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Der Graf von Palikao.

Niemals wohl sind Kriege aus einer schändlicheren und schimpflicheren Ursache geführt worden, als diejenigen, welche das liberale, humane und hochherzige England gegen die Chinesen begonnen und angezettelt hat, damit diese ohne Widerstand sich vergiften lassen!

In alter und neuer Zeit haben Kriege aus Eifersucht und Nationalhaß der Völker, aus Eroberungslust und Fanatismus stattgefunden. Dem »stolzen England« ist die Ehre geblieben, Menschenschlächtereien en gros für die Geldbeutel seiner Kaufleute zu veranstalten.

Die Engländer verloren Amerika, weil sie die Bewohner zwingen wollten, den verfälschten Tee der Londoner Kaufleute zu trinken! Sie bekämpften Holland, Spanien, nur um ihnen den Welthandel zu stehlen.

Sie haben acht Jahre lang Krieg mit dem ersten Napoleon geführt, um den europäischen Markt in Baumwollenwaren, in Kaffee und Zucker zu beherrschen.

Sie zettelten den Krimkrieg an – in dem sie eine so schmählich untergeordnete Rolle spielten, daß sie zur Restitution ihrer militärischen Ehre einen armen Negerfürsten am Roten Meer abschlachten mußten! – nur um Rußland von der Handelsstraße nach Indien abzuhalten.

Überall in der englischen Geschichte und Politik: Hochmut und Niedertracht, – Falschheit und Egoismus, – Neid und Mißgunst, – Königsmord und Zwietracht, – Schacher und Habsucht, – Machtgier und Hinterlist, – Stänkerei und Brutalität, – Unterdrückung Schwacher und Unterwühlung Starker.

Treulos in seiner Freundschaft, – krämerisch in seiner Neutralität, – stinkend in seinem Selbstlob – verdankt England es nur seiner Insellage, daß es eine solche Rolle in der Welt spielen durfte.

Welche Regierung ist wohl die barbarische, welche die Trägerin christlicher Mission und Zivilisation? Diejenige, welche die Einfuhr des entnervenden, geisttötenden Mohngiftes verbietet, oder diejenige, die schamlos durch den Mund ihres Ministers Wood, auf die Bittschrift seiner eigenen Landsleute um Abstellung des Opiumhandels, am 4. August 1859! erklärt:

»Der Opiumhandel sei den englischen Kaufleuten unentbehrlich; die Chinesen sollten das Opium nur mäßig genießen, dann sei es ihnen unschädlich!«


Der Handel Englands mit China erstreckte sich hauptsächlich auf die Ausfuhr chinesischer Erzeugnisse, namentlich des Tees, und auf die Einfuhr von Baumwolle und Opium.

Da das Opium als Einfuhr in China verboten war, wurde es nie direkt ins Land geführt, sondern an gut erbaute und an passenden Stellen liegende, wohlbewaffnete Magazinfahrzeuge abgeliefert, von wo es sodann durch die Chinesen selbst ins Land geschmuggelt wurde. Bei dem Transport ins Land sind die Boote stark bewaffnet, um den Zollmandarinen Widerstand leisten zu können. In den fünfziger Jahren existierten nach amtlichen Quellen in Hongkong, Kumsingmun, Schanghai und anderen nicht weniger als 26 solcher Magazinschiffe mit einer Tragkraft von 9000 Tonnen, und es wurden jährlich ungefähr 60 000 Kisten ins Land gebracht, für welche der Preis durchschnittlich 450-600 Piaster (640 bis 860 Taler) betrug. Allerdings ein sehr schöner Gewinn für die Engländer – einige fünfzig Millionen Taler! Gewannen doch bei der gewaltsamen Einfuhr durch den Krieg von 1853 die Teilhaber an einem englischen Hause allein jeder zwischen 4-800 000 Pfund (über 5 Millionen Taler) an reinem Überschuß!

Nachdem die englischen Waffen durch das Bombardement unbeschützter Städte und die Niedermetzelung von Tausenden von Menschen die Freiheit des Opiumhandels erzwungen hatten, stieg die Einfuhr natürlich bedeutend.

Während das türkische Opium – bei weitem schwächer und schlechter – meist nur auf andere Weise genossen wird, besteht die Benutzung in China ausschließlich in dem weit gefährlicheren Rauchen.

Ein englischer Arzt, der sie mehrere Jahre in Penang beobachtete, sagt über die Wirkungen des Rauchens, das dies Gift mehr und unmittelbar in die Blutmasse übergehen läßt:

»Hospitäler und Armenhäuser sind hauptsächlich mit Opiumrauchern angefüllt. In dem von mir vorgestandenen bestand die Zahl der Kranken zu fünf Siebentel aus solchen! Der zerstörende Einfluß des Rauchens auf die Organisation des Menschen zeigt sich deutlich durch Erschlaffung, Verfall aller Seelenkräfte, Abmagerung, gelblich blasse Hautfarbe, bläuliche Färbung der Lippen und Augenlider, verschleierten Blick und zerstörte oder unnatürlich gesteigerte Eßlust. Am Morgen haben die unglücklichen Wesen ein höchst elendes Aussehen, gleichsam so, als ob kein Schlaf sie gestärkt habe. Eine eigentümliche Trockenheit oder Brennen im Halse reizt sie fortwährend das Rauchen zu wiederholen. Wenn die gewöhnliche Dosis nicht zur gewöhnlichen Zeit genommen wird, folgt eine äußerste Erschlaffung, Taumel und gänzliche Verstimmung, und die Augen fangen zu tränen an. Ein plötzliches gänzliches Entsagen ruft noch schauderhaftere Symptome hervor; der ganze Körper erkaltet und Schmerzen machen sich in allen seinen einzelnen Teilen fühlbar, Diarrhoe stellt sich ein, das ungeheuerste Gefühl des Elends bemächtigt sich des Opfers, dessen Dasein nur noch durch fortgesetzte Benutzung des Giftes einige Zeit hindurch erhalten werden kann.«

Mit dem stets Hergebrachten kann sich dieses England nicht entschuldigen, denn der privilegierte Opiumhandel ist noch keine hundert Jahre alt.

Der planmäßige Anbau des Mohnes für die Opiumbereitung schreibt sich aus dem Jahre 1767 her, vor welchem Zeitpunkt nur höchst unbedeutende Quantitäten, selten über 200 Kisten türkischer Ware, von portugiesischen Kaufleuten nach China eingeführt worden sind, wo sie unter der Firma Arzneimittel versteuert wurden. In dem genannten Jahr schlug ein Mr. Watson der Regierung der ostindischen Kompagnie in Kalkutta vor, durch Monopolisierung und Erweiterung eines derartigen Handels der Kompagnie ein bedeutendes Einkommen zu verschaffen. Die ersten Sendungen gaben eben kein besonders glänzendes Resultat, bald aber wurde die Ware mehr verlangt, und ein oder das andere Fahrzeug lag gewöhnlich in Whampao mit dem Verkauf desselben beschäftigt.

Zu Anfang des 19. Jahrhunderts hatte die chinesische Regierung noch keine besondere Aufmerksamkeit auf diesen ganzen Handel gerichtet, da sie dessen tiefgreifende Folgen für die Nation noch nicht begriff. Im Jahre 1800 wurde das erste Verbot sowohl gegen die Einfuhr, wie gegen den Gebrauch des Opiums erlassen. Beide Teile, der Verkäufer wie der Käufer, sollten wegen Übertretung mit Bastonnade und im Wiederholungsfall mit dem Block, ja selbst mit dem Tode bestraft werden. Ähnliche Verbote sind seitdem stets in kurzen Zwischenräumen wiederholt und verschärft worden, aber die steigende Neigung zu dem verbotenen Genuß und die Bestechlichkeit der Beamten hat sie zu toten Buchstaben gemacht.

Es herrscht bekanntlich ein eigentümlicher Stillstand in dem großen Reich der Mitte, dessen Ausdehnung fast die doppelte Größe von Europa umfaßt und 350 Millionen Bewohner trägt. Während vor Jahrhunderten, vielleicht schon vor Jahrtausenden, die chinesische Kultur der europäischen Entwicklung weit voraus war, scheint sie auf dieser Stufe stehen geblieben und vermag dem europäischen Fortschritt nicht mehr die Spitze zu bieten.

Dies ist vor allem auch in der Seefahrt und in den Kriegswissenschaften der Fall, und das große chinesische Reich ist deshalb fast kraftlos in die Hände der maritimen und militärischen Mächte Europas gegeben.

England und Rußland haben sich das vor allem zunutze gemacht.

Hören wir also kurz den Gang der englischen Kriege gegen China in den letzten 20 Jahren.

Infolge einer von dem Kaiser Taok-wang befohlenen Vernichtung eines großen Vorrats des geschmuggelten Opiums, dem infolge weiterer Zwistigkeiten das Verbot alles Handels mit den Engländern und des Verkaufs von Lebensmitteln an dieselben folgte, wurde der Krieg im Anfang des Jahres 1840 erklärt. Die Küstenstädte wurden bombardiert, eine Flotte unter Admiral Eliot lief in den Pehofluß ein und bedrohte Peking. Ein Frieden folgte, bei dem die Insel Hongkong den Engländern abgetreten, 6 Millionen Dollars ihnen gezahlt und der Handel wieder geöffnet werden mußten.

Aber England begnügte sich mit diesen Vorteilen nicht und rüstete eine weitere Expedition unter Admiral Parker und General Gough, die Amoy eroberte, Tahia, Ning-po und Tscha-pu, den Stapelplatz des chinesischen Handels mit Japan, und Shanghai nahm und bis zum Kreuzpunkt des großen Kaiserkanals mit dem Yang-tse-kiang vordrang. Hier leisteten in der Stadt Tschin-kiang-fu die Bewohner vergeblichen Widerstand, – sie töteten sich mit Weib und Kind, ehe sie in die Hände ihrer europäischen Feinde sich geben wollten.

Die so erzwungenen neuen Friedensverhandlungen am 26. August 1842 öffneten den Europäern außer Canton die Häfen Amoy, Fu-chan-fu, Ningpo und Shanghai, ließen die Insel Hongkong in dem Besitz der Engländer und verschafften ihnen 21 Millionen Dollars Kriegsentschädigung.

Von da ab dauerte die Überschwemmung des Landes mit Opium und Missionaren jeder Sekte ungehindert fort, bis nach dem am 24. Februar 1850 erfolgten Tode des Kaisers Tao-kuang die große Revolution der Mings das chinesische Reich zu zersplittern drohte.

Der Opiumhandel war nach wie vor verboten geblieben. Dem Vorschlag einiger Minister, dem nicht zu verhindernden Schmuggel die Spitze dadurch abzubrechen, daß die Einfuhr gegen eine mäßige Zollabgabe gestattet würde, hatte der verstorbene Kaiser die hochherzige Antwort gegeben: »Ich weiß, daß ich die Einführung dieses hinreißenden Giftes nicht verhindern kann, habgierige und verderbte Menschen werden aus Gewinnsucht oder um ihre Begierden zu befriedigen, meinen Wünschen entgegenarbeiten; aber nichts soll mich bewegen, mir ein Einkommen aus dem Verderben und dem Elende meines Volkes zu bereiten.«

Fortwährend seit dem Frieden von 1842 gab es durch die Willkür und Anmaßung der Engländer, den Nationalhaß und die Treulosigkeit der Chinesen Reibereien, die gewöhnlich durch englische Gewaltmaßregeln unterdrückt wurden, bis diese auf den wachsenden russischen Einfluß noch eifersüchtiger wurden, als auf die Bewahrung ihres Opiumhandels. Die Verhaftung von zwölf eingeborenen Matrosen, welche auf einer chinesischen, aber unter britischer Flagge segelnden Lorcha beim Schmuggeln erwischt wurden, durch den Statthalter Yeh, gab den längst erwünschten Anlaß. Obschon die chinesischen Behörden der Forderung der Freilassung nachgaben, wollten sie sich doch dem erniedrigenden Verlangen nicht fügen, die zwölf Halunken mit öffentlichen Ehren wieder auf das Schiff zu bringen. Dies gab dem Admiral Seymour Gelegenheit, wieder einmal das offene Canton zu bombardieren und mehrere befestigte Punkte zu erstürmen. Erbittert über das vier Tage nachher wiederholte Bombardement, zündete der chinesische Pöbel 21 europäische Faktoreien an und plünderte sie.

Infolge der – selbst in England von den anständigeren Parteien entschieden gemißbilligten – Beschießung von Canton verbot der chinesische Gouverneur von Heangschan den Eingeborenen allen Verkehr mit den Engländern. Diese beschossen zum dritten Male Canton. Vom 12. bis zum 30. Januar 1857 wurden nicht weniger als siebentausend Häuser eingeäschert, eine so schändliche Barbarei, daß selbst das Unterhaus nicht umhin konnte, mit 263 gegen 247 Stimmen seine Mißbilligung dieses Verfahrens der Regierung auszusprechen. Aber Lord Palmerston hatte die geldgierige City Londons hinter sich. Die City und die anderen Handelsstädte Englands beeilten sich, durch Zustimmungsadressen das wankende Ministerium zu unterstützen, und das widerhaarige Parlament wurde aufgelöst.

Sofort wurden Verstärkungen nach China gesandt mit einem besonderen Kommissar in Person des Lord Elgin. Aber die Franzosen waren rasch bei der Hand, sich für die Vermittlung des Friedens mit Persien bezahlt zu machen und die Verlegenheit Englands durch den indischen Aufstand zu benutzen. Sie schlossen sich der Expedition mit 12 Schiffen und 1000 Mann an, so ungern England das auch sehen mochte. Am 2. Juli erschien die englische Flotte vor Hongkong, bombardierte zur Abwechslung wieder einmal Canton 48 Stunden lang, nahm dann mit leichter Mühe die fast eine Million Einwohner zählende Stadt und führte den Feind Englands, Yeh, gefangen nach Calcutta, nachdem man in Canton der Revolution zur Regierung verholfen und 65 000 Pfund Sterling in Silberbarren erbeutet hatte. – Ein Jahr darauf war die englisch-französische Flotte schon wieder an der Mündung des Pehoflusses, um Peking zu bedrohen. Da Rußland durch den Vertrag Murawiews zu Ajjhun das linke Stromufer des Amur abgetreten erhalten hatte, mußte man auch seinen Teil haben und nahm ihn im Vertrag von Tientsin (28. Juni) mit neuen Handelskonzessionen und 3½ Millionen Pfund Sterling, wovon die Franzosen 1½ Million erhielten.

Die Beute hatte den Appetit gereizt. Als ein kleines englisches Geschwader unter Admiral Hope, welches eine englisch-französische Gesandtschaft nach Peking bringen sollte, mit Kanonenschüssen zurückgetrieben wurde, weil es gegen alles Recht nicht auf dem angewiesenen Flußarm hinauffahren wollte, sondern mit Gewalt die Kette sprengte, welche wegen der Revolutionäre auf dem andern Flußarm gezogen war, versuchte der Admiral das chinesische Fort zu stürmen. Aber diesmal hatte sich das Blatt gewandt, die chinesische Artillerie, wie man argwöhnte, von Russen bedient, schoß ungewöhnlich gut, und mit Verlust von 464 Mann wurden die 1300 Engländer auf ihre Schiffe zurückgeworfen.

Das forderte natürlich Rache. Der Minister für Indien, Wood, erteilte dem Anti-Opium-Verein auf seine Petition um Abstellung des schändlichen Handels, den selbst Metternich und Montalembert einen Schandfleck auf dem Wappen Englands genannt hatten, jene charakteristische Antwort, deren wir an der Spitze unseres Kapitels Erwähnung getan haben, und eine neue Expedition gegen China wurde ausgerüstet.

Damals war es, wo plötzlich nach den Siegen Frankreichs über Österreich sich in England die panische Furcht vor einer französischen Invasion verbreitete, weil der gute Freund jenseits des Kanals so eifrige Seerüstungen betrieb und die Schwäche Englands in der Krim und Indien zur Genüge kennen gelernt hatte. Der Kaiser Napoleon hatte aber den Plan aufgegeben und beeilte sich, die öffentliche Meinung durch eine erste Truppensendung nach China zu beruhigen. Die Königin Victoria hielt ihre Revue über 20 000 Mann der Londoner Freiwilligen im Hyde-Park ab, die damit Soldaten zu sein glaubten, und der Kaiser sandte seinen besten und dreistesten Fourageur, den General Montauban mit 7500 Mann nach China ab. Am 21. August nahm die vereinigte Expedition unter Montauban und General Hope-Grant die Inseln Chusan und Kintang, wobei die Franzosen das beste taten, aber sich auch durch Grausamkeiten und Plünderung auszeichneten. Nach der Einnahme des Taku-Forts erschienen chinesische Kommissäre und bewilligten alle Forderungen; aber bald zeigte sich, daß man in Peking nur lavieren wollte, und so rückten am 9. September 6000 Mann gegen Tungchao vor, einer nur 4 Meilen von Peking entfernten Stadt. Hier kam es zum Kampf zwischen der Stadt Leost und dem Kanal und am 21. September zu dem Treffen von Palikao.

Die Entscheidungsschlacht von Palikao war am 21. November geschlagen, 6000 Europäer hatten die 40 000 Mann zählende chinesische Armee – darunter 20 000 tartarische Reiter, den Kern der chinesischen Soldaten – zurückgeworfen.

Der chinesische General Sang-ko-li-sin war ein umsichtiger und tapferer Mann. Er hatte das Städtchen Toung-chao befestigt und besetzt; auch der Ort Guakaua-jé war von Schanzen geschützt, um den Marsch der »roten Barbaren« nach der Hauptstadt des Reiches der Mitte zu hindern.

Die Alliierten waren 6000 Mann stark, darunter 4000 Franzosen unter General Cousin de Montauban, von zwei kolossalen Reiterschwärmen jeder von 10 000 Mann angegriffen worden, aber die Taktik der europäischen Karrees hatte ihrem Anprall glücklich widerstanden. Die französische und englische Artillerie schmetterte die Reihen der Reiter zu Boden und als die Franzosen mit dem Bajonnett das Städtchen Gua-kaua-jé erstürmt hatten und General Collineau den Kanal überschritten hatte, war die Flucht allgemein und der Weg nach dem vier Meilen entfernten Peking frei.

Nochmals versuchte der Bruder des Kaisers, der Prinz Kong, die Alliierten durch Verhandlungen aufzuhalten – aber man wartete nur bis die von Tientsin herangezogenen, durch die großen Verluste von Palikao nötig gewordenen Verstärkungen eingetroffen waren. Dies war am 9. Oktober zum größten Teil geschehen und die kleine Armee der Europäer, die Franzosen an der Spitze, lagerte an den Ufern des Kanals, der den Kaiser-Kanal mit dem Flüßchen Yu-ho, an welchen Peking liegt, verbindet.

Peking hat ungefähr das Klima von Madrid und Neapel. Die Kälte ist während des Winters durchschnittlich 3 Grad. Die Hauptstadt des chinesischen Reichs liegt in einem weiten nach Norden zu von hohen Gebirgszügen geschützten Tal und hat einen Umfang von sechs Meilen.

Es war Abend – die Luft noch frisch und angenehm, ohne kalt zu sein. Myriaden von Sternen funkelten am Firmament – am Ufer des Kanals brannten mächtige Feuer und spiegelten ihre Flammen in dem trägen Wasser des Kanals, das von hundert Dschonken belebt war, die mit ihren zahllosen bunten Laternen, dem Schreien und Lärmen ihrer Bevölkerung einem Jahrmarkt glichen, der es in der Tat auch war. Trotz allem Nationalhaß, dem Abscheu und der Furcht vor den »roten Barbaren« überwog die Habgier dieses Volkes alle Bedenken, und der Lagerplatz der feindlichen Truppen war kaum bestimmt, als zahllose Dschonken herbeigeströmt waren, um Lebensmittel und allerlei Handelsgegenstände den Soldaten anzubieten.

Der General Montauban war gezwungen, einen strengen Kordon durch Posten zu ziehen, über den hinaus die aufdringlichen Langzöpfe sich nicht bewegen durften, und die Schildwachen waren bereits genötigt gewesen, wiederholt von ihren Waffen Gebrauch zu machen. Dieser Kordon, der dem Befehl nach auch die Soldaten hindern sollte, sich unter die fremde Bevölkerung zu mischen und sich bei dem verräterischen treulosen Charakter derselben unnützen Gefahren auszusetzen, erfüllte jedoch diese Bestimmung nur zum Teil, denn Offiziere wie Soldaten wußten den Befehl zu umgehen und trieben sich zwischen den schnell improvisierten Buden oder auf den Fahrzeugen umher, von denen mehrere der berüchtigten Klasse der »Flowers-Boats« oder Blumenböte angehörten.

Das Hauptquartier der Oberstkommandierenden befand sich in einem großen Pavillon, der mitten in einem großen Garten lag, welcher auf einer Seite das Wasser berührte. Diese Seite war stark mit Wachen besetzt.

Ungefähr zweihundert Schritt von der Linie derselben hatten die Soldaten an der Tür eines der kleinen bizarren Kiosks ein kleines Feuer angezündet. Ein junger Offizier saß daran in Gesellschaft eines älteren, nicht militärisch gekleideten Mannes, der an den Flammen einen Kessel Tee bereitet hatte und diesen eben in kleine Becher von altertümlicher Form goß.

»In der Tat, Bonifaz,« Die Leser unseres Buches »Puebla«, das hier zugleich seine Fortsetzung erhält, werden sich vielleicht des treuen Avignoten erinnern. Der Autor. meinte der Leutnant, nachdem er das Getränk gekostet hatte, »seit wir in China sind, bin ich ein Teetrinker geworden wie die Langzöpfe und Kahlköpfe. Komische Kerle das – die uns mit Gesichterschneiden und albernem Lärm schlagen wollen! Und doch muß ich gestehen, haben diese Reiter gestern nicht schlecht gefochten. Sie sprengten mit vieler Courage gegen unsere Karrees.«

» Corbioux – was will das sagen! Du würdest anders denken, Leutnant Louis, wenn du ein einziges Mal die Apachen mit ihrem wilden Kriegsgeheul gegen einen Trupp ehrlicher Leute hättest ansprengen sehen.«

Der junge Mann, der dem Anschein nach noch keine zwanzig Jahre zählte, obschon sein hübsch und kräftig gebildetes Gesicht schon, von Sonne und Wetter gebräunt, den Ausdruck der Männlichkeit zeigte, lachte herzlich. »Es ist wahr, ich vergaß, Bonifaz, daß du alles nach deinen mexikanischen Erinnerungen abmißt. Es muß ein abenteuerliches Land sein, wenn man all deinen Erzählungen Glauben schenken kann. – Eh bien – vielleicht komme ich auch einmal dahin, denn die französischen Adler tragen gegenwärtig die gloire unseres Vaterlandes durch alle Weltteile!«

»Vielleicht eher, als du denkst, Leutnant Louis!«

»Das sind wieder deine geheimnisvollen Anspielungen, Alter, die du seit einigen Wochen zu machen pflegst. Ich hoffe, du denkst nicht im Ernst daran, nach Mexiko zu reisen, um deine roten Bekanntschaften zu besuchen – wie heißen die Burschen gleich – Bras de fer, Kreuzträger, Falkenherz und die schöne Lindenblüte, in die du wahrhaftig, trotz deiner vierundfünfzig Jahre noch immer verliebt zu sein scheinst!«

»Spotte nicht, Leutnant Louis,« sagte der andere ernst, »spotte nicht über Leute, die zehnmal ehrlicher und besser sind, als die, in deren Gesellschaft ich mich jetzt befinde. Gewiß denke ich, wenn mir Gott das Leben schenkt, noch einmal nach Mexiko zurückzukehren.«

»Und du wolltest mich verlassen?«

»Niemals. Weswegen habe ich darauf bestanden, daß du Spanisch lernen solltest?«

»Nun, aus demselben Grunde, weswegen ich Englisch gelernt habe. Du siehst, daß es mir einen schlechten Dienst geleistet hat, denn ich muß hier deshalb warten, um den Dolmetscher mit irgendeinem hochnäsigen Goddam zu machen, während meine Kameraden sich draußen auf dem Wasser oder im Lager amüsieren.«

»Ich ließ es dich lernen, weil du mich begleiten wirst und man in Mexiko spanisch spricht.«

» Pardieu – wie oft soll ich dir wiederholen, daß ich französischer Soldat bin und meinen Adler niemals verlassen werde.«

»So müssen wir dafür sorgen, die französische Armee nach Mexiko zu schicken!«

Der junge Offizier lachte wieder auf das herzlichste. » Vraiement – Meister Bonifaz, ich sehe dich wirklich schon in Stelle des Herrn Thouvenel als Minister des Äußeren oder des Marschall Randon mit dem Kriegsportefeuille unterm Arm! – Meine Tante, die Frau Marschallin Saint Arnaud hat nicht unrecht, wenn sie behauptet, du littest manchmal an den Folgen eines kleinen Sonnenstichs, den du in Afrika oder Mexiko bekommen haben müßtest. Aber à propos bei Gelegenheit meiner Tante – wir wollen, wenn wir erst in Peking sind, ihr eine ganze Kiste von diesem vortrefflichen Tee schicken.«

»Deiner Tante?«

»Nun ja, der Frau Marechal de France. Du weißt aus Erfahrung, wie gern sie seit dem Tode ihres Gatten einen kleinen Teeklatsch hält.«

»Die Frau Marschallin ist so wenig deine Tante, Leutnant Louis, wie ich dein Onkel bin.«

»Das weiß ich wohl, aber sie will, daß ich sie so heiße, weil sie mich, ihren entfernten Anverwandten, hat erziehen lassen und ich ihr so viele Güte schulde.«

»Die Arnauds sind niemals mit dir verwandt gewesen.«

»Die Saint Arnauds nicht – aber die Verwandtschaft schreibt sich, soviel ich weiß, von ihrer Seite her.«

»So gut das Blut der Trazegnies d'Ittres auch sein mag, so hat es sich doch nie mit dem deinen vermischt. Die Frau Marschallin hat nicht die Ehre, mit dir verwandt zu sein!«

»Na höre, alter Brummbär, die Ehre scheint mir etwas zweifelhaft! – Aber wenn du näheres über meine Verwandtschaft weißt, so rede endlich. Du weißt, daß ich mich meiner lieben armen Mutter noch sehr gut erinnere, denn es sind erst neun Jahre, daß sie mich in die Militärschule brachte und nach England reiste, wo sie leider gestorben ist. Manchmal, alter Freund, kommen mir freilich besondere Gedanken, obschon mir verboten wurde, weiter zu fragen!«

»Die Zeit ist gekommen, mein Sohn, wo du alles erfahren sollst.«

»So sprich!«

»Nein – nicht heute! Übermorgen, an deinem Geburtstag, wo du zwanzig Jahre alt bist!«

»Und was du mir sagen wirst, meinst du, soll mich bewegen, mit dir nach Mexiko zu reisen?«

»In drei Jahren – ja!«

»Aber …«

Die Einwendungen des jungen Mannes wurden unterbrochen durch einen Korporal, der mit einem Mann von der Seite des Wassers her kam.

»Leutnant Clement?«

»Korporal Dodillot – was bringen Sie?«

»Diesen Langzopf, mein Offizier, der in einem Kahn am Ufer bei den Posten landete und dessen Kauderwelsch wir nicht verstehen können, da er kein vernünftiges Wort spricht, als ›General‹, und sich doch nicht abweisen läßt.«

Der Offizier hatte sich erhoben. »Vielleicht unser Mann!« sagte er halblaut. »Sprichst du Englisch, Bursche?«

Der Angeredete war in der Tat ein Chinese in dem langen, dunkelblauen Rock und den weiten, violetten Beinkleidern mit den unbehilflichen Schnabelschuhen, wie sie die niederen Klassen tragen. Er hielt die Hände in den weiten Ärmeln verborgen und verneigte sich tief vor dem Offizier.

»Wie heißest du?«

»Mein unwürdiger Name ist Tsin-Yang.«

»Nun wohl, Herr Tsin-Yang, was wollt Ihr?«

»Den mächtigen Feldherrn sprechen, der die unüberwindlichen Krieger der Sonne des Weltalls wie der Taifun den Schaum des Meeres vor sich hergefegt hat.«

»Sie scheinen demnach nicht so unüberwindlich gewesen zu sein,« meinte lachend der Offizier. »Um es kurz zu machen, Herr Tsin-Hang oder Yang, seid Ihr der Mann, der diesen Mittag an General Montauban geschrieben hat?«

»Tsin-Yang küßt deine Fingerspitzen, tapferer Fremdling. Ich habe geschrieben.«

»Dann kommt mit mir. – Warte hier auf mich, Bonifaz!«

Der junge Offizier winkte dem Chinesen zu folgen, und ging ihm voran nach dem Pavillon. Nach einigen Worten mit den in der vorderen Abteilung desselben verweilenden Stabswachen wurde er mit seinem Begleiter in das innere Gemach geführt, das der kommandierende General in Beschlag genommen.

General Cousin de Montauban, der später für seine chinesischen Verdienste zum Grafen von Palikao ernannt wurde und unter diesem Titel zehn Jahre später eine so klägliche Rolle spielen sollte, – war zurzeit unserer Darstellung ein Mann von bereits sechzig Jahren. Er gehört zu den militärischen Abenteurern, deren Frankreich so viele zählt und zu hohen Stellungen erhoben hat. Bis zum Jahre 1846 war er fast gänzlich unbekannt, und auch später nur unter dem Namen Cousin gekannt, als er sich nach abenteuerlichem und wildem Kriegsleben im Dezember 1847 bei der Gefangennahme Abdelkaders ausgezeichnet hatte. Er war ein tollkühner Soldat und geschickter Führer und hatte sich als solcher mehrfach in Afrika bewährt. Seine Herkunft ist in Dunkel gehüllt, – man hielt ihn in Frankreich für einen natürlichen Sohn Louis Philipps. Jedenfalls verdankte er diesem seine erste Karriere, und er galt daher für einen eifrigen Orleanisten. Schon in seiner afrikanischen Laufbahn hatte er durch verschiedene Erpressungen und tyrannische Handlungen seine Habsucht bemerklich gemacht, doch fanden alle diese Geschichten in jenem System allgemeiner Feilheit und Spekulation ihre Entschuldigung, das zuerst und zumeist den Thron des »Bürgerkönigs« untergrub.

Bei dem Sturz desselben beeilte sich General Montauban aus einem Royalisten ein Republikaner zu werden, und als Louis Napoleon der Republik den Daumen aufs Auge setzte, wurde er ein begeisterter Bonapartist und von dem neuen Kaiser zu verschiedenen Diensten benutzt, die möglichst wenig Gewissen erforderten.

Der General hatte ein kühnes und schlaues Gesicht, von weißem Haar umgeben und zeigte in seinem ganzen Wesen trotz seiner Jahre etwas Wildes, Barsches. Er lag, als der Offizier mit seinem Begleiter eintrat, gestiefelt und gespornt auf einem von Rohr geflochtenen Diwan und dampfte eine Zigarre.

»He, Leutnant Clement, da sind Sie ja! Bringen Sie mir den Kerl, der heute seine Krakelfüße an mich gemalt hat?«

»Zu Befehl, Exzellenz, der Mann hier behauptet, daß er es sei. Er hat sich bei dem Posten am Wasser gemeldet.«

»Tritt näher, Bursche – ah so – er versteht kein Französisch, und mir ist das Quatschen und Spritzen unserer lieben Bundesgenossen ein chinesisches Dorf. Deshalb müssen Sie schon den Dolmetscher machen, Leutnant, da Sie ein Studierter sind. Heiliges Sakrament, wir alten Pulverriecher hatten andere Dinge in unserer Jugend zu tun, als die Nase in Grammatiken zu stecken. Lassen Sie also den Kerl näher treten. Er ist doch nicht bewaffnet?«

»Soviel zu sehen, nein. Soll ich ihn untersuchen lassen?«

»Gott bewahre! Ich lasse ihn lebendig schinden, wenn er auch nur den Finger rührt. Wie heißt der Kerl und was ist er?«

Der Chinese hatte sich auf den Wink des jüngeren Offiziers in demütiger Haltung genähert, warf sich jetzt nieder auf die Knie und schlug dreimal mit der Stirn den Fußboden.

»Der Mann heißt Tsin-Yang und ist, wie er behauptet, Mandarin von der Pfauenfeder!« erläuterte der Offizier nach dem Befragen.

»Meinetwegen von zwanzig Flederwischen! Die Kerle sind verrückt mit ihren Hutknöpfen und Pfauenschwänzen. Aber was ist er sonst und was will er von mir?«

Der Offizier verdolmetschte die Frage.

»Dein demütiger Knecht ist der Oberaufseher und Schatzhüter in Jung-ming-jun!«

»Jang myn Jong – spricht der Kerl holländisch? – Was ist das?«

»Jung-ming-jun, oder die ›Perle des Reichs‹,« erläuterte der Offizier, »ist der kaiserliche Sommerpalast, der außerhalb der Mauern von Peking liegt.«

»Ah!« sagte der General und zog eines seiner Beine von dem Kanapee. »Ich habe davon gehört. Die Kaiser von China sollen dort gewaltig viel Schätze aufgehäuft haben. Fragen Sie ihn doch danach, Leutnant Clement!«

Es folgten einige Fragen und Antworten zwischen dem Offizier und dem würdigen Mandarinen, der noch immer auf den Knien lag.

»Herr Tsin-Yang erklärt, daß der Palast an Gold und Silber und allen Schätzen der Welt seit Jahrhunderten so reich sei, daß jedes sterbliche Auge von ihrem Glanze geblendet werden würde.«

»Hoho,« meinte der General, der jetzt auch sein anderes Bein herunterzog und sich aufrecht setzte, »wir haben gute Augen und sie nicht durch eine Brille verdorben. Also Gold und Silber in Menge, sagt der Kerl?«

»In Masse, General.«

»Und auch Edelsteine – Diamanten, Perlen und was sonst damit zusammenhängt?«

»Er macht eine fabelhafte Beschreibung von den Reichtümern.«

»Teufel! Teufel! Das klingt verführerisch! – Aber was will der Langzopf? Etwa wieder unterhandeln und uns Flunkereien vormachen, wie dieser langweilige Kerl von Prinzen, den wir noch im Lager haben? – Fragen Sie den Burschen kurz und bündig, warum er so geheimnisvoll an mich geschrieben hat. Ich will ihm raten, daß er genügende Entschuldigungen hat, oder ich lasse ihm das Fell von den Knochen hauen.«

Es folgte eine neue Unterredung zwischen dem Offizier und dem Mandarin, bei welcher der Unwille des jungen Offiziers sehr erregt zu werden schien.

»Nun – was gibt's?«

»Der Mann erklärt zunächst, er sei ein Mitglied der geheimen Gesellschaft der ›Wasserlilie‹, also ein Feind seiner Regierung.«

»Ah – was bei uns zu Hause etwa ein Carbonari, oder sonst ein spitzbübischer Rebell heißt!«

»Ungefähr so. – Aber er besteht, ehe er weiter reden will, darauf, daß Euer Exzellenz ihm zwei Dinge eidlich versprechen, bevor er seine Mitteilungen macht.«

»Seh mir einer die Frechheit an. Was will der Kerl denn?«

»Zuerst Zusicherung seines Lebens und seiner Freiheit.«

»Zugestanden! Kaum der Mühe wert!«

»Dann – aber Euer Exzellenz verzeihen, daß ich eine so entehrende Zumutung auch wiederhole.«

»Ach was, – genieren Sie sich nicht! Heraus damit!«

»Der Schurke erklärt, daß er imstande sei, Euer Exzellenz oder vielmehr der französischen Armee eine Beute von vielen, vielen Millionen – hundert Millionen, wie er sich ausdrückt, – nachzuweisen, wenn …«

Der General war aufgesprungen, seine Augen leuchteten wie Karfunkel. »Hundert Millionen, sagen Sie?«

»Er spricht davon.«

»Das muß die Schatzkammer des Kaisers sein! Es ist gut, Leutnant – Sie können gehen, ich werde mit dem Kerl selbst reden!«

Leutnant Clement salutierte lächelnd und machte einen Schritt nach dem Ausgang.

Der General hielt ihn auf, indem er sich vor die Stirn schlug, die ganz gerötet vor Aufregung war. » Diable, diable, was ich für ein Dummkopf bin! Ich kann ja nicht Chinesisch, und der Teufel mag es meiner Mutter danken, daß sie mich nicht hat Englisch lernen lassen. Aber hören Sie, Leutnant Clement – Sie können doch schweigen?«

»Bestimmt, Exzellenz!«

»Sie sollen, so jung Sie sind, Kapitän werden und das Kreuz erhalten, wenn die Geschichte sich bewahrheitet.«

»Ich würde vorziehen, Exzellenz, beides an den tatarischen Reitern zu verdienen,« sagte der junge Offizier kalt. »Und wenn Euer Exzellenz es nicht als Dienstpflicht verlangen, würde ich bitten, lieber einen anderen mit der Weiterführung dieser Verhandlung zu betrauen, etwa einen Engländer selbst.«

»Damit diese mich bestehlen! Sie sind nicht gescheit. Nein, nichts da – ich will keinen andern, es ist schon genug, wenn einer solche Dinge weiß!«

»Aber, offen gesprochen, Euer Exzellenz, die Sache scheint mir nicht verträglich mit der Ehre eines Offiziers.«

»Larifari, dummes Zeug! Das muß Ihr General besser wissen. Also fahren Sie fort, ich kommandiere Sie hiermit zu dem Dienst, und erinnern Sie sich gefälligst, daß der Soldat nur eine Maschine in der Hand seiner Vorgesetzten sein soll und Sie alles zu vergessen haben, was Sie im Dienst etwa hier hören und sehen.«

»Zu Befehl!«

»Warten Sie!«

Der General ging selbst nach der dünnen Eingangstür, steckte den Kopf in das Vorderzimmer und schloß dann wieder sorgfältig die Tür.

»Kommen Sie hierher und reden Sie etwas leiser. Die Spitzbuben, die Chinesen machen ihre Türen so dünn wie Kartenblätter, und die Burschen da draußen haben mir etwas zu lange Ohren. Also, was sagt der Kerl von den Millionen? – aber genau!«

»Er verlangt zunächst,« fuhr der Offizier fort, dem die Sache und die Habgier seines Chefs jetzt Spaß zu machen anfing, »daß Euer Exzellenz ihm den zehnten Teil der Beute, die er Ihnen nachzuweisen sich erbietet, zusichern!«

»Den zehnten Teil? Ist der Schurke verrückt? Das ist ja reiner Diebstahl. Heiliges Kreuz-Donnerwetter, was diese Halunken habsüchtig sind. Ich will ihn lieber lebendig schinden lassen, dann soll er schon mit seinen Geheimnissen herausrücken, ohne mich so infam zu bestehlen!«

»Euer Exzellenz vergessen, daß bei einer solchen Operation auch andere die Geheimnisse des Herrn Tsin-Yang, Mandarin vom blauen Kopf und der Pfauenfeder, erfahren würden.«

» Morbleu – das ist auch wahr! – Aber reden Sie dem Kerl ins Gewissen, lieber Clement. Sie wissen, daß ich ein Freund Ihres Vormundes und Verwandten, des seligen Saint-Arnaud, war, und ich habe Sie immer leiden mögen und protegiert, deshalb Sie auch in diesem Fall zu meinem Dolmetscher gemacht, wo ich zehn andere hätte kriegen können. Reden Sie Herrn Yang zu, daß er christlich mit uns verfährt und lassen Sie ihn vor allem sich niedersetzen.«

Und der Kommandeur en chef schob selbst mit dem Fuß einen jener kleinen Rohrsessel ohne Lehne herbei, drückte den widerstrebenden Chinesen fast mit Gewalt darauf und begann dann zu feilschen wie ein Jude.

Aber der würdige Mandarin schien ebenso zäh wie der französische General und beharrte auf seiner Forderung, deren Zusicherung er sogar schriftlich verlangte.

Der General tobte wie ein angeschossener Eber in dem Gemach umher, und nur die Besorgnis, von seinen Leuten draußen gehört zu werden, dämpfte seinen Zorn. Zuletzt bequemte er sich endlich zur Ausstellung des Versprechens, geriet jedoch aufs neue in heftigen Zorn, als der schlaue Chinese, der sehr wohl den Charakter der beiden Männer durchschaute, von dem Offizier auf sein Wort verlangte, Silbe für Silbe richtig zu übersetzen und dieser es denn trotz der Winke des Generals lachend und so aufrichtig tat, daß der Mann sich geradezu weigerte, auf diese Verklausulierungen hin weitere Eröffnungen zu machen.

Herr Tsin-Yang diktierte hierauf selbst den Inhalt der Schrift, und der General unterzeichnete sie stöhnend und fluchend.

»Nun aber Gnade Gott dem Kerl, wenn er nicht Wort hält mit den Millionen.«

»Du bist ein Tapferer,« fuhr der Verräter nach der Beendigung dieser Präliminarien fort, indem er das kostbare Papier in einen seidenen Lappen wickelte und in den Busen schob, »und der arme Tsin-Yang vertraut dir, daß du ihn nicht betrügen wirst. So höre denn.«

Und der Verräter berichtete nun, daß der Prinz Kong nur beauftragt sei, die Alliierten hinzuhalten, bis die in dem Palast des Kaisers aufgehäuften Schätze in das Innere des Landes in Sicherheit gebracht worden wären. Der Kaiser Hien-fong habe bereits am heutigen Tage seinen Sommerpalast mit seinem ganzen Gefolge verlassen, und es sei augenblicklich nicht ein Mann Besatzung dort. Er aber, Tsin-Yang, habe Befehl, die kostbaren Sachen zusammen zu packen, namentlich eine große Anzahl von Silberbarren, deren Aufbewahrungsort ihm allein bekannt sei, und damit dem kaiserlichen Hof zu folgen.

Der treue Diener seines Herrn schlug vor, daß die Franzosen am anderen Tage mittags den Palast besetzen und ihn plündern sollten, wobei er sich anheischig machte, die verborgenen Kostbarkeiten in die Hände des Generals zu liefern. Herr Tsin-Yang behielt sich vor, mit seinem Anteil an der Beute später die Europäer zu begleiten, und auf Java oder sonst an einem geeigneten Orte sich ihrer zu erfreuen.

Der General rieb sich bald vergnügt die Hände, als ihm diese Vorschläge stoßweise übersetzt wurden, bald schimpfte er auf die habsüchtigen Chinesen und den Verräter insbesondere, und der Offizier, für den die sorgsam gesprochenen Details der Verhandlung etwas sehr Widriges hatten, schloß aus verschiedenen Äußerungen, daß Herr Tsin-Yang trotz seines Scheines schwerlich lange persönlichen Vorteil von seinem Verrat haben würde. Er beschloß, sich jedoch nicht darum zu kümmern, und war herzlich froh, als die Unterredung endlich endete und er den Auftrag erhielt, den treuen Wächter der kaiserlichen Schätze wieder nach seinem Boot zurück zu geleiten.

»Ihr Ehrenwort, Leutnant Henry, daß Sie über alles das strengste Schweigen beobachten, was Sie gehört haben.«

» Parole d'honneur!«

»Gut. Ich weiß, Sie sind ein guter Soldat und es soll Ihr Schaden nicht sein. Schicken Sie mir Düvalet von den Zuaven sofort her, ohne erst meinen Adjutanten draußen zu inkommodieren. Sie müssen zusehen, wo Sie ihn finden. Vielleicht in den chinesischen Wasserbordells, aber ich muß ihn haben.«

Der Leutnant salutierte.

