Hugo Ball
Der Henker von Brescia
Hugo Ball

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Zweiter Akt

Kemenate der königlichen Frauen im oberen Stockwerk des Frauenhauses. Rechts und links Türen. Ein Fenster. Der Raum ist nicht sehr tief, aber breit. Die Rückwand ist mit einem grünen Vorhang geschlossen. Stühle rechts. Eine Säule rechts ein paar Schritte von der Wand. Links ein Gebetstuhl. Blau, gelb und grün sind die Farben.

1. Szene

Judith und Adelheid mit Nähen beschäftigt.

Judith Hast du ihn heut schon gesehen?

Adelheid Den Henker? Sprich nicht so laut! Sie könnte dich hören! Ich habe ihn nicht mehr gesehen seit gestern, als er den Geißlern zusah auf der Straße.

Judith Wie breit seine Brust ist! Wie seine Fäuste schwer an den Armen hängen! Wie er die Arme einstemmt, wenn er so dasteht und auf der Straße den Geißlern zusieht!

Adelheid Vielleicht ist er höchst brutal und roh. Er lachte, als sie die gräßlichen Fratzen schnitten und als die blutigen Striemen aufglänzten in ihrem Fleisch. Glaubst du, daß er heraufkommen könnte?

Judith Das ist ihm verboten. Auch glaub ich, er tut nur so. Er hat einen guten Schlaf, ist flach und gefräßig und Weiber sind ihm wie schnurrende Katzen, die er sich zwischen den Beinen durchstreichen läßt.

Adelheid Lesbia hat mir erzählt., daß es unter den Dirnen einige gibt, die sich hinducken, wenn er die Stirne in Falten zieht, wie die Hennen sich ducken, wenn der Hahn gegen sie ankirrt.

Judith Du bist fast schamlos. Adelheid, die vergangene Nacht – ich war schon über das Bett herunter, um zu dir zu schleichen –

Adelheid Sprich leise! Bist du verrückt? Sie hört dich doch!

Judith Ich zählte an Händen und Füßen die Stunden ab und war ganz wach und träumte, ich hing mit den Knien in einem Eichbaum und hetzte mich ganz wie von Sinnen in meinen Kniekehlen hin und her. Ich war ganz wach und nackend dabei.

Adelheid Die Muhme sagt, man muß sich einen Frosch auf die Schläfen binden.

Judith Du brennst noch viel mehr als ich. Du verstellst dich nur. Erzähle mir, was du geträumt hast.

Adelheid Ist er dir auch schon im Traume erschienen?

Judith Wen meinst du?

Adelheid Du weißt schon.

Judith Ich glaube, ich fürcht ihn zu sehr!

Adelheid Roswitha hat einmal früher gesagt: wenn man Unbill leidet von seinen Gedanken, dann soll man sich so viele Röcke über den Kopf ziehen, bis man so dick wie ein Mummenschanz aussieht. Dann vergingen die tollen Gedanken, weil sie ein Seelenkleid haben.

Judith Still, jemand kommt!

Adelheid Es sind nur die Ratten.

Judith Wie sie schlupfen und pfeifen! (Von unten hört man eine übermütige Lautenmusik.) Hörst du? Musik! O wenn ich singen und springen könnte! Kennst du das Lied vom Zeisig und von den sieben jungen Schwalben, die auf der Leiter saßen und mit den roten Zünglein schnalzten? Oder vom Pfirsichbaum, der Laubhüttenfest feierte? Oder vom Buben, der seinen färbigen Narren-Vogel mit einem Dorn durch die schneeweiße Kehle stach?

Adelheid Was du für närrische Dinge aufbringst!

Judith Ach Adelheid, wenn ich der Henker wär! Das Schwert vor den Hüften, die Schellen am Schuh! Und ich könnte dich quälen und reizen und stechen!

Adelheid Laß mich los! Laß mich los! Was machst du denn da?

Judith Ich würde dich zähmen! Ich würde dich zwischen den Daumen und Zeigefinger zwicken mit meinen Nägeln. Ich würde dich schlagen, bis du auf allen Vieren gingst wie ein schön weißes Tier.

Adelheid Ich sage dir, laß mich los!

2. Szene

Der Henkersbube tritt auf.

Bube Ihr seid träge und unnütz. Ich hab euch das Linnen hier für die Kotzen gebracht und das Wollenzeug für die Pferde. Was habt ihr getan? Man wird euch vertreiben, wenn ihr euch schnäbeln wollt! Man behandelt euch glimpflich genug, daß man euch tränkt und hegt und mit Essen stopft, statt euch mit Schwung auf den Hurenhübel zu werfen!

