Autorenseite

 << zurück 

I.

M itternacht ist vorüber; am Himmel fliegen die zerrissenen Wolken hin, und von Zeit zu Zeit den dunklen Schleier durchbrechend, ergießt der Mond sein bleiches Licht über meinen Horizont. Alles schweigt, nur das Zittern meines mit Eis bedeckten Fensters und der Nordwind, der zuweilen sein langes Wehgeheul vernehmen läßt, unterbrechen die große, unendliche Stille. – Meine Seele ist traurig – traurig wie die Erde, deren verwelkte Blüthen der Winter mit seiner Schneedecke einhüllt, wie der düstere Himmel, durch dessen Schleier nur hie und da einzelne Sterne blinken, wie diese große winterliche Natur, mit der mein Herz sich so verwandt fühlt.

Arme erfrorene Erde, wie schön warst du vor deinen Wintertagen, wie schwoll jede Brust bei deinen reizenden Wundern. Die ewige Größe des hohen Berges mit neuer Blüthe bedeckt, das freundliche Thal und der klare Fluß, die mächtige Entwicklung, von der hohen Eiche angefangen bis zum kleinsten Grashalm hinab, überall, wohin das Auge sich wandte, frisches Grün und Blüthen, überall glückliche Geschöpfe und Freudentöne: so warst du damals, und jetzt – –! Wohin sind deine Blumen gekommen, wohin der schmetternde Wonnegesang der Lerche, wo ist dein reiner Himmel mit seinen warmen Strahlen? Alles ist verschwunden, Alles, was in deinem Gebiete schön und reizend war, und du stehst kahl, in deinem Winterkleid ein würdiger Aufenthalt des Menschen, damit er für seine Leiden in deinem Welken Trost oder wenigstens gleiches Leid finde.

O, wer gleich einem Wurm nur zu eintägigem Leben geboren würde! Wer bei den ersten Strahlen der Sonne erwachte, und stürbe, sobald die Sonne hinter den Bergen versinkt, wer doch nichts weiter sähe, als die Entwicklung einiger Knospen, wer doch nichts weiter hörte, als den heiteren Gesang der Vögel, wer doch von hinnen gehen könnte, ohne zu ahnen, daß auf diesen glänzenden Tag finstere Nacht, auf diesen blumenreichen Frühling, auf diesen üppigen Sommer starrer Winter, auf diese freundliche Zeit, in welcher er sich für so glücklich, für so stark hielt, Jahre des Kummers und der Schwäche folgen werden: für wie groß und glorreich könnte er diese Welt halten! – Glaube mir, mein Freund, wir leben zu lange! Ausnahmen sind wohl möglich, und es gibt auch deren, aber die allermeisten Menschen überleben ihr Glück, und es gibt wenige, die beim Gedanken an den Tod die Freude, von der sie sich trennen müssen, und nicht vielmehr das Bewußtsein mit Bitterkeit erfüllt, daß sie bisher noch so wenig genossen haben! – die, wenn sie das Ende eines Jahres erleben, nicht, wie ich jetzt, denken, daß es besser wäre, wenn das neue Jahr über ihr Grab, anstatt über ihr sorgenvolles Haupt dahinginge.

Die letzte Nacht des Jahres dunkelt auf der Erde, binnen Kurzem zeigt die Uhr die letzten Augenblicke desselben an, und das Menschengeschlecht beginnt seine alte Geschichte unter einer neuen Jahreszahl. Ein neues Jahr beginnt, und alle Herzen beginnen auf's Neue zu hoffen; als ob nicht dieselbe Nacht den Anfang des neuen Jahres bildete, welche das Ende des alten war, als ob man mit dem Kalender das Herz ändern oder die traurigen Erinnerungen der Vergangenheit vernichten könnte!

Arme Menschen! Ihr theilt Euer Leben in Jahre, Tage und Stunden, als ob Ihr das Ganze nicht ertragen könntet und Euch Eure Last erleichtern wolltet. Wie ein unglücklicher Spieler, der sein Alles verloren hat, geht Ihr dem neuen Jahr mit der Zuversicht entgegen, daß Ihr nach so vielen Verlusten endlich gewinnen müsset; wie leichtgläubige Gläubiger gestattet Ihr Eurem Schicksal, welches Euch das versprochene Glück bisher noch immer nicht gegeben hat, immer einen neuen Termin, und wenn das Blatt sich zu Euren Ungunsten gewendet und der Schuldner Euch wieder nicht gezahlt hat, so hofft Ihr weiter wie vordem; ist doch Hoffen der rettende Wahnsinn Eures Geschlechtes, die Schwäche, die Euch Kraft verleiht, Eure Leiden zu tragen. – Wie würdet Ihr denn sonst dieses leidenvolle Leben ertragen können, dieses maschinenartige Treiben, in welchem die Räder in einander greifen, Alles bewegt und bewegt wird, Alles leidet und unwillkürlich Leiden verursacht; wie könntet Ihr auf dieser Welt fortkommen, wo das Glück, wenn man es in Händen hatte, eine Raupe ist, die man verachtet und wenn es farbenprächtig die Flügel regt, ein Schmetterling ist, der davonfliegt; wo wir am letzten Tag unserer Jahre nur daran denken können, daß die kurze Freude, die wir genossen, der Lohn dreihundertfünfundsechzig langer, leerer oder schmerzvoller Tage war, und daß zuletzt die schönste Eigenschaft der allerbesten Zeit die ist, daß sie vergeht; – wie könnte Euer schwaches Herz so viele Täuschungen, so viele große Leiden und die lange Reihe jener unnennbaren kleinen Leiden ertragen, deren einzelne Spuren Ihr nicht nachzuweisen vermögt, wohl aber die große Verwüstung, die sie wie ein Heuschreckenschwarm hinter sich zurückließen; wie vermöchtet Ihr die schwere Last der Erinnerungen zu ertragen, welche die Jahre Euch auf die Schultern legten, und unter welchen die schönsten, wie das Gold, auch die schwersten sind!? Und alles blos darum, damit in Euren letzten Augenblicken wieder eine Hoffnung vor Euch stehe, die wie die Sonne, nachdem sie untergegangen, bevor es Nacht um Euch wird, noch den Saum der Wolken beleuchtet! Wie könntet Ihr leben, Ihr armen elenden Menschen, wenn nicht Hoffnung Eure dunkle Bahn erhellte!

O, einst hatte auch ich Hoffnungen, schöne beglückende Hoffnungen! – Wenn der Vorabend des neuen Jahres herankam, und meine Mutter, oder später im Kloster unser Prior, über den unschuldigen Knaben den Segen sprach, und ich im ganzen Hause herumging und Jedermann um Verzeihung bat, bis ich mich endlich mit der ganzen Welt ausgesöhnt glaubte: welche reizende Träume erfüllten da meine Seele: Ich blickte zurück, und da war nichts, was mich anklagte; ich blickte vorwärts, und da war nichts, was ich zu fürchten gehabt hätte; die Leiden des Knaben schwanden mit dem Tage dahin, und er ahnte noch nicht, daß es Leiden gebe, welche die Nacht mit ihrem Schleier nicht zu verhüllen im Stande ist. – Ich goß mit meinen Kameraden Blei und Wachs, und indem ich in den unregelmäßigen Formen des Gusses nach meiner Zukunft spähte, erschien mir ein Stückchen Wachs, das auf dem Wasser schwamm, als ein Schiff, auf welchem ich die Welt umsegeln werde; ein zufällig rund geformtes Stück Blei wurde in meiner Phantasie eine Krone oder ein Lorbeerkranz; Alles prophezeite mir nur eine schöne Zukunft. Und später, als ich zum Jüngling herangewachsen war und mein Herz lieben lernte, als alle meine Gedanken, alle meine Hoffnungen sich in einem Punkt concentrirten: o, wie freute ich mich damals darüber, daß die Zeit verfloß; mit welcher Befriedigung dachte ich mir, wenn die Sonne untergegangen, oder der letzte Tag des Jahres angebrochen war: es naht das Jahr heran, in welchem du glücklich sein wirst; es kommt der Tag, welchen du erwartetest. Damals war mir die Zukunft noch freundlich, und mit pochendem Herzen erwartete ich sie. Und jetzt – was ist mir von so vielen Hoffnungen geblieben?!

Alles, wovon der Knabe träumte, was die Phantasie des Jünglings mit Wonne umfaßte, Ruhm, Liebe, Freundschaft und Selbstbewußtsein – Alles ist verschwunden. Ich lernte die Menschen kennen und schauderte vor ihrer Niederträchtigkeit; ich lernte mich selbst kennen, und es überkam mich Ekel vor mir selber; es gibt nichts was in mir einen Wunsch oder Furcht erwecken könnte, es existirt Niemand, den ich lieben oder hassen könnte – und was kann mich erwarten? Hier zu stehen auf dieser großen Welt, den Wechsel der Jahreszeiten zu sehen, die nach einander verfließenden Jahre zu zählen, so viele Tage, so viele Jahre ohne Freude und ohne Schmerz zu verleben – ein Todter mitten in dem reichen Leben, mit schlagendem Herzen, in der Fülle der Jugendkraft zu ewiger Unthätigkeit verdammt, ewig belastet von dem peinlichen Bewußtsein, daß dieses Herz auf der Welt keine Zukunft hat. O mein Gott! was habe ich gethan, daß Du mich so grausam bestraftest? Ich weiß doch gut, daß unsere Freuden auf dieser Welt einmal vergehen müssen; die Zeit durchfurcht das lächelnde Gesicht des Knaben mit Falten, und noch Niemand ist ergraut, ohne zu erfahren, daß jedes Stück Gold, welches wir aus dem Schacht des Herzens heraufholen, eine große Leere zurückläßt, und daß jeder Genuß, den uns das Schicksal vergönnt, ein Darlehen ist, durch welches wir uns im ersten Augenblick reich fühlen, doch dessen Zinsen uns niemals erlassen werden. Aber den Greis lehrt die Schwäche dulden, es stehen die heiteren Erinnerungen eines langen Lebens hinter ihm, und wie schwere Erfahrungen das Leben seinen matten Schultern auch aufgeladen habe, – er weiß, daß er die drückende Last nicht mehr lange tragen wird und erwartet ruhig den Tod. Die gnädige Hand, welche die Blume vom Stengel streift, sobald sie verwelkt ist, welche die Wolke, sobald deren Last zu schwer geworden, zur Erde sinken läßt, welche die Fliege einschläfert, sobald der Winter herannaht, welche jeder ihrer Creaturen eine Grenze des Lebens und des Genusses vorgeschrieben hat – dieselbe gnädige Hand verleiht auch dem Greise Ruhe – er kann sich nicht beklagen. Doch ich, der ich erst auf der Schwelle meines Lebens stehe, der ich mich durch keine Vergangenheit trösten kann, den vielleicht eine lange Zukunft erwartet, und der ich dennoch schon auf den Trümmern meines Lebens weine, und alle Qualen des Greisenalters mit der ganzen Lebhaftigkeit meines jungen, lebensvollen Herzens erdulde: O mein Gott, warum hast Du mich verflucht, warum auf dieses arme Herz so viele Leiden gehäuft? –

Doch bin ich nicht selbst schuld an meinen Leiden? Wölbt sich nicht jetzt derselbe Himmel über mir, wie dereinst? Strahlen nicht dieselben Sterne im unveränderten Glanz über meinem Haupt, und seufzt der Nordwind, der über die Winterlandschaft saust, nicht in bekannten Tönen zu meiner Seele? – Wenn zur Zeit meiner Kindheit in meinen schlaflosen Nächten mein Fenster durch die Berührung des Windes zu zittern anfing, wie jetzt; wenn in den langen Klostergängen gespenstische Töne bald seufzend, bald heulend auf- und abzogen, und ich mit beklommenem Herzen aufblickend, die Wolken in einem großen verzweifelten Kampfe sah; wenn ihre gespenstischen Heere in unaufhörlich sich verändernden Massen bald aufeinander losstürzten, bald in zerrissenen langen Linien auseinander flogen, um sich rastlos wieder aufeinander zu thürmen und zu zerstreuen, während der Nordwind seinen schrecklichen Schlachtgesang erbrausen ließ, und die entlaubten Bäume unseres Gartens wie vor Angst zitterten: so kniete ich nieder und betete mit erhobenen Händen, und mein Herz war ruhig mitten in den Stürmen der Natur. Und als ich, zum Jüngling herangewachsen, meinen Blick über die herbstlich verwelkten Fluren schweifen ließ, der klagenden Stimme des Nordwindes und dem Rascheln des dürren Laubes lauschte, tauchten da in meiner Seele nicht hundert reizende Erinnerungen auf, erinnerte mich nicht der Herbst an jene schöneren Tage, in welchen all' dieses welke Laub noch grünte und ich unter dem Schatten desselben mit meiner Geliebten selig umherging? Sagte mir nicht der herannahende Winter, daß es nach seinen kalten Tagen wieder Frühling werden wird, und daß die Stürme dieser Erde der Blüthenschönheit meines Herzens nichts anhaben können? Und wenn diese gewaltigen Töne mich jetzt nur mit Kummer erfüllen, wenn der Herbstwind in meinem Herzen nur die schmerzliche Sehnsucht zu erwecken vermag, daß ich doch von dieser blüthenlosen Erde gleich dem großen Seufzer der Natur spurlos verschwinden und fortschweben könnte, ist daran die Natur schuld, die mich in unveränderlicher Schönheit, in ewiger Erhabenheit umgibt, und nicht vielmehr mein Herz? – mein Herz, welches durch das große Erwachen des Frühlings nicht erheitert, durch die warmen Strahlen des Sommers nicht zu neuem Leben erweckt wird; mein Herz, welchem der Herbst vergebens seine Früchte darbietet, dessen Kummer der Winter mit seinem Schleier nicht verhüllen kann; mein Herz, das mitten in dieser großen Natur kalt und freudenlos bleiben kann, wo Alles lebt, blüht und Früchte trägt, wo jeder Grashalm in den Strahlen der Sonne welkt und sich erneut? Meine Jugend war voll von Kummer, von zahllosen kleinen und großen Opfern, welche bald das Leben erheischte, bald mein Herz freiwillig brachte, und warum blicke ich dennoch sehnsuchtsvoll zurück nach jenen Tagen? Nicht in der Welt, in mir selbst liegt der Grund meines Zustandes. – Mein Geschick hat mich in eine große schöne Welt gestellt, damit ich, in den reizenden Fluren derselben umherblickend, vor einem großen Altar zu stehen glaube und der gnädigen Macht opfere, die mich hierher versetzte; es wurde mir ein Herz verliehen, damit ich, dessen Bedürfnissen folgend und der mächtigen Stimme desselben gehorchend, Glück biete und genieße; – ich aber habe meinen Glauben zerstört, und diese reizende Erde wurde mir ein Staubklumpen; ich habe die Liebe meines Herzens zerstört, und meine Brust fühlt nur Qualen; ich selbst habe meinen Altar verwüstet, meinem Himmelreich entsagt, und kann mich daher beklagen! nicht Unglücklicher, der Du nicht lieben und nicht glauben kannst, weder der Himmel, noch die Erde kann Deinen Gram lindern.

O, mein Freund! weine, weine über mich!

Doch nein – nicht für mich, für den Einzelnen sollen Deine edlen Thränen fließen; denn was schadet es, wenn der Sturm ein einzelnes Samenkorn aufrafft und von der blühenden Wiese davonträgt; was schadet es, wenn ein einzelner Regentropfen in der Sandwüste nutzlos verdunstet? Aber weine über Dein Zeitalter, Du edles Herz! Weine über das Schicksal Deiner Kinder die in unseren unglückseligen Tagen geboren wurden! Weine über die Millionen, unter welchen Du lebst! Weine heiße, bittere Thränen über Deine Nation; denn das Jahrhundert hat seinen Glauben und seine Liebe verloren, wie ich, und Niemand auf dieser Welt wird seinen Kummer mildern.

Blicke um Dich und sage, ob Dein Herz sich nicht krampfhaft zusammenzieht, wenn Du dieses arme Geschlecht aus tausend Wunden bluten siehst, verzwergt unter der drückenden Last tausendjähriger Tyrannei, hoffnungslos umherblickend auf dieser Erde, wo seine Unterdrücker ihm nur das Grab zum Trost gelassen haben; hoffnungslos, wenn es zum Himmel emporblickt, weil es seinen Glauben verloren hat; trostlos immer und überall, nur in dem Haß, mit welchem es auf seine Unterdrücker blickt, und in der Verzweiflung, mit welcher es seine Ketten schüttelt, zuweilen beweisend, daß es das Gefühl seiner Menschenwürde noch nicht ganz verloren hat. Wer wird diesem unglücklichen Geschlecht seinen Glauben wiedergeben, wer kann in diese verzweifelten haßvollen Herzen einen Strahl von Hoffnung gießen, wer ihnen wieder Liebe einflößen?

O, daß doch die glücklichen Tage des Hoffens wieder zurückkämen, daß uns doch wieder die süße Täuschung einschläferte, daß wir helfen, daß wir über Tausende durch unsere Worte Segen, durch unsere Bemühungen Trost durch unsere Thaten Glückseligkeit ausströmen, daß wir, mit dem Opfer eines reinen Herzens die Sünden von Millionen sühnend, die Erlöser unseres Geschlechtes sein können! Aber müssen wir, wenn wir in diesem Lande umherblicken, wo das menschliche Geschlecht seit einem halben Jahrhundert so große Fortschritte gemacht, oder sich wenigstens so viel bewegt hat, wo so viele für unfehlbar ausgegebene Mittel angewendet wurden und nicht halfen, müssen wir da nicht traurig jeder Hoffnung entsagen? Was sagen wir dazu, wenn wir alle diese kleinen Herzen mit ihren großen Ambitionen sehen, jene zahllosen kleinen und großen Egoisten, die von der Täuschung eines Volkes leben, wenn wir die klingenden Worte hören, die keinen Sinn haben, wenn wir uns überzeugen, daß der Verlust oder das Erlangen eines Minister-Portefeuilles das große Ziel ist, welches Alle so sehr in Bewegung bringt? Was sagen wir dazu, daß wir nach so vielen glorreichen Thaten und riesigen Leiden so entartet sind, daß die ganze Generation mit ihrem Blut, ihrem Glück, ihrer Ruhe nichts weiter erkaufte, als daß die nachfolgende Generation um eine Hoffnung ärmer ist?

Möge Niemand die gewaltige Generation bedauern, welche in den Tagen unserer ersten Revolution lebte. Ihre Leiden waren zwar groß, aber hatte sie nicht auch große Hoffnungen? Betrachte sie in ihren traurigsten Augenblicken, betrachte die Philosophenschaar der Girondisten, die vor dem Blutgerüst die Marseillaise sangen; denke an die Tausende ungenannter Helden, welche die Grenzen des Vaterlandes vertheidigend oder auf dem glühenden Sande Egyptens fielen und in ihren letzten Seufzern die Freiheit hochleben ließen; oder betrachte das hungernde Volk, das um einen Freiheitsbaum tanzte – und sage, ob jene Menschen unglücklich waren! Was thut es, daß die Freiheit, für welche sie kämpften, ihnen noch nicht ihren Segen spendete; wenn die Sonne aufgeht, ist die Luft nur noch kälter – sie erwarteten nichts Anderes. Der Same, welchen sie streuten, konnte dort noch nicht zur Pflanze gedeihen, wo vor Kurzem noch ein anderes Element herrschte und wie nach der Ebbe nur unfruchtbarer Sand zurückbleiben konnte: aber sie wußten das und waren nicht getäuscht. Doch wir, über welche die Sonne, von der sie nur die ersten Strahlen sahen, fünfzig Jahre strahlte, und die wir ihre Wärme noch nicht gefühlt; die wir die Saat nach fünfzig Jahren noch immer nicht ausgehen gesehen haben; die wir in dem Zeitalter leben, für welches sie ihr Blut vergossen, an das sie mit Sehnsucht dachten, und die wir als Erben so vieler Größen so arm sind, daß wir beim Andenken unserer Väter erröthen müssen; die wir nur die eine Folge unserer halbhundertjährigen Freiheit sehen, daß das Volk sich die Fehler des Herrschers und des Unterthans zugleich aneignete, und während es vor jeder Gewalt sich knechtisch verbeugt, seinen Schmeichlern als Tyrann sein Vertrauen schenkt, wir, die wir fern vom Ufer nur das grenzenlose Element vor uns sehen, und um einen Sturm beten, der uns an's Ufer schleudere, oder wenigstens unser Fahrzeug versenke! – O, nicht der Sclave, dessen Arme bluteten, als er seine Ketten zertrümmerte, sondern der seine Ohnmacht fühlt, nachdem er entfesselt wurde: wir, wir sind zu beklagen!

Und können wir noch hoffen, die wir das Schicksal dieser Nation jetzt in Händen haben, werden wir ihren Leiden ein Ende machen, dieses entartete Geschlecht mit seinen kleinen Talenten, das spricht, wo es handeln, und sein Vermögen zu vermehren trachtet, wo es Opfer bringen sollte? Betrachte die großen Männer dieses Zeitalters, und wenn Du vergessen kannst, daß rings um Dich ein Volk weint, so lächle über ihr elendes Wesen; betrachte nur die gewaltigen Nebenbuhler, die um ein Minister-Portefeuille wetteifern; betrachte die lange Reihe ihrer Anhänger, die, je nachdem sie von dem Einen oder von dem Andern Nutzen erwarten, murren oder applaudiren, sich freuen oder ärgern, je nachdem der Eine oder der Andere zum Ziel gelangte; und betrachte rings um sie das Volk, das den Wettstreit mit kalter Gleichgiltigkeit anstaunt, und im Bewußtsein, daß, welcher Theil immer das Ziel erreicht, derselbe in einem neuen Rennen wieder besiegt werden wird, und daß es von keinem etwas zu erwarten hat, sich weder kümmert, noch freut, sondern zusieht und schweigt; beklemmt Dir dann nicht der Gedanke die Brust, daß das Schicksal Deiner Nation in solchen Händen liegt? Fühlst Du dann nicht, daß alle diese durch Bestechung erzielten Wahlsiege, alle diese parlamentarischen Kämpfe und Siege die Leiden Deines Geschlechtes nicht lindern werden? Daß die Welt, wie das Individuum bei einer halben Wahrheit nicht bestehen kann, daß man dieselbe ganz besitzen oder darauf verzichten muß, und daß auf diesem unaufhörlichen Zweifel nichts beruhen kann? Unser Jahrhundert braucht eine Ueberzeugung! Doch wo ist Der, dessen Stimme stark genug ist, um von diesen Zweiflern vernommen zu werden?

Allmächtiges Wesen, unter dessen schöpferischen Hauch Welten rollen und das menschliche Herz schlägt, vor dessen Erhabenheit die strahlende Sonne und das kleinste Geschöpf gleich sind; Allmächtiger, der Du einem jeden Wesen gegeben hast, wessen es bedarf: der Erde die warmen Strahlen der Sonne, dem Meere die Stürme, jedem Grashalm, der in der glühenden Mittagshitze verwelkt ist, einen Thautropfen, jedem Vogel eine Stimme, um sein Freudengefühl auszudrücken – sieh' herab auf Dein armes Menschengeschlecht und gib ihm seinen Glauben wieder, seinen Glauben, dessen er, wie die Erde des Sonnenstrahls, wie das Meer seiner Fluth, wie die Blume Deines Thaues bedarf, um zu gedeihen, sich zu erheben, zu leben; gib ihm einen großen, erhabenen Gedanken, der es aus dem Staube emporhebe, in welchem es versunken ist; gib diesem finsteren, unsicheren Leben einen Hoffnungsstrahl. O gib uns Licht!

Wir haben uns verirrt, aber verirrten wir uns nicht, indem wir die Wahrheit suchen gingen? War das Ziel nicht heilig, nach welchem wir uns abmühten und das uns gleich dem nach Mekka pilgernden Moslim auf eine Wüste führte? Wer kann uns auf den richtigen Weg zurückleiten, wenn Du, unendlich Barmherziger, Dich nicht unser erbarmst? O gib uns Licht!

Sieh', wir kämpfen um die Wahrheit: wie der Bergmann im dunklen Schacht der Berge, wie der Perlenfischer am Grunde des Meeres, so suchten wir diesen Schatz, allen Freuden entsagend, welche das Leben bietet, vor keinen Gefahren und Mühen zurückschreckend, und dennoch erreichten wir mit aller Anstrengung nichts als Finsterniß. O schicke einen hellen Strahl zu uns hernieder, barmherziger Gott!

Die Weisen, denen wir staunend folgten, irren in zweifelvoller Ungewißheit, der Pfad ist vor uns verschwunden, unsere Hoffnungen haben uns verlassen; o erbarme Dich unserer Pein. Der Sprößling eines unglückseligen Geschlechtes, einer aus jenen Millionen, die hoffnungslos Deine Wahrheit suchen, erhebe ich, Allmächtiger, meine Hände zu Dir! Hier in dieser düsteren Einsamkeit, wohin die Stürme des Lebens dieses Herz zertrümmert auswarfen, am Wendepunkt zweier Jahre, mit deren einem ich nichts verloren, von deren anderm ich nichts zu erwarten habe, vor dieser aufgehenden Sonne, die sich strahlend über diese Landschaft erhebt, erhöre mein Gebet, o Gott! sende uns Deine Strahlen herab, damit es licht werde in unseren Seelen, damit auch wir glänzend vor Deinem Angesicht bestehen, damit auch wir mit der unendlichen Schaar Deiner Geschöpfe unsere Stimmen lobpreisend erheben können. O mein Gott, gib uns Licht.

 

II.

Alles erträgt das Herz leichter, als das Andenken verlorenen Glückes, und selbst das Grab, in welchem eine geliebte Person verwest, erfüllt uns nicht mit so viel Schmerz wie der Ort, wo wir sie zum letzten Male an unser Herz gedrückt haben. Ich verließ daher Paris und reiste zu meinem Vater.

Es war beinahe ein Jahr, seit ich ihn zum letzten Male gesehen hatte. Er konnte während meiner Krankheit wegen seiner schwächlichen Gesundheit nicht nach Paris kommen, und empfing mich jetzt mit so großer Freude, daß ich mich getröstet, ja mitten unter so vielen Denkmälern einer Kindheit fast glücklich fühlte. Die Allee, welche schon einen herbstlichen Anblick bot in der ich meine ersten Lektionen gelernt habe, die schweigenden Säle des Hauses, welche der Schauplatz meiner kindischen Spiele gewesen, das Porträt meiner Mutter, kurz Alles rief in meiner Seele das Andenken einer längst entschwundenen schöneren Zeit wach und ließ mich zuweilen meine unmittelbaren Leiden vergessen.

O, der Jüngling möchte im Gefühle seiner Kraft, wenn er den Schranken flucht, zwischen welche sein gnädiges Geschick ihn einengte, und sich nach Thaten, nach Ruhm sehnt, es gar nicht glauben, daß ihm nach den Jahren, von welchen er so viel erwartete, keine seiner Erinnerungen angenehmer sein werde, als die verachteten Freuden seiner Kindheit! So ist das Leben, ein langes, endloses Sehnen nach Dem, was wir bereits besessen haben, oder was wir nur hoffen, und dessen Freuden wir wieder nicht zur Zeit genossen haben oder genießen werden, sondern stets vorher als Hoffnung oder später als Erinnerung.

So verbrachte ich beinahe einen Monat. Die Bäume waren schon größtentheils entlaubt, das Feld verwelkt, und den Himmel bedeckten herbstliche Wolken. Mein Gemüth verdüsterte sich wieder von Tag zu Tag. Die Veränderung meiner Umgebung hatte mich anfangs erheitert; allein je mehr ich mich daran gewöhnte, desto mehr beschäftigte ich mich wieder mit meinen Gedanken, und sie wurden in dieser stillen Umgebung nur noch unruhiger. – Das junge Herz braucht immer etwas, das es mit aller Kraft umfasse, und mir blieb nichts weiter als mein Schmerz; diesem lebte ich, dieser war mein Alles. Ich ging täglich nach Avignon, besuchte da meine Tante, ging in die Kirche, wo ich Julie zum ersten Male gesehen habe, hinaus vor die Stadt, wo wir zuweilen spazieren gegangen waren, und nach Vaucluse, wo wir so selige Stunden verlebt hatten; und wenn ich mich auf den Stein setzte, auf dem sie zu sitzen gepflegt, wenn ich in den Teich sah, der so oft ihr Bild zurückspiegelte, wenn ich alle Erinnerungen wachrief, mir ihr Bild, ihre Stimme, die Wonnen meiner Liebe vorzauberte, und dann, aus dem schönen Traum erwachend, umherblickte und meine Verlassenheit sah, so ward mein Herz von unendlichem Weh durchzittert und ich fing an zu weinen.

So kam ich einmal in die Arena zu Nimes. Die Sonne war bereits untergegangen, die Mauern wurden dunkler, und nur das Abendroth schwebte noch mit allmälig ersterbenden Farben über dem großartigen Gebäude. Bewegt stand ich vor diesem glorreichen Werk, zwischen dessen Ruinen ich zum ersten Male die Großartigkeit der alten Zeit ahnte und von dem erhabenen Beruf des menschlichen Daseins Schönes träumte. Ich setzte mich auf einen Stein nieder und dachte in mir mit zum Himmel gewendeten Augen: »Armes Herz, wie sehr gleichst du dieser Ruine! Zum Genuß geschaffen, wie diese Mauern, warst auch du der Schauplatz vieler Kämpfe, auch in dir jauchzten tausend Gefühle, den schweren Seufzer mit Worten verhüllend, der zuweilen aus deinem Innern empordrang, und wie der letzte Seufzer des Gladiators im Freudengejauchze des brausenden Volkes verschwand. Doch was ist aus dir geworden? – Auch deine schöneren Tage sind dahin, auch du stehst als Ruine da! Die Zeit hat deinen Schmuck geraubt. Der Freudenlärm ist erstorben, und es ruht der Kampf, der einst in deinem Innern tobte; und du stehst da, das unnütze Denkmal einer schöneren Zeit, ein Grabstein, dessen Todte nicht mehr auferstehen werden.« Den Kopf auf die Hand gestützt, versank ich in düstere Träumereien; ein unbeschreiblicher Gram erfüllte mein Herz.

Nahende Schritte erweckten mich aus meinen Gedanken. Ich wandte mich um und erblickte über mir einen Mann, der, langsam die Treppen herabschreitend, sich mir näherte. Es begann schon zu dunkeln, und anfangs erkannte ich ihn gar nicht; doch nachdem er bis zu mir gekommen war und ich seine Stimme hörte, erinnerte ich mich seiner. Es war der Sohn eines reichen Kaufmannes aus Nimes, den ich vor zwei Jahren kennen gelernt hatte, als er noch halb ein Knabe war, und der schon damals meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Schon damals konnte Niemand gleichgiltig bleiben, der Arthur sah. Ernst und in sich gekehrt, stand der Knabe unter seinen heiteren Kameraden, nicht verstanden von ihnen, und ohne an ihren Spielen Antheil zu nehmen. Andere Wünsche, höhere Hoffnungen erfüllten seine Seele. – Wie andere Knaben im Zeichnen unterrichtet, fühlte er seinen künstlerischen Geist sich regen, und nur wenn er unter den Alterthümern seiner Vaterstadt umhergehen konnte, oder die Schönheit der Natur vor sich hatte, fühlte und genoß sein junges Herz die Freuden der Kunst und nicht die seines Alters. Jetzt stand der Knabe als Jüngling vor mir, und ich kann nicht beschreiben, wie sein ganzes Wesen auf mich wirkte. Sein hoher Wuchs, die regelmäßigen Züge seines Gesichtes, dessen Blässe durch seine schwarzen Locken noch mehr hervorgehoben wurde, das große Auge mit dem traurigen und dennoch so warmen Blick, die sanfte Trauer in seinen ruhigen Gesichtszügen, der gewohnte Schmerz, welcher sich in seinem ganzen Wesen ausdrückte, kurz Alles verlieh seinem ganzen Wesen einen besonderen Reiz, und wer ihn sah, der erkannte in ihm den Künstler oder Das, wodurch man zum Künstler wird: eine leidende, edle Seele.

»Wie es scheint,« sprach ich, ihm die Hand drückend, »lieben Sie die Alterthümer noch immer in gleichem Maße!«

»Und wer liebt sie nicht?« erwiderte er begeistert; »wer könnte in die Nähe dieser heiligen Mauern kommen und gleichgiltig bleiben? Sehen von diesen grauen Mauern nicht siebzehn Jahrhunderte auf uns herab? Und woran so viele Jahre vergebens ihre verzehrende Gewalt ausübten, worüber so viele Stürme hinweggezogen sind, was so viele Generationen verschwinden gesehen hat, erinnert das uns nicht, daß es auf Erden etwas gibt, was Jahrhunderte nicht zerstören können, was bei so vielen Veränderungen nicht verloren geht: die Schöpfungen der Kunst und das Gefühl des Schönen in der Menschenbrust

»Und Sie sehen an diesen Mauern nichts Anderes,« sprach ich schmerzhaft, »als die Macht des Schönen und den Triumph des Künstlers, der seine Gedanken in Stein verewigt hat und nach anderthalb Jahrtausenden mit seinem großen Werk noch immer nicht aus der Welt verschwunden ist? Glücklich, wer beim Anblick dieses großartigen Baues, wo Bogen auf Bogen in meisterhaftem Gleichgewicht stehen, Jahrtausende hindurch fortdauernd, wie der Künstler es gedacht hat, und beim Anblick des reinen Himmels, der sich darüber mit seinem unveränderlichen Sternenschmuck wölbt, nur an die Beständigkeit des Großen und des Schönen denkt! Auch ich sehe Beständigkeit in diesen Mauern; aber nicht diese Säulen, nicht der Himmel, der über uns blaut, sondern dieser Sand gemahnt mich daran. Dieses war eine Arena, wo Menschen mit Menschen in naturwidriger Weise kämpften, wo der schuldlose Sclave wilden Thieren zur Beute hingeworfen wurde, wo die rohe Menge den Leiden des Einzelnen ruhig zusah, dem allmälig versiechenden Fließen seines Blutes mit Genuß folgte, die letzten Seufzer des sterbenden Fechters mit Applaus begleitete. Und wer könnte zwischen diesen Mauern vergessen, daß außer dem Sinn für die Kunst in der Menschheit noch etwas von beständiger Dauer ist, die Niedrigkeit der Menschen? – Daß nicht allein diese Mauern, sondern auch unser ganzes sociales Gebäude Jahrtausende lang durch den Druck besteht, welchen die einzelnen Bestandtheile auf einander ausüben?«

»Ist aber das Werk deshalb weniger schön, weil es zu Leiden und mitten in allgemeiner Niedrigkeit geschaffen wurde?« sprach Arthur ruhig, »und verdient Derjenige, dessen innere Harmonie durch das Treiben der Welt nicht gestört wurde, dessen Schöpfung hundert Generationen mit ihrer Gemeinheit nicht beschmutzen konnten, verdient er nicht, daß wir ihn bewundern, um seine Größe beneiden? Die Geschichte des menschlichen Geschlechtes erfüllt die Seele mit traurigen Gedanken; doch wenn mitten unter so vielen Leiden, in dieser traurigen Welt, wo kein Tag vergeht, ohne mit seinen Veränderungen Millionen ihres Glückes zu berauben, ohne den Menschen stets dieselben Leiden zu bringen; wo wir uns, wie in einer großen Tretmühle immerfort im Kreise bewegen, ohne vorwärts zu kommen; wo die Menschheit, wie in einer ungeheueren Wüste in verzweifelter Ungewißheit umherirrt; wenn, sage ich, in dieser Welt die Spuren der Kunst dennoch nie ganz verschwinden; wenn wir in jedem Zeitalter, bei jeder Nation den Trieb gewahren, der im Streben nach dem Edlen und Schönen der ungebildetsten Sprache Poesie verleiht; wenn wir sehen, wie der Mensch zum Stein greift, wie er die Farben mischt, nur um dadurch seine Gedanken zu verkörpern, als ob nichts so hart oder so vergänglich wäre, was er nicht mit seinem Geist beseelen, wodurch er nicht die Bilder seiner Phantasie verewigen möchte: ist das nicht erfreulich? Und wenn unser Herz, indem wir sehen, was für ein Schicksal der Menschheit beschieden ist, und wie wenig wir erreicht haben, von Trauer erfüllt wird, kann es dann wohl einen andern Trost geben, als den, daß wir uns immer um ein edles Ziel bemühten, daß kein Zeitalter so finster war, in welchem nicht die Kunst die Menschen als heiterer Traum umschwebte? Die Kunst ist eine Blüthe am Baume der Menschheit, und wie entlaubt dieser auch scheine, wie dunkel auch sein Stamm, wie knorrig seine Aeste seien, so lange diese Blüthe besteht, kann Niemand sagen, daß der Frühling dieses Baumes vorüber sei und daß er nicht einst Früchte tragen werde.«

»Der Himmel erhalte Ihnen noch lange diese Ueberzeugung,« sprach ich gerührt, »ich kann Sie nur um Ihr Glück beneiden.«

»Um mein Glück?« erwiderte er mit einem Seufzer.

»Sie wären also nicht glücklich?« fragte ich aufgeregt. »Der Künstler, der sich über den Staub dieser Welt erhebt und einen höheren Gedanken lebt; den die Leiden dieser Welt nicht berühren, deren Freuden nicht erniedrigen; den die Denkmäler der Vergangenheit nur an besiegte Hindernisse erinnern; der in die Zukunft blickend, fühlt, das von ihm geschaffene Werk werde seinen sterblichen Leib überleben und tausend Herzen ergreifen, wenn das seine längst vermodert ist; der, wohin er sich immer wende, überall einen Gedanken findet, an welchem seine Seele erwärmen, für welchen sein Herz höher schlagen kann – er wäre nicht glücklich?«

»O, wer sich für einen Künstler halten kann!« erwiderte Arthur bewegt. »Der Maler, welcher das Volk vor seinem Werke knien sieht; der Dichter, der in düsterer Einsamkeit sich wie die Glocke einer Kirche über die Menge erhebt und in sich selber seine schwere Last trägt, mit welcher in Bewegung gesetzt, er mächtige Töne wird vernehmen lassen, um damit die Menschen zu ihrem Gott zurückzuführen; in dessen Seele die große Sehnsucht nach der Kunst erwacht ist und der die Kraft in sich fühlt, das weite Ziel zu erreichen – der ist glücklich, er hat das größte Ziel vor Augen und sein ist die größte Hoffnung auf Erden. Aber ahnen Sie wohl die Schmerzen, welche die Brust erfüllen, wenn darin das Gefühl der Unfähigkeit erwacht ist? O, Sie haben davon keine Ahnung. Jede irdische Laufbahn ist mit Täuschungen verbunden, jeder Mensch strebt nach einem Ziele, das nicht zu erreichen ist; hundertmal kämpft der Mensch, um hundertmal besiegt zu werden, er klammert sich an hundert Gegenstände, und Alles geht unter seinen Händen in Trümmer. Doch diese Erde ist ein weites Feld, und wenn der glühende Südwind eine Blume versengt hat, dann erschließen sich unter demselben versengenden Strahl tausend Knospen; sie ist ein großer Goldschacht, und wessen Erwartungen eine Erzader nicht erfüllt, für den bleibt der Schacht doch noch voll Hoffnungen. Das ist nicht das Schicksal des Künstlers. Er gleicht nicht dem Wanderer, der, Irrlichtern folgend, sich in die Sümpfe dieser Erde verirrt und ermattend noch die winkende Welt vor Augen hat, noch im Versinken mit einer Hoffnung auf sie hinblicken kann; das Ziel, welches der Künstler verfolgt, schwebt gleich einer Sonne vor seiner Seele, und sobald es verschwunden ist, hat er auf dieser Welt nichts mehr zu suchen und trägt einen großen trostlosen Schmerz in der Brust.«

Wir schwiegen. Ich erinnerte mich bei Arthur's Worten an meine eigenen Verluste; die hohen Wünsche meiner Seele, die süße Hoffnung, mit welcher ich in's Leben trat, tauchten noch einmal vor mir auf, und indem ich die Schmerzen des Jünglings in ihrer ganzen Größe fühlte, wollte ich ihn trösten. Ich sagte, er sei noch zu jung, um die Hoffnung aufgeben zu können; ich rühmte seine Werke, die ich vor Jahren gesehen hatte; ich erinnerte ihn, daß schon allein der Trieb, der ihn zur Kunst führte, ein sicheres Zeichen seines Berufes sei; daß die Wünsche, welche die Brust eines Menschen in der Kindheit erfüllen, größtenteils eine Prophezeiung des Weges seien, auf welchem er später fortschreiten werde. Ich sagte ihm noch vieles Andere, denn man findet gewöhnlich tausend Trostgründe für jeden Andern, nur nicht für sich selbst.

Er schwieg eine Weile, und sagte endlich, indem er mir die Hand drückte: »Ermuntern Sie mich nicht, ich kenne meine Kraft, und der Himmel gebe, daß ich meine hohen Ziele vergessen lerne; erreichen werde ich sie nie. Es gab eine Zeit, wo ich das nicht geglaubt hätte. Als ich in's Leben trat und diese schöne Welt erblickte, diese blühenden Fluren, das in der Ferne blauende Gebirge, den schimmernden Fluß, und jede Blume in ihrer besonderen Farbenpracht: da erfüllte ein geheimnißvolles Gefühl meine Brust, da war ich glücklich und dennoch unruhig, zufrieden und dennoch so voll Wünsche. Ich kannte die Kunst noch nicht, aber meine Seele gestaltete sich in ihren Träumen tausend Bilder, in meiner Phantasie erschien Alles schöner, freundlicher, als die Wirklichkeit, und glich ihr dennoch. Ich war ungefähr zehn Jahre alt, als ich bei meinem Onkel das erste bessere Bild sah. Es war ein Sonnenuntergang von Claude. Vorn ein grüner Hügel und einige Bäume, hinter denselben das ruhige Meer mit leichten Wogen, während am Ufer hie und da eine Schifferbarke mit herabhängenden Segeln stand, und im Hintergrund den Horizont ein klarer, in der Farbenpracht des Sonnenunterganges stehender Himmel umgrenzte. Ich staunte. Was ich in meinen Träumen gesehen, wonach mein Herz sich Jahre lang gesehnt, was in meiner Seele als räthselhafte Ahnung geruht hatte, war da vor meinen Augen; ich fühlte, daß auch der Mensch auf Erden schaffen könne, und wonneberauscht hielt ich mich für einen Gott. Mein Leben gewann eine neue Richtung; ich ergriff Pinsel und Farben und arbeitete. Was immer ich sah, jeder Baum, jede Blume, jeder Mensch, wurde der Gegenstand meiner unentwickelten Kunst. Ich weinte vor Freuden, wenn ich glaubte, daß mir irgend etwas gelungen sei, ich weinte vor Gram, wenn ich, nach der ersten Begeisterung noch einmal hinblickend, sah, wie werthlos mein Werk sei; aber noch lebte in mir eine große Hoffnung, noch verlor ich nicht mein Selbstvertrauen. Ich erkundigte mich bei meinem Meister nach dem Alter anderer Künstler und tröstete mich mit meiner Jugend. Allein bald schwanden diese heiteren Tage dahin. Mein Vater ist ein praktischer Mann, und die künstlerische Richtung seines Sohnes konnte ihm nicht angenehm sein, der sein Leben mit Rechnen verbrachte und nicht ahnen konnte, daß auch Das einen Werth haben könne, was man nicht kaufen und verkaufen kann. Er war Kaufmann aus Neigung, und auch ich sollte es werden. Von nun an verbrachte ich, im Comptoir zum Rechnen angehalten, ein qualvolles Leben. Mein Herz sehnte sich nach der freien Natur und ich war zwischen vier Wände eingeschlossen; in meiner Seele tauchten erhabene Bilder auf, und ich mußte multipliciren; ich war ein Künstler, aber nur, um vor meiner Beschäftigung desto mehr Ekel zu haben. Aber noch hatte ich glückliche Augenblicke. Wenn die Stunden der Arbeit vorüber waren und unser Comptoir geschlossen wurde, ging ich in's Freie. Mit erleichterter Brust wandelte ich in der Umgegend der Stadt umher, und wenn ein schöner Sonnenuntergang die Landschaft färbte, oder wenn mich die Nacht zwischen diesen Ruinen überraschte und der Glanz der Sterne und das sanfte Licht des Mondes über diese Mauern ihren Silberschleier breiteten, da erwachten in mir die Träume meiner Kindheit wieder. Ich griff mit neuer Kraft zum Pinsel und verbrachte meine wenigen freien Stunden damit, was ich für meinen Beruf hielt. Auch diese kurzen Freuden mußten mir zerstört werden. Mein Vater wollte in seinem Sohne keinen Künstler, sondern einen gewandten Kaufmann sehen, und was dieser Absicht entgegenstand und meiner Seele eine andere Richtung geben konnte, das mußte zerstört werden, sollte es auch mein Glück, der einzige Trost meines Lebens sein. Meine Bestrebungen wurden verspottet, jeder Augenblick, den ich meiner Kunst widmete, wurde mir verbittert, Alles was ich zu Stande brachte, beschimpft. Mein Vater, unsere Hausleute, meine Bekannten, wohin ich mich immer wandte, Jedermann verspottete meine Kunst, der Dümmste hielt sich für gescheidter als Denjenigen, den Jedermann für einen Narren hielt, der Elendeste sah mit seiner elenden Nüchternheit bedauernd auf meine Begeisterung. Lange ertrug ich das, anfangs mit Zorn, später mit immer mehr zunehmendem Schmerz; von Tag zu Tag verzichtete ich mehr auf meine Hoffnungen, stets mehr überzeugt, daß mein Vater Recht habe, und daß mein eingebildeter Beruf nur ein kindischer Traum sei, welchem ich in meinem vernünftigeren Alter entsagen müsse; bis ich endlich alle meine Zuversicht verlor, meine Bilder zerriß, meinen Pinsel zur Erde warf und der Kunst auf ewig den Rücken wandte. Mein Vater war voll Freude, ich weinte, und dies waren die bittersten Thränen meines Lebens.«

Ich kann den Eindruck nicht schildern, welchen die Worte des Jünglings auf mich machten. Seine Geschichte war so kurz, so einfach und dennoch so traurig. Einige kalte, schonungslose Worte, und die reichen Hoffnungen eines ganzen Lebens welken dahin; ein Vorurtheil, das den Wünschen des jungen Herzens sich entgegenstellt, und das Herz entsagt einmal, um nie wieder eines Wunsches fähig zu sein; zwei Menschen, die liebend an einander hängen, aber indem jeder eine andere Sprache spricht, werden sie einander zum Fluch und zerstören gegenseitig ihr Glück. Das ist das Schicksal der Menschen! Und ist es nicht eine Thorheit, auf dieser Welt zu hoffen, wo nicht allein der Haß, sondern auch sogar die Liebe den Herzen so schwere Wunden schlägt; wo es Deinem Freunde nicht genügt, Dich glücklich zu sehen, sondern wo Jedermann wünscht, daß Du genau in der Weise glücklich seist, wie er es sich vorstellt; wo Deine Getreuen mit grausamer Gutherzigkeit sich so lange abmühen, Dir so lange Rathschläge ertheilen, bis Du einsiehst, daß, was Du für einen Schatz hieltest, werthlos sei, ohne aber an Dem Lust zu finden, was man Dir als Glück anpries; wo Du nicht einmal weinen darfst, ohne durch Trost verletzt zu werden; wo Du Dich nicht an Deine verlorenen Freuden zurückerinnern darfst, ohne daß Deine Freunde sich gegen Deine heiligen Erinnerungen erheben; als ob es etwas nützte, wenn sie Dir den bitteren Kelch aus den Händen reißen, nachdem Du ihn bis zum letzten Tropfen geleert hast. Als die Menschen in ihrem Hochmuth den babylonischen Thurm bauten, verwirrte der Herr ihre Sprache, auf daß sie einander nicht verstehen konnten. Und das ist der Fluch unseres Geschlechtes. Wir verstehen einander nicht; indem wir in den verschiedenen Sprachen des Egoismus sprechen, stehen wir auch von Denjenigen in unerreichbarer Ferne, welche das Schicksal an unsere Seite gestellt hat. Wir wollen ihnen helfen, aber wir kennen ihre Bedürfnisse nicht; wir verlangen das Herz, und man bietet uns kalten Verstand; wir brauchen Hilfe, und man gibt uns einen Rath; wir möchten opfern, aber wir wissen nicht, wo; wir lieben, aber für wen unser Herz schlägt, der versteht unsere Seufzer nicht; und so stehen wir unter so vielen Menschen allein, mitten unter den Materialien, aus welchen wir unser Glück erbauen könnten, in elender Ohnmacht, bis das Herz, welchem verstandene Schmerzen süßer sind als eine Freude, die es mit Niemanden theilen kann, in seiner Pein hassen oder entsagen gelernt hat; bis wir einsehen, daß über dem großen Babel dieser Welt der Fluch Gottes schwebt, und daß es besser sei, sich in die Einsamkeit zurückzuziehen, als sich unter dieser unglückseligen Menge weiter abzumühen, wo Einer dem Andern im Wege steht, und wo die Menschheit trotz ihrer Jahrtausende währenden Bestrebungen sich nicht ein Haarbreit höher erhoben hat.

Lange standen wir schweigend nebeneinander, endlich sprach ich ihn wieder an. Ich tadelte sein Vorhaben, ich sagte, daß jede Laufbahn ihre Hindernisse habe, besonders wenn es keine alltägliche ist, und daß man kämpfen müsse, wenn man siegen will; ich sagte, er sei noch zu jung, um entsagen zu müssen. Aber er schüttelte traurig den Kopf. »Sie täuschen sich,« sprach er mit erstickter Stimme, »nicht daß ich Hindernisse fand, nicht daß ich zu kämpfen hatte – das Gefühl meiner Schwäche schreckte mich von meiner Laufbahn ab, das Bewußtsein, daß ich das Ziel, welches ich mir gesteckt, nicht erreichen könne, daß ich trotz meiner Bestrebungen nur ein Pfuscher sein werde. Möglich, daß mein Geist zu Höherem geschaffen ist, daß ich unter glücklicheren Verhältnissen vielleicht die Kraft besser hätte entwickeln können, die jetzt nur Träume hervorbringen konnte; doch was immer wir uns zufolge unserer Eitelkeit einbilden mögen, es findet sich unter Millionen vielleicht kein Einziger, der dem Einfluß seiner Umgebung widerstehen könnte, und ich gehöre nicht zu diesen Mächtigen, meine Last drückte mich nieder, und keine Macht der Welt könnte mir mein Selbstvertrauen zurückgeben. Wie könnte es denn auch anders sein? Der Künstler bedarf nicht des allgemeinen Beifalls, es ist nicht nothwendig, daß die Stirn des Jünglings ein Lorbeerkranz umgebe, daß seine Begeisterung bei einem Volk Widerhall finde; von der Menge nicht gekannt, nicht verstanden, nicht geschätzt, kann seine Seele auch im Geheimen groß werden, und das Werk, das er schafft, kann rühmenswerth und erhaben sein; er soll nur ein einziges Herz finden, das ihn versteht, nur eine Brust, an die er sich ermüdet schmiegen könne, nur ein Wesen, das er liebe und das ihm Beifall spende, und er wird kämpfen, sich seines Werkes und des einen Wesens freuen, das ihn versteht. Doch wer auch dieses nicht besitzt, wer, wie ich, für seine Bemühungen nur Spott erntet, wen Niemand auch nur mit einem einzigen Wort ermuntert, wen kein warmer Händedruck tröstet, der kann keine Fortschritte machen. Das Werk muß bewundert, gefühlt werden, und wer darauf nicht rechnen kann, der wird auf alle Lorbeern der Welt verzichten.«

Seine Stimme zitterte, er weinte. Ich reichte ihm die Hand. »Vergebung,« fuhr er bewegt fort, »daß ich Sie mit Dingen langweile, die für Sie nicht interessant sein können; aber es thut mir so wohl, mich zuweilen auszusprechen, und in meinem gewöhnlichen Kreise habe ich Niemanden, der meinen Schmerz versteht.«

Ich sagte ihm wieder einige Worte des Trostes. »O, wenn ich in Ihrer Lage wäre,« sprach er aufgeregt, »wenn ich frei wäre und nur ein einziges Jahr nach meinem Willen leben könnte, so ginge ich nach Rom; dort, wo die Werke der großen Meister zu sehen sind, wo über den Ruinen der Geist der alten Kunst schwebt, wo jeder Stein die Spuren eines mächtigen Jahrhunderts an sich trägt und die Menschen unter einer wärmeren Sonne ein lebensvolleres Dasein leben – dort möchte ich niederknien vor den erhabenen Werken, die Spuren betreten, welche die Meister zurückgelassen haben, meine Blicke über die Landschaften schweifen lassen, bei deren Anblick sie in Begeisterung geriethen; ich würde meinen Beruf fühlen und ihnen gleich werden, oder wenigstens meine Unfähigkeit einsehen und still entsagen. Aber so, in dieser fortwährenden Ungewißheit, täglich hoffend und verzweifelnd, während meiner alltäglichen Geschäfte die Begeisterung des Künstlers, und wenn ich mich wieder der Kunst zuwende, meine Alltäglichkeit fühlend; zu groß, um dieses elende Dasein ruhig hinzunehmen, und dennoch zu klein, zu schwach, um mich daraus mit eigener Kraft zu erheben; ein Vogel, welcher fühlt, daß er zum Fliegen geschaffen, und sich, im Käfig umherflatternd, am Gitter desselben wund stößt, und dennoch, wenn der Käfig geöffnet würde, vielleicht nicht Kraft genug besäße, um mit seinen ermatteten Schwingen gen Himmel zu schweben: – das sind Qualen, die Niemand kennt!«

»Und was hält Sie von der Erfüllung dieser Sehnsucht zurück?« fragte ich ihn neugierig. »Wir sind an der Grenze Italiens, und die Sie lieben, werden den Schritt, welchen der Drang Ihres Herzens nothwendig macht und die Zukunft nach meiner innigsten Ueberzeugung rechtfertigen wird, wenn auch tadeln, doch Ihnen gewiß endlich verzeihen.«

»Die mich lieben?« erwiderte er aufgeregt, »die mich lieben? O, fürchten Sie nichts, diese werden meiner Laufbahn nicht hinderlich sein. Ich kann fortgehen und kein einziges Herz wird sich nach mir sehnen; ich kann sterben und kein einziges Auge wird um mich Thränen vergießen. Meine Mutter habe ich nicht gekannt, mein Vater blickt mit Kummer auf mich, die Genossen meiner Kindheit haben sich verachtungsvoll von mir abgewendet; nichts hält mich zurück, und dennoch kann ich nicht gehen. Ich bin ein Schwärmer, ich habe keine Willenskraft. Unentschlossenheit ist der Fluch meines Lebens. Monate lang trage ich mich mit meinem Lieblingsgedanken, mache ich Pläne, überlege ich alle Möglichkeiten, überwinde ich im Geiste alle Hindernisse – und wenn der Augenblick gekommen ist, habe ich keine Kraft. Wie oft rüstete ich mich zur Reise, ordnete ich meine Angelegenheiten, schrieb ich an meinen Vater Abschiedsbriefe – und blieb dennoch hier, und verfluchte dennoch meine Lage, mein Schicksal und mein feiges Herz, das seine Ketten nicht abzuschütteln vermag. – Glücklich, wem Gott eine starke Seele verlieh, wem ein Herz beschieden wurde, das im Gefühl seiner Kraft allein und unabhängig auf der Welt stehen kann; einen Baum, der allein steht, kann der Sturm leichter umstürzen, doch er hat sich frei entwickeln können, nichts verhinderte seine Zweige in ihrem Wachsthum, sein Wipfel konnte sich ausbreiten und in die Höhe wachsen; was der Keim versprach, ist in Erfüllung gegangen; und glücklich, wer wie der Zweig, sich als Theil eines größeren Ganzen fühlt, wer mit der Erde durch nichts in Verbindung steht, als durch den Stamm, auf welchem er gewachsen ist, und aus diesem seine Kraft saugt, mit diesem blüht und verfällt, ein Theil seines Grüns ist und Theil an dem großen Schatten hat, welcher sich rings um den Stamm ausbreitet. Unglücklich ist nur Derjenige, den, wie mich, seine Wünsche aus seinem natürlichen Kreise gerissen haben, und dem seine Schwäche nicht gestattet, unabhängig zu sein.«

Er ging fort, und indem ich ihm aus meiner Einsamkeit nachblickte, erfüllte mich eine früher nicht gekannte Empfindung. Ich war trauriger, als da ich an diesen Ort kam. Ich hatte bisher meine Leiden als einen ausnahmsweisen Zustand betrachtet, und jetzt begann ich zu ahnen, daß Jedermann auf dieser Welt seine Last zu tragen habe, und daß, wenn auch der Grund, der unseren Augen Thränen erpreßt, verschieden ist, diese Tropfen dennoch in gleichem Maße herbe sind; ich war trauriger und empfand dennoch einen Trost, nämlich den, einen Menschen gefunden zu haben, dem ich nützlich sein konnte. Wer nie gelitten hat, der weiß nicht, welche Wonne in diesem Gedanken liegt. Wir sind zum Egoismus geboren; das Kind betrachtet sich schon in seinen ersten Spielen als Hauptperson; der Jüngling bringt Opfer, aber seinen eigenen Gefühlen; der Mann unterzieht sich Mühen, aber um seiner eigenen Zwecke willen; – doch verursache einem Menschen einen großen Schmerz, zerstöre seine Hoffnungen, mache ihn elend, so daß er das Ziel seines Egoismus nicht mehr in sich selbst suchen kann, und Du wirst sehen, was aus ihm werden wird. Unter den Schlägen des Schicksals wird der göttliche Funken in ihm entfacht, und er fühlt, daß er zu etwas Höherem geschaffen sei, als zum Genuß. Seit meinem Gespräch mit Arthur nahmen alle meine Gedanken eine neue Richtung; anstatt des dumpfen Schmerzes, der mich bis dahin niedergedrückt hatte, fühlte ich neue Lebenskraft in mir; ich hatte trösten wollen und war selbst getröstet. Der Himmel hat unsere Herzen so gestaltet, daß nicht allein unsere guten Handlungen, sondern auch unsere guten Absichten nicht unbelohnt bleiben, und wer stark genug ist zur Selbstaufopferung, der wird immer sehen, daß er, wenn auch Niemand Anderen, doch sich selbst beglückt hat.

Ich war unabhängig, und nachdem ich alle Verhältnisse überlegt hatte und in der von Tag zu Tag vertrauter werdenden Bekanntschaft mit meinem neuen Freunde mich überzeugte, in welchem Gegensatz er zum Geist seines Familienkreises stand, machte ich ihm endlich den Antrag, er möge mit mir nach Rom gehen und dort so lange meine Hilfe als ein Darlehen annehmen, bis ihm seine Kunst oder die Aussöhnung mit seinem Vater die nöthigen Mittel bieten würde.

Anfangs sträubte er sich, aber später willigte er ein, und wir standen schon auf dem Punkte, abzureisen, als er durch den Tod seines Vaters Herr eines großen Vermögens wurde und meiner Hilfe nicht mehr bedurfte. Noch einige Tage vergingen mit Vorbereitungen, dann nahm ich Abschied von meinem Vater und wir reisten ab. Er voll Hoffnungen, ich nicht ohne Freude, wie Einer, der einen Glücklichen an seiner Seite sieht und fühlt, daß er um das Glück desselben nicht ohne Verdienst sei.

Ich habe von diesem Gegenstande länger gesprochen, als vielleicht nöthig war; aber ich that es, weil ich wollte, daß Du diesen Jüngling, dessen Wesen dem meinigen so verwandt war, und der auf einem andern Wege dazu gelangte als ich, kennst, und weil nach meiner Ueberzeugung vielleicht nichts auf mein Leben einen größeren Einfluß hatte, als dieses Begegnen in einem Augenblick, wo ich das Leben vielleicht nicht länger ertragen haben würde, wenn nicht dieses Verhältniß meinen Gedanken eine neue Richtung, meinem wunden Herzen den Balsam der Freundschaft verliehen hätte. – Wer eine so tiefe Wunde im Herzen trägt, der kann sein Dasein nur dann ertragen, wenn er weiß, daß er zum Glück eines Andern nothwendig ist; wer auf seine Vergangenheit nicht zurückblicken kann, der bedarf einer Zukunft, um für dieselbe Opfer bringen zu können. Die Einsamkeit ist auch dem Glücklichen peinlich, Dem, der gelitten hat, ist sie unerträglich.

 

III.

In meiner Kindheit träumte ich oft von langen Reisen. Mit sehnsuchtsvollen Blicken sah ich nach der Gebirgskette hin und dachte mir: jenseits dieser Berge wartet deiner das Glück; ich stellte mir ein stürmisch bewegtes Meer voller Klippen vor, und mitten in demselben eine Insel, wo ich landen und glücklich sein werde; ich träumte von andern, schöneren Ländern unter einem fernen Klima, wo der Himmel reiner, die Sonne blauer, die Fluren fortwährend in Blüthe stehen und das Herz keinen Kummer kennt. Ich hatte Recht; als ich mir dies einbildete, hätte mich jenseits der Berge, jenseits des Meeres, unter einem anderen Klima, kurz überall, wohin mein Weg mich geführt hätte, Glück erwartet. Auf dieser schönen Erde ist jeder Ort, wo die Ruhe unserer Seele durch keinerlei Erinnerungen gestört wird, ein Schauplatz der Freude. Jetzt reiste ich. Es stand mir die ganze Welt offen, und was fand ich? O, wir wären glücklich, wenn wir die Wirklichkeit mit jenen Empfindungen vertauschen könnten, mit welchen wir zur Zeit unserer Hoffnungen derselben entgegensahen, oder vielmehr wenn wir unsere Wünsche nie in Erfüllung gehen sähen. Das Leben ist ein unglückliches Spiel, in welchem die Karte, auf die wir warteten, zuletzt immer herauskommt, doch erst dann, wenn wir darauf nicht mehr setzen und damit nicht gewinnen können.

Wir reisten nach Italien. Wer kennt nicht die Schönheiten Italiens? Schon der Name allein erweckt Wünsche; der Himmel wölbt sich blauer über herrlichen gesegneten Fluren, duftend blühen dort die Felder, und der grüne Oelbaum wird alt, ohne einen Winter erlebt zu haben, der länger als einige Stunden währte. Gott hat dieses Land besonders gesegnet. Wenn Du von den Alpen herabkommst, wehen Dich laue Lüfte an, und indem Dein Auge, dem hinabbrausenden Bergfluß folgend, die grüne Fläche erblickt, erfüllt ein unbekanntes Sehnen Deine Seele, auch Dich drängt es, nach dem gesegneten Lande hinzueilen, und Du jauchzest vor Freude, daß Du hingelangt bist. Du bist in Italien, dort, wo die Denkmäler tausendjähriger Glorie stehen, wo die Kunst ihre Schätze aufhäufte, wo die Sprache Gesang und das Leben ein reizender Traum geworden; Du befindest Dich in dem Lande, von welchem Du als Kind geträumt, bei dessen Namen Dein junges Herz einst erglühte; blicke um Dich und genieße. – Genieße, wenn vor Deiner Seele zwischen den Ruinen die Großartigkeit der alten Zeit auftaucht, und nicht der Gedanke an die Vergänglichkeit solcher Größe; wenn das flehentliche Bitten des Bettlers Deine reizenden Träume vor dem glänzenden Palast nicht zerstört – so genieße, wenn Du kannst; ich hatte da nur traurige Empfindungen.

Ich sah Venedig. Noch steht diese Stadt, noch ist sie glorreich mitten in ihrem Ruin. Jahrhunderte haben daran ihre Macht ausgeübt, doch sie ist schön geblieben, wie die Sonne, die auch noch über dem Meere strahlt, wenn sie untergeht, um selbst dann noch ihren Glanz zurückzulassen. Das Meer umbraust die Paläste dieser Stadt, Stürme versuchen am Fundament derselben zu rütteln, doch das menschliche Werk besteht fort, und der Mensch hat das erhebende Bewußtsein, daß seine Macht den Elementen zu trotzen vermag; aber fühlt nicht unser Herz zur selben Zeit, wie schwach es ist gegen seine eigenen Leidenschaften? Die Paläste stehen noch, aber ihre Bewohner sind dahingeschieden; die Canäle sind geblieben, aber nur hier und da unterbrechen einzelne Ruderschläge die düstere Stille; rings um den Marcusplatz ragen die Gebäude der ehemaligen Republik noch hoch empor, aber es fehlt ihre einstige Bevölkerung, es fehlt die Siegesfreude, mit welcher der triumphirende Doge hier einst empfangen wurde, und das erhabene Bewußtsein, mit welchem der einstige Venetianer sich hier an der glorreichsten Stelle der Erde, zu Hause fühlte. Was nur gegen Elemente zu kämpfen braucht, besteht; was gegen die Leidenschaften der Menschen kämpfen mußte, ist zu Grunde gegangen; die Stadt hat ihre Bevölkerung überlebt. Es ist das ein trauriger Anblick, und der Mensch, der an keinem Grabe vorbeigehen kann, ohne an die Hinfälligkeit unseres Geschlechtes zu denken, kann hier, wo er am Grabe einer Nation steht, mit Recht über das erlöschende Andenken so vieler Generationen, eines mehr als tausendjährigen Ruhmes seufzen, hier, wo all' jener äußere Pomp, der ihn umgibt, all' der Glanz, der im ersten Augenblick seine Phantasie hinreißt, ihn gemahnt, welch' ein großer Todter vor ihm liege.

Aber vielleicht ist es Deiner Seele ein Trost, daß Du auf den Spuren einer großen Nation einherwandelst, daß zwischen diesen schweigenden Mauern einst die begeisternden Worte der Freiheit erschollen, und das Volk, welches jetzt Dein Bedauern erregt, erst so weit gesunken ist, seitdem es sein Vaterland verloren. Es ist schön, wenn auch zwischen Ruinen, an eine große Vergangenheit zurückzudenken, und was immer für traurige Gefühle Dich unter den verfallenen Größen dieser Welt erfüllen mögen – der Gedanke, daß sie wenigstens einst existirten, läßt Dich den traurigen Gedanken vergessen. Nichts von Dem, was Menschen Großes geleistet haben, ist Dir fremd; in den glorreichen Thaten Deiner Vorfahren fühlst Du Deinen eigenen Beruf, und indem Du zu einer stärkeren Generation aufblickst, erfüllt sich Dein Herz mit erhabenen Gefühlen. Doch nicht hier! Die sinkende Größe dieser Stadt verdient nicht Deine Thränen! Was hier verloren ging, war großartig, doch nichts dergleichen, bei dessen Andenken Deine Brust schwellen könnte. Oder betritt Dein Fuß hier nicht die Spuren tausendjähriger Tyrannei? Wandelst Du hier nicht zwischen den Palästen jenes stolzen Patriciats, das sich in seinem Hochmuth Königen gleich dünkte, während das Volk nur an seiner Unterdrückung merkte, daß über ihm Leute standen, die sich frei und hoch genug gestellt fühlten, um die Klagen der unter ihnen Stehenden verachten zu können? O laß' Dich nicht durch tausendmal wiederholte Gemeinplätze täuschen; glaube nicht, daß Du, weil Du auf den Ruinen einer Republik stehst, hier über verloren gegangene Freiheit klagen kannst; und wenn die fremde Flagge, welche Du hier siehst, in Dir Bedauern erregt; wenn im Dogenpalast die schreckliche Stille nur vom Widerhall Deines Trittes unterbrochen wird und mit der langen Reihe der Dogenbilder der Glanz, der diese Räume einst erfüllte, zu Ende ging: so erinnere Dich, daß über Dir die Bleikammern sich befinden, unter Dir die berüchtigten Brunnen, in Deiner Nähe die Seufzerbrücke; und wenn Dir vielleicht eine Thräne in's Auge getreten ist, so wische sie ab, denn Du stehst auf einem der Plätze, wo im heiligen Namen der Freiheit gottlose Tyrannei ausgeübt wurde, wo der dem Blut des Volkes entsprossene Lorbeer die Stirn Weniger bekränzte; wo das Vaterland für Einzelne ein Festsaal, für das Volk nichts weiter als ein Gefängniß war; gedenke, daß Du an einem der Plätze stehst, wo ein Volk von der Zeit verurtheilt wurde, wo die ewige Gerechtigkeit ein Beispiel aufgestellt hat, daß alle List und Gewandtheit, alle materielle Gewalt, Sbirren und der Rath der Zehn, Alles, was hundert Machiavellis ersinnen konnten, ein Land nicht zu erhalten vermochten, dessen Basis nicht die Gerechtigkeit war.

Es können Zeiten kommen, wo, wie Byron sagte, diese Stadt in die salzigen Wellen zurücksinken kann, aus welchen sie emporgestiegen ist, und von allem Glanze Venedigs nur eine Sage übrig bleibt, welche die Fischer einander am Abend erzählen, ein Märchen, daß hier unten eine Stadt stehe, die einst ein mächtiger Fürst beherrschte, die eine zahlreiche Bevölkerung und glänzende Paläste hatte und von Gott in seinem Zorn in die Tiefe versenkt wurde. Das Volk wird daran glauben, und es wird Leute geben, welche an großen Festtagen aus der Tiefe des Meeres das Glockengeläute zu vernehmen glauben werden. Wie viel ist schon von der Welt verschwunden, wie viele Namen, welche ihr Jahrhundert erzittern machten, sind verklungen, von wie viel Städten ist nicht ein Stein übrig geblieben! – Wie ein Baum, welcher Jahrhunderte lang wuchs, dann umfällt und unter den sprossenden Nachfolgern vermodert, so verfallen auch Länder, bis endlich ihre dunkle Spur verschwunden und von ihnen nichts als ein Märchen für Kinder übrig geblieben ist, über das vernünftige Leute lächeln.

Wer könnte Italien bereisen, ohne daß in seiner Seele diese und ähnliche Gedanken erwachen? Von Venedig bis hinab nach Neapel findest Du überall Ruinen. Der gestürzte Triumphbogen, das hohe Amphitheater, welches die Steine des verfallenen Tempels halb verdecken, und dahinter die finsteren Mauern der gothischen Kirche, und die starken Stadtmauern, welche die Bürger der Freiheit errichteten, und die, seit sie nichts zu beschützen haben, zerfallen – Alles erinnert an die Vergangenheit, Alles mahnt Dich, daß Du auf den Trümmern zweier großen Zeitalter stehst, welche in diesem Lande von besonders langer Dauer waren, für Ideen kämpften, es zu besonderer Größe brachten und jetzt auf ewig dahingeschwunden sind. Rom erfreute sich der Huldigungen der Welt, und was ist davon Anderes übrig geblieben als Ruinen? Jahrhunderte lang kämpfte das Mittelalter, und wohin sind seine Ideen gekommen, wohin seine Begeisterung, welche die Welt erschütterte? Und so vergeht ein Zeitalter nach dem andern, jede neu auftauchende Idee zerstört diejenige, welche früher herrschte, um in Zukunft auf gleiche Art zu verschwinden. Das Leben des menschlichen Geschlechtes gleicht der Raupe, die sich einspinnt, in finsterer Ruhe wartet, bis ihre Stunde kommt, und dann ihr eigenes Werk zerstört, um als Schmetterling emporzuschweben; jedes Zeitalter hat seine Idee, in welche eingesponnen es eine Zeit lang ruht, ein jedes zerbricht endlich das Gefängniß, welches es sich gebaut hat, jedes hat eine kurze Stunde der Erhebung, nach welcher es gleich der in einen Schmetterling verwandelten Raupe verscheiden muß. Und wir kämpfen noch? Ueber so viel Ruinen hoffen wir noch, wir wagen es, unseren Ideen zu vertrauen, wenn wir zurückblickend, sehen, daß jedes Zeitalter seine Begeisterung hatte, jedes Jahrhunderte lang für eine Wahrheit kämpfte, und jedes schließlich einsah, daß es sich getäuscht habe?! Welch' ein Wahnsinn, daß die Menschen, trotzdem sie ihre Geschichte kennen, noch immer nicht resigniren konnten. Betrachte den Lazzaroni, Du stolzer Mensch, der Du, mit dem engen Kreise Deines Daseins nicht zufrieden, Dein Leben bis über das Grab hinaus ausdehnen möchtest, der Du einen Namen zurücklassen und eine Welt nicht verlassen willst, auf welcher Du besser nicht gelebt hättest – der Lazzaroni ist wahrlich weiser als Du. Rein wölbt sich der Himmel über ihn, blühend umgibt ihn die Landschaft, und er ist glücklich; er blickt gen Himmel, und tausend Sterne gießen ihren Glanz auf ihn herab; er kennt nicht ihre Namen und ihre Entfernung, aber er sieht ihren Glanz und freut sich dessen; er freut sich der Blumen, die sich rings um ihn erschließen, und des Meeres, das ihn mit seinem Brausen in Schlaf lullt. Ein Pomeranzenbaum, dessen Früchte er erreichen kann, die Strahlen der warmen Sonne, und vielleicht noch ein wenig Liebe, die sein Herz erhebt – ist das nicht Alles, dessen er bedarf? Betrachte ihn, wenn er sich vor den Strahlen der Sonne geflüchtet hat und im Schatten einer Ruine eingeschlummert ist, und sage, wer vernünftiger sei, er, der zwischen diesem Gemäuer den Schatten aufsucht, oder Du, dessen Einbildungskraft sich an diesem kalten Stein entzündet und von Ruhm träumt; er, welcher weiß, daß im langen Spiele dieses Lebens nur einzelne Fälle günstig sind, daß der ein Thor ist, der in die Zukunft blickt und sich nach etwas Anderem sehnt, als was er eben mit der Hand erreichen kann – oder Du, der Du die Sorgen einer Welt in dem engen Raum Deines Herzens trägst, als hättest Du nicht selbst genug zu leiden; er, der da lebt, genießt und sich freut – oder Du, der Du von Unsterblichkeit träumst und ein Egoist bist, wie er, nur daß Du thörichterweise Deine Hoffnungen auf Das setzest, was Dich nicht glücklich machen kann, wenn Du es auch erreichst.

Oder willst Du Dir einreden, daß Du Andern lebst, daß Deine Aufgabe sei, Dich aufopfernd Andere zu beglücken – daß der Wagen der Menschheit nicht vorwärts kommt, wenn Du Zwerg Dich nicht einspannst, um ihn schweißtriefend fortzuziehen? Du hast Dich selbst nicht glücklich machen, Du hast selbst es nicht so weit bringen können, daß auch nur eine einzige Wunde Deines Herzens heile, und willst die Menschheit glücklich machen? Geh' nach Rom, blicke um Dich, zaubere die Vergangenheit vor Deine Seele, und hoffe, wenn Du es vermagst. – Wie viele große Thaten sind für diese Stadt vollbracht worden, wie viele große Männer haben zwischen diesen Mauern gelebt, bei deren Namen Dein Herz nach Jahrtausenden höher schlägt! Und wofür haben sie gelebt, wofür ihr Blut vergossen? Dafür, daß ihre Nation glücklich sei? – In der ganzen Geschichte Roms ist kein Moment, wo nicht die Mehrheit gelitten hätte. Von dem Augenblick an, wo das Volk auf den heiligen Berg zog, bis zu demjenigen, wo es seine Gracchen tödtete, wurde Rom im Innern von einem langen Kampf zerwühlt, vom Kampf gegen Hunger, Elend und Unterdrückung. Haben Diejenigen, die in den Schlachten Roms ihr Blut vergossen und ihrem Vaterlande die Welt eroberten, dies für die Freiheit gethan, und nicht vielmehr, um das Reich des Tiberius zu vergrößern? Haben Diejenigen, welche Rom erbauten, nicht Nero's Feuer vorbereitet? Haben die Vorkämpfer der Freiheit sich nicht deshalb bemüht, daß die Tyrannei in dem von Parteien zerwühlten Lande einen desto sichereren Zufluchtsort habe? Ist es nach dem Allen der Mühe werth, sich für große Zwecke abzumühen, ist es der Mühe werth, auch nur einen Augenblick des Lebens für Das aufzuopfern, was Deinen Mitmenschen vielleicht nur neue Leiden bringen wird? Ist es der Mühe werth, zu kämpfen, Dich ein langes Leben hindurch abzumühen, blos damit Dein Name erhalten bleibe, und nicht Das, wofür Du Dich abmühtest? Ist es der Mühe werth, irgend etwas zu leisten, wenn Du weißt, daß in die Erde, welche Du mit Deinem Blut befeuchtest, ein Anderer den Samen streuen wird, daß Du also zu dessen Gedeihen wider Deinen Willen beiträgst – daß aus Deiner Asche nicht Deine Idee als Phönix aufsteigen werde? Wenn Deine Seele von hohen Träumen erfüllt ist, so gehe nach Rom, und wenn Dich jeder Stein an die Vergänglichkeit mahnt, wenn bei jedem glorreichen Namen, an welchen Du Dich hier erinnerst, in Deiner Seele der Gedanke auftaucht, daß so viel Opfer, die auf dem Altar des Vaterlandes niedergelegt wurden, den Bewohnern desselben keinen Segen bringen konnten: dann weine, indem Du Dich entfernst, wie ich, eine bittere Thräne, nicht weil das große Zeitalter, welches Du anstauntest, dahingeschwunden ist, sondern weil Du einsiehst, daß Du keinen Grund hast, es zurückzuwünschen; nicht weil das Geschlecht der großen Männer ausgestorben ist, sondern weil Du gesehen hast, daß ihre Bemühungen vergebens waren, und daß selbst der glorreichste Held gleich dem Gladiator nur deshalb stirbt, damit das Volk ein wenig applaudire; nicht weil Rom zu Grunde gegangen ist, sondern weil Du Dich überzeugt hast, daß große Zeitalter und glückliche Nationen nur in den Geschichtsbüchern stehen, und daß die Wirklichkeit zu jeder Zeit und an allen Orten in gleichem Maße armselig war und ist. Wir ändern die Tracht, unsere Gedanken werden in neue Worte gekleidet; aber der Mensch bleibt elend auch im schönsten Purpurkleide, seine Gedanken können sich nicht über den Staub dieser Erde erheben.

Denn was habt Ihr, Ihr Weisen der Welt, die Ihr durch höhere Wünsche vom Treiben dieser Welt abgezogen wurdet, durch Eure tausendjährigen Bemühungen erreicht? Wie oft schwoll meine Seele in meinen jungen Tagen bei Euren Namen vor Sehnsucht. O, schön ist es, dachte ich mir, fern vom Geräusch der Welt sein Leben einem hohen Gedanken zu weihen! Der Triumphbogen des Imperators stürzt ein, die mächtige Stimme des Tribuns verhallt, und mit den Herzen, die einst bei seinen Worten höher schlugen, sind auch die Leidenschaften verschwunden, die er erregte. Nur die Idee geht mit der Flucht der Jahre nicht verloren; nur die Wahrheit, welche der einsame Denker gefunden hat, bleibt über den Ruinen der Jahrhunderte aufrecht. Sie ist ein Denkmal der Vergangenheit, vielleicht der Keim einer langen Zukunft. Glücklich, dreimal glücklich, wem es beschieden ward, der Wissenschaft zu leben.

Glücklich? Lies den »Faust«, wo einer der gewaltigsten Geister unseres Geschlechtes seine eigenen Leiden verewigte; betrachte einen jener Unglücklichen, welche der Wissensdurst, wie ein großer Fluch ergriff, die kühn ihre Hand nach der verbotenen Frucht des Baumes der Erkenntniß ausstreckten, und wie das erste Menschenpaar das Paradies, so auch das bischen Freude verloren, das auf dieser Erde für uns noch übrig geblieben ist; sehnst Du Dich wohl nach dem Lorbeer, der seine Stirn bekränzt? Willst Du, auserkoren aus der Menge der Menschen, alleinstehen auf der Welt, begraben zwischen den Wänden Deiner Studierstube, den Freuden des Lebens entsagen, auf jede Hoffnung verzichten, ohne Freund dastehen, der Deinen Kummer theilt und Dich beweint, wenn Du stirbst? Willst Du auf dieser Welt nichts besitzen als Deine Wissenschaft, die einem grausamen Tyrannen gleich, Deine Seele zu ihrem Sclaven macht und für Deine Hingebung Dich mit Räthseln belohnt; die bald mit ihrer Unendlichkeit Deine Seele erdrückt, bald Deinen Bestrebungen enge Grenzen setzt und Dir nur Schranken zeigt; die wie die Memnonssäule am frühen Morgen, wenn Du Dich ihr nahst, erklingt, dann aber den ganzen Tag stumm bleibt? O, willst Du dieses Alles, Unglücklicher der Du nach Wissen strebst? Willst Du Alles wegwerfen, was Deinem Herzen angenehm war: Freundschaft, Liebe, den ganzen Schatz Deines jungen Herzens – blos um zum Lohn für Deine Bestrebungen von Zweifeln gequält zu werden? Siehe, das ist das Leben des Gelehrten. Die Anerkennung, die ihm vielleicht noch während seines Lebens auf das greise Haupt einen schnöden Lorbeer flocht, gleichsam um die tiefen Falten zu verdecken, mit welchen die Sorge seine Stirn durchfurchte – sie beglückt ihn nicht! Wenn er in seiner Bibliothek einsam umhergeht und auf die alten in Pergament gebundenen Werke blickt, deren Verfasser einst lebten, wie er, und zu ihrer Zeit auch berühmt waren, wie er; wenn es ihm in dieser Gruft seiner Vorfahren einfällt, daß endlich die Zeit kommen werde, wo auch er gleich ihnen vergessen, wo sein Name höchstens einigen Pedanten bekannt, und der glänzendste Gedanke seiner Seele, das Werk, das er Jahre lang in seinem Gehirn zur Reife gebracht, wofür er sein Leben hingegeben hat, in den engen Reihen einer Bibliothek begraben sein wird; wenn er an die wenigen wahrhaft großen Namen denkt, welche unter den tausendjährigen Erinnerungen der Menschheit erhalten blieben, und sieht, wie auch diese den wechselnden Launen der Zeit ausgesetzt sind, wie sie einige Momente strahlen und beinahe übermenschlich erscheinen, um später, wenn die durch sie entdeckte Wahrheit zur allgemeinen Kenntniß gelangt ist, mit verächtlichem Bedauern erwähnt zu werden; wenn er die erhabenste Idee, Jahrhunderte lang vergessen, wieder entdeckt, und zuweilen schon aus dem Grunde abermals verschwinden sieht, weil die spätere Generation, die sie überkommen hat, ihre Wucht nicht ertragen konnte: kann er sich dann nach diesem Ruhme sehnen?

