Gerrit Engelke
Drei kurze Prosatexte
Gerrit Engelke

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Tagebuchblätter aus dem Kriege

O heilige Notwendigkeit, Notwendigkeit auch dieser Schlachten neunzehnhundertvierzehn. Wir waren in Gefahr, unsern innersten Menschen zu verlieren; wir waren in Gefahr, im Materialismus zu erstarren. Feuer und Metalle waren uns nichts, gewaltige Maschinen wurden uns Spielzeuge in unseren Händen. Aber auch unsere Nerven wurden Drähte, unser Blut eine chemische Flüssigkeit, unser ganzer Körper eine exakt arbeitende Maschine und unser Herz ein wunderbar komplizierter Mechanismus in dieser. Wir waren in Gefahr, unsere Seele zu verlieren.

Wir haben kraft unserer Tüchtigkeit einen Aufschwung genommen wie kein anderes Volk; wir haben mit unseren Konstruktionen den Weltmarkt erobert. Doch was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und er nähme Schaden an seiner Seele!

Und dann kam der Krieg, der unser aller Blut zusammengoß, der uns alle zusammenwarf in Eines! Da schäumte unser Blutsaft wieder rot, feuerflüssig, und unser Herz wurde heiß in Rotglut! Wir fühlten: Wir haben wieder Seele. Und dann dieses: daß Einer für den Andern steht; dies Eine, Größte: Einigkeit! Und Einigkeit ist Liebe. Liebe aber ist beides: Leben und Seele!

Wir verloren die Welt und die Seele. Aber in diesem segnenden Kampf wollen wir wiedergewinnen die Welt und ganz unsere Seele! Schicksal, heilige Notwendigkeit, Dank!

24.12.14
Das breite Volk ohne Führer ist ein Körper ohne Kopf. Instinktmäßig fühlt das Volk dies und klammert sich daher an überlegene Hirne. Gut ist es, wenn das Volk den weisen Führern und nicht den Verführern folgt. Die ganz Großen aber ragen zu hoch aus der Erdsphäre in den Sonnenäther, als daß das Volk sie ungeblendet und beizeiten erkennen könnte. Es folgt ihnen immer zu spät. Nur durch die eingeborene gesunde Stärke des Wachstums und der Lebendigkeit wird dieser Mangel bis zu einem gewissen Grade nicht als solcher und notwendiger fühlbar. Immer schweben die Großen ein Jahrhundert oder ein halbes im Ungreifbaren der Zukunft, ehe das Volk sie erreicht und erkennt. Wohl dem Volke, wenn es ihnen dann folgt, so gut es kann.

16.7.15
Alles in der Welt erhält sich aus Gegensätzlichkeit. Wir Deutschen haben für alle Zukunft die unbedingte Aufgabe, gegen den Materialismus der übrigen Völker unsere universale Geistigkeit in die Waagschale zu werfen und so das kulturelle Gleichgewicht des höchsten Lebens zu wahren.

3.10.15
Nach diesen vielen Monaten des Feldlebens empfindet der Dichter im Heere den Krieg nicht mehr als Ausnahmezustand, sondern als den gewöhnlichen. Durch die fortwährende Häufung und Folge von militärtechnischen, strategischen, politischen, kulturellen, ethisch-moralischen Reizen stärkster und gröbster Art ist das Gefühlsthermometer beharrend, unempfindsamer (unsentimentaler!) geworden. Die Gefühlsüberstürzungen, die den gesteigerten Ausdruck der Poetik hervorrufen, bleiben aus.

Die dichterische Zusammenfassung wird dann erst wieder eintreten, wenn nach der Heimkehr in die Gleichgewichtsruhe des Friedensrückwirkend der Krieg durch tiefst gefühlte Reflexion wieder als das furchtbar Außergewöhnliche hinterherfällt.

