Ebner-Eschenbach
Die schönsten Erzählungen
Ebner-Eschenbach

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Ihr Traum

Erlebnis eines Malers

Im Sommer 1879 hatte ich für einen hohen Kunstfreund eine Reihe von Bildern zu malen. Mährische Landschaften und Volkstypen. Je treuer und charakteristischer, je besser. Da ich meine Zeit gehörig ausnützen und auch ganz unabhängig bleiben wollte, vermied ich, von der Gastfreundschaft der Schloßbewohner Gebrauch zu machen, und nahm trotz der Liebenswürdigkeit, mit der sie mir fast überall angeboten wurde, mein jeweiliges Standquartier wohl oder übel (meistens übel) im Dorfwirtshaus.

Rasch ging die Arbeit mir von der Hand. Ende September waren alle meine Skizzen und sogar einige Bilder fertig. Mit gutem Gewissen und sehr heiterem Mute durfte ich wieder heimwärts fliegen nach Wien, wohin für den ersten Oktober eine Verabredung mich rief – mächtig rief . . . Ich verrate nichts, ich sage nur: mein Herz, das heute noch von Winterfrost nichts weiß, befand sich damals im Drang der Herbstäquinoktialstürme.

Am Morgen des letzten Septembers erwachte ich zugleich mit dem Haushahn im Gasthof des Dorfes Willowic. Ein ganzer Tag war noch zu überwinden, bevor sie aufging, die Sonne des ersten Oktobers. Wenn ich heute meine Heimreise antrat, lagen noch ein paar Abendstunden, lag eine sicherlich schlaflose Nacht zwischen der Stunde meiner Ankunft und der meines Glückes. Ich entschloß mich, meine Ungeduld tagsüber zu verrennen und die Nacht lieber im Waggon als im Bett zu durchwachen. Einen Lokalzug verschmähend, der mich zur nächsten Nordbahnstation gebracht hätte, hing ich meinen Tornister um, steckte einigen Mundvorrat zu mir und trat die Wanderung an. Sonderliche Genüsse bot sie mir nicht. Die Gegend dort ist ebenso fruchtbar wie unmalerisch; sie erinnert mich immer an ein nichtssagendes, aber von Gesundheit strotzendes Gesicht. Der Menschenschlag aber ist nicht übel, und hie und da hatte ich doch Gelegenheit, mein Skizzenbuch herauszuziehen und während meiner kurzen Rast eine Kindergruppe und die schlanke Gestalt eines hübschen Mädchens oder eines jungen Burschen zu konturieren.

Die Sonne neigte sich schon zum Untergang, und ich schritt gemütlich weiter, überzeugt, daß ich die Richtung nach meinem Ziele innehielt. Um mich dessen jedoch zu vergewissern, holte ich von Zeit zu Zeit Erkundigungen bei Vorübergehenden ein.

»Jen rovno«, hieß es anfangs, dann einmal »Ná levo«, einmal »Na pravo«, und je weiter ich kam, desto bedenklicher schüttelte der Angesprochene den Kopf und sagte: »Daleko! daleko!«

Also erst geradeaus, dann links, dann rechts, und endlich weit, weit!

Es begann zu dunkeln. Seit einer Weile schon rieselte ein dichter, kühler Regen mit großer Emsigkeit nieder. Die Abspannung, nach der ich mich so herzlich gesehnt hatte, war allmählich eingetreten, und meine Phantasie fing an, mir einen, wenn auch noch so langweiligen Aufenthalt im Wartezimmer der Bahnstation als etwas Wünschenswertes vorzuspiegeln.

Mein Weg, eine gut gehaltene Vizinalstraße, führte längs einer bewaldeten Anhöhe dahin, und plötzlich drang zwischen den vom Sturm gerüttelten Baumwipfeln ein funkelnder Glanz mir ins Auge. Etwas tiefer unten glaubte ich hellen Lichtschein durch das Dickicht schimmern zu sehen. Er verschwand, nachdem ich ein paar hundert Schritte weitergegangen war; dafür aber stieß ich am Ende des Wäldchens auf einen breiten Hohlweg, an dessen beiden Seiten sich zwei Reihen, soviel mir in der Dunkelheit wahrzunehmen möglich war, ziemlich ansehnlicher Bauernhäuser erhoben. Das Wirtshaus war unschwer zu finden, und bald trat ich, pudelnaß und mit triefendem Regenschirm, in die von Tabaksqualm und Petroleumdünsten erfüllte Gaststube. An einem schmalen Tische saßen einige Bauern, tranken, rauchten und spielten Karten. Der Wirt und ein junger Livreebedienter standen, dem Spiele zusehend, daneben. Ich lüftete den Hut vor der Gesellschaft, wandte mich an den Wirt, verlangte zu essen und zu trinken und forderte ihn auf, mir eine Fahrgelegenheit nach N., das nicht mehr weit sein könne, zu verschaffen.

Obwohl der Mann jedes meiner Worte verstand – ich sah es ihm an seiner stumpfen Nase an –, erwiderte er verächtlich: »Ne rozumim« (ich verstehe nicht) und kehrte mir den Rücken.

