Karl Emil Franzos
Der Stumme mit dem bösen Blick
Karl Emil Franzos

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Karl Emil Franzos

Der Stumme mit dem bösen Blick

Es war ein schöner, heiterer Junitag; über dem Städtlein am Ortsrand der Karpaten, über dem tiefgrünen Waldgebirg und der braunen Ebene leuchtete die Sonne. Früh war ich ausgezogen, im ersten roten Morgenduft, und wanderte nun auf der breiten Heerstraße dahin, die sich, mäßig ansteigend, ins Gebirge hineinwindet, der Marmaros zu. Mir war es fröhlich ums Herz, und freier kann sich kein Vogel fühlen, der sich zum Flug erhebt, denn ich hatte keinen Zweck als das liebe Wandern und keine Sorge; nicht einmal ein Ziel wollt' ich erreichen. Darum bog ich auch bald von der staubigen Straße ab und folgte den Nebenwegen, die mir beliebten, und dann dem Bette eines raschen, klaren Flusses. Aufwärts stieg ich und sah zu, wie mir die Wasser entgegenschäumten, und lauschte ich recht in das Gischten und Brausen, so verstand ich, was sie riefen: »Empor! Empor!«, und dazwischen murmelten die sanfteren Wellen am Uferrand: »Schön ist's oben, o wie schön!« Mit keinem anderen Glücklichen dieser Erde hätte ich tauschen mögen, da ich meinen Stecken weitersetzte.

Der Fluß kam von Westen her, und so ging ich westwärts. Von diesem Führer geleitet, kam ich nach wenigen Stunden in ein Dorf. Es hatte sehr niedrige, sehr ärmliche, recht in die Erde hineingedrückte Hütten, aber eine Schenke so groß und stattlich, daß sich sicherlich die ganze Gemeinde gleichzeitig darin hätte betrinken können. Doch war das Tor verschlossen, und als ich daran pochte, trat aus der nächsten Hütte ein junges Mädchen hervor, eine schlanke, dunkeläugige Huzulin, und rief mir zu: »Der Moschko ist nach Delatyn gezogen. Hier wird des Sommers keine Wirtschaft gehalten.«

»Warum nicht?« fragte ich.

Sie lächelte überlegen. »Für wen? Ich weiß nicht, was du hier suchst, aber Leute aus der Stadt kommen sonst selten. Und die Unsrigen sind ja fort, mit den Herden ins Gebirg gegangen. Nur einige wenige sind zurückgeblieben, die Äcker zu bestellen, und die haben sich ihren Vorrat an Schnaps eingetan. Auch wir haben eine Flasche im Hause. Wenn du ein Gläschen willst ...«

Ich dankte und bat um Milch und Brot. Das Mädchen nickte freundlich und lud mich ein, in die Hütte zu treten. Es war ein einziger, mäßig großer Raum; Küche, Zimmer und Schlafstube zugleich. An der Decke hingen gelbschimmernde Maiskolben in dichten Reihen, das Gerät war recht stattlich und mit den grellsten Farben bemalt; aus dem Anbau scholl das Grunzen der Schweine. Es war offenbar ein wohlhabendes Haus, in welches mich der Zufall geführt; schon daß die Haustiere ihren eigenen Raum hatten, deutete darauf, noch mehr das Wesen der alten Frau, die auf der Ofenbank saß und spann. Die Greisin trug einen Halsschmuck von Silberzwanzigern, heute, am Wochentage, und gab sich würdevoll wie eine Fürstin. Aber mehr noch als ihr Betragen imponierte mir ihr Antlitz; von tausend Furchen war es durchzogen und gleichwohl noch immer schön und ehrwürdig, wie ich's nicht oft gesehen, freilich auch ebenso streng wie schön. Es war ein Antlitz, das auf den ersten Blick fesselte, weil Leid und Stolz darauf geschrieben war, ein Schicksal. Schweigend, ohne eine Miene zu verziehen, ohne die Arbeit zu unterbrechen, musterte sie mich, dann nickte sie der Jungen zu. Diese reichte ihr den Brotlaib, sie schnitt ein Stücklein ab, streute Salz darauf und reichte es mir. »Willkommen!« sagte sie, dies eine Wort und sonst nichts. Nachdem ich das harte Haferbrot hinabgewürgt, war ich der Gast des Hauses, und die beiden Frauen machten sich stumm daran, meinen Imbiß zuzurichten.

Mir fiel dies Schweigen nicht auf, ich kannte den Brauch; so neugierig der Huzule ist, er fragt seinen Gast erst dann aus, nachdem sich dieser gesättigt. Als ich mit meinem Mahle fertig war – die Guten hatten mir mehr vorgesetzt, als ich in drei Tagen hätte verzehren können: Brot, Butter und Käse, Ziegenfleisch und Bärenschinken, dazu ein Fläschchen Moldauer Wein –, stürmten die Reden auf mich ein, daß ich kaum antworten konnte. In einem Atemzuge wollten die Frauen – es waren Großmutter und Enkelin – wissen, wer ich wäre und wohin ich ginge.

Die ersten Fragen waren leicht beantwortet: Georg Harder, Student, eines österreichischen Beamten Sohn aus Podolien. Aber als ich nun sagte: »Wohin? – Das weiß ich selbst nicht!« lachte das Mädchen auf, die Greisin aber blickte mich mißtrauisch an. Ich hatte schwere Mühe, ihr begreiflich zu machen, daß ich eben nichts wollte, als wieder ein Stück des Bergwalds kennenzulernen.