»Und noch eins. Sorgen Sie um Himmels willen, daß Herr Tsing-Yang oder Schlang aufs beste und unbelästigt zurückkehrt. Es darf um keinen Preis dem Mann jetzt etwas passieren. Späterhin – – na, Gutenacht, und legen Sie sich aufs Ohr, wenn Sie Düvalet gefunden haben, Sie werden Ihre Kräfte brauchen!«

Der Offizier freute sich, endlich draußen zu sein, – obschon ihm noch ein gerade nicht angenehmer Auftrag zu besorgen blieb. Oberst Düvalet, der die Zuaven kommandierte, war eine ebenso bekannte Person wie der Kommandant en chef. Wenn man diesen le premier coquin de la france nannte, so verdiente der würdige Oberst sicher le second genannt zu werden.

Als Leutnant Clement in Begleitung des Chinesen zu dem Feuer zurückkehrte, an dem er vorhin mit dem Avignoten gesessen, der mehr ein Freund als ein Diener für ihn war, obschon er unter dieser Firma ihn begleitet hatte, fand er Meister Bonifaz im Gespräch mit einem jungen Husarenoffizier.

»Wo zum Henker kommst du mit einem Langzopf her, Freund Louis?« fragte munter der Husar, der mit dem jungen Mann zugleich die Militärschule durchgemacht hatte und in die Armee getreten war. »Ich habe dich schon den ganzen Abend gesucht, bis mich Jeannon auf die Spur brachte, daß du zu dem künftigen Marschall kommandiert wärest. Ich hoffe doch nicht, daß du Dienst hast?«

»Nur noch kurze Zeit. Ich muß diesen Mann zu seiner Dschonke bringen und Oberst Düvalet aufsuchen!«

» Mordi – das trifft sich gut, denn den finden wir sicher da, wohin ich mit dir ein wenig flanieren wollte. Darf man wissen, was das für ein Langzopf ist?«

»Dienstgeheimnis, Henry.«

»Ah, ich verstehe, ein Spion! Sieh zu, daß du den schlitzäugigen Kerl loswirst und komme bald zurück!«

Meister Bonifaz rückte sehr unruhig auf der Schwelle des Kiosk hin und her. Obschon er den jungen Offizier, der aus einer der besten Familien der munteren Touraine stammte, wohl leiden mochte, kannte er doch sehr gut seinen Leichtsinn und hatte schon mehr als einmal Gelegenheit gehabt, für die Moral seines Zöglings von dieser Gesellschaft zu fürchten.

Als daher Leutnant Clement zurückkehrte und sich anschickte, mit seinem lustigen Freund an das Aufsuchen des Obersten zu gehen, hatte der Alte allerlei Bedenken und gute Lehren und hätte am liebsten die beiden Offiziere begleitet, wenn diese ihn nicht freundlich aber bestimmt bedeutet hätten, daß dies nicht anginge.

Der Lagerplatz der Zuaven war bald erreicht, aber wie Henry de Thérouvigne vorausgesehen, war der Oberst nicht dort, und nach einigem Hin- und Herfragen ermittelten sie, daß er mit einer Gesellschaft Offiziere nach dem Kanal gegangen und wahrscheinlich in einer der dort etablierten Cantinièren oder auf den Dschonken zu finden sein werde.

»Nun, Bruderherz,« lachte der Husar, »jetzt kommst du in das Rayon der leichten Kavallerie, und da bin ich dein Mentor, dem du am besten tust, blindlings zu folgen. Wärst du nicht für einen zwanzigjährigen Offizier und Franzosen albern genug gewesen, die hübschen Chinesinnen auf den Blumenböten zu meiden, so wüßtest du selber Bescheid. Jetzt hat dir alle Tugend nichts genützt, und der Befehl unseres großen coquin liefert dich mir auf Gnade und Ungnade in die Arme.«

»Unsinn, Henry! Du weißt, daß ich kein Kopfhänger bin, aber ich mag diese zu allen Lüsten der Männer sklavisch erniedrigten Weiber nun einmal nicht leiden. Ich bitte dich darum, führe mich so rasch wie möglich dorthin, wo ich den Oberst treffen kann.«

Der Husar, den Säbel unterm Arm, blies sehr philosophisch den Rauch seiner Zigarre in die Nachtluft, indem er mit dem Freunde aus den Zeltgassen des Lagers nach dem Ufer des Kanals bog, von woher der Lärm des lustigen Lebens drang. »Das, Freund Louis, ist in der Tat eine schwere Sache und fordert Überlegung und Erfahrung. Wir wollen daher ganz taktisch zu Werke gehen und unsere Tirailleurs, das heißt unsere Augen und Nasen zunächst einmal in das große Spielzelt des wackeren Mung-Ming, oder wie der langzöpfige kleine Kerl aus Hongkong heißt, stecken, der uns so gewandt unser Geld abnimmt, daß wir bald von allem Anteil der Kontribution nichts mehr übrig haben werden. Ist der würdige Oberst da nicht zu finden, wollen wir zu Mademoiselle Mariette gehen, die den trefflichen schwarzen Wein hat und wenn auch keine Ratten und Eidechsen, die chinesischen Leckerbissen, so doch sibirische Lapins brät. – Aber ich fürchte, mein tugendhafter Freund, wir werden ihn auch da nicht finden!«

»Mach' ein Ende,« sagte halb ärgerlich halb lachend der Offizier. »Ich weiß schon, wo du hinaus willst!«

»Du hast recht, alter Freund, es ist stets das Ende vom Liede und von allem Vergnügen. Und ich versichere dich, keuscher Joseph, der du von alledem nichts wissen und mit Gewalt nicht in unseren süßen geheimen Orden treten willst, – diese Chinesen verstehen den Rummel und sind die raffiniertesten Tugendräuber, die mir je vorgekommen sind!«

Der andere Offizier begnügte sich, ungeduldig die Achsel zu zucken. »Vorwärts, vorwärts!«

Leutnant Henry ließ das Spielzelt und die Kantine der Mademoiselle Mariette, trotz des verlockenden Lärms, der aus beiden klang, unbeachtet liegen und führte den Freund direkt zu dem Ufer, wo in Entfernung von mehreren Metern, aber durch schlanke Rohrbrücken zu erreichen und unter einander verbunden eine Reihe von großen, glänzend mit bunten Papierballons erleuchteten Dschonken lag.

So unbehilflich diese Fahrzeuge im ganzen auch zu regieren sind, so leicht sind sie zu den Zwecken einzurichten, denen sie hier dienten.

Die schon früher erwähnten Blumenböte sind gewissermaßen schwimmende Vergnügungshäuser, welche alle an größeren Kanälen oder Flüssen liegenden Städte oft in Masse besitzen, und wohin sich die reicheren Bewohner öffentlich oder heimlich begeben, um ihren Magen mit all den seltsamen Leckerbissen der chinesischen Küche zu kitzeln, oder in anderer Weise der Sinnenlust zu frönen. Es gibt solche Boote für die verschiedensten Klassen der Müßiggänger und Lüstlinge, und ihre Einrichtung wechselt nach dem Reichtum ihrer Stammgäste.

Der Husarenoffizier schritt gleich über die nächste der fliegenden Brücken mit einer Sicherheit, die auf häufigen Besuch dieser Höhlen des Lasters schließen ließ, ging auf dem schmalen Rand entlang, den die breite mit Zechenden und Schmausenden untergeordneten Ranges besetzte Kajüte an beiden Seiten an Bord übrig ließ, trat in ein zweites und drittes Schiff und blieb erst auf dem vierten der Reihe, vor dem voll grünem und vergoldetem phantastischen Schnitzwerk gebildeten Portal der großen Kajüte stehen, welche den ganzen Raum bis zum Stern des Fahrzeugs einnahm.

Schon der äußere Anblick des Schiffes erinnerte an die Erzählungen in Tausend und Einer Nacht und an die glänzenden Illuminationen, die man in Bombay oder Kairo sieht.

Die Taue und Wanten, welche die beiden Masten des Fahrzeugs untereinander verbanden, glichen Girlanden von bunten Laternen und Ballons, denen die chinesische Geschicklichkeit in diesen Arbeiten oft die barockste Form gegeben. Tiergestalten und Blumenkelche wechselten mit den krassesten Gebilden der Phantasie ab, und neben einer weit geöffneten Rose fletschte das scheußlichste Teufelshaupt die weißen Zähne. Ein brauner Knabe mit einer Handtrommel stand vor dem Eingang und rumorte mit seinem Instrument, während er in näselndem Ton ohne Unterbrechung eine Art von Einladung absang.

Leutnant Henry schob den Vorhang von schwerer roter und mit goldenen Blumen gestickter Seide, welcher den Eingang bildete, zur Seite und schritt seinem Freunde voran.

Sie betraten zunächst einen kleinen von Teppichen und kostbaren Vorhängen gebildeten Vorraum, in dem an einem prachtvollen kleinen runden Tische mit eingelegtem Perlmutt ein dicker Chinese saß. Eine kleine Filigranschale mit Gold- und Silbermünzen gefüllt, stand vor ihnen.

Der Herr des Botes oder Hauses, – denn als solchen erwies ihn sein Gebahren, – erhob sich bei dem Eintritt des jungen Husaren auf das schleunigste, murmelte unter den gewöhnlichen zeremoniösen Verbeugungen seinen Gruß und deutete auf den Teppich, der den Zugang zu dem Raum schloß, indem er die Filigranschale klingen ließ.

Der Husar suchte sich ihm verständlich zu machen, und da der Mann durch seinen Verkehr mit allen seefahrenden Nationen von den meisten gangbaren Sprachen wenigstens einige Redensarten verstand, geschah dies ohne Mühe.

»Nun, Langzopf – frische Ware heute?«

Der Chinese küßte die langen Nägel seiner Finger, »Héu-lang war noch gestern in Lao-tsching Die Altstadt von Peking, wo die eigentlichen Chinesen wohnen, im Gegensatz zu Sin-tsching, der Tartaren- oder Kaiser-Stadt. und hat zehn Müttern ihre zehn Töchter abgekauft für das Vergnügen seiner großmütigen Freunde. Sie singen wie die Buribil Nachtigall. der Barbaren und tanzen wie die Bajaderen der ungläubigen Hindus!« Der Chinese, der einen großen Widerwillen gegen die Bekenner Brahmas bezeigte, versäumte nicht, bei deren Erwähnung verächtlich auszuspucken, ehe er in der Anpreisung seiner Ware fortfuhr. »Sie haben Augen wie die Mandeln und Kinderfüße, und ihre Schenkel sind so dick wie Kissen. Die Sitte der gewaltsamen Verkrüppelung der Mädchenfüße hat hauptsächlich diesen Zweck.

»Genug, genug, würdiger Héu – wir werden ja selbst sehen. Aber kannst du uns sagen, ob Colonel Düvalet in deinem chinesischen Himmel ist?«

»Héu-lang kennt den Namen der Gönner nicht, die ihn besuchen. Sie sind so zahlreich, wie die fetten Heuschrecken, wenn sie über die Gebirge von Abend herkommen.«

»Ein netter Vergleich, in der Tat! Aber ich meine den Offizier mit dem langen schwarzen Bart, der im Vergleich zu dir so dürr und mager ist, wie eine Gazelle zu einem Elefanten!«

»Ah,« machte der Chinese – »Monsieur Colell – mit große Bart. Oui, oui! Ich kenne ihn wohl. Großer Freund von Héu-lang und seinen schönen Töchtern. Wie könnt Munsieur Colell fehlen, wenn der Abend der Hahnenkämpfe sein!«

»Desto besser – ich dachte nicht daran! Da triffst du es gut, Louis, bei deinem Debüt!«

Er wollte den Vorhang heben, aber Herr Héu-lang erlaubte sich, ihn leise am Ärmel zu zupfen und auf die bedeutsame Sammlung von Münzen zu deuten.

»Ah – es ist wahr! Wir müssen Entree zahlen, so gut wie in der grand opéra in Paris. Es ist nichts umsonst in der Welt, lieber Kerl, selbst den Ruhm, ein Franzose zu sein, bezahlen wir mit Steuern und Blut. Aber vielleicht hast du zwei Napoleons bei dir, Freund, denn ich muß dir sagen, ich bin so abgebrannt wie eine Kirchenmaus.«

Leutnant Clement zog seine Börse, deren goldblitzende wohlgefüllte Rundung der Chinese mit sehr lüsternen Blicken betrachtete, und warf zwei Goldstücke auf den Tisch, indem er den Freund zur Eile ermahnte, um seinen Auftrag auszuführen.

»Wenn ein guter Hahnenkampf im Gange,« meinte der Husar, »wird sich General Montauban wohl etwas gedulden müssen. Vorwärts, stürzen wir uns in den Sündenpfuhl.«

Sie traten beide in den Raum, aus dem ihnen schon die ganze Zeit Gelächter, Fluchen, Schwören und Beifallklatschen in die Ohren geklungen hatte.

Obschon Leutnant Clement auf die Szene, die sich seinen Augen bot, durch die Erzählung seiner Kameraden, und das, was er in den Küstenstädten selbst gesehen und erlebt, hatte, vorbereitet war, hatte das Bild durch die wirkliche Pracht der Ausstaffierung doch einen ganz besonderen Reiz.

Die Kajüte oder der Salon nahm, wie bereits erwähnt, die ganze Breite und fast die ganze Länge der ansehnlichen Dschonke ein, bot also hinreichenden Raum für die zahlreiche Gesellschaft, die sich hier zusammengefunden hatte.

Diese bestand aus Offizieren und Armee-Beamten aller Grade und einigen europäischen Kaufleuten und Händlern, welche die Lieferanten machten oder sich in der Hoffnung guter Geschäfte an der Beute der Armee angeschlossen hatten, – und etwa zwanzig chinesischen Frauen von verschiedenstem Alter, darunter offenbar Kinder von zehn bis zwölf Jahren.

Alle diese traurigen Geschöpfe waren in die weiten chinesischen Gewänder von rosa und grünen Seidenstoffen gekleidet, die in einen Knoten aufgebundenen Haare mit Blumen, Korallen und Perlen oder glänzenden Insekten und jenen farbenprächtigen Schmetterlingen besteckt, an denen China so reich ist, die Ohren mit goldenen Ringen, Hals und Arme mit Spangen geschmückt. Emailartig bedeckte die Schminke einen Teil des Gesichts, und die hohen Augenbrauen waren mit einer Schärfe und Schwärze gezogen, daß man auf zehn Schritte weit das Werk des Pinsels erkennen konnte.

Während ein paar der älteren Frauen auf einem kupfernen Becken Tee bereiteten, oder ein berauschendes Getränk von destilliertem Reis, Milch und Zucker herstellten, lagen andere untätig oder rauchend auf den breiten Diwans von Seide umher, die rings um den Salon liefen und nur an zwei Stellen von den schweren Vorhängen unterbrochen wurden, die einander vis-a-vis die Stelle der Zugänge vertraten, wobei der des Hintergrundes mehr als die Hälfte der Breite einnahm. Die Wände waren mit kostbaren Teppichen und gestickten seidenen Tapeten behangen, auf denen mehrere große Spiegel sich abhoben. Den Boden bedeckte eine feine Bastmatte, und in den Ecken standen prächtige große Vasen mit stark riechenden Blumen gefüllt, oder zierliche Möbel mit dem wundervollen Lack und eingelegten Arbeiten geschmückt. Kostbare Pelzmatten, Kissen, Tücher, Schals und einige jener sehr unvollkommenen musikalischen Instrumente, deren sich die sehr wenig ausgebildete chinesische Tonkunst bedient, lagen überall auf den Diwans und dem Fußboden umher und wurden oft unachtsam von dem Tritt der Männer zerquetscht oder beiseite geschoben.

Den bizarrsten Anblick gewährte die Decke des Salons.

Die seltsamsten Dinge, wie sie eben nur der krasse chinesische Geschmack erfinden und zusammenzustellen vermag, hingen von dieser fast bis auf die Köpfe der Bewohner herab, bemalte Eier, getrocknete Eidechsen und Paradiesvögel, Fratzenköpfe von Holz oder Porzellan und tönende Silber- oder Kupferschellen.

Der Rest der Mädchen, jedenfalls der jüngere und hübschere Teil, war in allerlei Stellungen unter die männlichen Gäste gemischt, die sich liegend, sitzend, stehend – wie es jedem beliebte oder jeder Platz gefunden hatte, – fast ohne Ausnahme um eine lange sehr niedere Tafel drängten, welche die Mitte des Gemachs einnahm.

Eben als die beiden Freunde ohne weitere Zeremonie in diesen Raum eintraten, brach die ganze Gesellschaft in ein wütendes Beifallklatschen und Rufen aus. »Bravo, Bravo! Drauf, Schwarzer – gib's ihm – noch einmal Hurra – zehn Napoleons auf den Schwarzen!«

Da die Tafel so niedrig war, konnte Leutnant Clement die ganze erregte Szene übersehen.

Es handelte sich um einen jener Hahnenkämpfe, die bei den Chinesen so beliebt, bei den Japanern und einigen anderen Volksstämmen wahre Leidenschaft sind.

Zwei Chinesen, die Züchter und Besitzer der Tiere, von denen jeder zwei oder drei in einem Sack neben sich hatte, knieten zu beiden Seiten des Tisches und feuerten mit Gestikulationen und einem Eifer die Vögel an, der nicht größer hätte sein können, wenn es einen Kampf zwischen zwei tapferen Kriegern gegolten hätte. Ein solcher Wettkampf mußte bereits stattgefunden haben, denn die Tischplatte war mit Federn und Blutflecken bedeckt, und aus dem Sack, den der eine der beiden Chinesen unterm Arm trug, hing der zerzauste Kopf eines toten Hahnes.

Die beiden Vögel, die eben im Begriff waren, einander zu massakrieren, waren malayische Kampfhähne von der schönsten Art und deshalb die Aufmerksamkeit und Teilnahme eine sehr rege. Der eine Hahn war groß und kräftig und von einer so schön schwarzen Farbe, daß das Licht der Papier-Laternen in grün und blauen Metallreflexen von den Federn strahlte, wenn dieselben nicht, wie eben jetzt, hoch gesträubt waren. Der Vogel war ein überaus kräftiges Tier von gedrungenem Bau mit einem prächtigen Schweif und hatte an seinem bis auf die Klaue mit langen Federn bedeckten rechten Fuß einen wohl 4 Zoll langen, wie ein Rasiermesser geschliffenen Sporn befestigt.

Sein Gegner, kleiner und kürzer als der Schwarze, aber ebenso kräftig gebaut, zeigte im Gegenteil eine weiße, nur leicht an der breiten Halskrause und den Flügeln mit gelben Schatten gemischte Farbe, wogegen sein hochgetragener Schweif vom schönsten Weiß war. Einige Tropfen Blut, die von seinem Kamm am Hals herunterliefen und den roten Behang gleichsam zu verlängern schienen, bewiesen, daß er soeben von seinem Gegner hart getroffen worden war.

Das kleine mutige Tier schien dadurch jedoch nichts von seiner Herzhaftigkeit verloren zu haben. Den Schnabel fast auf die Platte des Tisches gedrückt, mit seinen schwarzen Augen jede Bewegung des Gegners verfolgend, schien es einen günstigen Moment zur Rächung seiner Niederlage zu erspähen.

»Zehn Napoleons auf den Schwarzen!« rief eine Baßstimme. »Wer hält sie?«

»Zwanzig für den Weißen!«

»Leichtsinniger Mensch,« lachte der Colonel mit dem langen Schnauzbart, »ich hätte mir's denken können, daß Sie es sind! Aber da Sie es denn nicht anders haben wollen – Dreißig für den Schwarzen!«

»Fünfzig für das Banner der Lilien!«

Es war, als ob die beiden gefiederten Kämpfer auf den Abschluß der Wette förmlich gewartet hätten, denn sie war kaum geschlossen, als sich der größere Hahn im Gefühl seiner Kraft mit einem Sprung auf seinen Gegner stürzte, um ihn unter seine bewaffnete Klaue zu bringen und die scharfe Spitze ihm in den Kopf zu stoßen.

Aber mit fast wunderbarem Instinkt hob sein kleinerer Gegner, statt dem Sprunge auszuweichen, Hals und Kopf in die Höhe, während der Körper geduckt blieb, und empfing mit dem starken, dicken Schnabel voll die Brust des Gegners, der verwundet und kreischend zurücktaumelte.

Diesen Augenblick benutzte auf einen Pfiff seines Herrn, der mit ängstlichen Blicken den Angriff des stärkeren Gegners belauert hatte, der weiße Hahn, um sich seinerseits auf den Feind zu werfen, den er so gewandt und heftig mit Schnabelstößen und Spornschlägen angriff, daß sich dieser nur mit ängstlichem Flügelschlagen wehren konnte. Der erschrockene Chinese, der die Niederlage seines geliebten Tieres voraussah, wollte, um es zu retten, es zurückziehen, indem er sich für besiegt erklärte, aber der Oberst, ein leidenschaftlicher Wetter und Spieler, gab dem armen Langzopf einen derben Schlag auf die schon ausgestreckte Hand und erklärte mit einem Fluch, daß der Schurke von Hahn fechten oder sterben solle.

Die Sache war übrigens jetzt rasch entschieden. Obschon der Weiße gleichfalls nicht ohne Wunden fortgekommen war, gelang es ihm doch, auf seinen ermatteten Gegner zu springen. In dieser Stellung versetzte er ihm Hiebe mit seinem scharfen Sporn in den Hals und Kopf und ruhte nicht, bis der Feind tot unter seinen Füßen lag. Dann stieß er wie im Siegesgefühl mit den Flügeln schlagend ein lautes Krähen aus, und fiel taumelnd seinem Herrn in die Hände, der sich bald mit ihm entfernte.

Der Sieg war zweifellos, und der Zuaven-Colonel holte seine Brieftasche hervor, um seine Wetten zu bezahlen.

»Hol' Sie der Teufel, Leutnant, – was brauchen Sie hierher zu kommen, um mir mein Geld abzunehmen? Aber ich werde Sie Milchbart dem General en chef denunzieren, daß Sie für die bourbonische Kokarde Propaganda machen!«

Der Husarenleutnant strich lachend das Geld ein. »Sie vergessen, Colonel, daß General Montauban seinerzeit selber ein Legitimist gewesen ist. Aber das erinnert mich daran, daß wir eigentlich hierher gekommen sind, um Sie aufzusuchen, da mein Freund eine Order an Sie hat.«

»Für mich?«

»Zu Diensten, Colonel. Der General läßt Sie ersuchen, sofort sich zu ihm zu begeben.«

» Mille tonnerre – hat man denn keinen Augenblick Ruhe! – In zehn Minuten wird uns der habgierige Schuft Héu-Tsing seine Theater-Vorstellung zum besten geben, und die kann ich um keinen Preis versäumen. Die Weibsleute mit ihrem watschelnden Gange in dem Kostüm, wogegen Mutter Eva mit dem Feigenblatt eine wahre Nonnentracht abgibt, nehmen sich gar zu komisch aus! Was will der General von mir?«

»Ich weiß nicht, Colonel – ich befolge meine Order, Sie überall aufzusuchen und sofort zu ihm zu bescheiden.«

»Also Dienst?«

Der Zuave stieß einen mörderlichen Fluch aus und schnallte seinen Säbel um. »Da ist nicht zu helfen,« sagte er, »aber die Regiments-Kommandeure sollten doch wenigstens Herr ihrer Zeit sein. Der dicke Halunke Héu soll mir beim Henker die Hälfte des Entrees wiedergeben, oder die Mädels sollen vor mir allein spielen, wenn ich zurückkomme!«

Damit ging er, nachdem er einer und der anderen der Dirnen noch in sehr ungenierter Weise seine Gunst bezeigt hatte. Leutnant Clement wollte ihn begleiten, aber der Husar hielt ihn fast mit Gewalt zurück.

»Pfui, Louis – schäme dich, ein Davonläufer zu sein. Du bleibst hier, denn jetzt geht der Rummel erst los, und Geld hab' ich in der Tasche. Ich könnte 50 andere Napoleons bloß für den Spaß geben, daß ich die ersten dem geldgierigen Fuchs abgeluchst habe! – Heda – Champagner, ihr Dirnen. Ihr sollt mittrinken!«

Mehrere der Frauenzimmer waren hinter dem Teppich, welcher den Hintergrund der Kajüte einnahm, bereits verschwunden, und andere hatten sich auf Kissen vor diesem niedergelassen und begannen einen Gesang, den sie mit Triangel und einer Art Geige nebst einer kleinen Handtrommel begleiteten. Aber Meister Héu-Tsing hatte die Bestellung wohl vernommen, und da kein Entree mehr zu erwarten war, erschien er selbst, unter jedem Arm zwei der silberbekopften Flaschen, von denen er genügenden Vorrat auf den Faktoreien eingehandelt hatte.

Trotz seines Widerwillens mußte der junge Ordonnanz-Offizier an dem beginnenden Gelage teilnehmen, wenn er sich nicht dem Spott seiner Kameraden oder offenbaren Verhöhnungen und Beleidigungen aussetzen wollte, denn Leutnant Henry war boshaft genug, sofort zu erzählen, daß sein Freund durch keine Dienstgeschäfte mehr für den Abend gebunden sei.

Die Gesellschaft hatte sich in mehrere Gruppen geteilt, die sich in sehr saloppen Stellungen trinkend umherlagerten und ungeduldig des Beginns der Schaustellung harrten, die an solchen Abenden und Orten gewöhnlich den Gipfel des Amüsements bildete, oder vielmehr die Fortsetzung desselben zur abscheulichsten Orgie veranlaßte.

Ein dröhnender Schlag auf das Tamtam verkündete endlich den Beginn des Schauspiels, das nach der Ankündigung des Herrn Héu-Tsing

Die Prinzessin Miaho
oder
Der von seinem Harem betrogene und geprügelte Mandarin vom weißen Knopf

hieß.

Es ist bekannt, daß die Chinesen nicht bloß sehr gewandte Akrobaten, sondern auch große Freunde des Theaters sind. Peking wimmelt von Theatern, auf denen Rühr- und Schauspiele, ja selbst eine Art von Opern dargestellt werden, die oft mehrere Tage dauern. Dabei ist neben aller sonstigen strengen Herrschaft der Polizei die Freiheit dieser Darstellungen merkwürdig; denn es werden in ihnen die Mandarinen und Würdenträger des Reichs die üble Wirtschaft und Bestechlichkeit der Regierung, ja die Person und persönlichen Angelegenheiten des Herrschers in einer Weise verhöhnt und bloßgestellt, daß selbst die zügelloseste Winkelbühne in den Themsegassen davor zurückschrecken würde.

Aber in all diesen öffentlichen Theatern spielen nur Männer, und die Weiberrollen werden höchstens von Kastraten dargestellt, deren es in China eine große Menge gibt, da die Eltern sich so wenig scheuen, die Kinder weiblichen Geschlechts zu ersäufen und den Hunden und Schakals zur Beute auszusetzen oder die erwachsenen zur Befriedigung der Lüste zu verkaufen, – wie Knaben um künftigen Gewinns halber zu entmannen.

Das Schauspiel, das in dem schwimmenden Lusthaus der liederlichen und lüsternen Gesellschaft der Besucher zum besten gegeben wurde, war anderer Art. Es wird genügen, zu sagen, daß die Darsteller nur weiblichen Geschlechts waren und der würdige Oberst das Kostüm dabei mit voller Wahrheit bezeichnet hatte. Es ist eine Tatsache, daß keine Nation den Chinesen in dem Raffinement der Wollust gleichkommt, und als jetzt beim dritten Schlag des Tamtams der Vorhang des Hintergrundes sich öffnete und eine kleine wohlbeleuchtete Bühne zeigte, waren schon die ersten Szenen so abscheulicher Art, daß wir auf jede weitere Andeutung derselben verzichten müssen!

Schon bei der ersten Szene, die den Mandarin vom weißen Knopf inmitten seiner Frauen und Sklavinnen zeigte, hatte Leutnant Clement die Flucht ergriffen, die er glücklich vollführen konnte, da er sich in die Nähe des Ausganges postiert hatte und die meisten Lichter im Innern des Salons ausgelöscht worden waren.

Einigermaßen aufgeregt von dem Champagner, den er hastig hatte trinken müssen, und den Bildern, die er eben gesehen, – trat der junge Offizier hinaus in die Nacht und nahm seinen Weg über mehrere Schiffe hinweg, ohne viel auf die Richtung zu achten, und den gesuchten Übergang zum Ufer zu finden. Die kühlere Nachtluft tat ihm wohl, und erst als er den Bord einer Dschonke betrat, die als die letzte der Reihe ziemlich weit in das Wasser hinausstand, bemerkte er, daß er eine falsche Richtung genommen hatte. Er konnte jedoch von dem Bord, auf dem er stand, und der nur durch zwei gewöhnliche Schiffslaternen erleuchtet war, das ihm gegenüberliegende Ufer, die Biwakfeuer der Soldaten und die Gestalten derselben deutlich erkennen, und er bemerkte, daß er sich gerade vor dem Garten befand, in dessen Pavillon der kommandierende General sein Hauptquartier aufgeschlagen hatte.

Er blieb einige Augenblicke stehen im Genuß der frischen Luft, die über die Fläche des Wassers strich und sein Gesicht wohltätig kühlte, und wollte dann seinen Rückweg und aus den näherliegenden Dschonken einen Übergang zum Ufer suchen, als der Ton eines jener zitherartigen Instrumente an sein Ohr schlug, womit allein die chinesischen Frauen ihre einfachen, aus wenigen Noten bestehenden Gesänge zu begleiten verstehen, und eine Stimme sich dazu hören ließ, die trotz der monotonen Melodie einen in diesem Lande ihm ungewohnten silberhellen und angenehmen Klang hatte.

Der junge Mann lauschte aufmerksam einige Zeit dem wirklich lieblichen Gesang, der, wie er bemerkte, aus der Kajüte im hohen Hinterdeck der Dschonke kommen mußte, und wollte sich eben vorsichtig derselben nähern, um womöglich durch die Jalousien einen Blick auf die Sängerin zu tun, als ihm die Muhe erspart wurde.

Eine Stimme aus dem Dunkel hinter ihm redete ihn in demütigem Ton und in englischer Sprache an. »Tsin-Yang freut sich, die rechte Hand des großen Kriegers bei sich zu sehen, der selbst den unbesiegbaren Soldaten des Lichtes der Welt Stillstand geboten. Welche Befehle hat der General der Franken noch für seinen Diener?«

Umschauend erkannte der junge Offizier in dem Schein der nahen Laterne den Oberaufseher des Sommerpalastes, mit dem er noch vor kaum einer Stunde über den Verrat seines Herrn unterhandelt hatte. Seine Meinung von dem kaiserlichen Beamten war ziemlich gering, und er antwortete daher nicht sehr freundlich, er habe ihm keine weiteren Nachrichten zu bringen, sondern sei ohne Wissen seines Generals hier und bloß durch Zufall auf die Dschonke geraten. Zugleich ersuchte er ihn, ihm den nächsten Übergang nach dem Ufer zu zeigen.

Der Chinese war aber infolge dieser Mitteilung noch zeremoniöser und demütiger als vorher.

»Tsin-Yang freut sich, den jungen Krieger wieder zu sehen, der sich als seinen Freund gezeigt und ein sehr ehrlicher Mann ist. Er liebt die schwarzhaarigen Barbaren mehr als die mit roten Haaren, wenn er auch deren Sprache redet. Mein tapferer Freund möge es nicht verschmähen, bei Tsin-Yang einzutreten, der ein Mandarin ist, und aus der Hand seiner Tochter eine Schale des göttlichen Trankes einzunehmen, den sonst nur die Sonne des Weltalls und seine Familie genießt.«

Der Offizier wollte anfänglich die Einladung ablehnen, aber eine gewisse Neugier, die Sängerin mit der lieblichen Stimme zu sehen, bewog ihn endlich, einzuwilligen.

Der Chinese klopfte an die Tür, die zu der Kajüte führte, hob den inneren Vorhang und führte seinen Gast in das Gemach.

Es unterschied sich in seiner Ausstattung keineswegs von dem Aussehen ähnlicher Räume der gewöhnlichen Handelsdschonken, und war nicht sehr sauber und zierlich, so daß der junge Offizier wohl merkte, daß sein Gastfreund zu dem verräterischen und etwas gefährlichen Wege sich des Inkognitos eines der gewöhnlichen Boote bedient hatte, die zahllos die Kanäle und den Fluß in der Nähe von Peking kreuzen. Dagegen hing von der Decke der Kajüte eine kostbare Lampe in silbernen Ketten, die einen besonderen Wohlgeruch verbreitete, und auf dem niederen Tisch stand ein Kohlenbecken und das Gerät zur Teebereitung von dem gleichen kostbaren Metall.

Auf dem mit einem feinen Teppich belegten Bambus-Diwan im Hintergrund der Kajüte lag ein junges chinesisches Mädchen, noch das Instrument in der Hand, mit dem sie ihren Gesang begleitet hatte. Sie war ganz in grüne Gewänder gekleidet, und das geflochtene und am Hinterkopf zusammengebundene und mit Nadeln und Blumen besteckte Haar zeigte sie als unvermählt.

Das Gesicht hatte die tatarische Form, die breiteren Backenknochen und das kleine, zierliche Kinn unter vollen, üppig aufgeworfenen Lippen. Auch die Augen hatten jene Winkelstellung, die so eigentümlich die mongolische Rasse charakterisiert, aber sie waren schön geschnitten, von glänzend brauner Farbe und entbehrten den in China seltenen Schmuck der Wimpern nicht, während die starken, schwarzen Brauen fast spitz über der Wurzel der kleinen, aber nicht unschönen Nase zusammenliefen. Kurzum, die junge Chinesin war sicher eines der hübschesten Bilder ihrer Rasse.

Dies alles und noch verschiedene andere Schönheiten, wie die überaus kleine Hand, die langen, rosenrot gefärbten Nägel und den vollen und doch geschmeidigen Wuchs des jungen Mädchens bemerkte Leutnant Clement zwar nicht auf den ersten Blick, sondern erst, als er auf die Einladung des Mandarinen sich an der Seite der Schönen niedergelassen hatte, aber er hatte mit diesem ersten Blick doch erkannt, daß er hier keineswegs, wie er anfangs gefürchtet, eine jener geschminkten Buhldirnen vor sich hatte, die er eben in dem Pavillon des würdigen Herrn Héu-Tsin verlassen.

Die schöne Tank-ki, die denselben Namen führte, wie jene berüchtigte Geliebte des Kaisers Scheusin, die so furchtbare Strafen erfand und so schamlose Orgien feiern ließ, bis das empörte Volk den grausamen Herrscher zwang, sich mit all seinen Edelsteinen im eigenen Palaste zu verbrennen und sie selbst hinrichtete, Im Jahre 1122 v. Chr. – sah anfangs mit Erstaunen auf den europäischen Gast, den der Vater ihr zuführte; denn obschon den Chinesen ihre Religion und Gesetz nicht gerade verbietet gleich den mohammedanischen Orientalen, die Frauen anderen Männeraugen auszusetzen, als denen der Gatten, Herren oder Brüder, so halten die vornehmeren Chinesen doch meist ihre Frauen und Töchter in den Frauengemächern ihrer Häuser abgesondert, und nur die Weiber der unteren Stände gehen frei und unverhüllt ihren Geschäften und meist sehr schweren Arbeiten nach.

Auf einige Worte ihres Vaters in chinesischer Sprache erhob sich das Mädchen jedoch und begrüßte zeremoniell den Fremden, zu dessen Erstaunen in französischer Sprache.

»Tank-ki,« erläuterte der Mandarin, »ist eine Gelehrte. Eine Frau aus dem Lande der Franken, die an der Küste Korea Schiffbruch gelitten und die ich als Sklavin von den Piraten kaufte, hat in ihrer Kindheit etwas von deiner Sprache gelernt, tapferer Scheupy. Hauptmann. Ich hoffe, du wirst ihrer Unerfahrenheit verzeihen, wenn sie dich nur mangelhaft unterhält.«

Darauf folgte wiederum eine kurze Unterredung mit dem Mädchen in chinesischer Sprache, und dieselbe schien von einem Befehl begleitet, gegen den die schöne Tank-ki Einwendungen erhob. Der junge Offizier sah das Mädchen hoch erröten und verschiedene Male halb ängstliche, halb unwillige Blicke auf ihn richten, – zuletzt aber schien sie sich zu fügen, denn die Gewalt der Eltern über die Kinder ist in China überaus groß, und der Ungehorsam wird selbst von dem äußeren Gesetz aufs strengste bestraft. Tank-ki erhob sich, und der Franzose konnte, ehe sie hinter dem Teppich eines zweiten Ausgangs verschwand, bemerken, daß ihre Füße zierlich und klein, aber keineswegs so widrig verkrüppelt waren, wie das gewöhnlich bei den Frauen der höheren Stände durch das Einschnüren von Kindheit auf der Fall ist.

Während der Abwesenheit des Mädchens versuchte der Chinese durch allerlei schlaue Fragen den jungen Mann zu Mitteilungen zu veranlassen über seine Stellung und seinen Einfluß bei dem General, über den Charakter desselben, und ob er auch der Mann sei, das gegebene schriftliche Versprechen zu halten, und schon wollte der Offizier, gelangweilt und angewidert von der behaglichen, fast prahlerischen Weise, mit welcher der Chinese von seiner Verräterei sprach, die Schiffskajüte wieder verlassen, indem er ziemlich unverhohlen seine Verachtung zeigte, als das junge Mädchen wieder erschien, auf einem zierlichen Lackbrett eine Tasse duftenden Tees, und einen Becher warmen Weins nebst allerlei Konfitüren tragend.

Sie näherte sich damit dem jungen Offizier und bot ihm das Brett zur Auswahl.

Es lag bei dieser einfachen Verrichtung eine gewisse Ängstlichkeit in den Bewegungen des jungen Mädchens, ihr braunes, mandelförmiges Auge senkte sich und ihre Hand bebte, als Leutnant Louis die Tasse mit dem Tee nahm.

»Er ist von dem Baume, der allein in den Gärten des Palastes wächst und dessen Knospen nur alle zwei Jahre gepflückt werden, die Seele des Vaters des Himmels Bogdo Khan, der mongolische Titel des Kaisers. zu stärken.«

Trotz dieser Versicherung fand der Offizier, daß der sonst sehr aromatische Tee einen unangenehmen süßlichen Beigeschmack hatte. Um jedoch das junge Mädchen nicht zu verletzen, leerte er die Tasse.

Ein eigentümlicher Blitz zuckte aus den Schlitzaugen des Chinesen, und er gab seiner Tochter einen bedeutsamen Wink, worauf sie sich wieder auf dem Diwan an der Seite des Offiziers niederließ.

Der Chinese begann aufs neue seine Fragen.

»Unser junger Freund kennt die Namen von Tank-ki und ihrem Erzeuger. Aber sie kennen den seinen nicht?«

»Er ist noch ziemlich unbedeutend, doch hoffe ich, daß er einst mit Ehren genannt werden wird. Ich heiße Louis Clement, Leutnant im 48. Linien-Regiment, und bin Ordonnanz-Offizier im Stabe des Generals Montauban.«

»Tsin-Yang hofft seinen Freund noch als Thitu General. zu begrüßen. Der Tsiang-kiun General en chef. ist ein sehr tapferer Krieger. Die Krieger der acht Fahnen Die chinesische Armee ist in acht Fahnen mit verschiedenen Farben eingeteilt. sind wie Schnee an der Sonne vor seinem mächtigen Schwerte zerstäubt. Mein junger Freund hat Einfluß bei ihm. Warum sollte er den Tsiang-kiun nicht bewegen, statt mit der Perle des Reichs Jung-ming-jun, der Sommerpalast des Kaisers. sich zu begnügen, die Wohnung der Sonne selbst zu nehmen?«

»Ich verstehe deine Meinung nicht, Herr Tsin-Yang.«

Das Auge des Mandarinen funkelte hochmütig.

»Der junge Scheupy der Franken hat Tsin-Yang einen Verräter gescholten – ich habe es wohl bemerkt. Er weiß es wahrscheinlich nicht oder hat es vergessen, daß sein Freund kein Mandschu ist. Tsin-Yang ist ein Mitglied der himmlisch-irdischen Gesellschaft, Tian-ti-hui, die ihren Ursprung bis ins 3. Jahrhundert vor Christo zurückführt, und für den Sturz der jetzigen Mandschu-Dynastie (seit 1644) agitiert. und er hat die Probe der Schwerter bestanden.«

»Ich habe gehört,« bemerkte der junge Mann, »daß eine geheime Gesellschaft dieses Namens bei Euch bestehen soll, aber ich kenne ihren Zweck nicht.«

»Welchen anderen Zweck kann sie haben, als den großen Himmelssohn Tiente gegen Hien-fong, Der damalige Kaiser aus der Mandschu-Dynastie. der sich die Fülle des Glücks nennt, zu verteidigen und ihn auf den Thron seiner Väter zu setzen.«

»Du meinst also den Umsturz des Reichs, die Verbindung mit den Rebellen, welche den Kaiser von China in den letzten Jahren stark bedroht haben?«

»Die echten Tschingis werden die Herren des Weltalls sein. Wenn der Tsiang-kiun der Franken mit dem schwarzen Haar helfen will, Peking seinem rechtmäßigen Herrn zu überliefern, sollten die Schätze, die er in Jung-ming-jun finden wird, nur Staub sein gegen das, was er erhalten wird!«

»Um Himmels willen,« meinte lachend der Leutnant, der eine merkwürdige Erregung, ein gewisses Freiwerden seines Denkens und Fühlens zu empfinden begann, »lasse den Vorschlag nicht General Montauban hören, er könnte mit beiden Händen zugreifen.«

»So will mein junger Freund es ihm vorschlagen und ihn bewegen, den Usurpator von seinem Thron zu stürzen?«

»Der Himmel bewahre mich vor solcher Schurkerei,« sagte der Franzose, seine Gedanken zusammenraffend. »Wir führen mit dem Kaiser von China Krieg, ich weiß zwar nicht ganz genau, weswegen. Aber es ist ein offener Krieg, und wir haben nichts mit Rebellen zu tun. Rebellion, würdiger Tsin-Yang, ist immer ein schlechtes Ding, und ich mag als ehrlicher Soldat nichts mit solchen Intrigen zu schaffen haben. Laß mich bei solchen Vorschlägen und Plänen aus dem Spiel und gestatte lieber, daß deine hübsche Tochter noch einmal das Lied singt, das ich vorhin belauschen konnte.«

»Tank-ki mag singen, Weiber taugen zu nichts anderem,« sagte der Chinese kühl auf diese Zurückweisung, deren Aufrichtigkeit er nicht bezweifeln konnte. »Ich will dafür sorgen, daß die Dschonke näher ans Ufer gelegt wird, damit du deine Freunde erreichen kannst!«

Er sprach noch einige gebieterische Worte zu dem jungen Mädchen, dann verließ er die Kajüte.

Der Offizier befand sich allein mit der hübschen Chinesin.

Leutnant Clement hatte anfangs dem Mandarin auf das Deck folgen wollen, aber es kam ihm vor, als hielte es ihn mit unsichtbaren Banden und Ketten an seinem Platze fest.

