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»Much Ado about Nothing«

 

Und, Max, nicht wahr, du vergißt nicht die Mutter Mollwitz – bitte, bitte! Sie hängt mich verkehrt auf, wenn sie hört, daß ich hier bin! Sei ein guter Junge und denke ja daran! Und noch eins, Max, wie gefällt sie dir?«

»Die Mutter Mollwitz? Na, hör' mal –«

»Ach, Unsinn – ich meine –« und eine Handbewegung nach rückwärts ersetzte die fehlenden Worte.

»Mhm!« war die ganze, aber vielsagende Antwort. »Na, also, adieu und auf Wiedersehen, Therese!«

»Auf Wiedersehen, Max!«

Die Szene dieses Gespräches war das weite, geräumige, freskengeschmückte Treppenhaus eines römischen Renaissancepalastes; die redenden Personen waren Max Graf Westermann, Leutnant bei den 30. Ulanen und kommandiert zur XYZschen Gesandtschaft, und seine Schwester, die junge verwitwete Freifrau v. Triberg, die nun die halboffne Tür mit freundlichem Kopfnicken hinter sich schloß, indes ihr Bruder langsam die breite Marmortreppe zum zweiten Stockwerk emporstieg, wo seine Zimmer lagen. Dort angelangt, zog er den Überzieher an, nahm Hut und Handschuhe und warf noch einen Blick in den Spiegel, einen langen Blick, aber es schien, als ob er sich selbst gar nicht damit sah. Eine Schönheit war er ja nicht, was man hier in Rom so unter Schönheit verstand; aber er war trotzdem ein ganz hübscher Mensch, groß, wohlgewachsen, mit offenen, männlichen Zügen, denen der »schneidige« Schnurrbart etwas Martialisches gab, welchem Ausdruck aber die gutmütigen, freundlichen und dabei fröhlichen Augen in etwas widersprachen. Er rückte sich die Krawatte zurecht und sah in dem Spiegel dabei gar nicht einmal auf dies zartgetönte Meisterwerk der letzten Mode mit dem kleinen goldnen Hufeisen als Nadel darin, er sah vielmehr statt sich selbst eine gertenhaft biegsame Gestalt mit krausem Haar von der Farbe eines reifen Ährenfeldes und darunter ein zartes, liebreizendes Gesicht mit Grübchen in den Wangen, aus denen ein Hauch von dem Farbenton der wilden Rose ruhte.

»Max, mein Sohn, was fällt dir ein?« damit riß der Attaché sich mit Gewalt los von dem holden Bilde im Spiegel, das nur er sah. »Ist dir der Schirokko in den Kopf gestiegen? So schnell? Oder ist an dir erfüllt, was Scheffel vom ›Trompeter‹ sagt: ›Den Mann hat's?‹ Nach der ersten Viertelstunde? O! o! Machen wir also, daß wir zur Mutter Mollwitz kommen.«

Und er ging, aber immer noch nicht wie gewohnt, mit schnellen Schritten, die Aufmerksamkeit auf alles gerichtet, was ihn umgab und ihm begegnete, denn er pflegte offnen Auges um sich zu schauen, sondern langsam, nachdenklich, mit in sich gerichtetem Blick, kurz, wie ein Mensch, den eben ein Gedanke ganz erfüllt.

Nun war die »Mutter Mollwitz« im gewöhnlichen Leben und für die Gesellschaft eigentlich Ihre Exzellenz die verwitwete Frau Staatsminister Melanie v. Mollwitz, die ihrem Bruder, dem Botschafter und Chef des Leutnants Graf Westermann, wie man so sagt, die Wirtschaft führte, das heißt, seinem Hause, dem immer noch die Hausfrau fehlte, als Repräsentantin vorstand und die Honneurs der Gesandtschaft machte. Die Wirtschaft führte sie dabei auch noch gründlich, nicht nur dem Namen nach, und es war, so weit der Name Mollwitz reichte, sattsam bekannt, daß die gute Dame an der deutschen Hausfrauenkrankheit, der »Scheuralgie«, litt, vor der selbst die höchste Lebensstellung nicht schützt. Mit dem bloßen Staubabwischen kostbarer Nippes und persönlichem, gelegentlichem Überwachen häuslicher Arbeiten begnügen sich die also »Behafteten« dann ebensowenig, wie Ihre Exzellenz es tat. Schon in den seligen Tagen, da der häusliche Dulder v. Mollwitz am Ruder eines Staatsschiffs saß, hatte man Ihre Exzellenz oft dabei ertappt, wenn sie die Treppe fegte, die Wäsche im Vorgarten des Staatsministeriums aufhängte oder im Vestibül die Unaussprechlichen Seiner Exzellenz mit der Klopfpeitsche bearbeitete, daß es eine Lust war zu sehen, und nun, als Repräsentantin Seiner Exzellenz des Botschafters v. Grünholz, setzte sie diese ihr so lieben Beschäftigungen mit gleicher Energie und Lebendigkeit fort zum Gaudium des gesamten diplomatischen Korps und zum maßlosen Erstaunen der Gesellschaft des schwarzen wie des weißen Roms. Da sie es aber sonst mit ihren repräsentativen Pflichten ernst nahm, schon weil sie persönlich die Geselligkeit liebte, so drückte man über ihre häuslichen Eigentümlichkeiten und Liebhabereien gern ein Auge zu und besuchte die Salons der Gesandtschaft mit großem Eifer; nicht, weil die Verpflegung dort besonders gut und reichlich gewesen wäre – das konnte kein Mensch behaupten – sondern weil man sich vor dem Mundwerk Ihrer Exzellenz fürchtete. »Die Mutter Mollwitz« wurde sie, hinter ihrem Rücken natürlich nur, von aller Welt genannt, gleichgültig, ob man es Mutter, mère, madre oder matuschka aussprach; wer die Bezeichnung aufgebracht, wußte man eigentlich nicht mehr genau, aber wir dürfen schon verraten, daß es Max Westermann war, der die energische Dame nie anders nannte schon von seiner frühen Jugend an. Denn seitdem stand Ihre Exzellenz in nahen Beziehungen zu seiner Familie, zu deren jüngeren Gliedern sie mit der Zeit in jenes gewisse »tantliche« Verhältnis getreten war, das seinen Ausdruck darin fand, daß sie sich berechtigt glaubte und verpflichtet fühlte, den »Jöhren« den Kopf zu waschen, sie zu erziehen und herunterzuputzen, wo immer sich die Gelegenheit bot. Das gehört nun mal so zu den »Tanten aus Courtoisie« oder »Polkatanten«, wie Max Westermann diese Spezies nannte. Daß er inzwischen ins Leben getreten und seine Schwester gar schon Witwe war, änderte nichts an der süßen Gewohnheit – darin wie in vielem andern war Mutter Mollwitz streng konservativ.

Zu ihr also lenkte Max Westermann an jenem Nachmittag seine Schritte, denn daß er nachher oder vorher noch pflichtgemäß das Bureau der Botschaft besuchte, um etwaige ihm zugedachte Arbeiten zu erledigen, war nur ein Vorwand, Beiwerk sozusagen! Mutter Mollwitz hielt die Attachés eigentlich für ihren Stab, dessen vornehmste Pflicht war, sich ihr zur Verfügung zu stellen, und jedenfalls wußte sie »diese Leute« reichlich zu beschäftigen.

Fünf Uhr hatte es eben erst auf dem Kapitol geschlagen, und die »Gesellschaft« pflegte um diese Zeit von ihren Spaziergängen oder Ausfahrten zurückzukehren. Mutter Mollwitz thronte also noch allein hinter ihrem Teetisch und benutzte die kostbare Zeit, um eine wollene Socke zu stricken; sie strickte immer Socken von Wolle, Vigogne oder Baumwolle, je nach der Jahreszeit, und kein Mensch begriff, daß der Gesandte solch grobes, graues Zeug tragen konnte, denn für ihn schaffte sie mit diesem schönen Eifer, wie sie männiglich mitzuteilen nicht verfehlte. »Er ist ein kolossaler Strümpfezerreißer,« versicherte sie, »da sind selbstgestrickte viel billiger, weil man die so schön anstricken kann.« Woraus erhellt, daß auch bei solchen Leuten mit solchen Gehältern die Strumpfpreise eine Rolle spielen. Wenigstens behauptete Mutter Mollwitz das mit großem Nachdruck, trotzdem sie es nur bei einigen sehr leicht einzuschüchternden und devoten Hausfrauen ihrer Kreise, nie aber bei einer Römerin erreichte, daß sie in ihrer Gegenwart so taten, als folgten sie ihrem leuchtenden Beispiel.

»Na, Max, da sind Sie ja!« rief sie dem eintretenden Attaché entgegen. »Warum sind Sie denn so lange nicht zu meiner Teestunde hier gewesen? Was? Zu tun hatten Sie? Ach, papperlapapp! Die Cour haben Sie geschnitten, mit die hübschen jungen Mädels gekaschbert oder mit den ›schönen‹ Römerinnen karmauzelt! Reden Sie mir nichts vor – ich kenne die jungen Leute! Na, nun setzen Sie sich her und warten Sie hübsch auf Ihre Tasse Tee. Ich brühe ihn erst, wenn andre kommen, sonst wird er bitter. Gott, wenn ich Sie mir so mit Ihrem ›Es ist erreicht‹-Schnurrbart ansehe und bedenke, daß ich Sie schon in Ihren ersten Hosen bewundert habe und die Therese noch im Sabberlätzchen – apropos, wann kommt denn die Therese nun eigentlich –?«

Max Westermann holte tief Atem – der Augenblick zur Schlacht war gekommen ohne seine diplomatische Einleitung, auf die er sich schon so wohl vorbereitet hatte. Aber bei Mutter Mollwitz ging alle Diplomatie in die Brüche, da war nichts zu wollen.

»Sie ist schon da, Exzellenz,« sagte er mit wohlgeheuchelter Vergnügtheit.

»Waaaaas?«

»Seit gestern abend, Exzellenz,« fuhr er im gleichen Ton fort mit einem liebevollen Blick auf die grauwollene Socke, die nun müßig in Mutter Mollwitzens Schoß ruhte. »Sie ist furchtbar müde von der Reise und hat mich beauftragt, Exzellenz ihren Handkuß zu überbringen. Natürlich wird Therese selbst sofort erscheinen und ihren Besuch machen, sobald sie etwas ausgeruht ist und ihren Koffer ausgepackt hat –«

»Natürlich,« unterbrach ihn Frau v. Mollwitz mit geschwungener Stricknadel. »Aber warum hat sie mir denn nicht vorher geschrieben? Und Sie, Max, hätten doch auch den Mund aufmachen können, mir was zu sagen, damit ich euch hätte raten können, wo ihr sie unterbringen könnt, statt euer Geld einem teuern Hotel in den Schlund zu werfen. Wo ist sie denn abgestiegen?«

Max Westermann holte nochmals tief Atem: die Schlacht stand auf dem Entscheidungspunkt.

»Sie ist gleich in ihre Wohnung gegangen, Exzellenz,« erwiderte er, Rüffel Nr. 1 in Gedanken als genossen quittierend. »Ich habe es nämlich übernommen, ihr ein Privatquartier zu besorgen, was ja doch angenehmer und billiger ist, da sie den ganzen Winter hier bleiben will.«

»Selbstverständlich!« rief Mutter Mollwitz dazwischen. »Sie wird doch nicht so töricht sein, ins Hotel zu gehen auf so lange Zeit oder sich in einer Pension mit Krethi und Plethi zusammen zu setzen! So, und Sie haben ihr eine Wohnung gemietet, Max? Sie? Konnten Sie da nicht zu mir kommen und um Rat fragen? Ich wäre doch gern mit Ihnen von Pontius zu Pilatus gerannt, schon um den Leuten von ihren unverschämten Preisen gründlich abzuhandeln!«

Da dieser Umstand den armen Attaché gerade zu seiner strafbaren Eigenmächtigkeit veranlaßt hatte, weil er sich bei dem ihm wohlbekannten »Abhandeln« der Mutter Mollwitz nicht ein dutzendmal wie ein Pudel schämen wollte, so schluckte er auch Rüffel Nr. 2 hinunter.

»Die Zeit drängte, Exzellenz,« entgegnete er sanft, »und überdies bot sich mir eine sehr gute Gelegenheit, die ich schleunigst ergriff, da noch eine Masse andre Aspiranten auf dieselbe Wohnung da waren.«

»Da werden Sie wohl was Nettes ausbaldowert haben,« fiel Frau v. Mollwitz dieser etwas ausgeschmückten Darstellung in die Parade. »Haben Sie sich auch alles ordentlich angesehen? – Rauchen die Öfen und die scheußlichen Kamine nicht? Gibt's keine Wanzen und Flöhe in den Betten, hinter den Tapeten und unter den Dielen? Sie werden doch nicht etwa Zimmer mit Estrich genommen haben? Na, und so weiter. Jesses! Mietet so 'n junger, unerfahrener Mensch ohne meinen Rat eine Wohnung und bringt seine leibliche Schwester hinein! Was hat Ihnen denn das arme Wurm getan? Ich werde Ihnen eine Adresse geben, wo Sie das Insektenpulver im Pfunde billig kriegen. Sie leichtsinniges Huhn Sie! Wo ist denn die Wohnung?«

»Sehr gut gelegen, Exzellenz,« erwiderte der also Gerüffelte liebenswürdig, denn der Strom ergoß sich nicht unerwartet über sein Haupt. Das Schlimmste kam ja auch noch. »Es ist der erste Stock im Palazzo Toffano, in dessen zweitem Stock ich selbst wohne.«

»Max, sind Sie verrückt geworden?« kreischte Mutter Mollwitz auf, die Hände zusammenschlagend.

»Wieso, Exzellenz?« fragte er unschuldig. »Der Palazzo liegt ausgezeichnet, hat einen großen Garten, die Räume sind herrlich, groß, luftig und sehr gut eingerichtet. Die Öfen rauchen auch nicht –«

»Das fehlte gerade noch – in so 'nem Hause,« fuhr ihm Ihre Exzellenz in die Rede. »Übergeschnappt sind Sie, sage ich! Der Palazzo Toffano! Mensch, das kostet ja ein Heidengeld! Ein Hei-den-geld, sage ich! Sie denken wohl, die Therese hat einen – Rothschild totgeschlagen?«

»Die Therese ist in einer sehr guten Lage –«

»Aber doch nicht, um das Geld zum Fenster 'rausschmeißen zu können! Und was will sie denn mit solch großer Wohnung machen? Hä? Das sind ja mindestens zehn Zimmer – pah, Säle sind's!«

»Vierzehn Piecen, alles in allem,« berichtigte Max Westermann mit verbindlichstem Lächeln.

»Vierzehn Piecen!« wiederholte Mutter Mollwitz mit einem Blick zum Himmel. »Sie ist wohl in Ohnmacht gefallen, wie sie die gesehen hat, was? Max, ich werde dafür sorgen, daß Sie unter ärztliche Aufsicht kommen, denn das ist doch ein starkes Stück. Vierzehn Piecen!«

»Ja, aber sie benutzt sie nicht alle.«

»Benutzt sie nicht alle! Natürlich nicht, sie müßte sie denn brauchen wollen, um sich darin im Radschlagen zu üben!«

»Denn die reichliche Hälfte der Wohnung hat eine Dame genommen, mit der Therese schon den ganzen Sommer gereist ist und mit der sie sich verabredet hatte, den Winter in Rom zuzubringen,« schloß Max Westermann mit scheinbarer Seelenruhe seinen diplomatischen Auftrag, innerlich aber alle die eingeheimsten Injurien auf das Kerbholz seiner »Polkatante« schreibend. Denn auch der Wurm krümmt sich, wenn er getreten wird.

»So, so, also Therese zahlt den kleineren Teil des Sündengeldes. Na, das läßt sich schon eher hören,« meinte Ihre Exzellenz etwas besänftigt, trotzdem das Geld weder ganz noch geteilt aus ihrer Tasche gefordert worden war. »Immerhin ist die Wohnung auch so noch unsinnig groß. Wer ist denn diese Dame?«

»Die Fürstin Woszgorod, Exzellenz.«

»Kenn' ich nicht. Russin?«

»Ich weiß es wirklich nicht. Der Name klingt eher polnisch.«

»Na, daß sie sich nur nicht holländisch dünne macht und die Therese mit der ganzen Wohnung sitzen läßt – unbezahlt natürlich. Ist schon vorgekommen, lieber Max! Wo hat sie denn die Person aufgegabelt?«

»Therese ist nicht so rasch zur Hand, sich jemand ›aufzugabeln‹,« erwiderte der arme Attaché, sich nun sichtbarer krümmend. »Soviel ich weiß, hat sie die Fürstin im Frühjahr in Baden-Baden kennen gelernt, wo Therese in den besten Kreisen verkehrte –«

»Da trifft man oft den größten Schund,« fiel Exzellenz mehr wahr als höflich ein.

»Und beide Damen scheinen dort eine gegenseitige Zuneigung zueinander gefaßt zu haben,« vollendete Max mit so viel erhobener Stimme, als ihm die gute Lebensart und der Respekt vor der älteren Dame, der Repräsentantin seines Chefs, erlaubten. Die Mutter Mollwitz ging ihm doch manchmal furchtbar auf die Nerven!

»So! Na, die Therese muß ja wissen, was sie tut, ein Baby ist sie nicht mehr,« meinte Exzellenz trocken. »Haben Sie diese Fürstin Woschi-Groschi schon gesehen? Altes Register, was?«

»Witwe. Jung und sehr schön,« entgegnete Max resigniert.

»Pöhhhh! Nachtigall, ich hör' dir trapsen!« zitierte Exzellenz mit einem langen und vielsagenden Blick auf das unglückliche Opfer brüderlicher Gefälligkeit. »So, so. Ich werde mir diese neue Freundin Theresens mal ansehen. Sie braucht sie mir nicht gleich herzubringen. Nicht eher, als bis ich's ihr sage. Verstanden? Ja, Vorsicht ist die Mutter der Weisheit und der Porzellantöpfe! Man muß so wie so schon eine Masse Leute empfangen, die nicht gesiebt worden sind, und ich will diesen Winter besser aufpassen, wer in die Botschaft kommt. Wie war der Name? Woszgorod? Gehört muß ich den schon haben. Aber wo? Na, ich werde schon dahinter kommen – man hat dazu seine Verbindungen –«

Hier wurde der arme Attaché erlöst durch das Erscheinen eines ganzen Trupps Damen und Herren der diplomatischen Kreise, was Mutter Mollwitz Gelegenheit gab, ihren Teepott aufzubrühen.

Man kam gern in geschlossener Phalanx zu ihrem jour fixe, denn es lag Sicherheit, wenigstens eine relative Sicherheit in diesem Manöver; allein getraute man sich nur ungern in die Höhle des Löwen wegen der dann reichlicher und zwangloser fließenden »Wahrheiten«, wie Mutter Mollwitz ihre Grobheiten zu nennen beliebte. Um gerecht zu sein: in diesem frommen, das heißt niederträchtigen Selbstbetrug sind meist die Leute befangen, die sich verpflichtet fühlen, andern die sogenannte Wahrheit zu sagen.

Max Westermann empfahl sich, sobald er das mit einigermaßen guter Manier tun konnte; aber er stieg die Treppen des Botschaftshotels immer noch, figürlich gesprochen, mit gesträubten Federn hinunter.

»Greuliches altes Weib,« kommentierte er dabei inwendig Ihre Exzellenz. »Die sieht mich sobald nicht wieder. Was diese alten Hexen immer gleich zusammen kombinieren, das ist einfach nicht zu glauben; wo unsereins ahnungslos ist wie ein Kind in der Wiege, da schnüffeln diese sozialen Waschweiber gleich Dinge aus, daß einem übel werden könnte. Ob Therese – Unsinn, Therese ist eine harmlose Seele und denkt nicht daran, sich einen Kuppelpelz zu verdienen! Daß einem doch auch gleich solch eine – – die ganze Harmlosigkeit vergällen muß – es ist einfach gräßlich! Gräßlich, sage ich! Puh!«

»Lieber Westermann, Sie sind ja kolossal in Gedanken,« schreckte ihn eine Stimme dicht neben sich aus seinen empörten Meditationen, und förmlich zurückprallend sah er seinen Chef vor sich stehen, der eben aus seinem Bureau des Erdgeschosses getreten war. »Wer hat Ihnen denn droben so die Gedanken absorbiert, daß Sie weder hören noch sehen? Ich wollte eben auch mal einen Blick in den Salon werfen, sonst kriege ich eine Gardinenpredigt von meiner Schwester – hören Sie, lieber Westermann, Sie haben für einen Diplomaten ein viel zu ausdrucksvolles Gesicht, denn ich kann darauf deutlich die Gardinenpredigt lesen, die Sie oben erwischt haben. Sonderbare Passion von meiner Schwester, die Leute ohne Ansehen der Person herunterputzen zu müssen. Leider gibt's immer noch viele, die das übelnehmen, aber ich dachte. Sie wären nun nachgerade daran gewöhnt –«

Max Westermann mußte unwillkürlich lachen.

»Exzellenz haben ganz recht – aber Frau von Mollwitz verfügt über so viel überraschende Varianten, daß man immer wieder daran zu verdauen hat,« konnte er sich nicht enthalten zu sagen, denn es bestand in diplomatischen Kreisen der Verdacht, daß Herr von Grünholz Material sammelte, um der strengen Herrschaft seiner Schwester damit ein Ende zu bereiten, das er von dem Tage an ersehnt hatte, da sie ihm zum erstenmal den Schreibtisch aufgeräumt und höchstselbst die Fenster geputzt hatte zum Erstaunen der Passanten. Gutmütige Seelen hatten ihm auch schon angedeutet, daß das wirksamste Mittel zur Vertreibung von Mutter Mollwitz wäre, eine Frau zu nehmen – man behauptete sogar, diese Idee habe Wurzel gefaßt im tiefsten Schreine des Herzens Seiner Exzellenz, aber wenn man fünfundfünfzig Jahre alt geworden ist, ohne ein Weib genommen zu haben, so ist die Sache nicht so einfach, wie töchterreiche Mütter denken. Auf alle Fälle war Exzellenz noch eine sehr stattliche Erscheinung, die im Verein mit seiner Stellung ihm das Anrecht gab, sogar in jüngern Sphären zu wählen. Man konnte also gar nicht wissen, was noch passierte, um Mutter Mollwitz aus diesem Paradies zu vertreiben, wo das Großreinemachen das ganze Jahr nicht aufhörte und so vielen Menschen die »Wahrheit« gesagt werden mußte. Exzellenz schmunzelte sichtlich zu den Worten seines Attachés, schon weil geteilter Schmerz bekanntlich halber Schmerz ist.

»Ja ja, darin ist sie großartig,« meinte er behaglich. »Übrigens,« setzte er geschäftsmäßig hinzu, wollte ich Sie rufen lassen, lieber Westermann, man sagte mir aber, daß Sie oben wären, und da war ich eben auf dem gleichen Wege. Kommen Sie mit mir in mein Zimmer, dort kann ich Ihnen gleich sagen, was ich von Ihnen will.«

Der Attaché folgte seinem Chef nicht ohne eine leise Neugier in dessen Arbeitszimmer, denn dienstlich hatte er mit ihm noch wenig zu tun gehabt, einmal, weil er noch nicht lange hier war und dann war seine Stellung bei der Botschaft doch eine mehr dekorative, als tätig in den Gang der Geschäfte eingreifende.

»Ich habe einen diplomatischen Auftrag für Sie,« begann Herr von Grünholz und fügte lächelnd hinzu: »Na, machen Sie kein so wunderbar erstaunt-erwartungsvolles Gesicht – man kann Ihnen wahrhaftig jeden Gedanken davon ablesen – was Sie zu tun haben, wird Ihrem Verstande nichts zumuten. Sie haben weiter nichts zu tun, als morgen Ihre Paradeuniform anzuziehen und der Königin ein eigenhändiges Schreiben unsrer allergnädigsten Königin zu überreichen, zu dessen Bestellung man diesen förmlichen Weg aus mir unbekannten Gründen für dieses Mal gewählt, beziehungsweise befohlen hat. Wahrscheinlich steht in diesem Briefe nichts drin, was Man so ›nichts‹ nennt, aber trotzdem scheint man von – äh – andrer Seite hochpolitische Mitteilungen darin zu vermuten, denn man hat nicht weniger als drei Versuche gemacht, den Kurier, der den Brief gebracht, unterwegs zu kidnappen, das heißt, ihm das Schreiben zu entführen. Jedenfalls hat man ihn für den Überbringer andrer politischer Schriftstücke gehalten, für die auch ein andrer Weg gewählt wurde, aber solche Irrtümer können den geschicktesten politischen Agenten passieren. Agenten, lieber Westermann! Ich hörte Sie neulich das Wort ›Spion‹ gebrauchen für dieses notwendige Übel – wir haben keine Spione, nur Agenten. Also, um zur Sache zu kommen: Sie sollen den Brief morgen übergeben – ich habe dazu schon die nötigen Schritte getan. Ich selbst habe eine Sitzung, die ich nicht verlegen kann, na, und für solche Sachen sind doch die Attachés da – voilà! Haben Sie ein Portefeuille bei sich, damit sie den Brief gleich mitnehmen können? Ja? Na, das ist gut. Hier ist er – Siegel unverletzt. Um zwölf ist die Audienz, wenn nicht Gegenbefehl kommt. So, das wäre erledigt. Verlieren Sie mal bloß den Brief nicht, das könnte eine nette – Melange geben. Und um von was anderm zu reden: ich höre, Ihre Frau Schwester ist angekommen – bitte, empfehlen Sie mich ihr bestens – sehr hübsche und liebenswürdige Dame, Ihre Frau Schwester. Hat so ein nettes, betuliches Wesen – sah sie zum letztenmal, als ihr Mann noch lebte, sind nun auch schon – lassen Sie mal sehen – ja, fünf Jahre sind's. Die Zeit vergeht, und man wird leider alt dabei. Mit wem hat Ihre Frau Schwester doch die Beletage im Palazzo Toffano zusammen gemietet?«

Max Westermann wunderte sich, daß sein Chef das trotz aller Geheimhaltung schon wußte, aber er war eben noch ein diplomatischer Neuling und dachte nicht gleich an die »Agenten«.

»Weiß ich schon seit acht Tagen, daß und an wen das Logis vermietet ist,« schmunzelte Herr v. Grünholz, seinem Attaché die Gedanken vom Gesicht lesend. »Meine Schwester – keine Ahnung! Sie ahnt auch zum Glück – wollte sagen natürlich, nicht, daß ich solche Sachen vor ihr erfahre. War ganz schlau von Ihnen, lieber Westermann, die Geschichte geheim zu halten, werden Sie aber noch lange unter die Nase gerieben kriegen. Also, mit wem ist Frau von Triberg gekommen? Aus dem Namen hat man nämlich einen schauerlichen Kuddelmuddel gemacht. Woszgorod? Fürstin Woszgorod? Hm! Etwa Witwe von dem alten Woszgorod, der vor zirka zehn Jahren Gouverneur von Dingsda war? War viel älter als ich – ganz slawischer Grandseigneur – hat eine Unmasse Geschichten geliefert – auch mal eine cause célèbre, wenn ich nicht sehr irre – war etwas mit einer seiner Frauen – mehrmals verheiratet gewesen. Ganz jung ist die Freundin Ihrer Schwester? Bin neugierig, ob sie zur Familie des Generals Ladislaus Woszgorod gehört, den ich meine. Na, also auf Wiedersehen, lieber Westermann, und vergessen Sie nicht meine Empfehlungen an Frau von Triberg!«

Max Westermann nahm eine Droschke und fuhr zurück nach dem Palazzo Toffano, dessen Besitzer, um seinen bedrängten finanziellen Verhältnissen in etwas aufzuhelfen, sein fürstliches Stammhaus vermietet hatte und selbst billig im Ausland lebte. Das Erdgeschoß des in herrlichem, aber etwas verwildertem Park liegenden historischen Gebäudes barg in den Haupträumen die großartige Bibliothek, auf die der Vatikan schon längst ein Auge geworfen und für die er eine hohe Summe geboten hatte; vermietet wurden die Beletage mit ihren königlich prächtigen Zimmern und im zweiten Stock die drei Zimmer, welche Max Westermann innehatte, während die andern Gemächer die kleine, aber aus lauter Meisterwerken bestehende berühmte Gemäldegalerie enthielten, die dem Publikum gegen einen Permesso, den die Konsulate ausgaben, geöffnet war und immer einen Strom von Fremden anlockte, die sich dem Odium nicht aussetzen wollten, in Rom gewesen zu sein, ohne die Galeria Toffano gesehen zu haben. Aber auch kopierenden Künstlern und solchen, die es zu sein glaubten, war die Galerie zugänglich, denn die Toffano hielten ihr altes Prestige als Kunstmäcene durch alle Wechselfälle der Generationen aufrecht, ohne etwas dafür zu fordern. Ein »mancia«, zu deutsch Trinkgeld genannt, an den Kastellan war alles, was der Besucher zu entrichten hatte, und der alte Marzio stand sich gut dabei, schon weil im »Bädeker« die ungefähre Höhe des Obulus normiert war.

In seinen Zimmern angelangt, schloß der Attaché zunächst das ihm anvertraute Schreiben in seinen Schreibtisch ein und stieg dann hinab in die Beletage, um seine Schwester aufzusuchen. Er trat ohne weiteres in das verhältnismäßig kleine Zimmer, das sie sich als Boudoir ausgesucht, und fand sie bei noch nicht angezündeten Lampen am Kaminfeuer »Schummerstunde« halten, wie sie es liebte. Wenig älter als ihr Bruder, war Frau v. Triberg wirklich eine sehr hübsche Frau. Aber sie war mehr als das, denn sie war bei der einfachsten Natürlichkeit ihres Wesens eine wahrhaft liebenswürdige Natur ohne Launen und von größter Gleichmäßigkeit ihres heitern Temperaments. Nach dem jähen Ende ihrer kurzen Ehe – ihr Gatte war auf einer Jagd verunglückt – hatte sie sich bald dem Leben wieder zugewendet.

