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An Hodscha Naßreddin.

Volksnarr – so nennt dich Sage und Geschichte
Auch Timurs Hofnarr warst du, kann man lesen,
Saß aber über dich je zu Gerichte
Das Volk, bist du sein Liebling stets gewesen!

Erzählt die Freudennacht, was du getrieben,
Lacht alles sich das Herz, die Backen voll,
Da ist wohl niemals einer ernst geblieben
Und nannte deine Streiche dumm und toll!

Ich aber frage, wenn voll Glanz und Blühen
Sich langsam Blatt um Blatt im Buche wendet:
Wer wagt es kühn, den dicken Strich zu ziehen,
Wo Weisheit anfängt und die Dummheit endet?!

Hodscha Naßreddin, der türkische Eulenspiegel, wurde um das Jahr 1360 n. Chr. zu Akschehir in Kleinasien geboren. Er führt den Titel Hodscha (Priester), weil er dieses Amt längere Zeit verwaltete. Naßreddin heißt in der wörtlichen Übertragung: Stütze des Glaubens.

*

 

Der Stoff der Predigt.

Zur Zeit, als der Hodscha Prediger war,
Rief herbei er einmal der Gläubigen Schar,
Um sich seiner Pflicht zu entledigen
Und Gottes Wort zu predigen.
Er sprach: »Ist euch der Gegenstand,
Von dem ich sprechen will, bekannt?« –
Die Muselmanen riefen: »Nein!« –
Da sprach er: »Dann lassen wir es sein!
Denn ist euch die Sache nicht bekannt,
Ist die Mühe vergeblich aufgewandt!« –

Als er wieder einmal die Kanzel betrat,
Da sprach er zu den Bewohnern der Stadt:
»Ihr Muselmanen, schweiget still!
Und wißt ihr, was ich euch sagen will?« –
»Wir wissen es!« riefen sie diesesmal,
Worauf sich der Hodscha wieder empfahl
Mit den Worten: »Wenn ihr es schon wißt,
Die Predigt verlorene Mühe ist!« –

Aus der Menge schlug nun einer vor:
»Steigt der Hodscha wieder zur Kanzel empor,
»Wir wissen es!« die Hälfte spricht;
Die andern dagegen: »Wir wissen es nicht!«
Als der Hodscha nun wieder die Kanzel betrat
Und sprach zu den Gläubigen der Stadt:
»Ihr lieben Brüder, schweiget still!
Und wißt ihr, was ich euch fragen will?« –
»Die Hälfte weiß es!« die Menge spricht,
»Die anderen aber wissen es nicht!« –
Da sagte der Hodscha mit frohem Mut:
»Ihr lieben Freunde, dann ist es gut!
Und es mögen – was brauche ich mich erst plagen –
Die es schon wissen, den anderen sagen!« –

*

 

Die beiden Töchter des Hodschas.

Der Hodscha nannte zwei Töchter sein
Und sie fanden sich einst auf Besuch bei ihm ein.
Sie trugen nicht reichlich Schmuck und Zier
Und er fragte sie: »Wovon lebet ihr?« –

Da sagte die eine: »Mein Mann ist Bauer,
Die Arbeit ist manchmal zwar schwer und sauer,
Doch wenn der Herr uns Regen spendet
Und seine Gnade nicht von uns wendet,
Dann wird soviel verdienen mein Mann,
Daß er mich ehrlich kleiden kann!« –

»Mein Mann ist Hafner,« die andere spricht,
»Zuhause stehen die Töpfe dicht.
Wenn der Herr von ihnen den Regen wendet
Und so uns seinen Segen spendet,
Dann wird soviel verdienen mein Mann,
Daß er mich ehrlich kleiden kann!« –

»Nach dem, was ich jetzt von euch vernommen,
Wird eine ja zu Kleidern kommen!«
Bedächtig der Hodscha dann weiterspricht:
»Doch welche weiß ich wirklich nicht!« –

*

 

Die gestorbene Pfanne.