Er fühlte, daß ein gewisses Wohlbehagen durch seine Adern schlich, und er litt es geduldig, als das Mädchen ihm die Spitze einer Pfeife mit wohlriechendem Tabak zwischen die Lippen steckte.

Aber er tat nur wenige Züge, dann entglitt die Pfeife seiner Hand und seinem Mund.

Er wollte sprechen, und er vermochte es nicht.

Er wollte sich seiner Pflichten erinnern, aber er fand keine Gedanken.

Es war ihm, als umgebe, umschaukle ihn eine sanfte, leise Bewegung, als wäre er allein mit Tank-ki auf der Welt und würde mit ihr fortgetragen.

Eine Art Schleier umflorte seinen Blick, und durch diesen Schleier sah er das Mädchen, das zu seinen Füßen kniete. Ihr schönes schwarzes Haar war aufgelöst und floß lang am Boden hin, als Zeichen, daß sie keine Jungfrau mehr sein sollte. Ihr roter Mund war geöffnet und atmete den Duft der Liebe, – ihre braunen Augen hingen mit Entzücken an ihm, und als er die Hand ausstreckte und sie an ihrem schönen weißen Halse heruntergleiten ließ, sanken die Hüllen von ihrem weichen Busen, und ihre nackten Arme umfaßten ihn.

Dann kamen ihm für einen Augenblick jene wüsten wilden Bilder, die er in dem Schiff der Schauspieler gesehen und entflammten sein Blut, aber sie wichen, wie das nächtige Sturmgewölk vor sanftgeröteten Morgenwolken – ein unaussprechlich süßes Gefühl sanfter Wollust überkam ihn – weit, weit in der Ferne hörte er den Klang seiner Schlachttrompeten und das Rasseln der Alarmtrommeln – und selig, zugleich träumerisch und wachend, hoffend und fühlend, erregt und glücklich, sank er auf die Kissen nieder, die das chinesische Mädchen zu seinen Füßen gebreitet, wo ihr süßer Leib ihn erwartete, und sein Mund trank Seligkeit aus dem warmen ewigen Bronnen des Lebens. – – – – – – – – – – –


Die Trommeln rasselten Alarm durch das Lager – die Trompeten der Husaren schmetterten ihre Fanfaren.

Es war, als ob die unvernünftigen Tiere selbst es verstanden hätten, so willig ließen sie von ihren Leinen sich lösen, ließen sich satteln, und drängten selbst in die Reihen, wohin sie gehörten.

Den Arm des Leutnants Henry von Thérouvigne faßte eine sehnige Hand.

»Leutnant Louis – wo haben Sie Leutnant Louis gelassen?«

»Zum Henker, alter Narr, ist er mein Ammenkind? Such' ihn bei seinem Regiment oder am Stab des Generals Montauban.«

»Aber ich finde ihn nirgends, er ist nicht dort – und mit Ihnen ging er fort.«

»Das beweist noch nicht, daß er bei mir geblieben, und er ist alt und eigensinnig genug, um seinen eigenen Weg zu gehen. Auf dem Flower-boat des Chinesen Héu-Tsing verließ er mich vor zwei Stunden. Aber der Spektakel, den dieser vertrakte Colonel Düvalet macht, wird ihn wohl wecken. Grüß ihn von mir und kommt den Zuaven und Husaren bald nach mit dem Stab!«

Der Leutnant machte sich frei und schwang sich in den Sattel, noch mit wüstem Kopf und erschlafften Gliedern. Aber der Dienst rief, und durch die Reihen ging ein belebendes Flüstern:

»Nach Peking!«

An dem Ufer des Kanals, zwischen den Buden der chinesischen Händler, zwischen dem Zeltlager der Soldaten irrte der Avignote umher. »Leutnant Louis! – Habt ihr Leutnant Louis Clement nicht gesehen vom Achtundvierzigsten? – Heilige Mutter Gottes von Vauclüse – morgen ist sein zwanzigster Geburtstag und ich finde ihn nicht!«

Die Tambours schwiegen, die Trompeten bliesen nicht mehr – Vedetten sprengten auf dem Wege voran – die Reihen ordneten sich, die Hände fühlten gierig, ob Raum in den weiten Taschen und Tornistern sei für goldene Beute, welche die funkelnden Augen hofften, und von Mund zu Mund flüsterte es gierig: »Nach Peking! Wir kommen den Engländern zuvor.«

»Hurra, General Montauban, unser Held von Palikao!«

»Marsch! Marsch!«


Wilde Phantasien durchtobten das Hirn des jungen Offiziers, ohne daß er sich davon loszureißen und sie zu sichten vermochte. Bald war es ihm, als hörte er das Toben der Schlacht um sich her und den Siegesruf seiner Kameraden, bald wieder Töne, die der Hölle entstiegen schienen, ein donnerndes Brüllen, Rasseln der Ketten, ein schrilles Miauen und Grunzen und Schnauben um sich her und dazwischen ein tolles Jauchzen menschlicher Stimmen.

Es mußten viele Stunden vergangen sein, ehe er zum Bewußtsein kam und die schweren Augenlider öffnete.

Seltsam – um ihn war es Nacht, und doch wieder hell, denn von Zeit zu Zeit leuchtete es wie Blitze, wie Feuer oder Fackelschein über ihm.

Dazu war der Lärm, die Stimmen, die er im Traume gehört, in die Wirklichkeit übergegangen.

Der junge Offizier glaubte anfangs fortzuträumen – erst nach und nach fand er das Bewußtsein, die Erinnerung, das Vermögen, zu denken.

Aber wo war er – was war mit ihm vorgegangen?

Die Zunge klebte trocken am Gaumen, der nach einem Trunk kühlen, frischen Wassers lechzte. Er fühlte, daß er noch immer nicht ganz Herr seiner Besinnung war.

Und was um ihn her vorging, schien keineswegs geeignet, die Klarheit seiner Gedanken herzustellen.

Zuerst: wie war er hierhergekommen?

Er erinnerte sich des Chinesen Tsing-Yang, – der wüsten Bilder und Szenen auf dem Blumenboot, – dann des Empfangs auf der Dschonke – seines Eintritts in die Kajüte – der jungen Tank-ki, deren Bild ihm die Röte der Scham auf die Wangen rief.

Was war geschehen – wie kam er hierher?

Vor allem: wo war er?

Es war finster um ihn her, aber das Auge gewöhnte sich an diese Dunkelheit und unterschied nach und nach in dem Leuchten, das über die Höhe her oft in seine Tiefe drang, die nächsten Umgebungen.

Es schien ihm, als befinde er sich in einem tiefen Turm mit hohen, glatten Mauern ringsum. Ein Dach wölbte sich über die etwa 5-6 Schritt im Durchmesser haltende Rundung, und durch eine Öffnung drang jener rätselhafte, hin und wieder aufflackernde Lichtschimmer und der Lärm, in dem er die gewohnten Töne und Stimmen der Kameraden zu erkennen glaubte.

Der Ort, wo er sich befand, war – wie er durch das Gefühl und Gesicht ermittelt, – eine runde Tiefe, der Boden mit Quadern gepflastert. Um ihn her stiegen die Wände etwa 18-20 Fuß in die Höhe. Die Wände waren gleichfalls von Stein, feucht und glatt. Wie er bei weiteren Nachforschungen entdeckte, lief in mehr als Manneshöhe ein steinerner, schmaler Vorsprung rings um das Innere des Turmes.

Ein eigentümlicher, scharfer Geruch herrschte in dem verschlossenen Raum.

Wir haben bereits gesagt, daß der Lärm, den er im Traum zu hören geglaubt, fortdauerte.

Der junge Offizier konnte deutlich, wenn auch in einiger Entfernung, Stimmen hören, die tobten, lachten, fluchten oder stritten und die Laute, die er vernahm, waren unzweifelhaft französisch. Von Zeit zu Zeit knallte sogar ein Schuß.

Dann erhob sich in unmittelbarer Nähe um ihn her jenes furchtbare Brüllen, Schnauben, Zischen und Stampfen, das ihn früher beunruhigt hatte. Ketten und Eisen, als würden sie wild bewegt, klirrten, und Schnauben und Brummen dicht neben ihm ließ ihn schaudernd den Platz wechseln.

Dies konnte er, wie er erst jetzt merkte, ungehindert tun, denn er fand sich im freien Gebrauch seiner Glieder, soweit der Raum umher es gestattete, ja, als er versuchte, seine Stimme zu erheben, vernahm er deren Klang, nur gedämpft und gebrochen, durch den eingeschlossenen Raum.

Aber sein Ruf schien wie ein Echo nur jenes Schnauben, Rasen und Brüllen zu vermehren, das um ihn her tobte und auch die höchsten Anstrengungen seiner Lunge übertäubte, und er empfand, daß es unmöglich sein würde, sich dahindurch hörbar zu machen.

Aber indem er emporblickte, sah er, daß an mehreren Stellen feurige, leuchtende Augen auf ihn gerichtet waren, Augen, die funkelten wie grüne und rote Steine und ihn unheimlich betrachteten.

Er rief wieder, er verlangte zu wissen, wo er sei, er schalt und drohte …

Aber da brach der Höllenlärm aufs neue und verstärkt los – es rasselte um ihn her und kratzte und rüttelte wie an Eisenplatten, und rannte und stampfte gegen die Mauern, bis ihm die noch nicht gefestigten Sinne aufs neue sich verwirrten und schwanden und er wieder betäubt, träumend, bewußtlos auf die Fließen seines Kerkers niedersank.


General Cousin de Montauban hatte mit dem Colonel der Zuaven eine lange Unterredung gehalten. Dieselbe schien den letzteren über den Verlust seiner fünfzig Napoleondors und des amüsanten Schauspiels auf dem Flower-boat des Chinesen Héun vollständig befriedigt zu haben, denn als er das Gemach des Generals en chef verließ, machte er ein sehr vergnügtes Gesicht. Die beiden Ehrenmänner Ratten einander vollständig verstanden.

Der Oberst hatte kaum den Lagerplatz seines Regiments erreicht, als vom Hauptquartier her die Alarmierung des Lagers erfolgte. Die Trommeln wirbelten, die Trompeten bliesen, und ehe eine Stunde verging, stand die kleine Armee unter Waffen.

Niemand wußte anfangs, was der Alarm zu bedeuten hatte, da von einem Überfall der Feinde nichts zu sehen und zu hören war, bis sich das Gerücht verbreitete, es gelte einen Angriff auf Peking selbst.

So wahnwitzig der Gedanke auch jedem Vernünftigen bei einem Blick auf die alliierten Streitkräfte und die Tatsache, daß das geschlagene Heer der Chinesen hinter einer Stadt von mehr als einer Million Einwohnern stand, scheinen mußte, erregte er doch allgemeine Freude. Es ist eben nichts so toll und unsinnig, daß es nicht die Sympathien dieser Nation im ersten Augenblick für sich hätte, wenn es nur ihrer Eitelkeit schmeichelt.

Aber bald zeigte es sich, daß nur ein Teil der kleinen französischen Armee vorläufig zum Ausrücken bestimmt war.

Das Husarenregiment erhielt den Befehl, den Vortrab mit rekognoszierenden Abteilungen zu bilden, die Zuaven sollten unverzüglich folgen. Es war gegen 5 Uhr morgens, als die Reiter aufbrachen.

Der Sommerpalast des Kaisers Hieng-fong lag vor der Stadt Peking und außerhalb ihrer Mauern. Er ist oder war so groß, daß er selbst – gleich dem großen kaiserlichen Palast in der Sin-sching oder Thronstadt (Tatarenstadt) – eine Stadt für sich bildete, mit Gärten und Höfen und zahlreichen Nebengebäuden für die Bediensteten des Hofes. Eine Mauer mit Toren umgab die inneren Gebäude.

Es war 7 Uhr, als die französischen Reiter, ohne unterwegs auf irgendein Hindernis gestoßen zu sein, bei dem Palast ankamen, wo ihre Ankunft natürlich den größten Schrecken erregte, denn wie der Verräter Tsing-Yang berichtet, hielt man einen Angriff der »Barbaren« während der Unterhandlungen mit dem Prinzen Kong für undenkbar und wollte diese eben dazu benutzen, die Schätze des Palastes nach Peking selbst oder noch weiter in das Innere des Landes zu flüchten. Alles, was daher sich noch von Dienern und Hofleuten in dem Palast befand, eilte in wilder Flucht, denselben zu verlassen und sich nach dem nahen Peking zu retten.

Die Husaren General Montaubans hatten alsbald die Tore des Palastes besetzt, aber sie hatten den Bewohnern hinlänglich Zeit gelassen, sich auf und davon zu machen, da ihnen an deren Gefangennahme nichts lag, nur daß sie nichts fortnehmen konnten, dafür wurde bestens gesorgt. So blieb denn von den alten berechtigten Bewohnern niemand zurück, als einige kranke Personen, unter denen sich auch mit simuliertem Leiden der Oberaufseher Tsin-Yang befand.

Eine Stunde später rückte Colonel Düvalet mit den Zuaven an, aber General Montauban, der dem Egoismus des würdigen Obersten gerade kein besonderes Vertrauen schenkte, folgte ihm auf dem Fuß und fand in der Tat den Obersten und seine Zuaven bereits in voller Arbeit, beim Plündern.

Der General war sehr erbittert darüber und machte Colonel Düvalet lebhafte Vorwürfe. Aber er begriff, daß er doch nicht alles allein einstecken könnte, und daß unter der Firma der allgemeinen Plünderung der Raub und die Sicherstellung der wichtigeren Schätze sich am leichtesten organisieren ließ. Er gab daher die Erlaubnis zur offiziellen Plünderung des Palastes – zum besten des französischen Staates, indem er befahl, daß die gesamte Beute in bestimmten Teilen des Palastes zusammengehäuft werden solle, um schließlich geteilt zu werden. Und indem er wohl wußte, welcher große Teil davon an den Fingern der Soldaten kleben bleiben würde, begnügte er sich, die Empfangssäle, die Staats- und Privatgemächer des Kaisers und die Boudoirs seiner Frauen durch besondere Wachen zu sichern.

Eine der ersten Maßregeln des Generals war gewesen, sämtliche Personen, die man noch in dem Palast gefunden hatte, vor sich bringen zu lassen, und er fand zu seiner Befriedigung wirklich den Verräter darunter, der unter einem Vorwand sofort von den Mitgefangenen entfernt und besonders eingesperrt wurde.

Herr Tsin-Yang befand sich in keiner besonders guten Stimmung. Das rasche, energische Auftreten des Generals, indem er – statt wie verabredet, im Laufe des Vormittags – schon am frühen Morgen den kaiserlichen Palast überfallen hatte, bewies ihm, daß derselbe keineswegs geneigt war, sich seiner Leitung zu fügen, und er begann, für den Lohn seines Verrats, zu dem Habsucht und politischer Fanatismus ihn veranlaßt hatten, zu fürchten. Dies war um so mehr der Fall, als seine Falschheit und Doppelzüngigkeit ihn durch die Entführung des jungen französischen Offiziers in eine fatale Klemme gebracht hatten.

Dieselbe war freilich nicht vorbereitet gewesen, da nur der Zufall Leutnant Clement auf seine Dschonke geführt hatte. Aber er hatte denselben benutzt, um je nach der Wendung der Dinge den jungen Mann, zu dem er sogar infolge seines Benehmens bei der Unterredung mit dem General ein gewisses Vertrauen hegte, durch die Preisgebung seiner Tochter in sein Interesse zu ziehen, oder ihn als Geißel für die Erfüllung der Bedingungen des Vertrages festzuhalten, ja selbst ihn dem Haß seiner Landsleute zu opfern, um damit jeden Verdacht gegen sich selbst zu beseitigen.

Die vorzeitige Besetzung des Palastes durch die Franzosen hatte den treulosen Chinesen jedoch verhindert, seinen durch Opium betäubten Gefangenen beiseite zu schaffen, und er hatte sich daher beeilt, ihn in ein Versteck bringen zu lassen, zu dem jetzt, nach der Flucht der Wärter, nur er den Zugang kannte, und wohin die Plünderung der Franzosen schwerlich dringen würde.

General Montauban hatte sich das Verschwinden seines Ordonnanz-Offiziers herzlich wenig kümmern lassen. Denen, welche Kriege leiten, also über das Leben von Tausenden gebieten, ist die Person gewöhnlich nur eine Zahl, mit der sie rechnen. Ja, er mochte sogar ein Gefühl der Befriedigung hegen, als der junge Offizier bis zum Abmarsch der Truppen sich nicht einfand, und er dabei bedachte, daß der Mitwisser eines so kompromittierenden Geheimnisses wahrscheinlich, wie jetzt die allgemeine Annahme war, durch einen Fehltritt oder eine Hinterlist auf dem Grunde des Kanals läge.

Der Sommerpalast Jung-ming-jun führte in der Tat mit Recht den Namen der »Perle des Reichs«, denn das Äußere wie das Innere waren überaus prächtig. Die Dächer der Gebäude waren vergoldet, die Möbel von dem kostbarsten Rosen- und Zedernholz, seit hunderten von Jahren hatten die Herrscher hier die Schätze der chinesischen Zivilisation aufgehäuft. Kostbare Bronzen und Kunstwerke aller Art, die reichsten Stoffe und Gewebe füllten die zahllosen Gemächer, und dieser Reichtum erhöhte den Glanz der äußeren Anlagen, der weiten Gärten mit künstlichen Felsen und Springbrunnen, mit zierlichen Kiosks und von bunten Porzellanen und Steinen ausgelegten Gängen und Grotten. Der ganze Pflanzenreichtum Chinas, das von dem nördlichen Ende der gemäßigten Zone bis in die Tropen reicht, waren hier versammelt, und auch das bunte Tierleben dieser weiten Ausdehnung streifte frei oder hinter den vergoldeten Stäben der Käfige umher.

Da schwangen sich in silbernen Reifen der Kakadu, der Arrah und die bunte Schar der Papageien, in den hohen Zypressen und Platanen klagte die Nachtigall ihr wunderbares Lied, und selbst der prächtige Paradiesvogel der Insel Formosa freute sich unter dem wehenden Blätterdach der Palmen, auf dem das Chamäleon mit seinen seltsamen Gliederformen auf Beute lauerte. Tauben nisteten auf den bunten, geschwungenen und von tausend Silberglocken klingenden Dächern, und der stolze Pfau in seinem weißen, blauen und grünen Gefieder schlug sein Rad zwischen der Schar prächtiger Gold- und Silber-Fasane.

In einem besonderen Hofe des Palastes erhob sich in gewaltigem Rundbau die Menagerie der wilden Tiere. An langer, klirrender Kette suchte der gewaltige Elefant seinen entflohenen Wärter, das panzerbedeckte Nashorn rieb sein Horn an der undurchdringlichen Mauer, der mächtige Tiger, der gefleckte Leopard, der schlanke Panther schlugen, der gewohnten Wartung entbehrend, ihre Tatzen gegen die klirrenden Gitter – im künstlichen Sumpf wälzten sich der Tapir und der Büffel – im Käfig klaffte der wilde Hund und verbreitete das Moschustier seinen scharfen Dunst, und die Affenfamilien der Insel Hainan trieben ihre Späße neben der Grube, in der die Bären ihr träges Leben führten.

Und wie hier das Leben in tausend bunten und seltsamen Gestalten, häufte sich im Innern des Palastes der Reichtum der Industrie und des Handels des unermeßlichen Reichs. In dem Audienzsaal, dessen Wände mit Vergoldungen und gestickten Tapeten bedeckt waren, dessen Boden von kostbaren Marmorplatten gebildet war, erhob sich der aus edlen Metallen und Steinen zusammengefügte Thron mit der von Juwelen strahlenden Sonne und dem Drachen, dem kaiserlichen Sinnbild, über ihm, der auch in den prächtigen Stickereien der Polsterdecken und Tapeten zahllos prangte.

An diesem Thron lehnte eine Krücke von gediegenem Gold, deren sich der entflohene Kaiser zu bedienen pflegte.

Viele Gemächer waren überfüllt von reich gestickten Gewändern, mit Ornamenten von Jaspis, kostbaren Vasen und Krügen, großen Uhren und Spiegeln.

Noch reicher fast waren die Frauengemächer mit wertvollen Gegenständen überladen, kurz, dieser Palast übertraf jeden Herrschersitz europäischer Fürsten.

In diesen Reichtümern wühlten die gierigen Hände der plündernden Franzosen seit vierundzwanzig Stunden.

Die kostbarsten Sachen, Spiegel, prächtige Schirme und Möbel wurden mit rohem Vandalismus zerstört. Die kostbarsten Seidenstoffe wurden aus den Vorratskammern gezerrt, und an 100 000 Rollen, jede von mindestens 30 Taler in Wert, lagen auf dem Boden verzettelt umher zur beliebigen Auswahl für alle, die zugreifen wollten.

Das neue chinesische Museum in Paris verdankt fast seinen ganzen Inhalt dieser Plünderung.

Während so seine Soldaten mit einem unerhörten Vandalismus wirtschafteten, der nur in dem Verfahren der Engländer zu Kertsch während des Krimkrieges und bei der Plünderung von Delhi ähnliche Beispiele in der neuen Geschichte hat, war General Montauban besorgt, sein spezielles Interesse nicht aus den Augen zu verlieren.

Auf seinen Befehl wurde eine große Anzahl von kostbaren Gegenständen, die sich zum Transport nach Frankreich eigneten, zusammengebracht; denn es galt, durch solch kleine Cadeaus' sich die Verzeihung der Nation und die Nachsicht seiner Gönner zu erkaufen.

Das berühmte Halsband von Diamanten und Rubinen, das später die Kaiserin von Frankreich trug, und dessen Wert auf 2 Millionen angegeben wurde, ist ein Geschenk des Generals Montauban.

Die wertvollen Juwelen des Kaisers und seiner Frauen waren endlich von Herrn Tsin-Yang ausgeliefert, oder wenigstens ihr Aufbewahrungsort entdeckt worden, nachdem General Montauban eine Privatunterhaltung mit ihm gehalten hatte, bei welcher der neue Dolmetscher verschiedene Drohungen von Anwendung der Bastonade hatte fallen lassen. Zu dem Geständnis, wo die versprochenen Silberbarren verborgen waren, wollte sich der Oberaufseher des Palastes dagegen nicht verstehen, bis er bessere Garantien für seinen Anteil erhalten hätte, als ihm bisher geworden waren.

Der General en chef befand sich darüber in sehr übler Laune; denn er fürchtete nicht mit Unrecht, daß er den Fund mit den Engländern werde teilen müssen.

Im Laufe des zweiten Vormittags war nämlich General Grant mit den englischen Truppen der französischen Armee, die so plötzlich 24 Stunden vorher ihren Lagerplatz verlassen hatte, nachgerückt und hatte in der Nähe des Sommerpalastes Biwak bezogen. Es war den englischen Soldaten von ihrem Oberbefehlshaber zwar streng verboten worden, sich an der jetzt fast 30 Stunden bereits andauernden Plünderung des Palastes zu beteiligen, aber die Franzosen konnten natürlich nicht verhindern, daß viele Offiziere und Soldaten sich in dem Palast eingefunden hatten, seine Merkwürdigkeiten in Augenschein nahmen, und einen sehr lebhaften Handel mit den privilegierten Plünderern trieben, wobei ihnen natürlich eine so wichtige Entdeckung wie die der Schatzkammer nicht verborgen bleiben konnte. – – – – – – – – – – –


Es war am Nachmittag des zweiten Tages, etwa gegen 4 Uhr, als ein Mann in bürgerlicher Kleidung, begleitet von einem jungen Husaren-Offizier, von den Gemächern zurückkam, in welchen der französische General sein Quartier aufgeschlagen hatte. Beide drängten sich durch die Soldaten, welche die Zugänge füllten und bald dies, bald das gierig aufnahmen und wieder fortwarfen, oder ihrem Übermut durch nutzloseste Zerstörung der kostbarsten Möbel und Zieraten Luft machten.

In den Höfen und Gärten des Palastes sah es traurig aus.

An vielen Stellen sah man Haufen zusammengeraubter Gegenstände aller Art aufgetürmt. Die Blumen und Sträucher waren niedergetreten, die Bäume umgehauen und nährten vielleicht ein Feuer, an dem ein Kreis von Soldaten sich streckte und die Vögel und Haustiere briet, die man mehr aus Lust, als aus Bedürfnis getötet. – Dort würfelte eine Gruppe um Kostbarkeiten, deren Wert keiner zu schätzen verstand und die den jetzigen Besitzer in seiner Heimat wahrscheinlich zum wohlhabenden Manne gemacht hätten, – und schlaue Händler strichen umher, um den trunkenen und lärmenden Soldaten kostbare Beutestücke meist für ein Lumpengeld abzugaunern, während die englischen Soldaten – die es bei der Plünderung von Delhi und Kertsch um kein Haarbreit anders gemacht hatten, – neidisch zusahen.

Auf dem Antlitz des älteren Mannes lag der Ausdruck tiefen Schmerzes, und auch das Gesicht des jungen Offiziers zeigte aufrichtige Trauer.

»Ich wollte fünf Jahre meines Lebens darum geben, ehrlicher Bonifaz,« sagte er, »wenn ich deinen Herrn an jenem Abend nicht auf das verfluchte Blumenboot geführt hätte, oder vielmehr – da sich das nicht vermeiden ließ – wenn ich wenigstens ihn nicht aus den Augen gelassen hätte. Ich möchte mir die Haare ausraufen über meinen Leichtsinn!«

»Es war heute sein Geburtstag, sein zwanzigster Geburtstag,« murmelte der Avignot. »Was hatte ich von diesem Tage gehofft! Und wie werd' ich droben erscheinen vor ihm und ihr, wenn ihre Schatten mich fragen: Bonifaz – wie hast du deine Aufgabe erfüllt?«

»Und keine Spur von ihm – nicht die geringste!«

Der treue Diener schüttelte den Kopf. »Das Wasser schickt erst am neunten Tage die Toten wieder zur Oberfläche. Wenn es geschehen, will ich in diesem verfluchten Lande gleich mein Grab neben dem seinen graben lassen!«

»Dieser verdammte Taumel,« schalt der Offizier, – »der sich aller bemächtigt hat, entzieht uns selbst jeden Beistand zur Auffindung seiner Leiche. Der Teufel des Raubes und des Goldes erstickt selbst die Stimme der Kameradschaft, und nicht einmal soviel Zeit und Lust findet man bei ihnen, daß sie Red' und Antwort stehen!«

»Ich kenne Männer,« sagte der Avignote finster, »die ihnen willig das zehnfache vom Wert dieses ganzen elenden Bettels gegeben hätten für eine Kunde von ihm.«

»Die einzige Hoffnung, die General Montauban gibt,« fuhr der Offizier fort, »ist, daß ihn diese langzöpfigen Halunken als Gefangenen nach Peking geschleppt haben könnten. Aber dann wäre es seine verfluchte Pflicht und Schuldigkeit, einen Parlamentär dahin zu schicken und seine Auslieferung bei Drohung der schwersten Strafen zu verlangen!«

»Glauben Sie mir, Leutnant Henry, mein armes Kind ist tot. Er ist nicht aus einem Geschlecht, das sich von solchen Feiglingen geduldig fangen ließe! – Überdies – wo sind die Offiziere, die als Friedensunterhändler schon vor Wochen nach Peking geschickt worden sind? Niemand kennt ihr Schicksal, und sie sind wahrscheinlich gleichfalls gemordet worden. O, Leutnant Henry, ich habe Sie immer gewarnt, meinen armen Louis nicht Ihre Wege zu führen!«

Er setzte sich traurig auf den halb zerstörten Marmorrand eines Bassins und starrte vor sich hin. Der Husar wandte sich finster zur Seite und stieß den Säbel unmutig auf das Pflaster, daß eines der kleinen, zierlichen japanesischen Hündchen, welche die flüchtenden Frauen des Kaisers zurückgelassen hatten, und die winselnd umherliefen – sich erschreckt davonmachte.

»Oh, Mylord,« sagte eine Frauenstimme in seiner Nähe, »sehen Sie nur das niedliche Tier. Es ist nicht größer wie ein Hermelin!«

Der Klang einer Frauenstimme hat immer etwas Verführerisches und Aufmerksamkeit Erregendes, wie vielmehr unter solchen Umständen, so fern von der Heimat, und wenn es auch an weiblichen Begleitern der französischen Expedition selbst in China nicht fehlte, – lag doch etwas so Frisches und Eigentümliches in dieser Stimme, daß es sofort die Aufmerksamkeit des jungen Offiziers von den Gedanken an den verlorenen Freund abzog.

Sich umblickend, sah er eine Gruppe, welche seine Neugierde noch mehr fesselte.

Es war eine Gesellschaft von drei oder vier englischen Offizieren, die mit einem vornehm und aristokratisch aussehenden Herrn in Zivil, einem Seemann und einer Dame durch den zerstörten Garten daherkamen, um die Räume des Palastes zu besichtigen. Hinter der ersten Gruppe kam ein kleiner, beweglicher Mann mit blauer Brille, der jeden Augenblick stehen blieb, die Hände vor Verzweiflung über den Anblick der mutwilligen Zerstörung all dieser Herrlichkeiten rang, und sich dabei die unnützesten Dinge in die weiten schon bis zum Platzen vollgestopften Taschen seines Sürtouts packte oder dergleichen seinem Begleiter auflud.

Die Erscheinung des Seemanns wäre gewiß noch mehr aufgefallen, wenn nicht überhaupt der Krieg immer eine Menge abenteuerlicher Gestalten in seinem Gefolge hätte.

Der Mann war von riesiger Gestalt, vielleicht fünfzig oder fünfundfünfzig Jahre, obschon sich ein Alter nach dem von Wetter und Strapazen tief gebräunten und gefurchten Antlitz schwer entscheiden ließ. Er trug ein ledernes Jagdhemd, hohe Lederstiefeln und eine Mütze von Otterfell, während unterm linken Arm eine Jagdtasche von schwerem Gewicht hing und seine Rechte eine lange Büchse von kleinem Kaliber schulterte. Ein starkes Messer mit Horngriff im Ledergürtel seines Jagdhemdes war seine einzige Handwaffe, doch lag etwas in dem Blick der großen blauen Augen und in seiner ganzen Haltung, das schwerlich auch dem Bewaffneten Lust gemacht hätte, mit ihm als Gegner anzubinden. Trotz dieses Aussehens einer gewaltigen Kraft und Energie war doch der Ausdruck von einer gewissen mit leichtem Spott verknüpften Güte und Freundlichkeit in dem rauhen Gesicht unverkennbar, mit dem der Riese auf seinen kleinen, beweglichen Gefährten herabsah und sich geduldig die Beladung mit all den meist zerbrochenen und unnützen chinesischen Kuriositäten gefallen ließ.

Die Erscheinung der beiden so verschiedenen Männer hätte sicher das Interesse des jungen Husaren-Offiziers noch mehr erregt, wenn derselbe nicht vollständig von dem Anblick der Dame gefesselt worden wäre.

Sie war von mittlerer Größe, schlank aber kräftig gebaut, mit vollem in Zöpfe geflochtenem Haar, einer kurzen Adlernase, kräftigem Hals und kleinen, feurigen Augen, die unter tiefschwarzen Brauen blitzten, während ihre Haare von schönem Blond waren.

Die Toilette der jungen Dame hätte nach den Anforderungen Pariser Mode zwar vieles zu wünschen gelassen, aber an diesem Ende Asiens war man gewöhnt, das Originelle nicht auffallend oder unpassend zu finden, ja selbst schön, wenn es schön war.

Die Dame trug ein kurzes Kleid von blauem chinesischem Seidenstoff ohne Krinolin, darunter pelzverbrämte Stiefel von russischem Leder, die bis über die halbe Wade reichten. Die kurze litewkenartige, dunkle Schoßjacke der russischen Frauen, gleichfalls mit Pelz verbrämt, schloß ihre schöne Büste ein, und ihr Begleiter, der stolze Mann in Zivil, trug über dem Arm einen langen indischen Schal von prächtigen Farben. Das blonde in Zöpfe geflochtene Haar der Dame bedeckte leicht eine jener chinesischen Seidenkappen, die dem Fez der smyrniotischen Damen ähneln. Ein zweiter ihrer Begleiter, ein junger Offizier in dunkelblauer Marineuniform mit der schwarz-weißen Kokarde an der Goldborte der Mütze, trug ihr einen großen chinesischen Sonnenschirm, von dem sie jedoch wenig Gebrauch zu machen schien, indem sie sich statt dessen eines Fächers von Pfauenfedern bediente.

»Ich bitte Sie um Himmels willen, Mylord,« sagte lachend die Dame zu ihrem aristokratischen Begleiter, indem sie zurückblickte, »haben Sie ein Einsehen und verbieten Sie meinem Zukünftigen, sich mit so schaudervoller Menge zerbrochener Scherben, Holzstücke und zerrissener Fetzen zu beladen. Ec packt mir alle Koffer und Kisten davon voll, und ich weiß zuletzt nicht, wo ich meine geringe Garderobe unterbringen soll. Wahrhaftig, ich war neulich schon in Begriff, einem unserer Matrosen auf dem russischen Dampfer, der uns nach Thianthsin brachte, ein Trinkgeld zu geben, bloß daß er meine Ausstattung, den alten Mammutsschädel, als Unrat in das Meer werfen möchte, aber mein Herzallerliebster kam unglücklicherweise dazu und erhob ein solches Lamento auf Lateinisch, Deutsch und was weiß ich in was noch für Sprachen, daß ich Mitleid mit ihm empfand und Wassily wieder fortschickte. Seitdem bewacht er meine Kabine mit Argusaugen.«

»Sie sollten wirklich den armen Professor nicht doppelt quälen!«

»Doppelt? – Was verstehen Sie darunter, Mylord?«

»Nun, ich meine, daß Sie ihn bei zwei schwachen Seiten fassen, seinem Herzen und seinen Liebhabereien!«

»Torheit, Mylord – Sie glauben doch nicht im Ernst, daß unser gelehrter Freund, dem ein fossiler Zahn wichtiger als die schönste Perlenreihe in einem frischen Mädchenmund, und irgendeine unentdeckte Froschgattung interessanter als das ganze weibliche Geschlecht ist, sich im Ernst in ein so unbedeutendes Wesen verlieben könnte, als die arme Wéra Tungilbi ist?«

»Und sind Sie selbst davon so fest überzeugt?«

Die schöne Sibirianka errötete und schlug die Augen nieder. »Das ist eine ungerechte Frage, Mylord – wir Frauen sind alle eitel!«

»Aber was Ihnen ein Spiel bloßer Befriedigung Ihrer Eitelkeit, eine muntere Laune ist,« sagte der Pair halblaut und mit ernstem Ton, indem er leicht seine Hand auf ihren Arm legte, »könnte zuletzt den Schmerz bitterer Täuschung einem wackeren Manne bringen, der sich bei all seinen Absonderlichkeiten doch ein warmes Herz für seine Mitmenschen in der Brust bewahrt hat und nicht verdient, verspottet zu werden.«

Sie wandte sich scharf und stolz zu ihm um. »Und wer sagt Ihnen denn, mein stolzer Herr, daß es nur Spott und Laune ist?«

»Ein Mädchen wie Sie kann doch unmöglich Neigung zu meinem alten Freunde empfinden, so vortreffliche Eigenschaften er auch sonst hat.«

»Sie wissen recht gut, Mylord, in welcher Schule ich gewesen bin, und daß Herz und Gefühl keine Rolle im Leben Wéra Tungilbis spielen werden. Aber wie nun, wenn ich Lust hätte, die Frau eines berühmten Gelehrten zu werden und als solche zu glänzen?«

»Wenn die Verwandte des Fürsten Wolchonski in der Tat einen so geringen Ehrgeiz hätte,« sagte der Engländer kalt, »brauchte sie nicht nach Paris zu gehen!«

Sie wandte sich geärgert von ihm ab. »Sie gehören zu dem Geschlecht, das immer recht haben muß! – Aber Sie wissen, Mylord, daß ich meine eigene Herrin bin und tun kann, was mir beliebt. Der Professor ist ein ehrenwerter Mann, und es hat mir beliebt, mich seinem Schutz anzuvertrauen. Wenn er Hoffnungen daran knüpfen sollte, die töricht sind, – so ist dies seine Sache. Warum sind die Männer, selbst die klügsten, so schwach! Ich werde nie etwas mehr für ein Mitglied Ihres sogenannten starken Geschlechts fühlen, als Freundschaft und höchstens Achtung!«

»Niemals, Mylady?«

»Niemals! – Und selbst meine Achtung ist schwer zu gewinnen!«

Er blickte finster zu Boden und unterdrückte den Seufzer, der seine Brust schwellte. Sie waren schon während des Gesprächs ihren Begleitern einige Schritte vorausgegangen. Jetzt blieb die Russin stehen und sah ihn lächelnd an.

»Warum, Mylord, wollten Sie den Gewissensrat und Sittenrichter eines so törichten und unerfahrenen Mädchens, wie ich, spielen – Sie, der vornehme Edelmann, der unter den Großen seines Landes sitzt, – ich, die Abenteuerin aus der Eisregion des der europäischen Kultur so fernen Sibiriens, – deren Ziel höchstens sein kann, das Recht des Eintritts in die Familie ihres Vaters zu erkämpfen.«

»So stolz die Fürsten Wolchonski auch sein mögen,« sagte der Brite rasch – »sie würden es sich immer zur Ehre schätzen, die Viscounteß von Heresford zu ihrer Familie zu zählen!«

»Eine Liebeserklärung im Sommerpalast des armen Kaisers von China,« sagte sie lustig – »das wäre in der Tat originell! – Aber still, Mylord – kein Wort weiter. Das wäre ein Verrat an Ihrem gelehrten Freund und an mir – die sich Ihrem gemeinsamen Schutz auf ihrer Wanderung um die halbe Welt anvertraut hat. – Hierher, Professor, sehen Sie dieses schöne Stück Porzellan! Schade, daß es zerbrochen ist!«

Der Berliner Gelehrte warf die unförmliche Scheide eines der kurzen, breiten chinesischen Säbel von sich, die er eben vom Boden aufgelesen, und kam eiligst zu seiner Gebieterin gehüpft.

»Verehrteste Freundin und Mündel, was haben Sie zu befehlen? Ich betrachtete eben eine jener alten Waffen, die noch aus der Zeit der Römer stammen müssen, die im Jahre 210 unter dem Kaiser Sever nach China Gesandte schickten, denn auf den Buckeln der metallenen Scheide befinden sich zwei Charaktere, die …«

Sie ließ ihn nicht ausreden. »Ich glaubte Ihnen eine Freude zu machen, mein werter Freund,« sagte sie mit süßem Lächeln, das den Gelehrten in Verwirrung brachte – »indem ich Sie auf dies Stück aufmerksam mache, das ganz anders aussieht, wie das sonstige Porzellan.«

Der Professor bückte sich eifrig und hob vom Boden eine zerbrochene Schale auf, die er mit Kenneraugen prüfte.

» Eheu, miraculum! das ist wunderbar, meine werte Freundin und Mündel,« schrie der kleine Mann voll Enthusiasmus, indem er sich mit Mühe enthielt, einen Luftsprung zu tun, – »ich halte hier in meiner Hand ein Stück jener berühmten grünen Kaolin, dessen Zusammensetzung selbst in China seit dem Kaiser Wu-ti verloren gegangen ist, und von dem in Europa nur zwei Exemplare existieren, das eine eine Vase in der Sammlung des japanischen Palais in Dresden, das andere im Besitz eines englischen Kunstfreundes, der dafür einen Diamanten von der Größe einer Haselnuß hingab. O, teure Freunde, wenn Sie bedenken, daß die Gärung des gewöhnlichen Porzellan-Tons in China 50 bis 60 Jahre dauert, so werden Sie sich nicht wundern, daß zur Herstellung dieser durchsichtigen Masse eine Zeit von zweihundertundfünfzig Jahren nötig war, und daß ich entzückt bin, ein so kostbares Stück der königlichen Kunstkammer zu Berlin einverleiben zu können!«

»Aber es ist ja zerbrochen – ein unbrauchbarer Scherben!« warf der junge Seemann aus dem Kreise ein, der sich um den Professor versammelt hatte.

Der Gelehrte warf dem Kritikus einen Blick der tiefsten Verachtung zu. »Verehrter Jüngling und Landsmann,« sagte er, »Sie sollten sich scheuen, in dieser Weise von einer Erfindung menschlichen Geistes zu sprechen, von der schon Ssema-tsian, der große Historiker, berichtet. Leider für die Welt im allgemeinen und speziell für die Kunstkammer in Berlin ist es ein Unglück, daß barbarische Hände diese Schätze, welche die chinesischen Herrscher – ich will nicht gerade sagen seit Fohi, dem Sohn Hoa-siüs, oder Hoang-ti, da die Periode der Wu-tis, der fünf Kaiser, etwas mythisch ist, – aber doch – wie man mit größerer Sicherheit annehmen kann, – seit dem Kaiser Thuangwang, 681 vor Christo, unter der Dynastie Tsin, 249 bis 206, von Han 206 vor bis 220 nach Christum, gestiftet von dem Empörer Lieu-pang, aus dessen Blut jener weise Herrscher Wen-ti hervorging, welchem die Wissenschaft durch die Erfindung des Papiers ein so mächtiges Hilfsmittel verdankt, – ferner unter den Dynastien She-han, Wei und Wu, welche letztere bis zum Jahre 264 regierte und durch die Dynastie Tsin ersetzt wurde, so wie …«

Als der Professor bis hierher gekommen war, blickte er zufällig von dem gefundenen Schatz empor und sah, daß er bis auf seinen riesigen Begleiter ganz allein war, da die ganze andere Gesellschaft vor so viel Gelehrsamkeit die Flucht ergriffen hatte.

Sein Gefährte hielt die Hände auf die Mündung seiner langen Büchse gestützt, und blickte zu dem kleinen Mann mit einem gewissen gutmütigen Spott auf dem ernsten, verwitterten Gesicht nieder.

»Ich kalkuliere, Fremder, es ist alles Büchergelehrsamkeit, was Ihr da auskramt,« sagte er bedächtig. »Aber was nützen die Scherben, wenn von den Menschen, die sie formten, nicht ein Staubkorn mehr übrig ist. Bin ich doch meilenweit über Stellen geschritten, wo dergleichen Zeug und Schutt höher als die Häuser in den Städten lag, und doch habe ich mir sagen lassen – und die Überlieferungen der Indianer stimmen damit überein, – daß von den Völkerschaften, die all die Dinge fertigten und bauten, nicht eine Sprosse mehr übrig ist!«

»Wo, wo, teuerster Jäger und Trapper, sind diese kostbaren Ruinen zu finden?« fragte der Professor, der sofort in einen neuen Sattel seines Steckenpferdes sprang.

