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Vorwort

Die folgenden Briefe sind von einem jungen Maler geschrieben, der an der Front war von September bis Anfang April, wo er in einem der Kämpfe im Argonnerwald verschwunden ist. Soll man von ihm in der Vergangenheit oder in der Gegenwart sprechen? Wir wissen es nicht: seit dem Tage, wo sie die letzte von Schmutz befleckte Karte erreichte, welche den Angriff meldete, in dem er verschwinden sollte, – welche quälende Stille für diese Frauen, die während acht Monaten nur von den fast täglichen Briefen lebten! Doch für wieviele Mütter und Frauen ist eine solche Qual heute das tägliche Los?

In dem Atelier, unter den Bildern, in denen der junge Mann seine Träume, seine Künstlervisionen festgelegt hatte, habe ich, liebevoll auf einem Tische geordnet, alle die weißen Kärtchen gesehen, aus denen dieser Briefwechsel besteht. Schweigende Gegenwart … Ich wußte damals noch nicht, welche Seele sich hier in ihrer Fülle ausgedrückt hat, um auf diesem Wege an den häuslicher Herd zurückzukehren: eine Seele, die dazu bestimmt war, dessen bin ich überzeugt, sich weit über den kleinen Kreis der Verwandten hinaus zu ergießen und weithin auf die Menschen zu strahlen. Die Seele eines fertigen Künstlers, aber auch eines Dichters, mit der Schüchternheit eines Jünglings, der schon mit dreizehn Jahren die Schule für das Atelier verlassen hat und ganz allein gelernt hat das, was ihn bewegt, in Tönen auszudrücken, deren Schönheit der Leser wird zu würdigen wissen. Herzensgüte, inbrünstige Verehrung der Natur, mystisches Verstehen ihrer Erscheinungsformen und ihrer ewigen Sprache, das ist es, was die Deutschen, die sich die Erben Göthes und Beethovens nennen, allein zu besitzen glauben und was uns in diesen, von einem jungen Franzosen für seine Teuersten und für sich geschriebenen Briefen ergreift.

Das Rührendste dabei ist vielleicht, daß wir in dem seelischen, so ernsten, so religiösen Empfinden, das sich hier ausspricht, Züge wiedererkennen, die uns in manchen Briefen von der Front auffielen. In diesen Wochen, diesen endlosen Wintermonaten, die sie im Schlamm oder im Schnee der Schützengräben verbracht, beim täglichen Anblick des Todes, beim Gedanken an den Tod, der vielleicht in demselben Augenblick naht, um ihnen für immer die Augen zu schließen, scheinen diese Kinder angefangen zu haben mit eindringlicherem, empfänglicherem Auge die ewigen Dinge zu betrachten, wie wenn sie alle, in der Fülle ihrer Kraft und ihrer Jugend, glaubten sie zum letzten Male zu betrachten:

»Und sterben sollte nun die Welt
Mit meinen Augen, den Spiegeln der Welt.«

Feierliche Stimmung des Menschen, der eben eine lange Nachtwache verbracht hat, irgendwo auf Vorposten, und der hinter der grauen, schweigenden, nordischen Ebene dort, wo der unsichtbare Feind in der Erde vergraben ist, die rote Sonne noch einmal über diese Welt aufgehen sieht. »O herrliche Sonne, ich möchte dich noch einmal sehen!« schrieb am Abend des Tages, wo er in Frankreich einzog, ein junger schlesischer Soldat, der auf den Gefilden der Marne fiel und dessen Tagebuch veröffentlicht worden ist. Plötzlich entquillt dieser geheimnisvolle Herzenserguß, mitten unter pünktlichen deutschen Aufzeichnungen über Essen und Trinken, Tagemärsche, Fußleiden und der Aufzählung der verbrannten Dörfer. In wievielen französischen Briefen haben wir diese tiefe Erleuchtung getroffen! Sie ist sich immer gleich auf allen Stufen des Ausdrucks: bei jenem Bauern von Seine-et-Marne, den ich mit Namen nennen könnte, der vielleicht zum ersten Male in seinem Leben für die Glut des Sonnenunterganges ein Auge hat, – bei jenem jungen Pariser, der bis dahin nur in Ausdrücken des Skepticismus und der Ironie schien reden zu können, und bei dem jungen Künstler, der dieses Gefühl in ergreifende Verse umsetzt und es bis zur erhabenen Vorstellung steigert, an der die ganze stoische Philosophie hängt. Durch soviele Unterschiede hindurch, bei allen, dem deutschen Schullehrer, dem Bauern, dem Städter, dem französischen Maler, offenbart sich eine gemeinsame Grundlage und der vergängliche Lebende, im Vorgefühl der ewigen Nacht, sieht den Sinn und die Schönheit der Welt in ihm sich erweitern. O Wunder der Welt! göttlicher Friede dieser Ebene, dieser Bäume, dieser fernen Hügel, – wie man dieser unendlichen Stille lauscht! Oder es ist die nächtliche Unermeßlichkeit, in der nichts als Feuersbrünste und ein Leuchten verbleibt. Unten ferne Glut von Bränden, oben die Sterne, ihre unwandelbaren Bilder, das Flimmern, die Harmonie und erhabene Ordnung des Weltalls.