Der Hodscha kam einst in des Nachbars Haus
Und lieh sich eine Pfanne aus.
Einen Hammel hatte er abgestochen
Und wollte sein Abendessen kochen.
Er briet sich nun ein saftiges Stück,
Dann trug er die Pfanne zum Nachbar zurück
Und brachte zugleich mit eiligem Schritt
Ein winzigkleines Pfännchen mit.
Der Nachbar, der ihn freundlich empfing,
sprach erstaunt: »Was soll das kleine Ding?« –
Da sagte der Schelm mit flinker Zunge:
»Die Pfanne war schwanger und das ist das Junge!«
Der Nachbar dachte, das ist nicht schlecht,
Und sprach dann lächelnd: »Es ist schon recht!« –

Der Hodscha kam wieder in Nachbars Haus
Und lieh sich die Pfanne aufs Neue aus.
Und als er sie nach etlichen Tagen
Dem Nachbar noch nicht zurückgetragen,
Trat dieser in Hodschas Kämmerlein
Und forderte seine Pfanne ein. –
»Wohl gehe es allem, was du erworben,
Doch deine Pfanne, Freund, ist gestorben!« –
»Im Laufe der Zeit muß ja alles verderben,
Doch wie kann eine Pfanne sterben?!« –
»Gewiß!« sprach der Schalk, »doch staune ich,
Daß du überrascht bist so sonderlich!
Da hast du viel ruhiger hingenommen,
Daß sie ein Junges hat bekommen!« –

*

 

Der Zankapfel.

Der Hodscha schlief den Schlaf des Gerechten,
Als zwei sich vor seiner Tür erfrechten,
Zu streiten in tiefer stiller Nacht;
Da ist der Hodscha aufgewacht.
»Weib!« rief er, »steh auf und mache Licht!
Ich will sehen, worauf die beiden erpicht!« –
Die Frau sprach schläfrig: »Ach, lasse es sein!« –
Doch er wickelte sich in die Decke ein
Und trat in die kalte Nacht vor das Haus.
Mit einemmale war aus der Strauß,
Denn einer entriß ihm die Decke geschwind
Und verschwand damit so schnell wie der Wind.

Der Hodscha kam zähneklappernd herein
Und legte sich wieder ins Bett hinein.
Es fragte die Frau: »Worum ging der Streit?« –
Da sagte bestimmt er zu ihr: »Soweit
Ich die Sache überblicken kann,
War meine Decke Schuld daran.
Denn als sie kam in ihre Hände,
Da war auch schon der Streit zu Ende.« –

*

 

Wie Gott teilt.

Drei Männer fanden ein Säckchen mit Nüssen
Und wollten teilen. Sie sprachen: »Wir müssen
Zum Hodscha gehen in aller Eile,
Daß er sie nach Gottes Weise teile.« –
Der Hodscha ging auf die Sache ein,
Griff bedächtig in das Säckchen hinein,
Gab dem ersten zwei Früchte, der trug wohl nicht schwer
Dem zweiten dann um etliche mehr
Und schließlich bot er dem dritten dar,
Was alles noch im Säckchen war.

Da riefen die ersten zwei voll Wut:
»Ach, Hodscha, die Teilung war nicht gut!« –
Der aber sprach mit leisem Spott:
»Ihr Dummköpfe, seht, so teilet Gott!
Doch hättet ihr verlangt, die Speise
Zu teilen nach der Menschen Weise,
Dann hätte ich nicht lange gedacht
Und gleiche Teile daraus gemacht!« –

*

 

Der Sohn des Hodschas.

Mit seinem Sohn ging der Hodscha einmal
Spazieren durchs blumengeschmückte Tal.
Sie verfolgten der Vöglein eiligen Flug
Und begegneten einem Leichenzug.

Des Verstorbenen Frau schritt hinter der Bahre
Und raufte sich jammernd und klagend die Haare:
»Noch heute hast du gegessen, getrunken,
Dann bist du zufrieden aufs Lager gesunken
Und hast dich geschlagen in die Decke,
Daß nichts aus dem wohligen Schlaf dich wecke!
Nun bringt man dich an jenen Ort,
Wo dich tröstet kein liebes, kein freundliches Wort,
Wo du nichts zu essen, zu trinken hast,
Wo kein Bett dich ladet zu Ruhe und Rast,
Keine Decke, ja nicht einmal eine Matte
Dich wärmt, o du armer, armer Gatte!« –

Da fragt der Sohn den Vater aus:
»Bringt man den Toten in unser Haus?« –

*

 

Der Turban als Riemen.