»Wo anders, als drüben überm Wasser, in den Wüsteneien des Colorado, die einst – vor vielen Jahrhunderten, – blühende Länder mit fleißigen und glücklichen Bewohnern gewesen sein sollen.«

»Ihr sprecht von den großen Ruinen der Städte der Tolteken und Azteken in Mexiko, wie ich vermute, Freund Jäger,« sagte der Gelehrte, »wahrscheinlich von jenen Städte-Überresten zu Tusagan, Tehuantejec und Palenque in der Provinz Chiapa, und in Vera-Paz an Rio Gila, von denen bereits Torquemada in seiner » Monarquia Indiana,« erschienen im Jahre 1615 und neu aufgelegt zu Madrid im Jahre 1723 spricht, und die neuerdings durch Prescot, History of the conquest of Mexico, sowie schon vor diesem durch Humboldt und meinen gelehrten Freund, den Professor Buschmann in Berlin, besichtigt, erforscht und beschrieben worden sind.«

»Was Buschmann oder Buschfrau – das ist alles Unsinn, was Ihr da schwatzt, Fremder. Die Ruinen, die ich meine, hat noch niemals der Fuß eines Weißen betreten, außer dem meinen, und sie waren Trümmer, wohl tausend Jahre vorher, ehe die Spanier ihren Fuß in das Land setzten, um Unheil und Verderben über friedliche Menschen zu bringen!«

Der Professor starrte ihn mit sprachlosem Erstaunen an; fast hätte er das kostbare Porzellan aus der Zeit vor dem Kaiser Tsin wieder auf den Boden fallen lassen.

»Mann, Freund,« stieß er endlich hervor, – »was sagen Sie da? Tausend Jahre in Ruinen vor der Zeit, ehe die Spanier nach Mexiko kamen, was bekanntlich 1508 unter Solis und Pinzon und nicht, wie man gewöhnlich sagt, unter Hernan Cortez, 1519 geschah, also 519 nach Christi Geburt! Da nun die Vorgänger der Azteken, das Volk der Tolken oder Tulteken erst im fünften Jahrhundert in Anahuac einwanderte, so müßten jene Städte, von denen du sprichst, aus jener sagenhaften Urzeit stammen, wo für uns namenlose Völker jene Hälfte des Erdballs bewohnten, die dem Forscher nur beängstigende Ahnungen gestatten. O, daß es mir zur Ehre der Berliner Akademie der Wissenschaften gestattete wäre, mit deinem Beistand, vortrefflicher amice …«

Aber der amicus war jetzt gleichfalls verschwunden und der Gesellschaft nach einem der inneren Höfe des Palastes gefolgt, von woher ein gewaltiger Lärm erklang, und wohin die Neugierigen von allen Seiten eilten.

Mit einem schweren Seufzer über den Leichtsinn der Welt, die die wichtigsten Forschungen mit Gleichgültigkeit behandelte, und die weitere Ausforschung des Amerikaners auf eine gelegenere Zeit verschiebend, machte der kleine Professor Platz in seiner Reisetasche für den historischen Scherben des Kaisers Tsin, indem er etwas weniger wichtige Lumpen mit großem Bedauern sorgfältig zur Seite legte, und schloß sich dann dem großen Strom der Schaulustigen an.

Es blieb in der Tat niemand in diesem Teil der Gärten zurück, als einige zufällig vorüberkommende Soldaten und der Avignote Bonifaz, der den Kopf tief in die Hände gedrückt und teilnahmslos für alles um ihn her auf dem Marmorrand eines Springbrunnens saß und einzig an seinen verlorenen Jüngling dachte.

Blindes Menschengeschlecht – wie oft führt der Zufall – nein, das Schicksal das, was du am nächsten suchst, an dir vorüber, ohne daß du es ahnst?!

Die Abteilung der Höfe des Palastes, zu denen eben die Menge sich drängte, enthielt die Käfige der Raubtiere – die Menagerie des Palastes.

Das Gebäude, das den Bestien Wohnung gab, war von runder Form, und die Käfige liefen fächerförmig bis zu bedeutender Breite in der Rundung umher.

Vor diesen Käfigen hatte sich die Menge versammelt. Eben als Lord Walpole mit seiner Gesellschaft herankam, erschien von der anderen Seite aus dem Palast her eine Anzahl Offiziere, der die Soldaten sofort Platz machten, da die plümierten Hüte sie schon von fernher als Generale erkenntlich machten.

Es war in der Tat General Montauban mit seinem Stab, aber in seiner Gesellschaft befand sich auch mit zwei Adjutanten der englische Oberbefehlshaber General Grant, der mit sehr unzufriedener und ernster Miene auf die Spuren der tollen Zerstörung und Plünderung blickte, die sich überall bemerklich machten.

Auch General Montauban schien erhitzt und zornig, und es ließ sich leicht erkennen, daß zwischen den beiden Führern ein Wortwechsel stattgefunden hatte. Der Grund konnte nicht zweifelhaft sein, und wenn er es gewesen wäre, würde der Anblick des Herrn Tsin-Yang darüber aufgeklärt haben, der mit gebundenen Händen und arg zerzaustem Zopf zwischen zwei französischen Sergeanten, die mit höchst verdächtigen Bambusstöcken bewaffnet waren, sich in dem Gefolge der beiden Generale befanden.

Etwa fünfzig Schritte von der Menagerie entfernt trafen die beiden Gesellschaften zusammen. General Montauban warf einen ärgerlichen Blick auf die Herankommenden und wandte sich zu einem seiner Begleiter.

» Parbleu, Monsieur Charentras, Sie wissen doch, daß ich befohlen habe, keinen aufdringlichen Zivilisten den Eintritt in die inneren Tore zu gestatten! Das Gesindel drängt sich überall herbei, stiehlt wie die Raben oder betrügt unsere leichtsinnigen Burschen mit falschem Geld und Versprechungen um ihr Eigentum. Ich dulde vorerst keine Handelsleute und Frauenzimmer in dem Hauptquartier.«

Der angeredete Kapitän wollte eine Entschuldigung vorbringen, indem er auf die begleitenden englischen Offiziere wies.

»Den Herren ist der Eintritt natürlich nicht zu verbieten,« sagte der General barsch, »obschon sie ihre Neugier zügeln könnten, bis wir ihnen Platz gemacht haben, um weiter die Kastanien für sie aus dem Feuer zu holen. Aber nicht anderen Personen! Sehen Sie selbst, wie der Kerl da beladen ist! Geben Sie sofort Befehl, daß man ihn durchsucht, ihm die gestohlenen Sachen abnimmt und ihn vor das Tor wirft.«

Er deutete dabei ärgerlich auf den unglücklichen Professor, der eben wie ein Kamel belastet zwischen den lachenden und spottenden Soldaten herankeuchte, seinen Gehilfen, den Amerikaner und seine schöne Schutzbefohlene zu überwachen und zu verhindern, daß der erstere bei günstiger Gelegenheit den ganzen Kram wieder beiseite werfe, den er ihm aufgepackt.

Selbst der Offizier, dem eben der Verweis und der Befehl geworden, mußte lächeln, als er die Person des unschuldigen Professors als die eines Diebes und Plünderers bezeichnen hörte, zu dessen Entfernung es einer Gewaltsmaßregel bedürfen würde.

Der englische General hatte die beleidigenden Bezeichnungen der ihm wohlbekannten Gesellschaft gehört.

»Euer Exzellenz wollen mir erlauben,« sagte er vortretend, »die Gelegenheit zu benutzen, um Ihnen den sehr ehrenwerten Lord Frederick Walpole, Viscount von Heresford und Pair von Großbritannien und Irland vorzustellen, der mir die Ehre eines Besuches angetan hat, auf der Rückreise nach Europa mit seinem Freund, dem deutschen Professor Peterlein begriffen, und in dieser Dame die Lady Wéra Wolkonski, die unter dem Schutz des gelehrten Herrn nach Paris reist. Der russische Dampfer, der in der Mündung des Pe-ho ankert und wahrscheinlich zur Beobachtung der alliierten Flotte von dem Mißtrauen des sibirischen Gouvernements Ochotzk dahin gesandt wurde, hat ihnen Überfahrt gewährt. Lord Walpole, mein Herr, wünscht Ihnen seine Bitte vorzutragen, mit dem französischen Schiff, das Sie in den nächsten Tagen nach Europa expedieren, die Fahrt nach Indien machen zu dürfen.«

Der General, der seine Übereilung fühlte und zuviel Ursache hatte, einen offenen Bruch mit dem englischen Führer zu vermeiden, benutzte die Gelegenheit, den Eindruck des Wortwechsels zu paralysieren.

»Seien Sie uns willkommen, Mylord,« sagte er mit plötzlichem Übergang zur größten Höflichkeit – »Sie und Ihre Gesellschaft. Wir vermögen Ihnen in unserem Kriegslager allerdings wenig Annehmlichkeiten zu bieten, aber was in unserer Macht steht, soll geschehen.«

Der Engländer verbeugte sich ziemlich kalt. »General Grant hat bereits die Güte gehabt, unsere Wünsche Ihnen vorzutragen,« sagte er. »Indem uns Interesse und Neugier antrieben, den englischen Schiffen nach Thianthsin und den Truppen hierher zu folgen, um einer so glänzenden Tat wie die Einnahme von Peking beizuwohnen, hörten wir, daß in drei Tagen bereits einer Ihrer Dampfer mit Depeschen nach den indischen Gewässern abgeht. Der Herr Kapitän ist bereit, uns an Bord die Überfahrt zu gestatten, wenn Sie, General, die Erlaubnis erteilen.«

»Unzweifelhaft, Mylord – mit größtem Vergnügen. Nur fürchte ich, daß die Abfahrt sich noch verzögern wird, da die chinesische Regierung noch nicht geneigt scheint, wirklich Frieden zu schließen – es müßte denn geschehen,« und der General warf einen scharfen, forschenden Blick auf seinen englischen Kollegen, »daß wir ihnen mit Strenge zeigen, was Peking zu erwarten hat, wenn es nicht alsbald seine Tore öffnet.«

General Grant ließ die Bemerkung ohne Antwort.

»Indes, Mylord,« fuhr der Franzose fort, »sind wir eben bemüht, Ihnen Reisegesellschafter zu verschaffen.«

»Reisegesellschafter?«

»Ja – das heißt, keine solchen, die sich in den Salons der Tuilerien oder zu Windsor präsentieren lassen, die aber das Interesse der Pariser wohl einige Zeit fesseln dürften.«

»Gefangene?«

»Auch das, Mylord,« meinte lachend der General, »und zwar Gefangene, die man hinter Ketten und Riegeln hält.«

»Also Verbrecher?«

»Auch Verbrecher gegen die menschliche Gesellschaft, privilegierte Mörder und Räuber.«

»Dann, mein Herr,« sagte der Viscount mit einiger Empfindlichkeit, »werden wir wohl auf die Ehre, unter französischer Flagge unsere Reise fortzusetzen, verzichten müssen.«

»Nicht so hastig, Mylord,« lachte der General. »Euer Herrlichkeit werden mich besser verstehen, wenn ich Ihnen sage, daß es sich um einige Bewohner der kaiserlichen Menagerie handelt, die ich für den jardin des plantes nach Paris senden will.«

»Ah! Und welche Auswahl haben Sie getroffen?« fragte der Lord, in dem sich das Interesse des Jägers regte.

»Einen prächtigen Königstiger, so schön, wie ich ihn in Europa noch niemals gesehen habe.«

»Doch schwerlich größer und schöner wie Bob in der Kingston-Menagerie,« sagte General Grant.

»Ich habe nicht die Ehre seiner Bekanntschaft.«

»Er gehörte einem Ihrer Landsleute, General, wenn ich nicht irre, jenem Grafen von Boulbon, der auf einer Expedition in der Sonora vor acht oder neun Jahren seinen Tod fand, und der ihn von dem greulichen Schurken, dem Nena, erworben haben soll. Ein Engländer kaufte ihn in San Franzisko und brachte das Tier nach Europa.«

»Dann überzeugen Sie sich, Mylord, daß der meine dem Londoner Bob nichts nachgibt.«

Die ganze Suite war näher zu den großen Käfigen der Tiere getreten.

Der ungewohnte Lärm seit den zwei Tagen, die Masse der Menschen und die fortwährenden Neckereien der Soldaten, die sich mit dem größten Leichtsinn an den Eisenstäben der Bestien zu schaffen machten, sowie die Entziehung der gewöhnlichen Nahrung hatte die Tiere aufgeregt, und während einige zusammengerollt mit tückischem Blick im Hintergrunde ihrer Käfige lagen, tobten und rüttelten andere unter heiserem Geheul an den Eisenstäben ihrer Käfige, streckten die lechzende Zunge heraus oder sprangen an den Wänden ihrer Behälter umher, vergeblich einen Ausweg suchend.

Die Gesellschaft stand jetzt vor dem Käfig des Königstigers, den der General bestimmt hatte, mit zwei Leoparden die Wanderung nach Paris zu machen. Das prächtige Tier schritt unruhig hin und her in seinem Käfig, die lange, trockene Zunge weit aus dem Schlund streckend und mit den grünlichen, blutunterlaufenen Augen die Soldaten anstarrend, die ziemlich ratlos vor dem Käfig standen, denn alle Versuche, den Tiger zu bewegen, in das kleinere zum Transport bestimmte und vorgeschobene Behältnis überzutreten, waren von keinem Erfolg begleitet gewesen.

Vor diesen Käfig hatte sich der amerikanische Jäger gepflanzt und betrachtete mit sichtlichem Interesse das schöne Tier.

»Kommt hierher, Meister Doktor,« rief er dem Gelehrten zu, »und seht, was Gott der Herr in der Wildnis für Geschöpfe erschafft. Das ist mehr wert, als Eure Scherben und Lumpen. Seht die schlanken Seiten, die breite Brust und die weichen Pranken, und dann sagt mir, wie Ihr das gewaltige Tier nennt.«

»Es ist ein Tiger, Monsieur.«

»Ein Tiger? Unsinn! Ich habe wohl fünfzig Tiger schon in meinem Leben geschossen, als ich noch zusammen mit Wonodongah jagte, und deren neun allein, als wir als Tigreros im Dienst des Senor Esteban standen, ich muß also wohl einen Tiger von einem Büffel unterscheiden gelernt haben. Aber dieses Tier ist fast so groß wie ein Büffel und hat überdies eine andere Haut. Dies gleicht einem Tiger so wenig, wie ein tapferer Comanche einem jämmerlichen Shossaindianer. Ihr irrt, Meister Doktor – dies Tier muß etwas Besseres sein als ein Tiger, und ich wünschte wohl, ich begegnete ihm einmal in der Wildnis und könnte meine Büchse an ihm versuchen.«

»Der Himmel bewahre dich davor, amice,« sagte der kleine Gelehrte – »wenigstens gehe keinen so gefährlichen Kampf ein, bevor du mir genauen Bericht erstattet hast über Lage und Beschaffenheit jener wunderbaren Ruinen der Vorzeit, deren Vorhandensein du mir vorhin angedeutet. Aber du irrst, würdiger Jäger, wenn du dieses Tier nicht für einen wahrhaftigen Tiger gelten lassen willst, felis tigris, die in Südasien einheimische Katzenart, vorkommend häufig in Ostindien und auf der malackischen Halbinsel, eigentliches Vaterland die Hochländer Südasiens, von wo aus es bis in das südliche Sibirien streift, wie die wunderbare Erzählung unseres werten Gastfreundes, des Tojon der Tungusen, bewiesen hat; gelbrotes Fell mit schwarzen Querstreifen.«

»Das mag alles sein,« sagte der hartnäckige Jäger, »aber bei uns drüben überm Wasser sehen die Tiger anders aus, wie ich Euch versichern kann, und lange nicht so schön und gewaltig. Es wird den Comanchenhäuptling wundern, der so stolz war, der erste Tigrero der Sonora zu sein, wenn ich ihm sage, daß er nur auf Katzen gejagt hat.«

»Du befindest dich wieder im Irrtum, wackerer venator,« belehrte der Professor. »Der Tiger, von dem du redest, fälschlich so genannt, richtiger aber Jaguar, felis Onça, Familie Panthera, Gattung Katze, Abteilung Tiger, ist auch ein höchst gefährliches Tier, frißt am liebsten faulendes Fleisch, zieht die Neger den Europäerin vor und  …«

Der Gelehrte kam wieder nicht zur Beendigung seines Satzes, denn der veritable Tiger vor ihm tat einen so kräftigen Sprung gegen die Eisenstäbe seines Käfigs und stieß dabei ein so furchtbares Brüllen aus, daß der kleine Gelehrte, der dem Gitter etwas zu nahe gekommen war, drei Schritt zurückprallte und leichenblaß den bisher sorgfältig getragenen, dick gefüllten Reisesack zu Boden fallen ließ, wobei ein sehr bedenkliches Klirren hörbar wurde.

Seine Verzweiflung über die Vernichtung der merkwürdigen Schale aus der Zeit des Kaisers Tsin ging jedoch unter in dem schallenden Gelächter der Umstehenden, und selbst die schöne Sibirianka konnte sich nicht enthalten, bei dem Anblick der erschrockenen und traurigen Miene ihres gelehrten Anbeters in das Gelächter einzustimmen.

»Aber zum Henker, Kapitän Charentras,« sagte zankend General Montauban, nachdem sich die Heiterkeit beruhigt hatte, zu dem Offizier, der die Funktion eines Platzkommandanten in dem geplünderten Palast zu versehen schien, – »ich meinte, diese Bestien wären längst in ihren Käfigen, um sie an Bord einer der Dschonken zu bringen, die sie nach Thianthsin schaffen sollen.«

Der Offizier zuckte die Achseln. »Euer Exzellenz mögen sich überzeugen, wie schwer es ist, mit den störrischen Tieren fertig zu werden. Die Leute, die ich dazu kommandiert habe, erklären mir, daß sie kein Mittel wüßten, die Tiere in die transportablen Käfige zu bringen.«

»Das ist ärgerlich! – So bleibt uns nichts übrig, als die Bestien insgesamt zu erschießen, um wenigstens die Felle mitzunehmen.«

»Das wäre wirklich schade,« sagte Lord Walpole. »Sollte sich nicht doch ein Mittel finden lassen? Wo sind die Wärter der Tiere?«

»Davongelaufen nach Peking, Mylord!«

Der amerikanische Jäger hatte in nächster Nähe dem Gespräch zugehört. Jetzt wandte er sich an den jungen Engländer.

»Sie waren so freundlich, Herr,« sagte er, »mir die Mitfahrt auf Ihrem Schiff zu erwirken, als das, was mich von San Franzisko herübergebracht, in Japan liegen blieb. Das Mittel, das Sie zu finden wünschen, ist sehr einfach.«

Die Augen der französischen Offiziere und Soldaten, die den Mann bisher wenig beachtet hatten, wandten sich jetzt aufmerksamer ihm zu.

»Wer ist dieser alte Bursche? Ihr Jäger oder Diener, Mylord?« fragte der General.

»Nein, Exzellenz. Er ist ein Fremder, wie ich, ein Amerikaner. Er ist seiner Erzählung nach ein Jäger und Trapper aus dem französischen Kanada, hat aber den größten Teil seines Lebens in südlicheren Gegenden, in Mexiko, zugebracht.«

»Es ist merkwürdig,« meinte der General wenig höflich, »was sich hier alles für Gesindel zusammenfindet! Aber bitte, fragen Sie den alten Kerl, was er meint. Eine blinde Henne findet auch manchmal ein Korn.«

»Sie hören, mein Freund,« sagte der Lord, »daß Seine Exzellenz Ihren guten Rat wünscht, wenn Sie einen solchen geben können.«

Der Amerikaner hatte mit großem Gleichmut und ohne Empfindlichkeit die Bemerkung des französischen Generals angehört. Jetzt wies er lächelnd auf den großen eisernen Trog, der in dem Käfig stand.

Der Trog war leer und trocken.

»Wasser!« sagte er.

Das Wort genügte vollkommen, um das wichtige Mittel allen Zuschauern klar zu machen.

» Pardieu,« rief der Offizier, der den Platzkommandanten machte, »das ist das Ei des Kolumbus, und es ist merkwürdig, daß wir nicht selbst darauf gekommen sind. Aber der Mann hat recht – ich glaube, die Bestien haben seit der Flucht ihrer Wärter kein Wasser bekommen, und deshalb sind sie so unruhig. Heda, bringe einer eine Schale Wasser von dem nächsten Springbrunnen her.«

Sofort eilten mehrere der Soldaten in den äußeren Hof, um ein Gefäß mit Wasser aus dem Bassin zu füllen, auf dessen Marmorrand noch immer der alte Avignote traurig saß.

Einer der Soldaten, der ihn kannte, schlug ihn auf die Schulter. »Kommen Sie, Monsieur Carnoche, und geben Sie sich nicht allzusehr der Trauer über den Tod Ihres hübschen jungen Offiziers hin. Das macht ihn nicht wieder lebendig! – Kommen Sie und sehen Sie sich mit an, wie der große Tiger verladen wird.«

Der Avignote, so gestört, erhob sich und folgte den Soldaten. Aber er blieb teilnahmlos in der Ferne stehen, ohne sich in das Gedränge um die Tiere zu mischen.

Man hatte unterdes einen der leichter transportablen Käfige wieder auf einen Karren gesetzt und an das größere Behältnis geschoben. Man setzte in den ersteren die Schale mit Wasser und schob dann, als beide dicht einander gegenüberstanden, mit dem außen angebrachten leichten Mechanismus die beweglichen Türen in die Höhe.

Der Tiger blieb stehen, seine mit langen Fühlhaaren besetzte Nase schnobberte in der Luft – er witterte offenbar die Nähe des Wassers, aber die Menge Menschen umher schien ihn noch mißtrauisch zu machen.

»Aufgepaßt, Monsieur Rothose!« sagte der Jäger zu dem Soldaten, welcher auf dem kleineren Käfig hockte.

Der alte Trapper hatte die Natur des Tieres richtig berechnet. Der Tiger tat einige heisere Atemzüge, dann konnte er nicht länger widerstehen, und mit einem langgedehnten Sprung schoß er durch den ziemlich engen Eingang in den kleineren Käfig und fiel über das Wasser her.

Ein lautes Bravo und Beifallklatschen der ganzen Versammlung, in das sich das Gebrüll des überlisteten und durch den Lärm stutzig gemachten Tieres mischte, belohnte den Erfolg, als der Soldat oben auf dem Käfig rasch das Gitter fallen ließ und der Tiger so gefangen war. Die Bestie versuchte zwar erschreckt wieder in ihren alten, geräumigeren Aufenthalt zurückzukehren, aber obschon die Gitterstäbe des kleineren Behältnisses nur von Bambus waren, so gab sie doch rasch den Versuch auf, denn aus Erfahrung scheute sie die scharfen Splitter in Gaumen und Fleisch, einen Schmerz, den sie mehr fürchten als alles andere.

Der Käfig des Tigers wurde jetzt fortgeschoben und mit dem Leopardenpaar, das zum Transport bestimmt war, in ähnlicher Weise und mit gleichem Erfolg verfahren.

Eine größere Schwierigkeit bot jedoch die Überführung des vierten Tieres, vor dessen Käfig sich jetzt die ganze durch das anregende Schauspiel interessierte Gesellschaft versammelt hatte.

Es war dies ein schwarzer Panther von der Art, wie er auf den Sundainseln und auf Thaivan, doch auch dort nur selten vorzukommen pflegt, und die sich durch ihre Stärke und Wildheit noch vor den anderen Gattungen dieser feigen und mörderischen Katzenart auszeichnet. Das Tier lag am äußersten schmalen Ende des Behälters zusammengeringelt, nur die schwarzen, grünfunkelnden Augen waren zu sehen, wenn die Lider sich hoben, und keine Bemühung hatte bisher vermocht, es von seinem Platze aufzuscheuchen.

Die Soldaten berichteten dies, und als selbst der Versuch mit dem Wasser ohne Erfolg blieb, schlug der Offizier vor, die Bestie zu erschießen und lieber ein anderes der Tiere zum Transport zu wählen.

»Nun, Meister Jäger,« wandte sich der General direkt zu dem Amerikaner – »Ihr seht, Euer Mittel hilft hier nichts. Gibt Eure Jagdkunst als Tigrero Euch kein anderes, besseres an die Hand?«

Der Jäger zuckte die Achseln. »Warum lassen Sie Ihre Rothosen nicht von hinten her den Panther, so nennen Sie ja das Tier, obschon bei uns drüben das Fell dieser Tiere fahl, nicht schwarz ist, aufjagen?«

»Von hinten? Da müßte ein Mensch in den Käfig, und das würde ihm schlecht genug bekommen.«

»Es wäre auch nichts besonderes! Aber ich meine, von dem inneren Raum her. Sehen Sie nicht, daß dieser Bau rund ist?«

»Das kann ein Blinder wahrnehmen.«

»Nun, dann sehen Sie die Form der Käfige an, und Sie werden begreifen, General, daß im Innern dieses Baues ein Raum vorhanden sein muß, aus dem man zu der schmäleren Rückseite der Käfige gelangen kann. Wahrscheinlich befindet sich ein Eingang dort zu jedem, obschon ich es von hier nicht sehen kann. Aber ich bemerke deutlich, daß in der Rückwand sich Löcher befinden, um des Luftzuges halber oder sonst zu einem Zweck.«

Die Beobachtungsgabe des einzig auf die Schärfe seiner Sinne in der Wildnis angewiesenen Mannes hatte wieder den Nagel auf den Kopf getroffen.

»Das ist wahr,« sagte der General. »Dieser steinerne Rundbau muß einen Kern haben. Wo ist der Eingang?«

Aber niemand wußte ihn, und nirgends war ein solcher zu sehen. Die Soldaten, die aus Neugier in den leeren Käfig des Tigers und der Leoparden gekrochen waren, berichteten, daß sie durch die engen Luftlöcher nichts anderes hätten sehen können, als dichte Finsternis.

»Fragen Sie den Chinesen dort,« befahl der General einem der Offiziere, »wo der Zugang in das Innere ist.«

Der Oberaufseher des kaiserlichen Palastes, der während der ganzen Vorgänge und namentlich, als er die Soldaten in das Innere der Tierbehälter steigen sah, eine gewisse Unruhe nicht hatte verbergen können, wurde befragt. Aber er antwortete, daß er nicht der Aufseher der Menagerie sei und dieser entflohen wäre.

Man war so klug wie vorher.

»Man muß den Panther herausholen!« sagte ruhig der Jäger. »Geben Sie einem Ihrer Rothosen den Befehl, General, der Sache ein Ende zu machen, und in den Käfig zu steigen.«

»In den Käfig – Mensch, seid Ihr toll? Wie kann ich einem Soldaten zumuten, sich von der Bestie zerfleischen zu lassen?«

»Ich sehe nicht viel Unterschied dazwischen, ob man den Klauen eines Panthers entgegengeht oder dem Säbel eines tatarischen Reiters.«

»Wer dergleichen rät,« sagte pikiert der General, »müßte vor allem selbst den Mut haben, den Versuch zu machen.«

»Das versteht sich, Herr! Aber fragen Sie zuvor Ihre Leute.«

Der französische Dünkel überwand diesmal den Geiz des Generals, als er das Lächeln auf den Gesichtern der englischen Offiziere sah.

»Ihr hört, wessen dieser alte Bursche sich rühmt. Zehn Napoleons für den von euch, welcher die Courage hat, die Bestie herauszuholen!«

Aber niemand rührte sich.

»Ich lege zehn andere zu!« sagte mit leichtem Spott der englische Feldherr. »Schade, daß wir nicht ein Paar unserer Teerjacken hier haben, die Burschen wissen mit dem Zeug umzugehen. Ich sah am Bord der ›Memphis‹ einen irischen Matrosen, dem ein Leopard wie ein Hund nachlief, so hatte er ihn gezähmt.«

»Zwanzig Napoleons!« rief der General ärgerlich.

Ein Zuave trat endlich vor und schob seinen Fes von einem Ohr zum andern, indem er bald den General, bald den Panther anschaute. Den einen kannte er zur Genüge, den anderen weniger. Er hielt sich daher an das Reelle.

»Bar ausgezahlt, General?«

»Versteht sich, Bursche! – Auf mein Wort!«

Die Rothose sah sich im Kreise um, gleich als wollte sie die Kameraden darauf aufmerksam machen, daß der General sein Wort verpfändet habe.

»Aber wie willst du es machen?«

»Wie ich es machen will?«

»Ja!«

» Sacre milieu! – Ich werde das Aas mit meinem guten Bajonett kitzeln, bis es Vernunft annimmt, und wenn es bockig werden sollte, werde ich ihm einen tüchtigen Stoß durch die Rippen geben, wie ich bei Palikao mit dem tartarischen Reiter tat, der unserem Leutnant den Kopf spaltete.«

»Das heißt, ein schönes Fell verderben!« sagte der Jäger. »Das Gewehr mußt du fortlassen, mein Alter, obschon du auch mit diesem ein tapferer Mann bist, wie ich aus deinem Anerbieten sehe.«

Der Zuave, ein Pariser Kind, schielte zu ihm empor.

»Na, wenn du's anders weißt, dann mache es selber! Ein gutes Haubajonett tut allemal seine Dienste und ist sicherer, als ein Kolbenschlag mit deiner alten Büchse da, wenn du nicht schießen willst.«

»Man muß daher auch keine Büchse mitnehmen!«

Der Zuave starrte den Jäger mit offenem Munde an.

»Schwerenot, Kamerad,« sagte er – »willst du's etwa mit einem Prügel tun?«

»Ich denke!«

Der Soldat drehte sich auf dem Absatz um sich selbst und pfiff durch die Zähne. »General,« sagte er, »ich verdiene zwar gern 400 Franken, und würde auch dafür ein bißchen zerkratzte Haut nicht scheuen, aber unter solchen Bedingungen danke ich dafür. Schicken Sie diesen Riesen hinein, der allerdings mit seinen Fäusten dem Viehzeug die Knochen zerbrechen kann, aber nicht mich, obschon niemand sagen mag, daß Pierre Larouche sich je vor einer Attacke gefürchtet hat!« – Und er trat zurück in den Kreis seiner Kameraden.

»Du bist ein Tölpel!« sprach der General ärgerlich. »Was Euch betrifft, Mann – wollt Ihr Eure Prahlerei wahr machen?«

»Es ist kein Prahlen, General, ich bin nie ein Prahler gewesen, selbst die Apachen haben mir nicht den Vorwurf gemacht.«

»Kurz und gut – wollt Ihr die zwanzig Napoleons verdienen und den Panther wirklich lebendig aus dem Käfig holen?«

»Gewiß – aber auf meine Bedingungen, Herr!«

»Mehr gebe ich nicht!« sagte der General hastig. »Es ist Geld genug, lieber laß ich die Bestie totschießen, wie die anderen.«

»Wenn Sie das wollen, Herr, ist meine Forderung desto leichter zu erfüllen. Ich brauche Ihr Gold nicht, ich habe dessen genug in der alten Tasche da, wenn auch noch das Gepräge darauf fehlt.«

»Was wollt Ihr denn – etwa das Kreuz der Ehrenlegion?«

»Wenn Sie das Dings da meinen, das diese Herren auf der Brust tragen, so muß ich Ihnen sagen, daß ich mir nichts daraus mache. Die Zähne von dem grauen Bären sind eben so viel wert. Nein – ich möchte den Panther haben!«

»Den Panther?«

»Ja, General.«

»Meinetwegen denn – es gilt. Wenn Ihr die Bestie haben wollt, so holt sie Euch!« sagte General Montauban, der froh war, aus der Geschichte herauszukommen, ohne sein Geld dabei hingeben zu müssen.

Das Interesse hatte sich noch gesteigert, die Offiziere machten Wetten, ob dem Amerikaner das Wagstück wirklich gelingen werde oder nicht.

Unterdes, während der Jäger bedächtig seinen Ranzen ablegte und seine Büchse dem Zuaven, seinem Rivalen, in Verwahrung gab, versuchte der kleine Professor alle Künste seiner wissenschaftlichen Beredsamkeit an ihm, um ihn von dem gefährlichen Unternehmen abzubringen, das ihn einer der wichtigsten archäologischen Entdeckungen der Neuzeit zu berauben drohte. Auch der Viscount versuchte sich ins Mittel zu legen und seinen Reisebegleiter von dem Wagnis abzuhalten, indem er ihn erinnerte, daß er ein älterer Mann und daher nicht mehr im Vollbesitz seiner ganzen Kräfte wäre.

Der Jäger antwortete nur mit einem Lächeln, und indem er seine Faust ausstreckte und den ihm Nächststehenden, den Professor, am Kragen faßte, hob er ihn ohne Anstrengung mit geradem Arm wohl eine Elle vom Boden und hielt den Zappelnden und Scheltenden eine Minute lang in der Schwebe.

»Vergebt, Doktor,« sagte er höflich, »aber ich mußte doch unserem Gönner hier zeigen, daß die Muskeln meines Arms noch Ausdauer genug haben, und das bißchen Hängen wird Eurer Gelehrsamkeit keinen Schaden tun. Aber da ist, was ich brauche!« Und indem er den ärgerlichen Professor wieder vorsichtig auf den Boden setzte, bückte er sich und hob vom Boden eine kurze Eisenstange auf, die eine keulenmäßige Form und wahrscheinlich zum Öffnen und Schließen der Käfige gedient hatte.

Der Jäger wog das Instrument in seiner gewaltigen Faust und schien es für seine Zwecke genügend zu finden, denn er wandte sich mit zufriedener Miene jetzt an den Zuaven.

»Nun, Kamerad, kannst du mir noch einen Gefallen tun!«

»Mit Vergnügen, Kamerad!« Monsieur Pierre Larouche schien sich sehr geschmeichelt zu fühlen von der Kameradschaft dessen, der in diesem Augenblick der Gegenstand aller Aufmerksamkeit war.

»Ich habe da am Eingang ein Stück alten Teppich liegen sehen,« fuhr der Jäger fort, »den schwerlich noch jemand braucht. Willst du so gut sein, mir ihn zu verschaffen, und wenn einige gute Stricke oder Riemen bei der Hand wären, dürfte es auch nicht übel sein.«

Zehn Soldaten rannten, was die Beine halten wollten, nach dem Verlangten, und ehe zwei Minuten vergangen waren, waren sie damit zur Stelle.

Der Teppich war früher ein kostbares Gewebe gewesen, jetzt bloß noch ein Rest von etwa 4 bis 5 Fuß im Quadrat, von Säbelhieben und Bajonettstichen mutwillig durchlöchert. Der Jäger hielt ihn prüfend auseinander, nickte befriedigt mit dem Kopf und hing ihn wie die Matadore den Mantel im Stiergefecht über seinen linken Arm und seine Schulter.

»Jetzt – schöne Dame, tretet ein wenig zurück, indes mein rothosiger Freund hier den Käfig öffnet, damit nicht etwa ein Unglück geschieht.«

Die Sibirianka hatte bis jetzt schweigend aber aufmerksam der ganzen Verhandlung zugehört. Jetzt legte sie ihre kleine Hand auf den kräftigen Arm des Jägers und sagte mit klarer, fester Stimme: »Ich bin unbesorgt um Sie – Sie sind ein Mann, der mit dem Polarbären fertig würde, wie viel mehr mit dieser Katze. Ich werde Sie kämpfen sehen.«

Es herrschte eine tiefe Stille in dem Halbkreis, der sich um den Käfig des Panthers gebildet hatte, mancher der Offiziere lockerte seinen Säbel in der Scheide, der Lord nahm dem Zuaven die Büchse aus der Hand und probierte, ob sie geladen sei.

In diesem Augenblick näherte sich, aufmerksamer durch die entstandene Stille geworden, als durch den vorherigen Lärm, der ehemalige Haushofmeister des Grafen Boulbon, der Avignote Bonifaz, dem Rande des Halbkreises.

Man hatte eine Art von Treppe vor den Eingang des Käfigs geschoben, die jetzt der Jäger erstieg. Der Zuave, ein ebenso mutiger als eitler Bursche, der wenigstens in dem Schauspiel die zweite Rolle haben wollte, folgte ihm auf der Ferse.

»Ich werde selbst die Tür öffnen, Kamerad,« sagte der Amerikaner. »Ihr müßt sie aber sofort wieder schließen, bis alles vorüber ist, damit die Bestie nicht etwa an mir vorüberhuscht und Unheil anstiftet! – Auf denn!«

Und er schlug mit dem Eisenstab die starken Riegel des Käfigs zurück und öffnete die schmale Tür, die kaum breit und hoch genug war, ihm gebückt den Eintritt zu gestatten, wogegen das Innere des Käfigs selbst sehr geräumig und hoch war.

Der Panther hatte alle die Vorbereitungen, die vor seiner Behausung getroffen wurden, mit argwöhnischen Blicken belauert. Zweimal hob er den Kopf und ließ seine grünglänzenden Augen umherrollen. Als der Jäger jetzt in der beschriebenen Weise das Gitter öffnete und in den Käfig trat, erhob er sich langsam auf den Vorderpranken und stieß ein klagendes, so furchtbares Geheul aus, daß selbst tapfere Herzen, die bei dem Ansturm der zehntausend tatarischen Reiter nicht gezittert hatten, erbebten.

Der Jäger richtete sich zur vollen Höhe seiner riesigen, kräftigen Gestalt empor – er war zwischen den Stäben des Gitters über die Köpfe der Umgebung hinweg in voller Figur jetzt allen Blicken deutlich sichtbar, wie er seine Augen fest auf den Hintergrund des Käfigs richtete und, die eiserne Keule in der Rechten, mit dieser langsam den Teppich breit zog, während er einen Schritt vorwärts tat.

Durch die Stellung des Käfigs fiel das bereits sich abwärts neigende Sonnenlicht auf seine Gestalt und sein wettergebräuntes Gesicht, in dem keine Muskel zuckte.

Auch Bonifaz, der Avignote, hatte seine Blicke auf ihn gerichtet.

Plötzlich schien ein gewaltiger Schreck ihn zu durchzucken, er streckte die Hände aus und versuchte sich gewaltsam durch die Menge Bahn zu machen.

»Gott im Himmel – Eisenarm – Bras-de-fer – Freund, seid Ihr es wirklich?«

Auch der Riese zuckte zusammen bei dieser Stimme und wandte sich halb zurück nach dem Rufenden.

»Senor Bonifazio – sind Sie es?«

Dieses Vergessen eines Augenblicks war verhängnisvoll.

Der Panther hatte mit halbverschleiertem Auge jede Bewegung seines Gegners beobachtet. Jetzt, als er die Gewalt des menschlichen Blickes nicht mehr auf sich lasten fühlte, fuhr er mit einem gewaltigen Satz durch den Käfig und sprang seinem Feinde gegen die Brust.

Doch mit dem Instinkt und der blitzartigen Entschlossenheit des geübten Jägers der Wildnis hatte der Trapper sich bei dem Geräusch des Aufsprunges und dem Schrei des Entsetzens, der von hundert Lippen tönte, gegen die Bestie gewandt, und da er dem Sprunge nicht mehr ausweichen oder die eiserne Waffe gebrauchen konnte, diese fallen lassen und den Teppich wie einen Schirm vor sich gehalten, der den Anprall und den Tatzenschlag des Tieres auffing. Aber die Kraft des Ansprunges, den der Mann mit der vollen, nur durch das zähe Gewebe geschützten Brust empfing, war trotz seiner Riesenkraft so gewaltig, daß er zurück an das Gitter taumelte.

Doch schon im nächsten Moment hatte er seine Stellung wiedergewonnen und war zum Angriff übergegangen, indem er den Panther in den Teppich hüllte und verwickelte und sich mit seiner ganzen Kraft auf ihn warf. Einen Augenblick sah man Mensch und Tier am Boden kämpfen und hörte das Schnauben und wütende Brüllen der Bestie und das Knirschen der Zähne, dann sah man den Mann emporspringen, in seiner Faust eine lange schwarze, sich krümmende Masse, – es war der Panther, den er, noch verwickelt in das von den Krallen des Tieres zerfetzte Gewebe des Teppichs – am langen Schweif gefaßt, als wäre es ein Hund oder eine Katze, um den Kopf wirbelte und zweimal mit so gewaltiger Kraft gegen die Seitenwände des Käfigs schmetterte, daß die Zuschauer das Brechen aller Knochen zu hören glaubten. Das Geheul des Tieres verwandelte sich in ein klägliches Ächzen, und als er es widerstandslos mit seiner furchtbaren Kraft zum drittenmal um seinen Kopf schwang und dann gegen den Fußboden schleuderte, blieb es regungslos dort liegen.

»Eisenarm! Eisenarm, hört mich!« rief der Avignot.

Der Trapper setzte den Fuß auf das zitternde, kaum noch atmende Tier, während ein Jubelruf der ganzen Versammlung ihn als Sieger begrüßte, und selbst die Generale sich nicht enthalten konnten, in den allgemeinen Enthusiasmus einzustimmen – plötzlich aber beugte er wie horchend den Kopf und hielt die Hand an das Ohr, als wolle er den Lärm des Zurufs von sich abhalten, um einem anderen Laut zu lauschen.

Der von Bonifaz gerufene Name des Siegers hatte sich rasch verbreitet. »Hurra, Eisenarm! Vive le Bras-de-fer! Brav gemacht, alter Bursche!«

Der Zuave Pierre rüttelte am Gitter. »Ist das Vieh tot, Kamerad? Donnerwetter – es müßte sonst einen Schädel haben wie eine alte Kanone! – Ein Marmorblock hätte zerstieben müssen!«

Der Jäger stieß mit dem Fuß den Körper des noch lebenden, aber völlig erschreckten und kraftlosen Raubtieres nach dem Eingang. »Ein Panther hat ein zäheres Leben, als du denkst, Kamerad. Aber kommt unbesorgt herein und schleppt die Bestie fort in einen Käfig oder knebelt sie – in den nächsten drei Stunden wird sie schwerlich ein Glied rühren. – Gott zum Gruß, Senor Bonifazio! – Gott und der heiligen Jungfrau sei Dank, die mich Euch hier so unverhofft treffen lassen. – Aber halt – wartet einen Augenblick – da hör' ich es wieder – wahrhaftig eine menschliche Stimme, die um Hilfe ruft!« und lauschend sprang er in den Hintergrund.

Einen Augenblick horchte er hier – dann versuchte er durch das Luftloch zu sehen, was etwa in seiner Brusthöhe die hintere aus einer starken Eisenplatte bestehende Wand des Käfigs durchbrach.

»Holla – ist jemand da drinnen, der mich hört?«

»Hilfe!« erklang schwach eine Stimme – »zu Hilfe, Landsleute, Kameraden, ich ersticke in diesem Dunst!«

»Hurra, muntrer Freund – wer Ihr auch sein mögt, wir wollen Euch holen.« Und zurückspringend in den Vordergrund des Käfigs, wo der gebändigte Panther sich widerstandslos von dem Zuaven Pierre und zwei Gefährten zusammenschnüren ließ, ergriff er die schwere eiserne Keule, die ihm im Kampf nichts genutzt, aber jetzt desto bessere Dienste leisten sollte.

»Aufgeschaut, Rothosen – ein Kamerad von euch, ein Franzose, ist in dem Raum dort hinter den Käfigen versteckt und am Verscheiden!«

Wie ein Blitz verbreitete sich die Nachricht unter der Menge und steigerte die Aufregung, in der sie sich noch von dem seltsamen Kampfe her befand.

Indes donnerten bereits die gewaltigen Schläge des Trappers gegen die Eisenwand, deren Verschluß er von innen nicht zu öffnen vermochte, und was die Kraft der Raubtiere, die oft genug ihre Tatzen daran versucht hatten, nicht bewältigt hatte, gelang rasch seiner mit dem gewichtigen Instrument versehenen Faust. Noch einige Schläge, und die Eisenplatten lösten sich aus ihren Fugen und stürzten prasselnd hinab.

Der Riese beugte sich in die Öffnung.

