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Teil I

Die "Nellie", ein Jollenkreuzer, drehte ohne ein einziges Flattern der Segel am Ankerseil auf, bis sie ruhig im Strom lag. Die Flut hatte begonnen, es war beinahe windstill, und da die Fahrt stromabwärts gehen sollte, blieb uns nichts weiter übrig, als vor Anker zu gehen und auf die einsetzende Ebbe zu warten.

Der Unterlauf der Themse erstreckte sich vor uns wie der Beginn einer endlosen Wasserstrasse. Weit draußen waren offene See und Himmel nahtlos miteinander verschmolzen, und in dem lichtdurchfluteten Raum schienen die wettergegerbten Segel der mit der Flut stromaufwärts treibenden Frachtschuten in roten Haufen spitz zulaufenden Segeltuchs, zwischen denen lackierte Sprietbäume aufblitzten, unbeweglich zu verharren. Auf dem flachen Ufer lag ein nebliger Dunst, der sich immer dünner werdend in die See hinaus verlor. Über Gravesend dunkelte der Himmel und schien sich noch weiter nach hinten in einer trübsinnigen Düsternis zusammenzuziehen, die regungslos auf der größten – und großartigsten – Stadt der Erde lastete.

Der Firmendirektor war unser Kapitän und Gastgeber. Wir vier anderen betrachteten voller Zuneigung seinen Rücken, während er da am Bug stand und aufs Meer hinausschaute. Auf dem ganzen Fluss gab es nichts, das auch nur halb so seemännisch gewirkt hätte. Er sah aus wie ein Lotse, der ja für den Seemann die Vertrauenswürdigkeit selbst bedeutet. Man mochte kaum glauben, dass er seinen Beruf nicht dort draußen auf der lichtdurchfluteten Flussmündung ausübte, sondern hinter uns, in der lastenden Düsternis.

Uns verband, wie ich bereits an anderer Stelle erwähnt habe, eine gemeinsame Liebe zur See. Nicht nur, dass wir ihretwegen durch lange Zeiten der Trennung hindurch einander herzlich verbunden blieben, sie machte uns auch nachsichtiger den Schnurren – und sogar den Überzeugungen – der anderen gegenüber. Dem Anwalt – mit dem man Pferde stehlen konnte – war aufgrund der hohen Zahl seiner Jahre und Tugenden das einzige Kissen auf Deck zugeteilt worden, und er lag auf dem einzigen Teppich. Der Buchhalter hatte bereits eine Schachtel Dominosteine hervorgezogen und türmte die Steine spielerisch zu kleinen Gebäuden auf. Marlow saß mit gekreuzten Beinen achtern an den Besanmast gelehnt. Er zeichnete sich durch eingefallene Wangen, eine gelbliche Hautfarbe, einen geraden Rücken und das Aussehen eines Asketen aus; mit seinen herabgesunkenen Armen und den nach oben weisenden Handflächen wirkte er wie ein Götzenbild. Der Direktor hatte sich davon überzeugt, dass der Anker festen Grund hatte, und kam nach achtern, um sich zu uns zu setzen. Wir wechselten ein paar träge Worte. Danach herrschte Stille an Bord der Yacht. Aus irgendeinem Grund begannen wir die Partie Domino gar nicht erst. Wir waren in nachdenklicher Stimmung und brachten nichts weiter zuwege, als friedlich vor uns hinzustarren. Der Tag ging in ruhiger und von einem kostbaren Glanz erfüllter Klarheit seinem Ende entgegen. Das Wasser schimmerte friedlich; der Himmel, den kein Wölkchen trübte, hüllte uns gütig in seine Unendlichkeit makellosen Lichts; selbst der Nebel auf der Marsch von Essex war wie ein hauchdünnes Gewebe, das an den bewaldeten Anhängen landeinwärts aufgehängt war und das flache Ufer in durchsichtige Schleierfalten hüllte. Nur die Düsternis, die im Westen über dem Oberlauf lastete, wurde mit jeder Minute finsterer, als ob sie das Herannahen der Sonne in Zorn versetzte.

Und schließlich sank die Sonne in ihrem gekrümmten und unmerklich langsamen Fall nach unten, und ihre weißhelle Glut wurde zu einem matten Rot, das ohne Strahlen und Wärme war. Es war, als ob sie gleich ausgehen wollte, tödlich getroffen von der Berührung durch jene Düsternis, die über der Menschenansammlung lastete.

Unverzüglich wechselte die Stimmung über dem Wasserlauf, und die Klarheit verlor an Glanz, aber gewann an Durchdringungskraft. Der alte Fluss in seinem weiten Lauf ruhte, von keiner Böe aufgewühlt, im sich neigenden Tag. Eine halbe Ewigkeit schon hatte er dem Volk, das an seinen Ufern lebte, gute Dienste geleistet, und er breitete sich in der ruhigen Würde einer Wasserstrasse aus, die an die entlegensten Ecken der Erde führt. Wir betrachteten den ehrwürdigen Strom, nicht in der fiebrigen Hitze eines kurzen Tages, die kommt und für immer wieder verschwindet, sondern im erhabenen Licht dauerhafter Erinnerungen. Und wirklich fällt jemandem, der – wie man so sagt – "zur See gefahren" ist, und dies voller Ehrfurcht und aus Neigung, nichts leichter, als auf dem Unterlauf der Themse den Geist einer großen Vergangenheit zu beschwören. Der Gezeitenstrom läuft hin und her in niemals endender Dienstbarkeit, voller Erinnerungen an Männer und Schiffe, die er zur heimatlichen Rast oder zur Schlacht auf hoher See getragen hat. Er hat all die Männer gekannt, die den Stolz der Nation darstellen, und ihnen gedient, von Sir Francis Drake bis Sir John Franklin, alle von edlem Geblüt, ob mit Titel oder ohne – die großen fahrenden Ritter der See. Sie haben alle Schiffe getragen, deren Namen wie Juwelen in der Nacht der Zeiten aufleuchten, von der Goldenen Hirschkuh, wie sie mit ihren rundlichen, schatzgefüllten Flanken heimkehrt, um von Ihrer Majestät, der Königin, besucht zu werden und dann aus der großen Heldensage zu entschwinden, bis hin zu Erebus und Terror, die auf Eroberungszüge anderer Art gingen – auch solche, die nie zurückgekehrt sind. Er hat die Schiffe gekannt, ebenso wie die Männer, die darauf losgesegelt sind, von Deptford, von Greenwich, von Erith: die Abenteurer und die Siedler, auf den Schiffen Ihrer Majestät und auf denen von Spekulanten, Kapitäne, Admirale, die schattenhaften Monopolbrecher des Asienhandels und die mit Patent versehenen "Generäle" der Ostindienflotten. Auf der Jagd nach Gold oder Ruhm sind sie alle diesen Strom hinausgefahren, mit dem Schwert und oft mit der Fackel des Lichts in der Hand, Boten der Herrscher des Landes, Träger eines Funkens vom heiligen Feuer. Welche Art von Größe war nicht auf dem Ebbstrom dieses Flusses in die Geheimnisse einer unbekannten Erde hinein gedriftet! . . . Die Träume von Männern, die Samen von Reichen, die Keime von Imperien.