Der Ochse des Hodschas zog sanft und klug
Mit langsamem Schritt übers Feld den Pflug.
Da riß ein Riemen. Der Hodscha wand
Von seinem Haupte den Turban und band
Ihn an Stelle des Riemens an Tier und Gerät.
Und während er nach dem Stachel späht,
Will das Tier ausweichen der Schlägerei –
Zieht an – – und schon ist der Turban entzwei.
Der Ochse dreht sich langsam und dumm
Nach dem zerrissenen Turban um.

Da schreit der Hodscha: »Dummes Vieh!
So etwas sah ich wirklich noch nie!
Das zieht an dem Turban, was es nur kann,
Und so stark wie an einem Riemen an!« –

*

 

Der unbekannte Prediger.

Andächtig betrat der Hodscha einmal
Die Moschee im leuchtenden Morgenstrahl.
Und wie er hinter die Türe blitzt,
Da sieht er, daß ein Hund dort sitzt.
Der Hodscha schwingt seinen Stock wie toll
Und prügelt dem Hund den Buckel voll.
Da flüchtet das Tier in wildem Lauf
Geraden Weges zur Kanzel hinauf.

Der Hodscha ruft nun hinauf zu dem Tier:
»Bitte tausendmal, verzeihen Sie mir!
Ich kenne noch nicht – ich kann es beschwören –
Alle Prediger, die hieher gehören!« –

*

 

Die großen Fische.

Die Mutter des Hodschas kochte Fische.
Er kam, da versteckte sie unterm Tische
Die großen und deckte die kleinen auf.
Der Hodscha hielt einen zum Ohre hinauf
Und horchte. Da rief mit zornigem Blicke
Die Mutter: »Was treibst du für dumme Stücke?« –

Der Hodscha sagte lächelnd: »Ei,
Was für ein Fisch das gewesen sei,
Der den Jonas verschluckt, habe ich gefragt.
›Das weiß ich nicht!‹ hat er darauf gesagt.
›Ich bin ja zu klein für solche Bissen;
Unterm Tische die großen, die werden es wissen!‹« –

*

 

Der Zigeuner.

Der Hodscha ging sinnend an einem Bach,
Da lief ihm ein Zigeuner nach
Und bat recht flehend um eine Gabe.
Der Hodscha hörte nicht hin, denn der Knabe
War ihm wie jeder Zigeuner verhaßt.
Und als er müde sich zur Rast
Auf einem Steine niedergelassen,
Da war schon wieder mit Grimassen
Der braune Faulpelz bettelnd bei ihm. –
»Nein!« sagte der Hodscha mit wildem Grimm. –
Da schrie der Zigeuner: »Schenk' mir was, Mann!
Sonst tue ich, was ich noch nie getan!« –

Einen Para warf ihm der Hodscha hin
Und sprach dann: »Zu erfahren nun bin
Ich begierig, was du zu tun gedacht,
Hätte ich dir nicht das Geschenk gemacht?!« –

Der Zigeuner hob rasch die Münze auf,
Dann sah er schwörend zum Himmel hinauf:
»Ich hätte gearbeitet, Muselmann,
Und das habe ich noch nie getan!« –

*

 

Der Hahnenschrei.

Es war kaum Mitternacht vorbei,
Da weckte ein lautes Hahnengeschrei
Des Hodschas Nachbarn aus dem Traum.
Der Hodscha stand auf dem Mandelbaum,
Die Hände wie Flügel schlagend, und schrie
In die schwarze Nacht sein »Kikeriki!« –

»Was soll das bedeuten?« fragte man ihn. –
»Ich habe wie der Hahn geschrien,
Daß früher erwacht des Morgens Schein,
Denn viel Arbeit harret heute mein!« –

*

 

Der Hodscha und der Dieb

Es träumte die Welt im Mondenschein,
Da schlich sich ein Dieb in die Kammer hinein.
Die Frau weckte zitternd den Hodscha auf,
Doch dieser sagte ruhig darauf:
»Vielleicht läßt Gott etwas finden dem Mann,
Was ich ihm dann wegnehmen kann.« –

*

 

Der Erdhaufen.

