechen gegen die christliche Religion, mit welcher er doch den Verschwörungsplan wohl verträglich gefunden hatte. Er schleuderte am 1. Juni 1478 den Bann gegen Lorenzo und die Florentiner Signorie und bedrohte diese Stadt mit dem Interdikt Interdikt: Kirchenbann., wenn sie nicht in Monatsfrist ihre Regenten verjagte. Diese Sentenz ward verachtet, aber man gab den Kardinal am 12. Juni frei.

Florenz rettet sich vor dem Papst

Hierauf exkommunizierte Sixtus die Florentiner; er zog alle ihre Güter in Rom ein, und seinem Beispiel folgte in Neapel der habgierige König, sein Verbündeter. Beide rüsteten ein Heer. Schon im Juli rückten Alfonso und Federigo von Urbino in Toskana ein. Jetzt riefen die Florentiner die Welt zum Zeugen des Verrats und der Ungerechtigkeit eines Papstes, wie sie dies 100 Jahre früher getan hatten. Sie zwangen die Priester, Messen zu lesen, sie vereinigten sogar eine Synode des Klerus ihres Gebiets und appellierten an ein Konzil. Ihr Recht war so sonnenklar, daß sich die ganze Welt mit Furcht oder Abscheu gegen den gewalttätigen Papst wendete, der eine edle Republik bekriegte, weil der an ihren angesehensten Bürgern verübte Meuchelmord von ihr bestraft worden war. Venedig, Mailand, Ferrara, Robert Malatesta, Johann Bentivoglio, Ludwig XI. sagten Florenz ihre Hilfe zu. Die Gesandten Frankreichs, Tristan Graf von Clairmont und Gabriel Vives, nebst den andern Bevollmächtigten dieser Liga versammelten sich am 1. August 1478 in Bracciano, dem Schlosse Napoleons Orsini, protestierten hier gegen das ganz verderbte Wesen der römischen Kurie und kündigten Sixtus IV. ein in Frankreich abzuhaltendes Konzil an, wenn er, welcher die wichtigste Sache der Christenheit, den Türkenkrieg, hindere, nicht Florenz freispreche und Italien den Frieden gebe. Gesandte selbst vom Kaiser und von Mathias von Ungarn eilten nach Rom, Sixtus abzumahnen. Doch dies war umsonst; vielmehr reizte der Papst Genua zum Abfalle von Mailand und die Schweizer zum Kriege wider dieses Land auf. Dies starke Bergvolk hatte eben erst den Sieg bei Nancy erfochten, wo Karl der Kühne von Burgund erschlagen ward, und es wuchs plötzlich zu einer Macht zwischen Frankreich und Italien auf. Die freien Kantone vernahmen zum erstenmal den Ruf eines Papstes, in das Poland herabzusteigen, und ihr Kriegsvolk brach kampfbegierig über die mailändischen Grenzen ein.

Die Florentiner schlossen mit Mailand einen Bund und machten Ercole von Este zu ihrem Kapitan. Während nun der Krieg im Jahre 1479 fortgeführt ward, benutzte Ludovico der Mohr diese Verwirrung, sich der Regentschaft über seinen Neffen Gian Galeazzo zu bemächtigen und die Herzogin Bona zu verdrängen. Dies änderte die Lage der Dinge: denn Ludovico unterhandelte alsbald mit Neapel, auf dessen Seite er trat. Nach großen Verlusten durch den Herzog von Calabrien, welcher in Siena aufgenommen worden war, sah sich Florenz in äußerster Gefahr.

Da rettete Lorenzo Medici sich und sein Vaterland durch einen hochherzigen Entschluß. Indem er erwog, wessen Großmut unter den beiden Feinden eher zu vertrauen sei, kam er zu dem Schluß, daß eines Königs Wort beständiger sein werde als das eines Papstes. Nur von wenigen Freunden begleitet ging er im Dezember 1479 nach Neapel, dem Könige das Heil der Republik in die Hände zu geben, und seinen kühnen Schritt belohnte derselbe Erfolg, welchen einst Alfonso von Aragon beim Visconti gefunden hatte. Er setzte den König durch die Richtigkeit seines Urteils und die Genialität seiner Ideen in tiefes Erstaunen. Nach drei Monaten verließ er den Hof Ferrantes als dessen Verbündeter. Den plötzlichen Umschlag besiegelte die Friedensurkunde vom 6. März 1480, nur daß Alfonso noch in Siena blieb, wo er ganz als Herr schaltete.