»Und immer den Fluß aufwärts?« rief sie. »Ach! was doch die Stadtleute närrisch sind! Droben ist ja kein Dorf mehr! Und wem kann man da begegnen: einem ›Haidamak‹ oder einem Bären!«

»Die streifen beide nicht so nah der Ebene«, erwiderte ich. »Auch ist ja nur der Bär eine Gefahr, der Haidamak nicht. Er mordet nie zum Zeitvertreib, und um das, was ich bei mir trage, brauche ich wahrlich nicht zu bangen!«

»Aber auch sonst kann dir etwas begegnen, was dir Unheil bringt«, rief das Mädchen. »Und wenn du auf die ›alte Riesin‹ triffst?«

Die »alte Riesin« ist eines jener Phantome, mit welchen der Aberglaube dieser Menschen die ungeheure Wüstenei des Urwaldes, der sich zwischen Galizien und Ungarn legt, bevölkert. Ihr Atem ist Gifthauch, und wen er trifft, der muß sterben und verderben.

»Der ›alten Riesin‹ wird er wohl entgehen«, sagt die alte Frau nachdenklich vor sich hin. »Sie scheint jetzt weit von hier, gottlob! Vieh und Menschen sind gesund! Aber da erzählte man eben gestern ...« Sie brach ab und blickte sich scheu um.

»Großmutter!« rief das Mädchen schrill auf. »Der ›Stumme‹! Janko sagte es ja, er hat ihn selbst gesehen!«

»Sprich den Namen nicht aus«, sagte die alte Frau hastig.

»Schon das bringt Gefahr!«

»Wer ist der ›Stumme‹?« fragte ich. Der Name war mir neu; ich vermutete einen anderen Unhold des Volksglaubens. »Wohl ein Vetter der ›alten Riesin‹?«

»Jesus Maria!« schrie das Mädchen auf und bekreuzigte sich. Die alte Frau aber sagte befehlend: »Nenn den Namen nicht, solange du mein Gast bist! Willst du es dann tun, so ist's nur deine eigene Gefahr! Warnen aber will ich dich, weil das Christenpflicht ist: Geh nicht den Fluß aufwärts! Droben, drei Stunden von hier, hatte er noch gestern sein Lager! Janko sah von ferne das Feuer und wie er daran ein Wild briet.«

Geister essen keinen Wildbraten, es muß also wohl ein Mensch sein. Ich wurde aufmerksam; das konnte wirklich eine Gefahr bedeuten. »Ist's ein Haidamak?« fragte ich.

»Nein«, war die Antwort. »Das heißt, man hat nie gehört, daß er sich auch in der Weise gegen Menschen vergeht; möglich ist's doch. Aber das wäre das geringste! Die Hauptsache ist ...« Sie stockte.

»Nun?« fragte ich.

»Noch dies eine, weil du ein Fremder bist. Gott und seine Heiligen werden mich davor bewahren, daß ich deshalb an Leib oder Seele Schaden nehme, weil ich von ihm spreche. Ach! Es ist mir ohnehin Leides genug durch ihn geschehen! Auch tue ich es ja aus gutem Herzen! So höre: Wer ihm begegnet, muß ihn fliehen, weil er noch jedem, jedem Verderben gebracht hat. Der eine ist bald darauf krank geworden, der andere hat einen bösen Fall getan, dem dritten ist gar der Bär in die Hürde gefallen. Ihm begegnen heißt nächstens ein furchtbares Unglück erleben.«

»Da hat er wohl den ›bösen Blick‹?«

»Ja! Obwohl viele Leute, die ihm begegnet sind, sagen, seine Augen seien wie Taubenaugen, so sanft und gut. Auch ich ...«, sie hielt inne, »auch ich muß das eigentlich bestätigen ... Andere freilich erzählen, sein Blick steche wie ein Pfeil und sei nicht zu ertragen. Aber wie dem auch sei: zum Segen ist es niemand gewesen, in seine Nähe zu geraten. Selbst jene, die keine besonderen Folgen an sich, ihrem Hause und ihrem Viehstand verspürt, meinen, es sei eine schwere Stunde ihres Lebens gewesen, und werden traurig und nachdenklich, wenn sie sich daran erinnern.«

»Wo wohnt er?« fragte ich.

»Nirgendwo!« rief sie. »Wo wäre eine Gegend so sündhaft, daß sie es verdiente, ihn immer zu beherbergen! Wahrscheinlich hat ihm der Herr Christus auferlegt, immer rastlos umherzuziehen, und lenkt seine Schritte dahin oder dorthin, je nachdem er eine Siedlung strafen will. Bei uns ist er vor vier Jahren zuletzt gesehen worden, und man dachte kaum mehr an ihn, da kam Janko gestern mit der Schreckensnachricht! Wer weiß, welche Sünde in diesem Dorf geschehen ist!«

»Man könnte ihn ja danach fragen«, bemerkte ich.

»Aber er ist doch stumm?« rief das Mädchen.