Es besserte einmal sein Haus
Der Hodscha mit Steinen und Erde aus.
Und als er die Arbeit fertig sah,
Da lag noch ein Haufen Erde da.
Es fragten ihn die Nachbarn nun:
»Was wirst du mit der Erde tun?« –

Sprach der Hodscha mit überlegenem Lachen:
»Ich werde eine Grube machen,
Da werfe ich die Erde hinein,
So wird sie auf immer verschwunden sein'« –
»Und was wirst du dann« – so fragten sie nun –
»Mit der Erde aus dieser Grube tun?« –
Leichtfertigen Tones der Hodscha spricht:
»An so ferne Zukunft denke ich nicht!« –

*

 

Der Bettler

An des Hodschas Türe klopfte es laut,
Er war darüber nicht sehr erbaut.
»Was willst du?« rief er vom Fenster hinunter;
Der andere sagte: »Komm herunter!« –
Und als der Hodscha unten stand,
Hielt ein Bettler flehend auf seine Hand:
»Ich bitte dich, mir ein Almosen zu geben,
Gott schenke dafür dir ein langes Leben!« –

Der Hodscha sagte freundlich darauf:
»Mein lieber Bruder, komm mit hinauf!« –
Und als sie oben sind im Gezelt,
Da sagt der Hodscha: »Ich habe kein Geld!« –
»Warum, Effendi, um alles im Leben,
Hast du den Bescheid mir nicht unten gegeben?!« –
»Bei den Heiligen aus allen Landen,
Warum bist du vorhin darauf bestanden,«
Versetzt der Hodscha erwartungsvoll,
»Daß ich durchaus hinunter kommen soll?!« –

*

 

Der Hodscha und sein Esel.

Zum Hodscha kam einer mit großen Sorgen
Und bat, er möge den Esel ihm borgen.
Der Hodscha sprach: »Er ist nicht zuhaus!« –
Als der andere trat zur Tür hinaus,
Da lauschte er plötzlich bekanntem Schalle:
Der Esel brüllte laut im Stalle! –

»Effendi!« sprach zu dem Hodscha der Mann,
»Effendi, warum hast du das getan?!
Du sagst, der Esel sei nicht zuhause,
Einstweilen brüllt er in seiner Klause!« –

Da schrie ihn der Hodscha verärgert an:
»Bist du ein sonderbarer Mann!
Du glaubst dem Esel, grau behaart,
Mehr als einem Mann mit weißem Bart!« –

*

 

Die Teilung.

Mit zwei Freunden kam der Hodscha zurück.
Sie hatten am Markte mit großem Glück
Einen Hammel und zwei Schafe gekauft,
Um den Preis mit den Händlern sich tüchtig gerauft.
Und als sie zuhause mit dem Vieh,
Sprach der eine Freund: »Wie teilen wir sie?« –

Da hat der Hodscha nachgedacht
Und ihnen dann den Vorschlag gemacht:
» Ein Schaf teilt ihr zwei euch brüderlich,
Das andere kommt auf den Hammel und mich!« –

*

 

Der gerettete Mond.

Als der Hodscha einst Wasser vom Brunnen holte,
Lag der Mond darinnen mit seinem Golde.
Der Hodscha eilte auf Windessohlen,
Zur Rettung das nötige Werkzeug zu holen.

Ein Haken an einem langen Seile
Glitt in die Tiefe mit rasender Eile.
Der Hodscha zog nun mit Kraft und Bangen,
Da blieb der Haken irgendwo hangen,
Es riß das Seil, er fiel auf den Rücken –
Doch sah er am Himmel mit Entzücken
Den Mond gerettet aus großer Gefahr – –
Wie glücklich da der Hodscha war!

*

 

Was der Hodscha seiner Frau wünscht.

Den Hodscha fragte ein Freund einst schlau:
»Was wünschest du eigentlich deiner Frau?« –
Der Hodscha sprach: »Da viel ich ihr danke,
So wünsche ich, daß ich statt ihrer erkranke,
Wenn Gott es will, daß sie krank werden soll.
Doch ist das Maß meines Lebens einst voll,
Dann wende Gott das Los, das herbe,
Und gebe, daß sie statt meiner sterbe!« –

*

 

Der Prophet.