Die Bauern blinzelten einander verstohlen und schmunzelnd zu, der Bediente jedoch, der mich seit meinem Eintreten aufmerksam betrachtet hatte, sprang jetzt mit einem Schrei des Jubels auf mich los. Er rief: »Herr Professor!« – und ich rief: »Christel Mayerchen, vulgo Varus!«

»Jawohl, Varus, ich bin's, ich bin's! Eine Ehre für mich, daß Sie mich wiedererkennen!«

»Und auch ein Wunder«, sagte ich, denn mein Farbenreiber von einst, der gutmütige Knirps, den wir – niemand wußte, aus welchem Grunde – Varus nannten, hatte sich gewaltig herausgemacht. Als ein prächtiger Bursche stand er vor mir; in all und jedem verändert, nur nicht in seiner großen Dienstbeflissenheit.

»Herr Professor«, sagte er, »Sie wollen zum Nachtzug zurechtkommen? Das geht nicht mehr, mit Bauernpferden schon gar nicht. Ja, wenn Sie nur um eine Viertelstunde früher gekommen wären, die unseren hätten Sie mit dem größten Vergnügen hingeführt.«

»Die unseren?«

»Die gräflichen mein ich, die aus dem Schlosse, aber auch die bringen Sie jetzt nicht mehr hin.«

»Nicht mehr?« – ich hätte den Menschen prügeln mögen für diese Nachricht und schnaubte ihn an: »Wann kommt der nächste Zug nach N.?«

»Morgen acht Uhr früh. Um fünf steht der Wagen, der Sie hinführt, vor dem Schloß . . . Aber kommen, Herr Professor, ins Schloß kommen müssen Sie.«

Ich schickte ihn zum Teufel samt allen Einladungen, die er in fremdem Namen machte.

Da brach er in ein freudiges Gelächter aus: »Wenn sich's nur darum handelt, eine Einladung von der Frau Gräfin, noch dazu eine sehr dringende, will ich gleich bringen.« Sprach's – und war draußen mit einem Satze.

Ich hatte nun nichts Eiligeres zu tun, als mein ganzes, auf meiner Künstlerfahrt erbeutetes Tschechisch zusammenzuraffen, um einige Fragen an die Anwesenden zu stellen: Wie die Frau Gräfin heiße, ob sie alt oder jung, verheiratet oder verwitwet, ob sie eine gute Dame und beliebt im Dorfe sei.

Den Namen erfuhr ich. Es war der eines alten Landadelsgeschlechtes, und ich entsann mich einer in Paris lebenden russischen Fürstin, einer berühmt und berückend schönen Frau, die aus demselben Haus stammte. Meine weiteren Erkundigungen blieben fruchtlos. Der Wirt und seine Gäste schnitten geheimnisvolle Gesichter und antworteten ausweichend.

Ich erhielt von alledem den Eindruck, die Schloßherrin gelte für eine brave, aber etwas absonderliche Frau, der man in Anbetracht vieler edler Eigenschaften ihre Schrullen verzieh.

Nach einiger Zeit war mein Christel wieder da und verkündete mit wichtiger Miene, die Frau Gräfin heiße mich sehr willkommen und erwarte mich in einer halben Stunde zum Diner.

Diner? – Diner auf dem Lande um sieben Uhr abends? – ganz englisch, aber viel zu nobel für mich in meinen beschmutzten Reisekleidern. Ich deprezierte auf das eifrigste – es war umsonst. Der Tyrann aus Dienstbeflissenheit hatte sich schon meines Tornisters bemächtigt und lief voran, und ich – nun ich lief ihm, das heißt meinen Skizzen nach.

Draußen heulte der Sturm, lehnte sich gegen uns wie eine unsichtbare Wand, machte das Vorwärtskommen zum atemraubenden Kampfe. Wir waren, nachdem wir die Straße überschritten hatten, in einem, soviel ich sehen konnte, sehr ausgedehnten und sehr verwilderten Park angelangt und gingen vorwärts, immer bergan. Plötzlich, bei einer jähen Krümmung des Weges erblickte ich ein Schlößchen, ein Stockwerk hoch, mit dreizehn Fenstern Front und alle erleuchtet, sowohl die des ersten Geschosses wie des Hochparterres. Daher war der helle Glanz gekommen, den ich vorhin durch das Geäst hatte schimmern sehen. Hinter dem Schlosse zog eine bewaldete Höhenkette sich hin und war gekrönt von einem weißen tempelartigen Bau, aus dem das einsame Licht, das mich zuerst begrüßt hatte, mir wieder entgegenblickte.

»Ist das die Kirche, dort oben?« fragte ich meinen Führer.