Der Papst war außer sich, da er Florenz gerettet sah. Seitdem erlahmte der toscanische Krieg. Der Graf Girolamo wandte sich aus Etrurien nach der Romagna, wo er erst Costanzo Sforza von Pesaro bedrängte und endlich sich in Besitz von Forli setzte. In dieser Stadt herrschten seit langer Zeit die Ordelaffi; der Tod des Tyrannen Pino entzündete eben einen Erbfolgestreit unter den letzten illegitimen Mitgliedern dieses Hauses, und Girolamo Riario benutzte diesen Umstand, um sich Forlis zu bemächtigen. Am 4. September 1480 belieh Sixtus IV. seinen Nepoten auch mit dieser Grafschaft, und so ging das einst mächtigste Feudalgeschlecht unter.

Türken in Italien

Unterdes zwang ein ganz Italien erschreckendes Ereignis den Papst zum Frieden. Von Rhodus abgeschlagen, segelten die Türken unter Achmet Pascha ins Mittelmeer, landeten bei Otranto, eroberten diese Stadt am 21. August 1480, metzelten deren Einwohner nieder und setzten sich dort fest. So wehte das Banner des Halbmondes jetzt auf italienischem Boden; der Sultan streckte seinen mächtigen Arm auch nach dem römischen Reiche aus, und die Zerrissenheit Italiens konnte ihm den Weg bis ins Herz des Landes öffnen.

Sixtus geriet in so große Bestürzung, daß er nach Frankreich entfliehen wollte. Jetzt rief er Europa zur Hilfe, jetzt schloß er ein Bündnis mit Venedig, und er gab nach langem Sträuben am 13. Dezember 1480 den Florentinern Frieden und Absolution. Zwölf Gesandte der Republik, darunter Francesco Soderini, Luigi Guicciardini, Gino Capponi und Antonio Medici, stellten sich dem Papste, welcher auf purpurnem Throne vor den Türen des S. Peter saß. Bei jedem Verse des Miserere Miserere: »Erbarme dich!«, Anfangswort und Bezeichnung des Bußpsalms (56. Ps.). berührte er die knienden Gesandten mit einer Rute, dann öffnete man die Pforte des Doms, und jene schritten hinein.

Florenz wurde in Wahrheit durch die Türken gerettet; denn dem arglistigen Neapel war nicht lange zu trauen. Noch stand Alfonso in Siena; murrend zog er hinweg, weil ihn sein Vater abrief. Im folgenden Jahre ward sodann zwischen allen Mächten Italiens, dem Kaiser, Mathias von Ungarn und Ludwig XI. die große Liga geschlossen. Doch mehr als ihre Waffen wirkte der Tod Mohammeds II. Rom und das ganze Abendland feierten Kirchenfeste, als der furchtbare Eroberer Konstantinopels am 31. Mai 1481 gestorben war. Die beiden Söhne des großen Sultans, Bajazet und Djem, kämpften alsbald um den Thron, und dies bewog den türkischen Befehlshaber Hairadin, am 10. September 1481 Otranto zu räumen, welches der Herzog Alfonso seit Monaten belagert hielt.

Nach der Befreiung dieser Stadt, in deren Hafen die vereinigte italienisch-spanische Flotte lag, war ein Zug gegen Konstantinopel leicht des Erfolges sicher; wenigstens bot sich für die Anstrengungen Europas, Griechenland wieder zu erobern, nie mehr eine gleich günstige Gelegenheit dar. Doch hätte es dazu einer höheren Auffassung der Weltverhältnisse und einer größeren Leidenschaft bedurft, als sie die Machthaber damals besaßen. Sixtus IV. war wesentlich mit den Angelegenheiten des Kirchenstaats und seiner Nepotenpolitik beschäftigt; kein ruhiger Beurteiler wird in seinen Bemühungen zum Türkenkriege flammenden Eifer für eine große Sache sehen. Seine Flotte kehrte mit dem Kardinallegaten Fregoso nach Civitavecchia zurück. In Rom hatte damals der letzte Byzantiner Andreas ein Asyl gefunden, nachdem er an allen Höfen Europas gebettelt hatte. Sixtus gab ihm großmütig ein Jahresgehalt von 8000 Dukaten.