»Guten Abend, Max,« rief sie ihrem Bruder entgegen. »Schon zurück vom Drachenfels? Und ganz heil?«

»Na, ich danke,« gab er heiter zurück. »Wenn nach der Sitzung ein Hund noch ein Stück Brot von mir nimmt, dann ist er eben nicht wählerisch. Freu' dich, Therese, du kriegst auch noch deine Standpauke von der Mutter Mollwitz, besonders wegen deines unverantwortlichen finanziellen Leichtsinns. Aber sie läßt dich schön grüßen, und mein Chef hat mir wiederholt die besten Empfehlungen an dich aufgetragen.«

»Danke schön!« erwiderte Frau v. Triberg sichtlich erfreut. »Exzellenz Grünholz war immer sehr nett zu mir – wie doch Geschwister so grundverschieden sein können, nicht?«

»Die beiden gleichen sich wie der Dorftümpel dem Bergsee,« gab Max zu. »Du, der Chef hat mir heut' eine diplomatische Mission anvertraut,« setzte er mit der fast knabenhaften Freude hinzu, die charakteristisch bei ihm war und ihm die Frische bewahrt harte, die nicht zum mindesten zu der Beliebtheit beitrug, deren er sich in allen Kreisen erfreute, weil sie so vorteilhaft abstach von der wirklichen und affektierten Blasiertheit seiner Alters- und Standesgenossen.

»Ach was!« sagte Frau v. Triberg interessiert.

»Tatsache!« nickte er. »Ich soll einen Brief unsrer Königin Ihrer Majestät hier überreichen. Morgen. Das ist alles, aber, immerhin doch etwas. Den Brief habe ich schon anvertraut erhalten –«

»Hoffentlich enthält er keine wichtigen Staatsgeheimnisse,« sagte eine melodische Stimme hinter ihm, und sich jäh umwendend, sah er nun erst in einer dunkeln Ecke des Zimmers in einem tiefen Lehnstuhl eine schlanke Gestalt mit lichtestem Blondhaar sitzen: die Fürstin Woszgorod!

»Durchlaucht – Sie hier?« rief er perplex. »Ich hatte ja keine Ahnung.«

»O, ich bin auch hier gar nicht zu sehen, und Sie stürmten herein in dem festen Glauben, Ihre Schwester allein zu finden,« erwiderte dieses reizendste aller weiblichen Wesen mit dem zarten, blumenhaften Gesicht und den ernsten Kinderaugen freundlich lächelnd. »Aber es war Zeit, daß ich mich meldete, ehe Sie Staatsgeheimnisse verrieten.«

»Leider habe ich nur verraten, welch kindischer Kerl ich bin,« entgegnete Max Westermann, die ihm gereichte Hand mit den blitzenden Diamantringen küssend.

»Sie haben verraten, daß Sie ein ebenso natürlicher Mensch sind wie Ihre Schwester,« erwiderte die Fürstin. »Sie haben keine Ahnung, welcher Segen die Gesellschaft Theresens für mich geworden ist,« setzte sie mit einem sonnigen Lächeln hinzu. »Daß ich diese Perle auf meinen Lebenswegen finden mußte, war für mich ein großes Glück. Nein, Therese, Sie dürfen nicht protestieren oder mich für eine banale Schmeichlerin halten!«

»Gott bewahre – ich will ja nur das Kompliment zurückgeben,« meinte Frau v. Triberg.

»Ich möchte wissen, mit welchem Grunde,« rief die Fürstin lebhaft. »Ich bin ursprünglich auch natürlich veranlagt und heiter und warmherzig, aber alles das hat mir das Leben genommen, und ich bin so schrecklich alt geworden –«

»Dabei ist der ganze Wurm zweiundzwanzig Jahre alt,« fiel Frau v. Triberg mit herzlichem Lachen ein.

»Ach, die Jahre machen's nicht,« sagte die Fürstin traurig. »Aber,« fügte sie schnell hinzu, »Therese, Sie haben verstanden, mir einen Schein meiner Jugend zurückzugeben. Sie sind eine so sympathische Natur, die alles Schlafende in der Menschenseele weckt, ohne nach ›wie‹ und ›warum‹ zu fragen.«

»Vertrauen muß von selbst kommen,« murmelte Therese.

»Nicht wahr?« rief die Fürstin lebhaft. »Ich habe so lange zu keinem Menschen mehr Vertrauen haben können, aber ich hatte es zu Ihnen, als ich die ersten Worte mit Ihnen sprach. Das ist Instinkt, glaube ich. Ihre Schwester, Gras Westermann, faßt auch, was man so ›Vertrauen‹ nennt, richtig auf. Die meisten Leute verstehen darunter, daß man ihnen umgehend seine ganze Lebensgeschichte mit allen Details bis ins dritte und vierte Glied rückwärts erzählt – aber macht es das? Manche Menschen können nicht über Vergangenes sprechen; dazu gehört eine besondere Stunde, die gerufen nicht kommt. Therese weiß nichts von mir, gar nichts, und hat mich doch in ihre Nähe gezogen – auf mein ehrliches Gesicht hin.«

Frau v. Triberg nickte der lieblichen Sprecherin freundlich zu. »Das ist auch Sache des Instinkts, Djavahir,« sagte sie.

»Djavahir? Sie heißen Djavahir, Fürstin?« fragte Westermann. »Welch seltsamer, schöner Name! Er klingt – wie soll ich's nur ausdrücken – er klingt wie ein Notturno von Chopin.«

»Er ist persisch,« erklärte sie, »und bedeutet ›Diamant‹. Meine Eltern waren in Teheran, als ich geboren wurde, und gaben mir zur Erinnerung an diesen Aufenthalt den dort ziemlich gebräuchlichen Namen. Aber nun denken Sie, Graf, welche Freude ich gleich am ersten Tage in Rom hatte: ich darf in der Galerie des Palazzo Toffano kopieren! Und den herrlichen Guido Reni vor allen – wie lange habe ich davon geträumt!«

»Durchlaucht sind Künstlerin?«

»Wirklich, das ist sie!« rief Frau v. Triberg enthusiastisch. »Nicht Dilettantin, die nur Leinwand und Papier verdirbt pour passer le temps, nein, Künstlerin mit Wollen und Können!«

»Es ist das einzige, was ich kann, ordentlich kann, was mir Freude macht und was ich tun muß, malgré moi,« erwiderte die Fürstin ohne die törichte falsche Bescheidenheit, daran der Amateur kenntlich ist. Sinnend fuhr sie fort: »Ich weiß nicht, was aus mir geworden wäre ohne diese Gabe und die unbesiegbare Sehnsucht, sie auszuüben, ohne die ernsten Studien, an deren Ende ich ja noch lange nicht angelangt bin. Aber das Kopieren in den Galerien ist für mich so schwer, ja unmöglich gewesen – darin hat es die einfache Kunstschülerin so tausendmal besser und leichter als ich, die überall ihren Rang und Stand mit sich schleppen muß. Und nun darf ich hier malen, ganz ungestört und unbeobachtet, ganz allein in den Stunden, wo keine Besucher kommen. Und noch dazu den Guido, von dem ich so lange schon geträumt! Mein erster Weg in Rom war, mir einen bespannten Blendrahmen zu bestellen, und morgen schon fange ich an – unter der allerhöchsten Protektion Signor Marzios. Ich bin so glücklich und froh wie ein Kind!«

»Ich auch, für Sie!« versicherte Westermann, der seine Augen nicht von der Fürstin abwenden konnte. »Aber Ihre Kunststudien, Fürstin, werden Sie doch hoffentlich nicht ganz uns, das heißt der Geselligkeit entziehen?«

»O, ich weiß nicht, ob ich viel davon sehen werde. Therese meint, ich würde den Verkehr mit den diplomatischen Kreisen nicht vermeiden können durch ihre Beziehungen, aber vorläufig will ich nicht Tee in Rom trinken und tanzen, sondern Kunst schwelgen.«

»Alles mit Abwechslung, liebe Djavahir,« meinte Frau v. Triberg. »Der Knicks bei Mutter Mollwitz bleibt Ihnen doch nicht erspart, und hat diese Sie einmal dingfest gemacht, da haben Sie die erste Pfeife, nach der Sie nolens volens tanzen müssen. Man wandelt nicht ungestraft unter den Palmen von Mutter Mollwitzens Salon.«

Max Westermann dachte mit Grausen an die Worte seiner »Gönnerin« im Botschaftshotel zurück, die, wie er sehr genau wußte, keine leeren waren, denn das konnte Mutter Mollwitz ihr bitterster Feind nicht nachsagen, daß sie nicht tat, was sie verhieß. Und seine harte Aufgabe war's, seiner Schwester den Auftrag betreffs des Besuchs der Fürstin zu »stecken«! Hätte er sie doch nur allein vorgefunden! Wie sollte sie nur jetzt den Besuch ihrer Freundin im Botschaftshotel aufschieben, ohne die Fürstin zum mindesten doch mißtrauisch zu machen? Aber als diese Gedanken ihm noch durch den Kopf fuhren, erschien die schmucke Zofe seiner Schwester und meldete den Gesandten an. Erstaunt und überrascht von soviel Courtoisie, bat Frau v. Triberg Exzellenz hereinzuführen, indem sie befahl die Lampen zu bringen, und der Attaché ging seinem Chef entgegen, um der Zofe für diesen Befehl freie Hand zu lassen.

»Will doch ihre Frau Schwester selbst begrüßen, ehe sie bei uns Besuch macht,« erklärte Herr v. Grünholz, den Paletot in der Vorhalle ablegend. »Ist mir aber sehr lieb, daß ich Sie vorher sprechen kann, lieber Westermann, weil ich Ihnen dann gleich sagen kann, daß Ihre Audienz eine halbe Stunde später bestimmt worden ist. Also um halb eins! Und dann ja – äh – Sie sollen über die Sache nicht sprechen. Verstanden? Nach eben eingetroffenen Depeschen sind nämlich die Versuche, den Kurier zu kidnappen und ihm den bewußten Brief zu – sagen wir – entführen, doch nicht so ganz auf einen Irrtum zurückzuführen, und der scheinbar harmlose Brief ist nur der unschuldige Deckmantel für wichtige Mitteilungen. Also Achtung, daß Ihnen die Geschichte nicht gestohlen wird.«

»Ach, Exzellenz, es weiß ja keine Seele, daß ich ihn habe!« entgegnete Westermann, den der Gedanke, daß er schon darüber gesprochen, brühwarm überlief, wenn auch die Beruhigung, daß es »nur« vor seiner Schwester geschehen, gleich hinterdrein kam.

»Sie unschuldsvoller Engel, Sie,« meinte Exzellenz, mitleidig den Kopf schüttelnd. »Sie müssen erst lernen, daß die Wände überall Ohren haben, selbst wattierte Doppeltüren, wie mein Arbeitszimmer, und daß die »Agenten« andrer Mächte wie die Schwefelsäure überall durchkommen. Die müssen alles wissen, dafür werden sie bezahlt, wie wir dafür bezahlt werden, sie zu durchkreuzen und die Klügeren zu sein. Also, niemand vertrauen, hören Sie! Vor allem nicht Ihren Dienern.«

Max Westermann folgte seinem Chef nachdenklich und perplex in das Boudoir seiner Schwester, welche den Gesandten mit der ihr eignen Liebenswürdigkeit empfing, die jede Situation gleich zu einer behaglichen machte. Exzellenz schien von dem Wiedersehen mit Frau v. Triberg durchaus nicht enttäuscht, wie das oft der Fall ist mit Leuten, von denen man sich im Ablauf größerer Zeitintervalle ein bestimmtes Bild bewahrt hat – im Gegenteil schienen seine Erwartungen noch übertroffen, denn sein feines Diplomatengesicht spiegelte die größte Zufriedenheit wieder, und der Attaché fragte sich nicht ohne ein Gemisch der reinsten Freude, so man Schadenfreude nennt, was wohl Mutter Mollwitz zu diesem Besuche ihres Bruders sagen und wie lang die unvermeidliche Gardinenpredigt für den Sünder ausfallen würde. Seine bösen Ahnungen in dieser Beziehung sollten aber noch wachsen, denn Herr v. Grünholz betrachtete mit sichtlicher Befriedigung seines Schönheitssinns die Fürstin, der er alsbald vorgestellt wurde.

»Ich kannte vor Jahren den General Fürst Woszgorod, Gouverneur von Dingsda,« sagte er verbindlich. »Durchlaucht sind doch sicher eine Verwandte –«

»Der General Woszgorod war mein – Gemahl,« erwiderte die Fürstin kurz.

»Ah –« sagte der Gesandte sichtlich überrascht. »Verzeihung, wenn ich mit meiner Frage – äh – peinliche Erinnerungen – äh – wachgerufen – aber ich konnte nicht vermuten – der General war um ein Bedeutendes mein Senior –«

»Auch der meinige, Exzellenz,« fiel die Fürstin mit einem Lächeln ein, das etwas unendlich Trauriges hatte, und es zuckte dabei verräterisch um ihren süßen Mund wie von gewaltsam verhaltenen Tränen.

Der gewandte Weltmann wechselte geschickt sofort das Gespräch und unterhielt sich, Platz nehmend, sehr lebhaft und angeregt mit den Damen, aber so oft auch prüfend und mit Wohlgefallen sein Blick auf der Fürstin weilte, seine vornehmste Aufmerksamkeit galt Frau v. Triberg, zu der er eine Menge Beziehungen fand, und die es so gut verstand, mit liebenswürdigster Unbefangenheit zu plaudern. Als Exzellenz dann nach einem guten halben Stündchen wieder aufbrach, sprach er die Hoffnung aus, die beiden Damen recht oft im Botschaftshotel zu sehen, und um diese Hoffnung recht bald zu realisieren, bat er, alle Zeremonien zu übergehen und morgen gleich zum Diner zu erscheinen, in welche freundschaftliche Einladung der Attaché natürlich mit eingeschlossen wurde. Westermann verbeugte sich geschmeichelt, bei sich aber dachte er mehr drastisch als elegant: »Na wart' man, Nauke, freu' dir auf deine Pauke!« und er hatte Mühe, nicht zu lachen, wenn er sich das Gesicht von Mutter Mollwitz bei Ankündigung dieser Gäste vorstellte. Aber ebenso respektlos setzte er in Gedanken hinzu: »Tapfrer Drachentöter, mein Herr Chef, das muß man ihm lassen! Tut wahrhaftig, als ob er der Herr im Hause wäre!«

Als er dann seinen Chef die Treppe herunterbegleitete, sagte dieser: »Hören Sie, lieber Westermann, das ist ja eine wunderbare Schönheit, diese Fürstin! Die wird Furore in Rom machen, so wahr ich Grünholz heiße. Wo hat denn das alte Scheusal, der Woszgorod – Gott hab ihn selig, falls der Teufel ihn nicht geholt hat – dieses bezaubernde Wesen geangelt?«

»Exzellenz fragen da mehr, als ich weiß –«

»Und die ist ja noch so jung – die muß noch ein Kind gewesen sein, als er sie heiratete, – es kann einen erbarmen daran zu denken, wenn man den alten Woszgorod gekannt hat. Es gibt soviel zum Erbarmen in dieser Welt, lieber Westermann! Aber, was ich sagen wollte: was für eine reizende Frau ist Ihre Schwester! Mir fiel, als ich sie so unverändert vor mir sah, die Aphorisme von Marie von Ebner-Eschenbach ein: ›Wenig Leidenschaft, große Herzenswärme; Verstand; Anmut; leichte Umgangsformen; Respekt vor dem Ernst; Verständnis für den Scherz; summa summarum: Liebenswürdigkeit.‹ Mich dünkt, das alles paßt auf sie; so schwebte sie mir vor und darum konnte ich's mir nicht versagen, sie in Rom persönlich zu begrüßen. Na also auf Wiedersehen, lieber Westermann. Ich erwarte Sie morgen nach der Audienz zunächst zum Rapport. Und nochmals, Achtung!«

»Der alte Herr kann doch, wenn's nach ihm geht, riesig nett sein,« dachte der Attaché aufrichtig erfreut, als er wieder nach oben stieg und dort seine Schwester von den gleichen Gefühlen beseelt vorfand. Die Fürstin hatte sich zurückgezogen, und Frau v. Triberg benutzte die Gelegenheit, ihrem Bruder zu versichern, wie lieb ihr die Gesellschaft dieser Frau wäre, wie sehr sie sich zu ihr hingezogen fühle.

»Und dabei weiß ich tatsächlich nichts über ihre Verhältnisse,« schloß sie. »Nicht einmal ihren Vatersnamen kenne ich, und wenn ich nicht einmal gelegentlich aus einer ihrer Äußerungen entnommen hätte, daß sie im Katharinen-Institut in Petersburg erzogen worden ist, in das nur die Töchter der russischen Noblesse Zutritt haben, so könnte sie von Geburt Gott weiß wer sein. Erst heut' abend habe ich durch die Frage des Gesandten erfahren, daß General Woszgorod ihr Mann war und daß sie Witwe ist. Sie muß trotz ihrer Jugend furchtbar Schweres durchlebt haben und bringt es nicht übers Herz, davon zu sprechen. Die Naturen sind eben so sehr verschieden. Ich weiß, daß viele mich für unverantwortlich leichtsinnig halten werden, einer total Unbekannten einen so engen Anschluß an mich zu gestatten und was immer sie ist, gewissermaßen mit meinem Namen zu decken, aber du weißt ja, daß ich mich von meinen Impulsen leiten lasse und mich auch noch selten darin getäuscht habe. Es sagt mir auch eine innere Stimme, daß ich hier ein Werk der Nächstenliebe übe und daß ich mein Vertrauen keiner Unwürdigen schenke.«

»Das wäre auch schwer zu glauben angesichts dieser in ihrer zarten, blumenhaften Schönheit rührenden Erscheinung,« erwiderte Westermann warm. »Therese, sie ist bezaubernd!«

»Max, verliebe dich nicht in sie!« wollte Frau v. Triberg mit einem plötzlichen Angstgefühl in vollem Ernst ausrufen, als diese Gefahr, an die sie bisher nicht gedacht, plötzlich vor ihren Augen sich enthüllte. Aber sie sagte es nicht in der weisen Überlegung, daß solche Warnungen, wenn sie zu spät kommen, meist sehr überflüssig sind, anderseits aber bloß dazu angetan sind, den Gewarnten dahin zu führen, wohin man ihn nicht haben will. »Gehst du noch aus?« fragte sie daher bloß, als ihr Bruder sich erhob.

»Ich habe Briefe zu schreiben und suche darum meine verwaiste Klause auf,« erwiderte er.

»Wieso verwaist?« fragte sie verwundert.

»Ach, mein Diener – der früher als Bursche bei mir war, du kennst ja meinen braven Lawetzki – ist krank geworden und seit gestern im Hospital. Ich fürchte, der arme Kerl hat Malaria, wenn nicht Schlimmeres. Da ich inzwischen nicht den ersten besten fremden Menschen als Stellvertreter haben will, so behelfe ich mich so unter gelegentlicher Hilfe des Kastellans und seiner Frau. Ohne Lawetzki bin ich freilich nur ein halber Mensch und muß mir meine Sachen nun selbst schlecht und recht zusammensuchen.«

»O, ich werde dir meine Kathi heraufschicken zum Aufräumen.«

»Kathi? Ist das deine elegante Zofe?«

»Nein, das Stubenmädchen.«

»Was? Der Posaunenengel in hessischer Tracht, wegen der es gestern bei deiner Ankunft auf dem Bahnhof fast zu einem Volksauflauf gekommen wäre?«

»Dieselbe! Kathi ist ein sehr braves Mädchen, und ich finde es hübsch von ihr, daß sie ihre Landestracht um keinen Preis ablegen will. Sie ist willig und ehrlich –«

»Und fürchterlich dumm nach dem Ausdruck ihres runden Vollmondgesichtes mit den knallroten Pausbacken, der Kartoffelnase und den Schweinsäuglein. Die Schönheit drückt sie weiter nicht.«

»Ist auch nicht nötig – sie tut ihre Schuldigkeit, weiter verlange ich nichts von ihr. Ich finde sie auch gar nicht einmal so garstig.«

»Hm, schöne Waden hat sie –«

»Aber, Max!«

»Na, das muß man doch sehen, wenn sie die Röcke bloß bis zum Knie lang hat, daß man die roten Strumpfbänder dito bewundern kann! Aber ich nehme dein gütiges Anerbieten mit Dank an – aufräumen wird der Posaunenengel jedenfalls besser, als die Signora Marzio, die wie der Leibhaftige in den Zimmern herumfährt und nichts wie Staub macht. Also: auf Wiedersehen, Therese!«

Max Westermann schlief schlecht in der folgenden Nacht. Zwar hatte er den ihm anvertrauten Brief unter sein Kopfkissen gelegt, aber er träumte fortwährend, daß konfisziert aussehende Individuen ihn stehlen wollten und zu diesem Ziele mit Dolch, Gift und Revolver zu gelangen versuchten, und zwischen alle diese Schrecken trat immer wieder eine schlanke Gestalt mit silberschimmerndem Blondhaar; aber wenn er »Djavahir!« rufen wollte, dann brachte er keinen Laut heraus, und die Gestalt zerfloß in Nebel.

Am frühen Morgen um eine Stunde, welche der Langschläfer »nachtschlafende Zeit« zu nennen pflegt, wachte er mit schwerem Kopfe auf und war angenehm überrascht, den Brief noch unter seinem Kopfkissen vorzufinden. »Natürlich!« dachte er. »Den sucht keine Seele bei mir. Diese gestohlenen wichtigen Briefe sind überhaupt eine Fabel.«

Trotz der frühen Stunde fand er sein Wohnzimmer durch den hessischen Posaunenengel schon aufgeräumt, als ob der kranke Lawetzki wieder zur Stelle wäre, und kaum hatte er es betreten, da kam derselbe freundliche Geist auch schon mit dem Frühstück. Wenn man nun statt erwarteter Ungemütlichkeit allen gewohnten Komfort findet, so hat das einen wunderbar besänftigenden Einfluß auf das Gemüt des modernen Kulturmenschen, und darum vergaß Westermann auch bald seine schlechte Nacht und lobte mit freundlichen Worten Kathis Fürsorge, daß ihre wohlabgeseiften roten Backen nur so glänzten, ihr breiter Mund (»die könnte hinter den Schuppenketten rauchen,« dachte er,) über das ganze runde Gesicht lachte und die kleinen Äuglein sich zum Schlitz zusammenzogen. Lächelnd sah er ihr nach, wie sie ihren kurzen, enggefalteten überweiten Rock, der ihren Hüften den Umfang einer Tonne verlieh, mit einem bärenhaft-graziösen Knicks zur Tür hinausschwenkte, daß die langen Bandschleifen ihrer winzigen spitzen Haube, die auf dem glatt nach rückwärts gekämmten Haar klebte, wie der Miniaturzylinder auf dem Kopfe des Clown, nur so flogen. Dann nahm er, mit sich und der Welt zufrieden, sein Frühstück und rüstete sich, als er dachte, daß die Läden nun geöffnet seien, zum Ausgehen, um sich etwas zu besorgen. Draußen war's schön aber kalt, denn der Tramontan blies die ersten welken Blätter von den Bäumen, und wer einmal in Rom war, weiß den Tramontan zu schätzen, denn er hat vor dem Mistral in Grenoble und der Bise in Genf nichts voraus, höchstens, daß er nicht so hartnäckig ist und dem Schirokko gelegentlich Platz macht. Drückt diese des Menschen Gemüt nieder, so macht jener ihm das Mark in den Knochen erschauern, und darum knöpfte der Attaché den Paletot auch fester zu und schlug den Kragen herauf, als er raschen Schrittes der Via Babuino zustrebte, in welcher das Geschäft lag, das er besuchen wollte. Trotzdem aber fror er, wie nur ein Nordländer im sogenannten warmen Süden frieren kann, denn vor einem scharfen Winde kann man sich ebensowenig schützen wie vor groben Menschen, und leider waren beide heut' früh sein Los, denn als er auf seinem Wege die Piazza di Spagna passierte, auf welcher an bestimmten Tagen der Markt abgehalten wird, da hörte er plötzlich eine sehr bekannte Stimme und befand sich von Angesicht zu Angesicht Frau v. Mollwitz gegenüber, welche, ein mächtiges Netz von Bindfaden am Arm, »um nicht übers Ohr gehauen zu werden,« die Einkäufe des Botschaftshotels selbst besorgte. Die bösen Zungen behaupteten, daß sie den Marktgroschen ihrer Köchin selbst einsteckte und auf die Sparkasse trug; jedenfalls war sie damit beschäftigt, einer malerisch gekleideten Bäuerin der Campagna in einem schauerlichen, aber dafür mit Injurien reichgespickten Italienisch von den Eierpreisen abzuhandeln, was ihr auch gelang, denn die Frau war trotz ihrer Nationalität nicht halb so gerissen wie Ihre Exzellenz.

»Na, was machen Sie denn schon so früh hier?« begrüßte sie den Attaché, der halb belustigt, halb entsetzt das mehr als einfache, ja direkt schäbige Kostüm seiner Gönnerin betrachtete und besonders gegen das Netz innerlich Protest erhob. »Wollen Sie Einkäufe für Ihre Schwester machen? Sie soll nur hübsch selber kommen, lasse ich ihr sagen, wenn sie nicht von hinten und von vorne betrogen sein will. Davon fällt einem kein Stein aus der Krone, wenn man nicht ete-petete tut, sondern die Groschen besieht, ehe man sie hinauswirft. Groschen machen Taler, sage ich!«

»Exzellenz befinden sich wohl?« fragte Westermann, diese weisen Theorien überhörend.

»Natürlich, sonst würde ich nicht hier herumwurzeln,« entgegnete Frau von Mollwitz ungnädig. »Hören Sie,« setzte sie im selben Atem hinzu, »da war ja mein Bruder gestern bei Therese – das war höchst überflüssig!«

»Finden Exzellenz?«

»Ja, das finde ich! Damit konnte er warten, bis sie bei uns war, wozu seine Stellung meinen Bruder eigentlich verpflichtet, wenn man bedenkt, daß Therese nichts ist, als die Witwe eines lumpigen Rittmeisters!«

»O, Therese ist daneben doch auch noch eine Dame!« konnte Westermann sich nicht enthalten zu antworten. »Außerdem sind wir beide ganz unschuldig an diesem geselligen Verstoße Seiner Exzellenz und auch ganz unverantwortlich,« setzte er in seinem gerechtfertigten Ärger hinzu.

»Ich habe Ihnen ja auch keinen Vorwurf daraus machen wollen,« erwiderte Mutter Mollwitz prompt. »Ihr sollt euch nichts auf diesen überflüssigen Besuch einbilden, das will ich damit gesagt haben, wenn Sie zu schwerfällig sind, den Wink mit dem Zaunpfahl zu begreifen –«

»Exzellenz können gleich ›dumm‹ sagen, statt des Euphemismus ›schwerfällig‹,« fiel Westermann weißglühend vor Wut ein. »Meinen untertänigsten Dank!«

»Na, nur nicht gleich ›hupp in die Höh'‹,« sagte sie scharf. »Ihr jungen Leute müßt geduckt werden, sonst habt ihr vor nichts mehr Respekt! Das könnte euch passen, daß die Exzellenzen gleich angerannt kommen, um vor euch ihren Knicks zu machen und verkehrte Welt zu spielen. Jawohl – sonst noch was? Die Männer sind alle gleich, und die alten sind die schlimmsten oder bilden Sie sich was andres ein, als daß meinen Bruder die Neugier geplagt hat, wie eure russische Fürstin aussieht? Den ganzen Abend hat er von nichts geredet als von der Schönheit dieser Person, von der kein Mensch weiß, woher sie kommt und wer sie ist! Nicht mal auf der russischen Gesandtschaft kennt man sie oder gibt vor, sie nicht zu kennen, was noch viel verdächtiger ist. Und dieses »Mädchen aus der Fremde« ladet mir mein Bruder einfach auf den Hals – na wart', ich werde ihr schon noch auf die Spur kommen, und wenn es etwas in ihrem Leben gibt, was ihr die gute Gesellschaft verschließt, da fliegt sie bei mir zuerst zum Tempel 'raus, daß sie die Schuhe verlieren soll!« Mutter Mollwitz mußte aufhören, weil ihr der Atem ausging, und Westermann fühlte, daß der Boden der guten Erziehung unter ihm wich.

»Wollen Exzellenz mir damit den ehrenvollen Auftrag erteilen, daß ich die Damen auszuladen habe?« fragte er heiser vor Zorn.

»Unsinn! Ich wollte bloß feststellen, was meine Ansicht ist! Sind Sie heut' begriffsstutzig, Max!« rief Mutter Mollwitz mit schöner Offenheit.

»Nochmals untertänigsten Dank, Exzellenz.«

»Nun spielen Sie sich man nicht auf den Pikierten!« rief sie, den Zeigefinger der rechten Hand erhebend, die mit einem waschledernen Handschuh vorsündflutlichen Alters bekleidet war. »Das wäre noch schöner, wenn alte Freunde wie wir nicht in Ruhe ihre Meinung austauschen könnten!«

»Ach so – Exzellenz wünschen also auch meine Meinung zu hören?« fragte Westermann, der nicht auf den Mund gefallen war.

»Ihre – was?« wiederholte Mutter Mollwitz, die das vage Gefühl beschlich, daß sie wieder mal zu weit gegangen war – ein chronischer Zustand. »Na, machen Sie kein Gesaires – übrigens habe ich auch keine Zeit, denn ich muß noch Artischocken kaufen und Aubergines, die mein Bruder so gern mit Parmesankäse paniert ißt. Nicht mein Geschmack, die Aubergines, aber sie sind so billiges Gemüse hier – na, also auf Wiedersehen, lieber Max!«

Und hui – sauste sie davon und ließ den lieben Max mit unbeschreiblichen Gefühlen im kochenden Busen bei der Eierfrau stehen. Das war so ihre Manier, wenn sie fürchtete, daß der Wurm, den sie getreten, sich auch einmal krümmen könnte.