Die Sonne ging unter; Dämmerung fiel auf den Strom, und am Ufer sah man die ersten Lichter. Der Leuchtturm von Chapman, eine dreibeinige, auf einer Wattbank errichtete Konstruktion, ließ sein helles Licht erstrahlen. In der Fahrrinne bewegten sich Schiffslampen – ein aufgeregtes Auf und Ab von Lichtern. Und weiter im Westen stromaufwärts wurde der Ort der monströs großen Stadt immer noch durch einen unheilverkündenden Himmel angezeigt, eine lastende Düsternis im Sonnenlicht, einen finsteren Schein unter den Sternen.

"Und hier bei uns war auch einmal", sagte Marlow plötzlich, "eine der finsteren Ecken der Welt."

Er war der einzige von uns, der noch "zur See fuhr". Das Schlimmste, was man von ihm sagen konnte, war, dass er kein durchschnittlicher Vertreter seiner Klasse war. Er war ein Seemann, aber er war auch ein Vagabund, wohingegen die meisten Seeleute ein, der Ausdruck sei erlaubt, eher sesshaftes Leben führen. Ihr Gemüt ist vom Schlage der Daheimbleiber, und ihr Heim – das Schiff – bewegt sich immer mit ihnen mit; dasselbe gilt für ihr Vaterland – die See. Ein Schiff gleicht mehr oder weniger dem anderen, und die See bleibt immer dieselbe. Vom diesem nie wechselnden Gleichmaß ihrer Umgebung aus betrachtet gleiten die fremden Häfen, die fremden Gesichter, die sich stets ändernde, unermessliche Vielfalt des Lebens vorbei, verhüllt nicht von einem Bewusstsein für das Geheimnisvolle, sondern von einer leicht verächtlichen Ignoranz; denn für den Seemann gibt es nichts Geheimnisvolles, es sei denn die See selbst, die seine Geliebte und Herrin und so unergründlich wie die Schicksalsgöttin ist. Was den Rest angeht, reichen ihm ein kleiner Spaziergang oder ein kurzer Kneipenzug nach Feierabend, um das Geheimnis eines ganzen Kontinents zu ergründen, und in der Regel hält er das Geheimnis dann nicht für der Mühe wert. Die Schnurren eines Seemanns zeichnen sich durch eine einfache Direktheit aus und tragen ihre Bedeutung in sich wie in der Schale einer geknackten Nuss. Aber Marlow war nicht typisch (abgesehen von seiner Neigung zum Spinnen von Seemannsgarn), und für ihn lag die Bedeutung einer Erzählung nicht innen wie der Kern in einer Nuss, sondern außen, als Umhüllung der Fabel, die sie hervorbringt, aber nur wie die Glut den Schein hervorbringt, ähnlich wie einer jener nebligen Heiligenscheine, die manchmal im geisterhaften Mondlicht sichtbar werden.