Adelheid Wir Frauen der Königin brauchen nicht Kotzen nähen! Es ist uns verbrieft, daß wir Schonung haben und keiner uns anrühren darf!

Bube Da unten lärmen und toben sie. – Frauenzimmer, ohne Verstand und dumm wie der Teufel. – Ich sage euch, daß ich ein Aug auf euch habe! Ist das ein Streitkleid für einen Turmknecht? (wütend) Ist das ein Sack für den Bauern, der auf dem Wurfturm liegt drei Tage und Nächte in Ungeziefer und Schmutz? Wo ist die Präfektin?

Judith Sie kniet vor dem Lusamgärtlein am Treppengeländer, gestrenger Herr, und betet.

Bube Wenn die nur schöntun kann und auf den Knien rutschen! Zeigt eure Hände her! (Er hat eine Nadel und zersticht ihnen blitzschnell die Hände.) So, nun seid ihr geimpft für die Faulheit! (lacht und geht ab)

Judith (ruft ihm nach) Ferruccio!

Adelheid Lieber Ferruccio! O dieser Käfig! (stampft mit dem Fuß)

3. Szene

Margarete (kommt von rechts) Frohlocket, Kinder, der Herr hat mir einen neuen Psalm eingegeben!

Judith Ferruccio war da und hat uns die Hände zerstochen!

Adelheid Er hat alles Linnen wieder zerrissen, das wir mit Mühe zusammengenäht.

Margarete Wer ist das: Ferruccio?

Adelheid Ihr wißt doch, Königin, der Henkersbube!

Judith Ihr habt uns befohlen, Königin, mit Euch nach Rom zu fahren zur Krönung. Nun sitzen wir hier in der Dirnenstube dieser verwunschenen Stadt und werden verhöhnt und mit Skorpionen gezüchtigt

Margarete Wer tut euch etwas zu leid? Es ist uns verbrieft, daß wir Schonung haben und keiner uns anrühren darf.

Judith Der Henker, die Dirnen und alle Soldaten. Sie zerren uns hin und her am Hof und am Brunnen. Sie sagen, daß wir nur Gäste sind. Sie stoßen und höhnen uns.

Margarete Das Herz meiner Tochter Judith lügt und sie weiß es nicht. Sie beklagt sich gen die Verfolger und hat doch ein Auge geworfen auf den stattlichen Henker.

Judith Das unterstellt Ihr mir, Frau!

Margarete Ereifere dich nicht! Ich habe deine Gedanken durchschaut. Der Wolf umschleicht dich. Die Lüsternheit bellt dir aus deinen Augen.

Judith Ich kann nicht hänfenes Leibgeding nähen wie eine Linnwebersmagd!

Adelheid Wir sind noch so jung und lebenshungrig! Und hier die beständige Angst!

Margarete Lasset uns beten, meine Töchter! Vereiniget eure inständigen Bitten mit Unserem Lobgesang! Der König muß hier sein, ehe drei Tage vergehen.

Judith Ich kann nicht mehr beten! Ich mag nicht mehr beten! Ich will essen und trinken und durch die Natur hinstreifen.

Adelheid Judith, sei doch vernünftig und denk an Roswitha!

Margarete Regina sacratissima rosarti, ora pro nobis! (Judith und Adelheid beten den Refrain mit) Regina coeli, consolatrix afflictorum, ora pro nobis! Mater intemerata, mater purissima, mater castissima, exaudi nos! Sancta Maria, virgo fidelis, vas honorabile!

Judith Libera nos! (sie bricht in ein tolles Gelächter aus und springt mit vorgestoßenem Leibe tanzend umher) Da seht sie, die Heuchlerin! Seht sie, die Lügnerin! Wie sie in zahme unscheinbare Gebete flüchtet! Wie sie lügt und sich reckt! Wie sie dasteht mit aufgeblähtem Hals, auf der Tat ertappt, diese Eitelkeit, die sich Königin nennt! Ich lache auf dich! Und ich lache auf deine Gebete! Wo hast du Roswitha versteckt? Wo hast du sie hingetan? Du hast sie den Teufeln zum Fraß hingeworfen! Du läßt ihr vom Henker den Unterleib düngen und hudelst ein Dankgebet, daß du verschont bliebst! O über Königinnen und Frauenhäuser!

Margarete Roswitha hat sich geopfert, Judith, weil es sie drängte dazu. Sie hat sich erboten für mich. Ich hab's ihr nicht abgefordert!