»Alles, was rechts und links ist, aber das ist denn doch zu bunt,« dachte besagter Wurm, seinen Weg fortsetzend. »Ist das recht, seine Stellung dazu auszunutzen, wehrlose Sterbliche zu insultieren? Na, ich danke! Fips will ich heißen, wenn die Salons von Mutter Mollwitz mich so bald wiedersehen!«

Westermann lenkte nach Erledigung seiner Besorgungen seine Schritte wieder heimwärts, denn erstens hatte Mutter Mollwitz ihm die Lust auf einen Morgenspaziergang verleidet und zweitens – »Zweitens« war überhaupt sein Leitmotiv, das auch von Erfolg gekrönt war, denn als er die Stufen seiner Wohnung emporstieg, sah er die Tür zur Bildergalerie nur angelehnt, welches Zeichen er, da heut' kein Tag für das Publikum war, ganz richtig deutete, denn als er den Kopf zu dem Spalt hineinsteckte, natürlich nur der Bilder wegen, da sah er gleich im ersten Saale die Fürstin Woszgorod vor einer Staffelei stehen mit Palette und Malstock und bekleidet mit einer großen Malschürze im Empireschnitt aus blauer Leinwand, mit reicher russischer Stickerei verziert. Er konstatierte, daß dies Kostüm, das er sonst bei andern Malerinnen für das Nonplusultra der Geschmacklosigkeit und Unkleidsamkeit gehalten hätte, hier einen besonderen Reiz entwickelte.

»Dies stumpfe Blau steht Ihnen ausgezeichnet, Durchlaucht,« sagte er statt jeder Begrüßung. »Darf ich hereinkommen?«

Sie wandte sich überrascht um und lächelte dann freundlich.

»Sie dürfen mir gewiß guten Morgen sagen,« erwiderte sie heiter, »aber dann sind Sie – wie soll ich's nur sagen, ohne unhöflich zu sein? Sehen Sie, ich ergründe eben das Problem der Grundierung dieses Kopfes, ohne das man diesen durchsichtigen Fleischton nun und nimmer treffen würde. O, wir haben viel zu lernen von den alten Meistern!«

Westermann war näher getreten und sah nun auf der Leinwand, die aus der Staffelei stand, die Umrisse des Kopfes, den die Fürstin kopieren wollte, mit sichern Kohlenstrichen ausgezeichnet.

»Sie sind früh aufgestanden und schon fleißig gewesen, Fürstin,« bemerkte er.

»Das muß man, wenn man das gute Licht ausnützen will,« erwiderte sie. »Maler dürfen keine Langschläfer sein, und außerdem geht einem ja die beste Zeit verloren, wenn man den schönen hellen Tag zur Nacht macht. Sie scheinen aber doch noch früher aufgewesen zu sein als ich!«

»Ich habe schlecht geschlafen – und von Ihnen geträumt –«

»O, das tut mir leid, wenn ich Ihnen unbewußt eine schlechte Nacht verursacht habe,« meinte sie mit einem halben Lächeln, das aber doch die Grübchen in den zarten Wangen zeigte.

»Und ich habe Ihnen wieder eins meiner berühmten verunglückten Komplimente gemacht,« sagte er mit komischer Zerknirschung. »So geht's mir immer damit – Komplimente und ich sind, scheint's, unmöglich.«

»Darüber sollten Sie froh sein – Leute, die Komplimente machen, sind mir eine schreckliche Gesellschaft,« entgegnete die Fürstin offen. »Denn sehen Sie, die Menschen, die das gewohnheitsmäßig tun, halten einen doch natürlich für dumm genug, ihre faden Redensarten zu glauben oder für so eitel, sie für bare Münze zu nehmen. Also vor mir sind Sie von jeder Sorte von Komplimenten dispensiert, Graf Westermann!«

»Ich betrachte das als einen besonderen Vorzug,« erwiderte er ehrlich. »Was ich aber von dem Blau vorhin sagte, war meine aufrichtige Meinung.«

»Natürlich, dazu kam es auch spontan genug heraus,« lächelte die Fürstin. »Es kam vor dem ›guten Morgen‹ und ›wie haben Sie geschlafen?‹, ergo war's ein wortgewordener Gedanke. Ich fürchte überhaupt, daß Sie für einen angehenden Diplomaten Ihre Gedanken zu sehr auf der Zunge haben!«

»Und der Gesandte sagt, ich hätte sie zu leicht lesbar auf meinem Gesichte!« rief er betrübt. »Da werde ich die Diplomatie wohl aufgeben müssen und lieber wieder Frontsoldat spielen!«

»Es will eben alles gelernt sein,« meinte sie. »Freilich, zu ausdrucksvolle Gesichter lassen sich schwer abgewöhnen; sie sind auch die Verzweiflung des Malers.«

»Was ich als den gnädigen Wink nehme, diesen Hallen der Kunst zu entschwinden,« fiel er ein. »Aber wenn Durchlaucht das Problem der Grundierung heraushaben – darf ich dann mal wieder hereingucken?«

»Das dürfen Sie gern – es plaudert sich ganz gut beim Malen, und dann werde ich Sie auch darüber belehren, daß es für so helle Blondinen, wie ich eine bin, keine unvorteilhaftere Farbe gibt als die blaue.«

»Sehr gut!« rief er enthusiastisch. »Ich lasse mich zu gern belehren, wenn's nett gemacht wird, notabene, und nicht so vom hohen Pferde herabkommt, daß man sich in seines Nichts durchbohrendem Gefühle vorkommt wie ein dummer Junge.«

»Diplomatisch war das wieder einmal nicht ausgedrückt – aber recht haben Sie,« sagte die Fürstin heiter. »Also dann auf Wiedersehen und viel Vergnügen zum ›diplomatischen Auftrag‹ heute!«

Er küßte die ihm dargereichte Hand und entfernte sich. Richtig, den diplomatischen Auftrag hatte er total vergessen durch die liebliche Begegnung mit Mutter Mollwitz und die weit angenehmere im Guido-Reni-Saal des Palazzo Toffano. Wenn eine Frau in der Malschürze selbst so reizend sein konnte, wie reizend, überwältigend reizend mußte sie dann überhaupt sein! Mutter Mollwitz in der Wirtschaftsschürze beim Abstauben verlor den letzten Schimmer ihres guten Aussehens – der Kuckuck hole Mutter Mollwitz und viel Vergnügen auf den Weg! Was einem Menschen doch für dumme und unpassende Vergleiche einfallen konnten – diese alte Hexe und jene Elfengestalt! Djavahir – welche Musik lag in dem Namen allein, von seiner Trägerin gar nicht zu reden. Djavahir – Westermann ertappte sich dabei, daß er den Namen auf die Melodie des Faustwalzers von Gounod sang, das heißt auf den wiegenden Mittelsatz desselben: »Djavahir – Djavahir – Djavahir – Djavahir –«

Mitten darin brach er ab und ging noch einmal zur Tür der Gemäldegalerie zurück.

»Nur ein Wort noch, Durchlaucht,« rief er, auf der Schwelle stehen bleibend. »Das heißt eine Frage: Lieben Sie Walzer?«

»Sehr,« erwiderte sie, wohl ein wenig verwundert, aber doch gleich darauf eingehend. »Das heißt – nicht alle in Bausch und Bogen. Aber die Walzer von berufenen Meistern – o ja! Nur machen die mich nicht lustig, sondern melancholisch, wie der Faustwalzer und dann die ›Donauwellen‹ von Jovanovicz – was liegt darin für verhaltene Leidenschaft, für Schmerz, ja, für Tragik – und so gibt's noch viele.«

»Ich danke, Durchlaucht, und pardon für die Störung. Es kam nur so über mich, wissen zu wollen, ob Sie dasselbe bei der Walzermusik fühlen wie ich –«

Er machte leise die Tür wieder zu und ging in sein Zimmer zurück. »Natürlich, sie hört und sieht anders als gewöhnliche Menschen, denen ein Walzer nichts ist, als eine Musik zum Tanzen im Dreivierteltakt,« dachte er. »Wenn man auch solche Augen hat und Djavahir heißt! Die ›Donauwellen‹ sagte sie? Wie merkwürdig, daß ich die auch so sehr liebe!« Und leise und träumerisch pfiff er vor sich hin:

Noten

Max Westermann war eine Natur, die mehr Freude fand an den künstlerischen Genüssen dieses Lebens als an der Sorte von Geselligkeit, die das Hauptgewicht auf gute Verpflegung legt, Herz und Gemüt aber kalt läßt. Aber er posierte nicht mit seinen Liebhabereien, weder als Kunst- noch als Literaturkenner, und seine Talente auf diesen Gebieten gar verschloß er sorgfältig vor den Augen und Ohren der Leute, die doch höchstens ein »nein, wie nett« oder ein »ganz reizend« dafür gehabt hätten – nur seine Schwester, die ihn sehr gut verstand, ahnte, daß er in der Stille seines Kämmerleins Verse schrieb. Und da er sich zu keiner modernen Richtung bekannte, so ließ Max Westermann seine Poesien nicht nur ungedruckt, sondern auch ungeahnt und ungekannt in seinem Schreibtisch ruhen.

Eben jetzt aber fiel ihm zu der Melodie der »Donauwellen« ein Text ein, und er ging an seinen Schreibtisch, ihn aufzuschreiben, aber als er die Schublade aufschloß und öffnete, die seine poetischen Schätze barg, da lag auch der Brief vor ihm, den er heut' abzugeben hatte, und dieser Anblick brachte ihn jäh zur Prosa des Lebens zurück, nämlich, daß er sich an Stelle des erkrankten Dieners selbst um seine Sachen kümmern mußte, wollte er zur rechten Zeit mit seinem komplizierten Paradeanzug fertig sein. Der Text zu den »Donauwellen« blieb also vorläufig ungeschrieben und, »der Not gehorchend nicht dem eignen Triebe«, suchte er sich mühsam alles zusammen, was den Ulanenoffizier in diesem Falle schmückt und was der brave Lawetzki sonst so schön zurechtmachte, vom hohen Stiefel bis zum haarbuschgezierten Tschapka. Mit seinem harten Geschick hadernd, daß ihn gerade zur Uniform verurteilen mußte, wo sein Diener ihm fehlte, knöpfte er die rote Rabatte auf die beste Ulanka und die blitzenden Epauletten mit dem goldbronzenen Namenszuge, wickelte er die silbernen Fangschnüre und Schärpe wie das goldne Bandelier mit dem kleinen ledernen Kartuschkästchen aus den Hüllen von Seidenpapier und Staniol und wunderte sich dabei, wie zum Kuckuck er das alles allein anlegen sollte, bis ihm zum Glück Kathi, der Posaunenengel einfiel. Die mußte ihm helfen, natürlich! Bedeutend beruhigt, steckte er den Haarbusch und das National auf den Tschapka und stellte ihn auf den Tisch seines Wohnzimmers, und als vorsichtiger Fechter legte er gleich die Handschuhe daneben. So, nun noch den Paletot auf das Sofa – das war ja doch alles? Richtig, der Säbel – an den mußte auch noch das Portepee geknüpft und das weißlackierte Koppel geschnallt werden – nein, das war ein hartes Stück Arbeit, so an jedes Detail selbst denken zu müssen! Aber daß er auch nur das Wichtigste, den Brief, nicht vergaß – wohin den legen, damit er absolut in die Augen fiel, denn wenn man alle Mühsale des Anzuges überwunden und heiß vom Gefecht auf der Walstatt stand, da entfallen Nebensächlichkeiten nur zu leicht. Die Ordenschnalle z. B. hatte er so wie so schon übersehen, und wenn auch noch nicht viel darauf war, so gehörte sie doch zur Sache. So, das war auch besorgt, und der Brief – i, den legt man auf den Tisch unter die Handschuhe, nein, direkt darauf! Die Handschuhe zu vergessen war unmöglich – un-mög-lich, folglich war auch der Brief gesichert. Auf dem Tisch lag ja sonst nichts weiter; er war bedeckt mit einem schweren persischen Teppich, sein persönliches Eigentum, und darüber lag ein ziemlich breiter Tischläufer von grauem Atlas mit Veilchen bestickt, das letzte Geburtstagsgeschenk von seiner Schwester Therese, über das er sich enorm gefreut, denn einmal liebte er hübsche Sachen für seine »Bude«, und dann war die Arbeit auch wirklich ebenso schön wie künstlerisch in der Zeichnung.

Westermann sah auf die Uhr – potztausend, was war die Zeit vergangen bei all diesen Vorbereitungen für eine Audienz von vielleicht fünf Minuten Dauer! Wenn man da so langsam anfing, in die Löwenhaut zu schlüpfen, blieb gerade noch so viel Zeit, um sich Frau v. Triberg im Glanze der Waffen zu zeigen und vielleicht auch – jemand anderm. Er fing also »so langsam an«, und als er bis zur Schärpe und Kartusche gediehen war, da erschien wie gerufen der Posaunenengel mit ein paar eben angekommenen Postsachen und konnte gleich Burschendienste verrichten durch das Zusammenziehen der hinteren Ulankaknöpfe beim Anlegen der Schärpe, Umlegung des Bandeliers und Anknöpfen der Kartusche, weil die hinten sitzt und man sie dort nicht sehen kann. Übers ganze Gesicht grinsend über den »schönen Herrn Leitnant«, zog Kathi sich nach Wegräumung einiger herumliegenden Kleidungsstücke zurück, und Westermann ging an die Krönung des Werkes, indem er den Tschapka ergriff, wobei er einen langen Hals machte, um zu sehen, ob das sein Wagen war, der dort unten eben vorfuhr. Er war's richtig, da der Mann um eine Viertelstunde zu früh kam, weil Westermann, mit der italienischen Unpünktlichkeit rechnend, ihn dreiviertel Stunden eher bestellt hatte, als er ihn brauchte, aber bei diesem Akt der Kontrolle griff er, weil seine Augen wo anders waren, daneben und warf den Tschapka um. Als er ihn aber aufhob, sah er, daß er doch etwas vergessen, nämlich die weiße Tuchrabatte, welche den oberen Teil dieser Kopfbedeckung bekleidet, wenn der Ulan Parade anlegt.

»Da haben wir's,« sagte Westermann ärgerlich. »Lawetzki hätte das Ding nicht vergessen. Ein Glück, daß ich so früh fertig bin und noch soviel Zeit habe!« Damit nahm er den Haarbusch wieder ab, warf ihn auf den Tisch und ging mit seinem Tschapka in das Schlafzimmer, die Tür gewohnheitsmäßig hinter sich zuziehend. Während er emsig damit beschäftigt war, die winzigen Haken der Rabatte zu schließen, was eine zeitraubende und schwierige Arbeit ist, meinte er, eine Türe sich schließen und ein Kleid mit seidenem Frou-Frou rascheln zu hören und in der Annahme, daß seine Schwester gekommen war, ihn zu sehen, eilte er, den Tschapka in der Hand, zurück in das Wohnzimmer. Kein Mensch war aber darin, und er ging rasch zur Korridortür, um zu sehen, ob Frau v. Triberg am Ende wieder gegangen war. Nein, sie war nicht draußen, doch sah er eben noch die Fürstin in der Tür zur Bildergalerie verschwinden mit demselben Frou-Frou, das er eben noch gehört. Natürlich – sie mußte ja seine Schlafstubentür passieren – sie also war es, die er gehört! Zum Tisch zurückkehrend, steckte er den Haarbusch wieder auf den Tschapka und befestigte die Fangschnüre daran, warf den Paletot um und griff nach den Handschuhen – ja, was war denn das? Der eine lag auf der Ecke des Tisches, der andre auf jener – hatte er sie mit dem Haarbusch so herumgefegt? Und der Brief? Wo war der Brief?

Evident nicht auf dein Tische, soviel war sicher. Mechanisch griff Westermann in die Brusttaschen des Paletots und der Ulanka – nein, er hatte den Brief ganz gewiß noch nicht zu sich gesteckt. Also war er heruntergefallen? Auf dem Teppich, der unter dem Tische lag, war er auch nicht zu sehen, und der Attaché, dem abwechselnd heiß und kalt wurde, verschmähte es nicht, die unwürdige Stellung eines auf allen vieren sich bewegenden Menschen anzunehmen, um den Raum unter dem Tische nach dem Schreiben abzusuchen – aber auch da lag der Brief nicht! Einen Moment stand er wie betäubt da, indes seine Augen über alle Gegenstände des Zimmers schweiften – halt! noch eine Hoffnung: hatte er den Brief vielleicht in das Schlafzimmer mitgenommen? Hui – flogen dort die Sachen herum bei der wilden Suche, nur der Brief kam nicht zutage und nun machte Westermann sich erst den Gedanken klar, daß der Brief fort – gestohlen war, während er die Rabatte auf den Tschapka befestigte.

Die dicken Schweißperlen von der Stirn trocknend, holte er tief Atem: also war die Warnung des Gesandten doch kein bloßer Schreckschuß gewesen, keine übergroße Ängstlichkeit, keine Wiederholung grundloser Geschichten – er, Westermann, hatte kein Wort davon geglaubt, sie nur für Erfindungen von Kriminalnovellisten gehalten, und das hatte er nun davon! Ein Blick auf die Uhr belehrte ihn, daß er nicht mehr Zeit hatte, über »Wie« und »Wer« nachzudenken, den Säbel unter den Arm nehmend, lief er, immer zwei Stufen auf einmal, die Treppe hinab, warf sich in den Wagen, der ihn bereits unter der Einfahrt erwartete, und gab mit dem Zusatz »fa presto! Prestissimo!" dem Kutscher die Adresse seiner Gesandtschaft.

Dort angekommen, drang er mit Hintansetzung aller Zeremonien sofort in das Privatzimmer seines Chefs ein, den er eben im Begriff fand, sich zu der Konferenz zu begeben, von der er gestern gesprochen.

»Westermann – Sie – schon? Was soll das heißen?« fragte er befremdet, als der Attaché, den Tschapka abnehmend, plötzlich vor ihm stand und ebenso plötzlich auf dem nächsten Stuhl zusammenknickte.

Beschämt über seine Schwäche, sprang Westermann ebenso schnell wieder auf.

»Verzeihung, Exzellenz,« sagte er heiser. »Ich melde ganz gehorsamst, daß mir, während ich beim Anziehen nur auf einen Moment das Zimmer verlassen habe, das Schreiben Ihrer Majestät gestohlen worden ist!«

Seine Exzellenz zuckte zusammen, und für einen Augenblick sahen beide Männer einander in die Augen. Dann trat der Gesandte, ohne ein Wort zu verlieren, an sein Telephon, und nachdem er angeklingelt hatte und verbunden worden war, benachrichtigte er den diensttuenden Kammerherrn davon, daß die Audienz des Attachés Graf Westermann plötzlich eingetretener Hindernisse wegen unmöglich geworden sei und daß er selbst statt dessen mit den nötigen Erklärungen in einer Stunde erscheinen werde.

»So,« sagte er sich umwendend, »das wäre besorgt. Ich mache Ihnen keine Vorwürfe, lieber Westermann, denn ich bin überzeugt, daß Sie mit Ausnahme des einen unbewachten Momentes, den Sie mir schon gemeldet, keine Vorsichtsmaßregel versäumt haben. Die Folgen dieser unglücklichen Sache, wenn wir den Brief nicht umgehend wiederschaffen können, werden für Sie höchstens in einer Strafversetzung in irgendein kleines Garnisönchen bestehen – ich werde wohl aber einer jüngeren Kraft Platz zu machen haben, weil ich mich der Altersschwäche schuldig machte, den Brief einem Neuling anzuvertrauen.«

»Exzellenz –«

»Die Wahrheit zu gestehen, ich habe die Wichtigkeit des Briefes unterschätzt, und als ich sie erfuhr, wollte ich Ihnen den Auftrag nicht wieder abnehmen. Darum kam ich gestern abend noch ins Palais Toffano. Nun heißt es handeln, Westermann! Vor allem, keine Silbe davon gegen irgend wen. Ich werde sofort meine Meute loslassen, und Sie tun gut, umgehend und ganz unauffällig Ihren Diener verhaften zu lassen.«

»Ich habe keinen Diener, Exzellenz,« sagte Westermann. »Der meinige liegt krank seit zwei Tagen im Spital, und nur das hessische Zimmermädchen meiner Schwester hat für kurze Zeit meine Wohnung betreten. Als sie es verließ, war der Brief noch da – das kann ich beschwören!«

»Und dann war niemand mehr bei Ihnen?«

»Keine Seele, Exzellenz! Ich ging dann nur in mein Schlafzimmer, mir etwas Vergessenes zu holen, und meinte, in dieser Zeit die Tür meines Wohnzimmers gehen zu hören. Ich ging schnell hinein nachzusehen, fand aber, daß ich mich getäuscht haben mußte.«

»Aha! Und der Brief war fort?«

»Zu Befehl, Exzellenz.«

»Hm! Das kompliziert die Sache bedeutend, daß Ihr Diener aus dem Spiele bleibt, denn nun haben wir wohl mit dem Ewig-weiblichen zu tun –«

»Verzeihung, Exzellenz, das Mädel ist so fürchterlich dumm – direkt vom Dorfe importiert –«

»Sie kann aber in ihrer Dummheit geschwatzt haben, Westermann! Es gibt ja noch andre weibliche Wesen im Palazzo Toffano –«

»Meinen Exzellenz meine Schwester?« fuhr der Attaché mit dunkelrotem Kopfe auf.

»Ich meine niemand besonderen, lieber Westermann,« erwiderte der Gesandte mit leisem Lächeln. »Jedenfalls fahren Sie jetzt wieder heim, denn ich habe viel vor. Sie könnten übrigens Ihrerseits auch eine entsprechende Tätigkeit entfalten – durch Betrauung eines Detektivs mit Ihrem Falle. Natürlich keinen von der gewöhnlichen Sorte – ich werde Ihnen hier eine Adresse aufschreiben; wenn Sie den Mann erlangen können, dann ist wenigstens Aussicht, zu erfahren, wer den Brief hat. Freilich wird's ein teures Wissen, aber das Geld spielt erst die zweite Geige, wenn der gute Name von einem Stäubchen befreit werden soll. Sie haben schon wieder einen roten Kopf, lieber Westermann! Seien Sie vernünftig – ich zweifle nicht an Ihnen! Und nun nochmals absolutes Schweigen! Kein Mensch darf erfahren, daß der Brief seine Bestimmung nicht erreicht hat.« Exzellenz machte eine Handbewegung, und Westermann war entlassen, das Stück Papier mit der Adresse des Detektivs in der Hand.

Unbeschreiblich widerstreitende Gefühle im Busen, tat er, wie ihm geheißen, und fuhr zunächst nach Hause, um seine Uniform abzulegen. Vor dem Palazzo Toffano fand er einen andern Wagen wartend, und im Vestibül begegnete er seiner Schwester mit der Fürstin; die Damen wollten ihre Karten in der Gesandtschaft abgeben, ehe sie heute abend der Einladung zum Diner folgten.

»Und du bist schon zurück?« fügte Frau v. Triberg dieser Erklärung hinzu. »Das ist rasch gegangen!«

»O ja, – ziemlich,« entgegnete er, rot werdend wie ein Pensionsmädchen, weil er den Blick der Fürstin auf sich ruhen fühlte, und in diesem Blicke lag die Frage: »Was ist Ihnen dabei Unangenehmes passiert?«

Oder täuschte er sich? Jedenfalls half er den Damen in den Wagen, und der Tramontan mußte dazu herhalten, dem Thema die erwünschte harmlose Wendung zu geben. Bei der Abfahrt aber traf ihn voll der Blick der wundervollen grauen Augen, und er las die Frage darin: »Warum so forciert? wenn ich doch sehe, daß dir gar nicht nach schlechten Witzen über den Tramontan zumute ist?«

Und wie ein ertappter Schulbube, so kleinlaut schlich er die Treppen hinauf in seine Wohnung. Das Chaos von herumliegenden Sachen brachte ihn auf sehr unangenehme Weise von den grauen Augen zurück auf den verschwundenen Brief und den vollen Katzenjammer seiner Lage, und wenn er sich nicht gesagt hätte, daß er das Gras unter seinen Füßen nicht wachsen lassen durfte, so hätte er sich am liebsten auf sein Bett geworfen und sein Elend zu verschlafen gesucht. So gut pflegt's aber den wenigsten Menschen zu gehen, daß sie immer das tun können, was sie gern möchten, und im Grunde ist's auch ein Glück, weil das je nachdem liebe oder harte Muß schon viele Dummheiten und noch Schlimmeres verhindert hat. Westermann zog sich also um und räumte dann in Ermanglung seines braven Lawetzki hübsch alles auf, weniger aus Pflichtgefühl, denn die Hessin stand ihm ja immer als Hilfstruppe zur Verfügung, sondern weil er die stille Hoffnung hegte, daß beim Aufräumen doch noch irgendwo der verschwundene Brief zum Vorschein kommen könnte. Erst als er die letzte Schachtel weggestellt und die letzte Tasche noch einmal visitiert hatte, fand er sich definitiv in sein Schicksal, indem er sich abermals dem Tramontan aussetzte, um sich zu dem Detektiv zu begeben, dessen Adresse er von seinem Chef erhalten.

»Habe in meinem Leben noch nichts mit so 'nem Kerl zu tun gehabt,« sagte er sich unterwegs wiederholt, und war sehr erstaunt, statt der erwarteten »Spelunke« eine elegante kleine Villa zu finden, deren schmiedeeiserne Pforte auf blitzender Messingtafel den Namen F. X. Windmüller trug. Eine ältliche Person in weißer Latzschürze und weißer altmodischer Rüschenhaube, die ihr runzliges, gutmütiges Gesicht wie mit einem Kranze umrahmte, erklärte Westermann erst in schauderhaftem Italienisch und als sie seinen Namen auf der gereichten Visitenkarte las, im schönsten Schlesisch, daß Herr Windmüller zwar zu Hause, aber daß es fraglich wäre, ob er zu sprechen sei. »Denn,« setzte sie vertraulich hinzu, »wenn der Herr mal bei sittem alen Trödel kläbt, da ist nichts mit'm zu machen.«

Westermann zerbrach sich nicht weiter den Kopf, was ein Detektiv mit altem Trödel zu tun hätte, sondern wartete geduldig, bis die Alte wieder erschien und mit freundlichem Grinsen sagte:

»e sullen nuff kummen, Herr Graf, – aer hat zwar gebrummt, daß 'n kee Mensch nie nich mit Frieden lussen kann, aber weil Sie doch 'n Deitscher sind – heest das, gesagt hat er'sch nich, aber gemeent hat er'sch. Zwanzig Jahre bin ich nu schon bei'n em, da weeß mer schon was eener denkt, auch wenn er'sch Maul nich uffmacht.«

»Mhm,« machte Westermann zustimmend, indem er überrascht die Sammlung alter Waffen betrachtete, die in geschmackvollem Arrangement die kleine Eintrittshalle und die Wände der teppichbelegten Treppe schmückte, welche die Alte ihn emporführte. Fast oben angelangt, blieb er unwillkürlich vor ein paar prächtigen eingelegten Reiterpistolen des Cinquecento stehen.

»Sind Sie auch Liebhaber von Antiquitäten, Herr Graf?« fragte eine tiefe, aber leise und etwas schleppende Stimme hinter ihm, und sich umwendend sah sich der Attaché einem Herrn von etwa vierzig Jahren gegenüber, der, eine wundervoll emaillierte Dose und ein seidnes Putztuch in den schlanken, wohlgepflegten Händen, in einer offenen Tür stand und den Besuch mit ein paar stahlscharfen hellen Augen in einem glattrasierten Gelehrtengesicht beobachtete.

»Habe ich das Vergnügen, Herrn Windmüller –« fragte Westermann zweifelnd.

»Der bin ich,« erwiderte der Herr mit feinem Lächeln. »Jedenfalls ist es sehr freundlich von Ihnen, Herr Graf, von einem Vergnügen in Verbindung mit meinem Namen zu sprechen, denn wer geschäftlich zu mir kommt, dem ist es meist kein Vergnügen!«

»Ich komme allerdings Sie zu fragen, ob Sie einer Angelegenheit von mir etwas von Ihrer kostbaren Zeit widmen können,« entgegnete Westermann näher tretend und setzte verbindlich hinzu: »Das sind ein paar prachtvolle Pistolen, die mein Liebhaberherz entzücken.«

»Sie sind nicht übel, aber nicht die schönsten meiner Sammlung,« meinte Herr Windmüller schmunzelnd. »Sehen Sie diese Dose, Herr Graf – meine letzte Aquisition. Von Liotard gemalt, ein Porträt Maria Theresias!«

»Herrlich!« rief der Attaché. »Ich sah eine ganz ähnliche im Musé Rath in Genf –«

»Ja, ich kenne sie! Liotard war ein Genfer.«

»Und diese haben Sie hier gekauft?«

»Ehrlich gesagt, gekauft habe ich sie nicht,« erwiderte der Detektiv seinen Schatz liebevoll betrachtend. »Sehen Sie, mit solchen Sachen muß man in Italien enorm vorsichtig sein; es existieren ganze Ateliers, wo diese Dinger so täuschend gefälscht werden, daß die gewiegtesten Kenner damit schon angeführt worden sind. Ich habe diese Dose, ein Erbstück eines großen italienischen Hauses, dem ich einen professionellen Dienst leisten konnte, als – Zahlung angenommen, ein Arrangement, das beiden Teilen sehr konvenierte; dem großen Hause, weil es, wie das sehr oft hier zu gehen pflegt, finanziell gerade etwas geniert ist, und mir, weil es mich in den Besitz eines lang ersehnten Kleinods setzt. Ich bewundere es schon den ganzen Morgen!«

Westermann betrachtete erstaunt die naive Begeisterung dieses Mannes für dies Kunstwerk und fragte sich, wie gerade der Beruf, dem er diente, eine derartige Liebhaberei zeitigen konnte, welche eine gewisse Bildung nach einer vollkommen andern Richtung voraussetzte.

