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Einleitung.

Ernst Eckstein wurde am 6. Februar 1845 zu Gießen geboren, wo sein Vater das Amt eines Großherzoglich-Hessischen Stiftungsanwalts bekleidete. Das Gymnasium seiner Vaterstadt durchlief er in der kürzest-möglichen Zeit und trat sofort nach bestandenem Abiturientenexamen eine größere Reise nach Italien und Frankreich an. Die Schönheiten der fremden Länder mögen wohl auf den für die Natur warm empfindenden Jüngling mit der nach Schönheit in jeder Form dürstenden Seele einen tiefen Eindruck gemacht haben. Nach seiner Rückkehr widmete er sich dem Studium der alten und neuen Sprachen, der Philosophie und Geschichte auf der Universität Gießen und setzte es später in Bonn fort.

Von ungemein leichter Auffassungsgabe und mit einem vorzüglichen Gedächtnis begabt, lernte Eckstein mit wunderbarer Leichtigkeit nicht weniger als sieben Sprachen, nicht nur verstehen und sprechen, sondern er beherrschte sie auch! Kaum 21 jährig legte er das Examen ab und erwarb die Doktorwürde.

Seine Neigung zum schriftstellerischen Beruf betätigte er lebhaft während des darauffolgenden Aufenthalts in Paris durch eifrige Mitarbeiterschaft an verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften. 1870 unternahm er wiederum Reisen, die ihn nach der Schweiz, Italien und Spanien führten, wobei er reichen Stoff zu späterer literarischer Verwertung sammelte. Aus jener Zeit stammen seine ersten poetischen Arbeiten; Versuche kann und darf man sie nicht nennen, denn schon hier zeigten sich seine Vorzüge im glänzenden Lichte. Es entstanden die beiden feinhumoristischen Epen »Schach der Königin« und »Venus Urania«, sowie das kühn entworfene und ebenso durchgeführte groteske Nachtstück »Die Gespenster von Varzin«.

Ende 1872 erfolgte Ecksteins Rückkehr; in Wien ließ er sich nieder und trat in die Redaktion einer angesehenen Tageszeitung ein. Er verließ nach nicht langer Zeit die österreichische Kaiserstadt, um die Redaktion der »Deutschen Dichterhalle« und des im Anfang gern gelesenen Witzblattes »Schalk« in Leipzig zu übernehmen, die in ihm einen ebenso gewandten als verständnisvollen Leiter fanden.

Den geselligen Freuden war Eckstein durchaus nicht abgeneigt. So war er Mitbegründer der fröhlichen Tafelrunde Leipziger Männer der Feder, des »Symposion«. Otto von Corvin, Franz Hirsch, Friedrich Friedrich u. a. zählten zu ihren Mitgliedern, auch der Schöpfer der s. Z. so beliebten »Bliemchen«-Figur, Gustav Schumann, gehörte ihr an.

