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Erstes Kapitel.

Die folgende Erzählung ist, so weit es dem Gedächtnis des Verfassers möglich gewesen ist, genau in der Art niedergeschrieben worden, wie sie ihm erzählt worden ist. Jeder Versuch zur Ausschmückung ist sorgfältig unterlassen worden, um die Schlichtheit der Erzählung nicht zu beeinträchtigen. Zugleich ist aber zu betonen, daß jene besondere Klasse von Erzählungen, deren Stoff im Übernatürlichen liegt, mündlich vorgetragen, weit mehr Eindruck macht, als wenn man sie gedruckt liest.

Wenn man ein Buch bei hellem Mittag liest, so wirkt der darin geschilderte Vorfall weit schwächer, als wenn in einem Kreise von Zuhörern am Kamin die Stimme des Erzählers den gleichen Vorfall berichtet, die Einzelheiten ausmalt und den Ton tiefer und geheimnisvoller stimmt, wenn er der ergreifenden und wundersamen Katastrophe näher kommt.

Unter solchen vorteilhafteren Umständen hörte der Verfasser diese Erzählung aus dem Munde der berühmten Miß Seward von Litchfield, die neben ihren vielen hohen Befähigungen auch in hervorragendem Maße die Gabe besaß, in engem Kreise fesselnde Geschichten zu erzählen.

In der hier vorliegenden Form muß freilich die Erzählung all jenes Interesse verlieren, das ihr die modulationsfähige Stimme und die geistvollen Züge der Erzählerin verliehen. Indessen kann sie noch immer als treffliche Geistergeschichte gelten, wenn man sie gläubigen Ohren um Mitternacht bei matter Lampe vorliest, oder wenn man sie für sich bei herabgebrannter Kerze in der Einsamkeit eines halb erhellten Gemaches zur Hand nimmt.

Miß Seward behauptete, sie habe die Geschichte von zuverlässiger Seite, aber sie verschwieg die Namen der dabei beteiligten Hauptpersonen. Ich will hier nicht auf die Einzelheiten eingehen,, die ich vielleicht später über die Örtlichkeiten gesammelt habe; ich will sie nur in der allgemeinen Schilderung andeuten. Aus dem gleichen Grunde will ich auch keinen Umstand – ob mehr oder weniger wesentlich – hinzufügen oder weglassen, sondern nur eine Erzählung von überirdischem Grausen so einfach wiedergeben, wie ich sie vernommen habe.

Als gegen Ende des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges die Offiziere vom Heere des Lord Cornwallis, die bei Yorktown und an anderen Punkten sich ergeben hatten, aus der Kriegsgefangenschaft, in der sie während dieses unklug begonnenen und unglücklich geführten Bürgerkrieges geschmachtet hatten, in ihr Vaterland zurückkehrten, um von ihren Abenteuern zu erzählen und von ihren Mühsalen auszuruhen, war unter ihnen auch ein General, dem Miß Seward den Namen Browne gab – jedoch nur aus dem Grunde, um die Hauptperson ihrer Erzählung nicht unbenannt zu lassen, was ja immer unbequem ist. Er war ein verdienstvoller Mann, aus angesehener Familie und persönlich hochbegabt.

Aus irgend einem Anlaß war General Browne nach den westlichen Grafschaften Englands gereist, und eines schönen Morgens sah er sich in der Nähe eines kleinen Landstädtchens in einer Gegend, die ihm ein eigenartig schönes Landschaftsbild echt englischen Charakters bot.

Die kleine Stadt mit einer stattlichen alten Kirche, deren Turm von der Andacht längst entschwundener Zeiten sprach, lag inmitten nicht eben sehr ausgedehnter Wiesen und Getreidefelder, die von uralten, mächtigen Hecken umschlossen waren.

Daß die Neuzeit hier umgestaltend gewaltet hätte, davon war nichts zu sehen. Ringsum fand sich keine Spur von der Einsamkeit des Verfalls, aber auch nicht von dem regen Treiben moderner Unternehmungen. Die Häuser waren alt, aber gut erhalten – ein anmutiges Flüßchen rauschte ohne Hemmnis in seinem Laufe links an der Stadt hin, weder durch Dämme aufgehalten, noch durch einen Treidelpfad am Ufer begrenzt.