»Es geht so manches Hand in Hand, was äußerlich sehr verschieden ist,« beantwortete Herr Windmüller mit seinem feinen Lächeln laut die stumme Frage, scheinbar ohne seinen Besuch angesehen zu haben, der darob förmlich zurückfuhr. »Meine Fähigkeiten haben mich auf dem Umwege des Studiums beider Rechte auf meinen Beruf gewiesen; meine Neigungen gehören den bildenden Künsten und dem Kunstgewerbe, und das Wissen, das ich mir auf diesem Gebiete erworben habe, bildet wiederum einen Hilfszweig meines Berufes, der sich ja nicht allein auf Mord und Raub beschränkt. Aber Sie sind nicht gekommen, um meine Kunstsammlung zu sehen, sondern mich als Detektiv zu konsultieren, nicht wahr? Ich fürchte nur, daß ich leider keine Zeit haben werde – doch treten Sie, bitte, zunächst hier ein und nehmen Sie Platz – hier auf diesem sehr schönen Empiresessel, der, wie Sie sehen, das gekrönte › N‹ trägt und Napoleon I. als Thron in Saint-Cloud gedient hat. Und nun: was ist Ihnen gestohlen worden? Ihr Koffer? Kommt oft vor. Ihr Portemonnaie? Noch öfter. Juwelen?«

»Nein – nur ein Brief,« erwiderte Westermann amüsiert.

»Ah – ein Brief! Sie sind bei der X. Y. Z'schen Gesandtschaft? Hm. Vielleicht habe ich doch Zeit,« erwiderte Herr Windmüller, seine Dose in einen Rokoko-Glasschrank stellend und dann seinem Besuch gegenüber Platz nehmend. »Bitte, erzählen Sie mir mehr von diesem Briefe, aber nur, wenn Sie glauben, mir volles Vertrauen schenken zu können, denn ohne ein solches bin ich machtlos.«

»Ich weiß das, Herr Windmüller, und komme mit diesem Vertrauen,« erwiderte Westermann und fügte ehrlich hinzu: »Das heißt, ich habe es eben gewonnen, denn offen gesagt – bis vor anderthalb Stunden wußte ich noch nichts von Ihnen, und als Exzellenz von Grünholz mir Ihre Adresse gab, geschah's in so großer Eile, daß von einer näheren Erklärung keine Rede sein konnte.«

»Natürlich!« sagte Herr Windmüller nachdenklich. »Wenn aber Herr von Grünholz Sie zu mir geschickt hat, dann dürfte in dem Briefe wohl auch etwas gestanden haben, daß es sich der Mühe verlohnt, ihn zu suchen. Es scheint also, als ob ich Zeit haben werde für Ihren Fall. Wollen Sie mir den nun gütigst vortragen mit allen Details, ja?«

Westermann erzählte dem aufmerksam zuhörenden Detektiv mit minutiöser Treue seine Geschichte, wie wir sie auch kennen – d. h. er erzählte sie fast ebenso. Fast! »Das wäre alles,« schloß er.

Herr Windmüller strich sich mit seinen wohlgepflegten Händen nachdenklich über das glattrasierte Gesicht, dessen wohlwollende, feine und vergeistigte Züge ihn fremden Beobachtern als Geistlichen empfohlen hätten, wären die hellen, stahlblauen Augen mit dem durchdringenden Blick nicht gewesen, die eher auf einen Forscher schließen ließen. Ein Forscher war er auch, aber von Menschenseelen und von den Irrwegen des Lebens. Er heftete diesen eigentümlichen, dem Verbrecher meist wie kaltes Wasser den Rücken hinunter rieselnden Blick auf den Erzähler und sagte nach einer kleinen Pause: »Als Sie im Schlafzimmer beschäftigt, die Tür Ihres Wohnzimmers sich öffnen und schließen zu hören glaubten – wieviel Zeit mag darüber vergangen sein, bis Sie nachsehen gingen, ob es Ihre Frau Schwester wäre, die sie zu besuchen kam?«

»Keine Minute, glaube ich,« erwiderte Westermann. »Denn ich hatte eben den letzten Haken meiner Rabatte geschlossen. Aber von der Stelle wo ich stand bis zu der Tür sind es mindestens sechs bis sieben Schritte – die Zimmer sind alle so groß im Palazzo Toffano. Auch kann ich wirklich nicht sagen, daß ich gehört hätte, ob die Tür geöffnet oder geschlossen wurde, es kann das eine oder das andre gewesen sein.«

»Gewiß, gewiß,« gab Herr Windmüller zu. »Ich weiß, daß es sehr schwer ist, das mit Gewißheit anzugeben. Das Wesentliche für uns ist, daß Sie das Geräusch überhaupt gehört haben. Und daneben hörten Sie nichts – keine Schritte?«

»Nicht daß ich wüßte –«

»Kein Rauschen oder Rascheln eines Kleides – ah! Also Sie haben etwas derartiges gehört – natürlich!« rief Herr Windmüller triumphierend, als der Attaché stutzte.

»In der Tat,« gab er mit halbem Zögern zu, »ich erinnere mich, das gewisse knisternde Rauschen gehört zu haben, wie es die seidenen Futter oder Unterkleider der Damen hervorbringen – frou-frou nennt's der Franzose. Ich glaube, das war's auch, was mich auf den Gedanken brachte, meine Schwester wäre zu mir heraufgekommen.«

»Gerade eben,« meinte Herr Windmüller mit herzgewinnender, sympathischer Zustimmung. »Dieser Gedanke lag ja so nahe. Und Sie haben, als Sie sahen, daß Sie sich getäuscht, nicht nachgesehen, ob zum Beispiel jemand draußen auf dem Korridor war?«

»Doch, natürlich,« erwiderte Westermann lebhaft, »denn da die Treppe gerade meiner Wohnzimmertür gegenüber mündet, so glaubte ich, meine Schwester dort noch sehen zu müssen. Die Treppe hat nämlich auf halber Höhe einen Absatz und teilt sich nach unten –«

»Ich kenne sie,« fiel Herr Windmüller ein, »als eifriger Besucher der Galeria Toffano bin ich sie oft in die Höhe gestiegen. Und auf der Treppe sahen Sie also niemand?«

»Keine Seele,« versicherte Westermann mit einem merkwürdig würgenden Gefühl im Halse.

»Hm! Und auch sonst niemand?« forschte Herr Windmüller sanft und liebreich und mit niedergeschlagenen Augen, denen zum Trotz Westermann aber ganz deutlich fühlte, daß er beobachtet wurde, und er ärgerte sich wütend über sich selbst, als er fühlte, daß das Blut ihm heiß über Stirn und Wangen flog. Einen Moment zögerte er, aber seine Wahrheitsliebe und sein Stolz siegten über das bergende ritterliche »Nein«, das sich ihm auf die Lippen drängte, weil ein warnender Instinkt ihm sagte, daß er damit mehr schaden als nützen könnte.

»Doch,« sagte er nach einigen Augenblicken des Schwankens fest. »Ich sah eben noch die Fürstin Woszgorod in der Tür zur Bildergalerie verschwinden.«

»Ah –!« sagte Herr Windmüller mit plötzlich sehr weit offenen Augen. »Sie sahen – ja, aber wenn mir recht ist – die Galerie ist doch heut' geschlossen?«

»Sie ist's,« erwiderte Westermann mit Anstrengung. »Die Fürstin Woszgorod ist die Dame, welche mit meiner Schwester zusammen die Beletage des Palazzo Toffano gemietet hat und in der Galerie kopiert.«

»O, so so! Also eine alte Bekannte von Ihnen?«

»Von meiner Schwester – ich habe die Fürstin vorgestern zum erstenmal gesehen,« erwiderte der Attaché kurz.

Herr Windmüller versank in tiefes Nachdenken, das wohl gut fünf Minuten dauerte, während welcher Zeit sein Besuch mit einem vagen Gefühl des Unbehagens auf dem Thronsessel Napoleons I. saß und sich die Frage vorlegte, ob es nicht besser gewesen wäre, die Fürstin ganz aus dem Spiel zu lassen. Aber warum auch wieder? Das hätte gerade so ausgesehen, als wenn er glaubte, daß –

»Noch eine Frage, Herr Graf,« unterbrach Herr Windmüller diese Betrachtung. »Haben Sie gegen irgendwen des Briefes und daß er in Ihren Händen sei, Erwähnung getan?«

»Ich habe meiner Schwester davon erzählt,« erwiderte Westermann widerwillig, weil nur wenige Menschen gern ihre Schwächen eingestehen.

»Ganz natürlich,« meinte Herr Windmüller zustimmend. »Es wird ja auch wohl niemand anders dabei gewesen sein?« setzte er harmlos hinzu, und als Westermann schwieg und sich gerade aufrichtend die Lippen fest zusammenpreßte, meinte er gleichsam nebenher: »Höchstens die Freundin Ihrer Frau Schwester. Nicht wahr?«

»Ist dieses – Kreuzverhör notwendig?« fuhr Westermann mit rotem Kopfe auf.

»Kreuzverhör!« wiederholte Herr Windmüller abwehrend. »Ich hole mir Informationen von Ihnen, Herr Graf! Es ist wahr, ich könnte auch so genau erfahren, ob und wann Sie mit Ihrer Frau Schwester gesprochen haben, ob allein oder in wessen Gesellschaft, – dazu gehört keine Hexerei, aber ich brauche natürlich zu solchen Umwegen Zeit, und mir scheint, daß Ihnen daran liegt, so bald wie möglich zu erfahren, wo der Brief hingekommen ist!«

»Verzeihen Sie mir, wenn ich nervös wurde,« erwiderte Westermann beschämt. »Ich fange jetzt erst an, zu merken, wie sehr die Geschichte mir auf die Nerven gegangen ist –«

»Selbstredend – die Reaktion muß ja kommen, wenn die Aufregung ihren Höhepunkt überschritten hat,« fiel Herr Windmüller teilnahmsvoll ein.

»Und,« fuhr Westermann fort, »es irritiert mich, offen gesagt, in die Affäre den Namen einer Dame gezogen zu sehen, die damit auch nicht in dem entferntesten Zusammenhange steht. Die Türe, die ich schließen oder öffnen hörte, war also die Tür der Bildergalerie, in der die Fürstin den ganzen Morgen kopiert hat.«

»Und auf deren Schwelle diese Dame stehen geblieben ist, bis du sie gesehen hast,« vollendete Herr Windmüller in Gedanken; laut aber sagte er: »Das ist eine ganz einfache Lösung. Meine Frage, ob die Fürstin dabei war, als Sie Ihrer Frau Schwester Mitteilung von dem Brief machten, soll ja auch eigentlich nur die Sicherheit dieser Mitteilung feststellen.«

»Ja, die Fürstin war anwesend,« fiel Westermann präzis in die gestellte Falle, wenn auch widerwillig genug.

»Und warum auch nicht?« fragte Herr Windmüller sanft. »Die intime Freundin Ihrer Schwester ist gewissermaßen eins mit dieser!«

»O, ich hatte nicht gesehen, daß die Fürstin im Zimmer war,« meinte Westermann. »Ich bin ja kein Waschweib, daß ich Amtsgeheimnisse Fremden erzähle. Übrigens war mir da die Sache auch noch nicht als »geheim« befohlen worden – daß sie es sei, wurde mir erst später gesagt, und ich hatte allen Grund, den Auftrag als einen ganz harmlosen aufzufassen.«

»Ich danke Ihnen sehr, Herr Graf – das genügt,« erwiderte der Detektiv verbindlich. »Wenn meine Klienten mir immer von vornherein alles nötige mitteilten, ohne es gleich übel zu nehmen, wenn ich eine Frage stelle, die doch zu meiner Information gehört, weil ich nicht allwissend bin, so käme ich in vielen Fällen rascher zum Ziele. Nun, Herr Graf, da es sich so gut trifft, daß Ihr Diener krank ist – wie wäre es, wenn Sie mich als seinen Stellvertreter bei sich engagierten, wobei ich Gelegenheit hätte, das Heer der dienstbaren Geister im Palazzo Toffano kennen zu lernen? Wenn dann wahrscheinlich sehr bald eine oder die andre der Zofen sich über mich beklagt, so schicken Sie den neuen Johann einfach wieder fort, dann ist meine Arbeit in den Livreeregionen beendet. O, Sie brauchen nichts zu fürchten: ich kann nicht nur einen echten Benvenuto von einem nachgemachten unterscheiden, sondern auch sehr gut die Stiefel wichsen und Kleider putzen. Eins wie das andre gehört zu meinem Berufe, der, wie Sie sehen, große Vielseitigkeit erfordert.«

Westermann mußte unwillkürlich lachen. »Es ist die Möglichkeit!« sagte er erheitert. »Also gut. Sie kommen als Stellvertreter von Lawetzki. Wann?«

»Heut' noch – in einer oder zwei Stunden. Sie haben gesehen, daß es ohne Diener doch nicht geht, und ich bin Ihnen von einem Kollegen empfohlen worden. Wenn es später notwendig sein sollte, so würde ich mir eine Einführung in den Salon Ihrer Frau Schwester erbitten.«

»Aber die Dienstboten würden Sie doch gleich wieder erkennen!« rief Westermann mit langem Gesicht.

»Mich wieder erkennen?« lachte Herr Windmüller. »Sie selbst würden mich nicht wiedererkennen, verehrter Herr Graf! Darüber machen Sie sich keine Sorgen. Und auch sonst nicht! Der bekannte Archäologe Dr. Windmüller hat das Entree in den besten Kreisen hier wie im ganzen gebildeten Europa, er ißt nicht mit dem Messer und schneuzt sich nicht in die Serviette. Warum sollte er auch, wenn er ein gebildeter Mann ist, der sich's zum Beruf gemacht hat, der Gerechtigkeit auf Erden seine Fähigkeiten zu leihen? Daß er sich dafür bezahlen läßt? Ja, läßt sich denn der Schriftsteller nicht dafür bezahlen, daß er das Publikum unterhält, und der Soldat, daß er dem König dient? Also, Ihr Fall interessiert mich, Herr Graf, und wenn Sie mir freundlichst carte blanche geben wollen für das, was mir zur Wiederauffindung des Briefes notwendig erscheint, so ist es durchaus nicht unmöglich, daß wir wieder in seinen Besitz kommen oder doch erfahren, wer ihn genommen hat. Wir haben es hier zweifellos mit einem sehr gewandten Werkzeuge zu tun und müssen versuchen, noch gewandter zu sein.«

Als Westermann diesen sonderbaren Detektiv, bereichert um einen schwachen Hoffnungsschimmer, verließ, sah dieser ihm von seinem Fenster aus mit seinem feinen Lächeln nach.

»Ein Mensch, den man wie ein offenes Buch lesen kann. Wird es nicht weit in der Diplomatie bringen,« war sein Resümee. »Präparieren wir nun unsern Einzug ins Palais Toffano – vorher aber konsultieren wir unsre Listen wegen der Fürstin Woszgorod. Kommt mir sehr bekannt vor, diese Fürstin Woszgorod. Werden ihr mal etwas auf die Finger sehen!«

Und zu derselben Stunde warf Frau v. Mollwitz, gehüllt in eine große graue Wirtschaftsschürze, einen Federwedel und ein Staubtuch unter dem Arme, verächtlich eine Visitenkarte in eine dazu bestimmte Schale. »La Princesse de Woszgorod!« murmelte sie noch verächtlicher. »La Princesse de Quarkspitzen! Dieser hergeschneiten Fürstin werden wir mal ordentlich auf die Finger sehen!«

Hieraus erhellt, daß zwei Menschen ganz genau dasselbe denken können, selbst, wenn ganz verschiedene Motive sie zu gleichem Vorhaben leiten.

*

Max Westermann spürte, nachdem er den Detektiv verlassen, einen gesunden Hunger. Kein Wunder, da er seit seinem Kaffee früh noch nichts genossen. Die Aufregung hatte ihm in den letzten Stunden die Nahrung ersetzt; nun aber ein gewisses Gefühl der Beruhigung über ihn kam – denn er hatte entschiedenes Vertrauen zu Herrn Windmüller – verlangte seine Natur, seine Jugend ihr Recht. Eine gewisse Nervosität hielt ihn aber noch von der Tafel seiner Schwester fern; er fürchtete sich vor ihrem scharfen Blick und den daraus resultierenden Fragen, die er nicht beantworten durfte. Zwar, Therese Triberg war der Takt und die Diskretion selbst, aber besser war's schon, sich gar nichts merken zu lassen. Die Geschwister hatten ausgemacht, daß sie, wenn keine andern Verabredungen dazwischen traten, zusammen bei Frau v. Triberg speisen würden; sollte der Attaché durch Geschäfte oder sonstwie verhindert sein, an den Mahlzeiten seiner Schwester teilzunehmen, so hatte er einfach zu telephonieren. Max Westermann telephonierte also und fühlte sich nach einem ausgezeichneten Lunch in einem der besten Restaurants Roms einigermaßen gekräftigt, so daß er nun nach dem Palazzo Toffano zurückkehrte, bereit, dem fragendsten Blick mit heitrer Stirn zu begegnen und sein Geheimnis tief in den Grund seiner Seele zu verschließen. Mehr noch, sein moralisches Gleichgewicht war so sehr wiederhergestellt, daß ihm sein ungeschrieben gebliebenes Gedicht vor der Katastrophe wieder einfiel.

Aber die Niederschrift dieses Gedichtes stand für heute nicht in den Sternen geschrieben, denn, als Max Westermann den Palazzo Toffano betrat, meldete ihm Signor Marzio, der Kastellan, daß der neue Diener angekommen sei und droben auf den Signor Conte warte. Diese Nachricht brachte den armen Attaché abermals zur schnöden Gegenwart zurück, und nicht ohne Neugierde stieg er seine zwei Treppen hinauf. Richtig: vor der Haupttür seines Apartements saß auf einem Rohrstuhle ein tadelloser Kammerdiener in schwarzem Frack, Culotten, seidnen Strümpfen und Schnallenschuhen und weißer Krawatte, wie es üblich ist in großen römischen Häusern. Der Mann trug den vorgeschriebenen kurzgehaltenen Backenbart, bei ihm von rötlicher Farbe, und war sonst glatt rasiert; sein rötliches Haar war glatt gescheitelt, sein Ausdruck der einer dumm-verbindlichen Ausdruckslosigkeit.

Max Westermann stand starr vor dem »neuen Diener«; wenn er auch wußte, daß es falsche Bärte und Perücken gibt, vielleicht auch solche buschige Augenbrauen, so verriet der Mann hier in nichts den Herrn Windmüller, dessen feines Gesicht mit der kurzen, gebogenen Moltkenase hier einer äußerst gewöhnlichen und vergnüglich aussehenden Kartoffelnase, einer merkwürdig langen Oberlippe und etwas schweren Augenlidern und kleinen Schlitzaugen gewichen war. Das konnte der Detektiv unmöglich sein, und als der Mann sich noch mit leicht anstoßender Zunge und gänzlich fremder Stimme bei ihm meldete, da war er sicher, daß Dr. Windmüller einen Stellvertreter gesandt haben mußte. Deshalb bekam er auch einen richtigen Schrecken, als drinnen im Zimmer, kaum daß die Tür geschlossen war, die sympathische Stimme des Detektivs hinter ihm sagte:

»Sagte ich Ihnen nicht, daß Sie mich nicht wiedererkennen würden, Herr Graf? Ich besitze dreiunddreißig verschiedene Physiognomien, in denen meine eigne Mutter mich nicht wiedererkennen dürfte!«

Max Westermann mußte sich vor Erstaunen setzen.

»Da hört wirklich verschiedenes auf,« gestand er lachend. »Es ist ja alles falsch an Ihnen bis auf die Nase! Wo zum Kuckuck haben Sie aber nur die lange Oberlippe hergenommen?«

»Die ist eine optische Täuschung,« erwiderte der Detektiv schmunzelnd, »ein Malertrick, den Ihnen jeder Schmierenschauspieler vorschminken kann. Nur muß ich meine Künste natürlich auf die Nähe berechnen und auf scharfe Zofenaugen. Apropos: die Zofe Ihrer Frau Schwester hat viel Selbstbewußtsein und Schick, aber sonst ein Hühnergehirn. Ich werde heute abend schon wissen, ob sie den Brief genommen hat. Der hessische Posaunenengel – warum lachen Sie? Ach, weil Sie die Kathi ebenso genannt haben! Hm – wir scheinen nach gewissen Richtungen den gleichen Blick zu haben! Also den Posaunenengel können wir, wenn mich nicht alles täuscht, überhaupt von der schwarzen Liste streichen. Die Köchin steht auch nicht darauf. Hingegen besitzt die Fürstin Woszgorod einen höchst interessanten Dienerstab, dessen nähere Bekanntschaft ich kultivieren werde –«

»Könnten wir die Fürstin Woszgorod nicht überhaupt lieber aus dem Spiele lassen?« unterbrach der Attaché hastig den Detektiv.

»Aber bester Herr Graf, ich bitte Sie!« rief Herr Windmüller, den Kopf mit sanftem Tadel schüttelnd. »Den Brief hat doch kein gewöhnlicher Dieb, der Portemonnaies und Taschentücher stiehlt, sondern ein politischer Agent, nicht wahr? Nun hat aber keine Regierung mehr und besser bezahlte Agenten als Rußland, und zwar in allen Schichten der Bevölkerung. Die Fürstin kann unter ihren Dienern zur Hälfte politische Agenten haben, ohne daß sie eine Ahnung davon hat. Ja, es ist schon vorgekommen, daß Herr wie Diener gleichzeitig in gouvernamentalen Diensten standen, um sich gegenseitig zu kontrollieren oder Arbeit verschiedener Richtung auszuführen –«

»Aber die Fürstin –«

»Ich habe nichts von der Fürstin gesagt. Solange ich diese Verkleidung trage, habe ich nur mit der Dienerschaft zu tun. Halt – ein weibliches Geräusch –«

Mit einem einzigen lautlosen Satz, der da bewies, daß der Detektiv sozusagen mit rückwärts gelegten Ohren gesprochen hatte, war er an der nach dem Korridor führenden Tür, und nun hörte auch Westermann das gewisse frou-frou seidner Unterröcke, das ihm heute mittag aufgefallen. Deutlich hörbar kam es näher, und als es vor der Tür war, riß der Detektiv diese auf und stand, die Klinke in der Hand, in devoter Stellung da, um Frau v. Triberg einzulassen.

»Das ist doch nicht etwa Lawetzki?« sagte sie überrascht. »Nein, natürlich nicht! Aber –«

»Aber eine Aushilfe, bis Lawetzki wiederkommt,« ergänzte Westermann, indes sein neuer Kammerdiener lautlos verschwand, »wahrscheinlich um durchs Schlüsselloch zuzuhören,« wie er ihn im Verdachte hatte; »natürlich um am Schlüsselloch zuzuhören,« wie Herr Windmüller sich sagte, weil er größtenteils zu diesem Zweck unter seiner gegenwärtigen Maske ins Palais Toffano gekommen war.

»Du bist schnell mit dem Entschlusse einer Aushilfe für Lawetzki gewesen,« bemerkte Frau v. Triberg harmlos. »Kathi scheint dir demnach als Kammerdiener nicht recht zu genügen?«

»Gerade deswegen,« meinte Westermann. »Ich habe heute mittag gesehen, daß es ohne männliche Hilfe doch nicht geht. Aber es war sehr gütig von dir, mir deinen Posaunenengel zu leihen, und ich wäre dir dankbar, wenn du ihn auch ferner bei mir aufräumen ließest, denn so was tut natürlich Jean nicht – das ist unter seiner Würde!«

»Merci beaucoup,« sagte »Jean« hinter der Tür.

»So sieht er auch gerade aus,« meinte Frau v. Triberg lachend. »Wo hast du denn diesen Kerl aufgegabelt, der mit seiner langen Oberlippe aussieht wie ein Schimpanse?«

»Merci infiniment!« schmunzelte »Jean« hinter der Tür.

Westermann erzählte etwas von Empfehlung durch einen Bekannten, und Frau v. Triberg, für die das Thema damit erledigt war, sagte ihrem Bruder, sie wäre gekommen, ihn zum Tee abzuholen.

»Ich habe ihn besonders opulent bestellt mit vielen Sandwichs,« erklärte sie heiter, »denn wenn die Diners bei Mutter Mollwitz hier sind, wie sie zu Lebzeiten ihres Seligen waren, so muß man vorher einen tüchtigen Imbiß zu sich nehmen, damit man nicht verhungert!«

»Donnerwetter – das Diner in der Gesandtschaft habe ich ja ganz vergessen!« rief Westermann, zu spät eingedenk seiner Vorsätze von heute früh.

»Da war's ja gut, daß ich heraufkam,« meinte Frau v. Triberg. »Laß dich also von deinem kartoffelnasigen Schimpansen schön machen und komme herunter. Djavahir kommt auch zum Tee und wir können nachher zusammen in die Gesandtschaft fahren.«

»Djavahir kommt auch –« dies Zauberwort versüßte mit einem Schlage den bittern Kelch des Diners bei Mutter Mollwitz, ohne daß er sich dessen eigentlich bewußt war, wie denn diese würdige Dame in einen merkwürdig weiten Hintergrund seines Horizontes getreten war durch die Ereignisse dieses Tages.

Frau v. Triberg begegnete herabgehend auf der Treppe dem neuen »Jean« und sagte ihm, daß ihr Bruder seiner bedürfe. Aber was hätte sie für Augen gemacht, hätte sie sehen können, wie ihr Bruder, nun sogar des Posaunenengels beraubt, sich selbst im Schweiße seines Angesichtes in Dinertoilette warf, während der »Schimpanse« auf dem bequemsten Lehnsessel des Wohnzimmers saß und des Attachés beste Zigarre rauchte.

»Es paßt mir sehr, daß Sie alle heute abend nicht zu Hause sind,« hatte er befriedigt erklärt. »Heute abend wird zunächst die Zofe Ihrer Frau Schwester durch russische Konversation mit der Dienerschaft der Fürstin eifersüchtig gemacht –«

Westermann wünschte in der Tiefe seines Herzens dem Detektiv viel Vergnügen zu seinem Vorhaben und vergaß selbst Brief, Mutter Mollwitz und alle sonstigen Unannehmlichkeiten des Lebens, als er eine Viertelstunde später am reichbesetzten Teetisch seiner Schwester der Fürstin gegenüber saß, die in einer spitzeninkrustierten Dinertoilette von weißem, weichem crêpe-de-Chine wie eine Schneeflocke aussah, so zart, so duftig und so kühl. Aber sie taute dann auf, denn es war unmöglich der herzlichen Natürlichkeit Frau v. Tribergs gegenüber zurückhaltend und kühl zu bleiben, besonders wenn das eines Menschen Natur nicht ist, sondern nur eine für die Majorität bestimmte Seelentoilette. Noch weniger vielleicht als seiner Schwester war Max Westermann zu widerstehen, der mit dem Herzen auf der Zunge nicht einmal so tat, als ob er blasiert wäre oder sich auf den »Ladykiller« oder Zyniker spielte, wie das junge Herren von heutzutage für absolut notwendig halten, um Eindruck zu machen. Nein, Max Westermann war gesund an Leib und Seele und in keiner Weise angekränkelt von irgendwelchen falschen Begriffen moderner jeunesse dorée – er galt sogar für »originell«, während er absolut nichts andres war als natürlich. Daß die kühle Zurückhaltung der Fürstin Woszgorod nichts weiter als eine für ihre Jugend und Schönheit wahrscheinlich sehr notwendige Maske war, das bewies ihr Auftauen im Kreise der Geschwister, vor denen es hervorbrach, wie das Leuchten der nordischen Sonne, wenn sie aus Schnee und Eis das erste Veilchen aus dem kalten Erdreich lockt.

Kurz, diese Teestunde im Boudoir von Frau v. Triberg schien dem Attaché die schönste Spanne Zeit, die er noch in seinem Leben verbracht, und nur mit einem tiefen Seufzer des Bedauerns über den unterbrochnen Zauber hörte er die Meldung, daß der Wagen vorgefahren sei.

Zwar in dem engen Raume eines geschlossenen Landauers der Fürstin gegenüber zu sitzen und im Schein vorbeihuschender Straßenlaternen ihr schönes Gesicht mit den silberblonden Haarwellen darüber aus dem weißen, krausen Pelzwerk ihres weißsamtnen, silbergestickten und mit weißem Atlas gefütterten Abendmantels hervortauchen zu sehen, das war auch ein Genuß, der ans Märchenhafte streifte und den armen Max Westermann vollends der Wirklichkeit entrückte, seinem Herzen den Rest gab. Und er träumte einen zweiten Vers zur Melodie des Donauwellenwalzers hinzu – – –

Zehn Minuten später war der Zauber wieder gebrochen, denn da betrat er mit den beiden Damen den Empfangssalon der Gesandtschaft, wo Mutter Mollwitz in einem lila-aufgefärbten älteren Seidengewande (denn Mutter Mollwitz war auch an ihrem eignen Leibe sparsam und ließ nichts umkommen) ihre Gäste begrüßte.