Judith Du hast ihm Roswitha entkleidet und ihm ins Bett geworfen! Dem Henker, dem Scheusal! Du hast sie getrieben, bis sie sich selbst ein Verdienst daraus machte!

Margarete Was weißt du davon! Es war keine Zeit. Wir waren verfolgt. Wir haben die Kleider gewechselt. Roswitha hat sie mir selbst aus der Hand gerissen! Da sprangen sie schon von den Pferden.

Judith Du hast sie dir gerne entreißen lassen! Das kam dir zu paß! Das hat nicht viel Überredung gebraucht! O Nichtswürdigkeit! Doch wartet nur ab! Sie wird Euch zur Rechenschaft ziehen. Sie wird schon kommen und Euch verderben!

Adelheid Judith! Du sprichst zu der Königin! Morgen schon werden wir frei sein! Und auch Roswitha wird frei sein!

Judith (immer gesteigert) Wartet nur ab, bis das Ungetüm Henker sie erst in den Händen hat und ihr den Leib auskeltert! Bis er sie erst an den Haaren schleift und ihr den zärtlichen Leib aufschlitzt!

Margarete Judith! Judith! Bist du besessen!

Judith (zusammenfallend, weinend) O Königin!

4. Szene

Roswitha (kommt von links) Weshalb hat Judith geweint?

Margarete Was kommst du? Was bringst du? Ist nicht Unfriede genug?

Roswitha Ich komme, weil mich mein Herz treibt. Ich habe euch nicht belästigt, seit wir uns trennten. Warum bist du rauh zu mir? Womit verschulde ich das?

Margarete Du kommst nicht, weil dich dein Herz treibt. Du kommst mit gereizten Gedanken. Ich sehe an Judiths Augen, daß du mit Absicht und Vorsatz kommst.

Roswitha Sieh her, Judith, lächle ich nicht? Warum kommst du nicht her zu mir? Bin ich ein Geist?

Judith Ich fürchte mich vor dir, Roswitha.

Roswitha Wie seh ich denn aus, liebe Judith, daß man sich fürchten muß? Habe ich Kot an mir oder Schleim? Bin ich beschmutzt und häßlich geworden? Was ist denn geschehn? Komm doch her zu mir!

Judith Dein Mund ist anders. Deine Wangen anders. Deine Augen sind klein und aufgedunsen.

Roswitha Wie ein Kadaver am fünften Tag, willst du sagen. Laß sie doch her zu mir, Königin! Fürchtet ihr euch? Es ist doch nichts weiter geschehn!

Margarete Du bleibst mir zur Seite, Judith. Du, Roswitha, scheinst nicht zu wissen, daß Judiths Gemüt zu zart ist, als daß es nicht leiden sollte, wenn du im Aufzug der Dirnen und Komödiantinnen hier erscheinst. Bring deinen Anzug in Ordnung, eh du uns aufsuchst! Laß das Geliebäugel mit deinem Elend! Du weißt, ich verachte das!

Roswitha Ja ja, du verachtest das! Sonst hast du mir nichts zu sagen?

Margarete Du hast dich der Rachsucht verschrieben. Du hast dich dem Henker versagt, damit er in unser Gemüt einfahre. Du hast einen Alp auf uns niedergeflucht!

Roswitha Schlägt dein Gewissen? Versteckst du dich? Du bist doch die Oberherrin über Leib und Seele!

Margarete Du kommst im Lammfell. Aber es glückt dir nicht.

Roswitha Fühlst du dich schuldig, Königin?

Margarete Das Auge des Herrn ist wachsam. Es verläßt seine Königinnen auch in den Häusern des Lasters nicht.

Roswitha Du bist grausam.

Margarete Soll ich hingehn und sagen: »Ich bin die Königin. Mich müßt ihr fassen?« Dir bot sich Tat und Verdienst. Doch du fröhnst deiner maßlosen Rachgier.

Roswitha Ist es denn möglich? Ich habe es schlecht gemacht? Weil ich den Henker versäumte? Es ist nicht genug, daß allerhand Männergetier mich anspringt? Ich soll auch dem Schinder nicht wehren? Hetzen soll ich mich lassen, bis meine Hände zucken nach allem, was ihnen begegnet? Bis man den Katzen und Hunden verbietet, in meine Nähe zu kommen?

Judith Königin!

Margarete Da hört man die Wollust- und Hochmutsteufel! Wie sie zetern und toben. Da sieht man die Pflichterfüllung und Demut!