Bald werden das Geknatter der Maschinengewehre, der Donner der Sprengstoffe, das Geheul des Ansturms wieder anheben; man beginnt wieder zu morden und zu sterben. Welcher Gegensatz der menschlichen Wut und der ewigen heitern Ruhe! Mehr oder weniger dunkel, während eines kurzen Augenblickes, wird eine tiefsinnige Beziehung zwischen den einfachen Erscheinungen am Himmel und auf Erden, deren langsame Entwicklung sich begreifen läßt, und dem Beschauer hergestellt. Fühlt dann der Mensch, daß alles, was er sieht, er selbst ist, daß sein kleines Dasein und das Leben des Baumes, der dort im Schauer des Morgengrauens erbebt und dem Menschen zuzuwinken scheint, sich miteinander verbinden im Flusse des ewigen Lebens?


Für den Künstler, von dem hier die Rede ist, waren diese Eingebungen und Visionen der Rausch jener langen, im Schützengraben verlebten Monate. Unter dem weiten Himmel, bei der Berührung mit der Erde, vor der Gefahr und dem täglichen Bilde des Todes, erschien ihm das Leben plötzlich seltsam erweitert: »Wir haben von unserm Aufenthalt im Freien eine Frische der Auffassung, eine Großzügigkeit in den Bewegungen und Gedanken gewonnen, die den Überlebenden den Aufenthalt in den Städten gräßlich wird erscheinen lassen.« Auch der Tod zeigte sich schöner und schlichter; Tod der Soldaten, deren Gestalten er mitleidig betrachtete, während die Natur sie still, mütterlich wieder zu sich nahm und allmählich mit der Erde vereinigte. Von Tag zu Tag lebte er mehr in dem Gefühl des »Ewigen«. Er blieb freilich empfänglich für alle Greuel und jedes Mitleides fähig, – und man wird sehen wie er seine Pflicht erfüllte. Aber »in gleichem Maße leidend«, flüchtete er »zu einem höheren Troste«. »Man muß,« sagte er zu denen, die ihn lieben und die er – mit welcher beständigen Fürsorge! – sich bemüht auf das Schlimmste vorzubereiten, »dazu gelangen, daß kein Unglücksfall aus unserem Leben etwas Trümmerhaftes, Abgebrochenes, Unharmonisches mache … Begnüge dich mit der herrlichen Versicherung, daß ich bis heute meine Seele zu einer Höhe gehoben habe, wo die Ereignisse ihr nichts mehr antun können«. Diese Höhe ist die Gegend, in der über die Unterschiede der Bekenntnisse und ihrer äußern Formen hinaus, alle großen religiösen Gemeinschaften sich zusammenfinden, wo der eitle Schein verschwindet, wo der Mensch allen Behauptungen und Forderungen des Ichs ein Nein entgegenstellt und sich an das hält, was »wirklich ist«. »Unsere Leiden kommen daher, daß unsere schwache menschliche Geduld unseren Bedürfnissen, wenn auch den edelsten, zugewandt ist … Halte dich dabei nicht auf, den Wert der Persönlichkeit derer, die am Leben bleiben, derer, die gehen zu betrachten; das heißt die Dinge auf der menschlichen Wagschale abwägen. Man muß aber in uns die gewaltige Menge dessen unterscheiden, was besser ist als das Menschliche. »(30. Oktober.) Im Grunde ist der Tod machtlos, weil auch er ein eitler Schein ist und »Nichts vollständig verloren ist.« So findet dieser junge Franzose, der übrigens die Sprache des Christentums nicht vergessen hat, in den Schrecken des Krieges den Stoicismus Mark Aurels wieder, jene Tugend, »die weder Geduld noch allzu großes Selbstvertrauen ist, sondern ein gewisser Glaube an die Ordnung der Dinge, ein gewisses Vermögen, bei jeder Prüfung zu sagen, daß es so recht ist.« Und jenseits des Stoicismus ahnt er und erreicht den uralten, erhabenen Gedanken Indiens, der die Erscheinungen und trennenden Unterschiede leugnet, und dem Menschen seine eigene Person und die ganze Welt zeigend, ihn lehrt, daß er von der einen sage: »Das bin ich nicht«, von der andern: » Das bin ich.« Ergreifende Begegnung: durch alle Entfernungen der Jahrhunderte und Völker hindurch setzen die Betrachtungen dieses französischen Soldaten vor dem Feinde, den er morgen angreifen wird, den seltsamen Zustand der Verzückung fort, in den der Krieger der Bhagavad Gîta »Lied der Gottheit« Episode des Mahâbhârata. (D. Übers.) zwischen zwei Heeren, die aufeinanderprallen sollten, sich versenkte. Auch er sieht in der menschlichen Unruhe einen Traum, der uns den Anblick der höhern Ordnung und der göttlichen Einheit verschleiern wollte. Auch er hat sein Vertrauen in die Dinge gesetzt, die »weder Geburt noch Tod kennen«, in das was »nicht geboren, unverwüstlich ist, was nicht getötet wird, wenn der Leib getötet wird«. Das ist das ewige Leben, dessen Wirken sich fortpflanzt, stets gleich durch alle Formen hindurch, die es erzeugt, in jeder bestrebt, sich zu mehr Licht, Frieden, Bewußtsein zu erheben. Und dieses Ziel bedingt das Gesetz eines jeden denkenden Wesens, die Aufopferung seiner selbst zum Besten des allgemeinen und endlichen Wohles; daher bei dem Gedanken an das wirksame Opfer, jene tiefe Befriedigung derer, die ihr Leben hingeben, die für die Sache des Lebens fallen: »Sage M…., wenn das Schicksal die Besten trifft, daß das nicht ungerecht ist: diejenigen, die weiterleben, werden dadurch gebessert … Ihr wißt nicht, welche Lehre uns der gibt, der fällt. Ich weiß es aber.« Und das Opfer ist noch vollständiger, wenn das Leben geben, wenn auf sich selbst verzichten, zugleich bedeutet auf das verzichten, was man mehr liebte als sich selbst, dem man mit seinem ganzen Leben hatte dienen wollen. »Fahnen der Kunst, der Wissenschaft,« die er als Kind vergötterte, die er zu tragen angefangen hatte, mit welchem stolzen, vertrauensvollen Schauer! Der Mensch lerne ohne Klage zu sterben! »Es genüge ihm zu wissen, daß die Fahne wird getragen werden!«

