Richard Wagner
Siegfried
Richard Wagner

 << zurück weiter >> 

Erster Aufzug

Erste Szene

Mime, Siegfried

Mime
Zwangvolle Plage! Müh ohne Zweck!
Das beste Schwert, das je ich geschweißt,
in der Riesen Fäusten hielte es fest:
doch dem ich's geschmiedet,
der schmähliche Knabe,
er knickt und schmeißt es entzwei,
als schüf' ich Kindergeschmeid!
Es gibt ein Schwert,
das er nicht zerschwänge:
Notungs Trümmer zertrotzt' er mir nicht,
könnt' ich die starken Stücke schweißen,
die meine Kunst nicht zu kitten weiß!
Könnt' ich's dem Kühnen schmieden,
meiner Schmach erlangt' ich da Lohn!
Fafner, der wilde Wurm,
lagert im finstren Wald;
mit des furchtbaren Leibes Wucht
der Nibelungen Herr hütet er dort.
Siegfrieds kindischer Kraft
erläge wohl Fafners Leib:
des Nibelungen Ring erränge ich mir.
Nur ein Schwert taugt zu der Tat;
nur Notung nützt meinem Neid,
wenn Siegfried sehrend ihn schwingt:
und ich kann's nicht schweißen,
Notung, das Schwert!
Zwangvolle Plage! Müh ohne Zweck!
Das beste Schwert, das je ich geschweißt,
nie taugt es je zu der einzigen Tat!
Ich tappre und hämmre nur,
weil der Knabe es heischt:
er knickt und schmeißt es entzwei
und schmäht doch, schmied' ich ihm nicht!

Siegfried
Hoiho! Hoiho! Hau ein! Hau ein!
Friß ihn! Friß ihn, den Fratzenschmied!
Hahahaha!

Mime
Fort mit dem Tier!
Was taugt mir der Bär?

Siegfried
Zu zwei komm' ich,
dich besser zu zwicken:
Brauner, frag nach dem Schwert!

Mime
He! Laß das Wild!
Dort liegt die Waffe:
fertig fegt' ich sie heut.

Siegfried
So fährst du heute noch heil!
Lauf, Brauner, dich brauch' ich nicht mehr!

Mime
Wohl leid' ich's gern, erlegst du Bären:
was bringst du lebend die braunen heim?

Siegfried
Nach beßrem Gesellen sucht' ich,
als daheim mir einer sitzt;
im tiefen Walde mein Horn
ließ ich hallend da ertönen:
ob sich froh mir gesellte ein guter Freund,
das frug ich mit dem Getön!
Aus dem Busche kam ein Bär,
der hörte mir brummend zu;
er gefiel mir besser als du,
doch beßre fänd' ich wohl noch!
Mit dem zähen Baste zäumt' ich ihn da,
dich, Schelm, nach dem Schwerte zu fragen.

Mime
Ich schuf die Waffe scharf,
ihrer Schneide wirst du dich freun.

Siegfried
Was frommt seine helle Schneide,
ist der Stahl nicht hart und fest!
Hei! Was ist das für müß'ger Tand!
Den schwachen Stift nennst du ein Schwert?
Da hast du die Stücken, schändlicher Stümper:
hätt' ich am Schädel dir sie zerschlagen!
Soll mich der Prahler länger noch prellen?
Schwatzt mir von Riesen und rüstigen Kämpfen,
von kühnen Taten und tüchtiger Wehr;
will Waffen mir schmieden, Schwerte schaffen;
rühmt seine Kunst,
als könnt' er was Rechts:
nehm' ich zur Hand nun,
was er gehämmert,
mit einem Griff zergreif' ich den Quark!
Wär' mir nicht schier zu schäbig der Wicht,
ich zerschmiedet' ihn selbst mit seinem Geschmeid,
den alten albernen Alp!
Des Ärgers dann hätt' ich ein End'!

Mime
Nun tobst du wieder wie toll:
dein Undank, traun, ist arg!
Mach' ich dem bösen Buben
nicht alles gleich zu best,
was ich ihm Gutes schuf,
vergißt er gar zu schnell!
Willst du denn nie gedenken,
was ich dich lehrt' vom Danke?
Dem sollst du willig gehorchen,
der je sich wohl dir erwies.
Das willst du wieder nicht hören!
Doch speisen magst du wohl?
Vom Spieße bring' ich den Braten:
versuchtest du gern den Sud?
Für dich sott ich ihn gar.

Siegfried
Braten briet ich mir selbst:
deinen Sudel sauf allein!