O, Ihr habt Euch vergebens bemüht, Ihr Wesen, die Ihr das harte Feld der Wissenschaft bearbeitet, und Ihr Kämpen und Gesetzgeber, die Ihr von der Beglückung des Volkes träumtet! In hundert Schlachten wurden unter den Fahnen der Wahrheit Siege erfochten, Millionen fielen in diesen siegreichen Kämpfen, jede Idee hatte ihr Kreuz, jeder Tropfen Wissenschaft kostete Hunderte von Menschenleben – und ist unser Geschlecht nach so vielen Opfern glücklicher? Was hat Eure Wissenschaft Anderes zur Folge gehabt, als Zweifel? – Was hat das Menschengeschlecht durch die von seinen Helden erkämpfte Freiheit Anderes gewonnen, als daß es seine Fesseln fühlt? Und leidet die große Mehrheit jetzt nicht eben so, wie vor Jahrhunderten, so daß wir an die Siege der Freiheit nicht glauben würden, wenn nicht die schweren Wunden, die wir im Kampfe davongetragen, uns daran erinnerten?

Ich habe ganz Europa durchwandert, von Skandinavien bis Spanien, von den Steppen Rußlands bis zu den Inseln der freien Briten; aber ich fand nirgends ein Land, wo Freiheit, Tugend und Zufriedenheit herrschte. Ueberall auf der Welt ist es traurig, und nachdem ich von der äußersten Spitze der Orkney-Inseln über den atlantischen Ocean hinübergeblickt hatte, kehrte ich nach Frankreich mit dem Gedanken zurück, es sei besser, wenn ich von dem jenseits des Meeres blühenden Eldorado unserer Zeit fern bleibe, damit Das, was ich mir als so schön denke, nicht seinen Glanz verliere, sobald ich es sehe; denn es ist doch besser, sich eine schöne Täuschung zu bewahren.

Ich verbrachte im Auslande beinahe anderthalb Jahre. Anfangs war ich traurig. Wessen Seele von einem großen Schmerze zerwühlt wird, der findet schwer einen Trost. Wenn der Platzregen die grüne Decke der Bergwand einmal aufgewühlt und seinen Fluthen einen Weg gebahnt hat, so wird das Wasser immer in diesem seinen Lauf nehmen, und selbst der sanfteste Regen, unter welchem ein anderes Feld grünt und gedeiht, macht hier die alte Wunde nur noch tiefer. Ebenso behält auch das Herz die Spuren seiner Schmerzen, und ein unverhoffter Gedanke, ein unvorsichtiges Wort kann eine Brust, welche die Narben vergangener Leiden trägt, tief verwunden. Wehe Dem, den die Neigung seines Herzens oder Unglück einmal zu einer traurigen Lebensanschauung gebracht, seine Freude ist dahin, möge auch sein Schicksal ihn später in noch so glückliche Umstände versetzen. Die Welt ist ein Buch voll räthselhaften Inhalts; auf jeder Blattseite desselben findet man Kummer und Trost. Jeder Baum, auf welchen das reine Licht der Sonne fällt, wirft einen Schatten; Honig erfüllt den Kelch der Blume, aber es fehlt ihr auch nicht an Bitterkeit; und wer einmal den traurigen Sinn der Dinge erfaßt hat, der wird traurig bleiben, möge er sich auch wohin immer wenden; öffnet sich doch auch das Herz, wie das Buch, bei jeder Berührung auf der gelesensten Seite. Jedes Herz ist geneigt, auf dieser Welt Das zu finden, womit es sich am meisten beschäftigt, jeder Mensch findet nur für seine eigenen Gedanken Bilder und begeistert sich nur für Das, was seine Seele erfüllt; und wer wie ich gelitten hat, der durchwandert vergebens die Welt, wo nur die Glücklichen Trost finden, die vom Schmerz nur flüchtig berührt wurden.

Die Gesellschaft Arthur's war mir lästig, wie freundschaftlich er sich auch an mich anschmiegte. Es gibt im menschlichen Leben Zustände, in welchen die Einsamkeit zum Bedürfniß wird. Wenn ein Mensch fühlt, daß seine Wonne zu groß ist, als daß Jemand sie begreifen könnte, oder wenn er auf den Trümmern seines Glückes steht und ahnt, daß Niemand seinen Schmerz begreifen könne, so zieht er sich gern zurück, trägt er seine Last lieber allein, als daß er sie mit einem Fremden theile, und Arthur war mir dies. Er stand in dem Lebensalter, wo man noch hoffen kann, wo jede Thräne, die aus unserem Auge dringt, noch eine Blume findet, an welcher sie als Thautropfen hängen kann – wo selbst der finstere Schacht des Schmerzes noch so viele Schätze birgt: er konnte daher meinen Schmerz nicht verstehen, und ich freute mich beinahe, als wir uns in Rom trennten.

Doch als ich, nachdem ich eine Zeit lang allein geblieben war, so viele Länder durchwanderte, so viele Orte sah, wo keine Erinnerung meine Seele verletzte, und mit so vielen Menschen zusammenkam, wurde ich fast mit Gewalt aus mir herausgerissen, fing mein Kummer an, sich zu mildern, und ich ward, wenn auch nicht glücklich, doch getröstet. Es gibt nichts Erheiternderes, als Reisen. Zu Hause kennt uns Jedermann und theilt, so zu sagen, unseren Schmerz; Alles, was wir sehen, erinnert uns an unseren Kummer, und Alle, denen wir begegnen, nehmen zu sehr Theil an unserer Traurigkeit, um uns daraus zu reißen. In der Fremde treten wir in einen neuen Kreis, kommen wir mit neuen Menschen zusammen; Niemand kümmert sich darum, daß wir gelitten haben, und wir können uns Niemandem nähern, ohne aus uns herauszutreten; wir beginnen einzusehen, daß wir nur ein einziger Punkt auf der Welt sind, und unsere Leiden erscheinen uns geringer, da unsere Wichtigkeit in unseren eigenen Augen abnimmt und wir uns überzeugen, daß wir auf dieser Welt, wo jedes Leid seinesgleichen findet, nur selten auf einen Menschen stoßen, den wir mit Recht beneiden könnten.

 

IV.

Ich ging nach Paris. Seit meiner Entfernung aus dieser Stadt waren beinahe zwei Jahre verflossen, und ich kehrte, wenn auch mit unangenehmen Empfindungen, doch ruhig in den Kreis derselben zurück, wo ich durch Frau von Valmont und andere Bekannte sofort in die Zirkel der großen Welt gerissen wurde. Ich stand planlos da, die Einsamkeit machte mich traurig, und beinahe unwillkürlich trat ich in diese Welt, die mich zwar nicht befriedigte, aber wie alles Neue mich zerstreute, und da die Interessen meines Herzens aufgehört hatten, eine Zeit lang meiner Eitelkeit schmeichelte. So verbrachte ich beinahe zwei Jahre, und wenn Du diesen Kreis kenntest, so brauchte ich Dir nicht zu sagen, daß mir davon keine andere Erinnerung geblieben ist, welche zu beschreiben der Mühe werth wäre, als die, daß ich ihn genau kennen lernte und daß seine Gemeinheit mich anekelte.

Du kennst die große Welt nicht. Bedauere es nicht; winzig ist der Kreis, welchem dieser prächtige Name gegeben wurde, und die darin leben, könnten Dein reines, rechtschaffenes Herz nicht befriedigen. Das menschliche Geschlecht gleicht einem Berg. Es ist eine große Masse, die an der Oberfläche verschieden ist, aber nicht im Stoff. Wünsche nicht, von Deiner blühenden Niederung auf den schimmernden Gipfel zu gelangen, wo ein ewiger Winter herrscht, und aller Glanz, der rings um Dich herrscht, Dich nur daran mahnt, auf welch' einem unfruchtbaren Boden Du stehst.

Wie könnte es dort auch anders sein, wo es nur Feiertage und keine Werktage gibt; die das Familienleben nicht bessert, erhebt keine Vaterlandsliebe aus dem engen Kreise ihrer Engherzigkeit. Kann dort, wo die Menschen feige genug sind, sich kein höheres Ziel zu stecken, als Unterhaltung, und wo ihre größte Täuschung höchstens darin besteht, daß sie sich langweilten – kann dort wohl wahre Freude und jene Befriedigung herrschen, die man genießt, wenn man seine Empfindungen mit Andern theilt? Die Natur rächt sich, so oft wir von ihren Wegen abweichen, und sie läßt nicht zu, daß Diejenigen, die aus ihrem Kreise getreten sind, ihrer schönsten Gaben theilhaftig werden.

Gott hat den Menschen zur Geselligkeit geschaffen; es gibt kein Herz, das auf dieser Erde nicht ein ihm verwandtes Herz fände, das nicht zuweilen durch eine geheime, unbeschreibliche Empfindung zu seinem Mitmenschen hingezogen würde; und Diejenigen, deren Herzen harmoniren, deren Gedanken eine und dieselbe Richtung verfolgen, fühlen sich glücklicher, wenn sie einander begegnen. Es gibt Augenblicke, in welchen dem Herzen Mittheilung ein Bedürfniß ist; es gibt einen Grad des Grames und der Wonne, in welchem wir uns aussprechen müssen, und Niemand kann leugnen, daß die gesellschaftlichen Freuden aus unserer Natur fließen. Aber kann man Das Gesellschaft nennen, was man in unseren höheren Kreisen findet? Es ist ein leichtfertiger Schwarm, der sich jeden Abend, wie die Motten um das Kerzenlicht, zusammenschaart, eine Stunde summt und sich wieder zerstreut; eine Menge, wo nicht Zwei einander kennen, wo unter so Vielen kein Einziger die Sprache des Herzens vernehmen läßt, wo, wenn morgen Alle der Tod hinwegraffte, der einzig Uebrigbleibende wahrscheinlich nicht sagen würde, daß er auch nur einen Freund verloren habe; ein Kreis, dessen Hunderte von Mitgliedern nicht innere Nothwendigkeit oder ein Zug des Herzens, sondern Geburt, Vermögen oder gar die Unverschämtheit zusammengeführt hat, mit welcher sich Manche in diese Kreise drängen, und schließlich eher dort bleiben, weil man sie nicht los werden kann, als weil sie dazu gehören; es ist ein Kreis, der von außen ein großes Ganzes scheint und dennoch in hundert getrennte, je nach den Abstufungen der Geburt und des Vermögens größere oder kleinere Theile zerfällt; es ist schließlich ein Kreis, dessen Grundlage Absonderung ist und dessen Genuß nicht so sehr darin besteht, daß man sich da einander nähert, sondern daß man davon Andere ausschließen kann. Und wenn im bürgerlichen Kreise die Geselligkeit ein Theil Deines Wesens ist, und im Kreise Deiner Bekannten, wohin Du Deine Fehler und Tugenden, Deine freudigen und traurigen Empfindungen mitbringen kannst, die Mittheilung Deinem Herzen wohlthut: kannst Du diese Freude wohl auch in unseren Salons finden, wo es Dir nicht erlaubt ist, Deine Empfindungen, Deine Fehler und Tugenden zu zeigen, wo Du anstatt Tugenden Gewohnheiten, anstatt geistiger Tiefe nur Esprit findest, und Dein Kummer wie Deine Freude Niemanden interessirt?

Dein Verdienst wird nicht nach Deinem wahren Werth bemessen, sondern nach dem Schein, den Du Dir geben kannst; nicht daß Du etwas gethan, sondern daß Du Alles vermieden hast, was die Schicklichkeit und die herkömmlichen Sitten verletzen könnte, bewirkt Deine Aufnahme in diese Kreise. Und wäre es vernünftig, Dir die Aufnahme in solche Kreise zu wünschen, ja Opfer zu bringen, damit Du darin bleiben könnest? Opfer! Und wie viel wird von Dir verlangt! Der Mönch beobachtet nicht so streng seine Ordensregeln, wie man die Vorschriften der Vorurtheile zu beobachten gezwungen ist. Die lächerlichsten Gebräuche, die thörichteste Mode mußt Du mit blindem Gehorsam beobachten. Stillschweigend mußt Du die geistige Armuth ertragen, welche Dir zur Pflicht gemacht wird und für welche Du jede höhere Idee, die im Kreise des engen Salons nicht Raum findet, wie ein Verbrechen verbergen mußt, blos damit Niemand ahne, daß Du an der allgemeinen Armseligkeit nicht theilnimmst; und selbst der durch einen Eid zur Jungfräulichkeit verpflichtete Mönch braucht sein Herz nicht so sehr vor jeder wärmeren Empfindung zu bewahren, wie Du es thun mußt. Und wie oft bist Du zur Selbstverleugnung genöthigt, und wie vielen Ungelegenheiten und Hindernissen begegnest Du in jeder Stunde Deines Lebens! Wenn Deine Geliebte, welcher Du Dein Leben weihst, so viel Ansprüche machte, so würdest Du sie verlassen, und dieses Alles mußt Du in diesen Kreisen mit scheinbarer Ruhe und Freude ertragen.

Und weshalb? – Damit Fürst A... Dich zum Balle lade, wo Du vom ersten Augenblick Deines Eintrittes angefangen keine andere Freude hast, als in dem Augenblick, in welchem Du aus diesem Gedränge fortkommen kannst; – damit Graf B..., welcher der langweiligste Mensch in Paris ist, mit Dir in's Boulogner Wäldchen fahre, und damit Marquis C... bei Dir seine Karte abgebe. Das sind Deine Rechte. Wenn Du in's Theater gehst, so kannst Du zuweilen in der Loge einer oder der andern Modedame Platz nehmen, und Dein Friseur, der Dich von der Galerie aus erblickt, beneidet Dich vielleicht um Dein Schicksal; die Pariser Tagdiebe, die überall zu finden sind, wo es nur irgend eine Unterhaltung gibt, und im Thor stehend, die Hinaufgehenden anschauen, kennen Dich und alle Livréebedienten ziehen den Hut ab, wenn Du kommst – das ist Dein Ruhm! Wer möchte glauben, daß es einen vernünftigen Menschen giebt, der deshalb nur die geringste Ungelegenheit erdulden möchte – daß es etwas so Geringes geben kann, was wir um so geringen Gewinn zu thun uns nicht weigerten! Und dennoch trachten die Menschen nach nichts auf der Welt mit größerer Ausdauer als eben nach diesen unnützen Dingen. Es gibt Leute, die sich nichts Anderes zur Aufgabe ihres Lebens machten, als in diese Kreise aufgenommen zu werden, die Jahre lang sich den Kopf zerbrachen, bettelten, nur damit sich ihnen die Thüren eines Salons erschließen – denen keine Mühe zu viel war, nur um als die Letzten eines glänzenden Kreises von oben herab angesehen zu werden – die jede Erniedrigung ertrugen, nur um den andern Tag sagen zu können: »Ich bin auch dort gewesen.« Der Bruder wird seinen Bruder verleugnen, der Freund seinen Freund verlassen, der Sohn sich seines Vaters schämen, um zu diesem Ziele zu gelangen. Keine Ueberzeugung ist so heilig, die diesem nicht aufgeopfert würde, kein Gefühl so groß, welches vor diesem nicht seine Macht verlöre. Und gibt es eine größere Lächerlichkeit als diese? Und wenn unser Zeitalter einen großen Satyriker besäße, könnte er nicht mit Recht wie der Römer sagen: » Es ist schwer, keine Satyre zu schreiben!?« Es wäre in der That schwer, nicht zu lachen, wenn es uns nicht einfiele, daß unter diesen Narrheiten eine große Verderbtheit der Sitten verborgen ist.

Was würden auch sonst die Lächerlichkeiten dieser Gesellschaft schaden? Was thut es, daß ein paar hundert Narren in Paris einen kleinen Kreis bilden, den sie die große Welt nennen? – daß sie ihrem kleinen Reich besondere Gesetze gegeben und innerhalb desselben von den menschlichen verschiedene Tugenden und Fehler ersonnen haben? Wenn sie im Gefühl ihrer Schwäche für ihre windigen Persönlichkeiten einen kleineren Kreis brauchen, wo auch sie glänzen können, und da sie es unter der Menge zu nichts bringen, wenigstens die Freude haben, daß sie anderswo stehen als unter der Menge; wenn sie im Stande sind, stolz darauf zu sein, daß ihre Laune den Kleidermachern der Stadt zur Richtschnur diente, und ihre Namen zuweilen in einer Modezeitung stehen – was schadet das der Welt? Mögen sie tanzen, während die Menschheit ihr größtes Jahrhundert lebt, mögen sie mit ihren Visitkarten von Haus zu Haus gehen, die Livrée ihrer Bedienten alljährlich abändern, ihre Duelle bestehen, ihre kleine Comödie weiterspielen, in welcher ein Jeder seine kleine Rolle mit so viel Mühe spielt: ihre Bedienten, die ohnehin ihre einzigen fremden Zuschauer sind, werden ihre Kunst vielleicht sehr bewundern – und das ernste Drama der Menschheit kann deshalb ruhig seinen Fortgang nehmen. Sie können sich in ihrem winzigen Kreise ungehindert bewegen und ihre Königin umschwärmen; auf der großen Wiese hat auch ihr kleiner Bienenkorb Platz, und der Vorübergehende weiß nicht, wie viel Bewegung dessen Inneres erfüllt. – Euer hingegen ist die große Natur, Euer die Morgendämmerung, wenn die Erde, wie am ersten Tage der Schöpfung, gleich einem schönen Traum, den die Nacht gebracht hat, plötzlich hell vor Euch steht; Euer ist der Abend mit seinem ersterbenden Glanze, der Euch in Ruhe lullt, und die Nacht, die Euch ihre Millionen Lichter strahlend erscheinen läßt; Euer ist die Liebe mit ihren reizenden Täuschungen, die Freundschaft und die Vaterlandsliebe, die Euch lehren, Euch zu freuen, wenn Ihr Opfer bringt; alles wahrhaft Schöne und Beglückende ist Euer. Der Himmel hat seine wahren Schätze Niemandem verweigert; laßt sie sich unterhalten, Ihr könnt empfinden.

Alles das ist lächerlich, doch unschuldig; betrübend ist nur die Verderbtheit dieser Kreise. Nicht allein, weil der Anblick der Sittenlosigkeit jeden Menschenfreund schmerzt, wenn er selbst auch fern davon steht; sie schmerzt ihn nicht allein deshalb, weil man nicht gleichgiltig bleiben kann, wenn man bedenkt, wie viele Talente, die zu einer schöneren Zukunft geschaffen waren, durch die Gemeinheit ihrer Umgebung verloren gegangen sind, sondern auch, weil die ganze menschliche Gesellschaft ein Körper ist, dessen einzelne Glieder nicht krank sein können, ohne daß das Ganze leide; und so wie der Gärtner den Untergang des Baumes prophezeit, wenn der Wipfel desselben zu verdorren anfängt, eben so ist auch hier zu fürchten, daß das Uebel, welches die oberen Classen der Gesellschaft ergriffen hat, durch die Menge, die stets nach Gleichheit strebt und sich am ehesten die Fehler der höheren Stände aneignet, sich über die ganze Gesellschaft verbreite.

Dich hat das Schicksal nie in die Kreise geführt, von welchen ich spreche, aber Du kennst das Proletariat, und das ist genug, damit Du Dir über sie ein Urtheil bilden könnest. Der Taglöhner, dessen rauhe Hand Du als Arzt zuweilen anfaßtest, und die glänzenden Herren, mit welchen ich Umgang hatte, sind geistig verwandt; nichts gleicht, wenigstens in den Fehlern, einander mehr als gerade diese beiden extremen Punkte der Gesellschaft. Beiden diesen einander scheinbar so entgegengesetzten Classen der Gesellschaft sind dieselben Ueberzeugungen, dieselben Gedanken und Gefühle eigen, oder vielmehr dieselbe Gedanken- und Empfindungslosigkeit. Der Kreis des Taglöhners ist beschränkt, er hält sich für zu gering, um durch seine Handlungen auf die öffentliche Meinung einen Einfluß ausüben zu können; der Dandy bildet sich ein, über der öffentlichen Meinung zu stehen – und so finden wir in den Empfindungen Beider einen und denselben Cynismus. Beide verachten die Menschen, der Eine, weil er ihrer Hilfe nicht bedarf, der Andere, weil er vergebens darum bittet; Beide sind Egoisten, der Eine, weil er sich selbst leben kann, der Andere, weil er dies muß. Glaube nicht, sondern zweifle; hoffe nicht, sondern rechne; liebe nicht, sondern genieße; genieße und verachte die Werkzeuge Deiner Freuden: – das ist die Lehre, welche der in der großen Welt ergraute Vater seinem Sohne mit kalter Ruhe auf die Reise mitgibt; glaube nicht, so spricht der Proletarier mit erbittertem Herzen zu seinem erwachsenen Sohne, denn sonst erlebst Du nur Täuschungen; hoffe nichts, denn auf dieser Erde blüht Dir keine Freude; liebe nicht, denn es wird sich Dir Niemand liebend nähern, und wäre es dennoch der Fall, so würde es nichts nützen, denn Deine Anhängigkeit kann Niemanden auf dieser Welt beglücken – arbeite und hasse. Und obschon der große Unterschied, welcher zwischen diesen beiden Classen besteht, in einiger Hinsicht auf ihren Charakter Einfluß hatte, und wenn auch der auf der tiefsten Stufe der Gesellschaft stehende Mensch, der keinen Genuß kennt, und der in den höchsten Kreisen Lebende, welcher Leiden kaum kennt, in manchen Beziehungen sich von einander unterscheiden: so bleibt doch der Grundzug ihres Wesens ein und derselbe – und es ist doch eine und dieselbe Philosophie, die in Lumpen, wie im modernen Kleid einhergeht, nämlich der größte Materialismus. Der Stutzer, wie der Taglöhner, Beide leben nur der Gegenwart; Jener, weil es für ihn nicht nothwendig ist, Dieser, weil es für ihn nichts Tröstliches hat, an die Zukunft zu denken; Jener, weil er mit seinem gegenwärtigen Genuß, Dieser, weil er mit seiner Noth alle Kraft seiner Seele abnützt; und so altern sie vor der Zeit, Jener im Streben, um nicht aus Langweile, Dieser im Ringen, um nicht Hungers zu sterben; Jener, weil Freuden, Dieser, weil Mühsale seine Lebenskraft aufzehren.

Und verfehlt nicht Derjenige sein Leben, der auf dieser Erde nur Freuden genießt, wie Derjenige, der stets arbeiten muß? Sinken wir nicht eben so tief, wenn wir nur die Genüsse unserer thierischen Natur, wie wenn wir nur die Bedürfnisse derselben empfinden?

Man ermahnt die jungen Menschen gewöhnlich, sich vor schlechter Gesellschaft zu hüten; es wäre besser, wenn man sie ermahnte, von der sogenannten guten Gesellschaft fern zu bleiben. Die glatte manierliche Verderbtheit derselben ist dem Herzen tausendmal gefährlicher als die wilderen, doch größeren Ausschweifungen der Leidenschaft, unter welchen der Mensch vielleicht zuweilen tiefer sinkt, aber wenn er seine Versunkenheit fühlt, an etwas Höheres gemahnt wird; während der Mensch der großen Welt, der langsam und unmerklich gesunken ist, wenn er die letzte Stufe seines Elends erreicht hat, keines edleren Strebens mehr fähig ist. In den Gluthen der Leidenschaft werden viele Theile unseres Wesens zu Schlacken gebrannt, doch es kommt auch das edle Erz desselben zu Tage, und zwar um so reiner, je länger unsere Leidenschaft geglüht hat; die große Welt umfängt uns kalt und schimmernd, aber wie Quecksilber das Gold, saugt sie die edleren Theile unseres Wesens auf, ohne selbst schöner oder edler zu werden. Der Liederliche, wenn er Alles auf der Welt genossen hat, fühlt, daß sein Herz leer ist und daß er zu nichts auf dieser Welt taugt; und wenn er zu etwas Besserem geboren ist, so kehrt er um, denn es ist qualvoll, ohne Zweck zu leben. Der Dandy hat die Zwecke: zu Marquis X. oder Y. geladen zu werden, einige Wetten zu gewinnen, von sich sprechen zu machen; so lange ihm noch eine Soirée übrig bleibt, zu welcher er geladen wurde, oder ein Besuch, welchen er zu machen hat – so lange hält er sich nicht für unnütz auf dieser Welt, und wird es dennoch stets bleiben.

O, ich kenne nichts Beklagenswertheres als einen jungen Mann in der großen Welt.

Wenn seine Erziehung oder vielmehr seine Zimmerdressur, die man so nennt, vollendet ist und er freigelassen wird, was sieht er? Die Welt steht ihm offen, aber nicht jene große Welt, die Gott geschaffen hat, mit ihren Millionen Blumen und Sternen, wo des Sommers am Himmel der Donner dröhnt und zwischen den Zweigen der Gesang der Nachtigall erklingt – nicht diese schöne reizende Welt mit all' ihrer Liebe, die er vor Freude bebend geahnt, mit der Freundschaft, von welcher er als Knabe geträumt hat; nicht diese Welt, in welcher er wie ein Pünktchen verschwindet und sich abmühen muß, um etwas zu sein – o nein! es steht vor ihm ein Saal mit chinesischen Tapeten, mit hundert Wachskerzen, Spiegeln, Musikanten – die gefühllose Menge ohne Freundschaft und Liebe – und hier soll sein Herz sich entwickeln!

Wenn er noch Glauben mitbrächte! – dann würde er dem freundlichen Blick der Frau vertrauen und sich des Gedankens freuen, daß er geliebt wird; dann würde er sich des warmen Händedruckes seiner sogenannten Freunde und der scheinbaren Herzlichkeit freuen, mit welcher ihm Jedermann entgegentritt – allein dem ist nicht so, denn er hat bereits Menschenkenntniß in die Welt mitgebracht. Seine Erzieher, die nicht bedachten, welch' einen schlimmen Dienst sie dem Knaben leisten, dessen junges Leben sie mit so traurigen Erfahrungen verbittern, welche sie besser gethan hätten, selbst zu vergessen, lehrten ihn zeitlich die Menschen kennen; er weiß von Kindheit an, wie nichtswürdig die Menschen sind und daß man ihnen nicht trauen kann; er weiß, daß die Frauen falsch sind und daß er, wenn er sich nicht der Gefahr einer Täuschung aussetzen will, in ihren Armen höchstens Genuß suchen kann.

Wohin soll er mit seiner jungen, sich nach Gefühlen sehnenden Brust sich wenden? Die er sieht, die seinem Alter am nächsten stehen, die seine Umgebung am meisten preist, sprechen eine seinem Herzen fremde Sprache. Wie schlecht auch seine Erziehung gewesen sein mag, so war doch in seinen Schulbüchern wenigstens die Achtung der Tugend ausgesprochen, lernte er darin doch sein Vaterland kennen, und daß es schön sei, dafür zu sterben; er lernte Religion, die Vorschriften der Menschenliebe, und daß wir für unsere Nächsten arbeiten und uns opfern sollen; jetzt hört er von anderen Tugenden sprechen. Hier wird nur der Verführer bewundert, hat nur Spiel und Liederlichkeit seine poetische Seite; hier ist Alles erlaubt, was modern ist, und es ist Alles modern, was über den Kreis der Menge, wenn auch im Schlechten, hinausgeht. Was schadet es, wenn ein Anderer durch Dich gelitten hat, wenn Du Dich nur nicht gelangweilt hast; man wird Dich für einen Gott halten, wenn man sieht, wie viel Deinem Genuß geopfert wurde. – Und wird wohl der Jüngling diesen Lehren lange widerstehen können, wird er nicht anfangs seine erhabenen Gefühle verleugnen und später den Weg einschlagen, außer welchem er – was dem jungen Herzen am nöthigsten ist – die Achtung seiner Umgebung nicht gewinnen kann? Und ist es wohl zu verwundern, wenn auch er gleich seinen Genossen früher oder später sich auf die Zoologie verlegt, Pferde und Hunde kauft und diesen all' seine Liebe und Freundschaft widmet? – wenn es sein Stolz ist, daß seine Pferde besser rennen, seine Spürhunde besser wittern? – wenn er sich nach gar keinem andern Kreise sehnt, als welchen er in seinen Ställen findet, wo er unter seinem Vieh sich wenigstens für ein höheres Wesen halten kann? Kann man es ihm übelnehmen, daß er sein Haar rings um seine schmale Stirn so sorgfältig kräuselt, an der Pracht seiner Kleider Freude findet, und zierlich geputzt, mit zufriedenem Lächeln umherblickt, als ob er sagen wollte, der Apollo vom Belvedere, der keine Kleider von Chevreuille oder Blein hat, könne nicht so schön sein, wie er? – Oder wenn schließlich auch er einer jener Gewaltigen sein will, die alles Schöne und Große mit frechem Munde in den Staub ziehen, so beginnt er mit seinem glatten Knabengesicht alle Tugend zu leugnen; wenn er sich für groß hält, wenn er die niedrigsten Gesinnungen affectirt, und für einen Halbgott, wenn er zu beweisen im Stande war, daß das Leben des Menschen, gleich dem des Thieres, jenseits dieser Erde nicht fortdauert: kann man ihn deshalb beschuldigen? – Man kann nicht ungestraft besser oder schlechter sein, als der Kreis, in welchem man lebt, und wenn selbst ein gesetzter Mann der öffentlichen Meinung schwer widersteht, wie soll der Jüngling Widerstand leisten können, der zu Allem eher erzogen wurde, als zur Festigkeit des Willens?

Er ist genug bestraft. – Kein Mensch ist so elend, um von dem Allen lange befriedigt sein zu können, und wenn er auch einige kurze Jahre hindurch in seinem Freudenrausch jedes höhere Streben vergaß, was soll er thun, wenn dieser Rausch endlich verflogen ist? – Ach, und er kennt alle die großen Freuden nicht, welche Gott für unsere Jugend geschaffen hat, als ob er wollte, daß wenigstens der Beginn des qualvollen Lebens auf Erden schön sei, damit wir mitten unter unseren schweren Leiden wenigstens eine freundliche Erinnerung haben! Ihn entzückt nicht die Natur mit ihren freundlichen Wundern, niemals folgen seine Augen der untergehenden Sonne, nie heftet er seine Blicke auf den klaren Himmel, die Sterne erwartend; ihm geht der Gesang der Nachtigall verloren; er wird durch den heiligen Namen des Vaterlandes nicht gerührt! Nie mahnte ihn sein pochendes Herz, daß auch in ihm der Beruf zu großen Thaten vorhanden sei! – Und weiß er, was es heißt, eine Frau lieben, lieben mit aller Kraft der jungen Seele, ihr Bild im Herzen tragen, ihren Namen mit heiliger Scheu aussprechen, zittern, wenn sie nahe, sich selbst vergessen, wenn man mit ihr spricht, für einen Blick von ihr das Leben hingeben wollen? Kennt er alle die Freuden und Leiden, die man nicht für alle Schätze der Welt hingeben möchte, kennt er die Wonne, welche den Liebenden Thränen erpreßt? O nein, er hat sich amusirt! Und ist er nicht zu bedauern? Die Kühnheit, mit welcher er in einem Steaple chase ritt, hätte genügt, ihn berühmt zu machen; die Zeit, welche er zu seiner Toilette verwendete, hätte hingereicht, ihm eine schöne Auszeichnung zu verschaffen; der Geist, mit welchem er die Lächerlichkeiten Anderer nachahmte, hätte es ihm möglich gemacht, die Wissenschaften zu pflegen, und dennoch hatte er in seiner Jugend keinen Gedanken, auf welchen er mit innerer Befriedigung zurückblicken könnte! Einige Jahre hält er sich vielleicht noch für jung; in der großen Welt trachten die Männer fast eben so sehr, wie die Frauen, ihr jugendliches Aussehen zu bewahren. Einige Jahre hindurch wird er seine frühere Lebensweise vielleicht noch fortsetzen, statt durch äußere Reize, wie er glaubt, durch Geist glänzen und noch immer zu gefallen suchen oder hoffen. Jeder Fehler, jede Schwäche, die er bemerkt, ist seinem Spott verfallen; keine Bande sind so heilig, daß er sie nicht seinem Witz opferte, kein Name glänzt so rein, daß er ihn nicht um eines armseligen, erzwungenen Gelächters willen beschmutzte. Er durchwacht Nächte, um ein kleines elendes Bonmot zu ersinnen, und hat er es dann gefunden, so geht er damit von Haus zu Haus und bringt es endlich mit aller Mühe dahin, daß er für den schlechtesten, herzlosesten Menschen der Welt ausgerufen wird. Aber auch dieser Ruf schwindet dahin; jedes Jahrhundert hat seinen großen Mann, den es bewundert, und jeder Winter seinen Salonhelden; er fühlt es, daß seine Zeit vorüber, sein Ruhm zu Ende sei; er hat geritten, getanzt, einige Frauen bethört, kurz, er hat Alles genossen, was die Jugend in der großen Welt bietet; die wenigen Ideen, die er einst hatte, sind verdampft, sein Herz ist leer, sein Leben langweilig – er muß heiraten.

Wen? Das ist überflüssig. So viel ist gewiß, daß er reich ist und daß er eine Frau finden wird. Er braucht für sein leeres Haus ein Wesen, das seinen Namen trage, seinen Besitz theile, die moderne Gesellschaft der Stadt in seinen Salons empfange, und dieses Wesen wird er in dem Kreise, wo das Lotteriespiel der Liebe längst zum Börsenspiel geworden ist, leicht finden; sie soll nur freundlich, geistreich sein, auf ihren Ruf Acht geben und die äußeren Formen beobachten; mehr verlangt er nicht.

Er sucht nicht Liebe; wenn sich zufällig Eine fände, die ihn liebt, so würde er es ihr nicht glauben. Er ist reich, und wer steht ihm gut, daß, was Liebe schien, nicht Berechnung war? Wenn ein Bauernbursche – der Sonntags beim Tanz ein Mädchen fand, das gegen ihn viel herzlicher war, als andere, seinen Händedruck warm erwiderte, und erröthete, so oft sie seinem Blicke begegnete – sich geliebt wähnt – so hat er Recht. Er hat kein Vermögen, keinen stolzen Namen, er besitzt nichts, was er mit seiner Braut theilen könnte, als ein Leben voller Arbeit – weshalb sollte sie ihm Liebe heucheln? Aber wenn eine Braut mit der Hand ihres Bräutigams hunderttausend Francs Einkommen, einen großen Namen, Glanz, eine hervorragende Stellung in der Gesellschaft, kurz Alles gewinnt – kann er wohl eben so sicher sein, daß er sich nicht täuscht? Kann er behaupten, daß die Freundlichkeit, mit welcher seine Braut sich gegen ihn benimmt, ohne alle Berechnung sei? Daß sie an alle seine Vorzüge, nur nicht an seinen Reichthum denke? Und wenn sie bei Nennung seines Namens zuweilen erröthet und auf ein warmes Wort von ihm mit bebender Stimme antwortet und verwirrt ist, kann er wohl wissen, daß die Liebe es verursacht? Es zittert auch der Spieler, wenn der Würfel, auf welchem sein Vermögen steht, fällt; auch sein Herz ist beklommen, auch er ist verwirrt; und warum sollte dies nicht auch ein Mädchen sein, wenn es sich um ihre ganze Zukunft handelt? Es ist besser, von dem Allen abzusehen, besser, sich an den Vertrag zu halten, wie der Notar ihn aufgesetzt hat, und darin steht doch nichts von Liebe.

Was thut es, wenn der Mann, in seine glänzenden Salons zurückgekehrt, wo er sich beinahe so fremd fühlt wie seine Gäste, nur Langweile findet, wenn er mit seiner Gattin zuweilen allein ist? Was thut es, daß er in einem jener Augenblicke, in welchen das Herz durch eine Erinnerung oder eine düstere Ahnung aus seiner Ruhe aufgescheucht wurde, seine Empfindungen mit seiner Gemahlin nicht theilen kann, daß er nie ein warmes, liebevolles Wort vernimmt? Seine Gemahlin ist eine geistreiche Frau, die ganze Stadt bewundert deren Schönheit, und Niemand kann sagen, daß sie Jemanden auf dieser Welt liebe; der Mann hat sich also nicht zu beklagen. Was thut es, daß die Frau bei ihrem Manne nur kalte Höflichkeit findet, daß sein Herz Schauspielerinnen und dem Spieltisch gehört; sie hat in der Casse ihres Mannes freie Hand, die ganze Stadt preist ihre modernen Gewänder, und sie ist von einer Schaar von Anbetern umgeben. In ganz Frankreich gibt es kein glücklicheres Paar, und wenn sie auch nie innig aneinanderhingen, so werden sie sich doch wenigstens nie voneinander trennen; hindern sie doch einander nicht in ihren Freuden!

Und so vergeht Jahr um Jahr, und so kommt das Greisenalter heran – der Mann kann seine greisen Locken nicht mehr verbergen; die Frau ist alt geworden und hat einsehen gelernt, daß die Welt einem Spiegel gleicht, aus welchem ihr ein Engelsgesicht entgegenlächelte, so lange sie jung war, und aus welchem ihr jetzt, da sie alt geworden, ein runzeliges Gesicht entgegengrinst. Fünfzig Jahre hindurch haben sie die Stadt amusirt, Tausende haben sich bei ihnen unterhalten; jetzt ist es in ihren Salons stille geworden, und wenn sie auch noch zuweilen Bälle geben, und bei solcher Gelegenheit eines oder das andere ihrer Kinder unter den Gästen erscheint, so können sie dennoch nicht mehr den Mittelpunkt eines Kreises bilden; wer möchte wohl zu langweiligen Alten gehen? Sie blicken zurück auf ihr vergangenes Leben, und da ist keine schöne Handlung, kein großer Moment, der sie aufheitern könnte; sie schauen vorwärts und sehen das Grab vor sich; und so vergeht endlich auch der glanzlose Abend ihrer strahlenden Lebenstage, bis sie ermüdet zur ewigen Ruhe eingehen und von ihrem Leben nichts übrig bleibt als: für ihre Kinder eine reiche Erbschaft, für ihre ganze Familie sechswöchentliche Trauer, eine Todesanzeige in den Zeitungen und Conversationsstoff für einen halben Tag in den Salons der Stadt.

Und darum hatten sie Neider? Darum pries die Welt ihr Geschick glücklich? Jung zu sein und sich für nichts begeistern zu können, sich als Mann zu fühlen und kein Ziel vor sich zu sehen, wofür es der Mühe werth wäre, sich zu bemühen; im Alter sich verlassen zu sehen, und nachdem man begraben ist, spurlos zu vergehen wie der Wind, der, nachdem er vorüber ist, die Blätter, welche er geschüttelt hat, wieder in Ruhe läßt, zu verschwinden, ohne beweint zu werden, oder es auch nur verdient zu haben! Ist wohl ein Bettler ärmer, als es diese sind? Gibt es einen Unglücklichen, der mit weniger Erinnerungen an wahre Freude zu Grabe geht?

Aber Du kennst erst eine Seite des Bildes, und diese ist nicht die traurigste. Wenn Du einen Mann siehst, der sich im beschränkten Kreise der sogenannten großen Welt bewegt und die edleren Neigungen seiner Seele verloren hat, so kannst Du Dich mit dem Gedanken trösten, daß er in dieser Beziehung nicht viel zu verlieren hatte. Es ist schwer, aus dem Kreise zu treten, in welchem man geboren ist; aber einem Manne ist es nicht unmöglich, und wer zu Höherem berufen ist, der wird seine Ketten zerbrechen und auf dem Wege fortschreiten, auf welchen ihn nicht seine Geburt, sondern der Drang seiner Seele geführt hat. – Wenn eine Dame der großen Welt Dir entgegentritt, deren Herz nie von einer wärmeren Empfindung durchzittert wurde, so habe kein Mitleid mit ihr, sie verdient es nicht. Aber es gibt Frauen, die dazu geschaffen sind, um glücklich zu machen, die mit jedem Schlag ihres Herzens den Genüssen widersprechen, die sich ihnen in ihrer Umgebung darbieten. Das bessere Frauenherz hat ein göttliches Gepräge, welches die äußeren Umstände nicht vernichten können. Möge sie eine hohe oder niedere Stellung einnehmen, von Freuden oder Kummer erfüllt sein, eine Frau, der ein solches Herz verliehen wurde, wird sich nicht verändern; möge rings um sie was immer vorgehen, ihr Herz wird dasselbe bleiben, in gleichem Maße schwach, entzückt und selig im zerlumpten Bettlerkleide, wenn es Liebe fand, in gleichem Maße elend unter dem herzoglichen Purpur, wenn es sich verlassen sieht. Und was soll sie thun, wohin mit ihrem vollen Herzen sich wenden? Sie kann nicht aus dem Kreise treten, in welchem sie geboren ward; wie die Blume, welche das Schicksal an ihren mütterlichen Boden gekettet hat, kann auch sie nicht außer ihrem Kreise Befriedigung suchen – und wird sie dieselbe finden? Sie, welche ahnt, daß es nicht der Beruf ihres Geschlechtes sei, blos dem Vergnügen zu leben; die nicht einzusehen vermag, daß unter allen Trieben und Eigenschaften, mit welchen sie von der Natur ausgestattet wurde, gerade die ihres Herzens unnütz seien; die fühlt, daß ihr Herz, welches so Viele kalt und gefühllos nennen, auf ein warmes Wort warm antworten würde, daß auch sie lieben und beglücken könnte, wie Andere, daß auch ihr Herz reizende Blüthen birgt, die sich beim Kerzenlicht der Salons nicht entwickeln konnten, aber beim ersten warmen freien Strahl sich erschließen würden – was kann sie von unserer Gesellschaft erwarten, was kann diese ihr bieten? Sie bedarf des Mitgefühls, und man bietet ihr Unterhaltung; es thut ihr das Herz weh, und sie hat keinen andern Trost, als daß sie von einem Salon in den andern gehen kann; sie empfindet Freude, und sie darf dieselbe kaum anders ausdrücken, als durch Tanzen; Sorgen drücken sie, und sie soll dieselben im Theater vergessen; sie liebt, und es drängen sich hundert Hofmacher um sie – und das soll ihr Herz befriedigen?

Ihr seht sie traurig – o, Niemand glaube, daß sie keiner Freude fähig sei; Ihr seht sie welken, aber glaubet nicht, daß die Ceder, wenn sie in Euren Glashäusern kaum ihren zwerghaften Wuchs aufrecht erhalten kann, nicht hochwachsen würde, wenn sie in dem verwandten Boden des Libanon wurzelte; saget nicht, daß ihre Wünsche über den Kreis dieser Erde hinausgehen und daß ihr ideales Streben an ihrem Unglück schuld sei. Sie bedarf einer freieren Umgebung, eines anderen Bodens, eines wärmeren Klimas; aber sie ist nicht auf Erden fremd, sondern da, wo sie eben steht. Der Himmel hat auch sie zum Glück geschaffen: dieses warme Herz, das in seiner Verlassenheit mit seinen Gluthen nur sich selbst verzehrt, ist ihr nicht deshalb verliehen worden, damit sie freudenlos zu Grunde gehe. Gib ihr Liebe, gib ihr einen Kreis, in welchem sie sich heimisch fühlen könne – und ihre Augen, welche bisher nur von Thränen des Kummers benetzt wurden, werden vor Freude weinen; das Herz, das im großen Geräusch auf seine Fragen keine Antwort erhielt, wird beim Lächeln einer geliebten Person vor Freude jauchzen. Aber dieses Herz bedarf der Liebe; was das Leben sonst noch bietet, kann es nicht befriedigen. Es will verstanden werden, seine überfließenden Gefühle einem andern Herzen mittheilen; es trachtet nicht nach Glanz, es verlangt Wärme, um sich wohl zu fühlen.

O, warum konnte sie nicht dort geboren werden, wo sie hätte lieben können, im bescheidenen bürgerlichen Kreise, nach dessen sanften Freuden ihr Herz sich Jahre lang sehnte. Wie oft blickte sie aus ihren glänzenden Salons sehnsüchtig nach dem bescheidenen bürgerlichen Hause hin, das dem ihrigen gegenübersteht, denn dort könnte sie glücklich sein. Sich in einem häuslichen Kreise zu sehen, in welchem ihr Dasein Glück verbreitet; einen Mann zu sehen, den die ganze Welt mit Sorgen überhäuft, den aber dennoch das Lächeln seiner Gattin alle seine Sorgen vergessen macht; eine lärmende Kinderschaar, von deren Gesichtern der Mutter so viele Hoffnungen und so viele freundliche Erinnerungen entgegenlächeln; die Freuden und Sorgen ihrer Lieben zu theilen; ihr kleines Kind zu trösten, wenn dessen Puppe zerbrochen wurde, und den Mann, welchen die Hoffnung seines Lebens betrogen hat; lächelnd jedes Leid zu ertragen und zu lindern, sich selbst das Nothwendigste zu versagen, damit auf dem Wege ihrer Lieben mehr Freuden blühen; Heller zu Heller zu legen, damit der schwer ersparte Schatz, wenn sie nicht mehr ist, ihre Lieben glücklich mache; so viel Wonne und Kummer, so viel Großes und Kleines in der einen liebenden Brust zu vereinen, welche zuweilen von Kummer überfüllt ist, aber nie etwas von sich weist, nie sagt: »Genug, ich ertrage nicht mehr«; der Schutzengel eines kleinen Himmelreiches zu sein, welches sie selbst geschaffen hat; als Segen den trauten häuslichen Herd zu umschweben, den sie mit ihren Opfern zum Altar weihte – das ist es, wonach ihr Herz sich sehnt, wovon sie seit ihrer Kindheit träumt.

Aber kann sie das hoffen? Hat unter Tausenden, welche in diesem Kreise leben und gelebt haben, Jemand die Träume seiner Jugend in Erfüllung gehen sehen? Und kann sie ihrem Schicksal trauen, sie, die weiß, daß in ihrem Leben nur diese eine Täuschung vorkommt, daß ihre Zukunft nur auf diesem einen Würfel steht, daß ihr keine andere Hoffnung übrig bleibt, wenn diese Eine zu Wasser wird?

Und wenn sie dennoch Vertrauen haben wollte, wenn sie, ahnend, was sie wagt, dennoch ihr ganzes Herz dem Manne schenken wollte; wenn sie glücklich sein möchte, und sei es auch nur einen Tag, wenn sie den ganzen Schatz ihres Lebens auf einmal genießen, und sich lieber einen Augenblick reich fühlen wollte, als von den kleinen Gaben des Schicksals, wie ein Bettler leben, als dieses wüste, freudenleere Leben länger dulden, in welchem das Herz alt wird, ohne ein einziges Mal in Folge eines tieferen Gefühles rascher geschlagen zu haben – darf sie ihrem Herzen folgen?

Darf sie ihrem Herzen folgen, wenn dasselbe außerhalb ihres Kreises eine Wahl getroffen hat, wenn Derjenige, für welchen es erglühte, arm ist, oder wenn er keinen anderen Adel aufweisen kann, als den ihm Gott in's Herz gelegt hat, seine erhabenen Gesinnungen? Darf sie Das aufopfern, was sie nicht achtet? Darf sie Glanz, Namen, Reichthum fortwerfen und an Demjenigen festhalten, den ihr Herz sich auserkoren hat, durch dessen Liebe sie sich reicher fühlt, als wenn sie die Schätze dieser Welt besäße? O Täuschung! Was ist ein Herz, daß man dafür so viele Vorurtheile aufopfern könnte? Was ist der Kummer oder die Freude eines Herzens, daß dafür die Reinheit eines glänzenden Wappens verloren gehen oder der alte Geizhals auf seine Berechnungen verzichten sollte? Das Zeitalter, in welchem wir leben, ist praktisch, und die Eltern können nicht zugeben, daß ihre Kinder dem offenbaren Verderben entgegengehen; daß ihre Tochter auf dieser Welt – wo nach ihren Begriffen das Glück ein Ort ist, in welchen man nicht ohne Eintrittspreis gelangen kann, und wo nur Diejenigen sich aufhalten dürfen, die Geld haben; wo wir, seitdem wir durch Adam's Schuld sterblich wurden, dafür sorgen müssen, daß wir nicht Hungers sterben – daß, sage ich, ihre Tochter auf dieser Welt ihrem Herzen folge, nur nach Liebe strebe, nach einem Capital, das binnen fünfzehn Jahren eben so schwindet, wie das wirkliche durch sechs Percent verdoppelt wird; sie können nicht zugeben, daß ihre Tochter ihr Glück in den Armen eines Unadeligen finde, daß ein Unadeliger ihr Kind an seine Brust drücke, daß sie die hinreißende Wonne der Liebe in einem unadeligen Kreise finde. Was würde die Welt sagen, wenn sie es wagten, ihre Tochter auf diese Art glücklich zu machen? Sie sorgten für ihr Kind besser, indem sie für dasselbe wählten. Es wurde in ihren Plänen Alles wohl erwogen, Alles berechnet, nur das Herz nicht, das zwar wie die Magnetnadel stets nach einer Seite hinzeigt, aber den vernünftigsten Schiffer nicht veranlassen kann, dieselbe Richtung einzuschlagen.

Wie könnte es denn auch anders sein? Die Eltern sind vielleicht gute Menschen, wenigstens solche, die man so nennt. Sie lieben ihre Tochter, sie haben dieselbe erträglich erzogen, für sie nach Möglichkeit gesorgt; wünscht sie etwas, so thun sie alles Mögliche, um ihren Wunsch zu erfüllen; stößt ihr irgend ein Uebel zu, so sind sie untröstlich. Wer kann dafür, daß sie nicht wissen, was zum Glück ihrer Tochter nothwendig ist? Sie sind zu dem Alter gelangt, wo die schwärmerische Seele die Schwingen verliert und jeder Mensch nüchtern geworden ist und sich nur seines Kopfschmerzes erinnert und nicht dessen, daß er in seinem Rausche glücklich war, – wie sollen sie nun das Gefühl begreifen, welches sie vielleicht in ihrem ganzen Leben niemals gekannt haben? Wie viele gibt es denn, die wahrhafte Liebe fühlten? – Wenn wir von Liebe sprechen, so glaubt Jedermann uns verstanden zu haben, denn in Jedem taucht bei unseren Worten eine Erinnerung Dessen auf, was er Liebe nennt; aber erzählen wir nur, was wir in unserer Liebe gethan haben, so werden Diejenigen, die früher einverstanden lächelten, uns staunend ansehen. Frage sie Alle einzeln, und sie werden Dir ruhig sagen, daß sie geliebt haben; und frage den Unglücklichen, der eben eine Pistole ladet, und er wird Dir sagen, daß er liebe. Ist aber die Liebe stets ein und dasselbe? Ist der Bach, der sich ruhig durch das Thal schlängelt und ein Stück Himmel in das Feld webt, dasselbe, was die angeschwollene Fluth ist, die brausend dahinströmt und blühende Fluren mit Felsen bedeckt? Was das Herz verlangt, das kann nur eine verwandte Brust ahnen, aber kein Verstand vermag es zu berechnen; was Leidenschaft thut, das kann nur Leidenschaft beurtheilen. Und sie sollen ihre Tochter verstehen, sie, die so viel erfahren haben, daß sie endlich ihre Natur vergaßen; er, der große Herr, der in seinem Leben so viel zu thun hatte, daß ihm nicht Zeit genug blieb, auf sein Herz zu achten – sie, die große Dame, die vielleicht ein gleicher Zwang in die Arme ihres Gatten führte, und die, weil sie an ihrem Schicksal nichts zu ändern vermochte, sich einredete, daß sie glücklich sei und es auf keine andere Art hätte werden können? Und jetzt wird sie ihrer Tochter sich selbst als Beispiel vorbringen, und ihr Gewissen mit dem Gedanken beruhigen, daß auch sie glühend geliebt habe und dennoch lebt; als ob das Herz nicht ohne einzige Freude fünfzig Jahre hindurch schlagen könnte!

Werden sie es wohl glauben, wenn ihre Tochter sagt, daß sie ohne ihren Geliebten nicht leben könne; daß der Baum, welchen der Wind schüttelt, welchem der Frühling hundertmal seine Blüthen bringt und der Winter sie eben so oft wegnimmt, den Blitze niederschmettern, der aber, so lange er lebt, durch nichts von der Stelle bewegt werden kann – daß der Baum an seinem mütterlichen Boden nicht fester hängen könne, wie das Frauenherz am Geliebten, und daß sie das Herz ihrer Tochter, ohne es zu zerreißen, von dem Gegenstand ihrer Liebe nicht trennen können? Sie sind zu vernünftig, um das zu glauben, sie werden vergessen, daß ein zwanzigjähriges Herz ganz anderer Freuden bedarf, als die, welche sie sich mit ihrer sechzigjährigen Phantasie denken; und die vielleicht das Kind nicht einen Augenblick weinen sehen können, ohne daß ihre Augen sich mit Thränen füllen, werden das Leben desselben zerstören, ohne zu bedenken, was sie thun.

O traurige Blindheit! Ist es nicht genug, daß die ganze Zukunft des Weibes von einem Entschluß abhängt, nach welchem es unmöglich ist, zurückzutreten? Daß das Weib an der Schwelle des Lebens, in einem Alter, in welchem der Mann nicht über hundert Francs einen gesetzmäßigen Wechsel ausstellen kann, schon da wählen muß, wo es sich um ihre ganze Zukunft handelt? Daß sie in einem Alter, in welchem sie noch gar nichts weiß, noch gar Niemanden kennt, mit einem kurzen Wörtchen über ihre ganze Zukunft entscheiden soll? Ist das nicht schon allein genug? Muß man sie auch noch dieser momentanen Freiheit berauben? Ihr Herz hätte sie vielleicht zu Gutem geleitet; der Himmel hat dem Herzen nicht umsonst seine Triebe verliehen, und die Menschenkenntniß, die man nicht durch Erfahrung lernt, welche der Mann oft sein ganzes Leben hindurch vergebens sucht, würde sich vielleicht in den Neigungen ihres jungen Herzens heimlich kundgeben, und wenn sie sich täuschte, so wäre wenigstens ein Augenblick in ihrem Leben, in welchem sie sich glücklich fühlte; ein Augenblick, in welchem sie zum kommenden Tage ruhig sagen konnte: »Komm', ich fürchte Dich nicht!« in welchem sie zu Gott betete: »Laß' mir das Leben, mehr verlange ich nicht!« ein Augenblick, in welchem ein Sonnenstrahl über ihr Leben glitt, und – sowie unter der Berührung eines warmen Sonnenstrahles die Schneemasse zerschmilzt und in die Tiefe braust, über dem Wasserfall der Regenbogen sich wölbt, ein Veilchen seinen duftenden Kelch erschließt, auf der ganzen Erde Alles auflebt und Alles sich verjüngt – ebenso unter der schöpferischen Macht der Liebe in ihrer Seele hundert Gefühle erwachten, hundert nicht geahnte Freuden und Hoffnungen auftauchten; es wäre ihr wenigstens eine Erinnerung geblieben, ein Glanzpunkt, auf welchen sie mit Thränen in den Augen zurückblicken, und dessen Strahlen, wie die der untergegangenen Sonne, ihren Horizont erhellen würden. Aber Ihr habt ihr auch das nicht gelassen; der verurtheilte Verbrecher darf einen Tag vor seinem Tode seine Speisen frei wählen, und die Gesellschaft, die ihn verdammte, bereitet ihm noch eine Freude; die Raupe, die auf der Erde kriecht, erhebt sich als Schmetterling und verbringt die letzten Augenblicke ihres kurzen Lebens zwischen Blumen; und nur das Weib soll auf dieser reizenden Welt sich nicht einen Augenblick freuen können?

Und in wessen Arme habt Ihr Eure Tochter gelegt? Du, Vater, der Du Dich mit greisem Haar dem Grabe näherst, dem Deine Tochter nur Freude bereitete, dessen Name der erste war, welchen ihre Lippen stammelten, wie um Dich zu bitten, daß Du in den Stürmen des Lebens ihre Stütze seiest – wem hast Du es übertragen, für Dein Kind zu sorgen, wenn Du einst nicht mehr bist? Und Du, Mutter, die Du einst selber gelitten hast, die Du weißt, wie viel Leid in einem Frauenherzen Platz hat – wen hast Du gewählt, daß er die Stütze Deines Kindes sei, wenn es einst verwaist sein wird?

O fürchtet Euch nicht! Der Name, welchen er trägt, klingt schön; die Familie, aus welcher er stammt, bestand Jahrhunderte hindurch, bis ihr starker Stamm in diesem schwächlichen, kranken Aestchen endete; seinen Ahnen fehlt nicht ein einziges Verdienst, von seinem Vermögen fehlt kein einziger Franc, der zur Anschaffung von Glanz und Bequemlichkeit nöthig ist; was schadet es, daß er kein Herz hat? Wenn er kein edleres Streben kennt, wenn sein Gehirn keinen Gedanken hegt, der im Stande wäre, ihn aus der sumpfigen Niederung zu heben, wenn er mit seiner Gattin keinen Seelenbund schließen kann, weil er keine Seele hat, die fähig ist, Frauenliebe zu begreifen oder zu erwidern, oder wenn er seine Frau gar nicht liebt, und die er leichtsinnig wählte, leichtsinnig verläßt: so bildet der Unterschied, welcher dem Wesen nach zwischen beiden Eheleuten besteht und ihre Herzen und Seelen von einander fernhält, keine Mesalliance; und wie hoch der eine, wie niedrig der andere Theil eines solchen Ehepaares auch stehe, wer kann sagen, daß sie nicht zusammengehören, wenn ihre Wappen von gleichem Range sind? – Wer wagt es, zu behaupten, daß die Tochter nicht gut verheiratet sei, wenn ihre Diener hinter ihrem Wagen in glänzender Livrée stehen und sie ihr kummervolles Haupt mit Diamanten und Perlen bedecken kann? – Nur sie weiß, wie sehr ihr Herz geblutet hat, nur sie weiß, wie oft ihre Augen nach ihren nächtlichen Unterhaltungen Thränen vergossen haben.

Sie ist noch glücklich, wenn sie entsagen gelernt, wenn sie, in sich zurückgezogen, die unruhigen Hoffnungen ihrer ersten Jahre vergessen gelernt hat. Aber wehe, wenn ihr Herz aus seinem Winterschlafe erwacht, wenn die Gefühle, welche Gott ihr in die Brust gelegt hat, ihre Fesseln zerbrechen und sich erheben; wenn sie, nachdem sie jahrelang gelitten, geweint, geschwiegen, endlich mit der ganzen Kraft ihrer Seele, mit allen lange erstickten Flammen ihres Herzens sich in die Arme eines Mannes wirft, nicht weil sie hofft, sondern weil sie verzweifelt und ihre Verlassenheit nicht länger ertragen kann; dann wehe ihr, die Welt bricht dann über sie den Stab. Denn ach, sie hat nicht heucheln gelernt, sie versteht es nicht, über ihre Gefühle einen Schleier zu breiten, sie ist nicht im Stande, Dem zu schmeicheln, den sie haßt, dort gleichgiltig zu scheinen, wo sie empfindet. Die Weltdame kann ihre Freuden ruhig genießen, sie trägt die Worte der Tugend auf den Lippen, sie beobachtet streng Alles, was die Schicklichkeit erheischt, sie hat sich nicht verworfen und kann ohne Erröthen auftreten; aber nicht so die Frau, die keine Zurückhaltung beobachtete, die nicht berechnete, ihren Empfindungen kein Maß setzte.

Die Welt, welche keine Tugend sucht, gibt nicht zu, daß ihre Formen ungestraft verletzt werden. Und was bleibt noch zurück? Die Liebe. – O, wenn ihr diese bleibt, wenn sie, die von der Welt verstoßen wurde, in den Armen ihres Geliebten Zuflucht fand, so hat sie sich nicht zu beklagen; wer diese Welt für ein Herz vertauscht, der hat nichts verloren: wenn aber auch der Geliebte sie betrogen hat – und wie oft geschieht dies – o, dann weinet über sie!

Wehe und abermals wehe der Frau, welche in die große Welt ein Herz mitbrachte; es ist ihr Schicksal, zu glänzen, zu gefallen, zu genießen; Alles, was sie sonst noch verlangt, führt zu ihrem Verderben. Sei sie eitel, egoistisch, herzlos, sie kann nichtsdestoweniger glücklich sein; aber die erste Liebesregung ihres Herzens ist der letzte Moment ihrer Freude. Sie mag die Tugend, die Menschen und Alles verachten, was heilig ist – wenn sie nur den Vorurtheilen der Gesellschaft huldigt, so wird sie geachtet; sobald sie aber auch nur eine Stunde ihres Kreises vergißt und ihrem Gefühle folgt, ist sie verloren. Wehe der Frau, aber auch wehe der Gesellschaft, welche die Frau in eine solche Lage brachte und sie, durch welche der Mann sich erheben sollte, erniedrigte. Man kann die Frauenwürde nicht ungestraft verletzen; und wenn wir uns umsehen, so finden wir, daß jede Gesellschaft, je nach der Stellung der Frauen, einen niedrigeren oder höheren Standpunkt einnimmt. Das Kind, welches eine Sclavin in ihren Armen wiegte, der Jüngling, welcher in der ersten Regung seines Herzens nur ein eitles, gefühlloses Weib an sein Herz drückte, der Mann, der in seinem Hause Niemanden findet, den er Seinesgleichen nennen könnte, und in der Gattin, mit welcher er seinen Namen und Besitz theilt, mehr eine Sclavin seiner Sinne, oder gar eine Last, als eine treue Brust sieht, welche mit ihm die Sorgen des Lebens theilt – sie können wohl nicht hoch stehen. Das Weib, welches sie nicht zu sich erheben wollten, zieht sie in ihrem Fall mit; sie haben Das in den Staub getreten, wodurch allein man glücklich sein kann, und werden darum auch selbst in den Staub sinken.

Ihr Armen, die Ihr von tausend Sorgen niedergedrückt seid, die Ihr um jeden Bissen Brot ringen müßt, deren ganzes Glück größtentheils nur in den wenigen Augenblicken besteht, in welchen Ihr auf Eure Leiden vergessen könnt, beneidet die Reichen nicht, die in glänzenden Hallen wohnen; und wenn Ihr Nachts in den schweigenden Gassen wandelnd, aus ihren erhellten Fenstern heitere Musik vernehmt und es Euch einfällt, wie glücklich Ihr wäret, wenn Ihr Euren Kindern nur die Abfälle des glänzenden Gastmahls bringen könntet – glaubet nicht, daß Diejenigen, die oben tafeln, glücklich seien. Die kostbaren Speisen, nach welchen es Euch gelüstet, sind ihnen nichts mehr, als Euch Euer tägliches Brot, und die goldene Schüssel, in welcher ihnen die Speisen aufgetragen werden, erweckt in ihnen nicht so viel Selbstbewußtsein, als in Euch der Gedanke, daß Ihr Euch Euer Brot selbst erworben habt; die Achtung, mit welcher Eure Nachbarn von Euch sprechen, beglückt Euch nicht weniger, als sie ihr Ruhm; wenn Ihr Sonntags in neuen Kleidern spazieren gehen könnt, oder nach den Mühen eines ganzen Lebens einige hundert Francs erspart habt, so dünkt Ihr Euch eben so reich, wie sie in ihren modernsten Equipagen und zwischen ihren Goldsäcken. Und sage. Du Armer, macht das Weib, welches die Liebe in Deine Arme geführt und von deren Neigung Du überzeugt sein kannst, weil Du keinen Reichthum besitzest, welchen sie mit Dir theilen könnte, Dich mit ihren Umarmungen nicht glücklich? Kannst Du nicht Deine Kinder an Deine Brust drücken? Kannst Du nicht vor Gott und der Welt stolz sagen, daß sie Dein, doppelt Dein sind, weil Du sie mit Deinem blutigen Schweiß erhältst, und weil in ihrem ganzen Leben keine einzige heitere Stunde vorkam, welche Du ihnen nicht mit der Arbeit Deiner Hände verschafftest? Alles dessen kann sich der stolze Herr nicht rühmen, und steht es bei Dir, dem Gott ein Herz gegeben, Dich zu beklagen? Kannst Du, der Du noch einmal so viel opfern möchtest, Dich arm nennen? O, beobachte sie, die Du für so glücklich hältst, in ihren traurigen Unterhaltungen; sieh', wie sie gegen die Langweile kämpfen, wie viel Mühe sie sich geben, nur damit dieses kurze Leben noch etwas kürzer scheine; höre ihre Gespräche, die sich nicht weiter als auf den nächsten vergangenen und auf den nächsten kommenden Tag erstrecken; beobachte sie in ihrem häuslichen Kreise, wo sie sich nicht heimisch fühlen, wohin sie kein Herz mitbringen, und wo sie auch keinem Herzen begegnen – und sage, ob Du noch das Verlangen hast, in diesem Kreise zu leben, welchen Du Dir einst so schön dachtest, und ob das Schicksal Dich wirklich so stiefmütterlich behandelt habe, wie Du glaubtest. Du siehst rings um Dich viele Genüsse, an welchen Du nicht theilnehmen kannst; aber Diejenigen, welchen das Schicksal diese Genüsse gegeben hat, entbehren auch des Verlangens darnach, und sie sind nicht reicher als Du; Dein Leben ist zwar ein langes, mühevolles Tagewerk, und sie genießen der Ruhe und der Freuden – aber Du weißt, daß Du Dich für Deine Kinder abmühst, während sie gar nicht darüber nachzudenken wagen, welchen Zweck ihr Leben habe; auf Deinem Grabe wird ein Kreuzlein mit Deinem Namen stehen, und ein Jahr genügt vielleicht, die Inschrift zu verwischen, während über ihren Gebeinen Mausoleen stehen; aber Dir gibt eine weinende Familie das letzte Geleite, ihrem Sarge aber folgen Söldlinge. Du hast Dich nicht zu beklagen.

Umfasse Deine Lieben mit mannhaften Armen, lasse Dein müdes Haupt an der Brust der treuen Gattin ausruhen, sieh' in Deinen heranwachsenden Kindern die Stütze Deiner Zukunft und preise Gott dafür, daß er Deinem Leben so viel Liebe verlieh; und wenn vielleicht Dein bescheidenes Glück der bedauernde Blick eines Reichen trifft, der es wagt, auf Dich mit Geringschätzung herabzusehen, weil Du in einem niedrigeren Kreise geboren wurdest, weil Du ärmer bist: so erhebe Dein Haupt im Bewußtsein Deiner Menschenwürde und antworte ihm, daß der Mensch gleich dem Schnee oft um so reiner ist, je tiefer er liegt, und daß Derjenige am höchsten steht, der die meiste Liebe im Herzen trägt.

 

V.

In eines jeden Menschen Leben gibt es eine Periode, in welcher er sich für politische Ideen begeistert. Ein Optimist, wenn er die Eigenschaften der Menschen berücksichtigt, ein Pessimist, wenn er an ihren gegenwärtigen Zustand denkt, hält ein jeder Jüngling sich für berufen, ein Wohlthäter des Menschengeschlechtes zu werden. Wenn er sieht wie viel das Menschengeschlecht leidet, wie weit es sich seit Jahrhunderten der Wahrheit näherte und wie es unaufhörlich in Ungewißheit schwankt, bald unbewußt seinem Ziele sich nähernd, bald ohne Grund sich davon entfernend: wie sollte der Jüngling sich nicht begeistern, wie sollte nicht auch er den Schleier herabreißen wollen, der so schwach scheint und dennoch Den ohnmächtig macht, dessen Auge er bedeckt? Er, der doch nicht weiß, daß nicht der Schleier, sondern das Auge daran schuld ist, von dem bisher noch Niemand den Staar zu entfernen im Stande war, ohne daß dieses zur Blindheit geschaffene Geschlecht nach den momentanen Qualen des Sehens nicht in noch größere Blindheit zurückversunken wäre. Wer erinnert sich nicht, daß es in seinem Leben eine Zeit gegeben habe, in welcher er das Herz des Brutus oder Cäsar in seiner Brust schlagen fühlte, in welcher er unter den Menschen eine schöne platonische Republik gründen wollte, und die wunderbarste, großartigste Zukunft für wahrscheinlicher hielt, als daß er ein gewöhnlicher Mensch sein werde. Denke an Deine Schuljahre zurück, und wie viele Deiner Genossen sind wohl große Männer geworden? Der eine ist ein Zollbeamter, der Andere dient in einem Ministerium als Schreiber, Einer ist vielleicht Advocat oder Deputirter, die Uebrigen sind verschwunden; oder wenn unter den Tausenden Einer hervorragt und, von den Ereignissen emporgehoben, groß und mächtig wurde, wenn aus Tausenden Einer hervortrat, dessen Name mächtiger klingt als die der Andern: wer erkennt ihn, wer sucht in dem von Sorgen gebeugten Manne den jungen Helden, der einst mit erhobenem Haupt seinem hohen Ziele so leichten Schrittes entgegenging? Wer von uns hätte, als wir noch Kinder waren geglaubt, daß wir, erwachsen, so klein sein würden?

Die Jugend ist das Alter der Träume, und wie praktisch sie auch sei, wie trocken der Gegenstand sein möge, welchem sie sich zuwendet, sie bleibt mitten im Treiben des alltäglichen Lebens eine Dichterin. Wie kein Gegenstand so klein ist, der nicht in den Strahlen der ausgehenden Sonne einen großen Schatten wirft, und kein Interesse so gering, das nicht in der Wage unseres Lebens schwer wiegt, wenn wir unser Herz darauf legen: so ist nichts so schwer, was der Jüngling nicht wagte, mit seinen Armen zu ergreifen, nichts so erhaben, wonach er nicht seine Hand auszustrecken sich erkühnte; sei es ein Weib oder sein Vaterland, wofür sein Herz schlägt, sei es Unsterblichkeit oder ein zärtlicher Blick, wonach er strebt: er wird für beide Dinge mit gleicher Begeisterung erglühen. Eben diese poetische Auffassung ist der Grund, weshalb man bei Jünglingen so viel politische Begeisterung findet. – Wenn der Jüngling sähe, daß er das öffentliche Wohl und jene erhabenen Ideen, für welche er glüht, im gegenwärtigen Stande der Dinge mit seiner Thätigkeit nur wenig werde befördern können; wenn er ahnte, daß er für das große Ganze nur in einem kleinen Kreise arbeiten, daß er nur mit kleinen Schritten vorwärts kommen, nur mit kleinen Entsagungen Opfer bringen könne: so würde er von der freudenlosen Bahn abweichen; aber er erwartet große Opfer, und das ist es, was ihn unwiderstehlich anzieht, und wodurch begeistert selbst der trockenste Schreiber sich mit poetischer Empfindung zum ersten Mal an den Schreibtisch setzt.

Mich hat, wie ich Dir bereits gesagt habe, in meiner frühesten Jugend die Politik nicht interessirt. Die herzlose Art, mit welcher mein Vater von allen öffentlichen Angelegenheiten sprach, und noch mehr mein Gemüth, das zur Schwärmerei und nicht zur That geschaffen war, entfremdeten mich frühzeitig diesem Gebiete; und ich sah, wenn auch nicht ohne Interesse, doch ruhig, die Entwicklung der Ereignisse, die zu ändern ich in meiner Brust keine Kraft verspürte. – Jetzt hat sich meine Ansicht auch in dieser Beziehung geändert. Der Kreis, in welchem wir leben, kann nicht ohne Einfluß darauf sein, welchen Weg wir einschlagen; der Schwache gibt der allgemeinen Richtung seiner Gesellschaft nach, der Starke widersteht ihr, und endlich wird Jedermann, wie selbstständig er auch immer sein mag, nachdem er mit einer Gesellschaft lange in Berührung gewesen, schon weil er gegen sie ankämpft, wenn er auch ihrer Richtung nicht folgte, einen andern Standpunkt einnehmen, als den er einnehmen würde, wenn er nie mit ihr in Berührung gekommen wäre. – Ich war stets schwach; ich gab jeder Einwirkung nach, glücklich, wenn ein freundlicher, auf Alles verzichtend, wenn ein düsterer Moment über mich kam. Schwankend wie das Rohr, das sogar zu schwach ist, um zerbrochen zu werden; unselbstständig wie ein Zweig, der vom Strom fortgerissen, zuweilen in den Gesträuchen des Ufers hängen bleibt und wieder fortgerissen wird, bald im Schlamme steckt, bald auf klaren Wellen schwimmt: konnte ich den Einwirkungen meiner Umgebung niemals widerstehen, und so ist es natürlich, daß – da alle Diejenigen, mit welchen ich lebte, sich ausschließlich mit Politik beschäftigten – auch ich mich endlich mit diesem Gedanken befreundete; dazu kam noch, daß die unausgesetzten Bitten meines Vaters, der mich in jedem seiner Briefe zur Thätigkeit ermahnte, und die Unzufriedenheit, die ich in meinem unthätigen Leben empfand, Wünsche in mir erweckten. Und ich bereitete mich, wenn auch nicht mit so viel Hoffnungen und Entzücken wie andere Jünglinge gleichen Alters, doch nicht ohne alle innere Befriedigung zu der Laufbahn vor, auf welcher mich, wie ich dachte, Ruhm erwartete.

Ruhm! rätselhaftes Wort, welcher Teufel oder Gott verlieh dir die Macht, welche du über unsere Seelen ausübst? Warum pocht das Herz bei deinem freudenlosen Bilde? Weil du Unsterblichkeit versprichst? Und ist es denn so süß, auf dieser Wett fortzudauern, wo es nichts als Leiden gibt? Ist es so reizend, in der Erinnerung der Menschen fortzuleben, in der Erinnerung der Menschen, bei welchen wir Liebe nie suchten und nicht fanden, die uns verfolgten und die wir wieder verachteten? Ist es etwas so Erhabenes, im Staube dieser erhabenen Welt eine Spur zurückzulassen, damit Der, der nach uns kommt gleich uns sein Glück verfehle? Schaue durch's Fenster hinaus und betrachte die Vorübergehenden alle einzeln – den müden Arbeiter, der vom Felde heimkehrt, den gezierten Stutzer mit seinem gedankenlosen Gesicht, das Freudenmädchen, das ihrem Gewerbe nachgeht, und nach ihr den Gelehrten, der seine Unwissenheit drapirt und von Narren als ein Wunder angestaunt wird – und sage, ob Du glücklicher wärest, wenn alle diese Deinen Namen kennten, wenn alle diese wüßten, was Du Dein ganzes Leben hindurch gethan hast? Und ist der Ruhm etwas Anderes? Können Deine erhabensten Thaten Dir etwas Anderes verschaffen, als dies? Ein Name nach Deinem Tode, ein Wort mehr im Lexikon des Menschengeschlechtes macht Dein Herz höher schlagen! Dafür bemühst Du Dich und bringst Du Opfer? Dafür entsagst Du den Genüssen des Lebens und den heiligsten Empfindungen Deines Herzens? Als ob der Menschenstaub, den Du verachtetest, zu Gold würde, wenn er angesammelt wird! – Als ob die sieben Städte, die wie nach Homer's Tode darum streiten, welche von ihnen Dein Geburtsort sei, an Werth einem Herzen gleichkämen, welches Du hättest Dein nennen können!

Rings um Dich bietet Dir das Leben seine Genüsse, die Natur ihre reizenden Wunder dar, die Gott schuf, und freundlich winken Dir die noch reizenderen Wunder, welche die Liebe wirkt; doch Dein Herz wendet sich gleich der Magnetnadel dem kalten Norden des Ruhmes zu, und vergebens blüht Dir die Flur, vergebens schlagen die Herzen für Dich. Wehe Dem, der sich an Dich klammert! Du bist wie der Vesuv, der die blühenden Fluren an seinem Fuß mit seinem schimmernden Gluthstrome bedeckt, wie der Sturm, der den Baum umstürzt, welcher sich ihm entgegenstemmte; Du stehst strahlend da – jedoch auf den Trümmern Deines Glückes; Du dringst vorwärts, doch Verwüstung bezeichnet Deinen Weg. Und wenn Du endlich Dein Ziel erreicht hast, wenn Du auf dem schwindelerregenden Gipfel stehst, wenn auch Du mit starker Hand Deinen Namen in das Buch der Geschichte geschrieben hast, in dieses große Gedenkbuch, in welchem die Menschheit so wenig wahre Freude findet; wenn Du groß genannt wirst, wenn Du ein Wunder unter den Menschen bist: was hast Du dann gewonnen? Ruhe, Ruhe, welche den bescheidenen Arbeiter eben so gut erwartet wie Dich, welche noch jeder Ermüdete gefunden hat, wenn auch nach seinem Tode sein Name nie genannt werden sollte. Und sind nicht Alle, die sich um des Ruhmes willen abmühen, Thoren? Thoren, weil sie die Freuden des Lebens von sich stoßen; Thoren, weil sie an Beifall Freude finden, der dem Seiltänzer, wenn er zum Thurm hinaufsteigt, eben so laut folgt, wie dem Triumphator zum Capitol; weil sie die Zeit für verloren halten, die sie der Geliebten widmeten, und nur jene Stunden nützlich zugebracht zu haben glauben, in welchen sie sich für sogenannte große Zwecke abmühten und der ewig undankbaren Menge lebten! Als ob das Geld Zinsen trüge, welches man unter dem Volke ausstreut, und nicht jenes, welches man Einzelnen gibt; als ob unter allen Thoren, die sich auf dieser Welt aufhalten, nicht jener der allergrößte Thor wäre, der sein wahres Glück aufopfert, um von anderen Thoren angestaunt zu werden!

Und dennoch gibt es wenig gebildete Menschen, die nie von Ruhm geträumt hätten; auch bei mir gab es eine Zeit, in der ich von Ruhm träumte; doch diese Täuschung dauerte, wie manche andere, nur kurze Zeit, und verschiedene Verhältnisse verdrängten mich bald von der gewählten Laufbahn. Der Starke wird, wie die Eiche im Sturm, indem er Widerstand leistet, von den Streichen des widrigen Schicksals umgeworfen; der Schwache verändert nur den Platz wie das Samenkorn, das vom Sturmwind fortgetragen wird; aber die Wurzel der gestürzten Eiche kann neue Sprossen treiben, das Samenkorn hingegen verdorrt, indem es umhergeschleudert wird – und das war mein Geschick.

Als ich nach Paris zurückgekehrt war, zeigte unter den wenigen Bekannten, die ich in dieser Stadt fand, Niemand über meine Ankunft mehr Freude als Frau von Valmont; mit den schönsten Erinnerungen meines Lebens verknüpft, in die geheimsten Schmerzen meines Herzens eingeweiht, war diese Frau das einzige Wesen, das meine Lage verstand, war sie die Einzige, mit der ich von meiner Vergangenheit sprechen konnte; und Du wirst nicht staunen, daß ich anstatt der Kälte, mit welcher ich mich einst gegen sie betrug, jetzt mit der innigsten, wärmsten Freundschaft an ihr hing.

Nichts hängt vielleicht so sehr vom Zufall ab, wie unsere Gefühle; der Augenblick, in welchem Du Dich Jemandem näherst und in welchem Dein Herz sich vielleicht eben nach einem verwandten Herzen sehnt, ein Unfall, der zufällig Euch Beide getroffen hat, ein Geheimniß, das Ihr gemeinschaftlich habt, oder auch nur ein Gesprächsgegenstand, der Euch zufällig zusammenführt, kann Euch mit unlöslichen Banden verknüpfen, und die Ihr vielleicht einander ewig fern gestanden wäret, wurdet durch die Macht eines Augenblickes innige Freunde – als ob die Natur beweisen wollte, wie thöricht und lächerlich Alles sei, was schwächliche Sentimentalität von für einander geschaffenen Herzen spricht; als ob die Natur uns erinnern wollte, daß auf dieser Welt – wo Millionen Herzen schlagen, welche in ihren Wünschen und Bedürfnissen unserem verwandt sind, und wo die Freundschaft so sehr in unserer Natur liegt, daß – was wir bei Kindern und dem Volke sehen – dazu kaum etwas Anderes nöthig ist, als daß wir unsere zu Vorurtheilen gewordenen Erfahrungen vergessen lernen – nur in uns selbst der Fehler liegt, wenn wir keinen Freund finden. Und in einem solchen Verhältniß stand ich zu Frau von Valmont. In ihr sah ich meine Julie; jedes Wort, das ich aus ihrem Munde vernahm, die Einrichtung ihres Hauses, der geringste Gegenstand, den ich bei ihr sah, Alles erinnerte mich an Julie; und sowie der Gefangene keinen andern Trost kennt, als zuweilen durch das Gitter seines Fensters in die reizende Gegend hinauszuschauen, so fühlte ich mich bei der einstigen Freundin Juliens ruhiger, glücklicher, als sonst wo auf Erden. Frau von Valmont war gegen mich freundlich; weder versuchte sie es, mich zu trösten, noch berührte sie meinen Schmerz auf unsanfte Weise; sie klagte ihre Freundin nicht an, noch entschuldigte sie dieselbe. Wenn ich kam, so empfing sie mich mit Freude, wenn ich längere Zeit ausgeblieben war, so beklagte sie sich nicht; kurz, sie schonte mein Gemüth so geschickt, daß ihre Gesellschaft mir endlich zum Bedürfniß wurde und daß Frau von Valmont vielleicht die einzige Person war, die einigermaßen Macht über mich hatte. Die Macht der Frauen besteht gerade in ihrer Nachgiebigkeit, mit welcher sie die Männer oft dazu bringen, daß diese aufhören, nach Dem Verlangen zu haben, was sie nicht entbehren zu können glaubten; und wer die immer nachgiebige Frau von Valmont sah und mich, der ich dem Anschein nach stets nur meinem eigenen Kopfe folgte, und schließlich doch immer dort stand, wo sie wollte – dem konnte es vielleicht einfallen, daß wir Männer gleich den übrigen Herrschern der Welt unbeschränkt befehlen, aber meistens nur Das, was Andere wollten. Es ist die besondere Eigenthümlichkeit der Frauen, daß sie ihre Hoffnungen gern in einem geliebten Wesen verkörpern; durch ihre Lage von Vielem ausgeschlossen, was das Hauptinteresse des Mannes bildet, ohnmächtig und nicht in der Lage, nach Ruhm streben zu können, genießt die Frau dieses Alles, und sie kämpft um die Erreichung dieser Zwecke mit nicht weniger Ausdauer und Opfern; und so versäumte Frau von Valmont, nachdem sie mich nach langem Widerstreben bewogen hatte, die politische Laufbahn zu betreten, keine Gelegenheit, und scheute keine Mühe, mein Vorwärtskommen in meiner neuen Carrière zu befördern.