Der schlichte, gewöhnliche Gehorsam der gegenwärtigen Verpflichtung, das ist auch der praktische Abschluß der höchsten Weisheit der Indier, nachdem sie den Wahn des Scheins entschleiert hat. Sich nicht in die Einsamkeit und Untätigkeit zurückziehen, weil man den Wahn erkannt hat, mit seinen Brüdern kämpfen, an seinem Platze und Range, mit offenen Augen, ohne Hoffnung auf Ruhm und Gewinn, einfach weil das Gesetz es so will, das ist der Befehl, den der Gott dem Krieger Arjuna gibt, als dieser zweifelt, ob er von der Betrachtung des Ewigen dem menschlichen Schreckbild der Schlacht sich zuwenden solle. »Für jedes Wesen ist Gesetz, das Werk zu vollführen, das seine eigene Form ihm vorschreibt. Jeder unterziehe sich dem Handeln, da er ein Teil ist dieser Natur, deren Beschaffenheit ihn zum Handeln zwingt!« Arjuna spanne einfach seinen Bogen mit den andern Kshettryas! Der junge Franzose hatte keinen Augenblick gezweifelt. Aber in seinen Briefen sehen wir, wie er mitten in den Schrecken des Gemetzels und in den geduldigen und langweiligen Arbeiten des Minenganges oder des Schützengrabens seine Blicke »auf das Ewige« stets zu richten wußte.

Ich möchte nicht länger bei diesem Vergleiche verweilen. Vielleicht hat er durch einige Auszüge aus dem Ramayana den erhabenen Gedanken des uralten Asiens vermuten können. Und doch zeigt in der ganz modernen Färbung, in den bestimmten Formen und dem so französischen Fluß der Sprache die Seele, die sich in diesen Briefen offenbart, wie die Amiels, Michelets, Tolstois, Shelleys, eine tiefinnerliche Verwandtschaft mit dem zarten und mystischen Genius Indiens. Seltsame Verwandtschaft, die sich nicht allein in dem tiefen Gefühl und Verlangen nach dem Allgemeinen und Ewigen offenbart, sondern auch in dem unmittelbaren Mitempfinden mit allem, was Leben ist, in den Ergüssen der Liebe zu der großen mütterlichen Seele der Natur und allen ihren Erscheinungen.

»Liebe«, das ist eines der Wörter, die am meisten in diesen Briefen wiederkehren. Liebe zu jenen Gefilden, jener Ebene, über die die Morgen und die Abende wie innere Regungen über ein Antlitz ziehen, Liebe zu den Bäumen, deren Bewegungen fast menschlich sind, – einem gewissen, unter seinen Wunden männlichen, geduldigen Baume, »der einem Soldaten gleicht,« – Liebe zu den hübschen Tierchen der Felder, die im Schweigen des frühen Morgens am Rande der Schützengräben spielend sich bewegen, – Liebe zu allen Dingen am Himmel und auf Erden, jenem beseelten Himmel, jener französischen Landschaft mit ihrer so übersichtlichen, so schlichten Linienführung, Liebe zumal zu denen, die er neben sich geduldig leiden und kämpfen sieht, zu den ernsten Bäuerinnen der Champagne, die alle ihre Söhne hingaben, die schweigen, ihre Tränen trocknen und die Arbeit der Vorfahren auf den Äckern, in den Weinbergen weiterführen, zu jenen Kameraden, deren »Scherze oder Lieder« kein Elend entmutigt, »braven Leuten, denen mein schönes Künstlergewand arg hinderlich wäre, ihre Pflicht ehrlich zu tun, wie sie sie tun«, – zu allen jenen einfachen Menschen, die Frankreich ausmachen, mit denen man sich so gerne vereint fühlt. Liebe zu allen Lebenden (man fühlt wohl, daß er nicht hassen kann, auch nicht den Feind, Fleisch von seinem Fleisch, das, wie er selbst, an diese Erde sich anklammert, das in demselben Maße duldet). Und dann Liebe zu den Toten, deren Anblick er aufsucht, deren stille, von Schweigen und Geheimnis schwere Schönheit, sich in langer Betrachtung diesem eindringlichen Auge offenbart.