Ecksteins geistesfrohe und energische Persönlichkeit, denn eine solche war er unbedingt, manchmal sogar bis zu einer gewissen Rücksichtslosigkeit, bildete mit seiner geistsprühenden, oft derb-komischen Redeweise den Mittelpunkt des heiteren Kreises, und manche seiner witzigsten Einfälle verdankten ihre Entstehung jener glücklichen Zeit im Leben des Dichters. Die zahlreichen Gymnasial-Humoresken, viele Satiren und eine Anzahl Novellen trugen Ecksteins Namen in die weitesten Kreise. Sein »Besuch im Karzer«, »Aus Sekunda und Prima«, »Katheder und Schulbank«, »Stimmungsbilder aus dem Gymnasium«, »Samuel Heinzerlings Tagebuch«, »Das hohe Lied vom deutschen Professor«, um nur die bekanntesten zu nennen, erregten tatsächlich ungeheures Aufsehen. Sein treffender Witz, seine originellen Einfälle und dazu die köstliche Gabe lebensvoller und lebensfroher Schilderung machten Eckstein bald zum Liebling eines nach Hunderttausenden zählenden Leserkreises. – Der »Besuch im Karzer« z. B. hat weit über 100 Auflagen erlebt, wurde in fremde Sprachen übersetzt, ja »Wilhelm Rompf« betrat sogar als »Held« die Bretter, die die Welt bedeuten! Sein Schöpfer hat stets mit Vorliebe das Genre der »Gymnasial-Humoresken« gepflegt; gestrenge Professoren haben darin ein absichtliches Verhöhnen und Lächerlichmachen des altangesehenen Professorenstandes erblicken wollen. Mit Unrecht! Hieran hat der Dichter niemals gedacht; es sind lediglich Produkte einer heiteren, vielleicht auch übermütigen Stimmung, selbst wenn er in übersprudelnder Laune übertreibt und mit starken Farben aufträgt. Jedenfalls hat Eckstein die Lacher auf seiner Seite gehabt, und Persönlich zu werden, das hat dem Dichter bei seiner vornehmen Gesinnungsweise stets völlig fern gelegen. Was er angriff und verspottete, das war der Zopf, der, Hand aufs Herz, sicher nicht nur in der Phantasie des Dichters existierte und wohl auch heutigentags hier und da noch anzutreffen ist. Diese Gymnasial-Humoresken haben eine Verbreitung gefunden, um die sie so manches ernste Buch aufrichtig beneiden kann. Niemand vermag sich aber auch der Wirkung des tollen Humors ganz zu entziehen, und keiner, der nicht völlig verbittert ist, kann sich des Lächelns erwehren bei der Schilderung der drolligen, lebendigen Szenen und der ab und zu recht drastischen Schreibweise. Die Menschen haben von jeher lieber gelacht als geweint; nur der ist im wahren Sinne des Worts unglücklich zu nennen, der im harten Kampfe des Lebens das befreiende, herzerquickende Lachen verlernt hat!

Ecksteins schärfste Satire dürfte in dem »Hohen Liede vom deutschen Professor« liegen; hier geißelt er in meisterhafter Versform jenen Professoren-Typus und Gelehrtendünkel, deren höchster Lebenszweck in der Entdeckung einer Nichtigkeit besteht, die als der Weisheit letzter Schluß gepriesen wird! Ob Eckstein wohl heute noch ebenso singen würde? Wer weiß es?! Aber auch in dieser Satire auf den deutschen Professor hat es der Dichter verstanden, den Helden nicht abstoßend darzustellen, sondern ihn mit versöhnenden, gemütvollen Eigenschaften auszustatten. Der formgewandte Meister, selbst mit tiefem, gründlichem Wissen ausgerüstet, durfte es sich schon einmal gestatten, liebenswürdig spottend auf Kleinigkeitskrämerei im Philologentum herabzublicken!

Auch die Veröffentlichung von »Murillo, Ein Lied vom Quadalquivier« fällt in jene Zeit; eine lyrisch-epische Dichtung, deren blendende, kristallklare Formschönheit und mit vollkommen südlicher Glut und Farbenpracht gemalt, zu den vollendetsten Schöpfungen des Dichters zählt. In diesem Werke tritt klar der Mann hervor, dem bei seiner tiefen Abneigung gegen konventionelle Formen und Formennichtigkeiten bei seinem dichterischen Schaffen gerade die Form über alles ging, in der er sich nie genug tun konnte! Eigentümlich ist es, daß Eckstein selbst trotz seines feinen Gehörs und Empfindens für den Rhythmus in der Dichtung nicht musikalisch war, ja, es wird sogar behauptet, daß er von allen schönen Künsten die Musik am wenigsten hoch eingeschätzt habe. Das lebhaft pulsierende Musikleben der großen Handelsstadt Leipzig, seinerzeit vielleicht etwas allzusehr in den Vordergrund gerückt, hat dem Dichter jedenfalls die Gelegenheit und Veranlassung geboten, seiner Spottlust manchmal die Zügel schießen zu lassen, und bei einer solchen Gelegenheit mag seiner ironisch-schalkhaften Stimmung das Wort entschlüpft sein von »Leipzig, Deutschlands Leierkasten«.

Als 1885 die »Dichterhalle« aufhörte als selbständiges Blatt zu erscheinen, siedelte Eckstein nach Dresden über, wo er bis zu seinem Tode unermüdlich tätig war. Die Zahl seiner schriftstellerischen Arbeiten ist eine ganz riesige, und seiner unerschöpflichen Erfindungsgabe und Gestaltungskraft standen stets neue Stoffe zu Gebote, die er in kraft- und wirkungsvoller, lebenswahrer und lebendiger Weise zu verwerten verstand. In Dresden rief er auch »Ecksteins humoristische Bibliothek« ins Leben, eine Sammlung heiterer Erzählungen, die sich großer Beliebtheit zu erfreuen hatte und einen neuen Beweis lieferte von des Dichters weitgehender, umfassender und scharfer Beobachtungsgabe.