Der Papst verspürte begreiflicherweise keine Lust, sich Bosniens anzunehmen, welches die unglückliche Königin Catarina dem Heiligen Stuhle vermacht hatte. Denn diese Fürstin hatte sich schon im Jahre 1466 nach Rom geflüchtet und war als Pensionärin der Päpste am 25. Oktober 1478 gestorben. Schon in diesem Jahre befand sich auch die Königin Carlotta von Cypern wieder in Rom. Ihr folgten ins Exil einige edle Cyprioten, wie Ugo Lingles von Nicosia und der gelehrte Ludovico Podocatharo, welcher später Sekretär Alexanders VI. und dann durch ihn Kardinal ward. Sixtus gab der Königin Wohnung im Borgo und einen Gehalt von 100 Goldgulden monatlich; dort starb Carlotta im Alter von 47 Jahren am 16. Juli 1487, nachdem sie ihre Ansprüche an jene Insel dem Haus Savoyen abgetreten hatte. Aber Cypern fiel an die Republik Venedig, welche den Bruder Carlottas, Jacob von Lusignan, gezwungen hatte, sich der schönen Venetianerin Catarina Cornaro zu vermählen, und diese trat nach dem schnellen Aussterben der Lusignan die Insel im Jahre 1480 an die Venetianer ab.

Der Ferrarische Krieg

Statt mit dem Orient beschäftigte sich Sixtus IV. mit der Romagna, um dort seinen Günstling Girolamo Riario groß zu machen. Dies herrliche Land wurde damals, wie später, dazu ausersehen, die Grundlage eines päpstlichen Nepotenreichs zu bilden. Girolamo, schon Herr von Imola und Forli, trachtete nach der Erwerbung anderer Städte, wie Faenza, Ravenna und Rimini. Im Sommer 1481 hatte er mit Venedig ein Unternehmen gegen Ercole von Este verabredet. Denn die Venetianer suchten Vorwände, diesen Herzog zu bekriegen, ja womöglich Ferraras sich zu bemächtigen, und das ließ der Papst nicht allein zu, sondern er förderte den Krieg gegen den Vasallen der Kirche, um sich erst der Venetianer zu bedienen, dann aber sie zu überlisten und Ferrara für Girolamo zu erwerben.

So entstand der Ferrarische Krieg im Jahre 1482. Er setzte ganz Italien in Flammen. Der Papst hatte nichts weniger als dies im Plan, auch Neapel mit Hilfe Venedigs für Girolamo zu erobern. Aber während sich Ercole von Venedig angegriffen sah, fand er fast an allen übrigen Mächten Verbündete. Neapel, ihm verschwägert, Mailand und Florenz, der Gonzaga von Mantua, der Bentivoglio von Bologna, Federigo von Urbino wandten sich ihm zu, alle durch die Absichten des Papstes in Furcht gesetzt.

In Rom erhoben sich zugleich die alten Parteien, die Savelli und Colonna gegen die Kirche, die Orsini für diese und gegen ihre Stammfeinde. Der Streit gegen diese Magnatenhäuser war durch Blutrache neu zum Ausbruch gekommen. Denn andere Geschlechter, die Valle, Santa Croce und Margani hatten sich in die Fehden jener hineinziehen lassen. Der alte Petrus Marganus, ein sehr reicher mit Girolamo verwandter Mann, ward eines Tags im Jahre 1480 von Prospero Santa Croce vor seiner Türe erstochen. Dieser Mord spaltete Rom: die Valle fanden bei den Colonna, die Santa Croce bei den Orsini Unterstützung. Der wildeste Geschlechterkrieg durchtobte die Stadt, bis das Friedensgericht ihm Einhalt tat und die verfehdeten Barone dem Rufe Ferrantes folgten, ihm ihre Degen zur Vertreibung der Türken zu leihen. Sie nahmen Dienste im Lager Alfonsos, und ihrer viele blieben im neapolitanischen Solde, auch nachdem Otranto befreit worden war. Aber der Ferrarische Krieg brachte die römischen Parteien wieder in Aufruhr. Der Papst rief die Barone aus dem Heer des Königs ab, die Orsini folgten seinem Gebot, die Savelli und Colonna blieben meist unter der Fahne Alfonsos, weil ihnen Sixtus IV. weniger Sold versprach, als die Orsini erhielten. Nachts am 3. April 1482 überfielen die Santa Croce den Palast Valle mit 200 Bewaffneten, wobei Geronimo Colonna, ein Bastard des Stadtpräfekten Antonio, erschlagen ward.