Seine Bemerkung schien uns nicht im Geringsten überraschend. So war Marlow eben. Sie wurde schweigend hingenommen. Niemand machte sich die Mühe, auch nur zu grunzen, und jetzt sagte er, sehr langsam: "Ich dachte an die ganz alten Zeiten, als die Römer hier zum ersten Mal auftauchten, vor tausendneunhundert Jahren – gerade vorgestern. . . . Seit wann ist dieser Fluss eine Quelle des Lichts – was meint Ihr, seit der Ritterzeit? Sicher, aber es ist wie ein Lauffeuer auf der Ebene, wie Blitze in den Wolken. Wir leben in seinem Aufflackern – möge es so lange anhalten, wie die alte Erde sich dreht! Aber erst gestern herrschte hier Finsternis. Stellt Euch vor, was der Kommandant einer dieser – wie sagt man gleich wieder? – Triremen im Mittelmeer gedacht haben muss, als man ihn plötzlich in den Norden abgeordert hat: im Eiltempo über Land durch Gallien marschieren, dann das Kommando über eines dieser üblicherweise von den Legionären – was für fähige Leute das gewesen sein müssen – gezimmerten Schiffe übernehmen, Hunderte davon hat man offenbar gebaut, in ein oder zwei Monaten, wenn man den Aufzeichnungen Glauben schenken darf. Stellt ihn euch also hier vor, am äußersten Ende der Welt, bleifarbene See, rauchfarbener Himmel, das Schiff so stabil wie eine Ziehharmonika – und dann fährt er diesen Fluss hoch, mit Vorräten oder mit Befehlen, was Ihr wollt. Sandbänke, Bruchland, Wälder, wilde Eingeborene – herzlich wenig von dem, was ein zivilisierter Menschen zu essen gewohnt ist, und zu trinken nichts als Wasser aus der Themse. Kein Falernerwein, keine Landgänge. Hier und dort ein Militärlager, verloren in der Wildnis wie eine Nadel im Heuhaufen: kalter Nebel, Stürme, Krankheit, Verbannung und Tod – schleichender Tod: in der Luft, im Wasser, im Gebüsch. Die müssen hier wie die Fliegen gestorben sein. Oh, er hat den Auftrag erledigt – sicher doch. Hat ihn zweifellos sehr gut erledigt, und ohne noch viel darüber nachzudenken, es sei denn, um später damit anzugeben, was er im Leben so alles erlebt hat. Die waren Manns genug, sich der Finsternis zu stellen. Und vielleicht hat es ihn angespornt, dass er ja – mit guten Freunden in Rom und falls er das schreckliche Klima überlebte – irgendwann befördert und zur Flotte nach Ravenna versetzt werden könnte. Oder stellt Euch einen ehrbaren römischen Bürger in einer Toga vor – vielleicht zu oft beim Würfeln gesessen, Ihr wisst schon –, der im Tross irgendeines Präfekten oder Steuereintreibers oder meinetwegen Händlers hierher kommt, um sein Vermögen wiederzugewinnen. Er landet in einem Sumpf, marschiert durch die Wälder, und irgendwo in einer Handelsstation im Inneren merkt er, dass er von der Barbarei, der absoluten Barbarei, eingeschlossen ist – von dem ganzen geheimnisvollen Leben in der Wildnis, das sich da zwischen den Bäumen regt, im Urwald, in den Herzen der wilden Menschen. Und niemand hat ihn in diese Geheimnisse eingeweiht. Er muss inmitten des Unbegreiflichen, das gleichzeitig das Abscheuliche ist, leben. Und auch dies hat seine Faszination, der er sich nicht entziehen kann. Die Faszination des Scheußlichen – ihr wisst schon, stellt euch seine Reue vor, seine Sehnsucht zu entkommen, den machtlosen Ekel, das Aufgeben, den Hass."

Er hielt inne.

"Das heißt natürlich", setzte er wieder ein und hob einen Unterarm an, die Handfläche nach außen gewandt, sodass er mit seinen gekreuzten Beinen aussah wie ein Buddha, der in europäischer Kleidung und ohne Lotusblume eine Predigt hält, "das heißt natürlich, keiner von uns würde genau die gleichen Gefühle hegen." Was uns rettet, ist die Effizienz – unsere Hingabe an die Effizienz. Davon hatten diese Burschen wirklich nicht allzu viel aufzuweisen. Sie waren keine Kolonisten; ihre Verwaltung bestand aus der Ausübung von Zwang und sonst nichts weiter, vermute ich. Sie waren Eroberer, und dafür ist nichts als rohe Gewalt erforderlich – nichts, auf das man stolz sein muss, wenn man darüber verfügt, denn die eigene Stärke ist nur ein Zufall, der auf der Schwäche der anderen beruht. Sie nahmen sich, was sie bekommen konnten, weil es eben zu haben war. Das war nur gewalttätiger Raubüberfall, vorsätzlicher Mord im großen Stil, ein blindes Draufhauen – gar nicht unpassend für Männer, die mit der Finsternis fertig werden müssen. Die Eroberung der Erde, was nur bedeutet, dass wir sie denen wegnehmen, die eine andere Hautfarbe oder etwas flachere Nasen als wir selbst haben, ist keine schöne Angelegenheit, wann man sie sich mal näher betrachtet. Die einzige Erlösung liegt in der Idee. In der zugrunde liegenden Idee: keinem rührseligen Schein, sondern einer Idee, und einem selbstlosen Glaube an die Idee – etwas, das man hinstellen, vor dem man sich verbeugen und dem man Opfer bringen kann. . . ."

Er brach ab. Lichter drifteten im Fluss, grüne Flämmchen, rote Flämmchen, weiße Flämmchen, verfolgten und überholten einander, schlossen zueinander auf, kreuzten den Weg der anderen – bis sie sich, langsam oder rasch, wieder trennten. Der Verkehr der großen Stadt nahm kein Ende in der dunkler werdenden Nacht über dem schlaflosen Fluss. Wir blieben geduldig wartende Zuschauer – bis zum Ende der Flut war nichts weiter zu tun; aber erst als er nach einer langen Stille mit zögernder Stimme sagte, "Jungens, ich nehme an, ihr erinnert euch, dass ich mal eine Zeitlang als Süßwassermatrose unterwegs war", wussten wir, dass wir bis zur ablaufenden Ebbe dazu verdammt waren, einem von Marlowes wenig aussagekräftigen Erlebnisberichten zu lauschen.

"Ich will euch nicht allzu sehr mit meinem persönlichen Schicksal belästigen", fing er an und zeigte durch diese Bemerkung die häufig anzutreffende Schwäche derer, die eine Geschichte erzählen wollen und so oft nicht zu wissen scheinen, was ihr Publikum am liebsten hören würde, "aber damit Ihr den Eindruck des Ganzen auf mich verstehen könnt, müsst Ihr wissen, wie ich dorthin gekommen bin, was ich gesehen habe, wie ich jenen Fluss bis an die Stelle hochgefahren bin und wo ich den armen Kerl kennen gelernt habe. Es war der Endpunkt der Reise und der Gipfelpunkt meiner Erfahrungen. Es schien irgendwie alles um mich herum auf eine bestimmte Weise zu erhellen – sogar meine Gedanken. Gleichzeitig war es ziemlich düster – und jämmerlich – in keiner Wiese außergewöhnlich – oder besonders klar. Nein, nicht sehr klar. Und doch warf es eine Art von Licht.