»Die Gruft«, erwiderte er kurz und wurde immer einsilbiger, je näher wir dem Herrenhause kamen; ich hingegen immer neugieriger. Zuletzt gestaltete sich unser Gespräch folgendermaßen:

»Sind viele Gäste da?«

»O nein.«

»Wird das Schloß von einer großen Familie bewohnt?«

»O nein.«

»Wem zu Ehren also diese Beleuchtung?«

»Das ist immer so.«

Wir traten in den Hof, der vom Hauptgebäude und von zwei Seitenflügeln gebildet wurde. Tiefe Ruhe herrschte. Kein Laut außer dem Geplätscher des Springbrunnens, der aus einem kleinen Becken emporstieg, ließ sich vernehmen. Im Innern des Hauses dieselbe Stille. Unter der Einfahrt lagen zwei Doggen auf einem Kissen. Uralte Hunde. Sie erhoben die Köpfe – ihre halb erloschenen Augen richteten sich auf mich. Die eine kam sogar heran, beschnupperte meine Hand und – schlich enttäuscht davon. Sie streckte sich, daß ihr Bauch den Boden berührte, öffnete den zahnlosen Rachen zu einem Jammergeheul und kehrte erschöpft zu ihrer Lagerstätte zurück.

Ich habe ein ähnliches Gebaren an einem Hund beobachtet, der seinen Herrn verloren hatte und nach Jahren noch nicht vergessen konnte.

Christel führte mich in ein Zimmer des Hochparterres und half mir meinen Anzug in den bestmöglichen Stand setzen. Dabei begann er wieder zu sprechen oder vielmehr zu flüstern:

»Ja, Herr Professor, den Dienst hier im Hause verdank ich Ihnen. Wie die Frau Gräfin das Zeugnis gesehen hat, das Sie mir ausgestellt haben, war ich gleich aufgenommen. Ich bin zwar dem Doktor zugeteilt, dem aufgeblasenen Gelehrten, aber es ist doch ein guter Dienst, und was die Bezahlung betrifft . . . Gott erhalte die Frau Gräfin! . . . Aber jetzt«, unterbrach er sich, »wird's gleich Zeit sein, und ich muß mich noch umkleiden . . . Bitte, Herr Professor, gehen Sie allein hinauf, oben wenden Sie sich rechts; im Gang die vierte Tür, die ist's. Bitte nur eintreten; Sie werden empfangen werden wie die Heiligen Drei Könige.«

Mit dieser Versicherung verließ er das Zimmer, und ich dachte dabei: Möge mir der zu erhoffende Empfang an einer gut besetzten Tafel zuteil werden. Mein Magen knurrte gewaltig, und meine ganze Neugier war jetzt darauf gerichtet, ob man in diesem stillen Hause eine dem Menschen ersprießliche Küche führe.

So ging ich denn erwartungsvoll die Treppe empor, kam in einen breiten, hübsch dekorierten Gang und befand mich bald vor der Tür, die Christel mir bezeichnet hatte. Eine Doppeltür, ein Meisterwerk der Kunsttischlerei, reich geschmückt mit anbetungswürdiger Marquetterie, – meine Liebhaberei. Oh, wie gern hätte ich dieses Prachtstück ausheben und nach Wien in mein Atelier spedieren lassen. Das ging aber nicht an, – ewig schade! So sagt ich denn zu mir selbst: Vorbei, vorbei, du wünschereicher Sterblicher, und trat alsbald in den Speisesaal oder vielmehr in ein Paradies – ein Paradies im Zopfstil. Die anmutigen Stukkaturen an der Decke, die schwungvollen Draperien an Fenstern und Türen, die reiche Einrichtung, alles zusammen machte im Glanz der Lichter, die vom kristallenen Kronleuchter niederstrahlten, einen ungemein harmonischen und heiteren Eindruck. Vortrefflich erhaltene Fresken bedeckten die Wände und brachten die ländlichen Vergnügungen der ehemaligen Schloßbewohner zur Darstellung. Herren und Damen in der Tracht des achtzehnten Jahrhunderts fuhren im Schlitten dahin, hielten eine Obstlese ab, tanzten im Grünen, jagten auf ramsnasigen Pferden dem Hirsche nach.

Es waren brav gemalte, zierliche Bilder, die meine Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen, nicht genug aber, um mich den Hunger vergessen zu machen, der mich quälte und durch einen klassisch gedeckten kleinen Speisetisch mit zwei Kuverts noch gereizt wurde. Ich begann mit wachsender Ungeduld im Saale auf und ab zu pendeln und bemerkte erst jetzt, daß ich nicht allein war. Am Kredenzschrank in der Ecke stand regungslos ein weißhaariger, schwarzbefrackter Kammerdiener, den Blick unverwandt auf eine der Seitentüren gerichtet. Nun öffneten sich beide Flügel, der Alte machte eine tiefe, ehrerbietige Reverenz, und gefolgt von zwei Dienern erschien die Herrin des Hauses und kam mit leisen raschen Schritten auf mich zu.

Ich sah sie an, und mein Herz erbebte – mein Künstlerherz. Was ich so oft gesucht und nie gefunden, nicht im Leben und nicht in der Kunst, da stand es glorreich in der größten Vollkommenheit vor mir – das Urbild einer schönen Greisin.