Ein Narr gab für einen Propheten sich aus. –
Man brachte ihn in des Sultans Haus,
Dort wurde er dann streng und hart
Verhört in des Kadis Gegenwart.
Zum Schlusse der Sultan verdrossen sprach:
»Seine Anmaßung ist eine wahre Schmach!
Was soll ihm, Kadi, für solches Vergehen
Nach Gottes gerechtem Worte geschehen?« –
»Wenn er die Sache so weiter treibt
Und fest bei seiner Behauptung bleibt
Und Prophet sich nennt mit frechen Geberden,
Dann muß er zum Tode verurteilt werden!« –

Zum Angeklagten der Sultan nun sprach:
»Ich rate dir, gib im Prahlen nach!
Bleibst du aber bei deiner Behauptung stehen,
Dann lasse uns ein Wunder sehen!« –

Der Angeklagte rief zum Vesier:
»Einen scharfen Säbel bringe man mir!« –
Der Sultan fragte: »Was willst du damit?« –
»Den Kopf des Kadis mit scharfem Schnitt
Dir legen an des Thrones Stufen
Und ihn dann wieder ins Leben rufen!« –

Da schrie der Kadi schreckensbleich,
Bevor noch der Säbel sich hob zum Streich:
»Halte ein, mein lieber Freund! Ich bekehre
Als erster mich zu deiner Lehre,
Nimm mich auf in ihrer Stifter Zahl,
Mich hat erleuchtet Allahs Strahl!« –

*

 

Der Kadi und seine Magd

Der Kadi von Hodschas tapferem Stamm
Fand die Frauen so süß und so wonnesam,
Daß man ihn zum Schlusse im ganzen Lande
Nur mehr den Frauennarren nannte.
Zu ihm sprach der Hodscha einst feierlich:
»Effendi es ist eine Schande für dich!
Wie kann man mit solchen Fähigkeiten,
So blindlings ins Verderben schreiten?!
Nimm endlich einmal Vernunft doch an!
Ein Kadi sei doch ein weiser Mann!« –

Die Worte trafen den Richter so tief,
Daß er voll Überzeugung rief:
»Mein lieber Hodscha, ich will dir versprechen,
Von heute ab mit den Frauen zu brechen!« –
Naßreddin war damit zufrieden
Und in heiliger Eintracht die beiden schieden. –

Nun hatte der Richter eine Magd,
So schon und so kühn wie die Göttin der Jagd.
Als beobachtet sie schon längere Zeit
Des Kadis Niedergeschlagenheit,
Da trat sie vor ihn eines Tages hin
Und: »Was drückt dich, Herr?« so fragte sie ihn.
Der Kadi gestand ihr traurig ein,
Was auf dem Herzen ihm lag wie ein Stein.
Sie bat sich die Erlaubnis aus,
Den Hodscha aufzusuchen zuhaus.
Der Kadi bleibe noch etwas hier
Und folge dann zum Hodscha ihr.

Sie kam zum Hodscha und setzte sich nieder,
Mit Kennerblick maß er die Schönheit der Glieder
Und rückte näher an sie heran.
Sie wehrte ab den lüsternen Mann
Und suchte einen andern Platz,
Doch verfolgte er sie wie die Spätzin der Spatz.
So ging die Sache hin und her,
Bis sie rief: »Ich erfülle dein Begehr,
Doch mußt du vorher – und ist es zum Lachen –
Auch mir zu Liebe etwas machen!« –
Daß ein Mann sich schon vorher zeige erkenntlich,
Das ist doch mehr als selbstverständlich!
Er rieb sich die Hände und sagte nun:
»Mein süßes Kätzchen, was muß ich tun?« –

»Ich will zum Spaße reiten auf dir;
Du lässest dich nieder auf alle vier
Und wirst mich dann mit Tollen und Jagen
Auf deinem Rücken durchs Zimmer tragen!« –
Der Hodscha war damit einverstanden,
Mit einem Zaum schlug sie ihn in Banden,
Sie legte ihm auch einen Sattel auf
Und setzte sich schließlich jauchzend darauf.
Und als nun der Hodscha durchs Zimmer kroch,
Wie ein alter Esel in Zaum und Joch,
Da hielt er inne im raschen Lauf,
Denn plötzlich tat sich die Türe auf
Und in ihrem Rahmen – elender Gauch! –
Stand der Kadi und hielt sich lachend den Bauch.