»Na, liebe Therese, wir haben uns lange nicht gesehen,« sagte sie, Frau v. Triberg mit ihrer Nase reibend, was sie einen »Kuß« nannte. »Vier, fünf Jahre, was? Jünger sind Sie in der Zeit auch nicht geworden, wie ich sehe – na, wir müssen halt alle einpacken mit der Jugend! Wie sind Sie denn auf den blödsinnigen Gedanken gekommen, sich im Palazzo Toffano einzumieten? Da langt ja Ihre elende Witwenpension nicht mal zur Beheizung aus! Ich weiß doch, was ich habe, aber um im Palazzo Toffano zu wohnen – da würde ich mich selbst backpfeifen, wenn ich das täte! – O, Fürstin Woszgorod? Guten Abend, Durchlaucht. Konnte Sie heute mittag leider nicht empfangen, denn ich zählte gerade die große Wäsche. Das darf man den Leuten nicht überlassen, schon weil ich dann gleich berechne, wieviel Seife ich herausgeben muß. Sonst wird damit bis in die Puppen gewüstet. Wieviel Seife rechnen Sie denn auf hundert große Stück Wäsche?«

Das Beste bei diesen Fragen von Mutter Mollwitz war, daß sie nie auf eine Antwort wartete oder rechnete, erstens weil sie ihre eigne Ansicht doch für unfehlbar hielt und zweitens, weil sie dabei schon längst wieder an etwas andres dachte.

»In der russischen Botschaft ist noch niemand vom Urlaub zurück,« fuhr sie daher im selben Atem fort. »Ich ging heute früh, als ich vom Markte kam – apropos, Max, haben Sie sich nun ausgemuckscht? Ja, ich ging an der Botschaft vorbei und fragte, ob die Gräfin zurück sei, um sie für heute einzuladen – Sie kennen doch die Gräfin, Durchlaucht?«

»Ja,« erwiderte die Fürstin einfach.

»So? Na, das ist ja angenehm für Sie hier an dem fremden Ort,« meinte Mutter Mollwitz mit einem tadelnden Blick auf die Toilette ihres Gastes; sie tadelte immer die Toiletten ihrer Gäste; trugen sie weiß, hätten sie besser getan, schwarz zu kommen; in Schwarz sahen sie »vermurkst« aus, in Rot wie Siegellackstangen, in Gelb wie eine verschrumpelte Zitrone, in Blau wie blitzblaue Scheusäler, in Grau wie die Muhme Rehlen in der Zuckertüte, in Grün wie die Laubfrösche, und gemischte Farbentöne entlockten ihr noch blumenreichere Vergleiche. Therese Triberg, die in ihrer mauve Toilette nicht nur schick, sondern auch jung und blühend aussah, hatte für die letztere Tatsache schon ihren »Dämpfer« weg, damit sie sich nicht etwas darauf einbildete, und der Abend brachte ihr später noch die Versicherung, daß die Nuance ihrer Robe zu hell wäre, denn wenn man »ins alte Eisen« käme, wäre ein gesetztes Lila oder Heliotrop passender. Hätte sie ein solches aber getragen, so wäre ihr die Versicherung, sie sähe wie eine alte Runkunkel aus, sicher nicht versagt worden. Doch sie kannte die Eigentümlichkeit von Mutter Mollwitz und nahm das »alte Eisen« freundlich lächelnd hin, und wenn ihr Blick dabei seitwärts huschte nach ihrem eignen auffallend hübschen und eleganten Spiegelbilde, so war dieser kleine Trost ihr nicht übel zu nehmen. Jedenfalls war die Partie aus dem Palazzo Toffano sehr pünktlich in der Botschaft eingetroffen und daher noch ohne Blitzableiter den Attacken von Mutter Mollwitz ausgesetzt.

»Kinder, setzen wir uns, bis die andern kommen,« sagte sie, ohne Atem zu schöpfen, »ich kann das Herumgestehe nicht aushalten. Wir drei Witwen hier auf dem großen Sofa werden uns sehr gut ausnehmen – hier sitzen immer die Witwen drauf, auch gelegentlich die, welche es nicht bleiben wollen. Sie können es also schon wagen, Fürstin!«

Die Angeredete heftete ihre großen grauen Augen, die im Augenblick schwarz aussahen, erstaunt auf die kleine verhutzelte Exzellenz im gefärbten Kleide, und sonderbarerweise wurde Mutter Mollwitz vor diesem Blick verlegen. Sie wendete dem Witwensofa den Rücken und führte Frau v. Triberg etwas unvermittelt zu einer Palmengruppe, deren Pflege ihr Stolz war, wenn dieselbe sich auch hauptsächlich nur auf das Scheuern der Blumenkübel erstreckte. Und während sie besonders auf eine Dracäna zeigte, flüsterte sie:

»Unter Zobel für den Kuppelpelz dürfen Sie's hier nicht tun, Therese! Das haben Sie ja mordsgeschickt eingefädelt, aber hoffentlich haben Sie sich auch überzeugt, daß der Mammon echt und keine Spiegelfechterei ist? Die Russen, die ich hier sprach, kennen Ihre neue Freundin alle nicht. Das ist doch mindestens verdächtig!«

»Exzellenz, ich verstehe kein Wort von dem, was Sie sagen,« erklärte Frau v. Triberg kalt und verletzt.

Mutter Mollwitz schlug die Hände zusammen.

»Ich weiß nicht: kann ich mich nicht mehr ausdrücken oder nimmt die Begriffsstutzigkeit mehr zu?« sagte sie kopfschüttelnd und achselzuckend. »Ich weiß auch gar nicht, wo ihr alle die hohen Pferde hernehmt, auf denen ihr euch tummelt, sobald euch mal ein Wort nicht paßt von einer alten Freundin wie ich.«

Frau v. Triberg wurde der Antwort auf diese liebenswürdige Anrede durch den Eintritt des Gesandten enthoben, dem alsbald die Ankunft der übrigen Geladenen nachfolgte, bis sich im ganzen zehn Personen um die Tafel versammelten.

»Das ist gerade die rechte Zahl,« sagte Herr v. Grünholz, der zwischen Frau v. Triberg und der Fürstin saß. »Ein zu kleiner Kreis spricht sich zu schnell aus, und die Konversation wird krampfhaft, um den berühmten Engel fern zu halten, der einem bekannten Ausspruch zufolge in den Gesprächspausen durchs Zimmer fliegt. In einem Kreise von zehn Personen aber ist nicht anzunehmen, daß nicht irgendeine irgend etwas von allgemeinem Interesse zu sagen hat. Der Kreis ist nicht enge ohne deswegen groß zu sein, denn eine Partie Karree muß schon sehr fein zusammengestimmt sein durch gleiche Interessen und gleiche Geistesgaben, wenn die Langeweile und die Abgespanntheit ausgeschlossen sein sollen.«

Im übrigen erwies der Gesandte der Fürstin so markante Aufmerksamkeiten, daß er sie damit gewissermaßen in den Mittelpunkt des kleinen Kreises stellte.

Daß dich – der alte Kaffer schneidet ja regelrecht die Cour, dachte Westermann mit einem eigentümlichen Gemisch von Erstaunen, Wut und unbewußter Eifersucht, und wenn etwas dabei mildernd wirkte, so war es die ungemischte Freude, zu sehen, daß Mutter Mollwitz ein Gesicht dazu machte, wie die Katze, wenn's blitzt. Ganz natürlich, denn über ihrem Haupte hing noch immer das Schwert des Damokles, eines nicht ganz zu den Unmöglichkeiten gehörenden Heiratsgedankens ihres immerhin in den besten Jahren stehenden Bruders, zu dessen Gunsten seine Stellung und sein gutes, vornehmes Aussehen schwerer ins Gewicht fielen als seine Jahre; und wenn er erst auf den Gedanken kam, dann konnte Mutter Mollwitz ihr Bündel schnüren und zusehen, wen sie knechten konnte und wo sie sich ihren Marktgroschen auf die hohe Kante legte. Und ihre größte Angst dabei war, daß ihr Bruder dabei eine Dummheit machen würde, denn, pflegte sie in ihrer blumenreichen Ausdrucksweise zu sagen, die alten Esel fressen am liebsten junge Disteln.

Nach dem Diner, das Mutter Mollwitz wie gewöhnlich nicht allzu reichlich bemessen hatte, damit sich keiner den Magen verdarb – böse Zungen behaupteten, daß die Torte zum Dessert nur als Schaustück vom Konditor geliehen war und darum auch unzerschnitten herumgereicht wurde (wehe dem Frechling, der sie anzuschneiden sich erdreistete!), nach dem Diner also, dessen Menü der Hausherr mehrmals kopfschüttelnd betrachtete, fand er Gelegenheit, seinen Attaché für einen Moment allein zu sprechen.

»Waren Sie bei Windmüller?« fragte er leise.

»Jawohl, Exzellenz. Er befindet sich schon seit dem Nachmittage im Palazzo Toffano unter der Maske meines Kammerdieners und scheint durch die Herzen des weiblichen Personals aus die Spur des verlorenen Briefes kommen zu wollen.«

»Alle Wetter – da muß Windmüller stark interessiert sein, wenn er unverweilt ans Werk geht. Daß er an der Stätte der Tat beginnt, ist ja eigentlich selbstredend, aber – hm – nun, ich fürchte: Ihr neuer Diener wird Sie sehr bald Knall und Fall verlassen, wenn er nicht bei Ihrer Heimkunft heute abend schon verduftet ist. Er braucht nicht viel Zeit, zum Rekognoszieren. Ist er aber noch da, so sagen Sie ihm, daß eine östliche Macht weniger Interesse an dem Inhalt des Briefes hätte, als die Windrosenrichtung Nordwest bei Nord. Haben Sie verstanden? Nicht ganz? Es schadet nichts, lieber Westermann. Windmüller wird es schon verstehen. Natürlich ist es nicht ausgeschlossen, daß der Ostwind das Blättchen Papier trotzdem entführt hat und es für seine Zwecke verwertet. Kabinettsgeheimnisse sind immer begehrenswert, selbst wenn der ideale Nutzen ein größerer ist als der reelle. Also vergessen Sie nicht, Windmüller das zu sagen, wenn Sie ihn heute noch bei sich sehen sollten. Interessanter Mensch, der Windmüller, nicht wahr? Ein feiner Kopf, ein Archäologe von Bedeutung, ein Detektiv allerersten Ranges und ein Gentleman.«

Er nickte dem Attaché zu und trat mit einer allgemeinen Bemerkung an Frau v. Triberg heran, die neben der bewußten Palmengruppe stand und in einem Album blätterte.

»Finden Sie meine Schwester sehr verändert?« fragte er ganz unvermittelt.

»Nein gar nicht – weder im Äußeren noch im Wesen,« erwiderte sie trocken.

»So? Ich finde, sie wird mit jedem Jahre schärfer, genauer und untraktabler,« meinte Herr v. Grünholz ebenso trocken, vielleicht noch mehr.

Therese Triberg sah ihren Gastgeber überrascht an, und dann singen beide a tempo an zu lachen.

»Galgenhumor,« meinte er. »Ich sah Sie mit meiner Schwester vor dem Essen bei diesen selben Palmen stehen und sah Ihr Gesicht – nun, wenn's auch nicht in dem Maße der Dolmetsch Ihrer Gefühle ist, wie bei Ihrem Bruder, gnädige Frau, so war doch nicht schwer zu lesen, was darauf stand. Soll ich den üblichen Trost hersagen: Nehmen Sie's ihr nicht übel – sie ist nun mal so?«

»Ganz und gar nicht; ich hatte nur ein wenig vergessen, daß sie so ist,« erwiderte Frau v. Triberg heiter.

»Ja und meine gute Schwester hat das so heraus, die Leute da zu treffen, wo sie verwundbar sind,« ergänzte Herr v. Grünholz. »Ihnen kann ich's schon gestehen: es war ein Mißgriff, Melanie an die Spitze meines Haushalts zu stellen. Offen gesagt, ich hatte auch vergessen, wie sie war. Aber ich begreife nun, daß mein seliger Schwager nicht auf Rosen gebettet war in seiner Ehe – Melanie mit diesem Scheuerteufel im Leibe und diesen Sparsamkeitsprinzipien – nun, unser heutiges Diner wird Ihnen davon eine hübsche Probe gegeben haben –«

»Diese Fürsorge für Ihr Eigentum und – Ihre Kasse, Exzellenz, ist eigentlich auch wieder rührend,« meinte Frau v. Triberg, die allen Menschen und Dingen immer die beste Seite abzugewinnen suchte.

Herr v. Grünholz sah Therese Triberg dankbar an für das gute Wort und verbarg unter einem Räuspern die Versuchung, ihr mitzuteilen, daß seine Schwester im Gegenteil jeden am Haushaltungsgelde ersparten Groschen von vornherein als ihr persönliches Eigentum betrachte und Sorge trug, daß dies nicht zu gering ausfiel. Der schwergeprüfte Diplomat, dessen Palais böse Zungen den »Hungerturm« nannten, versuchte auf verschiedene Weise Abhilfe zu schaffen; aber Mutter Mollwitz hatte ihr ganzes Leben so gewirtschaftet und wäre beim besten Willen gar nicht imstande gewesen, nicht zu knausern und Ersparnisse zu machen. Und so war denn der Gesandte zu der Überzeugung gekommen, daß es so nicht weiter ginge und er entweder seinen Abschied nehmen oder heiraten müsse. Offen gestanden, hatte er zu keinem von beiden Lust, denn erstens fühlte er sich noch durchaus auf der Höhe seiner Arbeitskraft, und dann, wenn man älter geworden ist, mag man auch nicht die erste beste nehmen, und er kannte auch keine, die ihn besonders dazu gereizt hätte, seine Junggesellenfreiheit ohne Seufzer zu opfern. Seit gestern abend indessen – und Exzellenz ließ das Räuspern, das Frau v. Triberg indes richtig deutete, in einen Seufzer ausklingen – – –

Indes war Mutter Mollwitz nicht untätig. War ihr das heutige Diner überhaupt schon ganz gegen den Strich aus ökonomischen und andern Gründen, so hatte es sie obendrein noch mordsschlechter Laune gemacht, weil dieser »Frechdachs«, der Max Westermann, so viel Knackmandeln zum Dessert gegessen hatte, daß kein Rest mehr davon in den Vorrat zurück wandern konnte! Und dabei war's überhaupt nur Ausschußware, die sie um den halben Preis unter harten Kämpfen erhandelt hatte, wie sie denn bei ihren Einkäufen immer das Risiko eines Injurienprozesses lief und manches harte Wort von ihren empörten Lieferanten als Extrarabatt mit nach Hause nahm. Na wart', diesen Max würde sie schon noch zausen, dachte sie grimmig, als sie die glücklich liegengebliebenen wenigen Datteln und vertrockneten Stengelrosinen gleich verschloß, ehe die Diener sich daran vergreifen konnten. Dann setzte sie sich mit ihrem ewigen grauen Strickstrumpf aus das Witwensofa und winkte die Fürstin neben sich.

»Mein Bruder hat also Ihren Mann gekannt?« begann sie, lebhaft strickend.

»Ja,« erwiderte die Fürstin so markiert kühl, daß jede andre als Mutter Mollwitz zu etwas anderm übergegangen wäre. Aber Takt war eine Tugend, die nicht Pate bei ihr gestanden hatte.

»Fürst Woszgorod muß auch alt genug gewesen sein, daß er Ihr Großvater hätte sein können,« fuhr sie mit der ihr eignen schönen Gabe, den Leuten Unangenehmes zu sagen, ganz harmlos fort, und als ihr Gast darauf nur mit Schweigen antwortete, fragte sie ungeniert: »Kinder haben Sie wohl nicht? Wenn Sie so jung sind, wie Sie aussehen, dann sind Sie ja selbst noch ein halbes Kind, und da viele Leute Sie jedenfalls sehr hübsch finden werden und Sie auch Geld zu haben scheinen, so finde ich es – nehmen Sie mir's nicht übel – eigentlich ganz unpassend, daß Sie so allein in der Welt herumflitzen!«

So, nun hatte Mutter Mollwitz, unterstützt durch ihre schlechte Laune, wieder mal ihre »Pflicht« erfüllt und einem irrenden Menschen die »Wahrheit«, das heißt, ihre Meinung gesagt. Sie strickte dabei über der Kappe der Socke, und mußte daher ihre Augen auf diesem wichtigen Teile ihrer Arbeit ruhen lassen, als aber auf ihre Rede keine Antwort kam, da sah sie über den aus ihrer Nasenspitze klemmenden Kneifer hinweg auf die Gemaßregelte, die mit solch stummer Demut die Weisheit hinnahm, so von ihren Lippen strömte – aber der Ausdruck des schönen, jungen, ihr voll zugekehrten Gesichtes war gar nicht der schuldbewußter Zerknirschung, sondern eher der eines Kindes, das halb erstaunt, halb amüsiert ein fremdländisches groteskes Tier betrachtet, vor dem es nicht nötig hat, sich zu fürchten.

»Sieben, acht, neun, zehn,« kehrte Mutter Mollwitz schleunigst zu ihrer Socke zurück und fuhr hinter diesem Bollwerk fort: »Das war überhaupt zu meiner Zeit nicht Mode, diese Selbständigkeit der Jugend von heutzutage, und besonders junge, sogenannte hübsche Witwen mit Geld, die auf der Jagd nach einem zweiten Manne waren, betrachtete man als den Inbegriff des schlechten Tones. Die Welt ist ja heute anders, aber man kann seine Begriffe von Schicklichkeit doch nicht nach der Mode ändern. Haben Sie denn keine Mutter, Tante oder sonst 'ne ältliche Verwandte, die Sie zu sich nehmen können?«

»Melanie!« sagte die Stimme des Gesandten leise, aber warnend hinter ihr. Herr v. Grünholz war von seiner Schwester unbemerkt hinter das Sofa getreten, aufmerksam gemacht durch den Ausdruck im Gesicht der Fürstin, die ihn bei seinem Nahen mit einem fast schelmischen Lächeln begrüßte. Mutter Mollwitz, die bei Nennung ihres Namens natürlich aufblickte, sah dieses Lächeln, das ihr den schlagenden Beweis lieferte, daß ihre Predigt den beabsichtigten Effekt verfehlt hatte.

»Meine Schwester hält sich nämlich für berufen, die Welt zu ihren Ansichten zu bekehren; sie meint es gut, aber sie verlangt selbst nicht ernsthaft genommen zu werden,« sagte er liebenswürdig zu der Fürstin, die ja noch nicht wußte, daß es die Aufgabe seines Privatlebens war, für die Taktlosigkeiten seiner Schwester um Entschuldigung zu bitten und dafür immer eine neue verbindliche Form zu finden.

»O nein, ich habe Frau v. Mollwitz gar nicht ernsthaft genommen,« erwiderte sie ruhig. »Denn,« setzte sie hinzu, »denn sonst dürfte ich ja gar nicht mehr hier sitzen. Frau v. Mollwitz sprach theoretisch; es hat jeder das Recht, seine Theorien darzulegen, auch über junge Witwen. Ich habe auch über ältere und alte Witwen, wie sie sind und wie sie sein sollten, meine Ideen und will sie Frau v. Mollwitz gern darlegen. Nur heute ist es schon zu spät dazu – ich muß mir das Vergnügen aufheben, bis Frau v. Mollwitz einmal und hoffentlich recht bald mein Gast ist.«

»O Melanie,« dachte der förmlich strahlende Gesandte, seinen Gast begeistert betrachtend. »Wenn's nur etwas nützen wollte! Aber wer selbst immer mit Kartätschen schießt, der verliert ganz das Gefühl für Vogeldunst.«

»Therese winkt mir – unser Wagen ist also vorgefahren, und wir beide sind darüber ganz einig, daß es gegen unsre Grundsätze ist, den Kutscher warten zu lassen. Kutscher sind nämlich unsrer Meinung nach auch Menschen,« fuhr die Fürstin im leichten Konversationston fort; sie hatte vorher sehr pointiert gesprochen. »Also guten Abend, gnädige Frau, und vielen Dank für Ihre angenehme und belehrende Gastfreundschaft.«

Der Gesandte reichte der Fürstin den Arm und führte sie mit wahrhaft zärtlichen Gefühlen die Treppe hinab bis an den Wagen. Wie doch diese mädchenhaften Blondinen mitunter ihre Zähne zeigen können! Die würde sicher mit Melanie fertig werden; aber erstens war sie zu jung; zweitens war sie eine Ausländerin – man durfte früher wenigstens als Diplomat keine Untertanin eines andern Staates zur Frau haben, der diplomatischen Beziehungen und Konsequenzen wegen – und drittens – drittens überhaupt und derowegen. Aber, Seine Exzellenz war begeistert, daß es ein Menschenkind gewagt, seiner teuern Schwester eine Lektion zu erteilen, und er gab seinem Vergnügen und seiner Bewunderung so unverhohlen Ausdruck, daß Mutter Mollwitz, welche die bewußten, aber längst nicht mehr gültigen Bestimmungen von Diplomatenehen mit Ausländerinnen nicht kannte oder vergessen hatte, oder sich, wie das so ihre Art war, »den Teufel darum scherte«, von einer solchen Angst befallen wurde, daß sie erst in der Stille ihres Kämmerleins sich erholen mußte, ehe sie Resolutionen zu erfolgreichen Konterminen fassen konnte.

»In meinem ganzen Leben war ich noch nie so wütend und so amüsiert zu gleicher Zeit,« versicherte die Fürstin im Wagen den Geschwistern. »Das ist ja eine ganz unmögliche Person, diese ›Mutter Mollwitz!‹ Und daneben dieser feine, liebenswürdige, nette Mann, ihr Bruder!«

Max Westermann mußte mit seiner Schwester lachen, trotzdem der Dämon der Eifersucht ihm dabei am Herzen nagte, derselbe Dämon, der ihm den ganzen Abend vergällt und ihn zum Vertilger von Mutter Mollwitzens Knackmandeln gemacht, in der vergeblichen Hoffnung, darunter ein Vielliebchen zu finden, das er der Fürstin hätte offerieren können. Denn gegessen hatte er das alte, vertrocknete Zeug natürlich nicht; für so gierig konnte ihn auch nur eine Mutter Mollwitz halten, deren Dolchesblicke während dieser Schandtat ihn nicht übel mit der reinsten Freude, so man Schadenfreude nennt, erfüllt hatten. Indessen hielt die Seligkeit, wieder der weißen Gestalt gegenüber sitzen zu dürfen in dem engen Raum des Wagens, der gräßlich deprimierenden Eifersucht erfolgreich das Gegengewicht, aber leider war die Seligkeit nur kurz.

Nachdem »Jean« seinen Herrn unter Wahrung und Entfaltung aller Etikette in seine Zimmer gebracht, ließ er sich dort wieder in dem bequemsten Sessel nieder und fragte, ob der Attaché auch einen angenehmen Abend verbracht hätte. Der seinige wäre nicht ohne Interesse gewesen trotz der entschieden verdummenden Gegenwart des Posaunenengels.

Westermann richtete dem Detektiv wortgetreu die Botschaft des Gesandten aus.

»Sehr richtig,« sagte der erstere, der sehr aufmerksam zugehört. »Ich schätze Herrn v. Grünholz außerordentlich. Er ist ein Mann von Geist und ein Menschenkenner, der sich noch nicht oft, nie aber schwer im Lesen der Charaktere getäuscht hat. Ein vorzüglicher Politiker, Herr v. Grünholz! Was mich anbetrifft, so habe ich die Absicht, Ihnen Herr Graf noch weitere 24 Stunden meine unschätzbare Nähe als Jean Schimpanse zu genehmigen. Und zwar bedarf ich morgen Ihrer Hilfe. Sie müssen morgen nach dem Lunch unter irgendwelchem Vorwande die beiden Damen auf mehrere Stunden, am liebsten für den ganzen Nachmittag entfernen. Proponieren Sie doch eine gemeinsame Partie; das Wetter wird morgen schön sein, denn der Wind ist gefallen und das Barometer gestiegen.«

»Aber warum –«

»Bester Herr Graf! Haben Sie schon einmal Ihren Hühnerhund, wenn er die Nase am Boden hatte, ›warum‹ gefragt? Höchstens doch ›aha! wohin?‹ Was bin ich im Augenblick? Auch ein Hühnerhund mit der Nase am Boden. Lieber Himmel, ich wünsche eine intimere Annäherung an das dienende Personal, und dabei ist mir die Herrschaft im Wege.«

»Sie glauben also wirklich, daß unter den Leuten der Fürstin hier im Hause –«

»Ich spreche nie davon, was ich glaube, ehe ich nicht Gewißheit habe,« unterbrach ihn der Detektiv. »Also, das ist abgemacht, nicht wahr? Sie entführen die beiden Damen morgen zu einem hübschen, den Nachmittag füllenden Ausfluge in die Umgebung? Wie wäre es mit der Villa Aldobrandini in Frascati? Der Park ist ja noch in vollster Glorie – so träumerisch und lauschig und die Wiesen voller Anemonen – Anemonen wie sie nur unter römischem Himmel blühen. Aus eine Künstlernatur wie die Fürstin Woszgorod muß die Villa Aldobrandini begeisternd wirken.«

»Gut – ich werde das besorgen,« erwiderte Westermann kurz, denn der Name der Fürstin, von dem grotesken Maskenmunde dort ausgesprochen, tat ihm förmlich weh. »Haben Sie sonst noch einen Auftrag?«

»Nein – das ist alles, was Sie tun können.«

Westermann hatte das Gefühl, daß es wenig genug wäre, aber was vermochte er gegen die Autorität des Herrn Windmüller?

Dieser war übrigens auch ein guter Wetterprophet, denn der nächste Tag war so herrlich wie eben nur ein römischer Herbsttag sein kann: warm, klar, goldig und heiter, so daß Westermann wirklich weder zu heucheln brauchte, noch auch Mühe hatte, seine Schwester schon in der Frühe zu dem bewußten Ausfluge zu überreden. Es blieb nur noch übrig, sich der Fürstin zu versichern, und die Geschwister stiegen hinaus zur Bildergalerie, wo sie sich eben für ihr Tagewerk etablierte, und zwar mit Hilfe von »Jean«, der diensteifrig herbeigeeilt war, als die Fürstin sich von ihren Leuten jemand heranrufen wollte, um die verschobene schwere Staffelei ins richtige Licht zu rücken. Er machte sich nach getaner Arbeit dann noch einiges mit Bereitstellung des Hockers und mit dem Farbenkasten zu tun und war Zeuge davon, wie die Fürstin die Idee des Ausfluges mit Begeisterung begrüßte und nur zu gern mitzukommen versprach, wenn man sie am Vormittage ruhig arbeiten ließe. Dies Gegenversprechen wurde ihr feierlich gegeben und »Jean« mit der Bestellung des Wagens gleich nach dem Lunch beauftragt.

»Es paßt mir – ich muß so wie so ausgehen,« sagte dieser Amateurdiener fünf Minuten später, als Westermann sich bei ihm für den Auftrag entschuldigte. »Sehr reizende Frau, diese Fürstin,« setzte er hinzu, »und eine hervorragende Malerin mit sicherem Blick für die Form und innigstem Gefühl für die Farbe. Ja, diese Polen sind eine hochbegabte Rasse!«

»Aber die Fürstin ist doch Russin –« sagte Westermann erstaunt.

»Weil sie russische Untertanin ist?« fragte Herr Windmüller. »Die Iren sind auch englische Untertanen und von den Engländern doch so verschieden durch Rasseeigentümlichkeiten wie ein Brahmaputrahuhn von seinen Kollegen in einem deutschen Hühnerhofe. Lehren Sie mich eine Polin nicht erkennen, unter welcher Nationalflagge sie auch segeln mag! Ein wundervoller Menschenschlag, voll Feuer, Energie, Geist und Leben! Aber ich gebe zu, daß die Fürstin, vielleicht von mütterlicher Seite, fremdes Blut in den Adern hat; dafür zeugen ihr flachsblondes Haar und ihre grauen Augen. Ich müßte mich sehr täuschen, wenn das nicht irische Augen sind!«

Westermann hatte das Gefühl, als müßte er diesen »Jean« beim Kragen nehmen und vor die Tür setzen, weil der »Schimpanse« sich erfrechte, von den »grauen« Augen zu sprechen, die ihn selbst verfolgten, wohin er auch blicken mochte. Aber dieser Mensch sprach mit der leisen, kultivierten und sympathischen Stimme des Herrn Windmüller, und das machte die ganze Lage zu einer so unnatürlichen, grotesken und von vagen Gefühlen durchschauerten, daß Westermann sich beeilte, an die frische Luft hinauszukommen, die ihm seine Nerven wieder kräftigte, so daß er sich alsbald wie ein Schulbube auf den heutigen Ausflug mit den »irischen Augen« zu freuen begann. Seine Aufgaben in der Gesandtschaft erwiesen sich heute als durchaus belanglos, wie gewöhnlich, und nach erfüllter Pflicht gab er sich dem süßen Geschäft des Bummelns durch Roms alte Stadtviertel hin und meinte dabei seinen »Jean« zu sehen. Da »Jean« ihn aber evident schnitt, so war ihm das ganz recht. Als es aber Zeit wurde, heimzukehren, traf er in der Nähe des Palazzo Toffano seinen Chef. Dieser kehrte mit ihm um und besprach nochmals die rätselhafte Diebstahlsaffäre mit dem Briefe. Die Herren betraten die Platanenallee, die zu dem Palaste führte und trafen hier Frau v. Triberg mit einem Strauße frisch im Parke gepflückter Veilchen. Das gab dem Gesandten Gelegenheit, sich aufs verbindlichste nach dem Befinden der Damen zu erkundigen. Frau v. Triberg, die in dem leuchtenden Sonnenschein überaus frisch und blühend aussah, lud Seine Exzellenz ein, näher zu treten und an dem heute früher angesetzten Lunch teilzunehmen.

Herr v. Grünholz zögerte nicht, die improvisierte Einladung anzunehmen, die er für das gemütlichste erklärte, was der gesellige Verkehr bieten könnte.