Roswitha Du weißt ja nicht, was es dort gibt! Du weißt ja nicht, was du verlangst! Du bist ja so wohlverwahrt! Sie kriechen heran. Du liegst auf der Galgenleiter. Sie schlagen dich ins Gesicht, sie schnüren dich fest, sie prellen dich, wenn du dich sträubst. Sie kommen heran mit Marterwerkzeug. Sie keltern die Scham dir aus. Die Zunge hängt ihnen rot vom Maul. Sie spritzen dir Gift in den Leib und besudeln dich. Du schlägst mit den Hufen aus wie eine Jungstute. Sie grinsen dich an und das Lachen der großen Teufel dröhnt. Sie fallen über dich her mit Krankheit, Feuer und Schmutz. Du schreist und bäumst dich und willst sie genießen lassen, bis sie verenden. Und knirschst nur tiefer hinein in den Zügel, der dich hinunterreitet.

Margarete Strapazen, wie Reiten, Fechten und Jagen. Vom Unerträglichen spricht man nicht.

Roswitha Der Adel hat einen Buhlpreis auf mich gesetzt!

Margarete Er ist eine Prüfung. Du wirst dich bewähren.

Roswitha Mir springt Galle und Blut aus dem Mund, Königin!

Margarete Sie werden dir eine Schonzeit geben. Du kämpfst für die Sitte.

Roswitha Seid nicht so hart, so eisern hart! Ihr versucht mich!

Margarete Verlaß diese Stube! Such deine Zelle auf!

Roswitha Euch hab ich Liebe getan! Euch hab ich Opfer gebracht! Für Euch hab ich mich hingeworfen und mich zertreten lassen!

Bin ich denn nichts, gar nichts? Ist denn der Abstand derer von Hochhaim so groß? Ist denn das alles ein Nichts und der Rede nicht wert?

Margarete Du verdirbst mir das Kind. Du bist maßlos. Lern dich beherrschen!

Roswitha Ich bin eine Dirne, sag es heraus! Es ist spaßig, ich bin eine Dirne!

Margarete Du sollst diese Stube verlassen. Du bist mir zum Abscheu!

Roswitha Ich bin eine Dirne, die dümmste der Dirnen, sag es heraus!

Margarete Verlaß die Stube! Du bist mir zum Ekel!

Roswitha Besinne dich Königin! Magdtum und Mutterschaft: alles zerschlagen!

Margarete Knechte und Mägde wissen Bescheid. Magdtum: ein kleiner Scherz und ein großes Vergnügen.

Roswitha Du sprichst zur Verlobten des Grafen von Polhaim!

Margarete Lehre ihn Liebe! Er dankt es dir!

Roswitha O über Königinnen und Frauenhäuser!

Margarete Du selber bist es, die schamlos spricht. Ich höre dich nicht. Geh hinunter.

Roswitha Wohl, so laß sehen, wer stärker ist! Wer hier Königin ist und das Recht hat, sich so zu nennen! Wer gelitten hat und wer mächtig ist! Wer die Höhere ist von uns beiden! Du hattest die Macht, mich zu machen zur Königin. Was hattest du noch? Ich habe die Würde in mir von Anbeginn. Was sprichst du von Ekel? Was weißt du vom Ekel? Wer hat dich gelehrt den Ekel? Ich war ausersehen von Anbeginn. Dir hat der Zufall den Stoß gegeben. Da stiegst du auf meinen Thron. – Ich bin die eine, der keine das Wasser reicht. Ich bin die Königin. Überkönigin. Nimm sie mir ab, die Würde, wenn du's vermagst. Du kannst dich auf hundert Thronen räkeln. Ich bin die Königin, wenn auch ein Siechenhaus mein Empfangsaal wär! Du kannst deine Hände versilbern lassen und einen Kopf tragen aus Gold. Ich bin die Königin!

Margarete Fällt deine Larve? Stehst du jetzt nackt vor mir? Also um Königin vor dir zu spielen, hast du dich hergegeben! Sag es doch noch einmal! Sag's doch heraus! Um deiner maßlosen Eitelkeit willen? Das also ist es?

Roswitha Ich stehe hier ganz in Flammen. Ich weiß nicht, was mich getrieben hat.

Margarete Laß es dir sagen: Neugier und Mannstollheit haben dich in die Falle getrieben! Lustgier war es, was dich vom 13. Jahre hineintrieb! Sehnsucht nach Abenteuer und Schwank, nach Liebesdienst und Gemeinheit! – Du sprichst von Aufopferung! Du sprichst von Magdtum! Geh da hinab in dein Tierreich! Laß deine Schenkel preisen und deine Kaldaunen!

