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Der Reisepaß

Unter den Arkaden, die den Marktplatz der tschechoslowakischen Grenzstadt Kumerau umgeben, kam an einem kalten Novemberabend des Jahres 1935 ein junger Mann daher, mit zögernden und vor Müdigkeit ungleichen Schritten. Mitunter machte er halt und blickte um sich. Passanten ließen sich keine sehen. Es war ziemlich dunkel hier, denn die Kaufläden schienen alle geschlossen, obschon es kaum über sieben war.

Dort wo die Kolonnade umbiegt, fiel ein trübes Lichtband über den Gang. Der junge Mann blickte in den Vorraum eines Gasthofs. Er trat ein. Es war eine Absteige geringen Ranges, nichts, was einem Empfangsraum ähnlich sah, war vorhanden. Neben einem Stehpult, mit einem Schlüsselbrett dahinter, ging es gleich die läuferlose Treppe hinauf. Eine unbeschirmte elektrische Birne spendete zuckendes Licht, das Elektrizitätswerk von Kumerau schien an diesem stürmischen Spätherbstabend nicht ganz in Ordnung zu sein.

Der Ankömmling rief mit einer belegten, wie von Anstrengung heiseren Stimme Hallo. Als niemand kam, zog er an einem Glockenstrang aus räudigem Samt. Nun öffnete sich hinter dem Pult eine Tür, die nicht ganz Mannshöhe hatte, und es zeigte sich ein untersetzter, verfetteter Mensch, der sich den Mund wischte und ohne Freundlichkeit nach dem Begehren fragte.

»Ein Zimmer für die Nacht!«

Der Wirt schob dem Fremden den üblichen Anmeldebogen hin. »Soll das Gepäck vom Bahnhof geholt werden?«

»Nicht nötig. Wenn Sie es wünschen, kann ich im voraus bezahlen. Aber ich habe nur deutsches Geld.«

»Fünf Mark, Bett mit Frühstück. Und dann Ihren Paß bitte!«

Der Wirt musterte seinen Gast ungeniert, während der seine Personalien auf das Papier malte. Er war gut gekleidet, obwohl zu dünn für die gebirgige Gegend in dieser Jahreszeit. Von seinen Schuhen, die elegant, aber nicht besonders neu aussahen, sickerte Schmutzwasser und verbreitete zwei Lachen auf dem Estrich. Offenbar kam der junge Herr in diesem Promenadenanzug vom nahen Erzgebirge herunter, wo seit einigen Tagen schon Schnee lag. Seine Hand, die an den Daten schrieb, zitterte vor Kälte.

»Zweiter Stock. Nummer acht.« Der Wirt wies mit dem breiigen Kinn nach oben. Er machte keine Anstalt, den Fremden zu begleiten. »Den Paß nicht vergessen!« rief er ihm nach, aber jener hatte schon das erste Stockwerk erreicht und hörte wahrscheinlich nicht mehr.

Der Verfettete nahm den Meldebogen mit sich in die Hinterstube, wo seine Frau beim Abendessen saß. Das Zimmerchen war überheizt, es roch nach warmer Wurst und Kartoffelsalat. Neben dem apoplektischen Hausherrn präsentierte sich seine Gefährtin mager und dürftig, als ein hausmausartiges Wesen, offenbar älter als er.

»Na?« fragte sie kauend.

»Wieder so ein Jud, ein verdächtiger.« Und er las vor: »Ludwig Camburg, geboren 1908, Kunstgelehrter. Das kennt man.«

Er kannte das in der Tat. Der Übertritt aus dem deutschen Reichsgebiet war hier an der Erzgebirgsgrenze nicht leicht zu kontrollieren, und so sickerten Flüchtende, einzeln oder in kleinen Trupps, unausgesetzt herüber in das Gebiet der Nachbarrepublik, wo sie der Schutz einer verständigen und menschlichen Regierung erwartete. Die Arkaden um diesen Marktplatz hatten schon manchen Erlösungsseufzer gehört. Aber die deutschsprechende Grenzbevölkerung hier in der Gegend, wirtschaftlich leidend und von Agitatoren hitzig bearbeitet, war voll unklarer Sympathie mit den Zuständen im Reiche. Dort blühte ganz zweifellos das Paradies. Der Wirt zum »Morgenstern« war selber einmal in eine ziemlich finstere Affaire verwickelt gewesen, bei der zwei sehr forsche Herren in Sportanzügen einen weniger forschen, der sogar etwas betäubt erschien, morgens um drei in einen feinen Mercedeswagen zu ziehen bestrebt waren, genau hier vor seinem Etablissement unter den Arkaden. Niemand konnte damit rechnen, daß morgens um drei gerade an dieser Stelle zwei tschechische Polizisten auftauchen würden. Der »Morgenstern« war damals acht Wochen lang geschlossen gewesen. Und seither mußte sich Herr Stohanzl damit begnügen, verdächtigen Reisenden doppelte Zimmerpreise abzuverlangen.