Ich war damals, wie ihr euch erinnern werdet, nach sehr viel Indischem Ozean, Pazifik und Chinesischem Meer nach London zurückgekehrt – eine ordentliche Dosis Orient – so um die sechs Jahre, und ich spielte den Müßiggänger, hielt euch Jungens von der Arbeit ab und fiel bei euch zu Hause ein, als ob ich den himmlischen Auftrag gehabt hätte, euch die Zivilisation zu bringen. Eine Weile ging das ganz gut, aber irgendwann hatte ich das Ausruhen satt. Dann begann ich mich nach einem Schiff umzuschauen – nicht gerade die härteste Arbeit der Welt, sollte man meinen. Aber die Schiffe interessierten sich nicht im Geringsten für mich. Und ich wurde dieses Spielchens bald ebenfalls überdrüssig.

Nun ist es so, dass ich als kleiner Bengel verrückt nach Landkarten war. Ich konnte mir stundenlang Südamerika oder Afrika oder Australien anschauen und mich in Träumen von Entdeckerherrlichkeit verlieren. Zu dieser Zeit gab es noch viele weiße Flecken auf der Landkarte des Erde, und wenn ich einen sah, der mir besonders einladend erschien (aber das galt eigentlich für alle), setzte ich immer den Finger darauf und sagte, ‚Wenn ich mal groß bin, fahre ich dorthin.’ Ich erinnere mich, dass zu diesen Orten auch der Nordpol gehörte. Nun ja, dort bin ich noch nicht gewesen, und jetzt werde ich es nicht mehr versuchen. Der Zauber hat sich verflüchtigt. Andere Orte waren über den ganzen Globus verteilt. An einigen davon bin ich gewesen, und ... nun ja, reden wir nicht davon. Aber es gab einen Fleck – den größten, den weißesten, sozusagen –, nach dem ich immer noch Sehnsucht hatte.

Sicher, zu jener Zeit war er schon kein weißer Fleck mehr. Seit meiner Kindheit hatte er sich mit Flüssen und Seen und Namen gefüllt. Er war kein weißer Fleck voller wunderbarer Geheimnisse mehr, an dem es genügend Platz für prächtige Jungensträume gab. Jetzt herrschte dort die Finsternis. Aber es gab insbesondere einen Fluss, einen ziemlich großen Fluss, den man auf der Karte sehen konnte. Er glich einer riesigen, sich windenden Schlange, deren Kopf im Meer lag, während der Körper in weit ausschwingenden Kurven über einem riesigen Territorium ruhte und der Schwanz sich in den Tiefen des Landes verlor. Und als ich die Landkarte in einem Schaufenster betrachtete, war ich von ihm fasziniert wie ein Vogel von einer Schlange – ein dummer, kleiner Vogel. Dann fiel mir ein, dass es einen großen Konzern gab, eine Gesellschaft für den Handel auf diesem Fluss. Zum Henker!, überlegte ich, man kann doch auf dieser Menge von Süßwasser keinen Handel treiben, ohne irgendeine Art von Fahrzeug zu benutzen – Dampfschiffe! Warum sollte ich nicht versuchen, das Kommando über eines davon zu bekommen? Ich ging weiter die Fleet Street herunter, aber die Idee ging mir nicht aus dem Kopf. Die Schlange hatte mich hypnotisiert.

Ihr wisst natürlich, dass sie vom Kontinent aus operierte, diese Handelsgesellschaft, aber eine Menge Verwandte von mir wohnen auf dem Kontinent, weil es wenig kostet und nicht so scheußlich ist, wie man immer denkt – sagen sie jedenfalls.

Ich gestehe es ungern ein, aber ich fing an, sie um Hilfe anzugehen. Allein das war neu für mich. Ich war es schließlich nicht gewohnt, auf diese Weise etwas zu erreichen. Ich bin immer auf meinem eigenen Weg und mit meinen eigenen Füßen in die Richtung gegangen, nach der mir der Sinn stand. Ich hätte es nicht von mir selbst geglaubt, aber andererseits – was soll ich sagen – hatte ich das Gefühl, ich müsse unbedingt dorthin, koste es was es wolle. Also ging ich sie um Hilfe an. Die Männer sagten ‚Mein lieber Charlie’ und taten nichts. Dann – glaubt es oder nicht – versuchte ich es bei den Frauen. Ich, Charlie Marlow, setzte die Frauen in Bewegung – um eine Anstellung zu bekommen. Gütiger Himmel! Na ja, ihr versteht schon, mein Verlangen trieb mich an. Ich hatte eine Tante, eine liebe, begeisterungsfähige Seele. Sie schrieb mir: ‚Das wird herrlich. Ich bin bereit, alles, wirklich alles für dich zu tun. Die Idee ist wundervoll. Ich kenne die Gattin eines sehr hohen Persönlichkeit in der Verwaltung, außerdem jemanden mit sehr großem Einfluss auf’ usw. Sie war entschlossen, jeden erdenklichen Aufwand zu betreiben, um mich zum Kapitän eines Flussdampfers zu machen, wenn das denn mein Wunsch war.