Und aus welchem Grunde? »Weil sie meine Freundin ist,« dachte ich, »weil sie meine Braut sei,« sprach die ganze Stadt; und als das allgemeine Gerücht endlich auch mir zu Gehör gekommen war und ich die Valmont und alle ihre Schritte mit größerer Aufmerksamkeit verfolgte, mußte ich leider erfahren, daß das Gefühl, welches ihre Brust für mich erfüllte, in der That nicht Freundschaft war; – wie denn überhaupt unter allen Gefühlen, welche eine junge Frau an einen Mann fesseln können, vielleicht keines seltener ist als die Freundschaft. Frauen tragen immer mehr oder weniger Liebe im Herzen und können deshalb nicht Freundschaft fühlen, und was so genannt wird, ist zuweilen nichts Anderes als die Beschönigung ihrer Gleichgiltigkeit, oft auch das Vorspiel des leidenschaftlichsten Hasses. Bei Frau von Valmont war Letzteres der Fall, und mit Schmerz muß ich gestehen, daß ich selbst schuld bin, daß es so gekommen ist.

Es ist eine Folge unserer Schwäche, daß wir so selten die Wahrheit zu sagen wagen und lieber Jemanden aus der Ferne tödtlich verwunden, als bei dem Schmerz zugegen sein möchten, welchen wir durch unsere Worte verursachen; und so verfuhr ich mit Frau von Valmont. Sobald das allgemeine Gerücht, das über uns in der Stadt verbreitet war, mir zu Ohren kam, begann ich, anstatt mit ihr offen zu sprechen – was wenigstens im Scherz so leicht gewesen wäre – ihre Gesellschaft zu meiden; sie suchte mich auf, ich zog mich zurück; sie fragte mich um den Grund meines Benehmens, und ich schwieg; ich hatte mir vorgenommen, frei zu bleiben, und als die Valmont gegen mich immer freundlicher wurde und ihre Freundschaft immer mehr an den Tag legte: sah ich in dem Allen nur neue List, neue Netze, und da das Herz in allen schwierigen Lagen Leidenschaften braucht, so wurde Das, was früher Kälte war, bald zu Haß. Ich habe nicht vergebens bittere Erfahrungen gemacht; das vertrauensvolle Herz, mit welchem der Jüngling einst in's Leben trat, verlor seinen Glauben an die Menschen, und hauptsächlich hier, wo ich entweder mich für fehlerhaft oder Andere für schlecht halten mußte, neigte ich mich fast unwillkürlich zu letzterem. »Berechnung, kalte, niedrige Berechnung ist Alles,« dachte ich mir; »wie habe ich auch nur einen Augenblick zweifeln können? Ich bin reich, von großer Familie, kurz eine gute Partie; was Wunder, wenn sie mich zum Mann wünscht, gegen mich freundlich, voll Hingebung und zu Allem bereit ist, nur um ihren Zweck zu erreichen? Oder sind nicht auch die Uebrigen freundlich, werde ich nicht, wohin ich immer komme, von Müttern und Töchtern mit offenen Armen empfangen? Und ist es mir je eingefallen, zu denken, daß dies um meiner selbst willen geschehe und nicht vielmehr wegen jener viel reelleren Dinge, welche ich besitze, und die, wenn ich einmal in eine schönere Welt hinübergehe, als mein wohlverzinsliches Andenken in den Händen meiner Witwe bleiben? Aber nein, vergebens wendet sie ihre List an, vergebens ist sie freundlich; ich habe mich einmal betrogen, und ein vernünftiger Mensch läßt es darauf nicht ein zweites Mal ankommen. Ich war vielleicht ungerecht, indem ich so urtheilte, und stieß in Frau von Valmont vielleicht ein liebendes Herz von mir; aber daß ich nach meinen Erfahrungen nicht mehr wagte, Vertrauen zu hegen, daß ich, nachdem ich so viele Mädchen Jagd aus einen Mann machen gesehen, in jeder vielleicht unschuldigen Freundlichkeit niedrige Absichten vermuthete, das verdient vielleicht Entschuldigung; und wenn ich, indem ich so dachte, die Valmont nicht zu einem Gegenstand des Spottes gemacht hätte, so würde ich für meine quälenden Zweifel nur Mitleid, nicht Vorwürfe verdienen.«

Aber ich hatte anderthalb Jahre in der großen Welt zugebracht und deren Sitten in zu großem Maße angenommen, um nicht ein Spötter zu werden. In der ganzen Stadt sprach man von mir; wohin ich mich nur wandte, erkundigten sich Alle, denen ich begegnete, Freunde und Bekannte, Gönner und Neider, bei mir nach dem Befinden der Frau von Valmont; der Eine lobte dabei meinen Geschmack, ein Anderer mit höhnischem Lächeln meinen Edelmuth, und Alle priesen das Geschick meiner Braut, die ein so glückliches Los traf; hie und da gaben mir alte Weiber oder alte Hagestolze mit dem lächerlichsten Ernst zu erkennen, daß sie das lange vorher geahnt, und schon als ich nach Paris kam, vorhergesagt hätten.

Du kannst Dir nicht vorstellen, wie viel ich litt. Die zarteste Berührung an einer und derselben Stelle wiederholt, wird endlich schmerzhaft; das unschuldigste Wort, immer und immer wiederholt, wird unerträglich; und wie erst, wenn der Gegenstand, der vor uns unaufhörlich vorgebracht wird, schon allein unangenehm ist, und unter so vielen Berührungen schon viele an und für sich uns verwunden! – Meine Geduld riß, und ich konnte mir nicht anders helfen, als daß ich mich in die Reihe der Spötter stellte und über meine Lage selbst zu scherzen anfing. »Ist doch die Valmont selbst an Allem schuld,« dachte ich, »sie verdient keine Schonung, und wenn ihre Ränke mich zum Gegenstande des Stadtgespräches machten, so soll sie dafür büßen.« Daß ich durch meinen Spott ungerecht, daß ich durch meinen Zorn aufgeregt, von der lachenden Schaar meiner Zuhörer ermuntert, bitterer und schonungsloser wurde, als die Valmont selbst in dem Falle, daß mein Verdacht gerecht gewesen wäre, es verdient hätte, das kannst Du Dir leicht denken. In der großen Welt spielen wir Alle irgend eine Rolle, und so wie der Gladiator unter dem Applaus seiner Zuschauer zum Helden wird und in seinem unvernünftigen Kampfe unerhörte Ausdauer und Tapferkeit entwickelt: so reißt viele Menschen ihre Eitelkeit hin, und wenn sie einmal Herzlosigkeit geheuchelt haben, so vermögen es Wenige, dabei stehen zu bleiben. – Die Menge lachte über meinen Witz, und als sie sah, daß mich nichts ärgern könne, gab sie es auf, mich zu belästigen – und ich war befriedigt, obgleich ich ahnte, daß ich jetzt einen Feind mehr habe. – Aber ihr Haß kümmerte mich nicht. Der Jüngling sieht im Gefühle seiner Kraft mit Verachtung auf seine Feinde; was kann sie dir schaden, dachte ich mir, und die Verleumdung und die Spöttereien, mit welchen sie sich gegen mich erhob, freuten mich, anstatt mich zu verletzen, denn ich hörte dadurch auf, ungerecht zu sein. Die Erfahrung bewies, daß ich mich täuschte und daß Diejenigen nicht schwach sind, die hassen können.

Vergebung, mein Freund, daß ich Dich mit diesen Kleinigkeiten ermüdete; aber es gibt selten einen Menschen auf der Welt, den wahrhaft große Ereignisse unglücklich, und vielleicht keinen einzigen, den sie glücklich machten; und dieses scheinbar so geringfügige Ereigniß hatte auf mein Leben mehr Wirkung als viele andere, die vielleicht auf den ersten Anblick interessanter scheinen könnten. – Das kleine Menschenherz bedarf so wenig, um aufgeregt zu werden! Wie viele Blätter schwanken im schwächsten Luftzuge, wie viele werden dadurch abgerissen; durch einen einzigen Sonnenstrahl erschließen sich und welken Millionen Blumen; ein viertelstündiger Regen tödtet und schafft tausend Generationen von Insecten – und um wie viel schwächer als diese sind nichtsdestoweniger wir, die ein Gedanke selig oder elend machen kann, und die wir, wenn wir Das klar sehen könnten, was in vielen Fällen auf ein ganzes Leben von Einfluß ist, über die Erbärmlichkeit unseres Geschlechtes vielleicht mitleidsvoll lächeln würden.

Ich bereitete mich, wie gesagt, zur politischen Laufbahn vor. Die Juli-Regierung, die, ihre starken Wurzeln und ihren höheren Beruf vergessend, gleich einem wahren Parvenu sich so gern mit alten Namen umgab, empfing mich mit Freuden, als ich ihr meine Dienste anbot, und ich sollte meine Carrière mit einem Gesandtschaftsposten im Orient beginnen.

Ich hatte Paris längst satt bekommen, und im Begriffe, meine Absendung zu betreiben, ging ich eines Tages in's Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten. Unter den unglücklichen Geschöpfen, die, an einen oder den andern Bureautisch gebunden, von ihrer Jugend angefangen bis zum letzten Momente ihres Lebens nichts thun, als schreiben – unter den unsichtbaren kleinen Motoren, welche in der großen Regierungsmaschine verborgen, wie die in einander greifenden Räder in einer Uhr, sich drehen und abnützen, ohne daß Jemand ihre Thätigkeit ahnt, war Einer, den ich kannte, und der, in früherer Zeit meiner Mutter verpflichtet, mir in Allem, was meinen Eintritt in's Amt betraf, bald mit seinem Rathe, bald mit kleinen Diensten, die eben in seiner Macht standen, behilflich war. Zu diesem ging ich auch jetzt.

Es gibt Menschen, auf deren schwache Natur ihre Lebensweise und ihre Jahre alten Gewohnheiten so stark einwirken, daß sie endlich ihre Individualität verlieren und sozusagen nur als der Typus ihrer Gattung erscheinen; so war auch der alte Roger. Er war in den letzten Jahren der Republik in deren Dienst getreten und hatte unter dem Directorium, unter dem Consulat und dem Kaiserreich als Schreiber gedient; er schrieb, als die alliirten Monarchen nach Paris kamen, nach den hundert Tagen und nach der Restauration; er füllte pünktlich seine Bogen aus, in wessen Namen immer sie lauteten, beobachtete die Orthographie der Akademie genau, verletzte keine angenommene Form und hätte kein Komma vergessen, selbst wenn er das Todesurtheil seines Bruders zu schreiben gehabt hätte. Die Juli-Regierung behielt den nützlichen Arbeiter dort bei, wo sie ihn gefunden hatte; und er, den so viele Revolutionen nicht von seinem abgenützten Stuhle fortbewegen konnten, über den das Rad des Schicksals, wie ein Wagen über Würmer, so oft hinweggegangen war, ohne ihn zu verletzen, gerade weil seine Winzigkeit ihn schützte – er setzte seine Function mit eben so ruhigem Gleichmuthe fort, wie vor vierzig Jahren, und freute sich nur über eine einzige Veränderung auf der Welt, nämlich, daß sein Gehalt vergrößert wurde. Es gibt auch in ganz Frankreich keinen Menschen, der zufriedener ist, als er. Wenn Dir dieser kleine dicke Mann entgegenkommt, so siehst Du gleich, daß diesen Körper das Glück abrundete; sein rothes Gesicht, welches Dir freundlich entgegenlächelt, als ob es sagen wollte: »Ich habe gut geschlafen!« das Auge, das über den gut genährten Wangen Dich wohlwollend anblickt, als ob es Dich blos sehen und nicht kennen wollte; auf seinem Kopfe, welchen die grausame Zeit kahl gemacht hat, die blonde, gekräuselte Perrücke, die vielleicht die einzige Lüge dieses Mannes ist: kurz, Alles an ihm ist ein Bild innerer Ruhe und Zufriedenheit, und wäre nicht in seinem Knopfloche das kleine Ordensband, das, wie es scheint, nur deshalb angebracht ist, damit er erkannt werde – so könntest Du vergessen, daß Du vor einem Manne stehst, der vierzig Jahre hindurch an der Regierung dieses Landes theilnahm. Ich hatte zu diesem Manne stets eine besondere Neigung, und theils weil ich wußte, daß er, der in politischen Angelegenheiten seine Ansichten mit dem Cynismus des »Moniteur« wechselte, im Leben das beste und unschuldigste Geschöpf auf der Welt war – theils weil mich sein Optimismus amusirte, mit welchem er jede Regierung, für welche er schreiben konnte, als die beste der Welt pries – ging ich mit ihm viel lieber um, als Du Dir bei unseren so verschiedenen Naturen vorstellen kannst.

Ich hatte ihn lange nicht gesehen, und mit dem Vorgenuß der Freude, mit welcher er mich empfangen werde, trat ich in sein kleines Arbeitszimmer. Ich hatte mich getäuscht. Heute sprang der Alte nicht von seinem Tisch auf, er eilte mir nicht entgegen, las nicht die neuen Verordnungen im »Moniteur«, er richtete nicht hundert kleine Fragen an mich, und floß nicht von Worten über, als ob er sich an dem ersten französischen Bürger, der ihm entgegenkommt, für sein langes Schweigen rächen wollte: heute war seine kleine Person kalt und feierlich, und alle seine Würde zusammennehmend, antwortete er auf meine Fragen nur mit lakonischer Kürze. Ich war überrascht, und wenn mir der kleine Mann nicht so lächerlich geschienen hätte, so würde ich ihm vielleicht gezürnt haben. Doch ich kannte ihn, und fragte ihn lieber um den Grund seines Benehmens. – Nie habe ich einen Menschen in größerer Verlegenheit gesehen; er wurde roth und blaß, er bat mich um Vergebung, und leugnete wieder Alles; er sagte, er habe mich nicht verletzen wollen, er habe ganz gewiß nicht im Geringsten unterlassen, mir die schuldige Achtung zu bezeigen; er wisse von gar nichts und ihn gehe das Alles nichts an. Aber der Arme konnte höchstens officiell lügen, und nachdem er endlich keinen andern Ausweg sah, gestand er mit einem schweren Seufzer, daß er sich in mir getäuscht habe.

»Aber in was denn, lieber Herr Roger?« sagte ich, lächelnd über das ängstliche verzweifelte Gesicht, mit welchem er mich ansah, als ob er sich fürchtete, daß ich ihn zu einem Duell herausfordern werde. »Sagen Sie es kühn heraus, warum sollte ein kleines Mißverständniß unsere Freundschaft stören?«

»Ein kleines Mißverständniß?« sprach der Alte, sich ermuthigend, »Graf, das ist mehr. Ich liebe Sie, Sie wissen es wohl, ich habe Sie stets geliebt und geachtet, besonders seitdem Sie sich zu einem Amt vorbereiten, und ich muß gestehen, ich hätte es von jedem Andern eher vorausgesetzt, als von Ihnen.«

»Aber was denn?« fragte ich ungeduldig; »sagen Sie mir doch schon einmal, was ich verbrochen habe.«

»Das Streben nach Ruhm ist eine schöne Sache,« sagte der Alte, verlegen mit seiner Feder spielend, »das heißt, es ist eine gute Sache oder wenigstens etwas Natürliches. Als mein Vorgänger starb und ich an dessen Stelle trat und einen größeren Gehalt bekam, da freute ich mich vielleicht auch, oder besser gesagt, ich war nicht so traurig, als ob ich ein Kind verloren hätte. Aber –«

»Aber, aber –« fiel ich ihm in's Wort.

Er schwieg eine Weile; endlich nahm er sich zusammen und versicherte mir auf's Neue, daß ihn das Alles gar nichts angehe. »Ich menge mich in nichts,« sprach er, seinen Schuh starr ansehend, »was nicht zu meinem Amt gehört; jeder Mensch kann seine eigenen Thaten am besten beurtheilen, und Sie hatten gewiß Ihre Gründe, die ich nicht kenne.«

»Herr,« sprach ich endlich außer mir, »sagen Sie mir, was Sie von mir wissen, und hören Sie auf, sich zu entschuldigen.«

»Nun, wenn Sie es gerade wissen wollen,« seufzte Roger endlich, »so muß ich es Ihnen sagen; ich hätte nicht geglaubt, daß Sie –« er stockte, »daß Sie,« fuhr er erröthend fort, »so egoistisch seien.«

»Ich?« fragte ich, so sehr erstaunt, daß ich über den Ernst gar nicht lachen konnte, mit welchem er diesen Satz vorbrachte.

Der Alte war durch meine Ruhe sichtlich überrascht; meine meisterhafte Verstellung, denn dafür hielt er meine Worte, reizte sein ehrliches Herz, und seine frühere Aengstlichkeit vergessend, fuhr er beinahe mit Leidenschaft fort zu sprechen:

»Die Ansichten sind verschieden,« sagte er, »und wenn Sie, Herr Graf, Das, was Sie gethan haben, nicht für Eigennutz halten, meinethalben; mich geht es nichts an. Aber daß ich es dafür halte, daß eine Erbschaft erschleichen, ein Kind seiner Erbschaft berauben und sich auf hinterlistige Weise bereichern, nicht schön ist, das kann ich nicht leugnen. Uebrigens,« fügte er wieder mit leiserem Tone hinzu, »geht es mich nichts an; Sie mögen Ihre Gründe gehabt haben, und ich bitte unterthänigst um Vergebung.«

Du kannst Dir vorstellen, wie überrascht ich war, und was ich in dem Augenblick empfand, wo ich zum ersten Male inne wurde, daß Jemand von mir mit Verachtung denke. Ich fragte Roger weiter aus, und er sagte mir, er habe gehört, daß ich nur wegen ihres Geldes nach Juliens Hand gestrebt hätte; daß ich, nachdem ich ihre Hand durchaus nicht erhalten konnte, endlich auf den Gedanken gerathen sei, es müsse einen geheimen Grund ihres Widerstandes geben, daß ich in Folge dessen ihr Verhältniß zu Dufey ausgespürt, den Zorn ihres Vaters auf's Höchste gesteigert und ihn veranlaßt hätte, seine Tochter zu enterben und mich zu seinem Erben einzusetzen.

»Und wer hat dies gesagt?« rief ich außer mir vor Zorn.

»Hunderte, Tausende,« sprach der Alte seufzend, »die ganze Stadt sagt es.«

Ich nahm meinen Hut und ging zu meinen Bekannten. Ich fragte jeden im Vertrauen und forderte ihn bei seiner Ehre auf, mir die Wahrheit zu sagen, wie er die Geschichte gehört habe. – Mit geringen Abweichungen hatte Jedermann dasselbe über mich gehört. Verzweifelt kehrte ich zu Roger zurück und fragte ihn, was ich zur Herstellung meiner Ehre zu thun hätte. Der Alte, dem ich mittheilte, wie sich die Sache in Wirklichkeit zugetragen habe, antwortete traurig, er wisse es nicht. – »Gibt es also für einen rechtschaffenen Menschen kein Mittel, sich vor niederträchtigen Verleumdungen zu wahren? Wäre also in dem Lande, wo das geringste Glied des Körpers sicher ist, wo sich der ganze Staat erhebt, wenn ein Bürger um hundert Francs beraubt wird, nur der Ruf, nur die Ehre nicht sicher?«

»Was kann man gegen die öffentliche Meinung ausrichten?« sprach der Alte, und eine Thräne rollte ihm über die Wange.

Niemals, niemals hatte in meinem Herzen größere Pein gewüthet, als in diesen Augenblicken. Der Verlust meiner Julie, Armand's meineidiges Benehmen, so viele kleine und große Leiden, welche ich seit einigen Jahren erlebt hatte, waren schmerzlich, doch sie erniedrigten mich wenigstens nicht; ich konnte unter den Menschen mit erhobenem Haupte einhergehen, und bei meinem Schmerz hatte ich doch das Bewußtsein, daß unter so Vielen kein Einziger sei, der auf mich mit Verachtung blicken könnte. – Und jetzt! – sage Niemand, daß er im Bewußtsein seiner Reinheit sich um das Urtheil der Welt nicht zu kümmern brauche. In keiner menschlichen Brust schlägt ein so stolzes Herz, welches das thun könnte und in einer Lage wie die meinige nicht von Leid erfüllt würde. Schnell verliert das Lob der Menschen seinen Reiz, es kann der Triumphator auf seinem hohen Wagen den jauchzenden Gruß der Menge ohne Freude hören; er weiß, daß nicht das Gepräge dem Golde seinen Werth verleiht, und daß der stolze Titel, der mit seinem Namen verbunden wurde, nur Andern so prächtig klingt; ein starkes Herz wird durch Verfolgungen an seine eigene Kraft gemahnt und es erträgt dieselben ruhig. Wer Jahrhunderten gelebt hat, den kümmert es nicht, daß das Volk ein Fels ist, dessen Echo nur dann erklingt, wenn man davon schon ziemlich entfernt ist; er weiß, daß man wachsen, nicht erhoben werden muß, um wahrhaft groß zu sein; und aller Lärm, der rings um ihn braust, alle Leidenschaft, die rings um ihn wüthet, bewegt sein großes Herz nur, damit es, wie das Meer im Sturm, anschwelle. Das Herz erträgt alles Großartige leicht, sei dies Freude oder Schmerz; wenn Du Dich siegreich über eine Welt erhoben oder durch den ungeheuren Schmerz niedergedrückt siehst, so kannst Du Deine Größe oder wenigstens Deine Kraft fühlen, und je größer Deine Last ist, desto erhebender ist für Dich der Gedanke, daß Du sie ertragen konntest; aber wenn anstatt des Gejauchzes des Volkes rings um Dich nur heimtückische Verleumdung zischt, wenn Du nicht die hochgehenden Wogen der Menge, auf welchen Du Dich erheben, wenn Du nicht Feinde vor Dir siehst, welchen Du entgegentreten könntest; wenn jedes Gesicht Dir freundlich entgegenlächelt, wenn jede Hand sich Dir freundschaftlich entgegenstreckt, und wohin Du Dich auch immer wendest, Du nur schmeichelnder Ergebenheit und Ehrerbietung begegnest – Du aber nichtsdestoweniger weißt, daß Deinen reinen Namen Verleumdung mit ihrem Schmutz befleckte, daß all' diese lächelnden Lippen, sobald Du Dich abwendest, Dir die Ehre abschneiden, daß unter dieser ganzen niedrigen Menge kein Einziger ist, der sich nicht für besser, als Du bist, oder wenigstens Dir ebenbürtig hielte, und dennoch auch Keiner, den Du zur Rechenschaft ziehen, Keiner, dem Du seine Niederträchtigkeit vorwerfen, den Du in Deinem Zorn tödten könntest – daß rings um Dich ein endloser dumpfer Lärm ist, der Dich als schuldig ausruft, und dennoch kein Wort sich deutlich vernehmen läßt, auf welches Du sagen könntest: Du lügst! – o, wenn Du das erfahren hast und ruhig bleiben kannst, so werde ich Dich bewundern.

Wer ist sicher, daß er dies nicht erfahren werde? War ich nicht frei von der Schuld, die mir zur Last gelegt wurde? Nie habe ich mich durch das schimpfliche Laster des Geizes erniedrigt; nie – wie sehr ich in meinem Leben geirrt haben mag – hat Eigennutz mein Herz höher schlagen gemacht; nie hat mein stolzes Haupt sich nach den Gütern dieser Erde gebeugt – und wie wenig war dazu nöthig, meinen guten Ruf zu vernichten! – Eine Frau, einige im Rachegefühl gesprochene Worte, und unter den Tausenden, welche dieselben hörten und weitertrugen unter allen meinen Bekannten war vielleicht kein einziger, der auch nur einen Augenblick gezweifelt hätte! Und ist dies nicht das Schicksal eines Jeden von uns? Wo ist unter allen Denjenigen, welche die Zukunft anstaunt, Einer, der in seinem Leben nicht einmal verleumdet wurde? Sage mir einen Namen aus der Geschichte der Menschheit, welchen das Volk kennen lernte und nicht beschimpfte; zeige mir einen so hochstehenden Mann, bei dessen Geschichte es Dir nicht einfällt, daß, wenn zuweilen einem großen Manne nach seinem Tode ein Denkstein gesetzt wurde, es ihm in seinem Leben gewiß nicht an solchen Steinen fehlte, die nach ihm geworfen wurden. Was nützt es ihnen, daß ihre Thätigkeit nur dem Wohl ihrer Mitmenschen gewidmet war, daß sie in ihrer heiligen Begeisterung für große Ideen erglühten und auf die Freuden des Lebens verzichteten, daß sie, ihrem Zeitalter als Fackel vorleuchtend, demselben den Weg zum Fortschritt zeigten – wenn sie längst zu Staub vermodert sind, bevor noch die spätere Generation auf den Punkt gelangt ist, auf welchem sie einst standen? Jedes Verbrechen wird Dir auf dieser Welt verziehen, nur das nicht, daß Du die Menge überragtest, und Verfolgung ist das erste Zeichen, daß Du erkannt wurdest. Stehe hoch, und sie werden, indem sie aus der Ferne zu Dir hinauf schauen, Dich klein nennen; laß' Dich zu ihnen herab, und sie werden Dich in den Koth ziehen; hast Du große Gedanken, so werden sie Dich einen Thoren, hast Du ein Herz, so werden sie Dich einen Schwachkopf nennen; zerbrich ihre Fesseln, und sie werden sich beklagen, daß Du ihre Arme verletzest; führe sie zum Siege und sie werden Dir wegen ihrer Wunden Haß nachtragen; führe sie einer schöneren Zukunft entgegen, und sie werden während ihrer Wanderung von Dir die Fleischtöpfe Egyptens fordern; zeige ihnen ihren Gott, und sie werden sich von Dir abwenden, um ein goldenes Kalb anzubeten. Weh' Dir, wenn Du die Menge überragst; es erwarten Dich dann nur Spott und Verfolgung, und Deine Kraft wird ermatten bei dem Gedanken, daß so viel Mühe vergebens war; denn nur wer mit der Menge verwandt, nur wem ein Berührungspunkt mit der Menge geblieben ist, nur der kann wirken – nicht aber Du, den keine Fessel in deinem Fluge hindert – der Du aber gerade deshalb nichts hast, womit Du das gemeine Volk zu Dir emporheben könntest. Wehe Dir, wenn Deine Seele von einer starken Ueberzeugung erfüllt ist, wenn Du der lärmenden Menge nicht huldigen willst, vor ihren Vorurtheilen Dich nicht beugen, ihren Leidenschaften nicht schmeicheln kannst; die Menge duldet keinen Widerstand, und wie der Wind den Bergen, so weicht sie Dir aus, wenn Du Dich ihr entgegenstemmst; doppelt wehe, wenn Du dachtest, Du werdest die Laufbahn rein zurücklegen, auf welcher auch der Sieger, mit Staub und Schweiß bedeckt, zum Ziele gelangt, und wo das Volk keine reine Stirn mit seinem Lorbeer bekränzt. Du bist ein Werkzeug, welches das Volk verwirft, sobald es dasselbe benützt hat, ein Knecht, welchen es mit Füßen tritt, sobald Du aufgehört hast, ihm zu schmeicheln; und das soll ich werden? Dafür soll ich mich Jahre lang abmühen, dafür soll ich leiden, Alles opfern, nur um einen Augenblick durch die öffentliche Meinung emporgehoben zu werden, und schließlich Schimpf zu ernten, nur damit, wenn ich dem Ziele schon nahe bin, ein Zufall mir meinen Lohn raube?

Nein, nein, dachte ich mir. Ich habe den Werth der öffentlichen Meinung kennen gelernt, und diese Erfahrung soll meinem Herzen nicht vergebens wehe gethan haben. Mögen Andere nach dem Lorbeer ringen, sich des Applauses freuen, den sie ernten, sich mächtig dünken und vergessen, daß eine einzige Verleumdung ihre Macht vernichten kann, und daß sie, zum Capitol vorwärts schreitend, zu einem tarpejischen Felsen gelangen werden – ich will mit der Menge nichts mehr zu thun haben. Ich bin nicht stark genug, um die öffentliche Meinung verachten, nicht niederträchtig genug, um sie durch Schmeichelei für mich gewinnen zu können; ich bin nicht zum Politiker geboren. Mögen Andere die Götzen der Menge sein, mögen sie sich freuen, wenn die schwankende Fluth, welche das Allerleichteste zur höchsten Höhe emporzuheben pflegt, auch sie ergriffen hat; mögen sie sich in die Reihe Derjenigen stellen, welche die Menge gerade deshalb ehrt, weil sie deren Schmeichler sind; mögen sie ihre Ueberzeugung um einige rauschende Lebehochs feilbieten – ich habe kein Verlangen nach diesem Glanz, den zu gewinnen Betrügerei oft genügt, den zu erhalten dieselbe stets nothwendig ist. Die Menge erhebt und schleppt Den herum, der sich ihr willenlos überläßt; ich will lieber unten stehen, jedoch auf eigenen Füßen.

Ich faßte einen Entschluß. Den andern Tag ging ich in's Ministerium, und nachdem Roger mit all' seinen Thränen, mit der ganzen Macht seiner Beredtsamkeit nicht im Stande war, mich eines Besseren zu überzeugen, resignirte ich auf die Stelle, zu der ich, wie ich hörte, bereits ernannt war.

 

VI.

Ich war erbittert. Nicht aus Eitelkeit hatte ich den Kreis des öffentlichen Lebens betreten wollen. Leidend wie Wenige, mit einem schwer verwundeten Herzen, ohne eine Hoffnung für die Zukunft und ohne freundliche Erinnerung aus meiner Vergangenheit, stand ich wie ein Bettler mit gesunden Gliedern in der Welt und flehte um Arbeit, nur um mich ermüden zu können, nur damit meinem Herzen etwas geboten werde, womit es seine Sehnsucht stillen könne; vor mir stand das öffentliche Leben, die einzige Stelle, wo ich noch nicht Schiffbruch gelitten hatte, dahin wandte ich mich mit aller Kraft meiner Seele, mit Allem, was in mir noch fähig war, zu hoffen, zu jedem Opfer bereit, entschlossen, Alles zu wagen – und wurde mir nicht auch diese Laufbahn verschlossen, bevor ich sie noch betreten konnte? Und wenn ich seit einiger Zeit wieder angefangen hatte, mich des Lebens zu freuen, wenn ich im Gefühl meiner Kraft von einer großen Zukunft geträumt hatte, und wenn – so wie jeder Mensch in seinen Vorsätzen stolzer ist, als wenn er sein Ziel erreicht hat – auch ich wieder mit stolz erhobenem Haupt einhergegangen war: mußte ich nicht doppelt traurig sein, als meine letzte Aussicht schwand, der ich so viel verloren hatte und nichts besaß, was meinen Kummer hätte mildern können?

Was konnte ich thun? – Mein Vater war böse über mich, wie nie in seinem Leben. Mein Vorsatz hatte sein Herz mit so viel Freude erfüllt, seine Einbildungskraft hatte ihm eine so glänzende Zukunft seines Sohnes prophezeit, daß er, als er sich dieser Aussichten beraubt sah, unversöhnlich wurde. Nichts thut dem Herzen mehr wehe, als wenn es seiner Hoffnungen beraubt wird; über wirkliche Verluste tröstet man sich schneller, denn man kann seinen Schaden berechnen, und neue Hoffnungen bedecken, wie der neue Nachwuchs die Stelle des gefällten Baumes, binnen Kurzem die traurigen Erinnerungen, die im Herzen zurückgeblieben sind; doch wenn wir einer Hoffnung beraubt werden, so ist der Verlust unberechenbar. Die Freude, die wir erwarteten, stand noch rein vor unserer Einbildungskraft, in dieser war alles schön, Alles strahlend; das Ziel unseres Strebens ragte gleich nebelumhüllten Gegenständen vergrößert aus dem geheimnißvollen Schleier der Zukunft, und weil wir in unseren Hoffnungen um so viel mehr als in der Wirklichkeit besaßen, so haben wir, wenn sie fehlschlagen, einen größeren Verlust zu beweinen, als wenn uns in Wirklichkeit etwas genommen wird. Mein Vater hatte in seinem ganzen Leben nur mit Hoffnungen, nie mit Liebe auf mich geblickt, und jetzt, da dieses letzte Band gerissen war, fühlte ich wohl, daß unsere Wege von nun an sich auf ewig trennten. Doch, was konnte ich thun! Es gibt moralische Unmöglichkeiten, über welche nur wir selbst urtheilen können, und die eben so unabänderlich sind wie die physischen, und eine solche war für mich die, mit meinen Erfahrungen in's öffentliche Leben einzutreten. Mein Vater bat mich, gab mir Rathschläge, versuchte es, mich zu trösten; Roger kniete fast vor mir – Alles vergebens; ich wußte, man werde mich herzlos nennen, der ich meinen Vater aus Hartnäckigkeit seiner letzten Hoffnungen beraubte; denken doch Wenige daran, daß ein Mensch für seine Liebe sterben, aber nicht sein Herz neu schaffen kann, und daß Derjenige, den man für den hartnäckigsten Menschen hält, dies oft nur deshalb zu sein scheint, weil er zu schwach ist, um seinen Empfindungen zu gebieten und consequent heucheln zu können – ich mußte mich in Geduld fassen. Ich konnte Paris nicht verlassen; der Gedanke, daß Jemand in meiner Entfernung Furcht sähe, oder sagen könnte, daß ich es nicht wage, der öffentlichen Meinung die Stirn zu bieten, machte es mir unmöglich – wenn ich mir auch nicht mit der Hoffnung geschmeichelt hätte, einem meiner Verleumder auf die Spur kommen und meine Ehre in seinem Blut rein waschen, oder wenigstens die Qual lindern zu können, mit welcher mein verwundetes Herz nach Rache dürstete. In der ganzen Stadt war niemand, in dessen Gesellschaft ich hätte Trost finden können. Du warst auf der Reise, der alte Roger, der schon au und für sich ein langweiliger Mensch ist, wurde mir durch sein fortwährendes Bitten und Trösten unerträglich, die Gesellschaft, in der ich bis dahin gelebt hatte, widerte mich an. Ich wurde in mich gekehrt. Von Jedermann zurückgezogen und nur in einigen Lieblingsschriftstellern verwandte Gefühle suchend, lebte ich mitten in Paris in solcher Verlassenheit, wie jetzt in meinem Kloster; nur wenn zuweilen unter meinem Fenster eine bekannte Equipage vorüberfuhr, oder unter den vorübergehenden Tagedieben aus der Menge ein bekanntes Gesicht auftauchte, erinnerte ich mich, daß ich im Babel unseres Jahrhunderts lebe.

So saß ich eines Tages an meinem Fenster. Der Himmel war umwölkt, ein lauer Regen hielt die Menge, die sonst in den Straßen von Paris umherschlenderte, ab, auszugehen, und nur hie und da unterbrach ein oder der andere Vorübergehende oder das Gerassel eines Wagens die Stille, welche auf dem Vendômeplatz herrschte. Ueber demselben ragte die Bildsäule des großen Kaisers, wie ein Gespenst aus dem Nebel empor, als ob er auf seine sonst so strahlende und jetzt so düstere Umgebung traurig herabblickte.

Ich war traurig, noch trauriger als gewöhnlich. Einzelne Artikel in den Zeitungen, in welchen von meinem Rücktritt die Rede war, und natürlich alle möglichen Beweggründe erwähnt waren, nur der wahre nicht, ein Brief meines Vaters, in welchem er sich über den Verlust der letzten Hoffnungen seines Lebens bitter beklagte, hatten die Wunden meines Herzens wieder aufgerissen, und der düstere Himmel, zu welchem ich aufblickte, und dessen Wolkenhülle schon seit mehreren Tagen keinen Sonnenstrahl durchdringen ließ, vergrößerte nur den Kummer, der mein Herz erfüllte. Es gibt Tage, wo der Leidende seinen Schmerz doppelt fühlt. So wie das ruhige Meer plötzlich aufbraust ohne sichtbaren Grund, von einer geheimen Kraft bewegt; so wie in stillen Nächten das Laub der Bäume sich säuselnd bewegt, als ob ein Traum über die Zweige glitte, und wir erwachend lauschen, und dann wieder Alles stille ist, so daß wir nicht wissen, was die Stille unterbrochen habe: so gibt es Augenblicke, in welchen auch das Herz sich zu regen anfängt, in welchen unsere einst stürmisch bewegten Gefühle mitten in unserer Ruhe sich wieder vernehmen lassen, und ohne zu wissen, was uns beklommen macht, und ohne daß wir davon den Grund angeben können, die vernarbten Wunden des Herzens wieder zu bluten beginnen und Thränen unsere Augen erfüllen, ohne daß wir sagen können, welcher von unseren Schmerzen uns diese Thränen erpreßt habe. Eben solcher Art waren diese Augenblicke; Julie, Armand, alle meine einstigen Hoffnungen und meine öde Zukunft, die ich ahnte, zogen vor meiner Seele vorüber und erfüllten meine Brust mit unbeschreiblichem Leid. – Da öffnete sich die Thür und Arthur stand vor mir.

Hast Du Dich schon einmal verlassen gefühlt? O, wenn dies der Fall ist und in diesen Augenblicken plötzlich ein Bekannter Dir entgegentrat, aus dessen Augen tausend Erinnerungen auf Dich strahlen, der mit seinen lächelnden Lippen Dich an Deine vergangenen Freuden, mit seinem warmen Händedruck Dich an jene Zeiten gemahnt, wo Du noch Freunde hattest; wenn Du, von der ganzen Welt verleumdet, verfolgt, plötzlich wieder einem lieben Bekannten begegnest, der wenn auch nicht Dein Freund, doch wenigstens nicht einer Deiner Feinde ist; wenn Du dieses erfahren hast, wenn Du die Empfindungen kennst, welche die Menschenbrust in solchen Augenblicken erfüllen: so stelle Dir meine Freude vor.

Wer nicht gelitten hat, der weiß nicht, wie wenig dazu gehört, damit man sich glücklich fühle. So wie das geringste Gewicht die eine Wagschale sinken macht, wenn die andere leer steht, so erhält der geringste Gegenstand für Den, der gar nichts besitzt, großes Gewicht und wird sein Alles. Arthur, der mir einst kaum mehr als ein Bekannter war, wurde mir im Augenblick der Verlassenheit zum Freunde, in welchem ich Alles umfing, was ich in diesem Leben noch mein nennen konnte, in dessen Armen ich fühlte, daß mein Herz noch pochen könne.

Nichts regt so sehr zur Liebe an, als wieder Liebe. Die menschliche Brust wiederholt gewöhnlich gleich einem Echo dieselben Töne, mit welchen wir uns zu ihr wenden, und so fiel Arthur, von meinem leidenschaftlichen Empfang hingerissen, mir vielleicht nie mit wärmerer Freundschaft in die Arme, als gerade in diesem Augenblick, wo wir nach zwei Jahren wieder zusammentrafen und in einander mehr fanden, als wir einst verließen – schon aus dem Grunde, weil Jeder von uns Beiden ärmer geworden war.

Arthur war sehr verändert. Im ersten Augenblick fiel es mir nicht auf, aber nachdem wir eine Weile ruhig gesprochen und seine regelmäßigen Züge nach der kurzen, vom ersten Wiedersehen verursachten Aufregung wieder den gewohnten Ausdruck angenommen hatten, bemerkte und ahnte ich, daß nicht Glück es war, welches demselben sein Gepräge aufgedrückt. Es gibt Gesichter, die man sich kaum heiter denken kann. – Wie der Bergbach, der über Felsen dahinbrausend und in den Strahlen der Sonne glänzend, einem Diamantregen gleich in die Tiefe stürzt, so schön und prachtvoll, daß das Auge den Glanz nicht ertragen kann, der aber nie den reinen Himmel und die blühenden Ufer wiederspiegeln, nie durch seine schwanken Wogen die bunten Kiesel seines Bettes sehen lassen kann: so sind die Züge, in welchen wir Seligkeit, leidenschaftliche Freude, aber nie das ruhige Lächeln der Zufriedenheit finden können. Und dieser Art waren die Züge Arthur's. Aber jetzt zeigte sein Gesicht nicht den Ausdruck jener poetischen Melancholie, die mich einst zu diesem Jüngling so mächtig hingezogen hatte. Seine Wangen waren blaß wie sonst, aber die krankhafte Röthe, die über dieselben zuweilen hinflog, das düstere Feuer in seinen unruhigen Blicken, und zuweilen das Zittern seiner Lippen und das dieselben umspielende bittere Lächeln, das eine Folge langwieriger Leiden ist, bewiesen, daß er keine eingebildeten, sondern wirkliche Qualen erlitten haben müsse; und wenn auch sein Gespräch heiter und witzig war, der Ton strafte die Heiterkeit der Worte Lügen. Ich wollte ihn nicht ausfragen und darum sprachen wir größtentheils von gleichgiltigen Dingen; endlich kamen wir auf die Kunst, und ich fragte ihn, womit er sich beschäftige. Er erröthete. Ein schmerzhaftes Lächeln umspielte seine Lippen, und mit erstickter Stimme antwortete er mir: »Die Kunst – habe ich aufgegeben.«

Ich blickte ihn verwundert an.

»Nicht wahr, Du staunst?« sprach er weiter; »weshalb? Das war ja auch eine Hoffnung, der höchste Wunsch meines Lebens, mein höchstes Glück; warum sollte ich nicht auch dieses verlieren? Die Karte, auf welche wir unser Leben setzen, kann stets verlieren, und sei es ein Weib, ein Freund, der Ruhm, oder die Kunst; wenn wir am Ende Bettler sind, so ist es gleichviel, ob wir an Dem oder Jenem unser Alles verloren haben.«

»Also auch Du,« sprach ich ergriffen, »auch Du, der Du aus der Menge heraustratest, der Du aus der Wüste des Lebens, in welcher wir müde wandeln, Dich wie der Wanderer in die blühende Oase, in das Gebiet Deiner Kunst zurückzogst, Du, der Künstler, auch Du hast gelitten?«

»O, wenn ich sie erreicht hätte,« antwortete Armand traurig, »wenn diese blühende Oase, von der ich träumte, mich in ihren Kreis ausgenommen hätte, wenn die reinen Quellen der Kunst den Durst meiner Lippen gestillt hätten! Aber so – das Ziel vor sich zu sehen, die grünen Fluren zu sehen, welche das Ziel unserer Wallfahrt bilden, den Blüthenduft zu riechen, welchen die schwanken Zweige ausströmen, und in glühendem Sande ohnmächtig zu liegen, nur einige Schritte vom Ziel entfernt, und dennoch ewig fern, weil wir zu schwach sind, um einen Schritt weiter gehen zu können, und an der Schwelle des erhofften Edens elend zu verkommen – o, wer dies nicht kennt, der beklage sich nicht wider sein Schicksal!«

Wir schwiegen. Arthur ging in meinem Zimmer mit glühenden Wangen auf und ab, und ich, der ich jeder seiner Bewegungen folgte, fühlte, daß ich hier mein Ebenbild vor Augen habe.

»O, mein Vater,« sprach er, sich auf einen Sitz werfend, »hat seinen Sohn richtig beurtheilt; er kannte diesen unfähigen Geist besser, der sich nur im Traum erheben konnte, und als er mich in sein Comptoir setzte, wies er mir den einzigen Beruf an, zu welchem ich geboren wurde. Dort hätte ich bleiben sollen; täglich meine Handelsbücher durchsehen, Soll und Haben vergleichen, mit pochendem Herzen meine Bilanz anfertigen, Wechsel ausstellen, Geld zählen, die tiefsten Geheimnisse der Krämerei ergründen und unter den Börsehelden groß und glorreich dastehen – das war mein Beruf. Ein Wurm bin ich, ich hätte im Staube bleiben sollen; im Comptoir meines Vaters hätte ich meine Freuden, meinen Ruhm suchen sollen, denn unter Seinesgleichen findet ja auch der Mann des Geldes Bewunderer. Ich strebte höher und ging zu Grunde. Es können nicht alle Menschen stiegen. Ach, und wenn Du wüßtest, wie viel ich gelitten habe! Als ich nach Rom kam und alle die glorreichen Gegenstände sah, die in dieser Zeit durch zwei Jahrtausende angesammelt wurden – den Gedanken des kühnen Griechen, der noch nach Jahrtausenden mittelst der Statue eine ewig neue und mächtige Wirkung hervorbringt, den Glauben der vergangenen Jahrhunderte in Raphael's Madonnen in unsterblichen Farben strahlend, das Colosseum und die große St. Peterskirche, und so viel Großes und Erhabenes in dem heiligen Kreise dieser einzigen Stadt – da ward meine Seele von unendlichem Glücke erfüllt! Wie, wenn die Sonne ihr Licht herabströmt, kein Gegenstand so dunkel ist daß er nicht strahlenhell würde: so durchdrang zwischen diesen Mauern der Geist der Kunst meine Seele, und was nur von fremdem Glanze auf mich strahlte, schien mir der Ausfluß meiner eigenen Seele zu sein. Ich griff nach meinem Pinsel; hundert Bilder, die mir erhaben dünkten, erfüllten meine Einbildungskraft; ich malte und sah nur den Schatten meines Gedankens vor mir, eine elende Carricatur des prächtigen Vorwurfs. Aber noch hoffte ich; meine Meister sagten, es fehlte mir nur an Formgewandtheit, an Technik, und das werde schon kommen. Ich machte mich an's Werk und arbeitete wie vielleicht noch nie ein Mensch gearbeitet hat; ich zeichnete von Früh bis Abends, nach Gypsmodellen und nach der Natur; in der Anatomie war Keiner, der die Lage und Verbindung der Glieder und Muskeln, der jede Ader besser gekannt hätte, als ich; in meinen Perspectiven war kein Fehler, meine Farben waren naturwahr, kurz, ich besaß alle Kenntnisse, deren ein Maler bedarf; allein eben unter diesen Bestrebungen verflüchtigte sich der künstlerische Geist, die lange, mühselige Arbeit tödtete die heilige Begeisterung; ich hatte die Natur nachahmen gelernt, aber ich konnte eben nichts Anderes; ich hatte die technischen Schwierigkeiten überwunden, und ich ward ein geschickter Handwerker.«

Er schwieg einen Augenblick, gleichsam als wollte er seine Gedanken sammeln, endlich fuhr er leidenschaftlich fort: »Ein geschickter Handwerker, nichts weiter. Meine Collegen beneideten mich um die raschen Fortschritte, die ich in Dem, was sie Kunst nennen, machte; einige Engländer, die in unser Atelier kamen, bewunderten sogar die Naturwahrheit meiner Werke; doch ich fühlte, daß der Künstler in mir ertödtet sei, und alles Lob, mit welchem meine Bemühungen belohnt wurden, vermehrte nur die Pein, welche meine Seele bei diesem Gedanken erfüllte. Denn mir galt die Nachäffung der Natur nicht als Kunst; mein Verlangen ist nicht, daß – wie es in der alten Sage heißt – die Vögel auf meine gemalten Trauben fliegen sollen; der treue Nachahmer der Natur ist noch kein Künstler; nur wer ein Bild mit seinem Geiste beseelen kann, nur wer über sein Werk die Strahlen seines inneren Lichtes ergießen kann, so daß seine schöpferische Kraft außer allem Zweifel steht, nur Derjenige, dessen Farben zu Worten werden, mit welchen er seine Gedanken ausspricht, nur wer die Gegenstände nicht wie ein kalter Spiegel, sondern wie ein klarer Fluß wiedergibt, so daß man in seinem Bilde Natur, die gewohnten Formen und Farben sieht, und doch auch wieder etwas, was man in der Natur nicht immer sieht, das schwankende Fließen der Wellen, das pochende Herz unter der Oberfläche des Bildes – nur der ist ein Künstler! Und ich, dessen Phantasie in den frostigen Umgebung der Akademie erfror, der ich so viel und so treu nachahmte, daß ich endlich nichts Anderes konnte, ich fühlte, daß dieses Ziel mir ewig unerreichbar sei. – Ich wäre verzweifelt, aber eines hielt mich aufrecht, die Liebe. Frage mich nicht weiter darnach. Wir begegneten uns und ich liebte, und wie das Glück, welches mein Herz erfüllte, zu groß war, so sind die einzelnen Vorfälle, durch welche ich glücklich wurde, zu geringfügig, als daß ich davon viel erzählen könnte. Wie es in den frosterstarrten Gegenden des Nordens plötzlich Sommer wird, binnen wenig Tagen die letzten Spuren des Winters verloren gehen und – wo eben jetzt noch Schnee die Thäler erfüllte – unter den Strahlen der Sonne auf einmal reiches Laub und tausendfarbige Blüthen entstehen, so plötzlich veränderte sich meine Seele. Anfangs ein unendliches Chaos, in dessen Dunkel tausend quälende Empfindungen und traurige Gedanken untereinander gemengt waren; bald aber strahlendes Licht, nachdem der Name Laura als schöpferisches Wort ausgesprochen war. Ich war selig, selig, wie man es nur durch die Liebe werden, wie man es nur einmal im Leben sein kann und durch die mächtige Stimme der Leidenschaft wurde in meiner aus ihrer Lethargie gerissenen Brust die Kraft wieder wach, mit welcher ich mich zur Kunst gewendet hatte.«

»Gib dem Herzen Liebe, und was in der Tiefe desselben geschlummert hat, der Keim des Schönen und Großen, es wird unter ihrer warmen Berührung sich entwickeln; sei es ein Gedanke, ein Lied, ein Bild oder eine That, wozu der Himmel Dir den Keim in die Brust gelegt hat – die Liebe zaubert den Schatz aus der Tiefe hervor. Jetzt war ich wieder ein Künstler, ein Künstler wie sonst niemals. Ich glühte und fühlte, daß ich groß werden könne. Dieses göttliche Gesicht dachte ich mir, das in mein Leben Glück strahlte, der Blick dieser dunklen Augen, diese Locken, mit welchen ich, so oft meiner selbst vergessend, spielte, diese Lippen, die ich mit glühenden Küssen bedeckte, diese Brust, die für mich wogte, dieser süße Leib, den meine Arme umfaßten, sie sollen nicht altern, nie sterben, – diese göttliche Gestalt soll in meinen Werken fortleben. Ich werde sie auf Altäre stellen und das Volk wird vor dem himmlischen Bilde sich auf die Kniee werfen; sie wird als Liebesgöttin auf meinem Bilde lächeln, sie wird dem Tapferen den Lorbeer darreichen, sie wird als Engel zum Himmel emporschweben, sie und immer nur sie, verändert und dennoch dieselbe, wie die Sonne, welche über diese Erde ihre Strahlen ausgießt, der Blume Farben, dem Thale Licht gibt, die mit ihrem warmen Glanze Alles durchdringt und selbst in der Thräne glänzt.«

»Diese Träume waren erhaben,« sprach er nach kurzer Pause, »doch kurz. Laura war schön, jedoch gemein, und der ich geglaubt hatte, an der Brust eines Engels zu ruhen, sah ernüchtert ein Freudenmädchen vor mir, das mich verließ, sobald ich ihr nicht zahlen konnte. O, ich könnte wüthen, wenn ich an jene Zeit zurückdenke und es mir einfällt, daß ich ein Himmelreich in meinem Herzen fühlte, während sie nur Geld suchte; daß ich vor diesem Weibe wie ein Kind weinte, in meinem Entzücken betete und kniete vor ihr, während sie vielleicht an ihren Schneider dachte; daß ich für sie mein Leben, mein ewiges Heil hingegeben hätte, während sie meine glühenden Worte mit aus Romanen zusammengelesenen Phrasen beantwortete. Doch es ist einmal so, denn es ist ja der Fluch unseres Lebens, daß die schönsten Momente desselben zugleich unsere größten Thorheiten sind, und daß unsere Gesichter, die einst vor Entzücken glühten, später in Schamröthe glühen; und wenn in meinem Herzen, indem ich auf die Vergangenheit zurückblicke, zu dem Schmerz über den Verlust so vieler Glückseligkeit sich der Wunsch gesellt, daß ich dieselbe doch nie genossen hätte, so bin ich wenigstens nicht der Einzige, der damals am thörichtesten war, als er sich am glücklichsten dünkte.«

»Ich werde Dich nicht mit den Details langweilen. Ich war zwanzig Jahre alt, und Laura war das gewandteste Weib, das je auf Männerliebe speculirt hat. Die Weiber sind die geborenen Feinde aller Theorie; in der Liebe wie in allem Uebrigen führt ihre besondere Neigung sie immer zur praktischen Seite, und so ist nichts natürlicher, als daß Laura, während ich in ihren Armen im siebenten Himmel war und mich für den glücklichsten Menschen hielt, wenn ich vor ihr auf dem harten Boden kniete, wie der erste Mathematiker der Welt rechnete, das wenige Geld, das ich damals besaß, mir erpreßte, und daß sie – nachdem mein Vormund mir nichts mehr schicken wollte und meine Gläubiger mir mit dem Schuldenarrest drohten – mich lachend aus ihrem Hause wies, wie Eine, die durch ein platonisches Gefühl an mich gefesselt war und mich nicht physisch, sondern wegen der schönen Eigenschaften geliebt hatte, die ich in meinem geldlosen Zustande nicht mehr besaß. Das ist ganz natürlich und passirt oft; dennoch kannst Du Dir nicht vorstellen, wie sehr ich von Schmerz erfüllt war. – Wenn ich nur Laura verloren hätte, so könnte ich es ertragen. Der Schmerz um eine verlorene Geliebte, der uns unaufhörlich an sie erinnert, ist nicht ohne Wonne; wem nur der Genuß genommen und wer fühlt, daß ihm die Welt nichts Anderes rauben konnte, daß das Herz, welches von seiner Seite gerissen wurde, geblutet hat, der beklage sich nicht. Unter den Trümmern seines Glückes liegt viel, was noch ganz geblieben ist, und Der ist ein Bettler, dem ein großer Schmerz geblieben ist; aber Alles auf einmal zu verlieren, von meinem Glück kein Andenken behalten zu haben, nicht zurückblicken zu können, ohne zu erröthen – kannst Du Dir einen Schmerz vorstellen, der meinem gleicht?«

Er schwieg abermals, endlich fuhr er, wie sich ermannend, fort: »Ich bin am Ende meiner Erzählung Anfangs wollte ich arbeiten, um unter der Arbeit mein Leid zu vergessen. Ich hatte nicht die Kraft dazu. Der Gedanke, der mich einst beseelte, war verloren gegangen, und ich fand nur Ekel und Erbitterung in dem Kreise, wo in den angefangenen Bildern Laura vor mir stand und Alles mich an sie erinnerte. Außerdem zogen die fortwährenden Mahnungen meiner Gläubiger und die zahllosen kleinen und großen Geldverlegenheiten, mit denen ich zu kämpfen hatte, meine Gedanken in den Staub herab, und als mein Vormund, dem ich meine Lage schilderte, selbst nach Rom kam und meine Schulden zahlte, zerbrach ich meinen Pinsel und nahm mit der Stadt auch von meiner Kunst für ewig Abschied.«

Er schwieg, öffnete mit zitternder Hand das Fenster und einige Thränen rannen über sein Gesicht. Ich war tief ergriffen; in seinem Leben war so viel, was mich an mein eigenes Geschick erinnerte, seine Vergangenheit hatte mit der meinigen so viel Aehnlichkeit! – Und als ich seinen Händedruck fühlte, sagte mir eine innere Stimme, daß wir von nun an Freunde sein werden.

»Du thust nicht recht daran,« sprach ich endlich nach einer langen Pause, »daß Du der Kunst entsagest; der Weg dahin mag wohl schwer sein, der Punkt, bis zu welchem man gelangt, mag wohl viel tiefer liegen als das Ziel, welches man sich in der Jugend vorgesetzt hat; aber endlich erhebt schon das Streben allein die Seele, und daß man wenigstens nicht zur Menge gehört, das allein ist schon ein Gewinn.«

Arthur schüttelte traurig den Kopf. »Mein Freund,« sagte er, »meine Künstlerlaufbahn ist zu Ende. Wenn ich die Kunst nur zur Unterhaltung, nur als Dilettant ausgeübt hätte, so könnte mir die Lust dazu vielleicht wieder kommen; aber ich habe meine ganze Seele darauf gesetzt, ich habe in der Kunst gelebt; und wenn man sich von Dem, was man mit Leidenschaft liebte, einmal getrennt hat, so gibt es keine Wiederkehr. Und es soll auch keine geben!« sprach er mit dem Tone der größten Erbitterung. – »Ich will genießen, was brauche ich die Kunst? Mögen Andere nach dem unfruchtbaren Lorbeer ringen, sich Unsterblichkeit ermalen, von Früh bis Abend über ihren Werken schwitzen – als ob die Leinwand nicht schöner gewesen wäre, bevor ein schnödes Menschengesicht darauf hingemalt wurde; mögen ihre Werke in goldenen Rahmen, in marmornen Galerien hängen, ich beneide sie nicht. Ich halte mich an die begeisternde Macht des Weines, an die qualvolle Freude des Spieles, an die glühenden Umarmungen der Weiber; wer den Augenblick ganz genießt, der sieht auf die Bemühungen dieser stolzen Bettler mit mitleidigem Lächeln. Der morgige Tag ist nicht mehr als ein heutiger, den wir noch nicht besitzen; ein Thor, wer die Freude des gegenwärtigen Augenblickes dem künftigen aufopfert, wer für das Lob der künftigen Generationen den Freudenbecher von sich stößt, der vor ihm steht.«

»Du stellst Dich schlechter, als Du wirklich bist!« fiel ich ihm in's Wort.

»Und Du schätzest Deinen Freund über Verdienst,« erwiderte er lachend; »ich bin ein liederlicher Mensch, ein liederlicher Mensch im strengsten Sinne des Wortes, und glaube mir, ich bereue es nicht, daß ich es geworden bin. Die Strahlen der Sonne erbleichen über meinen Bechern, die aufgehende Sonne findet mich beim Roulette; Frauen, Pferde, Gesellschaft, Musik, Alles, was nur Freude bietet, ist mein. Wenn in meiner Seele ein trauriger Gedanke auftaucht, so verscheucht meine bezahlte Geliebte meine Düsterkeit mit ihren Küssen; wenn ich an die Vergangenheit zu denken geneigt bin, so bewahrt mich davor der gegenwärtige Gewinn; verliere ich, so verdrängt der Verlust meine Erinnerungen und ich werde wieder heiter. Ich unterhalte mich, ich lache von Früh bis Abend, und wenn ich endlich ermattet auf's Bett sinke, so schlafe ich gedankenlos ein und erwache am andern Morgen zu neuen Freuden. Glaube mir, Freund, wenn ich Dich und Dein trauriges Aussehen anschaue, so glaube ich, daß meine Lebensweise mehr Trost bietet als Deine traurigen Bücher.«

»Und hat er nicht Reckt?« dachte ich bei mir, während er fortfuhr zu sprechen, und die traurigen Gefühle vergessend, welche die Erzählung seiner Geschichte in ihm erweckt hatte, seine Abenteuer heiter erzählte. »Was kann ich vom Leben erwarten, was kann ich Anderes wünschen, als zu vergessen, die Vergangenheit aus meiner Erinnerung zu verwischen, die quälende Stimme meines Herzens auf jede mögliche Weise zu ersticken? Hat er nicht auch gelitten wie ich? Und lacht er nicht, freut er sich nicht jetzt, während ich, in meinen traurigen Erinnerungen vertieft, täglich die Wunden meines Herzens aufreiße und weiter blute?«

»Kleide Dich an und komme mit mir,« sagte er endlich auf die Uhr sehend, »heute speisen meine Freunde bei mir, und glaube mir, eine Flasche Champagner vertreibt die Sorgen besser als alle Classiker der Welt.«

Ich schwankte noch.

»Ich bitte Dich, kleide Dich an,« sprach er ungeduldig; »wir können keinen Augenblick verlieren, und Du wirst Dich gut unterhalten; lauter wackere, witzige Jungen speisen bei mir, und Du wirst sehen, daß wir um nichts schlimmer sind als Andere, wie fromm auch die Phrasen sein mögen, mit welchen sie ihre Mitmenschen und selbst den lieben Gott betrügen. Mögen wenigstens Diejenigen, die Dich beleidigt haben, sehen, daß all' ihre Bosheit nicht im Stande war, Dich niederzudrücken.«

»Du hast Recht,« erwiderte ich, durch letzteren Grund überredet; »warte einen Augenblick und ich bin bereit.«

»Dem Himmel sei Dank,« sprach Arthur, »Du wirst sehen, Freund, es bedarf nur einer guten Mahlzeit, und Du wirst überzeugt sein, daß – wie leer auch die Welt scheinen möge – Derjenige keinen Grund hat, sich zu beklagen, welcher in seinem Becher noch etwas findet, womit er sein Herz erwärmen kann.«

Ich kleidete mich an und ging mit ihm fort.

 

VII.

Ich werde Dich nicht lange mit der detaillirten Auseinandersetzung meiner Verirrungen ermüden. Du kanntest mich, als ich in denselben lebte, und erinnerst Dich vielleicht, daß ich in meiner Erniedrigung wenigstens nicht glücklich war – das sei meine einzige Entschuldigung.

Die Gesellschaft, in welche ich durch Arthur eingeführt wurde paßte nicht zu meinem ernsten Gemüth. Ich gehöre zu Jenen, die der Himmel nicht zu Freuden geschaffen hat; mein Herz muß einen großen Schatz besitzen, wenn es sich reich fühlen soll, und die kleinen Freuden, welche die Stunde gibt und nimmt, konnten den Mangel an jenen Empfindungen nicht ersetzen, nach welchen mein Herz sich sehnte. Das Spiel, in welchem ich fast immer gewann, verursachte mir vielleicht gerade deshalb keine Aufregung; der Wein machte mich nicht berauscht, die Freudenmädchen langweilten mich oder erinnerten mich mit ihren Umarmungen höchstens daran, daß unter dieser bezahlten Freude und Freundlichkeit sich vielleicht ein blutendes Herz verbirgt, und mitten in der Orgie, unter schäumenden Bechern und glühenden Umarmungen umherblickend, konnte ich nur mit Ekel auf die Gesellschaft sehen, an deren Freudenrausch ich nicht theilnehmen konnte. Doch dieses wunde Herz brauchte Geräusch, Lärm, um seine innere Stimme zu betäuben, eine neue Leidenschaft, welche die Seele aus ihrer Lethargie aufrüttle, und ich fand endlich, was ich brauchte. In welchem Gegensatz auch die Gesellschaft mit meinen Ansichten, ja mit meiner Natur stand – anfangs durch ihren Cynismus verletzt, gewöhnte ich mich doch an sie; ich machte es wie sie und eignete mir schließlich ihre Grundsätze an; und wenn meine ernstere Gemüthsstimmung mir nicht gestattete, mich wirklich zu freuen, so lag die Ursache davon nicht in dem Umstande, daß ich besser war als sie.

Soll ich meine Kameraden schildern? Es ist vielleicht nicht nothwendig; nichts macht die Menschen einander ähnlicher als ihre Fehler, und darum kennst Du meine Genossen, wenn Du jemals liederliche Leute gesehen hast. Einige junge Leute, die, nachdem sie eben ihre Schulen absolvirt, sich den Schnurrbart kräuseln, bevor er noch gewachsen ist, Augengläser tragen, bevor sie deren bedürfen, gegen ihre Ueberzeugung sprechen und Herzlosigkeit heucheln, Alles, um nur nicht für jung gehalten zu werden; einige Schriftsteller von der niedrigsten Art, denen Byron und Sand ein wenig das Gehirn getrübt haben und die aus tiefer Ironie, aus Erbitterung, aus Menschenverachtung, oder der Himmel weiß, unter welchen erhabenen Vorwänden Lumpe geworden sind, um für poetische Naturen gehalten zu werden; die, sich in die Tiefe der Natur versenkend, nur bis zum Keller gelangten, und tranken und tranken, bis die Erde vor ihren Augen sich drehte und ihr Stolz bei dem Gedanken sich freute, daß sie die Erde aus den Angeln gehoben haben; ein lebensmüder Engländer, der aus seiner Heimat nur Geld und Langweile mitgebracht hatte, mit Beidem freigebig war, aber nur das Erstere abnehmen sah; einige ausgediente Officiere, die jetzt ihre Heldenthaten auf dem grünen Felde des Roulette ausübten und nach ihrem Waterloo ihr Helena im Gefängniß zu Clichy fanden; kurz eine Gesellschaft, wie man sie beinahe in allen Städten des Landes findet, aus dem Kehricht unseres gebildeten Jahrhunderts durch die Langweile zusammengefegt, eine Gesellschaft, die wie die alten Sarkophage an der Oberfläche bacchische Freude zeigt, im Innern aber Fäulniß birgt.

Unter der ganzen Menge ging ich außer mit Arthur meistens mit zwei Männern um. Der eine war ein reicher Deutscher, der den Beruf des Kaufmanns aufgegeben hatte, seit einigen Jahren in Paris lebte und sich durch seine Verschwendung bekannt machte; der Andere war einer jener ehemals flüchtigen und dann zurückgekehrten Marquis, die nach der Restauration mit einem Theile ihrer Güter den ganzen Complex ihrer Fehler zurückgewannen, und leichtsinnig, wie vor 1789, von ihrer langen Wanderschaft nur graue Haare und Bettlerunverschämtheit zurückgebracht hatten; und weil diese beiden Menschen, wie Jedermann, mit dem man in engerer Verbindung steht, auf mein Leben nicht ohne Einfluß waren, so ist es vielleicht gut, wenn ich zu besserem Verständniß ihre Persönlichkeiten schildere. Ist doch ohnehin in einem gewöhnlichen Menschenleben, wie das meinige, das wichtigste Ereigniß das: was für Menschen man begegnete; außerdem verdient der Eine von Beiden, daß er gekannt werde.

Werner war kein gewöhnlicher Mensch. Wer in das Zimmer trat, wo wir beisammen waren, dessen Aufmerksamkeit zogen seine männlich ernsten Züge auf sich; die breite Stirn, welche nicht von Jahren, sondern von Sorgen durchfurcht war, das dunkle Auge, dessen flammenden Blick man kaum ertragen konnte, diese orientalischen Gesichtszüge, deren Regelmäßigkeit von einstiger Schönheit zeigten, das um seine Lippen spielende schmerzhafte Lächeln, dieser Gegensatz der Freudenthränen – Alles zog die Aufmerksamkeit eines Jeden auf sich, der ihn sah; und nicht mit Neigung, mit Interesse mußte man auf diesen Mann blicken, dessen bedeutendes Wesen man sogleich ahnte. Ich verbrachte mit Werner zusammen mehrere Monate, ich war sein Secundant in Duellen, ich sah ihn beim Spiel und beim Trinken, und nie gewahrte ich an ihm eine Aenderung in der Stimmung, nie fühlte ich mich ihm näher oder ferner als in der ersten Stunde. Unter unseren Gefährten waren mehrere, die seit Jahren mit ihm bekannt waren, aber unter Allen war kein einziger, der sich rühmen konnte, mit ihm in einem Freundschaftsverhältniß zu stehen. Er war gegen Jedermann höflich, freundlich und so freundschaftlich, als man es ohne innigere Neigung sein kann – jedoch wärmer benahm er sich gegen Niemanden, und glich jenen Alpen, auf welche man bis zu einem gewissen Punkt gelangen, deren höchsten Punkt man aber nicht erklimmen kann. Nie klang ein wärmeres Wort von seinen bleichen Lippen, nie milderte Theilnahme seine bitteren Worte. Wie wenn der Winter eine Landschaft mit einer einzigen Farbe bedeckt, so behielt auch er ein sich stets gleichbleibendes kaltes Aeußere bei, und Niemand konnte ahnen, ob unter dieser frostigen Hülle Felsen oder die Blüthen des verflossenen Frühlings begraben seien; nur das bittere Lächeln, welches zuweilen seine Ruhe durchbrach, nur das beständige Leugnen, mit welchem er jeder hochfliegenden Idee entgegentrat, bewiesen, daß auch er einst wärmer gewesen sei. Es gab Tage, an welchen er schweigsamer war als sonst, Gegenstände, bei welchen eine Wolke über dieses ernste Gesicht zog, und seine Lippen zitterten nicht umsonst, als einst im Gespräch zufällig ein Frauenname ausgesprochen wurde; doch ein Augenblick, und seine Züge nahmen die frühere Gleichgiltigkeit wieder an und in seinem Gesichte herrschte wieder düstere Ruhe.

Doch wenn Werner's düstere Ruhe drückend schien, und der kalte Spott, der in seinen Worten stets vorherrschte, seine Gesellschaft unangenehm machte, wie denn jede Gesellschaft unangenehm wird, in welcher wir uns viel höher oder viel geringer fühlen als die Uebrigen und uns deshalb keine Mittheilsamkeit gestatten: so stand ihm Lafard zur Seite, und wenn Werner auf Dich einen schlechten Eindruck machte, so brachte das kleine alte Männchen Dich zum Lächeln.

Man macht unseren Lustspieldichtern gewöhnlich einen Vorwurf daraus, daß sie in der Charakteristik ihrer lächerlichen Personen übertreiben, und vielleicht mit einigem Recht; denn da das wirkliche Leben in seinem innersten Wesen oft ohnehin schon so sehr lächerlich ist, so ist es schade, zu den Lächerlichkeiten der Form Zuflucht zu nehmen; aber gewiß ist es, daß auch die Natur ihre Carricaturen und daß nie ein Lustspieldichter einen Narren so übertrieben carrikirt hat, wie Lafard es war. Wer den kleinen Mann mit einer blonden gekräuselten Perrücke sah, auf der schmalen Stirn die großen gefärbten Augenbrauen, den dünnen Leib nach den Vorschriften der neuesten Mode gekleidet, während der ewig lachende Mund die falschen Zähne hervorblicken ließ; wer ihn sah, wie er bei jeder Gelegenheit auflachte, dabei sich mit dem ganzen Körper schüttelte und mit den Händen herumfuchtelte, kurz, wie er in einem Alter von siebzig Jahren die Rolle eines achtzehnjährigen Jünglings spielte, der konnte sich beim Anblick dieser lebendigen Carricatur der Jugend des Lachens nicht enthalten; aber man konnte nur einen Augenblick lachen, denn man brauchte nur so viel, um sich zu überzeugen, daß Lafard nicht allein der lächerlichste, sondern auch der unangenehmste Geselle war, den es je gegeben. Nie hat man einen gleichen Redefluß gehört. Sobald er mit Jemandem zusammenkam, ließ er sich in ein Gespräch ein und sprach unaufhörlich von sich, von Andern, von Frankreich, von der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, von der Welt, wenn er keinen näheren Gegenstand hatte, stellte er tausend Fragen, die er selbst beantwortete, und antwortete tausend Dinge, nach welchen er nicht gefragt wurde. Wehe Dir, wenn er bemerkte, daß Du ihm nicht zuhörtest, sein verletzter Egoismus fand in Deiner Zerstreutheit neue Anregung, und er wählte für sein Gespräch einen um so größeren Spielraum, je mehr er sah, daß er mit dem bisherigen Deine Aufmerksamkeit nicht zu erregen vermochte. Doppelt wehe, wenn Du ihn mit einer Frage unterbrechen oder das Gespräch auf ein unfruchtbares Feld bringen wolltest – dann brauste sein Redefluß wie die ermattende Kugel, die bei jedem Hinderniß neue Kraft bekommt und einen höheren Flug nimmt, mit erneuerter Schnelligkeit dahin; die an ihn gerichtete Frage war für ihn ein Vorwand, weiter zu sprechen, und Du entkamst nicht seinen Händen, wenn nicht der Schlaf oder ein Unglücklicher Dich errettete, der hinzukam und für Dich die Rolle des Zuhörers übernahm. Aber nicht dieser natürliche Fehler war es, der mir Lafard unerträglich machte und mich später mit Ekel erfüllte, wenn ich ihm begegnete. Ich habe noch andere Schwätzer gekannt und ertrug das Unangenehme ohne Zorn. Es gibt Leute, welchen Gesellschaft so nothwendig ist, daß sie allein nicht einmal zu denken wagen; zu schwach, um etwas zu thun, zu eitel, um die Billigung Anderer entbehren zu können, theilen sie ihren Kameraden wenigstens ihre Vorsätze mit; und wenn auch ihr rascher Redefluß gewöhnlich wenig Gedanken malt, so erträgt man es dennoch; macht doch die Gans einen großen Lärm, wenn sie sich mit ihrem dicken Körper eine Klafter hoch erhoben hat, während sich der Adler schweigend bis zu den Wolken erhebt, wer kann dafür, es ist eben ihre Natur. Es entfremdete mir ihn auch nicht so sehr jener thörichte Eifer, mit welchem er den Hof Ludwig's XVI. bewunderte und den Geist und die Ideen unseres Jahrhunderts anfeindete und wegen dessen meine Kameraden ihn zuweilen tadelten; ich bewunderte unser Jahrhundert zu wenig, um dem Alten deshalb gram zu sein. Wie das Leben des Einzelnen, ist auch das der ganzen Menschheit ein langes Irren, in welchem ein Jahrhundert dem andern, zwar stets wechselnd, doch immer mit gleich vergänglichen Täuschungen folgt; wer kann es der späteren Generation übelnehmen, wenn sie sich nach dem Zeitalter ihrer Vorfahren sehnt? Ihre unmöglichen Wünsche sind unschuldig, und wenn wir endlich sehen, daß noch keine so niedrige Idee die Massen beherrscht hat, in deren Namen nicht Einzelne zu den edelsten Thaten begeistert wurden, so gibt es keine, deren Anhänger unsere Verachtung verdienen. In politischen wie in religiösen Dingen glaubt man nur einmal, und wer in seiner Jugend seinem Alter zuvoreilte, der verdient in seinem Greisenalter unser Bedauern, aber nicht unseren Zorn; eben so wenig wie der Baum, der im Frühling mitten in der blühenden Landschaft dürr dasteht, weil er sich überlebt und in früheren Zeiten geblüht hat. Lafard war, wie in Allem, auch in seiner politischen Begeisterung lächerlich. Aber bleiben nicht von allen Parteien auf lange Zeit Lächerlichkeiten übrig? Und habe ich nicht alle die Narren ruhig ertragen, die in unserem Zeitalter von den Wundern in Versailles träumten und höchstens als Ueberreste an die Kleinlichkeit ihres Jahrhunderts gemahnen, wie die Mammuthknochen an die Riesen-Generation? Aber wenn im Rausch der Orgien er am meisten lärmte, wenn er, den Becher mit zitternder Hand emporhaltend, geile Lieder sang, wenn er von seiner Geliebten und von glühenden Umarmungen sprach, dann erfüllte sich mein Herz mit unbeschreiblichem Ekel. Ich ehre das Greisenalter. Das Leben ist ein schwerer Kampf, und der Held, der diesen durchgemacht hat, verdient unsere Achtung; die Erfahrungen haben ihn nicht klüger, – denn was sind die Erfahrungen eines einzelnen Menschenlebens – doch gewiß unglücklicher gemacht, und es hat meinem Herzen stets wohlgethan, wenn ich die Last eines müden Herzens erleichtern konnte; aber wenn ein Greis Leidenschaften heuchelt, die er nicht fühlt, wenn er mit der Wuth eines Eunuchen nach Freuden strebt, die er nicht genießen kann, und sich bis zu seinem Grabe im Koth wälzt, so erwacht mein Zorn und ich wende mich von dem Ungeheuer ab.

Werner war kalt, verspottete das Allerheiligste und verachtete Alles, was die Menschen erhaben nennen, aber er litt wenigstens. Wer sein von Leidenschaften durchwühltes Gesicht betrachtete, merkte an seinem frostigen Lächeln, daß er einst ganz anders gesprochen haben müsse. In Lafard's Herzen hingegen war nie die Spur einer edleren Empfindung vorhanden. Als wir eines Tages von moralischen Leiden sprachen, sagte er, daß er nie in seinem Leben geweint habe, und ich glaube es. Sein Vater war auf dem Blutgerüst, seine Mutter in der Verbannung gestorben; er hatte Weib und Kinder gehabt, und sie waren gestorben; seine Jugendbekannten, die ganze Generation, mit welcher er aufgewachsen, war verschwunden, und seine alten Augen vergossen nie eine Thräne. – Er hatte stets nur der Unterhaltung gelebt, von seinen ersten Jugendjahren angefangen bis jetzt, in der Heimat und in der Verbannung, nach wie vor dem Tode seiner Gattin und seiner Kinder; er unterhielt sich immer, und sollte auch die Welt zusammenstürzen. Und siehe, dieser Auswurf der Menschheit, dieser niederträchtige Greis, der seinen Cynismus niemals verbarg, der seine Laster in ihrer ganzen Nacktheit zeigte, war der Liebling unserer Gesellschaft. Es gibt keinen besseren Jungen als dieser Alte, sagte Jedermann, wenn von ihm die Rede war, und wenn ich entrüstet widersprach und seine Fehler aufzählte, so leugnete Niemand das Treiben des Alten; Alle gestanden, er sei ein schlechter Sohn, ein schlechter Vater, ein niederträchtiger Gatte gewesen und ein herzloser Freund; aber trotz dem Allen ist der Alte ein guter Bursche, sagten Alle, und ich mußte schweigen.

Vergebung, mein Freund, daß ich Dich mit solchen Dingen langweile; aber Du mußt den Kreis kennen, in welchem ich gelebt habe, damit Du begreifen könnest, was ich that. Mit Werner ging ich gern um; Lafard drängte sich uns auf, und so verbrachte ich meine Zeit außer Arthur ausschließlich mit ihnen.

So gingen wir eines Tages auf die elysäischen Felder. Es war in den letzten Tagen des April, und obwohl die Sonne bereits untergegangen war und es schon zu dunkeln anfing, promenirten doch zahllose Spaziergänger in den bereits grünen Alleen. Lafard schwätzte wie gewöhnlich. Werner machte über die Vorübergehenden spöttische Bemerkungen, Arthur bewunderte die Farbenpracht des Sonnenuntergangs. Ich schwieg, und während mein Auge am Himmel hing, dessen untergegangenes Licht unseren Horizont als rothe Linie umfaßte, erwachten in meiner Seele Erinnerungen, die längst geschwiegen hatten.

Glaube Niemand, daß er seine Leiden auf dieser Welt vergessen könne; wie sorgfältig er auch sein Herz bewahre, mit wie großem Fleiß er auch Alles von sich fern halte, was ihn an seine Vergangenheit erinnern könnte, die Natur bleibt stets dieselbe und bewahrt in ihrer unveränderlichen Schönheit die Erinnerungen der Vergangenheit; der Himmel wölbt sich blau über ihm wie einst; das Feld steht blühend da, und Himmel und Erde erinnern den Leidenden an seine Vergangenheit; der laue Sommerwind flüstert ihm von seinen Leiden, im Tosen des Sturmes vernimmt er seine Klagen, und wohin immer er sich wendet überall sieht er seinen Kummer. Was das überfluthende Herz einst der Natur anvertraute, das sagt uns diese, sobald wir mit ihr allein sind, treu wieder; und nach so viel Jahren dachte ich an – Julie. Und weil in jener Zeit, von der ich spreche, meine Leiden noch zu neu waren, als daß ich hätte gerecht sein und anerkennen können, daß die unglückliche Frau nur das Werkzeug meines Schicksals war – so erfüllte sich mein ganzes Herz bei dieser Erinnerung mit Erbitterung.

Ich wurde aus meinen traurigen Gedanken durch Arthur erweckt, der mir plötzlich mit dem Ellbogen ein Zeichen gab und ausrief: »Sehen Sie nichts, alter Herr?«

Lafard, der eben mit Werner sprach, wandte den Kopf um. »Ah, das ist Betty,« sprach er mit erheuchelter Gleichgiltigkeit; »was geht sie mich an?«

Ich blickte ebenfalls hin, und da ich nur ein armgekleidetes Mädchen sah, wollte ich schon fragen, als Arthur, seine Schritte beschleunigend, mich mit sich zog: »Gehen wir ihr nach, das Herz des alten Herrn klopft mit vierzig Pferdekraft, und wenn auch die Beine schon schwach sind, so können wir sie doch erreichen.«

»Aber wen?« fragte ich endlich, während der Alte etwas von einem schlechten Spaß brummte.

»Holen wir sie ein,« sprach Arthur gut gelaunt, »und wenn Du sie siehst, so wirst Du nicht nach ihrem Wappen fragen.«

Indessen überholten wir das Mädchen und stellten uns zu einer Laterne, in deren Nähe ein wahrhaft schönes Mädchen mit niedergeschlagenen Augen vor uns vorüberging.