»Seid Ihr verletzt, Fremder dort unten? Noch kann ich Euch nicht sehen!«

»Gott sei Dank nein – aber helft mir hinauf,« klang es heiser. »Ich habe gerufen, daß mir die Lunge bersten wollte, aber niemand hörte mich!«

»Glaub's wohl, bei dem Geschnatter eurer Rothosen und dem Brüllen der Tiere. He – gebt die Stricke her! – Seid Ihr imstande, Mann, die Schlinge Euch um den Leib zu legen, oder soll ich hinunter kommen?«

»Es geht, Freund! – Gott sei Dank, frische Luft und Sonnenlicht!«

Ein bleiches, jugendliches Gesicht hob sich mit Hilfe des unter seine Arme geschlungenen von der Riesenfaust des Trappers gezogenen Strickes an der gähnenden dunklen Öffnung empor, eine Gestalt in französischer Uniform taumelte in den Raum und sank dann halbohnmächtig zu Boden.

Einige Augenblicke blendete die Männer, die sich in den Käfig gedrängt hatten, das falsche Licht. Dann erhob sich der Jubelruf: »Leutnant Clement! Es lebe Leutnant Clement!«

»Wo – wo? Louis, mein Kind!«

Der Avignote stieß alles beiseite, aber schon kam ihm der Trapper entgegen, der den Geretteten allerdings wie ein Kind in seinen Armen trug und im frischen, belebenden Sonnenlicht ihn auf die Stufen niedersetzte, die zu der Öffnung des Käfigs führten.

» Parbleu – es ist wahrhaftig Leutnant Clement,« rief der General, während der Husarenoffizier stürmisch seinen Freund umarmte und der treue Avignot zu seinen Füßen kniete und abwechselnd seine Hände küßte, als hätschele er ein kleines Kind. – »Mensch – reden Sie? – wo haben Sie gesteckt – wo kommen Sie her?«

Der junge Mann hatte sich an der frischen Luft so weit ermannt, daß er, obschon halb verstört, umher schauen konnte, bis sein Auge mit Erstaunen auf dem schönen Gesicht der russischen Dame hängen blieb – und dann neben ihr auf das blasse Antlitz des Chinesen Tsin-Yang traf.

Dunkle Glut des Zornes und zugleich der Scham in der Erinnerung an die Szene, die seine Sinne berückt hatte, überflog sein Gesicht und tat mehr dazu, ihm die Lebenskraft wieder zu geben, als selbst Luft und Sonne.

»Da – da ist die Ursache, der Bösewicht, der mich betäubt und fortgeschleppt hat!«

»Sie reden irre, Leutnant – die Dame –«

»Sie ist ein Engel des Lichts, aber der Mann hinter ihr ist ein Verräter, so schwarz wie die Hölle!«

»Wie, Meister Tsin-Yang, unser guter Freund, der uns die Perle des Reichs überliefert hat, wie die Kerle diese Gärten und Häuser zu nennen belieben?«

»Er selbst, General – ich weiß nicht, zu welchem Zweck, aber ich geriet an jenem Abend, nachdem ich Colonel Düvalet Ihren Befehl überbracht hatte, auf seine Dschonke, er wußte mich mit höllischen Mitteln zu betäuben, und als ich wieder zu mir kam, lag ich in dem unterirdischen Kerker, und um mich her …«

Der junge Mann schauderte – sein Blick fiel auf den gefesselten Panther, der nur wenig Schritte von ihm lag und jetzt die glühenden Augen wieder geöffnet hatte, ohne sich noch regen zu können. »Aber mein Gott – wo bin ich denn gewesen?«

»Im innersten Käfig der Menagerie Seiner Majestät des Kaisers von China,« sagte lachend der General, der sich freute, eine so gute Ursache zu finden, seinen Groll gegen den hartköpfigen Gläubiger auszulassen. »Herr Oberst de Thouillot, da tut's ein einfacher Strick nicht mehr. Lassen Sie den Halunken in Ketten legen und sofort ein Kriegsgericht über ihn entscheiden.«

Obgleich der verräterische Oberaufseher des Palastes nicht verstand, was eben befohlen worden, begriff er doch durch die Entdeckung des so verräterisch eingesperrten Offiziers sehr wohl, daß es ihm an Kopf und Kragen ging, und er beeilte sich, seinen letzten Trumpf auszuspielen.

»Gerechtigkeit! Gerechtigkeit für Tsin-Yang! Er hat mit den Tsiang-kiuns der Christen zu sprechen und ihnen Wichtiges zu sagen!«

»Fort mit dem Schurken!« befahl der französische General, der die Worte nicht verstand, aber etwas darin witterte, was er lieber mit dem Verräter unter sechs Augen verhandeln wollte. Doch General Grant, den der Anruf in englischer Sprache interessierte, legte sich ins Mittel. »Bitte, Exzellenz, hören wir, was der Bursche uns zu sagen hat. – Vielleicht sind es wichtige Mitteilungen wegen unserer anderen Offiziere, die in der Gefangenschaft unserer barbarischen Feinde sind. – Sprich, Bursche, sind die Offiziere, die als Gesandte zu euch kamen, hier etwa auch in einem Kerker verborgen, wie dieser junge Franzose?«

Der Oberaufseher des Palastes hatte sich näher gedrängt und war auf die Knie gefallen. »Gnade, großer Tsiang-kiun, Gnade und Gerechtigkeit für den armen Tsin-Yang, der nur sein Versprechen gehalten hat und bis jetzt noch keine Belohnung bekam als die Bastonade!«

»Wo sind die Offiziere?«

»Bei dem Haupte des Confucius, sie sind, so viel ich weiß, in Peking und am Leben.«

»Das gnade Gott deinem Herrn. Aber von welchem Versprechen redest du? Warum hast du den jungen Offizier hier und an einen so teuflischen Ort eingesperrt?«

»Der Scheupi ist ein ehrlicher Mann,« wimmerte der Chinese. »Tsin-Yang ist sein Freund, und er hat ihn nur mit sich genommen, um den Schatz zu bewachen, den er den Tsiang-kiuns der Christen auszuliefern versprochen hat.«

»Den Schatz?«

Das Wort » treasure« hatte eine so zweifelhafte Bedeutung, daß auch der französische General, der mit gespitzten Ohren dem Verhör folgte, es verstand.

» Trésor? – Was redet der Schurke von: trésor

Ein Offizier verdolmetschte ihm die Behauptung des Chinesen.

Herr von Montauban biß sich auf die Lippen und warf dem Langzopf einen bitterbösen Blick zu. »Wir wollen den Kerl drinnen verhören – es wird besser sein!« befahl er.

Aber der englische General war nicht der Ansicht. »Ich denke, Sir, wir untersuchen die Sache gleich an Ort und Stelle, da sie unser gemeinschaftliches Interesse betrifft. Von was für einem Schatz sprichst du – und wo ist er, Bursche? Bedenke, es handelt sich um dein Leben.«

Der schlaue Chinese hatte bereits die Klemme erkannt, in der er sich zwischen den beiden Generalen befand; da ihm der Franzose aber trotz des schriftlichen Versprechens bisher schlecht Wort gehalten hatte, beschloß er, sein Geheimnis lieber der Mitwissenschaft der verhaßten rothaarigen Barbaren preiszugeben, indem er davon noch den meisten Gewinn hoffte. Doch machte er zunächst den Versuch, sich ihn zu sichern.

»Wenn Tsin-Yang seinen Freunden das Silber des falschen Kaisers Hien-fong zeigt, wird ihm der Anteil werden, der ihm versprochen worden?«

»Wer dir ein Versprechen gegeben, wird es auch zu halten wissen. Kurz und gut, spiele nicht länger mit uns. Kapitän Auburtin!«

»Zu Befehl, Sir!«

»Begeben Sie sich eiligst in unser Lager und bringen Sie eine Sektion Pioniere hierher.«

Der Offizier salutierte und entfernte sich. Der französische General, der von seinem Adjutanten auf dem Laufenden des Gesprächs erhalten wurde, sah ihm mit offenbarer Unruhe nach, indem er an seinem grauen Schnurrbart kaute. Er fing an, zu merken, daß die Partie verloren war, wenigstens was das Solo betraf, und daß er sich zu einer Teilung werde entschließen müssen.

Es galt also nur noch, der englischen Einmischung zuvor zu kommen.

»Leutnant Clement, was wissen Sie von dem Schatzgewölbe?«

»Ich, General – nicht das Geringste!«

»Aber dieser Mensch behauptet, wie man mir sagt, daß er Sie nur deswegen aus dem Lager entführt hätte, um Ihre ihm bekannte Rechtschaffenheit zum Hüter der Silberbarren zu machen.«

»Ich weiß von keinen Silberbarren,« behauptete der Offizier, »und dieser Mann ist ein Schurke, der mich unter dem Vorwand, Gastfreundschaft zu üben, betäubt und dann fortgeschleppt hat.«

»Wir werden nachher darüber Abrechnung mit ihm halten. Sie haben also nichts von den versprochenen Silberbarren verspürt?«

»Nicht das mindeste. Das Loch, in dem ich gefangen gehalten wurde, ist so dunkel, daß ich kaum die Wände erkennen konnte.«

»Kapitän Forcas – lassen Sie Ihre Pioniere antreten, Fackeln herbeischaffen und das Innere dieses Baues untersuchen.«

»Zur Stelle, General!«

»Leutnant Clement!«

»General!«

»Fragen Sie diesen Schurken zum letztenmal, ob er gestehen will, wo der Eingang zur Schatzkammer sich befindet.«

»Tapferer Scheupi, du hast den einen bewacht,« lautete die Antwort auf die Frage des Offiziers. »Den anderen bewacht mein Kind.«

»Dein Kind?«

»Ja – meine Tochter Tank-ki! Oder solltest du dich ihrer nicht mehr erinnern?«

Der junge Offizier errötete. »Ich möchte Euch raten, Meister Tsin-Yang, den General nicht zu reizen.«

»Höre mich an, tapferer Scheupi,« sagte der Chinese flüsternd. »Verschaffe mir Gelegenheit, mit dir einige Worte allein zu sprechen, und ich will dir das Geheimnis anvertrauen. Alle seine Soldaten würden den Ort nicht finden, auch wenn sie den Boden durchwühlten.«

Der Offizier, so unangenehm ihm dies Vertrauen auch war, konnte nicht umhin, dem General das Anerbieten zu berichten. Zu seinem Erstaunen ging derselbe sofort darauf ein, teils noch immer in der Hoffnung, den Engländern einen Streich zu spielen, teils, weil er den jungen Mann als verschwiegen kannte und weil er schon die Verhandlungen mit dem Verräter geführt hatte.

Obschon der junge Offizier schwer erschöpft und nur durch einige Schluck Wein aus der Feldflasche seines alten Freundes und Dieners erfrischt war, konnte er sich nicht weigern, die Verhandlung zu führen, während aller Augen auf ihn gerichtet waren und selbst das noch eben so rege Interesse an dem Besieger des Panthers vor dem Wunsch, die Schatzkammer zu entdecken, zurücktrat.

Er winkte dem Chinesen, ihm zu folgen, und trat mit ihm einige Schritte zur Seite.

»Was hast du mir zu sagen?« fragte er finster, als sie sich weit genug entfernt hatten, um nicht gehört zu werden.

»Tapferer Scheupi, du warst zugegen, als der Tsiang-kiun Oberbefehlshaber. Tsin-Yang die Schrift mit dem Versprechen gab, daß er den zehnten Teil der Reichtümer erhalten sollte, die ich ihm überliefern würde.«

»Ich bin leider Zeuge des schmählichen Handels gewesen.«

»Du brauchst es nicht zu bereuen. Willst du mir geloben bei deinem Gott oder – da ich weiß, daß ihr Christen viel redet von einem Ding, das ihr Ehrenwort nennt – bei deinem Ehrenwort, daß du das, was ich dir anvertrauen will, nur wenn ich oder meine Tochter Tank-ki es von dir fordern, zurückgeben willst, und keinem anderen Menschen?«

»Was hab' ich mit dir und deinem Vertrauen zu schaffen, ich will nichts damit zu tun haben.«

»Christ,« sagte der Chinese – »vor deinem Gott wie vor dem unsern bist du der Gatte meiner Tochter geworden. Soll ich dem rothaarigen Barbaren erzählen, daß ein Franzose sich geweigert hat, das Eigentum eines Weibes zu retten das ihm mehr gegeben hat als Gold und Silber?«

»Schweig, Mensch! – Du weißt, daß ich willenlos in deine Schlinge gefallen bin! – Aber immerhin – wenn ich damit ein begangenes Unrecht gut machen kann, soll es geschehen. Ich verpfände dir mein Wort.«

»Dann bewahre das Papier, das du in der inneren Tasche deines Rockes trägst, und gib es nur zurück, wenn ich oder Tank-ki es von dir fordern werden. Es ist dasselbe, das der Tsiang-kiun unterschrieben hat.«

Unwillkürlich fuhr der Offizier nach seiner Brusttasche. »Das ist unmöglich, wie sollte ich zu dem Papier kommen, das du selbst wohl sorgfältig bewahrt haben wirst?«

Der Chinese lachte. »Meinst du, tapferer Scheupi, daß Tsin-Yang so töricht gewesen wäre, das Papier zu behalten, das jener Mann um jeden Preis versuchen wird, wiederzuerlangen? Tank-ki selbst hat es in das Futter deines Kleides genäht.«

»Gut denn – Ihr werdet es zurückerhalten, nur befreit mich bald davon. Doch General Montauban wird ungeduldig, komm zu Ende und sage, was du zu sagen hast!«

»Es soll geschehen, wie du befiehlst. Ich glaube, daß dein Tsiang-kiun befohlen hat, daß seine Soldaten den Ort durchsuchen, wo du verborgen gewesen bist?«

»Eine Sache, über die wir noch besondere Abrechnung halten werden. – Wenn du noch lange zögerst, werden die Äxte der französischen und englischen Pioniere dir die Mühe des Redens ersparen.«

»Laß sie keinen Schlag tun, es würde ihr Verderben sein und den Schatz, welchen ihr begehrt, auf immer euren Blicken entziehen. Nur wer das Geheimnis des Ortes kennt, darf es wagen, die richtige Pforte zu öffnen. Ich bin bereit, dich zu führen, aber eile es deinen Freunden zu sagen, bevor es zu spät ist.«

Der junge Offizier tat, wie ihm geheißen – bereits waren französische Pioniere mit Leitern, Äxten und Fackeln versehen an den Käfigen, um nach den Befehlen des Kommandierenden zu handeln. Der General eilte selbst herbei, um jeden Schritt weiter zu verbieten. Er stieg in den jetzt leeren Käfig des Panthers und ließ eine Leiter hinunter in den Raum stellen, in dem der junge Offizier gefangen gehalten worden war. Mehrere Fackeln, deren Anzünden trotz des Tageslichts nötig war, erhellten diesen jetzt zur Genüge, um die ganze Einrichtung erkennen zu können.

Diese war sehr einfach und doch eigentümlich.

Wir haben bereits bemerkt, daß ein schmaler Rundgang im Innern rundumlief, auf den die Rückwände sämtlicher Käfige stießen. Von hier aus hatten die Aufseher wahrscheinlich die Reinigung der Behälter besorgt und den Schmutz in das Innere geworfen, dessen Boden aus glatten, nach der Mitte zu sich senkenden Marmorplatten bestand. Den Mittelpunkt selbst bildete ein großer Stein mit eingelegtem kupfernen Ring.

Rings um die von Quadern gebildeten Mauern liefen sieben Vertiefungen oder Nischen, mit den: metallenen Bild des kaiserlichen Drachen geschmückt.

Der englische General hatte sich zwar nicht wie sein französischer Kollege mit in die leeren Käfige begeben, beobachtete aber in der Nähe sorgfältig alles, was geschah, und auf seinen Wink hielt sich einer seiner Offiziere bei den Franzosen, so daß ihm nichts von den Vorgängen entgehen konnte.

»Es scheint,« sagte der General Montauban, als auf seinen Befehl einige Soldaten in den Raum hinuntergestiegen waren und umherleuchteten, »wir werden die Hilfe dieses spitzbübischen Chinesen nicht besonders nötig haben. Nehmt ein Brecheisen und hebt die Platte dort in die Höhe!«

Es geschah, und der große Stein ließ sich mit Leichtigkeit bewegen und hob sich in seinen Angeln. Ein allgemeiner Ruf des Erstaunens folgte, denn man sah in der Tiefe von etwa zwei Metern die Fläche eines breiten Stromes rauschen.

»Es ist offenbar ein Kanal, der vom Peho nach dem Palast abgeleitet ist, um die Springbrunnen und Bassins der Gärten zu speisen,« erklärte nach kurzer Beobachtung der Ingenieur-Offizier, welcher die Arbeiten leitete. »Man hat ihn hier durchgeführt, um den Schmutz aus den Käfigen fortzuschaffen.«

»Aber wo ist das Schatzgewölbe?« schrie der General sehr getäuscht. »Untersucht mir die Wände auf das genaueste, denn es muß doch irgendein Zugang da sein, durch den die Kerle hineinkommen konnten. Wie hätten sie sonst den Leutnant Clement hereinbringen können!«

Die Äxte der Pioniere pochten rings an die Wand, überall gab es denselben Klang.

»Bringt den chinesischen Halunken her,« schrie der General, der einzusehen begann, daß er ohne den Beistand des Verräters doch nicht zum Ziel gelangen werde. »Wo ist Leutnant Clement?«

Ehe man die Geforderten suchen konnte, tat sich plötzlich eine der Nischen auf, indem sich die Steine des Hintergrundes zur Seite schoben, und in der dunkel gähnenden Öffnung eines Ganges, der nur den freien Durchgang eines Mannes zuließ, erschienen der Chinese Tsin-Yang, der junge Offizier und ein Korporal der Wache, welcher der Chinese übergeben worden war.

»He – zum Teufel, Bursche, wo kommt Ihr her? Was ist das, Leutnant Clement?«

»Ein geheimer Zugang, Exzellenz, den uns dieser Mann gezeigt hat, und der aus dem Hause der Menageriewärter hierherführt.«

»Aber der Kerl sprach vorhin von zwei Zugängen?«

Leutnant Clement wiederholte dem Chinesen die Frage des Generals.

Ohne Zutun der Eingetretenen hatte sich hinter ihnen die Maller wieder geschlossen und bot denselben Anblick wie vorher. Es wäre jetzt, nachdem sie ihren Platz verändert hatten, schwer für die Männer gewesen, genau zu unterscheiden, an welcher Stelle sie eingetreten waren.

Der Chinese Tsin-Yang lächelte spöttisch, als er die offenen Quadern in der Mitte bemerkte, durch welche man den dunklen Strom heftig dahinrauschen sah, was auf einen starken Fall schließen ließ.

»Der andere Zugang,« sagte er – »führt zu dem Saale des Licht-Throns. Wenn der Tsing-kiun die zweite Marmorplatte hinter dem Thron des großen Drachen heben läßt, wird er Stufen finden, die zu dem Eingang führen. Dort sitzt meine Tochter Tank-ki, um das Geheimnis zu bewachen, und wenn er ihr dreimal den Namen ihres Vaters nennt, wird sie ihm den Weg zeigen. Aber es ist unnütz, wir bedürfen seiner nicht. Der Schatz ist hier.«

»Besser ist besser,« sagte der General. »Wahrscheinlich steckt das Silber in einem dieser Schlupfwinkel. Laßt den Kerl den Gang öffnen!«

Damit kam der General selber die Leiter heruntergestiegen, verbot aber, daß seine Umgebung nachfolgte.

»Jetzt vorwärts!«

Der Chinese Tsin-Yang, dem auf sein Verlangen die Hände gelöst worden waren, zog aus seinem Gewande einen Gegenstand, den er sorgfältig betrachtete und mit der Umgebung verglich. Leutnant Clement, der dicht bei ihm stand, sah, daß es ein Kompaß mit der Magnetnadel war, deren Geheimnis die Chinesen tausend Jahre früher als wir kannten.

Endlich, als er sich genügend über die Richtung der Nadel informiert hatte, schritt Tsin-Yang auf die Nische zu, nach welcher die Spitze zeigte, und betastete die eherne Figur des Drachen. Sofort öffnete sich die Quaderwand ebenso wie zuvor, und es zeigte sich die Öffnung eines dunklen Ganges.

»Kapitän Batonnel,« befahl der General – »nehmen Sie zwei Mann und eine Fackel und verfolgen Sie diesen Gang, sehen Sie aber scharf rechts und links, ob irgendwo sich ein Versteck befindet. Wenn Sie das Frauenzimmer finden, halten Sie es fest und lassen Sie sich den Ausgang zeigen. Sie haben gehört, dreimal den Namen dieses Burschen. Er heißt Tsin-Yang. Stellen Sie einen Posten an den Ausgang und halten Sie diesen offen.«

Der Genie-Offizier, dem dieser wenig ehrenvolle Auftrag geworden, sah die finstere Öffnung sehr mißtrauisch an.

»Da hinein, General?«

»Wo sonst hinein?«

»Der Henker weiß, was dahinter steckt. Die Chinesen sind Meister in allerlei Teufeleien. Ich schlage vor, General, Sie lassen den Langzopf vorangehen.«

»Der General stieß einen lästerlichen Fluch aus. »Wollen Sie gehen, Herr, oder ich degradiere Sie!«

»Das kann nur ein Kriegsgericht, Monsieur!«

Es wäre sicher zu einer jener Szenen der ziemlich laxen Disziplin gekommen, welche die französische Truppe trotz aller persönlichen Bravour so sehr schädigte, wenn der General nicht in Gegenwart der Engländer eine solche gescheut hätte. Er hatte sich bereits zur Genüge überzeugt, daß das Souterrain des Palastes nicht ohne seine besonderen Geheimnisse war, und da er fürchtete, daß der Verräter derselben die genaue Kenntnis benutzen könnte, um zu entschlüpfen, stand er von der augenblicklichen Untersuchung des geheimen Ganges ab, indem er sich begnügte zu wissen, daß ein solcher existiere. Man stellte, um das Schließen der Quadern zu verhindern, einige Gewehre dazwischen, und dann mußte Leutnant Clement den Chinesen nochmals befragen, ob in einer der beiden aufgefundenen Gänge die Schatzkammer zu finden sei.

Der Mann deutete auf die Öffnung, durch die man den Strom rauschen sah.

»Hier!«

»Was – in dem Wasser? Der Kerl ist verrückt und treibt seinen Spott mit uns. Ich habe große Lust, ihn selbst da hinunterwerfen zu lassen.«

Der Verräter hatte die Gelegenheit benutzt, als alle eifrig hinunterschauten, an die Wand des Rondeels zurückzutreten.

Plötzlich fühlte man eine Art Erschütterung oder Schlag und das Wasser begann langsamer zu fließen und sich auffallend zu vermindern.

»He – was ist das?«

Nur Leutnant Clement hatte bemerkt, daß der Palastaufseher sich nochmals an der Drachenverzierung einer der Nischen zu schaffen gemacht hatte, und daß gleich darauf das Rauschen des Wassers aufgehört hatte. Aber er fühlte sich nicht berufen, den General auf diesen Umstand aufmerksam zu machen.

Alle – mit Ausnahme des Postens, welcher den offenen Gang bewachte – standen jetzt um die Öffnung im Fußboden und sahen mit Erstaunen, wie rasch das Wasser, das noch soeben in gewaltigem Strom dahingeschossen war, sich verminderte.

In Zeit von zwei Minuten war es ganz verschwunden, und als man die Fackeln hinunterhielt, bemerkte man ein geräumig gemauertes Bett, auf dessen Boden bei der schrägen Neigung und der davon bedingten scharfen Strömung nur wenig Unrat zurückgeblieben war.

»Laß die Soldaten des Tsiang-kiun hinuntersteigen, Freund Scheusin,« sagte ruhig der Chinese, – »und es mit den Steinplatten wie mit dieser hier machen, – sie werden das Silber des Kaisers Hien-fong darunter finden.«

»Goddam!« rief der englische Offizier, der aufmerksam zugehört hatte. »Diese Chinesen sind keine dummen Burschen!« und er begann eiligst die Leiter zu ersteigen, die zu den Käfigen führte.

Der General, dem Leutnant Clement die Anweisung des Chinesen verdolmetschte, hatte in der Freude seines Herzens, endlich am Ziele zu sein, nicht gleich die Entfernung des Engländers bemerkt. Er befahl dem Genie-Offizier, mit einigen Leuten in das leere Wasserbett hinunter zu steigen und eiligst die Untersuchung zu beginnen.

Diesmal verweigerte Kapitän Batonnel den Gehorsam nicht, eine fieberhafte Erwartung, ein merkwürdiger Eifer schien alle Anwesenden bis auf den geringsten Soldaten herab ergriffen zu haben, und die Kommandierten warteten nicht einmal das Anlegen der Leiter ab, sondern sprangen in die breite Rinne hinab.

Nach einigen Augenblicken war die dünne Schlammschicht, die den Boden bedeckte, hinweggeräumt, und ein Hurra verkündete, daß man in der Tat die Quadern mit Einrichtungen zu ihrem Emporheben versehen gefunden hatte.

Es konnte jetzt kein Zweifel mehr sein, daß man sich an dem Zugang zu dem so wohl verborgenen Schatzgewölbe befand, und der General wäre am liebsten selbst in die Grube gesprungen, um die erwarteten Schätze gleich aus erster Hand zu nehmen, wenn er sich nicht geschämt hätte. So, während er mit Argusaugen jede Bewegung seiner Leute beobachtete, mußte er sich begnügen, bald ihnen Anweisungen zu geben, bald die Habsucht der Engländer zu verwünschen, die sicher ihren Anteil an der Beute fordern würden, oder dem Chinesen Vergeltung zu geloben, weil er so hinterlistig und verräterisch gewesen wäre, ihm nicht das Geheimnis im stillen und allein anzuvertrauen.

Unterdes war es den Pionieren gelungen, die großen Quadern hochzuheben, die eine weite Öffnung bildeten.

Aber anstatt daß das Licht ihrer Fackeln sich in dem leuchtenden Glanz von Gold und Silber spiegeln sollte, sahen sie nichts vor sich, als einen anscheinend ziemlich weiten und flachen Raum, der unter dem Flußbett fortlief, gefüllt mit unscheinbaren, schmutzigen, dunklen Kloben.

Das Fluchen der Soldaten verkündete ihre Enttäuschung.

General Montauban jedoch war klüger als sie.

»Steige einer hinunter,« befahl er, »und reiche eines der Dinger herauf! Wir wollen sehen, was es ist.«

Ein Mann stieg hinab und reichte eines der kleineren brotförmigen Stücke herauf. » Diantre – das ist schwer! Bloßes Eisen – und darum haben wir aus dem schönen Frankreich hierher kommen müssen übers Meer.«

»Dummkopf!« Der scharfe Blick des Generals hatte Form und Wert besser gewürdigt. »Gebt her!« Ein Kratzen mit dem Messer überzeugte ihn bald, daß er einen Barren gediegenes Silber in Händen hatte. Sein Gesicht war ganz rot vor Aufregung, seine Augen versuchten die Tiefe zu durchdringen, um einen Überschlag des ungeheuren Wertes zu machen.

»Kapitän Batonnel,« befahl er flüsternd, »schicken Sie sofort alle Mannschaften hinweg und lassen Sie die Steinplatten wieder auflegen. Zwei Mann bleiben auf Posten hier, zwei andere in dem geöffneten Käfig, – das ganze Gebäude wird mit Schildwachen umgeben. Wer einzudringen wagt, wird ohne weiteres über den Haufen geschossen. Ich komme sogleich zurück, um weitere Befehle zu geben.«

»Wenn Eure Exzellenz mich etwa suchen,« sagte eine Stimme hinter ihm, »so habe ich Ihnen den Weg erspart. Ich freue mich, zu hören, daß wir so glücklich gewesen sind, die Schatzkammer des Palastes zu entdecken.«

Der französische Heerführer wandte sich bestürzt um, – in der Öffnung des zweiten Ganges stand der englische General Grant – hinter ihm sah man die Köpfe einiger britischer Offiziere.

»Wir?«

»Nun ja, Sir, – es wird der englischen Armee die Hälfte des Fundes zukommen. Sie sind bereits stark im Vorteil, da Sie diesen Palast zuerst besetzt haben. Indes wir können später über die dabei gemachte Beute abrechnen. Vorerst wird es unsere Aufgabe sein, den Wert des Schatzes festzustellen und ihn in Sicherheit zu bringen. – Ich billige ganz Ihre Vorsichtsmaßregeln.«

»Wie haben Euer Exzellenz denn den Zugang gefunden?« stammelte der Franzose verblüfft.

»O, sehr leicht! Als mir Kapitän Murray die Nachricht von dem ersten Erfolg ihrer Nachsuchung und die Mitteilungen jenes wackeren Mannes da brachte, hielt ich es für zweckmäßig, selbst nach dem bezeichneten Eingang an dem kaiserlichen Thron zu suchen. Wir haben alles richtig gefunden und in dem Zugang ein chinesisches Mädchen, das halb verschmachtet schien durch den Aufenthalt in dem engen Raum und den Mangel an frischer Luft. Der Gang hierher ist wenig mehr als 100 Yards lang und wir gelangten zuletzt von dem Licht Ihrer Fackeln geleitet, ohne jedes Hindernis hierher.«

Der Franzose verwünschte im stillen seine Unvorsichtigkeit.

»Ich hoffe, Herr Kamerad,« sagte er, sich zur größten Höflichkeit zwingend, »wir haben da einen ganz ansehnlichen Fund gemacht im Interesse unserer Regierungen. Ich werde Anstalten treffen, das Silber an das Tageslicht und an einen sicheren Ort schaffen zu lassen, und Zahl und Gewicht feststellen.«

»Es freut mich, Euer Exzellenz dabei unterstützen zu können,« bemerkte General Grant kalt. »Meine Leute müssen bereits eingetroffen sein und es sind kräftige Burschen. Wenn es Ihnen genehm, wird es gut sein, da der Tag noch nicht zu Ende, sogleich ans Werk zu gehen, damit die Teilung morgen beizeiten erfolgen kann. Wir müssen zu einer Entscheidung wegen Peking selbst kommen, und es wird daher nötig sein, morgen darüber Kriegsrat zu halten. Auch werden Euer Exzellenz es billig finden, daß die Truppen Ihrer Majestät dann die Ihren in der Besatzung dieses Palastes ablösen oder dieselbe mindestens teilen, damit jeder Rivalität und Differenz zwischen den beiden Nationalitäten vorgebeugt wird.«

General Montauban biß sich auf die Lippen – die Teilung des Inhalts der Schatzkammer war freilich nicht zu vermeiden, aber er faßte seinen Entschluß, daß die Engländer nicht viel Nutzen von der Besetzung des Palastes haben sollten

»Kapitän Murray,« fuhr der Engländer fort, »tragen Sie Sorge, daß unsere Pioniere eine bequeme und haltbare Treppe hier herab schlagen helfen, auf welcher die Barren transportiert werden können. Es wird um des guten Einverständnisses willen sich empfehlen, daß die Chaine zur Heraufreichung der Silberbarren eine um die andere Nummer aus Leuten beider Nationalität gebildet wird, ebenso die Postenkette oben, bis der Transport auf unsere Dschonken erfolgen kann. Sie selbst werden mit dem von Seiner Exzellenz zu bestimmenden französischen Offizier hier die Evakuation des Gewölbes überwachen. Es ist Euer Exzellenz doch genehm so?«

»O, vollkommen,« sagte der General, seinen Ärger so gut als möglich verbeißend. »Indes, würden wir nicht besser tun, die Zugänge hier zu benutzen?«

»Das wäre sicher zu weitläufig, Herr Kamerad, überdies« – General Grant nahm den Franzosen vertraulich unter den Arm und führte ihn zur Seite, – »überdies muß ich Ihnen gestehen, sind meine Leute auch nur Menschen, und man muß ihnen nicht Gelegenheit geben, einen oder den anderen Barren in den Gängen beiseite zu bringen. Ihre Soldaten mögen darin taktfester sein, aber ich kann für die meinen nicht bürgen. Euer Exzellenz verstehen mich!«

General Montauban verstand sehr gut. Der Entschluß, seine Revanche zu nehmen, befestigte sich immer mehr, indes für den Augenblick war nichts zu tun, als volles Einverständnis zu zeigen, und die ganze Gesellschaft mit Ausnahme der Wachen stieg daher empor ins Freie, wobei der französische General nicht vergaß, den Oberaufseher des Palastes mitnehmen zu lassen, dessen strenge Bewachung er noch besonders befahl.

Die Nachricht von der Auffindung der kaiserlichen Schatzkammer hatte sich rasch verbreitet, und als die beiden Generale emporstiegen, fanden sie den großen geräumigen Hof, in welchem die Menagerie lag, dicht mit Soldaten gefüllt. Es bedurfte des ernsten Einschreitens einer bewaffneten Abteilung, um den Hof zu räumen, dessen Eingänge nun streng besetzt wurden, während die kommandierten Offiziere bereits beschäftigt waren, die Anstalten zur Räumung der Schatzkammer zu treffen.


Die Auffindung des jungen Offiziers durch den Trapper war so rasch auf die Wiedererkennung seiner Person durch den Avignoten gefolgt, daß der letztere über die Freude, seinen jungen Gebieter am Leben und unverletzt zu wissen, anfangs den alten Kameraden des abenteuerlichen Zuges in der Sonora fast ganz vergaß. Erst als Leutnant Clement, von der militärischen Disziplin und dem Befehl Generals Montaubans genötigt, sich von ihm trennen und seinen Dienst bei dem Oberbefehlshaber wieder antreten mußte, fand Meister Bonifaz Zeit, sich zu dem Amerikaner zu wenden.

Das Wiedersehen der beiden Männer, von denen jeder so traurige und wichtige Erinnerungen im Herzen trug, war ein ebenso ernstes als herzliches.

»Freund – Gefährte einer unvergeßlichen Zeit, wie kommen Sie hierher? Welches Wunder führt uns, die Weitgetrennten, in einem fremden Weltteil zusammen?«

»Haben Sie vergessen, Senor Bonifazio,« fragte der Trapper, der die Unterredung in spanischer Sprache fortsetzte, »daß wir einander gelobt haben, uns wieder zu sehen?«

»Eher hätte ich vergessen, daß, ich ein Christ bin, Gott und die Heiligen mögen mir die Sünde verzeihen. Aber Sie übersehen, daß es am Tage der heiligen Jungfrau sein sollte, dreizehn Jahre nach unserer Trennung vor dem heiligen Kreuz der Kirche zu Puebla.«

»Ich habe es nicht vergessen.«

»Dort,« fuhr der Avignote fort, »sollte ich Ihnen den Sohn unseres gemeinsamen Freundes, den Erben Ihres Geheimnisses, zuführen, von dem ich eigentlich nur wenig weiß.«

»So ist es!«

»Die Zeit ist noch nicht um – und es fehlen noch drei Jahre zu dem Alter des Erben; dann hätte ich ihn selbst nach Mexiko begleitet, wie wir verabredet haben, und am Fuß des Kreuzes von Puebla Sie erwartet, Senor Eisenarm, – Sie und Ihren indianischen Freund.«

»Ehe ich Ihnen antworte, Senor Bonifazio,« entgegnete der Trapper – »sagen Sie mir, wo ist der Sohn und Erbe des Generals der Sonora, des Conde Boulbon?«

»Wie – Sie wüßten es nicht. Sie hätten es nicht längst erraten, daß der, den Sie wahrscheinlich von einem schmählichen Tode gerettet haben, Louis Clement, Graf Boulbon und der Sohn meines unvergeßlichen Herrn ist?!«

»Ich dachte es mir, als ich Ihre Freude bei seinem Wiedersehen sah, aber ich wollte Gewißheit. Gott ist groß und seine Geheimnisse sind wunderbar. So hat der Toyah recht behalten, als er mich über das Meer trieb.«

»Sie reden von dem Indianer Wonodongah, unserem früheren Feinde?«

»Ich spreche von ihm, der einst der ›Große Jaguar‹ der Comanchen hieß.«

»So lebt er also?«

»Er lebt – wenn Sie diese Existenz Leben nennen. Als ich aus Ihrem Lager zu den Ufern des Buenaventura zurückkehrte, wo ich ihn verlassen, fand ich ihn am Leben, obschon der Tod einem Krieger, wie er, willkommener gewesen wäre. Jedes seiner Glieder ist gelähmt, und so schleppt er sich, ohne Augenlicht, gleich dem Gewürm, über den Boden, den er sonst, wie das kräftige Tier, dessen Namen er führt, übersprang.«

»Der Arme!«

»Dazu ist der Schatten, der seinen Geist umnachtet, nicht gewichen, und dennoch, wie können wir uns unterfangen, das Schatten zu nennen, was heller sieht, als das schärfste Auge des Jägers in der Prärie; denn er sieht über Länder und Meere und in die Zukunft.«

»Sie meinen das zweite Gesicht, Senor Eisenarm?«

»Nennt es, wie Ihr wollt. Nicht mit Unrecht halten die Indianer den vom großen Geiste besessen, dem das Licht der gewöhnlichen Vernunft getrübt ist. Wonodongah ist es, der mich hierher gesandt!«

»Zu welchem Zweck?«

»Können Sie noch fragen? – Der Häuptling hat ein zweites Gesicht gehabt und die Gefahr für den vorausgesehen, den der sterbende Krieger uns dreien als seinen Erben vermacht hat. Er behauptete, daß dem Kinde eine unbekannte Gefahr drohe, aus der wir ihn retten müßten, und er ruhte nicht eher, bis ich mich entschlossen hatte, aufzubrechen und Sie und ihn aufzusuchen in Europa.«

»Aber wie konnten Sie glauben, uns hier zu finden?«

»Der große Geist, der dem Häuptling die drohende Gefahr gezeigt, hat auch die Schritte des Werkzeugs geleitet. Lange hatte ich dem Willen des Toyahs widerstanden, den ich nicht verlassen wollte, bis ich endlich nachgab. In San Francisco, wohin ich wanderte, um mich nach Frankreich, Eurem Lande einzuschiffen, vernahm ich, daß die Franzosen Krieg führen mit den Chinesen, und ich hoffte, daß Krieger mir sagen könnten, wo der Sohn eines Kriegers zu suchen sei. So wählte ich den Weg über China und Indien und schiffte mich an Bord des ersten Fahrzeugs ein, das in dieser Richtung absegelte.«

»Aber wie kommen Sie zu den Engländern, in deren Gesellschaft Sie sich zu befinden scheinen?«

»Ich kenne sie nicht weiter, als daß ich sie in dem Hafen, in dem die Überfahrt endete, angetroffen habe und sie mir gestattet haben, die Reise auf ihrem Schiffe fortzusetzen.«

»Das alles ist in der Tat sehr seltsam,« sagte der Avignote nachdenkend. »Und Sie wollten es in der Tat wagen, ohne Näheres von uns zu wissen, nach Frankreich zu gehen, um zwei Menschen aufzusuchen, von denen Sie kaum die Namen kannten?«

Der Trapper sah ihn erstaunt an.

»Aber ist Frankreich nicht ein Land, wo viele Tausende von Menschen wohnen?«

»Gewiß – die Bevölkerung beträgt an vierzig Millionen.«

»Und das Land ist nicht größer als Mexiko?«

»Ich erinnere mich, daß man mir gesagt, es habe nur den vierten Teil seiner Größe, dagegen die vierfache Zahl von Bewohnern.«

Der Trapper lachte. »Meister Kreuzträger würde Ihnen gesagt haben, daß er die Spur eines Pferdediebes durch ganz Mexiko verfolgen wolle, das doch viermal so groß ist, und viermal weniger Zeugen hat, die einen Menschen verraten können. Warum hätte ich darum einen Augenblick fürchten mögen, Sie nicht zu finden?«

Der Avignote zuckte die Achseln, er sah, wie wenig sein Freund die Zivilisation kannte, aber er wollte nicht das Vertrauen auf seinen Scharfsinn beleidigen.

»Und Ihr habt also den Comanchen-Häuptling allein zur Bewachung des Schatzes zurückgelassen, Meister Eisenarm?« fragte er. »Bei dem Zustand, den Ihr mir beschrieben habt, dürfte das gefährlich sein.«

»Warum?«

»Da der Häuptling blind und elend ist, wird er kaum für seinen Unterhalt sorgen können.«

»Was bedarf ein Indianer? Überdies ist er nicht allein!«

»So teilen andere Ihr Geheimnis?« fragte der Avignote besorgt.

»Niemand weiß darum. Niemand ist bei ihm als ein Knabe von zehn Jahren, der Sohn von Falkenherz, den er mir geliehen.«

»Von dem Anführer der Comanchen der uns gegen die Apachen zu Hilfe kam?«

»Ich sehe, amigo, daß Sie ein Gedächtnis für Ihre Freunde haben. Von ihm habe ich auch die letzte Nachricht über Comeo erhalten.«

»Die hübsche, kleine Indianerin, das wackere, treue Mädchen! Wir trennten uns in Santa Fé. Wissen Sie, wie es ihr geht?«

»Sie lebt mit ihrem Gatten in Texas, ist glücklich bis auf die Erinnerung an ihren Bruder und gedenkt hoffentlich auch anderer alter Freunde, auch ist sie Mutter mehrerer Kinder.«

»Gott und die Heiligen mögen ihr Segen geben, sie verdient es. Wenn mich der Wille des Himmels mit dem Knaben wieder in Ihr Land führen sollte, um ihm mit Hilfe wackerer Freunde zu seinem Recht zu verhelfen, so will ich sie aufsuchen und an ihrem Herde sitzen. Mein unglücklicher Gebieter schätzte und liebte ihren Gatten.«

»Reden Sie von dem Knaben, Senor Bonifazio. Die Gefahr, die ihn bedroht, ist hoffentlich vorüber?«

»Ich hoffe es!«

»Er gleicht seinem Vater an Stattlichkeit der Gestalt, doch hat er das milde Auge und das Haar seiner Mutter. – Sie haben mir noch nichts von seinem Charakter gesagt, Senor Bonifazio. Ist er mutig und brav?«

»Brav und treu seinem Wort, wie der Ritter Bayard, mutig wie ein Löwe. Er hat in der Schlacht mit den tatarischen Reitern drei von ihnen getötet.«

»Ich hoffe es; der Knabe gefällt mir, und ich denke, wir werden Freunde werden. Aber wie geriet er in jenes Gefängnis?«

»Offenbar durch Verrat und Hinterlist. Sie wissen, Senor Eisenarm, daß ich noch nicht Gelegenheit gehabt habe, ihn nach den näheren Umständen zu fragen. Der Dienst hat ihn in Anspruch genommen.«

»Auch der tapferste Mann kann in einen Hinterhalt geraten. Aber warum dient der Knabe, wo er befehlen könnte?«

»Jeder Franzose von seinem Blut,« sagte der Avignote stolz, »ist Soldat. Er dient in der Armee seines Vaterlandes, nicht dem Kaiser Napoleon. Sein Vater hat es so bestimmt, schon vor unserer Abreise aus Frankreich.«

»Und er weiß von seiner Zukunft?«

»Kein Wort, er kennt nicht einmal mit Gewißheit seinen Namen und seine Abstammung. Heute, an seinem zwanzigsten Geburtstag, sollte er sie von mir erfahren, aber seit zwei Tagen hielt ich ihn für tot.«

»Gott hat mich über das Meer geführt, um ihn dem Leben zurückgegeben – er ist jetzt mein Sohn so gut wie der Ihre. Ich kann nicht erwarten, daß Sie ihm den Namen eines unbedeutenden Trappers der Wildnis genannt haben, aber ich hoffe, er wird die Freundschaft eines ehrlichen Mannes nicht verschmähen, der gegen seinen Vater, aber auch an dessen Seite gefochten hat.«

»Ich habe ihm hundertmal von Ihnen erzählen müssen, vom Senor Kreuzträger und den anderen. Nur von unserem Geheimnis hat er keine Ahnung. Aber haben Sie nichts von unserem alten Freunde gehört?«

»Sein seliger Geist jagt mit seinen roten Brüdern in den glücklichen Jagdgefilden, wohin wir alle gehen – die Christen wie die Indianer. Sein Sohn hat ihn an den Ufern des Kolorado begraben. Die Zahl unserer Freunde ist gering geworden, Senor Bonifazio. Wir werden alt.«

»An Männern wie Sie, Eisenarm, geht die Zeit spurlos vorüber.«

Der Trapper, der jetzt mit seinem Gefährten auf demselben Platz saß, auf dem zwei Stunden vorher der ehemalige Mayordomo des Grafen Boulbon verzweifelnd über den Tod seines Zöglings gesessen, schüttelte traurig den Kopf.