Auf einer sanft ansteigenden Höhe etwa eine Meile südlich von der Stadt ragten aus einem dichten Wäldchen heraus und über ein paar vereinzelt stehende ehrwürdige Eichen hinweg die Türme eines Schlosses aus der Zeit der Kriege zwischen York und Lancaster; aber, wie es schien, war es in der Zeit der Elisabeth und Jakobs I. eingreifend umgestaltet worden.

Es war kein allzu umfangreiches Gebäude, aber alle Bequemlichkeiten, die es früher dargeboten hatte, durfte man noch immer in seinem Innern zu finden erwarten. Wenigstens hegte General Browne diese Hoffnung, als er aus einigen der alten, gewundenen und mit Stuck verschnörkelten Schornsteine den Rauch lustig emporsteigen sah.

Die Mauer, die den Park umschloß, führte ein Stück an der Landstraße hin. Hie und da tat sich ein Blick in die mit Wald gut bestandene Gegend auf, die sehr holzreich zu sein schien. Dann hatte man wieder eine schöne Aussicht auf die Vorderfront des alten Schlosses, dann wieder von der Seite auf die einzelnen Türme. Die Front war reich an all jenem alten Zierat, die den Baustil der Zeit der Elisabeth charakterisiert, die einfache, feste Manier anderer Teile wiederum schien anzudeuten, daß beim Bau mehr auf Verteidigung als auf Luxus Rücksicht genommen worden sei.

Entzückt von den verschiedenen Ansichten des Schlosses, wie sie ihm durch die Baumgruppen hindurch und über die Wiesen hinweg sich boten, beschloß General Browne, sich zu erkundigen, ob das Schloß nicht näher besichtigt zu werden verdiene und ob es Familiengemälde und andere Raritäten enthalte, die ein Fremder sich gern einmal ansehen würde.

Als er den Park hinter sich hatte, fuhr sein Wagen auf einer sauberen, gut gepflasterten Straße und machte an der Pforte eines stark besuchten Gasthofes Halt.

Ehe General Browne weiterfuhr, fragte er, wem das Schloß gehöre, daß ihm so gut gefallen hatte. Er war angenehm überrascht den Namen eines Edelmannes zu hören, den wir Lord Woodville nennen wollen. Mit vielen Jugenderinnerungen Brownes von der Schule und der Universität her war ein junger Lord Woodville verknüpft, und nach einigen weiteren Fragen hatte er sich überzeugt, daß dies derselbe war, dem dieses schöne Landgut gehörte.

Vor wenigen Monaten war nach dem Tode seines Vaters der junge Lord Pair geworden, und wie der Wirt dem General mitteilte, nahm eben jetzt der junge Lord im schönen Spätherbste Besitz von seinem Familiengute und eine ausgewählte Gesellschaft von Freunden weilte bei ihm, um in einer wegen ihres Wildreichtums berühmten Gegend der Jagd zu pflegen.

Diese Nachricht war unserem Reisenden sehr willkommen. Frank Woodville war in Eton Brownes Stubenkamerad und dann auf der Universität sein intimer Kommilitone gewesen. Gemeinsam hatten sie gearbeitet und sich vergnügt. Das ehrliche alte Soldatenherz schlug hoch vor Freude bei der Mitteilung, daß der Jugendfreund ein so herrliches Gut besitze. Nichts war natürlicher, als daß der General seine Reise unterbrach, zumal er es nicht eilig hatte, ans Ziel zu kommen, und beschloß, seinen alten Freund zu besuchen.

Der frische Vorspann hatte daher zunächst nichts weiter zu tun, als den Reisewagen des Generals lzach Woodville-Castle zu ziehen.

Vor einem kleinen Hause in neugotischem Baustil nahm ein Parkhüter sie in Empfang, der gleichzeitig eine Glocke zog, um die Ankunft eines neuen Gastes zu melden.

Dieses Glockenzeichen hielt offenbar die Gesellschaft, die. eben ihren verschiedenen morgendlichen Vergnügungen sich widmen wollte, noch ab, auseinanderzugehen, denn als der Wagen in den Schloßhof einlenkte, schlenderten schon mehrere junge Leute in Jagdkostümen umher und besahen mit Kennerblicken die Hunde, die die Jagdhüter für den Zeitvertreib ihrer Herren bereit hielten.

Als General Browne aus dem Wagen stieg, kam der junge Lord ans Tor der Halle und sah den Freund eine Weile an, ohne ihn wiederzuerkennen, denn Krieg, Strapazen und Wunden hatten ihn sehr verändert.