»Und von Gemütlichkeit habe ich so gar nichts in meiner Stellung und in meinem Hause,« meinte er seufzend. »Aber ich muß meiner Schwester Nachricht geben, sonst gibt's eine Gardinenpredigt.«

Herr v. Grünholz sagte das in scherzendem Tone; aber Frau v. Triberg verstand nur zu gut den bittern Ernst der Lage. Sie murmelte etwas davon, daß sie wohl kaum wagen dürfe, Ihre Exzellenz ohne vorherige feierliche Einladung einfach holen zu lassen, und der Gesandte protestierte auch mit einer unverkennbaren Hast, nicht gegen die Formlosigkeit dieses Verfahrens, sondern gegen die bloße Idee und begab sich an das Telephon im Zimmer des Kastellans. Hier wurde Westermann zu seinem Gaudium Ohrenzeuge folgender Unterhaltung: »Bist du am Telephon, Melanie? Warum dauert es denn so lange, bis du kommst? Du warst in der Waschküche? Was hast du denn dort zu machen? Das Telephon ist doch nicht da, um zu warten, bis du die Rotweinflecke ausgewaschen hast! Die Waschweiber lachen ja über dich! Na, ich wollte dir bloß sagen, daß ich nicht zum Essen komme. Warum nicht? Ich – hm – ich bin verhindert und esse anderswo. Bei wem? Wie? Es gibt auch heute bloß die aufgewärmten Rester von gestern abend? Na, dann ergötze dich nur hübsch alleine daran. Wie? Wo ich essen werde? Was? Schluß!«

Und mit der Miene eines Jupiter Triumphator klingelte Seine Exzellenz ab.

»Das ist das Schöne am Telephon,« sagte er schmunzelnd zu seinem Attaché, »daß man abbrechen kann, wenn man will und auf Fragen nicht zu antworten braucht, wenn's einem nicht paßt. Manche Organe sind auch sehr schwer verständlich, wie z. B. meine Schwester, weil sie in das Telephon hineinschreit. Werde ihr das heute abend sagen. Aber sie selbst versteht so schwer, und dann behauptet sie, man hätte ihr das und jenes nicht gesagt. Ich wette, sie fällt heute abend aus den Wolken, wenn sie erfährt, wo ich geblieben bin. Aber wenn sie's verstanden hat, dann kommt sie in einer Viertelstunde hier angereist, so wahr ich Grünholz heiße.«

Westermann war ganz der Ansicht seines Chefs und bewunderte gebührend dessen diplomatische Talente. Als er dann für einen Moment nach seiner Wohnung hinaufstieg um den Paletot abzulegen, begegnete ihm der Posaunenengel, der ihm sichtlich entrüstet meldete, die gnädige Frau hätte befohlen, daß Jean Bedienung bei Tische machen solle; er wäre aber noch nicht zurück und doch schon den ganzen Vormittag weg.

»Das ist mir auch der rechte Bummler!« hörte Westermann sie noch im Herabsteigen brummen. Ihm war's sehr recht, daß »Jean« nicht da war – ein Lunch unter der Aufsicht eines Detektivs war nicht gerade sein Ideal von »Gemütlichkeit«.

So aber war das Lunch schlechtweg ein Erfolg. Nicht nur kulinarisch, sondern auch gesellig. Man darf behaupten, daß der Palazzo Toffano lange keine so kongeniale, heiter angeregte und anregende Partie zu vieren in seinen Mauern gesehen hatte, trotzdem Chef und Untergebner in so engem Kreise an einem Tische saßen. Freilich besaß der Gesandte die Gabe, sich privatim nicht als »Exzellenz«, sondern einfach als Herr v. Grünholz zu geben. Kurz, es war ein so vergnügtes Gabelfrühstück, daß Max Westermann mehr als einmal dachte: »Hier Mutter Mollwitz als fünftes Rad am Wagen dazwischen und das Bewußtsein, daß ein Detektiv, ein Mann, der durch seine Bildung an den Tisch gehört, als verkleideter Diener die Speisen herumreicht – Donnerwetter, das hätte das reine Begräbnisessen werden müssen.«

Zwar, »Jean« erschien tatsächlich noch rechtzeitig, um das Dessert zu präsentieren, und bei seinem Eintritt wechselte der Gesandte mit dem Attaché einen Blick, aber das Erscheinen des Detektivs kam zu spät, um noch einen Schatten auf den kleinen Kreis zu werfen, denn »Jean« meldete zudem über die Fruchtschale hinweg, daß der bestellte Wagen vorgefahren sei, und Westermann verstand ganz gut die Mahnung, daß der Detektiv das Feld geräumt wünschte.

»Die Herrschaften wollen ausfahren?« fragte Herr v. Grünholz, seine Pfirsich schneller schälend.

Frau v. Triberg erklärte das Ziel ihres beabsichtigten Ausflugs mit dem Zusatze, daß es gar nicht damit eile, und nach einem Momente des Zögerns sagte Herr v. Grünholz heiter:

»Ich möchte die Damen bitten, mich mitzunehmen. Bedenken Sie, daß es sich zu dreien schlecht auf Wegen wandelt, welche der Gärtner ›räumlich für zwei‹ angelegt.«

Beide Damen versicherten, daß die Gesellschaft Seiner Exzellenz ihnen sehr angenehm wäre, wenn auch nicht aus Gründen der Bequemlichkeit, und die Sache war abgemacht. Westermann aber war von der Selbsteinladung seines Chefs frappiert, und zwar nicht gerade angenehm. »Will er mit der Fürstin auf den Wegen ›räumlich für zwei‹ wandeln?« fuhr es ihm durch den Kopf und mit einem heftigen Stiche durchs Herz. Denn so sind Brüder nun einmal; selbst wenn sie die hübscheste Schwester haben, fällt es ihnen nicht im Traume ein, sie mit in die Rechnung zu ziehen. Westermann hatte aber, wie wir wissen, ein sehr ausdrucksvolles Gesicht, auf dem sich auch dieser Gedanke malte, und sein Chef, der ihm gegenüber saß, erhob sein Glas und sagte mit seinem seinen Lächeln: »Auf Ihr Wohl, lieber Westermann!« Und er trank das Glas mit einem Zuge aus, während der Attaché ganz vergaß, das seinige an die Lippen zu führen, so erstaunt war er.

Jean aber stand hinter dem Stuhle der Frau v. Triberg und blinzelte über seine Kartoffelnase hinweg scheinbar blöde zu der Fürstin hinüber, während in seiner inneren Brusttasche ein gewisses Telegramm nicht einmal warnend knisterte.

Zehn Minuten später saß die partie à quatre in dem bequemen, offnen Landauer, die Damen im Fond, die Herren ihnen gegenüber, und fuhr heiter zum Tor hinaus. Niemand ahnte, daß Signora Marzio, die Frau des Kastellans, in einem der unbewohnten Zimmer des Erdgeschosses schon den Tisch gedeckt hatte zu dem Gastmahl mit Champagner, zu welchem der feine »Jean« die gesamte Dienerschaft der Fürstin und der Frau v. Triberg eingeladen hatte nach dem Motto: »Wenn die Katze fort ist, haben die Mäuse frei tanzen.« Und so gut waren die aufgetischten Delikatessen, so reichlich der Champagner, daß die bald sehr angeregte Gesellschaft inklusive des Kastellanpaares es gar nicht bemerkte, daß ihr splendider Gastgeber unauffällig verschwand und über eine Stunde wegblieb. Westermann hatte seinen Chef noch mit einem Worte davon verständigen können, daß der Detektiv gewünscht hatte, das Feld für sich zu haben, und der Gesandte hatte ein recht ernstes Gesicht dazu gemacht. »Windmüller tut nichts ohne Grund – er muß also eine Spur haben,« hatte er gesagt. Zu mehrerem war auch nicht Zeit gewesen.

Jedenfalls bewährte sich dem davonfahrenden Quartett wieder die Wahrheit des Spruches: »Es ist nichts so fein gesponnen, es kommt doch ans Licht der Sonnen,« denn als sie auf ihrem Wege durch die Stadt eines der engen Vorstadtgäßchen kreuzten, wer stand wie ein Packeljude handelnd vor einem Fruchtladen dritten Ranges? Natürlich die Mutter Mollwitz, welche die Aussicht auf einen billigen Einkauf von ihrem Resteressen und der Waschfrau hinweggetrieben hatte ins feindliche Leben. Westermann erkannte sie zuerst; dann erblickte sie der Gesandte.

»Bitte, weiterfahren,« sagte er halblaut und hastig und ohne an den Hut zu fassen, welchem schlechten Beispiel Westermann unentwegt und prompt folgte, als ob die wild mit dem Sonnenschirm gegebenen Zeichen der uneleganten älteren Frau vor dem Laden samt ihren durchdringenden Zurufen zum Halten gar nicht ihrem Wagen gelten konnten, der infolge dieser Taktik auch um die Ecke gebogen war, ehe die wirklich ahnungslose Frau v. Triberg die unerwartete Begegnung bemerken konnte. Aber ein lustiges, fast schelmisches Aufblitzen in den Augen der Fürstin belehrte Westermann, daß sie die kleine Szene gesehen hatte und in ihrem Humor voll würdigte. Da fiel ihm ein, was Herr Windmüller von ihren »irischen Augen« gesagt, und er begriff es besser.

Der Weg nach Frascati war köstlich in der warmen, wonnigen und sonnigen Herbstluft unter einem blauen Himmel, der sich in den grauen Augen von Westermanns Gegenüber widerspiegelte. Wie schön dieser Himmel war, das meinte er eigentlich heute zum erstenmal zu empfinden, und im Grunde seiner Seele entstand auf dieser Fahrt eine dritte Strophe zu der Melodie der »Donauwellen«. Er gelobte sich, das Gedicht sicherlich heute abend nach der Heimkehr niederzuschreiben.

Er war es sehr zufrieden, daß sein Chef die gute Idee gehabt, mitzufahren, weil ihm das Gelegenheit gab, ein klein wenig zu träumen; aber anderseits beunruhigte ihn doch auch wieder der Gedanke, daß Herr v. Grünholz die gleichen Motive haben könnte wie er. Sein Erstaunen war daher nicht gering, als sein Chef ihm beim Aussteigen vertraulich zuraunte:

»Lieber Westermann, seien Sie mal 'n netter Kerl und rennen Sie einem nicht auf Schritt und Tritt nach!«

Dem »lieben Westermann« blieb bei diesem Vertrauensausbruch fast der Mund offen stehen, und da er aus seinem Herzen nie eine Mördergrube machte, auch sein Herz leider permanent auf der Zunge hatte, so sagte er in der ersten Überraschung ganz laut: »I der Deixel!« worauf Seine Exzellenz ihn, wie er's respektlos nannte, »anfeixte.«

In der breiten Allee bis zur Villa Aldobrandini konnte man sehr gut zu vieren nebeneinandergehen, und Herr v. Grünholz hielt da auch einen für die Allgemeinheit bestimmten, recht interessanten Vortrag über den eleganten historischen Bau, dem man sich näherte. Auch die Treppen, die auf die Terrassen hinab nach dem Park führen, boten ihrer Breite nach noch keinen Grund, zu zweien abzubrechen, doch schon auf dem ersten Absatz blieb Herr v. Grünholz stehen.

»Wenn wir uns links wenden, gnädige Frau,« sagte er zu Frau v. Triberg, »so kommen wir zu einem Pavillon mit herrlicher Aussicht.«

»Ja, Exzellenz – aber im Parke selbst gibt es so wundervoll malerische Partien,« schlug der Attaché harmlos vor.

»Na, dann zeigen Sie die nur der Fürstin, wir finden uns schon wieder zusammen,« meinte der Gesandte liebenswürdig, gab Frau v. Triberg den Arm und schwenkte links mit ihr ab, ehe die Damen überhaupt in der Lage waren, ihre Meinung kund zu geben. Max Westermanns Gesicht aber war in diesem Augenblicke eine Studie, als er dem Paare nachsah, und in der ersten Überraschung tat er den klassischen Ausspruch: »Na, da schlägt's dreizehn!«

»Ich denke, das tut's in Italien nur nachts um ein Uhr,« meinte die Fürstin mit mühsam verhaltenem Lachen, und sich umwendend, sah Westermann die grauen Augen lustig blitzen.

»Durchlaucht,« erwiderte er, »es schlagen einem im Leben oft die wunderbarsten und manchmal auch die menschenunmöglichsten Stunden. Besonders, wenn man's nicht denkt. Carpe diem, haben die alten klugen Lateiner hier gesagt. Also, lassen Sie uns unserseits den Park besichtigen.«

Und sie schlugen eine der Seitenalleen ein, die zu einem steinumfaßten Wasserbassin führte, über das hinweg man von einer runden Marmorbank aus durch die Bäume eine der wunderbarsten Aussichten hatte. Diese Bank liebte Max Westermann vor allen. Hier ließen sich beide nieder, den wunderbaren Ausblick zu genießen.

»Djavahir!« murmelte er leise, aber sie hatte es doch gehört und wandte ihm den Blick zu, erstaunt und ein wenig hochmütig, aber sie ließ ihn gleich wieder abschweifen, und ein rosiger Hauch flog über ihre Wangen.

»Verzeihen Sie – ich habe laut gedacht,« sagte er und setzte, kühner geworden, hinzu: »Das wird mir noch oft passieren, weil ich doch nichts andres denke – Sie müssen mir also viel im voraus vergeben, Fürstin, oder – mir die Erlaubnis erteilen, Ihren Namen so oft aussprechen zu dürfen, wie er mir auf die Lippen tritt – darf ich?«

Sie antwortete nicht, aber er sah das leise Rot auf ihren Wangen erblassen.

»Glauben Sie an das Glück – Djavahir?« fragte er nach einer kleinen Pause.

»An Ihr Glück, ja – an das meine, nein!« erwiderte sie, immer noch abgewendet.

»O, wenn Sie nur an meines glauben – den Glauben an das Ihrige Ihnen zu lehren, das soll meine Sache sein!« rief er mit einem Lachen, das ein Echo seiner Seligkeit war und so unwiderstehlich ansteckend wirken mußte, daß der blonde Kopf neben ihm sich umwendete und die großen grauen Augen ihn mit einem Ausdruck ansahen, der etwas von der Erwartung des Kindes am Weihnachtsabend hatte. »Wenn Sie das könnten?«

»Ich kann's, ich kann's,« jubelte er, seine große Rechte auf die schlanken, weißen Hände legend, die gefaltet auf ihrem Schoß ruhten. »Spüren Sie das Fluidum? O, ich bin nur ein armer, deutscher Ulanenleutnant, der's vielleicht zum General bringen kann, kein Fürst, Ihnen würdig an Reichtum und Rang, aber Liebe kann ich Ihnen geben und Glück – den Glauben an ein Glück ohne Grenze und ohne Ende!«

»Kann das überhaupt ein Mensch?« fragte sie verwundert. »Früher, ja, in der so schrecklich fernen Zeit, als ich zum Leben, das heißt, zum Bewußtsein des Lebens erwachte, da habe ich wohl von einem solchen Glücke geträumt – und bin so schrecklich aus diesem Traume erwacht. Sie müssen mich nicht versuchen, Graf Westermann. Seit ich Ihre Schwester kenne, glaube ich so wie so schon wieder an eine Menge Dinge, an die zu glauben ich verlernt hatte. Aber die Liebe – o Gott, welchen Ekel habe ich vor der Liebe bekommen, die unter diesem heiligen Namen mein ganzes Dasein in den Staub gezerrt hatte –«

»Das war keine Liebe,« sagte Max Westermann fest.

»Nein, das war keine Liebe,« wiederholte sie, »aber sie nannte sich so, und deswegen graut mir vor dem bloßen Wort –«

»Djavahir!« sagte er innig, vorwurfsvoll, aber doch dabei unendlich mitleidig.

Da senkte sie tief den blonden Kopf.

»Es wäre Undank, an Ihnen zu zweifeln, denn Sie haben die Augen Ihrer Schwester,« sagte sie nach einer Pause. »Aber so viel Glück – das kann ja nicht wahr sein, das ist viel zu viel für mich! Und Sie wissen eigentlich gar nichts über mich. Sie und Therese, und doch vertrauen Sie mir beide und geben mir das Beste und Kostbarste, was Sie haben – Ihre Freundschaft, Ihre Liebe – ist es denn wirklich und wahrhaftig wahr, daß Sie mich lieben?«

»Djavahir!« sagte er statt aller Beteuerungen – was lag aber auch in dem einen Worte alles! Für Max Westermann umfaßte es alles, was er fühlte. Ihm war's das ganze Wörterbuch einer Sprache, die aus dem Herzen stammt. Und die Fürstin Woszgorod verstand es auch. Sie holte tief Atem, und ein wunderbares Leuchten flog über ihr schönes Gesicht.

»Die Liebe eines edeln Mannes wird alles gut machen, hat man mir prophezeit,« flüsterte sie. »Ist die Stunde gekommen? O,« setzte sie mit einem sonnigen Lächeln hinzu: »Ich habe Sie sehr, sehr lieb, Max!«

»Hurra!« rief er so laut, daß die Vögel auf dem Rande des Wasserbeckens erschrocken aufflogen.

»Nein, nein!« sagte sie mit einem glückseligen Lächeln, aber dabei doch fest, »Sie dürfen noch nicht ›Hurra‹ rufen, denn vorher müssen Sie die traurige Geschichte meines Lebens kennen. Nur heute mag ich nicht davon reden – nicht hier unter den grünen Bäumen, in dieser reinen. goldnen Herbstluft – hier ist's viel zu schön für solch häßliche Dinge –«

»Warum dann überhaupt davon reden?« unterbrach er sie ungestüm. »Ich will nichts von dem wissen, was Ihnen Schmerz bereitet, von dem zu sprechen, was Ihnen Qual verursacht. Für mich sind Sie Djavahir, der kristallhelle, fleckenlose, makellose Diamant –«

»Ich danke Ihnen, mein Freund,« fiel sie ein. »Gottlob, auch vor mir selbst bin ich's, aber da Sie mir die Ehre erweisen, Ihr vor aller Welt klar daliegendes Leben teilen zu sollen, so haben Sie nicht nur ein Anrecht darauf, die Geschichte meines Lebens zu kennen, sondern es ist auch meine heilige Pflicht, ehe ich meine Hand in die Ihre lege, Sie damit bekannt zu machen. Ich habe nie darüber sprechen können, nicht einmal vor Therese, denn es gibt Wunden, die zu schmerzlich sind, um sie zu berühren, Erinnerungen, die zu wehe tun. Und dann sind die Naturen ja auch verschieden – die Erleichterung, die der eine darin findet, von dem ihm widerfahrenen Leide zu sprechen, ist für den andern das Schweigen. Aber in einem Falle wie dem unsern ist es Pflicht, das Schweigen zu brechen. Und das soll geschehen, ehe das entscheidende Wort fällt, das uns fürs Leben vereint.«

Max beugte sich tief herab, die Hand zu küssen, die sich ihm nicht entzog.

»Ich füge mich Ihrem Willen,« sagte er. »Mit dem, was Sie mir heute gewährt, haben Sie mich so reich gemacht, wie ich nie zu träumen gewagt – da werde ich doch nicht mit dem kleinen Aufschub hadern wollen? Denn nicht wahr, es wird doch nur ein kleiner Aufschub, ein ganz kleiner? Was nutzt denn ein langes Zögern?«

»Ich werde Sie morgen rufen lassen,« erwiderte sie mit lieblichem Erröten.

»Was Sie für herrliche Augen haben,« sagte er bewundernd. »Augen, für die man sich totschießen oder in Öl sieden lassen könnte. Mit einem Worte, Augen wie eine Märchenprinzessin – irische Augen!«

»Ein Wunder – meine Mutter war eine Irländerin!« meinte sie lachend. »Wußten Sie das?«

»Nein – es war – jemand anders, der behauptet hatte, Sie hätten irische Augen. Einer, der viel gesehen und alle Nationaleigentümlichkeiten kennt –«

Max Westermann brach kurz ab, denn daß sich die Figur des Herrn Windmüller mit seinem Doppelgänger Jean zwischen ihn und die reine Seligkeit dieser Stunde schob, das stand nicht in seinem Programm, ebensowenig wie die Ursache seiner Bekanntschaft mit dieser distinguierten Persönlichkeit.

»Er, das heißt mein Gewährsmann, behauptete, Sie wären halb Polin, halb Irländerin – daher also das reizende Ganze,« setzte er nur widerwillig hinzu.

»Da hat Ihr Gewährsmann wieder recht,« erwiderte sie lächelnd, »natürlich nur in bezug auf die Nationalität. Wer ist denn dieser Kenner?«

»O, ein – ein Herr, der Sie nur von weitem gesehen. Doch was soll uns ein Fremder in dieser schönen Stunde! Hören Sie, wie die Amsel singt? Djavahir – Djavahir – ganz deutlich singt sie Djavahir –«

»Und dort der Fink: Max! Max! Max! Max! Max! Tschischbauzia! Max! Max! Max! Max! Max! Mein Bräutigam!« sang sie lustig, angesteckt von seiner Fröhlichkeit.

»Djavahir!« jubelte er. »Das war ein Wort –«

»Halt!« rief sie, seinen ausgebreiteten Armen entschlüpfend. »Ich habe nur den Gesang des Finken übersetzt – morgen!«

»Morgen!« wiederholte er. »Bis morgen ist's eine Ewigkeit. Carpe diem haben die alten Römer gelehrt! Was Sie mir morgen erzählen wollen, kann doch auf das Heute keinen Einfluß haben!«

»Ich glaube das auch nicht, aber es ist meine Pflicht, davon zu sprechen,« erwiderte sie sanft, aber fest. »Nur heute kann ich nicht – ich kann nicht, Max! Das Heute ist zu schön dazu!«

Sie nahm ein Armband, behängt mit allerlei Amuletten von ihrem Handgelenk und löste davon ein goldgefaßtes Dreieck ab, in dem zwischen zwei flachgeschliffenen Olivinsteinen vom hellsten Grün ein getrocknetes, natürliches vierblättriges Kleeblatt lag.

»Nehmen Sie's, Max, als ein Pfand auf morgen,« sagte sie, ihm das niedliche, kostbare Bijou reichend. »Das Wahrzeichen Irlands, des grünen Erin, gefunden auf den Feldern meines Großvaters, und meiner Mutter als Glücksbringer zu ihrer Vermählung gegeben. Möchte es Ihnen mehr Glück bringen als ihr, als es mir gebracht hat – vielleicht bringt es mir das Glück durch Sie!«

Dankend nestelte er das kleine Juwel an seine Uhrkette und war damit kaum fertig, als sich der Gesandte und Frau v. Triberg näherten. Fünf Minuten später war die kleine Gesellschaft wieder vereint, und einem Fünften – hätte ein solcher sich in dem Kreise befunden – wäre es sicher aufgefallen, in welch brillanter Laune sich die beiden Herren befanden, während es über dem Wesen der Damen wie ein leichter Schleier lag. Herr v. Grünholz war, wie sein Attaché es innerlich respektlos nannte, »ganz vom Bändel los«, was Max Westermann mit dem Unverständnis der Jugend darauf schob, daß er gut und reichlich gespeist hatte und frei von der beengenden Leine seiner teuren Schwester war.

Später, auf dem Heimweg war's, beugte sich Frau v. Triberg über das Handgelenk der Fürstin und berührte das Armband mit den Amuletten.

»O Djavahir – Sie haben Ihr Kleeblatt verloren!«

»Nicht verloren – getrennt habe ich mich davon,« erwiderte diese errötend. »Ich habe nur den Glauben daran verloren – für mich,« setzte sie lächelnd hinzu ohne Max anzusehen, der schleunigst seinen Rock zuknöpfte, um seine Uhrkette den Blicken zu entziehen. Und da er dabei schuldbewußt seine Schwester ansah, so machte er seinerseits eine Entdeckung.

»Seit wann hast du denn das Ding da – das habe ich ja noch nie bei dir gesehen, Therese?« fragte er in dem natürlichen Bemühen, das Gespräch von dem Kleeblatt abzulenken, indem er auf eine schön gefaßte und gehenkelte Goldmünze deutete, die an dem Berloque der Uhrkette seiner Schwester hing. »Laß mal sehen – ein Goldschilling mit dem Bild Elisabeths von England – ja haben Exzellenz nicht das gleiche Stück?«

»Gewiß – ahem – das ganz gleiche,« erwiderte der Gesandte, seinerseits den Rock zuknöpfend. »Seltenes Stück – von Numismatikern sehr geschätzt – ah, welch herrlicher Sonnenuntergang!«

»So geht die Sonne auch nur in der römischen Campagna unter, so leuchtend, so intensiv purpurn!« rief Frau v. Triberg, ohne auf den Goldschilling weiter einzugehen.

»Sonnenuntergang macht mich immer traurig – er mahnt mich an den Untergang der Sonne des Lebens,« sagte die Fürstin fröstelnd. »Viel schöner, viel herrlicher ist der Sonnenaufgang, aber den kennen die wenigsten, weil sie ihn verschlafen.«

Die Sonne war schon untergegangen, als der Wagen mit seinen vier Insassen am Portale des Palazzo Toffano vorfuhr. – Herr v. Grünholz hatte darauf bestanden, bis dahin mitzufahren und dann erst nach der Gesandtschaft zurückzukehren. »Jean« stand bereit, den Schlag zu öffnen und den Damen herauszuhelfen; sein Anblick brachte Max Westermann erst in die Wirklichkeit zurück.

»Ein Brief für Eure Exzellenz,« sagte »Jean«, als alle ausgestiegen waren und der Gesandte sich von den Damen verabschiedet hatte.

»An mich?« sagte Herr v. Grünholz erstaunt. »Ja, zum Kuckuck, wer weiß denn, daß ich hier zu finden bin?«

»Ich,« murmelte Jean, nur für den Gesandten hörbar, der die Augenbrauen hochzog und den Brief im Scheine der Wagenlaterne öffnete. In dem Schreiben aber teilte Herr Windmüller ihm kurz mit, daß er Mitteilungen zu machen hätte und es für wesentlich halte, daß Exzellenz seinen Attaché gleich mit nach der Botschaft beordre und dort beschäftige, bis er selbst vorgesprochen. Diese Maßregel geschähe auf Grund eines Rapportes von einem seiner Agenten, den er per Bahn heute den Herrschaften voraus nach Frascati gesandt.

»Den Teufel hat er,« murmelte Exzellenz grimmig, indem er den Brief einsteckte. »Wer weiß, wen der Kerl dort alles belauschte – schändliche Bande, diese Detektivs – hören Sie, lieber Westermann,« fuhr er fort, »ich muß Sie bitten, mich zu begleiten, denn ich habe Arbeit für Sie – eigentlich nicht gerade in Ihr Ressort schlagend, aber da Ihr dazu bestimmter Kollege noch auf Urlaub ist – na, also, wenn es Ihnen recht ist, benutzen wir zusammen den Wagen, um zu mir zu fahren!«

Es war Westermann nicht recht, aber was half's? Er fuhr an der Seite seines Chefs nach der Botschaft, wo er gleich mit der Abschrift einer geheimen Instruktion für einen politischen Agenten beauftragt und damit für eine reichliche Stunde an einem Pulte des zu dieser Zeit leeren Bureaus kalt gestellt wurde. Indes er so angenehm beschäftigt war, empfing, ungeahnt von ihm, Herr v. Grünholz in seinem Arbeitszimmer den Besuch des Herrn Windmüller, der ihm eine Depesche vorlegte und daran eine längere Konferenz knüpfte – – –

Als Westermann seine Arbeit beendet hatte, drängte es ihn zurück nach dem Palazzo Toffano, erstens um dort allein zu sein mit seinen Gedanken und Gefühlen und zweitens weil er Hunger hatte nach der langen Fahrt in der frischen Luft. Er klopfte also diskret an die wattierte Doppeltür seines Chefs und weil er keine Antwort bekam, da klopfte er lauter, was abermals erfolglos war. Nach einem Moment des Überlegens trat er dann hinaus in den Korridor, in den eine zweite Tür des Arbeitszimmers Seiner Exzellenz hinausführte, um zu sehen, ob dort nicht ein Diener zu erlangen war, der ihn seinem Chef melden konnte und erblickte diesen selbst, der in leisem Gespräch einen Herrn den Korridor entlang begleitete, in welchem Westermann gerade noch den Herrn Windmüller zu erkennen meinte. Oder hatte er sich getäuscht? Windmüller war doch eben noch in der Maske Jeans – natürlich hatte er sich getäuscht, denn Windmüller war doch auch kein Hexenmeister, wie die Detektivs in den englischen Novellen, und was hätte er überdies hier zu tun? Außerdem sagte Herr v. Grünholz eben laut:

»Also adieu, mein lieber Rat – ah Sie, Westermann? Sind Sie schon fertig? Bitte kommen Sie zu mir, ja?«

Der »Rat« beruhigte sogleich vollständig Westermanns harmloses undiplomatisches Gemüt. Seine Papiere zusammenraffend, folgte er seinem Chef und erfuhr dort ohne Umschweife, daß er mit der eben gefertigten Kopie persönlich und zwar mit dem nächsten Zuge nach Neapel abzureisen habe unter Hinzufügung genauester Instruktionen für die Ablieferung des Dokuments, das seiner innern Meinung nach diesen Vorsichtsmaßregeln durch seinen Inhalt nicht entsprach; aber Westermann war eben auch noch Neuling in der Diplomatie, er kannte nicht ihre viel verschlungenen Pfade und unterschied das Wichtige nicht vom Unwichtigen. Außerdem lehnte er sich – innerlich natürlich nur – gegen diesen herzlosen Eingriff in seine Privatangelegenheiten auf, denn wenn er morgen in Neapel war, wo blieb dann das ihm verheißene Tete-a-tete im Palazzo Toffano mit ihr, mit Djavahir? Aber die Disziplin ist eine Macht, die stärker ist als selbst die Macht der Liebe, und was er im Schreine seines Herzens auch fühlen mochte, äußerlich blieb nichts übrig als stramm zu stehen und »Zu Befehl« zu sagen, mochte das Wort ihm auch noch so schwer über die Lippen wollen.