4.11.15
Die Gestalter, von denen wir die wirkliche Zukunft deutscher Kunst erhoffen, die Gestalter, über die wir uns, in ungeduldiger Verkennung der Gegebenheiten, wundern, daß sie nicht gerade jetzt (in diesen größten menschlichen und staatlichen Augenblicken) mit mächtig redenden Dingen auf den öffentlichen Platz treten – die werden erst mit dem Stoff (dem durch die Kriegsumwälzungen werden Neustoff des Lebens) geboren. Ihre Jugend heißt: dieser Krieg.

10.11.15
Im großen und ganzen: das Volk bleibt, was es ist. Auch in diesem Kriege. Doch das Große ist: daß es in den entscheidenden Momenten, zu Hause in der Beschränkung vor dem Feinde im Angriff und im selbstverständlichen Ertragen der Strapazen eine Weile riesig über sich selbst hinauswächst!

Möge die Erinnerung daran ihm immer in den Fußsohlen bleiben.

13.11.15
Noch niemals haben sich die Männer des ganzen deutschen Volkes so untereinander erkennen lernen können wie jetzt während des Krieges draußen im Felde, alle in derselben Uniform. Und für die Kulturpolitiker, für die schöpferischen Gestalter und Seelenforscher, die auch Soldaten unter ihnen sind, gilt dies im höchsten und wichtigsten Sinne.

15.11.15
Unsere größte menschliche Aufgabe nach dem Kriege wird heißen: Vergib deinem Feinde, der doch von der Schöpfung des Menschen her dein Nächster auf Erden ist. Hat der Weltkrieg nicht uns alle so groß und furchtbar getroffen, daß es uns aus gegenseitiger Schmerzerkenntnis menschlich leicht sein müßte, zu neuem Verstehen die Hände zu reichen?

2.1.16
Mit unserem jetzt kriegsmäßig uniformierten äußern hat sich auch unser innerer Mensch (und wahrscheinlich nicht nur vorübergehend) unter der Gewaltsamkeit der Zeitereignisse verändert. Unter anderem hat auch unser Urteil in Dingen der Kunst, durch die Einwirkung des äußersten Kampfes um Sein oder Nichtsein, eine Reinigung, eine Höhung im Anspruch, eine richterliche Schärfung erfahren. Nicht mehr wie früher duldet der kritische Geist in objektivster, scheidungsfreier Gastfreundschaft alles mögliche künstliche Geschwätz und Gebild in der Kunst, das sich fälschlich als solche ausgab. Es steht jetzt nur die eine prüfende Frage den Werken der Künste gegenüber: Ja – oder nein, Notwendigkeit oder Überflüssigkeit, und danach Liebgewinnung oder Abstoßung. So wird, weil es Phrase oder Spielerei, das Kleine kleiner, das Große aber größer wirken; denn wie sie das Kleine als nichtssagend unbeachtet läßt, verlangt nur nach diesem die Sehnsucht (gerade in diesen und durch diese kampfgroßen Zeiten des stürmenden Todes wachgerufen und gefördert – nicht betäubt) – als nach einem unwandelbar beruhenden Trost und Ausgleich und lenkenden Ziel zur inneren Selbstbesinnung auf das Ideelle, das uns unsern Krieg menschlich gestalten und ertragen helfen soll.

19.1.16
Weil auch die ergreifendste Dichtung immer begrifflicher, tatsächlicher, mehr oder weniger vom Verstande mit zu erfassen ist, kann sie nie so leicht und unmittelbar die tiefste Rührung, die Führung bis zu Tränen auslösen wie die, aus dem dunkelsten, unbewußten Gefühl des Schöpfers (Mittlers) heraufströmende und wieder zum Gefühl des Hörers geheimnisvoll dringende Musik. –

Die Musik trifft ohne besondere Umstände sofort unser heiligstes Wesen – unser Gefühlszentrum und ruft daher bei den Empfänglichen die umfassendste innre, in gewissem Sinne religiöse Bewegtheit hervor.