Beschreiben kann ich sie nicht – wie ich denn jetzt auch weiß, daß mein vielgepriesenes Bild, das ich mit solcher Liebe, mit so begeistertem Vertrauen zu meiner Kunst gemalt, nur einen schwachen Abglanz der sanften Hoheit ihres wunderbaren Wesens wiedergibt . . . Und wenn ich auch sage: Die Züge ihres blassen Gesichts waren fein und edel, aus ihren dunklen Augen leuchteten Verstand und Güte, ihre schlanke Gestalt erhob sich über die Mittelgröße – was wißt ihr dann? Die Gräfin trug ein enganliegendes, graues Kleid mit breitem, weißem Spitzenkragen und eine ebenfalls weiße Spitzenhaube über den schneeweißen glattgescheitelten Haaren.

Ich hatte nicht einen Schritt ihr entgegen gemacht, war plump wie ein Tölpel stehengeblieben und muß sehr albern und verblüfft dreingesehen haben, als sie mir ihre Hand reichte, ihre merkwürdigen Augen voll Wohlwollen auf mir ruhen ließ und sprach:

»Welche Freude, Sie bei uns zu sehen, Herr Professor, wie glücklich werden meine Kinder sein!«

Ohne Ahnung, wen sie meinte, murmelte ich etwas Unverständliches.

»Allerdings hat der Zufall Sie hierher führen müssen«, sagte sie mit leichtem Vorwurf, »den Einladungen meines Iwan haben Sie kein Gehör geschenkt.«

Auch darauf wußte ich nichts zu antworten und entschuldigte mich ins Blaue hinein. Sie lächelte – ihre Erwiderung war stumm, mir jedoch höchst angenehm, denn sie bestand in einem freundlich auffordernden Wink, ihr gegenüber am Tisch Platz zu nehmen.

Der Kammerdiener hatte den Sessel der Gräfin gerückt, Christel, der in ihrem Gefolge gekommen war, den meinen. Wir setzten uns, und die Schloßfrau fuhr fort, mich zu behandeln wie einen alten Freund, der sich nach kurzer Abwesenheit am wohlbekannten Herde wieder eingefunden hat.

Die Gräfin las mir mein Erstaunen vom Gesichte ab und sagte: »Sie sind nicht in einem fremden Hause, Herr Professor, Sie sind bei Ihren treuesten und wärmsten Bewunderern. Mein Iwan hat die Ehre, Sie persönlich zu kennen. – Iwan T.«, beantwortete sie meinen fragenden Blick.

Dieser Name brachte mir, nach kurzem Besinnen, einen jungen Mann in Erinnerung, der mich vor mehreren Jahren aufgesucht. Er hatte Skizzen mitgebracht, die viel Talent verrieten, meine Ratschläge erbeten und mir die »Abyssinier« abgekauft, die von so vielen reichen Leuten für unerschwinglich erklärt worden waren.

»Fürst Iwan T.? Was ist aus ihm geworden? Pflegt er sein Talent?«

»Getreulich und immer unter Ihrem Einfluß. Ihre freundliche Aufnahme hat ihn völlig berauscht, und kürzlich ist er nach London gereist, einzig und allein um die Ausstellung Ihrer Orientbilder zu sehen.«

Ei, dacht ich, dieser Dame muß die Zeit schnell vergehen! »Vor kurzem? – wie man's nimmt; ich habe seit sechs Jahren in London nicht mehr ausgestellt«, erwiderte ich, und – die Augen erhebend, begegnete ich denen des Kammerdieners, der hinter seiner Gebieterin stand. Drohend zugleich und flehend glotzte der alte Bursche mich an. Um was er flehte, wovor er mich warnte, konnte ich allerdings nicht erraten.

»Seit sechs Jahren?« wiederholte die Gräfin ungläubig, »das ist nicht möglich . . .« Sie senkte den Kopf und schaute ernst und sinnend vor sich hin. –

An wen mahnte sie mich in dieser Haltung, mit diesem Schauen ohne zu sehen? Diesem wehmütigen, träumerischen Schauen – – an wen mahnte sie mich doch?

Langsam richtete die Gräfin sich empor und machte mit der Hand eine Bewegung in der Luft, dieselbe, die der Zeichner macht, der eine licht gebliebene Stelle auf seinem Bilde verschummert. »Ja, lieber Professor, das Rechnen habe ich verlernt, zehn Jahre sind mir zwei, und zwei wie zehn. Das aber ist gewiß, Sie sind meines Iwan leuchtendes Vorbild. Die Sehnsucht, Ihnen nachzustreben, trieb ihn fort. – Er wollte malen wie Sie . . . Ein hohes Ziel, das er sich da gesteckt, – ein hohes Ziel . . . Meinen Sie nicht?«

Was sollte ich darauf antworten? – ›Ja‹ wäre gar zu aufrichtig gewesen und ›nein‹ gar zu falsch. So half ich mir, indem ich das Gespräch von neuem auf den jungen Fürsten brachte und fragte: »Wo ist er jetzt?«

»Verreist – – aber er wird bald wiederkommen, nicht wahr, Leonhard?« wendete sie sich an den Kammerdiener.