Doch kaum hatte der Gast den Mund aufgetan, so war die Ungewißheit verschwunden, und die herzliche Begrüßung, die nun folgte, war von jener Art, wie sie nur von Leuten ausgetauscht werden kann, die die heiteren Tage, der Kindheit oder der frühen Jugend miteinander verlebt haben.

»Wenn ich einen Wunsch hätte hegen mögen, lieber Browne,« sagte Lord Woodville, »so wäre es der, an diesem Tage, den meine Freunde zu einem Feste machen, von allen Menschen auf Erden dich bei mir zu haben. Denke nicht, daß ich dich aus den Augen verloren hätte, während du fern von uns weiltest. Ich bin dir auf deiner gefahrvollen Laufbahn, deinen Siegen und Unglücksfällen stets gefolgt, und es war mir eine hohe Freude, daß – ob bei Erfolgen oder Mißerfolgen – der Name meines alten Freundes stets rühmend genannt wurde.«

Der General erwiderte einige passende, Worte und beglückwünschte seinen Freund zu seiner neuen Würde und dem Besitz eines so prachtvollen Gutes.

»Du hast bis jetzt noch gar nichts gesehen,« versetzte der Lord, »und ich hoffe, du wirst mich erst wieder verlassen, nachdem du meine Besitzung näher kennen gelernt hast. Allerdings habe ich augenblicklich eine ziemlich große Anzahl Gäste, und mein altes Haus hat nicht so viele bequeme Räumlichkeiten, wie man, von außen gesehen, annehmen möchte, Es ist aber für dich noch ein behaglich, wenn auch altmodisch eingerichtetes Stübchen frei, und ich glaube, von deinen Feldzügen her bist du es gewohnt, sogar noch mit schlechteren Quartieren zufrieden zu sein.«

Lachend zuckte der General die Achseln.

»Ich glaube doch wohl,« sagte er, »in dem alten Zimmer wirds ein bißchen gemütlicher sein als in dem alten Tabaksfaß, worin ich zur Nacht kampierte, als ich mit den leichten Truppen im Busche umherstrich, wie wir in Virginien sagten. Dort lag ich wie Diogenes selber und war so froh, überhaupt unter Dach und Fach zu sein, daß ich mir das Faß nachrollen lassen wollte. Aber das ging nicht, weil mein damaliger Kommandant mir einen solchen Luxus nicht gestatten wollte, und mit tränendem Auge mußte ich mein geliebtes Faß schießen lassen.«

»Nun denn,« sagte Lord Woodville, »da dir vor deinem Quartier nicht bange ist, so wirst du wenigstens eine Woche bei uns bleiben. Jagdbüchsen, Hunde, Angelruten, Köder zum Fischen und anderes Gerät für das Weidwerk zur See und zu Lande sind im Überfluß vorhanden; und wenn du Lust hast zu irgend welchem Vergnügen, so finden sich Mittel und Wege, es dir zu schaffen.«

Der General nahm den freundschaftlichen Vorschlag in allen Punkten bereitwilligst an. Beim Mittagstisch fand sich die Gesellschaft zusammen, und Lord Woodville machte sich ein Vergnügen daraus, seinem wiedergefundenen Freunde reichlich Gelegenheit zu geben, daß er den vornehmen Gästen gegenüber all seine hervorragenden Eigenschaften, in treffliches Licht setzen konnte. Er gab dem General Browne Anlaß, von seinen Abenteuern zu erzählen, und da er in jedem Worte den tapferen Offizier und verständigen, Menschen verriet, der in der größten Gefahr sich Kaltblütigkeit und besonnenes Urteil bewahrt, so begegnete die Gesellschaft dem Soldaten, in welchem sie einen Mann von hohem Mute erblickte – einer Eigenschaft, von der jeder wünscht, daß ihm ein Teilchen davon von anderen zugetraut werde – allgemein mit großer Achtung.

Der Tag in Woodville nahm den auf solchen Landgütern üblichen Schluß. Die Gastfreundschaft und die Gastgesellschaft blieb in den Grenzen der Ordnung und Gesittung.

Nachdem der Wein gekreist hatte, wurde musiziert – woran der junge Lord sich selber in ausgezeichneter Weise beteiligte. Karten und Billard waren für die da, deren Sinn nach solchem Zeitvertreib stand. Da alle aber am Morgen körperliche Übungen getrieben hatten, spürten sie bald Lust sich schlafen zu legen, und kurz nach elf Uhr zogen die Gäste sich in ihre Gemächer zurück.


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