15.2.16
Um wie viel mehr bestimmt doch das Weib die Lebensabschnitte, das fortlaufende Dasein des Mannes. Die (scheinbar unterwürfige, untergeordnete) Hingabe, Anschmiegsamkeit, Akklimatisation des Weibes dem aus sich selbst schöpferischen Manne gegenüber sind doch nur physisch bedingt (denn das Weib ist der Leib!): Eigenschaften, Stadien. Des Mannes Leben aber ist der Weg von Schoß zu Schoß. Vom rätselvollsten, heiligsten Schoß der Mutter zu dem Schoß des Weibes, das alle seine Fülle, Sehnsucht, treibende Kraft und erkennenden Geist geeignet unter der höchsten Lebensform Liebe empfängt – des Weibes, das wieder Mutter, ihm Mutter seiner Kinder werden soll, in denen er sich als in einem Ideal fortzuleben wünscht, denn sie sollen (in neuem Körper, Fleisch von seinem Fleisch) seinen höchsten Wert erreichen und darstellen.

27.2.16
Der Deutsche ist der Universalmensch. Sein Leben heißt: Kampf und Arbeit und Verschmelzung idealen, naturalistischen, apollinischen und dionysischen Geistes. In beiden erreicht er größte Wirkungen. Wird es ihm gelingen (nachdem er den Höhepunkt seiner staatlichen und geistigen Entwicklung überschritten), in einem letzten großen Klange seine und seiner Wirkung Einheit, nämlich: vollkommene Mischung konkreten und abstrakten Geistes, die gleicherweise national wie weltlich ist, zu erreichen?

9.3.17
Das Lächeln aber ist göttlich. Kaninchen, Hund, Katze, Pferd: die Tiere können nur auf unbeholfene und unvollkommene Art ein Wohlbefinden ausdrücken. Uns aber, den Menschen ist es gegeben, gleich dem großen Urvater, der sich unser erfreut, froh zu erstaunen über ihn, uns selbst und die Welt mit glücklich geprägtem Gesicht. Wie das Lachen aus dem Übermut oder der Dummheit des Fleisches ersteht, so das Lächeln allein aus der Feinheit und Einfalt des Herzens – und es ist deshalb so menschlich wie göttlich und schönster Ausdruck des dem Menschen verliehenen Adels.

21.2.18
Eine Dichtung habe nicht nur redende Stimme, Gedanken, Idee – sondern auch tragenden Körper, Fleisch und Bein, wodurch jenes erst in plastische Wirksamkeit gesetzt wird. Je restloser sich beides durchdringt, um so vollkommener ist die Dichtung als Kunstwerk an sich. Erst nach dem Erfüllen dieser Grundbedingung kommt der innewohnende Gehalt, Größe und Eigentümlichkeit der Idee oder zusammenfassenden Anschauung zur Bedeutung.
Das Geheimnis dichterischen Schaffens besteht in dem, daß der Dichter vermöge seiner Einfühlungsfähigkeit mehr unbewußt denn absichtlich denselben Grad der rhythmischen Schwingungen erreicht, den die dargestellten Dinge, also etwas eine Lokomotive, ein Baum, ein menschliches Herz innehaben. So könnte es denn bei vollkommener Übereinstimmung nicht möglich sein, daß um die Dinge geredet wird, sondern daß sie aus sich selbst nach ihren eigenen Gesetzen gestaltet werden.
Was dem gewöhnlichen Menschen hinter der auseinanderstrebenden Vielgestaltigkeit des Seienden verborgen, in Wahrheit aber da ist, von Anfang zu Anfang – bewirkt sich in jedem neuen Dichter immer wieder neu: Die Einheit aus der Zusammenfassung der Dinge.
Soll der lebende und erlebende Dichter mensch welthingegeben der vollkommene Idealist sein, so ist doch der Künstler und Könner in ihm der reine Egoist, der alles, was er brauchen kann, in sich saugt und dem dies Brauchbare, ob er will oder nicht, unter der Hand zu Form und Gebild wird.
Je stärker in dem einzelnen die Lust und der Wille zum Leben herrschen, je mehr, je liebevoller zieht ihn die Welt an sich, hält und erhält ihn; je schwächer der Lebensimpuls im einzelnen ist, je wertloser ist er der Erde, je gleichgültiger läßt die Erde ihn aus seiner Bahn fallen in das Nichts.
Wirklich gut, stark und gerecht wird dieser unser Krieg nur vom besten Teil des Volkes geführt; von dem Teil, der zu Friedenszeiten die kulturelle Höhe unseres Volkes bedeutet. Das übrige Volk bleibt, wie es ist; nur werden einige, die an den Grenzen schwankten, durch die Begeisterung mit hinübergerissen in die gemeinsame Einordnung unter ein höchstes Ziel. Aber das hoffen und glauben wir doch, daß jeder wenigstens einen Augenblick über sich selbst hinauswuchs!
Auch die größten, politische Gebilde umstürzenden und erneuernden Kriege, mögen sie auch für die teilhabenden Menschen noch so grausig, ergreifend und heroisch bewegend sein, können keine Veränderung oder Beeinflussung der Kunst bewirken. Dem unerschüttert zentralen Quell- und Triebgeist alle Denk- und Bildkunst ist der Krieg nicht mehr und nicht weniger Stoff wie jedes Ereignis der Natur, des einzelnen oder der Tausenden von Menschen; sei es nun Weltuntergang, Frühlingsblühen, Sturzflut, Mondaufgang oder Mord, Liebesnacht, Hungersnot, Kuß, Revolution und umwälzende Erfindung im Technischen. Alles dies zieht der Kunst-, Vater- und Muttergeist mit stets gleichem heißem Bemühen und regsamer beherrschender und ordnender Würde an sich und in sich. So kann es sein, daß die durch den vermittelnden dichter besungene Liebe zweier Menschen (die eigentlich nur diese selbst angeht) den späteren Geschlechtern wertvoller und herzerfassender ist als eine noch so große Historie vom Bruderkriege, vom Weltkriege europäischer Völker.