Ich bekam den gewünschten Posten – was sonst; und ich bekam ihn ziemlich schnell. Offenbar hatte die Gesellschaft erfahren, dass einer ihrer Kapitäne bei einem Handgemenge mit den Eingeborenen getötet worden war. Das war meine Chance, und ich brannte nur noch mehr darauf, dass es endlich losging. Erst Monate später, als ich versuchte, die Überreste der Leiche zu bergen, hörte ich, dass der Streit ursprünglich aus einem Missverständnis wegen ein paar Hennen entstanden war. Jawohl, zwei schwarzen Hennen. Fresleven – so hieß der Bursche, ein Däne – fühlte sich bei dem Handel irgendwie übervorteilt, weshalb er an Land ging und anfing , mit einem Stock auf den Dorfhäuptling einzuhauen. Oh, es wunderte mich nicht im Geringsten, davon zu hören und gleichzeitig zu erfahren, dass Fresleven das freundlichste, stillste Wesen besaß, das je ein zweibeiniges Wesen ausgezeichnet hatte. Zweifellos stimmte das; aber, wisst ihr, er war schon ein paar Jahre dort draußen im Namen der guten Sache unterwegs gewesen, und am Ende hatte er wahrscheinlich ein gewisses Bedürfnis, seine Selbstachtung wiederzugewinnen. Darum schlug er gnadenlos auf den alten Nigger ein, während eine große Menge seiner Leute ihm wie vom Donner gerührt zusah, bis irgendwer – der Sohn des Häuptlings, sagte man mir – aus Verzweiflung über das Schreien des Alten versuchsweise dem Weißen einen leichten Speerstoß versetzte – und selbstverständlich fand der Speer ohne große Mühe seinen Weg zwischen die Schulterblätter. Dann verschwand die ganze Bevölkerung im Wald, weil sie dachten, dass alle möglichen Arten von Katastrophen über sie hereinbrechen würden, während auf der anderen Seite das Dampfboot, das Fresleven befehligt hatte, von einer ebensolchen schlimmen Panik befallen wurde und abfuhr – ich glaube, unter dem Kommando des Ingenieurs. Hinterher schien sich niemand große Mühe mit Freslevens Überresten gemacht zu haben, bis ich das Boot verließ und in seine Fußstapfen trat. Ich konnte sie ja schließlich nicht liegen lassen; aber als sich endlich die Gelegenheit bot, meinen Vorgänger kennen zu lernen, war das Gras, das durch seine Rippen wuchs, hoch genug, um seine Knochen zu verbergen. Sie waren alle noch da. Man hatte das übernatürliche Wesen nach seinem Fall nicht mehr berührt. Und das Dorf war verlassen, die Hütten standen schwarz klaffend offen, sie verrotteten, ganz schief innerhalb ihrer umgefallenen Umzäunung. Die Katastrophe war schließlich doch gekommen. Die Menschen waren verschwunden. In panischer Angst hatten sie sich im Busch verstreut, Männer, Frauen und Kinder, und sie waren nie zurückgekehrt. Was aus den Hennen geworden ist, weiß ich genauso wenig. Ich nehme an, sie sind der Sache des Fortschritts zum Opfer gefallen. In jedem Fall war es diese glorreiche Affäre, die mir zu meiner Stellung verhalf, bevor ich überhaupt angefangen hatte, mir Hoffnungen darauf zu machen.

Ich beeilte mich wie verrückt, um abreisen zu können, und bevor achtundvierzig Stunden herum waren, überquerte ich den Ärmelkanal, um mich meinen Arbeitgebern vorzustellen und den Vertrag zu unterschreiben. Nur ein paar Stunden später kam ich in eine Stadt, die mich immer an ein weiß getünchtes Grabmal erinnert. Sicher nur ein Vorurteil. Ich hatte keinerlei Schwierigkeiten, den Sitz der Gesellschaft zu finden. Ein größeres Gebäude gab es in der Stadt nicht, und jeder, den ich kennen lernte, war voll und ganz davon eingenommen. Man machte sich dort drüben daran, ein überseeisches Reich zu lenken und unermessliche Reichtümer aus dem Handel zu schöpfen.

Ein enge und verlassene Strasse, die im tiefen Schatten lag, hohe Häuser, unzählige Fenster mit Jalousien, ringsum Totenstille, rechts und links aus dem Boden schießendes Gras, riesige Doppeltüren, die einen bedeutungsvollen Spalt weit offen standen. Ich schlüpfte durch einen dieser schmalen Durchlässe, ging eine geschwungene Treppe ohne jede Verzierung, so eintönig wie eine Wüste, hinauf und öffnete die erste Tür, an die ich kam. Zwei Frauen, die eine dick und die andere dünn, saßen auf strohgepolsterten Stühlen und strickten mit schwarzer Wolle. Die Dünne stand auf und kam geradewegs auf mich zu – wobei sie die Augen gesenkt hielt und mit dem Stricken weitermachte – und gerade als ich anfing, mir Gedanken darüber zu machen, wie ich ihr ausweichen konnte, wie man es bei Schlafwandlern eben so macht, hielt sie an und blickte auf. Ihr Kleid war so schlicht wie die Hülle eines Regenschirms; sie drehte sich ohne ein Wort um und schritt mir voran in ein Wartezimmer. Ich gab meinen Namen an und sah mich um. In der Mitte ein Tisch zum Kartenspielen, ringsum an den Wänden einfache Stühle und an einem Ende eine große, schimmernde Landkarte, die in allen Farben des Regenbogens koloriert war. Es gab eine enorme Menge Rot – immer ein erfreulicher Anblick, weil man weiß, dass an diesen Stellen wirklich etwas geleistet wird –, einen verteufelt großen Bereich Blau, ein bisschen Grün, ein paar Spritzer Orange und, an der Ostküste, ein Flecken Violett, um den Ort zu kennzeichnen, an dem die zünftigen Pioniere des Fortschritts gemütlich bei einer Halben in ihrem Biergarten sitzen. Mein Ziel lag allerdings in keiner dieser Farben. Ich würde in das Gelb reisen. Haargenau in die Mitte. Und da war auch der Fluss – faszinierend – tödlich – wie eine Schlange. Hoppla! Eine Tür öffnete sich, ein weißhaariger Sekretärenkopf, der allerdings eine mitfühlende Miene trug, erschien und ein magerer Zeigefinger winkte mich in das Allerheiligste hinein. Dort herrschte ein trübes Licht und ein schwerer Schreibtisch hielt die Mitte des Raums besetzt. Hinter dem Möbel machte etwas den Eindruck von bleicher Fülle im Gehrock. Der Herrscher der Heerscharen persönlich. Er maß, sollte ich meinen, knapp einen Meter siebzig und konnte über Millionen und Abermillionen bestimmen. Er schüttelte meine Hand, glaube ich, murmelte ein paar vage Sätze und war mit meinem Französisch zufrieden. Bon Voyage.