»Auch meine Zeit ist bald um, Senor Bonifazio,« sagte er, »obschon ich noch nicht so alt bin, um nicht noch eine Reihe von Jahren den Klang meiner Büchse in der Prärie hören zu können. Aber ich bin ein einsamer Mann seit dem Unglück, das den Comanchen betroffen hat, mit dem ich so manches Jahr treulich die Wüste durchstreift, von den Rocky-Mountains bis zu den Haciendas im Süden. Mit ihm – und ich fürchte, er wird kaum die Zeit erleben, die wir zu unserem Werke bestimmt haben, – würde der letzte meiner Freunde aus der Jugend scheiden. Darum war es auch meine Absicht, mich auf dem Wege zu Ihnen nach ein paar anderen zu erkundigen, von denen ich nur gehört habe, daß sie ein wunderliches Schicksal, das sie anfangs mit dem Vater unseres Knaben zusammengebracht, auch in dieses Land geführt hat.«

»Nach China?«

»Nicht gerade nach China – es ist ein Land, das man Indien nennt.«

»Indien? – Aber wie kommt Graf Boulbon, mein Gebieter, mit Indien und Ihren Freunden zusammen?«

»Ich habe nur dunkel davon gehört, – nur aus den Erzählungen der Jäger in Kalifornien. Aber hatte der Conde nicht schon früher, ehe er jenen unheilvollen Zug nach der Sonora unternahm, eine Anzahl Männer dazu geworben, die sich später wieder zerstreuten, als ein großer Brand die Stadt Francisco verwüstet hatte?«

»Das ist wahr. Ich habe davon ausführlich gehört – ich war damals mit Suzanne, – der Gräfin,« verbesserte er sich, – »der Mutter unseres Knaben, im Auftrage meines Gebieters in Mexiko. Ich glaube, Slonhg und einige andere gehörten zu jenen Geworbenen. Es war damals, als der Graf in der Arena von San Francisco den Tiger Bob bekämpfte, den er noch besaß, als wir aus Mexiko zurückkehrten.«

»Ich habe davon sprechen hören, aber ihn nie gesehen. Das Tier, das sie Tiger nennen, drüben in dem Käfig, war das erste der Art, das mir zu Gesicht gekommen ist, ich bedauerte damals sehr, die Gelegenheit versäumt zu haben, denn ein Mann sollte niemals unterlassen, die Geschöpfe Gottes kennen zu lernen, namentlich wenn er in der Wildnis lebt. Jetzt, nachdem ich das Tier gesehen, weiß ich, daß Ihr Herr einen harten Kampf bestanden haben muß, und ich werde dem Toyah davon erzählen, wenn ich an die Quellen des Buenaventura zurückkehre.«

»Aber Sie sprachen von Ihren Freunden?«

»Richtig, Senor Bonifazio. Es war damals ein Freund Ihres Herrn in San Francisco – ein indischer Prinz, Nena Sahib genannt.«

» Nena Sahib

»Ja – ich glaube, so hieß er. – Aber was tut dieser Kerl hier,« sagte er, die Sprache wechselnd – »ich hoffe nicht, daß der Bursche uns belauert.«

»Ohne Besorgnis, Freund Eisenarm,« meinte lächelnd der Avignote, indem er sich nach der Person umwandte, welche die Aufmerksamkeit seines Gefährten erregt hatte, – »es ist nichts als einer jener widerwärtigen chinesischen Bettler, die sich überall eindrängen und eine wahre Plage für die Armee sind. Hier hast du eine Münze, Bursche, obschon in deinem albernen Lande nicht einmal die geprägten Münzen ordentliche Geltung haben, und nun packe dich.«

Der Chinese, ein Krüppel schlimmster Art mit verwachsenen Beinen, griff hastig nach dem kleinen Geldstück, das ihm der Franzose zugeworfen, und schob sich auf den erhaltenen Wink, den er besser verstand, als die fremden Worte, ein Stück weiter hinweg, wo er an dem Bassin niederkauerte und an einem Maiskolben zu nagen begann.

»Erzählen Sie weiter, amigo!« sagte der Avignote.

»Wir sprachen von dem indischen Prinzen, obschon uns dieser eigentlich nichts angeht und ich ihn nur beiläufig erwähnte.«

» Mordioux, Freund Eisenarm,« unterbrach ihn der Franzose, »er hat seitdem eine bedeutende Rolle gespielt in der Welt, oder vielmehr in Indien, seiner Heimat. Sie müssen wissen, ich bin seit dem Tode meines Herrn ein gewaltiger Politiker geworden und lese die Zeitungen, was er sonst für mich tat. Ihr Nena Sahib oder Srinath-Bahadur, wie er sich nannte, war der Maharadschah von Bithoor, und ein gewaltiger Feind der Engländer geworden, denen er eine tüchtige Revolution in Indien erregte. Ich kann Sie versichern, daß es ein ganz verfluchter Kerl gewesen sein muß, denn er vergoß Blut wie Wasser, und ließ die Köpfe springen, als wären es bloße Mohnkolben. Die Herrschaft der Engländer in Indien ist nahe daran gewesen, durch ihn über den Haufen zu purzeln.«

»Ich kann nicht gerade sagen, daß ich die Inglese besonders leiden mag, obschon einer jener Freunde, deren ich erwähnte, aus ihrem Blute stammt. Aber was ist aus dem indischen Prinzen geworden, der ein so tapferer Mann gewesen sein soll, wie Ihr verstorbener Gebieter?«

»Er ist seit zwei Jahren verschollen – die Engländer haben zuletzt mit ihren Kanonen die armen Kerle, die Indier, abgemurkst, und man weiß nicht recht, ob der Nena in einem der blutigen Gefechte gefallen, oder ob es ihm gelungen ist, zu entkommen. Viele behaupten das letztere, und daß er in einem anderen Lande Asiens nur auf die Gelegenheit lauert, einen neuen Schlag gegen die Engländer zu tun. Es soll ein hoher Preis auf seinem Kopfe stehen.«

»Schade!«

»Warum?«

»Weil ich so die Aussicht verloren habe, von dem Schicksal zweier früherer Kameraden zu hören, mit denen ich oft in der Wildnis zusammengetroffen bin, und die sich zuerst Ihrem Herrn angeschlossen hatten und dann als Tigerjäger mit dem Nena nach Indien gegangen sind.«

»Wie heißen sie?«

»Ich kenne nur ihren Namen aus der Wildnis. Man nannte den einen ›Adlerblick‹ wegen der Schärfe seines Auges und der Untrüglichkeit seines Schusses. Bei der Madonna! Ich verstehe auch eine Kugel zu schießen, und man rühmt meine Geschicklichkeit in dieser Beziehung, aber ich habe Schüsse von Adlerblick gesehen, vor denen ich nicht besser war, als ein Schütze in den Städten.«

»Und der Name des anderen?«

»Man nannte ihn ›Ralph, den Bärenjäger‹. Er ist es, der von englischem Blut stammt, aus dem Kanada an den großen Seen. – Er pflegte in den Felsgebirgen den grauen Bären zu jagen, und ich sage Ihnen, amigo – das ist kein Spaß. Er kam nur selten in das südlichere Land, und wir haben nur einmal einen Monat hindurch mit ihm die Büffel gejagt, und einen Strauß mit den Apachen gehabt.«

»Ich erinnere mich, die Namen gehört zu haben. Der Graf sprach mit Achtung von ihnen und bedauerte, sie nicht mehr bei seiner Expedition zu haben, ebenso wie er es beklagte, daß er Sie und Ihren Freund nicht hatte gewinnen können.«

Der Trapper schwieg – er wußte nur zu gut, wie das gekommen, aber er wollte es vermeiden, die alten Wunden wieder aufzureißen.

»Hatten Sie einen besonderen Grund, Senor Eisenarm,« fuhr der Franzose fort, »diese Männer auf Ihrem Wege nach Europa aufzusuchen, außer um in ihnen alte Freunde wiederzusehen?«

»Gewiß, Senor. Die Stunde naht heran, wo der Knabe sein Erbe fordern soll, und ich denke, daß es Zeit ist, sich nach zuverlässigen Männern umzusehen, die uns dabei unterstützen können. Denn so wacker auch Falkenherz ist, so bleibt er doch ein Indianer, und die Rothäute lieben es nicht, daß das Gold, welches der große Geist in ihren Bergen und Flüssen ausgestreut hat, von den weißen Männern fortgebracht werde. Aber ohne eine genügende Anzahl von kühnen Gefährten würde es unmöglich sein, dem Knaben zu seinem Erbe zu verhelfen, ja es wird vielleicht nötig sein, eine größere Schar zu haben, als sein Vater befehligte; denn die Apachen hausen ärger denn je und beherrschen das ganze Gebiet zwischen dem Rio del Norte und den Grenzen der Sonora.«

Der Avignote wiegte nachdenkend den Kopf.

»Das alles fordert sorgsame Überlegung,« sagte er endlich, »und unsere grauen Köpfe müssen für ihn denken, denn die Jugend kennt nur das blinde Ungestüm. Ich habe oft gedacht, Senor Eisenarm, ob es nicht besser sein würde, den Knaben in seiner Unwissenheit und Ihren Goldplacer zu lassen, wo er ist, als auch ihn den Gefahren auszusetzen, die seinem Erzeuger Verderben gebracht haben. Er ist jung und von vielen geliebt, und wird mit seinem edlen Namen seine Laufbahn machen, auch ohne daß er Schätze nötig hätte.«

»Es ist das klügste, was der Mensch tun kann; denn so wahr ich von christlichen Eltern bin, amigo, ich habe das gelbe Metall schon viel Unheil anrichten sehen, selbst in der Wildnis. Aber – was tun? – Die Worte der Toten sind heilig und müssen erfüllt werden, wenn sie Ruhe haben sollen in ihren Gräbern. Nicht einmal ein Apache würde es wagen, das Wort seines sterbenden Häuptlings unerfüllt zu lassen.«

Der ziemlich abergläubische Provenzale nickte ihm Zustimmung. »Es geht nicht anders, ich habe mir es auch gesagt. Aber was ist da zu tun?«

»Zunächst müssen noch drei Sommer vergehen bis zu jener Zeit. Sagt mir, amigo, was ist der General der Franken für ein Mann?«

»Nun, Sie haben ihn ja selbst gesehen. Er ist ein tapferer und kühner Soldat, aber grausam und habsüchtig. Mein verstorbener Herr und ich kannten ihn bereits aus Afrika.«

»Und er führt den unbedingten Befehl über alle diese Soldaten?«

»General Montauban ist der Chef der französischen Expedition in China,« sagte nicht ohne Nationaldünkel der Avignote. »Wo wären die Engländer an den Takun-Forts und in der Schlacht bei Palikao geblieben, ohne uns?! Spreu im Winde!«

»Und wie steht unser Knabe bei ihm?«

»Oh, nur zu gut! Er ist einer seiner Ordonnanzoffiziere, und man kann nicht sagen, daß er ihn schont. Wenn übrigens das Gerücht wahr spricht, so sind beide sogar Verwandte.«

»Wie das?«

»Es würde zu weitläufig sein, Ihnen das auseinanderzusetzen, Freund Eisenarm. Genug, wenn auch der Vater unseres Knaben ein Kind der Liebe war, so stammt er doch aus der geraden Linie des alten Königsgeschlechtes, während General Montauban ein Sohn Louis Philipps aus der Seitenlinie der Orleans sein soll, die nur zu Unrecht auf dem Thron saßen.«

Der Trapper lächelte über den feinen Unterschied des alten Legitimisten.

»Hören Sie mich an, Senor Bonifazio, ich habe einen Gedanken. Wenn der General so sehr das Geld liebt, wie Sie sagen, und es scheint nach allem, was wir soeben gesehen, daß es wirklich der Fall ist, könnten wir nicht seine Hilfe erlangen, wenn wir ihm einen Teil des Goldes für sich und seine Soldaten versprächen? Ein Regiment von Euren Soldaten würde es mit dem ganzen Volk der Apachen aufnehmen, und er hat Schiffe, die es leicht hinüberführen könnten.«

Der Provenzale sah ihm erstaunt, erschrocken ins Gesicht. »Mann – was träumt Ihr, was denkt Ihr? Ein Krieg mit Mexiko ohne den Befehl des Kaisers? Es ist nicht daran zu denken! General Montauban würde uns für wahnsinnig halten, wenn wir wagen wollten, ihm einen solchen Vorschlag zu machen. Überdies, wie könnten wir beweisen, daß unser Vorschlag und unsere Versprechungen auf Wahrheit beruhen? Wir sind zwei geringe Männer, ein unbekannter Jäger der Wüste und der einfache Diener eines Leutnants – man würde uns auslachen, wenn wir vornehmen und mächtigen Herren Schätze verheißen wollten, wo wir nichts zum Beweise haben, als Ihr Wort und die Erinnerung. Das Geld, das Sie mir damals für den Sohn meines Herrn gaben, ist größtenteils zu seiner Erziehung und Ausstattung verwendet worden, und Louis besitzt in der Heimat kaum noch ein Vermögen von tausend Franken Zinsenzuschuß.«

Der Trapper lächelte. »Wenn es eines Beweises bedürfte, Senor Bonifazio,« sagte er, »daß meine Worte Wahrheit sind, hundertfach mehr, als Sie ahnen können, so wäre er leicht zu führen. Glauben Sie denn, daß ich diesen weiten Weg unternommen hätte, ohne mich mit den Mitteln zu versehen, mein Ziel zu erreichen und meine Worte zu beweisen?« – er zog den schweren Jagdranzen herbei und öffnete ihn. »Sehen Sie her, amigo! Ich habe auf das Verlangen des Toyah von dem Placer das genommen, was die Augen der Menschen in den Städten blendet, und so viel ich bequem auf der gefährlichen Wanderung durch die Einöde tragen konnte. Kennen Sie dies?« – Er hielt ihm ein Stück Erz entgegen, dessen scharfer Durchbruch keinen Zweifel ließ über seine Beschaffenheit.

»Bei San Bonifazio, meinem Schutzpatron,« rief der erstaunte Provenzale, »das ist echtes, gediegenes Gold, so gut wie jenes, das Sie mir in der Wüste brachten und das ich mit Hilfe des Lord Drysdale in New-Orleans für dreißigtausend Dollars verkaufte!«

»Ich habe dasselbe getan,« meinte gleichmütig der Trapper. »In San Francisco versteht man sich auf die Prüfung des Goldes, das sie in Körnern mühsam aus ihren Placers am Sacramento waschen, und ich kann Ihnen sagen, die Burschen waren mächtig hinter mir her, um zu erfahren, wo ich die Stücke gefunden hätte. – Da sehen Sie nach, Sie werden das Zeug besser verstehen als ich. Die Leute sagten mir, es wären Noten der Bank von Kalifornien, – aber sie sollen diese Papierfetzen selber hinunterwürgen, wenn ich zurückkomme und gefunden haben sollte, daß sie mir die Unwahrheit gesagt haben.«

Er brachte bei diesen Worten eine schmutzige, alte lederne Brieftasche aus dem Ranzen zum Vorschein und reichte sie dem Franzosen, der sie öffnete.

»Senor Eisenarm,« sagte er erstaunt, »Sie tragen ein Vermögen bei sich! Das sind mindestens fünfzig Stück gute amerikanische Tausenddollarnoten.«

»Ich meine, so nannte man das Zeug, und es freut mich um Ihretwegen, wenn die Geldwechsler in San Francisco mich nicht betrogen haben. – Jetzt, da ich Sie und den Knaben gefunden habe, ist der Bettel unnötig für mich, und ich bitte Sie, ihn zu behalten und für den Sohn Ihres alten Herrn zu verwenden. Ich habe zur Rückkehr mehr als genug, wenn ich diese Stücke Metall verkaufe. Caramba – ich hätte niemals geglaubt, daß der Jäger Bras-de-fer noch ein Goldhändler werden würde!«

Er lachte herzlich vor sich hin, während der Franzose ihn mit erhöhtem Erstaunen über diese gänzliche Gleichgültigkeit gegen das alles bewegende Geld betrachtete.

»Das geht unter keinen Umständen, Freund Eisenarm,« sagte dieser endlich, – »wenigstens nicht eher, als bis wir ausführlich unsere weiteren Pläne beraten haben. Lassen Sie uns jetzt von anderen Dingen sprechen und vor allem nach dem Knaben sehen, damit ihm die nötige Ruhe wird. Was denken Sie mit dem Panther zu tun, den Sie so tapfer bewältigt haben?«

»Es ist wahr,« sagte der Trapper, – »ich hatte ihn vergessen und Sie erinnern mich zu rechten Zeit daran. Ich habe eine Pflicht der Dankbarkeit zu üben,« und indem er sich erhob, ging er seinem Gefährten voran und zurück nach dem Hof, in welchem die Menagerie des Palastes sich befunden hatte.

Sie waren kaum verschwunden, als der chinesische Bettler sich langsam und vorsichtig aus seiner zusammengekauerten Stellung erhob und einen blitzschnellen, vorsichtigen Blick umherwarf. Der Hof war fast leer von den ihn sonst füllenden, ihren verschiedenen Beschäftigungen nachgehenden Soldaten, denn alles drängte sich auf die Nachricht von der Auffindung der Schatzkammer nach jener Seite der weiten Räume.

Die Gestalt des Bettlers schien eine andere zu werden, als er sich von keinem fremden Auge bewacht sah. Die krumm und verwachsen gewesenen Glieder streckten sich und wurden gerade und geschmeidig, und das vorhin zum Blödsinn verzerrte Gesicht nahm einen energischen, fast dämonischen Ausdruck an.

»Wer sind diese Männer, die von dem Srinath-Bahadur der vergangenen Tage, als hätten sie ihn gekannt, redeten, und von seinen Freunden Adlerblick und Ralph, den letzten, die ihm in seiner Not geblieben sind? – Es sind offenbar keine Faringi, – schade, daß ich die Sprache nicht verstand, in der sie zu Anfang redeten, ich hätte vielleicht mehr erfahren.«

Der Bettler ließ sich wieder nieder auf den Rand des Bassins, in tiefem Nachdenken. »Bei der dunklen Göttin,« murmelte er endlich, – »ich erinnere mich jenes Mannes, von dem sie redeten. Er war ein Franzose, und es war niemals aufrichtige Freundschaft zwischen den Franken und den verhaßten Faringis. Das Bündnis, das sie hierher geführt, muß zu lösen sein und könnte zum Verderben der Engländer werden. – Fluch über die Feigheit und das Zaudern dieses Schattenkaisers auf dem Thron von Peking. Wenn er meinem Rate folgen wollte, sollte kein englischer Fuß je wieder seine Heimat oder das geknechtete Indien betreten.«

Und wieder versank der unheimliche Bettler in düstere Träumereien.

»Sie sind elende Feiglinge, diese Söhne des Confucius,« fuhr er aufs neue in dem Selbstgespräch fort, – »und ich hasse sie, wie sie die heilige Religion Brahmas hassen. – Ha – wenn ich zehntausend meiner treuen Mahratten bei mir gehabt hätte, statt jener dreißigtausend Tataren und Langzöpfe – ihr Blut hätte stromweis den Peiho gefüllt und kein einziger wäre lebendig zu seinen Schiffen zurückgekehrt. – Aber ich muß mehr hören und wissen, ehe ich es wagen kann, den übernommenen Auftrag auszuführen. Der Moskowit in Peking riet nicht umsonst zur Vorsicht. – Ha, wenn diese Söhne des kalten Nordens nicht so langsam und vorsichtig wären in ihrer Politik und hätten Wort gehalten, als diese Faust an die Thore von Lukno schlug, – der Srinath-Bahadur irrte dann nicht als Flüchtiger durch die Länder, sondern säße auf dem Throne von Delhi und wäre ihr Freund. Und wie einst mit ihm, machen sie es mit den Langzöpfen, sie scheuen es, offene Freunde zu sein und kämpfen mit fremden Waffen … Aber ich will jenen Männern folgen und mehr hören. Vielleicht, daß die Erinnerung an ihre alten Freunde mir zu der Unterredung verhilft, die ich suche.«

Und plötzlich sank die eben noch schlanke, geschmeidige Gestalt zusammen und die Glieder krümmten sich zu der verkrüppelten Form, die sie früher gezeigt hatten; die mit der verhaltenen Wut des Tigers funkelnden Augen wurden matt und blöde, denn von der Seite des Menageriehofes flutete eben die Menge zurück nach den zerstörten Gärten, von dem Wachpikett vertrieben, das auf den Befehl General Montaubans den Hof räumte, wo die Silberbarren aus dem entdeckten Schatzgewölbe von Hand zu Hand herauf wanderten und von englischen und französischen Wachen umgeben zu stattlichen Pyramiden sich auftürmten.

Eine Menge Soldaten, bunt durcheinander gemischt, jubelnd, prahlend, scheltend, erzählend, strömte an dem falschen Krüppel vorüber, der sich in einen Winkel gedrückt hatte und von vielen verhöhnt und zerzaust wurde.

»Hast du die Frechheit gehört, Jérome,« sagte einer der vorüberkommenden Soldaten zu seinem Kameraden – »wir sollen nur bis morgen hier bleiben, dann wollen sie unser Quartier einnehmen!«

»Bah – le grand coquin wird's nicht leiden. Er behält gern, was er hat!«

»Ich sage dir, er tut's. Mit den großen Herren weiß man nie, woran man ist. Aber eins weiß ich gewiß!«

»Und das ist?«

» Corbleu, daß er die Herren Engländer verflucht wenig hier finden lassen wird, wenn sie morgen den Palast okkupieren, und ich denke, wir wollen ihm treulich helfen!«

Lachend gingen beide weiter.

Der falsche Bettler, der ihr Gespräch gehört und, wie nach dem Vorangegangenen geschlossen werden konnte, der französischen Sprache mächtig war, zuckte leicht zusammen bei der Nachricht, daß die Engländer am nächsten Tage den Palast besetzen würden, und ein Blick, wie der eines Tigers, schoß hinter eurem eben vorübergehenden britischen Offizier her.

Der Mann schien jedoch eine wahrhaft furchtbare Selbstbeherrschung zu besitzen, denn bis auf dieses kurze, kaum bemerkbare Zeichen deutete nicht das geringste an, daß er nur die Rolle des krüppelhaften Bettlers spielte.

Er wäre jedoch auch ohne diese strenge Durchführung seiner Maske kaum beachtet worden, denn das Gewühl und der Lärm der Soldaten wurden gerade in diesem Augenblick ärger. Lachend und Beifall rufend umgaben sie einen Mann, der in ihrer Mitte aus dem Hof der Menagerie zurückkam, dessen Zugang jetzt sofort von einem starken Posten gesperrt wurde.

Es war der Trapper Bras-de-fer, und er bewährte in der Tat diesen Namen aufs neue, denn die Last, die er in der rechten Hand trug, war der zu einem Knäuel zusammengeschnürte Panther.

Man konnte sehen, daß das grimmige Tier jetzt wieder aus seiner früheren Betäubung erwacht war, und daß es wütende Anstrengungen machte, sich der unbequemen Bande zu entledigen. Die Baststricke hielten jedoch fest und erschöpften seine Kraft. Der heiße Atem, der aus den Nüstern und dem zusammengeschnürten Rachen drang, und die grünlich funkelnden Augen zeigten die ohnmächtige Wut des starken Tieres.

Der Trapper schritt so unbesorgt und leicht in der Mitte der ihn bewundernden Soldaten, als trüge er ein Lamm oder einen Hund. Bonifaz folgte ihm, den Ranzen des Jägers haltend und sorgsam behütend, indem er ihn besorgt von Zeit zu Zeit mahnte, das törichte Beginnen zu unterlassen und die Bestie irgendwo in sicheren Gewahrsam zu bringen.

» Carracho, Freund,« sagte lachend der Jäger. »Ihr werdet doch nicht wollen, daß ich mein wohlerworbenes Eigentum zurücklasse? Aber ich habe gehört, daß die Herren Franzosen gern Katzenbraten verspeisen. He, Freunde, wollt ihr vielleicht diesen Kater haben, um ihn zu braten?«

Und er hielt die Bestie den Soldaten hin.

Ein allgemeines Gelächter erwiderte den Spaß, der alte Trapper war im Nu wieder der Held der Menge, selbst das Interesse an den gefundenen Schätzen war bei dem leichtsinnigen Volk in den Hintergrund gedrängt.

»Hurra, unser Pantherjäger!«

»Vivat der Armee-Lieferant! Es lebe das Katzenfleisch!«

»Ich mache den Garkoch – hundert Sous die Portion!«

Ein übermütiger Bursche kniff das gebändigte Tier in die Ohren, daß es wütend neue Anstrengungen machte, sich zu befreien. Ein anderer zerrte an dem herabhängenden Schwanz.

»Zurück, meine lustigen Jungen, oder wenn ihr wollt, will ich ihm die Bande lösen, damit ihr das Vergnügen der Katzenjagd selber habt!«

» Pardieu, der alte Bursche wäre es wahrhaftig imstande!« und lachend prallte der Schwarm auseinander und gab einen weiten Raum.

Der Trapper erblickte durch die geöffnete Gasse seine Reise-Gesellschaft, die eben aus der Pforte des Hauptgebäudes des weitläufigen Palastes zurückkam. Das Schauspiel der Habgier bei den Anstalten zur Entdeckung der Schatzkammer durch die beiden Oberbefehlshaber hatte den jungen Lord bald angeekelt, und nachdem er die Interessen seiner Nation gesichert sah, hatte er die unterbrochene Besichtigung der verschiedenen Räume des merkwürdigen Palastes fortgesetzt, wobei sich galant der Leutnant de Thérouvigne als Führer angeboten hatte.

Der junge Franzose bemühte sich, der schönen Sibirianka jede mögliche Aufmerksamkeit zu erwerben.

»Ah, unser amerikanischer Freund!«

Der Berliner Professor, womöglich noch mehr bepackt als früher, hatte nicht sobald seinen Begleiter bemerkt, als er hastig auf ihn losschoß.

»Freund Eisenarm, vulgo Bras-de-fer, – optime amica, ich freue mich, endlich wieder mit Ihnen zusammenzutreffen. Sie haben Merkwürdiges versäumt und hätten der Wissenschaft bedeutende Dienste leisten können bei der Ausmessung jenes kaiserlichen Thrones mit den Drachenfüßen und verschiedener Säulen und Wandungen, da Ihre Leibesgestalt etwas länger ist, als die meine. Ich hoffe, würdiger venator, Sie haben alle die Merkwürdigkeiten, die ich Ihnen zur Bewahrung anvertraut, aufs beste konserviert?«

»Den Plunder, Doktor? Caramba, den habe ich längst fortgeworfen!«

Der Professor starrte ihn erschrocken an. »Mensch – barbare! – das hätten Sie getan?«

»Aber ich habe Ihnen etwas Besseres mitgebracht!«

»Etwas Besseres – Selteneres? – Vielleicht das Gegenstück zu der leider zerbrochenen Schale aus dem verloren gegangenen grünen Porzellan der Vorzeit des Kaisers Tsin-Tsin?«

»Etwas Grünes hat er auch,« sagte lachend der Trapper, »aber nur in den Augen. Da – sehen Sie selbst Doktor!« Und er hob dem Gelehrten die geknebelte Bestie, die er bisher hinter sich verborgen gehalten hatte, unter die Nase.

Der etwas kurzsichtige Gelehrte erblickte kaum die funkelnden Augen der Bestie so nahe vor den seinen, als er unter Verlust seiner Brille einen noch gewaltigeren Satz rückwärts tat, als er vorhin bei der unterbrochenen Klassifikation des Tigers gemacht hatte, um sich aus der gefährlichen Nachbarschaft zu retten. Sein Schelten über die Sorglosigkeit des Jägers ging in dem schallenden Jubel der Soldaten verloren.

»Sie haben unsern gelehrten Freund allzusehr erschreckt, Sir,« sagte die Dame lächelnd – »seine Nerven sind nicht so stark wie die Ihren. – Aber sagen Sie mir, Monsieur Bras-de-fer, wenn es erlaubt ist zu fragen, was wollen Sie mit dem Ungetüm eigentlich machen?«

»Es Ihnen zu Füßen legen, Sennora,« sprach der Trapper, indem er mit einer Bewegung, die nicht ohne natürlichen Anstand war, die Tat seinen Worten folgen ließ. »Ich bin ein armer Trapper, Sennora, der nichts hat, als was ihm seine Flinte und die Kraft seines Armes erwirbt, und der Ihnen, weil Sie gütig gegen einen Fremdling waren und meine Aufnahme auf Ihrem Schiffe durchsetzten, gern ein Zeichen seiner Dankbarkeit geben möchte. Die Gabe ist freilich seltsam, Sennora, aber ich erinnere mich, daß eine ähnliche von einer vornehmen Donna jenseits des Meeres nicht verschmäht wurde, als ein Freund, dem Gott ein weißes Herz gegeben bei einer roten Haut, sie brachte.«

»Und ich nehme Ihr Geschenk mit gleichem Dank an,« sagte das junge Mädchen, indem sie den Handschuh von ihrer rechten Hand zog und sie dem rauhen Verehrer reichte, »nur müssen Sie mir gestatten, Monsieur Bras-de-fer, damit nach meiner Laune zu verfahren.«

»Der Panther ist Ihr Eigentum, Sennora, – Sie mögen ihn töten, verschenken oder mit sich nehmen.«

»Zum Schoßhund würde er allerdings sich schwerlich eignen,« sagte lächelnd die Sibirianka. »Ich muß also wohl darauf verzichten, ihn zu behalten. Aber ich bin wirklich in Verlegenheit, denn ich sehe zwei Liebhaber dafür, beide gleich treu und ergeben, und beide gleich lüstern nach diesem Beweis meiner Zuneigung,« und sie blickte schelmisch lachend auf den Lord und den Professor. – »Was meinen Sie, gelehrter Herr, Sie sind der Älteste und haben die ersten Rechte auf meine kleine Person? Aber ich bitte Sie, beeilen Sie sich, sonst könnte leicht ein dritter Bewerber um so große Gunst auftreten.«

Sie nickte bezeichnend nach dem jungen Husaren-Offizier, der jedoch in diesem Augenblick keine Aufmerksamkeit für den Scherz zu haben schien. Seine Augen verfolgten vielmehr eifrig jede Bewegung ihrer kleinen entblößten Hand.

»Gott soll mich bewahren, Hochverehrteste, vor dieser Bestie!« meinte erschrocken der kleine Gelehrte. »Sie hat mir schon Schaden und Ärger genug gebracht. Ich wüßte nicht, was ich mit dem Vieh anfangen sollte!«

»Ei – Sie nehmen es mit nach Berlin!«

»Für den Zoologischen Garten,« sagte lachend der Marine-Offizier.

» Eheu – das wäre ein vortrefflicher Gedanke, mein wertester Landsmann,« rief eifrig der Professor. »Auf der Porzellantafel vor dem Käfig stände dann zu lesen: Geschenk des Professor Dr. Peterlein aus China, und alle Welt hätte dann den Beweis, welchen Gefahren und Reisebeschwerden sich auch ein unwürdiger Nachfolger unseres großen Humboldt auszusetzen vermag im Interesse der Wissenschaft. – Aber,« fügte der kleinlaut hinzu, »ich sehe keine Möglichkeit, diese felis onca, Familie panthera, einen so weiten Weg zu transportieren. Es wird nur übrig bleiben, sie zu töten und ihre Haut mit uns zu nehmen, die ich präparieren werde. Schade – schade!« –

»Wenn der Transport allein Ihre Sorge ist, mein alter Freund,« meinte freundlich Lord Walpole, »so will ich Sie davon befreien. Ich übernehme die Kosten und die Mühe des Transports nach Europa, und unser Freund aus Mexiko wird uns gewiß den Gefallen tun, sein Geschenk bis an Bord unserer Dschonke zu schaffen, zu der wir uns ohnehin jetzt begeben. So, mein lieber Lehrer, sollen Sie doch das Vergnügen haben, Ihren in der Wissenschaft ohnehin schon berühmten Namen an einem der Käfige im Zoologischen Garten von Berlin zu lesen.«

Wèra Tungilbi klatschte in die kleinen Hände. »Vortrefflich arrangiert, Mylord, Sie verdienen, meine Hand zu küssen. Sie sehen, Mylord, daß auch ich mich bemühe, unterem werten Freunde eine Freude zu machen, wie sie seinen und meinen Neigungen entspricht.« Ein bezeichnender Blick begleitete diese Worte, indem sie ihm die Hand reichte, die der junge Pair ehrerbietig an die Lippen führte.

»Ich werde das Tier an Bord der Dschonke bringen,« sagte der Trapper, »und kann da gleich mein kleines Bündel mit zurücknehmen, Sennora, indem ich Ihnen tausend Dank für Ihre Güte sage, Ihnen und diesen Herrn.«

»Was soll das heißen, Monsieur Bras-de-fer? Wollen Sie uns denn verlassen?«

»Ja, Sennora, doch hoffe ich, Sie noch zu sehen, um Ihnen Lebewohl zu sagen und Gottes Segen Ihnen allen zu wünschen. Ein seltsamer Zufall hat es gefügt, daß ich hier den Personen begegnet bin, um derentwillen ich die Fahrt nach Europa machen wollte. Ich werde mich nicht von ihnen trennen, bis ich selbst nach San Francisco oder Guayamas zurückkehren kann.«

»Das ist in der Tat ein glücklicher Zufall, Sir,« sagte freundlich der Lord, »obschon es mir und uns allen herzlich leid tun wird, die Gesellschaft eines wackeren Mannes zu verlieren. Sie müssen mir jedenfalls versprechen, mich vor unserer Rückkehr nach Thianthsin noch zu besuchen, denn ich habe ein kleines Andenken für Sie.«

Der Trapper verneigte sich achtungsvoll vor dem jungen Mann und den Offizieren, und nahm dann seine gefährliche Last wieder auf, indem er seinem alten Freunde winkte, ihm zu folgen.

Meister Bonifaz hatte die kurze Unterredung benutzt, um an den Husarenoffizier einige Fragen in betreff seines jungen Zöglings zu richten, aber Monsieur de Thérouvigne zeigte nur wenig Aufmerksamkeit dafür und begnügte sich, ihm kurz zu sagen, daß Leutnant Clement den General nach seinen Zimmern habe begleiten müssen und noch dort verweile. Der Avignote schüttelte brummend über die Rücksichtslosigkeit gegen seinen jungen Herrn den Kopf und folgte dem Mexikaner.

Die kleine Gesellschaft war im Begriff, das gleiche zu tun, und die schöne Sibirianka wollte eben den Handschuh über ihre weißen Finger streifen, als die Hand des jungen Offiziers sie davon zurückhielt.

Erstaunt über die Dreistigkeit trat sie einen Schritt zurück und maß ihn mit einem stolzen Blick.

»Verzeihung, Madame la Princesse,« bat der junge Mann mit einiger Verlegenheit – »aber es scheint in der Tat heute der Zufall sein besonderes Spiel zu haben. Würden Sie mir wohl gestatten, jenen Ring näher zu betrachten, den ich an Ihrer schönen Hand bemerkt habe?«

»Warum nicht, mein Herr!«

Sie zog, um eine fernere Berührung zu vermeiden, den Ring vom Finger und reichte ihn dem Offizier.

»Bei Gott, das ist seltsam,« sagte dieser. »Ganz derselbe! Darf ich Sie fragen, Durchlaucht, wie Sie zu diesem Ringe kamen?«

»Sie vergessen sich, mein Herr,« sprach Lord Walpole, mit strenger Miene dazwischen tretend. »Ihre Frage an Madame grenzt an Unhöflichkeit!«

Der junge Franzose betrachtete ihn mit flammendem Blick. »Ich habe diese Dame mit aller Hochachtung gefragt, nicht Sie, und finde im Gegenteil Ihre eigene Bemerkung so voreilig und dreist, mein Herr Engländer, daß ich mir erlauben werde, Sie um weitere Erklärungen zu bitten.«

»Die Lady steht unter meinem Schutz,« sagte der Lord hochmütig. »Meine Adresse ist Ihnen bekannt, mein Herr. Für jetzt danken wir Ihnen für Ihre Begleitung und sagen Ihnen Adieu.«

Er bot der Dame seinen Arm, um sie hinweg zu führen, diese aber wandte sich ablehnend und unwillig an die streitenden Männer.

»Was soll das heißen, meine Herren – einen Streit um eine so unbedeutende Sache? Monsieur fragt gewiß nicht ohne Ursache, und ich habe nicht die geringste, ihm die erbetene Auskunft vorzuenthalten. Diesen Ring gab mir mein Großvater bei meinem Scheiden.«

»Großer Gott, das Wappen, war Ihr Großvater je in Frankreich?«

»Mein Großvater war Offizier in der Armee des Kaisers Napoleon und ein geborener Franzose. Der Ring ist ein Familienerbstück seiner Mutter.«

»Ihr Name?«

»Sie war eine Tochter des Marquis von Lahouette, der in der Revolution bei der Verteidigung der Tuillerien fiel.«

»Dann, Fürstin, sind wir Verwandte, und ich mache mit vollem Recht die Vetterschaft geltend,« rief heiter der junge Offizier. »Hier, schöne Cousine, sehen Sie diesen ganz gleichen Ring mit dem nämlichen Wappen. Ihre Urgroßmutter war die ältere Schwester der Mutter meines Vaters. Ich weiß, daß nur zwei Ringe dieser Art in der Familie des Marquis existierten und beide Kinder sie erhielten, von denen die ältere Schwester in der Schreckenszeit einen wackeren Mann bürgerlichen Standes heiratete, während die jüngere, damals noch ein Kind, von Verwandten ins Ausland geflüchtet wurde und erst nach der Herstellung der Bourbons nach Frankreich zurückkehrte. Ich erinnere mich, meinen Vater davon sprechen gehört zu haben, daß ein Vetter von ihm, wie er sagte glücklicherweise für die aristokratischen Erinnerungen der Familie – beim Brand von Moskau umgekommen sei.«

»Der Leutnant Jeanrenaud, mein Herr, ist mein Großvater!« sagte Wéra stolz.

»Bitte, schöne Cousine, verstehen wir uns recht!« entgegnete lachend der junge Mann. »Ein Blut wie das Ihre wäre kein Flecken selbst für das Wappenschild eines Laroche oder Montmorency. Überdies leben wir in einer Zeit, die auch im Faubourg Saint Germain andere Ansichten zur Geltung gebracht, und ich werde mir von keinem adligen Stammbaum der Welt das Recht streitig machen lassen, unsere Verwandtschaft geltend zu machen. Da – schöne Cousine, – überzeugen Sie sich selbst!«

Der muntere Offizier hielt ihr seine Hand entgegen, an deren Goldfinger ein Ring steckte, der vollkommen dem ihren glich, wie ein Ei dem andern.

Die Enkelin des alten Posielnic, des Verbannten in den sibirischen Eiswüsten, reichte ihm die Hand. Es mochte ihr, wenn sie dies auch nicht zeigen wollte, nicht unlieb sein, in dem jungen, eleganten Offizier von vornehmer Familie einen Verwandten zu finden, dessen Schutz sie noch unabhängiger von ihren beiden Begleitern machte und ihr erlaubte, das Spiel mit ihren Huldigungen fortzusetzen.

»Wohlan, mein Herr Vetter, Wèra Wolkonski ist geneigt, ihre französische Verwandtschaft anzuerkennen,« sagte sie munter, »unter der Bedingung, daß Friede und Vergessen ist zwischen England und Frankreich, bei meiner höchsten Ungnade! Und nun, Mylord Walpole, seien Sie galant und laden Sie meinen neu erworbenen Vetter ein, mit uns auf Ihrer Barke zu dinieren.«

Der Engländer bezwang seinen Groll, obschon ihm diese Akquisition nichts weniger als angenehm war, und entschuldigte sich mit der Höflichkeit des Weltmannes bei dem jungen Franzosen wegen seines barschen Auftretens, indem er ihn zugleich zu Tische lud, eine Einladung, die der junge Offizier zu seinem großen Bedauern nicht annehmen konnte, da ihn der Dienst später zu seiner Truppe und in den Palast zurückrief. Er mußte sich daher begnügen, seiner schönen Verwandtin den Arm zu bieten, um sie aus dem Tor des Palastes bis zu dem englischen Lager oder zum Ufer des Stromes zu geleiten, auf welchem ihre Barke ankerte.

Aber die Abenteuer der kleinen Gesellschaft sollten auch jetzt noch nicht beendet sein.

Der Professor hatte nämlich kaum den Entschluß Eisenarms vernommen, sich von der Gesellschaft zu trennen, als er im Interesse der Wissenschaft selbst seine Furcht vor dem Panther überwand und den beiden Freunden folgte, so daß er nichts von dem Streit seines Zöglings und dem kleinen Familiendrama hörte, nur bestrebt, aus dem Trapper möglichst noch Nachrichten über die vorgeschichtlichen Ruinen des alten Aztekenlandes herauszuschlagen. Er schien dabei jedoch durch sein ritterliches Gefühl für die leidende Unschuld in eine Klemme geraten zu sein, denn man erblickte ihn jetzt, ein weinendes, hübsches Mädchen an seiner Seite, scheltend und greinend in einem Kreise müßiger Soldaten, die ihm und seiner Begleiterin durch Verhöhnungen aller Art und sehr obszöne Scherze übel mitzuspielen schienen.

Das Mädchen war niemand anders als Tank-ki, die Tochter des verräterischen Oberaufsehers des Palastes, die der englische General aus ihrem Versteck bei dem Zugang zu der unterirdischen Schatzkammer in die Oberwelt zurückgebracht hatte, die aber General Montauban in seiner üblen Laune über die Einmischung der Engländer trotz ihres Wehklagens und ihres Geschreies sofort vor das Tor des Palastes hatte werfen lassen, mit dem strengen Befehl, ihn nie wieder zu betreten.

Die leichtfertige und wüste Gesellschaft der Soldaten hatte sich natürlich sofort die Gelegenheit zunutze gemacht, das schutzlose Mädchen mit den obszönsten Späßen und Anträgen zu verfolgen, und der kleine Professor war dazugekommen, als man der Ärmsten selbst mit handgreiflicher Zudringlichkeit zusetzte, da gerade der Umstand, daß sie einiges Französisch verstand, die Männer um so mehr anlockte.