»Wer ist diese?« fragte ich, von der Schönheit dieser Person überrascht. »Wer?« erwiderte Arthur lachend, »und Du, Unschuldiger, kennst nicht die schönste Grisette von Paris, Betty, um welche die halbe Stadt seufzt, die selbst unsern alten Herrn in Flammen versetzte und – o staunenswerthe Tugend! – ihn nicht beglückte; Betty, die –?!«

»Ich muß gestehen,« fiel Lafard ärgerlich ein, »wer Ihnen ein Geheimniß anvertraut, der kann gewiß sein, daß am nächsten Tag die ganze Stadt davon spricht.«

»Ein Geheimniß?« fuhr Arthur lachend fort. »Haben Sie es nicht selbst Werner gesagt, und dem Engländer, und Nicord dem Schriftsteller und der ganzen Stadt, und haben wir nicht Alle über Betty's Tugend gestaunt, die so vielen Verlockungen widerstehen konnte, und ist es nicht meine Pflicht, auch Gustav zu wissen zu machen, daß es eine Frau auf der Welt giebt, die dem Marquis Lafard und monatlichen tausend Francs, Perlen und Gott weiß wie viel Hüten und Kleidern zu widerstehen vermochte?«

»Lachen Sie nur, lachen Sie nur,« sprach der Alte wieder aufgeregt, »aber versuchen Sie trotz dem Allen Ihr Glück, und Sie werden sehen, daß dieses Mädchen, das dem Marquis Lafard widersteht, eben so auch dem schönen Arthur widerstehen wird, wie schwarz und schön gekräuselt auch seine Haare sein mögen.«

»Das wage ich schon nicht zu behaupten,« sprach Werner lächelnd; »so junge Mädchen genießen oft lieber die Trauben, wenn diese nur süß sind, als den ältesten Wein.«

»Das ist Alles schön und gut,« murmelte Lafard, »spotten ist leicht; aber ich kenne die Welt, und wenn ich bei einem solchen Mädchen kein Glück hatte, so wird ein Anderer es gewiß auch nicht weit bringen.«

»Glauben Sie mir, lieber Marquis,« sprach ich lachend, »darin täuschen Sie sich sehr.«

»Und wenn Sie so viel Selbstvertrauen haben,« entgegnete der Alte, »so versuchen Sie es; reden ist leicht, aber man muß beweisen, daß man auch etwas auszurichten vermag.«

Ich verabscheute den Alten so sehr, daß bei diesem Gespräch mein Blut zu kochen anfing. »Und wenn ich es beweise?« sagte ich ungeduldig.

»Wetten wir.«

»Gut.«

»Ich bedinge mir nur Eines aus,« erwiderte Lafard, »Sie dürfen ihr nicht mehr als tausend Francs monatlich versprechen; auf die ersten Geschenke verwenden Sie zweitausendfünfhundert Francs, übrigens führen Sie sie in's Theater, auf Bälle und sonstige Unterhaltungen.«

»Ich werde mir die Liebe dieses Mädchens ohne Geld, ohne einen einzigen Sou erwerben,« sagte ich; »ich bin kein Jude.«

»Was den Juden betrifft,« sagte Werner ernst, »so ist auch der Marquis es nicht, und Sie vernichten die christliche Religion in diesem Lande, wenn Sie Alle, welche in solchen Angelegenheiten sich mehr auf ihr Geld als auf ihre Vorzüge verlassen, in die Synagoge schicken. Sie sind noch jung und sprechen mit Verachtung vom Gelde; aber sowie die Juden unter den Christen den Weltschlüssel schätzen gelernt haben, mit welchem sie sich Alles erschließen können – sowie sie eingesehen haben, daß das Geld, weil sie von den Christen damit Alles erkaufen können, verdient, daß sie sich darum bemühen; eben so werden Sie vielleicht gerade bei dieser Tugendheldin Ihre Grundsätze ändern. Die göttliche Gerechtigkeit hält eine Wage in der Hand und fällt ihr Urtheil, je nachdem die eine oder die andere Wagschale mehr belastet ist, und glauben Sie mir, auch Amor verwundet die Herzen nur mit goldenen Pfeilen.«

»Aber es gibt Ausnahmen!« warf ich ein.

»Möglich,« erwiderte Werner spottend; »es ist meine Gewohnheit, nichts auf der Welt in Abrede zu stellen, wozu nur Thorheit gehört, damit es geschehe, und vielleicht wird die kleine Betty den Grafen lieben, der, bevor er sie noch kennt, auf sie wie auf irgend ein berühmtes Rennpferd Wetten macht; aber trotz dem Allen zweifle ich.«

Werner's Worte schmerzten mich, ich fühlte die Niederträchtigkeit des Beginnens, aber ich war bereits zu weit gegangen, um nach meinen damaligen Ansichten zurücktreten zu können, und blieb bei meinem Vorsatz.

»Und um wie viel wetten wir?« fragte der Alte lustig.

»Um tausend Napoleonsd'or,« antwortete ich; »außerdem muß der Verlierende unserer ganzen Gesellschaft ein großes Bankett geben.«

»Zu welchem Sie Betty mitbringen!« spottete der Alte.

»Zu welchem ich Betty als meine Geliebte mitbringe; jedoch unter einer Bedingung: Niemand darf von unserer Wette etwas verlauten lassen, Niemand meine Schritte ausspioniren, und wenn wir uns begegnen, so soll mich Niemand grüßen, bevor ich ihn dazu aufgefordert habe.«

»Natürlich,« erwiderte der Alte lachend; »Sie bedürfen ja des Incognito, Sie werden gewiß als Commis voyageur oder als Schneider Ihr Glück probiren.«

»Sei es wie immer,« erwiderte ich trocken; »aber wenn die Bedingungen nicht gehalten werden, so hört die Wette auf.«

»Nun, wir werden sehen,« lachte Arthur, »ob unser alter Herr Seelenkraft habe; tausend Napoleonsd'or sind ein herrliches Honorar für's Schweigen, viele Schriftsteller bekommen für zehn Bände nicht so viel.«

»Und die Zeit?« fragte Lafard.

»Sechs Monate.«

»Topp!« rief der Alte und reichte mir die Hand.

»Die Wette steht,« sprach ich, seine Hand annehmend, »diese Herren sind Zeugen.«

Und so wurde die größte Schurkerei beschlossen.

 

XIII.

Wenn es uns zuweilen einfiele, was die Motive unserer folgenreichsten Handlungen waren, welch' ein schwacher Windhauch genügte, um uns zu einer Aenderung des eingeschlagenen Weges zu veranlassen, ein wie kleiner Stein, um unser Glück über den Haufen zu werfen; wenn wir uns eingestehen würden, wie oft doch unsere Entschlüsse von der Umgebung abhingen, in welcher wir leben, und wie oft wir solche Wege gingen, die wir vom Anfange an für schlecht hielten, weil uns blos falsche Scham nicht erlaubte, einen andern zu wählen – weil wir zu schwach und zu niedrig waren, um es ertragen zu können, daß die von uns selbst verachtete Gesellschaft uns für schwach halte, so würden wir nicht so stolz sein. Ich habe genau Alles erzählt, was mich zufällig zu den Vorsätzen brachte, die ich in meinem ganzen Leben nicht genug bereuen kann, und Du siehst, durch wie geringfügige Umstände ich mich bestimmen ließ. Die Erinnerungen, die mein Herz verbitterten, meine alte Aufregung gegen Lafard, seine prahlerischen Reden, Widerspruch, kurz Alles reizte mich, und so bot ich meine Wette an, ohne zu überlegen, was ich thue. Doch, ich hätte noch zurücktreten können, der Verlust von tausend Napoleonsd'or machte mich nicht arm, und das Ganze wäre spurlos vorübergegangen; aber was werden meine Kameraden sagen? Werden sie mich nicht Alle auslachen? Werde ich nicht für Werner ein Gegenstand seines Spottes sein? Und für diesen abscheulichen Alten das Ziel seiner guten Laune? »Ich kann nicht widerstehen,« dachte ich mir, »und wie viel Opfer es mich auch koste, ich muß das Abenteuer zu Ende führen.«

Einen Augenblick fiel mir auch Betty's Schicksal ein. »Und wenn sie sich in mich verliebt und sich betrogen sieht?« dachte ich. Aber dieses Zaudern war nur von kurzer Dauer; jeder Mensch ist hinsichtlich der Frauen ein Optimist oder Pessimist, je nachdem seine Erfahrungen die eine oder die andere Ansicht bestätigen, und ich, der ich mich in meiner ersten Liebe getäuscht, der ich anderthalb Jahre in der großen Welt zugebracht, und seit Monaten von meinen Kameraden über die Frauen kein gutes Wort gehört hatte, war nicht in der Lage, das andere Geschlecht zu achten. »Bin ich nicht reich?« sprach ich für mich, »und kann ich nicht, wenn dieser Scherz zu Ende geführt ist, für die Zukunft des Mädchens sorgen? Die Zeiten haben aufgehört, wo getäuschte Liebe ein Frauenherz brechen konnte, und hier in Paris gibt es kein Mädchen, welches in's Wasser springen möchte, wenn es bemerkt, daß ihr Geliebter Gold hat; Gold ist ein gutes Heilmittel, und in Liebeskrankheiten zuweilen auch ohne chemische Zubereitung von sicherem Erfolge.« Ich war entschlossen.

Einige Tage brachte ich damit zu, Erkundigungen einzuziehen, und ich erfuhr, wo sie wohnte, wie sie lebte und wer ihre Bekannten seien; Alles, was ich hörte, gereichte ihr zum Lobe.

Als sie vor einigen Jahren, noch als Kind, in die Stadt kam, nahm eine alte Tante sie zu sich; seit dem Tode derselben erwarb sie sich ihren Lebensunterhalt durch Handarbeiten, und obwohl sie eines der schönsten Mädchen von Paris, erst siebzehn Jahre alt war und allein lebte, so war doch Niemand, der über sie etwas Schlechtes sagen konnte – ein in dieser Stadt für Mädchen größeres oder wenigstens schwerer erreichbares Lob, als für uns Männer sämmtliche Lorbeern der Welt. Täglich ging sie in die Kirche und zu dem Modehändler, von welchem sie Arbeit erhielt, und zuweilen, an großen Feiertagen, zu einer entfernten Verwandten in Saint-Denis; sonst war sie zu Hause und arbeitete.

Ich überlegte, was da zu thun sei. Das Mädchen war nach Allem, was ich über sie gehört hatte, rechtschaffen, und so konnte ich, wenn ich mich ihr mit meinem Namen und meiner gesellschaftlichen Stellung vorstellte, nie ihre Liebe erwarten; sie würde in mir einen Verführer gesehen und mich gemieden haben. Ich dachte eine Weile nach, endlich faßte ich einen Entschluß.

Ich legte meine schlechtesten Kleider an, und mit einem Buche unter dem Arme stellte ich mich zu dem Hause des Modehändlers, welchem Betty ihre Arbeit zu überbringen pflegte. Nachdem ich eine Viertelstunde gewartet hatte, kam Betty mit einem kleinen Packet unterm Arm heraus, und ich muß gestehen, ich folgte meinem Opfer bei all' meiner Verderbtheit nicht ohne Beklommenheit.

Dieses Mädchen war so schön, ihr sanftes Gesicht trug so sehr das Gepräge der Unschuld, daß ich eine Zeit lang es gar nicht wagte, sie anzusprechen. Endlich faßte ich Muth und fragte sie mit großer Befangenheit, welchen Weg ich gehen müsse, um in die *** Gasse zu kommen. Sie schaute mich an und antwortete mir ohne alle Verlegenheit: »O, mein Herr, diese Gasse ist in der Cité und eine gute halbe Stunde von hier.« – »Aber wo geht man nach der Cité?« fragte ich; »ich bin erst gestern nach Paris gekommen und kenne keine einzige Gasse.«

Das Mädchen dachte eine Weile nach, schaute mich an und sagte endlich erröthend: »Ich gehe selbst dahin, und wenn es Ihnen recht ist, so kommen Sie mit mir.« Wir machten uns auf den Weg und gingen eine Weile schweigend neben einander her, denn ich erinnere mich nicht, je einer Dame gegenüber in größerer Verlegenheit gewesen zu sein; später wagte ich einzelne Fragen und ließ mich nach einigen alltäglichen Redensarten mit ihr in ein interessantes Gespräch ein. Ich gab mich für einen Hörer der Rechte aus, sagte, ich sei eine Waise und erst gestern aus der Provence gekommen, um meine Studien zu beendigen; ich sagte ihr, daß ich Niemanden kenne, und daß ich nur meinen Studien leben werde; ich sei arm, kurz ich sagte ihr Alles, wovon ich dachte, daß es sie interessiren könne.

Sie hörte mir mit Theilnahme zu, ermunterte, tröstete mich, und das so sanft, so warm, daß der gefühlvolle Ton, den ich früher geheuchelt hatte, bald zur Wahrheit wurde; und als ich endlich sagte, daß ich mich glücklich schätzen würde, wenn ich nach diesem zufälligen Begegnen mit ihr öfter zusammentreffen könnte, log ich nicht.

Sie schlug die Augen nieder, und nach einer kurzen Pause gab sie unserem Gespräch eine andere Wendung. Sie war einmal in Avignon gewesen und hatte die Rhone und Nimes gesehen; ich bin auch dort gewesen, und als sie mit kindlichem Entzücken die Schönheiten der Gegend pries, und die große Baucairener Brücke, und so Vieles, was ich gar nicht beachtet hatte, und als sie von dort durch ihre Gedanken in das Haus ihres Vaters geführt, von den hohen Bergen der Dauphiné sprach, sah ich, daß ihr Herz sich öffnete und daß sie sich in meiner Gesellschaft wohl fühlte ... »Wir sind in der Gasse,« sprach sie endlich, stehen bleibend, »jetzt suchen Sie nur noch die Nummer.« – »Und soll ich nicht hoffen können,« fragte ich, »mit Ihnen, die ich durch einen so glücklichen Zufall kennen lernte, auch ferner zusammenzukommen?«

Sie erröthete. – »Wenn wir uns zufällig treffen werden,« sprach sie mit der größten Verwirrung, »so werde ich mich freuen!« und sich schnell verbeugend, lief sie in ein Haus. Ich blickte ihr nach, bis die leichte Sylphidengestalt auf der finsteren Treppe verschwand, und in Gedanken vertieft, ging ich zu Fuß nach meiner Wohnung zurück.

Nie hatte ich mich in einem solchen Seelenzustande befunden. Als ob ich geträumt hätte. Vor einigen Stunden, als ich aus meiner Wohnung fortging, war ich noch ruhig; ich hatte ein Abenteuer gesucht, und mein Herz hatte keinen Theil an der Sache. Ich hatte vorher alle Umstände überlegt, jedes Wort, das ich sprechen, jede Empfindung, die ich heucheln wollte, und jetzt – war es mit meiner Ruhe vorbei. Ich habe in meinem Leben viel erfahren, ich habe Coquetten und falsche Heilige gesehen, und die geheuchelte Empfindung und die erlogenen Tugenden ließen mein Herz ruhig; dieser Einfachheit konnte ich nicht widerstehen, vor dem unschuldigen Gesichte dieses sanften Wesens schwanden meine Zweifel.

»Was soll ich thun? Soll ich mein Abenteuer fortsetzen? Wie, wenn die Hoffnungen, welche ich durch meine Worte errege, im Herzen dieses Mädchens so tief Wurzel schlagen, daß es bricht, wenn jene nicht in Erfüllung gehen? Wie, wenn meine Zärtlichkeiten ernst genommen werden, und die Empfindung, die ich geheuchelt, bei Betty zur Wahrheit wird? Soll ich ihr sagen, daß sie gefehlt habe, als sie die Sache so ernst nahm, daß das Ganze nur ein Scherz, nur eine rohe Wette war, und daß, während bei ihr das Lebensglück auf dem Spiele stand, es sich bei mir nur um tausend Napoleonsd'or gehandelt habe? Wußte ich nicht von mir selbst, was es heißt, in der Liebe getäuscht zu werden? Oder sollte ich wieder entsagen? Jetzt, da nach so vielen düsteren Tagen ein heller Strahl in meine Seele drang, da mein Leben wieder ein Interesse, mein Herz eine Hoffnung gewonnen hat? Und weshalb? Wenn Betty so ist, wie ich mir sie denke, kann sie nicht durch meine Liebe glücklich sein, glücklich, wie ich es durch sie sein werde? Und war es nicht eine Thorheit von mir, daß ich dieses Mädchen nach einer halbstündigen Bekanntschaft für eine solche Vollkommenheit hielt? Als ob die Frauen nicht sanft lächeln und unschuldig erröthen und dennoch lügen könnten, wenn ihr Interesse es eben erheischt. Und was werden meine Kameraden sagen, Werner, der abgeschmackte Lafard und überhaupt Alle, die von dieser Sache hören werden?« Ich wußte mir keinen Rath; ungewiß hin- und herschwankend, änderte ich zehnmal meinen Vorsatz; ich überdachte alle Möglichkeiten, und als endlich die Stunde schlug, in welcher ich den Tag vorher mit Betty zusammengekommen war, kleidete ich mich an und ging wieder zum Kaufladen des Modehändlers. So ist der Mensch; er sieht das Gute, sein Verstand könnte ihn den sicheren Weg führen; aber wer kann dessen Rathschläge hören, wenn die Leidenschaft spricht?

Nachdem ich einige Zeit gewartet hatte, kam Betty aus dem Kaufladen, und obschon sie sichtlich verlegen war und in den ersten Augenblicken schwieg, so hörte sie doch nach einigen Worten auf, zurückhaltend zu sein, und hatte ich mich zu diesem sanften Geschöpfe schon nach dem ersten Zusammentreffen mächtig hingezogen gefühlt, so war ich jetzt – wo ihr Herz sich vor mir mehr erschloß und sie mit so vertraulichem Tone zu mir sprach, als ob wir längst mit einander bekannt gewesen wären – von einem unbeschreiblichen Gefühl erfüllt, und ich hätte weinen mögen, ich weiß nicht ob vor Freude, oder weil mir der Gedanke schmerzlich war, daß auch dieses reine Herz unter den Berührungen der Welt seine Makellosigkeit verlieren werde.

So vergingen Wochen und unsere Vertraulichkeit nahm von Tag zu Tag zu; in den ersten Tagen brachten wir jedesmal, nachdem ich sie nach Hause begleitet hatte, immer nur eine halbe Stunde mit einander zu; später miethete ich mir Betty's Fenster gegenüber eine Wohnung, und wenige Stunden ausgenommen, in welchen sie mich im Collegium glaubte, die ich aber in meiner eigentlichen Wohnung zubrachte, beschäftigte ich mich den ganzen Tag mit ihr. Wenn sie des Morgens die Fenster öffnete, und nachdem sie die Blumen begossen hatte, sich zu ihrem Arbeitstisch setzte; wenn Abends hinter den weißen Vorhängen das Licht und ihr lieber Schatten verschwand; wenn sie bei ihrem Arbeitstischchen saß, zuweilen während der Arbeit einen verstohlenen Blick auf mich warf und erröthete; wenn unsere Blicke einander begegneten, so stand ich beim Fenster und sah und genoß jede ihrer Bewegungen und war nur glücklich, weil ich sie sehen konnte; und täglich überzeugte ich mich mehr, daß ich mich in meinem ersten Urtheil nicht getäuscht habe. Wenn ich bemerkte, das sie ausgehe, so machte ich mich auch auf den Weg und ging bald mit ihr, bald folgte ich von fern unbemerkt ihren Schritten; wenn sie in der Kirche betete, so stand ich hinter einer Säule und betrachtete das ruhige Engelsangesicht, das seinen vertrauensvollen Blick zum Himmel erhob und vielleicht auch für mich betete. Und indem ich mich so von Früh bis Abends mit ihr beschäftigte, war sie der Gedanke meiner Tage, wie der Traum meiner Nächte, und mein durch die Leiden des Lebens so sehr verwundetes Herz gesundete wieder unter der Macht, welche dieses reine Wesen auf mich ausübte. Betty liebte mich; sie ahnte es vielleicht selbst nicht, aber ich war davon überzeugt, und ich hatte Recht. Frauen können Alles verheimlichen, nur nicht die Liebe, und wenn ich die kindische Freude sah, mit welcher sie täglich meine Blumen annahm, und die Unruhe, mit der sie umherschaute, wenn ich zuweilen eine Minute später auf den gewohnten Platz kam, und ihre freundliche Theilnahme für meine geringsten Leiden und Freuden, eine Teilnahme, die man nur bei Frauen findet und die dem Herzen so wohl thut; wenn ich den sorgenvollen Blick sah, mit welchem sie mich anschaute, wenn ich von meiner Zukunft sprach, die lächelnde Heiterkeit, mit der sie jedes Wort aufnahm, wenn ich scherzte: so konnte ich an ihrer Liebe nicht zweifeln. Der Ton ihrer Worte, ihr Lächeln, das Zittern ihrer Hand, ihr Erröthen, ihr ganzes Benehmen gegen mich war das Geständniß ihrer Liebe, und ich war glücklich.

Zuweilen war mein Herz von traurigen Ahnungen erfüllt. Es fiel mir die Vergangenheit ein, und ich fühlte, daß ich nie mehr so werde lieben können, wie sie es verdiente; es fiel mir ein, daß diese süße Täuschung nicht von Dauer sein könne, und daß Betty endlich die Wahrheit erfahren werde; allein ein Blick auf sie, ein Wort, mit welchem sie mir sagte, daß sie sich in meiner Gesellschaft glücklich fühle, und alle Sorgen verschwanden. Wie viele Menschen gibt es auf der Welt, die das Damoklesschwert über sich haben und dennoch in Freuden leben; so genoß auch ich mein Leben und erwartete freudenberauscht die Zukunft, mochte diese hinter ihrem geheimnißvollen Schleier was immer verbergen.

O, mein Freund, sie war schön. Dieses sanfte Gesicht, dessen freundlicher Ausdruck nie von Leidenschaft zerwühlt, nie von Schmerz verbittert wurde, in welchem nur Vertrauen, nur ein geheimnißvolles Ahnen ausgedrückt war; die warmen Strahlen dieser blauen Augen, die wie ein Frühlingstag den Sturm der Leidenschaft nicht erwecken und dennoch so viel Licht ausstrahlen; und diese Purpurlippen, von welchen nicht die Freude des Augenblicks, sondern die stille Seligkeit eines reinen Herzens Dir entgegenlächelt, Alles so harmonisch schön, so bezaubernd. Und wenn ich auf dieses Mädchen blickte, das bald voll kindischer Heiterkeit, bald als Schwärmerin vor mir stand, und wenn es mir einfiel, daß ich das einzige Wesen sei, welches nächst Gott ihr Herz erfüllte, daß ihre Gedanken sich in mir concentrirten, daß ich ihr Alles sei: dann hätte ich mich ihr zu Füßen werfen und sie um Vergebung bitten mögen, daß ich es gewagt, mich ihr zu nähern.

Tag um Tag verging, freundlich und gleichmäßig; und so wie auf dem Felde von Tag zu Tag neue Blumen emporsprießen, so entwickelten sich unter ihrem sanften Einfluß in meinem Herzen immer mehr und immer schönere Gefühle; aber nie sprach ich mit ihr von Liebe. Das Bewußtsein, daß ich ihre Liebe nicht verdiene, eine Erinnerung der Niederträchtigkeit, die mich zu ihr geführt, fesselte mir die Zunge, und ich nahm mir vor, ihr niemals ein Geständniß zu machen. »Ich werde ihr Freund sein,« so dachte ich bei mir, »die Empfindung, welche ihr Herz jetzt für mich erfüllt, ist rein und erhaben; möge es dabei bleiben, möge sie in mir ihren Bruder sehen, und wenn wir einmal von einander fern sein werden, so wird auch dieses Gefühl sich abschwächen; möge sie in den Armen eines Würdigeren glücklich sein, es wird mir wehe thun, aber ich habe diese Strafe verdient.« Dieser Vorsatz beschwichtigte mein Gewissen, denn daß ich nicht mehr daran dachte, die Wette gewinnen zu wollen, kannst Du Dir leicht vorstellen.

Seitdem ich Betty besser kannte, gingen wir, so oft ihre Beschäftigung es zuließ, vor die Stadt hinaus, um im Freien zu spazieren – bald in's Boulogner Wäldchen, bald längs der Seine nach [Sévres] oder sonst wohin, nur hinaus aus der Stadt, nur hinaus aus den dunklen Gassen in's Grüne, wie sie mich immer bat. Arme Betty, wie konnte sie auch zwischen diesen Mauern bleiben, sie, die bei ihren sorgfältig gepflegten Blumen von der freien Gegend schwärmte, in welcher sie geboren wurde, von den hohen Bergen der Dauphiné, nach welchen ihre junge Seele sich sehnte, von dem großen Kastanienbaum vor ihrem Hause, und von so viel schönen bunten Blumen, aus welchen sie einst als Kind ihre Kränze wand. »O, wenn ich wieder zu Hause wäre,« sagte sie oft, »und Ihnen das Thal zeigen könnte, in welchem unser kleines Haus steht; wenn Sie aus unserer Quelle tränken und mit mir auf den nahen Berg gingen, von wo man die Thürme dreier Dörfer sieht: dann würden Sie sich wahrhaft freuen; hier sehen selbst die Bäume städtisch aus.«

Eines Abends gingen wir weiter als gewöhnlich. Betty war müde und da ich sie erinnerte, daß wir vom Boulogner Wäldchen bis nach Hause noch einen langen Weg haben, so setzte sie sich unter einen Baum, um auszuruhen. Der Abend war herrlich. Die Sonne ging eben unter, und längs des Horizonts dehnte sich ein purpurner See aus, auf welchem gleich Lichtinseln einzelne Wolken schwammen, strahlend wie geschmolzenes Erz, wenn es aus dem Schmelzofen strömt, die jedoch allmälig ihren Glanz verloren und dunkler wurden, je mehr sie sich vom Lichtquell entfernten. Alles war still rings um uns, nur zuweilen unterbrach das Rollen einer fernen Kutsche und der Abendwind, der im Laub der Bäume flüsterte, die Stille, während das Glanzmeer allmälig erblaßte, der reine Himmel immer dunkler wurde und in der Höhe schon einzelne Sterne glänzten. Auch wir schwiegen. Bei den Wundern der Natur kann kein Mensch ungerührt bleiben, und von ihnen berührt, erschließt sich das Herz und läßt es seine innersten Gedanken laut werden. Betty bewunderte entzückt den Sonnenuntergang, und ich wurde traurig.

»O Gustav, wie schön ist dies,« sprach sie endlich, von Entzücken hingerissen: »schauen Sie nur, wie der Himmel sich mit Purpur bedeckt.«

»Der Himmel wird roth,« erwiderte ich, durch die traurigen Erinnerungen verbittert, die mit gewohnter Macht in meiner Seele erwachten, »als ob er sich schämte, wenn er Abends die Klagen der Menschen hört, die vom Tage etwas erwarteten und betrogen wurden.«

Betty sah mich erstaunt an. »Ist das also nicht schön?« fragte sie mit kindlicher Einfachheit.

»Es ist schön,« erwiderte ich bewegt, »schön für die Glücklichen, schön für Dich, die Du, zum Himmel aufblickend, Dich zu Hause fühlst und bei den Farben des reizenden Sonnenunterganges Dich an nichts Anderes als an den Tag erinnerst, über dessen Grabe sie schimmern. Aber es gibt Menschen, in deren düstere Seele diese Strahlen nicht dringen.«

Betty schwieg und ihr Gesicht nahm einen traurigen Ausdruck an.

»O freue Dich, freue Dich des Lebens,« sprach ich bewegt, »freue Dich so lange, als Du keine andere Sonne dahinschwinden siehst als die, welche nach einigen Stunden am Horizont wieder auftaucht. Möge Dich der Himmel nie erfahren lassen, daß die Landschaft vergebens blüht, daß der Sonnenaufgang und Untergang vergebens unseren Himmel mit prächtigen Farben bedeckt, wenn unser Inneres verödet, wenn unsere Seele verfinstert ist.«

»Du leidest,« sagte Betty, meine Hand erfassend, »Dir ist heute etwas Unangenehmes zugestoßen.«

»Heute?« sprach ich bitter lächelnd.

»Heute oder gestern,« erwiderte Betty; »sage es mir, vielleicht kann ich Dich trösten.«

»Und würdest Du es verstehen?« entgegnete ich traurig; »würdest Du das begreifen, was diese Brust mit Schmerz erfüllt? Nein, meine Liebe, es gibt Leiden, welche Deinem Herzen ewig unbegreiflich bleiben werden; das Gold kennt keinen Rost.«

»Gustav,« sprach Betty nach kurzem Schweigen und Thränen traten ihr in die Augen, »ich kann Dich nicht zwingen; aber wenn ich Dich traurig sehe, wenn Du leidest und ich weiß nicht, weshalb, wenn ich denken muß, daß ich Dich vielleicht durch ein unüberlegtes Wort beleidigt habe, so kann ich es nicht ertragen. Sieh', Gustav,« sprach sie schluchzend, »ich bin ein armes Mädchen, ich weiß auch nicht, wie ich es verdient habe, daß ein so kluger Mann sich mit mir so viel abgibt, aber ich liebe Dich und –«

»Du liebst mich?« rief ich von meinen Empfindungen hingerissen.

»Ich liebe Dich wie Niemanden auf der Welt,« erwiderte sie, mich bei der Hand fassend, »ich kann es Dir gar nicht sagen, wie sehr ich Dich liebe.«

»Engel!« rief ich und drückte außer mir vor Entzücken das zitternde Mädchen in meine Arme, und der erste Kuß glühte auf ihren Lippen. Als ich wieder zu mir selbst kam und den raschen Schlag ihres Herzens an meiner Brust und ihre heißen Thränen auf meinen Wangen fühlte, durchzitterte mich ein unbeschreiblicher Schmerz. »Sie liebt mich,« dachte ich mir, »und ich –«

Betty schwieg; ihren Kopf auf meine Schulter gestützt, stand sie neben mir.

Da ging der Mond auf, seine silbernen Strahlen beleuchteten weithin die Gegend, und auf der finstern Erde war es weithin wieder hell. Ich schaute Betty an, ihr Gesicht strahlte vor Freude.

»Aber jetzt wirst Du mir doch sagen, was Du leidest, nicht wahr?« sprach sie endlich mit zitternder Stimme.

»Ich leide nicht mehr,« sprach ich, von einer großen, unaussprechlichen Freude hingerissen, die Alles mit ihrem Glanz bedeckte, und drückte meine Geliebte noch einmal an meine Brust. Als wir nach Hause gingen, schwiegen wir, denn unsere Sprache ist zu arm, um solche Gefühle auszudrücken, von welchen wir in diesen Augenblicken erfüllt waren.

Arme Betty, wer hätte damals gedacht, was noch kommen werde! Die Nacht war so still, der Himmel so voll von Sternen, die Seine schlang sich wie ein silbernes Band durch die Stadt, und von den elysäischen Feldern schwebten die süßen Töne nächtlicher Musik wie ein Segen zu uns herüber. Himmel und Erde, oben die Sterne, rings um uns die Millionen Blumen, die aus ihren Kelchen die Düfte des Frühlings ausströmten, Alles war so schön; wer hätte damals gesagt, daß die Natur die letzte Stunde deines Glückes feierte? Glaube doch Niemand an Vorgefühle. Wenn je eine Brust voll Hoffnungen war, wenn je ein weibliches Herz voll Vertrauen am Geliebten hing, so war es das Deinige – und was war Dein Schicksal? Eine schauderhafte Macht spielt mit dem Menschen auf dieser Welt, daß wir so hoffen, und nach so viel Hoffnungen so leiden können!

 

IX.

Mein Leben nahm eine neue Richtung. Was ich, von meiner Leidenschaft hingerissen, gethan, war einmal geschehen, und was für Vorsätze immer ich früher gehabt hatte, jetzt, da Betty sich geliebt glaubte, konnte ich nicht mehr zurücktreten. Oder wenn es dieser Unglücklichen schon einmal beschieden ist, zu leiden, indem früher oder später der Augenblick kommen muß, in welchem sie sich getäuscht sehen und Denjenigen, zu dem sie ein so starkes Vertrauen hatte, als einen niedrigen Menschen erkennen wird; wenn endlich auch sie, wie fast alle Menschen, einsehen wird, daß das Leben ein öffentlicher Garten, in welchem wir frei umhergehen und Alles betrachten können, was uns gefällt, in welchem wir aber nichts unser eigen nennen können: soll ich diesen Augenblick beschleunigen? Ich, der ich die Freude gesehen habe, welche auf diesem Gesicht strahlte, ich, dem sie täglich sagte, daß sie sich glücklich fühle und von ihrem Schicksal nichts weiter verlange, als daß dieses Glück nie schwinden möge? O, wenn Du je gelitten, wenn Du Dich je auf dieser Welt verlassen gefühlt, wenn Du, die Wünsche Deines jungen Herzens fühlend, umhergeblickt und nichts gefunden hast, woran Du Dich klammern könntest, und plötzlich ein heiterer Augenblick kam, und Deine Hoffnungen, von welchen, wie nach einem Sommertag schwere Wolken, Dir nur mehr düstere Erinnerungen geblieben waren, in den Strahlen der unerwarteten Freude wieder glänzend vor Dir stehen und Du wieder zu lieben und zu leben anfingst; wenn Du das unendliche Glück fühltest, welches man – wie die prächtigen Farben des Morgens, nur nach finsterer Nacht – nach der Nacht der Schmerzen sehen kann: dann verdamme meine Schwäche! Ich konnte nicht anders handeln. Ich habe vielleicht gefehlt, es wäre vielleicht besser gewesen, ihr Glück zu zerstören, bevor noch ihr Herz an den Genuß desselben gewöhnt war; aber sie war glücklich: Und wieviel Qualen auch meine Brust zerwühlten, was immer für Leiden mich ferner erwarten mögen: ich kann die Augenblicke nicht verdammen, in welchen ich Diejenige, die ich liebte, glücklich machte.

Liebte ich sie also? Wer kann sagen, daß seine Brust von wahrer Liebe erfüllt sei! Nur unsere Thaten beweisen später, was wir fühlten. Aber daß ich es glaubte, daß unter den Worten, mit welchen ich Betty meine Liebe betheuerte, kein einziges geheuchelt, daß unter meinen Versprechungen keine einzige war, die ich nicht erfüllen wollte, das ist gewiß; und der Einzige, der Alles weiß, der mein Herz in seinen Verirrungen, der die Kämpfe desselben und die unwiderstehliche Leidenschaft gesehen hat, von der es hingerissen war, wird mir meine Sünden vielleicht vergeben. Die einzige Entschuldigung unserer Thaten liegt oft in unserer Geschichte, und wenn Du meine Vergangenheit berücksichtigst, so wirst Du Deinen Freund, wenn auch vielleicht nicht freisprechen, so doch beklagen.

Ich war glücklich. Es gibt nichts Tröstenderes als die Theilnahme eines sanften Frauenherzens. Preise Dein Geschick, wenn Dir ein Freund beschieden wurde, Du kannst dann Deinem Schicksal kühn Trotz bieten; es kann Dich kein so schwerer Schlag treffen, welchen die treue Brust nicht mit Dir theilt, kein Kampf ist so gefahrvoll, in welchem er nicht an Deiner Seite steht, kein Moment so düster, in welchem er nicht Deine Lasten theilt. Wenn Deine Hoffnungen Dich getäuscht haben, so blickst Du auf ihn, den Unwandelbaren, und Dein Herz erfüllt sich mit neuem Vertrauen; wenn die Menschen sich von Dir abwenden, so reicht er Dir die Hand und Du fühlst Dich stark; wenn Alles, woran dein Herz einst hing, verloren ist, so sagt Dir die Thräne in seinem Auge, daß Du nicht arm bist. Verlange von ihm ein noch so großes Opfer, und er wird es Dir nicht abschlagen, verlange sein Vermögen, und es ist Dein, verlange sein Leben, und er ist bereit für Dich zu sterben; Du kannst in den Kämpfen Deines Lebens mit Sicherheit auf ihn rechnen. Aber wenn Du Trost brauchst, wenn Du aus Deinen Kämpfen mit schweren Wunden zurückgekehrt bist, so können nur zarte Frauenhände Deine blutende Brust heilen. Denn gibt es einen Mann, der sein Leben minutenweise aufopfern könnte, der nicht der Begeisterung bedarf, um auf sich selbst zu vergessen? Und sieh', das Weib vermag dies Alles, und darum übt sie auf Deine Leiden eine unwiderstehliche Macht aus. Wenn Du einen Freund besitzest, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, Dich zu trösten, so wird er auf Deine Leiden geradezu losgehen und seine Gründe in untadelhafter, logischer Ordnung vorbringen; er wird Dir sagen, es sei schade zu jammern, Dein Verlust sei natürlich, er sei an und für sich vielleicht gar nicht so groß, wie Du Dir es vorstellst; Du müssest Dich anderswohin wenden, einen neuen Gegenstand aus dem reichen Leben wählen, und Gott weiß, was nicht noch Alles; gibt es doch keinen so großen Schmerz, welchem Diejenigen, die ihn nicht fühlen, nicht hundert mildernde Gründe entgegenstellen könnten – und wenn Dein Freund Alles gesagt und Dich gebeten hat, Du mögest nicht weinen, wenn er Dich an Deine Mannhaftigkeit erinnert hat und dennoch nicht die Last von Deinem Herzen nehmen konnte, so verläßt er Dich und geht weiter – die Frau macht es nicht so. Sie fragt Dich nicht, warum Du weinest, sie klügelt nicht und kämpft nicht gegen Deinen Kummer; aber wenn über Dein Gesicht düstere Wolken hinziehen, so wird die Theilnahme, mit welcher sie auf Dich blickt, Deinen Kummer mildern. Du magst noch so verschlossen sein, so hat ihre Liebe sie gelehrt, zu errathen, in welcher Stimmung Du Dich befindest, und indem sie Alles vermeidet, was Dir weh thun könnte, indem sie Alles hervorsucht, was Dir lieb ist, ziehen ihre zarten Hände gleichsam einen Zauberkreis um Dich, in welchem Du Dich wohlbefindest. Wenn einer der schmerzlichen Augenblicke über Dich kommt, in welchen der Gram mit neuer Kraft erwacht, in welchen unserem Herzen selbst die Nähe unserer Lieben weh thut, so läßt sie Dich allein, und höchstens strahlt Dir aus ihren thränenfeuchten Augen der stumme Trost entgegen, daß sie Deinen Kummer mit Dir theilt. Wenn Dein Herz Jemanden braucht, dem Du Dein Geschick klagen kannst, so ist sie da, und was immer Deinen Gram verursacht haben mag, sie wird es nicht für zu gering achten. Vielleicht versteht sie die Leiden gar nicht, vielleicht scheinen ihr die großen Qualen, über welche Du klagst, unnütz; aber Du leidest, und sie weint mit Dir. Sie lenkt das Gespräch nicht auf einen andern Gegenstand, wenn Du klagst; sie schmäht Das nicht, was Du liebtest, sie tadelt Deine Schmerzen nicht; Dein Herz bedarf der Theilnahme, und sie schenkt sie Dir. Und alle jene kleinen Freuden, welche ihre Liebe für Dich ersinnt, die unaufhörliche Sorgfalt, mit der sie Deine Gefühle schont, die sanfte Wärme, mit der sie sich an Dich schmiegt, ihr Lächeln, wenn sie Dich heiter, ihr Weinen, wenn sie Dich düster findet! – die Tage, an welchen kein Augenblick ist, der nicht Dir gehört, und an welchen Du nicht fühlst, daß Du geliebt bist! – O, wer in seiner Vergangenheit ein solches Wesen besessen und die Berührung der zarten Hände gefühlt hat, welche einen Theil der schweren Last von seiner Brust nahmen, wer das Wunder gesehen hat, welches die Liebe in seiner Brust wirkte, und wofür die Geliebte nichts Anderes wünscht, als daß Du glücklich seist und einige Male im Tage ihr sagest, daß Du sie liebst und daß Du Dich lieben und glücklich machen lassest – wer Alles dies gesehen und erfahren hat und nicht glücklich ist, der beklage sich nicht über sein Schicksal, denn es hat ihm Alles gegeben, was auf dieser Erde einzig und allein beglückend ist; der Engel war an seiner Seite, er brauchte nur ein Herz und er hätte sich im Himmel dünken können.

Der erste Monat, welchen ich mit Betty zubrachte, war die glücklichste Periode meines Lebens, und unter den sanften Berührungen ihrer Liebe nahmen alle meine Gedanken eine neue Richtung. Wenn ich in meiner ärmlichen Wohnung allein war und umherschaute, so sah ich sie in jedem meiner geringsten Möbel; die Blumen, die sie auf mein Fenster gestellt, erinnerten mich mit ihren Düften an sie, meine Bücher hatte sie geordnet, die Stühle hatte sie zurechtgestellt, das Kissen meiner Uhr hatte sie gestickt. Wenn ich des Morgens zu meinem Fenster ging, so lächelten mir ihre erröthenden Wangen entgegen; wenn ich nach Beendigung meiner Geschäfte zu ihr ging, so kam sie mir entgegen und fiel mir um den Hals; wenn wir uns auf einige Stunden trennen mußten und sie mich selbst ermahnte, in's Collegium zu gehen, aber nicht lange auszubleiben, so kam ihr Bild mit mir; und wenn ich des Abends nach Hause kam, so fand ich wieder etwas Neues, und sei es auch nur eine Blume gewesen, die sie mir in's Zimmer gestellt, kurz ich fand immer eine Spur, daß sie dagewesen sei und in meiner Abwesenheit für mich gesorgt habe. Wie dort, wo nach der Volkssage Genien wandeln, jeder Grashalm schöner grünt – so war in meiner Umgebung immer die Spur des Engels zu sehen. Und wenn endlich der Sonntag kam und wir aus den dunklen Gassen der Stadt hinausgingen, in Gegenden, wohin der Lärm der Menge nicht drang, wo nur selten ein einsamer Vorübergehender die Ruhe störte, und die Natur mit dem Frühling allein schöner schien, als unter den künstelnden Händen der Menschen, und wir uns unter einen Baum setzten und in unserem Wonnegefühl in Träumereien versanken – kannst Du Dir ein Glück vorstellen, das unserem glich? O, wer könnte die Augenblicke beschreiben, wo man nicht mehr denkt und noch nicht träumt, und dennoch von Beidem etwas thut; wo die befreite Phantasie tausend Bilder schafft und im Herzen tausend Gefühle sich regen, die man lange nicht auszusprechen wagte; wo das Leben mit all' seinen Reizen vor uns verschwindet und unsere eigene Vergangenheit uns so fremd scheint, als ob wir von ihr nur geträumt oder erzählen gehört hätten; wo in unserer Seele düstere Ahnungen mit heiteren Hoffnungen sich vermengen, und wo wir so selig sind und dennoch so leicht weinen könnten! O, wer kann diese Augenblicke beschreiben? Aber wenn ich, aus meinen Träumereien erwachend, auf Betty blickte und diese heiteren blauen Augen sah, welche, alle Schönheiten der Natur übergehend, an meinem Gesicht hingen, und wenn sie, meine Ergriffenheit theilend, mir ihre zitternde Hand reichte und mich fragte, ob ich glücklich sei, dann war ich es, und indem ich sie an meine Brust drückte, verschwand vor meinen Augen die Erde sammt all' ihrer Bitterniß.

O, und wie hätte ich nicht kühn in die Zukunft blicken sollen? War ich nicht jung, reich und frei? Mein Vater hatte seine Hand von mir gewendet, ich hatte so viele seiner Vorurtheile verletzt, so viele seiner Hoffnungen zerstört, daß ihn keine meiner ferneren Handlungen mehr überraschen konnte; ich war Niemandem auf der Welt über mein Thun Rechenschaft schuldig, und das Urtheil der Welt war mir gleichgiltig; was konnte meinem Glück hinderlich sein? Warum hätte ich nicht das einzige Herz an meine Brust drücken sollen, das mich verstand, das einzige, das für mich schlug?

»O,« dachte ich, »fort von hier aus dem Gedränge dieser unglücklichen Menge! dahin, wo am blauen Horizont die strahlenden Gipfel der Alpen sich erheben und unter den großartigen Wundern der Natur die Brust, die von unsäglicher Freude oder Qual erfüllt ist, sich ruhiger fühlt; dort erschließt sich vielleicht auch für unsere Liebe ein einsames Thal. Abgeschlossen von der Welt, fern von ihrem Treiben und ihren Kämpfen, will ich keinen andern Zeugen meines Glückes haben, als dich, erhabene Natur! Ihr sollt meine Zeugen sein, ihr Berge, bei deren Anblick das Herz des Knaben einst mit Sehnsucht erfüllt wurde; du, donnernd herabbrausender Bergbach, durch dessen mächtige Stimme das Freudengejauchze meines Herzens nicht übertönt werden wird; du blühendes Feld, das noch nie gelogen und jedem Frühling seine Blumen gebracht hat! Nimm mich in deine mütterlichen Arme, heilige Natur, und lehre mich vergessen, was ich unter den Menschen gelitten habe; lehre mich die kalte, berechnende Falschheit vergessen, mit welcher meine Begeisterung aufgenommen, den Egoismus, dessen Opfer ich wurde, die Verleumdung und Verfolgung, deren Gegenstand ich war – lehre mich, mich selbst vergessen, das heißt, was die Menschen aus mir gemacht haben, damit ich wie Wasser, dessen Ruhe lange nicht gestört wird, wieder rein dastehe vor meinem Schöpfer! Wenn aber der Kummer dieser Brust nicht mehr geheilt werden, wenn selbst die reine Flamme der Liebe dieses Herz nicht mehr von seinen Schlacken reinigen könnte: so soll wenigstens der Engel, der mit so viel Liebe an mir hängt, der mir vertraute, mir ohne Rückhalt sein Herz hingab, nie wieder durch die kalten Berührungen der Welt leiden. Ich habe sie rein an mein Herz gedrückt, sie soll auch ewig rein bleiben und strahlen. Nicht mitten in der Straße, von den Vorübergehenden mit Füßen getreten, soll diese Blume duften; die reinen Wellen dieses Lebens sollen nicht über den Schlamm des schmutzigen Daseins dahinfließen; wenigstens sie soll glücklich sein! Du hast Dich mir anvertraut, liebevolles Herz, ich werde Dein Vertrauen nicht täuschen!«

O wäre ich doch meinem Vorsatz treu geblieben!

 

X.

»Endlich sehen wir den Abenteurer!« klang es hinter mir, als ich eines Morgens in den elysäischen Feldern spazieren ging; ich wandte mich um und sah Werner vor mir. »Ich muß gestehen,« sagte er, mir die Hand drückend, »daß nie ein Mensch einen Scherz mit größerem Ernst durchgeführt hat, als Sie; Sie haben sich in die Rolle eines Studenten, oder was Sie sonst für eine Rolle spielen, so gut hineingefunden, daß ich endlich selbst mir kaum vorstellen kann, daß ich mit unserem Gustav spreche.«

Ich kann es nicht sagen, wie unangenehm der Anblick Werner's auf mich wirkte; seitdem ich mit Betty bekannt war, hatte ich ihn nur selten und jetzt seit Wochen gar nicht gesehen; und die kalte und spöttische Art, mit der er von jedem Gegenstande sprach, verletzte jetzt mein Gefühl. Ich erwiderte seinen Gruß und fing an, von gleichgiltigen Dingen zu sprechen.

»Freund,« sagte er endlich, die Phrasen unterbrechend, mit welchen ich von dem letzten neuen Trauerspiel sprach, »wenn ich hätte ahnen können, daß dies die Folge Ihrer Wette sein werde, so hätte ich nie zugegeben, daß sie vor sich gehe. Sie sind für unsere Gesellschaft so zu sagen verloren gegangen; Lafard ist kränklich, seitdem es einen Gegenstand auf der Welt gibt, von welchem er nicht sprechen darf; Arthur hält sich, weil er nicht mit Ihnen sein kann, fortwährend beim Spieltische auf, und indem er stets verliert, könnte er ein Repräsentant von Werthers Leiden sein, in so selbstmörderischer Stimmung ist er; unser Engländer wird täglich dümmer; kurz, wenn das lange so fortgeht, so löst sich unsere Gesellschaft auf, wenn Sie sich nicht unser erbarmen und die sechsmonatliche Frist abkürzen.«

»Ich?« fragte ich ihn verlegen.

»Und wer denn sonst?« erwiderte er gutmüthig.

»Die Wette ist gewonnen, und wir – –«

»Und woher wissen Sie das?« unterbrach ich ihn.

Er lachte. »Woher? Als ob ich Sie nicht gut genug kennte und demnach nicht wüßte, daß Sie einen solchen Spaß nicht lange fortsetzten, wenn Sie in Ihrer Philosophie über Plato nicht hinaus wären; als ob ich Sie nicht etwa kürzlich im Boulogner Wäldchen zwar sehr schlecht gekleidet, aber in sehr schöner Gesellschaft gesehen hätte; als ob ich nicht wüßte, daß Sie in der N.-Gasse Ihrer Geliebten gegenüber wohnen, und als ob – – ich muß gestehen,« sprach er lächelnd, »ich hätte nicht gedacht, daß Sie sich je durch Erröthen verrathen werden.«

Nichts demüthigt den Menschen so sehr vor sich selber als Heimlichthuerei; ich stand verlegen vor Werner.

»Warum kommen Sie so in Verlegenheit?« sprach er, seine dunklen Augen auf mich heftend; »wenn irgend Jemand, so haben Sie gewiß keinen Grund, in Verlegenheit zu kommen, zu erröthen; Sie können in unserem Kreise kühn den Kopf hoch tragen, und während bei unserem Banket unser Alter den Wirth mit einem traurigen Gesicht machen wird, werden Sie auf Ihre Geliebte zeigen und sagen können: »»Seht dieses Mädchen, sie liebt mich um meiner selbst willen, ohne allen Eigennutz;«« und wir werden dieses Gotteswunder mit offenem Mund anstaunen.«

»Und was würden Sie sagen,« sprach ich, schon durch den Gedanken gereizt, »wenn ich, den sie liebt, dem sie sich vertrauensvoll hingegeben hat, sie zum Dank in Ihre Gesellschaft bringen würde; wenn ich, den Ruhm genießend, daß ich im Stande war, ein armes Mädchen mit meinen Lügen zu verführen, sie den rohen Scherzen unserer verderbten Kameraden aussetzen und sie mit den verworfenen Geschöpfen in Berührung bringen würde, welche den weiblichen Theil unserer Gesellschaft ausmachen, und sie so zum Dank dafür, daß sie mich liebt, erniedrigte und mit Füßen träte!«

»Das mag schön und edelmüthig sein,« sprach Werner ruhig, »aber in einem Roman, wo die Wette nur auf dem Papier steht, wäre es vielleicht besser am Platz als hier, wo es sich um tausend Napoleons handelt; der alte Lafard bezahlt die Wette nur, wenn sie Ihre Geliebte in unsere Orgie bringen: und glauben Sie mir, Ihre kleine Grisette würde die Sache nicht so sehr übelnehmen, wie Sie sich es vorstellen; sollte sie aber ein wenig böse sein, so geben Sie ihr das gewonnene Geld, und Alles ist in Ordnung.«

Ich kann nicht sagen, wie sehr die kalte Ruhe mein Gefühl verletzte, mit der Werner von der ganzen Sache sprach. »Und habe ich Ihnen nicht gesagt,« erwiderte ich endlich, »daß das Mädchen mich liebt und daß dies Alles unmöglich ist?«

»Möglich, daß sie Sie liebt,« entgegnete er ruhig; »ich verneine nichts; es gibt Mondsüchtige, Schlafwandler, Verliebte, und wenn ein so armes Mädchen, die vielleicht ein paar Romane gelesen und ihre Phantasie aufgeregt hat, sich verliebt, so ist daran gar nichts Wunderbares; aber wenn Sie glauben, daß Betty in den Studenten verliebt sei und nicht eben so gut wisse, wie wir Zwei, mit wem sie es zu thun habe, so ist es meine volle Ueberzeugung, daß Sie sich täuschen; und ich glaube, daß Ihre Geliebte in Ihren Augen nichts verloren hat, wenn sie daran dachte, daß Derjenige, der sie besitzt, reich und ein Graf ist; solche Mädchen sind viel klüger, als wir gewöhnlich glauben.«

»Aber woher vermuthen Sie, daß Betty meinen Namen weiß?« fragte ich gespannt.

»Woher?« erwiderte er lächelnd. »Das ist wieder ein Beispiel davon, daß alle unsere Erfahrung nichts nützt, wenn sie mit unseren Wünschen in Widerspruch ist. Und wie können Sie denn aber auch denken, daß Betty Ihren Namen nicht weiß? – Sie leben seit Jahren in dieser Stadt, Ihre Equipagen, Ihre Pferde gehören zu den schönsten; Sie sind einer der beliebtesten Menschen unserer Salons, und Sie glauben, daß Sie unerkannt bleiben konnten? Ist es nicht wahrscheinlich, daß Betty Sie einmal auf den Champs-Elysées reiten gesehen, sich nach Ihrem Namen erkundigt oder denselben zufällig gehört habe? Oder wenn dies nicht der Fall ist, kann sie nicht, seit sie mit Ihnen geht, von einer ihrer Freundinnen gehört haben, wer unter der Maske des bescheidenen Studenten steckt? Sagen Sie selbst, ist das nicht wahrscheinlich? Wird meine Ansicht nicht schon durch die Nachgiebigkeit gerechtfertigt, mit welcher sie Ihre Wünsche erfüllte und binnen einigen Wochen die Ihrige wurde? Ein armer Student hätte Monate lang seufzen müssen. Sie kamen und siegten, wie Cäsar; was ist natürlicher, als daß das arme Mädchen sich geehrt fühlte, und daß sie, von Ihrer Liebe überzeugt, welche der romantische Anstrich Ihrer Annäherung wahrscheinlich machte, vielleicht deshalb keinen Widerstand leistete, weil sie sich zu den größten Hoffnungen berechtigt fühlte?! O, was können Mädchen nicht Alles hoffen!«

Werner's kaltes Raisonnement that meinem Herzen weh, und dennoch sagte mir ein inneres Gefühl, daß er Recht habe. Die Täuschungen meines Lebens haben mich mißtrauisch gemacht, und wenn ich auch gegen den Gedanken ankämpfte, so fing mein Vertrauen doch an zu schwanken.

»Doch,« fuhr Werner fort, »wenn ich mich gegen alle Wahrscheinlichkeit getäuscht haben sollte, wenn Betty's Unschuld über jeden Zweifel erhaben ist, wenn sie nie ihr Auge auf einen Cavalier geworfen, wenn sie nie nach dem Namen eines jungen Menschen gefragt hat, ja wenn alle ihre Freundinnen eben so unschuldig sind wie sie, und unter ihrer ganzen Grisetten-Bekanntschaft keine einzige ist, die ihr Ihren wahren Namen sagen könnte: glauben Sie, daß sie, wenn sie der Täuschung einmal inne wird und der arme Student als reicher Graf vor ihr steht, untröstlich sein würde? Daß sie nicht, außer sich vor Freude, Ihnen um den Hals fallen und vor Entzücken lachen und weinen zugleich, daß sie Sie nicht hundertmal mehr lieben werde als früher? Glauben Sie mir, Geld ist einer der Fehler, die man Jedem verzeiht, und wie romantisch Sie auch denken mögen, es gibt Wenige, die, wenn sie unter ihrem blühenden Felde plötzlich eine Goldgrube entdecken, ihren früheren Besitz für schlechter halten.«

»Sie kennen Betty nicht,« sprach ich übelgelaunt; »aber wenn ich das voraussetzen könnte, würde ich sie verachten.«

»Daran würden Sie schlecht thun!« entgegnete er ruhig. »Die Liebe ist nichts Anderes als die Summe der Hoffnungen, die man mit dem Besitz einer Person verbindet. Wenn Sie eine Frau sehen, die schön, reich, geistvoll, von Vielen bewundert ist, kurz eine Frau, deren Besitz Genuß und Neider verspricht, die Ihren Sinnen und Ihrer Eitelkeit schmeichelt, so werden Sie sie lieben; nehmen Sie von diesen Vorzügen einen weg und Ihr Gefühl für sie ändert sich; ändern Sie nur ihren Namen, ihren Ruf oder gar nur den modernen Comfort, welcher sie umgibt, und obwohl die Person dieselbe geblieben ist, wird Ihre Liebe doch schwächer sein; und glauben Sie, daß Frauen nicht eben so denken wie wir, und daß der äußere Glanz, der uns veranlaßt, zu lieben, sie unempfindlich lasse? – Sie halten sich für geliebt und sind glücklich. Aber wie groß auch die Liebe Ihrer kleinen Grisette sein möge, glauben Sie, daß mit ihrer Liebe keine Hoffnungen verknüpft seien? Und sie hegt gewiß Hoffnungen. Sie sind jetzt Hörer der Rechte, Sie werden Advocat oder Notar, und ein jährliches Einkommen von einigen hundert oder tausend Francs verschafft Ihnen Beiden die Bequemlichkeiten einer bürgerlichen Existenz, und das ist es, was Betty hofft, was sie mit ihrer Liebe verknüpft. Wenn sich ihr nun anstatt dieser bescheidenen Hoffnungen auf einmal alle die Genüsse in Aussicht stellen würden, die Ihr Vermögen möglich macht: anstatt einer einfachen bürgerlichen Wohnung glänzende Salons, Equipagen, Bediente, eine Loge in der Oper, Kleider und Hüte nach Herzenslust – würde dieses kleine Mädchen, das von diesen Dingen hundertmal im Leben träumte und das Alles für ein um so größeres Glück hielt, in je weiterer Ferne sie davon stand, sich nicht freuen, wenn sie es erreichen würde? Würde sie sich am Arm ihres Grafen nicht glücklicher fühlen als am Arm des vermeintlichen Studenten? – Wir sind Alle Kaufleute, alle unsere Handlungen haben einen Preis; sei es in Geld, Ruhm, Befriedigung der Sinne oder ein eingebildetes Gut, wofür wir etwas thun, gleichviel, aber gewiß ist, daß wir nichts umsonst thun; und würde sich dieses kleine Mädchen, das sich für eine so armselige Zukunft hingegeben hat, nicht freuen, wenn sie auf einmal einen um so viel größeren Preis erhielte? Würde sie nicht ihr Geschick preisen, daß sie sich in diesem Leben, welches für Alle eine so große Rechnungsaufgabe ist, nur insofern getäuscht hat, daß für sie mehr herauskam, als sie berechnete?«

»Wenn Sie Betty kennen würden,« sprach ich immer mißmuthiger, »so würden Sie nicht so sprechen. Dieses Wesen ist zu edel, um rechnen zu können, wenn sein Herz einmal gesprochen hat.«

»Ich zweifle nicht an ihren Vollkommenheiten,« erwiderte Werner, und ein spöttisches Lächeln schwebte um seine Lippen; »das Ideal der weiblichen Vollkommenheiten ist, wie das Perpetuum mobile, schon hunderttausendmal erfunden worden und wird, was immer die gemeine Menge sagen mag, auch nach uns noch hunderttausendmal erfunden werden. – Ihre Betty mag ein Engel, ein vollkommener Engel sein. Sie hat sich vielleicht aus Gott weiß was für alten Büchern eine arkadische Glückseligkeit zusammengelesen, ein Strohdach, schwarzes Brot und Wasser, und dazu zehn schreiende Kinder sammt Allem, was zu einem solchen Himmelreich gehört; sie weiß nicht, daß aus dem kleinen Senfkorn der Liebe zuweilen ein Baum wird, groß und hoch genug, daß man sich daran aufhängen könnte; sie ahnt nicht, daß die Ehe eben nur der Einband der Liebe ist, durch welchen sie wie das Buch, wenn eingebunden, beschnitten und merklich kleiner wird; sie hat nie von glücklichen Eheleuten die wunderbare Erfahrung gehört, daß die Liebessonne, deren Aufdämmern so schön war, sobald sie einmal am Himmel der Ehe aufgegangen ist, so prachtvoll strahlt, daß Dem, der darauf hinsieht, die Augen übergehen; ich gebe zu, daß ihr das Alles unbekannt, unglaublich ist, oder war, als sie nach Paris kam; aber wie lange kann das dauern? Wie lange kann das in der Prosa dieser Stadt währen, wo jeder hochfliegenden Phantasie eine positive Nothwendigkeit entgegentritt, und, wenn nichts Anderes, der hungrige Magen Jeden nüchtern macht? Voll Hoffnungen, betritt der Jüngling diese Stadt; sein Kopf hegt, wie er glaubt, große Gedanken, sein Herz, wie man zu sagen pflegt, erhabene Gefühle; wenn Frankreich einen Mirabeau oder einen Napoleon, wenn die Welt einen neuen Erlöser brauchte, er würde sich dazu berufen dünken. – In seiner kleinen Geburtsstadt galt er als Genie, in der Hochschule war er der Erste, unter seinen Geschwistern war er Derjenige, von welchem man das Meiste erwartete, und zu Hause entwarf er sich einen schönen Plan und bezeichnete im Voraus den Weg, welchen er gehen werde. Er kommt nach Paris, und wohin er sich nur wendet, überall klingt ihm eine Stimme entgegen: »»Verkaufe Dich, verkaufe Deine Seele, das ist: Deine Ueberzeugung, Deinen Glauben, Deine Hoffnung und woran Du liebend hängst; verkaufe Alles unter der Hand, insgeheim oder im Wege jener Versteigerung, in welcher unsere Parteien einander in Versprechungen überbieten; verkaufe Dich, und es wird Dir wohl ergehen, Du bekommst für Deine Ueberzeugung Bezahlung, für Deine Ehre ein Ordensband, anstatt der großen Hoffnungen, welche Du Dir von Deiner Nation machtest, ein kleines Glück für Dich; wenn Du das nicht thust, so bleibe ehrlich und stirb Hungers.«« Rein und voll Hoffnungen betritt das Mädchen diese Stadt; sie fühlt, daß keine Liebe so groß sei, die ihr Herz nicht erwidern, kein Opfer so groß, daß sie es nicht bringen könne; halb aus den Erinnerungen ihrer Kindheit, die sie im Kreise ihrer Mutter zubrachte, halb aus ihren Wünschen gestaltet, ist die Zukunft, die sie sich vorstellt, heiter und beglückend. »»Verkaufe Dich,«« schallt es ihr in's Ohr, sobald sie die Gasse betritt; »»verkaufe Deinen schönen Leib, umfasse den greisen Lebemenschen mit Deinen jungen Armen, erwärme seine zitternden Lippen mit Deinen Küssen, heuchle ihm Liebe, damit seine geschwächten Sinne erglühen; wir geben Dir für die reine Hülle Deiner Unschuld moderne Kleider, anstatt häuslichen Glückes Theater, Gastmahle, Equipagen und Bediente; und überdies bleibt Dein Herz Dein, Niemand braucht es; wenn Du das nicht thust, so bleibe unschuldig und hungere!‹ Und wie viele Jünglinge und Mädchen gibt es, die diesen guten Rath nicht befolgten? Und Sie glauben, daß Diejenige, die Sie Ihre Geliebte nennen, von den Berührungen dieser Gesellschaft rein geblieben sei? Daß hier – wo man nicht weiß, ob die Frau, die dort in der modernen Equipage vorüberfährt, sich nicht ihrem verhaßten Manne verkauft habe, blos um mit seinem großen Namen zugleich ein reichliches Auskommen zu gewinnen, und ob dieses Mädchen, das da vorübergeht, nicht noch heute einen Käufer findet – nur Betty rein bleiben werde? Als ob man in diesem Koth nur einen Schritt weit gehen könnte, ohne sich zu beschmutzen!«

Werner's Worte machten einen tiefen Eindruck auf mich, und obwohl in meinen schönsten Gefühlen verletzt, konnte ich doch nicht ohne Mitleid auf diesen Mann sehen, dessen bittere Rede vielleicht nur der letzte Tropfen jenes bitteren Kelches war, welchen er bis auf den Grund geleert hatte. »Sie müssen traurige Erfahrungen gemacht haben!« sprach ich endlich. – »Möglich,« sagte er mit bitterem Lächeln, »möglich, daß die verliebten Seufzer, zu welchen in meiner Jugend auch diese Lippen sich öffneten, mich, wenn auch nicht zum gewöhnlichen Jammer der Ehe, doch wenigstens zu der traurigen Ueberzeugung gebracht haben, daß wir in der Jugend in einer Stunde mehr Glück hoffen, als wir später in unserem ganzen Leben erreichen; möglich, daß ich einer Derjenigen bin, denen von ihren Freuden nur traurige Erfahrungen geblieben sind; möglich, daß mein Herz, welches beim Eintritt in's Leben dachte, man könne nichts gewinnen, wenn man nichts auf Credit gibt, durch sein übertriebenes Vertrauen bankerott wurde, oder daß ich, gleich dem Bergmann, der von den gelben Adern des Goldberges so viel erwartete, und schließlich am Boden des Schmelztiegels nicht einen Tropfen Gold findet, das nicht erreicht habe, was meinen Hoffnungen entsprechen könnte, oder daß ich in dieser Weltstadt, wo Jedermann nur Käufer sucht, den wahren Sinn mancher erhaben klingenden Worte und den wirklichen Werth mancher erhaben scheinenden Dinge besser kennen gelernt habe; aber Eines weiß ich, und nehmen Sie es als Rath an: Die Liebe ist eine Poesie, welche verschwindet, oder eine Lüge, der wir endlich auf den Grund kommen, sie ist nie etwas Wahres; ein Thor ist Jeder, der für die Liebe etwas thut, oder unterläßt.« Und hiermit trennten wir uns.

 

XI.

Selten denken wir daran, was wir mit unseren Reden thun; das Wort ist ein Samenkorn, das wir unüberlegt ausstreuen; wenn wir zuweilen ahnten, wohin wir es geworfen, wenn wir wüßten, wie das Wort, das wir im Augenblick der Aufregung ausgesprochen haben, in einer empfänglichen Menschenbrust keimen und wachsen kann: wir würden schaudern. Werner ahnte gewiß nicht, daß er mit seinen Worten mein Glück zerstöre, und dennoch war es so.

Das Vertrauen zu Betty's Liebe hat mich glücklich gemacht; mein Leben hatte dadurch eine neue Richtung gewonnen; ich hatte wieder gehofft und mich gefreut, wie in schöneren Tagen. Aber dieses Gespräch erweckte in mir Zweifel, Mißtrauen und zerstörte mein ganzes Glück. – Was nützte es, daß Betty liebevoll und freundlich war wie vordem, daß sie, sobald sie meine Düsterkeit bemerkte, alle meine Wünsche mit verdoppelter Sorgfalt erfüllte, ja daß ich bei diesem kindlich lächelnden Gesicht zuweilen Alles vergaß und mich auf Augenblicke wieder glücklich fühlte; mein Herz hatte seine ruhige Sicherheit verloren, und die geringste Gelegenheit, das unschuldigste Wort erweckte in mir neue Zweifel. – Ich haßte Werner, hundertmal sagte ich mir selbst, daß auf dieser Welt nur die Guten einander verstehen können, und daß dieser herzlose Mensch meine Betty gar nicht beurtheilen könne, daß seine bitteren Reden nur seine eigene Verderbtheit beweisen – vergebens! Wenn Betty zuweilen in ihrer unschuldigen Unwissenheit das Glück der Reichen pries, oder wenn sie von ihrer Freundin sprach, die mit einem ausländischen Fürsten Bekanntschaft gemacht hatte und glücklich war, das heißt in Equipagen fuhr und täglich ausgehen konnte, so schien mir Alles, was Werner sagte, gewiß, und die ganze Liebe des armen Mädchens war nicht im Stande, mir mein Vertrauen wiederzugeben. – So wie der Stein, der in's Wasser fiel, selbst wenn die durch ihn erregten Wellenkreise sich bereits geglättet haben, eine trübe Stelle zurückläßt, so hatte mein zum Zweifel geneigtes Herz, einmal gestört, seine heitere Ruhe auf ewig verloren.

Bis dahin wußte Betty noch gar nichts, und obschon ich, von meinen Zweifeln gequält, jeden ihrer Schritte mit Späheraugen verfolgte und über das unschuldigste Wort Stunden lang grübelte, so hatte ich doch keinen Grund zu denken, daß sie auch nur etwas ahne. Eines Tages ließ ich zufällig Briefe auf meinem Tisch, in welchen mein wahrer Name und meine Adresse stand; sie fragte mich, aber ich sagte ihr, daß diese Briefe an einen jungen Mann gerichtet seien, dessen kleine Geschäfte und Correspondenzen ich besorge, und sie war befriedigt. Ich fing schon an, die ganze Lächerlichkeit meines Verdachtes einzusehen, als endlich ein Zufall mein Geheimniß offenbarte.

Mein Vater hatte Geschäfte in der Hauptstadt, aber da ihn seine Krankheit zurückhielt, so wurde das Ganze mir aufgetragen. Der Brief, in welchem mein Vater mir diesen Auftrag gab, war höflich und kalt; er bat mich um Vergebung, daß er mich bemühe, und versprach mir, daß er mich ferner nicht belästigen werde; kurz aus jeder Zeile war zu ersehen, daß wir einander fremd geworden waren. Doch je mehr ich fühlte, daß ich diese Behandlungsweise von meinem Vater verdient habe, desto mehr Fleiß wollte ich zur Ordnung dieser Angelegenheiten verwenden, und so lebte Betty eine Zeit lang allein. Ich ging zu allen Ministerien, ich besuchte die einflußreichsten Personen, und endlich ging ich, um noch sicherer zu sein, in die Tuilerien. Zu meinem Unglück machten mit mir zugleich einige Parlamentsmitglieder ihre Aufwartung, und als ich nach Beendigung meiner Angelegenheit herabkam, drängte sich bei der Thür eine ganze Menge von Zuschauern; Du kannst Dir meine Ueberraschung vorstellen, als ich, über die Menge hinschauend, auf einmal Betty erblickte, die erstaunt ihre Augen auf mich geheftet hielt. Meine Kutsche kam, ich weiß nicht warum, nicht sogleich herbei, und so mußte ich dort stehen, während Einzelne, die vor mir in ihre Wagen stiegen, mich grüßten, Andere sich mit mir in ein Gespräch einließen, und so Betty, die mich unverwandt ansah, Zeit ließen sich vollkommen zu überzeugen.

Ich fühlte, daß es unmöglich sei, meine Rolle weiter zu spielen; ich fuhr daher direct zu meiner kleinen Wohnung und wartete in meinem Zimmer, auf- und abgehend, ohne meine Kleidung zu ändern, auf meine Geliebte. Nach kurzer Zeit kam sie; erwarte nicht, daß ich diese Scene schildere. Ich bin Zeit meines Lebens ein schlechter Beschreiber gewesen, denn jeder Gegenstand läßt mich entweder gleichgiltig, oder regt mich so sehr auf, daß mir nach der Entfernung desselben nichts bleibt als meine Empfindungen; aber daß ich nie ein glücklicheres Geschöpf gesehen habe, als in diesem Augenblick Betty es war, daß dieses liebe Mädchen mir niemals schöner geschienen hatte, als in der Aufregung dieser grenzenlosen Freude, das kann ich sagen; und glaube mir, dieser Augenblick gehört zu den schönsten Erinnerungen meines Lebens.

Anfangs war sie verlegen; meine Uniform, mein Titel, die neue Stellung, in der ich vor ihr stand, gaben meiner Person ein so fremdes Ansehen, daß sie in den ersten Augenblicken gar nicht wagte, sich mir zu nähern und erröthend und mit zitternder Stimme mich Herr Graf nannte; aber als ich sie im gewohnten Tone bei ihrem Namen rief und ihr wie sonst mit offenen Armen entgegenkam, da kannte ihre Freude keine Grenzen, und indem sie mir an die Brust sank, drückte sie nur durch einen Strom von Thränen aus, was sie empfand. Ich war tief gerührt. »O mein Gott,« schluchzte sie endlich und heftete ihren freundlichen Blick auf mich, »wie habe ich das verdient? Was bin ich, daß Du Dich zu mir herabgelassen hast? Du, der Du ein Graf bist und reich, der Du zum König gehen kannst, den alle jene Herren und Damen grüßen, und der Du dennoch mich armes Mädchen lieben konntest! Du hast Kutschen, Bediente, Gott weiß was für einen prächtigen Palast, und hast Alles verlassen und Monate lang in diesem kleinen Zimmer gewohnt, bei schlechten Möbeln, ohne Gesellschaft und ohne Freunde und Alles das meinethalben. O Gustav, ich bin unendlich glücklich!«

Ich war es ebenfalls, und das war die letzte reine Freude, die ich in ihrer Gesellschaft genoß. Durch diese unerwartete Entdeckung änderte sich mein Verhältniß zu Betty. Das ruhige Glück, welches ich bis dahin in meiner bescheidenen Wohnung gefunden hatte, konnte nicht länger dauern; anstatt der Freuden, welche der arme Student genoß und darbot, mußten andere Verhältnisse eintreten; was für Verhältnisse, das konnte ich damals noch nicht wissen, aber es war mein fester Entschluß, Betty niemals der Berührung der verderbten Gesellschaft auszusetzen, in welcher ich früher gelebt hatte.

Ich miethete daher eine Landwohnung und brachte meine Geliebte dahin. Die Wohnung war bequem; einige modern möblirte Zimmer, ein hübscher Garten mit Blumen, von unserer Terrasse eine heitere Aussicht auf die Seine, vor unseren Fenstern grüne Felder und Gärten, kurz Alles, was zur Annehmlichkeit einer Landwohnung erforderlich ist; denke Dir dazu meine Pferde, meine Bedienten und mein ganzes Haus, welches Betty mit königlicher Pracht ausgestattet schien, und Du wirst glauben, daß sie sich in einem Paradiese dünkte; und obschon weit entfernt von ihrem Entzücken, war auch ich in den ersten Tagen zufrieden. Wie hätte ich es denn nicht sein sollen, wenn ich die unschuldige Freude sah, mit welcher dieses liebe Mädchen auf ihre neue Umgebung blickte, das Entzücken über die Aussicht ihrer Fenster, das Staunen, wenn in unserem Garten eine ihr unbekannte Blume oder an der Wand ein ihr neues Bild ihre Aufmerksamkeit auf sich zog, die kindische Befriedigung, mit welcher sie bald die Möbel unseres Hauses, bald ihre Kleider betrachtete, kurz die unaufhörliche Glückseligkeit, die ihr ganzes Wesen umstrahlte. Es gibt kein beglückenderes Gefühl, als wenn wir ein Glück sehen, dessen Urheber wir sind, und wenn ich auch Betty nie geliebt hätte, so würde der Umstand, daß ich sie so glücklich machte, sie mir eine Zeit lang lieb gemacht haben. Zuweilen schien ihre Freude übertrieben, ich dachte an Werner und begann auf Betty fast böse zu sein; aber wenn ich wieder bedachte, daß alles das, was Gewohnheit mich verachten gelehrt hat, ihr vor einigen Tagen noch unerreichbar schien; wenn sie mir mit lächelndem Gesichte entgegentrat, und bald zu einer Statue, bald zu einem Bild mich führend, mich nach der Bedeutung dieser ihr neuen Gegenstände fragte, und nachdem ich ihr dieselbe gesagt hatte, mir um den Hals fiel und dankte: so war ich, wenigstens anfangs, befriedigt. Aber nachdem Wochen vergangen waren, ohne daß sie etwas geändert hätte, als Betty in ihrem neuen Kreise sich immer heimischer fühlte und ihre Gespräche sich nur um das Theater, in das wir allabendlich gingen, um unsere Spaziergänge oder gar um ihre Kleider drehten, fingen diese Freuden, an welchen ich nicht theilnehmen konnte, an, mich zu langweilen. Ich verglich die Gegenwart mit den ersten Tagen unserer Bekanntschaft, um wie viel glücklicher war ich damals gewesen! Wenn ich nach einer Abwesenheit von mehreren Stunden nach Hause kehrte und sie mir jauchzend vor Freude um den Hals fiel, so konnte ich sie ganz mein nennen; in ihrer Seele war kein einziger Gedanke, dem ich nicht die Richtung gegeben hätte, keine Empfindung, die nicht von mir sprach; wenn ihr Gesicht vor Freude strahlte, so konnte ich mir sagen: diese Freude hat sie Dir zu verdanken; wenn sie vor der Zukunft sprach und das hoffnungsvolle Herz ihr heitere Bilder vorzauberte, so war ich der Künstler, unter dessen Berührung alle Saiten ihres Herzens erklangen, war ich der Gott, der ihrem Herzen ein Eden geschaffen! Und jetzt! Wie viele Gegenstände, wie viele fremde Interessen standen zwischen uns! Ihren Geist beschäftigte das gestrige Trauerspiel, Bücher, Blumen, Kleider, Pferde, und ihre Dankbarkeit für dieses Alles konnte mir das, was ich verloren, nicht ersetzen.

Alle sind wir eifersüchtig; nicht allein, weil Derjenige, der ein ganzes Herz hingibt, mit Recht dafür ein ganzes verlangen kann, und sich betrogen glaubt, wenn was immer, und sei es noch so gering, einen Theil des Herzens seiner Geliebten in Anspruch nimmt, sondern auch, weil wir Alle hochmüthig sind. Unserer Ansicht nach kann die Frau, die wir mit unserer Liebe beehrten, sich so glücklich fühlen, daß in ihrem Herzen keine andere Freude mehr Raum finden kann; und unter Tausenden von uns ist kaum Einer, der es seiner Geliebten nicht übel nimmt, wenn sie an noch etwas hängt. – Ich wurde mißmuthig.

In allen Dingen ist nur der erste Schritt schwer, sagt ein Sprichwort, und das bewahrheitet sich vielleicht nirgends mehr, als hinsichtlich der Fehler unserer Geliebten. Nur den ersten finden wir schwer, ist aber dieser einmal gefunden und der Nimbus zerstört, zufolge dessen wir unsere Geliebte für vollkommen hielten, so bemerken wir bald eine ganze Schaar von Fehlern; so war es auch bei mir. Die Zeit war dahin, in welcher mir Betty ein Engel geschienen hatte, und mit spähenden Augen verfolgte ich das Geringste, was sie that, und sobald ich nur einen Fehler für möglich hielt, fand ich schon deren tausend. Wenn ich, aus der Stadt zurückkehrend, ihr ein neues Kleid oder ein Geschmeide mitbrachte und unter allen meinen Geschenken dieses ihr am liebsten war; wenn sie mit dem neuen Kleide zum Spiegel ging und von dort zu mir, und mich zehnmal fragte, wie es ihr stehe, und sie dann wieder zum Spiegel zurückkehrte und mit kindischer Freude ihren neuen Putz betrachtete; kurz, wenn sie sich so benahm, wie alle Mädchen in solchen Fällen, von der Dreijährigen angefangen, die mit einem Seidenbändchen einherstolzirt, bis zu der Braut, die, in ihrem prächtigen Hochzeitskleide vor dem Spiegel stehend, selbst auf ihren Bräutigam vergißt, so dachte ich mir, sie ist eitel; wenn wir ausfuhren und sie sich über nichts mehr freute, als wenn wir vielen Menschen begegneten und sie von Vielen gesehen wurde, so verdammte ich ihren Hochmuth; wenn sie allen meinen Wünschen nachkam, wenn sie meine jetzt täglich wiederkehrende üble Laune ruhig ertrug und ohne den geringsten Widerspruch Alles that, was ich wollte, so dachte ich: »Hätte sie das wohl auch früher gethan, als sie mich noch für arm hielt? Und ist diese Nachgiebigkeit nicht selbstsüchtigste, niedrigste Berechnung?« Oder wenn die Unglückliche endlich gar sagte, sie habe mich seit unserem ersten Zusammentreffen für mehr gehalten, als was ich schien, es habe ihr eben das Vornehme gefallen, das aus jeder meiner Bewegungen hervorblickte; oder daß ihre Tante ihr im Vorhinein ihre Zukunft prophezeit habe, indem sie ihr stets sagte, sie werde einst in schönen Kutschen, schön gekleidet, reich geschmückt und von Bedienten begleitet, ausfahren: so schien mir Alles, was Werner gesagt hatte, richtig. Ich hielt mich für betrogen, oder war wenigstens überzeugt, daß Betty in jener Zeit, als sie mich noch für einen armen Studenten hielt, mich verlassen haben würde, wenn sich ihr ein reicherer junger Mann angeboten hätte und ich blickte fast mit Verachtung auf das arme Mädchen, das, nichts ahnend, ihre unglücklichen Worte ganz ruhig sprach.

Sie war gegen mich zärtlich und liebevoll wie vordem; aber jetzt hatte auch ihre Schönheit in diesem neuen, ihr so fremden Kreise ihren Reiz verloren. Einst, als sie noch im einfachen Kleide vor mir stand, ohne allen Schmuck, denjenigen ausgenommen, den der Himmel selbst für dieses lächelnde Gesicht geschaffen, schlug mein Herz laut vor Freude. O, wie schön, wie reizend war sie so! Die duftenden Blumen zwischen ihren dunklen Locken, die unschuldige Freude, die ihr ganzes Wesen erfüllte, der unwiderstehliche Zauber in jedem ihrer Worte, in jeder ihrer Bewegungen – sie fesselten mich, und das Herz ging mir auf, so oft ich sie sah. Und jetzt! Die Haare nach der letzten Mode coiffirt, das Kleid nach dem letzten Schnitt, mit allerlei Kostbarkeiten geziert und geschmückt, verschwand ihre Schönheit unter dem schlecht gewählten Modegemenge; und überdies, wie viel gekünsteltes Wesen in jeder ihrer Bewegungen, wie viel Streben nach den Formen der großen Welt, wie viel Selbstzufriedenheit, so oft sie ihre aufgeputzte Person im Spiegel sehen konnte! O, mein Freund, ich hätte weinen mögen über diese Veränderung; sie schien mir in diesen Modekleidern erniedrigt, schmählich gesunken.