Der, mit tiefer Verbeugung, antwortete: »Zu dienen, hochgräfliche Gnaden.« Dazu machte er Zeichen, die mir galten, und die ich dieses Mal verstand. Sie hießen: – Hörst du, man sagt ›ja‹, so ist's Brauch bei uns, halte dich daran!

»Matja, ein großer Jäger vor dem Herrn«, fuhr die Gräfin fort, »Matja hätte ihn gar zu gern begleitet nach Afrika –«

»Wer?« fiel ich zagend ein, ungewiß, ob in diesem Hause die Frage nicht ebenso verpönt sei wie der Zweifel. Die Gräfin jedoch versetzte gelassen:

»Sein älterer Bruder. Aus dieser Reise ist aber nichts geworden – die Kinder haben eine andere angetreten.« Sie griff sich an die Stirn, ein schmerzlicher Ausdruck flog über ihr Angesicht. »Matja mußte zu seinem Vater nach Wolhynien«, nahm sie wieder das Wort. »Iwan blieb allein in Marseille. Er hat mir von dort Bilder geschickt, die sogar mich – die ihm doch viel zutraut – überraschten.«

Sie beschrieb diese Bilder mit großer Anschaulichkeit und legte dabei ein tüchtiges und selbständiges Kunsturteil an den Tag.

Trotzdem hörte ich ihr nicht mit der gebührenden Aufmerksamkeit zu, ich vergaß die weise und liebenswürdige Rede über den Mund, aus dem sie floß. Unter anderem sprach die Gräfin von einer meiner älteren Arbeiten, lobte sie fein und klug und begründete das gespendete Lob. Sie tat es mit innigem Wohlwollen, mit echter Freude am Erfreuen und dem Gewürdigten gegenüber mit einer Bescheidenheit, die an Demut grenzte.

Da durchblitzte mich's: – An die alte Frau mahnt sie, die meine Mutter war – an die arme Bewohnerin einer Hütte in unseren Tiroler Bergen . . . Im nächsten Augenblick freilich sagte ich mir schon: Ach nein! mit der Ähnlichkeit ist's nichts. Aber daß sie, wenn auch im Fluge, vor mir aufgetaucht, daß ich nur meinte, sie zu finden, hatte mir gutgetan, mir das Herz erwärmt. Die Befremdung, die mich im Banne gehalten, seitdem ich das Schloß betreten, war verschwunden, und ich wurde gesprächig.

Auf die schweren Weine, die mir zu Anfang der Tafel serviert worden, hatte ich bereits eine Flasche Veuve Cliquot gesetzt. Die Gräfin ermunterte mich, den Anfang mit einer zweiten zu machen.

»Es ist der Lieblingswein meiner Kinder und wird deshalb immer im Keller gehalten.«

Auf meine Bitte gestattete sie, die bisher nicht einen Tropfen Wein genommen hatte, daß auch ihr Champagnerglas gefüllt werde. Schon hatte sie es an die Lippen geführt, als ich ausrief: »Auf die Gesundheit der Fürsten Matja und Iwan!«

Merkwürdigerweise mußte, was ich da getan, dem Alten mir gegenüber nicht recht sein, denn ich fühlte, ja fühlte ohne aufzublicken, obwohl ich wahrlich kein Sensitiver bin, daß seine Augen mich zornig angrollten. Doch machte ich mir um so weniger Sorgen darüber, als die Gräfin sowohl diesen ersten Toast, wie einen zweiten, den ich auf sie ausbrachte, sehr gnädig aufnahm. Meine Stimmung wurde immer heiterer. Die Atmosphäre der Schönheit und der Pracht, die mich umgab, die vorzüglichen Weine, die ich getrunken hatte, die Freundlichkeit, mit der meine edle Wirtin mich behandelte, versetzten mich in einen köstlichen Rausch. Ich empfand ein himmlisches Behagen, eine große Dankbarkeit und Vertrauensseligkeit und erzählte der Gräfin meine Lebensgeschichte von A bis Z. Sie hörte teilnehmend zu, unterbrach mich nur manchmal mit dem Ausspruch: »Das hätten meine Kinder auch«, oder »das hätten sie nicht getan.«

Und während ich sprach und aß und trank, hörte ich nicht auf, ihre Züge, den wechselnden Ausdruck ihres Gesichtes zu studieren. Ja, wer dich malen könnte! hatte ich anfangs gedacht, jetzt dacht ich schon – du wirst gemalt, und wenn es gelingt, dann gibt's ein Bild ohnegleichen.

Rembrandt hat ein unvergeßlich liebes Mütterchen auf die Leinwand gezaubert, andre haben wohlerhaltene alte Frauen verewigt; den Adel des Alters, eine Greisin als Greisin schön, hatte, soviel ich wußte, noch niemand gemalt. Ich hoffte der erste zu sein.