»Bis zu Ihrer Abreise haben Sie noch genau fünfzig Minuten,« fuhr der Gesandte fort, »es dürfte sich also empfehlen, Ihrer Frau Schwester zu telephonieren und sie zu bitten, Ihnen eine Reisetasche mit den nötigsten Effekten für einen oder zwei Tage – man wird Ihnen telegraphieren, wenn Sie zurückkommen sollen – direkt auf den Bahnhof zu schicken. Inzwischen können Sie bei uns speisen – meine Schwester wird sich, wenn ich Sie mit zum Essen herauf bringe, sehr freuen.«

»Wie der Bauer, wenn ihm das Haus abbrennt,« war Westermanns inwendiger Kommentar zu dieser liebenswürdigen Einladung, als welche sein gläubiges Gemüt sie auffaßte und in schlechtester Laune rief er seine Schwester durchs Telephon an und gab ihr die nötige Aufklärung und Instruktionen.

»Gut – werde alles schleunigst besorgen,« kam die Antwort. »Aber mit dem Koffer muß ich dir den Concierge schicken, denn dein kostbarer Jean bummelt schon wieder. Soll ich den unnützen Menschen nicht lieber in deinem Namen ablohnen und fortschicken?«

»Danke, werde das schon allein besorgen bei meiner Rückkehr,« schnob Westermann durch das Telephon zurück. »Und, Therese,« fuhr er, sehr geniert durch die Gegenwart seines Chefs, fort, »sei so gut und sage der Fürstin, ich hätte unerwartet dienstlich verreisen müssen und könnte mich erst nach meiner Rückkehr bei ihr melden, um – um das mit ihr zu besprechen, was – was – was – sie wird schon wissen, was. Hörst du? Hast du verstanden? Ja? Vergiß es nicht – wirklich nicht. Und sage ihr – ich – ließe mich ihr empfehlen – zu Füßen legen und – und – und – der grüne Erin würde mich begleiten – was? Unsinn ist das? Meine Sache! Schluß!«

Rot, verlegen, wutentbrannt, klingelte er ab und wandte sich wieder seinem Chef zu, dessen Gesicht absolut nichts ausdrückte, weder Verwunderung noch sonst etwas, als hätte er nichts gehört.

Wütend über sich selbst, daß er sich hatte hinreißen und verleiten lassen, vom »grünen Erin« zu reden, womit er das Kleeblatt in der Olivinkapsel zu maskieren gehofft hatte, folgte Max Westermann seinem Chef nach oben, wo er von Mutter Mollwitz mit den Worten begrüßt wurde:

»Na, ich freue mich, daß Sie noch lebendig sind nach dem Haufen Knackmandeln, den Sie gestern abend hier vertilgt haben. Wo seid ihr denn heute nachmittag gewesen? Ihr seid dicht an mir vorbeigefahren, und ich habe gewinkt und gerufen, daß die Pferde gescheut haben und ich husten mußte, aber ihr wart so ineinander vertieft, daß ihr weder gehört noch gesehen habt. War das nun eine abgekartete Partie? Dann sollt ihr was von mir zuhören kriegen, daß euch die Ohren brummen!«

Die Versicherung beider Herren, daß Herr v. Grünholz rein zufällig dazu gekommen und an dem Ausfluge teilgenommen, beruhigte Frau v. Mollwitz nur halb.

»Es war ganz überflüssig, dich unterwegs auflesen zu lassen wie ein halbwüchsiger Junge,« kanzelte sie ihren Bruder ab. »Die Gesandten laufen doch nicht so herum, wie die Gymnasiasten! Aber natürlich, wenn man für seinen Rang und seine Würde nicht mehr Gefühl hat, dann rennt man – heidi! – überall mit. Was doch so 'ne russische Fürstin mit dem hübschen Lärvchen nicht alles zuwege bringt bei solchen alten Schwerenötern! Ich wäre ganz gern mal nach Frascati mitgefahren, wenn ihr nicht so blind und taub gewesen wärt. Was? Der Wagen war voll? Das ist keine Entschuldigung, denn Max hätte es auch nichts geschadet, wenn er mal auf den Bock geklettert wäre! Aber diese jungen Leute von heutzutage sind zu allem zu bequem und zu fein, das kennt man schon. Wie? Du liebst es nicht, in solch vollgepfropfter Äppelfuhre herumzukutschieren wie Schuster und Schneider am Sonntagnachmittag? Na, dann wäre Max hübsch ausgestiegen und zu Hause geblieben, aber das paßte Therese wahrscheinlich wieder nicht.«

»Ja, ja, 's ist eine schlechte Welt, Exzellenz,« sagte Westermann lachend, wofür er gebührend »abgemuckt« wurde und die Ermahnung erhielt, »seinen Schnabel lieber zum Essen zu benutzen, als schnoddrige Redensarten damit zu machen.«

»Übrigens,« fuhr Mutter Mollwitz triumphierend fort, »übrigens kommt der russische Botschafter mit seiner Frau heute nacht zurück, und da werden wir ja bald hören, was es mit eurer Fürstin für eine Bewandtnis hat. Es muß da was faul sein, denn ich traf heute nachmittag den kleinen Dingsda, den Sekretär des Botschafters, der ihm vorausgereist ist, und der machte ein Gesicht, wie ich ihn nach der Fürstin fragte – zwei Ellen lang, sage ich euch! ›Welche Fürstin Woszgorod meinen Exzellenz?‹ fragte er. Es gibt also ein paar davon, scheint's. ›Die impertinent blonde‹ sagte ich. Da wurde sein Gesicht noch zwei Ellen länger, aber er wollte mit nichts herausrücken, der vorsichtige Fechter, der er ist. Therese soll sich nur in acht nehmen, denn da ist was nicht in Ordnung, dafür lasse ich mir die Nase abbeißen. Und wenn Therese durch die Person kompromittiert wird, wer soll sie dann wieder rehabilitieren? Ich etwa? Natürlich, dazu bin ich gut genug, was?«

Nun aber fuhr Herr v. Grünholz dazwischen, indem er mit ungewöhnlicher Schärfe seiner Schwester empfahl, dergleichen Themata nicht vor den servierenden Dienern zu besprechen. Da zum Glück der Wagen für Westermann gemeldet wurde, so hatte das ungemütliche Souper ein Ende für den wie auf Kohlen sitzenden Attaché.

Zitternd vor Erregung und Empörung eilte er, von der Amtspflicht fortbefohlen, zum Bahnhof, wo er gerade nur sein Billett lösen und seinen Koffer in Empfang nehmen konnte, um im nächsten Augenblick schon abzufahren. Zum Glück hatte er ein Coupé für sich allein und konnte ungestört seinen Gedanken nachhängen und die Ironie seines Schicksals verwünschen, das ihm einen sonst gewiß hochwillkommenen amtlichen Auftrag gab, wo das Glück seines Lebens sich entscheiden sollte, nein, wo es sich eben entschieden hatte und ihm in grausamer Neckerei den goldnen Becher von den Lippen zog, aus dem er den ersten, tiefen, berauschenden Trunk des Glückes nehmen wollte. Er hatte sich gut vorreden, daß der Aufschub ja nur ein kurzer sei, daß ein oder zwei Tage später keinen Einfluß haben könnten auf die Tatsache, deren sichtbarliches Pfand in Gestalt des vierblätterigen Kleeblatts in diesem Moment von seiner Hand umschlossen und inbrünstig an seine Lippen gedrückt wurde – grausam blieb der Aufschub doch, und sein Herz zuckte schmerzlich darunter. Um sich in etwas zu trösten, stellte er sich vor, daß es eine glückliche Chance war, die ihm den Auftrag seines Chefs zuteil werden ließ, denn das dadurch erwiesene Vertrauen schmeichelte ihm, und daß es ein »geheimer« Auftrag war, regte seine Phantasie angenehm an. Für wen sein Auftrag lautete, das wußte er dabei nicht einmal, denn die von ihm gefertigte Kopie steckte in einem Umschlag ohne Adresse, den er erst in Neapel zu entfernen hatte.

Es war früher Morgen, als er in Neapel anlangte, ein kalter, grauer Herbstmorgen, und übernächtig und fröstelnd folgte er dem Gepäckträger mit seinem Koffer zu den Nachtdroschken, die pflichtgemäß vor dem Bahnhof standen. Ein andrer Ankömmling aber war noch rascher gewesen als er und hatte das erste Vehikel mit Beschlag belegt – im Einsteigen wendete der Herr sich noch einmal um und –

»Ja, Westermann, bist du's?« rief er erstaunt aus.

Der Attaché blinzelte aus etwas verschlafenen Augen den Fremden an.

»Günther, alter Junge – nein, das ist doch mal eine freudige Überraschung!« rief er aus, dem Nachbarsohn, Freund und Studiengenossen auf Gymnasium und Universität beide Hände entgegenstreckend. »Ja, sind wir denn im gleichen Zuge angekommen?«

»Scheint so,« lachte der andre. »Als ich Rom gestern abend passierte, dachte ich lebhaft deiner – denn ich weiß natürlich, daß du dort bist – und hätte gern Halt gemacht, um dich mal umzustoßen, aber 's ging nicht, ich mußte weiter!«

»Na, dann weißt du mehr über mich als ich über dich,« erwiderte Westermann herzlich. »Ich weiß nur, daß du ein › globe-trotter‹ geworden bist. Hast du denn die Diplomatie an den Nagel gehängt?«

»Mhm – das heißt – weißt du was? Fahren wir zusammen – ich wohne im ›Grand Hotel‹« –

»Das ist mir auch empfohlen, also auf nach Kreta!«

Die durch ihre Lebenswege so lange voneinander geschiedenen Freunde sprangen in den Wagen und fuhren davon, und der Weg bis zum Hotel wurde ihnen kurz genug durch Fragen und Antworten. Als Westermann sich zu ein paar Stunden Schlaf niederlegte, da wurde es ihm doch klar, daß er über den Freund persönlich, über sein Leben und seine Ziele eigentlich nichts erfahren hatte, während er über das, was ihn betraf, ganz offen gesprochen.

»So war er immer, der gute Günther,« dachte er noch im Einschlafen, »das hat er stets famos verstanden, andre Leute über ihre Angelegenheiten auszupumpen und sich über die seinen in allen lebenden und toten Sprachen auszuschweigen, ohne daß man es merkte. Muß doch viel Moos haben, der Kunde, denn Reisen kostet Geld, besonders in dem Stil, wie er's tut, und die alten Günthers waren nichts weniger als reich. Ob er eine Erbschaft gemacht hat?«

Erfrischt wachte Westermann nach ein paar Stunden auf und nachdem er seinen äußeren und inneren Menschen erfrischt hatte, fand er, daß er nun an die Geschäfte denken konnte, das heißt seinen Brief abgeben, womit die Geschäfte ja eigentlich erledigt waren. Nach Absendung eines telegraphischen Rapports hoffte er dann die Order zur Rückkehr nach Rom zu erhalten, und das war ihm natürlich das Wesentliche, denn so angenehm ihm auch ein Zusammensein mit Freund Günther war, ein solches mit ihr, mit Djavahir schien ihm bei weitem verlockender.

Er löste also den Umschlag von dem ihm von seinem Chef übergebenem Schreiben und mußte sich vor Überraschung hinsetzen, denn das eingeschlossene Kuvert trug klar und zweifelsohne die Adresse: »Herrn Dr. jur. Theobald Günther, Neapel, Grand Hotel.«

»So'n Kerl, nicht geatmet hat er davon,« dachte Westermann, als er gleich darauf dem Kellner folgte, der ihn zu dem Freunde geleitete. Der empfing ihn lachenden Mundes.

»Heraus mit deinem Dokument,« sagte er behaglich. »Akkreditiert bist du inzwischen schon bei mir als außerordentlicher Abgesandter! Dein Gesicht ist ja himmlisch in seinem Staunen – aber siehste, mien Jungchen, selbst dir konnte ich's nicht sagen, daß ich geheimer politischer Agent bin für unsre Regierung, sintemalen das eben wirklich ›geheim‹ ist und nicht öffentlich wie bei den ›Geheimen‹ Räten. Nein, ich bin kein Spion und habe nie den Auftrag, Schriftstücke auszubaldowern oder gar zu eskamotieren und Staatsgeheimnisse aus den Leuten herauszulocken auf krummen Wegen – diese Sorte von Kollegen, die aus Höflichkeit auch Agenten genannt werden, weil das hübscher klingt, die bleiben, was sie sind, während unsereins avanciert. Wenn ich erst mal Vortragender Rat bin oder Unterstaatssekretär, dann darf ich mein Geschäft auch auf meine Visitenkarte drucken lassen. Vorläufig aber dürfte die Definition: ›Tiefbaukommissar für diplomatische Verträge‹ doch etwas lang und unverständlich sein. Na, laß mal sehen!«

Dr. Günther warf einen Blick in das erhaltene Schreiben und steckte es dann in die innere Brusttasche seines Rockes.

»Wozu sie dich deswegen hergeschickt haben, ist nicht ersichtlich,« meinte er achselzuckend. »Das hätte die Post auch besorgen können und selbst, wenn der Wisch verschwand, weil man andres drin vermutete, hätte es nichts geschadet. Zopf, Westermann, und wer ihn lang hat, läßt ihn eben lang hängen. Na, hier hast du deine Quittung für richtige Ablieferung – habe sie schon vorher präpariert. Nun, setz dich her und rauche eine Zigarre und laß uns plaudern – bis der richtige Bote kommt. Du willst erst deine Depesche abschicken? So eilig ist das nicht. Der nächste Zug zurück nach Rom? Du bist ja in einer mächtigen Eile – sollte da eine schöne Römerin im Hintergrund sein? Hüte dich, figlio mio, erst kommt Dame Diplomatie und dann erst die andern Damen.«

Aber Westermann war nicht zu halten. Erst nachdem er telegraphiert, fand er sich wieder bei dem Freunde ein, ein wenig deprimiert darüber, daß man ihm nichts als – Kinderarbeit gegeben, aber Günther tröstete ihn damit, daß er eben noch Lehrling sei, und daß der Mensch mit seinen höhern Zwecken, frei nach Schiller, wüchse. Sie setzten sich dann hin, eine Zigarre zu rauchen, und Günther schien es dabei sehr zu interessieren, daß Frau v. Triberg sich in Rom befand – mit wem, das erwähnte Westermann mit einem eigentümlich scheuen Gefühl der Zurückhaltung nicht.

»Ich dachte, du wüßtest es,« meinte er, irritiert, wie er nun einmal war. »Ihr politischen Agenten wißt ja alles.«

»Ist nicht mein Fach,« entgegnete Günther ruhig. »Dafür werden die Spitzel bezahlt. Außerdem ist deine Schwester soviel ich weiß keine politische Persönlichkeit, an der die Spitzel ein Interesse haben.«

»Gott sei Dank, nein,« sagte Westermann. »Natürlich: warum sollte eine Frau nicht Interesse für Politik haben wie für alle wichtigen Fragen des Lebens – das gehört zur allgemeinen Bildung in gewissen Grenzen. Aber eine Frau, die in Politik aufgeht – brr! Habt ihr übrigens auch politische Agentinnen?«

»Wir?« wiederholte Günther. »Amtsgeheimnis, lieber Freund – darüber spricht man nicht. Wenn du aber fragst, ob andre Regierungen welche haben – ja, gewiß. Und zwar Damen aus den höchsten Kreisen.«

»Und die geben sich dazu her?«

Günther zuckte mit den Achseln.

»Sie werden brillant bezahlt. Für sehr viele Frauen ist der Luxus: Einrichtung, Kleider, Juwelen – Lebensbedürfnis und sie würden dafür dem Teufel ihre Seele verkaufen, warum also nicht einer Regierung das bißchen Arbeit, wenn sie auch nicht immer gerade reinlich ist? Der Luxus ist aber nicht allemal das einzige Motiv. Es gibt Damen, die nach irgendeiner Richtung hin entgleist sind und dann ihres Namens wegen wieder in die Reihe gebracht werden gegen gewisse Dienste, die sie zu leisten haben im Irrgarten der Politik. Ich kenne viele solche ›Damen‹ – sie werden offiziell empfangen, aber in den engeren Kreisen sind sie boykottiert. Dabei ist bei einigen ihr Gewerbe ein ganz öffentliches Geheimnis. Da ist z. B. eine russische Fürstin Woszgorod – hast du dich verbrannt?«

Westermann war zusammengezuckt wie unter einem Peitschenhieb – und seine Zigarre flog im weiten Bogen durch das Zimmer.

»Ja, ich habe mich verbrannt,« sagte er, seine Zigarre suchend, um sie dann in den Aschenbecher zu werfen.

»Sie ist auf dem Wege nach Rom, die Fürstin Woszgorod,« fuhr Günther scheinbar harmlos fort. »Die Hauptstädte Europas, die fashionabeln Badeorte – das ist das Terrain für ihresgleichen. Nimm dich in acht vor ihr, mein Sohn, sie ist eine gefährliche Frau, eine Kirke, von Worth bekleidet, die alle Männer, alte wie junge, an ihren Siegeswagen spannt und von den Frauen gefürchtet und verachtet wird, aus welch letzterem Faktum sie sich aber blutwenig machen dürfte –«

»Das ist nicht wahr,« warf Westermann mit einer ihm selbst unerklärlichen Ruhe ein. »Die Fürstin Woszgorod – ich kenne sie zufällig, denn sie ist schon in Rom, ist eng befreundet und sehr geliebt und geschätzt von einer der edelsten und besten Frauen.«

»So, so, nun, dann kannst du sicher sein, daß die Fürstin Woszgorod ihre besondern Motive für die Kultivierung einer solchen Freundschaft hat, und der Dame, die sie also beehrt, werden die Augen schon früher oder später aufgehen,« erwiderte Günther im gleichen harmlosen Tone. »Also, sie ist schon in Rom – unsre Nachrichten sind demnach nicht ganz korrekt – kein Wunder bei der erratischen Begabung dieser Frau, die oft schon in London Unheil anrichtete, wenn man sie bestimmt in Konstantinopel wußte. Und du kennst sie – schöne Frau, nicht wahr? Ideal für einen Künstler, jung, blond wie eine Ceres – nach ihrem Besuche in der Unterwelt. Die weiß, wie's in der Hölle aussieht, nachdem der alte Woszgorod die Rolle des Pluto in ihrem Leben gespielt. Deswegen wird ihr im Jenseits vielleicht auch manches nicht so dick angekreidet werden. Das war ein toller Heiliger – rücksichtslos, grausam, eine Neronatur. Seine erste Frau war eine Märtyrerin, die er notorisch mißhandelt hat, daß der Zar selbst mehr als einmal intervenierte – aber ein Mann von Geist, ein brillanter Soldat, einer der fähigsten Staatsmänner, gefürchtet, verhaßt! Seine Frau – die erste nämlich, nahm sich die junge blonde Waise aus Barmherzigkeit unter dem Titel einer Vorleserin ins Haus und starb dann sehr plötzlich. Acht Tage nach ihrem Begräbnis heiratete der alte Woszgorod die junge Dame und erregte damit einen solchen Sturm der sittlichen Entrüstung, daß schon viel dazu gehörte, um ihm die Stirne zu bieten. Aber er war zu mächtig, um nicht in gewissem Sinne durchzudringen, bis man zu flüstern anfing: die alte Fürstin habe dieses irdische Jammertal infolge einer Tasse Tee verlassen, die ihre Nachfolgerin ihr kredenzt. Das Flüstern wurde lauter und lauter und konnte schließlich nicht mehr überhört werden, und eine Exhumation fand statt. Es hat nie ein Mensch erfahren, was das Resultat war, nämlich das wissenschaftliche; das rein äußerliche war die Trennung der zweiten Ehe des Fürsten, und man erlaubte der Fürstin, ihre Rolle weiter zu spielen für gewisse politische, der Regierung bzw. der dritten Abteilung zu leistende Dienste.«

Max Westermann hatte stumm und kalt zugehört und saß nun da wie ein Mensch, den der Alp drückt, der sich unter dem lähmenden Einfluß des schrecklichen Traumbildes noch nicht erholen kann. War es das, was Djavahir ihm mitzuteilen hatte, das sie für ihre Pflicht hielt, ihm mitzuteilen? Das war es? Die Arme – was mußte sie gelitten haben! Es kam ihm nicht einen Augenblick in den Sinn, sie mit der Schuld dieser entsetzlichen Geschichte in Verbindung zu bringen – nur der Gedanke an – an ihr Gewerbe und an den Zwang, unter dem sie es ausübte, erdrückte ihn fast. Konnte er sie frei machen, konnte er? Und konnte er mit seinem Namen den Flecken austilgen aus ihrem Leben? Das bedeutete wohl das Aufgeben seiner ganzen Karriere – ein schweres Opfer – aber es mußte gebracht werden! Und dann durchzuckte ihn wie ein tödlicher Blitz, niederschmetternd, vernichtend ein schrecklicher Gedanke. Der Brief, der ihm entwendete Brief – hatte sie ihn genommen, einem unerbittlichen Befehl ihrer Herrn und Meister gehorchend? Und hatte Windmüller den Verdacht und die Gewißheit und hatte man ihn, Westermann, darum entfernt, um freies Spiel gegen sie zu haben? Ein heiseres Stöhnen entrang sich seiner Brust, ein Brausen wie über ihn hereinbrechende Meereswogen dröhnte ihm im Kopfe, und dann war es ihm, als fiele er in einen unermeßlich tiefen Abgrund herab –

»Westermann, du hast dir doch nicht etwa in der Kampagna das römische Fieber geholt – du bist ja wie eine Kalkwand so weiß,« hörte er Günther ganz von weitem sagen. »Wart, ich gebe dir gleich ein Glas Wermutwein mit Chinin – nichts besser als das, habe immer welchen bei mir! Ja, ja, das kommt davon, wenn man in Rom bei Sonnenuntergang im Freien ist – da steigt die Malaria wie ein Gespenst aus allen Winkeln und Ecken auf. So, das wird dir gut tun. Streck dich hier aus auf dem Sofa und schlafe, wenn du kannst – ich gehe inzwischen mal aus; wenn ich wiederkomme, wird dir besser sein.«

Westermann gehorchte dem Freunde ohne Widerstand, ohne Gegenrede, denn er war wie betäubt von dem Schlage, der ihn getroffen. Ob er geschlafen, das wußte er nicht, aber mit einem Male wurde ihm wohler, und er saß auf aus seiner liegenden Stellung und schämte sich – nicht über seine Schwäche, sondern, weil er einen Moment lang an ihr, an Djavahir, gezweifelt hatte. Mochte doch alles so sein, wie Günther es erzählt, mochte sie dem Zwange gehorcht haben – war das ein Grund, an ihr, an ihrer Liebe, an ihrer Unschuld zu zweifeln? Und seine Karriere – was wog sie gegen ihr und sein Lebensglück? Er glaubte an sie, unerschütterlich glaubte er an sie, und er wollte zu ihr stehen gegen eine ganze Welt. Der Glaube versetzt Berge, und die Liebe überwindet den Tod, wievielmehr nicht dieses bißchen Leben mit seinen Klatschbasen – nein, er liebte sie, weil er an sie glaubte, und glaubte an sie, weil er sie liebte, und beides ist unabhängig von der Logik, solange die Welt besteht, weil die Logik Menschenwerk ist, Glaube und Liebe aber göttlichen Ursprungs sind. Inbrünstig küßte er das Kleeblatt, des Glücks Symbol, das sie ihm gegeben.

Günther war freudig überrascht, den Freund bei seiner Rückkehr ganz wohl und fast heiter zu finden – ja, ja, der Wermut mit Chinin wirkte Wunder in diesem Himmelsstriche! Sie verbrachten einen angenehmen Nachmittag auf einem Ausflug in die Umgebung Neapels und besuchten abends die Oper im Theater San Carlo. Am folgenden Morgen erhielt Westermann den Befehl, nach Rom zurückzukehren. Nicht, daß er die Nacht gerade viel geschlafen hätte, nicht, daß Zweifel, Bedauern, Traurigkeit und Sorge ihm ferngeblieben wären – lieber Himmel, er war doch nur ein Mensch, aber tapfer zog er gegen alle diese Gefühle zu Felde, und dachte nur an »Djavahir«.

Ja, als er sich Rom wieder näherte, kehrte sogar die wundersame, das Herz so warm machende, herrliche törichte Seligkeit, wie er sie im Park von Frascati empfunden hatte, in seine Seele zurück. Er wunderte sich über sich selbst, wie das möglich war nach allem, was er gestern gehört, denn das war ihm heute nacht klar geworden, daß er zu ihr halten müsse, daß das Licht aber, in dem sie stand, doch ein andres geworden sei. Und nun auf einmal wieder dieses wundersame, lachende, jubelnde Glücksgefühl, diese fiebernde Ungeduld, endlich »da zu sein –«

»Natürlich, weil an der ganzen Geschichte auch nicht ein sterbenswahres Wort ist,« sagte er laut, indem es ihm wie Schuppen von den Augen fiel, wie eine plötzliche Entdeckung, wie eine Offenbarung, an deren Möglichkeit seine Seele bisher nicht gedacht, denn Günther mußte es doch besser wissen. Aber Günther konnte doch auch getäuscht worden sein, nein, er war es ganz sicherlich, zweifellos – wie man nur so blind sein konnte, darauf nicht gleich zu kommen – fast hätte er laut über sich selbst gelacht! Nahm denn das langweilige Gefahre immer noch kein Ende? Und das nannte sich »Schnellzug« und hielt vor jedem Gänsestall an –

»Und wie ich reite, so reiten
Mir die Gedanken voraus,
Sie tragen mich leicht und luftig
Nach meiner Liebsten Haus –«

sang er leise vor sich hin:

»Die Hunde bellen, die Diener
Erscheinen mit Kerzengeflirr,
Die Wendeltreppe stürm' ich
Hinauf mit Sporengeklirr –«

Nur den Schluß: »Was willst du, törichter Reiter, mit deinem törichten Traum –« machte ihn stutzen, doch nur für den Augenblick – er mußte sogar darüber lachen, weil dieser so gar nicht auf ihn paßte.

Es war neun Uhr abends, als Westermann vor dem Palazzo Toffano vorfuhr, empfangen von Signor Marzio, dem Concierge, der ihm erstens mitteilte, »Jean« wäre nicht mehr da, und die Damen wären vor fünf Minuten zu einer Soiree ausgefahren. Er stürmte die Treppe nun zwar nicht hinauf, aber er stieg sie auch nicht gerade schwer enttäuscht in die Höhe, denn wenn Djavahir mit seiner Schwester war, dann mußte ja alles in Ordnung sein.

Droben fand er auch ein Billett von ihr vor und eine Einladung zur Soiree auf die russische Botschaft zum heutigen Abend – in dem Billett aber stand, die Botschafterin wäre selbst gestern gekommen, Djavahir aufzusuchen und einzuladen und hätte darauf gleich Karten für sie, Therese, und für ihn, Max, gesandt. »Mach' dich nur gleich fein und komme auch,« fuhr die Schreiberin fort, »Djavahir wird aussehen wie ein Traum – ich habe ihre Toilette gesehen. Stell' dir vor, wie Mutter Mollwitz das zuwege bringen wollte, heute anzukommen und morgen eine Soiree zu geben, aber ich, Max, ich werde es zuwege bringen, denn denke dir, ich habe mich gestern in Frascati mit Herrn v. Grünholz verlobt und werde nun deine gestrenge Chefin! Was sagst du dazu, mein Mäxchen? Aber ich sehe dich schon, wie du dir die Haare raufst, weil ich Mutter Mollwitz vom Throne stoßen will. Sie war in einer Stimmung, als sie mir heute »gratulieren« kam – in einem Atem nannte sie mich zu jung und zu alt, dumm und gerissen, töricht und abgefeimt und zuletzt weinte sie Krokodilstränen und versprach mir die Adressen billiger Lieferanten und wollte von mir den Schwur, die große Wäsche ja immer selbst zu überwachen. Ich blieb aber fest und habe nichts geschworen, nicht einmal das Sockenstricken für meinen Zukünftigen, der mich mit rührender Liebe und Aufmerksamkeit umgibt und ganz jung geworden ist! Also komm, Maxel, komm und laß dir vom Posaunenengel helfen, denn dein kostbarer Jean ist seit heute früh ausgegangen und ›ward nicht mehr gesehn!‹ Hoffentlich hat er nichts mitgenommen.«

»Den Kuckuck hat er,« dachte Max, indem er schon anfing, seine Toilette zu wechseln. »Das gönn' ich aber der Mutter Mollwitz,« fuhr er dabei in seinen Gedanken fort, »nun wird's erst hübsch auf unsrer Botschaft werden, und Therese gönn' ich's auch, die wird eine feine Botschafterin sein. Ich gönn's auch dem Alten – hm, dem Chef – hätt's ihm wahrhaftig nicht zugetraut. Man soll aber niemals über einen Menschen was sagen.«

Von wegen der heilsamen Übung vor ein paar Tagen, wurde Westermann mit seiner Toilette auch ohne den Posaunenengel in überraschend kurzer Zeit fertig und stürmte dann tatsächlich sporenklirrend die Treppe hinab in den bereitstehenden Wagen. Natürlich waren die Salons der russischen Botschaft schon gefüllt, als Westermann dort eintraf, denn er gehörte zu den wenigen Nachzüglern, die noch die breiten, teppichbelegten Treppen hinaufschritten. Unter diesen war es eine ihm fremde Dame, die ihm dabei, trotz seiner Ungeduld, nach oben zu gelangen und die zu sehen, die er suchte, auffiel, weil er ihr am Fuß der Treppe Platz machte: eine hohe, schlanke Frauengestalt mit goldblondem Haar, blassem, stark gepudertem, schönem, aber entschieden slawischem Gesicht, aus dem ein Paar halbverschleierte, dunkle Augen unter schwarzen, geraden, über der Nase sich begegnenden Brauen ihn anblitzten. Ein schwerer, fast betäubender Duft von Heliotrop entströmte ihrer kostbaren, silbergestickten, goldgelben Toilette, und auf ihrem klassisch schönen Halse und den herrlich geformten Armen blitzten Diamanten, deren keine Kaiserin sich zu schämen gebraucht hätte.