»Auch dies weiß man nicht genau«, sagte die Greisin flüsternd, als würde hierdurch die Gefahr, von dem Unheimlichen zu sprechen, geringer. »Gewiß ist nur, daß er nie auf eines Menschen Frage geantwortet; aber es gibt doch Leute, welche schwören, sie hätten seine Stimme erlauscht, als er mit den Tieren des Waldes gesprochen, mit dem Bach, der Tanne, dem Felsgestein ... Ach, Herr, wer weiß Gewisses über ihn, was er treibt, warum er auf die Erde gesetzt ist, Unheil und Grauen zu verbreiten?«

»Das kann ich nicht glauben«, warf ich ein. »Dazu setzt Gott keinen Menschen auf die Erde.«

Die Greisin schüttelte das Haupt, ihr Antlitz wurde noch düsterer, die Stimme sank vollends zu leisem Flüstern herab: »Und wenn es kein Mensch wäre?«

»Was sonst?«

»Ja, was sonst! Er ißt und trinkt, ihn hungert und friert, das deutet darauf, daß er von Fleisch und Blut ist wie wir. Aber Menschen wandeln sich doch im Laufe der Jahre und welken und verfallen, er aber bleibt immer derselbe, der er gewesen. Vor zwanzig Jahren war er ein Greis, aufrechten Haupts und riesig anzuschauen, aber mit milchweißem Haar und offenbar uralt. Und so – genau so sieht er noch heute aus und schreitet durch die Berge wie ein Jüngling. Wäre er ein Mensch, er wäre längst gestorben.«

Ich habe die Worte wiedergegeben; den Ton der Stimme, den Ausdruck der Züge kann ich nicht beschreiben. Es war etwas darin, was jeden Spott erstickte, was ans Herz greifen mußte. Darum schwieg ich auch, nachdem die Greisin geschlossen, und fragte dann fast scheu: »Du hast ihn selbst gesehen,

Mütterchen?«

»Ob ich ihn gesehen habe!« schrie sie auf; es klang wie ein Weheruf. »Zweimal, Herr, vor zwanzig und vor vier Jahren – und beide Male, nachdem durch ihn das Schwerste über mich gekommen, was eine arme Seele erdulden kann ... Ja, siehst du, da triffst du mich heute in meiner Hütte und in stattlichem Besitze, ich kann dich bewirten, so gut man's in einem Dorfe kann, und keiner hier im Orte könnte Besseres vorsetzen; ich sag' es nicht, um mich zu rühmen, sondern aus Dankbarkeit gegen Gott – und du triffst mich gesund, und das Kind hier blüht ja auch wie draußen im Gärtchen die Rosen. Also, denkst du, ein glückliches Weib, auch zu hohen Jahren ist sie gekommen! Aber was mir fehlt und wonach mein Herz dürsten wird, bis mir die Gnade wird, es wieder zu besitzen, das, Herr, siehst du nicht! Du hast nicht gefragt, warum wir beiden Weiber hier allein sitzen und wo mein Mann ist und mein Sohn ...«

»Ich dachte, sie wären bei den Herden im Gebirge.«

»Nein! Sie sind beide hier im Orte und schlafen hart nebeneinander, es ist nur so viel Zwischenraum zwischen ihnen, daß ich einmal hineingebettet werden kann. Und der eine ist zwanzig, der andere vier Jahre tot; wie die Tannen waren sie, als sie jäh dahinsanken, und keiner noch vierzig Jahre alt. Der Pfarrer von Debeslawce, wo wir eingepfarrt sind, der dicke Pope Andrij – kennst du ihn vielleicht, Herr? Nicht? Nun, das braucht dich nicht zu schmerzen –, der Pope sagt, ihnen sei wohl. Möglich, aber ich glaub' es nicht, denn sie sind schwer gestorben und haben sich noch in der letzten Stunde ans Leben geklammert, daß mir das Herz stillstand vor Weh und Erbarmen. Ach! Ich weiß, aus meinen Träumen weiß ich es, daß sie sich nach mir sehnen wie ich mich nach ihnen. Aber selbst wenn ihnen wohl wäre, mir und dieser Waise hier ist es bitter, und ich kann nicht müde werden zu fragen: Warum mußten sie sterben? Warum gestattete es jener da droben dem Entsetzlichen, als Würger über die Erde zu gehen?«

»Großmutter«, sagte das Mädchen und fuhr sich mit der Hand über die Augen, »du sagst ja selbst oft: Es kann nur Gottes Wille gewesen sein, man muß sich dareinschicken! Was willst du dir jetzt dein Herz aufwühlen?«

»Gottes Wille?« Die Greisin seufzte tief auf. »Ein Herr aus Kolomea, der einmal hier war, der Baumeister, der uns eine Kirche erbauen sollte – es ist nur deshalb unterblieben, weil die Leute von Debeslawce dagegenwühlten –, der Herr Starkowski also, sagte mir sogar: ›Der »Stumme« ist gewiß nur ein unglücklicher Mensch, der nichts für alle die Zufälle kann.‹ Ich aber, Herr, die ich alles erlebt und angesehen – ich weiß es besser!«

Ich schüttelte unwillkürlich das Haupt.