Mime
Das ist nun der Liebe schlimmer Lohn!
Das der Sorgen schmählicher Sold!
Als zullendes Kind zog ich dich auf,
wärmte mit Kleiden den kleinen Wurm:
Speise und Trank trug ich dir zu,
hütete dich wie die eigne Haut.
Und wie du erwuchsest, wartet' ich dein;
dein Lager schuf ich, daß leicht du schliefst.
Dir schmiedet' ich Tand und ein tönend Horn;
dich zu erfreun, müht' ich mich froh:
mit klugem Rate riet ich dir klug,
mit lichtem Wissen lehrt' ich dich Witz.
Sitz' ich daheim in Fleiß und Schweiß,
nach Herzenslust schweifst du umher:
für dich nur in Plage, in Pein nur für dich
verzehr' ich mich alter, armer Zwerg!
Und aller Lasten ist das nun mein Lohn,
daß der hastige Knabe mich quält und haßt!

Siegfried
Vieles lehrtest du, Mime,
und manches lernt' ich von dir;
doch was du am liebsten mich lehrtest,
zu lernen gelang mir nie:
wie ich dich leiden könnt'.
Trägst du mir Trank und Speise herbei,
der Ekel speist mich allein;
schaffst du ein leichtes Lager zum Schlaf,
der Schlummer wird mir da schwer;
willst du mich weisen, witzig zu sein,
gern bleib' ich taub und dumm.
Seh' ich dir erst mit den Augen zu,
zu übel erkenn' ich, was alles du tust:
seh' ich dich stehn, gangeln und gehn,
knicken und nicken, mit den Augen zwicken:
beim Genick möcht' ich den Nicker packen,
den Garaus geben dem garst'gen Zwicker!
So lernt' ich, Mime, dich leiden.
Bist du nun weise, so hilf mir wissen,
worüber umsonst ich sann:
in den Wald lauf' ich, dich zu verlassen,
wie kommt das, kehr' ich zurück?
Alle Tiere sind mir teurer als du:
Baum und Vogel, die Fische im Bach,
lieber mag ich sie leiden als dich:
wie kommt das nun, kehr' ich zurück?
Bist du klug, so tu mir's kund.

Mime
Mein Kind, das lehrt dich kennen,
wie lieb ich am Herzen dir lieg'.

Siegfried
Ich kann dich ja nicht leiden,
vergiß das nicht so leicht!

Mime
Des ist deine Wildheit schuld,
die du, Böser, bänd'gen sollst.
Jammernd verlangen Junge
nach ihrer Alten Nest;
Liebe ist das Verlangen:
so lechzest du auch nach mir,
so liebst du auch deinen Mime,
so mußt du ihn lieben!
Was dem Vögelein ist der Vogel,
wenn er im Nest es nährt,
eh' das flügge mag fliegen:
das ist dir kind'schem Sproß
der kundig sorgende Mime,
das muß er dir sein!

Siegfried
Ei, Mime, bist du so witzig,
so laß mich eines noch wissen!
Es sangen die Vöglein so selig im Lenz,
das eine lockte das andre:
du sagtest selbst,
da ich's wissen wollt',
das wären Männchen und Weibchen.
Sie kosten so lieblich
und ließen sich nicht;
sie bauten ein Nest
und brüteten drin:
da flatterte junges Geflügel auf,
und beide pflegten der Brut.
So ruhten im Busch auch Rehe gepaart,
selbst wilde Füchse und Wölfe:
Nahrung brachte zum Neste das Männchen,
das Weibchen säugte die Welpen.
Da lernt' ich wohl, was Liebe sei:
der Mutter entwandt' ich die Welpen nie.
Wo hast du nun, Mime,
dein minniges Weibchen,
daß ich es Mutter nenne?

Mime
Was ist dir, Tor? Ach, bist du dumm!
Bist doch weder Vogel noch Fuchs?

Siegfried
Das zullende Kind zogest du auf,
wärmtest mit Kleiden den kleinen Wurm:
wie kam dir aber der kindische Wurm?
Du machtest wohl gar ohne Mutter mich?

Mime
Glauben sollst du, was ich dir sage:
ich bin dir Vater und Mutter zugleich.

Siegfried
Das lügst du, garstiger Gauch!
Wie die Jungen den Alten gleichen,
das hab ich mir glücklich ersehn.
Nun kam ich zum klaren Bach:
da erspäht' ich die Bäum' und Tier' im Spiegel;
Sonn' und Wolken, wie sie nur sind,
im Glitzer erschienen sie gleich.
Da sah ich denn auch mein eigen Bild;
ganz anders als du dünkt' ich mir da:
so glich wohl der Kröte ein glänzender Fisch;
doch kroch nie ein Fisch aus der Kröte!

Mime
Greulichen Unsinn kramst du da aus!

Siegfried
Siehst du, nun fällt auch selbst mir ein,
was zuvor umsonst ich besann:
wenn zum Wald ich laufe, dich zu verlassen,
wie das kommt, kehr' ich doch heim?
Von dir erst muß ich erfahren,
wer Vater und Mutter mir sei!

Mime
Was Vater! Was Mutter!
Müßige Frage!

Siegfried
So muß ich dich fassen,
um was zu wissen:
gutwillig erfahr' ich doch nichts!
So mußt' ich alles ab dir trotzen:
kaum das Reden hätt' ich erraten,
entwandt ich's mit Gewalt nicht dem Schuft!
Heraus damit, räudiger Kerl!
Wer ist mir Vater und Mutter?