Roswitha (leise, fast singend) Königin, Königin, Spottkönigin! Deine Kinder werden Wechselbälge sein. Eiter wird ihnen aus den Augen fließen, Schleim aus dem Mund! – (auf den Knien) Königin, Mitleid, ein einziges Wort! Wenn jetzt die Tür aufgeht und der Henker hereintritt, bin ich verloren!

5. Szene

Der Henker ist durch die Mitte aufgetreten und stößt das Schwert auf den Boden. Roswitha schreit auf. Die Frauen fahren auseinander und stieben davon.

Henker Seid gegrüßt, Königin!

Roswitha Was schleicht Ihr mir nach auf Schritt und Tritt? Was wollt Ihr von mir?

Henker Ihr laßt Goldspuren zurück, wo Ihr schreitet.

Roswitha Ich will nicht, daß man sich mir an die Fersen heftet. Was fürchtet Ihr? Wenn ich fliehen wollte, hätt ich mich längst durch das Fenster hinabgestürzt auf den Pfründhof.

Henker Es freut uns, daß Ihr Euch heimisch fühlt bei uns. Eure erlauchten zärtlichen Finger spreizen sich schon vor Wohlbehagen.

Roswitha Warum weicht Ihr mir nicht vom Leibe? Warum begafft Ihr mich?

Henker Das dürft Ihr nicht übel nehmen. Laßt Euch das nicht verdrießen, gnädige Frau. Das ist so Henkersnatur.

Roswitha Kommt mir nicht zu nahe! Wenn Ihr mich hinnehmt, was habt Ihr davon?

Henker So fragen die Jungfern und Betthäsinnen. Ihr seid etwas Besseres.

Roswitha Ihr seid mir ein Grauen. Laßt mich allein. Oder ich rufe nach Barbiano. Ich bin bestimmt für die Herren, nicht für die Knechte.

Henker Was Herren und Knechte! Ich bin der Riese. Ich bin der Erhabne! Ich bin die heimliche Lehre vom blutigen Menschenopfer. Sie hängen an mir wie die Knäblein. Sie saugen die Worte von meinem Mund. Wir stehen auf du und du, die Herren und ich.

Roswitha Ich werd Euch verklagen bei Ser Barbiano. Ihr lästert die Messe. Ihr höhnt das Fronleichnamsfest.

Henker Derselbige Ser Barbiano hat Euch mir anempfohlen zu allerhand Kurzweil, gnädige Frau. Es wird Euch nichts nützen.

Roswitha Ich bin schwach und ungenährt. Ich habe die Nahrung verweigert. Es ist keine Lust.

Henker Man wird Euch zu essen geben Trüffel und Truthahn, Zimmetpasteten und Drosselsalat. Da sollt Ihr sehen, wie Euch die Lust ankommt.

Roswitha Warum bedroht Ihr mich? Ich hab Euch gesegnet und aufgehoben. Ich habe aus Gottes Händen die Frucht gerissen, die Euch den Gaumen letzte.

Henker Es macht einen guten Spaß, eine nackichte Seele zu quälen.

Roswitha Wir haben Gemeinschaft gehabt mit Franz von Assisi und von dem Antichrist. Ich habe Euch Rede gestanden von Franz von Assisi und von dem Antichrist. Ein Gelübde ist zwischen uns. Eine Seelengemeinschaft. Wir kennen die Schlange und kennen den Adler. Wir wissen die Kerzenleuchter beim Jüngsten Gericht!

Henker Was schiert mich ein Bettelmönch und der Antichrist! Ich bete zum Behmot und Ischtarod. Ich hänge den Hals und die Hände ins Feuer und bete zu den verketzerten Adamiten, die nackicht ihrer Natur nachgehen.

Roswitha Ihr habt mich gefragt nach dem Königtum. Da lagt Ihr mit einem Aufschrei mir vor den Füßen. Da seid Ihr zerknirscht gewesen. Da habt Ihr Eure Stirne wie ein Metallgefäß auf den Boden geschlagen! Ihr müßtet Euch selbstbeflecken. Warum begehrt ihr mich?

Henker Was ein Henker ist, hat seine Philosophie. Da hat aus den Juden einer die Hostien vergiftet. Da hat eine Kindsbetterin ihre eigene Geburt verzehrt. Da hat ein blutjunger Fant seinen Meister erschlagen, die Zunfttruhe ausgeraubt und die Bücher verbronnen. Der Richter sagt: schuldig. Der Henker sagt: weg mit dem Juden, weg mit der fräßigen Kindsbetterin, weg mit dem Raubgesindel. Und spricht zum Teufel: es ist umsonst, daß du die Hostien schändest und Kinder frißest und Truhen aussäckelst. Ich muß dir den Kopf abhauen. Es ist umsonst, daß du Finten ersinnst und Schlupfwinkel aufsuchst. Ich treibe dich über die Ebene. Es ist umsonst, daß du aufrebellst und Verräter schreist, großer, schöner hochmütiger Teufel! Der Richter sagt schuldig. Da gibt's nichts zu fackeln.