Durch diese der innerlichen, geistigen Bedeutung der Dinge zugewandte Aufmerksamkeit, erscheint uns dieser Maler in seinen Briefen besonders als ein Dichter, – ein religiöser Dichter, der in der Welt das Wesen der Dinge erfaßt, alle unaussprechlichen Arten des Seins; auch als ein Musiker, der in den Schützengräben mit Beethoven, Händel, Schumann, Berlioz zusammenlebt, deren Melodien und Gedanken er in sich trägt – den »die schönsten Symphonien mit ihrer Orchesterbegleitung« berauschen. Innere Reichtümer, geheime Mächte des Trostes und der Freude, die in den trübsten Stunden, in der Nacht und dem Schlamm der langen winterlichen Wachen, so nahe zu der Seele zu reden vermögen oder sie mit einem Male in solche Höhen und solche Fernen forttragen. Schumann, Beethoven: zwischen diesen unsterblichen Geistern, die nur für alle Menschen zu singen wußten, und den unmenschlichen Pedanten, welche die Schönheit des Krieges und das starre Recht der Gewalt predigten, was bleibt noch Gemeinsames übrig? Haben wir sie nicht uns zu eigen gemacht, diese Genien, dadurch, daß wir sie immer tiefer verstanden und in uns eindringen ließen? Sind sie nicht unsere Freunde geworden? Begleiten sie uns nicht in alle gesegneten Einsamkeiten, in denen unser wahres Ich wieder zu leben beginnt, unsere innere Quelle wieder fließt?

Den Größten von Allen ruft eine Schar französischer Soldaten wach, drei Tage vor der Schlacht, die sie voraussehen, in der mehrere verschwinden sollten. Sie sind in der Tiefe einer unterirdischen Kasematte: »Dort erwartet man in völliger Dunkelheit die Nacht zum Aufbruch. Plötzlich haben wir, meine Kameraden, die Unteroffiziere und ich, die Schauer der neun Symphonien von Beethoven erweckt! Eine unaussprechliche Begeisterung beseelte uns.« Dieser fast heilige Gesang, diese heroische Begeisterung in einem solchen Augenblick, wie widerlegen sie die immer wiederholten Theorien der Deutschen über die Grenzen des französischen Gefühls! Welcher Dichter eines andern Volkes hat die Natur mit einem brüderlicheren Auge, mit einem tiefern Widerhall im Herzen betrachtet, als der dessen Innerstes sich hier ausspricht?


Diese Tag für Tag geschriebenen und aus dem Schützengraben oder dem Quartier geschickten Briefe bilden zusammen eine fortschreitende Folge, gleichsam eine Dichtung oder einen Gesang. Ein tiefes inneres Leben birgt sich darin: das Leben einer Seele, die wir in der Eintönigkeit dieser außerordentlichen Verhältnisse, in denen sehr oft jedes Ereignis fehlt, über den gewöhnlichen Gedankenkreis sich erheben, sich selbst übertreffen und, je näher die schwersten Prüfungen herankamen, in Friede und heitere Ruhe sich hüllen sehen (Februar-April). Man muß diesen seelischen Fortschritt verfolgen, den er mit einem unerschütterlichen Willen leitet. Es gibt keine ergreifendere Geschichte eines inneren Erlebens. Sein ganzes Bemühen ist sich »anzupassen«, und wie fürchterlich es ihm oft wird, das spürt man unter der gewöhnlichen Ruhe und Schlichtheit des Ausdrucks. Er ist Dichter und Künstler; er hat das Leben aufgefaßt, er hat sich entwickelt in einer dem Manne der Tat entgegengesetzten Richtung. Seine ganze Bildung, seine besondern künstlerischen Übungen hatten als Folge die Verfeinerung einer an sich schon angebornen äußersten Zartfühligkeit. Aus innerm Drange und einem selbstgewählten Gesetze folgend, hat er die Einsamkeit und Beschaulichkeit aufgesucht. Er fühlt und weiß wohl, daß er nur lebt, um ein bestimmtes Abbild der Welt zu sein, und hat sich immer, dem Innern Triebe gehorchend, bemüht, in sich selbst die reine Form und ursprüngliche Wölbung des Spiegels zu bewahren und zu vervollkommnen, der eine Neigung hat sich unter den Einflüssen der Umgebung zu verzerren und zu trüben. Jetzt heißt es im Gegensatz zu dem eigenen Gesetze leben, und zwar nicht weil die Not dazu zwingt, sondern durch einen freien Willensakt. Es heißt nun dieses Ich, das sich sorgfältig außerhalb der Welt und der Welt gegenüber bewahrt hat, preisgeben, ohne Murren es in das dichteste Gewühl werfen, Tag und Nacht nur noch in dem Atem und dem Gedränge der Soldatenschar leben, und sich dabei einer rein körperlichen Tätigkeit unterziehen für die furchtbaren Aufgaben des Krieges. Und für ein solches Dasein, das er von seinem frühern Standpunkte aus als ein Sklavenleben betrachtet hätte, muß er als den einzig möglichen Ausgang den Tod ansehen, in absehbarer Zeit. Er muß sich daran gewöhnen, in seinem verflossenen Leben, – jenem Leben, das seine Künstlerträume und -Hoffnungen erleuchteten, das wie in einem Rausch allen Regungen und dem Pulsschlag des Lebens des Weltalls entsprach – nur noch einen Traum zu sehen, einen Traum, der entschwunden ist und nie zurückkehren wird.