Die Mahlzeit war zu Ende, der schwarze Kaffee wurde gebracht; mein Christel, der seinen Dienst als dritter Aufwärter feierlich wie ein Theaterkönig, unhörbar und lautlos wie ein Schatten versehen hatte, erhielt von der Gräfin den Befehl, Zigarren und Zigaretten aus dem Zimmer des Fürsten Matja zu bringen. Nachdem dieser Auftrag besorgt war, verließ die Dienerschaft das Zimmer. O wie ungern ging der alte Leonhard! An der Tür wandte er sich noch, und hinter dem Rücken seiner Gebieterin streckte er die Hände gegen mich aus, faltete sie und preßte dann mit vielsagender Gebärde die Rechte an seine Lippen.

Die Gräfin schob mir die Zigarrenkiste zu, deren Inhalt fast unwiderstehlich lockend duftete. »Bitte, nehmen Sie – nichts da, es muß sein«, sprach sie gebieterisch, als ich aus Höflichkeit eine heuchlerische Ablehnung vorbrachte. »Matja wäre gekränkt, wenn er erführe, daß Sie seine Imperiales verschmäht haben . . . Wie? – noch immer Komplimente? Da bleibt mir nichts übrig, als Ihnen mit gutem Beispiel voranzugehen.« Sie nahm eine winzige Zigarette und zündete sie an. »Sehen Sie, wozu meine unartigen Kinder mich verleitet haben?« sagte sie lächelnd und – rauchte aus Gastfreundschaft, aber ohne Übung, denn sie blies in ihr Zigarettchen hinein, bis es ausging. Ich sekundierte diskret. Ein famoses Kraut, das ich zwischen den Zähnen hielt, aber doch gar zu trocken für meinen Geschmack.

Eine kurze Pause, und die Gräfin begann: »Wenn sie jetzt kämen, die Kinder, und Sie hier träfen, Herr Professor, und mich in Ihrer Gesellschaft rauchend wie ein Student, das wäre ein Jubel – das wäre . . .«

Sie legte die längst erloschene Zigarette weg und sah in die Luft, wieder wie vorhin, so träumend, so verloren . . . Und ich – immer mein Bild im Kopfe – betrachtete sie mit heißer Aufmerksamkeit, bewunderte den milden silbernen Glanz ihrer weichen Haare, – die Stirn um einige Linien höher, als Praxiteles mit seinem Schönheitsideal vereinbar gefunden hätte, aber edel geformt und geistvoll, eine Stirn, die nie andre als reine Gedanken geborgen. Die Augen . . . Gott steh mir bei! wie konnt ich doch nur zweifeln, an wen sie mich erinnerten. Hatte ich nicht hundertmal versucht, ihnen sehr ähnliche aus dem Gedächtnis nachzupinseln, ohne daß es mir gelang . . . denn sie waren unergründlich und seicht, sie konnten in einer und derselben Minute ein tödliches Ermatten widerspiegeln und vor Lebenslust sprühen.

In einer lustigen Männergesellschaft, deren feurige Beherrscher diese Augen waren, habe ich sie, eines Momentes Dauer, gesehen wehmütig ins Leere schauen mit dem Blick, mit dem Ausdruck der Augen meiner verehrungswürdigen Gastfreundin . . . Und da, in der Freude über meine Entdeckung, erhitzt vom Wein, glühend von Schöpferwonne – schon tauchte es vor mir empor, das Bild, das mein bestes werden sollte – vergaß ich, daß ich im Begriffe stand, einen Namen zu nennen, der in diesem Hause nicht hätte ausgesprochen werden dürfen, und rief: »Fürstin T. in Paris – stammt sie nicht aus Ihrer Familie?«

Die Gräfin senkte die Augen, ein Schauer lief durch ihre Glieder, sie richtete sich noch gerader auf und sprach mit eisiger Miene und Stimme: »Fürstin T. war meine Tochter. Sie ist tot.«

– Ihre Tochter! . . . Teufel, Teufel! was hatte ich da getan? . . . Die schmerzlichste Fiber im Herzen der edlen Frau berührt, in meiner verfluchten Gedankenlosigkeit. Ich ward sogleich nüchtern vor Leid und Reue und stammelte bestürzt: »Tot? – die Fürstin tot? . . . Seit wann?«

»Seit vielen Jahren«, erwiderte sie mit einer Bestimmtheit, die den Widerspruch ausschloß.

Mir aber hatte man vor drei Tagen den Brief eines Freundes nachgeschickt, in dem von der Fürstin als von einer sehr Lebendigen die Rede war.

Und dennoch: – »Sie ist tot?« – Erschütternd hallte der Klang dieser Worte in mir nach. »Sie ist tot«, das hieß: tot für mich, ihre Mutter, ausgestrichen aus den Reihen derer, die noch fähig sind, mir weh zu tun. – Diese alte Frau, deren ganze Erscheinung eine Verkörperung der Lauterkeit war, mußte einen Trost darin finden, das verlorene Kind als ein totes zu betrauern. Mit Recht . . .