Roswitha Ich verstehe kein Wort.

Henker Ihr seid teufelsbesessen. Der Richter sagt schuldig.

Roswitha Kommt mir nicht nahe! Es ist eine Krankheit. Ich kenne Euch gut. Ihr seid nicht verdorben von Anbeginn. Ihr seid nur zerrüttet. Ihr habt Euch mit Hochmut getragen, da ward Ihr verworfen. Ihr habt Euch mit Dirnlein und Huren getrieben. So sehe Euch Gott in die Augen und mindre das Laster. Alles ist klein und ein Spiel und ein Tand. Was einer sündigen kann, das kann ihm vergeben werden!

Henker Ich habe auf Gott studiert, um's ihm abzulisten. Wer auf den Augen schielt und ein Bastard ist, der weiß Bescheid. Ich habe die Köpfe vor Wut und Brunst auf meinem Schwert tanzen lassen wie scheckichte Narren. Ich habe mich wider die Ordnung gestemmt. Ich habe Erlösung erbettelt, um auszuprobieren, was Er (mit einer Geste nach oben) vermag. Ich habe einen schwunghaften Handel getrieben mit Jungfernhäutlein. Die Theologie zu Bologna kann ihre Scharteken drein binden. Was sagt Ihr dazu?

Roswitha Ich sage, daß Ihr vermummt und verkleidet kommt. Daß Ihr die Scham in Euch einschließt, wie man den Rosenkelch mit den Händen einfaßt. Ich sage Euch, daß ich Euch liebe. Ich sage Euch auch, daß Ihr leidet. Ihr reißt Euch die Därme blutig und schreit nach der Reinigung. Ihr lästert und ketzert und Ihr verzehrt Euch! Ihr neigt Euch wie ein Betrunkener zu meiner Seite, die der Berührung flucht.

Henker Hei, wie sie zittern und lügen alle! Ihr könnt ja den Schleim nicht mehr schlucken vor Angst! Da kommt Euch die Liebe!

Roswitha Ihr seid groß in der Qual. Ihr seid groß im Kampf. Ihr seid groß in der Schande. Ich liebe Euch. Laßet Euch segnen von mir!

Henker (lachend, aber mit Anstrengung) Euch plappert die Angst auf der Zunge. Euch tropft ja der Schweiß von der Stirne. Da versucht Ihr's mit Liebe. Und wollt mir entgehn. Doch Ihr seid mir verfallen. Ihr lügt nicht mehr. (er geht auf sie zu)

Roswitha Hilfe! Zur Hilfe! Ich schreie nach Ser Barbiano!

Henker Seht Ihr, Madonna, ich hab mir's erwogen: Fluch von Königinnen ein Himmelslabsal. Unzucht eine Leibesübung. Unzucht auf Tischen und Bänken. Unzucht zu zwein, zu drein und allein. Unzucht vor Spiegeln und Pfaffen und Rechtsgelehrten.

Roswitha Ja ja, ich hab dich betrogen, du Tier! Ich habe Barbiano, die Stadt und euch alle betrogen!

Henker (unbändig, schweigt)

Roswitha Ich hin nicht die Königin, sie ist die Königin!

Henker Du bist nicht die Königin? Sie ist die Königin? Welche denn, wenn man's erfahren darf?

Roswitha Sie, die da drinnen, sie selbst ist die Königin!

Henker Hallo, heraus mit Euch, Ihr da, da drinnen! Wer ist die Königin, Ihr oder sie?

Roswitha Sie dort, sie ist es! Reißt ihr die Kleider vom Leib! Stellt sie an [den] Pranger! Dehnt sie und streckt sie! Sie hat Euch getäuscht und betrogen!

Margarete Ich heiße Roswitha. Ich bin eine einfache Rittersfrau. Ich weiß nicht, was Ihr begehrt von mir!

Roswitha Ihr sollt nur gestehn und bekennen! Ihr sollt nur hervor aus der Dunkelheit! Ich verweigre Gefolgschaft!

Margarete Herr, sie ist toll! Sie ist die Königin! Was will sie von mir? Das weiß jedes Kind, ich habe für sie Gefolgschaft geleistet als eine von den drei Frauen, die mit ihr gefangen wurden. Sie will mich bereden, daß ich es auf mich nehme. Es glückt ihr nicht.