»Du zweifelst?« rief sie. »Mit welchem Recht? Was weißt du davon! Höre mich an, dann magst du deine Meinung sagen.«

Sie legte die Hand auf meinen Arm, als wollte sie meine erhöhte Aufmerksamkeit erzwingen, dann begann sie: »Das war also vor zwanzig Jahren, und wie gesagt, bis dahin hatten wir nie von dem ›Stummen‹ vernommen. Da geht plötzlich das Gerücht im Dorfe, droben im Bergwald treibe sich ein weißhaariger Mann herum, immer die Büchse über der Schulter und immer mutterseelenallein; der könne kein gutes Gewissen haben, denn er weiche den Menschen aus, seine Miene sei scheu und gramvoll; er zucke zusammen, wenn man ihn anrufe, und fliehe. Nun, denken wir, wahrscheinlich ein Flüchtling aus der Ebene, ein entlaufener Verbrecher, aber was geht es uns an? Uns tut er ja nichts, und der Bergwald ist die Heimat der Heimatlosen, das ist so von alters her Brauch. Aufmerksamer werden wir erst, als einmal ein Fremder ins Dorf kommt, ein Holzhändler aus Kuty in der Bukowina, und von einem stummen Greis erzählt, der sich in seiner Gegend lange herumgetrieben. ›Der hatte den »bösen Blick«‹, beteuerte er, ›und viele sind durch ihn ins Unglück gekommen! Gottlob, daß wir ihn los sind!‹ – ›Aber nun haben wir ihn!‹ rufen unsere Leute. ›Da heißt es auf der Hut sein.‹ – Da lebte nun aber damals ein wilder, übermütiger Mensch in unserem Dorfe, Wassilj Zuffran mit Namen und seines Zeichens ein Bärenjäger. Der hört, was der Holzhändler erzählt hat, und sagt: ›Den Gast bring' ich aus unserer Nachbarschaft weg, verlaßt euch drauf, Männer!‹ Er geht in die Berge; drei Tage später kommt er heim, matt, mit fieberhaft geröteten Wangen. ›Dem »Stummen« hab ich's eingetränkt‹, ruft er, ›der wird sich morgen ein anderes Revier suchen!‹ Wie er das angestellt hat, erzählt er nicht. Niemand hat erfahren, was sich droben begeben hat, aber am nächsten Morgen liegt der Wassilj im wilden Fieber, und zwei Tage später ist er tot. Nun wächst natürlich das Gerede. Die Männer beratschlagen, wie der schlimme Gast wegzubringen wäre, nur mein Mann, mein Unufrij sagt: ›Laßt den Unglücklichen in Frieden; das mit dem »bösen Blick« ist ein Unsinn!‹ Und mir sagt er zu Hause: ›Wie grausam doch die Leute sind! Sie gönnen einem Greis nicht einmal das bißchen Luft und Licht. Wenn ich denke, was der für ein Leben führt – ohne Haus, ohne Weib und Kind –, es könnte ja einen Stein erbarmen!‹ Denn mein Unufrij hat ein Herz gehabt, so weich und gut wie das eines Kindes, und dann, Herr, wie ein Mensch einsam und flüchtig leben kann, hat er freilich am wenigsten begreifen können, denn wir waren ja so glücklich, wir hatten uns lieb, und es war Segen über unserer Wirtschaft, und unser Einziger, der Schymko, wuchs kräftig heran. ›Das war recht von dir‹, sag' ich also. Aber in den nächsten Wochen wird die Aufregung gegen den ›Stummen‹ immer größer, und mit gutem Grunde: Ein alter Mann, der ihm begegnet, wird am nächsten Tage vom Schlage gerührt; einem Hirten, der ihn angesprochen, stirbt die Hälfte seiner Schafe an der Drehkrankheit weg. Da tun sich die Hausväter des Dorfes zusammen und sagen: ›Das ist ein reißendes Tier! Fort mit ihm, tot oder lebendig!‹ Aber mein Unufrij ...«

Der Greisin versagte die Stimme, eine jähe Träne brach ihr aus den Augen und rollte die Wange herab. »O hätte er es nicht getan!« schluchzte sie auf. Dann aber raffte sie sich zusammen, ihre Hand schloß sich fester um meinen Arm, aber ihre Stimme zitterte nicht, als sie fortfuhr: »Mein Unufrij war dagegen. ›Laßt mich mit dem Manne sprechen‹, sagte er. ›Stumm ist er, so werde ich ihn in Frieden bewegen fortzugehen.‹ Ich beschwor ihn, es nicht zu tun, er ließ sich nicht halten. ›Da steht ein Menschenleben auf dem Spiel‹, sagte er und ging in den Bergwald. Zurückgekommen« – ihre Stimme wurde heiser, und sie stieß die Worte mühsam hervor –, »zurückgekommen ist er nicht, sie haben ihn zurückgebracht, noch lebend, aber auf den Tod verletzt. Er hatte – und das war das letzte, was er mir noch erzählen konnte – den ›Stummen‹ aufgefunden und ihm die Gefahr berichtet, in der er schwebte. Unter Tränen hatte ihm der Greis zugehört, so sagte es mir mein Unufrij mit deutlichen Worten. Nachdem er das gewünschte Versprechen erhalten, war er heimgegangen. Es war in der Dämmerung ..., an der ›roten Schlucht‹ glitt er aus und stürzte hinab ... Am nächsten Morgen hörten einige Hirten das Gewimmer aus dem Abgrund, sie brachten ihn heim ..., am Abend war er tot.«