Der Papst ächtete die Frevler, aber die Unruhen vermehrten sich, als Alfonso von Calabrien im Kirchenstaat erschien. Um nämlich zu erkennen, welches die Absichten des Papstes seien, hatte Ferrante für das Heer, welches Alfonso seinem Schwager nach Ferrara zuführen sollte, freien Durchzug durch das päpstliche Gebiet am Tronto gefordert. Als sich der Papst dessen weigerte, rückte Alfonso im Mai feindlich bis zum Lateinergebirge vor, während neapolitanische Schiffe sich vor Ostia legten. In Marino setzten sich Lorenzo Colonna, dort Feudalherr, und die Savelli fest; sie streiften bis nach Rom, ja sie drangen sogar am 30. Mai in die Stadt selbst. Hier hatte der Papst Truppen unter den Befehl Girolamos gestellt und mit ihm vereinigten sich die Dynasten von Mirandola und Camerino, einige vom Hause Conti, Johann Colonna von Palestrina, und die Sippschaft der Orsini, namentlich Nicolaus von Pitigliano, Paul und Jordan, und der kriegskundige Virginio. Dies berühmte Haus stand damals in neuer Blüte; es besaß große Landstrecken vom Tyrrhenischen Meer bis zum Fuciner-See. Die vier Söhne Carls Orsini, der Kardinal Latino, der Bischof Johann von Trani und die berühmten Kapitane Napoleon und Robert (der Ritter Orsini genannt), waren in kurzer Zeit gestorben, aber ihre Linie setzte Virginio, Herr von Bracciano und einziger Sohn Napoleons, fort.

Die Colonna auf Seiten Neapels

Die Colonna strebten nicht minder zu neuer Macht auf, nachdem sie sich aus ihrem Falle unter Eugen IV. erholt hatten. Sie teilten sich in die miteinander hadernden Linien von Palestrina und von Paliano-Genazzano. Stefan, das Haupt jener, hatte Palestrina wieder aufgebaut und hütete sich, noch einmal das Verderben herbeizuziehen; seine Söhne Jordan und Johann blieben daher Anhänger des Papstes.

Auch die Colonna von Paliano zögerten erst, sich für Neapel zu erklären, doch der Papst oder sein Nepot trieb sie dazu, und halb mit Gewalt, halb mit Überredung zwang sie der Herzog Alfonso, sich ihm anzuschließen. Die Häupter dieser Linie waren die Söhne der Brüder Antonio, des Fürsten von Salerno, und Odoardo, des Herzogs der Marsen; Antonio hinterließ Pierantonio, den später berühmten Prospero, Herrn von Paliano, und Johann, welchen Sixtus IV. am 15. Mai 1480 zum Kardinal von S. Maria in Aquiro gemacht hatte. Die Söhne Odoardos waren der Protonotar Lorenzo, Herr von Alba, und Fabrizio, Herr von Genazzano, welcher einer der ersten Feldherrn seiner Zeit werden sollte. Diese Söhne Odoardos hatte Ferrante am 15. November 1480 in ihre Rechte auf das Marsenland wieder eingesetzt, und ihnen Alba und Avezzano zugesprochen, zum Lohn für ihre Dienste im Türkenkriege von Otranto; und gerade der Besitz dieser Landschaft war der fortdauernde Grund zum Streit mit den Orsini.

Der Obergeheimschreiber Lorenzo befand sich in Marino, der Kardinal Johann in Rom. Auch Prospero diente noch im Solde der Kirche. Sixtus verlangte von ihm die Auslieferung seiner Burgen; er verweigerte sie, worauf er, in Ungnade entlassen, ins Lager Alfonsos ging. Dies brachte den Papst in solchen Zorn, daß er den Kardinal Colonna, den Kardinal Giambattista Savelli und dessen Bruder Mariano am 2. Juni in die Engelsburg setzen ließ. Alfonso lagerte unterdes bei Marino, dessen Burg ihm jedoch nicht übergeben ward; er ängstigte von hier aus Rom gerade in der Zeit der Feldernte, was die Römer zur Verzweiflung brachte, während Sixtus voll Furcht, Rom könnte sich erheben, seine Truppen innerhalb der Mauern bis zum Tor S. Johann hin lagern ließ. Die ehrwürdigsten Kirchen, selbst der Lateran, wurden durch das Kriegsvolk geschändet; die Kapitane würfelten auf den Altären und zechten in den Sakristeien. Terracina fiel unterdes unter die Gewalt der Neapolitaner, aber die Sommermonate gingen hin, ohne daß es zum Kampfe kam. Endlich erschien Robert Malatesta mit venetianischen Bogenschützen in Rom, und der Proveditore Diedo brachte Geld, andere Truppen zu werben.