Roswitha Das verfängt nicht mehr, Königin! Ich zieh Euch hervor aus der Dunkelheit. Ich hebe den Stein auf, drunter Ihr sitzt. Ich reiß Euch die Larve herunter. Ich habe die Wollust, Euch aufzudecken.

Margarete Herr, ich kenne sie nicht! Nach Eurem Gewand zu schließen seid Ihr der Stadtprofoß und der Wirt hier im Hause. Laßt Euch nicht übertölpeln. Laßt Euch nicht auf ihr Spiel ein. Sie äfft Euch mit Gimpelworten und möchte entkommen.

Roswitha Sie ist die Gemahlin Heinrichs von Lützelburg! Geht ihr doch nach, untersucht sie! Wir haben die Kleider vertauscht, am Kreuzweg, als Barbiano uns überfiel. Ich hab ihr Gefolgschaft geleistet und Zumbeldienst.

Henker Vielleicht daß keine die Königin ist! Vielleicht daß es gar keine Königin gibt!

Roswitha Es gibt zuviel Königinnen, die Mägde sind!

Henker Also genug: ich habe die Wahl. Ich kann mir nun wählen ganz nach Begehr! Je nun: ich halte mich lieber an sie (auf Roswitha deutend), an diese da, die mir die wirkliche Königin scheint. Seht ihr, erlauchte Frau (das spricht er zu Margarete), ich hab einen Preis gesetzt auf die Königin. Auf die Seelenkönigin, wenn Ihr so wollt. Ich hab meine Seele verbunden mit dieser da. Weil sie die Schönere ist. Zwar leugnet sie's ab und schickt mich zu Euch. Was soll man da tun? Sie haßt und verabscheut meine Gestalt. Sie will nicht Königin sein, sie haßt mich, weil ich ein Blutgeschwür auf der Stirne habe. Weil mir der Kopf etwas schief ausfiel. Sie hat eine Abhorrenz wider Häßlichkeit. Ihr würdet nicht soviel Umstände machen. Ich weiß. Da muß man annehmen, daß sie die Königin ist. Sie haßt meine Seele, weil ich vom Pofel komme. Was kann sie dafür, daß sie hassen muß? Mir ist sie wie ein Gebläse aus Glas, das durch vielfaches Feuer ging. Höchst königlich. Mir ist sie schlank und voll süßen Getöns gleich den Orgelpfeifen im Dom San Sebastian. Ich hab einen Narren gefressen an ihr und will meine Narrheit noch übertreiben. Ihr möget die Königin zehnmal sein, vieledle Frau, sie ist mir die bessere Königin. Sie will ich haben. Ich gebe die Mahlzeit hin und ein Stück meiner Zunge, wenn sie sich beugen wollte vor mir und mir die Hände küssen.

Roswitha Mach es kurz! Nimm mich hin!

Henker Küß mir die Hände, dann will ich dich nehmen.

Roswitha Deine Hände sind mir ein Grauen. Eher zerschlage ich mir den Kopf auf dem Boden.

Henker Wenn du die beiden Hände mir küssest, will ich dich nehmen.

Roswitha Nimm mich, mach's kurz! Ich reiße den Scharlach von deinem Leib!

Henker Erst sträuben sie sich. Dann verführen sie!

Roswitha (küßt ihm die Hände) Du, o du, was quälst du mich so?

Henker (trägt sie hinaus) Es soll kein Härlein an deinem Leibe sein, das nicht von Feuer tropft!

6. Szene

Barbiano, der Bube und Herbolo kommen von rechts. Herbolos Gewand ist schwarz. Er ist gebunden. Den Strick hält der Bube. Zuerst kommt Barbiano herein, dann der gebundene Herbolo. Als letzter der Bube. Barbiano setzt sich auf einen Stuhl. Humoristisch, forciert.

Barbiano Tritt näher, mein Sohn! Du also bist Herbolo, der von Polhaim. Du also bist der berühmte Knecht, der seines Königs Gemahlin freite auf ihrer Stammburg und sie beschlafen mußte an Königsstatt, nichts als ein Schwert zwischen beiden?

Herbolo Ich bin es.

Barbiano Ihr habt verfängliche Sitten auf euren Nebelburgen. War das ein scharfes Schwert? Verflucht, ein andrer als du, wär drüber gesprungen über das Schwert. Du also bist dieser selbige.

Herbolo Ich bin es.

Barbiano Dann hat dich ein schlechteres Los getroffen als deine Väter. Die zogen nach Tunis, Damaskus und Jericho. Du mußt ein zweischneidig Beilager führen und Freudenhäuser abstöbern.