Ist es eins, was der Kunstgeist bevorzugt, leidenschaftlich vor allem andern zu halten sucht, so ist es allein nur, gebunden im Stoff oder frei schwebend in eigener Glorie – das Göttliche.
Hast du schon Tote betrachtet? Nicht die, die friedlich und sauber in den Betten den "zivilen" Tod gestorben sind, sondern die von Stahlsplittern getroffenen, zerfetzten Leiber der jüngeren und älteren Männer, die in dem Schützengraben der Verteidigung den barbarischsten Märtyrertod erlitten; den Tod, vor allem der Worte vom "Heldentum" wie eine theatralische Phrase verblassen. Ich meine auch nicht jene ersten Male, da du erschüttert und aufgewühlt die toten Körper deiner Kameraden, der jungen Männer, die aus dem Tor ihres aufgehenden Lebens, aus bräutlichen oder Kindesarmen gerissen, mit flüchtigem Blicke streiftest, ängstlich und schnell vorbeigehend, denn du fürchtetest dich vor diesem Grausigen (und waren doch nicht mehr nicht weniger Menschen gewesen als du, waren doch nur, was auch du sein wirst). Nein, wenn du dich einigemal gezwungen hast, bei ihnen stehn zu bleiben, ihnen gegenüber Verstörtheit verloren, und Festigkeit, so von einem in sich selbst gleichgewichtigen Charakter kommt, gewonnen hast, mit ruhigem, gleichsam vertraulichem Gefühl sie betrachtest – dann wirst du dastehen und erkennen, daß in diesem wächsernen Gesicht, in diesen steifen Fingergliedern, die die in Todeskrampf herausgerissenen Grasbüschel noch umklammern, daß in diesem grün und lila verfärbten und mit schwarzroten trockenen Blutkrusten überrieselten Brustkorb, daß in diesem ganzen Leibe die Seele alles war. Die Seele, die das Leben mit sich nahm.

Sinnend wirst du dastehn und nach einer Weile ernst und verwundert lächeln über dies erstarrte, farbmüde und schmutzige Fleisch, über diese große, grotesk verrenkte Puppe, über diese hölzern steife Marionette (darin auch das herz nur ein toter fauler Klumpen ist), die einst ein so glänzend konstruierter und tausendfältig funktionierender Organismus war, der Mensch hieß.


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