Zimmer Nummer acht war ein unwirtliches Loch, zwei Schritt breit und fünf lang, vom Schnitt einer Gefängniszelle. An ein derartiges Lokal erinnerte – wenn man solche Erinnerungen hatte auch das Mobiliar.

Der Gast nickte vor sich hin, als habe er das alles nicht anders erwartet, und legte den Mantel ab. Da schlugen ihm vor Frost die Zähne zusammen. Ein eisernes Öfchen war vorhanden. Er blickte suchend nach einer Klingel umher. Aber schon öffnete sich ohne alle Umstände die Tür.

»Ich habe den Herrn um den Paß ersucht!« Der Wirt keuchte vom Treppensteigen.

»Muß das sein?«

»Polizeivorschrift. In einer Stunde können Sie ihn wiederhaben, wenn alles in Ordnung ist.«

Widerwillig zog der junge Herr das Dokument hervor. »Hören Sie, hier ist's sibirisch. Lassen Sie doch etwas einheizen.«

»Jetzt in der Nacht? Der Hausknecht wird nicht mehr auf sein.«

»Wann legen Sie denn Ihren Herrn Hausknecht ins Bett? Sehr human von Ihnen, aber weniger gegen die Gäste.«

Herr Stohanzl gab keinerlei Antwort, er lächelte auch nicht, wozu sich übrigens sein gepolstertes Antlitz schon physisch nicht eignete, und verschwand mit dem Paß.

Der Ankömmling setzte sich auf das Bett, das überraschend weich und elastisch nachgab. Unfähig zu irgendeinem Entschluß schloß er die Augen. Sein schmales, braunhäutiges Gesicht, das heute und vielleicht auch gestern nicht rasiert worden war, wirkte krank vor Erschöpfung. Die ungeschützte Birne hoch an der Decke – diese Art Beleuchtung schien eine Spezialität des Hauses zu sein – zuckte unablässig, und dies Zucken tat ihm weh hinter seinen Lidern.

Es pochte. Er antwortete nicht. Auf dem schäbigen Bettvorleger zu seinen Füßen breiteten sich bereits zwei neue Schneewasserlachen aus.

Behutsam öffnete sich die Tür, und abermals erschien der Wirt. Ein verwandelter Wirt, den gedunsenen Leib in Devotion zusammengeduckt. Hinter ihm war seine graue Lebensgefährtin sichtbar, die mageren Arme hoch bepackt mit Brennmaterial.

Herr Stohanzl bewegte sich vorwärts gegen das Bett, den Reisepaß vor sich hingestreckt wie eine unanrührbare Kostbarkeit. »Haben Hoheit die Gnade zu entschuldigen«, ließ er vernehmen, »ich konnte unmöglich wissen, daß Hoheit ...«

»Heizen Sie bloß ein«, sagte der junge Herr. »Ich bin schon ganz blau.«

»Wenn Hoheit vielleicht ein größeres Zimmer wünschen ... Geruhen Hoheit nur zu verfügen.«

»Lassen Sie doch Ihr dummes Zeug«, sagte der Gast geärgert und warf den wunderwirkenden Paß hinter sich auf die Bettdecke. Er war aufgestanden und stapfte im Zimmer umher.

Die Wirtsfrau stand beim Ofen. Sie hielt ihre Holz- und Papierlast mit dem Kinn fest und starrte ihn an, in blödsinniger Verzückung.

Ihr Gatte kniete nieder, stopfte, raschelte und machte Feuer. Sein ungeheures Gesäß, das die Nähte zu sprengen drohte, sein elefantischer Rücken, der die Maschen der braunen Strickjacke dehnte, schienen kläglich um Verzeihung zu bitten.