Das nennt er »sich anpassen«, und wie oft kehrt dieser Ausdruck in seinen Briefen wieder! Denn er bezeichnet die Pflicht, eine Pflicht, deren Schwierigkeit sich an dem Abstand zwischen Gegenwart und Vergangenheit bemessen läßt, zwischen dem angeborenen Trieb einer Seele und der Selbstüberwindung, die sie sich auferlegen will. »In voller Schaffenskraft, in dem Augenblick, wo das Leben für ihn eine Zeit fortwährender Blüte wurde, wird ein junger Mann herausgerissen und auf einen trockenen Boden verpflanzt, wo Alles von seiner gewohnten Nahrung ihm fehlt. Nun denn! von dem Augenblick an, wo nach dem ersten Riß das Leben ihn nicht verlassen hat, bemüht er sich aus den dürftigen Säften seines neuen Bodens zu schöpfen. Die Anstrengung verlangt eine Anspannung aller Kräfte, die keinen Raum läßt für die Erinnerungen und Hoffnungen … Ich erreiche es, außer in rasch unterdrückten Stunden der Empörung, wo die Gedanken, die Handlungen meines vergangenen Lebens sich erheben, wie wenn ich sie nicht vergessen hätte. Ich brauche dann meine ganze Kraft, um meine herzzerreißenden Erinnerungen in der Ergebung in den gegenwärtigen Augenblick zu ertränken.« Dazu braucht es eine rastlose Anstrengung. Denn »sich anpassen« bedeutet für ihn nicht sich durchgreifend verwandeln, indem er den Einflüssen der neuen Umgebung nachgibt. Durch die fortgesetzte Tätigkeit seiner Lebenskraft will er, im Sinne seiner eigenen Persönlichkeit, den Stoff umgestalten, den er aus dieser Umgebung zieht; er will darin die Mittel finden trotz Allem in der Richtung seines eigenen Wesens sich zu nähren und weiter zu bestehen. Er will Allem entsagen und das Wesentliche bewahren, weil sein Ich weiter erhalten bleibt, treu dem selbstgeschaffenen Ideal, fähig nicht allein zu leben, sondern noch zu blühen, teilzunehmen an dem allgemeinen Fluß des Lebens, der sich in der Natur in rastlosem Erblühen offenbart, im Menschen in Regungen der Liebe, der Kunst, der Poesie. Um dieses Ziel zu erreichen, gilt es, unter den Drohungen und in den Unruhen des Krieges, sich für jede Erscheinung des Schönen empfänglich zu erhalten. Denn das Schöne ist für diesen frommen Dichter das Göttliche, das mehr oder weniger deutlich in allen Dingen durchleuchtet; daher auch die Kraft, die er in der Betrachtung des Schönen schöpft, die ihn allmählich über die Zufälligkeiten des Einzelwesens hinaushebt. Um den Eindruck voll zu empfangen, um in sich alle Unruhe zu bannen, muß er der Vergangenheit und der Zukunft Lebewohl sagen, nichts beklagen, nichts erhoffen, nur noch im »gegenwärtigen Augenblick« leben, der an diesen Segnungen reich ist. »Ich nehme alles aus der Hand des Schicksals an, ich habe ihm aber Alles genommen, was es in den Falten eines jeden Augenblickes an Glück birgt.« In diesem Zustand der Einfalt, der fast der Zustand der Gnade ist, tritt er mit der lebendigen Wirklichkeit dieser Welt in Berührung. »Laßt uns essen und trinken von Allem was ewig ist; denn morgen sterben wir Allem ab, was menschlich ist«.