Etwa fünfundvierzig Sekunden später fand ich mich in dem Wartezimmer und in Gesellschaft des Sekretärs wieder, der mir, voller Betrübnis und Mitgefühl, irgendein Dokument zur Unterschrift vorlegte. Ich glaube, dass ich mich unter anderem verpflichtet habe, keine Handelsgeheimnisse zu verraten. Nun, das habe ich nicht vor.

Ich fühlte mich langsam etwas unwohl. Ihr wisst, dass ich an solcherlei Zeremonien nicht gewöhnt bin, und die Atmosphäre war irgendwie bedrohlich. Es war gerade so, als ob man mich zum Mitglied einer Verschwörung gemacht hätte – ich weiß nicht – von etwas irgendwie Unrechtem; und ich war froh, dass ich dort wieder herauskam. In dem äußeren Zimmer strickten die beiden Frauen mit fieberhaftem Eifer mit ihrer schwarzen Wolle. Es kamen immer wieder Besucher, und die Jüngere ging hin und her, um sie anzumelden. Die Ältere blieb auf ihrem Stuhl sitzen. Ihre flachen Hausschuhe aus Stoff waren auf einen Fußwärmer gestützt und auf ihrem Schoß ruhte eine Katze. Auf dem Kopf trug sie eine Angelegenheit aus gestärktem weißen Leinen, auf ihrer Wange saß eine Warze und auf ihrer Nasenspitze hing eine Brille mit Silberrand. Sie gönnte mir einen kurzen Blick über den Brillenrand hinweg. Die flüchtige und gleichgültige Gemütsruhe dieses Blicks beunruhigte mich. Zwei junge Männer mit töricht-vergnügten Gesichtszügen wurden herübergelotst, und sie bedachte sie mit demselben flüchtigen Blick desinteressierter Weisheit. Sie schien alles über sie zu wissen und ebenso über mich. Mir schauderte. Sie machte einen unheimlichen und verhängnisvollen Eindruck. Oft dachte ich dort draußen aus weiter Ferne an diese beiden, wie sie das Tor zur Finsternis bewachten und mit schwarzer Wolle strickten, als ob ein Sargtuch daraus werden sollte, wie die eine die Besucher vorstellte, immer wieder dem Unbekannten vorstellte und die andere die töricht-vergnügten Gesichter mit desinteressierten alten Augen prüfte. Ave!, du alte Strickerin schwarzer Wolle. Morituri te salutant. Sie sah nicht viele von denen wieder, die sie so betrachtete – nicht einmal die Hälfte, bei weitem nicht.

Es war noch ein Besuch beim Arzt abzuleisten. ‚Eine einfache Formsache’, versicherte mir der Sekretär mit einer Miene, in der enorme Anteilnahme an allen meinen Sorgen lag. Folglich tauchte von irgendwoher in den oberen Stockwerken ein junger Bursche auf, der seinen Hut über der linken Augenbraue trug, eine Art Büroangestellter, nehme ich an – es musste ja Angestellte in der Firma geben, auch wenn das Haus so still war, als ob es zu einer Stadt der Toten gehörte –, und führte mich weiter. Er war schäbig und ohne Sorgfalt gekleidet, auf den Ärmeln seiner Jacke sah man Tintenflecken und seine Krawatte war groß und wogte unter einem Kinn, das geformt war wie die Spitze eines alten Stiefels. Für den Arzt waren wir noch zu früh dran, also schlug ich vor, etwas trinken zu gehen, woraufhin er eine Spur freundlicher wurde. Als wir über unserem Wermut saßen, pries er die Geschäfte der Gesellschaft in den höchsten Tönen, und schließlich drückte ich beiläufig mein Erstaunen darüber aus, dass er noch nicht in den Außendienst gegangen sei. Mit einem Mal wurde er sehr kühl und zurückhaltend. ‚Wie sagte einst Plato zu seinen Jüngern: Ich bin nicht so dumm, wie ich aussehe’, sagte er salbungsvoll, leerte sein Glas mit großer Entschlossenheit, und wir standen auf.

Der alte Arzt fühlte mir den Puls und dachte währenddessen dem Anschein nach an andere Dinge. ‚Gut, gut für dort unten’, murmelte er und fragte mich dann mit einem gewissen Eifer, ob ich ihn meinen Kopf messen lassen würde. Etwas überrascht stimmte ich zu, woraufhin er eine Art Messzirkel hervorzauberte und die hinteren und vorderen und alle möglichen anderen Maße nahm und sie sorgfältig notierte. Er war unrasiert und kleingewachsen und trug einen fadenscheinigen Mantel aus einer Art Gabardinestoff; seine Füße steckten in Hausschuhen und ich hielt ihn für einen harmlosen Trottel. ‚Ich bitte die Männer, die von hier aus in den Außendienst gehen, immer darum, ihre Schädel messen zu dürfen, im Interesse der Wissenschaft’, sagte er. ‚Auch, wenn sie zurückkommen?’, fragte ich. ‚Oh, dann sehe ich sie nie’, antwortete er, ‚und außerdem finden die Änderungen ja innen statt, verstehen Sie?’ Er lächelte wie über einen privaten Scherz. ‚Sie gehen also in den Außendienst. Ausgezeichnet. Und interessant dazu.’ Er blickte mich prüfend an und notierte wieder etwas. ‚Jemals Fälle von Geisteskrankheit in Ihrer Familie?’, fragte er im sachlichen Ton. Ich wurde sehr verärgert. ‚Stellen Sie diese Frage auch im Interesse der Wissenschaft?’ ‚Es wäre für die Wissenschaft’, sagte er, ohne meinen Ärger zu bemerken, ‚von Interesse, die geistigen Änderungen bei einzelnen Menschen zu prüfen, an Ort und Stelle, aber ...’ ‚Sind Sie ein Seelenarzt?’, unterbrach ich ihn. ‚Jeder Arzt sollte das sein – ein wenig’, antwortete dieses Prachtexemplar von Doktor unbewegt. ‚Ich habe da eine kleine Theorie, bei deren Beweis Ihr Herrschaften vom Außendienst mir helfen müsst. Das ist mein Anteil an den Erträgen, die meinem Land aus dem Besitz eines derart großartigen abhängigen Territoriums erwachsen werden. Den simplen Reichtum überlasse ich anderen. Verzeihen Sie meine Fragen, aber Sie sind der erste Engländer, den ich untersuchen darf ...’ Ich beeilte mich, ihm zu versichern, dass ich nicht im Geringsten typisch sei. ‚Wäre ich das’, sagte ich, ‚würde ich gar nicht so mit Ihnen reden.’ ‚Was Sie da sagen, hat seinen Hintersinn, aber wahrscheinlich irren Sie sich,’ sagte er lachend. ‚Hüten Sie sich mehr vor Reizungen als vor direktem Sonnenlicht. Adieu. Wie sagt Ihr Engländer gleich wieder? Good-bye. Ah! Good-bye. Adieu. In den Tropen muss man vor allem ruhiges Blut bewahren.’ . . . Er hob warnend seinen Zeigefinger. . . . `Du calme, du calme. Adieu.'