Der junge Mann schob sich im Umherwandern die Hand unter die Weste. Sein Hemd fühlte sich feucht und hart an.

»Hören Sie mal«, begann er. Herr Stohanzl ließ sein Material zu Boden fallen und stand auf den Füßen. »Machen Sie mir einen Tee, recht stark, Rum dazu oder Arrak oder sonst einen Schnaps. Und dann hätte ich gern ein Nachthemd. Aber die Läden sind wohl schon zu?«

»Wird alles bestens besorgt, Hoheit. Ich komme schon hinten hinein. Wollen mir Hoheit nur die Allerhöchste Halsweite sagen.«

»39 – allerhöchste Halsweite 40. Und eine Zahnbürste wenn's geht, und ein Stück Seife.«

»Gewiß, Hoheit, geht es. Alles geht, Hoheit.« Er badete sich in der Anrede, unersättlich. »Hoheit haben sich gewiß auf der Jagd verirrt«, fügte er waghalsig hinzu, in Erinnerung vielleicht an ein Lesebuchstück vom Kaiser Maximilian, das er in alten habsburgischen Zeiten in der Volksschule hatte auswendig lernen müssen.

»Auf der Jagd«, sagte der junge Gast, »gewissermaßen.«

Als er sich eine Viertelstunde später entkleidete, riß ihm unter seinen erstarrten Fingern eine dünne Kette aus Platin, die er um den Hals trug, und ein schwerer Gegenstand fiel auf den schäbigen Bettvorleger. Betroffen schaute er darauf nieder, hob ihn auf und legte ihn auf den Nachttisch, neben das Teegeschirr. Er nahm einen Schluck von dem heißen, fadschmeckenden Trank und schielte dabei auf das grüne Ding. Es war flach wie ein Amulett oder Medaillon. Er setzte die Tasse weg und nahm es zur Hand. Es schien sein Interesse zu fesseln, obgleich er es doch am Leibe getragen hatte und also eigentlich kennen mußte. Aber vielleicht kannte er es eben darum nicht genau.

So verhielt es sich. Dieses Medaillon oder Amulett hatte er seit seinem zehnten Geburtstag um den Hals getragen, siebzehn Jahre lang, ununterbrochen, sogar im Bad. Und gerade heute, gerade hier, war nun die kurze Schnur gerissen, und das Ding war zu Boden gestürzt. Er konnte nicht umhin, das seltsam zu finden. Es ging ihm sogar ein kleiner Schauer durch den Leib, und er kam nicht von der Kälte.

Er schlüpfte ins Bett und verbrannte sich den Fuß an der blechernen Wärmflasche, die man ihm unbemerkt hineingeschoben hatte. Dann kam ein Wohlbehagen über ihn, das Behagen des Geborgenen, Wohlaufgehobenen – ein Behagen, das unstatthaft war, dessen er sich schämte, und dem er sich doch überließ. Eine süß schmerzende Müdigkeit sickerte ihm durch die Glieder. Der Lichtschalter befand sich in Reichweite über dem Bett. Im Grunde – eigentlich – war dies hier ein recht komfortables Gasthaus. Und in der Tschechoslowakischen Republik lag es auch.

Aber anstatt nach dem Schalter griff er noch einmal rechtshin nach seinem Amulett. Er betrachtete es, als sähe er's zum ersten Mal. Es war übrigens der Betrachtung wert.

Es war ein flacher, wunderbarer Smaragd von selten erschauter Größe. Höchst kunstvoll hatte man ihn zum Wappenschilde gearbeitet. In sein satt leuchtendes Grün war das Wappen eingeschnitten mit der goldenen Königskrone darüber. Es zeigte sieben goldene Türme, und die Türme wiederum hatten winzige Türchen aus Saphir. Es war ein Stück aus der portugiesischen Erbschaft seines Hauses.

Diesen Smaragd der Maria da Gloria in der Hand schlief er ein. Die unbeschirmte Birne brannte und zuckte die Nacht durch. Das Elektrizitätswerk von Kumerau schien in immer schlimmere Unordnung zu geraten. Aber er schlief wie ein Toter, oder wie ein vom Tode Geretteter.


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