Die Ankunft des Dynasten von Rimini erfüllte die Päpstlichen mit Zuversicht. Er nahm Wohnung in S. Maria Maggiore, wo ihn der Herzog von Calabrien durch einen Herold voll Hohn als Canonicus jener Kirche begrüßen ließ. Man rüstete den Feldzug; selbst viele Römer stellten sich zu den Fahnen des jungen Malatesta, welchen der Papst zum Feldhauptmann ernannte. Am 15. August zog die Armee vor Sixtus vorüber, während er an einem Fenster im Vatikan stand; es war ein zahlreiches Kriegsvolk: Armbrustschützen; Flintenträger, Artillerie, Reiterei und mehr als 9000 Mann Infanterie unter kriegskundigen Kapitanen und Feudalherren, zumal den Orsini. Am 18. August hob Malatesta das Lager bei den Wasserleitungen vor der Porta S. Johann auf und rückte gegen das Albanergebirge, unter den Flüchen der Römer; denn dies päpstliche Volk hatte ganz Rom vier lange Monate hindurch in eine Pestgrube verwandelt.

Alfonso zog sich jetzt von Civita Lavigna gegen Astura, wo er am 20. August bei S. Pietro in Formis lagerte. Dort erstrecken sich am Meeresstrand waldbedeckte Triften und Sümpfe; sie hauchen so todbringendes Fieber aus, daß jener Distrikt Campo Morto heißt und bis auf die jüngste Zeit selbst Mördern zum Asyl gestattet blieb. Es gibt im Römischen keinen Landstrich von so schauerlicher Natur als die Maremmenwildnis von S. Pietro in Formis, von Conca, Verposa, Fusignano und Astura. Im Mittelalter lag dort ein befestigtes Casale für Büffel- und Rinderzucht, und dies Castrum erhielt von seiner Kirche den Namen S. Pietro, von seinen Wassergräben den Zunamen »in Formis«.

Schlacht bei Astura

Der Herzog von Calabrien hatte mit geringerer Macht, namentlich an Fußvolk, beim Turm von Campo Morto eine Stellung genommen, welche Sümpfe schwer zugänglich machten. Sein Lager war fest, aber wegen der bösen Luft nicht lange haltbar, und schon am 21. August bot ihm Malatesta den Kampf an. Die pontinische Sumpfschlacht wurde fast in denselben Augusttagen geschlagen, wie 214 Jahre früher die Schlacht bei Tagliacozzo. Das Feldgeschrei »Anjou« war jetzt zum Ruf »Aragon« geworden, jenes mit Manfred verschwägerten Hauses, welches jetzt auch Sizilien besaß. In beiden Lagern kämpften noch immer feindlich getrennt Orsini, Colonna, Conti, Savelli und Anibaldi; selbst moslemische Reiter fochten hier, nämlich Janitscharen Janitscharen: türkische Miliz, i. J. 1329 vom Sultan Orchan aus jungen, zum Übertritt zum Islam gezwungenen christlichen Gefangenen errichtet. aus Otranto im Dienste Alfonsos. Die Schlacht würde sich zugunsten des Herzogs entschieden haben, wenn ihm nicht Jacopo Conti mit vielem Fußvolk in den Rücken gekommen wäre. Die Infanterie gab überhaupt den Ausschlag; mit ihr stürmte Malatesta die Verschanzungen des Feindes, der sich in Flucht auflöste. Der Herzog überließ sein Lager und viele edle Gefangene dem Sieger und jagte fliehend durch den Wald nach Nettuno, wo er sich in eine Barke warf, um Terracina zu erreichen. Seit langer Zeit war von Italienern keine Schlacht mit solchem Ernst geschlagen worden; man zählte mehr als 1000 Tote auf beiden Seiten. Der Papst frohlockte; er schickte Freudenbotschaft nach Venedig, wo man die Stadt beleuchtete.