Der würdige Professor war sofort mit der höchsten sittlichen Entrüstung dazwischen getreten und zog selbstverständlich den Hohn und Spott der ganzen Bande auf seine Person.

»Meine Herren Soldaten!« schrie der kleine Mann, indem er sich auf die Spitzen der Zehen erhob und den alten Arabersäbel schwang, den er gleich zu Anfang in den Höfen des Palastes aufgelesen hatte, »Sie wollen Söhne der großen ritterlichen Nation sein, die das weibliche Geschlecht, genus femininum, Spezies homo, Gattung Säugetiere, – von jeher so hoch gestellt hat, daß schon das Beispiel des berühmten und tapfern Seigneur de Pierre du Terrail, genannt der Ritter ohne Furcht und Tadel, geboren 1476 auf dem Schlosse Bayard bei Grenoble, weswegen ihn fälschlich umwissende Personen Bayard zu nennen pflegen, gestorben nach Gayard de Bervilles Histoire am 30. April 1424 – daß, wiederhole ich, das Beispiel Ihres Landsmanns, genannten Seigneurs, Sie abhalten sollte, bedrängte Unschuld und Tugend …«

Ein brüllendes Gelächter unterbrach die Strafpredigt. »Was will der alte Narr? – Was geht ihn unser Vergnügen mit der chinesischen Kokotte an? – Platz – für das Brautpaar! Respekt vor dem Lumpensammler und der schlitzäugigen Tugendprinzessin! – Laßt uns den Kerl prellen – Eine Decke her! …«

Dem armen Verteidiger der Moral wäre es schlecht gegangen, wenn nicht die Gesellschaft Lord Walpoles und der Offizier in diesem Augenblick dazwischen getreten wäre, und es bedurfte selbst von dieser Seite einiger Anstrengung, den armen Mann, der bereits wie ein Fangball von einer Hand zur andern flog, aus der bösen Rotte zu befreien, wobei der Husar auf die Aufforderung seiner schönen Verwandtin aufs beste tätig war.

Leider mußte dabei der ritterliche Professor einen sehr schnöden Undank erfahren; denn kaum erblickte die junge Chinesin ein Mitglied ihres eigenen Geschlechts, als sie sich unbekümmert um sein Schicksal durch die Streitenden drängte und vor der Dame niedersank, ihre Knie umfassend.

»Helft! Rettet, Ihr seid ein Weib! Die Barbaren töten den Vater und haben mich vertrieben!« flehte sie in französischer Sprache.

Die Sibirianka, erstaunt darüber, neigte sich zu ihr.

»Wer bist du, Kind?«

»Ich bin Tank-ki, die Tochter des Mandarin Tsin-Yang, des Oberaufsehers des Palastes. Sie haben mich von dem Ort vertrieben, an dem mein Vater mich verborgen hatte, als die Barbaren Jung-ming-jun überfielen. Glaube mir, ich war bereit, sein Leben mit dem meinen zu erkaufen, wenn er auch ein Fremdling ist, und Tsin-Yang hätte ihm nichts zuleid getan, denn er ist der Gatte seiner Tochter. Aber sie haben mich fortgetrieben, und die bösen Männer lassen mich nicht hinein und verlangen Schlimmes von mir!«

»Beruhige dich, Kind – wir werden dich schützen. Aber es ist seltsam, daß du unsere Sprache redest?«

»Die gute Maria hat sie mich gelehrt, auch von dem weißen Christ hat sie mir erzählt, – doch darf's der Vater nicht wissen. Du bist gewiß eine Prinzessin, so schön bist du – laß Tanki-ki dir dienen und schütze sie vor den bösen Männern. Sie kann singen und tanzen, Gewebe sticken und die Haare flechten. Beschütze sie, bis sie wieder zu ihrem Vater gehen darf!«

»Wenn das Mädchen, wie sie sagt,« flüsterte der Husar seiner Verwandtin zu, »die Tochter des alten Chinesen ist, den wir als Gefangenen bei General Montauban sahen, so dürfte es lange dauern, bis sie ihn wieder sieht. Man sagt zwar, er habe den Verräter gemacht und selbst die Franzosen herbeigerufen, aber der General scheint übel auf ihn zu sprechen zu sein.«

»Auf jeden Fall will ich das arme Kind gegen die Roheiten schützen, denen sie hier ausgesetzt ist, bis sie zu ihren Landsleuten gelangen kann,« entschied die Sibirianka. »Mylord, ich bitte Sie um die Erlaubnis, dies arme Mädchen mit uns nehmen zu dürfen!«

Der Lord verbeugte sich. »Die Wünsche der Fürstin Wèra Wolkonski sind mir Befehl.«

»O, Mylord, Sie wissen recht gut, daß die Tochter Posieleci keine Ansprüche hat auf den Namen, den ihr Vater früher getragen, es sei denn, daß seine Familie sie adoptiert oder der Zar ihr den Namen zurückgibt. Also verschonen Sie mich mit diesem Titel, bis ich das Recht habe, ihn zu führen, und lassen Sie mich für meine Freunde Wèra Tungilbi sein, die freie Sibirianka. Von dieser nehmen Sie besten Dank für Ihre Zustimmung. – Komm, Kind: wenn das wahr ist, was ich höre, bist du vielleicht eine Ausgestoßene von deinem Volk wie ich und hast den Kampf des Lebens vor dir. So viel an mir ist, will ich dir beistehen und dich schützen, und Sie, mein schöner Vetter, bitte ich, sich nach dem Vater des armen Kindes zu erkundigen und ihm Nachricht zu geben, wo seine Tochter zu finden ist.«

Sie hob das weinende Chinesenmädchen auf und behielt ihre Hand in der ihren, als sie unter dem Schutz ihrer Begleiter durch den Soldatenhaufen weiter ging.


Es konnte etwa eine Stunde vergangen sein, die Sonne war bereits untergegangen und die Dunkelheit rasch eingetreten, als der Trapper und Meister Bonifaz nach dem Sommer-Palast zurückkehrten, der letztere sehr ungeduldig, seinen jungen Gebieter wieder zu sehen.

In den Höfen und Gärten des Palastes brannten mächtige Feuer, – Fackeln und die bunten chinesischen Laternen leuchteten zahlreich, und die leichtsinnige Weise, mit welcher die zechenden und schmausenden Soldaten mit dem Feuer umgingen, konnte bei der leichten Bauart der weiten, prächtigen Gebäude große Besorgnisse erregen.

In dem sorgfältig abgesperrten Menageriehof waren das englische und französische Kommando noch immer mit der Entleerung der aufgefundenen Schatzkammer beschäftigt; Offiziere beider Nationalitäten gingen, eifersüchtige Wache haltend, ab und zu, und eine Menge Karren waren herbeigeschafft und harrten in den äußeren Höfen, um mit den aufgestapelten Silberbarren beladen zu werden und sie zu den Schiffen zu transportieren.

An dem Hauptportal des Palastes stieß der Avignote auf den Husaren-Offizier und hielt ihn alsbald fest mit der Frage nach seinem Freunde.

» Parbleu,« sagte dieser ärgerlich – »der Teufel weiß, was der arme Junge, der sonst kein Wasser trübt, ausgefressen hat. Ich hörte eben von Lavallade, dem Adjutanten, daß der General en chef ihn in Arrest geschickt hat, und bin auf dem Wege, ihn dort aufzusuchen. Allons, Monsieur Cornoche, kommen Sie mit mir!«

Der Avignote, höchst erschrocken über die Nachricht, winkte seinem Freunde, ihm zu folgen, und beide begleiteten den jungen Offizier nach dem Gebäude, das man zum Wachtlokal, also auch zum Arrest eingerichtet hatte.

Hier fanden sie in einem zweiten Gemach Leutnant Clement sehr unbekümmert auf einem Rohr-Diwan liegen. Der kommandierende Offizier der Wache, ein Regimentskamerad des Gefangenen, erklärte ihnen zwar, daß er eigentlich Order habe, niemanden zu ihm zu lassen, aber die Willkür des Generals war bekannt genug, um nicht viel auf einen solchen Arrestbefehl zu geben, und er machte daher auf das Zureden Henrys de Thérouvigne auch nicht viel Umstände, von seiner Order abzuweichen.

»Ich weiß nicht, weswegen es geschehen ist,« sagte der Offizier auf Befragen, »und Clement gibt selber keine Auskunft darüber. Alles, was ich gehört habe, ist, daß unser grand coquin sehr erbost über ihn ist und ihn morgen vor ein Kriegsgericht stellen will, weil er ihm den Gehorsam verweigert hätte. – Bah – wir kennen unsern alten Fuchs, und wenn man eine Schlacht wie Palikao hinter sich hat, darf man sich schon etwas erlauben. Es wird nichts so heiß gegessen, als es angerichtet ist. Eine Viertelstunde will ich Ihnen gestatten, Kamerad, dann kommt die Ronde!«

Leutnant Clement hatte sich von seinem Diwan halb erhoben und bewillkommnete munter die Freunde.

»Mein alter, guter Bonifaz,« sagte er herzlich, »welche Mühen und Sorgen mache ich dir. Wahrhaftig, ich möchte mich selber schelten, dann brauchst du es nicht zu tun. Aber mache dir keinen Kummer darüber, Alter – es ist nichts und General Montauban wird überlegen!«

»Der Coquin!«

»Still, Bonifaz, laß mich dergleichen nicht hören. Allerdings konnte ich nicht anders, als sein Verlangen abweisen. Und höre  … aber ist das nicht mein wackerer Befreier aus dem Kerker? Die Ereignisse gingen so rasch vor sich, daß ich ihm draußen nur flüchtig danken konnte.«

Der Avignote wendete sich nach der Tür. »Treten Sie näher, amigo!«

Der Trapper schritt ihm mit seiner ernsten Miene, mit der er fast zärtlich auf den jungen Mann niedersah, entgegen.

» Louis Suzon Graf von Boulbon, genannt ›Louis Clement‹,« sagte der Avignote feierlich – »begrüßen Sie in diesem Manne denjenigen, welcher die letzten Stunden Ihres Erzeugers teilte und der Vollstrecker seines Willens ist!«

»Meines Vaters? – Welchen Namen gibst du mir da, Bonifaz?«

»Den, der Ihnen gebührt, Sohn meines Herrn und Freundes. Das Blut des königlichen Hauses Bourbon, der rechtmäßigen Herrscher Frankreichs, fließt in Ihren Adern! – Die Zeit ist gekommen, daß Sie es erfahren dürfen, Sie sind heute zwanzig Jahre!«

»Mein Gott! Mein Gott! – Und meine Mutter?«

»Sie ruht in ihrem Grabe auf der Felseninsel des Buenaventura in der Wüste der Apachen und erwartet in drei Jahren ihren Sohn!«

»So war er wirklich mein Vater? – Fast ahnte ich es!«

»Er war es – und hier ist sein Testament, das ich Ihnen in Gegenwart dieser beiden Männer zeige, von denen der eine Zeuge seines Todes, der andere der Freund und Gefährte Ihrer Jugend war. Es ist die rechtmäßige Anerkennung Ihrer Mutter und Ihrer selbst.«

Und indem er aus seiner Brusttasche ein vergilbtes Papier nahm, dasselbe, das ihm vor neun Jahren der Trapper Eisenarm bei der Rückkehr aus dem Goldtal überbracht hatte, Puebla III. Band. küßte er die Schriftzüge seines unglücklichen Herrn und reichte das Dokument dessen Sohn, der es ehrerbietig, betäubt von dieser Bestätigung, empfing.

Wir dürfen zur Ehre des jungen Mannes sagen, daß er sich mehr über die Anerkenntnis seiner geliebten Mutter, als über den Rang, der ihm dadurch verliehen wurde, freute.

Erst nach einigen Minuten, die alle vier schweigend verbrachten, wurde der junge Offizier Herr seiner Bewegung und trat auf den Mexikaner zu.

»Wenn mich nicht alles täuscht, Herr,« sagte er, dem Riesen die Hand reichend, »sind Sie der hier genannte Trapper Leblanc oder Eisenarm, von dem mir mein Freund und Beschützer Bonifaz so vieles erzählt hat. O, mein Herr, Sie sollen mir von meinem Vater sprechen, von dessen Ende ich so wenig weiß.«

»Er starb wie ein Soldat auf dem Wall, den er siegreich erstiegen, junger Herr,« erwiderte der Trapper, ihm kräftig die Hand schüttelnd. »Lassen Sie sich das genügen bis die Zeit gekommen, daß Sie mit eigenen Augen sehen können. Ich habe gelobt – auch ein anderer, den Sie nicht kennen – und dessen Gedanken in diesem Augenblick bei uns sind, obschon er nur ein Indianer ist – mit diesem Mann hier die Sorge um Sie zu teilen, als wären Sie unser Sohn. Gott und die Heiligen haben mir bereits die Gnade gewährt, Ihnen einen kleinen Dienst leisten zu können, – verschmähen Sie darum das Anerbieten eines niederen aber redlichen Mannes nicht!«

»Ich bin stolz auf Ihre Freundschaft und Ihren Schutz, Monsieur Bras-de-fer,« sagte herzlich der junge Offizier. »Mit so aufrichtigen und wackeren Freunden wird es mir nicht fehlen, meinen Weg zu machen, wenn ich erst aus diesem zweiten Prison wieder heraus bin, was hoffentlich bald geschehen wird.«

»Aber wie zum Henker bist du eigentlich wieder in die Klemme geraten, Unglücksvogel?« schalt lustig der Husar. »Doch zunächst nimm meine besten Glückwünsche zu deiner Grafschaft, die freilich im Monde liegt. Daß du ein Sohn des berühmten Grafen Boulbon bist, hatte mir freilich Madame la Marechâl längst angedeutet, aber wir hielten dich nur für ein Kind der Liebe und schwiegen darum, um dir das Herz nicht schwer zu machen. Monsieur le Comte aus dem königlichen Blut der exilierten Bourbons, ich empfehle mich Ihrer ferneren Gnade, wenn Sie je statt des Schlingels Loulou, des trägen Chambord oder des Grafen von Paris auf den Dornensitz kommen sollten, den man den Thron von Frankreich nennt!«

Und er faßte den Freund im lustigen Übermut und wirbelte den Lachenden in dem Gemach umher.

»Aber nun, Graf,« sagte er ganz atemlos – »jetzt beichte, was hat es gegeben zwischen dir und dem General?«

Der Ordonnanz-Offizier war plötzlich wieder ernst geworden. »Das kann ich dir nicht sagen, Henry, wenigstens vorerst nicht. Aber du kannst mir einen Gefallen tun – ich wollte erst Bonifaz darum bitten, aber es ist besser, wenn du's tust.«

»Warum?«

»Einen Offizier kann man nicht visitieren und ihm mit Gewalt Dinge abnehmen, die ihm zur Aufbewahrung anvertraut sind, wie der General ohne Bedenken bei meinem alten Freunde tun würde, wenn er eine Ahnung davon gewönne.«

»Zum Henker, das sieht ja ganz verdammt geheimnisvoll aus! Um was handelt es sich denn eigentlich?«

»Um eine Schrift, die dem Chinesen Tsin-Yang gehört. Der Kerl ist zwar ein schurkischer Verräter und hat mir übel mitgespielt, – aber ich habe versprochen, es ihm aufzubewahren und nur ihm oder seiner Tochter auszuhändigen.«

» Parbleu – der hübschen kleinen Chinesin, die Mademoiselle Wolkonski in ihren Schutz genommen hat.«

»Wer?«

»Ei, meine schöne Cousine! Doch richtig, du weißt von der nagelneuen Entdeckung noch nichts, und ich werde dir die Geschichte bei Gelegenheit erzählen. Du hast doch die hübsche Russin gesehen, die mitten zwischen Tigern und Panthern stand, als man dich gleich dem heiligen Daniel aus der Löwengrube holte?«

»Das schöne Wesen – das ich sah, als ich zur Besinnung kam? – Wer ist sie, wie kommt sie hierher?«

»Langsam! Langsam! Ich hoffe, daß du nicht den Schwarm Ihrer Anbeter vermehren willst, zu denen auch unser guter Freund, der Pantherbezwinger dort, mir zu gehören scheint. Aber, parole d'honneur – sie ist wirklich eine Löwin ersten Ranges und wird in Paris Furore machen. Schade, daß ich nicht bei ihrem Entree sein kann. Sie ist aus Sibirien, die Tochter eines verbannten Prinzen Wolkonski, und ich glücklicher Kerl habe eine Verwandtschaft mit unseren Großeltern ausspioniert. Aber was ist's mit dem Papier?«

»Du sagtest, daß Tank-ki bei der Dame wäre?«

»Tank-ki? Wer ist das?«

»Ich meine die junge Chinesin – die Tochter des Schurken Tsin-Yang.«

» Diable – du scheinst deine Zeit in der Löwengrube nicht verloren zu haben, Freund Louis! Die Dirne ist wirklich hübsch trotz ihrer Schlitzaugen und hohen Backenknochen. Das arme Ding waren unseren Soldaten in die Finger geraten, und Mademoiselle Wolkonski hat sie in Schutz und mit sich nach ihrer Barke genommen.«

Der junge Graf dachte einige Augenblicke nach, dann reichte er ihm ein zusammengeschlagenes Papier, das er aus dem Futter seiner Brusttasche löste.

»Es ist das Eigentum des Mädchens,« sagte er hastig, »und du mußt es ihr aushändigen; denn nach allem, was im gesehen, wird es ihrem Vater wenig nützen. Der General scheint große Lust zu haben, ihn zum Dank dafür, daß er uns hierher gerufen und ihm die kaiserliche Schatzkammer gezeigt hat, an dem Tor des Palastes aufhängen zu lassen und sucht nur nach einer Ursache. – Doch – du darfst das Papier nicht lesen!«

»Ehrenwort!«

»Gut! – Und nun, Freunde, mein alter Bonifaz und Sie, Monsieur Eisenarm, verlaßt mich für heute – mir wirbelt noch alles im Kopf und ich bedarf dringend der Ruhe, um all die Eindrücke in meinem Innern zu ordnen.«

»Aber nochmals – was wird mit dir?«

»Der General mag mich morgen vor ein Kriegsgericht stellen und ich werde mich verantworten. Meine Ehre verbietet mir, seinen Willen zu tun. Laßt euch das genug sein!«

Die beiden älteren Männer sahen sich an – ein Blick und ein Kopfnicken genügten, sich zu verständigen. Sie fühlten, daß der junge Offizier in der Tat der Ruhe bedürfen möchte, und nachdem sie mit bewegtem Herzen von ihm Abschied genommen, verließen sie ihn und folgten dem Offizier.

Während sie durch die Höfe gingen, wechselten die beiden Männer einige Worte, dann blieben sie stehen.

»Herr Leutnant,« sagte Bonifaz, »Sie müssen uns und Louis einen großen Dienst erweisen.«

»Einen Dienst? Mit Vergnügen. Nur muß es schnell geschehen, denn es ist neun Uhr und ich habe die Jour bei der Eskadron.«

»Wir müssen General Montauban sprechen!«

»Wer?«

»Wir beide, und noch diesen Abend.«

»Sie sind toll, Bonifaz. Ich wette, daß der General in diesem Augenblick mit Colonel Düvalet oder einigen anderen Vertrauten beim Souper sitzt und seinen Anteil an den Silberbarren des Kaisers Hien-fong berechnet, und da läßt er sich nicht stören.«

»Und dennoch muß es geschehen. Sie kennen die Adjutanten. Lassen Sie ihm sagen, daß es sich um eine wichtige Eröffnung handelt. – Wenn Sie Geld brauchen, Monsieur de Thérouvigne, Sie wissen, daß ich die Kasse des Grafen führe.«

»Ah, richtig – ich vergaß, daß er jetzt Graf, und will mir einen Spaß damit machen. Aber Geld, Monsieur Bonifaz, kann ein Husar immer brauchen. Ich habe daher nichts dawider, wenn Sie mir auf Louis' Rechnung fünf oder zehn Napoleons vorstrecken wollen, denn Herrn Düvalets Geld ist zu Ende!«

Der Avignote öffnete einen ledernen Beutel und reichte ihm die Goldstücke. »Wir werden Sie hier erwarten,« sagte er. »Verstehen Sie wohl, wir müssen den General sprechen, um jeden Preis.«

Der Offizier entfernte sich, Bonifaz und der Trapper blieben zurück, indem sie sich leise besprachen.

Nach etwa einer Viertelstunde kam der Husar lachend wieder. » Parbleu!« sagte er lustig, »wenn Sie Ihre Sache nicht gut machen bei unserem grand coquin und Ihre Geheimnisse nicht wirklich etwas wert sind, könnte ich morgen leicht das Vergnügen haben, die Stelle von Louis einzunehmen. Wissen Sie, wie ich's gemacht habe?«

»Nun?«

»Ich ließ ihm durch Leblanche, seinen militärischen Kammerdiener, sagen, zwei Freunde des Herrn Grafen von Raousset Boulbon wünschten ihn dringend zu sprechen. – Der Name hat ihm imponiert, er will Sie empfangen, Allons, frisch – ich mache mich fort in meinen Dienst!«

Damit war er verschwunden.

»Kommen Sie, Freund!«

Der Trapper wurde aufgehalten. Neben ihm erhob sich aus dem Dunkel die Gestalt des chinesischen Bettlers, der sie schon am Nachmittage belauscht hatte.

» Adlerblick

Eisenarm wandte sich erstaunt um.

» Ralph, der Bärenjäger!«

»Was ist das, Mensch – wie kommst du auf die Namen, wer bist du?«

»Ein armer Krüppel!«

»Ein Chinese – und du verstehst Französisch?«

»Wie der große Besieger des Panthers es hört!«

»So hast du uns vor Stunden belauscht – ich erinnere mich deiner Gestalt!«

»Nur so weit der Freund Adlerblick in der Sprache der Franken geredet hat. Ich verstehe leider nicht Spanisch.«

»Was willst du? Ich kenne dich nicht!«

»Aber ich dich, Adlerblick hat mir von dir erzählt.«

»Adlerblick? – So kennst du ihn?«

»Ja! Ihn und den Bärenjäger.«

»Und sie leben? – Wo?«

»Nicht drei Stunden Wegs von dir entfernt. Willst du sie sehen?«

»Gewiß – mit Freuden!«

»Du sollst es! Aber du und dein Gefährte – ihr müßt dafür dem armen Hoën-lang einen Gefallen tun.«

»Welchen? Ich verspreche nie etwas, ohne zu wissen, was es ist.«

»Ihr werdet den Tsiang-kiun, den General der Franzosen, sprechen?«

»Wenn du gelauscht hast, Krüppel, so weißt du es.«

»Ihr sollt ihm diese Karte übergeben.«

»Was?«

»Ein einfaches Stück Papier, das Euch weder schaden, noch nützen kann.«

»Um Himmels willen, Freund Eisenarm!« – fiel der ziemlich abergläubische Bonifaz ein – »laß dich nicht mit dem abscheulichen Kerl ein. Der ist nicht, was er scheint, wie könnte er sonst so geläufig unsere Sprache reden? Überdies steckt dies chinesische Teufelsvolk voll lauter Hexenkünste und Betrügereien. Ich habe es selbst mit angesehen, daß so ein Kerl unter einen Korb kroch und sein Helfershelfer mit einem Spieß hindurchstach, daß das Blut stromweis herauskam; und als man den Korb aufhob – war er leer.«

»So wirst du weder Adlerblick, noch den Bärenjäger sehen. Entscheide dich!«

Der Trapper, der hellblickender war, als sein französischer Freund, nahm das Papier. »Was habe ich zu tun damit?«

»Ich habe es bereits gesagt, es dem General zu übergeben.«

»Aber doch erst nach Beendigung unseres Geschäfts?«

»Wann du willst!«

»Und dann?«

»Nichts weiter, als ihm zu sagen, wo der Krüppel Hoën-lang zu finden ist.«

»Und wo ist das?«

»Hier!«

» Bueno! – Um zwei alte Kameraden wiederzusehen, würde ich noch andere Dinge tun. Aber, Mann, es könnte leicht sein, daß Ihr mich narrt, und nur die beiden Namen aufgeschnappt habt aus unserer, ich muß es jetzt gestehen, ziemlich unvorsichtig gepflogenen Unterhaltung.«

»Tor! Hast du darin gesagt, daß Ralph, der Jäger, auf der linken Wange eine tiefe Narbe trägt, die weiß aus dem braunen Gesicht leuchtet?«

»Nein, bei der Madonna, das habe ich nicht gesagt, und es ist in der Tat so. Er erhielt sie von dem letzten Tatzenschlage eines grauen Bären, den er erlegt, und der riß ein tüchtiges Stück Fleisch mit herunter, das kann ich Euch sagen.«

»Wohlan, so wirst du jetzt glauben, daß ich ihn kenne.«

»Aber,« fragte der vorsichtige Trapper fort, »wann und wo soll ich die Freunde sehen?«

»Nicht hier. Die Franzosen werden binnen drei Tagen in Peking einrücken.«

» Quien sabe! – Weißt du das so gewiß, Freund Bettler?«

»Ich weiß es. – Schließe dich ihrer Kolonne an, und man wird dich finden und zu ihnen führen. Vielleicht siehst du sie noch eher!«

Eisenarm kratzte sich am Kopf. »In der Tat, du bist ein seltsamer Bursche,« sagte er. »Aber, was da – ich halte mein Wort wie ein ehrlicher Mann, und kümmere mich um deine Angelegenheiten nicht weiter. Ich werde dem General das Dings da geben. Adieu!«

Er schulterte die Büchse und ging mit dem Avignoten weiter, während der Krüppel wieder an dem Fontainenrand, den er zu seinem Aufenthalt gewählt zu haben schien, zusammenkauerte.

Unterwegs versuchte der Avignote seinen Freund zu bereden, den Auftrag nicht auszuführen, aber der ehrliche Trapper erwiderte ihm, daß er sein Versprechen halten müsse und ein so kleiner Zettel ihnen unmöglich schaden könne.

»So zeigen Sie ihn mir wenigstens erst.«

»Ah, richtig, Senor Bonifazio, Sie können lesen. Aber ich weiß nicht ganz, ob ich recht tue.«

»Unsinn! Ich habe doch mit angehört, was der Kerl davon sagte.«

Der Trapper reichte ihm das kleine steife Papier, das der Avignote bei dem Scheine des nächsten Feuers sorgfältig betrachtete.

»Bah – es ist nichts als eine Visitenkarte!«

»Was ist das für ein Ding?«

»Eine bloße Einrichtung in der Gesellschaft, um mit seinem Namen anzuzeigen, daß man da ist oder dagewesen ist. Jeder anständige Mann hat seine Visitenkarten. Das erinnert mich daran, daß ich bei dem nächsten europäischen Kupferstecher oder Lithographen für unser Kind andere Karten bestellen muß. Ich glaube, es ist ein solcher Kerl auf den Schiffen.«

»So steht der Name des Krüppels also auf dieser Karte?«

»Ich glaube schwerlich! – Er nannte sich ja wohl Hoën-lang, und hier steht wahrhaftig eine Grafenkrone auf der Karte und darunter ein Name, der mir russisch oder polnisch klingt. ›Graf Murawiew‹ – ›Empfohlen durch Graf Murawiew‹ – und darunter irgendein Krähenhaken, den ich nicht entziffern kann.«

»Murawiew – ich sollte meinen, ich hätte den Namen gehört auf dem russischen Schiffe, auf dem ich die Überfahrt von Japan hierher machte. Hören Sie, Freund Bonifazio, die europäischen Kaiser und Könige haben ja wohl die Gewohnheit, einander Abgesandte zu schicken, wie auch die indianischen Völkerschaften zu tun pflegen.«

»Gewiß!«

» Caramba – ein solcher Abgesandter des Zaren oder russischen Kaisers nach Peking ist dieser Graf Murawiew.«

Der Avignote wurde nachdenkend.

»Freund Eisenarm,« sagte er endlich, »ich glaube, es steckt mehr hinter diesem chinesischen Krüppel, als wir dachten, und Sie sind klüger gewesen als ich.«

Sie waren übrigens jetzt vor der Wohnung des Generals angekommen und meldeten sich bei dem Adjutanten, der den Befehl hatte, die angeblichen Freunde des Grafen Boulbon sofort eintreten zu lassen.

General Montauban saß an einem Tisch mit Durchsicht eines Verzeichnisses der in Beschlag genommenen Kostbarkeiten beschäftigt. Er erhob sich bei der Meldung, blickte aber mit offenbarem Erstaunen auf die Eingetretenen.

»Was, zum Henker, wollen Sie hier? – Sie sind ja wohl der Amerikaner, der den Panther bändigte?«

»Gewiß!«

»Aber, guter Freund – Ihr habt auf die 20 Napoleonsd'or ausdrücklich verzichtet, die ich Euch anbot und die Bestie dafür selber genommen. Ihr habt also kein Recht mehr, das Geld zu fordern.«

»Ich denke auch nicht daran, General, ich habe von dem Bettel genug.«

»So, so, Freund,« bemerkte der General en chef, ihn auf die Schulter klopfend, – »das freut mich zu hören. Ihr seid ein wackerer Mann.«

»Aber wie könnt Ihr Euch unterstehen,« wandte er sich zornig zu dem Avignoten, »statt der Personen, die mir gemeldet wurden, hier einzudringen, um mir die Ohren voll zu heulen, weil ich Euren Schlingel von Herrn in Arrest geschickt habe? Fort mit Euch, und laßt mich kein Wort von ihm hören, bis er gehorchen gelernt.«

»Exzellenz, ich selbst komme in Angelegenheit des Grafen Boulbon.«

Der General sah ihn befremdet an. »Des Grafen Boulbon, der in Mexiko fiel?«

»Nein, Exzellenz, – des lebenden.«

»Aber, zum Henker, ich weiß doch, daß mein alter Kamerad aus Algier – ich erinnere mich, Ihr waret ja früher sein Diener – in Mexiko erschossen oder ermordet ist.«

»Das ist leider nur zu wahr. Aber seit heute führt sein Sohn den Namen und Titel.«

»Sein Sohn?«

»Ja, Exzellenz. Leutnant Louis Clement ist der anerkannte Sohn meines verstorbenen Herrn, und seit heute abend weiß er es.«

»Meinetwegen, ich frage nicht danach. Der Leutnant Graf Boulbon wird ebensogut im Arrest bleiben, wie der Leutnant Clement.«

»Gewiß, Exzellenz, und es sei ferne von mir, gegen Euer Exzellenz Befehle Klage zu erheben. Ich hielt es nur für Pflicht, uns Euer Exzellenz als die Vormünder des Sohnes Ihres alten Kameraden vorzustellen.«

» Diantre – Ihr beide seid die Vormünder?«

»Euer Exzellenz wollen sich aus diesem Testament davon überzeugen.«

Der Avignote holte ein Papier aus seiner Brieftasche und übergab es dem General, der es mit jeder Zeile aufmerksamer durchlas.

»Da ist von einem Erbe in Mexiko die Rede,« sagte er endlich – »na, viel wird es gerade nicht sein, denn der selige Graf konnte das Geld nicht in der Tasche leiden. Hat er etwa eine Hacienda oder Kuxe auf ein Silberbergwerk hinterlassen?«

Der Trapper, der bisher schweigend dem Gespräch zugehört hatte, nahm aus seinem Ranzen eines jener Erzstücke, die er am Nachmittag dem Avignoten gezeigt hatte und legte es vor dem General auf den Tisch.

»Was ist das?«

»Gold!«

»Gold?«

»Überzeugen Sie sich, Senor. Es ist eine kleine Probe von dem Erbe unseres jungen Mündels!«

»Tausend Donnerwetter, ich glaube wahrhaftig,« – er hielt das Stück gegen das Licht und wendete es hin und her – »es ist gediegenes Gold! Ist denn mein alter Kamerad ein Goldgräber gewesen?«

»Nein, Senor, er war ein wackerer Soldat bis an sein Ende. Aber er war der rechtmäßige Besitzer der Schätze des Goldtals, nachdem ihm unser Freund José, der in seinen Armen starb, seinen Anteil daran vererbt hatte.«

»Und in jenem Tal gibt es eine Goldader, in der man so bedeutende Stücke findet?«

»Das ganze Tal ist bedeckt damit. Die Wände der Goldhöhle bestehen ganz aus dem schlechten Metall, das schon so viel Unheil auf der Welt angerichtet hat.«

Der General glaubte zu träumen, – er wußte nicht, was er denken, was er glauben sollte, dieser Mann sprach in so einfachen, wegwerfenden Worten von Schätzen, wie sie noch keine Phantasie geträumt hatte.

»Aber Mann – wenn Sie im Besitz eines solchen Geheimnisses sind – denn ich muß voraussetzen, daß der Ort ein Geheimnis ist – dann sind Sie ja der reichste und glücklichste Mensch der Welt!«

Der Trapper zuckte traurig die Achseln. »Gold, Senor, kann einen Mann meines Schlages nicht glücklich machen. Da wir durch den Tod eines schurkischen Yankee unseres Vertrages quitt geworden, haben ich und der Große Jaguar, die wir allein auf der Welt die Lage und den Zugang des Goldtales kennen, unseren Anteil davon unserem Mündel, dem Knaben übertragen, der jetzt den Namen Boulbon führt.«

»Dem Leutnant Clement?«

»Eben dem, Senor, demselben, der jetzt in Arrest ist.«

Der General lief mehr als er ging nach der Tür und riß sie auf.

»He – Kapitän Lallemant, schicken Sie eine Ordonnanz nach der Wache. Die Haft des Leutnant Clement ist aufgehoben. Er soll sich morgen früh bei mir melden, ich bäte darum.«

Er schlug hastig die Tür wieder zu. »Weiter, weiter!«

»Es ist eigentlich nicht viel mehr über den Gegenstand zu sagen, Senor. Das Goldtal liegt in dem Lande der Apachen, und das sind Schurken der schlimmsten Art, diebisch wie die Raben, und treulos wie die Schlangen. Es liegt daher auf der Hand, daß ein einzelner oder auch ein paar Männer, und wären sie selbst an alle Gefahren der Wildnis gewöhnt, den Schatz nicht heben können. Darum hatte der Vater unseres jungen Mündels auch eine Schar zusammengebracht, mit der er wohl selbst den vereinigten Stämmen der Wüste hätte trotzen können, wenn nicht …«

»Nun!«

»Wenn nicht ein unglücklicher Zufall ihm den Tod gebracht hätte, nachdem seine Augen bereits das Goldtal gesehen hatten.«

»Also er hat die Schätze wirklich gesehen, nicht bloß gehört davon?« fragte mit verhaltenem Atem der General.

»So wahr ich ein Christ bin und auf die ewige Seligkeit hoffe, – sein Fuß hat jene Unglücksstätte betreten, sein Auge jenes rote Gold gesehen – mehr, als ihm dienlich war! Das Stück Gold dort ist von dem, was seine Hand selbst aufgenommen hatte.«

»Aber Mann, wenn dem so ist, werden sich willig Tausende finden, die keine Gefahr scheuen, um Euch einen solchen Placer – so nennt man ja wohl den Ort – ausbeuten zu helfen.«

»Sie vergessen, was das Testament sagt: ›zum Besten Frankreichs!‹ Unser Freund José ging übers Meer, um das Geheimnis mit unserer dreifachen Zustimmung dem großen Kaiser Napoleon anzubieten, aber wir hatten nicht bedacht, daß alles sterblich ist auf dieser Welt und daß der große Kaiser längst gestorben war. José kam dabei ums Leben. Aber wie ich in San Francisco mir habe erzählen lassen, herrscht jetzt ein anderer Kaiser Napoleon über Frankreich?«

»Louis Napoleon, Kaiser der Franzosen, Neffe des ersten Kaisers.«

»Und Sie, Senor, und unser Knabe sind seine Soldaten?«

»Ich bin der General en chef der kaiserlichen Armee gegen China.«

» Muy bien! Da dachte ich in meinem Sinn, da das Kind doch das Gold zur Ehre und zum Besten Frankreichs verwenden soll und Sie ja Schiffe zur Fahrt übers Meer und Soldaten genug haben, – ob Sie nicht dem Knaben ein Schiff leihen wollten und eine genügende Anzahl Soldaten, um allen Apachen zum Trotz das Goldtal in Besitz zu nehmen. Es ist zwar noch nicht an der Zeit, die der Conde für seinen Sohn bestimmt hat, aber die Gelegenheit wäre so günstig, daß wir uns wohl die kleine Abweichung erlauben dürften.«

»Mensch – Sie sind rasend mit solchen Versuchungen. Ein solcher Zug wäre ein Bruch des Friedens mit Mexiko und könnte uns in die schlimmsten Händel verwickeln. Und dennoch …«

Der General lief mit hastigen Schritten auf und nieder.

»Dergleichen kann man einem jungen unerfahrenen Manne nicht überlassen. Ich selbst würde … aber ich kann nicht fort von hier. – Was sagten Sie doch von der Zeit, welche der verstorbene Graf bestimmt hat?«

»Es fehlen noch drei Jahre daran.«

»Das ließe sich ändern. Man könnte Frankreich in einen Krieg mit Mexiko verwickeln und eine Expedition dahin ausrüsten. Ich würde sie kommandieren und dem jungen Mann bei der Gelegenheit zu seinem Erbe verhelfen! – Weiß der Graf Louis von dem, was Sie mir da vorgeschlagen haben?«

»Keine Silbe, General – so wenig, wie etwas Näheres von dem Erbe selbst.«

»Desto besser – hören Sie, Sie müssen beide das tiefste Schweigen beobachten, auch gegen ihn, wenn unsere Pläne gelingen sollen. Ich werde mir das nähere überlegen. Einstweilen muß der junge Mann in Sicherheit gebracht werden – ich werde ihn mit dem ersten Schiff nach Europa zurückschicken.«

»Aber er wird es als eine Schmach betrachten, nicht als eine Gunst. Ich kenne ihn!« wandte der Avignote ein.

»Er soll Ehre genug davon haben. Ich hatte Leutnant de Thérouvigne bestimmt, die Depeschen über den Sieg von Palikao nach Paris zu überbringen, – es läßt sich ändern. Graf Boulbon soll es tun und Sie beide werden ihn begleiten.«

»Ich nicht, Senor,« bemerkte der Trapper. »Gott und die Heiligen haben gewollt, daß der Zweck meiner Fahrt über das Meer schon hier erfüllt ist, indem ich in wunderbarer Weise den Knaben und diesen Mann hier getroffen. Ich kehre mit der nächsten Gelegenheit nach San Franzisco und Guayamas zurück, um mich zu dem zu begeben, der in meiner Abwesenheit das Geheimnis der Goldhöhle bewacht.«

»Das war unvorsichtig und gefährlich, einem dritten zu trauen!«

»Wonodongah, der Häuptling der Toyahs, ist mein Bruder, Senor, – ihm gehört das Geheimnis wie mir, und er ist es, der mich übers Meer sandte, den Erben aufzusuchen. Seine Augen werden jenes schändliche Gold nicht mehr sehen, – er ist blind und die einst so kräftigen und schlanken Glieder seines Leibes sind gelähmt. Doch das erinnert mich, Senor, an das Versprechen, das ich einem armen Krüppel gegeben habe.«

»Der auch darum weiß?«

»Nein, Senor, einem dieser Nation mit den Schlitzaugen und den langen Zöpfen. Ich versprach, Ihnen dieses Papier zu geben.«

Er holte die Karte hervor und reichte sie dem General, der sie achtlos in der Hand behielt, ohne auch nur darauf zu sehen.

»Sie haben recht. Monsieur Bras-de-fer, – so nennen Sie sich ja wohl? – Sie müssen so rasch wie möglich nach Mexiko zurück und auf Ihren wichtigen Posten. Ich selbst werde für Gelegenheit zur Überfahrt sorgen. Es ist wichtig, daß Sie dort sind und das Geheimnis überwachen, indes wir in Europa alles nötige einleiten. Dieser Krieg mit China ist hoffentlich …« Er sah zufällig auf die Karte – » Diantre – was ist das? – Dieser Name und das Zeichen – woher haben Sie diese Karte?«

»Ich wiederhole Ihnen, Senor General – ein chinesischer Krüppel hat sie mir für Sie gegeben!«

»Wo?«

»In dem Hof des Palastes – er wollte dort die Antwort erwarten, wie er uns sagte.«

»In dem Hofe? – Ja! – Aber verstehen Sie denn Chinesisch?«

»Das ist nicht nötig – der wunderliche Kerl spricht so gut Französisch, wie Sie und ich!«

General Montauban betrachtete mit großem Eifer nochmals das kleine Papier. »Ich muß den Mann sprechen, sogleich. Wollen Sie mir einen Dienst leisten, Monsieur Bonifaz?«

»Mit Freuden, General, Sie haben ja Louis freigegeben und versprachen, ihn zu beschützen und ihm zu helfen.«

»Gewiß, gewiß! – Aber darum handelt es sich jetzt nicht. Wir werden später noch davon reden, ehe Sie abreisen. Gehen Sie jetzt und schweigen Sie über alles und gegen jedermann, auch gegen Ihren Zögling. Und Sie, Monsieur Bonifaz, haben Sie die Güte, jenen Chinesen hierher zu bringen, so bald Sie sehen, daß ich den Offizier im Vorzimmer entfernt habe. – Gehen Sie, gehen Sie, und Gott sei mit Ihnen.«

Er drängte sie nach der Tür.

General Montauban hatte vergessen, dem Trapper die Goldstufe zurückzugeben! …

Zehn Minuten nachher, nachdem der General den Offizier in seinem Vorzimmer entlassen hatte, führte der Avignote den chinesischen Bettler zu seiner Tür, die der General selbst öffnete und sorgfältig hinter dem Eingetretenen wieder schloß.

General Montauban und der Krüppel waren allein.

Beide betrachteten sich aufmerksam eine Weile.

Der General schien mit dem Resultat dieser Beschauung nicht zufrieden. Er hatte die Karte noch immer zwischen den Fingern und sah bald auf diese, bald auf die zusammengekrümmte Gestalt des Bettlers.

»Graf Murawiew?« fragte er zweifelnd.

»Sie irren, Herr General,« sagte eine scharfe Stimme im besten Französisch. »Ich werde nur durch die Karte eingeführt, die mir der russische Gesandte in Peking gegeben.«

»Sie sind aber ein Russe? Ein Mitglied der Gesandtschaft?«

»Auch das nicht!«

»Aber wer sind Sie denn?«

Der Bettler ließ die Krücken fallen, richtete sich empor und zeigte, daß er den vollen Gebrauch seiner Glieder hatte. Obschon er nur von mittlerer Größe und von hagerer, vielleicht durch Leiden und Anstrengungen abgemagerter Gestalt war, hatte diese doch jenes etwas, das die Gewohnheit des Gebietens zeigt. Auch der Ausdruck des Gesichts war ein anderer geworden. Die Augen waren von einem fast dämonischen Feuer, glänzend schwarz, und um die schmalen Lippen zuckte ein unbezähmbarer Geist des Trotzes und Stolzes.

Im übrigen trug dies Gesicht unverkennbar die Spuren der asiatischen Rasse, ohne daß jedoch die Augen jene schiefe Stellung hatten, welche die Mongolen auszeichnet.

Die Hände und Füße waren überaus klein. Als der falsche Bettler mit einer Bewegung des Hauptes den groben Basthut von sich schleuderte, zeigte sich, daß nur an diesem selbst ein kurzer Haarzopf – das Zeichen der Niedrigkeit und Armut – befestigt gewesen und das Haupt vollkommen kahl geschoren war, als wäre es bestimmt gewesen, den Turban und nicht den Spitzhut oder die Ohrenkappe der Chinesen zu tragen.