Herbolo Du bist Francesco Barbiano. Dich kennt man unter den grellen Teufeln an deinem vom Hohn zerrissenen Maul.

Barbiano Ihr seid also hergekommen, mein Freund, um Eurer Frau Königin aufzuwarten! Warum verkappt Ihr Euch da und geht in der Maske? Man kann Euch ja kaum noch erkennen!

Herbolo Ich bin gekommen, um der Madonna von Brescia, die eine Lustfrau ist, auf ihr stinkendes Lügenherz zu spucken. Darum bin ich gekommen.

Barbiano Mein Gott! Was seid Ihr ein Lästermaul! Wenn Euch ein Pfaffe hörte! Ihr seid ja noch schlimmer als Simon von Tournay und Walter von Avignon! Wenn Ihr aufs Gnadenbild spuckt, dann ist es ja aus mit Euch! Dann seid Ihr ja ewig verloren!

Herbolo Euer Hohn ist läppisch! Ihr seid ohne Salz und Mark!

Barbiano Ich verstehe Euch schon! Am liebsten möchtet Ihr jetzt Eure Königin nehmen und huckepack mit ihr über die Stadtmauer setzen! Da habt Ihr auch recht. Es fehlt hier an Kurzweil! Wie hoch beiläufig springt Ihr im Anlauf? Kotz Element! Ich bin noch nie so gefesselt gewesen! Was machen die Hände denn, wenn sie so lahmgelegt sind? Den ganzen Tag Vaterunser beten? (der Bube lacht)

Herbolo Ihr habt gut spotten, wenn ich gebunden bin!

Barbiano Was spotten! Nehmt Platz, Messer Herbolo, Ihr müßt ja doch müde sein! (Der Bube zerrt an der Fessel. Herbolo fällt auf eine Sitzgelegenheit. Herbolo will auf, wird aber von dem Buben wieder nieder gerissen.) Ferruccio, bind deine Schnur an den Pfosten und sieh doch einmal, wo der Henker steckt! Schön von Euch, Ritter, daß Ihr uns aufgesucht habt. Das wird die Frau Königin freuen! Schade nur, daß wir die letzten Tage mit Kriegslärm so überladen waren! Der Rat der Stadt Brescia –

Herbolo Der Rat der Stadt Brescia kann uns –

Barbiano Verstehen, verstehen. Ihr bringt uns die gnädigsten Grüße von Heinrich dem Lämmerlingskönig. Er soll ja schon räß unterwegs sein, der König, mit Rossen und Reisigen! Gnädiger Herr! Doch er hat seine Not! Das ist ein Gezerre mit diesen bocksbeinigen Städten! Da hat eine jede den eigenen Kopf und will sich nicht ducken. Die hiesigen Geigenmacher und Salbenverkäufer sind von den Schlimmsten! Endlose Wirren, Skandal und Gezeter! Zuletzt fängt einer die Königin weg und steckt sie ins Frauenhaus!

Herbolo 30 000 zu Fuß, 8 000 zu Roß! Wir werden euch in die Gossen stampfen!

Barbiano Was Ihr nicht sagt! – Wie findet Ihr sonst unser Turmgebälk? Wie unser öffentlich Leben? Was sagt Ihr zum Beispiel zum Frauenhaus? Die Zellenanlage ist neu! Auch das Waschgefäß und die Futtertröge. Ihr könnt Euch sogar eine Vesper leisten im Frauenhaus. Wir danken das Messer Luigi, dem Henker. Die Weiber vom edelsten Welfenadel laufen ihm zu. Wir werden in kurzem, wenn Margarete sich rührt, die verfänglichste Stadt in Italien sein.

Herbolo Du Satan!

Barbiano Das ist kein Schimpfwort! Die Pfaffen versteht Ihr: Verleumdung und Neid! Die Königin braucht nur die Hände zu rühren und überredet damit die dicksten Prälaten. Sie wird überrascht sein, Euch hier zu treffen! Ihr seid ein so inniger Ritter mit Kornblumenaugen. Das liebt sie!

Bube Ser Barbo! Ser Barbo!

Barbiano (dreht sich um)

Bube Ich hab sie gefunden!

Barbiano Wen hast du gefunden?

Bube Sie beide zusammen. Den Henker und sie. Ich öffne die Türe. Da liegen sie hinter der Treppe und rupfen einander!

Barbiano (Bedeutet dem Buben hastig: zu schweigen. Stellt sich auf die Zehenspitzen. Der Bube bindet den Herbolo los. So gehen sie grotesk selbander zur Tür.)


Vorhang.


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