Am 24. August zog Malatesta triumphierend in Rom ein. Er war krank am Sumpffieber. Im Palast Nardini, dem heutigen Palazzo del Governo Vecchio, starb er am 10. September. Man bestattete den tapferen Sohn Gismondos ehrenvoll im S. Peter. Weil sein Erbe Pandolfo noch ein Kind war, hoffte der Papst, Rimini ihm zu entreißen; er schickte Girolamo eilig dorthin, doch die Florentiner schützten die Witwe des Toten. Isabetta, die Tochter Federigos von Urbino, empfing zu gleicher Zeit die Nachricht vom Tode ihres Gemahls und von dem ihres Vaters, welche beide an demselben Tage, der eine in Rom, der andere in Ferrara, gestorben waren. Guidobaldo, der letzte vom berühmten Stamme der Montefeltri, folgte dem großen Federigo auf dem Herzogsthron Urbinos.

Der Sieg bei Campo Morto hatte indes nicht die erwarteten Folgen; denn noch behauptete das neapolitanische Kriegsvolk manche Burgen in Latium; es streifte sogar von Rocca di Papa bis Rom. Sixtus wurde des Krieges müde: die Mächte schritten zur Rettung Ferraras ein; der Kaiser drohte sogar mit einem Basler Konzil, und da der Papst selbst das Anwachsen Venedigs nicht wünschen konnte, beschloß er, sich von seinen Verbündeten zu trennen; unter Vermittlung des Kaisers wurde schon am 28. November 1482 zwischen ihm, Neapel, Mailand und Florenz ein Waffenstillstand geschlossen, dessen ausdrücklicher Zweck die Verteidigung Ferraras und die Beschränkung Venedigs war. Mit der ruhigsten Miene schrieb Sixtus an den Dogen, ihm beteuernd, daß er nur notgedrungen, aus Rücksicht auf das Wohl der Kirche, Krieg geführt habe; er warf alle Schuld auf die Venetianer und forderte sie auf, von dem Kriege gegen das Vasallenland der Kirche, Ferrara, abzustehen.

Die Stadt Rom feierte Friedensfeste. Am 13. Dezember zog Sixtus nach der Kirche S. Maria della Virtù und taufte sie della Pace della Virtu, della Pace: der Tugend, des Friedens.; sodann wurde am Weihnachtsabend der Friede mit den italienischen Mächten im S. Peter ausgerufen. Die frohlockende Bürgerschaft brachte dem Papst einen Fackelzug zu Roß dar, wobei als Nymphen gekleidete Knaben Verse hersagen sollten. Aber Sixtus wies diesen Aufzug voll Argwohn ab, was die Römer beleidigte. Folgenden Tages kam der Herzog von Calabrien mit großem Gefolge, worunter man auch Türken sah; er nahm Wohnung im Vatikan. Und so schloß jetzt der Papst ein Bündnis mit Neapel wider dasselbe Venedig, welches er eben erst in den Krieg mit Ferrara getrieben hatte. Alfonso verließ schon am 30. Dezember Rom, um mit dem Segen seines Feindes nach Ferrara abzuziehen. Niemand wußte zu sagen, weshalb nur eben erst so viel Blut geflossen war.

Im Februar 1483 feierte man prachtvolle Karnevalfeste; selbst eine Tierjagd wurde auf dem Kapitol zum besten gegeben, wobei die Konstabler mehrerer Regionen handgemein wurden. Solche Gefechte fanden bei jeder Festgelegenheit statt. Als man am 24. Januar 1483 den toten Kammerherrn Estouteville nach S. Agostino trug, schlugen die Mönche von S. Maria Maggiore und die Augustinerbrüder mit den großen Leichenfackeln wütend aufeinander, weil jene von dem Goldbrokat rauben wollten, in den der Kardinal gehüllt lag. Viele Schwerte wurden gezogen, und nur mit Mühe rettete man die Leiche jenes berühmten Kirchenfürsten in die Sakristei, wo sie übrigens sofort ausgeplündert wurde. Einem ruhigen Beobachter hätte das damalige Rom mit seinen zahllosen Kavalkaden, heidnischen Aufzügen und täglichen Straßenkämpfen als ein maskiertes Tollhaus erscheinen müssen.

Im Februar 1483 wurden alle von den Neapolitanern besetzten Städte, namentlich Terracina und Benevent, der Kirche zurückgegeben. Die Freilassung der noch gefangenen Kardinäle Colonna und Savelli war ausbedungen worden; und damit zögerte der Papst bis zum 15. November. An diesem Tage machte er Giambattista Orsini zum Kardinal; er gab den Purpur auch Johann Conti, Jacob Sclafetani von Parma, und im März 1484 aus Gründen der Verwandtschaft des Grafen Riario mit dem Hause Sforza dem Assanio Sforza, dem Sohne des Herzogs Francesco.