Ich hatte vor Jahren die Fürstin in Pariser Künstlerkreisen kennengelernt, in denen sie lebte, seitdem die Kreise, denen sie der Geburt nach angehörte, sich ihr verschlossen hatten. Sie sehen und mich leidenschaftlich in sie verlieben, das war – nicht wie es in veralteten Romanen heißt, das Werk eines Augenblicks – aber das Werk eines Abends. Es war eine heftige Leidenschaft, denn sie raubte mir den Schlaf – den Appetit hat mir eine Leidenschaft nie geraubt. Ich mißfiel der Fürstin nicht und wiegte mich schon in süßen Hoffnungen, als ich erfuhr, daß die Gunst der entzückenden Frau zur Zeit vergeben sei. Ein junger Maler befand sich in ihrem Besitz, der die Berühmtheit des Tages war, weil er ein freches Gemälde in seinem Atelier ausgestellt hatte, mit freiem Eintritt für das Publikum. Ich habe es auch gesehen, und sofort hat mir gegraut vor der Schmiererei, vor dem Schmierer und vor des Schmierers Geliebten.

Nicht lange nachher begegnete einem meiner Freunde das Unglück, bei der Fürstin Glück zu haben und in ernsthafter Liebe für sie zu entbrennen. Sie wurde schlecht belohnt. Trotz alledem und alledem konnte der arme Schwärmer seine Ungetreue nicht vergessen und war auf die außerordentlich gut erhaltene, aber nicht mehr junge Frau eifersüchtig wie ein Türk. Er hatte mir neulich jenen Brief geschrieben.

Die Gräfin, die lange in tiefem Schweigen verharrt hatte, erhob jetzt die Stimme: »Sie haben die Fürstin gekannt, Herr Professor?«

»Nur vom Sehen«, antwortete ich überstürzt.

Sie faßte mich schärfer ins Auge, mit so angstvoller Spannung und zugleich mit so gebieterischer Frage, daß mir altem Sünder das Blut in die Wangen stieg und ich fast kleinlaut erwiderte:

»Nur vom Sehen. Völlig genügend aber, um einen unvergeßlichen Eindruck zu empfangen . . .«

»Welchen?«

»Den einer wunderbar schönen Frau.«

»Ja, schön ist sie gewesen . . . Schon als Kind – und schon als Kind . . .« Sie brach ab, eine peinliche Erinnerung schien in ihr aufzuleben. – »O Herr Professor! Sie war ihres Vaters Glück und Stolz und seine nagende Sorge. Wohl ihm, daß er ruhte im ewigen Frieden, als seine furchtbarsten Ahnungen sich erfüllten . . . Wohl ihm, daß er die höllische Marter nicht geteilt, die ich erduldet habe, als sie heranwuchs, als sie blühte und prangte im Glanze ihrer sechzehn Jahre – entzückend für alle, die ihr nahten – nur für eine nicht . . .«

Die Gräfin war unheimlich blaß geworden, und unheimlich auch war der Blick, mit dem sie mich ansah, und der Ton, in dem sie sprach: »Unvergeßlich der Eindruck, den sie in Ihnen hervorrief, dem Maler der Seelen. – Sagten Sie nicht so vorhin? In welcher Weise unvergeßlich? Aufrichtig, aufrichtig! – Ich bin gefeit.«

»Nun, Frau Gräfin«, versetzte ich – und war damals sehr zufrieden mit dem Einfall, der mir später ziemlich roh erschien, – »kennen Sie die Nachbildung des Porträts, das Furino von Maria Stuart malte, als sie noch Dauphine von Frankreich war? Die englischen Verse, die darunter stehen, die kamen mir in den Sinn, als ich das Glück hatte . . .«

»Sie lauten«, fiel die Gräfin ein:

If to her lot some human errors fall
Look to her face and you'll forget them all.
(Hat sie irdische Schwächen besessen,
Blick in ihr Antlitz, sie sind alle vergessen.)

»Ein sehr angreifbarer Ausspruch. Das Entzücken, das die Schönheit erweckt, kann sich in Abscheu verwandeln, wenn wir das Lügnerische der Hülle erkennen, in der eine makelvolle Seele sich birgt.«

Sie verwirrte sich, schwieg, begann von gleichgültigen Dingen zu reden, kam aber immer und immer wieder auf ihre Tochter zurück. »Wer trägt die Schuld?« fragte sie plötzlich. »Ihre Eltern, ihre Vorfahren waren brave Leute . . . Woher in ihr dieser angeborene, unüberwindliche Hang zum Schlechten? Welche gräßliche Erbschaft hatte sie angetreten?«

Die Stimme der Gräfin wurde leiser und beklommen, sie sprach in abgebrochenen Sätzen und wie aus schwerem Traume: »Der Mann, der sie liebte und heimführte, war gewarnt, ich, ihre Mutter, warnte ihn. Aber sein Glaube stand felsenfest . . . Unselig ist, die ihn erschüttert hat. Unselig . . .«