Alles kann man heucheln, nur nicht Liebe; oder wenn wir auch mit unseren Empfindungen die Welt täuschen können, die Frau, die wir einst liebten, bemerkt die Veränderung; der Ton unserer Worte, unser Blick, unser Reden und selbst unser Schweigen sagt es ihr, und wenn auch die Welt sich täuscht, die Geliebte wird sich über unsere Empfindungen nicht täuschen. Und so hatte Betty, trotz aller Dienstfertigkeit, mit der ich jeden ihrer Wünsche erfüllte, längst die Veränderung bemerkt, die mit meinem Herzen vorgegangen war, und ohne den Grund davon zu ahnen, wollte sie die Wolken, die sich an unserem heiteren Himmel zusammengezogen, nur durch vermehrte Zärtlichkeit zerstreuen. Aber wer vermag die Trümmer der Liebe wieder aufzurichten? Die Liebe gleicht den aus einem einzigen Faden verfertigten Geweben; sobald eine Masche gelöst ist, geht das ganze Gewebe desto mehr auseinander, je mehr man daran zerrt; die Wunden der Liebe sind unheilbar, und Betty machte mich mit all' ihrem Bemühen nur noch mißmuthiger. Sie ließ in ihrem Streben, meinen Mißmuth zu zerstreuen, nicht nach; die Kälte, mit der ich zuweilen ihre Zärtlichkeiten aufnahm, meine bitteren Antworten auf ihre unschuldigsten Fragen, meine Langweile, wenn wir beisammen waren – Alles ertrug sie, sie schien immer heiter und glücklich. Allein eben diese unschuldige Verstellung erweckte meinen Verdacht. Das heitere Lächeln ihrer Lippen konnte den tiefen Kummer ihres Herzens nicht verbergen. Wenn ich zuweilen unvermuthet in ihr Zimmer trat, und sie sich abwendend ihre Thränen trocknete und mich dann mit noch so heiteren Worten empfing, so wußte ich doch, daß sie gelitten habe, und diese eine Täuschung verdarb ihre ganze Natürlichkeit. Seitdem sie sich zur Freude zwang, schien Alles, was sie that, gezwungen, und ich wurde in meinen Zweifeln immer mehr bestärkt.

»Ist das nicht Falschheit?« dachte ich mir; »sie kann doch nicht zufrieden sein; sie hat bemerkt, daß ich sie nicht mehr liebe, und alle diese Freude, die sie heuchelt, ist Verstellung. Doch warum duldet sie dies Alles? Warum heuchelt sie? – Weil ich reich bin, weil ihre glänzende Lage ihr gefällt, weil sie an ihren Kleidern und an ihrer Lage Freude findet, weil sie sich verkauft hat!« – Dieser Gedanke erbitterte mich.

Betty that Alles, wodurch sie glaubte, meine Gunst wieder gewinnen zu können; sie bemerkte, daß ihr übertriebener Putz mir unangenehm sei, und kleidete sich wieder einfacher; sie ahnte, daß die Unterhaltungen, an welchen sie mit kindischer Freude hing, mich langweilten, und sie gab sie auf; aber was nützte das Alles? Wenn wir Abends allein waren und in unserem beleuchteten kleinen Salon nebeneinander saßen und mit einander sprachen, so langweilte ich mich; meine Liebe war verschwunden, und mit ihr Alles, was mir Betty's Gesellschaft interessant machen konnte. Unwillkürlich tauchte in meiner Seele Juliens Bild auf, und wenn ich die geistvollen Gespräche der gebildeten Frau mit dem Geschwätz dieses kleinen Mädchens verglich, und in der Erinnerung an die seligen Abende, die ich in der Gesellschaft jenes ausgezeichneten Wesens zugebracht, die Leere der gegenwärtigen Augenblicke fühlte: so wurde mir Betty zuweilen unerträglich. Sie sprach von unserem ersten Zusammentreffen, von den ersten Tagen unserer Liebe; aber diese Reden, die mir einst so angenehm waren, hatten jetzt ihr Interesse verloren, und wenn sie mir zuweilen die Hand reichte und mich fragte, ob ich sie noch liebe, und ich aus Erbarmen ja sagte: so erbitterte mich der Gedanke, daß ich log, daß ich lügen mußte.

Betty verlor noch nicht die Hoffnung. Sie kannte meine Liebe zu Julien, und wenn ich deren Vorzüge erwähnte, so fing sie stets an, seufzend von ihrer Unwissenheit zu sprechen; sie wollte auch gebildet werden. Sie nahm sich Meister, und Du kannst Dir nicht vorstellen, wie fleißig sie war. Wenn ich in ihr Zimmer trat, so fand ich sie am Clavier oder mit Büchern beschäftigt; sie lernte, las, klimperte von Früh bis Abend, und mein Leben wurde eine neue unbeschreibliche Qual. Wenn Du nur einmal die langen wissenschaftlichen Gespräche gehört hättest, in welchen dieses arme Mädchen ihre schwer erworbenen Kenntnisse auskramte, Rom mit Hellas vermengte, alte und neue Dichter, sämmtliche Theile der Welt in einem chaotischen Dunkel, bald ein unrichtiges Citat, das sie auswendig gelernt hatte, bald seltsam verdrehte Daten mit alltäglichen Dingen vermischt; und wenn Du je die Qual gefühlt hast, die man empfindet, wenn man eine Person, die man liebt, oder wenigstens geliebt hat, lächerlich sieht, so hättest Du mich bedauert. Wenn ich ihre Reden unterbrechen wollte und zuweilen sagte, daß die Wissenschaften für Frauen nicht passen, so sagte sie mit thränenfeuchten Augen, daß doch auch Julie gelehrt gewesen sei, und daß ich das bei ihr geliebt hätte; wenn ich nichts sagte, so fragte sie mich, ob sie nicht schon große Fortschritte gemacht habe, und wenn ich sie zuweilen aus Gutherzigkeit lobte, so setzte sie sich zum Clavier und spielte unter unbeschreiblichen Anstrengungen ein für Kinder geschriebenes Stück, wobei sie bald unaufhörlich ihre Fehler verbesserte und zehnmal einen Accord probirte, bis endlich die Harmonie halb und halb herauskam, bald mit staunenswerther Präcision eine ganze Reihe falscher Accorde spielte, so daß ich schauderte. Wenn ich sie noch geliebt hätte, so hätte meine Liebe jetzt ein Ende nehmen müssen.

Du kannst Dir nicht vorstellen, wie viel ich in jenen Tagen litt. Dieses Mädchen zu sehen, das für mich so viel gethan, die ich mit einem wärmeren Wort glücklich machen konnte, und zu fühlen, daß ich sie nicht mehr lieben konnte; den inneren Gram zu sehen, der die Rosen ihrer Wangen vernichtete und ihre einst heiteren Augen an Thränen gewöhnte; mit unaufhörlichen Zweifeln im Herzen ein Wesen, das innig an mir hing, bald für einen Engel, bald für niedrig zu halten; bald sie anzuklagen, die ich für falsch hielt, bald mich, weil ich sie nicht lieben konnte; zu sagen, daß ich sie liebe, um vor mir selbst zu erröthen, weil ich log; mich selbst anklagen zu müssen, so oft meine Geliebte sich an mich schmiegte, und dennoch zu fühlen, daß ich mein Herz nicht ändern könne – o, Niemand weiß, wie bitter das ist, wie viel man auf der Welt leiden kann.

Aber wenn auch meine Liebe verschwunden war und Betty's Gesellschaft mir täglich unangenehmer wurde, so blieb ich doch fest bei dem Entschlusse, sie nicht in Werner's und Lafard's Gesellschaft zu führen; und obschon meine Kameraden, mit welchen ich jetzt aus Langweile öfter zusammenkam, und hauptsächlich Werner, meinen Vorsatz bald verspotteten, bald zu widerlegen suchten, so blieb doch mein Entschluß unabänderlich; – aber das Zusammenwirken unglücklicher Umstände erschütterte auch diesen.

Unter meinen Bekannten stand Niemand meinem Herzen so nahe wie Arthur; das Gefühl, welches ich für ihn hegte, war zwar fern von jenem grenzenlosen Vertrauen, das ich einst zu Armand hatte, doch es war Niemand, den ich zu jener Zeit aufrichtiger meinen Freund hätte nennen können, als ihn, und mit dem ich so viel und so gern umgegangen wäre. Mein Haus stand einzig und allein ihm offen, nur er besaß mein Vertrauen, und wie in so vielen und so wichtigen Augenblicken meines Lebens, war seine Dazwischenkunft auch in dieser Periode, die meine ganze Zukunft bestimmte, für meine Handlungen maßgebend. Welch' ein wunderbares Geschick ist doch das der Menschen! Kein Zufall ist so gering, der nicht auf unsere ganze Zukunft entscheidenden Einfluß haben könnte; ein Mensch, mit dem wir zufällig zusammenkommen, ein Wort, das gleichgiltig ausgesprochen wird, wirkt vielleicht epochemachend in unserem Leben; und wie die Kugel, der ein unmerkliches Zittern Deines Armes eine andere Richtung gibt, als die beabsichtigte, eben so verfehlt Dein Leben den Punkt, den Du anstreben wolltest, und zuweilen kannst Du kaum sagen, was die Ursache Deines Abirrens war. Wer hätte je gedacht, daß Arthur auf mein Leben den geringsten Einfluß haben könnte! Er war jünger als ich, sein Leben hatte eine ganz andere Richtung, seine Wünsche waren mir fremd, kaum begreiflich; welche Verwandtschaft gab es zwischen uns? Wir waren wie zwei Schiffe, die von fernen Ufern auslaufen, nach entgegengesetzten Richtungen steuern, und wenn sie sich auf dem Meere zufällig begegnen, einander Grüße signalisiren; wölbt sich der Himmel heiter über ihnen, so trennen sie sich wieder und ihr Zusammentreffen ist bald vergessen; aber der Sturm hält sie, die einander fremd sind, beisammen, die wilden Wogen lassen sie nicht sich entfernen; nebeneinander kämpfend, aneinander geschlagen, ist es ihr Geschick, durch ihr Zusammenstoßen einander unwillkürlich zu zerstören. O, es wäre für sie besser gewesen, einander nie zu begegnen, tausendmal besser, ewig von einander fern zu bleiben, als so zusammenzukommen!

Durch Arthur's Dazwischenkunft änderte sich auch das Verhältniß, welches bis dahin zwischen mir und Betty bestanden hatte. Seit einiger Zeit verging kein Tag, ohne daß er zu mir gekommen wäre. Wenn ich spazieren oder meinen Geschäften nachging, so blieb er oft Stunden lang mit Betty allein; sein Herz, das bei jeder leisen Berührung erregt wurde, konnte nicht ruhig bleiben, und ich, der ich seine Liebe bemerkte, freute mich, denn durch ihn sah ich unverhofft einen Ausweg, aus meiner fast unerträglich gewordenen Lage herauszukommen. Ich hatte längst aufgehört, Betty zu lieben; die Art, wie sie sich gegen Arthur benahm, rechtfertigte in meinen eigenen Augen mein Benehmen, und Du kannst Dir denken, mit welcher Freude ich die Gelegenheit ergriff. Dieses unglückliche Mädchen, das fühlte, wie meine Liebe schwand, versuchte Alles, um die Flamme, welche die Wärme und das Licht ihres Lebens war, wieder anzufachen; als sie aber sah, daß die Zärtlichkeit, die sie an mich verschwendete, das Aufgeben ihrer Freuden und ihre Selbstverleugnung nichts nützten, wollte sie mein Herz durch Eifersucht aus seiner Gleichgiltigkeit aufrütteln – aber vergebens! Haß kann sich in Liebe umwandeln, aber nicht Gleichgiltigkeit da, wo einmal Liebe gewaltet hat: so wie Alles flammen kann, nur das nicht, was schon zu Asche verbrannt ist – und alle Freundlichkeit, welche meine Geliebte jetzt Arthur bezeigte, die Freude, mit der sie ihn empfing, wenn er kam, die Aufmerksamkeit, mit welcher sie ihm zuhörte – alles das konnte in meiner Seele höchstens Verachtung und den Gedanken erwecken, daß ich Recht hatte, wenn ich sie nicht liebte. Wenn in meinem Herzen von meiner einstigen Liebe nur ein Funken übrig geblieben wäre, und wenn ich Betty aufmerksam beobachtet hätte, so hätte ihre Absicht mir nicht verborgen bleiben können; die erzwungene Heiterkeit, das Erkünstelte in ihrer Freundlichkeit gegen Arthur würde mir, der ich dieses Mädchen kannte, der ich sie lieben gesehen, zur Genüge bewiesen haben, daß das Gefühl, welches sie jetzt heuchelte, ihrem Herzen fremd sei; der kummervolle warme Blick, mit welchem sie, wenn ich zufällig auf sie hinschaute, an mir hing, die Freude, die aus ihrem Gesichte strahlte, wenn sie sich bei einem wärmeren Worte von mir geliebt glaubte, hätten mir deutlich gesagt, daß ihr Herz sich nicht geändert habe; aber ich wollte sie nun einmal für gemein halten, ich bedurfte eines Vorwandes, um meine Herzlosigkeit zu rechtfertigen, und wer hört die Gegengründe, wenn er sich Das beweisen kann, wovon er wünscht, daß es bewiesen sei?

So kam der Herbst, Betty's Gesellschaft wurde mir von Tag zu Tag unangenehmer; das erkünstelte Wesen, welches ihre natürlichen Reize in den Hintergrund drängte, die Unwissenheit, mit welcher sie, seit sie gebildet sein wollte, in Alles dreinsprach, und die nur um so mehr hervortrat; hauptsächlich aber die unaufhörliche Coquetterie in ihrem Benehmen gegen Arthur, und die gerade, weil sie nur erzwungen war, um so gemeiner erschien – ließen mir dieses unglückliche Mädchen zuweilen hassenswerth erscheinen; ich sah jetzt in ihr nur eine Maitresse, nur eine Lustdirne, deren Umarmungen ich erkauft, und die bei der ersten Gelegenheit ihre Netze nach einem neuen Erwerb auswirft. Ich mied sie so viel als möglich, hielt mich bei ihr stets nur kurze Zeit auf und brachte den größten Theil meiner Tage bei meinen Büchern zu.

Da war ich auch eines Tages, als Arthur zeitlicher als gewöhnlich zu mir kam. Er hatte, wie er sagte, die ganze Nacht gespielt, verloren, und kam – wie er mit sichtlicher Verwirrung hinzufügte – um mich um eine Freundschaft zu bitten, von welcher seine Ehre abhing.

Ich ahnte, was er brauche, und fragte ihn, wie viel er verlange.

»Gib mir fünftausend Francs, mein Gustav!« sagte er mit noch größerer Verlegenheit. Ich holte im Nebenzimmer das Geld und übergab es ihm.

Er drückte mir die Hand und über sein bleiches Gesicht glitt ein Strahl der Freude. »Nimm meinen Dank,« sagte er endlich sichtlich bewegt; »Du hast in Deinem ganzen Leben keine größere Wohlthat ausgeübt, als mit diesem Gelde. Doch ich will Dich nicht betrügen,« fügte er nach kurzem Ueberlegen hinzu; »möglich, daß Du dieses Geld, das Du mir geliehen hast, nie wieder sehen wirst; wenn Du darauf rechnest, so nimm es lieber jetzt zurück, denn ich werde es Dir vielleicht nicht zurückzahlen können.«

Ich war überrascht, und indem ich zurücktrat, als er mir das Geld hinreichen wollte, fand ich kaum Worte, um ihm zu versichern, daß er dieses Geld als das seinige betrachten könne.

»Siehst Du, wenn Du ein Jude wärest,« fuhr er fort, ohne auf meine Worte zu achten, »ein Wucherer, wie der niederträchtige Werner, der mich zum Spiel nöthigte und jetzt schnöde verläßt, so würde ich mit Dir nicht so reden. Ich würde Dir das Capital sammt Zinsen versprechen, ich würde Dir mein Ehrenwort geben, daß ich Dir pünktlich zahlen werde, und würde Dich – betrügen. Ich habe längst gelernt, mich vor Jedermann zu verbeugen, zu lügen, zu betteln, zu schmeicheln. Alles, was man auf dieser Welt lernen kann. Aber Dich werde ich nicht betrügen; noch einmal, mein Freund, wenn Du Dein Geld brauchst, so nimm es zurück.«

»Ich wiederhole es Dir, daß ich dieses Geld nicht brauche, und daß ich mich freue, Dir damit dienen zu können.«

»So nimm meinen Dank.« sagte er neuerdings und drückte mir die Hand; »dieses Geld ist die einzige Hoffnung, die mir noch auf dieser Welt geblieben ist. Nicht wahr, Du staunst?« fügte er mit bitterem Lächeln hinzu; »die Sache verdient Deine Bewunderung. Arthur, der reiche, der beneidete Arthur, der mit so vielen Hoffnungen in's Leben trat, dessen Streben so groß, dessen Hoffnungen so schön waren, der seine Hand kühn nach Allem ausstreckte, was auf dieser Welt groß und erhaben ist, der schon auf seiner jungen Stirn den Lorbeer fühlte, mit welchem er dereinst unter den großen Künstlern der Welt zu glänzen hoffte, dessen ganzes Vermögen, dessen ganze Hoffnung, dessen Alles besteht jetzt in fünftausend Francs; es wäre zum Lachen, wenn es nicht gar so traurig wäre!«

»Mein Freund,« sprach ich, tief ergriffen, »sprechen wir ernst über Deine Angelegenheiten; die Verlegenheit, in welcher Du Dich in diesem Augenblicke befindest, ist vielleicht nicht unheilbar; rechne auf mich, wenn ich Dir helfen kann.«

»Helfen!« sprach er lachend, »als ob dort, wo nichts ist, von Hilfe die Rede sein könnte. Sieh', mein Freund, ich bin ein guter Rechner; mein Vater und unser alter Buchhalter, die mich erzogen, haben mich nichts besser gelehrt, als rechnen, und glaube mir, niemals ist die Bilanz meines Vermögens klarer vor mir gestanden, als jetzt. Ich habe keinen Heller. Meine Häuser, meine Güter, meine Capitalien, Kutschen, Pferde, Geräthschaften, Alles ist hin; mein gestriges Mittagsmahl, diesen Rock, in welchem ich vor Dir stehe, bin ich schuldig; kannst Du mir einen Rath geben, welchen ich ohne Geld befolgen kann?«

»Aber wenn Deine Lage wirklich so unglücklich ist,« fiel ich ihm in's Wort, »was können Dir ein paar tausend Francs helfen?«

»Viel, sehr viel«, erwiderte er mit jener verzweifelten, wilden Lustigkeit, die ich an ihm schon seit einiger Zeit bemerkt hatte; »Du, der Du von Deinen Interessen bürgerlich ruhig lebst, weißt nicht, wie fruchtbar das grüne Feld des Spieltisches ist. Ich streue meine Saat aus, das Rad dreht sich, und siehe da, mein Feld giebt mir den ihm anvertrauten Schatz zehnfach zurück: ich streue meinen Samen noch einmal aus, und er kommt mir wieder vielfältig zurück; der Segen strömt auf mich als goldener Regen herab, die Schaar der Zuschauer drängt sich um mich und bewundert mein Glück, und bis die Sonne aufgeht, bin ich reich. Gibt es auf der Welt eine Freude, welche dieser gleicht? So lange ich reich war, kannte ich nicht den unwiderstehlichen Reiz, der so viel Herzen an den Spieltisch fesselt und den Menschen dazu bringen kann, sein Leben, ja seine Ehre auf eine Karte zu setzen. Dem Reichen, der bis zum Ueberdruß Alles genießt, was man für Geld bekommen kann, ist das Spiel höchstens ein Zeitvertreib; gewinnt er, so macht es ihn nicht glücklich, verliert er, so hat er höchstens einen unangenehmen Augenblick. Der Reiche spielt nur um Geld, und der Tugendhaftere hat Recht, wenn er mit Verachtung auf ihn herabsieht, den nur Habsucht anspornt; der Geizige hat Recht, wenn er dem leichtsinnigen Verschwender seine Achtung versagt. Aber weißt Du, was der Arme fühlt, wenn er in ein Spielhaus tritt? Er, den die Welt enterbt hat, der nur Elend rings um sich sieht, oder gar, wie ich, auf den Punkt gelangt ist, wo ihn Verachtung erwartet, und der jetzt plötzlich vor dem großen Geldhaufen steht, das sich drehende Glücksrad und die Gruppe der vor Freude jauchzenden Gewinner sieht, und bedenkt, daß eine glückliche Stunde ihn aus seinem Elend reißen kann? O, er spielt nicht um Geld! – vor ihm steht die allgemeine Achtung, die er nicht anders gewinnen oder sich bewahren kann; die Freiheit, deren ihn seine grausamen Gläubiger jeden Augenblick berauben können, Alle, die er liebt und die er mit einer Handvoll Geld glücklich machen könnte; und ist das Gefühl nicht groß und erhaben, mit welchem er beim Spiel sitzt, mit seinem letzten Heller sein Alles hinwirft und mit verzweifelter Ausdauer mit seinem Schicksal kämpft, bis die Wendung des Rades, das er zitternd im Auge behält, ihm nach allen ausgestandenen Qualen Selbstmord oder einige heitere Stunden bringt – o, wer niemals so gespielt hat, der kennt nicht den teuflischen Genuß des Spieles.«

»Und wenn Du verlierst?« fragte ich ihn mit beengter Brust.

»So macht eine Kugel dem ganzen Elend ein Ende,« sprach er ruhig; »ohnedies kann der Weg, den ich gehe, mich früher oder später nur dahin führen. Im Gefängniß zu Clichy grau werden, als Croupier dienen, oder betteln, bis er sich einen Franc verschafft hat, welchen er wieder im Spiel verlieren kann: das ist die Zukunft des echten Spielers, und wem diese nicht gefällt, der jage sich eine Kugel durch den Kopf.«

»Hättest Du keine andere Aussicht?« fragte ich erschrocken über die Entschlossenheit, mit welcher er von diesen Dingen sprach; »wenn Du zum Beispiel gewännest und Deine Angelegenheiten in Ordnung bringen könntest, würdest Du der unglücklichen Leidenschaft nicht entsagen?«

»Nein, mein Freund,« erwiderte er ruhig, »ich kenne mich; ich bin einmal an die großen Aufregungen gewöhnt, und wenn sie mir fehlen, so erfüllt mich alles Andere mit Langweile. Glaube mir,« fuhr er fort, indem er meine Rührung bemerkte, »ich fühle tief, wie sehr Du mein Freund bist; aber wie vernünftig auch Deine Ermahnungen sind, ich kann sie nicht befolgen. Jeder Mensch hat nur in einem gewissen Kreise Chancen, sei es, daß das Schicksal es so wollte, oder daß er selber sich den Kreis gewählt hat, in welchem er sich bewegen will – Alles, was außerhalb desselben liegt, ist ihm unerreichbar; ich kann meine Natur nicht ändern, eben so wenig wie Du oder wer immer. Ich gebe zu, es wäre besser, wenn wir nicht so geboren worden wären, ich gebe zu, daß Du glücklicher sein könntest, wenn die Natur Dich so geschaffen hätte, daß Du nach dem Wunsch Deines Vaters Deine Gesinnungen für ein wenig weltlichen Glanz verkaufen könntest; daß ich, wenn ich in die Fußstapfen meiner Familie getreten wäre, als Kaufmann mehr innere Befriedigung gefunden hätte, als da, wo ich jetzt stehe; daß überhaupt die Welt Recht hat, wenn sie uns tadelt, uns Sünder, Ungeheuer nennt – aber es ist einmal so, und wir werden es nicht mehr ändern. Unsere ganze Aufgabe ist, uns so wenig als möglich um die Zukunft zu kümmern, alle Freuden zu genießen, die sich uns darbieten, und uns über den nächsten Tag keine Sorgen zu machen; gibt es doch keinen Kummer, den uns nicht eine Flasche Champagner auf Stunden, ein Pistolenschuß auf ewig vergessen machen könnte; ist es daher nicht lächerlich, wenn man sich der Traurigkeit hingibt?«

Nie hatte ich Arthur so erbittert gesehen, doch ich schwieg; ich kannte diese Schmerzen zu gut, um die genug blutende Wunde mit einem tröstenden Worte noch weiter aufreißen zu wollen. Er stand auf und begann, in meinem Zimmer auf- und abgehend, von gleichgültigen Dingen zu sprechen.

»Unter Anderem,« sagte er endlich, indem er seine Cigarre von der Asche befreite, »heute Abend geht der Termin Deiner Wette zu Ende. Werner hat eine prächtige Mahlzeit bestellt, und Niemand weiß noch, wer sie bezahlen wird. Ich hoffe, daß Du hinkommst und den alten Narren zum Zahlen zwingst.«

»Du weißt, daß ich die Wette gewonnen habe,« erwiderte ich; »da aber der alte Geizhals sich nur dann für besiegt hält, wenn ich Betty mitbringe, so werde ich die Wette bezahlen.«

»Und warum bringst Du Betty nicht mit?«

»Ich habe Dir gesagt, was ich für Gründe habe, für wie schmachvoll ich die Wette halte, und daß Betty trotz aller ihrer Fehler zu gut ist, als daß ich sie in eine solche Gesellschaft bringen könnte.«

Arthur lachte. – »Wahrhaftig, Du stehst heute auf einer so hohen Stufe der Tugend, daß ich Dich gar nicht begreife. Was willst Du also? Willst Du dieses Mädchen wie ein Türke hüten, damit die ganze Welt, die Dich jetzt schon für eifersüchtig hält, über Dich lache? Und glaubst Du wohl, sie werde dadurch ihrem Geschick entgehen, und was Du auch immer thun magst, nicht endlich Das werden, was schöne Mädchen in Paris zu werden pflegen? Ich bitte Dich, gib Deine fromme Uebertriebenheit auf und laß' sie sich nach Belieben unterhalten; und glaube mir, sie wird Dir für einen Tanz, für eine lustig zugebrachte Stunde mehr Dank wissen, als wenn Du ihr Leben mit Deinen moralischen Dämmen umgibst, welche alle entweder nicht nothwendig sind, oder wo sie es sind, leicht umgangen werden können. Wenn ich Betty selbst fragen könnte, so würde sie gewiß meiner Meinung beipflichten.«

»O, Arthur hat Recht!« ließ sich eine Frauenstimme hinter mir vernehmen, und als ich mich umwandte, stand Betty da, die während des Gespräches leise in's Zimmer getreten war und Arthur's letzte Worte vernommen hatte. »O, ich bitte Dich,« fügte sie hinzu und legte ihre Hand auf meine Schulter, »Du hast mich ohnedies noch nirgends hingeführt.«

Ich widersetzte mich ihrem Verlangen. Sie hörte indeß nicht auf zu bitten, und nachdem auch Arthur seine Bitte mit den ihrigen vereinigte und die kleine Betty zu weinen begann und in schwere Klagen ausbrach, andere Mädchen hätten Gelegenheit, sich zu freuen, zu tanzen, Unterhaltungen nachzugehen, und sie halte ich eingesperrt, wie die Türken ihre Frauen in den Harems, ich liebe sie nicht, da ich keinen ihrer Wünsche erfülle, und sie finde nachgerade diese klösterliche Zurückgezogenheit unerträglich – konnte ich diesen Beschwerden gegenüber kaum mehr widersprechen; als jedoch Arthur auf's Neue von meiner Eifersucht zu sprechen begann und Betty mit triumphirendem Lächeln versprach, mir treu zu bleiben, das Vertrauen, das ich ihr schenken würde, verdienen und jede Bewachung überflüssig machen zu wollen: verlor ich die Geduld und widersetzte mich nicht länger ihrem Wunsche.

»Wenn Du es selbst willst,« sprach ich aufgeregt, »so schreibe Dir es selbst zu, wenn Du Dich in dem Kreise, in welchen Du treten wirst, erniedrigt fühlen wirst. Ich bin nicht schuld daran.«

Betty sprang freudig auf und fiel mir um den Hals. Arthur eilte zu Lafard, um sich, wie er sagte, an der hippokratischen Miene, welche der Alte bei dieser Nachricht machen werde, zu ergötzen; ich ging in den Garten hinaus und während ich die herbstlich gefärbte Allee hinabging, erfüllten bange Ahnungen meine Seele.

Du hast Arthur mehrmals gesehen, aber glaube mir, mein Freund, Du kennst ihn nicht; die praktische Richtung Deiner Gedanken, welche seine leidenschaftlichen Extravaganzen nicht begreifen konnte, Deine Liebe zu mir, welche meine Verirrungen seinem Einflusse zuschrieb, und Deine Religiosität, welche in diesem unglücklichen jungen Manne nur den Selbstmörder sieht, machten Dich gegen ihn ungerecht und ließen Dich dieses edle Herz verkennen, welches selbst nach so vielen Verirrungen nie sein göttliches Gepräge verlor. Er war tief gesunken. Wer seinem Streben ein hohes Ziel gesetzt und, bevor er es erreicht, die Kraft verlor, der kann nicht immer ruhigen Gemüthes in den Kreis des gewöhnlichen Lebens hinabsteigen; wie auf den Alpen, so gibt es auch im Leben Höhen, von welchen es keine Rückkehr gibt, und wer auf eine solche gelangt ist, der kann in die Tiefe stürzen, nie aber unversehrt den Weg herabkommen, den er hinaufgegangen ist. Das war auch Arthur's Schicksal. Seiner großartigen Hoffnungen beraubt, kraftlos herabgestürzt von seinem erhabenen Pfade und zu jenem Punkte des Daseins gelangt, an welchem jeder Wunsch zum Schmerz wird, und Alles, was sonst unser Gemüth erheben könnte, es nur verbittert, im Gefühle der Unmöglichkeit sich erheben zu können, abgeschnitten von allen Wegen einer ruhigen Umkehr – warf sich dieser Unglückliche, nicht um zu leben, sondern um zu verderben, von der Höhe seiner Stellung hinab, und nur Vergessen war es, was er von dieser Welt forderte. O, und wie tief er auch in Leid und Schmerz sank, wie gottlose Worte auch von dieser weinschweren Zunge tönten, wie gemeine Sorgen auch diesen einst so herrlich aufstrebenden Geist in den Staub drückten: er trug doch noch immer den Stempel seines Ursprungs. Und doch bedurfte es bei diesem unglücklichen Jüngling – der einst so rein, so hoch vor mir gestanden, und jetzt, nachdem er sein Vermögen verschwendet, jeden Schimpf seiner Gläubiger erduldet, sich beugen und heucheln gelernt hatte, nur um sich zur Fristung seines Lebens ein paar tausend Francs zu verschaffen – nur eines Wortes, eines Bildes, eines Tones, der seinen Geist aus seinem Rausch weckte, und ich erkannte ihn wieder. Damals stand er nicht erniedrigt vor mir. Gleich der Saite, welche noch in dem Augenblicke, wo sie reißt, in dem Tone forttönt, der uns entzückte; gleich der Blume, welche unter unseren Tritten verduftend, stirbt; gleich der Fackel, welche zum letzten Male aufflammend Licht verbreitet und erlischt, vergaß sein Herz niemals seine früheren Gefühle. Alles, was Du verdorben glaubtest, es lebte wieder auf; die mächtigen Wünsche, welche schmerzhaft aufwachten, der heilige Schmerz, welcher seine Augen mit Thränen füllte, die Wehmuth, mit welcher er von seinen Freunden sprach, sie offenbarten nur die Geheimnisse dieses Herzens, und Du hättest mit den Gefühlen des tiefsten Bedauerns auf diesen Unglücklichen geblickt. Er glich dem Adler, der, aus schweren Wunden blutend, zur Erde gesunken, mit wildem Zorn deren Staub schlägt, und indem er seine Schwingen regt, sein Gefieder mit Schlamm bedeckt; Du sahst ihn im Staube sich mit verzweifelter Anstrengung erheben wollen und doch noch tiefer sinken, und daran konntest Du das Ungewöhnliche seiner Natur erkennen. Und mußte dieser zu Allem, was groß ist, geschaffene Jüngling nicht rettungslos sinken, nachdem der Grundgedanke seines geistigen Lebens dahin war? Was ist die Kunst einem Andern? Und siehe, ihm war sie Alles. Das Haus, dessen Grundstein erschüttert wird, stürzt ein; wie hätte er nicht sinken sollen, nachdem ihm die Basis, worauf er seine Zukunft gebaut hatte, genommen war? Achilles war nur an der Ferse, aber viele Menschenherzen sind eben dort am tödtlichsten verwundbar, wo wir es am wenigstens vermuthen. O, wer kennt alle die Klippen, an welche unser Lebensschiffchen auf dem wogenden Meere des Lebens branden kann?

 

XII.

Ich will vor Dir nicht besser erscheinen, als ich bin; aber wenn unsere Handlungen dadurch entschuldigt werden können, daß sie mehr Folgen unserer Schwäche als wirkliche Vorsätze waren, und daß unser Herz, anderen Einwirkungen nachgebend, schon im Momente der Ausführung die That bereute, so glaube mir, Freund, gibt es Niemand, der diese Entschuldigung eher für sich in Anspruch nehmen könnte als ich. Nie fühlte ich mich unglücklicher als in jenen Momenten. Ich liebte Betty nicht mehr; sie, deren Natürlichkeit ehedem mein Herz bewegte, kam mir jetzt in malerisch eleganter Toilette wie eine gewöhnliche Maitresse vor, auf die ich mit Verachtung oder höchstens mit Mitleid blickte. Doch ich schauderte vor mir selbst, wenn ich daran dachte, daß ich sie, die meine Arme einst liebend umfangen, mit der ich mich einst so glücklich gefühlt hatte, an deren Liebe ich, wenigstens in den ersten Tagen unserer Bekanntschaft, nicht hatte zweifeln können, jetzt zum Lohn dafür an den Pranger stelle, daß ich, sie in den Kreis der sittlichen Verderbniß stoßend, auf ihre reine Stirne den Stempel ewiger Schande drücke, daß ihre Bestimmung von nun an die sei, ein Freudenmädchen zu sein, alle Verachtung, alle Schande zu ertragen, und das Alles nur, weil sie mich liebte und ich sie für Geld verkaufte!

Zehnmal war ich entschlossen, Betty Alles zu sagen, doch ich besaß nicht die Kraft dazu. »Ist dies keine Thorheit,« dachte ich, »dieser schändliche Handel ist bis jetzt noch ein Geheimniß; Arthur und Werner sind Ehrenmänner, Lafard wird die Furcht stumm machen, und wozu Betty etwas entdecken, was, wenn sie mich je geliebt, das Glück ihres Lebens zerstören müßte?«

Ich wollte Betty bitten, von ihrem Verlangen abzustehen; aber unter welchem Vorwand? Wenn ich davon zu sprechen begann, daß die Gesellschaft, in welche sie sich zu gehen anschickt, nicht für sie passe und schlechter sei, als sie vielleicht denke, so erinnerte sie mich mit zweifelndem Lächeln, daß ja auch ich und Arthur dort sein werden, und daß endlich, was sie auch immer thun möge, die großen Damen sie in den Kreis, welchen man die gute Gesellschaft nennt, doch nicht aufnehmen würden, und daß ein armes Mädchen doch keine andern Genüsse begehren dürfe, als welche sie mit ihresgleichen theilen kann. Wenn sie aus einzelnen meiner Aeußerungen zu entnehmen glaubte, daß ich meinen Entschluß geändert hätte, so bat sie mich mit thränenfeuchten Augen, ihr nur dieses einzige Mal die Freude nicht zu verderben; und schwieg ich darauf, so räumte sie traurig ihre Kleider und Schmucksachen fort, welche sie im Vorgenusse der Freuden des Abends schon Vormittags an allen Ecken und Enden des Zimmers liegen hatte, setzte sich schluchzend in einen Winkel und wiederholte wohl hundertmal, sie sei nur zum Unglück geboren, sie habe sich noch auf nichts so gefreut, wie auf den heutigen Abend, und werde sich in ihrem ganzen Leben auf nichts mehr so sehr freuen; aber ein Wort des Versprechens, wir würden doch gehen, und Heiterkeit und Glück strahlte wieder aus ihrem Gesichte. Und als es nun endlich Abend wurde, als sie schon eine Stunde vor der Zeit in vollem Staat mit der Frage in mein Zimmer trat, ob ich mit ihrer Toilette zufrieden sei, und so oft sie sich im Spiegel sah, mir lächelnd hundertmal für all' den Schmuck dankte, den sie von mir bekommen hatte und jetzt zum ersten Mal benützen konnte, als sie, hundertmal auf die Uhr schauend, mich ermahnte, mich anzukleiden, weil wir sonst zu spät kommen; konnte ich so vieler Freude widerstehen? Betty war ein Kind, ein liebes, heiteres Kind; sie ließ sich weder von Erinnerungen noch von Vorgefühlen beirren, genoß den freudenvollen Augenblick, der sich ihr darbot, in seiner ganzen Süßigkeit, wie auch die unendliche, unbeschreibliche Seligkeit, mit welcher das Mädchen sich zum ersten Ball vorbereitet, der Knabe sich zum ersten Mal auf dem Pferde sieht, und welche uns später alle Schätze der Welt nicht zurückzaubern können; und hätte ich diese Freuden wohl zerstören sollen? »Was könnte ich anstatt alles dessen Betty bieten, der ich sie nicht mehr liebe? Und wenn ich meinem Gewissen folge, wird Arthur mich nicht eifersüchtig nennen?« dachte ich; »und werden die Uebrigen mich nicht auslachen, Werner, Lafard und alle Diejenigen, deren Lob mir keine Freude, deren Schimpf mir keinen Kummer verursacht, aber deren spöttisches Lachen ich nicht ertragen kann?« Wir gingen fort. Es war unser Verhängniß.

Dem Menschen sind zwei Schwächen eigen, in welchen die Motive vieler Handlungen liegen; – die eine ist die, daß wir, wenn wir die Freudenäußerung unserer Lieben hören, nur um keinen Augenblick Leiden mitansehen zu müssen, der Zukunft vergessen; die andere, daß wir unserer Umgebung feige huldigen und lieber unserer Ueberzeugung, als ihren Vorurtheilen zuwiderhandeln. Wie schöne Namen wir auch beiden Schwächen geben mögen, indem wir erstere Güte und die andere Ehrgefühl nennen, wenn wir dem Ursprung unserer Handlungen nachforschen, so finden wir, daß Vieles und vielleicht gerade Das, was wir am meisten bereuen, seinen Grund in diesen beiden Schwächen hat; daß unsere Lieben vielleicht glücklicher wären, wenn wir, ohne Schonung für uns selbst, lieber ihr momentanes Leiden mitangesehen hätten, als sie nach kurzer Freude jahrelangen Leiden auszusetzen, und daß wir vielleicht eine schlechte Handlung nicht begangen haben würden, wenn wir uns dazu verstanden hätten, uns ein paar Tage für lächerlich halten zu lassen. Ich habe das an mir selbst erfahren.

Werner, dem das Arrangement der ganzen Unterhaltung überlassen worden war, hatte für uns die glänzendsten Salons eines Pariser Hôtels gemiethet und verschwenderisch Alles angeschafft, was Mode und Comfort erforderten; und Du kannst Dir das freudige Erstaunen denken, mit welchem Betty zum ersten Mal in ihrem Leben in so glänzende Salons trat. Die strahlende Helle, die Spiegel, und vor diesen in Alabastergefäßen die duftenden Blumen, und über Alles die fashionable Gesellschaft, die sich in diesen Räumen bewegte, alles das kam ihr, wie ein reizender Traum vor; und indem ich sie von ihrer unschuldigen Freude hingerissen sah, hätte ich beinahe meine Lage vergessen können, wenn ich nicht so viele bekannte Gesichter vor mir gesehen, wenn das spöttische Lächeln, mit welchem Werner auf mich blickte, und Lafard, der als gezwungener Hausherr mich mit geheuchelter Freude begrüßte und Betty mit höflichen Verbeugungen empfing, mich nicht erinnert hätte, welch' eine gemeine Rolle ich hier spielte. Betty fand gleich bei unserem Eintreten unter dem weiblichen Theil der Gesellschaft eine ihrer ehemaligen Bekanntschaften, ein Mädchen, mit dem sie früher bei einem Modewaarenhändler gearbeitet und welche jetzt als Maitresse irgend eines spanischen oder russischen Grafen ihr Schicksal verbessert hatte. Während sich Betty mit ihrer Freundin in ein Gespräch einließ, suchte ich Arthur und Werner auf, damit der Beweggrund der Soirée Betty wo möglich verborgen bleibe. Glücklicherweise wußte noch Niemand um unsere Wette. Lafard, welcher bis zum letzten Augenblick gehofft hatte, daß ich Betty nicht mitbringen werde, hielt sich für den Sieger und beobachtete genau meine Bedingungen; und als Arthur, den ich eben in bester Laune antraf, weil er mit ausgeborgtem Geld an diesem Tage beträchtliche Summen gewonnen hatte, auf Ehrenwort versprach, zu schweigen, und Werner achselzuckend bemerkte: er wolle mir meine idyllischen Genüsse nicht verderben, ward ich beruhigter. Ich kannte Lafard und wußte, daß ich ihn durch Furcht zu Allem bewegen könnte, und wäre es auch zu einer edlen That; ich bat ihn ernstlich, zu schweigen. Er weigerte sich anfangs und behauptete, ich dürfe ihn für seine tausend Napoleonsd'or wenigstens nicht des Vergnügens berauben, auf meine Gesundheit zu trinken; er habe lange genug geschwiegen, die Gäste wüßten, daß es sich um eine Wette handle, und seien auf die Enthüllung des Geheimnisses begierig; nachdem ich jedoch im vollsten Ernste und auf's Bestimmteste erklärt hatte, Jeden, der ein Wort erwähnt, als meinen Todfeind betrachten und von ihm Genugthuung verlangen zu wollen, fügte er sich, wie er sagte, um alles Aufsehen zu vermeiden, seufzend meinem Verlangen. »Verhüte Gott,« sagte er, mir die Hand drückend, »daß wir uns wegen einer solchen Kleinigkeit verfeinden, besonders heute, wo wir uns so köstlich unterhalten; doch Sie wissen noch nichts, der schönste Spaß erwartet uns noch. Ich bin wider Willen der Wirth geworden, wir bekommen aber auch einen Gast wider Willen. Ist das nicht prächtig? Fürst Amalfi, den Sie vielleicht dem Rufe nach kennen und der erst vor ein paar Wochen nach Paris gekommen ist, reist mit der schönsten Frau des Continents, die ein wahres Weltwunder an Schönheit ist, wie man behauptet; doch denken Sie, seitdem sie hierher gekommen, bewegt sie keine Macht auf Erden, aus ihrem Zimmer zu gehen, oder Jemanden, und wären es auch die ältesten Freunde des Fürsten, bei sich zu empfangen. Der Fürst ist ritterlich und gegen das weibliche Geschlecht voll edler Gesinnungen, er will ihr daher keinen Zwang anthun. Unlängst jedoch versprach er bei einem Glase Wein, seinen Freunden dieses Wunder zu zeigen. Er nahm zu folgender famosen List seine Zuflucht. Der Fürst wohnt in diesem Hôtel, die Thür, welche Sie in jenem letzten Salon sehen, führt eben in's Gemach der eigensinnigen Dame, und denken Sie sich, wenn wir Alle beisammen sind, wird der Fürst, der die Schlösser machen ließ, die Thür öffnen, und die Räthselhafte wird rettungslos vor uns stehen, denn die übrigen Thüren werden verschlossen, und es wird ihr nichts übrig bleiben, als in unseren Kreis zu treten und sich mit uns zu amusiren. Ist das nicht köstlich?« – »Ich muß gestehen,« sprach ich schlecht gelaunt, »ich sehe in dem Allen nur brutale Gewalt.«

»Sie sind immer extravagant,« erwiderte Lafard lachend, »immer voll romantischer Gesinnungen. Aber stellen Sie sich nun den Zorn, die Wuth der Dame vor, mit welcher sie uns empfangen, die Scham, mit welcher sie sich in einer so glänzenden Gesellschaft im Hauskleide sehen wird. Ich kann den Moment gar nicht erwarten. Doch dort kommt der Fürst!« und damit ließ mich der alte Narr allein.

Ich ging in schlechtester Laune, die ich in großer Gesellschaft immer zu haben pflegte, auf und ab. In einem Salon bereitete man sich zum Tanze, und Betty wandelte am Arm eines mir unbekannten jungen Mannes auf und nieder und feierte in den auf sie gerichteten Blicken und einzelnen Worten der Bewunderung Triumphe; im andern Salon servirte die ältere Geliebte Lafard's Thee mit jener aristokratischen Würde und Grazie, die sie als ehemalige Schauspielerin in den Komödien des Ambigu comique zu produciren gepflegt hatte; in den übrigen Salons sah man die Spieltische besetzt und andere Gruppen in lebhaftester Conversation. Die Soirée war eine jener ganz gewöhnlichen, die man in der großen Welt täglich sieht; nur herrschte da vielleicht etwas mehr Vergnügen und weniger Heuchelei, sonst war sie für mich langweilig, wie jede große Gesellschaft.

Ich kenne nichts Traurigeres, nichts Einfältigeres, als die gesellschaftlichen Freuden unseres Jahrhunderts. Wenn die alten Griechen unter dem heiteren Himmel ihres Vaterlandes die olympischen Spiele liebten und sich damit zufrieden gaben, die um den Lorbeer ringenden Jünglinge zu sehen, oder die unsterblichen Gesänge ihrer Dichter zu hören, sich an der Blüthe der Nation, die sich an diesem einen Orte zusammenfand, zu erfreuen, so liegt darin nichts Staunenswürdiges; wenn der häusliche Holländer in seinem kleinen Gemache seine wenigen Freunde versammelt, unter Rauchwolken am Kamin trauliche Gespräche führt, so ist das ebenfalls im Naturell dieser Nation begründet. Betrachten wir jedoch die für die gewöhnliche Anzahl unserer Gäste verhältnißmäßig kleine Räumlichkeit unserer Salons; betrachten wir die ernsten Mienen, mit welchen tanzende Paare in gewissen Tänzen auf- und abtrippeln, das ewige Beugen und die gezwungene Freundlichkeit, hören wir diese geschmack- und geistlosen Conversationen über nichts, nur damit man eben nicht einschlafe; mit einem Worte, sehen wir uns diese ganze herkömmliche Narrethei an, diese systematische Langweile, aus welcher unsere geselligen Genüsse bestehen, und wenn man es uns nicht versicherte, würden wir je auf die Vermuthung kommen, daß man sich hier unterhalte? O, die Gesellschaft muß abgestumpft, alt geworden sein, welche sich mit solchen Freuden begnügt.

Es mochte eine Stunde verflossen sein, als mich Lafard mit seinem neuen fürstlichen Freunde, mit dem er eben den Salon durchschritt, bekannt machte. Es war ein kleiner corpulenter, alter Herr, ein alltägliches Gesicht ohne Adel, mit Augen, die nie etwas auszudrücken schienen, als vielleicht Schläfrigkeit, mit blühendrothen Wangen, die von vortrefflichem Appetit zeugten, und fleischigen Lippen, von denen selten ein besserer Gedanke tönte, als »heute ist schönes Wetter«; kurz, der Fürst war einer von Jenen, die selten etwas Einfältiges sagen, aber nur aus dem einfachen Grunde, weil sie nie einen eigenen Gedanken aussprechen, die mit Jedermann gleich höflich sind, weil sie Niemanden zu lieben oder zu hassen vermögen, welche, Dank ihren Perrücken und ihrer Gemeinheit, weder körperlich noch geistig zu altern scheinen, und die endlich, weil sie ihren Platz ausfüllen und dabei Niemandem, wenigstens nicht ohne höflichste Entschuldigung, auf den Fuß treten, in unseren Salons gern gesehen sind. In den höheren Regionen der Gesellschaft kannst Du hundert derartige Gestalten bemerken, und hast Du einmal ein paar Worte mit ihnen gewechselt, so nennst Du sie mit Recht alte Bekannte.

»Doch jetzt,« sagte der Fürst nach einer kurzen Konversation, »wollen wir zu meiner Heloise. Kommen Sie, Graf, unsere näheren Bekannten haben sich, wie ich sehe, schon an der Thür gruppirt. Der Spaß wird köstlich sein,« setzte er auf dem Wege zur Thür hinzu; »dieses Weib ist so stolz, so gebieterisch; ich weiß nicht, was sie in ihrer Wuth thun wird. Doch tant mieux, das unterhält mich.«

»Doch vielleicht,« warf ich ein, durch diese rohe Schonungslosigkeit im Innersten verletzt, »vielleicht hat die Dame Gründe!

»Was kümmert's mich?« erwiderte er und heftete seine grauen Augen auf mich, »ich bezahle sie, und das zerstreut mich.« Damit nahm er den Schlüssel und die Thür flog auf.

Ich wollte nicht einer der Ersten sein, die in das Gemach eindrangen; als ich jedoch eintrat und die lachenden Gruppen der Gäste sah, und den Fürsten, der mit freudestrahlendem Gesichte von dem Einen zum Andern mit der Frage ging: »Ist das kein guter Spaß?« und in der Mitte des Zimmers ein bleiches Weib, das sich auf den Tisch stützte, und bald mit bebenden Lippen fragte, was das bedeute, bald staunend umherblickte, ein Weib, welches nur einen Augenblick der Gegenstand des allgemeinen Spottes, jetzt mit zornflammendem Gesichte, mit einem Blick der tiefsten Verachtung sich von der Gesellschaft abwendend, die schändlichen Freudenausrufe verstummen machte – o! – da durchzuckte ein unendlicher, ein nie geahnter Schmerz meine Seele – dieses Weib war Julie. Und obwohl mein Herz sich verzweiflungsvoll gegen den Gedanken sträubte, daß sie es sei, die ich wieder gefunden; obwohl langes und tiefes Leiden die angebeteten Züge, die ich seit fünf Jahren nicht gesehen, verändert hatte: der Blick ihrer dunklen Augen, der Ton ihrer Stimme, mein eigenes Herz, welches nur vor Julie so pochen konnte, ließen mich nicht zweifeln. – Ich war vernichtet.

Der Fürst, welcher auf eine leidenschaftliche Ansprache, ja sogar auf Schmähungen eher gefaßt war, als auf das ernste Schweigen, auf die Würde, mit welcher Julie die Beleidigung aufnahm, wurde jetzt wie ein Schulknabe verlegen und begann einige Entschuldigungen zu stammeln. Das Ganze wäre nicht aus schlechtem Willen geschehen, er hätte ihre Zurückgezogenheit nur für eine weibliche Laune gehalten, um derentwillen er seinen Freunden den Anblick der schönsten Dame nicht rauben wollte; – doch wie zärtlich und flehend seine Worte auch waren, Juliens Antlitz blieb regungslos; endlich bat sie, einen verachtenden Blick auf den Alten und seine Umgebung werfend, er möge nicht weiter sprechen. »Fürst,« fügte sie hinzu, »das war eine Niederträchtigkeit. Sie wissen, unter welchen Bedingungen ich nach Paris kam. Sie haben sie gebrochen, ich bin frei. Fürchten Sie nicht, daß ich Ihnen heute Ihre Freude verderben werde; mag Jeder, dem es gefällt, mit Fingern auf mich weisen. Morgen sind wir auf ewig geschieden.« Damit begab sie sich in den Tanzsaal, wohin ihr ein großer Theil der Anwesenden folgte.

»Ich muß gestehen,« sagte der Fürst zu Werner, mit dem er im Zimmer zurückgeblieben war, ohne auf mich, der ich, in schmerzliche Gedanken vertieft, an eine Fensternische gelehnt stand, zu achten, »wenn ich gewußt hätte, dieses Weib würde diesen unschuldigen Scherz so aufnehmen, ich hätte es nicht gethan.« –

»Und Sie glauben dieser Heuchelei?« entgegnete Werner kaltblütig; »gebe der Himmel, daß Ihnen niemals ein größeres Unglück zustoße. Wenn Sie Ihre Maitresse gut bezahlen, so wird sie Sie behalten, im entgegengesetzten Falle würde sie Sie ohnedies verlassen haben. Beleidigungen sind theuer, wer jedoch Geld hat, kann sich auch dieses theure Vergnügen verschaffen. Es gibt kaum etwas auf Erden, was mehr kosten könnte, als eine kleinere oder größere Geldstrafe.« Nach diesen Worten entfernten sich Beide.

Ich blieb allein.

Wer kann sich den Kummer vorstellen, welcher mein Gemüth in diesem Augenblicke erfüllte. Ich war in Juliens Zimmer, nach Jahren wieder dort, wohin sich mein Herz so oft gesehnt; an der Stelle, wo sie geathmet, die ihre Füße berührt, wo der geringste Gegenstand an ihre Gegenwart mahnt, und jetzt! – Ich stand vor ihrem Schreibtische, das Bild ihres Vaters lag darauf, ein Gesicht voll heiterer Würde, mit lächelndem Munde, wie ich ihn so oft gesehen, daneben ein kleiner Dolch, den ich Julien vor Jahren geschenkt – und sie! – sie, die bezahlte Concubine eines Niederträchtigen, der sie lachend an den Pranger stellt, und das Bild ihres greisen Vaters lächelt ruhig weiter, und mein Dolch liegt rein und glänzend vor mir, wie vor Jahren. Ihr kalten, leblosen Gegenstände, unter denen unser vergangenes Leben verflog, welches traurige, verzweiflungsvolle Zeugniß legt ihr gegen uns ab! Wenn nach Jahren unser Auge zufällig auf Euch fällt, so liegt das Andenken, welches einst die Liebe uns gab, in heiteren Farben vor uns, wie wir es in glücklichen Augenblicken zum ersten Male gesehen, und das Haus, in welchem wir glücklichere Tage verlebten, steht noch so da, wie wir es verlassen, als wir seine Schwelle zum letzten Male überschritten, und Alles ist in seinem einstigen Zustande geblieben, jedes Möbel an seinem alten Platze, jede Farbe in ihrer einstigen Schönheit, nur wir nicht; o, was sind wir Menschen, daß nur wir uns in dieser Welt verändern! In ewiger Schönheit strahlt die Sonne Licht und Wärme vom reinen Himmel auf unsere ergrauten Haare, blühend duftet der Lenz an den Grenzen unseres Lebens, und das Murmeln des Baches, die jauchzenden Gesänge der Lerche bleiben sich immer gleich, wie oft wir sie auch hören, und nur wir, wir nicht! Wie der Seidenwurm sich einspinnt, dann als Schmetterling fortflattert und stirbt, so verändern auch wir uns und sterben, nachdem auch wir unsere dünnen unsichtbaren Fäden in das große Gewebe der Menschheit eingesponnen. Und was ist unser Leben anders, als ein langes Sinken? Der Jüngling sieht lächelnd auf die hochfliegenden Träume des Knaben herab, der Mann kann die reine Begeisterung seines Jugendalters nicht begreifen, der Greis schreckt vor den Vorsätzen einer stolzen Männlichkeit zurück, und so sinken wir in's Grab, nachdem unser Geist früher erschlafft war und wir Alles verloren haben, wofür es zu leben der Mühe werth war. O Julie, also auch Du, die ich für so erhaben, so überirdisch gehalten, Du, deren Bild nach so peinvollen Erfahrungen noch rein vor mir gestanden, welcher ich mein Herz geschenkt, Du, zu der ich voll Sehnsucht aufgeblickt hatte, wie der Wanderer zu einem fernen Stern, der in anderen Sphären kreist, auf andere Erden seine Strahlen sendet, und doch auch ihm schimmert, und jetzt – – – Wer kennt den Schmerz, wenn auch das Letzte, was wir hochgeachtet, erniedrigt vor uns steht!

Ich ging in den Tanzsaal. Alles vergnügte sich; bei den Freudenklängen der Musik tanzten die Paare mit lächelnden Mienen; ringsum die sich drängenden Gruppen der Zuseher; überall heiteres Geplauder, Scherz und Lachen; nur Eine Traurige, Leidende unter so vielen sorglos Heiteren, Eine, abgesondert von der ganzen Welt. Dieser Anblick war traurig, ein Bild des Lebens, wo unter der beweglichen Menge geheimnißvoll der Schmerz umherwandelt und Niemand ahnt, wie viele unheilbare Wunden unter diesen lächelnden Gesichtern verborgen sind, wie viele schwere Seufzer dieses heitere Gelächter mit seinen lauten Tönen erstickt; wer ahnt, daß ein großer Theil dieser Menschen seine Freuden bereits verloren, oder sie verzweiflungsvoll noch sucht? Ich kann die Gefühle nicht beschreiben, die mein Herz bei Juliens Anblick erfüllten. Das einst blühende, lebensfrische Weib stand jetzt vor mir wie eine jener Marmorsäulen, die man auf Gräbern sieht. In ihren bleichen Zügen lag der unveränderliche Schmerz, den das Schicksal, der große Künstler, in sie eingegraben. Diese Züge, bei deren Anblick mein Herz einst laut pochte, sie hatten ihre Schönheit noch nicht verloren; der bleiche Schmerz machte ihre Reize noch großartiger, wie die Alpengegenden prachtvoller sind, wenn der Winter seine Schneedecke über sie breitet.

In jeder Seele lebt ein angeborenes Gefühl des Guten und Schönen. Von den ersten Jahren unserer Kindheit an, in denen wir uns noch an den farbigen Flügeln eines Schmetterlings oder an der blühenden Rose erfreuen, bis zum letzten Wonnegefühl, mit welchem der Greis die Abenddämmerung seines letzten Tages betrachtet; von jener sanften Freude, mit welcher das Kind die zärtliche Sorgfalt seiner Mutter empfindet, bis zur Begeisterung, mit welcher große Thaten das männliche Herz erfüllen, ist unser Leben ein langes Wünschen, ein langes, endloses Ringen nach diesen beiden; und nur insofern wir sie erreicht, insofern das Schöne, wovon wir geträumt, das Gute und Edle, dessen Idee wir im Herzen tragen, sich verwirklicht oder nicht, waren wir glücklich oder elend. Es gibt jedoch Augenblicke, in welchen wir Alles, was wir gesucht, auf einmal vor uns haben, in welchen Alles, was wir in unserem Leben von Schönheit geträumt, was unsere Seele je in dem Begriff des Guten und Edlen vereinigte, in Einem Wesen verkörpert, in bezaubernder Wirklichkeit uns entgegenlächelt, Augenblicke, in denen jeder Wunsch in einem großen Meer von Seligkeit untergeht – und das ist die Liebe. In meinem Herzen hatte nur ein Wesen dieses Gefühl geweckt, und das war Julie. Denn was war mir Betty? Ich sah sie jetzt neben Julien; während des Tanzes hingen ihre Blicke an mir, auf ihrem heiteren Gesichte konnte die Freude den Ausdruck jener heißen Liebe nicht verwischen, mit der sie an mir hing, und sah ich nicht dennoch mit kaltem Gleichmuth alle ihre Reize, während bei Juliens ernster Schönheit mein Herz erbebte? Was ist das Thautröpfchen, an dessen Schimmer sich unser Auge einen Augenblick ergötzte, im Vergleich zu dem Stern, dessen strahlender Glanz unser Geschick leitet!

»Kennen Sie die fremde Schöne nicht?« flüsterte Jemand hinter mir; ich wandte mich um und erkannte Lafard. »Kaum traue ich meinen Augen, aber das ist ja jene Gräfin, mit der Sie einmal ein Verhältniß hatten und die mit Dufey entflohen ist.«

»Sie sind verrückt,« sprach ich zornig, »und werden wohl daran thun, derartige und geschmacklose Scherze zu unterlassen.« – In meinem Herzen kämpften tausend widersprechende Gefühle, Liebe, Rache, Scham darüber, daß ich Diejenige, die ich hier so traf, jemals lieben konnte, und doch auch ein unwiderstehliches Verlangen, das mich zu ihr drängte. Nie habe ich mehr gelitten, als damals.

So ging ich von Zimmer zu Zimmer. In dem einen würfelten Arthur und Werner mit einander; ich stellte mich unter die Zuseher, die das Spiel mit größter Aufmerksamkeit verfolgten. Aus den bleichen Zügen Arthur's sprach Verzweiflung, seine Hände zitterten, während Werner mit kalter Ruhe die Würfel warf und unaufhörlich gewann. Ich war nahe daran, Arthur's Los zu beneiden, dessen Leidenschaft ihn wenigstens vor den Qualen bewahrte, die ich zu leiden hatte. Ich entfernte mich und gelangte endlich in ein kleines Zimmer, wohin der Lärm kaum drang. Es war der letzte der geöffneten Salons, und nur einzelne abgebrochene Töne, welche manchmal aus dem Tanzsaal herübertönten, und die angezündeten Kerzen erinnerten an die Soirée, welche hier stattfand. Mein Herz sehnte sich nach Einsamkeit; hier wollte ich bleiben. Ich überließ mich meinen traurigen Gedanken und ging auf den Kamin zu, in dessen Nähe ich Platz nehmen wollte, da hörte ich einen tiefen Seufzer. Ich wandte mich um. Am Fenster stand eine Dame. Es war Julie.

Frage nicht, was ich in diesem Augenblicke fühlte. So wie der Strahl der Sonne die Wolken umsäumt, während deren Inneres der Blitz durchzuckt, so mischte sich Freude und Schmerz in meinem Herzen, das wie ein von entgegengesetzten Winden erfaßter Nachen in schweren Kämpfen schwankte. Sie gewahrte mich nicht; gegen das Fenster gewendet, stand sie unbeweglich da, und nur der schwere Seufzer, welcher sich ihrem Busen entrang, erinnerte daran, daß sie lebe.

Bebend näherte ich mich ihr. »Julie,« sagte ich, mich zusammenraffend, »Sie leiden.«

Sie schrak auf und wandte sich um. Ihre tränenfeuchten Augen auf mich heftend, schwieg sie einen Augenblick. »Gustav!« schrie sie und warf sich, ihr Antlitz mit den Händen bedeckend, auf das Sopha. Wir schwiegen; nur das Knistern am Fenster, an welches der Herbstwind den Regen schlug, und das Schluchzen Juliens störten die Ruhe, meine Augen schwammen in Thränen.

»O Gustav,« sagte sie endlich nach langer Pause, ihre großen, dunklen Augen auf mich richtend, »daß wir uns so wieder finden müssen, hier und so! – Nicht einmal dieser letzte armselige Trost konnte mir bleiben, daß mein Bild wenigstens in Ihrem Herzen rein dastehen, daß wenigstens ein edles Wesen ohne Verachtung an mich denken werde. So sei es denn,« setzte sie seufzend hinzu, »das war der letzte bittere Tropfen im Kelche meiner Leiden – jetzt kann ich getrost der Zukunft entgegensehen.«

Ich war tief erschüttert. Die Erinnerungen, welche bei Juliens Stimme in meiner Seele auftauchten, die unerwartete Lage, in welcher ich sie traf, die flammende Liebe, die mein Herz erfüllte, und eine innere, unbeschreibliche Scham, sie so wiedersehen zu müssen, machte mich verstummen. Julie bemerkte meine Befangenheit. »Sie staunen,« sprach sie nach kurzer Pause, »daß Julie, die Sie so sehr liebten, deren Andenken Ihnen so heilig gewesen, so tief sinken konnte? Sie finden keinen Ausdruck für Ihre Gedanken, nicht wahr? O, mein Freund, auf dieser Welt ist Alles möglich, Alles wahrscheinlich, nur das Glück nicht. Wie reizend ist dieses Leben, wenn wir dessen Schwelle betreten, alle Abgründe blumenbedeckt, die Wege so eben, und überall ein großes Blühen, Freude und Lust. Doch wissen wir auch, wohin uns unsere Wege führen? Können wir sagen, welches Ende unser harrt nach so herrlichem Beginnen? Bleibe auf dem breitgetretenen Pfade der Alltäglichkeit – so warnt die Erfahrung – er ist staubig, freudlos, aber sicher. Dein Los kannst Du nur insofern selbst bestimmen, als Du Dich bestrebst, den Platz, den Dir das Schicksal angewiesen hat, gut auszufüllen; willst Du etwas Anderes, so mußt Du zu Grunde gehen, die Kraft, welche Deine natürliche Lage angenehm oder wenigstens erträglich zu machen im Stande ist, reibt sich im Kampfe gegen das Schicksal auf. Mache es wie wir, gehe mit der großen Menge, verfolge mit ihr dasselbe Ziel – nur so bist Du vor Leid behütet. Doch spricht unser Herz nicht gegen diesen kalten Rath, klingen nicht tausend Verlockungen aus unserem eigenen Herzen, die uns auf Abwege führen? – Und so schweben wir in ewiger Ungewißheit, bald dem Rath der Welt, bald den mächtigen Wünschen unseres eigenen Herzens Folge leistend, bis wir endlich zwischen zwei Wegen, ohne wählen zu können, den rechten verfehlen und zu Grunde gehen.«

»O Julie,« rief ich, und dachte an meine eigene Vergangenheit, »wie sehr haben Sie Recht!«

»Zu Grunde gehen!« wiederholte sie, mich traurig anblickend. »O Gustav, ich kenne mein Schicksal. Oder blicken Sie vielleicht nicht mit Verachtung auf die Dirne, die mit gemalten Wangen sich Ihnen in den Weg stellt, blicken Sie nicht mit Verachtung auf alle jene unglücklichen Geschöpfe, die, ihre Schande vergessend, oder wenigstens verbergend, dort draußen tanzen? Und was bin ich weniger, als sie? Und waren sie nicht auch einmal rein, wie ich? Wie das Blatt in den Staub getreten wird, wenn es sich von dem Baum, auf welchem es gewachsen, losreißt, so muß auch das Weib sinken, wenn es, aus seiner natürlichen Stellung heraustretend, sich über den gewöhnlichen Kreis seines Geschlechtes erheben will. Denkt Jemand daran, daß der Tropfen, welcher mit Staub vermengt, zu Koth geworden, einst oben im Himmel vielleicht als Wolke im Sonnenstrahl erglänzte, oder auf eine Blume fiel und demantgleich schimmerte? Und doch vermeidet der Vorübergehende die Berührung desselben, denn wer möchte sich beschmutzen? Doch,« fügte sie hinzu, »die einzige Entschuldigung unserer Handlungen liegt gewöhnlich in der Geschichte unseres Lebens. Hören Sie die meinige und urtheilen Sie.«

Sie schwieg eine Weile und heftete ihre Blicke auf die lodernden Flammen des Kamins. Man hörte nichts als das Knistern der Holzblöcke und einzelne Musikklänge aus der Ferne. Mein Herz erfüllte ein unbeschreiblicher Gram. Endlich erhob sie ihr Haupt und sprach:

»Es gibt wenig Männer, die ein weibliches Leben verstehen; eine Hoffnung, welche vernichtet oder erfüllt worden, ein Wesen, welches treu oder niederträchtig war, ein Gefühl, welches erwidert wurde oder nicht: das ist Alles. Betrachtet sie ihre äußeren Verhältnisse, so hat sich rings um sie nichts verändert; sie kann reich, schön, beneidet sein, Alles steht auf seinem alten Platze, Alles lächelt ihr zu, und sie, die Glückliche, ist indeß dennoch unglücklich geworden; statt eines Himmels findet sie nun an derselben Stelle die Hölle, und weshalb? – Sie weiß es vielleicht selbst nicht. Ein Wort von geliebten Lippen, ein Blick, ein Zweifel, welcher ihre Freuden verbittert, lassen sie die Welt in einem neuen Licht sehen, Ihr Schicksal hängt ganz von ihrem Herzen ab, und Alles ist im Stande, diesem die tödlichsten Wunden zu schlagen. Sie wissen, wie sehr ich liebte und welcher Lohn meiner Liebe wurde; ich brauche Ihnen nicht zu sagen, was ich litt, als ich auf einmal, wie aus einem Traum erwachend, Dufey's ganze Niederträchtigkeit erkannte. Wenn ich an jene Tage zurückdenke, so kann ich kaum begreifen, wie ich die Kraft hatte, mein Leben zu ertragen. Der Fluch meines Vaters, die Gewissensbisse meines Herzens, wenn ich an Sie dachte, die Schmach, die an meinem Namen klebte, wohin ich nur blickte, wohin ich mich wandte, überall Schande und Fluch! Der dumpfe Schmerz, der meine Seele durchzuckte, vernichtete meine letzte Kraft, und es blieb mir nicht genug Kraft, mir einen Dolch in's Herz zu stoßen.«

»Unempfindlich für Alles, was um mich herum geschah, irrte ich, wie träumend umher. Mein Unglück war so schrecklich, daß ich es nicht in seiner ganzen Größe zu fassen vermochte; ja, ich zweifelte sogar manchmal an meinem Gedächtniß und hielt das Ganze nur für einen entsetzlichen Traum. Ihre Krankheit – ich weiß nicht mehr, durch wen ich davon in Kenntniß gesetzt wurde – weckte mich aus meinem dumpfen Schmerze. O, mein Freund, wie sehr ich mich auch gegen Sie vergangen habe, in den Tagen, die ich an Ihrem Bette verbrachte, konnte ich meine Sünden abbüßen. Wenn ich Nachts an Ihrem Bette allein blieb und plötzlich meinen Namen hörte, den Sie im Traume aussprachen, mit einer so schmerzbewegten Stimme, mit so tiefen Seufzern, als wollten Sie mich um Hilfe rufen, und wenn ich dann an Ihr Lager eilte und Sie wieder verstummten, und nur schwere Seufzer sich Ihrer Brust entrangen, oder wenn Sie manchmal Ihre fieberglühenden Augen nach mir wandten, und Ihre Lippen unverständliche Worte murmelten und Sie die Hand nach mir ausstreckten – wer kann die Gefühle meines Herzens in jenen Momenten beschreiben?«

»So vergingen Tage in der peinlichsten Ungewißheit. Ihre Aerzte sprachen mit grausamem Gleichmuth von Ihrem Zustande, ich hörte ihre Unterredungen, bald hoffend, bald wieder niedergedrückt durch ihre Aussprüche; ich achtete auf jede Bewegung Ihres bleichen Gesichtes, ich zählte die Pulsschläge Ihres Herzens, ich zitterte bei jedem Seufzer. Endlich erbarmte sich der Himmel meiner – Sie waren gerettet. Ihr Freund, der einzige unter den Aerzten, der mit Mitleid auf mich herabsah, versicherte mir auf seine Ehre, Sie seien außer Gefahr, und ich wurde ruhiger. ›So hat mich der Himmel doch wenigstens vor dieser einen Sünde bewahrt,‹ dachte ich mir; ›Gustav wird leben, ich bin nicht seine Mörderin.‹«

»So lange ich Sie noch in Gefahr wußte, vergaß mein Herz zwischen Hoffnung und Furcht auf alles Uebrige, nur nachdem Sie gerettet waren, dachte ich wieder an meine Lage. In Paris konnte ich nicht mehr bleiben, ich packte daher meine wenigen Habseligkeiten zusammen und nahm meinen Weg gegen Süden. Ich wollte meine Zuflucht eine Zeit lang bei meiner Tante in Avignon suchen. Ich kam Nachts dort an und begab mich zu dem Hause derselben; – die Fenster waren noch erleuchtet; dort saß die fromme Frau und arbeitete und betete vielleicht. Schon erfaßte meine Hand die Thürklinke – ich wagte nicht, einzutreten. ›Wird sie mich nicht mit kalter Verachtung empfangen?‹ dachte ich; ›wird sie mich nicht aus ihrem Hause jagen, wo meine Anwesenheit ihren Bekannten vielleicht Aergerniß geben könnte? Und werde ich das unverschämte Mitleid, mit welchem Jeder in diesem Kreise auf mich sehen würde, die verachtungsvollen Blicke, das Flüstern hinter meinem Rücken ertragen können? O fort, weit fort von hier; dahin, wo mich Niemand kennt, wo dieses Herz einsam unter seiner Last zusammenbricht.‹ Und so ging ich fort ohne Ziel, verweilte bald in einem Dorfe, bald in einer kleineren Stadt ein paar Tage, und wanderte wieder weiter, sobald ich wahrnahm, daß meine Anwesenheit die Aufmerksamkeit irgend eines Menschen auf sich zog.«

»Die ungewohnte Lebensweise, und noch mehr der Kummer, griffen meine Gesundheit an. Und als ich eines Tages ermüdet in eine kleine Hütte trat, um auszuruhen, fühlte ich, daß ich nicht mehr weiter könne. Ich verfiel in eine schwere Krankheit. Aber nur die Glücklichen sterben auf dieser Erde; die liebevolle Sorgfalt, mit welcher die arme Frau, die mit ihren zwei Kindern diese Hütte bewohnte, mich in meiner Krankheit pflegte, erhielt mir das Leben. Ich hatte mich schon am Ende meiner irdischen Laufbahn geglaubt und mit ruhiger Freude dem Augenblicke entgegengesehen, der so vielen Leiden ein Ende machen sollte. Der Himmel hatte es anders beschlossen, und ich unterwarf mich ohne Murren seinem Willen; war auch die Last meines Kummers nicht von mir genommen, so war mir doch wenigstens der süße Trost geboten, der unsere Seele beim Anblicke eines wahrhaft guten Menschen erfüllt. Wer kein Elend erfahren, der kennt den Menschen nicht in seiner ganzen Größe. Alle die großen Namen, die in unseren Geschichtsbüchern glänzen, sie sind das Resultat ungeheurer Eitelkeit. Alles, was die Menge anstaunt, das Jahrhundert preist, die Zukunft wie eine Gottheit anbetet, wird, ruhig betrachtet, und ohne den Nimbus, mit welchem fremde Phantasie es bekleidete, zwerghaft klein; nur eines gibt es, was den Menschen wahrhaft groß zu machen im Stande ist – das ist seine Güte, und diese lernen wir nur in unseren Leiden kennen. Wenn wir verlassen dastehen, ohne Hoffnung, hinausgestoßen in eine fremde Welt, ohne Bekanntschaft, der wir unser Elend klagen, auf deren Pflege und Sorgfalt wir rechnen könnten, und wenn dann aus der fremden Menge ein unbekanntes Menschengesicht sich uns freundlich nähert, uns um unsere Leiden fragt, uns mit beruhigenden Worten tröstet, mit uns sein Brot theilt, wenn wir hungern, unsern Schmerz mit uns fühlt, wenn wir der Theilnahme bedürfen, mit uns Thränen vergießt; o dann, nur dann ahnen wir den menschlichen Beruf in seiner ganzen Schönheit, und der größte Kummer, für den wir schon keinen Trost gesucht, wird bei dem Gedanken gelindert, daß es Jemanden giebt, der unsere Last gern erleichterte. Ich wurde ruhiger. Die einsame Wohnung, deren Stille nur das Brausen des nahen Meeres störte, die freundliche Familie, deren reine Freuden gleichsam einen Zauberkreis um mich gezogen, die liebevolle Theilnahme, mit welcher man meine unbekannten Schmerzen zu trösten beflissen war, söhnten mich wieder mit der Welt aus, und ich konnte wenigstens weinen. – So verflossen Monate, Marie widmete mir von Tag zu Tag größere Freundschaft, die Kinder hingen mit immer traulicherer Liebe an mir, und ich beschloß, bei ihnen zu bleiben. Das wenige Geld, welches ich mitgebracht hatte, und meiner Hände Arbeit, an welche ich mich immer mehr zu gewöhnen begann, genügten für meine Bedürfnisse; wo hätte ich sonst so viel Liebe und Theilnahme gefunden, als hier? Marie war ja auch unglücklich. Ihres Gatten beraubt, der eines Tages mit seinem Nachen fischen gegangen war, ohne je wieder zurückzukehren, erhielt sie ihre Kinder durch ihrer Hände Arbeit; auch sie kannte den Schmerz, und der meinige verdarb hier wenigstens keine fremden Freuden. Wenn wir uns nach gethaner Tagesarbeit vor unser Häuschen setzten, und meine Augen, die auf der weiten Meeresfläche ruhten, sich mit Thränen füllten, blickte ich auf meine Freundin, und Thränen blinkten auch in ihrem Auge; wenn wir des Tags schweigend arbeiteten, und während ich mit meinen Fingern den Faden drehte, meinem Busen plötzlich ein schwerer Seufzer sich entrang, blieb dieser Seufzer nicht ohne Widerhall; wir verstanden einander. Ein Ereigniß, das meinem ganzen Leben eine neue Richtung gab, änderte meinen Entschluß.«

Julie stockte und schwieg in sichtlicher Verlegenheit einen Augenblick; endlich faßte sie sich und setzte erröthend ihre Erzählung fort. – »Ich ward Mutter. Mutter! o welch' eine Seligkeit liegt in diesem Worte: Was ist das Weib ohne Kind? Sie besitzt immer zu wenig oder zu viel Liebe, um ganz glücklich zu sein; ihr Herz fühlt sich bald leer, bald glaubt es sich unter der Last seiner Empfindungen niedergedrückt; schwach und ohne Stütze, von tausend Gefahren umgeben, kann sie der Welt und den mächtigen Begierden ihres eigenen Herzens keinen Widerstand entgegensetzen, und ihr Leben ist ein langer, freudenloser Kampf. O, gib ihr ein Kind, und sie ist nicht mehr schwach; ihr Kind umfassend, wird sie vor den Gefahren des Lebens nicht mehr zurückbeben, ihr ganzes Leben wird auf dieser einen unendlichen Liebe beruhen und keine Macht wird im Stande sein, sie zu erschüttern. Wenn ihr Herz Gram beschwert, lächelt ihr Kind ihr nicht Seligkeit in's Leben? Wenn die Erinnerungen der Vergangenheit ihre Seele mit Kummer erfüllen, wird nicht das rosige Bild der Zukunft vor ihr auftauchen, so schön und freudenvoll, wie nur die Wünsche einer Mutter sie ausmalen können? Wenn sie ihren Glauben verloren hat, lernt sie nicht von ihrem Kinde wieder beten und hoffen und lieben? Ist es ihr nicht, als thäte sich ihr ein neues Leben auf? Fühlt sie sich nicht der Welt nothwendig, da ihre Pflege dieses zarte Kind erziehen soll, und reich, weil dieses Kind das ihre ist, das ihre durch ihre Leiden und Seligkeiten, durch ihre Pflege und Liebe? Und wenn das Kind herangewachsen und Das geworden ist, was seine Mutter hoffte, wird sie nicht mit ihm seinen ganzen Ruhm genießen? Wird sie nicht der Welt sagen können: ›Der, den ihr liebt, bewundert, erhebt, ist mein Kind – ich habe nicht vergebens gelebt!‹«

»Aber konnte ich diese Freuden, die größten, welche Gott dem weiblichen Herzen gegeben, auch genießen? Ohne Namen und Vermögen, von Allem beraubt, wodurch ich die Zukunft meines Kindes hätte sichern können, was konnte ich dem unglücklichen Wesen sein? Sollte es ohne Erziehung aufwachsen, damit ich es einst, wenn es ein Mann geworden, als Fischer oder Taglöhner zur Sclaverei und ewigem Elend verdammt sehe? Und wenn dieses Herz, zu Höherem geboren, schmerzliche Wünsche hegt, wenn dieser Geist, dessen Bestimmung eine schönere war, nur in seiner Unzufriedenheit sein edleres Gepräge kundgibt, werde ich seine Klagen ertragen können? Was werde ich meinem Kinde vorlügen können, wenn es nach seinem Vater fragt? Oder werde ich meine Schande gestehen können, daß ich seinen Fluch höre und mein eigenes Schicksal verfluche? Diese Gedanken bereiteten mir unnennbare Schmerzen. So oft mein Kind lächelnd seine Aermchen nach mir ausstreckte, so oft mich sein blaues Auge ansah, sah ich in jeder seiner Thränen und seiner Bewegungen einen Vorwurf. Ich konnte es nicht länger ertragen.«

»›Wie, wenn ich zu Dufey ginge?‹ dachte ich eines Tages. Mein ganzes Selbstgefühl sträubte sich gegen diesen Gedanken.