Diese Befreiung der Seele ist nicht sofort erreicht. Die ersten Briefe sind sehr schön; aber was sie lehren, erfahren wir auch aus fast allen Briefen unserer Soldaten. Er schildert den Seinen die Begeisterung der Soldaten, ihre innige Gemeinschaft in einem einzigen flammenden Gedanken, die gebieterische Pflicht, seinen eigenen Willen, »ein aufrechtes Gewissen soweit zu tragen, als seine Füße es zu führen vermögen« (25. August 1914). Aber schon sieht man, wie er sich bemüht, die Richtung seines inneren Wesens gegen die Einflüsse und Aufreizungen des Haufens zu behaupten. Es gelingt ihm. Indem er sich bewahrt, sich absondert »soviel er vermag«, mitten unter den andern, stellt er fest, daß er in geistiger Beziehung unberührt ist. Aber noch ist er zwischen den Kasernenmauern oder schreibt in Bahnhöfen, an den Haltestellen einer endlosen Eisenbahnfahrt (»vierzig Mann in jedem Wagen«). Um ihn wirklich kennen zu lernen, wartet bis er in der Kriegszone angelangt, im Quartier, dann in der Feuerlinie, während der langen Stunden der Wachen und auf Posten, mit der Erde wieder in Berührung getreten ist. Sobald er den Hauch der weiten Ebene eingeatmet, erwacht sein angeborener Trieb »Schönheit zu gewinnen«, und vor den Schatten, in die die Zukunft sich versenkt, sie »soviel und so schnell wie möglich zu gewinnen«. »Ich habe im Schlamm Blumen gepflückt, bewahrt sie zur Erinnerung an mich auf,« schreibt er an einem Tage dunkler Vorahnung (11. Februar). Bezeichnend für ihn ist, daß er in der Eintönigkeit der Tage im Schützengraben, wenn die Gefahr das Geschwätz nicht aufkommen läßt, sie am häufigsten findet, jene Wunderblumen. Dann kehrt der innere Friede wieder ein, während des Schweigens, das diese Männer befällt, und er kann »seine Seele frei mitschwingen lassen«, und gleich empfindet man den eigentümlichen Widerhall. Diese Seele hatte zunächst nur die Klänge des Mutes und der Brüderlichkeit für uns wiederholt, die sich von unsern Heeren gleichmäßig erheben. Jetzt befindet sie sich mitten im Kriege, den ewigen Dingen wieder gegenüber, und plötzlich glaubt man zum ersten Male den Urklang und die unendliche Feinfühligkeit einer kaum berührten Saite zu vernehmen. Aber diese Klänge bleiben nicht zufällig und unzusammenhängend; bald setzen sie sich zu einer Melodie zusammen, die immer bestimmter, voller, von ergreifender Bedeutung schwerer wird, je mehr er durch eine tägliche Übung es lernt, sich von den drückendsten Umständen besser auszuschließen. Ein ganz unpersönliches Ich scheint sich jetzt von dem körperlichen Ich, das sich abmüht und Gefahren besteht, loszulösen, und die Dinge ohne innere Teilnahme zu betrachten, und auch dieses andere Ich, das an seinem Platze steht in der allgemeinen Ordnung, zu beobachten, eine vergängliche Welle in der Flut, die eine geheimnisvolle Vernunft leitet. Seltsame Fähigkeit, ein Doppel- und Traumleben zu führen! Es gelingt ihm, sie in der Schlacht selbst zu üben, wo seine Tapferkeit und seine militärische Tätigkeit ihm die Glückwünsche seines Vorgesetzten eintragen. In dem Höllenschlund, in dem sein Fleisch sich auflösen könnte, hört er nicht auf zu schauen, und am nächsten Tage kann er schreiben: »Nun, es war interessant!« Und er fügt hinzu: »Was ich Persönliches bewahrt hatte, war eine gewisse Empfänglichkeit des Auges, die mich befähigte gewisse Bilder in mich aufzunehmen, deren ergreifende Wirkung sich unmittelbar in ebenso »künstlerischer Weise« zusammenfügte, wie jede andere menschliche Zusammenstellung. Aber gewöhnlich habe ich in diesen Augenblicken nie die Absicht aufgegeben zu sehen »wie es gemacht ist« (14. März). Dann offenbart sich ihm die Bedeutung der Gewalttätigkeit. Dieser zarten sinnigen Natur flößt sie Grauen ein. Deswegen vielleicht frägt sein Geist nach dem Warum. Durch die Gewalttätigkeit wird eine unvollkommene und vorübergehende Ordnung durchbrochen und die Erscheinungen, die im Begriff waren zu erstarren, kommen wieder in Fluß. Das Leben beginnt wieder und eine höhere Ordnung wird ermöglicht. Auch hier ist Annahme, Unterwerfung unter die Vernunft der Welt, Vertrauen in das, was sich verwirklicht, die Lösung, zu der er immer wieder gelangt.

Das sind Augenblicke der eigentlichen Beobachtung, reiner Überlegung, in die sich die Regungen des Künstlers und des Dichters nicht mischen. Solche Augenblicke sind nicht selten bei ihm; aber dann handelt es sich immer um die Welt und menschliche Ereignisse. Sie entstehen vor einem Kriegsbilde, einem Charakterzug, bei einer Lektüre, einer künstlerischen oder geschichtlichen Erinnerung (oft ruft er eine Bibelstelle wach und im ärgsten »Wirrwarr« schöne Bilder aus der griechischen Mythologie). Man bewundert diese heitere Willenskraft eines Geistes, der es verstanden hat, sein früheres rein geistiges Leben wieder aufzunehmen. Das ist sehr schön, ist aber nicht einzigartig: die große geistige Tätigkeit ist nicht selten in Frankreich; andere unter den Soldaten haben unter den Granaten philosophiert. Was diesen Briefen eine besondere Bedeutung zu verleihen scheint, ist der Ausdruck von etwas viel Wesentlicherem, viel Innerlicherem als der Gedanke; das Gefühl, das Unendliche und Unbestimmte seiner Schattierungen, seine Zusammenklänge mit den Bildern der Landschaft, jene Dichtergabe endlich, die mit der musikalischen Begabung zusammenhängt; denn sie geht aus demselben Urgrund des Unbewußten im Menschen hervor und strebt auch ihrerseits allen verschlungenen Linien des Rhythmus und des Gesanges zu. Ich habe schon Shelley aus Anlaß dieses Dichters genannt. Was uns eine Bemerkung wie die folgende offenbart, ist die Vereinigung mit dem Innigsten und Unaussprechlichsten in der Natur, wie wir sie bei Shelley finden: »Namenloser Tag, ohne greifbare Gestalt, in dem trotzdem geheimnisvoll der Frühling zu quellen anfängt. Warme Luft in der Verlängerung der Tage; plötzliches Erschlaffen, wie ein Vergehen der Natur.« (3. Februar.) Aus Anlaß dieses Frühlingshauches, dieser zu plötzlichen Milde, gebraucht er sogar einen der häufigsten Ausdrücke des Wortschatzes von Shelley: »Vergehen«. Défaillance; vergl. Shelley: faint, »my faint heart«, … »I faint, I perish with my love«. (Der Übersetzer.) Was er im Grunde erstrebt, wie der große englische Dichter, den er nicht gekannt zu haben scheint, ist das Selbstvergessen in der lyrischen Stimmung, das unsagbare und selige Gefühl des Ichs, das in dem betrachteten Gegenstand sich selbst auflöst. Was für ihn im Laufe dieser Wochen zählt, was er später ins Gedächtnis zurückruft, was er wiederfinden möchte, um es nie wieder zu verlieren, das sind jene Höhepunkte, da er sich selbst vergessen durfte, weil er das Unaussprechliche empfunden hatte. Der einfachste Gegenstand der Natur kann ihm solche Augenblicke schenken. Zum Beispiel in dieser plötzlichen Erleuchtung: »Ich empfand nicht wie früher den Segen Gottes, als plötzlich ein schöner, so schöner Baum zu meinem Herzen sprach, … und ich habe begriffen, daß eine Stunde in dieser Betrachtung das ganze Leben ist.« Und andauernder, stärker schwingend ist manchmal die innere Erregung, wie wenn der Bogen bis an die Spitze auf einer feinfühligen Geige eine langgezogene verzückte Melodie entwickelt: »Welche Lust, dieses stets innige Mitschwingen im Schoße der Natur! Gestern abend sah ich denselben Horizont, den wir erwachen sahen, in rosiges Licht gebadet; dann ist der Vollmond in einem zarten Himmel aufgegangen, auf dem die Bäume, wie Korallen und Safran, in zackigen Linien sich abzeichneten.« (2. November.) Und wahrlich es klingt wie ein Entzücken in jener erstaunlichen Weihnachtsnacht, deren Erinnerung alle, die damals auf der Front waren, bewahren werden, – einer feierlichen, ganz blauen Nacht, voll Gestirne und Gesänge, in der die Ordnung und göttliche Einheit des Weltalls den Augen der Menschen sich zu offenbaren schien, die einen Augenblick aus ihrem Traum des Hasses und des Blutes erwachten und auf den beiden Schützenlinien zu singen begannen: »Hymnen, Hymnen überall«.