»Aber Hodscha!« rief er mit drohendem Finger,
»Du prahlerischer Selbstbezwinger,
Mir predigst du strengste Unterlassung
Und bist nun selber in solcher Verfassung!« –
Der Hodscha sprach ruhig und gelassen:
»Ach, Kadi, du mußt das richtig erfassen,
Ich wollte verhüten mit treuem Sinn,
Daß ein Esel du wirst, wie ich einer bin!« –

Nun lachte dem Kadi noch mehr das Herz
Und er lohnte dem Gaukler reichlich den Scherz.

*

 

Gott möge eure Nahrung mehren!

Als der Hodscha noch ein Knabe war,
Kam einst ein Bettler mit weißem Haar
Und sprach: »Laßt der Armut das Herz nicht verschlossen
Und gebt mir von dem, was ihr heute genossen!« –
Zu dem, der bat um die milde Gabe,
Sprach ernsten Tones der kluge Knabe:
»Vom Abend zum Morgen hat als Futter
Mein Vater seitens meiner Mutter,
Vom Morgen zum Abend ich unverdrossen
Von Seite des Lehrers Prügel genossen!« –

Da blieb der Bettler nicht länger mehr stehen
Und sagte fromm im Weitergehen:
»Es wäre Unrecht, von euch zu begehren,
Vielmehr möge Gott eure Nahrung mehren!« –

*

 

Alle möglichen guten Sachen.

Der Hodscha brachte Fleisch nachhaus
Und fragte dann sein Frauchen aus:
»Was kann man aus dem Fleische machen?« –
Sie sprach: »Alle möglichen guten Sachen!« –
»Dann koche mir,« rief er selig aus,
»Alle möglichen guten Sachen daraus!« –

*

 

Des Hodschas widerspenstige Frau.

Des Hodschas Frau fiel ins Wasser und rief
Um Hilfe. Der Hodscha eilig lief
Flußaufwärts. Die Nachbarn schrieen: »Sie treibt
Doch wie alles flußabwärts!« – Der Hodscha bleibt
Nicht stehen, läuft fort und man hört ihn: »Nein!«
Flußaufwärts aus weiter Ferne schon schrei'n.
»Sie ist so störrig, daß sie bestimmt
Nicht abwärts sondern aufwärts schwimmt!« –

*

 

Ich bin mein Vater.

Nacht ist es und die Sterne funkeln,
Da schleicht der Hodscha sich im Dunkeln
Zur Sklavin seines Vaters hin. –
»Wer ist es?« fragt sie mit zärtlichem Sinn. –
»Pst!« macht er wie ein verliebter Kater
Und flüstert leise: »Ich bin mein Vater!« –

*

 

Die Pastete

Der Hodscha war irgendwo zu Gast
Und verschlang die Pastete mit solcher Hast,
Daß einer sagte: »Du wirst dich verderben!
Wer zuviel davon ißt, muß rettungslos sterben!« –
Einen Augenblick hielt der Hodscha ein
Und sah vor sich in das Leere hinein.
Dann sprach er flehend zu dem Mann:
»Ach, nimm dich meiner Familie an
Und sorge für ihr Wohl und Glück …« –
Dabei nahm er sich ein neues Stück.

*

 

Die Ursache des Gähnens.

Als der Hodscha einst einen Besuch gemacht,
Da saß er von Mittag bis Mitternacht
Und niemand kümmerte sich um ihn,
Weder Speise noch Trank stellte man ihm hin.
Da fing der Hodscha zu Gähnen an,
Und zwar so laut und so lange bis man
Ihn fragte: »Hodscha, woher kommt das Gähnen?« –
Der Schalk verbarg des Zornes Tränen
Und sprach: »Als Ursache schätzt man ein
Den Hunger und das Schläfrigsein!« –
Jedes Wort betonend er weiter dann spricht:
»Aber schläfrig bin ich derzeit nicht!« –

*

 


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