»Wer ich bin, fragen Sie?« sagte der seltsame Fremde, – »ich bin ein Todfeind der Engländer, wie jeder wahre Franzose sein muß, selbst wenn er an ihrer Seite kämpft gegen ein fremdes Volk.«

Es lag ein sprühender, unersättlicher Haß in diesem funkelnden Blick, in dem schneidenden, scharfen Ton dieser Worte, als er von den Engländern sprach.

Der General betrachtete ihn mit Erstaunen; wenn er auch noch nicht enträtseln konnte, wer und was dieser Mann war, so begriff er doch, daß er eine Persönlichkeit vor sich hatte, der er Beachtung und Aufmerksamkeit zollen mußte.

Er lud ihn ein, auf einem der Rohrsessel Platz zu nehmen, was der andere mit der Grandezza eines Orientalen und den vollendeten Manieren eines Gentlemans tat.

»Monsieur,« sagte der General, »Sie kommen unter der persönlichen Empfehlung des General Murawiew, Gouverneuers von Ost-Sibirien, der am 28. Mai 1858 den Vertrag von Ajhun mit der chinesischen Regierung schloß, seit welchem ein russischer Bevollmächtigter in Peking residiert!«

»So ist es!«

»Diese Karte kann Ihnen nur auf der russischen Gesandtschaft ausgehändigt sein, denn es befindet sich darauf ein zwischen den Kabinetten von Petersburg und den Tuilerien verabredetes Zeichen, welchem ich Befehl habe, jede Beachtung zu zollen.«

»Ich habe sie zu diesem Zweck erhalten.«

»Und dieser Zweck ist?«

»Im Auftrag des chinesischen Kaisers über einen geheimen Separatfrieden mit den Franzosen zu unterhandeln.«

»Aber, Monsieur, Sie begreifen, daß sich das nicht tun lassen wird. Die Engländer und wir sind Bundesgenossen. Lord Elgin und Baron Gros sind unsere gemeinschaftlichen Gesandten, General Hope Grant und ich kommandieren gemeinschaftlich die Streitkräfte der Expedition.«

»General – ich habe an der Seite des chinesischen Tsiang-kiun, Sang-ko-li-sins in der Schlacht von Palikao gegen Sie gefochten. Die Faringi wären vernichtet worden bis auf den letzten Mann, wenn die Franken nicht gewesen wären.«

»Das alles ändert die Sache nicht. Wir können nur einen gemeinschaftlichen Frieden schließen.«

»Öffentlich – durch die Mandarinen des Reichs – ja! – Nichts hindert Sie, im geheimen für Frankreich besondere Vorteile zu gewinnen.«

»Und die wären?«

»Zunächst Sahib, General – hunderttausend Taël für Sie selbst!«

Die Augen des General begannen ihren schläfrigen Ausdruck zu verlieren. »Herr! – Wie viel ist ein Taël?«

»Der dritte Teil eines Pfund Sterling. Der Kaiser Hien-fong wird sich nicht bedenken, die Million Franken für Sie voll zu machen.«

»Ich muß gestehen, Monsieur, Ihre Unterhandlungsweise hat etwas Verführerisches. – Aber wir müssen eine öffentliche Kriegsentschädigung haben. Unsere Forderungen von 2 Millionen Pfund haben sich natürlich seit den unterbrochenen Verhandlungen von Thianthsin durch die Kosten des Zuges bis hierher erhöht.«

»Ich begreife das. China ist bereit, 8 Millionen Taëls zu zahlen, von denen Frankreich mindestens die Hälfte gebührt!«

»Ich gestehe, daß sich das hören läßt – aber es ist Sache der beiden Kommissäre, die morgen erwartet werden. Doch ich muß Sie darauf aufmerksam machen, daß wir bereits im Besitz der Schatzkammer des Kaisers sind, die sich in diesem Palaste befand, und daß der Inhalt nach Kriegsrecht vorab als Beute betrachtet werden muß.«

»Ich bin Zeuge der Entdeckung gewesen. Möge der Mund auf ewig verstummen, der den Verrat geübt hat!«

Der General begnügte sich, zu denken, daß er ganz denselben Wunsch hege.

»Es ist ein Unglück für die Chinesen,« sagte der Unterhändler – »aber es läßt sich nicht ändern, und China ist reich genug, um es zu tragen. Ich bedauere nur eines dabei!«

»Und das wäre?«

»Daß Sie diese rechtmäßige Beute Ihrer Nation mit den verhaßten Faringi teilen müssen, Sahib General!«

Es war das zweitemal, daß der Fremde diese beiden Worte anwendete, von denen sich der General erinnerte, daß es in Indien gebräuchliche Bezeichnungen sind.

Er betrachtete den Fremden mit verdoppelter Aufmerksamkeit.

»Es läßt sich nicht ändern,« erwiderte er auf den mit hämischen Ausdruck gemachten Einwurf. – »Indes die Erstattung der Kriegskosten genügt nicht. Lord Elgin besteht darauf, wie ich höre, daß außer den früher bereits stipulierten Häfen auch Thianthsin Der Vorhafen von Peking. dem allgemeinen Verkehr geöffnet werde, daß ein englischer und französischer Gesandter gleich dem von Rußland in Peking residieren sollen und daß Cwoloon an England abgetreten werde.«

»Die Faringi sind unersättlich! Ich bürge dafür, daß die Bedingungen angenommen werden.«

»Es versteht sich von selbst, daß die verräterischerweise gefangen genommenen Parlamentäre sofort in Freiheit gesetzt und genügend entschädigt werden.«

»Sie wurden – wenigstens die Franzosen – gegen meinen Rat gefangen gehalten.«

»Und dann – das Wichtigste! – unsere militärische Ehre erfordert, daß wir in Peking einrücken.«

»Das ist unmöglich, Sahib General. Bedenken Sie, daß Ihr Heer – ich weiß das so gut wie Sie – im ganzen höchstens mit Ihren Reserven zu Thianthsin noch 8000 Mann beträgt, und damit wollen Sie sich in eine Stadt von 1 200 000 Bewohnern wagen, deren jeder Sie auf den Tod haßt?«

»Aus diesem Grunde,« sagte der General kaltblütig, »beabsichtige ich in dem morgenden Kriegsrat vorzuschlagen, auch nur zweitausend Mann in Peking einrücken zu lassen. Die andern 6000 mit 60 Kanonen werden dafür sorgen, daß jenen kein Haar gekrümmt wird.«

Der Unterhändler sah ihn mit erstaunter Miene an, gleich als wisse er nicht, ob es Ernst oder Prahlerei sei, was der französische Feldherr da ausgesprochen. Dann, als er die entschlossene Miene des Franzosen sah, ging er auf ihn zu und reichte ihm die Hand.

»Ich bewundere Sie, Sahib General! – Ihre zweitausend Krieger werden einziehen, und kein Haar ihres Hauptes soll gekrümmt werden.«

Der General, der schwerlich kaum selber an eine Verwirklichung seiner unverschämten und leichtsinnigen Forderung im Ernst gedacht hatte, sah erstaunt und mißtrauisch den so nachgiebigen Unterhändler an. Bei dem bekannten zähen und hinhaltenden Charakter der Chinesen in all ihren diplomatischen Verhandlungen hätte er eher alles andere als diese Bereitwilligkeit erwartet. Er begann daher nicht mit Unrecht immer mehr zu argwöhnen, daß dieselbe ihre geheimen Ursachen haben müsse, und beschloß, mit einem raschen Schlage den Knoten zu zerhauen.

»Ich hoffe,« sagte er – »Sie versprechen nicht zu viel, und der Kaiser Hien-fong wird bereit sein, alle diese Anerbietungen zu halten. Aber jedes Ding hat gewöhnlich zwei Seiten. Also kurz und gut, was wollen Sie von mir für Leistungen?«

»Zweierlei! Das eine für China – das andere für mich selbst.«

»Lassen Sie hören. Zunächst also die Staatsangelegenheiten.«

»Frankreich,« sagte der Unterhändler nach einem kurzen Bedenken, »ist ein mächtiges Reich. Es herrscht in Europa. Warum will es den Zwecken der Faringi dienen und ihre wucherischen Schlachten schlagen? Es möge das Bündnis mit den Engländern aufgeben, und weil es Besitzungen in Asien verlangt, ein anderes Land wählen. Der weiße Elefant von Siam ist eine bessere Beute, als der Drache von China.«

»Sie sind klug genug, um zu wissen, daß nicht ein Soldat es ist, der Bündnisse zwischen den Nationen schließt oder löst. Das ist die Sache unseres Herrn, des Kaisers.«

»Aber ich habe gehört, daß Sie viel bei dem Herrscher von Frankreich gelten. Er wird auf Ihr Wort hören, wenn Sie aus diesem Kriege zurückkehren, und deshalb habe ich geraten, ihn so bald als möglich zu beenden.«

»Ich muß gestehen, ich kann diese Kerle von jenseits des Kanals auch nicht besonders leiden,« sagte der General sehr offenherzig. »Ich habe also nichts dawider, daß diese Waffenbrüderschaft aufhört und will das meine tun, wenn ich nach Paris zurückkomme. Überdies liegen jetzt wichtigere Interessen vor, als ein Krieg um Teeblätter oder Opiumraucher.«

Er dachte an den Vorschlag des Trappers.

»Wenn die Franzosen nicht mehr diese erbärmlichen Faringi schützen,« rief mit wilder Leidenschaft der Unterhändler, »dann wird dies Reich in einigen Jahren soweit gekräftigt sein, daß es dem britischen Wucher Trotz bieten kann! Wenn China dem schädlichen Opiumhandel ein Ziel zu setzen vermag, wird Englands Kraft in Indien gebrochen. Und in fünf – höchstens in zehn Jahren wird es stark genug dazu sein, da Frankreichs Schiffe und Frankreichs Flotten dem blutigen Krämer dann nicht mehr helfen. Ich kenne es! Nur durch seine Habsucht und das Gold seiner Kaufleute ist England stark. Das unglückliche, geknechtete Indien wird sich aufs neue erheben und seine Tyrannen vernichten. Rußland schreitet mächtig vor, den britischen Leoparden aus Asien zu verdrängen. Afghanistan rüstet aufs neue. – Der Schah von Persien wird seine Straßen schließen, Frankreich muß sich des Weges nach Indien bemächtigen, es muß die Straße von Suez beherrschen, und dann wird es allmächtig sein in Europa, das hochmütige England aber im Staube liegen.«

»Das sind große Pläne!«

»Aber ihre Erfüllung ist möglich und nahe. Deshalb muß China Frieden schließen, um seine Kraft zu sammeln für später. Deshalb, Sahib General, deshalb muß ich nach Europa, um Ihren Kaiser zu sprechen, um ihn für dies allgemeine Bündnis gegen Ihren eigenen alten Erbfeind zu gewinnen, der so oft Ihr schönes Land verheert hat und Sie, Sahib General, Sie müssen mir den Weg dazu bahnen, Sie müssen auf Ihren Schiffen mich nach Europa führen!«

Der General hatte sich erhoben. »Dieser unersättliche Haß gegen England …«

Eine dämonische Glut leuchtete in den Augen des Asiaten, als er drohend die Hand emporstreckte. »Ja, ich hasse es – unsäglich – unversöhnlich! Ich möchte es zertreten, wie ich den Wurm unter meinen Fersen zertrete! Ich habe gelitten, was ein Geschöpf Brahmas leiden kann, und mich gedemütigt selbst vor diesen Memmen und Toren, nur um meinen Säbel kreuzen zu können mit britischem Eisen, und die Bhawani selbst möge mich werfen in das Nichts, wenn ich je einen anderen Gedanken hege, als Fluch, Fluch und Verderben den Faringi!«

»Sie haben sich selbst verraten – Sie sind Nena Sahib, der flüchtige Maharadschah von Bithoor!«

»Und wenn ich's wäre?« sagte der Fremde stolz. »Pflegt Frankreich die Flüchtigen, die sich ihm anvertrauen, zu verraten?«

»Es steht ein hoher Preis auf Ihren Kopf – hunderttausend Rupien!«

Der Indier lachte grimmig. Er griff unter den schmutzigen baumwollenen Kittel, den er trug, und zog einen Gegenstand hervor, den er stolz auf den Tisch warf – neben die Goldstufe des Mexikaners.

Es war eine prachtvolle Schnur indischer Perlen. Ihr matter, gespenstiger Glanz funkelte in den verschleierten Farben des Regenbogens, als der Strahl der Wachskerzen darauffiel.

»Diese Perlen sind das zehnfache wert! – Schlingen Sie das Lösegeld um den Nacken Ihrer Kaiserin – ich zahle es für die Gelegenheit, Ihren Herrn zu sprechen!«

Der General hatte nur einen kurzen Kampf gekämpft, – der Glanz der Perlen hatte ihn entschieden. Mit einem solchen Geschenk und dem Anteil der Silberbarren kaufte er sich in Paris für alle Sünden des eigenen Erwerbs los.

»Nehmen Sie Ihren Platz ein, Prinz,« sagte er nach einer Pause entschlossen, »und lassen Sie uns weiter sprechen. Sind die Bedingungen, die Sie mir von dem Kaiser Hien-fong brachten, Ernst?«

»Sie sind es!«

»Und – die Million?«

»Sie wird an Sie, Sahib General, besonders gezahlt werden, wenn Sie es vorziehen, in Wechseln auf Petersburg und Konstantinopel.«

»Ich ziehe Gold vor – am Tage des Einzuges unserer Truppen in Peking sende ich einen Courier mit besonderem Dampfer nach Suez ab.«

»Dann wird es in drei Tagen geschehen.«

»Desto besser. Der Offizier ist bereits bestimmt. Sie möchten ihn also begleiten, Prinz?«

»Ich verlange Überfahrt für mich und zwei Diener.«

»Aber wird dies, ohne Verdacht zu erwecken, möglich sein?«

»Meine Diener oder Freunde sind weiße Männer, Amerikaner. Ich vermag, nach Ihrem Gutfinden, sehr wohl den Europäer oder den Orientalen zu zeigen. Ich habe nur ein englisches Schiff zu scheuen.«

»Gut denn – Sie mögen als einer der französischen oder amerikanischen Kaufleute aus den Faktoreien Ihre Überfahrt machen – das ist alles, was ich für Sie tun kann, nebst einem Schreiben an den Kaiser. Um diese Erlaubnis nicht auffällig zu machen, werde ich auch einigen anderen Reisenden die Mitfahrt gestatten, selbst einem Engländer unter ihnen.«

»Der in Indien war?«

»Nein – in Sibirien. Sie können also unbesorgt sein. Nur seien Sie vorsichtig, wenn Sie sich in unserem Lager einfinden, das von morgen an wieder unmittelbar am Ufer des Peho aufgeschlagen wird.«

»So verlassen Sie Jung-ming-jun?«

»General Grant, mein englischer Kollege, verlangt, daß seine Soldaten uns ablösen. Der habsüchtige Narr gönnt uns das Quartier nicht.«

Die Augen des Maharadschah funkelten Verständnis. »Die Faringi sollen die ›Perle des Reichs‹ nicht beschmutzen. Wann verlassen die Franzosen den Palast?«

»Noch vor Sonnenuntergang wird er geräumt sein.«

»Gut. Die Flammen mögen Jung-ming-jun lieber nehmen, als die Hunde von Faringi.«

»Aber das könnte Aufsehen machen, Verdacht erregen!«

»Die Faringi sind Trunkenbolde, die keine Vorsicht brauchen. Oder halten Sie nicht einige von den früheren Bewohnern des Palastes gefangen? – Die müssen es aus Haß und Rache getan haben.«

»Das geht – und ich habe da einen guten Gedanken. Der frühere Oberaufseher des Palastes, den wir festgenommen haben, ist ein Spitzbube, dem alles zuzutrauen ist.«

»Er büße mit seinem Tode für die Brandlegung des Palastes.«

»Nein – noch besser, Prinz,« sagte der General. »Ich werde ihn als Brandstifter und Verräter durch Parlamentäre an die Mandarinen von Peking ausliefern! – Das knüpft die Friedensverhandlungen an!« – – – – –


Die Aussichten des würdigen Tsin-Yang auf die zehn Prozent der Beute standen schlimm! – – – – – –


Es war gegen Abend des anderen Tages.

Im Laufe desselben hatte ein Kriegsrat der beiden vereinigten Armeen stattgefunden, in welchem die Anstalten zu einem Bombardement von Peking beschlossen und getroffen wurden, wenn die Chinesen nicht binnen 24 Stunden auf die gestellten Friedensbedingungen eingehen würden.

Die Silberbarren der kaiserlichen Schatzkammer waren geteilt und auf die Schiffe geschafft worden. Am Nachmittag hatten die Franzosen den Sommerpalast geräumt und waren mit klingendem Spiel nach ihrem neuen Lagerplatz abgezogen, wobei es an tumultuarischen Auftritten und an Verhöhnungen ihrer bisherigen Bundesgenossen und Nachfolger keineswegs fehlte. Überhaupt schien merkwürdigerweise seit dem vorigen Tage das gute Einvernehmen nicht bloß unter den Soldaten, sondern auch unter den Führern bedeutend gestört, wozu das energische Auftreten Generals Montaubans, der im Kriegsrat die übertriebenen Friedensforderungen des englischen Kommissärs Lord Elgin stark beschnitten hatte, nicht wenig beitrug. Die Engländer konnten sich nicht verhehlen, daß sie auch hier die zweite Rolle spielten, und der Sieg von Palikao zur bei weitem größeren Hälfte den französischen Bundesgenossen zufiel, und dies Bewußtsein diente auf beiden Seiten nicht sonderlich dazu, die Freundschaft zu erhöhen.

Was speziell die engeren Gestalten unserer Darstellung betrifft, so hatte im Laufe des Tages der junge Graf Boulbon den Befehl erhalten, sich zur Abreise nach Frankreich mit einem der Dampfer fertig zu machen, die in der Mündung des Peho lagen, um die Depeschen über die Erfolge des Krieges und der Friedensverhandlungen nach Paris zu bringen. Lord Walpole und seiner Gesellschaft war mit zuvorkommendster Höflichkeit die Erlaubnis erteilt worden, bis zu einer beliebigen Station die Überfahrt auf demselben Dampfer zu machen.

Eisenarm und der Avignote blieben an dem Tage unzertrennlich – sie hatten so vieles zu besprechen – sowohl an Erinnerungen, als an Hoffnungen. Es war nicht unbemerkt geblieben, daß der General, als er im Laufe des Tages zufällig den beiden Männern begegnete, sie mit großer Freundlichkeit und Achtung behandelte.

Auch der junge Offizier – das Mündel der beiden – bezeigte dem rauhen Trapper, der wahrscheinlich sein Leben gerettet hatte, große Anhänglichkeit. Er horchte mit Aufmerksamkeit seinen Erzählungen von jenen Einöden und ihren Gefahren, in denen sein unglücklicher Vater so manches Abenteuer bestanden, – von den wilden Kämpfen der roten Indianer und der weißen Jäger, von der flüchtigen Kavalkada der wilden Rosse und den Estampedos der unermeßlichen Büffelherden der Prärien, von denen der alte Jäger so gern sprach.

Nur von dem einen, den näheren Umständen des Todes seines Vaters und seiner Mutter, vermieden die beiden Männer zu reden, und der junge Graf gewöhnte sich immer mehr an die Überzeugung, daß sie in einem Hinterhalt von feindlichen Indianern ermordet worden wären.

Indes, bei aller durch die Erzählungen erweckten Lust, jene abenteuerlichen Gegenden selbst zu sehen, forderten doch der leichte Sinn der Jugend und die Gegenwart ihre Rechte, und als am Mittag des Tages ihm der Adjutant des Generals das provisorische Brevet zum Kapitän brachte, gleichsam als eine Vergütung des Überstandenen, war die Erinnerung daran rasch vergessen, und er gab sich mit voller Lust und voller Freude den Beglückwünschungen seiner Kameraden hin, die nicht ermangelten, das bereits auf seinen berechtigten Namen ausgestellte Patent mit Champagner anzufeuchten.

Der Graf Louis war nach der Gewohnheit der Südfranzosen sehr mäßig im Trinken, und als ihn daher sein Busenfreund Henry aufforderte, mit ihm sich seiner künftigen Reisegesellschaft auf der von Lord Walpole gemieteten Dschonke vorzustellen, geschah es mit der vollkommensten Beherrschung seiner Haltung.

Der Lord empfing die beiden Offiziere mit großer Höflichkeit und lud sie ein, in die große Kajüte der Dschonke zu treten und mit ihm und seinen Begleitern den Tee einzunehmen.

Zwei oder drei englische Offiziere, der kleine Professor und der preußische Seekadett waren um den Tisch versammelt, an dem die schöne Sibirianka nach russischer Sitte den Tee kredenzte.

Die Vorstellung war rasch vorüber, die meisten Mitglieder kannten die Person des jungen Kapitäns bereits aus den Abenteuern des gestrigen Tages, und der Professor, als er hörte, daß derselbe ihr Reisegefährte oder vielmehr gleichsam ihr Gastherr bis Suez sein würde, begann sofort eine Explikation über die Steinbrüche am Roten Meer, aus denen die Pyramiden von Gizeh und Sakhara, Abu-Rasch, Abusir und Dahschur – haram pharamât – die Etymologie sei zweifelhaft – von den Königen der memphitischen Dynastien erbaut worden wären, worauf er sich in eine höchst gelehrte Abhandlung über die Zeit dieser Erbauung in den zwölf Perioden einließ, von der er auf die Versuche der Ägypter und Römer zur Verbindung des mittelländischen mit dem Roten Meere überging.

Wéra Tungilbi schnitt nach ihrer Gewohnheit die gelehrte Dissertation ihres Anbeters mit einer Frage an ihren munteren Verwandten ab.

»Es ist in der Tat sehr unliebenswürdig, mein schöner Vetter, so spät sich erst blicken zu lassen, nachdem ich Sie schon am Vormittag erwartet hatte, um Ihnen hundert Befehle zu geben und die Antworten in Empfang zu nehmen. Sie müssen wissen, daß man nicht umsonst das Vergnügen hat, sich der Verwandtschaft einer Wolchonski zu rühmen. Ich wünschte, Sie begleiteten uns mit Monsieur le capitaine auf der langweiligen Seefahrt, und ich bin überzeugt, bei unserer Ankunft in Paris würden Sie sorgfältig jede Verbindung mit dem Blut der Jeanrénauds verleugnen.«

»Wenn es nicht mein Freund wäre, würde ich sicher die Mission für mich verlangen,« meinte der lustige Husar. »Aber in der Tat, der Dienst hielt mich fest, die Verlegung der Truppen in ein neues Biwak und hundert Befehle unseres Colonels. Das alles aber, schönste Cousine, hat mich doch nicht Ihren Auftrag vergessen lassen.«

»Ah – es ist wahr! Tank-ki! Das Mädchen gefällt mir wirklich, sie ist still und gut – ich wünschte, sie brauchte mich nicht zu verlassen, um zu ihrem Vater zurückzukehren.«

»Was das betrifft,« sagte der Offizier, – »so würde ihr das wenig nützen. Der alte Chinese wird auf Befehl General Montaubans in strenger Haft gehalten, und niemand darf zu ihm. Es scheint dies mit einem seltsamen Vorgang verknüpft, der heute morgen den ganzen Palast in Aufruhr gebracht und unseren verehrten General en chef fast ersäuft hat.«

»Erzählen Sie!«

»Nun – Sie werden vielleicht gehört haben, schöne Cousine, daß General Montauban eine gewisse Passion für Gold und Silber hat, sei es auch nur in jenen Barren, zu denen ihm gestern der Chinese Tsin-Yang, der Vater Ihres hübschen Schützlings, den Zugang gewiesen hat. Nur scheinen die beiden würdigen Herren nicht ganz content miteinander gewesen zu sein, – kurz, General Montauban hatte die löbliche Idee, unseren Verbündeten jenseits des Kanals la Manche der Mühe einer nochmaligen Nachsuche zu überheben und selbst gründlich in den geheimen Souterrains des Palastes nachzusehen. Sie haben vielleicht gehört, daß der Raum im Innern der Menagerie, in dem sich der Zugang der Schatzkammer befand, die Öffnung zweier geheimen Ausgänge barg?«

»Man hat es mir erzählt.«

»Vortrefflich – dann brauche ich Ihnen keine Beschreibung zu liefern. Kurzum, in der Rotunde, in der die Chinesen meinen Freund hier eingesperrt hatten, befanden sich noch mehrere gleiche Nischen wie diejenigen, welche die Ausgänge bildeten. General Montauban, in der Hoffnung, weitere Geheimnisse, oder vielmehr weitere Schatzkammern zu entdecken, ließ in seiner Gegenwart von den Sappeurs an ein paar anderen Stellen die Mauern mit Gewalt durchbrechen, und was glauben Sie wohl, was er gefunden hat?«

»Nichts!«

»Bitte recht sehr – kaltes Wasser in einer Quantität, die ihn beinahe ersäuft hätte. Man muß an eine unrechte Stelle gekommen sein – der Kanal des Peho, der unter dem Gemäuer fortläuft, und der bei der Entdeckung des Schatzgewölbes durch irgendeine geheime Wehrvorrichtung abgedämmt wurde, brach auf einmal mit einer Flut in das Gewölbe, die alles überschwemmte, auch das zum Glück geleerte Schatzgewölbe. Parbleu – es muß köstlich gewesen sein, le grand coquin de France wie einen Frosch im Wasser zappeln zu sehen! Man hat mir gesagt, daß er nur mit Mühe herausgefischt werden konnte, während ein Offizier und zwei Mann dabei ertrunken sind.«

»Aber was hat alles dies mit dem Vater meiner kleinen Chinesin zu tun?«

»Was es damit zu tun hat? – Alle Teufel – Verzeihung, schöne Dame, aber man lernt im Feldlager schlechte Gewohnheiten! – der General schreibt natürlich seine Taufe nicht seiner Habgier, sondern der Verräterei und Bosheit des gefangenen Chinesen zu und ist wütend wie ein geschossener Eber darüber. Deshalb durfte man ihm gar nicht mit einer Fürsprache kommen, und ich fürchte, daß die arme Kleine im günstigsten Falle ihren langzöpfigen Papa eine lange Zeit wird entbehren müssen. Aber das erinnert mich, daß ich – oder vielmehr mein Freund hier, da er jetzt selbst dazu imstande ist, – dem Mädchen etwas abzugeben hat.«

»Dann kann es sogleich geschehen,« rief die Dame und öffnete die Tür der hinteren Kajüte. »Komm hierher, Tank-ki, armes Kind. Diese Herren bringen dir Nachricht von deinem Vater.«

Die Chinesin schwankte herein, ihr blasses Gesicht war von Tränen gefeuchtet.

Unwillkürlich trat der junge Graf zurück – er hatte in dem Drang der Ereignisse ganz vergessen, daß er in der Gesellschaft seiner künftigen Reisegefährten noch die junge Chinesin finden könne, deren einfacher Gesang ihn zwei Abende vorher verlockt hatte, und er teilte bei der Erinnerung an die Vorgänge unwillkürlich die tiefe Glut, welche die Wangen des Mädchens bei seinem Anblick überflog.

Zum Glück für die Verlegenheit beider hatte der muntere Husar bereits am Tage vorher trotz des Schreckens, in dem sie sich befand, die Reize der armen Tan-ki bemerkt und gewürdigt. Er beeilte sich daher, da er sich noch in dem Besitz des ihm von dem Freunde anvertrauten Papiers befand, dasselbe hervorzuholen und mit einigen Trostsprüchen dem Mädchen zu übergeben, wobei er freilich nicht vermeiden konnte, zu erwähnen, daß eigentlich Graf Louis das Papier ihr zu übergeben gehabt hätte.

Das unglückliche Mädchen erkannte es auf der Stelle wieder, sie hatte es ja selbst in die Tasche seines Rockes eingenäht, doch ohne den Inhalt zu kennen, und ihre Mandelaugen richteten sich groß und fragend auf den jungen Offizier.

»Tank-ki spricht Französisch, Monsieur,« sagte die Sibirianka, die keine Ahnung davon hatte, wie genau er das wußte. »Sie können mit ihr reden und ihr Nachricht geben von ihrem Vater, um den sie sich in tausend Sorgen befindet.«

Der junge Offizier machte eine Gebärde des Bedauerns. »Ich habe ihn seit gestern nicht gesehen, Mademoiselle,« sagte er. »General Montauban allein hat über sein Schicksal zu entscheiden. Aber er händigte mir, als ich ihn zuletzt sprach, dies Papier ein, um es nur ihm allein oder Ihnen, seiner Tochter zurückzugeben. Sie wissen wahrscheinlich, von welch hohem Wert es ist.«

»Ich weiß es nicht, Herr.«

»So lesen Sie es, und Sie werden es begreifen.«

»Ich kann die Sprache der Franken etwas sprechen, aber ich habe nicht gelernt, ihre Schrift zu lesen. Tank-ki ist ein unwissendes Mädchen.«

»Dann bewahren Sie es um Himmels willen sorgfältig auf,« sagte der Offizier; »was auch geschehen mag, es ist vielleicht Ihre Zukunft!«

Sie sah ihn wieder fragend an.

»Ich kenne es nur zu wohl,« fügte er leise hinzu, »ich war gezwungen, es selbst zu schreiben.«

Wieder flog ein Erröten über die Wangen des armen Mädchens, dann verbarg sie die Schrift in ihrem Busen und wendete sich demütig ab.

»Komm hierher, armes Kind, und setze dich zu mir,« sagte die Dame.

Tan-ki gehorchte und ließ sich auf ein Kissen zu ihren Füßen nieder.

»Und nun, Monsieur,« sprach die Sibirianka, eine entstandene Pause unterbrechend, zu dem jungen Seeoffizier, – »ich bitte Monsieur, fahren Sie fort in Ihrer Erzählung, die der Eintritt dieser Herren unterbrochen hat.«

Der Preuße, ein junger Mann von etwa neunzehn oder zwanzig Jahren, eine schlanke aber kräftige Gestalt mit offenem männlichen Gesicht und hübschen blauen Augen, nahm das gefüllte Teeglas, das sie ihm reichte, und setzte die Erzählung, die er vorhin begonnen, fort.

»Sie wissen bereits, daß ich zu Seiner Majestät Korvette ›Arcona‹ gehöre, – dem Schiff, welches in Begleitung der ›Thetis‹, des Schoners ›Frauenlob‹ und des Transportschiffes ›Elbe‹ das kleine Geschwader bildete, welches im Frühjahr auslief, um den preußischen Gesandten Graf Eulenberg nach Jeddo zu bringen und die Schließung eines Handelsvertrages zwischen Japan und meinem Vaterlande zu unterstützen.

Die Elbe war zur Reparatur in Singapore zurückgeblieben, die Segelfregatte ›Thetis‹ hatte den Weg durch die Formosa-Straße eingeschlagen, die ›Arcona‹ mit der Gesandtschaft an Bord, den Schoner ›Frauenlob‹ im Schlepptau, die Van-Diemensstraße gewählt, die zwischen den Geschwister-Inseln und dem südlichen Japan hinausführt aus dem chinesischen Meer in den großen Ozean, der die Küste von Jeddo bespült.

Die Schraubenkorvette ›Arcona‹, in meiner Vaterstadt Danzig gebaut, führt 28 Geschütze unter Deck und hat 386 Pferdekräfte. Der Schoner ›Frauenlob‹ war das kleine, aber treffliche Schiff, das patriotische Frauen meines Vaterlandes aus den gesammelten Gaben unserer jungen Marine geschenkt.

Es war am 2. September Nach der ergreifenden Darstellung des Korvetten-Kapitäns Werner in seinem trefflichen Buch: »Die Norddeutsche Marine«. – unsere Fahrt bis dahin war eine glückliche gewesen, und wir standen nur etwa 40 Meilen noch von Jeddo ab und hofften die Bucht am nächsten Tage zu erreichen. Alles war froh und glücklich an Bord – wir hatten treffliche Offiziere und eine tüchtige Mannschaft, – Graf Eulenburg war voll Liebenswürdigkeit gegen uns, ein Weltmann voll Gediegenheit und Eleganz, und an seiner offenen Tafel hatten selbst wir, die jüngeren Offiziere des Schiffes, oft köstliche Stunden voll Heiterkeit verlebt.

Die vier Offiziere und der Arzt, die bei einer Besatzung von 50 Matrosen der Schoner führte, waren treffliche Kameraden und bei unserem vornehmen Gast wohlgelitten, der fast täglich den einen oder den anderen an seiner Tafel sah. Vor allem war der wackere Kommandeur bei uns allen sehr beliebt. Er hatte erst kurz vorher, ehe der Befehl zum Auslaufen erging, eine junge, liebenswürdige Dame meiner Vaterstadt geheiratet, und Sie können sich denken, wie schmerzlich die Order in das Glück des jungen Paares schnitt. Dem traurigen Abschied war es wohl zuzuschreiben, daß während der ganzen Reise schon bei aller Hingabe an seinen Beruf ein eigentümlicher Zug von schwermütigem Ernst auf seiner kräftigen Stirn auffiel, der ihn selbst beim kreisenden Becher und im munteren Kreis der Kameraden nicht ganz verließ. Von seinem Stewart hörte ich einmal, daß seine junge, schöne Frau ohnmächtig beim Abschied fortgetragen worden. Eine alte litauische Hexe soll ihr in früher Jugend einmal gewahrsagt haben, sie werde zwar den Mann ihrer ersten und einzigen Liebe heiraten, aber nur, um ihn gleich darauf wieder zu verlieren fürs ganze Leben, und erst im späten Alter, nach tausend Leiden, werde sie ihn noch einmal wiedersehen, um in seinem Arm zu sterben.

Die Sonne brannte warm, die östliche Brise war flau, und die ›Arcona‹ hatte Dampf gemacht und den Schoner ins Schlepptau genommen, um rascher vorwärts zu kommen. Ich selbst hatte das Boot mit dem Tau nach dem Schoner geführt, und dem Kapitän nebst dem zweiten Offizier die Einladung des Gesandten zum Mittagessen gebracht, mit dem wir die nahe Landung und die glücklich vollendete Fahrt feiern wollten. Wir alle rechneten auf einen fröhlichen Abend – aber mit den Meergeistern ist kein Bund zu flechten, und zwischen Lippe und Becher ist ein weiter Weg.

Gegen Abend frischte die Brise auf, aber ihr Hauch hatte nichts wohltuendes, die Luft war schwül und drückend wie vor einem Gewitter, und der Kapitän des ›Frauenlob‹ hatte signalisiert, daß er wünsche, an Bord zu bleiben. Der Himmel war klar, aber der Glanz der Sterne funkelte unheimlich, und im Südost stand eine drohende Wolkenbank, aus der zuweilen ein mattes Leuchten blitzte. Der Barometer begann zu fallen – langsam aber stetig. Der größte Teil der Schiffsmannschaft war zum erstenmal in diesen Gewässern, – nur zwei der ältesten Matrosen hatten sie mehrmal befahren, und sie schoben ihr Priemchen mit bedenklicher Miene von einer Seite zur anderen und sagten uns Jüngeren, wir würden gut tun, unser Testament zu machen.

Es war offenbar etwas in der Luft – es braute und bereitete sich etwas vor, und niemand wollte lange an der Tafel des Gesandten bleiben. Sie wurde zeitig aufgehoben, und der Graf, eine hohe, schlanke Gestalt, ging mit unserem Kapitän auf dem Hinterdeck auf und nieder, beide in ernstem Gespräch.

Die Anzeichen wurden immer bedenklicher – es war offenbar der Taifun im Anzug, jener gefürchtete Orkan der indischen Gewässer, von dessen Gewalt und Wut wir wohl gehört, aber noch keinen Begriff hatten. Wir wußten, daß er seinen bestimmten Weg nimmt, aber wir mußten dessen Richtung erst kennen, ehe wir versuchen konnten, ihm zu entgehen. Die japanische Küste war in unserem Lee, und wir hatten dies mehr als den Sturm zu fürchten.

Um Mitternacht wuchs die See – das Barometer fiel immer mehr, langsam, aber stetig, – nur mit Mühe keuchte die Maschine vorwärts. Ein jeder an Bord begann zu fühlen, daß Gottes Hand schwer über uns war.

Nach Mitternacht endlich erhob sich der Sturm, die Wolkenbank in Südosten wuchs auf zum Zenith, grelle Blitze zuckten hinauf oder zerrissen ihre Ränder, und einzelne Wolken schienen sich loszulösen aus der dunklen Masse und jagten wie gespenstige Schatten mit rasender Schnelle über die unheimlich flackernden Sterne am freien Teil des Horizonts.

Es war gegen 4 Uhr morgens – ich hatte die Morgenwache, aber alle Offiziere waren auf Deck geblieben, jeder Mann im Schiffe fühlte, daß uns Schlimmes bevorstand. Der Graf, obschon kein Seemann, war bei uns geblieben und zeigte sich ernst, aber entschlossen. Der Wind hatte sich nicht weiter gedreht, der Sturm mußte also seinen Weg gerade auf die Schiffe nehmen, und die wirr aufbrausende See zeigte, daß er rasch heraufzog. Die Nähe der Küste gestattete kein Entrinnen vor ihm her, und wir mußten der Gefahr die Stirn bieten. Ein braver Seemann tut dies mit Entschlossenheit, aber er weiß, daß in solchen Lagen die Gnade Gottes sein bester Schutz bleibt. Bramraen und Bramstangen wurden an Bord genommen, um die Foggen möglichst zu erleichtern, die Boote und Geschütze doppelt befestigt, die Luken, die nicht notwendig offen bleiben mußten, geschlossen. Unser wackerer Kapitän traf jede Vorsicht. Noch immer war der Schoner im Bugsier-Tau, aber die Maschine keuchte wie ein erschöpftes Wild, das der Meute nicht mehr entrinnen kann, und dennoch sich müht – denn jeder Schritt vorwärts von der Küste ab war ein Gewinn.

Ich habe bereits erwähnt, daß ich die Wache hatte. Ich stand am Bollwerk und schaute auf die gleich einer schwarzen Mauer fast greiflich näher und näher heranschreitende Wolkenbank, als plötzlich mich ein greller Blitz umzuckte, und ich fühlte, wie ein gewaltiger Wogenberg das Schiff hob. In demselben Augenblick ertönte ein Krach wie ein Büchsenschuß und der Ruf:

›Das Tau gebrochen!‹

Es war in der Tat so – das Bugsiertau des Schoners war gebrochen. Wenige Augenblicke später hätten wir es selbst kappen müssen, oder unsere Kameraden auf dem Schoner hätten es getan, und dennoch war es uns allen, als würde mit dem Reißen des Taues ein Stück von unserem Leibe gerissen, als wäre es ein Totenruf aus der Tiefe, der alte Kameraden und Freunde trennte für diese Welt.

Aber wir hatten keine Zeit, viel darüber zu denken, denn als wäre mit dem springenden Tau die Wut des Sturmes gegen uns selbst entfesselt, so gewaltig brach er über uns her. Hoch über dem Schiff stand die entsetzliche Wolkenbank und schien ihre Todesarme, die flammenden Blitze um das Fahrzeug zu legen. Heulend tobte der erste Stoß des Sturmes durch die Takelage und legte die Korvette fast nieder auf die Seite, die ganze See um uns her nichts als eine schäumende, kochende Flut. Wir befahlen die Seele Gott.

Dann plötzlich, als müsse er Atem holen von der gewaltigen Anstrengung, um neue Kräfte zu sammeln, ruhte der Sturm, und die ›Arcona‹ richtete sich empor. – Der schäumende Kessel um uns her wurde wieder zu regelmäßigen dunklen Bergen.

Aber wir wußten sehr wohl, daß diese Ruhe nur eine trügerische war. Dennoch wurde sie redlich benutzt, um zu schaffen, was Menschenkräfte leisten konnten.

›Alle Mann auf Deck!‹

Der Befehl des Kapitäns wurde von den Bootsmännern durch die Luken wiederholt, – und wer noch unter war, wer erschöpft von den Anstrengungen eine kurze Rast gesucht hatte, stürzte herauf, halbbekleidet, wie jeder war, denn jedermann wußte bei dem Ruf, welche Gefahr drohen mußte.

Es galt, diese Pause zu benutzen, um das Schiff unter Sturmsegel zu bringen und beizulegen, denn die Maschine war bei solchem Toben machtlos.

Es gelingt unserer unerhörten Anstrengung, die Schooten hervorzuholen – das Segel steht! – Da wälzt sich jene schäumende Wasserwand heran, die der zweite Stoß des Orkans vor sich her treibt. Einen Augenblick noch, dann wirft sich die furchtbare Gewalt in das Segel und das Schiff auf die Seite, daß die Raaköpfe in die schäumenden Wogen tauchen. Der Mast biegt sich wie ein Rohr unter dem furchtbaren Druck, wie Eisenstangen spannen sich die Luvwanten – ein Schoot des Marssegel springt – zwei-, dreimal peitscht es durch die Luft – und verschwunden ist es in den schwarzen Wolken – nur einzelne Fetzen noch fliegen an der Raa.

Es war unsere Rettung, der Mast sonst gebrochen!

Es war fünf Uhr geworden, und der Tag begann zu grauen. Ich und fünfzig andere spähten über die tobenden Wasserberge nach dem Schoner, und obschon uns selbst jeder Augenblick den Untergang drohte, brach ein kameradschaftliches Hurra über die Lippen unserer Mannschaft, als wir das wackere kleine Schiff unter dicht gerefftem Großsegel etwa eine halbe Meile entfernt in unserem Lee liegen sahen. Der Rumpf verschwand jeden Augenblick hinter den Wogenbergen, aber tapfer hob sich im nächsten der Schoner wieder auf die schäumenden Gipfel, die ihn zum Himmel schleudern wollten. Einen Augenblick schien es mir, als sähe ich selbst in den Wanten eine bekannte Gestalt, ein weißes Tuch schwenkend im Sturm: Fahre wohl! Fahre wohl! – Der in Strömen jetzt niedergießende Regen entzog den Schoner zwar unseren Augen, aber unsere Sorge um ihn war beruhigt.

Der Sturm raste jetzt immer wilder, die Wogen tobten wie brüllende Berge um uns her, trotz des Tagelichts war die Luft fast undurchsichtig, mit Wasserdampf gefüllt. Oben in den Wolkenschichten heulte und pfiff und donnerte es, die ganze Luft um uns her schien ein Kreuzfeuer züngelnder Blitze. Das kräftige Schiff ächzte in allen Fugen, wie ein Mensch im Todeskampf.

Und dennoch waren alle diese Schrecknisse nur das Vorspiel. Das Barometer fiel mit rasender Geschwindigkeit, die jetzt feste Richtung des Sturmes verkündete, daß das vernichtende Element, das Zentrum des Taifuns sich nahte.

Stumm sahen sich Offiziere und Mannschaften an – an Kommando war nicht mehr zu denken – das Heulen des Sturmes, das Brausen der See hätte jedes Wort verschlungen. Was hätte es auch genützt? In solchen Augenblicken begreift selbst der Trotzigste seine Ohnmacht und beugt sich unter die Hand des Allmächtigen, der über Tod und Leben entscheidet.«

 

(Schluß des ersten Bandes.)


Herross & Ziemscn, G. m. b. H., Wittenberg.

 


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