Doch, im Februar, Gemetzel, deren zunehmende Greuel einige knappe Aufzeichnungen mit genügender Schärfe ahnen lassen. Dann nehmen die Erzählungen eine raschere Bewegung an; man fühlt die schnellen Rhythmen und raschen Ansätze der Handlung, den herrischen Zwang rascher Pflichterfüllung, da der junge Sergeant die Verantwortung von Menschenleben trägt und furchtbaren, abgegrenzten Aufgaben gegenübersteht. Stets aber, im Getümmel des Gemetzels, und in der Eile des Dienstes, plötzliche und seltsame Augenblicke des Träumens und des Mitleids; und dann abends, welche unendliche Ruhe unter den Toten! In dieser Zeit hören die Aufzeichnungen über das Landschaftliche auf; die Beschreibung wird militärisch, technisch, oder aber der Gedanke verläßt die Erde. Einmal, gegen Ende, ein einziges Mal, ein Rückblick auf die eigene Person, eine kurze ergreifende Klage, beim Gedanken an die frühern Hoffnungen, an sein verlornes Künstlerschaffen und an die unendliche Größe des auferlegten Opfers: »Wie lang ist dieser Krieg für Menschen, die zweifellos eine Aufgabe zu erfüllen hatten! … Warum bin ich so aufgeopfert, während so viele, die mir nicht gleichkommen, geschont werden? und doch hatte ich etwas Gutes auf Erden zu tun! …« Herzzerreißender Seufzer, der uns noch mehr ergreift als die erhabenen Äußerungen dieser Seele, weil die bis dahin unterdrückte Qual plötzlich hervorbricht, – die ganze Hülflosigkeit des Menschen, die unsrige, bekennt sich hier, am Vorabend einer Passion – wie bei dem göttlichen Vorbilde. Mitunter ein Zweifel, der andauernde Anblick des Todes, die Müdigkeit, die ewige Trostlosigkeit des Regens und des Schlammes, die in ihm den Lebensdrang und den sehnsuchtsvollen Aufschwung des Geistes hemmen. Er war die junge Pflanze, von der er einmal spricht, die wuchs, nach dem Duft und der Pracht ihrer Blume sich sehnte, ihres Gottes sicher war, weil sie nur ihn, in sich lebend und wirkend, fühlte. Aber plötzlich spürt sie den Schauer, die Drohung der erbarmungslosen Kräfte. Wenn das Weltall leer, wenn in dem Endlosen dieser äußeren Welt, unter dem glänzenden Schein, nichts als eine gefühllose Notwendigkeit wäre? Wenn auch das Opfer Täuschung wäre? »Ich komme in die dunkeln Tage, wo das Nichts das letzte Ende aller Dinge zu sein scheint, während alles in meinem Leben die reiche Fülle des Weltalls mir bezeugte.« (2. Februar.) Und er stellt sich die qualvolle Frage: »Ist es überhaupt sicher, daß die sittliche Anstrengung ihre Früchte trägt?« Es ist wie wenn Gott ihn verließe. Doch diese Verdunkelung seiner inneren Erleuchtung vergeht rasch. Er findet die lichten stillen Höhen wieder, die er nur verläßt, wenn die Pflicht und der Kampf rufen, jene Höhen, nach denen er sich sehnte, als er schrieb: »Ich möchte, daß, wenn Ihr an mich denkt, Ihr das Bild von denen wachruft, die Alles verlassen hatten, … die den nächsten Verwandten nur noch in der Erinnerung bekannt waren, von denen sie sagten: »Wir haben einen Bruder gehabt, der vor langen Jahren von der Welt sich zurückgezogen hat.« (13. Januar) Wie seltsam der heitere Friede dieser Höhen ist, wie sehr von ihm selbst und allem Irdischen seine Betrachtungen losgelöst waren, das lassen zwei kleine Züge beurteilen: Er hat einmal nachts auf einem »mit menschlichen Körperteilen« und weiter in der Ferne mit Feuersbrünsten übersäten Schlachtfelde, unter dem von Sternen funkelnden Himmel, als Lagerstätte eine Aushöhlung gefunden, von der aus seine Augen die Mondsichel beobachten und das Kommen des Tages erspähen. Von Zeit zu Zeit platzt eine Granate, Erdschollen bedecken ihn, dann sinkt wieder Schweigen auf die erstarrte Erde nieder: »Ich habe sie teuer erkauft, ich hatte aber Augenblicke einer Einsamkeit, die von Gott erfüllt war.« (28. Februar.) An einem Abend irrt er nach fünf Schreckenstagen herum, (»wir haben keine Offiziere mehr, alle sind als tapfere Soldaten gefallen«) und steht plötzlich vor dem ausgestreckten Leichnam eines Freundes. »Weißer herrlicher Leichnam im Mondlicht … Ich habe in seiner Nähe ausgeruht.« (22. Februar) In der Unbeweglichkeit der Natur, neben diesem Toten, hat er die innere Ruhe gefunden; er empfindet nur Friede und Schönheit.