Sie hielt inne – der laute Wehruf, der ihrer Brust entstieg, verriet die Qual einer tiefen, grausam aufgerissenen Herzenswunde. Aber größer noch als ihr Schmerz war die Stärke dieser Frau . . . Eine gewaltige Selbstüberwindung, abermals die verschummernde Bewegung mit der Hand, und sie zwang sich eine heitere Miene ab und sagte: »Noch ein Gläschen Chartreuse, Herr Professor. Meine Kinder behaupten, ein Diner ohne Chartreuse sei die höchste Unvollkommenheit in der kulinarischen Welt.«

Ihr Angesicht hatte sich wieder freudig verklärt, ein holder, anbetungswürdiger Zug umspielte ihren welken Mund. »Lauter schlechte Späße, aber sie beglückten die alte Großmutter, und deshalb wird mit ihnen nicht gespart. Ach, diese Kinder waren immer gut und liebevoll, wahrhaftig und treu. Was ich für sie tat und tue, ist nichts, ihre Dankbarkeit ist unendlich. So stehe ich denn immer in ihrer Schuld.«

Forderten diese Worte nicht einen Widerspruch heraus? – Ich meinte, ja, und brachte ihn vor, so schön und fein, als ich nur immer konnte. Aber meine aufrichtige Huldigung wurde nicht zur Kenntnis genommen.

Die Gräfin nickte zerstreut und begann ohne direkten Zusammenhang mit dem Vorhergegangenen: »Niemand kann sich vorstellen, was ich empfand in der Stunde, in der ihr Vater mit ihnen zu mir kam. Nach der Scheidung war's: ›Nimm sie, sie sind dein‹, sprach der um sein höchstes Gut betrogene Mann – und sie waren mein.

Paul, mein Schwiegersohn, blieb bei uns, überwachte die Erziehung seiner Söhne, sagte manchmal zu mir: ›Seien Sie nicht zu nachsichtig, liebe Mutter.‹ Ich war es nicht. Mit stiller Angst beobachtete ich die Kinder, lauerte auf Fehler – auf Keime von Fehlern in diesen Anfängen von Menschen und entdeckte nichts, das mich beunruhigen konnte. Sie sind beide reinen Herzens und, wenn auch voneinander ganz verschieden, doch beide edlen Sinnes wie ihr Vater, und ihr Streben ist, wie das seine, nach hohen Zielen gerichtet. Eine Stimme, die nicht trügt, sagt mir, sie sind zu Großem bestimmt.«

Sie teilte mir viele herzgewinnende Züge aus der Kindheit und Jugend ihrer Enkel mit. Nebenbei erfuhr ich, daß Fürst Paul alljährlich den Sommer auf seinen Gütern in Wolhynien zubrachte. Sein Erstgeborener, Matja, hatte ihn vor einigen Monaten dahin begleitet. Wo Fürst Iwan sich gegenwärtig aufhalte, davon machte die Gräfin keine Erwähnung.

»Sie werden bald heimkommen«, sprach sie, »aber ich darf noch nichts davon wissen, sie werden mich überraschen wollen, wie sie es schon einmal getan haben, – morgen – heute vielleicht . . .«

Ihre Augen öffneten sich weit und erglänzten in rührender Hoffnungsseligkeit.

Vom Gange herüber schallte durchdringenden Klanges der Schlag einer Uhr. Die Gräfin horchte. »Halb zehn, – in zwei Stunden könnten sie da sein . . . Iwan und Matja und ihr Vater, der mir geschrieben hat – ich weiß nicht genau wann – – die Zahlen – ja die Zahlen, mein lieber Herr Professor! – Doch habe ich den Brief bei mir, Sie können sich selbst überzeugen . . .«

Sie entnahm ihrer Gürteltasche eine kleine Mappe, in der eine Anzahl wohlgeordneter, aber schon etwas vergilbter Briefe lag. Eine geweihte Hostie hätte sie nicht mit mehr Andacht berühren können, als diese Blätter. Wie auf einem Heiligtume ließ sie ihre schmale, feingeäderte Hand auf dem Päckchen ruhen. Dann reichte sie mir den zuoberst liegenden Bogen und sagte: »Lesen Sie, Herr Professor! Laut, wenn ich bitten darf.«

Nun, ich nahm den durch zahlloses Falten und Entfalten ganz zerschlissenen Brief und sah, daß er vor drei Jahren auf der Besitzung des Fürsten geschrieben worden war. So gut ich konnte, das heißt: nicht sehr gut, weil ich von Natur ein gerader Kerl bin, verbarg ich mein Staunen und fragte einfach: »Ist dieser Brief wirklich der letzte, den Sie, gnädigste Gräfin, von einem der Ihren erhalten haben?«

»Der letzte«, bestätigte sie rasch und sichtlich unangenehm berührt. »Bitte, lesen Sie.«

Ich las denn, und sie hörte mir mit höchster Spannung zu.

Teure Mutter!

Ich komme bald. Ich habe Ihnen eine Botschaft zu bestellen, einen letzten Dank, teure Mutter, ein Abschiedswort. Gott stärke Sie und mich. – Ich komme bald . . . Wir wollen ein großes Leid mit vereinten Kräften zu tragen suchen . . .


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