Die Versöhnung zwischen Colonna und Orsini war indes nicht aufrichtig; jene haßte der Graf Riario, der jetzt allmächtige Tyrann Roms, ein Mann, hart und grausam und voll Herrschbegier. Er und der Papst verbündeten sich enge mit den Orsini, und sie bedienten sich ihrer zum Sturze der Colonna, welche der König Neapels schimpflich preisgegeben, im Friedensschluß gegen die Rache der Feinde nicht gesichert hatte; denn die Angelegenheiten der Savelli und Colonna waren dem Ermessen des Papstes überlassen worden. Lorenzo Colonna wurde zwar wieder in den Besitz Marinos gesetzt, sollte jedoch Alba dem Virginius Orsini gegen 14 000 Dukaten zurückgeben. Der Papst änderte diese Vergleichsartikel zum Nachteil der Colonna, welche mißtrauisch das Marsenland nicht herausgeben wollten, und im Januar 1484 begannen die Orsini den Streit, indem sie Antonello Savelli aus Albano verjagten.

Orsini und Papst gegen Colonna

Die Parteien bewaffneten sich. Am 21. Februar erstachen die Valle ihren Feind Francesco Santa Croce; ihr Palast verschanzte sich; die Orsini verschanzten Monte Giordano; die Stadt erscholl vom Geschrei: »Kirche und Orso!« Die Colonna erhoben sich in Waffen, nachdem Oddo am 28. April mit vielen Vasallen in die Stadt gekommen war; sie versperrten ihren Palast mit Barrikaden. Als hierauf Beamte zum Papst eilten, den Bürgerkrieg zu verhüten, verlangte er, daß der Protonotar Lorenzo persönlich vor ihm erscheine. Man warnte diesen: es sei auf sein Leben abgesehen. Dreimal ritt er mit Selbstaufopferung aus seinem Palast, um sich nach dem Vatikan zu begeben, dreimal führten ihn seine Freunde mit Gewalt zurück. »Wohlan« so rief der Unglückliche mit Tränen, »ihr wollt meinen und euern Untergang!« Der Papst befahl jetzt, den Protonotar mit Waffengewalt herbeizuholen. Sofort rückten Virginius und Girolamo am 30. Mai nach dem Quirinal, während Herolde ausriefen, daß, wer den Colonna Hilfe leiste, in die Acht gefallen sei. Die Barrikaden wurden erstürmt und Feuerbrände in die Ställe des Palastes geworfen. An der Hand verwundet saß Lorenzo auf einem Kasten, während der wütende Feind eindrang; er ergab sich dem Virginius. Man ermordete Filippo Savelli und andere und führte den Protonotar mit Wutgeschrei hinweg. Mehrmals wollte ihm der Graf Riario den Degen in den Leib stoßen, doch Virginius, der jenen an der Hand führte, hinderte dies. Lorenzo wurde erst vor den Papst gebracht, dann in der Engelsburg eingekerkert.

Das päpstliche Kriegsvolk plünderte Kirchen und Häuser des Viertels Colonna und des Quirinals; der berühmte Pomponio Leto, welcher dort wohnte, wurde selbst seiner Bücherschätze beraubt. Auf Befehl des Papstes riß man die Paläste Colonna und Valle nieder. In den Prozeß verflochten die Orsini viele Feinde; Beamte wurden eingekerkert, reiche Personen gebrandschatzt, andere hingerichtet. Jacopo Conti, Herr von Montefortino, der sich bei Campo Morto hervorgetan und dann zu den Colonna übergetreten war, wurde enthauptet.

Päpstliche Truppen rückten unter Paul Orsini und Geronimo Estouteville, einem Bastard des Kardinals, gegen Marino, wo sich Fabrizio Colonna und Antonello Savelli mannhaft verteidigten. Vergebens schickte der Volksrat vom Kapitol Abgeordnete an den Papst, ihn zur Versöhnung mit den Colonna zu stimmen; der Graf Riario wollte nichts davon wissen; er beleidigte selbst den Kardinal Julian Rovere, als dieser einigen Edlen in seinem Palast Asyl gab und sich gegen die Gewalttätigkeiten aussprach, deren Urheber Girolamo sei. Auch die Colonna schickten Boten an den Papst, sich bereit erklärend, Marino, Rocca di Papa und Ardea auszuliefern. »Mit Sturmzeug«, so sagte der Nepot, »will ich alle ihre Kastelle einnehmen.« Er erpreßte Geld von den Kirchen, selbst vom Kollegium der päpstlichen Skriptoren. Zur Erstürmung Marinos ließ der Papst Artillerie ausrüsten; in der Vigilie S. Johann segnete er die Kanonen, mit zum Himmel erhobenen Händen Sieg von Gott erflehend. Die unchristliche Gestalt, in welcher er sich hier vor dem Volk darstellte, mußte wohl jeder noch edel Denkende mit Widerwillen betrachten.