Wieder erstickten die Tränen ihre Stimme; es währte lange, bis sie fortfuhr: »Es war einige Monate später, da ging ich eines Sonntags nach Debeslawce zur Kirche. Wie ich ins Gehölz trete, das just auf halbem Wege liegt, löst sich von einem der Stämme eine Gestalt los und tritt mir entgegen. Mir erstarrt das Blut zu Eis – heiliger Gott, das ist der ›Stumme‹! ›Hinweg!‹ ruf ich. ›Willst du meinem Kinde auch die Mutter töten?‹ Da wirft sich der Greis vor mir auf die Knie und hebt die gefalteten Hände zu mir empor und blickt mich an – wenn er ein Teufel ist, so hat er einem Engel diesen Blick gestohlen ... Ich aber lasse mich nicht erweichen, ich schlage das Kreuzeszeichen und eile hinweg und bete in der Kirche, wie nur je ein Mensch zu Gott gebetet, daß er meinen Schymko wenigstens am Leben erhalte. Und der Herr, so streng er sonst gegen mich war – dieses Gebet hat er erhört!«

Sie verstummte und starrte, wie in tiefes Sinnen verloren, vor sich hin.

»Der ›Stumme‹ verschwand darauf aus der Gegend?« fragte ich.

»Ja, und lange kam er nicht mehr, wohl an die zehn Jahre; da wurde er plötzlich wieder gesehen. Aber der Schrecken von einst wirkte nach; wer unversehens im Tannendickicht auf den Unheimlichen stieß, schlug ein Kreuz und lief, so weit ihn die Füße tragen mochten. Furchtbares aber ereignete sich damals nicht; das brachte der Unhold erst wieder mit, als er vor vier Jahren abermals in unsere Gegend kam ...« »Mein Vater!« schluchzte das Mädchen auf. »Mein armer Vater!« »Und deine Mutter!« setzte die Greisin dumpf hinzu; ihre Tränen rannen nicht mehr, in den Augen glomm ein wildes Feuer auf. »Sie hatte schon lange an einem bösen Husten gelitten, unsere arme Xenia. Die Kräuter der alten Maritza konnten ihr nicht helfen und noch weniger die bitteren Tränklein, welche sich der Bader in Debeslawce mit schwerem Gelde bezahlen ließ, und als sie immer schwächer wurde und die Röte auf den Wangen immer schärfer und als sie endlich dahinstarb, da faßten wir uns in Gott, mein Schymko und ich – was nützt es auch zu murren? –, und ganz gesund, sagte ja der Bader, hätte sie nie werden können. Nur die alte Maritza meinte: ›Das haben die Tränklein verschuldet oder irgendein böser Zauber; die Xenia war ja auf dem besten Wege zu Genesung!‹ Aber wir glaubten ihr nicht, bis drei Tage nach dem Begräbnis die Kunde kam, der ›Stumme‹ sei wieder droben am Flusse. Da wußten wir, was es gewesen und von wem der böse Zauber gekommen ...«

Wieder konnte ich jene Gebärde nicht unterdrücken, die schon vorhin ihren Zorn erregt; wieder mußte ich den Kopf schütteln.

»Du glaubst mir nicht?« schrie die Greisin ungestüm auf. »Du hast wohl dieselben Worte auf der Zunge wie der Herr Baumeister? Nun, höre nur weiter, dann wirst du schon glauben lernen! Du kannst dir wohl denken, wie jene Kunde meinen armen Schymko das tiefste Herz aufrührte; er hatte sich kaum trösten mögen, als er noch wähnte, daß Gottes Hauch das Leben seines lieben Weibes ausgelöscht, und wie mußte ihm nun erst zumute sein, da er erfuhr, daß ein Unhold es tückisch vernichtet! Wie in stillem Wahnsinn ging er umher und sprach nicht mehr, schlief nicht mehr, aß nicht mehr – ach! Schon dies war Jammers genug. Denn seine Xenia war ihm sehr teuer gewesen, obwohl sie nur eine arme Kuhdirne war – und weißt du wohl, worin ihre ganze Mitgift bestanden? Eine einzige Kuh hatte sie ins Haus gebracht, und die war eigentlich noch ein Kalb gewesen, aber deshalb hatte ich doch meinen Segen dazu gegeben, und weiß Gott, bereut hatte ich es nie! Also: entsetzlich sah es nun in meinem Schymko aus, immer Schlimmer wurde es von Tag zu Tag, und es nützte nichts, daß wir ihm zuredeten, sein einziges Töchterchen und ich. ›Laßt mich!‹ sagte er nur ungeduldig oder starrte uns schweigend an, mit einem Blick – ach, Herr, mir lief es kalt über den Rücken, sooft ich diesen Blick sah ... So verflossen etwa acht Tage, und mein einziges Gebet war, daß ihm sein Verstand erhalten bleiben möge – ich Törin! Hätte ich recht geahnt, was in ihm vorging, ich hätte um anderes gefleht! Inzwischen kamen immer neue Nachrichten vom ›Stummen‹; mein Nachbar Thodor sah ihn einmal von ferne und nahm Reißaus, aber als er atemlos im Dorfe anlangte, kam er just zurecht, um zuzusehen, wie sein schönster Ochs verendete; mein Geschwisterkind, die Zofka, begegnete ihm, als sie den Hirten frisches Brot auf die Alm trug; auch sie floh, aber als sie die letzte Höhe zur Alm emporklomm, bröckelte sich ein Stein unter ihren Füßen los, daß sie stürzte und vier Tage lang krank lag, und als sie wieder gehen konnte, erfuhr sie, daß ihr ihn Verlobter untreu geworden. Natürlich suchte ich das meinem Schymko zu verhehlen, damit er nicht immer wieder an seinen eigenen Schmerz erinnert werde, aber es nützte nichts, die Leute sprachen von nichts anderem! So verging, wie gesagt, eine Woche, die Ernte kam, und ich atmete auf. Nun, dachte ich, wird er als fleißiger Hausvater, wie immer, zum Rechten sehen; die Arbeit wird ihm über das Leid hinweghelfen. Aber als nun die Ernte kam ...«