»Konnte ich Das vergessen, was Dufey an mir begangen? Die andauernde Heuchelei, die Niederträchtigkeit, mit der er mich verließ, sobald er nichts weiter als meine Person hoffen konnte? War er nicht schuld an allen meinen Leiden, an meinem Vergehen, all' meiner Schmach – ist er nicht schuld an dem Fluch meines sterbenden Vaters, der, ach! so schnell in Erfüllung ging? Und jetzt soll ich zu ihm gehen und ihn um Gnade bitten, damit er mich mit Füßen trete, damit er mich wieder fortjage? Nein, lieber sterben! – ›Und dein Kind?‹ so klang eine innere Stimme, ›was wird aus deinem Kinde werden? Hast du ein Recht, stolz zu sein, wo es sich um die Zukunft deines Kindes handelt, hast du ein Recht, das unschuldige Wesen, welchem deine Sünde das Dasein gegeben, deinen Bedenken aufzuopfern?‹

»Je mehr ich meine Lage bedachte, je mehr ich mit mütterlichem Stolz auf mein Kind blickte, desto stärker wurde in mir dieser Gedanke. Die Hütte, in welcher ich mich früher so zufrieden gefühlt, meine Armuth, auf welche ich mit Gleichgiltigkeit geblickt hatte, schienen mir jetzt im Hinblick auf die Zukunft meines Kindes schrecklich; ich konnte diesen Zustand nicht länger ertragen. ›Möge geschehen, was geschehen muß,‹ dachte ich mir, ›möge mein Herz die letzte äußerste Qual ertragen, möge ich beschimpft dastehen vor Demjenigen, den ich am meisten verachte; wenigstens wird mein Kind glücklich sein.‹«

»›Dufey hat sich gegen mich schändlich betragen, aber was liegt daran? Dieses Kind ist [sein] Kind, er wird es nicht von sich stoßen; er ist ja auch ein Mensch, in seinem Busen schlägt ja auch ein Herz, und wer könnte sein Kind nicht lieben? War mein Vater nicht kalt und herzlos, und doch nahm er mich als Tochter auf und gestattete meiner armen Mutter, mich zu pflegen. Und warum sollte das nicht auch Dufey thun? Ich begehre nicht seinen Namen, noch sein Vermögen oder seine Liebe; er möge mich als Magd in sein Haus nehmen, mich als Amme seines Kindes behandeln, wenn er nur gestattet, daß ich es sehe, bewache, daß mir sein sanftes Gesicht entgegenlächle, daß es in meinen Armen wachse und sich entwickle, daß ich es liebe.‹«

»Ich faßte meinen Entschluß. Es war dies das größte Opfer, das ich bringen konnte; es gab keine Qual auf Erden, die ich nicht lieber ertragen hätte, als zu Dufey meine Zuflucht zu nehmen. Aber das Glück meines Kindes erforderte es, es blieb mir keine Wahl übrig. Mit weinenden Augen nahm ich von Marien Abschied und begab mich, mein Kind tragend, auf den Weg.«

»Ich werde Sie mit der Beschreibung meiner Leiden nicht ermüden. Allein, kaum im Besitz der Mittel zur Deckung meiner nothwendigsten Bedürfnisse, unter Leuten, deren Sprache ich kaum verstand, gab es keine Qual, die ich auf dieser langen Wanderschaft nicht erlitten hätte. Bald zu Fuß, bald auf einem schlechten Wagen, oft in höchster Bekümmerniß um mein krankes Kind, aller Bequemlichkeit beraubt, so kam ich nach **, wo Dufey als Gesandter seinen Aufenthalt hatte.«

»O, ich war erst nur am Beginn meiner Leiden! Als ich aus meiner Einsamkeit fortging, war mein Entschluß fest; die Zukunft meines Kindes, die ich anders nicht zu sichern vermochte, schloß jeden Zweifel aus. Jetzt, nachdem ich dem Ziele meiner langen Wanderung so nahe war, begann ich auf's Neue zu zögern. ›Wie soll ich vor Dufey hintreten?‹ dachte ich, ›und wie wird er mich empfangen? Nach Dem, was geschehen, können wir nicht bei einander leben, und werde ich die Kraft besitzen, mich von meinem Kinde zu trennen? Das Kind lächelte so reizend, es streichelte mir so zärtlich meine Wangen, wie werde ich leben können, wenn ich seine süße Stimme, mit welcher es meinen Namen stammelte, nicht mehr hören werde?‹ Mein Herz schwankte in einer unendlichen Unentschlossenheit.«

»So vergingen ein paar Tage in unaufhörlichem Kampfe. Zehnmal schrieb ich Dufey, zehnmal ging ich zu seinem Hause, und so oft ich den Brief übergeben wollte, konnte ich mich nicht entschließen; die Noth ließ mir zuletzt keine andere Wahl übrig. Das wenige Geld, das ich mitgebracht hatte, war zusammengeschmolzen; meine Kostbarkeiten, die ich zum Andenken trug, würden mir – wenn ich sie auch hätte verkaufen wollen, höchstens nur auf einige Wochen das Leben gefristet haben. Das Alles bewog mich, die Ausführung meines Vorsatzes nicht länger aufzuschieben. Mit bebendem Herzen gab ich daher meinen Brief ab, in welchem ich Dufey von meiner Anwesenheit und Wohnung in Kenntniß setzte, und kehrte in der peinlichsten Ungewißheit, wie seine Antwort ausfallen werde, zu meinem Kinde zurück.«

»Mein Brief war ruhig und einfach. Ich beschrieb meine Lage, ich schrieb, ich sei aller Mittel beraubt, mein Kind erziehen zu lassen, ich hielte es daher für meine Pflicht, diese Sorge ihm anzuvertrauen; ich käme ohne Zorn und Bitterkeit, und bäte nur um das Eine, von meinem Kinde nicht scheiden zu müssen. Ich schrieb ihm, er werde niemals von mir einen Vorwurf zu hören bekommen, ich werde nie seinen Plänen im Wege stehen, er möge meinem Kinde Vater sein, und ich werde zufrieden sein, wenn ich es als seine Magd werde lieben können und wenn ich sehen werde, daß meine Selbstverleugnung dieses theure Wesen glücklich machen wird.

»In diesen Zeilen kam kein einziger bitterer Ausfall vor, nicht ein Wort, das ihn hätte beleidigen können; und konnte ich auch Dufey's Charakter nicht achten, so war ich doch überzeugt, er werde meine Bitte schon um seines Kindes willen nicht zurückweisen. O, denn wer hätte das Kind beruhigen können, wenn es weint, einschläfern, wenn es Nachts aufwacht, wer könnte es besser sprechen lehren, und wem lächelte es noch so süß zu, wie mir? ›Und Dufey ist kein Teufel,‹ beruhigte ich mich selbst, ›er wird sein eigenes Kind seiner Mutter nicht berauben.‹

»So verging Stunde um Stunde, so verging die lange, unendliche Nacht. Ich wurde immer unruhiger; vielleicht hat er meinen Brief nicht erhalten, oder er ist abgereist. Ich wollte schon einen andern Brief schreiben, als am nächsten Morgen ein Fremder in mein Zimmer trat und mir einen Brief von ihm brachte.«

Julie stockte wieder. Ich erwartete mit peinlicher Gespanntheit die Fortsetzung ihrer Geschichte.

»Es gibt Dinge,« sprach sie endlich, ihren Blick zum Himmel erhebend, »die ein ehrlicher Mensch erfahren muß, um sie begreifen zu können, Thaten, welche außer aller menschlichen Berechnung liegen. Eine solche war Dufey's Brief.«

»Ich war auf Alles gefaßt. Ich hätte selbst dann nicht gestaunt, wenn er meine Bitte zurückgewiesen und mich meines Kindes beraubt hätte; aber daß er sein Kind nicht bei sich aufnehmen werde, daß er nicht so viel Herz besitze, sein Kind nur einmal sehen zu wollen, das ging über mein Begriffsvermögen. Bebend las ich diese Zeilen zu Ende. Er schrieb, er bedauere unendlich meine Lage, könne aber unter seinen jetzigen Verhältnissen, die der Ueberbringer des Briefes, sein Secretär, mir näher auseinandersetzen werde, mein Kind in keinem Falle adoptiren. Er kenne mich übrigens zu gut, als daß er nicht wirklich glaubte, dieses Kind wäre das seine, er halte es daher jedenfalls für seine Pflicht, für die Zukunft desselben Sorge zu tragen. Jetzt sei er in Geldverlegenheit und könne mir nur fünftausend Francs schicken, doch wenn es ihm später möglich sei, so werde er mir mit Vergnügen zu Diensten stehen, unter der Bedingung, daß ich diese Stadt allsogleich verlasse und meine Briefe immer nur an seinen Secretär richte. Ich war vernichtet. Es war dies die letzte einzige Hoffnung meines Lebens, wenigstens mein Kind noch glücklich zu sehen. Jetzt hatte mich auch diese betrogen. Was blieb mir auf Erden noch übrig? Der Secretär zählte indeß die Goldstücke mit kaltem Gleichmuth auf.«

»Dieser Anblick riß mich aus meinem dumpfen Schmerze. ›Was wollen Sie mit diesem Gelde?‹ rief ich mit zornerstickter Stimme.«

›Wie?‹ fragte er, und heftete seine kleinen grauen Augen auf mich, ›ich denke, Sie müssen das besser wissen, als ich. Wenn Sie es nicht verlangt hätten, so würde Sie der Graf zu dessen Annahme wahrscheinlich nicht gezwungen haben.‹

»Es lag etwas Verletzendes in dem Tone dieses Menschen, das mein Innerstes empörte; ich zwang mich jedoch zur Ruhe und bat ihn, das Geld zurückzunehmen.«

›Zurücknehmen?‹ rief er, die Hände zusammenschlagend. ›Hat die Welt so etwas erlebt? Fünftausend Francs und noch zu wenig!‹

›Nehmen Sie es zurück,‹ widerholte ich, und der Zorn preßte mir Thränen aus den Augen, ›und sagen Sie Ihrem Grafen, daß ich ihn verachte.‹

›Verachten!‹ erwiderte er zornig. ›Und weshalb? Weil er Ihnen in unerhörter Großmuth eine so beträchtliche Summe sendet, und was noch mehr, auch künftighin für Ihr Schicksal zu sorgen verspricht? Ich muß gestehen, ich habe viel erfahren, doch das hielt ich nicht für möglich. Würde ich den Grafen nicht kennen, und wüßte ich nicht, wie ungnädig er es aufnähme, wenn ich dieses Geld zurückbrächte, Sie verdienten wirklich, daß ich es thue; er ist ein edler Mann, und Sie verdienen trotz Ihrer Undankbarkeit Mitleid. Doch sprechen Sie künftig mit mehr Achtung von Ihrem Wohlthäter.‹

»Ich sprach nichts, aber ein fürchterlicher Schmerz durchwühlte mein Inneres, daß selbst dieser herzlose Mensch meine Bewegung wahrnahm und mich nach seiner Art mitleidig anblickte.«

›Stoßen Sie Ihr Glück nicht von sich,‹ sprach er endlich in so freundlichem Tone, als er nur vermochte; ›nehmen Sie dieses großmüthige Anerbieten an, danken Sie geziemend, und bauen Sie im Uebrigen auf die Gnade Sr. Excellenz; das ist das Beste, was Sie thun können. Welche Aussicht haben Sie sonst in der Welt? Sie waren die Geliebte des Grafen, so etwas ist natürlich und geschieht alle Tage. Sie haben ein Kind, dessen Vater nach ihrer Behauptung, Se. Excellenz ist, das ist wieder etwas Natürliches; doch wenn der Graf daran zweifelt, wie er mir auch andeutete, und das Kind nicht anerkennen will, wie wollen Sie Ihre Behauptung beweisen? Und wollten Sie die Sache auch auf gesetzlichem Wege einleiten, was würden Sie mehr als Geld gewinnen können, Geld, welches der Graf jetzt freiwillig anbietet, mit dem Unterschied, daß der Richter wahrscheinlich eine kleinere Summe vorschreiben würde.‹

»Ich weinte. Der Secretär schwieg eine Weile und bat mich endlich, eine Quittung zu schreiben. ›Ich habe Eile,‹ sprach er ungeduldig, ›ich muß gehen. Sie haben sich über den Grafen nicht zu beklagen, das müssen Sie gestehen, wenn Sie gerecht sein wollen. Erzählen Sie den Fall, wem Sie wollen, und alle Welt wird Ihnen sagen, daß er sich großmüthiger als jeder Andere benommen hat. Haben Sie etwas Anderes gehofft, so ist es Ihre Schuld, daß diese Hoffnung Sie betrog; es ist doch nicht zu verlangen, daß ein solcher Herr jeden kleinen Fehltritt mit einer Heirat büßen soll!‹«

»›Ich bitte Sie noch einmal,‹ sprach ich mit erzwungener Ruhe, ›nehmen Sie Ihr Geld und gehen Sie. Ich kann arbeiten, ich werde betteln, vielleicht Hungers sterben, aber von Ihrem Herrn werde ich nie Hilfe annehmen. Sagen Sie ihm das.‹«

»›Gut!‹ sagte er ruhig und nahm das Geld. ›Und jetzt bitte ich Sie schließlich, die Stadt noch heute zu verlassen, noch heute unbedingt. Der Graf ist im Begriffe, sich mit der Tochter einer der ersten Familien der Stadt zu verloben, und seine Sicherheit erfordert es, daß Sie, von deren Leidenschaftlichkeit er das Schlimmste zu erwarten hat, sich je eher, desto besser entfernen. Nicht als ob Sie dem Grafen schaden könnten, aber wir wollen jeden Scandal vermeiden.‹«

»›Und wer kann mich zwingen?‹ fuhr ich zornig auf.«

»›Wer?‹ lächelte er spöttisch; ›die oberste Polizeibehörde, meine Theure; oder glauben Sie, daß in einer so ordentlichen Stadt Personen, wie Sie, sich lange aufhalten dürfen? Oder daß es der Graf dulden würde, daß sein Name, seine Ehre durch Sie gefährdet werde? Sie reisen Nachmittags ab. Ich werde mich selbst davon überzeugen. Wenn nicht, so verübeln Sie es uns nicht, wenn wir zu strengeren Mitteln unsere Zuflucht nehmen.‹ Er wünschte mir spöttisch glückliche Reise und entfernte sich.«

»Ich habe in diesem Leben viel gelitten; an den Schmerz gewöhnt, konnte ich von der Zukunft, wenn nichts Gutes, doch auch keine größeren Leiden mehr erwarten, doch dieser Augenblick hatte mich unvorbereitet gefunden. ›Mein Gott,‹ rief ich, zum Himmel aufblickend, ›so hast Du keine Blitze mehr, die Du aus Deinem Himmel herabschleudern könntest, gleichviel, ob auf den Henker oder auf das Opfer, um jenen zu bestrafen oder dieses nach so vielen Leiden zu erlösen? Was soll ich thun? Ich, die Fremde, die Arme, die Verachtete, die Landläuferin, der man jede schlechte That zumuthen darf; ich, die Bettlerin, die von einer ordentlichen Gesellschaft nicht geduldet wird, die in christlichen Staaten von der Polizei ausgewiesen wird, damit sie ihr Elend anderswohin trage, anderswo in Elend zu Grunde gehe, und er, der mächtige, geehrte, hohe Herr! – an wen soll ich mich wenden, zu wem meine Zuflucht nehmen, um seinen Verfolgungen zu entgehen? – Und wenn ich meine Geschichte erzähle, wird man mich nicht für verrückt oder für eine gemeine Lügnerin halten? Oder wenn man meinen Worten schon glaubt, wird man nicht achselzuckend bedauern, mir nicht helfen zu können? Ich bin ja arm, ohne Namen und Macht; von meiner Vertheidigung kann Niemand Ruhm, von meinem Danke Niemand Nutzen erwarten. Weshalb sollte mich auch Jemand vertheidigen?‹«

»›Doch wie, wenn ich zu ihm ginge,‹ dachte ich endlich, ›damit ich dem Niederträchtigen gegenüber wenigstens einen Augenblick mich an seiner Verlegenheit weide, damit ich ihm, indem ich vor ihn mit diesen kummerbleichen Wangen hintrete, wenigstens einen Augenblick zeigen könne, was er gethan, damit ich ihm meinen Fluch in's Gesicht schleudere und ihm sage, wie sehr ich ihn hasse, wie sehr sein Andenken mein Herz mit Ekel erfüllt und er vor mir schamroth, bis in den Staub erniedrigt dastehe?! Doch kann ich das thun? Ist er nicht ein großer Herr, hat er nicht einen Portier vor seinem Thor und Diener in seinen Vorzimmern? Werden sie mich nicht lachend fortjagen, wenn ich komme? Se. Excellenz schläft noch, oder es sind seine Freunde bei ihm, oder er liest eben einen Roman, wer wagt es, ihn zu stören? Ersticke jedes Gefühl der Rache in deinem Busen, du Arme, stirb in Einsamkeit, deine Klagen, die letzten Seufzer deines sterbenden Herzens werden die hohe Ruhe deines Mörders nicht stören; er sieht deine Leiden nicht, er ist von Allem fern, was sein Gewissen wachrufen könnte, und deinem brechenden Herzen bleibt nicht einmal der Trost, daß du ihn wenigstens einen Augenblick seine Niederträchtigkeit erkennen ließest.‹«

»Ich mußte abreisen! Dufey's Interesse erforderte meine Entfernung, und ich konnte mich nicht widersetzen. Er konnte ja nicht dulden, daß sein Name, sein Ruf, seine Ehre durch mich gefährdet werde; was thut so ein großer Herr nicht Alles für seine Ehre? Wenn er das Weib, das ihm ihr Leben geopfert, durch die Polizei wegjagen läßt, wenn sein Kind unter Findlingen zu Grunde geht, wer weiß das? Er wird deshalb doch nach wie vor bewundert, geehrt, berühmt. Und wenn er sich auch manchmal erinnert, was er gethan – der Gedanke, daß diese Opfer zur Aufrechthaltung seiner Ehre nothwendig gewesen, wird sein Gewissen beruhigen. Ich mußte abreisen, unverzüglich, ohne Aufschub.«

»Ich nahm mein Kind auf den Arm und machte mich auf den Weg. ›O komm' mit mir, unglücklicher Säugling,‹ sprach ich vom Schmerz hingerissen, ›träume süß an dieser schmerzerfüllten Brust, lächle Deiner armen Mutter mild zu und richte sie auf mit Deinen schwachen Aermchen, wenn sie auf der schweren Wanderung ermüden sollte. Und wirst Du einst dieses Leben und dessen schwere Leiden kennen lernen, dann verzeihe Deiner Mutter, daß sie Dich geboren.‹ – Ich weinte.«

»Als ich vor die Thore der Stadt kam und mich nach so viel Aufregung ermüdet auf einen Stein niederließ, sprengte eine Schaar von Reitern mit frohem Lärm an mir vorüber. Ich blickte auf; es war Dufey, der mit seiner Braut und dem fashionablen Kreise der Stadt einen Spazierritt machte. Vor mir standen zwei Bürger und blickten den Reitern nach. ›Man muß gestehen, diese kleine Gräfin ist das schönste Mädchen unserer Stadt!‹ sagte der Eine. – ›Es ist auch ein Glück,‹ erwiderte der Andere weitergehend, ›daß sie einen solchen Mann bekommen hat. Dieser französische Gesandte ist der schönste, geistreichste und freundlichste Mensch in der ganzen Stadt, und was noch mehr, er ist durch und durch ein Ehrenmann.‹ – ›O Menschenurtheil, was bist du?‹ dachte ich und wanderte weiter.«

»Meine Lage war eine schreckliche. Ich besaß im Ganzen ein paar Francs; wollte ich auch Alles bis zu dem letzten Ringe zu Geld machen, so blieb mir kaum so viel, um in die nächste Stadt zu gelangen; und was dann anfangen? Wenn ich keine Arbeit finde, mich zu erhalten, was soll aus meinem Kinde werden? Der Winter war nahe; von den Bergen wehte ein eiskalter Wind auf mein Kind, und unter meinen Füßen raschelten die welken Blätter. Der Reiche ahnt nicht das schreckliche Unglück, welches alljährlich einmal das Leben der Armen gefährdet. Vor den grausamen Einflüssen der Witterung behütet, am flammenden Kamin, im Comfort der Häuslichkeit, welchen er nie besser genießt, als in den Tagen dieser Stürme, kennt er die Schrecken des Winters nicht. Wohin aber soll sich der Arme wenden, wenn ihm selbst der Himmel seine Gnade entzieht und sich kalt über ihm wölbt? Was soll er in den unendlichen Nächten beginnen, wo seine erstarrten Glieder kein Feuer wärmt und vor seinen schlaflosen Augen nur das Bild des kommenden Morgens steht, dessen Elend vielleicht ein theures Herz bricht? Mein Herz schauderte bei diesem Gedanken, und voll banger Vorgefühle langte ich in der Stadt an, welche das nächste Ziel meiner Wanderung war.«

»Meine Ahnungen hatten mich nicht getäuscht. Ich miethete mir eine kleine Wohnung in dem entferntesten Stadttheile, und hier wollte ich den Winter zubringen. Mein Obdach war arm und schmucklos; kleine, halb mit Papier verklebte Fenster, welche in ihren schlechten Rahmen beim schwächsten Wind klirrten, ein Ofen, eine zerbrochene Bettstätte, und an der angerauchten Wand ein hölzernes Kreuz, welches vielleicht vom früheren Bewohner der Stube dort vergessen wurde, oder nach dessen Tode dort geblieben war, das war aller Schmuck und alle Bequemlichkeit meines Zimmers. Und doch war es wenigstens ein Obdach, mein Kind konnte wenigstens in einem Bettchen aus weichem Holze schlafen, und ich war zufrieden. Könnte ich nur das behalten, dachte ich; ich wünsche nichts mehr, und so ging ich denn aus, um Arbeit zu suchen.«

»Arbeit! O Gott, wenn ich sie nur gefunden hätte! Was wäre so schwer oder so niedrig gewesen, wozu ich nicht bereit gewesen wäre? Was hätte ich nicht mit Freuden gethan, nur um meinem Kinde ein wenig Holz und mir einen Bissen trockenes Brot zu schaffen. Vergebens! Ich bot meine Dienste von Haus zu Haus an, doch Niemand erbarmte sich meiner. Der Eine sagte, er bedürfe meiner nicht; ein Zweiter hielt mich für zu schwach; ein Dritter warf einen Blick auf meine abgetragenen Kleider, welche dennoch nicht zu meiner jetzigen Lage paßten, vermuthete, ich wäre an eine andere Lebensweise gewöhnt gewesen, und sagte, er könne eine solche Person für sein Haus nicht brauchen. So kehrte ich täglich ohne Erfolg und immer mehr verzweifelnd nach meiner Wohnung zurück.«

»Unterdessen war der Winter gekommen. Hoher Schnee bedeckte die Straßen, und mein Kind schmiegte sich, vor Kälte zitternd, an meinen Busen. Ich beschränkte meine Ausgaben auf das Nothwendigste, und doch schmolz mein kleiner Schatz, von dem die Erhaltung meines Kindes abhing, täglich mehr zusammen. Und wenn ich gar nichts mehr habe, was dann? In meiner Seele erwachte ein schrecklicher Gedanke. ›Wäre es nicht besser, der langen Qual auf einmal ein Ende zu machen? Ich habe Alles gethan, um mir zu helfen, bin ich schuld, daß sich Niemand meiner erbarmte? Ob ich Hungers sterbe oder mir einen Dolch in's Herz stoße, ist das nicht gleichviel? Wer könnte meine That Selbstmord nennen? Und mein Kind? O, was wird aus meinem Kinde, wenn ich sterbe?‹ so rief ich verzweiflungsvoll, ›wer wird sich des unschuldigen Kindes annehmen, das selbst sein Vater von sich gestoßen? Sie werden das theure Wesen in's Findelhaus bringen, und wem liegt daran, wenn das Kind, das dann statt eines Namens eine Nummer erhält, in Elend und Verlassenheit umkommt, oder geistig und körperlich verkrüppelt aufwächst, sich selbst zum Fluche?‹ Dieser Gedanke erfüllte meine Seele mit Schaudern, ich drückte meinen Sohn an mein Herz und ging weiter nach Arbeit aus, und kehrte auf's Neue erfolglos und hoffnungslos zurück.«

»So verging Tag um Tag; nichts blieb unversucht, ich flehte die Menschen weinend an, stundenlang kniete ich mit thränenvollen Augen vor meinem Crucifix – vergebens! Himmel und Erde verließen mich in meinem Elend.«

»Die Miethzeit meiner Wohnung war um, wenn ich heute nicht zahlen konnte, so wollte mich mein Wirth aus dem Hause jagen, und mit dem Verkauf meines letzten Ringes war alle Hoffnung geschwunden. Es galt zu sterben, ich war entschlossen.«

»Ich saß auf meinem Bette neben meinem Kinde und blickte hinaus nach dem düstern Himmel, und es erfüllte mich die Ruhe der Verzweiflung. Einmal versiechen ja doch die Thränen und stumpft sich der Schmerz ab, und hatte ich nicht mehr gelitten, als ein menschliches Herz zu ertragen vermag? Mein Kind hatte, geschwächt durch den langen Hunger, seine Augen geschlossen und war stille, während ich meine Hand an sein Herz legte und zitternd untersuchte, ob es noch lebe. Alles schwieg im Zimmer. Da ging die Thür auf und ein altes Weib stand vor mir.«

»Als ich arbeitsuchend die Stadt durchstreifte, hatte mich der Zufall auch in das Haus dieser Alten gebracht. Sie empfing mich freundlicher als Andere, fragte nach meiner Wohnung, versprach, für meine Zukunft sorgen zu wollen, und verlangte nur meine Schande als Lohn ihrer Fürsorge; ich eilte damals mit schamglühenden Wangen fort. Jetzt trat die Alte in mein Zimmer und lächelte mir mit teuflischer Freundlichkeit entgegen; mein Blut gefror unter ihrem eiskalten Blicke.«

»Sie fragte, wie es mir gehe, und warum ich meiner Noth nicht ein Ende machte? Sie sagte, sie wollte mein Bestes, und ich sei einfältig, wenn ich ihren Rath nicht befolge. Ich hörte die Schändliche bebend an, und wenn auch sonst der bloße Gedanke, Jemand könne bei mir eine solche Verworfenheit voraussetzen, mich zum wüthendsten Zorn entflammt hätte: so bat ich sie doch jetzt ruhig, mich in Frieden zu lassen und meine letzten Augenblicke nicht zu verbittern.«

»Da erwachte mein Kind. Es öffnete seine Augen und begann zu weinen. Ich nahm es in meine Arme, wiegte es, doch vergebens; das Kind weinte fort, jammerte und nagte an seinen Händchen.«

»›Das Kind ist hungrig,‹ sagte die Alte ruhig, ›warum geben Sie ihm nichts?‹«

»›Mein Gott,‹ rief ich schaudernd, ›ich habe ja nichts!‹«

»›So wird Ihr Kind sterben!‹ sprach sie gleichgiltigen Tones.«

»›Und Sie können das so ruhig sagen?‹ fragte ich mit erstickter Stimme. ›O, wenn ein Herz in Ihrem Busen schlägt, wenn Sie je ein Kind gehabt haben, wenn Sie Ihrer Mutter gedenken, welche die ersten Jahre Ihrer Kindheit bewachte, so erbarmen Sie sich meiner.‹«

»Sie schwieg.«

»Ich fiel auf die Knie. ›Beim lebendigen Gott flehe ich Sie an, seien Sie barmherzig gegen uns. Sehen Sie, dieses Kind stirbt, und Sie können mit einer kleinen Gabe sein Leben retten. Nehmen Sie mich als Magd auf, als Ihre letzte Magd; geben Sie mir die niedrigsten Arbeiten, ich werde sie mit Freuden verrichten, nur retten Sie dieses Kind, ich bin ja seine Mutter, wie kann ich es Hungers sterben sehen?‹«

»›Und wer ist schuld daran,‹ sagte die Alte trocken, ›wenn das Kind stirbt? Ich oder Sie selbst, die Sie Ihrem Kinde zu Liebe nicht einmal Ihren Vorurtheilen entsagen wollen? Nehmen Sie meinen Antrag an und Ihr Knabe ist gerettet, seine Zukunft gesichert.‹«

»Ich schwieg verzweiflungsvoll. Die Nichtswürdige bemerkte meine Unentschlossenheit und sprach weiter. Sie erzählte mir, ein alter italienischer Fürst hätte mich gesehen und sich in mich verliebt, er sei reich, werde für meine Zukunft sorgen und meinen Knaben, wie sein eigenes Kind erziehen lassen. Wolle ich diesen Rath nicht befolgen, so könne sie nichts dafür, und es sei meine Schuld, wenn mein Kind in meinen Armen Hungers stirbt. Entsetzliche Unentschlossenheit erfüllte meine Seele, mein Kind schluchzte und zitterte in meinen Armen.«

»Die Alte begann auf's Neue, ihren Fürsten zu loben, bedauerte mein Kind, und schickte sich endlich, nachdem sie ihre langen Bemühungen fruchtlos sah, an, fortzugehen, mit dem Versprechen, morgen wieder kommen zu wollen.«

»›Und mein Kind?‹ rief ich bebend.«

»›Was kann ich dafür,‹ sprach die Alte kalt, ›wenn es indeß stirbt?‹«

»›Führen Sie mich zu Ihrem Fürsten,‹ rief ich verzweiflungsvoll; ›was liegt daran, nur soll mein Kind leben!‹ Ich stürzte besinnungslos auf's Bett.«

»Am andern Tag befand ich mich in modischen Kleidern in der Wohnung des Fürsten, und mein Kind spielte lächelnd in meinen Armen. – Jetzt verachten Sie mich.«

 

»Sie verachten?« rief ich hingerissen von den schmerzlichen Gefühlen, mit welchen die Geschichte Juliens mein Herz erfüllte. »O Julie, verdient nicht eher unsere ganze Gesellschaft Verachtung, wenn ein Weib, wie Sie, gefallen ist?«

»Sie sind besser, barmherziger als die Menge,« sprach Julie bewegt; »nehmen Sie meinen Dank für Ihre Theilnahme; ich bin solcher freundschaftlichen Worte längst entwöhnt.«

Ich drückte ihre Hand, die sie mir reichte, mit Leidenschaft an meine Lippen und weinte. »O Julie,« sagte ich schmerzlich, »warum mußten wir uns auf dieser Welt finden? Ich liebte Dich unendlich, ich liebte Dich, wie das Herz nur einmal lieben kann. Wenn ich allein war und trauerte, und Dein Bild vor meiner Seele auftauchte, so ward ich wieder heiter; wenn mein Herz mitten in der lärmenden Menge der Menschen sich vereinsamt und fremd fühlte, und sich fortsehnte, fort ohne Richtung und Ziel, aber im Gefühle, daß es nicht an seinem Platze sei: erklang in meinem Herzen Dein Name, und ich ward ruhig. Ich blickte auf zum Himmel, und sah Dich unter dem Sternenheere; ich sah mich auf dem Felde um, und Dein Bild blühte mir aus den Blumen des Feldes entgegen; und über und unter mir, in Freud und Leid, wohin ich auch dachte, blickte oder hoffte, da warst Du überall! ein bezaubernder Traum in der traurigen Wirklichkeit des Lebens; eine beglückende Wirklichkeit, wenn traurige Träume, wie Schatten meine Seele verfinsterten; der Himmel, welchen der Strom meines Lebens überall widerspiegelte; das einzige ewige Lied, das mein Herz als Nachtigall um so lauter sang, je mehr die Menge rings um mich lärmte – und jetzt – – unglücklich, leidend, was ein menschliches Herz auf Erden nur leiden kann, mit Füßen getreten, in den Staub gedrückt, so finde ich Dich wieder! Dein Herz hat keine Stelle, die nicht verwundet wäre – und bin ich nicht die Ursache Deiner Leiden? Hätte ich Dich nicht geliebt, so wäre die Ruhe Deines Lebens nicht gestört worden; Du wärest glücklich gewesen, geliebt von Deinem Vater, geehrt von der Welt. Und soll ich mich nicht verfluchen, dessen Liebe sogar nur Qualen bringen kann?« Ich bedeckte mein Gesicht und weinte.

Julie legte ihre weiche Hand auf meine Schultern, und in ihrem Auge blinkten Thränen, als sie sprach: »Verdammen Sie sich nicht. Wenn unter uns Beiden Jemand sich Vorwürfe zu machen hat, so bin ich es; doch sprechen wir nicht davon. Wenn in den finstern Stunden des menschlichen Lebens zwei vom Sturm umhergeschleuderte Herzen, wie zwei Schiffe auf hoher See, unversehens zusammenstoßen, und bei dem heftigen Schlage das schwächere bricht und sinkt, wer kann dafür? Eine höhere Macht lenkte ihre Wege, sie waren deshalb doch Freunde, Freunde wie wir; und nicht wahr, so viele Leiden haben unsere Gefühle nicht geändert?«

»Und sie werden sich auch nie ändern,« rief ich, ihr die Hand drückend, »was für eine Zukunft immer mir bevorstehe. Wie die Perle in den Tiefen des Meeres, wie Sterne hinter Wolken, wie Gold in der Tiefe der Erde, so behielt auch Dein Bild trotz so vieler Leiden seine ewige Schönheit, zwar manchmal verdeckt, verloren, doch immer wieder strahlend, wenn es vor mir auftauchte; und stets wird es mich in gleichem Maße beglücken, so lange mein Herz schlagen wird. Julie, wenn mich in diesem öden Leben etwas beglücken konnte, so warst Du es. Du liebtest mich nicht, doch besaß ich Dich nicht dennoch gegen Deinen Willen? Warst Du nicht mein? Denn meine Seele erfaßte Dich mit ganzer Kraft, Dein Bild strahlte mit Segen in meinem Leben, wie die Sonne, welche aus der Ferne die Erde bescheint und nicht weiß, wie viele Blumen sie geschaffen. Und beglänzt nicht Dein Bild jetzt meine Seele um so strahlender, je finsterer die Nacht war, die mich umfing, ehe Du kamst? Bist Du nicht mein? Alles, was gut und groß in meiner Seele, kommt von Dir; Alles, was in meiner Vergangenheit schön ist, erinnert mich an Dich; alle Hoffnung meiner Zukunft besteht in dem Gedanken, daß Du mich nicht vergessen wirst. Doch fürchte nichts, Unglückliche, Deine Augen haben nicht vergebens geweint, Dein Herz ist nicht vergebens so vieler Schätze beraubt worden. Ich werde Dich nicht beglücken können, aber sei überzeugt, daß ich Dich rächen werde.«

»Gustav,« erwiderte Julie ruhig, »wenn Sie mich je geliebt, so werden Sie das nicht thun.«

»Nein,« rief ich von Zorn hingerissen, »dieser Elende sollte straflos das Glück Deines Lebens gemordet haben, und ich sollte nicht vor ihn hintreten können, ihm nicht meine ganze Verachtung in's Gesicht schleudern, ihm nicht meinen Degen in's schändliche Herz stoßen? Er soll glücklich sein, stolz die Früchte seiner Niederträchtigkeit genießen, er, der Dein Herz kannte, der wußte, wie sehr Du ihn liebtest? Denn wie oft wir uns auch täuschen mögen, wenn wir leere Gefallsucht, mit welcher die Frauen sich uns oft nähern, für Liebe halten, es gibt Keinen unter uns, der wahre Liebe nicht erkennen würde. Julie, Du begehrst etwas Unmögliches! Wer sollte ihn hassen, wenn nicht ich, wer Deine Leiden rächen, wenn diese Arme ruhen?«

»Mein Gott!« rief Julie, ihre dunklen Augen zum Himmel erhebend, »und Sie halten ihn für glücklich? Glauben Sie, daß sein Herz, so ruhig und kalt es auch scheine, seine Erinnerungen nicht bewahre, daß mein Bild und das seines Kindes nicht seine Genüsse tödten und seiner Erinnerung unauslöschlich eingeprägt bleiben werde? Und wenn es auch nicht so wäre, kommt all' der äußere Glanz, kommen die Genüsse, welche sein Leben ihm bietet, dem Genusse gleich, den ich beim Anblick meines Kindes habe? Wer beneidet den Nordländer, dem die Sonne ein halbes Jahr scheint, ohne eine Blume zu schaffen? Eine solche Sonne ist das Glück dieses Herzlosen. Glauben Sie, mein Freund, er ist bedauernswerther als wir.«

»Auch als Sie?« rief ich tief ergriffen.

»Gewiß!« erwiderte Julie ruhig. »Ich bin nicht so unglücklich, als Sie glauben. Ich habe viel verloren, was gewöhnlich beglückend genannt wird, ich habe Leiden ertragen, deren Spuren die Zeit nicht verwischen wird, doch ich habe ein Kind! Sein süßes Antlitz lächelt Trost auf jeden Gram, aus jedem seiner Blicke strahlt mir neue Hoffnung entgegen; ich fühle, daß ich Mutter bin, und wäre ich auch von der ganzen Welt erniedrigt und in den Staub getreten, ich fühle, daß ein Herz, das noch lieben kann, noch nicht so tief gesunken ist. Mein Freund, ich bin Mutter, bedauern Sie mich nicht mehr. Und so lange dieses Herz für mein Kind schlagen, diese Arme es umfassen können, bin ich nicht unglücklich und nicht ganz verworfen.«

Julie schwieg eine Weile. Ich sah tief ergriffen den begeisterten Ausdruck ihres schönen Gesichts. »Und jetzt noch eine Frage, mein Freund,« fuhr sie mit sichtlicher Verlegenheit fort. »Nach Dem, was mir der Fürst angethan, kann ich nicht mehr bei ihm bleiben. Ich haßte ihn vom ersten Augenblick unseres Begegnens an, aber die Nothwendigkeit, die mich zu ihm brachte, die Zärtlichkeit, die er gegen mein Kind bewies, und der Umstand, daß er meine Lage niemals mißbrauchte, fesselten mich an ihn; das kann aber jetzt nicht mehr so bleiben. Morgen verlasse ich dieses Haus. Ich wende mich an Ihre Großherzigkeit, zürnen Sie nicht darüber – ich verlange das Erbtheil meines Vaters, jene fünfzigtausend Francs. Die Zukunft meines Kindes zwingt mich zu dieser Bitte, und Sie werden mich deshalb nicht verachten.«

Ich hatte das Vermögen, das ich von Juliens Vater ererbt, nie als das meinige betrachtet; ich hatte die Zinsen desselben zum Capital geschlagen, und bot ihr jetzt das Ganze an; sie lehnte es auf's Entschiedenste ab. Ich bat, ich erinnerte sie an die Pflichten gegen ihr Kind, mit einem Worte, ich bot Alles auf, sie von ihrem Vorsatze abzubringen – Alles war vergebens.

»Nein,« sagte sie schließlich, »bemühen Sie sich nicht vergebens, mein Freund. Ich kenne die Genüsse, die ein großes Vermögen bietet, und liebe meinen Sohn zu sehr, als daß ich sie ihm wünschte. Es sei ihm ein bescheidenes bürgerliches Los beschieden, das fern ist von der Noth, die unsere ganze Kraft zum Erwerb unseres täglichen Brotes in Anspruch nimmt und die edleren Kräfte unserer Seele in den Staub tritt; aber auch fern von dem Ueberfluß, welcher statt wahrer Freuden eitle Genüsse bietet und das Herz tödtet. Nur die Arbeit beglückt, nur der Genuß, den wir uns selbst verschaffen, ist ganz unser Eigenthum. Das sei das Los meines Sohnes. Als ich vor einigen Monaten nach der Schweiz kam, wurde ich mit einer Methodisten-Familie bekannt. Dieselbe war an der Grenze Schottlands, in der Grafschaft Perth, seßhaft, und die Frau, die genug menschenfreundlich war, meine Lage mehr zu bedauern, als zu verachten, forderte mich oft auf, mit ihnen zu gehen, um in ihrem Dorfe meinen bleibenden Aufenthalt zu nehmen. Dorthin werde ich gehen. Mein kleines Vermögen genügt, um mir, fern von der Welt, in diesem bescheidenen Kreise nach den Stürmen meines Lebens die Ruhe zu sichern und meinen Sohn zu einem nützlichen Bürger meines Vaterlandes zu erziehen. Wenn Sie die Erbschaft meines Vaters nicht annehmen wollen, so theilen Sie dieselbe unter Arme aus, und der Himmel wird Ihre Wohlthat mit seinem Segen belohnen.«

»O Julie,« rief ich von meinen Gefühlen hingerissen und kaum Worte findend, »so verlassen Sie mich denn wieder, und ich habe Sie nur wiedergesehen, um von Ihnen auf ewig Abschied zu nehmen?«

»Wer weiß?« sagte sie tief ergriffen, »vielleicht sehen wir uns wieder. Diese Welt ist groß; aber es gibt Menschen, welche das Schicksal von der weitesten Ferne zusammenführt, damit sie sich einen Moment sehen, sich die Hände drücken, und im Scheiden das tröstende Bewußtsein mit sich nehmen, daß in der Ferne ein Freundesherz für sie schlägt. Wir gehören vielleicht zu jenen Menschen. Und wenn nicht,« fügte sie mit einem Seufzer hinzu, »seien Sie so glücklich, wie ich es wünsche, bewahren Sie mir Ihr Herz, und vergessen Sie niemals Ihre Julie.«

»Julie!« rief ich und bedeckte ihre Hand mit glühenden Küssen, »dieses Herz breche, wenn es je Dein heiliges Andenken vergessen könnte!«

»Ungetreuer! Ungetreuer!« so klang plötzlich Betty's Stimme hinter mir. »Das ist also Deine Liebe?« – Ich wandte mich um, wie aus einem Traum erwachend; vor mir stand das Mädchen mit weinenden Augen.

Ich war versteinert.

»Das ist also die ewige Treue, die Du mir schwurst?« sprach sie schluchzend weiter, »das Deine Liebe, die ich besaß? Mein Gott, mein Gott, daß es soweit kommen mußte!«

Ich kann die Gefühle nicht beschreiben, welchen mein Herz in diesem Augenblick zur Beute ward. Ich stand beschämt vor Julie, und wenn auch Betty's Kummer meine Seele mit Schmerz erfüllte, so konnte ich doch meinen Zorn kaum unterdrücken. Nichts ertragen wir schwerer, als eine verdiente Erniedrigung; und war ich jetzt nicht erniedrigt in den Augen einer Dame, die mich bis dahin für einen so reinen Charakter gehalten hatte, und bei der ich mein Andenken rein und unbefleckt erhalten wollte? Ich mäßigte mich und sprach zu dem armen Mädchen einige Worte des Trostes.

»O, bemühe Dich nicht,« sagte sie mit Bitterkeit, »ich kenne Dich und weiß, daß es keinen bessern Redner gibt, wenn es zu betrügen gilt. Glaubst Du, ich weiß es nicht, daß Du mich nicht liebst, daß ich nicht bemerkte, wie Du zusehends kälter wurdest, oder daß Du mich weiter bethören kannst, nachdem ich Dich so gefunden habe? So,« setzte sie hinzu, einen Blick des Zornes und der Verachtung auf Julie werfend, »und mit wem? Mit einer Nichtswürdigen, die Du heute zum ersten Male siehst, die Dich nie geliebt und nie lieben wird, die häßlicher, älter und herrschsüchtiger ist als ich, und Dir eben so untreu sein wird, wie sie es ihrem jetzigen Geliebten ist.«

»Betty,« rief ich mit zornerstickter Stimme, »schweige, – denn – –«

»Schweigen? Ich soll schweigen?« rief sie mit zornglühenden Wangen, »o, ich werde sprechen. Ich gehe zum Fürsten und erzähle ihm Alles, damit er wisse, welche Schlange er an seinem Busen genährt, und diese große Dame kennen lerne, die es verschmäht, in eine ehrliche Gesellschaft zu kommen, die vor den Leuten sich so würdevoll benimmt, und in den Nebenzimmern so ganz anders! Fürchte nichts,« sprach sie zu Julie gewendet, »gemeines Weib, wie geschickt Du auch seist, wie meisterhaft Du auch mit Deinen gealterten Reizen den Geliebten eines andern ehrlichen Mädchens verführst, ich werde Dir die Larve der Tugend herabreißen, man soll Dich kennen lernen!«

Ich war außer mir vor Zorn. Julie wollte mich beruhigen, aber vergebens; mein Zorn brach aus, und ich sagte Betty Alles, was mir meine aufgeregte Leidenschaft einflüsterte: daß ich sie nicht liebe, nie geliebt habe, daß ich sie bezahle und sie kein Recht habe, über meine Handlungen Rechenschaft zu verlangen, mit einem Worte Alles, was ihr Herz auf's Tiefste verwunden konnte. Die beleidigenden Worte, mit welchen sie Julie verletzt, hatten jedes Mitleid in mir getödtet, und erst als die Unglückliche todbleich auf's Sopha hinsank und statt aller Worte mit ersticktem Schluchzen antwortete, legte sich mein Zorn.

Ich schwieg. »Warum behandeln Sie dieses arme Mädchen so grausam?« sprach endlich Julie leise mit vorwurfsvollen Blicken. »Sie liebt Sie. Sprechen Sie wenigstens ein paar versöhnende Worte zu ihr.«

»Und ich soll dulden, daß sie Sie beschimpfe?« erwiderte ich aufgeregt.

»Mein Freund,« sprach Julie ruhig, »weiß sie, zu wem sie spricht, kennt sie das Verhältniß, in welchem ich zu Ihnen gestanden? Glauben Sie mir, ich fühle mich nicht beleidigt; und wäre ich es auch, betrachten Sie die Unglückliche, ob die Thränen, die wir ihr erpreßten, nicht jede Beleidigung sühnen.«

Ich war ergriffen, stand aber noch immer unschlüssig da.

»Denken Sie an Dufey,« sagte endlich Julie seufzend, »ob er, den Sie nichtswürdig nennen, den Sie zur Rechenschaft ziehen wollen, mehr gethan habe, als Sie in diesem Augenblicke. Haben Sie nicht Diejenige beleidigt, die Sie liebt? Stehen Sie nicht erbarmungslos vor ihrem Schmerz und verweigern ihr ein Wort des Trostes, die vielleicht ihr Leben für Sie gäbe? Und weshalb? Weil Ihre Eitelkeit verletzt wurde, weil falsche Scham Ihnen nicht gestattet, in meiner Anwesenheit diesem Mädchen gegenüber zärtlich zu erscheinen. Sie sind in einer gleichen Lage, wie Dufey, und wollen dasselbe thun, was er gethan. O Gustav, ich kenne den Schmerz, den dieses arme Kind jetzt leidet, seien Sie barmherzig.«

Und hiermit ging sie zu Betty und begann sie zu trösten. Betty hörte anfangs nicht auf sie, doch nachdem ich, durch Juliens Worte gerührt, ebenfalls hinzutrat und ein paar freundliche Worte an sie richtete, und Julie erzählte, wir wären alte Bekannte und Alles, was sie gehört, sei nur der Freude des Wiedersehens zuzuschreiben, daß wir auch von ihr gesprochen, daß ich schließlich meine Worte bereue, trocknete das arme Mädchen ihre Thränen, reichte mir die Hand und beruhigte sich. Es that ja der Armen so noth, an meine Liebe zu glauben, sie wollte nicht zweifeln.

Aus der peinlichen Situation, in welcher ich mich den beiden Frauen gegenüber befand, befreite mich bald Lafard, der in gewohnter Manier lärmend in's Zimmer trat und sich darüber beklagte, daß ich mich von der Gesellschaft zurückziehe. Unter heiteren Vorwürfen, daß ich die schönsten Damen mit mir genommen, lud er uns zum Souper. Julie nahm schweigend seinen Arm, und wir gingen in den Saal zurück.

Jede Gesellschaft hat ihre Aristokratie. Ehrfurcht ist der große Wahnsinn unseres Geschlechtes, an dem wir mehr oder minder Alle theilhaben; wir finden kaum einen Menschen, und stünde er auf der untersten Stufe, der nicht nach Auszeichnung strebte, und der, hätte er auch keine Tugenden, nicht wenigstens durch seine Laster, oder durch die Unverschämtheit, mit welcher er ihnen nachhängt, eine Art von Vorrang über Seinesgleichen behaupten möchte. Das Bagno hat, wie der Salon, seine Helden; in den Kneipen, wie in den Klöstern giebt es Einzelne, deren Thaten und Benehmen, ja sogar deren Worte und Bewegungen mustergiltig sind und nachgeahmt werden. Eine derartige Crème ihrer Gesellschaft fand ich jetzt im Saale, nachdem sich ein großer Theil der Gäste, die am Tanz theilnahmen, zerstreut hatte; es waren Virtuosen des Rouéthums, die nacheifernden Jüngern als Muster galten. Ich werde Dich mit der Beschreibung unserer Orgie nicht langweilen. Du würdest sie nicht begreifen, wenn Du nie an einer derartigen Unterhaltung theilgenommen, in welcher der Mensch des bischens Vernunft, das ihm die Natur gegeben, überdrüssig, nur darnach strebt, so vollkommen als möglich – Thier zu werden; und kennst Du diese Genüsse, so wirst Du Dir sie besser vorstellen, als ich sie Dir beschreiben kann. Erzwungene Freude, erfolgloses Haschen nach Witz, lärmendes Getöse, schwer unterdrücktes Gähnen, verzweiflungsvolles Ringen nach ein wenig Unterhaltung und unausweichliche Langweile, die über Alles triumphirt, das findest Du in diesen Kreisen. Wer sich damit nicht begnügt und seine Menschenwürde im Weine nicht ertränken kann oder will, der kann nur mit Abscheu um sich blicken und Ekel vor einer Gesellschaft empfinden, welche mit ihrer Nüchternheit ihre blöde Gefühllosigkeit verloren hat, und nicht begeistert, sondern wahnsinnig jauchzt. Ich fühlte mich nie wohl in solchen Kreisen, und diesen Abend erwartete ich, aufgeregt durch all' das Gesehene und Gehörte, noch ungeduldiger den Augenblick, in welchem ich mich zurückziehen konnte.

»Und ist das Freude?« schrie Lafard mit gellender Stimme, als die Conversation, wie das in großer Gesellschaft oft zu geschehen pflegt, einige Augenblicke verstummte. »Sie, Fürst Amalfi, sind schlecht gelaunt, Ihre Geliebte schweigt mit junonischer Würde, Gustav ist traurig, Betty weint beinahe, Arthur leert schweigend sein Glas, so traurig, als tränke er statt ehrlichen Lafitte den Giftbecher des Sokrates. Nicht einmal französische Akademiker könnten langweiliger soupiren.«

Die ganze Gesellschaft begann auf's Neue zu plaudern, als wäre sie durch den Vorwurf beleidigt, daß sie einen Augenblick aufgehört, Unsinn zu sprechen, und ihren Fehler wieder gut machen wollte. Ich betrachtete Arthur mit Aufmerksamkeit; niemals hatte ich ihn so gesehen. Schweigend, ohne Theilnahme für Alles, was um ihn herum geschah oder gesprochen wurde, saß er da, wie träumend, nur der Ausdruck seines blassen Gesichtes und ein bitteres Lächeln um seine Lippen zeigten seine innere Aufregung. Wenn der Lärm ringsum lauter wurde, so warf er von Zeit zu Zeit einen kalten Blick um sich und versank wieder in seine Träumereien. Er trank mehr als irgend Jemand von uns, mehr als ich ihn jemals trinken gesehen; aber nur am düstern Glanze seiner Augen merkte man die Macht des starken Weines, sein Gesicht blieb bleich und traurig. Ich hörte von einem meiner Nachbarn, Arthur hätte diesen Abend an Werner große Summen verloren, und als ich daran dachte, was er ein paar Stunden früher bei mir gesprochen, und die Verzweiflung sah, die sein Gesicht ausdrückte, zitterte ich.

Die Gesellschaft zechte indeß lustig weiter und bemerkte oder kümmerte sich nicht um die Leiden des Einzelnen.

»Eines der Mädchen soll uns ihre Geschichte erzählen,« rief ein dicker Romanschriftsteller halb trunken am Ende des Tisches; »ich kenne kein größeres Vergnügen, als derartige Historien zu hören.«

»Damit Du sie dem armen Publicum auftischest?« spottete Werner, »und Du für die Leiden Anderer Honorar einstreichest? Und wir sollen Dir bei Deinen psychologischen Studien Gesellschaft leisten? Man muß gestehen, Du hast mehr Geist, als man nach Deinen Werken vermuthen sollte.«

»Spotte nur, spotte nur zu, deutscher Satyriker,« sagte der Andere mit halb wein-, halb zornglühenden Wangen; »daß ich das weibliche Herz am besten kenne, wird doch Niemand bezweifeln.«

»Das heißt, Du weißt es zu loben,« sagte Werner lächelnd; »es ist dies auch der einzige Weg, um von Frauen ein Kenner des weiblichen Herzens genannt zu werden.«

»So beginnt doch einmal mit der Geschichte,« stotterte der Fürst mit schwerer Zunge, »das unterhält mich.«

»O,« rief gefühlvoll ein blonder sächsischer Baron, den Lafontaine gewiß zum Helden eines Romans gemacht hätte, wenn derselbe nicht zufällig in Paris ein Roué geworden wäre, »ich weiß eine Geschichte, eine traurige, schmerzensreiche Geschichte, deren Andenken allein mir schon Thränen aus den Augen preßt. Nahe bei Dresden wohnte –«

»Um Gotteswillen,« unterbrach ihn Werner, »verschonen Sie uns mit dieser Geschichte. Der größte Theil der Menschen wird auf eine sehr langweilige Art unglücklich. Das ist eine alte Geschichte, wie Heine sagt:

Doch bleibt sie ewig neu,
Und wem sie just passiret,
Dem bricht das Herz dabei;

er weiß warum; Andere würden vielleicht beim Anhören seiner Geschichte gähnen oder lachen. Niemand versteht die Freuden oder Schmerzen des Andern. Wenn uns der Fürst sagt, was ihn am besten amusirt, und der Baron, was ihm Thränen in's Auge preßte, so werden Beide staunen. Wenn unser Dichter dort, der eben so ernst sein Glas leert, uns erzählte, die Ursache seines Kummers bestehe darin, daß seine unsterblichen Werke, von welchen er jährlich zwei Bände herausgibt, nicht anerkannt werden, und wenn Arthur, der jetzt eine so verzweiflungsvolle Miene macht, uns mittheilte, sein Unglück bestehe darin, daß er niemals die rechte Farbe trifft, weder als Maler, noch beim Kartenspiel, so würde kaum Jemand glauben, daß sie nicht scherzen. Das Schicksal ist ein Manna, welchem nur unsere Einbildungskraft einen Geschmack verleiht.«

»Mich könntest Du aus Deinen Späßen weglassen,« sprach Arthur, einen zornigen Blick auf Werner werfend, »ich bin nicht gelaunt dazu.«

»Laß' ihn,« sprach ein Dritter lustig; »trinke und bedauere diesen Unglücklichen, er war noch niemals berauscht.«

»Ich sage, ich dulde es nicht,« fuhr Arthur fort, »und ich werde es nie dulden, daß ich der Gegenstand des Spottes sei.«

»O, mein Freund, hängt das von Dir ab?« rief der Andere, »wer kann dem ausweichen? Jeder von uns ist ein Narr der Welt und die ganze Welt unser Narr. Geh' heim und schlafe Dich aus.«

»Geh' selbst,« schrie Arthur immer aufgeregter, »wenn Dich Deine Füße noch tragen können!«

»Und wenn nicht, was liegt daran?« lachte der Andere. »Der Wein besitzt eine zweifache Kraft, die Erde gießt all' ihre belebende Kraft in ihn, der Himmel all' seine warmen Strahlen; diese erheben uns, jene zieht uns zu Boden. Was kann ich dafür, wenn bei mir diese Kraft die stärkere wird?« Die Gesellschaft lachte.

»Ich will von Niemandem ausgelacht werden!« rief Arthur und sprang von seinem Sitze auf.

Seine Wangen glühten, seine Aufregung nahm durch das schallende Gelächter der Gesellschaft zu; ich zog ihn bei Seite, um ihn zu beruhigen.

»Du hast Recht,« sagte er, nachdem ich ihm seine übermäßige Empfindlichkeit vorgeworfen, »ich habe gefehlt; ich weiß auch nicht, was mich so aufgeregt hat. Aber ich bin heute so empfindlich. Vielleicht weißt Du schon, daß ich all' mein Geld verloren habe, das Geld, das Du mir geliehen, meinen Gewinnst, Alles an diesen schändlichen Werner, und –«

»Darüber morgen,« unterbrach ich ihn; »wenn Du es wünschest, so steht Dir meine Börse zu Verfügung. Doch jetzt bist Du aufgeregt, Du thätest besser, nach Hause zu gehen.«

»Schon?« sagte er, einen traurigen Blick auf mich werfend. »So bin ich Euch schon so sehr zur Last, daß Ihr mich nicht einmal noch diese paar Stunden in Eurem Kreise dulden wollt?«

Es war ein eigenthümlicher Ton in diesen Worten, die mein Herz mit Besorgniß erfüllten. Doch ehe ich noch antworten konnte, nahmen Arthur's Gedanken eine andere Richtung. »Was stehst Du so traurig da?« rief er, »mein armer unglücklicher Gustav, was wirfst Du so sorgenvolle Blicke auf mich? Ist nicht alles Glück des menschlichen Daseins in diesem Zimmer aufgehäuft? Auf den Tischen Wein, auf den Stühlen Weiber! Und wir sollten nicht genießen? Komm', trinken wir.« Er zog mich zum Tisch.

»Schmach über Dich!« lachte er wild auf, als ich ihn auf seinen Zustand aufmerksam machte und bat, nicht mehr zu trinken, »über Dich, über Deine schmähliche Nüchternheit und Deine Thorheit,« sprach er und lachte wild auf. »Der Vernünftige bin ich, der ich den Becher der Lust nicht von mir stoße, der ich selbst im letzten bittern Tropfen des Lebenskelches Süßigkeiten suche, der ich lachen, mich freuen kann. O, verachte mich nur, Du großer, Du vernünftiger Mensch, schaue vornehm herab aus der Höhe Deiner Nüchternheit auf meinen glühenden Kopf; aber was kannst Du mehr, als ich? Verstehst Du die großen Geheimnisse der Natur? Giebt es vom leisen Pochen Deines Herzens bis zum hohen Gedanken, der Deinem Gehirn entspringt, etwas auf Erden, was Dir nicht ein Geheimniß wäre? Weißt Du, wozu Du lebst? und deshalb wahrst Du Deine Vernunft, stößest Du den Freudenbecher von Dir, damit Du die lange Reihe von Fragen, aus welchen Deine Wissenschaft besteht, nicht vergessest? O thörichter, dreimal thörichter Mensch, der Du unzufrieden mit Deinem Los, über Dir, und nicht lieber um und in Dir Deine Seligkeit suchest, weil Du nicht begreifen willst, daß Du nur als Thier und nicht als Gott auf dieser Erde genießen kannst. Genießen wir! Hebt die Gläser empor,« rief er, mit wildglühenden Wangen sein Glas füllend; »auf, Kameraden, und leeret sie bis auf den letzten Tropfen! Hoch die Segensmächte, die unsere Seele auf Augenblicke erheben, Wein, Weiber, Kunst, Ruhm, hoch Alles, was uns berauscht, hoch Alles, was uns die schwere Last des Lebens auf einige Augenblicke von den Schultern wälzt, hoch Alles, in dessen Genuß wir Gegenwart und Zukunft vergessen können!« Die ganze Gesellschaft toastete in wildem Lärm mit.

»Welch' ein Rausch!« stammelte der sächsische Baron, in welchem der Wein die Pedanterie vermehrte, in der er erzogen worden war; »hat man je einen solchen Toast gehört? Schande über die Unmäßigkeit!« und damit füllte er sein Glas auf's Neue.

»So recht, Arthur,« rief der Andere, mit welchem Arthur vor einigen Augenblicken beinahe einen Streit begonnen hätte, »so liebe ich Dich.«

»Du liebst mich, nicht wahr?« sprach Arthur mit Bitterkeit. »O, Ihr liebt mich Alle, Ihr frommen, guten Geschöpfe, ich kenne Eure edlen Herzen. Habt Ihr nicht immer mit mir gespielt, getrunken? Der Himmel lohne Euch Eure Treue. Hoch Alle, die so edel lieben können, wie Ihr; hoch die Liebe! O, was wäre unser Leben ohne Liebe! Der Jüngling begeht seine erste Thorheit, weil die Liebe seine Schritte gnädig leitet; unsere Dichter machen lange Romane aus ihr; womit könnten wir ferner unseren Egoismus, unsere Eitelkeit bemänteln, wenn wir dieses herrliche Wort nicht besäßen, das wir wie einen Purpurmantel um unsere Laster hängen! Es lebe die Liebe!«

»Nein, das dulde ich nicht!« schrie der Sachse mit heiserer Stimme, und erhob sich halb, um desto schneller auf seinen Sitz zurückzutaumeln, »die Liebe so herabzuwürdigen! Hierauf erging sich der fromme Jüngling stammelnd in schwülstigen Tiraden, deren Ende die Gesellschaft glücklicherweise nicht hören konnte. Am Schluß seiner Rede verbeugte sich der Baron dankend, denn er hatte das Getöse, das ihn zu unterbrechen bestimmt war, für Beifallszeichen gehalten.

»O wunderbare Mannigfaltigkeit der menschlichen Natur,« rief einer der am Ende der Tafel Sitzenden lustig; »Andere macht der Wein verrückt, diesen langweilig!«

»Ich habe mich nie besser amusirt!« sprach der Fürst, sich vergnügt die Hände reibend.

»Ein neuer Gegensatz,« rief ein Anderer, »unser Romandichter da, der seit anderthalb Stunden schläft, schnarcht eine Widerlegung auf die Worte des Fürsten. Wer hat hier Recht?«

»Beide, mein Freund,« erwiderte Werner ruhig; »wer über die Menschen lacht, oder den ihre Thorheiten langweilen, Beide haben Recht!«

»Der insultirt mich,« fuhr ein ehemaliger Capitän zornig mit weinglühenden Wangen auf, »wissen Sie, mit wem Sie sprechen? Wen nennen Sie hier thöricht und langweilig? Ich bin ein Soldat des großen Kaisers!«

»Und ich trage das Kreuz der Julitage!« rief ein Anderer, der nie aufhörte, zu behaupten, in den drei unsterblichen Tagen mitgekämpft, ja sogar eine Wunde erhalten zu haben, welche indeß, wie die Revolution selbst, keine großen Spuren zurückgelassen hatte und nur für Freundesaugen sichtbar war. »Ich bin auch einer von Jenen, die eine Dynastie eingesetzt – und –«

»Um Gotteswillen, schnell einen neuen Toast!« schrie ein lustiger Junge neben unserem alten Capitän, »sonst vertilgen sich unsere Helden gegenseitig, und wir hören morgen kein Wort mehr von ihren ritterlichen Thaten. Es lebe, was wir lieben!«

»Was wir lieben!« wiederholte die ganze Gesellschaft, die Gläser anstoßend.

»Amalie!« seufzte der Sachse mit vor Rührung glänzenden Augen; die Uebrigen, vom Taumel hingerissen, lärmten wild durcheinander.

»Amalie!« rief der Sachse wieder, und kämpfte mit der Macht seiner Stimme gegen das wilde Getöse, »Du Engel, dessen –« Vergebens. Seine Stimme drang nicht durch, und er warf wüthend sein Glas an die Wand. Alles lachte.

»O, mache Dir nichts daraus,« sprach einer seiner Nachbarn spöttisch, »zürne nicht, tugendhafter Jünger Werther's, daß Deine Stimme übertönt wird, daß Deine Lippen Deine göttliche Amalie nicht laut preisen können; dieser Kreis verdient es nicht, daß Du hier ihren Namen aussprechest. Bewahre diesen Namen in Deiner Brust, gleich einer paradiesischen Insel, welche auf den Fluthen unseres Weines blühend schwimmt. Und wenn sie einst, wie die große Atlantis auch versinken sollte, und rings um Dein Herz blos die Wellen des Champagners fluthen, dann rufe mit uns: ›Hoch, es lebe, was wir lieben!‹«

»Was wir lieben!« dröhnte es durch den Saal. »Und nieder mit den Theesäufern!« fügte ein Engländer mit kupferigem Gesicht hinzu und warf sein Glas wüthend zu Boden; »nieder mit den Schurken, welche den Menschen an geschmackloses Wasser gewöhnen wollen, welche die größte Schöpfung des menschlichen Geistes in diesem Jahrhundert des Fortschrittes, Gin und Brandy, verdammen. Aber die englische Nation verachtet ihre Intriguen,« perorirte er mit Pathos weiter, »die Nation wird es nicht dulden, daß man sie in diesem aufgeklärten neunzehnten Jahrhundert zum Barbarismus unserer Vorfahren zurückführe, die nur schnödes Wasser tranken, und –«

»Es lebe der Wein, hoch Gin und Brandy! nieder mit den Theesäufern!« tönte es durch den Saal, und die zu Boden geschmetterten Gläser, das wilde Gelächter und ein wüthender Rundgesang machten das Ganze zu einem Hexensabbath, wie ihn die kühnste Phantasie nicht schildern könnte. Ich empfand Ekel, winkte Arthur, der nach kurzer erzwungener Heiterkeit in sein voriges Stillschweigen zurückversunken war, und wir gingen in ein Nebenzimmer. Arthur folgte mir wortlos, und sich in ein Fauteuil am Kamin werfend, stützte er sein Haupt auf seine Hand und blickte stumm in die verglimmenden Kohlen.

Ich war tief ergriffen. – Ich liebte Arthur. Mein Gefühl für ihn war nicht so stürmisch und überschwenglich wie das, mit dem ich einst Armand geliebt; das Herz, welches einmal geliebt hat, verarmt, und seinen späteren Lieben bleiben nur die Trümmer unserer Gefühle. Doch so weit ich noch Freundschaft empfinden konnte, empfand ich sie für Arthur, und als ich ihn so sah und mich an all' das Gute und Edle erinnerte, wofür die Brust dieses Jünglings einst erglühte, und als ich bedachte, daß die qualvollsten Leiden doch immer nur die edelsten Wesen treffen, schwammen meine Augen in Thränen. »Arthur,« sagte ich endlich, »Du bist unwohl, dieses Getöse regte Deine Nerven auf, geh' nach Hause.«

»Du hältst mich für betrunken, nicht wahr?« erwiderte er mit bitterem Lächeln; »Du irrst, Du täuschest Dich sehr; ich habe viel getrunken, doch vergebens. Der Wein hat keine Macht mehr über mich, selbst der Rausch verläßt mich, wenn ich Trost von ihm verlange. Sieh', ich kenne mich, ich verstehe den Sinn Deiner Worte, ich weiß Alles bis zum kleinsten Detail, was um mich herum geschieht. Ich bin nüchtern, o nur zu nüchtern. Laß' mich noch heute hier unter Euch bleiben, morgen schlafe ich mich aus, und fürchte nichts, mein Rausch soll Dir fortan nicht mehr zum Aergerniß dienen.«

»Mir?« fragte ich erstaunt.

»Glaubst Du, ich bemerke nicht,« erwiderte er traurig, »wie Du mich vorhin im Saale mit tadelnden Blicken betrachtetest, ich hätte aus Deinen Worten, mit welchen Du mich ermahntest, nach Hause zu gehen, nicht den Ton mitleidiger Verachtung herausgefühlt? O, ich weiß, Du verachtest mich, aber ich beklage mich nicht. Du bist nüchterner, gebildeter, starkherziger; wie solltest Du nicht mit Mitleid auf meine Schwäche herabsehen? – Ich bin ein feiges, unnützes Geschöpf.«

Ich wollte ihn trösten; er schüttelte schweigend den Kopf. »Ich kenne mein Schicksal,« seufzte er, »mich liebt Niemand, mich hat Niemand auf dieser Welt geliebt. In Zerwürfniß mit meinem Vater, der in mir den Verlust seiner Hoffnungen beweinte, ohne glückliche Erinnerungen meiner Kindheit, so lebte ich, und so trete ich aus dem Leben, ohne daß eine Hand meine Rechte freundschaftlich gedrückt hätte, ohne daß es ein Herz gäbe, welches Schmerz empfindet, wenn ich gehe, ohne daß auch nur eine Thräne mein Grab benetzte. O, mir wäre besser gewesen, nie geboren zu werden!«

»Das wäre vielleicht uns Allen besser gewesen,« sprach ich tief ergriffen; »glaube mir, Du hast nicht mehr Ursache zu klagen, als Andere.«

»Nicht?« erwiderte Arthur traurig; »gibt es nicht Tausend, Millionen Glückliche? Findet nicht wenigstens jeder Unglückliche Trost, da sein Schmerz Tausenden gemeinsam ist, Tausende dieselben Thränen geweint haben? An wen soll ich mich wenden? Wenn ich sage, der Schmerz meiner Seele bestehe darin, daß ich meine hochfliegenden Pläne nicht erreichen konnte, daß mein Geist sich über den Kreis des Alltäglichen erhob und für die Kunst glühte, und die Qualen der Unfähigkeit litt? – Wer wird mich verstehen? Wer wird nicht mit Verachtung auf meinen Schmerz herabblicken?«

»Wer darf das wagen?« rief ich gerührt.

»Und was kann ich Anderes von der Welt erwarten?« erwiderte er schmerzlich. »Der gemeine Roué, der von der reichen Erbschaft seines Vaters nicht einmal dessen ehrlichen Namen retten konnte, der sein eigenes Vermögen verschwendete und dann vom Gelde Anderer lebte, der Versprechen leistete, ohne sie halten zu können, der sein Wort hundertmal brach und log; was verdient er mehr, als Verachtung? O, mein Freund, Du selbst würdest mir Deine Hand entziehen, Du selbst würdest über Deine Liebe zu mir erröthen, wenn Du wüßtest, wie tief ich gesunken bin. O Gustav, Gustav, daß es mit mir so weit kommen mußte!«

Arthur bedeckte sein Gesicht und weinte; ich stand tief gerührt neben ihm und meine Augen schwammen in Thränen. »Nimm Deine Kraft zusammen,« sagte ich endlich, nachdem er sich beruhigt hatte, »lasse Dich von Deinem Schicksal nicht zu Boden drücken, die Zukunft wird Deinen Verlust ersetzen. Zeit und Geduld verhelfen uns zum Siege über unser Schicksal. Gleich dem Baume, welcher, nachdem er dem Sturme widerstanden, später um so herrlicher blüht, geht auch der Mensch aus den Stürmen des Unglücks gestählter und kräftiger hervor. Zu Grunde geht nur, wer durch einen Schlag sich zu Boden werfen läßt.«

»Mein Freund,« sagte Arthur mit kalter Entschiedenheit, »ich bin stark, und diese Thränen werden meinen Entschluß nicht erschüttern. Man wird wenigstens nicht sagen können, Arthur habe seine Schande überlebt. Du bist der Einzige, der mein Herz kennt, der gegen mich stets freundschaftlich war. Du kennst meine Verirrungen, aber Du weißt auch, daß das Ziel, nach welchem ich strebte, ein edles und herrliches war; Gustav, denke nicht mit Verachtung an Deinen armen Freund.«

Ich war tief ergriffen, und obzwar ich fühlte, daß hier Trost unmöglich sei, wollte ich sein bitteres Leiden doch wenigstens durch meine Theilnahme mildern. Da stürzte Betty in's Zimmer und gab meinen Gedanken eine andere Richtung.

»Komm' mit mir in den Saal,« sagte sie und erfaßte zitternd meine Hand, »es gehen d'rin Dinge vor, die man sehen muß.« – Ich wollte sie fragen, doch sie wiederholte nur dieselben Worte. – Arthur bat mich, zu gehen. »O komm',« rief Betty, »und lerne Deine Freunde kennen.«

Ich bat Arthur, mitzukommen; ich wollte ihn in einem solchen Zustande nicht allein lassen. Er erfüllte meinen Wunsch nicht, versprach mir jedoch, mich zu erwarten. Betty zog mich in den Saal.

Indeß hatte hier die Orgie ihren Höhenpunkt erreicht. Einige schnarchten auf den Divans, Andere waren auf ihren Sitzen eingeschlummert; überall umgestürzte Stühle, zerschmetterte Gläser und Flaschen, und um den Tisch herum die stark zusammengeschmolzene Schaar der Trinker, welche, nachdem sie einer so großen Anzahl Bouteillen Widerstand geleistet, es jetzt mit einer mächtigen Punschterrine aufnahmen, aus welcher Lafard mit glühenden Wangen das dampfende Getränk in die Gläser schöpfte. Die herabgebrannten Kerzen warfen auf das Ganze ein bleiches Licht.

»Wiederhole jetzt Deine niederträchtige Verleumdung,« rief nun Betty, die mich zu Lafard's Stuhl hingezogen hatte, »wiederhole sie, wenn Du es wagst, hier vor Gustav!«

Lafard verstand in seinem Rausche Betty's Worte nicht, als er jedoch aufblickte und mich sah, brachte er auf mich mit glänzenden Augen und süßem Lächeln einen Toast aus. »Es lebe der Held des Tages,« schrie er mit heiserer Stimme, »unser Lovelace, unser famoser Student, es lebe Gustav und seine reizende Geliebte!« Betty stand todtenbleich neben mir, in ihren Augen zitterten Thränen, ich war von unbeschreiblichen Gefühlen erfüllt, als ich sie ansah.

»Was stehst Du so stumm da,« rief Lafard, und bot mir sein Glas an, »als sprächen wir nicht zu Dir, oder als verstündest Du unsere Worte nicht? Du thust umsonst bescheiden, diese Herren wissen Alles.«

»Man muß gestehen,« sagte der Fürst mit aller Höflichkeit, deren er in seinem Zustande fähig war, »ich habe nie eine schönere, amusantere Geschichte gehört; ich beneide Sie um diese Idee. Sie ein Student,« setzte er laut auflachend hinzu, »aus dem Quartier latin, vielleicht besuchen Sie sogar die Collegien, und dies Alles, um diese kleine Spröde zu verführen! Die Geschichte ist famos, Sie können stolz darauf sein.«

»Gustav,« sagte Betty, ihre dunklen Augen auf mich heftend, »mache diesem grausamen Scherz ein Ende; ich weiß, es ist nur ein Scherz, aber es thut mir weh, sage ihnen, daß sie lügen.«

Ich war vernichtet und fühlte die ganze Niederträchtigkeit meiner That. »Wie wagtest Du es, Dein Wort zu brechen?« fuhr ich endlich mit zornbebender Stimme gegen Lafard auf.

»Wir werden uns doch hoffentlich,« lachte er, »wegen dieser Kleinigkeit nicht überwerfen. Mich kostet der Spaß tausend Napoleonsd'or, aber ich gestehe, mein Geld thut mir nicht leid, so sehr amusirt mich die Geschichte – und Du bist ärgerlich?«

»Laßt ihn, er ist betrunken,« stammelte ein Anderer, halb außer sich, »augenscheinlich betrunken; laßt ihn zur Ruhe gehen und sich ausschlafen.« Alles lachte.

»Gustav,« sagte Betty mit bebender Stimme, »diese Menschen sind so betrunken, daß es schade ist, wenn wir mit ihnen sprechen. Sage Du mir, ist es wahr, daß Du mit diesem Abscheulichen um meine Liebe gewettet hast? Um tausend Goldstücke, welche Dir mein Besitz einbringen sollte? Du selbst sage mir, daß Alles, was ich seit Monaten von Dir hörte, jedes Wort, jeder Eid nichts als Lug und Trug war, daß Du die Unschuld meines Herzens, mein ganzes Leben mit all' seinen Hoffnungen vernichtet habest um ein paar tausend Francs, Du, der Reiche, Du, den ich geliebt! Sage Du es mir selbst; wenn ich es von Dir höre, so werde ich es vielleicht glauben.«

Ich schwieg. Betty sah mich eine Weile mit antwortheischenden Blicken an, dann erhob sie ihre Augen zum Himmel. »O mein Gott,« rief sie mit erstickter Stimme, »also auch das kann wahr sein auf dieser Welt?«

»Was fehlt Ihrer Geliebten?« sprach Lafard staunend, als er Betty schluchzen sah. »Das ist sonderbar.« Und die ganze Gesellschaft blickte staunend auf uns. Alles ward plötzlich stille.

»O mein Gott, mein Gott!« schluchzte Betty, »was soll nun aus mir werden? An wen mich wenden in dieser großen Welt, wenn auch Dieser im Stande war, mich zu betrügen?«

»O Betty, Betty,« rief ich, zu ihren Füßen stürzend, »verzeihe mir!«

»Ich?« rief sie, mir ihre Hand entziehend, die ich erfaßt hatte, »ich Dir verzeihen? Wozu? Was kümmert Sie, Herr Graf, der Schmerz eines armen Mädchens? Was liegt daran, wenn dieses Herz sich freut oder bricht, in Liebe oder Haß Ihres Namens gedenkt? Sie haben Ihre Wette gewonnen, Herr Graf, Sie erhalten Ihr Geld, Herr Graf, was liegt im Uebrigen?«

»Das Mädchen ist reizend,« rief der Fürst, einen Blick des Verlangens auf Betty werfend; »ich liebe nichts so sehr, als ein Weib in seinem Zorne.«

»Komödie, leere Komödie,« lachte Lafard dazwischen und füllte sich auf's Neue das Glas, »das kennen wir; eine Schnur Perlen, die man ihr als steingewordenes Symbol ihrer Thränen um den Hals hängt, und Alles ist wieder gut.«

»Gehen Sie, mein Herr,« rief Betty mit zorngerötheten Wangen, »Sie haben Ihre Rolle meisterhaft gespielt, Sie haben Beifall genug geerntet, wozu sich länger bemühen? Lachen Sie nun, lachen Sie getrost mit den Andern über Ihren großen Triumph, und lassen Sie mich ruhig weinen.«

Julie, welche der ganzen Scene mit thränennassen Augen gefolgt war, bat mich, mich zu entfernen und nicht durch meine Gegenwart den Schmerz des armen Mädchens zu vergrößern.

»O, bleiben Sie immerhin, Herr Graf,« sagte Betty mit bitterem Tone, »genießen Sie Ihren Triumph vollständig. Nicht wahr, ich bin ein thörichtes Mädchen, ich glaubte Alles, was Sie mir gesagt, ich glaubte an dieses grenzenlose Glück, ich zweifelte an nichts auf Erden, wozu man blos Liebe brauchte. Lachen Sie nun, Herr Graf, lachen Sie über mich, erzählen Sie Ihren Kameraden meine ganze Thorheit, erzählen Sie diesen Herren alle Details unseres Liebesverhältnisses. Wozu hätten Sie das Glück meines Lebens zerstört, wenn Sie sich damit nicht einmal ein halbstündiges Amusement verschaffen wollen?«

»O Betty,« rief ich von meinem Schmerze hingerissen, »höre mich, und Dein Engelsherz wird mir vielleicht verzeihen.«

»Ohne Zweifel,« erwiderte Betty bitter, »welchen Grund hätte ich auch, mich zu beklagen? Unter einer Maske die Liebe eines armen Mädchens gewinnen, das ihr Herz nicht verkaufen wollte, Monate lang mit dem Scheine höchster Wahrheit und mit größter Consequenz lügen, die glühendste Liebe heucheln, und endlich, wenn man sein Ziel erreicht, die thörichte Leichtgläubige dem Spotte seiner Kameraden aussetzen, was wäre da Schlechtes darin? Ich bin ja arm, und Sie, Herr Graf, bedürfen der Zerstreuung. Ist das nicht schon Hunderten vor mir geschehen? und,« setzte sie mit einem Seufzer hinzu, »der Himmel wird sich vielleicht auch meiner erbarmen.«

In diesem Augenblicke tönte ein Schuß aus dem Nebenzimmer. Die ganze Gesellschaft verstummte. »Das war Arthur!« schrie ich auf, und auf Alles vergessend, stürzte ich auf das Nebenzimmer zu, in welchem ich Arthur zurückgelassen hatte. Es war verschlossen, aber ein leises Stöhnen und der durch die Thürritzen dringende Pulverrauch bestätigten meine traurige Ahnung.

Wir erbrachen die Thür. Arthur lag in seinem Blute schwimmend auf dem Divan; in der einen Hand hielt er noch die Pistole, die andere lag auf seiner Brust, der sich schwere Seufzer entrangen.

»Schnell einen Arzt herbei!« schrie Julie, »sonst stirbt der Unglückliche.«

»Er ist bereits gestorben,« sagte Werner ruhig, ihm den Puls fühlend; »er hat den letzten Seufzer ausgehaucht, sein Puls schlägt nicht mehr.«

»Armer Junge,« sagte der Fürst, wie Alle durch diese Scene wieder nüchtern geworden, »wer sollte glauben, daß der Rausch zum Selbstmord führt!«

»Sie irren,« erwiderte Werner, »der Unglückliche war niemals nüchterner. Es giebt Menschen, denen es eine Thorheit scheint, sich am Leben zu erhalten.«

»Er ist glücklich,« flüsterte Betty, »er ist darüber hinaus.« Ich blickte erschrocken auf. Betty weinte.

»Kind,« sagte Julie ruhig, »und gäbe es denn nichts nach dem Tode? Laßt uns für diesen Unglücklichen beten.« Die Frauen knieten nieder, und nur der Herbstwind, welcher an unsere Fenster schlug, störte die tiefe, schreckliche Stille, die in der Stube herrschte.

 

XIII.

Du kannst Dir vorstellen, in welchen Wirrwarr dieser unerwartete Vorfall das ganze Haus brachte. Die Fragen der später Erwachten, Lafard's sinnlose Monologe gegen den Selbstmord, die bleichen entsetzten Gesichter, die umher rennenden Bedienten, Aerzte und Polizei, alles das bildete ein Chaos, in welchem man sich kaum selbst finden konnte. Dies, und vorzüglich Arthur's Tod, nahmen mich so ein, daß ich in den ersten Augenblicken auf alles Andere vergaß. Julie, welche plötzlich mit besorgtem Gesichte auf mich zutrat und nach Betty fragte, weckte mich aus meiner Zerstreutheit. Ich hatte sie nicht gesehen, seit wir uns aus dem Zimmer, in welchem Arthur lag, entfernt hatten, und als mir Julie sagte, sie hätte das Zimmer gleich nach mir verlassen und wäre seitdem nicht zu sehen, erwachte in meinem Herzen eine unbeschreibliche Besorgniß. Ich ging von Stube zu Stube, vergebens! Niemand hatte sie gesehen, nur ein Diener Lafard's behauptete, er habe sie in meinem Wagen fortfahren sehen.

Ich eilte nach Hause, und als ich hörte, sie wäre vor etwa zwei Stunden in meinem Wagen angelangt und hätte sich jetzt in ihr Zimmer eingeschlossen, ward ich beruhigter und warf mich ermüdet auf mein Bett, nachdem ich Befehl gegeben, mich augenblicklich in Kenntniß zu setzen, wenn Betty erwachte.