Mime
Ans Leben gehst du mir schier!
Nun laß! Was zu wissen dich geizt,
erfahr es, ganz wie ich's weiß.
O undankbares, arges Kind!
Jetzt hör, wofür du mich hassest!
Nicht bin ich Vater noch Vetter dir,
und dennoch verdankst du mir dich!
Ganz fremd bist du mir, dem einzigen Freund;
aus Erbarmen allein barg ich dich hier:
nun hab' ich lieblichen Lohn!
Was verhofft' ich Tor mir auch Dank?
Einst lag wimmernd ein Weib
da draußen im wilden Wald:
zur Höhle half ich ihr her,
am warmen Herd sie zu hüten.
Ein Kind trug sie im Schoße;
traurig gebar sie's hier;
sie wand sich hin und her,
ich half, so gut ich konnt'.
Groß war die Not! Sie starb,
doch Siegfried, der genas.

Siegfried
So starb meine Mutter an mir?

Mime
Meinem Schutz übergab sie dich:
ich schenkt' ihn gern dem Kind.
Was hat sich Mime gemüht,
was gab sich der Gute für Not!
»Als zullendes Kind zog ich dich auf.«

Siegfried
Mich dünkt, des gedachtest du schon!
Jetzt sag: woher heiß' ich Siegfried?

Mime
So hieß mich die Mutter,
möcht' ich dich heißen:
als »Siegfried« würdest du stark und schön.
»Ich wärmte mit Kleiden den kleinen Wurm.«

Siegfried
Nun melde, wie hieß meine Mutter?

Mime
Das weiß ich wahrlich kaum!
»Speise und Trank trug ich dir zu.«

Siegfried
Den Namen sollst du mir nennen!

Mime
Entfiel er mir wohl? Doch halt!
Sieglinde mochte sie heißen,
die dich in Sorge mir gab.
»Ich hütete dich wie die eigne Haut.«

Siegfried
Dann frag' ich, wie hieß mein Vater?

Mime
Den hab' ich nie gesehn.

Siegfried
Doch die Mutter nannte den Namen?

Mime
Erschlagen sei er, das sagte sie nur;
dich Vaterlosen befahl sie mir da.
»Und wie du erwuchsest, wartet' ich dein;
dein Lager schuf ich, daß leicht du schliefst.«

Siegfried
Still mit dem alten Starenlied!
Soll ich der Kunde glauben,
hast du mir nichts gelogen,
so laß mich Zeichen sehn!

Mime
Was soll dir's noch bezeugen?

Siegfried
Dir glaub' ich nicht mit dem Ohr,
dir glaub' ich nur mit dem Aug':
welch Zeichen zeugt für dich?

Mime
Das für gab mir deine Mutter:
für Mühe, Kost und Pflege
ließ sie's als schwachen Lohn.
Sieh her, ein zerbrochnes Schwert!
Dein Vater, sagte sie, führt' es,
als im letzten Kampf er erlag.

Siegfried
Und diese Stücke sollst du mir schmieden:
dann schwing ich ein rechtes Schwert!
Auf! Eile dich, Mime!
Mühe dich rasch;
kannst du was Rechts,
nun zeig deine Kunst!
Täusche mich nicht mit schlechtem Tand:
den Trümmern allein trau' ich was zu!
Find' ich dich faul, fügst du sie schlecht,
flickst du mit Flausen den festen Stahl,
dir Feigem fahr' ich zu Leib,
das Fegen lernst du von mir!
Denn heute noch, schwör' ich,
will ich das Schwert;
die Waffe gewinn' ich noch heut!

Mime
Was willst du noch heut mit dem Schwert?

Siegfried
Aus dem Wald fort in die Welt ziehn:
nimmer kehr' ich zurück!
Wie ich froh bin, daß ich frei ward,
nichts mich bindet und zwingt!
Mein Vater bist du nicht;
in der Ferne bin ich heim;
dein Herd ist nicht mein Haus,
meine Decke nicht dein Dach.
Wie der Fisch froh in der Flut schwimmt,
wie der Fink frei sich davonschwingt:
flieg' ich von hier, flute davon,
wie der Wind übern Wald weh' ich dahin,
dich, Mime, nie wieder zu sehn!

Mime
Halte! Halte! Halte! Wohin?
He! Siegfried! Siegfried! He!
Da stürmt er hin! Nun sitz' ich da:
zur alten Not hab' ich die neue;
vernagelt bin ich nun ganz!
Wie helf' ich mir jetzt?
Wie halt' ich ihn fest?
Wie führ' ich den Huien zu Fafners Nest?
Wie füg' ich die Stücken des tückischen Stahls?
Keines Ofens Glut glüht mir die echten:
keines Zwergen Hammer zwingt mir die harten.
Des Niblungen Neid,
Not und Schweiß nietet mir Notung nicht,
schweißt mir das Schwert nicht zu ganz!


 << zurück weiter >>