Sie stockte und fuhr dann fliegenden Atems fort: »Es war am ersten Erntetag, einem Montag. Mein Schymko war in grauer Frühe mit dem ganzen Gesinde aufs Feld gegangen und ich mit dem Mädchen hier zurückgeblieben, um das Essen zu kochen und es dann den Mähern zuzutragen ... Gegen die zehnte Stunde sind wir fertig und machen uns auf den Weg. Als wir zu den Arbeitern kommen, sehe ich, daß mein Sohn fehlt und unser Großknecht Stasko. ›Wo sind die beiden?‹ frag' ich. – ›Ja, wer das wüßte!‹ erwidern die Arbeiter. ›Vor zwei Stunden sind sie fort.‹ – ›Aber wohin? Wozu?‹ – Sie schweigen verlegen, endlich sagt einer: ›Verzeih, Herrin, aber sollte dein Sohn nicht ...‹ und deutet auf die Stirne. ›Nämlich plötzlich, ganz plötzlich ruft er: »Er muß sterben!« und läuft davon. Stasko sucht, ihn aufzuhalten und ihm die Sense zu entwinden, aber das gelingt ihm nicht; so läuft er denn hinter ihm her.‹ – ›In welche Richtung?‹ – ›In den Wald, gegen die Berge!‹ Da dunkelt's mir vor den Augen, mir ahnt sofort, wem er zu Leibe will. Ach, wie bald sollte sich meine Ahnung erfüllen! Ich biete die Knechte auf, wir eilen dem Walde zu, da kommt uns Stasko entgegen, totenbleich, mit entsetzten Mienen. ›Mein Schymko ist tot?‹ ruf ich. Er wendet sich ab. Da schlug ich zur Erde hin wie ein Baumstamm – ach, leider war's nur eine Ohnmacht ...

»Nein!« sagte sie dann tief aufatmend. »Was frevle ich da! Gottlob, nur eine Ohnmacht war's, und ich habe diesem Kinde hier Vater und Mutter ersetzen können, so gut es eine schwache Greisin vermag ... Mein Sohn war tot. Er hatte sich aufgemacht, den ›Stummen‹ zu töten, Stasko immer hinter ihm her. Vergeblich war das Flehen des treuen Menschen, vergeblich die Einwendungen: ›Aber du kannst ihn ja nicht finden – wer weiß, wo er jetzt haust!‹ Schymko wollte nichts mehr hören, immer eiliger stürmte er die Höhe empor, immer am Flusse aufwärts, und der Teufel hatte gewonnenes Spiel! Nach einer halben Stunde sahen sie am jenseitigen Ufer eine dünne Rauchsäule aufwirbeln; da hockte der ›Stumme‹ bei einem Häuflein Reisig, das er angezündet. Mit einem wilden Schrei stürzte mein Schymko, die Sense hochgeschwungen, das Ufer hinab und in den Fluß. Das Bett war nicht tief, das Wasser reichte ihm kaum bis an die Mitte des Leibes. Aber da wurde der ›Stumme‹ aufmerksam, er richtete sich auf und streckte die Hand gegen ihn aus – und im selben Augenblick stürzte mein Sohn mit einem schwachen Aufschrei zusammen, die Wogen schlossen sich über ihm, und als ihn Stasko ans Ufer brachte, hatte sein Herz zu schlagen aufgehört ...«

Darauf war es lange still in der Stube. Schwer atmend, mit geschlossenen Augen saß die Greisin da; das Mädchen blickte traurig vor sich nieder und wischte sich zuweilen ein Tränlein von den Wimpern. Ich aber fand gleichfalls kein Wort, mit dem ich dieses Schweigen hätte unterbrechen mögen, und wie eine bleierne Last lag es auf meinem Herzen. Es war nicht allein das Mitleid mit dieser unglücklichen Frau, sondern auch das Entsetzen vor jenem wirklichen und wahrhaftigen Unhold, der tausendmal grimmiger und erbarmungsloser ist als alle jene anderen, welche gleich ihm aus dem Hirn armer, roher Menschen geboren werden, das Entsetzen vor dem Unhold Aberglauben ...