»Arme Betty,« dachte ich, »wie viel hast Du gelitten, wie viel leidest Du vielleicht noch jetzt in diesem Augenblicke! Doch fürchte nichts, ich werde Deine Thränen trocknen; wenn Du mich je geliebt hast, so werde ich Dich glücklich machen. Ich bin Dir eine große Genugthuung schuldig, doch als mein Weib wirst Du mir verzeihen. Mein Name, mein Vermögen, mein Leben, Alles wird Dein sein, und Du, Engelsherz, könntest Dich nicht versöhnen?« Diese Gedanken beruhigten mich, und ich, so fest zu Allem entschlossen, was Betty beglücken konnte, ich war von der Ausführbarkeit meines Vorsatzes so fest überzeugt, daß ich zuletzt mit mir ausgesöhnt einschlummerte.

Es war Mittag, als ich aus meinen schweren Träumen erwachte, in welchen ich bald Arthur, bald Betty, bald Julie sah und die Erinnerungen der verflossenen Nacht sich zu einem schrecklichen Bilde gestalteten. Ich fragte sogleich nach Betty, aber sie hatte noch nicht geklingelt, und voll neuer Besorgniß ging ich im Zimmer auf und ab. So verging eine Viertelstunde nach der andern; ich ging an die Thüre und horchte, aber es war nicht das geringste Geräusch zu hören. Ich fragte ihr Kammermädchen; sie sagte, ihre Gebieterin hätte noch nie so lange geschlafen, sie sei vielleicht krank, da sie gestern sehr bleich ausgesehen und auch geweint habe, als sie sie fortschickte. Ich konnte diese Ungewißheit nicht länger ertragen und öffnete leise die Thür. Das Zimmer war leer. Auf dem unberührten Bette und auf den Stühlen lagen einzelne Stücke ihrer gestrigen Toilette herum, auf dem Tische lag ein an mich adressirtes Schreiben. Zitternd öffnete ich den Brief, und denke Dir, was ich fühlte, als ich folgende Zeilen las:

 

»Herr Graf!

Wenn ich mich aus dem Hause, in welchem ich so viele glückliche Tage verlebte, nicht auf ewig entfernen kann, ohne an der Schwelle meines Glückes noch einmal Abschied von dem schönen Kreise zu nehmen, den ich verlasse, so werden Sie vielleicht meine Kühnheit entschuldigen, und die traurigen und unangenehmen Eindrücke, welche diese Zeilen vielleicht in Ihnen, Herr Graf, hervorrufen könnten, einer Unglücklichen verzeihen, der kein anderer Trost auf Erden geblieben, und die, was sie auch immer für Fehler haben möge, wie wenig sie auch fähig gewesen, Ihren Ansprüchen zu genügen, Sie immer treu geliebt und Sie bis zu ihrem letzten Athemzuge lieben wird.«

»Sehen Sie, ich bin ein armes, unwissendes Mädchen, welches für ihre Gefühle keine Worte findet, und während ich gebrochenen Herzens diese Zeilen schreibe, fürchte ich, meine fehlerhafte Schrift werde Ihnen ein mitleidiges Lächeln abdringen. Aber daß ich Sie liebe, das können Sie glauben, was auch immer Ihre Freunde sprechen, was immer Sie selbst über mich denken mögen; ich rufe Gott zum Zeugen an, daß ich nicht lüge.«

»Und wozu sollte ich auch lügen? Jetzt, wo ich freiwillig Allem entsage, womit mich Ihre Gnade überhäufte, wo ich dieses Haus so verlasse, wie ich es einst betreten habe, als Bettlerin, doch nur um meine Ruhe ärmer – was für ein Interesse hätte ich jetzt, zu heucheln? O, sagen Sie das Ihren Freunden, sagen Sie ihnen, daß die arme Betty nicht den Grafen liebte, daß sie, und war sie auch schwachherzig genug, seine Wohlthaten anzunehmen, dieselben nur so lange annahm, als sie sich geliebt glaubte. Mein Gott, daß auch Sie so niedrig von mir denken konnten! Was habe ich gethan, daß ich diese Schmach verdiente? Wäre ich eine große Dame gewesen, dann hätten Sie meinen Worten geglaubt; umgeben von Glanz und Verehrern, im Besitze eines großen Namens und einer Verwandtschaft, hätte ich gewiß nie diese bittere Erfahrung gemacht; Niemand hätte es gewagt, meine Liebe niedriger Absichten zu verdächtigen! Doch so – was wäre gemein genug, das man von dem Armen nicht voraussetzen dürfte, was klänge nicht wahrscheinlich, wenn man es gegen ihn vorbringt? Ihr Reichen glaubt, der Arme habe kein Herz, er habe nichts, was er ohne Nutzen hergäbe, was Ihr ihm nicht mit Eurem Gelde bezahlen könnt. Glauben Sie mir, Herr Graf, Sie irren; auch der Arme hat Etwas, das man für Geld nicht kaufen kann, und wenn ein Mädchen, das, wie ich, ihr Alles hingegeben, sich schließlich betrogen sieht, und nachdem sie die Hoffnung ihres ganzen Lebens auf diese eine Liebe gesetzt, mit ihren Gefühlen ein schändliches Spiel treiben sieht: so blutet ihr Herz, wie das der größten Dame, und all' Ihr Gold wird diese Wunde nicht heilen können.«

»Ihr Gold? Wußte ich denn, daß Sie reich seien? Konnte ich, als Sie vor mein ärmliches Fenster traten und meine Liebe gewannen, Ihren Namen, Ihren Reichthum ahnen? War ich in unserer einfachen Wohnung nicht tausendmal glücklicher in Ihren Armen, als in Ihren glänzenden Salons, wo ich mich durch Alles gedemüthigt und Ihre Liebe von Tag zu Tag erkalten sah? Gold? Wozu brauchte ich es? Lebte ich nicht früher ruhig, zufrieden, konnte ich nicht erhobenen Hauptes durch die Straßen gehen? Glauben Sie mir, Herr Graf, wie arm ich auch war, ich hätte für tausend Goldstücke keines Menschen Lebensglück auf's Spiel gesetzt, ich hätte Niemandem Liebe geheuchelt.«

»Vergebung für diese Worte! Mein Kopf ist so verwirrt – ich weiß nicht, was ich schreibe, doch glauben Sie, ich will Ihnen keine Vorwürfe machen. Sie kannten dieses Herz nicht und hatten gewiß keine Ahnung von Dem, was Sie thaten; ich grolle Ihnen nicht. Gott verzeihe Jenen, die mir Ihr Herz entfremdeten und mein ganzes Lebensglück zerstörten; ich habe sie nie beleidigt.«

»Ich habe viel schreiben wollen; ich überlese diese Zeilen und sehe, daß ich nichts geschrieben habe; aber ich muß gehen. Sie sind bereits zu Hause und es beginnt zu dämmern. Wenn ich noch zaudere, so kann ich mich nicht unbemerkt entfernen; jetzt schläft noch das ganze Haus und Niemand wird mein Fortgehen hindern.«

»Wenn Sie diese Zeilen lesen, bin ich weit von Ihnen; fragen Sie nicht, wo? Mein Weg ist weit, und seien Sie versichert, meine Gesichtszüge werden niemals wieder Ihre Ruhe stören – nieniemals wieder! Leben Sie glücklich, so glücklich, als ich es wünsche; meine Lippen werden Sie segnen bis zu meinem letzten Seufzer. Das Schicksal wollte nicht, daß ich glücklich sei; nicht Sie klage ich an.«

»Noch eine Bitte! Sie haben einmal mein Porträt malen lassen. Verwerfen Sie dieses Andenken nicht. Legen Sie es irgendwo unter Ihre Bücher oder Schriften, vielleicht kommt es Ihnen zufällig einmal in die Hand, und dann erinnern Sie sich an die arme Betty; nicht wahr, Gustav, Sie erinnern sich an sie? Und wenn Sie dann auch daran denken, wie sehr ich Sie liebte, wenn Ihnen meine Züge eine jener glücklichen Stunden in Erinnerung bringen, die wir zusammen verbrachten, so werden Sie sagen: die Arme, es war doch ein gutes treues Mädchen. – Noch einmal, Gott mit Dir! Mir gebe der Himmel Kraft zu meinem Vorsatze.

Betty.«

 

Ich war vernichtet. So viel Liebe, welche mir in jedem Worte dieses Schreibens entgegenklang, diese Engelsmilde, welche ihren Unterdrücker noch am Rande des Grabes segnet – und ich, was habe ich dieser Unglücklichen gethan! Der Himmel hatte mir dieses Mädchen anvertraut. Dieses Herz mit seiner unendlichen Liebe, das ganze Vertrauen dieser reinen Seele, das Alles war mein, und was that ich mit diesen Schätzen? Was machte ich aus der Unglücklichen, die ihre Zukunft nur von mir erwartete? Ich schauderte vor meiner Schlechtigkeit.

Niemand im ganzen Hause wußte etwas von Betty; ich fragte Jeden, doch Niemand hatte sie sich entfernen gesehen. Ich eilte in die Stadt hinein, ich ging zum Modewaarenhändler, bei dem sie früher gearbeitet, in ihre ehemalige Wohnung, zu einigen ihrer Freundinnen, zu Julien, Niemand hatte sie gesehen, Niemand etwas von ihr gehört. Ich fragte bei der Polizei an, ich versprach, bei der kleinsten Nachricht freigebig zu sein – Alles vergebens; bis endlich nach dreiwöchentlichen Bemühungen die schreckliche Ahnung, die mein Herz schon in den ersten Augenblicken geängstigt hatte, zur Wahrheit und mir mitgetheilt wurde, daß ein paar Meilen von Paris an den Ufern der Seine der Leichnam eines Mädchens gefunden wurde, welcher wochenlang im Wasser gelegen, demnach unkenntlich sei, aber, nach einzelnen Ueberresten der Kleidung zu urtheilen, nur Betty sein könne. Alle Zweifel, mit denen ich mich früher getröstet, hatten nun ein Ende. Ich war ein Mörder.

Erwarte nicht, daß ich Dir die Qualen beschreibe, welche ich in jenen Tagen erlitt, auch Du findest vielleicht, wenn Du auf Deine Vergangenheit zurückblickst, traurige Erinnerungen, aber Du findest keine, vor welchen Deine Seele zurückschaudert; Du, der Du nicht weißt, was das heißt, ein Verbrechen auf der Seele zu haben, sich zu fürchten, wenn der Abend naht, gegen den Schlaf zu kämpfen, damit in Deinen Träumen nicht plötzlich ein bekanntes Gesicht auftauche, die Menschen und die Einsamkeit zu fliehen, die Hölle im Herzen zu tragen, sich das Leben zu verwünschen, und dennoch den Tod zu fürchten – diese Schmerzen kannst Du Dir nicht vorstellen. Nur Gott weiß, wie viel ich leide.

In der ersten Zeit dachte ich an Selbstmord. Julie, welche noch einige Zeit in Paris verweilte, ehe sie nach Schottland abreiste, theilte treu mit mir meinen Kummer und hielt mich so vom Selbstmord zurück. Der Tod wäre mir nach meinen Leiden erwünscht gewesen, aber ich wollte für mein Verbrechen büßen. Ich fühlte die ganze Last desselben und wollte dieses Leben als eine Strafe tragen, mein Leben, das mir fortan nur Trauer und Schmerz bieten konnte, ein Leben, dessen Bitternisse nicht einmal die treue Liebe versüßen konnte, welche Du, mein Freund, besonders in jenen Tagen mir bewiesest.

So entstand allmälig der Gedanke in mir, hierher zu gehen. Betty war in diesen Bergen aufgewachsen und war mit ihren frommen Eltern öfter nach der Kapelle des heiligen Bruno gepilgert; sie hat oft von diesem Kloster gesprochen. Diese Erinnerungen, der Ekel, der mich vor der Welt, wo ich so viel gelitten und gesündigt, erfaßt hatte, und jene Religiosität, welche bei jedem Unglücklichen wenigstens als Sehnsucht wach wird, führten mich in diese Mauern. Und ich ward ruhiger.

Du kennst meine Geschichte, ich habe Alles gesagt, woran ich mich erinnerte, ausführlich und detaillirt, gewissenhaft und wie es Deine Freundschaft erlaubte; und wenn ich vielleicht hie und da mehr gesagt, als zum Verständniß meiner Geschichte nothwendig ist, so habe ich doch wenigstens nichts verschwiegen. Es thut meinem Herzen wohl, seinen ganzen Kummer auszusprechen, ihn ganz jenen einzigen Mann kennen lernen zu lassen, auf den ich jetzt mit Liebe zurückblicke. Und hätte ich dies erreichen können, wenn ich jene Details verschwiegen hätte, welche auf mein Leben zwar unmerkbar, aber doch so großen Einfluß übten? Auf dieser großen Welt, deren Herren wir geschimpft werden, gibt es keinen so kleinen und werthlosen Gegenstand, welcher nicht die stolzesten Gedanken des Menschen beeinflussen könnte. Ein Stück Stein, das vor uns liegt, ein Grashalm, ein unversehens gesprochenes Wort erweckt tausend Gedanken, und ein Gedanke entscheidet oft über das Schicksal unseres Lebens. Du bist das einzige Wesen auf Erden, vor dem ich die Geheimnisse meines Herzens aufdeckte. O, laß' mich hoffen, daß Derjenige, welcher mich kennt, sich meiner wenigstens mit Mitleid erinnern werde; und wenn ich schon Niemanden habe, dessen ich liebend gedenken könnte, wenn von meinem Vater angefangen bis zu dem Letzten sich Alles kalt von mir abwandte, so bleibe mir doch der einzige Trost nicht versagt, daß ich ein Herz behalten habe, welchem ich nicht fremd bin.

Ich habe viel gesündigt, doch auch viel gelitten, und die Gnade Gottes wird vielleicht die Thränen, welche ich geweint, abziehen von der Summe derer, die durch meine Sünden erpreßt wurden.

 

XIV.

 

Den 6. April.

Ich hatte mir vorgenommen, nicht mehr zu schreiben. Was Du begehrst, ist geschehen, ich habe Dir mein Leben bis in die kleinsten Details geschildert; wozu Dein Herz mit meinem traurigen Andenken beschweren? Wozu mich in Deinen stillen, häuslichen Kreis drängen, damit die Leiden eines gebrochenen Herzens Dich mitten unter Deinen Lieben an die Schmerzen des menschlichen Lebens mahnen? Ich hatte mir vorgenommen – und dennoch schreibe ich wieder. Mein Herz, welches in so vielen düsteren Stunden keinen andern Trost kannte, als sich an Dich zu wenden, kann die Einsamkeit nicht länger ertragen.

Der Frühling naht heran. Der warme Strahl der Sonne umsäumt auch unsere Gipfel, die weiße Schneedecke schwindet, die Dächer sind wieder schwarz, an den Bergwänden stürzt der geschmolzene Schnee in hundert brausenden Bächen hernieder und die Thäler beginnen zu grünen. Der Frühling naht, und die lebendige Natur hat nun zum hunderttausendsten Male die grüne Siegesfahne auf den Trümmern des Winters aufgepflanzt, und von dem hohen Berge, der sein weißes Sterbekleid abgeworfen hat und in neuem Grün dasteht, bis zum kleinsten Strauch, dessen neubelebte Zweige zu knospen beginnen, Alles fühlt seine Macht; vom großen Sturm, der seine befreiten Fluthen weiterwälzt, bis zum kleinsten Vogel, der mit heiterem Freudensang zum Himmel auffliegt, jauchzt jedes Geschöpf und alles Geschaffene in Lust auf, und kannst Du es Deinem Freunde verübeln, wenn sich auch in ihm der Frühling regt? Wenn auch er seine Seufzer zu jenem einzigen Wesen aussendet, das ihn versteht, welches ihm auf dieser weiten Welt das einzig treue, das einzig wahrhaft liebende gewesen? Gewiß, Du wirst die Hand des Scheidenden nicht zurückstoßen; mein Herz wird nicht lange mehr seine Last tragen, o laß' das Andenken Deiner Liebe wenigstens seine letzten Tage erheitern.

Seit ich das letzte Mal geschrieben, war ich schwer krank. Die Wunde, welche ich im Duell mit Armand erhalten und welche Deine pflegende Hand geheilt hatte, begann auf's Neue zu schmerzen. Du erinnerst Dich, daß die Aerzte schon damals von bösen Folgen, von einer Verletzung der Lunge, von einem früher oder später eintretenden Brustleiden sprachen. Jetzt ist das Uebel ausgebrochen, und wenn meine Ahnungen mich nicht täuschen, wird dieser Friedhofgarten, der sich unter meinem Fenster in jungem Grün ausdehnt, sobald ihn der Schnee auf's Neue deckt, mit einem Grabhügel bereichert sein. Die Wunden dieses Herzens werden nicht lange mehr schmerzen! Ich fürchte den Tod nicht! Als Gott uns aus dem Paradiese jagte, gab er uns die Sterblichkeit, und wer weiß, ob nicht zum Ersatz!

 

Den 10. April.

Die schönen Tage des ersten Frühlings sind vorüber, kalte Sturmwolken fliegen wieder am Himmel hin. Ich fühle mich schlechter, mein Athem ist schwer, ich leide. O, mein Freund, ist das also unser Lenz? Das die Jahreszeit, die wir die schönsten Augenblicke unseres ganzen Lebens nennen? Dieser wolkenverhüllte Himmel, dieses kahle Feld, dessen welkes Gestrüppe das neue Grün noch nicht ganz deckt, dieser kalte Nebel, der auf den Thälern ruht? Das ist es, wornach wir uns zurücksehnen? Das ist es, worauf wir unter den glühenden Strahlen des Sommers, unter der frostigen Hülle des Winters mit so viel Sehnsucht zurückblicken? Und sieh', so geht es uns auch mit unserer Kindheit. Gab es in jenen Jahren, die ich im Collegium zu Freiburg verbrachte, auch nur einen Tag, in welchem ich mich nicht wegsehnte? Gingen meine Pläne nicht weit über die Grenzen der Kindheit hinaus, war es nicht meine Freude, von der Zukunft zu träumen? Und jetzt, wie wünsche ich jene Tage wieder zurück! Der Frühling, von dem wir unter den Nebeln des Herbstes träumen, die Kindheit, die wir als Mann und Greis zurückwünschen, sie haben niemals existirt. Die Lust, mit der wir auf sie zurückblicken, hat sich unser Geist selbst geschaffen, der sich von den ersten Zeiträumen des Jahres und des Lebens ein Ideal entworfen, und er begehrt eine Vergangenheit zurück, deren schönste Erinnerungen er nur geträumt hat. Und warum sollten wir das nicht? Frühling und Jugend sind beide die Zeit der Hoffnung; beide haben noch keine Vergangenheit, um deren verwelkte Blumen oder Freuden sie trauern könnten; beide erwarten erst ihre Blüthen, und wenn es schon unser Schicksal ist, niemals zufrieden zu sein, warum sollten wir nicht jene die Zeit des Glückes nennen, in welcher wir wenigstens noch hoffen durften?

Wie bewunderungswürdig ist dieses Leben! Jede Stunde unseres Daseins bietet uns, so lange wir in ihr leben, irgend einen Stachel, und wenn sie verschwunden, läßt sie uns, gleich der Biene, den Honig der süßesten Erinnerung zurück. Wie räthselhaft ist dieses Herz, das in jedem Momente einer ganzen Vergangenheit und Zukunft bedarf, um sich glücklich zu fühlen, da seine größten Genüsse nur in seinen Erinnerungen und seinen Hoffnungen bestehen. Die Sterne, das jenseitige Ufer des Meeres, die höchsten Gipfel einer grünen Bergkette, Alles, was uns fern ist, zieht uns an. Und dennoch, wer kann sagen, er hätte die Freuden, welche ihm sein Schicksal geboten, ausgekostet, seine Arme, die er nach dem fernen Glücke ausstreckt, hätten alle Seligkeit, die sich ihm in der Nähe bietet, schon umfangen? Sind wir nicht in Bezug auf das Glück Fernsichtige, deren Augen auf das Unerreichbare geheftet sind, während sie die Schätze neben und um sich nicht gewahren? O, mein Freund, je ruhiger ich an meine Vergangenheit zurückdenke, je mehr ich überlege, daß ich auf dieser Welt kaum einen Menschen gefunden, der mit seiner Gegenwart zufrieden, nicht mit Sehnsucht auf seine Vergangenheit zurückgeblickt hätte, als wäre nur die Gegenwart finster, alles Uebrige leuchtend hell, desto mehr bin ich überzeugt, daß die Ursache unserer Leiden in uns selbst und nicht in unserer Bestimmung liegt. So wie der Alchymist die reichste Goldquelle der Erde unbenützt läßt und seiner unmöglichen Kunst in seinen Retorten nachhängt, so verhalten wir uns auch zum Glücke; es liegt vor uns, aber wir wollen es schaffen, nicht suchen, und verlieren es.

 

Den 5. April.

Niemand sage, er werde nicht mehr weinen; der Sterbende, dem noch ein Augenblick Leben gegönnt ist, weiß nicht, ob ihn nicht noch ein Schmerz erwartet.

Gestern war unser Ordensgeneral, der mich während meiner Krankheit öfter besucht hatte, wieder bei mir und zeigte mir den Tod meines Vaters an. Er übergab mir Deinen Brief, in welchem Du mir die Details des traurigen Vorfalls, den letzten Willen meines Vaters, und die letzten Zeilen, die er an mich gerichtet, mittheilst. Freund, Du kannst Dir nicht vorstellen, wie tief schmerzlich mich die Nachricht traf!

Nicht der Gedanke des Todes schmerzte mich. Mein Vater war alt, hatte seine Hoffnungen überlebt, hatte Alle begraben, an denen sein Herz hing, Alles verloren, was in diesem Leben schön und beglückend ist, bis endlich auch der heilige Schmerz verschwand, welcher das Herz des Jünglings nach den Schlägen des Schicksals, wie der Blitz den Baum, mit Glanz und Flammen bedeckt. Was blieb dem Greise, weshalb er vor dem Tode hätte zittern sollen? Wie der reinste Fluß Schlamm, so läßt das glücklichste Leben oft traurige Erinnerungen zurück! Und welche Brust ist so stark, um nicht von der Last eines ganzen Lebens niedergedrückt zu werden? Welcher Moment ist schön genug, um den Greis die Schmerzen eines ganzen Lebens, und Alle, die seinem Herzen nahe gestanden und mit denen er seine Freuden nicht mehr theilen kann, vergessen machen zu können? Das Leben des Greises, nicht sein Tod verdient unser Mitleid. Der Verlust schmerzte ihn, den er ein Jahr nach dem andern in seinen Freuden erlitt; der Tod kann ihn nur seiner traurigen Erinnerungen berauben. O, als ich in Deinem Briefe die segnenden Worte las, welche die sterbenden Lippen meines Vaters über mich sprachen; als ich aus seinem letzten Willen ersah, daß ich die Sorge seines Lebens bis zu seinem letzten Athemzuge gewesen; als ich aus den letzten Zeilen, die er mit zitternder Hand an mich richtete, nur väterliche Liebe leuchten sah, eine Liebe, welche am Rande des Grabes sich noch einmal umwendet, mich noch einmal bittet, meinen traurigen Vorsatz aufzugeben, eine Liebe, welche Alles, was ich gegen sie verbrochen, verzeiht, und nach so viel Undankbarkeit mich zu segnen bereit ist – o, mein Freund, als ich das Alles las, da dachte ich schmerzlich daran, daß Fremde sein Sterbelager umstanden, Fremde ihm die Augen zudrückten! O, ich bin entsetzlich undankbar gewesen!

Oder liebte er mich nicht? Dieses Herz, so kalt, so fühllos gegen Andere, schlug es nicht warm für seinen Sohn? War es nicht das einzige Ziel seiner langen Jahre, mich glücklich zu machen? War ich nicht sein Vertrauen, seine Hoffnung, sein Ruhm? Und was that ich für so viel Liebe? Ließ ich ihn nicht vereinsamt mit seinen siebzigjährigen Erinnerungen? War ich nicht kalt und fühllos seiner Liebe gegenüber, so lange er lebte? War ich nicht fern, als seine sterbenden Augen noch einmal umherblickten und ein Wesen suchten, an welchem sie zum letzten Male in Liebe haften könnten? Und weshalb? Weil wir in einzelnen Dingen verschiedener Ansicht waren? Weil er, der Greis, der für mein Glück sorgte, das unerreichbare Ziel anderswo suchte, als ich? Weil er in dieser Welt der Träume einem andern Schattenbild nachjagte, weil wir uns auf verschiedene Weise täuschten? O, mein Gott, daß wir doch auf dieser Welt, wo uns so selten das Glück geboten ist, das Echo eines andern Herzens zu sein, diese seltene Gelegenheit jedesmal versäumen; daß ein kleiner Fehler, den wir an unseren Lieben gewahren, uns all' ihre Liebe vergessen machen kann, daß wir, wenn sich uns das Einzige darbietet, was uns auf Erden beglücken kann, ein Herz – nicht einmal ein wenig Geduld und Nachsicht haben wollen! Ist denn die Liebe nicht das einzige Beglückende in unserem Leben? Sie ist die Sonne, welche unser Leben durchstrahlt und uns Licht und Wärme giebt, eine Minute der Lust, die uns jahrelange Schmerzen vergessen macht, ein Traum, der uns die Bitterkeit des Lebens versüßt, die Flamme, in welcher der göttliche Theil unseres Daseins lebt und mit welcher er zu Grunde geht. Und wie oft stoßen wir nicht diesen Schatz von uns!

Wie viele Hände streckten sich uns entgegen, und wir nahmen sie nicht an, wie viele Herzen sprachen zu uns, und wir antworteten ihnen nicht. Vielleicht nur eine traurige Erfahrung, welche uns die schönen Erinnerungen unseres Lebens vergessen ließ, vielleicht eine Täuschung, welche in unsere Seele den Samen des Zweifels streute, oder ein Fehler, eine kleine Lächerlichkeit, die wir an Denen, die sich uns näherten, wahrnahmen, und wir stoßen den Unglücklichen zurück, als wäre es nicht die schönste Eigenschaft unserer Liebe, daß sie Alles duldet, ohne erniedrigt zu werden, für jeden Fehler eine Entschuldigung findet, ohne selbst zu verderben. Was nützt es, wenn wir später, alleinstehend in den Stürmen des Lebens, unsern unglücklichen Irrthum einsehen; wenn es uns einfällt, daß wir nicht immer allein gestanden, daß sich uns oft ein Wesen voll zärtlicher Hingebung genähert; was nützt es, wenn wir bedenken, wie kleiner Opfer es bedurft hätte, um glücklich zu werden; wenn es uns in den Sinn kommt, daß wir ein Wesen kannten, dessen Schicksal uns Gott anvertraute und dem wir statt Freude blos Leiden verursachten; ein Herz, das wie ein Buch vor uns aufgeschlagen war, und auf dessen reine Blätter wir statt Segen Fluch geschrieben; was nützt es denn, wenn unser Herz, seine kalte Grausamkeit bereuend, sich von dieser Welt, in welcher es kein Gefühl fand, zum Grabe abwendet, und sein Leben dafür gäbe, wenn es das Wesen, das es einst von sich stieß, nur auf einen Tag, nur auf eine Stunde wieder sein nennen und lieben könnte, um es nach langen Leiden zu beglücken! Wir sind Alle Wanderer, wir treffen uns nur auf einige Stunden auf unserer Lebenswanderung; wenig Zeit ist uns gegönnt, um uns zu sehen, kennen zu lernen, zu lieben; wenn wir sie nicht benützt haben, so bringt uns nichts das Herz wieder zurück, an dem wir kalt vorübergegangen, nichts bringt uns den Augenblick wieder, in dem wir glücklich hätten werden können und es versäumten.

Und ist das nicht unsere Bestimmung? Als Gott den Menschen schuf, das einzige denkende Geschöpf unter der gefühllosen Materie, schwach, kraftlos, allen Elementen, jedem Angriffe ausgesetzt, nöthigte er da den Menschen nicht zur Liebe, zur Liebe gegen das einzige Wesen, das mit ihm Verwandtschaft fühlt, seine Freuden, seine Klagen versteht, ihm Hilfe in der Gefahr verspricht, dem er in seiner Kindheit seine Erhaltung und bis zum Grabe Alles verdankt, was in diesem Leben erfreut und beglückt? Ermahnt uns nicht Alles, was wir sehen, was wir hören, Alles, was um uns lebt, blüht und gedeiht, zur Liebe? Und wir fragen ungewiß, was wir thun sollen; wir staunen, wenn das Herz, welches nicht zu lieben verstand, sich unglücklich fühlt, und weil sein thörichter Stolz Diejenigen, die ihm am nächsten standen, nicht mit Liebe umfassen wollte, in den Stürmen des Lebens hoffnungslos hin- und herschwankt. O, mein Freund, ich fühle, daß ich meiner Bestimmung nicht entsprochen habe.

Der Mensch gleicht dem Baume, an dessen Zweigen der Regen unzähliger Wolken das grüne Laub schuf, zu dessen Wachsthum die mütterliche Kraft der Erde, die Strahlen der Sonne nothwendig sind, und der seinen Schatten dennoch nur auf einen kleinen Umkreis wirft; der ganzen Welt dankt er seine Entwicklung, aber der Kreis, für den er leben kann, ist eng. Und liegt darin nicht eben die große Lehre, daß wir den kleinen Kreis, auf welchen wir unsere segnende Macht ausdehnen können, mit größerer Liebe umfangen, daß wir, da wir der ganzen Welt für ihre Wohlthaten verpflichtet sind, die Wenigen ganz beglücken sollen, die uns nahestehen, und außer denen wir die Verpflichtungen, die wir der ganzen Welt gegenüber haben, auf Niemanden sonst übertragen können?

Ich habe es nicht gethan; das Andenken meines greisen Vaters stand wie ein großer Vorwurf vor meiner Seele. Das Schicksal wollte mich zum Pfleger seiner greisen Tage, wollte, daß meine Jugend ihm neue Hoffnungen in's Herz gieße, daß ich ihn liebe, beglücke; der Himmel hatte mir ihn anvertraut, und ich, was that ich? O, ich kann mein Schicksal nicht anklagen. Es ist ein altes Gesetz unserer Natur, daß Diejenigen, die nicht lieben, nicht glücklich werden; ich habe dieses Gesetz gebrochen und ich darf mich nicht beklagen.

 

Den 17. April.

Du fragst in Deinem letzten Schreiben, das ich heute noch einmal las, ob ich beruhigt sei. O, mein Freund, wenn ich das sein könnte! Kann ich es je wieder werden? Meine Krankheit hat mir die Jugendkraft meines Körpers geraubt, das Herz pocht langsamer als ehemals; meine Seele ist nach den langen Kämpfen ermattet und meine Gedanken haben eine andere Richtung genommen. Ich blicke auf die Menschen ohne Haß zurück, und es giebt Augenblicke, in welchen, wie nach Gewitterstürmen am düstern Himmel, in meinem düstern Herzen eine freudenlose Ruhe herrscht. O, aber die wahre Ruhe fehlt mir! In wessen Innern sich so viele anklagende Stimmen erheben; wer, auf die Vergangenheit zurückblickend, fühlt, daß sein Leben unnütz gewesen, der erwarte keine Ruhe. Diese Ruhe ist nur dem wolkenlosen Himmel, der reinen Seele gegeben. Zwischen mir und diesem Glücke steht Betty's Bild; diese Berge, zwischen welchen sie aufgewachsen, sprechen von ihr, der Schmerz meiner Seele erinnert mich an Betty, in jedem meiner Träume steht dieses mein Versprechen vor mir. Giebt es etwas, was diese Leiden lindern könnte?

Wären wenigstens meine Träume nicht so schrecklich, könnte ich wenigstens des Nachts ruhen; aber dieses Herz kennt keine Ruhe; wie sein Pochen, so tönt auch sein Schmerz durch die schweigende Nacht, und matt, bebend erwache ich nach kurzem Schlummer, in dem ich statt Vergessen nur neue Qualen finde. Ich schaudere, wenn ich an meine letzte Nacht denke. Höre meinen Traum.

Ich war allein auf einer unendlichen Haide, am fernen Horizont schneebedeckte Bergkuppen, vor mir das unendliche Meer, Alles still und regungslos, als wäre die Natur ringsum abgestorben. In der ganzen Gegend kein grünender Baum, keine blühende Blume; das Meer selbst ruhig, unbeweglich; am Himmel kein Wölkchen, welches, von einem Winde gejagt, der unendlichen Ruhe umher einiges Leben verliehen hätte. Die Sonne strahlte, aber ihre Strahlen verbreiteten keine Wärme. Einsam stand ich da inmitten der schweigenden Natur, in ihren weiten Grenzen war kein einziges Wesen, das mein Herz angesprochen, nicht ein Gegenstand, an dem ich mich hätte freuen können, und unendliche Sehnsucht erfüllte mein Herz.

Da trat ein unbekanntes Wesen auf mich zu, in glänzendem Gewande, auf seinem Antlitz eine nie gesehene Würde; doch der freundliche Blick, den es auf mich heftete, und das sanfte Lächeln, das seine Lippen umschwebte, verbannten die Furcht, welche mich beim ersten Anblick dieser Erscheinung erfaßte, und ich blickte vertrauensvoll zu ihr. »Ich bin Dein Schutzengel,« sprach die Erscheinung, »ich bin gekommen, Dich glücklich zu machen; folge mir.« Ich erhob mich, ihr zu folgen; sie aber umfaßte mich sanft mit den Armen, hob mich empor und trug mich weit mit sich fort. So ging es über Berg und Thal, über Land und Meer, bis wir endlich wieder zur Erde niedersanken, und der Engel, seine Hand auf mich legend, sagte: »Blicke um Dich und freue Dich Deines Lebens.«

Ich blickte um mich. Vor mir lag die schönste Gegend, die je meine Augen gesehen. Am fernen Horizont die Schneekuppen einer hohen Bergkette, ringsum die thaubeglänzten Kelche tausend duftiger Blumen, die ihre Häupter zur Erde senkten, als wollten sie an deren Mutterbusen ihre Wonnethränen ausweinen, der Gesang der Nachtigallen, welcher aus den dichten Gesträuchen zauberhaft hervorklang, das unendliche Meer, auf dessen beweglicher Fläche meine Blicke sich bald in die Unendlichkeit zu verirren schienen, bald ans Ufer zurückgekehrt, an der schäumenden Brandung sich ergötzten; alles das gestaltete sich zu einem großen herrlichen Ganzen, welches vom blauen Firmament umspannt, vom Freudengesang von Millionen Geschöpfen durchtönt und von Millionen Blumen durchduftet war; mein Herz schlug höher vor Freude über den Anblick dieser Naturwunder.

Doch meine Freude war kurz; als ich Alles bewundert und mich an diese Herrlichkeiten gewöhnt hatte, erfüllte neue Sehnsucht mein Herz und ich wurde wieder traurig. »Bist Du mit so großer Herrlichkeit nicht zufrieden?« sprach der Engel, meine Traurigkeit wahrnehmend. »Nein,« rief ich, vom Schmerze hingerissen, »die Schönheiten der Natur können den unendlichen Wünschen dieses Herzens nicht genügen. O sprich, Du mächtiges Wesen, sage Du es mir: bin ich unsterblich?« Der Engel blickte schmerzlich auf mich und schwieg.

»Ich werde Dir noch mehr Genüsse bieten!« sagte er endlich mit himmlischer Milde, erfaßte mich und hob mich wieder hoch in die Lüfte. Ich sah die Wolken unter mir hinjagen und die höchsten Bergspitzen schrumpften vor meinen Augen zusammen und verschwanden. Endlich stand ich schwindelnd wieder auf der Erde. – Die Gegend, die ich jetzt sah, war nicht so großartig, aber reizender. Von unübersteiglichen Felsen umgeben, stand ein kleines, blühendes Thal da, gleichsam das fühlende Herz dieser Felseneinöde. Die Bäume blühten schöner, die Blumen dufteten süßer innerhalb dieser Grenzen, deren Zauberkreis kein menschlicher Fuß je betreten, deren Ruhe nie ein anderer Ton, als das Lied der Nachtigallen, als das Plätschern des Baches gestört. – »Alles, was Du in diesem Thale siehst,« sprach der Engel, »ist Dein Eigenthum.« Und sieh'! ein Weib stand plötzlich vor mir, so schön und bezaubernd, wie ich nie ein Weib gesehen, und als ich sie betrachtete und meine Augen mit Entzücken an ihr hingen, sah ich nichts mehr, als sie. Es schien mir, als hätten wir uns schon längst gekannt, als hätten sich unsere Herzen in einer andern, schöneren Welt schon einmal liebend gefunden; ich drückte das süße Geschöpf stumm an meine Brust, die im Gefühle einer nie gekannten Wonne schwoll. Ich drückte sie wieder und wieder an mein Herz und war glücklich. Doch bald erwachte meine Sehnsucht auf's Neue, und inmitten meiner Freuden ward ich auf's Neue traurig. »Ich gab Dir Liebe,« sagte der Engel und warf einen traurigen Blick auf mich, »und Du bist dennoch traurig.« – »Ach!« seufzte ich schmerzlich auf, »diesem Herzen kann die Liebe eines irdischen Leibes nicht genügen; o sprich: bin ich unsterblich?« In den Augen des Engels blinkte eine Thräne, aber seine Lippen blieben stumm.

Und noch einmal erfaßten mich seine Arme und noch einmal dunkelte die Erde weit unter unserem hohen Fluge. Wir ließen uns auf eine weite Ebene nieder, zu meiner Rechten und Linken ringsum Zelte, vor uns zwei feindliche Heere mit verschiedenfarbigen Fahnen, in schweigendem Haß den Augenblick der Schlacht erwartend. Und der Engel gab mir ein Schwert in die Hand und sprach, auf eines der Heere deutend: »Geh' in die Reihen dieser Kämpfenden, welche für ihre heiligsten Rechte zu Felde ziehen, und genieße die höchste Lust des Lebens, die, für eine gute Sache zu kämpfen.« Ich ging hin und stellte mich an die Spitze der Krieger, die unter dem Geschmetter der Trompeten mit blitzenden Waffen sich zur Schlacht anschickten. Wir kämpften und siegten, und ich war in der vordersten Reihe der Kämpfenden. Lorbeern krönten meine Stirn und das Volk pries meinen Namen. Doch mein Herz freute sich nicht des Glanzes, der mich umgab; die alte Stimme der Sehnsucht ließ sich wieder vernehmen, in der Schlacht, wie überall.

»Du bist noch immer nicht zufrieden?« sagte der Engel und blickte mich traurig an.

»O sprich, bin ich unsterblich?« rief ich noch einmal mit bebender Stimme, und der Engel weinte eine Thräne, spannte seine Schwingen aus und erhob sich in die Lüfte. Ich aber wandelte traurig weiter auf den steilen Pfaden des Lebens, und jede Freude, die sich mir nahte, zerfloß unter der kalten Berührung meines Zweifels. So schwanden meine Tage. Ich sah die Natur heiter unter Stürmen, sah die Menschen ruhen und kämpfen, sah unzählige Male Abendröthe auf Morgendämmerung folgen, auch tausend gehobene, tausend gebrochene Menschenherzen; mein ganzes Leben mit seinen Tagen der Trauer und der Lust zog an mir vorüber, ich sah gleichgiltig Tag auf Tag schwinden, nur Eine große Frage belastete mein Herz. Ich war unglücklich, doch ruhig.

Da hörte ich eine bekannte Stimme, sanft und mild wie das Abendlüftchen, wenn es durch das Laub säuselt, doch ich schauderte, als ich diese Stimme vernahm. – Es war Betty's Stimme. Ich wandte mich um; ihr Bild stand vor mir, bleich, auf ihren Zügen das Gepräge schwerer Leiden, mit schauderhaft starrenden Augen und schlammig nassen Haaren, der weiße sandbedeckte Busen hob sich nicht mehr. »Siehe,« sprach die Erscheinung sanft, »das ist Dein Werk; ich habe Dich geliebt, und Du hast mich getödtet. Wehe Dir, Mörder, Du bist unsterblich!« Entsetzen faßte meine Seele.

Ich schloß die Augen, doch das Gespenst stand noch immer vor mir. Bleich, zerrissen lag es am schlammigen Ufer des Flusses, und die steigende Fluth des Meeres konnte es nicht bedecken, seine Blutflecken nicht wegwaschen, und in meinem Herzen tönte das schreckliche Wort nach: » Mörder, Du bist unsterblich

Ich lief verzweiflungsvoll, als wollte ich mir selbst ausweichen, über Berge, die nie ein menschlicher Fuß betreten, durch Thäler, die nie ein menschliches Auge gesehen. Unter meinen Füßen stürzten die Lawinen mit donnerndem Getöse in die Tiefe, mir zu Häupten schwebte beutesuchend der Aar – vergebens, das bleiche Gespenst verfolgte mich überall hin, das schreckliche Wort tönte noch immer fort. » Du bist unsterblich!« klang es aus den Tiefen der Erde, von der blauen Höhe des Himmels; auf den Gipfeln der Berge, im Dunkel der Thäler, immer und überall das eine schreckliche Wort, welches mich, wie ein Fluch immer weiter und weiter trieb, bis ich verzweiflungsvoll erwachte und den kalten Schweiß von meiner Stirn wischte.

Das, mein Freund, ist meine Ruhe. Ein Wort, ein Gedanke, ein Traum vernichtet die Ruhe meiner Seele; der Verbrecher hat keine Ruhe auf Erden. O, wäre das nicht, könnte ich, und wenn auch zu Tode verwundet in den Kämpfen des Lebens, mit blutendem Herzen, doch ohne Gewissensbisse, die reinen Hände zum Himmel erheben! – Könnte ich noch einmal dem Engel zu Füßen stürzen, dem ich für seine Liebe den Tod gegeben, und seine Verzeihung erflehen – o dann, dann könnte dieses Herz vielleicht Ruhe finden; – doch so – o beklage mich, mein Freund!

 

Den 20. April.

Seit gestern wohne ich in der Meierei des Klosters. In der letzten Woche hatte sich mein Uebel verschlimmert, und da dies mein Arzt der scharfen Bergluft zuschrieb, so zog ich auf seine und unseres Generals Bitten hierher. Man ist um mein Leben besorgt. O, mein Freund, wenn sie wüßten, was mir das Leben ist! Doch warum hätte ich ihnen nicht willfahren sollen? Sie baten mich so herzlich, sie vernahmen meine Einwilligung mit solcher Freude; sie glauben mir Gutes erwiesen zu haben, warum sollte ich sie enttäuschen, warum die Hand von mir stoßen, die mir freundlich Hilfe bietet? Wir können ja so selten für die wenigen Wohlthaten dankbar sein, die man uns erweist; danken wir wenigstens dadurch, daß wir Das, was uns liebend geboten wird, freundlich annehmen, und sollte es uns auch nutzlos scheinen.

Meine neue Wohnung ist einfach und bescheiden. Vielleicht erinnerst Du Dich noch an das Häuschen; als wir vergangenen Herbst hier waren, blieben wir an der Schwelle desselben stehen. In der Kapelle daneben verkündete eben damals ein Glöckchen die zwölfte Stunde, und der Karthäuser, der hier als Schaffner des Klosters fungirt, wandelte betend unter den Bäumen auf und ab. Kämest Du jetzt, so würde ich Dir entgegentreten, und wenn Du mit mir umherblicktest, so würdest Du es vielleicht glauben, daß es auch außer Eurer Stadt Orte gibt, an welchen man leben kann. Hier gibt es wenigstens Bäume, einen Himmel, eine herrliche Aussicht; am Horizont dunkeln die Tannenwälder der Berge, vor mir im Thale grasen die Heerden zwischen zerstreuten Häusern. – Hier fühle ich mich wohl.

Als ich mich aus dem Kloster entfernte, sprach unser General, der sich gegen mich stets väterlich benommen hat, mich segnend, die Worte: daß ich hier unten gewiß genesen werde. Unten – o gewiß, er hat Recht, unten um sechs Fuß tiefer, und auf der Brust ein wenig Erde; welches Herz könnte nicht so genesen!

 

Den 22. April.

Die Sonne ist untergegangen. Ueber den Gipfeln schweben von ersterbendem Purpur gefärbte Wolken und vor meinem Fenster tönt aus dem Laub der Bäume ein leises Geflüster; Alles ringsum ist still, nur das Geklapper der Mühle, deren Rad sich unermüdlich dreht, und das Abendglöckchen der Kapelle tönen durch die heilige Stille der Natur.

O glücklich, wem eine so heitere Abenddämmerung nach den schweren und heißen Tagen des Lebens beschieden ist, glücklich, wessen Seelenruhe nur Arbeit und Gebet stören!

 

Den 24. April.

Das Herz muß lieben; Niemand kann dieser Nothwendigkeit widerstehen. So wie der Epheu, wenn auch hundertmal heruntergerissen, sich immer mit neuen Trieben aufrankt, und hätte man seine Zweige auch hundertmal abgeschnitten, so lange nur Leben in seinen Wurzeln bleibt, sich immer wieder auf's Neue hinaufwindet: so rankt sich auch das Herz, kaum genesen, liebend um einen neuen Gegenstand, denn es ist ja seine Natur, Andere zu umfassen und sich dadurch selbst zu erheben; wie könnte es sonst seine Last allein ertragen?

Ich weiß nicht, ob ich Dir schon von unserem Arzte Justus erzählt habe; es ist ein ungefähr sechzigjähriger Mann, mit milden, doch Achtung gebietenden Zügen. Das rothe Gesicht, dessen Ruhe hie und da höchstens ein freundliches Lächeln unterbricht, das sanfte und dennoch durchdringende Auge, welches aus seinen grauen Brauen so jugendlich, so frisch hervorglänzt, das weiße Haar, welches zurückgeglättet die hohe hervorragende Stirn stärker hervorhebt, die hohe Gestalt, welche die Last so vieler Jahre noch nicht beugen konnte, mit einem Worte, sein ganzes Wesen flößt Dir Vertrauen zu einem Manne ein, den Du nur einmal zu sehen brauchst, um zu begreifen, wie er so schnell meine Liebe gewinnen konnte. Er pflegte mich während meiner Krankheit; jetzt, da ich hier unten wohne, bringt er ganze Stunden bei mir zu, und nie habe ich, Dich ausgenommen, zu einem Menschen mehr Vertrauen gefühlt, als zu ihm. Seine Gesellschaft ist mir zum Bedürfniß geworden.

Unlängst brachten wir den Abend beisammen zu, und im Laufe des Gespräches, ich weiß nicht durch welche innere Nothwendigkeit dazu gedrängt, erzählte ich ihm meine ganze Geschichte. Er hörte mich ruhig bis zu Ende an und erzählte mir statt allen Trostes seine eigenen Leiden. O, mein Freund, wie beschämt stand ich vor diesem Manne! Auch ihn hatte das Schicksal verfolgt. Er hatte einen großen Wirkungskreis erwartet, allein unglückliche Verhältnisse und menschliche Scheelsucht trieben ihn, dessen Wissen ihn gewiß zu allem Glanz und Ruhm berechtigen, noch in seiner Jugend in diese Gebirgsgegend. Der Tod, welcher ihn in seinem reiferen Mannesalter seiner Gattin und seiner drei Kinder beraubte, vernichtete ihm das bescheidene Glück, welches er sich nach langen Mühseligkeiten endlich errungen hatte. Als Jüngling arm, als Greis verlassen, kannte und erduldete dieser Mensch die ganze Bitterkeit des menschlichen Lebens; und doch ist er ruhig und lächeln seine Lippen, und ob auch sein Haar früh grau geworden, unter der Schneedecke seines Hauptes glüht sein Herz in voller Sommerwärme und erschließt sich für Jedermann. Und weshalb? Weil er für Andere gelebt, weil er, durchdrungen von der Heiligkeit seines Berufes, höhere Zwecke als das eigene Glück kannte, weil er sich nützlich, nothwendig fühlte. Seine Lippen mußten Trost sprechen, und er vergaß seine eigenen Klagen; diese Augen prüften fremde Wunden, und er vergaß, über seine eigenen Leiden zu weinen; diese Seele sorgte mit ihrer ganzen Kraft für das Wohl Anderer, wie hätte sie ihr eigenes Wehe nicht vergessen sollen? Er hatte gearbeitet und Ruhe ist aller Arbeit Lohn.

Und [ich]? O, mein Freund, je mehr ich den Umgang dieses Mannes genieße, desto mehr ahne ich, daß mein Herz selbst nach so vielen Leiden sich hätte aufrichten können, wenn es nur im Vergessen seiner selbst fähig gewesen wäre, für irgend einen Gegenstand oder irgend ein Wesen in aufrichtiger Liebe zu erglühen, wenn es fähig gewesen wäre, sich für irgend etwas aufzuopfern. Doch ist es Dem möglich, sich zu erheben, der, wie die Raupe in ein selbstgeschaffenes Grab eingesponnen, den engen Kreis seines Egoismus nicht durchbrechen kann?

 

Den 27. April.

Was ist unsere Ruhe, daß sie so schwer erworben und so leicht wieder vernichtet werden kann! – Heute traf ich im Spazierengehen einen Taglöhner, dessen Gesichtszüge mich an Armand erinnerten. Sein Gesicht war dunkler und männlicher, als da ich Armand zum letzten Male sah, sein Auge jedoch, als es meinem Blick begegnete, und der ganze Ausdruck seines Gesichtes erinnerten mich an ihn. Wir begegneten uns vielleicht zum ersten und letzten Male in diesem Leben, und dieser Taglöhner hat, seine Axt müde in einen Winkel werfend, im Kreise seiner Familie wahrscheinlich schon längst mein bleiches Gesicht vergessen, während ich mit klopfendem Herzen auf- und abgehe, umschwebt von tausend schmerzlichen Erinnerungen.

O, daß das Herz seine Erinnerungen nicht tiefer begraben kann, und daß die leiseste Berührung all' seine verborgenen Schmerzen aufzuwühlen vermag!

 

Den 1. Mai.

Die Luft weht scharf, aber im Kalender steht der erste Mai angezeigt, und die Hirten tanzen trotz des ungünstigen Wetters lustig beim Klange der Flöten um den großen mit Blumen und Bändern aufgeputzten Baum, den sie in der Nähe meines Hauses aufgestellt haben. Wäre es ein anderer Tag, so ginge Jeder von ihnen unmuthig an sein Geschäft und weidete frierend seine Heerde; aber den ersten Mai haben die Vorfahren seit Jahrhunderten als den Beginn des Frühlings gefeiert, und lustig folgt der Enkel ihrem Beispiel, ob noch so finstere Wolken den Himmel umziehen. Vorurtheil ersetzt sich die Sonne und deren warme Strahlen; und kann man unserem Geschlecht etwas Besseres wünschen, als daß die wenigen glücklichen Täuschungen, die wir uns schaffen können, niemals enden sollen? Ich konnte dem lustigen Treiben von Weitem zusehen; mein Arzt hatte mir das Ausgehen verboten, und ich gehorche, oft wider Willen, blind seinen Befehlen. Wie könnte ich für so viel Freundschaft anders danken?

Wenn ich um mich blicke und die zärtliche Sorgfalt betrachte, die mein Leben hier umgibt, diesen Arzt, den eine Bekanntschaft von einigen Monaten zu meinem Freunde gemacht, den alten Karthäuser, mit dem ich meine Wohnung theile und der mit so viel Freude meine kleinsten Launen zu befriedigen eilt; wenn ich dann in die Vergangenheit zurückblicke und bedenke, was Du für mich gethan, meine Mutter, mein alter Johann und noch Viele, die ich kaum nennen könnte; wenn ich bedenke, was ich nach so vielen schönen Erfahrungen über die Menschen geurtheilt habe, dann möchte ich schamroth werden.

Und ist die Mehrzahl der Menschen nicht eben so ungerecht? Wer unter Jenen, die am härtesten über unser Geschlecht urtheilen, hat nicht schon mehrere wahrhaft gute Herzen gefunden? Und doch sprechen wir unsere Verachtung über das ganze Geschlecht aus, wenn wir uns nur ein einziges Mal getäuscht haben! Vergessen wir nicht über eine traurige Erfahrung alles Schöne, das wir im Leben gefunden haben, verschließen wir nicht unser Auge vor Allem, was in Vergangenheit und Gegenwart das Entgegengesetzte beweisen könnte, und halten wir unsere traurige Ueberzeugung nicht für heilig und unfehlbar? Wie, wenn die Gesellschaft nur einen Augenblick bestehen könnte, wenn die Menschen so nichtswürdig wären, als wir denken; wie, wenn es nicht besser wäre, ein ganzes Leben hindurch betrogen zu werden, als in dieser großen Welt vereinsamt zu stehen. Traurige Verblendung! Finden wir im Leben nicht genug Leiden, muß noch Mißtrauen unser Herz gleich einem Panzer umgeben, daß uns auch dieser weh thue, wenn uns Jemand in seine Arme drückt?

 

Den 13. Mai.

Was ist die Freiheit Dem, der niemals Ketten kannte? Was ist der Reichthum, wenn wir in Genüssen großgewachsen sind! Was ist die zauberische Natur, wenn wir ihre Schönheiten frei genießen können? O, frage den Sclaven, den Bettler, den Kranken, der wochenlang im Zimmer gehalten wurde? Nur was wir entbehren, erkennen wir in seinem ganzen Werthe, nur nach dem Mangel, welchen der Verlust zurückläßt, können wir unser Glück ermessen.

Ich habe an vierzehn Tage in meinem Zimmer zugebracht, heute ging ich zum ersten Male aus; ich kann Dir meine Empfindungen nicht beschreiben. Ringsum Bergkuppen, in steilen Massen sich übereinander aufgipfelnd, als Ruinen eines Weltsturzes, zu meinen Füßen das Thal mit seinen weithin zerstreuten Häusern und Aeckern, ein Bild der Menschen, welche auf diesem Felsen ihre Wohnung aufschlugen, als wollten sie in demselben eine Stütze haben. Dort Beständigkeit, hier ein Moment Leben, das unaufhörlich entsteht und zu Grunde geht; dort ewig unveränderliche Starrheit, hier blühende und wieder welkende Fluren; dort ewige Ruhe, hier die Beweglichkeit arbeitsamer Menschen, und über Allem der Himmel mit seinem blauen Gewölbe, das Alles zusammenhält, wie Ein großes Herz, welches tausend verschiedene Gefühle umfaßt. Und wie viel Leben in dieser großen Ruhe, wie viel Stimmen in dieser Stille! Welch' ein warmer Frühlingshauch, wie viele Blumen, die, seit ich das letzte Mal ausgegangen, sich geöffnet haben, als hätte die Natur mich überraschen wollen, als hätte sie, mir plötzlich in ihrer ganzen Jugendschöne entgegentretend, mir für alle meine Leiden einen Ersatz bieten wollen! O, warum saßest Du nicht an meiner Seite, Du einziger Freund? Daß ich durch die Freude, die aus Deinem lieben Gesicht gestrahlt hätte, mein Glück doppelt genossen hätte, daß ich Dir hätte sagen können, wovon mein Herz voll war. So wie die Rose sich im Sturme blos beugt, aber unter den heißen Strahlen der Sonne welkt, so erträgt auch das menschliche Herz große Schmerzen leichter als große Freude, die es mit Niemandem theilen kann. Und ich bin der Freude so entwöhnt!

Doch die Empfindungen meines Herzens aussprechen? Unsere reichen Sprachen, in welchen jede Kunst ihre eigenen Ausdrücke, das kleinste Geräth, das geringste Werkzeug seinen besonderen Namen hat, haben keinen Ausdruck für unsere schönsten Empfindungen. Und sieh'! dennoch erfüllte mich eine unbezwingliche Sehnsucht nach Dir, und unter allen Gefühlen, die mein Herz in jenem Zauberkreis des Frühlings bestürmten, war doch das traurige Gefühl des Alleinseins das vorherrschende. Es giebt Stunden, in welchen ich die Beute einer unendlichen Unruhe bin; unruhig gehe ich in meinem Zimmer auf und ab, ich gehe in's Freie, eile von einem Ort zum andern, ohne mich irgendwo besser zu fühlen; eine unendliche Sehnsucht befällt mich; ich bete, und weiß nicht, um was – ich wünsche mich fort, und weiß nicht, wohin; das Haus, die Gegend, die ganze Natur wird mir zu enge, und doch ist es nicht der Tod, nach welchem ich seufze. Was pochst Du so ungestüm, unglückliches Herz? Folgte ich nicht getreu, wie der Schiffer der Magnetnadel, jeder deiner Regungen, allen deinen Abirrungen? Unser Schiff ist geborsten, was zitterst du noch immer, was zeigst du noch immer nach dem einen unbekannten Punkt hin? – wir können nicht mehr weiter!

 

Den 23. Mai.

Ich habe eine schlaflose Nacht zugebracht, und verließ das Haus, zwischen dessen Mauern ich mich gedrückt fühlte, als es noch kaum dämmerte. Ich war ermüdet, legte mich unter einen Baum und überließ mich meinen Träumen. Die Gegend war ruhig, am Himmel zogen leichte Wolken hin. »Und ist nicht unser Leben eben so?« dachte ich, die Wolken mit meinen Blicken verfolgend; »herumgeworfen, verweht durch den kleinsten Lufthauch, einige Momente im Sonnenstrahl erglänzend, dann wieder finster; wechselt nicht unser Schicksal wie diese Wolken, und sind nicht der Inhalt des Ganzen ein paar Tropfen? Sie thauen nieder, und Alles ist zu Ende.«

Ich war schon lange nicht so traurig, so niedergeschlagen, als diesen Morgen, und die großartige Gegend, an deren Schönheit ich mich ein anderes Mal ergötzen konnte, und all' der Glanz, den die Frühlingssonne darüber streute, vermehrte nur meine Traurigkeit. Ich fühlte mich doppelt verlassen unter diesen Blumen, im heiteren Strahl der Sonne.

Als ich so unzufrieden mit mir selbst und der ganzen Welt umherblickte, fiel mein Auge auf einen Hirten, der in meiner Nähe seine kleine Heerde weidete. Ich hatte ihn früher nicht bemerkt und wendete ihm jetzt meine Aufmerksamkeit zu. Es war ein Greis, sein spärliches Haar war gebleicht und hing über seine tiefgefurchte Stirne herab, seine Schultern waren unter der Last seiner Jahre gebeugt. Er schien traurig, sah bald nach seiner Heerde, bald warf er einen gleichgiltigen Blick auf die Gegend. Er sah aus, als wären die Spuren der Freuden längst aus diesem bleichen Gesicht geflohen, und ich fühlte mich beinahe beruhigter bei diesem Gedanken, daß ich an diesem herrlichen Frühlingstage nicht allein der Traurige sei. »Es giebt auch Andere,« tröstete ich mich, »welche die Schönheit der Gegend und alles Blühen und Duften des Frühlings nicht zu erheitern vermag.« Als ich dies dachte und schon zu sprechen beginnen wollte, sah ich ein Weib auf den Alten zugehen. Mit ihr kamen zwei Kinder, das eine führte sie, das andere ruhte in ihren Armen. Es waren schöne, lächelnde Kinder mit rothen, gesunden Wangen; das ältere machte sich von der Mutter los und lief in die Arme des Alten, das andere hielt die Mutter ihm hin, und das Kind streichelte ihm die Wangen. Dieses Schauspiel war schön, das stattliche Weib, das stolz auf ihre Kinder blickte, das graue Haar, über welches die Goldlocken des Kindes flatterten, dieses greise Herz, umgeben von so viel Liebe! O, und wer kann die Veränderung beschreiben, welche plötzlich in dem früher anscheinend so traurigen Gesichte des Alten vorging, das zärtliche Lächeln um seine Lippen, das strahlende Auge und all' das unendliche Glück, welches jede seiner Bewegungen ausdrückte. O, hättest Du den Blick gesehen, mit dem er zum Himmel emporsah, als der kleinere seiner Enkel, den er im Arme hielt, mit seinen Silberlocken spielte und, seinen Hals umfangend, ihn Großvater nannte; hättest Du seine Freudenrufe vernommen, als der andere Blumen brachte, oder ihm von hinten die Augen zuhielt, oder lustig davonsprang, wenn ihn der Alte erhaschen wollte, und tausend kleine Schelmereien beging; wie der Alte in seiner Freude in die Hände klatschte und mit den Kindern lärmte: es wären auch Dir die Thränen in die Augen gekommen. » Das also ist es, was beglückt!« dachte ich endlich; »nicht die Strahlen der Sonne, nicht Duft und Blüthe des Frühlings, Liebe bedarf die menschliche Seele. Das Händchen eines Kindes kann Dir des Lebens Last von den Schultern heben, unter seinen Spielen kannst Du die Sorgen Deiner sechzig Jahre vergessen.« Tief ergriffen kehrte ich in mein Haus zurück; o, jetzt weiß ich, wonach dieses Herz sich sehnt.

 

Den 28. Mai.

Es ist etwas Eigenthümliches; so oft ich diesem Menschen begegne, taucht das Bild Armand's vor meiner Seele auf. Unlängst stand ich ihm gerade gegenüber, als ich den Hügel, wo ich den Alten und die Kinder gesehen, hinabging; gestern war er in unserer Kapelle, heute traf ich ihn wieder vor meinem Hause. Ein sonderbarer Zufall führt uns immer zusammen, und so oft ich ihn sehe, tauchen in mir die schmerzlichsten Erinnerungen auf. Hundertmal sagte ich mir, daß ich mich täusche; was erinnerte mich an Armand in dem gebräunten Gesicht dieses Mannes, dessen männliches Aussehen eine tiefe Narbe noch mehr hebt, und in den Umständen und Beschäftigungen, in welchen ich ihn gewöhnlich treffe? Und doch denke ich an ihn, so oft ich diesen Mann sehe, und er scheint ebenfalls befangen, wenn unsere Blicke sich begegnen. Unglückliche Natur unseres Herzens, daß wir nicht vergessen können, und wohin wir auch immer vor unseren Erinnerungen fliehen, in jedem Kreise etwas finden, das uns die Vergangenheit zurückruft. Also können wir auf Erden niemals und nirgends Ruhe haben?

 

Den 3. Juni.

Ich habe mich nicht getäuscht, was meine Seele aus ihrer Ruhe aufstörte, so oft ich mit diesem Fremden zusammenkam, war kein Traum! Mein Herz pochte nicht vergebens, als ich diese gebräunten Gesichtszüge sah! Armand ist hier! Ich habe ihn in meinen Armen gehalten! Mein Herz fühlte das Pochen des seinigen, meine Hand den warmen Druck der seinigen, mein Auge sah wieder sein liebes Angesicht, sah, wie ihn die Jahre verändert haben, und fand, was ihm die Jahre gelassen, seine Liebe. Kannst Du mein Glück begreifen? Giebt es Worte, es zu beschreiben? O, mein Freund, in diesem Leben, wo wir so viele Worte für unseren Schmerz finden, wo wir noch halb Kinder, im Klagen schon Redner werden, können wir kaum stammeln, wenn Freude unsere Seele erfüllt, so wenig Gelegenheit haben wir, diese Sprache zu üben.

Ich möchte Dir gern die ganze Geschichte unseres Wiedersehens schreiben, wo und wie viel Mal wir uns gesehen, wie ich von Tag zu Tag unruhiger wurde, wenn ich ihn sah, und zu ahnen begann, unser Zusammentreffen sei kein bloßer Zufall, und wie ich endlich vorgestern in den Wald ging, wo Justus, der das ganze Geheimniß kannte und mit mir von Armand gesprochen hatte, mich fragte, ob ich ihm je verzeihen könne, und ich sagte, ich würde mich glücklich fühlen, wenn ich ihn wieder an's Herz drücken könnte – wie er dann plötzlich vor mir stand und ich vor Freude laut aufschreiend in seine Arme stürzte; ich möchte Dir gern Alles sagen, von der ersten ungewissen Ahnung, bis zu den Freudenthränen, die ich in Armand's Armen vergoß – vergebens! Ich kann es nicht. Kannst Du von dem Sonnenstrahl, der den unendlichen Weg zu unserer Erde zurücklegt, der über die Flur hingleitet, mehr sagen, als daß er leuchtet und erwärmt? Verhält es sich nicht eben so mit jedem glücklichen Moment unseres Lebens?

Wir fühlen seine zauberhafte Macht, unser Herz pocht, unser Auge schwimmt in Thränen, unsere Hände zittern, doch das Glück, welches Dein Herz erfüllt, har Dir Deine Erinnerung genommen. Es giebt Augenblicke, in welchen mir das Ganze ein Traum scheint; wenn ich Armand sehe, den ich so lange für ewig verloren hielt, und hier unter diesen Umständen, wenn ich mein Glück bedenke, kann ich kaum glauben, daß es Wirklichkeit sei. O, welch ein Schatz ist die Liebe, verworfen, mit Füßen getreten, Jahre lang entbehrt, gleicht sie dem Diamant, der, mit Staub und Schmutz bedeckt, nicht einen Strahl seines reinen Lichtes verloren hat.

Armand hat sich sehr verändert; wie seine Gesichtszüge, hat auch sein Herz an starker Männlichkeit gewonnen. Wer die unbegrenzten Wünsche dieses Jünglings gekannt hat, und den Schmerz, mit dem er um sie kämpfte, und jetzt den Mann sieht, der in sich beruhigt, seiner Thätigkeit ein bestimmtes Ziel gesetzt und es unerschütterlich im Auge behält, der würde kaum glauben, daß ein und derselbe Mensch vor ihm stehe. Schwere Tage waren über ihn gekommen, aber die Stürme des Lebens konnten ihn nicht brechen, die erschütternden Schläge machten ihn um so stärker, sie zu ertragen.

Du kennst Armand kaum, ich werde Dich daher mit der langen Erzählung seiner Geschichte nicht ermüden; doch wenn Du Dich an das, was Du von ihm weißt und in diesen Blättern über ihn gelesen hast, erinnerst und bedenkst, daß diese stolze Seele länger als ein Jahr Alles ertrug, was man durch einen herzlosen Vorgesetzten dulden kann, die wechselnden Launen des Herrn, die kalten, befehlenden Worte, mit einem Worte, alle die kleinen und großen Erniedrigungen, welche einem Manne das Peinlichste sind, daß er endlich, als er eines Tages in seiner Aufregung Dufey beleidigte, seines Amtes und der Hoffnung seines Lebens beraubt wurde, dann kannst Du Dir seine Leiden vorstellen. Sein Leben war zerstört, aber das Schicksal beugte ihn nicht darnieder. Als Armand sah, daß seine bisherigen Pläne unausführbar seien, betrat er eine neue Laufbahn. Er ging nach Algier, er wünschte auf einem andern Wege das Eine zu erringen, wonach sich sein Herz sehnte; im Vertrauen auf seine Kraft und sein unerschütterliches Herz wollte er sich dort den Lorbeer erkämpfen. Das Schicksal wollte es anders; schon die zweite Schlacht machte den jugendlichen Körper zum Kriegsdienst auf ewig untauglich. Er mußte auch dieser Hoffnung entsagen.

»Und ich entsagte,« sprach er, im Andenken an seine längstvergangenen Leiden aufseufzend. »Meine irdische Laufbahn war nach meiner Ueberzeugung beendigt, es blieb mir nichts Anderes übrig als der Tod. Und das ist der Augenblick, in welchem mein Glück begann; ich hörte auf, zu kämpfen, und vertraute meine Zukunft dem Schicksal; dieses sorgte besser für mich. Von dem Schlachtfelde schwer verwundet in das nächste Haus eines französischen Colonisten getragen, fühlte ich im Kreise dieser Familie zum ersten Male den Einfluß wahrhaft guter Menschen. Du kennst meine einstigen Ansichten über die Menschen, hier sah ich erst, wie sehr ich mich getäuscht. Ich wurde als Fremder mit Herzlichkeit aufgenommen und mit Selbstverleugnung gepflegt, ohne daß man je eine Belohnung von mir erwarten durfte; hier überzeugte ich mich, daß es auch wahrhaft gute Menschen auf Erden giebt, und diese Ueberzeugung erfüllte mein Herz mit tausendmal mehr Freude, als meine Heilung, und selbst das Bewußtsein, nunmehr wenn auch nicht zum Soldaten-Handwerk, doch zur Arbeit tauglich zu sein.«

»Ich wurde der Arbeitsgefährte meines Wohlthäters. Anfangs arbeitete ich nur aus Pflichtgefühl, und meine Arbeit sollte nur ein Beweis meiner Dankbarkeit sein; doch später, als sich meine Arme an die Haue gewöhnten und ich den täglichen Lohn meines Tagwerks, meinen Schlaf wieder hatte, als ich die Aehren aus dem Samen sprossen sah, den ich selbst gestreut, die Oelbäume grünen, wenn ich sie begossen, unsere Heerden gedeihen, weil ich sie gepflegt; als ich nach meiner Arbeit Alles grünen und blühen sah, überall die Spuren meines Schaffens, diese große mütterliche Natur, welche die kleinste Sorgfalt so reichlich belohnt: da ging ich mit stets wachsender Freude meiner Beschäftigung nach, und als wir die erste Ernte einheimsten, blickte ich zufrieden um mich; ich fühlte mich nützlich, ich fühlte, etwas gethan zu haben, und mein Herz hob sich bei diesem Gedanken. Und als endlich mein Herr, welcher meinen Fleiß und den Segen, der meiner Arbeit folgte, wahrnahm, mich liebgewann und mir seine einzige Tochter zum Weibe gab, als ich Elise, welche ich in den ersten Augenblicken unseres Begegnens zu lieben begonnen, an mein Herz drückte: da erfüllte das beglückende Gefühl mein Herz, daß mir nichts auf Erden zu wünschen übrig bleibe.«

Mit welcher Theilnahme hörte ich seine Geschichte an. Er bemerkte es und setzte hinzu, indem er mir die Hand drückte: »O, mein Freund, ich bin glücklich! Vier Jahre sind seitdem verflossen, und nichts hat sich in meiner glücklichen Lage geändert. Wir verließen Algier, unter dessen Himmelsstrich die Gesundheit meines Schwiegervaters gelitten; aber hier in diesem kälteren Lande, in dieser bequemeren Wohnung, war ich eben so wie unter den gefahrvollen Bemühungen der Kolonisten glücklich, und wenn der Himmel mir die Kraft meiner Hände und die lieblichen Kinder läßt, die Elise in meine Arme gelegt, so tausche ich mit Niemandem auf Erden.«

»Gebe der Himmel,« sagte ich gerührt, »daß sich dieses Glück niemals ändere, oder vielmehr, daß sich Dein Herz nie ändere, welches sich dadurch befriedigt fühlt.«

»Fürchte nichts,« erwiderte Armand ruhig, »das Schicksal hat mein Herz in seinen Vorsätzen bestärkt, und wer den Segen, den ihm ein gütiges Geschick gespendet, so vollständig genießt, wie ich, den beunruhigen seine Wünsche nicht mehr. Und sind die Träume meiner Kindheit nicht erfüllt? Hat sich das Ideal meiner Zukunft nicht verwirklicht? Nach zwei Dingen sehnte sich mein Herz: ich wollte Freiheit, und daß mein Leben kein unnützes sei. Und bin ich nicht frei? Ich ernähre mich von meiner Hände Arbeit, ich hänge von keines Menschen Gnade oder Willkür ab; so lange die Sonne ihre Strahlen herabsendet und die Mutter Erde meine Aehren reifen läßt, kann ich ruhig um mich blicken. Und bin ich nicht nützlich, nothwendig? Meine Arbeit erhält meine Familie, schafft so vielen theuren Wesen Ruhe, Freude, Nahrung; bei mehr als hundert Bäumen meines Gartens kann ich sagen, ich habe sie selbst gepflanzt; ich kann mich meiner grünenden Saat stolz rühmen; ich bin zufrieden, mein Freund, und glaube mir, es gibt nichts auf Erden, was meine Seele zu Wünschen reizen könnte. O, ich kenne das große Puppenspiel, das man die Welt nennt. Blicke um Dich, wo findest Du die kleinste Spur von Wahrheit? Wohin Du Dich wendest, überall kommen Dir Freunde entgegen, daß Du beinahe Gott um ein zweites Herz bitten möchtest, um so vieler Liebe zu entsprechen; und bedarfst Du ihrer – nein, und wenn Du auch ihrer nicht bedarfst, wenn Du nur aus dem Zimmer trittst, wo findest Du ein Herz, das Dich vertheidigte, oder nicht zweifelte, wenn Andere Dich mit Verleumdungen verunglimpfen? Und alle die gepriesenen Genies, die wie Fliegen nur über Schmutz summen, und alle die großen Männer dieser kleinen Tage, alle die Helden, wo es keine Gefahr giebt, diese hochherzigen Volksfreunde, welchen die Hochherzigkeit so wenig kostet und das billigste Vergnügen ist, erfüllen sie Deine Seele nicht mit Ekel? O, mein Freund, wer möchte sich in solche Kreise zurückwünschen? Gott schuf den Menschen rein, aber nicht so, daß er nicht beschmutzt werden könnte; die Kunst der Tugend ist, jeder schmutzigen Berührung auszuweichen; glücklich, wer wie ich sich in die mütterlichen Arme der Natur flüchten kann. Meine Worte wirken auf Wenige, aber diese verstehen mich; meine Arme umfangen Wenige, aber ihre Herzen schlagen für mich; ich lebe für mich; ich lebe für Wenige, aber sie sind glücklich. Es giebt Wesen, denen eine größere Aufgabe zugewiesen ward, doch die Glücklichen sind Diejenigen, denen ein so enger Lebenskreis beschieden ist.«

Wir erhoben uns und machten uns auf den Heimweg, als sich uns dasselbe Weib, das ich unlängst bei dem alten Hirten sah, mit ihren Kindern näherte. Die Kinder schmiegten sich jauchzend an ihren Vater, er nahm sie in seine Arme. »O, mein Freund,« sagte er endlich mit einem Blick, aus dem die größte Seligkeit leuchtete, »kann ich noch einen Wunsch haben, wenn ich diese Kinder in meinen Armen halte, wenn ich auf die Vergangenheit zurückblicke, und vor meiner Seele die Liebe Derjenigen steht, die mir diese Wonne geschaffen, wenn mir die Zukunft die beglückende Ueberzeugung bietet, daß mein Leben stets einen erhabenen Zweck haben wird?«

 

Den 9. Juni.

Giebt es etwas so Thörichtes, als der Mensch es ist? Wenn sich der Himmel in Wolken hüllt und der Regen zur Erde strömt, so freut sich der Landmann und nennt das Wasser Gold, das auf seine Felder niederströmt; er sieht in seiner Phantasie die Saat wachsen, hört das Klirren der Sensen, das Knarren der großen Thür der mit Garben gefüllten Scheune, so daß er im Vorgefühl seiner Freude weinen könnte; und hat der Regen aufgehört und strahlt die Sonne wieder und das Feld duftet in den Strahlen des Mittags, da schweigt der Thörichte, als brächte ihm der Sonnenstrahl nicht gleichen Segen wie das Naß der Wolken, als hätte er den vielen warmen Tagen, in welchen seine Aehren reiften, nicht mehr zu danken, als jenen wenigen, in welchen der Regen sie befruchtete, und die nicht zu oft wiederkehren dürfen, wenn sie seine Saat nicht erdrücken sollen. Und ist es nicht eine gleiche Thorheit, zu behaupten, daß nur Leiden uns bessern, und alle die Herzen zu vergessen, welche die Last des Grames zu Boden drückte, und die nichts mehr erheben kann als ein heiterer Strahl der Freude? Und wenn es einerseits Herzen giebt, denen, gleich der Perlenmutter, Schmerz noththut, um Schätze zu gebären; und wenn es andererseits solche giebt, welche das Glück, wie die heißen Strahlen der Mittagssonne einzelne Blumen, vernichtet: wie viele Tausende von Herzen hat nicht der Schmerz erdrückt, ohne sie zu veredeln, und wie viele Tausende würden nicht Blüthen treiben, wenn ein warmer Strahl über sie hinzöge!

Wie sehr hat sich Armand verändert! Wenn ich auf das Häuschen zugehe, in welchem er mit seiner Familie wohnt, und das kleine Dach kaum aus den um's Haus gepflanzten Linden hervorragen sehe, rings um das Haus den kleinen Obstgarten, daneben das kleine Stück Feld, von dessen Früchten diese Familie lebt, und bedenke, daß der Mann mit dem zufrieden strahlenden Gesichte, welcher dieses Feld bebaut, oder eine Rebe an ihren Stock bindet, oder im Schatten ausruhend, mit seinen Kindern spielt, derselbe Mensch ist, der einst eine Welt bedurfte, um Platz für seine Hoffnungen zu finden, der sich für so viel Großes und Hohes bemüht hatte, und jetzt in diesem engen Kreise so glücklich ist; dem der Dank eines Greises, der liebevolle Händedruck eines Weibes und die lächelnden Gesichter zweier Kinder allen Ruhm der Welt ersetzen: sollte ich dieses Alles nicht bewundern? Hat nicht Liebe dieses Glück geschaffen, durch deren warme Berührung, wie jeder Stoff im Feuer, am Ende jedes Herz erweicht wird, ein Glück, das wir nur liebend genießen können? Wie rein spiegelt sich der Himmel im dunkelsten Meere, wenn einige Stunden der Ruhe dessen Wogen geglättet haben.

Und ist dieses Glück, welches Armand genießt, und in dessen warmem Strahle dieses vielverwundete Herz, gleich einem seiner Aeste beraubten Baume in der Wärme der Sommertage, auf's Neue Blüthen treibt, so unerreichbar? Bietet sich diese Liebe, welche so sehr beglückt, nicht auch Andern auf ihrem Lebenspfade dar? Blüht nicht Jedem für seine Bemühungen ein gleicher Lohn? Wer ist also schuld daran, wenn wir leiden?

O, es giebt Glückliche auf dieser Welt! Wenn wir die ärmeren Bezirke unserer Stadt, oder die ackerbauenden Provinzen des Landes durchwandern, und die kleinen, dunklen Häuser, die strohgedeckten Hütten sehen, welche das Bedürfniß Millionen zur Wohnstätte gab, so denken wir, daß wir uns unter Menschen befinden, die vom Leben nichts als dessen Mühseligkeiten kennen; wenn wir dann an den Comfort unseres Lebens denken, unser Dasein mit dem des Arbeiters vergleichen, und beinahe erröthen, daß wir auch zu Jenen gehören, für welche er so viel thut, und die für ihn so wenig thun: da ahnen wir nicht, wie viel Glück diese kleinen Häuser in sich bergen. Die Reichen kennen nicht die Freuden der Armen! In Egoismus erzogen, nach Genüssen jagend, welche, kaum erreicht, uns mit Ekel erfüllen; im beständigen Kampfe, Das zu erringen, was selbst wenn wir es erreichen, unser Herz nicht beglückt: wissen wir nicht, mit wie sanften Banden die Armuth Menschenherzen aneinanderknüpft, wie nahe Diejenigen einander stehen, welche die Armuth täglich einander zuführt! Wir können uns nicht vorstellen, wie viel Trost, wie viel unendliche Freuden uns die Liebe bietet, welche nicht wie der Glaube Berge versetzt, wohl aber vom menschlichen Herzen die schwere Last des Kummers fortwälzt. Auf die höchsten Spitzen des menschlichen Lebens gehoben, sehen wir, wie der Wanderer auf den Gipfeln der Berge, mit Bedauern auf die niederen Thäler hinab. Wir haben die Gebirgsketten gesehen, die den Horizont blau umsäumen, und das sich weithin erstreckende Thal mit seinem silbernen Flusse, und die Städte und Dörfer, und einzelne Wohnungen auf den Feldern zerstreut, die vor unseren Augen liegen und den Besitz von Hunderttausenden bilden – und dieses großartige Bild befriedigt unser sehnsuchtsvolles Herz nicht! O, Ihr Armen, denken wir, wie arg hat Euch das Schicksal mitgespielt, ich sehe auf Euren Kreis hinab, und meine Augen schwimmen in Thränen; diese Häuser, welche nach jahrelangen Bemühungen erbaut wurden, sind nichts als ein Punkt im Thale; das Feld, welches Eure ganze Habe ist und in dessen Bebauung Euer Leben dahinfließt, ist nichts als ein handbreiter grüner Fleck; dieses Thal selbst, aus dem Ihr von Eurer Wiege bis zu Eurem Grabe nie herauskommen werdet, über das hinaus zu blicken Euch die Berge verbieten, ist nichts als eine kleine Höhle der großen Welt; und so verfließt Euer Leben wie das des Wurmes, der todt von seinem Blatte fällt, wenn sein Tag zu Ende ist, ohne nur die Großartigkeit der Welt geahnt zu haben. – O, und weißt Du auch, der Du oben auf dem Gipfel stehst, wie viel Herzen in diesen kleinen Häusern schlagen? Kannst Du auch die Aehren zählen, welche auf diesem kleinen Felde Platz haben, die Erinnerungen, welche dieses kleine Thal umschließen kann? Steige herab von Deiner Höhe, auf welcher Dein Auge eine unendliche Aussicht hat, aber Dein Herz nichts besitzt, was es umfassen könnte; komme in's Thal und blicke um Dich, und wenn Du siehst, daß in diesem großen Gesichtskreise, den Deine Blicke von oben übersahen, kein Stückchen Erde ist, das nicht etwas hervorbrächte; wenn Du siehst, wie viel Freude den Kreis belebt, auf den Du mit Verachtung geblickt; dann gestehe, daß nur Dein Stolz es ist, der Dich vergessen machte, daß Dein kleines Herz eines engen Kreises bedarf, um glücklich zu sein, und daß nur Dein Stolz Deine Leiden verursachte.

 

Den 15. Juni.