Von Romanen, die während des Leipziger Aufenthalts die literarische Welt überraschten, war der erste »Die Claudier« (1881), ein historischer Roman aus der römischen Kaiserzeit, der viele Auflagen erlebte und Ecksteins meisterhafte Beherrschung der Technik des Romanes in einem geradezu glänzenden Lichte zeigte; in gleicher Weise mußte man seinen Gedankenreichtum, das feine Formgefühl, seinen Stil und nicht zuletzt seine bis in die kleinsten Einzelheiten gehenden Kenntnisse des altrömischen Haus- und Familienlebens bewundern. – Der Roman spielt zur Zeit des Kaisers Domitian und schildert in lebendigen, farbenreichen Bildern die schrecklichen Christenverfolgungen jener Zeit. Diese Arbeit machte Eckstein noch mehr als die vorherigen zu einem Manne des Erfolgs, und als er 1884 unter dem Titel »Prusias« einen zweiten historischen Roman folgen ließ, da konnte er von vornherein auf einen Sieg rechnen. Auch dieser umfangreiche Roman hatte einen bedeutenden Erfolg aufzuweisen. Eckstein behandelt hier die Kämpfe im Innern wahrend des letzten Jahrhunderts der Republik. Die beiden Gegner, Marius und Sulla, mit ihren Gefolgschaften bilden den Hintergrund des packenden Gemäldes, in dessen Vordergrund der heldenmütige Spartakus und die blutigen Kämpfe während des großen Sklavenaufstandes stehen. Eckstein teilt hier einer eigenartigen und geheimnisvollen Persönlichkeit die Haupt- und Titelrolle zu. Er läßt den Bruder des von den Römern besiegten Königs Mithridates von Pontus unter dem Namen »Prusias« auftreten. Nach verschiedenen erfolglosen Versuchen, Bundesgenossen zum Kampfe gegen das noch immer mächtige Rom zu gewinnen, wird Prusias schließlich zum Anstifter und der Seele des für Rom so gefährlichen Skalvenaufstandes. Von glühendem Römerhaß erfüllt entfacht Prusias den Aufruhr, und als nach anfangs glücklichen Kämpfen die eisernen Würfel gegen ihn fallen, setzt er seinem Leben selbst ein Ziel, um so der grausamen Hinrichtung zu entgehen, der viele Taufende der unglücklichen um ihre Freiheit kämpfenden Sklaven nach ihrer Niederlage und Gefangennahme zum Opfer fielen. Mit größter historischer Treue, nirgends die vornehme Geschmacksrichtung verleugnend, hat uns der Dichter im »Prusias« mit Meisterhand ein packendes lebenswahres Bild aus dem alten Rom entworfen und bis ins kleinste ausgemalt. 1886 folgte »Aphrodite«, ein Roman aus Alt-Hellas, in manchem an Hamerlings »Aspasia« erinnernd, mit scharf gezeichneten Charakteren und lebendigen Figuren; das Ganze warm empfunden und in dem Eckstein eigenen schönen, flüssigen Stil zu Papier gebracht. Der Roman »Pia«, im 13. Jahrhundert spielend, folgte 1887. Als letzter von Ecksteins historischen Romanen erschien 1889 »Nero«. Hier weicht der Dichter von der geschichtlichen Überlieferung der Persönlichkeit des Kaisers Nero etwas ab. Er versucht darzustellen, wie dieser, von Natur durchaus nicht grausam veranlagte Herrscher erst durch die Verhältnisse schrittweise zu jenem grausamen und blutdürstigen Tyrannen wird, dem die Zeitgenossen und die Nachwelt fluchten.

Als das allgemeine Interesse an historischen Romanen (Ebers, Wichert, Dahn u. a.) im Abnehmen begriffen war, zögerte auch Eckstein nicht, seine Vorwürfe auch auf anderen Gebieten zu suchen. Schon 1885 war er mit dem Roman »Das Vermächtnis«, dem modernen Leben entnommen, auf den Plan getreten. Trotz der vortrefflich gezeichneten Charaktere und der geistreichen Behandlung des Stoffes war aber der Erfolg im Vergleich zu seinen historischen Vorgängern geringer; die Arbeit zeigte eine gewisse Ähnlichkeit mit den heute so zahlreichen Kriminalromanen.