»Nun?« fragte die Greisin endlich. »Was hast du jetzt zu sagen? Oder zweifelst du etwa an der Wahrheit meiner Worte? Als der ›Stumme‹ die Hand gegen ihn streckte, brach mein blühender, kräftiger Sohn mitten im Flusse tot zusammen! So hat es mir der Stasko an die hundert Male erzählt, und dieser brave Mensch lügt nicht. Übrigens kannst du ihn selbst fragen, wenn du ein wenig verweilst; ich erwarte ihn heute, er soll mir Bericht über meine Herden bringen, die unter seiner Aufsicht im Gebirge weiden.«

»Er hat gewiß die Wahrheit gesprochen«, sagte ich. Dann aber mußte ich doch fragen: »Es war zur Erntezeit, ein heißer Tag?«

»Ja. Was soll's damit?«

»Und dein Sohn war die steile Höhe emporgerannt, wild erregten Blutes, ein starker Mann. Das Wasser im Flüßchen aber ist sehr kalt!«

»O über diese Weisheit der Städter!« rief die Greisin höhnisch. »Und alle sind sie gleich klug. Dasselbe mit fast denselben Worten sagte mir auch der Baumeister. Ist das der einzige Trost, den du mir zu spenden hast?«

Ich suchte sie zu begütigen, so gut ich's vermochte. Dann griff ich nach Hut und Stock. Es war mein fester Entschluß, flußaufwärts zu gehen, wo der »Stumme« hauste. Ich sprach es nicht aus, doch las es mir die Greisin wohl vom Gesichte ab.

»Hast du noch eine Mutter?« fragte sie in einem Tone, der mir ans Herz griff. Aber ohne die Antwort abzuwarten, fuhr sie dann hart und spöttisch fort: »Bist du ein Nachtlager im Walde gewohnt? Flußaufwärts steht kein Dorf mehr, sagt' ich schon.«

»Aber einzelne Hütten?«

»Sie stehen leer; die Leute sind bei ihren Herden, höher oben im ›Großen Walde‹, Welyki Lys.« So nennt man, obwohl der Name für das ganze ungeheure Waldgebirge der Karpaten passen würde, jenen Teil der Tannenwildnis, wo Pokutien und die Marmaros zusammengrenzen.

»In der Sägemühle könnte er auch noch übernachten«, bemerkte das Mädchen.

Die Greisin zuckte die Achseln. »Freilich! Aber die erreicht er ja schon nach zwei Stunden Weges! Und ihn treibt es weiter, bis ...« Sie brach kurz ab. »Mit Gott!« sagte sie noch und wandte sich ab.

So mochte ich von der gütigen, bedauernswerten Frau nicht scheiden. Ich dankte ihr herzlich und suchte ihr auch Trost zuzusprechen. »Wenn ich dich in einigen Jahren besuche, dann treffe ich dich gewiß in gleicher Rüstigkeit, es waltet wieder ein wackerer Mann im Hause, und du trägst ein Urenkelein auf dem Arme.« Sie warf einen Blick voll innigster Liebe auf das errötende Mädchen. »Wenn es Gott mir gönnt«, flüsterte sie, »Gott und – der ›Stumme‹!«

Das war ihr letztes Wort, und es klang mir nach, als ich zum Dorfe hinausschritt und dann weiter, am Flusse hin, seinem Lauf entgegen. Ich weiß noch genau, wie mir dabei ums Herz war, obwohl manches Jahr seit jenem Tage vergangen, aber schildern könnte ich es nicht, und wenn ich mich noch so sehr nach Worten mühte. Nur zweierlei darf ich sagen: daß ich so heiß wie nur je und irgendeinem Menschen der Greisin da unten Sonnenschein auf ihrem dunklen Pfad wünschte und ferner, daß es nicht bloße Neugierde war, welche mich sehnlich wünschen ließ, dem Unseligen zu begegnen, der weiter droben hauste.

Der Fluß wurde allgemach immer kleiner und das Wasser klarer. Sonst kann man im Lande Galizien viele Meilen wandern und sieht immer nur dieselbe endlose Ebene und denselben endlosen Himmel – oder im Gebirge die ewig grüne Wüstenei des Urwaldes, der sich über die sanft gewölbten Kuppen hinstreckt. Hier, in den Vorbergen, wandelt sich das Bild von Schritt zu Schritt. Immer seltener wurden die bebauten Felder, dafür stand das Nadelholz in immer größeren Gruppen beisammen und bildete zuweilen schon ein ansehnliches Gehölz. Eine schmale, aber gut erhaltene Straße – das war wohl der Sägemühle zu danken – lief immer längs des Flusses dahin und schmiegte sich so eng an ihn, daß mir, wenn ich am Rande dahinging, manchmal eine hochaufrauschende Welle den Fuß benetzte.

So kam ich zur Sägemühle, einem stattlichen Holzbau. Ich trat ein und fragte den Werkmeister, ob er mir für die Nacht ein Plätzchen gönnen wolle. Der freundliche Mann, ein Deutscher aus dem Egerlande, sagte willig zu und fragte dann, ob ich nicht gleich hierbleiben wolle.

»Nein«, sagte ich, »ich komme wohl erst des Abends.«

»Das ist nicht unbedenklich«, erwiderte auch er, doch meinte er nur die feuchte Kühle des Waldes. Als ich ihn fragte, ob er den »Stummen« kenne, blickte er mich erstaunt an und nickte dann mit sehr ernstem Gesicht. »Aber was wissen Sie von ihm?« forschte er.

»Wenig genug«, erwiderte ich, »und möchte mehr wissen.«

»Wünschen Sie das nicht«, sagte er wieder mit demselben tiefernsten Ausdruck der Züge. »Das ist nichts für junge lustige Leute. Haben Sie ein bestimmtes Ziel droben?« fügte er hinzu.