Eines musste ich noch tun – meiner formidablen Tante Lebewohl sagen. Ich fand sie in triumphierender Stimmung. Ich wurde zum Tee eingeladen – dem letzten anständigen Tee für viele Tage –, in einem Zimmer, das auf eine äußerst beruhigende Art genauso aussah, wie man sich den Salon einer Dame vorstellt, und wir unterhielten uns lange an ihrem Kamin. Im Verlauf dieses Austauschs von Vertraulichkeiten wurde mir bald klar, dass ich der Frau des hohen Würdenträgers und Gott weiß wie vielen anderen Leuten gegenüber als außergewöhnliches und talentiertes Wesen dargestellt worden war – ein Glücksfall für die Gesellschaft – ein Mann, dem man nicht alle Tage begegnet. Gütiger Himmel! Und da stand ich nun und sollte das Kommando über einen schäbigen Flussdampfer mit einer Kinderpfeife daran übernehmen! Es schien außerdem, als ob ich es jetzt zum Mitglied der Arbeiterklasse gebracht hatte – ihr wisst schon. Irgend eine Art Lichtbringer, von der Sorte niederer Apostel. Gerade damals kursierte eine Menge derartigen Unfugs in der Presse und in Gesprächen, und das fabelhafte Frauenzimmer, das inmitten dieses Geschwafelsturms lebte, hatte seine Bodenhaftung verloren. Sie sprach so lange davon, ‚die unwissenden Menschenmassen aus ihren schrecklichen Umständen zu befreien’, dass es mir, ganz ehrlich, unangenehm wurde. Ich wagte anzudeuten, dass die Gesellschaft des Profits wegen gegründet worden war.

‚Du vergisst, lieber Charlie, dass der Arbeiter seiner Beschäftigung würdig ist,’ sagte sie fröhlich. Es ist schon seltsam, wie wenig die Frauen von der Wahrheit verstehen. Sie leben in ihrer eigenen Welt, und so eine wie die hat es noch nie gegeben und wird es auch nie geben. Sie ist einfach insgesamt zu schön, und wenn sie von ihnen aufgebaut würde, ginge alles vor dem ersten Sonnenuntergang in die Binsen. Irgendeine verfluchte Tatsache, mit der die Männer sich seit dem Schöpfungstag arrangiert haben, würde ihnen in die Quere kommen und alles einstürzen lassen.

Schließlich wurde ich umarmt, zum Tragen von Flanellunterwäsche angehalten, gemahnt, oft zu schreiben und so weiter – dann ging ich. Auf der Straße – ich weiß nicht warum – überkam mich das seltsame Gefühl, ein Hochstapler zu sein. Schon komisch, dass ausgerechnet ich, der normalerweise überall auf der Welt innerhalb von vierundzwanzig Stunden seine Zelte abbrechen konnte, und das mit weniger Bedenken als die meisten Menschen beim Überqueren einer Straße haben, für einen Moment – ich sage nicht: zögerte, aber doch – angesichts einer so alltäglichen Angelegenheit – erschreckt innehielt. Am besten kann ich es euch so erklären, dass mir, während einer oder zwei Sekunden, zumute war, als ob ich nicht in die Mitte eines Kontinents, sondern zum Mittelpunkt der Erde selbst fahren würde.