Auch die 1888 und 1889 erschienenen Romane »Jorinde« und »Camilla« hatten keine allgemeine Verbreitung.

Bereits zu dieser Zeit machten sich bei dem Dichter körperliche Leiden bemerkbar, ohne indessen auf sein künstlerisches Schaffen hemmend einzuwirken; denn neben vielen kleineren Novellen und Dichtungen folgten mit einer gewissen Regelmäßigkeit Romane, zum Teil dem modernen Familienleben entnommen. Mit Vorliebe behandelte Eckstein auch das in der neuen und neuesten Zeit so beliebte und dankbare Thema der Ehekonflikte. Auf diesem Gebiete ist wohl seine bedeutendste Leistung der Roman »Hertha« (1890), ein modernes Sitten- und Seelengemälde mit tieftragischem Ausgang. 1892 erschienen »Themis« und »Dombrowsky«, 1893 eine reizvolle Novelle »Der Mönch vom Aventin«, 1894 »Familie Hartwig«, 1896 »Roderich Löhr«.

Um diese Zeit mahnte eine Nierenkrankheit den Dichter, seiner fleißigen Feder Ruhe zu gönnen. Die Gesundheit seines sonst so kräftigen Körpers war durch mehrere Schlaganfälle, die teilweise Lähmungserscheinungen zur Folge hatten, schwer erschüttert und vermochte den wiederholt und heftiger auftretenden Anfällen der tückischen Krankheit einen genügenden Widerstand nicht mehr entgegenzusetzen. Noch kurz vor seinem Tode erschien das letzte Werk dieses Mannes, dem die deutsche Literatur so reiche Gaben zu verdanken hat: »Der Bildschnitzer von Weilburg«.

Mit aufrichtiger Teilnahme erfuhr am 18. November 1900 die literarische Welt und die zahlreiche Eckstein-Gemeinde die Nachricht von dem Hinscheiden des Dichters, dem der Tod endlich die wohl schon längst herbeigesehnte Erlösung gebracht hatte. So war denn alle die ängstliche Vorsicht, mit der Eckstein stets bemüht gewesen war, etwaige Ansteckungsgefahr von sich ferne zu halten, vergeblich gewesen; gegen diese Krankheit hatte er sich nicht zu schützen vermocht! An einem ernsten Tage, Bußtag, den 22. November 1900, bettete man den Dichter auf dem Trinitatisfriedhof zu Dresden zur ewigen Ruhe. Ein reichbegnadetes Talent wurde dort dem Schoße der Erde übergeben. In sinniger, rührender Weise widmete der nun ebenfalls heimgegangene Berufsgenosse des Toten, Adolf Stern, dem Freunde einen warm empfundenen Nachruf. Er erwähnte in seiner Ansprache die Gründlichkeit der Kenntnisse des Verstorbenen, den Reichtum seiner dichterischen Phantasie, die große Kunst seiner abwechselungsreichen, stets wirkungsvollen Behandlung von Form und Sprache, seinen sonnigen Humor, dem er vor allen in erster Linie seine glänzenden Erfolge zu verdanken hatte, der ihn aber auch selbst als Menschen in wunderbarer Weise verklärte. Adolf Stern führte aus, wie Hunderttausende an seinem Wirken ihre Freude gehabt hätten, und daß sein Gedächtnis fortleben würde durch das Denkmal, das er sich selbst mit seinen Werken gesetzt habe. – So würdigte der feinsinnige Dichter und hochangesehene Literaturprofessor den toten Dichter Ernst Eckstein.

Man wird sich vielleicht Sterns Worten nicht in allen Punkten anschließen, das eine aber ist gewiß: Eckstein besaß ein großes und reiches Talent, wie es nur sehr wenigen beschieden ist, und seine Schöpfungen, besonders die historischen und heiteren Inhalts, werden seinen Namen über die Jahre hinwegtragen; sie werden dem toten Sänger und Dichter für alle Zeiten eine dankbare Erinnerung sichern, und hierzu werden auch die drei folgenden heiteren Erzählungen ihren Teil beitragen.

Paul Reinhardt.


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