Der Krieg entbrannte in ganz Latium. Es war vergebens, daß Fabrizio, um seinen Bruder zu retten, die Burg Marino am 25. Juni den Päpstlichen übergab; denn der Tod des Protonotars war beschlossen; man hielt sich nicht mehr an Zusagen. Am 30. Juni, eine halbe Stunde vor Sonnenaufgang, brachte man Lorenzo in den untern Hof der Engelsburg; ruhig hörte er sein Urteil, beteuerte seine Unschuld, widerrief die ihm durch die Folter erpreßten Geständnisse. Kein Wort des Zornes gegen den Papst ließ er hören; er ließ sich vielmehr ihm voll Ehrerbietung empfehlen. Er legte sein Haupt auf den Block und empfing den Todesstreich. Man brachte die Leiche erst nach S. Maria Transpontina, dann nach den Santi Apostoli. Hier empfing sie die Mutter des Toten mit vielen Frauen, unter lautem Klagegeschrei; sie ließ den Sarg öffnen; sie betrachtete die Folterwunden des Sohnes; sein abgeschlagenes Haupt erhob sie bei den Haaren und rief: »Sehet, das ist die Treue des Papstes!«

Das Ende des Papstes Sixtus IV.

Alsbald brachen Virginius und Riario gegen die Colonna in Latium auf. Diese Barone wollte der Papst durch seinen Nepoten zunächst vernichten, ihn selbst mit ihren Gütern ausstatten. Cave ergab sich am 27. Juli, und bald auch Capranica. In Palliano lag Prospero mit geringer Macht, unterstützt von einigen Gaetani und den Bürgern der ihm schutzverwandten Stadt Aquila. Er brachte die Belagerer durch Ausfälle in solche Not, daß der Graf Girolamo dringend um Hilfe nach Rom schickte. Sixtus IV. sah jetzt mit Ingrimm, daß die Ausrottung der Colonna eine Unmöglichkeit sei. Seinen Mißmut vermehrten gerade die Gesandten der italienischen Mächte, welche des Krieges mit Venedig müde, ohne ihn zu fragen, mit der von ihm gebannten Republik am 7. August 1484 den Frieden zu Bagnolo geschlossen hatten. Diese den Venetianern durchaus günstigen Artikel brachten die Gesandten der Mächte am 11. nach Rom. Man sagt, daß Sixtus IV., welcher für Girolamo aus jenem Kriege reichen Gewinn gehofft hatte und plötzlich seine Bemühungen vereitelt sah, in solche Wut geriet, daß ihn ein tödliches Fieber ergriff. Er starb folgendes Tags, den 12. August 1484.

Sicherlich war Sixtus IV. als Oberhaupt seines Staates einer der ränkevollsten Fürsten jener Zeit. Herrschsucht und Nepotismus waren die Triebfedern seiner ruhelosen Eroberungspolitik. Handel mit allem Heiligen, schamloseste Geldgier schändete die Kurie. Jedes Mittel, Geld zu machen, galt als erlaubt. Sixtus pflegte zu sagen: »Der Papst braucht nichts als Tinte und Feder, um jede beliebige Summe zu haben.«

Die Verschwörung der Pazzi, der Ferrarische Krieg, das tückische Verfahren mit den Colonna, die Namen Pietro und Girolamo Riario sind hinreichend, den Abgrund zu bezeichnen, welchem das politische Papsttum entgegentrieb. Es ist nur ein kleiner Schritt vom Nepotismus Sixtus' IV. zu dem Alexanders VI. Der erste hat dem zweiten die Wege vorgezeichnet. Wenn die Nepoten jenes Papstes die Natur der Borgia besessen hätten, oder wenn zu seiner Zeit bereits durch eine französische Invasion die Verhältnisse Italiens zerstört worden wären, so würde er wohl ganz so verderblich in der Geschichte Italiens und Roms dastehen wie Alexander VI.


 << zurück weiter >>