Ich reiste auf einem französischen Dampfer ab, der in jedem verfluchten Hafen, den sie da draußen haben, einen Zwischenhalten einlegte, und das nur, soweit ich sehen konnte, um Soldaten und Zollbeamte abzusetzen. Ich beobachtete die Küste. Eine Küste zu beobachten, während sie am Schiff vorüberzieht, ist wie über ein Rätsel nachdenken. Da liegt sie vor einem – lächelnd, stirnrunzelnd, einladend, großartig, böse, stumpfsinnig oder wild, und immer stumm mit dem Hauch eines Flüsterns: ‚Komm her und entdecke mich.’ Diese hier wies kaum Besonderheiten auf, sie schien sich erst noch zu formen und bot den Anblick grimmiger Eintönigkeit. Der Saum eines gewaltigen Dschungels, so dunkelgrün, dass er fast schwarz wirkte, und gesäumt von weißer Brandung, lief gerade, wie mit dem Lineal gezogen, eine blaue See entlang, deren Glitzern durch einen schleichenden Nebel verwischt wurde. Die Sonne brannte, und das Land schien glänzend und tropfend vor Schweiß. Hier und dort zeigten sich Ansammlungen gräulich-weißlicher Flecken durch die weiße Brandung hindurch, und manchmal wehte eine Flagge darüber. Siedlungen, die schon Jahrhunderte alt waren und doch nicht größer als Stecknadelköpfe vor der unberührten Weite hinter ihnen. Wir stampften voran, hielten an, setzen Soldaten ab, fuhren weiter, setzten Zollschreiber ab, die offenbar in einer Wellblechhütte mit Flaggenmast mitten in der gottverlassensten Wildnis die Ein- und Ausfuhren besteuern sollten, setzen noch mehr Soldaten ab – wahrscheinlich sollten sie die Zollschreiber im Auge behalten. Einige von ihnen, so war zu hören, ertranken in der Brandung; aber niemand schien sich besonders dafür zu interessieren. Sie wurden einfach vom Schiff geworfen und weiter ging die Reise. Jeden Tag sah die Küste gleich aus, es war, als hätten wir uns nicht bewegt; in Wirklichkeit passierten wir eine Reihe von Orten – Handelsstationen – mit Namen wie Groß-Bassam, Klein-Popo; Namen, die zu irgendeiner abgedroschenen, vor einer unheimlichen Kulisse gespielten Farce zu gehören schienen. Der dem Passagier eigene Müßiggang, meine Isolation unter all diesen Männern, zu denen ich keinen Kontakt hatte, die ölige und träge See, die düstere Gleichförmigkeit der Küste, all das schien mich von der den Dingen innewohnenden Wahrheit abzuhalten und in die Mühen einer trübsinnigen und sinnlosen Wahnvorstellung einzuspinnen. Die Stimme der Brandung, die ich ab und zu hörte, war eine freudige Ausnahme und erschien mit wie die Stimme eines Bruders. Sie war etwas Natürliches, das eine Ursache und eine Bedeutung hatte. Hin und wieder vermittelte einem ein von der Küste kommendes Boot einen Augenblick des Kontakts mit der Wirklichkeit. An den Rudern saßen Schwarze. Man konnte von Ferne ihre Augäpfel glänzen sehen. Sie riefen, sangen; ihre Körper waren schweißüberströmt; sie hatten Gesichter wie groteske Masken – diese Burschen; aber sie waren knochig, muskulös, voll wilder Lebendigkeit und einer intensiven Bewegungsenergie, die so natürlich und wahr wie die Brandung an ihrer Küste war. Sie brauchten keine armseligen Gründe dafür, am Leben zu sein. Ihr Anblick war ein enormer Trost. Eine Weile hatte ich den Eindruck, immer noch zu einer Welt der einfachen Tatsachen zu gehören, aber das Gefühl hielt nicht lange an. Irgendetwas passierte immer, das es wieder vertrieb. Einmal, so erinnere ich mich, trafen wir auf ein vor der Küste ankerndes Kriegsschiff. Es gab dort nicht einmal eine Hütte, aber trotzdem feuerten seine Kanonen in den Busch. Wie es scheint, führten die Franzosen irgendwo da draußen einen ihrer Kriege. Die Hoheitsflagge hing schlaff herunter wie ein Fetzen Stoff, die Mündungen der Sechszöller ragten überall aus dem niedrigen Schiffsrumpf heraus; die schmierige, schleimbedeckte Dünung trug das Schiff träge nach oben, ließ es wieder herunter und brachte die dünnen Masten zum Schwanken. Da lag es also unbegreiflich in der leeren Weite von Erde, Himmel und Wasser und feuerte in einen Kontinent hinein. Bumm! machte in regelmäßigen Abständen einer der Sechszöller, dann schoss eine kleine Flamme heraus und verschwand wieder, etwas weißer Rauch löste sich auf, ein winziges Geschoss ließ ein schwaches Kreischen hören – und nichts geschah. Es konnte auch nichts geschehen. Ein Hauch von Wahnsinn lag in der Vorgehensweise, in dem Anblick ein Gefühl drolliger Schwermut; und beides löste sich auch nicht dadurch in Luft auf, dass mir jemand an Bord ernsthaft versicherte, dass sich irgendwo dort draußen außer Sichtweite ein Lager der Eingeborenen – er nannte sie Feinde! – befand.

Wir übergaben die Post (wie ich hörte, starben die Seeleute auf jenem einsamen Schiff mit einer Geschwindigkeit von drei Mann am Tag) und setzten unsere Reise fort. Wir fuhren noch weitere Orte mit grotesken Namen an, wo jeden Tag der gleiche fröhliche Toten- und Händlertanz in einer stillen und erdgeschwängerten Luft, die der Atmosphäre einer überhitzten Katakombe gleicht, abgehalten wird; die ganze Küste entlang, wo die Brandung so gefährlich schäumt, als ob Mutter Natur selbst die Eindringlinge abhalten wollte; in Flüsse hinein und daraus hervor, Todes- und Lebensströme, deren Ufer zu Schlamm vermoderten, deren Wässer in schleimgetränkter Zähigkeit die verzerrten Formen der Mangroven bedrängten, die sich uns in höchster, aber ohnmächtiger Verzweiflung entgegenzukrümmen schienen. Nirgendwo ankerten wir lange genug, um einen besonderen Eindruck des jeweiligen Ortes zu gewinnen, aber das allgemeine Gefühl eines vagen und drückenden Staunens überkam mich immer stärker. Die Reise war wie eine mühselige Pilgerfahrt inmitten von Zeichen des Alptraums.

Es sollten über dreißig Tage vergehen, bis ich die Mündung des großen Flusses sah. Wir ankerten angesichts des Sitzes der Verwaltung. Meine Arbeit würde allerdings erst nach etwa zweihundert weiteren Meilen beginnen. Ich ergriff also so schnell ich konnte die Gelegenheit, um zu einem Ort dreißig Meilen weiter stromaufwärts zu kommen.