Diese Briefe sollen anonym bleiben, wenigstens solange man die Rückkehr des Verschwundenen erhoffen kann. Es genügt zu wissen, daß sie von einem Franzosen geschrieben sind, der mit Liebe und Glauben an den gemeinsamen Mühen und Gefahren teilgenommen hat, und froh war, in den Leiden und der Hingabe Aller die eigene Person zurücktreten zu lassen. Durch eine Gnade, auf die er kaum gefaßt war, als er die unberührte Stille seines Künstlerheimes mit dem Schweiß, dem schweren Dienst und der Unruhe des Soldatenlebens vertauschte, hat er ohne Zweifel hier sein Bestes offenbart, und man kann sich fragen, ob es ihm im regelmäßigen Verlauf eines abgeschlossenen Künstlerdaseins, je vergönnt gewesen wäre, mit dieser Fülle sein Wesen auszudrücken. Die ihn lieben, finden in diesem Gedanken den Trost, der ihnen helfen kann, Alles geduldig hinzunehmen. Seine Seele ist in diesen Briefen vielleicht wesentlicher und schöner, als sie selbst sie je gekannt haben. Auch Mark-Aurel schrieb im Verlauf eines Krieges seine Gedanken nieder. Vielleicht braucht es das Äußerste, um den Seelenadel des Menschen zu zwingen sich zu offenbaren; dann staunt man darüber, was die Seele in sich selbst entdecken kann, um es dem Schmerz und dem Tode entgegenzustellen. So offenbarten sich in den Tagen der Prüfungen so manche unserer Söhne und es erstand, zum Erstaunen seiner selbst und der ganzen Welt, das Wunder jenes Frankreichs, das noch nicht wußte, was es Alles bedeutete. Dadurch berühren uns solche Briefe so tief. Derjenige, der sie schrieb, hatte seine Seele mit dem Grundton der Allgemeinheit in Einklang gebracht. Unter dem mystischen Ausspinnen der Melodie, das sein eigenes Wesen in diesen Grundton hineinbringt, finden wir den erhabenen Gedanken wieder, den mehr oder weniger deutlich ausgedrückt, unsere Söhne und Brüder von der Front zu uns trugen, die hehre Melodie, die heute noch von dem ganzen kämpfenden Frankreich aufsteigt. In allen zur Erfüllung der hohen Pflicht versammelten Kameraden hatte er deutlich erkannt, was er Tiefes und Schönes in sich selbst entdeckte, und deswegen spricht er immer von ihnen, besonders von den einfachsten, mit soviel Liebe und Ehrfurcht. Was ein solches Leben, fern von den gewöhnlichen Sorgen und ehrgeizigen Träumen, so rauh, so kümmerlich mitten unter den ewigen Erscheinungen, ihnen allen bringt, ist eine bis dahin unbekannte »Großzügigkeit in den Bewegungen und Gedanken«, »die heitere Ruhe des Gewissens« und die Frische einer Empfänglichkeit, die sich allen Erscheinungsformen der Natur harmonisch anpaßt. Sie spiegeln nur noch die Natur in sich wieder. Weil sie sich selbst hingegeben und vergessen haben, hat sich für sie Alles in wunderbarer Weise vereinfacht. Sie erlangen die Durchsichtigkeit der Seele und die Erleuchtung der Kindheit wieder. »Wir verleben kindliche Tage, wir sind Kinder geworden«. (24. Dezember.)

Diese Verjüngung des Herzens, unter der täglichen Drohung des Todes, diese kindliche Ahnungslosigkeit in der täglichen Erfüllung der heroischen Pflicht, ist das nicht ein Zustand, der an die Gottseligkeit grenzt?

André Chevrillon.


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