Wie bewunderungswürdig ist der Mensch! Ruhebedürftig betrete ich wieder die Räume dieses Klosters, und eben diese äußere Ruhe, diese unthätige Stille, die ich ringsum sehe, erfüllt meine Seele mit unendlicher Unruhe, so unnütz, so überflüssig fühle ich mich auf dieser Welt. Wenn ich mich umsehe und den Arbeiter betrachte, der sein Feld im Schweiße seines Angesichts bebaut; wenn ich den Vogel zwischen den Zweigen sehe, der seinen Jungen Nahrung von weither in das Nest bringt, oder die Spinne, welche, an meinem Fenster auf- und abkriechend, ihr Netz unaufhörlich vergrößert oder ergänzt; und wohin immer ich mich wende, auf der ganzen Oberfläche der großen schaffenden Natur überall thätige Wesen sehe: so entsteht in mir unwillkürlich der Gedanke, daß ich in meinem ganzen Leben nichts gethan habe, und meine ganze Vergangenheit taucht vor meiner Seele wie ein großer Vorwurf auf.

Was war mein Leben mehr, als ein langer Kampf? – anfangs um das eigene Glück, später, als ich entsagen mußte, um im Vergessen Trost zu finden. Nachdem ich in der Welt große Reisen gemacht, alle Salons unserer Hauptstädte besucht, mich einen Augenblick dem öffentlichen Leben genähert und Jahre lang in der niedrigsten Gesellschaft zugebracht habe – was suche ich jetzt in diesen Mauern, wohin ich mich verzweifelnd zurückgezogen, Anderes, als daß sich mein Herz, fern vom Geräusch der Welt und allen verletzenden Erinnerungen, beruhige und nichts seine Ruhe störe, und wäre es auch die Hand, welche ein sterbender Vater gebrochenen Herzens nach mir ausstreckt, ja stürzte auch die Welt in Trümmer? Wo ist eine große Idee, für die ich mich wahrhaft begeisterte? Wo ein Herz, das ich zu beglücken strebte? Und kann ich mich beklagen, daß ich, der ich in meinem ungeheuren Egoismus Alles von mir stieß, schließlich verlassen dastehe? Daß ich auf meinen Kummer nicht vergessen kann, da ich niemals auf mich vergessen wollte?

Ich habe gelitten, doch sind das nicht dieselben Schmerzen, die Jeder fühlt, der nur einen Augenblick mit der Menge in Berührung gekommen? Ich habe mich getäuscht – doch täuschen sich nicht auch Andere? Hat nicht Jeder von uns eingesehen, daß das Leben kein Paradies sei, wie wir in unseren Jünglingsjahren geträumt, sondern ein Schlachtfeld, auf dem wir nur blutend Lorbeern erringen können? Wo giebt es ein Herz, das seine Versprechungen ganz gehalten, das der Schmerz nicht niedergedrückt, Freuden nicht erniedrigt haben? Wo giebt es einen Menschen, der im Strome des Lebens das jenseitige Ufer an dem Orte, wohin er gesteuert, erreichte, und nicht, von der unwiderstehlichen Gewalt erfaßt, viel weiter unten? – Und sind nicht Andere getröstet worden? Justus, der so viel gelitten, Armand nach so vielen Täuschungen, Julie, welche bis in den Staub erniedrigt gewesen, blicken sie jetzt nicht zufrieden um sich? Und was tröstet sie? Was sonst als das Selbstbewußtsein, sich nothwendig zu fühlen, das Bewußtsein, mit dem sie unter der schweren Last des Lebens keuchen, daß das Lebensfünkchen, das in ihrem Busen glimmt, ihren Lieben ein Lichtpunkt auf dem finstern Lebenspfade ist? Und stehe ich nicht deshalb ohne Trost da, weil ich das nicht fühlen kann, weil ich nur mir allein lebe? – O, mein Freund, je mehr ich über mein Leben nachdenke, desto mehr überzeuge ich mich, daß die Ursache des größeren Theiles meiner Leiden nur der Egoismus gewesen, und der Egoismus der Grund ist, warum ich bis jetzt keinen Trost gefunden. Nur wenn Du beglücken kannst, wirst Du vergessen, daß Du selbst nicht glücklich gewesen; nur die Thräne, die Du in den Augen Anderer getrocknet, lindert wirklich Deine Schmerzen. Und deshalb werde ich in dem Kreise, in welchem ich mich jetzt unnütz bewege, niemals Trost finden.

Seit einiger Zeit beschäftigt mich ein Gedanke. Als ich vor Jahren mit Arthur in die Schweiz reiste, bestiegen wir gleich den andern Reisenden auch den St. Bernhard. Die Schweiz machte damals einen traurigen Eindruck auf mich. Der Verlust meiner Julie, welcher mir damals noch neu war, die Erinnerungen an meine in diesen Bergen verbrachte Kindheit, die mein Herz fühlen ließen, daß alle Reize und alle Großartigkeit dieser Erde uns nicht vergessen machen können, daß wir auf ihr leiden – Alles das machte mein Herz traurig. Mit solchen Gefühlen kam ich zum großen Kloster, und ich kann den tiefen Eindruck nicht beschreiben, welchen dieses Institut auf mich machte. Damals war der Gedanke, daß ich auch noch jemals in's Kloster gehen werde, noch so fern von mir, daß ich gleichgiltig oder mitleidig auf jeden Mönch blickte, in welchem ich meiner schonendsten Ansicht nach, nur einen unglücklichen Bethörten erblickte. Doch als ich die Schwelle der Kirche überschritten hatte und mich in jenem Kreise sah, welchen nicht wie andere Klöster die Scheu vor den Mühseligkeiten des Lebens, sondern rühmliche Begeisterung bevölkert, Begeisterung für das Großartigste auf Erden, für das Wohl der Mitmenschen; als ich die Männer sah, die getrennt von Allem, was das Leben Beglückendes bietet, hier in diesem zehnmonatlichen Winter ihre Hütten bauen, um nur irgend einem Fremden, den eine Lawine verschüttet, das Leben zu erhalten: da erfüllte ein unnennbares Gefühl mein Herz, und ich begann zu ahnen, daß unter den großartigen Wundern der Alpen der Mensch das Großartigste sei, der sich so hoch zu erheben vermochte.

Hier suchst Du vergebens bleiche Mönchsgesichter, vergebens die Grabesstille, welche in anderen Klöstern Dein Herz so traurig stimmt; mit freundlich lächelnden Gesichtern treten die jungen Mönche vor Dich hin, und Du staunst sogar über so viel Heiterkeit, bis man Dir auf Deine Bitte die Geschichte eines Wintertages erzählt. Sie erzählen Dir, wie der Sturm rings um die Mauern des Klosters gewüthet, wie viele Lawinen schon des Morgens heruntergestürzt sind, welch' ein dichter Nebel den Berg umgab, als plötzlich das Nothglöckchen aus der Tiefe heraufklang und die Wache ankündigte, daß Reisende nahen. Zwei Mönche mit ihren Hunden, in ihren Tornistern Speise, in ihren Flaschen alten Wein, machen sich auf den Weg. Sie sind kaum hundert Schritte gegangen, und schon ist das Kloster ihren Augen entschwunden; rings um sie wogt ein unendliches Nebelmeer, unter ihren Füßen sinkt der Schnee klaftertief ein und droht ihnen bei jedem ihrer Schritte mit einem offenen Grabe; noch immer klingt das Glöckchen, und aus der Ferne stören verzweiflungsvolle Rufe die große winterliche Ruhe, und sie schreiten schweigend weiter. Jetzt ertönt ein Getöse, die Lawine ist hinabgestürzt, das Glöckchen ist verstummt. Sie verdoppeln ihre Schritte, die Hunde rennen heulend umher und beginnen an einem Schneehügel zu kratzen. Alles schweigt, aber die Spuren von Menschen weiter unten und der lichtere Schneefleck zeigen, daß sie auf einem Grabe stehen. Sie beginnen zu graben, aus dem Kloster kommen mehrere Mönche und Diener hinzu, und die gottgesegnete Schaar arbeitet unermüdlich, ob der Sturm tobt, ob die Lawinen stürzen und die letzten Spuren ihres Weges verwehen. – Der fürchtet nichts, den sein Glaube begeistert – sie arbeiten ruhig weiter. Sie sind an ihrem Ziel; unter dem Schnee wird ein bleiches männliches Gesicht bemerkbar, bald taucht auch ein Weib aus ihrem Grabe empor, in den erstarrten Armen ein Kind haltend, als wollte sie das geliebte Kind mit ihrem letzten Lebensfunken am Leben erhalten. Sie liegen noch unbeweglich, aber Menschenliebe läßt dem Tode nicht so leicht seine Beute; sie drücken die Unglücklichen an ihre vor Begeisterung erglühenden Herzen, sie erwärmen sie in ihren Armen, bis der schlummernde Lebensfunke erwacht, bis sich die Augen zu neuem Leben öffnen und sie im ersten Augenblicke des Erwachens das Beglückendste der Erde sehen, einen theilnahmsvollen Blick des menschlichen Auges. O, als die Mönche das erzählten, da begriff ich, daß ihr Leben im ewigen Winter dieser Berge, zwischen den engen Mauern des Klosters, ein großes, glorreiches Menschenleben sei; und jetzt, da diese Erinnerungen auf's Neue in mir erwachen, fühle ich, daß dieses Herz dort Trost finden wird.

Als die christliche Religion den Selbstmord verbot, gab sie das Kloster als Ersatz; sie ist von einer milderen Strenge als die einstige griechische Stoa, aber großartiger. Es pochen Herzen auf dieser Erde, deren Wünsche die Welt nicht befriedigen kann, es giebt Menschen, deren Gemüth, gleich dem gediegenen Golde, zu weich ist, um unter den Reibungen des alltäglichen Lebens nicht tausend fremde Eindrücke und Verletzungen zu erhalten, oder deren schwacher und doch unbeugsamer Charakter unter dem Conflict entgegengesetzter Kräfte zusammenbricht; es giebt Menschen, die zu reich oder zu arm sind, zu hoch oder zu tief stehen, um mit der Menge gehen zu können, und indem unsere Religion ihnen den Dolch aus der Hand nahm, öffnete sie diesen Unglücklichen ihre Klöster als Zufluchtsstätte.

Ich kann nicht mehr in Euren Kreis zurückkehren, meine Freunde; ich habe zu viel gesündigt, zu viel gelitten, um noch weiter mit Euch gehen zu können. Aber die kalten Regeln des Klosters genügen meiner Sehnsucht auch nicht; nicht Ruhe, Mühseligkeiten werden mir meine Herzensruhe erkämpfen. Die schwerste Schuld meines Lebens ist, nichts Gutes gethan zu haben. Ich will nützlich sein, das ist unser menschlicher Beruf.

 

Den 18. Juni.

Welch' eine räthselhafte Macht erfüllt unser Herz, daß wir nie zu wünschen, nie zu hoffen aufhören können! Und nach so vielen Verlusten bleibt uns noch immer ein Traum, eine Einbildung, auf welche wir unsere Pläne bauen. Sieh', ich stehe am Rande des Grabes, mein Herz gleicht einem ermüdeten Wanderer, es pocht bald stürmisch, bald so langsam, als könnte es nicht mehr weiter, und mahnt mich daran, daß ich am Ziele meiner Laufbahn sei, und dennoch mache ich neue Pläne und träume von einem der Arbeit gewidmeten Leben; obgleich mir der Athem stockt, wenn ich nur den Hügel hinter unserem Hause besteige, sehne ich mich dennoch nach dem St. Bernhard! O, was ist dieses Leben Anderes als ein langes Träumen, in welchem das Herz, von Wunsch zu Wunsch taumelnd, betrogen oder sein Ziel erreichend, niemals ruhen kann. Als Kinder träumen wir von Glück, als Jünglinge von Liebe, als Männer von Reichthum und Macht, als Greise vom Himmelreich; wer wagt es, auf den Dichter mit Verachtung zu blicken, der auf die Wände des engen Kerkers, in welchen ihn das Schicksal geworfen, die schönsten Träume malt? Und warum sollte ich es nicht thun? Ohnedies wird mein Herz nicht lange mehr wünschen.

Nicht lange mehr – o, mein Freund, ich fühle es; wohin ich mich wende und sehe, erfüllt Todesahnung mein Herz; wenn ich am Bach sitze und auf die schäumenden Wellen hinabsehe, welche zu meinen Füßen hinabrollen, und bedenke, wie tief diese Fluthen stürzen mußten, bis sie aus ihrem hohen Bergquell so weit gelangten, an wie vielen Felsstücken sie sich brechen mußten, wie düster und öde ihr Ufer ist, und doch wie nahe das Ziel, in welchem der Rhone [sein] ermüdetes Kind in die Arme nimmt und es zur ewigen Ruhe in's große Meer führt: da sagt mir eine innere Stimme, daß auch ich meinem Ziele nahe sei. Wenn meine Augen über die grünen Wogen des Feldes schweifen, und ich bedenke, daß alle die Aehren, wenn sie ihre Last zu Boden drückt, die Sichel der Reihe nach abmähen wird; oder wenn mir der Gedanke in den Kopf kommt, daß hier unter dieser blühenden Erde, so weit meine Blicke reichen, überall tausend und tausend Herzen den ewigen Schlaf schlafen, Herzen ruhelos und voll Sehnsucht und Schmerz, wie das meinige, und jetzt ruhend, wie bald das, welches ich in der Brust trage; in meinem Zimmer vor dem Crucifix, beim Tönen des Glöckchens der Kapelle, überall und immer steht der eine Gedanke vor meiner Seele – und die Idee des Todes hat nichts Fürchterliches für mich.

Glaube nicht, daß ich deshalb wie früher das Ziel meiner Laufbahn ungeduldig erwarte; mit meinem Schicksal ausgesöhnt, habe ich mich nie so glücklich, so ruhig gefühlt. Wenn Du die Menschen sehen könntest, welche mich liebend umgeben, wenn Du gegenwärtig wärest, wenn ich oft des Abends mit meinem Arzte von der Vergangenheit spreche, und seine ruhige Weisheit für den kaum erwachenden Schmerz, der in meinem Herzen zuweilen wieder fühlbar wird, schon Trost findet; wenn Du Armand's grenzenlose Anhänglichkeit sähest, und seine freundlich lächelnden Kinder, und selbst meinen greisen Stubengenossen, auf dessen durchfurchte Stirn die Vergangenheit wie auf ein Pergament ihre ganze Geschichte schrieb, ohne jedoch sein Gesicht, in welchem ich seine freundlichen Gesinnungen lese, auch nur im Geringsten zu verdüstern: so würdest Du begreifen, daß ich mich in diesem Kreise wohl befinde, daß dieses von Stürmen umhergeschleuderte Herz, wie das Meer nach dem Gewitter, unter der milden Berührung dieses himmlischen Friedens ruhig geworden. – Die glücklichen und peinlichen Gefühle, die einst mein Herz erfüllten, sind verschwunden, und wenngleich diese Brust, gleich einem starkbetretenen Wege, kahler als früher dasteht, so hat doch der Lärm ausgetobt und ich bin zufrieden. Wenn ich umherblicke und mir überall die große Mutter Natur entgegentritt, welche ihre Kinder, von der welken Blume, bis zum müden Menschenherzen, an ihrem mütterlichen Busen ruhen läßt, wenn ich ihre Stimme vernehme, die auch mich zur Ruhe ruft, kann ich da zurückschaudern? Und Ihr wenigen treuen Freunde, werdet Ihr mein Andenken nicht bewahren? Werde ich nicht in Eurem Kreise leben, wenn mein Leichnam in der Erde ruht? Weshalb sollte ich zittern? Wie glücklich wäre ich, wenn das Andenken Betty's nicht so düster vor meiner Seele stünde.

 

Den 28. Juni.

Ich weiß nicht, was mein Arzt will. Gestern kommt er zu mir, fragt nach Betty, nach der Zeit unserer Bekanntschaft, wann ich sie zum letzten Male gesehen, mit einem Wort, nach den kleinsten Daten und Details, die ich über sie nur mittheilen konnte. – Ich fragte ihn, weshalb er das Alles wissen wollte; er sagte verlegen, es wäre ihm blos in den Sinn gekommen, doch erkannte ich an seiner Aufregung, daß er etwas vor mir verberge. Was kann das sein? Ist er vielleicht mit Betty's Familie zusammengekommen? Sie ist in der Dauphiné geboren, das Häuschen ihres Vaters stand, wie sie sagte, in der Nähe dieses Klosters. Doch, wenn es so ist, warum möchte er es mir verheimlichen? Warum sagt er es mir nicht, damit ich dem unglücklichen Vater zu Füßen stürze und ihn um Verzeihung bitte? Damit ich im Anblick seines kummerbleichen Gesichtes, seines greisen Hauptes, dessen letzte Stütze ich ihm genommen, das ganze Gewicht, die ganze Strafe meines Verbrechens fühle? Diese Gedanken lassen mich nicht ruhen. Ich gehe unruhig auf und ab in meinem Zimmer, aus dem ich mich seit einigen Tagen nicht entfernen darf, ich sehe zum Fenster hinaus und erwarte mit klopfendem Herzen die Ankunft des Arztes; ich setze mich nieder, um zu schreiben, doch überallhin verfolgt mich der eine Gedanke. Was ist unsere Ruhe, wenn die Erinnerung an ein Verbrechen der Vergangenheit unsere Seele nie verläßt!

 

Den 4. Juli.

O, mein Freund, daß ich Worte für meine Empfindungen finden könnte! Betty ist gefunden, ich sah ihr sanftes Gesicht, und ihre Augen strahlten mir versöhnt entgegen; ich hörte ihre süße Stimme, und ihre Worte drückten ihre Verzeihung für meine Niederträchtigkeit aus; ich hielt ihre Rechte in meiner zitternden Hand, und sie drückte mir liebevoll die meine.

Meiner Sünde ledig, versöhnt mit der Welt und mir selbst, genoß ich nach so vielen Leiden den Anblick dieses engelhaften Wesens in seiner ganzen Seligkeit – kannst Du Dir eine Wonne wie die meine vorstellen? – Zwei Tage – und ich komme von ihrem Grabe! – Diese sanften Augen schlossen sich zum ewigen Schlafe, um sich nie wieder zu öffnen; dieser treue Busen, der nun mit kalter Erde bedeckt ist, hebt sich nie wieder – kannst Du Dir ein Elend wie das meine vorstellen? Die höchste Wonne und die schrecklichste Pein des Lebens in Einem Augenblicke zu tragen, mit Einem Herzensschlage zu fühlen, mit denselben Thränen zu beweinen; o, mein Freund, wie soll diese Brust es ertragen können!

Wie ich Dir schrieb, ist Justus vor einigen Tagen zu mir gekommen und hatte sich nach Betty erkundigt; ich war frappirt, doch da ich auf meine Fragen nur ablehnende Antworten erhalten konnte und Justus seitdem von dem Gegenstande nicht mehr sprach, so glaubte ich, seine Neugierde einem Zufall zuschreiben zu müssen. Vorgestern kam er sichtlich erregt zu mir und bat mich, mit ihm zu kommen. Wir gingen fort; unterwegs begann er von Betty zu sprechen, sagte, er kenne ihren Vater, der hier in der Nähe wohne, Betty wäre nicht durch Selbstmord, sondern in den Armen ihres Vaters gestorben, endlich, daß sie noch lebe, aber nur noch auf wenige Augenblicke. Ich werde Dich mit den langen Vorbereitungen nicht ermüden, durch welche mich dieser Ehrenmann endlich zur Wahrheit führte und mir die Geschichte des unglücklichen Mädchens erzählte.

Beiläufig zwei Wochen nach jener unglücklichen Nacht, in welcher ich Betty zum letzten Male gesehen, war sie in das Haus ihres Vaters gekommen und seitdem dort geblieben. Doch wer sie sah, fühlte, daß dieses sanfte Wesen in ihre Heimat zurückgekehrt sei, um ihr Grab zu finden, und nicht, um ein neues Leben zu beginnen.

Betty weinte nicht; Niemand hörte sie klagen, ja sie lächelte sogar, wenn ihr greiser Vater ihren Kummer bemerkte; aber in ihrem Herzen wühlte der Schmerz um so tödtlicher, da sie ihn verbarg. Betty schwieg; doch wer sie kannte, nahm die Wirkung eines Kummers wahr, der mit schrecklicher Schnelligkeit ihre letzten Kräfte aufzehrte. Ihr Vater fiel in Verzweiflung; er ließ einen Arzt aus der Stadt holen, dieser aber zuckte die Achseln und ging. Betty welkte hin. Nichts blieb unversucht; ihr Vater, die Nachbarn, die ganze Gegend bemühte sich, sie zu erheitern – Alles vergebens. Sie that Alles, was von ihr verlangt wurde, ging überall hin, wohin sie ihr Vater führte, doch zwischen ihr und der Welt stand dieser einzige, große Schmerz, diese Eine verlorene Hoffnung, welche, in die Wagschale des Lebens geworfen, von einer ganzen Welt nicht aufgewogen werden kann. Während im Kreise ihrer Bekannten Jedermann bemüht war, sie zu erheitern, schweifte ihre Seele unter den Erinnerungen schönerer Tage umher, und ein tiefer Seufzer, der aus ihrem Busen, oder die Thränen, die unaufhaltsam aus ihren Augen drangen, sagten hinlänglich, daß ihre Freunde vergeblich gegen diesen Schmerz ankämpfen.

So verging ein Winter, ein Sommer, und wieder ein Winter in trauriger Gleichförmigkeit. Und als das Laub wieder sproß, schien Betty ruhiger, aber auch kranker. Wie träumend durchwandelte sie die Gegend, wo sie die glücklichen Tage der Kindheit verbracht hatte; sie ging zum Grabe ihrer Mutter, oder in die Kirche, oder an einen andern Ort, den die Erinnerungen einer schöneren Zeit geheiligt, meistens ruhig, manchmal Thränen vergießend, aber nicht solche, wie sie in der ersten Kraft des Schmerzes ausbrechen, in welchen das Herz Linderung findet, sondern sie weinte still für sich hin, wie aus gewohntem Schmerz, den keine Thräne mehr lindern kann.

Vor etwa zehn Tagen wurde Betty von einem ihrer Bekannten ohnmächtig am Grabe ihrer Mutter gefunden. Man führte sie nach Hause, pflegte sie und schickte um Justus. Das Maß ihres Lebens war voll, ihre Stunden waren gezählt auf dieser Welt.

Justus erzählte mir auf meine Bitten Alles. Er habe, als er in das Haus kam, Betty's Bild, das er mehrmals bei mir gesehen, erkannt und augenblicklich die Wahrheit zu ahnen begonnen, an welcher er später, nachdem er alle Nebenumstände wohl bedacht hatte, nicht mehr zweifeln konnte, auch wenn er nicht von einer der Freundinnen Betty's, der Einzigen, welche das ganze Vertrauen dieser Unglücklichen besessen, alle Details ihrer Geschichte gehört hätte. In den ersten Tagen schien sich Betty zu bessern, und Justus schwieg, damit eine Aufregung dieses ohnehin so schwache Leben nicht gefährde. »Jetzt ist alle Hoffnung verloren, sie kann nur noch wenige Stunden leben, und was kann in solchen Augenblicken der Arzt Besseres thun,« sprach er mit Thränen in den Augen, »als die letzte Grenzscheide dieses traurigen Lebens durch ein wenig Freude zu erhellen. Betty weiß Alles,« fügte er hinzu, »sie ist auf Deinen Besuch vorbereitet, sei ein Mann.«

Wir standen vor dem Hause.

Mit welchen Empfindungen ich diese Geschichte anhörte, mit welchen Empfindungen ich die Schwelle dieses Hauses überschritt, kannst Du Dir denken. Das Andenken an diese Stunde steht mir wie ein düsterer Traum vor meiner Seele, und es giebt Augenblicke, in welchen ich kaum glauben kann, daß das Ganze Wirklichkeit gewesen sei.

In dem kleinen Zimmer, in welches Justus leise eintrat und in das ich ihm auf sein Winken folgte, schwieg Alles. Die herabgelassenen Vorhänge verfinsterten das Zimmer, und meine Augen mußten sich an die Dunkelheit gewöhnen, ehe sie die einzelnen Gegenstände unterscheiden konnten. Beim Ofen saß der Vater, die Arme über die Brust gekreuzt, mit herabgesenktem Haupte, wie schlafend, so daß er unsere Ankunft gar nicht bemerkte; hätte ich nicht seine geöffneten Augen und den Schmerz der Verzweiflung in seinem Gesichte gesehen, ich hätte kaum geglaubt, daß er wach sei. Neben dem Bette saß die Freundin Betty's, welche, bald über das Lager gebeugt, bald sich stumm die Thränen trocknend, ihrer Freundin die letzten Liebesdienste erwies. Betty schlummerte. Es war ihr letzter Schlaf, das letzte Geschenk, mit welchem die gütige Natur manchmal die sterbende, müde Brust erquickt, als wollte sie dieselbe noch einmal die einzige reine Freude dieser Welt genießen lassen; nur das Picken der großen Wanduhr unterbrach die traurige Stille, welche diesen Raum erfüllte.

Wir mochten beiläufig eine Viertelstunde in schweigender Erwartung zugebracht haben. Justus näherte sich dem Bette und verfolgte mit theilnehmender Aufmerksamkeit die schwachen Athemzüge dieses ermüdeten Busens.

Endlich erwachte Betty. Justus sprach ein paar Worte zu ihr und rief mich beim Namen. Ich stürzte an das Bett und bedeckte knieend mit heißen Thränen die mir dargebotene Hand. Die Anderen zogen sich in ein Nebenzimmer zurück; wir waren allein.

»O Gustav,« sagte Betty mit schwachem Tone, »wie schön, daß Du gekommen bist; sieh', das ist mehr Glück, als ich in meinem Leben noch gehofft, mehr als ich in meinen Gebeten von Gott zu bitten gewagt habe.«

Ich konnte nicht sprechen; Schmerz und Wonne durchbebten mich bei diesen Worten und erstickten meine Worte; ich schluchzte.

»Erhebe Dich,« sagte sie, mir sanft die Hand drückend; »warum kniest Du so vor mir; laß mich Dich wieder sehen, ich habe Dich ja so lange nicht gesehen, und ach! es bleibt mir nur noch so kurze Zeit, Dich mit meinen Augen betrachten zu können.«

»Verzeihung, Verzeihung, Du Engel!« schluchzte ich außer mir.

»Verzeihung? O, mein Freund!« erwiderte Betty tief ergriffen, »habe ich Dir je gegrollt? Habe ich Dich denn nicht immer in gleichem Maße geliebt, immer nur Dich allein, so wie jetzt, und so wie ich Dich noch hundert Jahre lieben würde, wenn ich lebte. Erhebe Dich, Geliebter, sieh' mir in die Augen, und Du wirst sehen, daß selbst der Tod den Strahl der Freude nicht vernichten kann, der Dir daraus entgegenleuchtet.«

Ich erhob mich. »O, mein Freund,« fuhr sie fort, »glaube mir, ich weiß Alles. Du warst immer gut und zärtlich gegen mich, aber Deine Freunde sind an unserem Unglück schuld. Sie beneideten uns um unser Glück und sprachen so viel, erfüllten Dein Herz mit so großem Verdacht gegen mich, bis Du endlich zu zweifeln begannst und mich verließest. Der Himmel verzeihe ihnen, wie ich es gethan. Dir habe ich nichts zu verzeihen, Dank dafür, daß Du gekommen bist, daß ich Dir noch einmal sagen kann, wie sehr ich Dich liebe.«

»Und was that ich, um so viel Liebe zu verdienen?« rief ich von meinem Schmerze hingerissen; »habe ich nicht Dein Leben zerstört? Habe ich Dich nicht gequält und gepeinigt, bis dieses Herz, welches der Himmel zum Glück geschaffen, brach?!«

»Und waren wir nicht glücklich?« sprach sie zärtlich, ihre Augen auf mich heftend, »haben wir nicht viele schöne, o, so sehr schöne Tage verlebt? Als wir noch draußen in der schmalen Gasse wohnten und täglich zusammen ausgingen, als Du mir im Boulogner Wäldchen Deine Liebe gestandest, und später in Deinem Hause mit den schönen Blumen, die Du mir geschenkt hattest, war ich da nicht glücklich?«

»Und nicht wahr,« setzte sie hinzu, mir die Hand drückend, »auch Du warst es, und Du wirst die Tage nicht vergessen, in welchen Deine Betty Deinem Herzen noch ganz genügen konnte.«

»Und daß ich Dich als Dank für so viel Glück getödtet habe!« rief ich verzweiflungsvoll.

»Du?« sprach sie, meine Hand ergreifend, »Du, Gustav? Wie kannst Du das denken? Es ist wahr, ich weinte viel, sehr viel, als ich Dich verließ; aber sieh', selbst dieser Schmerz that meinem Herzen wohl, ich gedachte in meinen Thränen Deiner, Deiner Liebe und mein Schmerz fand Linderung. Du hast mich bis zu meinem letzten Tage nur mit Glück überhäuft. – Sieh',« fügte sie nach einer kleinen Pause hinzu, »ich selbst bin schuld an meiner Krankheit. Draußen hinter unserem Hause ist eine Quelle, welche einem Felsen eiskalt entspringt, und schon als Kindern war es uns immer verboten, daraus zu trinken. Vergangenen Sommer, als mir einmal sehr heiß war, vergaß ich mich und trank daraus, und seit damals bin ich krank. Glaube mir, Geliebter, nur das ist die Ursache meines Todes, sonst nichts.«

Ich war tief ergriffen. Und ich konnte diesen Engel von mir stoßen, der nach so vielen Leiden nur Worte des Trostes findet und Alles vergißt, der am Rande des Grabes mit einer unschuldigen Lüge sich selbst den Tod zuschreibt, nur um mir die Last meines Herzens zu erleichtern. Ich weinte.

Sie bat mich, bei ihr zu sitzen, und begann von der Vergangenheit zu sprechen, von unserem ersten Begegnen, von den glücklichen Zeiten unserer Liebe, und von den unzähligen großen und kleinen Freuden, welche sie in jenen Tagen genossen. Sie fragte mich, ob ich mich an alles das erinnere und ob ich es niemals vergessen werde? Ihr bleiches Gesicht überlief manchmal eine schwache Röthe, der letzte Strahl der Freude. Wir mochten ungefähr eine halbe Stunde so gesprochen haben, als ihre Kräfte abnahmen; ihre Stimme stockte, ihre Hand, die ich in der meinigen hielt, wurde immer kälter. Ich wollte um den Arzt gehen.

»O nicht, noch nicht,« seufzte Betty mit flehender Stimme, »wer weiß, ob wir auf dieser Welt noch einmal zusammen sein können, und mir thut es so wohl, mit Dir zu sprechen, mit Dir, den ich so sehr liebe, und nicht wahr, der mich auch wieder liebt? O, ich weiß Alles,« setzte sie hinzu, mir die Hand drückend, »Du liebst mich, Du hast mein Bild behalten, Du hast um mich gejammert und kamst hierher in die traurige Einsamkeit, nachdem ich Dich verlassen hatte. Der Doctor hat mir Alles erzählt, und glaube mir, diese Ueberzeugung macht mich unendlich glücklich.«

Betty's Stimme wurde so schwach, daß ich sie kaum verstehen konnte. Sie nahm ihre Kraft zusammen und blickte mich noch einmal an.

»Noch eine Bitte,« sagte sie mit stockender Stimme, »verlaß meinen Vater nicht, er ist arm und kinderlos, sorge für ihn, daß er keine Noth leide, und – – – vergiß Deine Betty nicht.« Sie schloß die Augen. Ich schrie um Hilfe. Aus dem Nebenzimmer stürzten ihr Vater und Justus an's Bett; Betty öffnete noch einmal ihre Augen. »Gustav,« seufzte sie mit sterbender Stimme, »bete für mich – –« Und der Engel war nicht mehr. Ihr Vater und ihre Freundin, von ihrem Schmerze hingerissen, stürzten auf ihre erkaltete Brust. Justus betrachtete mit thränennassen Blicken diese Scene, und mich erfüllte ein unbeschreiblicher Schmerz. » Bete für mich!« das waren ihre letzten Worte, und wie von einer ungekannten Macht hingerissen, fiel ich auf die Knie, und nach so vielen Jahren öffneten sich meine Lippen zum ersten Male zu einem heißen Gebete. Die andächtigen Seufzer des Kindes, die unendliche Sehnsucht, mit welcher ich in den ersten Jahren meiner Jugend zum Himmel emporblickte, jener unaussprechliche Trieb, der unsere Seele erfaßt, jenes Vertrauen, das unser Herz in seinen größten Qualen beruhigt, Alles erwachte wieder in meiner Brust, die so lange geschwiegen, und ich erhob meine Hände wieder zum Himmel. Es gibt Schmerzen, unter deren Last wir unwillkürlich zu Boden gedrückt werden, Freuden, für die wir danken müssen, Augenblicke, in welchen wir Alles, was das Leben bietet, besitzen oder verlieren, in welchen das Auge nichts mehr auf Erden sucht und seinen Blick zum Himmel erhebt; o, es gibt solche Momente, und es ist Niemand, der das nicht schon einmal gefühlt hätte.

Als ich mich erhob, war ich ruhiger. Betty hat mir verziehen, und eine innere Stimme sagte mir, daß wir nicht auf lange Zeit von einander geschieden sind.

O, mein Freund, ich fühle das! Ich kniete an Betty's Grab nieder, und meine Seele wurde von einer unerschütterlichen Ueberzeugung erfüllt, ich zweifle nicht mehr an meiner Unsterblichkeit. Wenn ich die zahllosen Wunder der prachtvollen Natur ringsum betrachte; wenn ich jedem Verwesen die Keime eines neuen Wesens entsprießen sehe, am Ende der Laufbahn des einen Wesens den Beginn des andern, und oben am Himmel Sonne und Sterne, und auf der Erde das Hinschwinden des Frühlings und Herbstes in unaufhörlich wechselnder Einförmigkeit, eine unendliche Schöpfung, welche vom ersten Tage ihres Beginnes bis zum letzten ununterbrochen fortwirkt; wenn ich, wohin ich mich auch immer wende, nicht ein Wesen finde, dessen Vergehen nicht auch zugleich das Entstehen eines andern wäre, sollte ich da Vernichtung fürchten? Vernichtung! – Und diese großartige Hoffnung, welche Gott in unsere Herzen gelegt, damit wir auf diesen schwierigen Lebenspfaden mit neuer Kraft vorwärts streben, die räthselhafte Sehnsucht, welche uns manchmal mitten in unseren Freuden überfällt, und nicht gestattet, daß sich unser Geist selbst unter den bezauberndsten Freudeblüthen dieser Erde zu Hause fühle, die innere Stimme, welche unseren Schmerz mit Wiedersehen tröstet, wenn wir unserer verlorenen Liebe gedenken – alles das sollte nichts bedeuten? Woran Tausende geglaubt, wäre ein Traum, der einzige Trost so vieler Milliarden Menschen nichts als eine großartige Lüge? O nein, das kann nicht sein! Denke Dir das menschliche Leben ohne Unsterblichkeit, und Dein Herz schaudert bei diesem Gedanken zurück. – O bedenke einmal, was das Menschenleben ist: Von den ersten Augenblicken an, in welchen das Kind außer seinem Jammerschrei keines Wortes mächtig ist, um seinen Gefühlen Ausdruck zu geben, bis zu jenen letzten Momenten, wo das Leben auf dem Krankenlager unter schmerzhaften Zuckungen erlischt; denke Dir dieses Dasein, dessen Glück Täuschung, dessen Wahrheit Pein ist, in dem jede Hoffnung einen Genuß, jeder Genuß eine Hoffnung mordet; dessen wenige Glanzpunkte wie Sterne am nächtlichen Himmel glänzen, um die Sehnsucht Deines Herzens zu wecken, doch in ewiger Ferne, um Dein Ringen um sie vergeblich zu machen; dieses Dasein, in welchem Du selbst zu den wenigen Augenblicken, in welchen Du Dich etwa glücklich fühlen kannst, dem Moslim gleich, der seiner heiligen Stadt zupilgert, nur durch eine große Wüste voll Leiden gelangen kannst; in welchem der einzige Schatz, das Gold dieser finstern Schachte, die Liebe, mit so viel fremden, irdischen Stoffen gemischt ist, daß Du in dem Schmelztiegel der Zeit unter den Schlacken oft nicht das kostbare Metall herausfinden kannst; denke Dir dieses Leben, von den qualvollen Hoffnungen des Jünglings bis zur noch qualvolleren Hoffnungslosigkeit des Greises, von jenen Tagen an, wo Du nicht glücklich sein konntest, weil Du etwas thun wolltest, bis zu jenen, wo Du nicht glücklich sein kannst, weil Du nichts zu thun vermagst – und kannst Du dann an Deiner Unsterblichkeit zweifeln?

Wenn Du ringsum die unendliche Reihe der Geschöpfe erblickst, so tritt Dir überall Freude und Befriedigung entgegen; diese riesige Erde, deren Meer gleich dem Pochen eines ruhigen Herzens fluthet und ebbt, steht seit Jahrtausenden unveränderlich; ihre nie versiechenden Flüsse spenden Leben seit Jahrtausenden; diese Erde, die in den Winterschlaf versinkt, wenn ihre Blüthezeit um ist, und wieder erwachend in der ganzen Pracht ihres Frühlingskleides vor uns steht; das duftige Heer der Blumen und Kräuter, die Wälder, in denen jeder Zweig sich mit seinem besonderen Grün schmückt, jedes Blatt unter der Berührung des Abendwindes in besonderer Lust erbebt; der heitere Lärm über Dir, wohin Dein Auge den glücklichen Sängern nicht folgen kann, und ringsum im Dunkel der Gesträuche, zu Deinen Füßen, wo jeder Käfer in seiner kleinen Freude summt: sagt Dir das Alles nicht, daß ein liebendes Wesen über das Ganze wacht und jedem Geschöpfe das zu seinem Glücke Nothwendige giebt? – Und nur Du allein wärst verflucht? Du, das einzige unter so vielen Millionen Geschöpfen, das sich nicht freuen darf, das Dein Gott nur zu langer Qual geschaffen hätte? O, weil Dich die großartige Schönheit der Natur nicht befriedigen kann, braucht Deine Seele ein anderes Licht als das, welches die Sonne auf die Erde ergießt; Deine Gedanken bedürfen eines anderen Kreises, als den dieser Horizont umfaßt. Wenn die Erde ihre Schachte öffnet, um Dir ihre Schätze zu geben, wenn der Himmel seine wärmsten Strahlen auf Dich herabgießt und die Erde ihre süßesten Düfte ringsum ausströmt, so wirst Du Dich dennoch nicht glücklich fühlen; in Dir ist noch etwas, was keine Befriedigung findet, ein Theil Deiner Seele, welcher weint.

Und wozu dann jene räthselhafte Sehnsucht, welche Dir auf Deinem kurzen Lebenspfade keinen Genuß gestattet, wozu diese quälenden Hoffnungen, welche sich auf dieser Erde nicht erfüllen können, wozu dieser innere Drang, welcher Deinen Geist in die Höhe zieht, während Deine schwache Brust schon auf den Berggipfeln dieser Erde, wohin Du gestrebt, beengt wird? Was bedeutet die innere Stimme, welche Dich an Deine Bürde erinnert und Deine materiellen Genüsse verbittert, wenn Dein Geschick sich nicht über die Grenzen Deines materiellen Daseins hinaus erstreckte, wenn nach Vollendung Deiner irdischen Laufbahn Vernichtung Dein Schicksal wäre?

Gedenke Jener, die Du geliebt, Deiner Mutter, deren Liebe als ein großes Opfer Deine jungen Tage verschönt, Deiner Geliebten, in deren Armen Du auf Augenblicke begriffst, daß wir auch auf dieser Welt glücklich sein können, Deines Freundes, mit dem Du die Hälfte Deiner schönsten Erinnerungen begraben: und so viel Liebe sollte in einem Grabe Platz finden? Denke an Jene, bei deren tausendjährigen Namen Dein Herz höher schlug, vor deren Angedenken Du Dich wie vor einem Altar beugtest, deren großes Bild Deiner Jugend ein Muster gewesen, dem Du gleichen, ein Beispiel, dem Du folgen wolltest, an die Gracchen, an Sokrates, an alle Jene, welche die Dornenkrone der Wissenschaft oder des Ruhmes getragen: so Großes und Herrliches sollte keine Zukunft haben? Blicke um Dich, die Völker, welche Gewalt in Fesseln schlug, jene Millionen Unglückliche, deren irdische Bestimmung es ist, Einzelnen eingebildete Genüsse zu verschaffen, um ein paar Tage länger ihr tägliches Brot mit bitteren Thränen zu benetzen, die einzige Gabe dieser reichen Erde, die ihnen gespendet wird: und so viel Leiden sollte ohne Lohn bleiben? Und der Mensch, der dieses Leben ruhig erträgt, in welchem jede gute, jede edle Brust, gleich dem goldhaltigen Stein in die Flammen der Leiden geworfen wird, sollte glauben können, daß unser Leben damit beendigt sei? Wenn er der ewigen Gerechtigkeit vertraut, und der müde Arbeiter von seinem Herrn den Lohn verlangt, sollte der ihn grausam von sich stoßen? Dem Unglücklichen spottend zurufen: »Thor, warum hattest Du Vertrauen? Meine Sonne strahlt über Gute und Böse, ein Grab deckt Tyrannen und Sclaven, Verfolger und Opfer, eine Vernichtung erwartet Beide. Meine Erde war schön, warum genossest Du nicht? Deine Arme waren stark, Dein Herz pochte, Deine Gedanken glühten für Freiheit, weshalb duldetest Du Unterdrückung von Jenen, die ich Dir gleich geschaffen?«

Ist dieses möglich? Kann ein Gedanke wahr sein, der, wenn er bewiesen werden könnte, die Hälfte des menschlichen Geschlechtes zum Selbstmord triebe?

O nein, aus der vollsten Ueberzeugung meines Herzens rufe ich: das ist nicht möglich. Hier bei der Asche dieses reinen Wesens, an den Grenzen meines Daseins, denen ich mich nähere, erfüllte mein Herz eine unaussprechliche Ueberzeugung, und es giebt keine Macht auf Erden, welche diesen starken Glauben erschüttern könnte: wir werden uns wiedersehen. Wo und wie? Wer kann das sagen? Wir blicken um uns auf dieser Erde, und die zaubervollen Räthsel der Natur geben uns auf unsere Zweifel keine Antwort; wir blicken zum Himmel auf, und seine Welten strahlen uns keine Ueberzeugung in die von Sehnsucht gehobene Seele; doch blicke in Dich, das ruhelose Pochen Deines Herzens, die Sehnsucht, die Deine Seele erfüllt, die Hoffnung, welche die Zukunft Dir zeigt, Dein Geist, und Alles, was in ihm denkt, spricht, lebt, sich erhebt, jauchzt das eine Wort: Mensch, Du bist unsterblich! – und Gott kann ja keine Lüge in Dein Herz gelegt haben. So wie der Same, den der Gärtner in die finstere Erde gelegt, in grünen Blättern hervorsproßt und erst über dem dunklen Kreis seiner Wurzeln Blüthen treibt: so auch der Mensch; auf der dunklen Erde schlägt er Wurzeln, er erhebt sich in seinen Hoffnungen, doch seine Blüthe erwartet ihn nur oben über diesem dunklen Kreise, oben, wo Alles, was das Leben spendet, Freude und Schmerz, verschwindet; oben, wo Dein Geist von seinen schweren Wunden genest, wohin Du nur Deine Liebe mitbringst. Und was ist unser Schmerz, wenn ein solcher Trost seine Bitterkeit versüßt?

 

Den 15. Juli.

Ich bin am Ziele. Meine Zusammenkunft mit Betty, ihr Tod und so viel entgegengesetzte Empfindungen, welche dieses Herz während so kurzer Zeit durchstürmten, zehrten die letzte Kraft desselben auf. Gleich nach Betty's Tod legte ich mich zu Bett, und ich habe es seitdem nicht verlassen. Gestern gestand mir endlich Justus nach vielen Bitten, daß ich höchstens noch ein paar Tage leben könne, und auf den Tod gefaßt, ließ ich mich in einem Stuhl zum Fenster tragen, um noch einmal die untergehende Sonne zu sehen, welcher meine Blicke von diesem Platze aus so oft gefolgt sind, und um mich noch einmal an Dich zu wenden und von dem einzigen Wesen Abschied zu nehmen, dessen Liebe mir unter der schweren, ach! so sehr schweren Last des Lebens ein Schatz war, der seinen Werth niemals verlor. Wenn der Herbst gekommen ist und der Kranich sich auf den Weg macht, so kannst Du den Scheidenden lange in weiten Kreisen über der Gegend schweben sehen; es rufen ihn die Erinnerungen seines letzten Sommers zurück, und wenn er endlich fortfliegt, klingt seine Stimme traurig durch die Luft; blühende Gefilde erwarten ihn, doch er kann die sichere Stätte, welche er verläßt, nicht vergessen, und mit Schmerz geht er seinen Genüssen entgegen. Auch meines Lebens Herbsttage sind gekommen, und ich lasse meine Blicke über die verblühten Fluren desselben schweifen und mache mich auf den Weg zu einer schöneren Zukunft; – o laß' meinen letzten Blick noch auf Dir weilen, laß' mich meine letzten Abschiedsworte an Dein treues Herz richten!

Ich öffnete mein Fenster, und meine Blicke schweiften über die Gegenstände hin, unter welchen ich so viele schwere Tage verbracht habe. Die Sonne geht zu Rüste, schwere Wolken thürmen sich am Himmel, und die große Stille, welche die Natur rings beherrscht, deutet auf einen herannahenden Sturm; wenige Stunden, und statt der glänzenden Strahlen der Sonne gleiten finstere Wolkenmassen über den Himmel, die mächtige Stimme des Donners durchtönt die schweigende Gegend, und die Bäume, auf denen sich jetzt kein Blatt regt, schwanken, von den mächtigen Armen des Sturmwindes erfaßt, mit ihren grünen Wipfeln hin und her; wenige Stunden, doch werde ich nun auch diesen Sturm noch erleben? Wenn der Kampf der Elemente ausgetobt haben und die Sonne wieder über unseren Bergen strahlen wird, wird dieses Auge noch durch ihren Strahl entzückt werden? Wenige Stunden, und was ist aus mir geworden?

Wie bewunderungswürdig ist das Leben des Menschen! Mit einem Geiste, den die Macht des Gedankens hebt, mit einem Herzen, welches für alles Große und Erhabene schlägt, steht er da mitten in dieser großartigen Natur; Alles, was ihm die Erde bietet, ist sein Eigenthum, das Meer tobt vergebens gegen seine Schiffe, die Erde verbirgt vergebens ihre Schätze vor seinen Augen; er ist der Herr und die Sonne, welche seine Saaten reift, die Sterne, welche Nachts seinem Wege leuchten, dienen seinem Willen; eine Minute, und was ist aus ihm geworden! Dieses Auge auf ewig geschlossen für die Wunder dieser Welt, der Faden seiner erhabenen Gedanken zerrissen, das Herz, in ewiger Ruhe, früher ein Halbgott, jetzt ein Stück Erde – über sein Grab breitet der Frühling seine grüne Decke, und neue Freuden, neue Hoffnungen verdrängen das Andenken, welches sein Leben unter den Menschen zurückgelassen. Unser Leben gleicht dem Wasserfall, welcher, in tausend Stücke zerreißend, sich an tausend Felsstücken brechend, bald im Strahle der Sonne leuchtend, bald von der Nebelhülle bedeckt, von der hohen Wand herabstürzt; so viel Kampf, Schmerz, Wonne, Sehnsucht, Glanz, Finsterniß – und das Ganze nur ein Moment! O, das Leben ist so kurz, daß es kaum der Mühe werth ist, uns zu grämen oder zu freuen, was es auch immer bringe: eine Ruhe wartet ja auf uns Alle, und diese wird ewig sein.

O, mein Freund, wenn ich nicht mehr sein werde und die kühle Erde die brennenden Qualen dieser Brust deckt, bedauere mich nicht, daß ich zu früh hinübergegangen; es giebt Blüthen, aus denen niemals eine Frucht wird, und es giebt Menschen, welche, wenn einmal ihre Jugend dahingeschwunden, alt werden, ohne je die kräftige Reife des Mannes zu erreichen, und ich gehöre zu diesen. Wozu sollte ich, ein vertrockneter Stamm, in den blühenden Gefilden des Lebens stehen? – ein trauriger Anblick für Jene, welche mein schöneres Alter gekannt, für Andere nichts! Glaube mir, es ist besser, daß ich gehe.

Das Leben ist ein Roman; wer die Geduld nicht verliert und Blatt für Blatt gewissenhaft zu Ende liest, jedes Gespräch, jede Beschreibung bis zum Schlusse verfolgt und nicht um ein Blatt weiter geht, als nothwendig ist, der wird sich während des Lesens befriedigt fühlen. O, es giebt aber auch ungeduldige Leser, es giebt Menschen, welche schon bei dem ersten Blatte dieses großen Buches nach dem Ende sehen, welche alles Anziehende darin zuerst lesen; und ist es dann zu verwundern, wenn diese später keinen Genuß mehr finden und das Buch halb gelesen ohne Reue weglegen? Nicht das Alter, nicht die Zeit ist es, die uns zum Tode reif macht; so wie das Schiff, welches der Sturm erfaßte, den Weg in Tagen zurücklegt, zu welchem es bei ruhigem Wetter eben so vieler Wochen bedarf; so wie ein Jahrzehnt den einen Baum austrocknet, während dessen Nachbar, die starke Eiche, mit ihren breiten Aesten Jahrhunderte überdauert: so kann auch der Mensch in wenig Jahren eine lange Bahn durchlaufen, kann die Lebenskraft in den heißen Tagen weniger Sommer versiechen; nicht die Jahre, sondern Das, was wir in ihnen erfahren, macht uns alt, und ich fühle, daß ich es bin. Ich habe Alles besessen, was das Leben bietet, ich genoß seine Freuden, ich erlitt die lange Reihe seiner Schmerzen; ich liebte wie Wenige, ich glühte für hohe Ziele, ich erhob mich und sank auf vielen Wegen, und meiner müden Brust thut die Ruhe wohl nach so vielen Kämpfen; und sollte Dein liebevolles Herz über meinen Tod trauern, so gedenke meines Lebens, und Du wirst Trost in dem Bewußtsein finden, daß ich gar wenig verliere, und daß unter diesem Wenigen nur Dein Andenken bis zum letzten Augenblicke meines Lebens einen heitern Strahl in die Dunkelheit meiner Leiden geworfen.

Und jetzt noch eine Frage an Dich, mein Freund! Als ich mich daran machte, diese Blätter des Schmerzes niederzuschreiben, war nur die Erfüllung Deines Wunsches mein Zweck; Du wolltest meine Geschichte kennen, und ich zeichnete Vergangenheit und Gegenwart auf, meinen Schmerz und meine kurzen Freuden; Alles, was ich fühlte und litt, habe ich in diesen Blättern niedergelegt. Was Du gehofft hast, ist geschehen; indem ich über meine Leiden und deren Ursachen und Geschichte nachdachte, linderte sich mein Kummer. Vielleicht können meine Bekenntnisse noch von Nutzen sein. Wenn einst Deine Söhne heranwachsen, und sie, die jetzt als heitere Kinder auf Deinen Knieen spielen, die Schwelle Deines Hauses überschreiten und sich unter die lärmende Masse mengen, voll großer Vorsätze und hochfliegender Hoffnungen, so wie ich es einst gewesen, dem Leben, sich selbst und den Menschen vertrauend, wie ich es einst gethan, dann gieb ihnen diesen meinen Nachlaß in die Hände, vielleicht wird mein Beispiel ihre jungfräulichen Herzen behüten. Mein Leben ist ein alltägliches, die Menschen, mit denen ich in Berührung gekommen, waren nicht besser und nicht schlechter als die gewöhnlichen, in meiner Geschichte ist nichts Außerordentliches, und doch, wie viele Schmerzen bot mir dieses Leben! Und weshalb? Weil ich außer mir niemals etwas mit wahrer Liebe umfaßte, weil ich, durch niedrigen Egoismus dem großen Leben entfremdet, nachdem mein kurzes Glück ein Ende genommen, nichts mehr hatte, womit ich meinen Kummer hätte lindern können. Mache Deine Kinder darauf aufmerksam und theile ihnen den letzten Rath eines längst verstorbenen Freundes mit, den sie nicht kannten:

Liebet! auf dieser großen Welt giebt es nur Eines, das wahrhaft beglückt: Euer Herz, und in ihm suchet Eure Genüsse.

Diese Welt ist schön und herrlich, und welches noch nicht ermattete Herz könnte zum Himmel aufblicken, dessen Gewölbe selbst das Dunkel der Nacht mit Sternen schmückt, Eure Erde betrachten, die selbst an schattigen Orten Blumen sich erschließen läßt, und sich nicht glücklich fühlen, nicht von Hoffnungen erfüllt werden? Auch Ihr werdet hoffen: Genuß, Wissenschaft, Ruhm, Macht, Alles, was Euer Auge sieht, Eure Seele begehrt. Doch wenn Ihr genossen habt und unbefriedigt auf Eure durchgekosteten Freuden zurückblicken und einsehen werdet, wie duftlos die schönsten Blumen gewesen; wenn Ihr, nachdem Ihr Euch jahrelang bemüht haben werdet, den Quell der Wissenschaft zu erschöpfen, einsehen werdet, daß dieser Quell unerschöpflich und unergründbar ist, und Ihr, der langen Arbeit müde, den Muth verlieren werdet; wenn Ihr gelernt haben werdet, daß der Lorbeer und der Oelzweig nicht auf einem Stamme wachsen, und Euer Verlangen nach Ruhm, um dessentwillen so Viele ihr Selbstgefühl geopfert, geschwunden sein wird; wenn die Macht Eure Seelen nicht mehr verführen wird: wenn Ihr wissen werdet, daß es keinen so Mächtigen giebt, der auch nur Einen Menschen zu beglücken im Stande ist; wenn Ihr, die Ihr mit so vielen Hoffnungen und unter günstigen Winden die Reise angetreten, in den Hafen zurückkehrend, die Erfahrung mitbringen werdet, daß man im Sturme nach und nach alle Schätze über Bord werfen muß, und auch Ihr als Bettler heimkehren werdet; was wird Euch dann mehr geblieben sein als Euer Herz, der Schatz, den Gott, wie die Mutter ihrem scheidenden Kinde ein Amulet, Euch in die Brust legte, als er Euch auf die Erde versetzte, damit es Euch behüte, wenn Ihr fern wandert, und er seine Kinder daran erkenne, wenn Ihr dereinst zu ihm zurückkehrt. O, bewahrt es, denn es giebt auf Erden nichts, was dessen Verlust ersetzen könnte.

Ihr werdet Euch täuschen. Jeder Glaube hat seine Märtyrer, und das Vertrauen zu den Menschen die meisten; es wird Eurem Herzen weh' thun, daß gerade Diejenigen, die gegen Euch die meiste Liebe zur Schau trugen, am wenigsten Liebe besaßen, gleich dem Spiegel, welcher in den Strahlen der Sonne am schönsten strahlt und doch am kältesten bleibt; aber war nicht selbst diese Täuschung schön? Fühlt ihr nicht, daß nicht die Liebe, welche Ihr gefunden, sondern die Ihr gespendet habt, Euer Herz am meisten beglückte? O, und die Menschen täuschen nicht immer, sie sind auch manchmal wahr; und das Herz, welches bei hundert Täuschungen blutete, wird bei der heilsamen Berührung mit einer treuen Brust wieder genesen.

Liebet! Aber nicht nur für Einzelne schlage Euer junges Herz – wie theuer und beglückend auch der Kreis sei, in welchen Euch Euer Schicksal setzte, er möge Eure Liebe nicht begrenzen; Ihr seid zu Weltbürgern geboren, Ihr seid Kinder der großen Menschenfamilie, und Euer Herz sollte nicht für Eure Brüder schlagen?

Betrachtet die Natur! Wenn der Frühling kommt, verjüngt sich die ganze Erde auf einmal; Bäume und Grashalme, Berg und Thal stehen in neuem Grün vor Euch, Eine Farbe der Freude schmückt die ganze Gegend; der Sturm, der die Wogen des Meeres peitscht, reißt jeden Tropfen der unendlichen Fluth mit sich, und nicht ein einziger ruht im Kampfe des Ganzen. Gott wollte nicht, daß seine Geschöpfe auf dieser Welt vereinzelt stehen; die Natur, dieses große Schicksal für alle Materie, bestimmt Millionen Wesen eine gleiche Lebensdauer, und nur der Mensch sollte einsam dastehen? Und weil seine Bestimmung eine höhere, weil er unter Millionen Geschöpfen das einzige auf dieser Welt ist, das mit seinem selbständigen Willen den tyrannischen Befehlen der Materie sich widersetzen kann, sollte es kein Band geben, das ihn an seinesgleichen knüpfte? Eben deshalb gab der Himmel unserem Herzen die Liebe, damit, so wie die Ordnung der Natur jede Materie zu einem großen Ganzen vereint, auch die freien Menschen sich vereinigen lernen, und so wie Frühling und Herbst den Blumen des Feldes, wie Sturm und Sonnenstrahlen den Wogen des Meeres, so auch durch Sympathie Freude und Schmerz dem ganzen Geschlechte gemeinsam sei.

Blicket um Euch! Den Baum, in dessen Schatten Ihr ruht, haben Andere gepflanzt, den Samen Eures Brotes haben Andere gestreut, für Eure Sicherheit wachen Andere, selbst der Gedanke, der Eure Seelen hebt, die Wissenschaft, auf die Ihr stolz seid, sind der Lohn für die Arbeit von hundert Generationen. Und drängt sich Euch nicht das Bewußtsein Eurer Pflicht auf? Fühlt Ihr nicht, daß Millionen sich für Euch bemüht, daß an Eurem Wohl hundert Generationen gearbeitet, und daß es Eure Aufgabe ist, zu arbeiten wie sie, damit die Zukunft glücklicher über Eure Asche erblühe? Viele schwere Erfahrungen harren Eurer auch auf diesem Wege. Wer sein Leben einem höheren Zwecke weiht, erwarte nicht, daß er die Früchte desselben selbst genießen werde; es bedarf einer langen Zeit, ehe der Samen, den wir auf dem Felde der Menschheit gesäet, Früchte trägt, und der Arbeiter geht zur Ruhe, ehe noch das Feld, das er erbaut, zu grünen beginnt; Die, für welche Ihr Euch bemüht, werden Euren Bestrebungen nicht danken, und statt Segen harrt Eurer Spott, vielleicht gar Verfolgung; die Idee selbst, für welche Eure Herzen glühten, wird in der Berührung mit Menschen ihre Schönheit verlieren, und was Ihr einst für großartig gehalten, wird, wie ein Goldstück, das durch viele Hände geht, beschmutzt werden und werthlos erscheinen. Doch wenn dann Euer Herz ob seiner traurigen Erfahrungen trauert, erhebt sich da nicht die Zukunft als ein großer Trost vor Euren Seelen? Die Zukunft, welche auf dem langsam reifenden Felde der Menschheit endlich doch die Früchte jedes guten Samens reifen läßt, wählt ihre großen Männer aus den Reihen der früher Verfolgten, und errichtet kein Denkmal, welches nicht, wie das Kreuz, an Leiden erinnerte – auch Euch wird sie vielleicht ihren Lohn spenden. Und ist das nicht genug? Könnt Ihr Euch nicht, wenn auch nicht allmächtig, doch mächtig fühlen auf dieser Welt, in welcher Euren Körper sechs Fuß Erde decken und ein paar Jahre vernichtet haben, während Eure Gedanken für Jahrtausende maßgebend bleiben können? Und wenn dem auch nicht so wäre, wenn Ihr Euch in Euren großen Hoffnungen täuschet und es Eure Bestimmung ist, ungenannt aus dieser Welt zu schwinden, so war doch das Ziel, nach dem Ihr gerungen, ein herrliches. Auch Ihr habt theilgenommen an dem großen Kampfe, in welchem das Menschengeschlecht seit Jahrtausenden blutet, und der späte Enkel, welcher dereinst den Sieg erlebt, wird unter den Millionen Namenlosen, die für ihn geblutet, auch Euch segnen: erfüllt das Eure Seelen nicht mit größerer Lust, als jene, die Euch die Genüsse Eures Egoismus bieten können?

O, und das menschliche Geschlecht wird sein hohes Ziel erreichen! – Jahrhunderte werden verfließen, viele Generationen im Kampfe untergehen, aber der Tag muß kommen, an welchem unser Geschlecht seine Bestimmung erfüllen, an welchem das Gute siegen wird auf dieser Welt. Unser Beruf ist, den Samen auszustreuen, die Erde, darin er liegt, im Schweiße unseres Angesichtes zu befruchten; die jungen Pflanzen mit den heißen Wünschen unseres Herzens zur Reife zu bringen; unsere Bestimmung ist: kämpfen, wünschen, hoffen, und können wir auch nicht das gelobte Land erreichen, so sehen wir doch von fern dessen gesegnete Fluren, und weiden unser Auge an seinen schönen Gefilden, und haben gleich dem sterbenden Moses das Bewußtsein, jenen Josua, der einst dort siegen wird, auf das Schlachtfeld geführt, mit Waffen ausgerüstet zu haben. Und wer weiß, wie nahe wir jener glücklichen Stunde sind? Wir leben in einem schweren Zeitalter, an unserem glühenden Himmel thürmen sich schwere Wolken, und der Mensch wandelt matt und vor dem herannahenden Sturme bebend seine freudenlosen Pfade; doch wenn die Sonne am glühendsten strahlt und die Aehren ihre Häupter zu Boden senken, ist da nicht die Ernte nahe? Hoffet, Jünglinge!

Und kommen vielleicht Tage, in welchen Euer Herz, so vieler peinlichen Erfahrungen müde, zu zweifeln beginnt; wenn Eure Kraft auf dem schwierigen Wege ermattet, dessen Ziel, je weiter Ihr vorschreitet, desto mehr sich entfernt – dann denket an mich, und mein Andenken möge Eure Seelen vor Egoismus bewahren. Eure Tage der Trauer werden vergehen; den Schmerz der Welt werden die Umarmungen Eurer Liebe, die Verletzungen Eurer Liebe wird die Welt heilen – nur der Selbstsüchtige hat keinen Trost auf Erden.

Und jetzt, Gott mit Dir! Die Sonne ist untergegangen, ihre letzten Strahlen sind über unseren Bergen erstorben; es ist Zeit, daß auch ich zur Ruhe gehe. Wenn Dein Weg Dich einst zu diesen Bergen führt, wo Du statt Deines Freundes blos ein Grab finden wirst, auf dessen Stein mein Name steht, und Du Dich erinnerst, daß dieses Herz, welches unten modert, einst für Dich geschlagen, und sich jetzt bei Deinem Nahen nicht mehr regen kann: dann erhebe Deine Augen zum Himmel und gedenke, daß wir uns dort wiedersehen werden. – O dort, dort und auf ewig! Denn was wäre sonst unsterblich in uns, wenn nicht der Theil unseres Geistes, welcher geliebt hat?

 

XV.

So weit Gustav's Manuscript. Die letzten Zeilen waren mit zitternder Hand, hie und da, besonders gegen das Ende zu, beinahe unleserlich geschrieben. Bei diesen Blättern fand ich noch außer einigen gleichgiltigen Schriften Gustav's Testament, in welchem er dem Vater Betty's, Justus, und jenem Freunde, an welchen sein Tagebuch gerichtet gewesen, größere Legate, sein übriges Vermögen den Armen vermachte, und einen Brief, in welchem die letzten Augenblicke seines Lebens durch Justus geschildert werden.

Nach diesem Briefe waren die letzten Stunden des Unglücklichen ruhig und schmerzlos. Als nach Sonnenuntergang der Arzt, der Karthäuser und Armand, welche während seiner Krankheit bei ihm waren, in sein Zimmer traten, fanden sie ihn ohnmächtig in seinem Fauteuil, das Fenster offen, auf dem Tischchen vor ihm die letzten Worte seines Abschiedes von seinem Freunde, kaum getrocknet. Man brachte ihn zu Bette, wo er einige Zeit besinnungslos lag. Gegen zehn Uhr kam er zu sich, begann zu sprechen, doch wenig und mit immer schwächerer Stimme. Der Ordensgeneral, um den er schon gestern gebeten hatte, kam; die Uebrigen entfernten sich, und Gustav blieb mit ihm an zwei Stunden allein, um die Tröstungen der Religion zu empfangen. Gegen Mitternacht begab sich der Arzt wieder in sein Zimmer und fand ihn ruhig, wenn auch schwach und unerwartet besser; er sprach von seinem Vater, seinen Freunden, und tröstete die muthlos Umherstehenden, indem er seine Blicke begeistert zum Himmel erhob, mit dem Wiedersehen in einer schöneren Welt. Nach Mitternacht schlummerte er ein; es begann zu donnern, und großartig, wie es nur auf jenen Höhen zu sehen, durchzog der Sturm das Thal; doch das Toben der empörten Natur weckte den Schlafenden nicht. Als der Sturm sich verzogen hatte und die aufgehende Sonne eines der Zimmerfenster bestrahlte, öffnete er die Augen und erhob sich ein wenig von seinem Lager. »Wie schnell die Nacht verflossen ist!« wandte er sich mit schwacher Stimme zu Armand: »Licht, Licht ergießt sich vor meinen Augen, ich ertrage es nicht!« er sank zurück und sprach nichts mehr. Eine Stunde später hatte sein Herz aufgehört, zu schlagen. Seinem Wunsche gemäß wurde er nicht im Kloster, sondern in der Nähe des Hauses, in welchem er seine letzten Tage verbrachte, von seinen Freunden begraben; das Volk folgte betend seiner Leiche, und über sein Grab breitet eine von Armand gepflanzte Linde ihre grünen Aeste aus.

Glücklich, wer, wie er, den schweren Weg zurückgelegt hat und zur Ruhe eingegangen ist!

 

XVI.

Ein halbes Jahr, nachdem ich dieses Manuscript durchlesen hatte, reiste ich mit meinem Freunde nach England.

Es war ein schöner Maiabend, als wir in das Dorf U. in der schottischen Grafschaft Perth gelangten. Mein Reisegefährte hatte Briefe aus der Heimat erhalten und war in unserem Gasthause geblieben; ich ging auf's Feld hinaus, über welches der eben aufgehende Vollmond seine ersten milden Strahlen ergoß. Es war einer jener Abende, wie sie jeder von uns zur Frühlingszeit erlebt und dessen süße Stunden Jeder von uns gewiß schon einmal zurückgewünscht hat; denn auch die Genüsse der Natur leben in unserem Andenken fort, und sie sind vielleicht die einzigen, in welche sich kein Gefühl des Schmerzes mengt.

Ich irrte ohne Ziel durch die Gärten; Alles schwieg ringsum; ein kleiner Westhauch, welcher über die Gipfel der Bäume hinwehte und einen Blüthenregen auf mich herabschüttelte, oder das Aufflattern eines Vogels, den meine Schritte aufgestört und der sich einen versteckteren Zufluchtsort in den Zweigen suchte – das war Alles. Gleich dem Kinde, das lächelnd entschlummert und lächelnd wieder erwacht, so stand die Erde in ihrem Frühlingstraume vor mir, über ihr das heitere Antlitz des Himmels, welcher gleich einer liebenden Mutter sein Kind hütete, während der Abendwind gleich einem armen Seufzer durch die blühende Gegend strich.

In Gedanken weiterschreitend, fand ich mich endlich vor einer Hecke, in deren offenes Thor ich eintrat; ich war auf einem Friedhof, wo unter dem Schatten hundertjähriger Bäume nur hie und da ein Grabstein aus den schmucklosen, grasbewachsenen Hügeln hervorblickte. Wer fühlt sich nicht auf einem Friedhof ergriffen? Als Kinder, weil wir fürchten, die Verstorbenen wiederkommen zu sehen; als Männer, weil wir wissen, daß die Erde Niemanden wieder herausgiebt. Meinen Kopf auf die Hand gestützt, saß ich auf einem der Hügel, und während meine Blicke den Wolken folgten, welche vor dem Vollmond hinzogen, tauchten viele Erinnerungen der Vergangenheit in mir auf, manches Bild, dessen theure Züge mein Herz nie vergessen wird, wie lange es auch noch schlagen sollte. Da weckten mich Schritte aus meinen Träumen; einige Männer kamen mit einem Sarge herein und stellten ihre traurige Last neben einem in meiner Nähe bereiteten Grabe nieder. Es waren Männer mit ernsten, andächtigen Gesichtern, und wie ich aus ihrer einfachen Kleidung und ihrem Benehmen entnahm, Methodisten. Näher tretend, nahm ich einen Greis wahr, der mit über die Brust gefalteten Händen und zum Himmel erhobenen Blicken neben dem Sarge stand, wie in ein heiliges wortloses Gebet vertieft, während seine Genossen ihn ehrfurchtsvoll umstanden. Alles schwieg; endlich begann der Alte:

»Wenn der Sommer schwindet und der Rosenstrauch seine Blüthen verliert, wer beweint ihn? Er hat geblüht. Wenn die Sonne strahlend am Horizont hervorkommt, wer vergießt darüber Thränen, daß er die Sterne nach und nach erblassen sieht? Sie haben gestrahlt. Und wenn der Vogel zur Herbstzeit einem glücklicheren Klima zufliegt, wer seufzt nach ihm? Er hat sein Nest gebaut und gesungen, seine Jungen erzogen; das war seine Bestimmung. Und Ihr, meine Freunde, was steht ihr mit so großem Schmerz um diesen Sarg? Was weint Ihr? Die hier liegt, hat ihre Bestimmung erfüllt, wie die Rose die ihrige, welche reich erblühte, wie der Stern, der da rein geleuchtet, wie der Vogel, der seine Jungen mit süßem Gesange umflattert. – Sie war ein Weib, sie hat geliebt, und Lieben ist die Bestimmung des Weibes, ist ihr hoher Beruf auf Erden.«

»Dem Manne gehört der Kampf, die That; sei das Ziel, das er sich im Vollgefühle seiner jugendlichen Kraft gesteckt, das höchste, nämlich für die Menschheit zu leben; sei es die niedrigste Selbstsucht, sein Glück hängt immer von der Außenwelt ab. Anders ist das Leben des Weibes. Betrachtet sie von den ersten Tagen ihrer Jugend an, wenn ihr Herz zum ersten Male erwacht, ihre Wangen zum ersten Male glühen, aus ihrem Blick zum ersten Male Gefühl flammt! Auch sie sucht sich ein Ziel, aber nicht Ruhm, nicht Selbstsucht – nur ein verwandtes Herz kann sie beglücken. Hoffend und suchend geht sie umher; so gleitet die Schlingpflanze auf der Erde hin und streckt überall ihre Zweige aus, überall blühend, bis sie einen Baum findet; und dann, o seht, wie sie ihre Stütze mit tausend, tausend Armen umschlingt, wie sie den Baum mit ihrem schönsten Grün umspinnt, wie sie sich aufrankt, daß ihre Blätter sich mit dem geliebten Laube vereinigen und in reichen Kränzen von den Zweigen herabhängen! Dieser Baum ist das Schicksal der Schlingpflanze; sie wird mit ihm stehen und blühen, sinken und welken, denn kein Zweig, kein Aestchen ist daran, das sie nicht fest umrankt hätte. Und wenn dieser Vergleich nicht genug all' die Anziehung und Aufopferung malt, mit welcher das Weib sich an ihre erste Liebe klammert, wenn er uns kein treues Bild von all' dem Glück gibt, das unser Herz erfüllt; wo finden wir Worte, um die Gefühle einer Mutter auszudrücken?! Als Gott unsere Erde besuchte, erschien er den Menschen nicht unter Blitzen, nicht auf dem Gipfel des Berges, von glänzenden Strahlen umgeben; er lächelte auf die Gaben der Hirten in den Armen einer Mutter, und das war der schönste, der heiligste Altar der Welt.«

»Eine Mutter! o, wer fühlte nicht die ganze Bedeutung dieses Wortes, wem stiehlt sich nicht eine Thräne in's Auge, wenn er an Diejenige denkt, die ihn seit dem ersten Augenblicke seines Lebens unaufhörlich geliebt, die zu den Freuden seiner Kindheit gelächelt und für jedes Leiden eine Thräne gefunden hat? Wessen Herz ist frei von Sehnsucht, wenn er an die glückliche Kindheit zurückdenkt, wo er vom ganzen Leben nur seine Mutter kannte, und sich die Welt so schön dachte, weil er noch nicht wußte, daß auf Erden nur Mütter lieben können? Und habt Ihr sie nicht bei ihren Kindern gesehen, wenn sie wie eine himmlische Vorsehung über sie wacht? Ihr Kind spricht noch nicht, aber sie versteht es; sie versteht es, wenn es lacht, sie weiß, warum es weint, ihre Liebe ist allwissend. Was sich auch entgegenstelle, sie berechnet nicht, sie fragt nicht, sie liebt und opfert sich auf. Was wäre ihr Leben, wenn ihr Kind nicht lebte? Seit sie Mutter geworden, kann sie für sich selbst nichts hoffen. Sie hat ein neues Leben begonnen und ihre Seele wohnt nicht mehr in ihrem eigenen Körper. Ihre Wangen erbleichen, wenn das theure Kind erkrankt; was liegt daran, wenn nur die Wangen des Kindes wieder roth sind. Sie hat tausend Thränen geweint, doch sie zählt sie nicht, ihr Kind hat ja gelächelt! Mühseligkeit hat ihre Kraft gebrochen, sie fühlt ihre letzte Stunde nahen; aber sie drückt ihr Kind liebeglühend an's Herz, denn es wird ja leben. Und wenn wir endlich aufgewachsen sind, wenn in unserer Seele hundert unaussprechliche Wünsche erwachen, hundert Hoffnungen unser Herz bestürmen, so daß uns der Lauf des Lebens zu träge erscheint; wer versteht da die tiefsten Räthsel unseres Herzen, wer hat Geduld mit unserer unerfahrenen Seligkeit, welche so viele reizende Täuschungen verschönten? Die Mutter! So wie der Gärtner, wenn der Same ein Blättchen treibt, schon in der schwachen Pflanze den riesigen Baum ahnt, so hat auch die Mutter schon in unseren Kinderspielen den Mann geahnt. Und wie freute sie sich, welche schönen Pläne machte sie, welch' eine herrliche Zukunft entwarf ihre Phantasie, und wie hob sich unser Herz bei den Prophezeiungen, die ihre Liebe sprach.«

»So steht das Weib liebend und beglückend an der Wiege des Kindes, so umarmt sie den Jüngling in den schönsten Tagen seines Lebens, so unterstützt sie den Mann, wenn seine Kraft unter den Schlägen des Lebens zu ermatten beginnt. Denn wenn Dich Alles verlassen, hat, wenn Du hoffnungslos über den Ruinen Deines schönsten Planes stehst, wenn Du keinen Platz der Ruhe auf Erden findest, verläßt sie Dich nicht; Du hast ihre Liebe vielleicht nicht verdient, Du hast sie nicht verstanden, ihre treue Anhänglichkeit vielleicht verachtet – sie verläßt Dich dennoch nicht; einem Unglücklichen wird ein Weib niemals treulos, und Du kannst ihr vertrauen. – Du hieltest sie für schwach, betrachte sie jetzt, wo Du ihrer bedarfst; was kann sie nicht entbehren, was nicht dulden und vollbringen, und trotz aller ihrer Leiden lächeln, damit Du sie nicht merkest! Sieh', wie viel Du ihr schuldest, sie ist mit Deinen Leiden größer geworden, und wenn Dich Alles verlassen hat, wird sie Dir Alles sein.«

»Liebe heißt die Bestimmung des Weibes, und wenn sie ihr selten entspricht, so ist nicht sie schuld daran. Seht die Rose, wenn der rauhe Herbstwind über sie hinfährt; was bleibt von ihr mehr als Dornen? Und doch lebt noch in den trockenen Zweigen die Kraft, die Blätter treibt, und welche nichts mehr bedarf als einen warmen Sommertag, um auf's Neue Blüthen zu treiben. Und sollen wir das Weib verdammen, wenn sie zu lieben aufhört, nachdem sie hundertmal betrogen worden, wenn sie zuletzt selbstsüchtig wird in dieser Welt des Egoismus, und zu heucheln beginnt, weil sie nicht mehr zu fühlen wagt? Die Macht, die sie einst lieben lehrte, hat in ihrem Herzen noch nicht aufgehört; gebt ihr ihren Glauben wieder, und sie wird wieder lieben; legt ihr ein Kind in die Arme, und sie wird ein Engel; umarmt sie in Liebe, und Ihr werdet fühlen, wie Euch ihr Herz entgegenpocht. Doch wer thut das? Wer hebt eine Gefallene zu sich empor? Eure Eitelkeit bedarf der reinen Opfer; was kümmert Euch die Leidende!«

»Und, o, sie leiden! Laßt es mich hier über dem Grabe eines Weibes aussprechen, hier, wo Ihr tief ergriffen um diesen Sarg stehet, sie leiden hundert und hundert Qualen, die wir nicht ahnen, nicht bemitleiden, und die doch größer sind als unsere Leiden. Denn was sind die Leiden des Mannes! Er hängt mit tausend Banden am Leben; reich an Hoffnungen, findet er, und wäre er auch unzählige Male betrogen worden, immer ein neues Ziel, dem er nachjagen kann. Das einzige Gut, die einzige Hoffnung des Weibes ist die Liebe, und wie viele giebt es, die sich darin nicht getäuscht? Wie viele giebt es, deren Jugendtraum sich verwirklicht, die sich niemals verzweiflungsvoll gefragt hätten, wozu sie gelebt? Und wenn sie vielleicht die Antwort vernommen hat, wenn sie zu ahnen begann, daß es der Zweck ihres Lebens war, einem Unwürdigen einige glückliche Augenblicke zu verschaffen; wenn sie eingesehen, daß all' diese glühenden Gefühle, all' ihre Aufopferung vergebens gewesen, daß sie nicht beglücken konnte – was tröstet sie dann? Die Freiheit, welche unser aufgeklärtes Jahrhundert den Frauen eingeräumt? Freiheit? Das heißt Verlassenheit, und diese soll sie trösten?«

»O, beneidet das Weib nicht, das von Verehrern umringt, ihr Leben in Vergnügungen verbringt. Die Freude ist ein trauriger Trost für verlorenes Glück, und ein prächtiges Kleid verdeckt die tiefe Herzenswunde nur vor den Augen der Welt. Wer weiß, wie viel sie leidet, wie wenig sie hofft; und wenn ihre Augen trocken sind, wenn Niemand sie seufzen hört, wer weiß, nach wie vielen ungekannten Schmerzen ihre Thränen versiegten, wie viele Täuschungen sie so kalt lächeln gelehrt? Denn gewiß hatte auch sie einst schöne Tage, auch sie hatte gehofft und geliebt. Beneidet sie nicht um ihren Glanz, es ist ein prächtiges Grab, in das sie ihr todtes Herz gelegt, und tausend Welten können es nicht mehr erwärmen. Beneidet und verachtet die Gefallene nicht; wer weiß, wie glühend sie gefühlt, wie viel sie erfahren, wer weiß, ob der Herr nicht auch von ihr gesagt hätte: Ihr wird viel verziehen, denn sie hat viel geliebt! Verachtet die Gefallene nicht; wenn Ihr aber eine Solche findet, die ihren Lebenspfad rein gewandelt, die Verführung nicht verdorben, Schmerz nicht zu Boden gedrückt, wenn Ihr eine Solche findet, welche alle Schmerzen des Lebens ertragen hat, in ihren schönsten Gefühlen verletzt wurde und dennoch ihrer Bestimmung entsprach, wie jene, an deren Grab wir jetzt stehen, dann freut Euch, denn ein solches Weib ist das Meisterwerk der Natur.«

»Freuet Euch daher, und weinet nicht, die Ihr die Freunde dieser Verstorbenen gewesen, ihr liebend entgegenkamt während des kurzen Jahres, das die Fremde unter uns zugebracht. Sie hat ihre Bestimmung erfüllt, sie hat genossen, was das Schönste, geduldet, was das Qualvollste auf Erden, die Liebe, und da sie ihr Tagewerk vollendet hat, ging sie zur Ruhe. Zur Ruhe, in welcher ihr einziges Kind ruht, wohin sie jeder Wunsch, jede Hoffnung ihres Herzens schon lange gerufen. Was sollte sie auf dieser Erde mehr suchen, da sie ihr Kind nicht mehr finden kann? Wozu sollte sie leben, wenn sie Niemanden hat, dem sie ihr Leben opfern könnte? Wozu hoffen, wenn sie nicht vergessen kann, daß sie eine Mutter gewesen, reich an Hoffnungen, und daß ihr Kind gestorben ist? Ein Weib kann das niemals vergessen.«

»Unermüdlich schreitet der Wanderer vorwärts auf seinen Wegen, vom Sonnenaufgang an, bis die Schatten länger werden; doch wenn die Sonne endlich untergegangen und ihre letzten, schönsten Strahlen am Horizont verglüht sind, geht auch er zur Ruhe, denn nur Verirrung, vergebliche Mühe erwarten ihn dann auf seinen Wegen. So blieb auch dieses Herz stehen, als seine letzte Hoffnung geschwunden war, und es Niemand mehr hatte, den es beglücken konnte. Die gnädige Gottheit hat uns Allen unsere Last auferlegt, und seine letzte Gabe, die unsere Voreltern als Schild mit aus dem Paradiese gebracht, ist: die Sterblichkeit

 

Der Greis schwieg; der Sarg wurde hinabgelassen, er warf eine Handvoll Erde darauf und ging. Die Uebrigen thaten dasselbe und folgten einander. Die Grube wurde zum Hügel und die Schritte der Gehenden klangen durch die schweigende Nacht.

Als ich des andern Morgens mit meinem Freunde das Dorf verließ und uns unser Weg an dem Friedhof vorüberführte, ging ich noch einmal hinein. Auf dem neuen Grabhügel stand ein einfacher Stein und darauf das einzige Wort: » Julie«.

 

Ende.

 


 << zurück