»Ich – ich sehe die Gegend zum ersten Mal«, erwiderte ich zögernd.

»Dann gehen Sie bis zum ›steinernen Mann‹«, rief er. »So heißt ein merkwürdig geformter Fels, auf den Sie bald treffen, nachdem Sie den dichten Wald erreicht ... aber nicht weiter!«

Seine Pflicht rief ihn wieder an die Maschine. Er nickte mir freundlich zu, und ich ging weiter.

Es war, wie ich vermutet: Oberhalb der Sägemühle hörte die Straße auf und setzte sich nur in einem Fußsteig fort, der hoch über dem Bette des Flusses dahinlief. Unten im schmalen Bette rauschte das klare, eiskalte Gewässer.

Noch eine Stunde wanderte ich so weiter, immer höher ins Gebirge hinein, dann hielt ich an und blickte mich um. Die Sonne neigte zum Untergange, und gleichzeitig schwamm am östlichen Saume des Himmels blaß und durchsichtig die Mondesscheibe. Die ferne Ebene lag im goldenen Lichte vor mir gebreitet, weit, weit, ein grüner, leuchtender Riesenteppich, durch den sich das mattgraue Band der Straße wand und die Silberschlange des Flusses. Im Westen aber, wohin ich ging, stieg der Boden in sachter Steigung empor, ein breiter Waldgürtel begrenzte ihn, und aus einem Schatten schlängelten sich Pfad und Fluß hervor und zu mir nieder. Über dem Walde aber zeichneten sich in das satte Goldrot des abendlichen Himmels die Umrisse ferner, hoher Berge, die wohl schon drüben im Ungarlande lagen. Wie lichte Wolken standen sie da, und um sie her glühte und schimmerte das Abendrot. Es war sehr schön.

Lange hielt mich das Bild gefesselt, dann schritt ich weiter, dem Walde zu. Mein Herz begann zu pochen, und einmal hörte ich mich plötzlich laut sagen: »Wenigstens bis zum ›steinernen Mann‹.« Es war ein seltsames Widerspiel der Empfindungen, das in mir wogte, und so merkte ich es gar nicht, wie die Dämmerung immer dichter hereinbrach, bis ich unter die ersten Bäume des Waldes gekommen war und hier innehalten mußte, weil ich kaum mehr den Weg sehen konnte.

Um mich stand das Gehölz, groß, schwarz und still; nur zuweilen klangen im sanften, kaum hörbaren Anhauch des Windes die Nadeln der Tannen mit metallischem Klirren und Surren aneinander. Und als ich mich erschauernd nach Osten zurückwandte, woher ich gekommen, da war das schöne Bild verschwunden, das mich früher erfreut. Versunken war die Ebene mit ihren Gehöften und Dörfern, versunken der Fluß und das helle Staubband des Pfades, und wo sie früher geblinkt, wogte nun ein großes, graues Meer von Dünsten und Nebeln. Seine Wellen stiegen höher und höher und vermählten sich endlich mit den Luftwellen des graublauen Himmels. Nur ein blasser, matter Lichtstreif verriet, wo der Mond stand. Sonst gab es in dieser auf und nieder wogenden Dunstmasse nur noch einen einzigen lichten Punkt. Rechts, weitab und tief unter mir glänzte es zuweilen in mattem, rötlichem Lichte zu mir herüber. Das war das Blechdach der Kirche von Debeslawce, um welches der letzte Widerschein des Abendrots spielte.

Ich seufzte tief auf und hielt abermals lange an, ehe ich weiterging. Es war nicht Furcht, was mir den Schritt hemmte, aber ein Gefühl unsäglicher Verlassenheit senkte sich schwer auf mein Herz. Mir war's, als wäre jenes matte Licht der letzte Gruß der Heimat, der mir noch herüberstrahlte in die öde Fremde, in die ich geraten. Ich schüttelte dies Gefühl ab und ging weiter; aber als ich so im Dunkeln vorwärts schritt, fühlte ich nun erst, wie überaus müde ich war. In der Tat war ich heute einen weiteren Weg gegangen, als ein rüstiger Fußgänger sonst in einem Tagemarsch zurücklegt. Und wieder dachte ich: bis zum »steinernen Mann«!

Ich täuschte mich vielleicht selbst, da ich mir dieses Ziel setzte; ich hätte ja den Felsen unmöglich gewahren können, und wenn ich noch so dicht an ihm vorbeigekommen wäre, denn es war dunkel, unheimlich dunkel. Die Bäume standen rechts und links vom Pfade, tiefschwarz, hoch aufstrebend mit dunklen Riesenarmen. An dem schmalen Streifen Himmels, den sie hoch oben frei ließen und den mein Blick nur erreichte, wenn ich den Kopf weit zurückbog, zitterte wohl zuweilen ein blasses Sternlein, aber dadurch ward die Finsternis um mich noch fühlbarer, gleichsam greifbar. Dann flog auch hier und da ein Lichtpünktchen durch die Luft, manchmal auch ihrer zwei, die sich folgten – Johanniskäfer. Oder es glotzte mich wie ein großes, mattes, unheimlich blinzelndes Riesenauge ein Stück morschen, verfaulenden Holzwerks an, über das fortwährend ein Schimmern und Zittern ging. Das war alles ...


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