»Donnerwetter!« dachte Westermann unwillkürlich, als sie mit leichtem Kopfneigen an ihm vorüberrauschte, aber in dieser Anerkennung lag für ihn durchaus nichts verführerisches, im Gegenteil. »Überweib,« setzte er bei sich hinzu – für dieses Genre hatte er nichts übrig, denn er ahnte instinktiv in dem blassen Gesicht, den »wissenden Augen«, dem künstlichen Goldblond der Haare und dem schweren Duft das Ungesunde, Verderbte und Verderbende – die Atmosphäre der Sphinx.

Oben, am Eingang zu den Salons, sah er die Botschafterin ihren späten Gast begrüßen: die freundlich behäbige Dame, deren Liebenswürdigkeit berühmt war im ganzen diplomatischen Korps, dessen Doyenne sie repräsentierte, richtete sich auf, das freundliche Lächeln verschwand von ihren gütigen Zügen und die sonst so bereit zum Händedruck ausgestreckte Hand hing, ohne sich zu regen, herab. » Bon soir princesse – comment allez – vous?« kam es höflich, aber eisig kühl von ihren Lippen. Die ihres Gastes kräuselte dafür ein überlegenes, fast verächtliches, ja höhnisches Lächeln. » Merci – l'automne fait beau cette année à Rome«, war die prononciert lässige Antwort, mit der die Fremde sich hocherhobenen Hauptes weiter wandte, gefolgt von einem unbeschreiblichen Blicke ihrer Gastgeberin, die sich nun von dem neben ihr stehenden Sekretär ihres Gatten Westermann vorstellen ließ und ihn aufs liebenswürdigste bewillkommte.

»Sie sind doch der Bruder von Frau von Triberg?« fragte sie mit sichtlichem Interesse. »Ja? Nun, dann doppelt willkommen, denn Ihre Schwester, die ich gleich ins Herz geschlossen, wird ja meine Kollegin! Welches Glück für Herrn von Grünholz und welches Glück für mein liebes Patchen Djavahir, daß sie eine so teure Freundin in Frau von Triberg gefunden – das arme Kind war so einsam!«

Westermann wurde es ganz warm ums Herz – stimmte das mit Freund Günthers Erzählung? Mit dem Sekretär eine kurze Begrüßung wechselnd, konnte er nicht umhin, zu fragen, wer die Dame wäre, welche die Botschafterin vor ihm begrüßt hatte.

»Die? O, das ist die Fürstin Woszgorod, die zweite ihres Namens,« tuschelte Herr v. Krapotkin mit Betonung und ließ Westermann wie vom Donner gerührt stehen. Und nun fiel es wie Schuppen von seinen Augen: das war also die berüchtigte Heldin von Günthers Erzählung. Ja, aber, wenn sie es war, die geschiedene Witwe des Fürsten Woszgorod, wer war dann Djavahir? Hatte er nicht selbst gehört, wie sie sich vor seinem Chef als die Witwe bekannte? War sie seine dritte Frau? Hatte sie den traurigen Mut gehabt, die dritte Frau dieses Mannes zu werden? Schwer wie Blei sanken diese Fragen ihm aufs Herz, aber er hatte keine Zeit, der Sache weiter nachzuhängen, denn die Menge schob ihn vorwärts, und die nächste Person, der er in die Hände fiel, war Frau v. Mollwitz.

»So, da sind Sie ja wieder,« begrüßte sie ihn. »War das hübsch von Ihnen, vorgestern abend bei mir den Mund zu halten und zu tun, als wüßten Sie nichts von dieser übereilten Verlobung meines Bruders? Was? Sie haben nichts gewußt? Haben es eben erst erfahren? Desto schlimmer – hätten lieber die Augen etwas aufsperren sollen, statt Ihre leibliche Schwester Dummheiten machen zu lassen. Na, ich wasche meine Hände – meinetwegen mögen sie in ihr Unheil rennen, denn was soll denn sonst dabei rauskommen, wenn alte, trockne Späne zu brennen anfangen? Ihre teure Schwester wird jedenfalls als die Frau meines Bruders vorsichtiger in der Wahl ihres Umganges sein und vor allem gewissen Leuten zeigen müssen, wo der Zimmermann das Loch gelassen hat. Ich habe schon einen höllischen Strauß heute nachmittag mit ihr deswegen gehabt; ich habe leider meinen Bruder noch nicht sprechen können, um seine Autorität anzurufen, aber darauf könnt ihr euch verlassen, daß die Person mir nicht mehr über die Schwelle kommt, solange ich Herrin in unsrer Botschaft bin –«

»Von wem belieben Exzellenz zu reden?« hatte Westermann, blaß vor Zorn, gefragt, aber keine Antwort erhalten, weil Mutter Mollwitz ein andres Objekt für eine Attacke gefunden hatte und sich mit der ihr eignen Energie auf ihr Opfer stürzte.

Sich mit unbeschreiblichen Gefühlen durch die Menge windend, erblickte Westermann endlich im zweiten Salon das Ziel seiner Wanderschaft – Djavahir, schön wie ein Traum, ganz in Weiß. Der schwere, silberdurchwirkte weiße Brokat nahm ihr nichts von der zarten Mädchenhaftigkeit; um den schlanken Hals trug sie nur eine Schnur großer, kostbarer Perlen, sonst hatte sie keinen Schmuck. Neben ihr stand Therese, reizend aussehend, in lichtem Blau, in der Hand einen Strauß roter Rosen, dessen Geber ihr zur Seite heute um zehn Jahre jünger aussah. Nun mußte Westermann erst seinen Glückwunsch anbringen.

»Na, da seid ihr ja glücklich beisammen,« fiel Mutter Mollwitz ein, die sich mittlerweile herangepürscht hatte. »Ich habe das dumme Geglückwünsche nun aber satt – die Leute tun alle, als ob sie sich über eure Verlobung blödsinnig freuten, ohne daß eine Seele überhaupt weiß, wer die Braut ist! Es ist rein lächerlich! Warum haben Sie sich nur in Blau angezogen, Therese? Blau bringt ja jede Runzel, jeden Krähenfuß auf den Präsentierteller! Freilich, gelb steht Ihnen gewiß gar nicht, rot erst recht nicht, ebensowenig grün und lila – grau macht dick und so als weißer Schneemann« – dies mit einem Blick aus Djavahir – »ist so gesucht und auffallend! Also morgen kommen Sie zum Lunch zu uns – mit Max natürlich, aber sonst allein, wenn ich bitten darf – allein, verstanden Therese? Und wenn ich zu Ihnen komme, muß ich sicher sein, daß ich sonst niemand bei Ihnen treffe; es gibt Leute, Damen, meine ich, die man in unsrer Stellung wohl gezwungen ist, zu empfangen, die man aber sonst nicht kennen mag –«

»Da haben Sie ein wahres Wort gesprochen, Exzellenz,« sagte die Stimme der Botschafterin hinter Frau v. Mollwitz. »Aber was wollen Sie – das gehört eben zu unsrer Stellung, ist eine der unangenehmen Pflichten unsres Metiers und muß mitgenommen werden. Peinlich wird es ja nur dann, wenn Verwechslungen dabei möglich sind durch gleichlautende Namen – enfin, das läßt sich aber leicht redressieren! Exzellenz kennen schon meine liebe Djavahir, mein Patenkind? Natürlich – durch Frau von Triberg! Wie froh bin ich, die Fürstin einmal in Rom zu haben! Sie hier und mit Frau von Triberg zu treffen, war die freudigste Überraschung, die ich seit langer Zeit gehabt!«

Die Doyenne hatte lauter gesprochen, als es sonst ihre Art war, und zu Djavahir tretend, küßte sie diese auf die Stirn und strich ihr liebkosend über die weiche Wange, um dann freundlich lächelnd weiterzuschreiten, scheinbar unbewußt, daß die andre Fürstin Woszgorod ein paar Schritte weiter Zeugin der Szene war, denn sie ging an ihr vorbei, ohne sie zu sehen.

»Natürlich sind wir morgen ganz unter uns in der Familie,« sagte Herr v. Grünholz zu seiner Schwester, »Therese, die Fürstin und Sie, lieber Westermann – ja, ja,« setzte er lächelnd hinzu, »die Partie nach Frascati war der glücklichste Gedanke, den wir vier in unserm ganzen Leben gehabt!«

»Willst du damit etwa sagen,« begann Mutter Mollwitz mit langem Gesicht, denn der Takt hatte nicht bei ihr Pate gestanden, wie die Botschafterin bei der Fürstin, aber Herr von Grünholz fiel ihr gleich ins Wort:

»Daß wir en famille bei uns sind? Natürlich – du begreifst doch sonst nicht so schwer, Melanie! Unsre partie quarrée

»Und ich als das fünfte Rad am Wagen,« murmelte Mutter Mollwitz, der es zu dämmern anfing. »Aber,« setzte sie energisch hinzu, »aber eins verstehe ich noch nicht – na, lassen wir das, ihr braucht mir gar nicht erst zuzublinkern und mich anzuglotzen – Sie, Max, meine ich – als ob Sie mich verschlingen wollten – denn Irren ist menschlich – nun weiß ich nicht mehr, was ich sagen wollte – ja richtig: wenn Sie Knackmandeln bei uns essen wollen, Max, dann bringen Sie sich nur hübsch selber welche mit, denn von mir kriegen Sie das unverdauliche Zeug nicht –«

Aber Max hörte nicht – er sah nur das tiefe Rot, das sich über die Wangen Djavahirs ergossen hatte und wieder einer marmornen Blässe gewichen war unter der Anspielung Seiner Exzellenz, unter dem erstaunten, fragenden Blick seiner Schwester, und kurz entschlossen reichte er ihr den Arm.

»Kommen Sie,« bat er leise, »lassen Sie uns weggehen von hier – ich bin ja nur hergekommen, Sie zu suchen –«

»Ja, fort, nach Hause,« erwiderte sie ebenso, und fünf Minuten später saß er an ihrer Seite in dein ersten besten Wagen, der draußen vor dem Portal stand.

Sie sprachen kein Wort unterwegs; der Weg war auch nicht weit, und am Palazzo Toffano angelangt, folgte er ihr ohne Frage in ihr Zimmer, das er zum erstenmal betrat, nachdem ihr die Zofe in russischer Nationaltracht den schweren zobelverbrämten Mantel von den Schultern genommen hatte. Mitten im Zimmer blieb sie aufatmend stehen.

»Ach,« sagte sie leise, »es ist so schrecklich, so demütigend, von allen diesen Leuten für jenes Weib gehalten zu werden – großer Gott,« setzte sie hinzu, »Sie haben mich doch nicht auch dafür gehalten, Max?«

»Ganze sechsunddreißig Stunden lang,« bekannte er ohne Zögern. »Wie sollte ich auch anders? Aber was auch die Fürstin Woszgorod mir dabei geraubt, meinen Glauben an Djavahir hat es nicht erschüttert, meiner Liebe keinen Abbruch getan. Das war nicht möglich!«

Da verklärte ein helles, wunderbares Leuchten ihr blasses Gesicht.

»Gott segne Sie für das gute Wort,« sagte sie innig, ihm beide Hände reichend. »Und nun kommen Sie, setzen Sie sich mir gegenüber hier an den Kamin, und ich will Ihnen sagen, wie ich dazu gekommen bin, den schrecklichen Namen zu tragen, den auch jene Frau trägt.«

Westermann versuchte einen leisen Einwand – sie sollte nicht über etwas sprechen, das ihr schmerzlich oder peinlich sei; aber sie blieb fest.

»Es ist meine Pflicht, Ihnen alles zu sagen, was bisher noch nicht über meine Lippen gewollt, weil ich damit anklagen muß,« erklärte sie. »Mein Vater aus altem polnischen Geschlecht war Diplomat in russischen Diensten und verheiratete sich als Legationsrat bei der russischen Gesandtschaft in London mit der schönen Tochter eines irischen Peers – beider Namen werden Ihnen wohlbekannt sein. Er kam dann als Gesandter nach Teheran, wo ich als ihr einziges Kind geboren wurde, später nach Kopenhagen und dort starb meine liebe Mutter, als ich kaum vierzehn Jahre alt war. Ich wurde in das Katharinen-Institut in Petersburg gebracht, und mein Vater nahm bald darauf seinen Abschied – aus Gesundheitsrücksichten, wie es hieß, aber in Wahrheit hatte mein Vater mit dem Heimgang seiner Frau den Halt verloren, und seine Leidenschaft, das Spiel, gewann die Oberhand über ihn und zerrüttete binnen kurzem seine Finanzen in unrettbarer Weise. Wenn er mich zu besuchen kam oder mich für einen Nachmittag zu sich abholte, mußte selbst ein so harmloses Kind, wie ich es war, bald die Veränderung bei ihm bemerken; die ständige Aufregung des Spiels suchte er durch Alkohol auszugleichen und durch Narkosen, und die Folge war eine gänzliche nervöse Zerrüttung, die mir jedesmal schrecklicher bemerkbar wurde. An meinem sechzehnten Geburtstage holte er mich auch aus dem Institute, um den Tag mit mir zu feiern, aber es war kein schönes Fest, denn wir waren nicht allein – ein alter Herr mit rotem, aufgedunsenem Gesicht und stechend schwarzen, grausamen Augen fand sich ein und ging nicht wieder – der General Fürst Woszgorod! O, was war der Mann mir zuwider, und wie froh war ich, endlich wieder in mein Institut zurückkehren zu dürfen – ich weiß es noch wie heute! Wenige Tage später ließ mich mein Vater wieder zu sich holen – er war aufgeregt, seine Hände zitterten mehr als je, und ein widerlicher Geruch von Branntwein umgab ihn. – Und da sagte er mir, der Fürst Woszgorod wünsche mich zu heiraten – es sei eine Ehre und Auszeichnung für mich, und ich würde reich, beneidet und was weiß ich noch sein. Natürlich dankte ich entsetzt für diese Ehre; nach und nach aber, je stärker mein Widerstand wurde, kam es heraus, daß mein Vater ruiniert und ich seine einzige Rettung sei, daß er dem Fürsten eine fabelhafte Summe schulde, die jener in der letzten Nacht auf eine Karte gesetzt: verlor mein Vater, dann war ich der Preis. Und so verspielte mein Vater sein einziges Kind! – Heute, wo ich älter bin und erfahrener, würde mein Widerstand wohl eine andre Form finden, aber damals war ich ein Kind und unterlag dem Appell und dem Ansturm auf meine kindlichen Gefühle. Man ließ mir nicht viel Zeit, meinem bittern Leide nachzuhängen – der Fürst hatte ja auch keine Zeit zum Warten, und man hatte wohl auch Furcht vor einem Gewaltakt meinerseits. Aber ich war viel zu jung, viel zu hilflos, um daran zu denken, und nach einem nochmaligen vergeblichen Appell an meinen Vater, der mir drohte, sich eine Kugel durch den Kopf zu jagen, wenn ich mich nicht fügte, stand ich denn bald darauf vor dem Traualtar und verließ die Kirche als Fürstin Woszgorod. Und bei dem darauf folgenden Hochzeitsmahl wurde der Fürst vom Schlage getroffen und starb wenige Stunden darauf. – Man soll dem Himmel nicht seine eignen menschlichen Motive und Empfindungen unterschieben – aber hatte er nicht für mich gesprochen, mich vor einem jammervollen Lose errettet? War es unnatürlich, ihm dankbar für das zu sein, was die Welt einen Trauerfall nennt? Als alles vorüber war, ging ich mit meinem Vater auf Reisen als die Erbin des Ungeheuern Vermögens, das mir unbeanstandet zufiel. Aber meines Vaters Gesundheit war total untergraben, er fristete noch ein paar Monate des Siechtums hin und starb dann in Homburg. Der Eindruck aber, den diese kurze Zeitspanne in mir hinterlassen, hatte mich gereift und alt gemacht, hatte mich so erschüttert, daß ich Jahre brauchte, um mich zu erholen. Ich blieb im Auslande, ganz zurückgezogen lebend, und erst als ich in der Kunst und in der Musik wunderbar tröstende und keiner Täuschung unterworfene Gefährten fand, da fing ich an aufzuleben und zu ahnen, daß das Dasein für mich doch noch Hoffnungen hatte auf schönere glückliche Tage. Ich wagte mich ein wenig mehr in die Welt und fand dort auch Freundschaft, aber ach! leider auch viele, die ihren Interessen nachgingen und auf meinen Reichtum spekulierten. Meiner Heimat blieb ich fern, und andre Ereignisse hatten die tragische dritte Hochzeit des Fürsten Woszgorod vergessen gemacht. Und da ich ja so still, so zurückgezogen und unauffällig lebte, so ist's kein Wunder, daß man mich auch vergaß und es für die Welt nur eine, die notorische, die berüchtigte Fürstin Woszgorod gab. Im allgemeinen vermied ich fashionable Badeorte, aber im vergangenen Sommer, auf einer Reise durch den Schwarzwald zog mich Baden-Baden so an durch seine entzückende Lage, daß ich dort blieb. Ich fand Bekannte in der russischen Kolonie, Bekannte meiner Eltern aus früheren Tagen – durch sie kam ich unvermerkt in weitere Kreise und lernte dort Therese kennen. Das war der Wendepunkt meines Lebens. Hier diese Perlen um meinen Hals sind die Kette meiner Vergangenheit – sie waren das Brautgeschenk des Fürsten Woszgorod, und ich habe sie getragen, damit ich die Tage des Schreckens nicht vergessen lernte, als es lichter wurde in mir. Nun aber will und darf ich vergessen, und ich lege die Kette ab für immer – ihr Preis soll Segen stiften einem Werke der Menschenliebe. Und nun wissen Sie, Max, warum ich den Sonnenaufgang liebe: auf der Schwelle des Lebens ging mir die Sonne unter mit allem, was dem Herzen des Kindes heilig ist, und nach langer Nacht geht sie mir nun auf in der verheißungsvollen Glorie eines ungeahnten, unerwarteten Glückes und in rückhaltlosem Vertrauen lege ich meine Zukunft in Ihre Hände.« …

*

Max Westermann träumte in der Nacht, daß er im Himmel wäre … Er hatte, als er sein Zimmer aufsuchte, nachdem die inzwischen heimgekehrte Frau v. Triberg noch in sein Glück eingeweiht worden war, eigentlich das Gedicht zum Donauwellenwalzer unter Hinzufügung einer vierten, himmelhochjauchzenden Strophe niederschreiben wollen, aber er war dann doch zu erregt und glücklich gewesen, vielleicht auch zu müde, denn er schlief gleich ein, als er den Versuch des Dichtens für heute wieder einmal aufgegeben hatte.

Und der Morgen war dann so sonnig und so warm – es wäre schade gewesen, sich dabei an den Schreibtisch zu setzen. Lieber einen Spaziergang machen, ehe die Pflicht ihn zum Rapport in die Gesandtschaft rief. Daß er wieder sein eigner Diener sein mußte, verdarb ihm die frohe Stimmung nicht einen Moment, auch nicht die Entdeckung der erstaunlichen Staubschicht auf seinen Möbeln, ja er mußte sogar darüber lächeln, daß der Posaunenengel es mit seinen Extrapflichten des Aufräumens bei ihm noch entschieden leichter nahm, als selbst die Signora Marzio in ihrer echt italienischen Genialität in solchen Dingen. – Lawetzki würde schon Ordnung schaffen, wenn er wieder gesund war. Den Donauwellenwalzer pfeifend, bürstete sich Westermann selbst seinen Hut ab und als er noch also nützlich beschäftigt war, klopfte es an seine Tür, und auf sein »Herein« erschien – Herr Windmüller, aber nicht in der Maske des »Jean«, sondern sozusagen in seiner eignen, in Zivil.

Das Erscheinen des Detektivs riß den armen Westermann aus allen seinen Himmeln und beförderte ihn mit rücksichtslosem Ruck zurück in dieses Tal der Tränen, denn die »verflixte Geschichte«, der er die Bekanntschaft dieses eminenten Mannes verdankte, war total seinem Gedächtnis entfallen gewesen.

»Guten Morgen, Herr Graf – schönes Wetter heute,« sagte Herr Windmüller, die Tür hinter sich schließend. »Ich sehe, Sie wollen ausgehen, und ich will Sie auch nicht lange aufhalten. Vor allem aber meinen herzlichsten Glückwunsch zu Ihrer Verlobung!«

»Danke vielmals – aber woher wissen Sie – ?«

»Es ist mein Metier, manches zu wissen,« entgegnete Herr Windmüller, sich auf den Lehnstuhl neben dem Tische setzend, auf den Westermann deutete. »Manchmal weiß ich sogar zuviel – aber die Besten unter uns sind dem Irrtum unterworfen, und es wäre töricht, das nicht einzugestehen. So war es ein Irrtum, den Verdacht, Ihren Brief eskamotiert zu haben, auf die Fürstin Woszgorod zu werfen.«

»Herr Windmüller –«

»Herr Graf, daß die Fürstin Ihr Herz gewonnen, konnte für mich kein Gegenbeweis sein – das war in Anbetracht der Persönlichkeit zu natürlich, um nicht von vornherein als sicher zu gelten. Daß ich auf falscher Fährte war, ist am Ende auch natürlich, eben weil der Irrtum menschlich ist; aber eigentlich durfte das erneut so alten Fachmann wie mir nicht passieren. Indes der Verdacht war einmal da und wurde mir so schön bestätigt durch telegraphisch eingezogene Informationen – Herr Graf, es ist ein Glück für die Fürstin Woszgorod, daß sie hoffentlich bald einen Namen ablegen wird, der durch eine andre Trägerin desselben zu einer traurigen Berühmtheit gelangt ist und zu den verhängnisvollsten Verwechslungen Anlaß bietet, weil auch das übliche flüchtige Signalement, Haare: blond; besondre Kennzeichen: keine, in Übereinstimmung ist und deshalb auch Ihren ergebensten Diener, Franz Xaver Windmüller auf den Holzweg geführt hat.«

Max Westermann bekämpfte heroisch die Neigung, seinem Verdruß Ausdruck zu geben, weil sein Gewissen auch ihm einen Moment des Zweifels vorwarf.

»Daß der vermißte Brief sich eventuell – bitte, Herr Graf, ich sage nur: eventuell nicht mehr unter den Effekten der Fürstin vorfinden würde, als ich Gelegenheit nahm, einen Blick darauf zu werfen, das war mir natürlich klar –«

»Sie wollen doch damit nicht sagen, daß Sie die Effekten meiner Braut durchsucht haben?« unterbrach ihn Westermann, aufspringend vor Erregung.

Herr Windmüller sah ihn kopfschüttelnd an.

»Herr Graf,« sagte er sanft, »Ihre Auffassung von dem Wesen und den Pflichten eines Detektivs kann keine so elementare sein, um den Glauben zu rechtfertigen, daß ich das unterlassen hätte mit einem chiffrierten Telegramm in der Tasche, daß die Fürstin Woszgorod eine der gefährlichsten und gewandtesten politischen Agentinnen, auf dem Wege nach Rom oder schon dort eingetroffen sei! Ich hätte diese Vorsichtsmaßregel auch ohne das Telegramm meines Gewährsmannes ergriffen, weil der Verdacht erstens zu stark gegen sie war, und weil ich ebensowenig wie Sie wußte, daß es noch eine zweite Fürstin Woszgorod gibt. Als ich überdies den Blick in ihre Effekten warf, war die Fürstin noch nicht Ihre Braut, denn Sie waren eben erst auf dem Wege nach Frascati. Und dann, nicht wahr, zur Klärung Ihrer Angelegenheit war ich doch von Ihnen beauftragt, wenn mir recht ist? Das wäre ein spaßiger Detektiv, der von vornherein bona fide soundsoviele Personen aus seinem Kalkül ausschlösse.«

Westermann setzte sich resigniert.

»Sie sind ja gewiß in Ihrem Rechte,« sagte er, »nur, sehen Sie, ist es so schrecklich peinlich für mich –«

»Natürlich, ich verstehe das,« fiel Herr Windmüller ein, »man ist neben seinem Berufe doch auch noch Mensch und – Gentleman. Einen Vorwurf können Sie mir aus meinem Vorgehen nicht machen, ebensowenig, daß ich Sie in Ihrem und im Interesse der Sache unter Exzellenz v. Grünholz' gütiger Mitwirkung auf vierundzwanzig Stunden aus Rom entfernte, weil Ihre Anwesenheit – nach den Ereignissen in Frascati – nur hindernd für unsre Aktionen gewesen wäre –«

»Vierundzwanzig Stunden!« wiederholte Westermann empört. »Achtundvierzig Stunden war ich fort, auf der moralischen Folterbank!«

»Sehr richtig, aber als das Rückberufungstelegramm an Sie abging, war die Identität der beiden Fürstinnen Woszgorod schon festgestellt, ich darf also korrektermaßen nur von vierundzwanzig Stunden sprechen, in denen Ihre Abwesenheit erwünscht war. Ihre Information durch Herrn Günther hätte erübrigt werden können und mithin auch die hochnotpeinliche Folterfrage, deren Anwendung niemand besser mit Ihnen fühlen kann als ich, menschlich gesprochen, aber wir dachten, daß eine Aufklärung, fern von der betreffenden Person, weiser wäre. Nun, auf Regen folgt Sonnenschein, und wir alle wissen ja, wie fruchtbringend und reifend oft der Regen wirkt – auch auf das Menschenherz; er vertieft den gelegten Keim und festigt ihn. Verzeihen Sie diese philosophische Abschweifung – das Wesentliche bleibt für uns, auch nach der Ausschaltung Ihrer Fürstin Braut aus der Berechnung, die Ermittlung des Ihnen abhanden gekommenen Briefes. Meines Erachtens steht dem die andre Fürstin Woszgorod nicht fern, und zwar dürfte sie sich dazu eines Unteragenten bedient haben, der wiederum hier im Hause zu suchen ist, oder doch wenigstens die dritte Hand dazu.«

»Ja zum Kuckuck, wer in aller Welt –«

»Unter dem Verdacht stand natürlich vom Concierge ab die ganze Dienerschaft bis zu der hessischen Gans im Dienste Ihrer Schwester. Mein Vorschlag der Partie nach Frascati scheint wirklich ein ungemein glücklicher gewesen zu sein – ich bin nachträglich ganz stolz darauf – das erste ideale Resultat meiner Praxis, nebenbei gesagt! Meine Theorie ist –«

»Was wollen Sie denn?« unterbrach ihn Westermann, nach der Tür sehend, in deren Spalte das rote Gesicht Kathis erschienen war.

»Ich hawwe geglaabt, der Herr Leitnam isch ausgange,« grinste sie.

»Das ist keine Antwort – ich frage, was Sie hier wollen,« rief Westermann, mit Herrn Windmüller einen Blick wechselnd.

»Ich wollt' als bloß die Tischdecke hole – gnä' Frau meinte, sie müsse als mal gepatscht werde,« erklärte die Hessin strahlend.

»So? Na, es ist nur gut, daß meine Schwester Ideen hat, auf die Sie evident keinen Wert legen,« meinte Westermann trocken, indem er mit dem Zeigefinger über die Tischdecke fuhr und durch diese Prozedur einen sehr sichtbaren Strich auf dem dunkeln Stoff hervorbrachte. »Also, nehmen Sie das Zeug und machen Sie, daß Sie damit fortkommen!«

Der Posaunenengel quetschte sich durch den Türspalt ins Zimmer und knickste vor Herrn Windmüller, ahnungslos, daß sie damit dem von ihr stark beanstandeten Jean eine unbeabsichtigte Ehre erwies, der sie schmunzelnd betrachtete. Rot vor Verlegenheit begann sie den schönen, veilchengestickten grauen Atlastischläufer zusammen zu falten und als sie ihn von der Tischdecke abnahm, enthüllte sie den Blicken der Herren einen darunter liegenden Briefumschlag, auf den Westermann nur einen Blick warf, um sich wie ein Habicht daraus zu stürzen, ihn zu ergreifen und damit herumfuchtelnd mit Stentorstimme zu rufen:

»Der Brief! Der Brief! Das ist ja mein Brief!«

»Welcher Brief? Doch nicht der –« sagte Herr Windmüller, seinerseits aufspringend.

»Ja, der Brief, der verlorene!« schrie Westermann erregt, und kleinlaut setzte er hinzu: »ich muß ihn geradezu mit dem Haarbusch selbst unter den Läufer gefegt haben, und ich Esel bin nicht darauf gekommen, darunter nachzusehen! Aber,« schrie er den darob ordentlich einen Satz nach rückwärts machenden Posaunenengel an, »aber, wenn Sie ordentlich aufgeräumt hätten, alle Tage, wie es Ihre verfluchte Pflicht und Schuldigkeit war, dann wäre der ganze Katzenjammer nicht möglich gewesen. Sie olle Dreckfinke. Sie!«

Erschrocken raffte der Posaunenengel die Tischdecke zusammen und verschwand damit schleunigst.

Als sie hinaus war, warf Herr Windmüller sich in seinen Sessel zurück und lachte, daß ihm die Tränen über das Gesicht liefen.

»Das ist ja zum Begraben,« stöhnte er. »Ist mir auch in meiner Praxis noch nicht vorgekommen! Da sieht man wieder einmal,« fügte er, sich die Augen wischend hinzu, »daß Goethe recht hatte, wenn er sagt, das Gute liegt so nah! Aber das epitheton ornans, das Sie, Herr Graf, sich eben gaben, kommt mir viel besser zu. Na, dies Ruhmesblatt in meinem Lorbeerkranz werde ich mir in einem besondern Futteral aufheben und meine »Theorien« einer Revision unterziehen. Ihnen aber gratuliere ich zu diesem Aktschluß der neuen Komödie: »Viel Lärm um nichts!«

Westermanns Gedicht zum »Donauwellenwalzer« blieb ungeschrieben. Wenn er aber diese schöne, zu seiner Lieblingsmelodie erkorene Weise sang, dann legte er ihr als Text nur ein Wort unter:

Noten

Dal seguo al fine


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