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Santa-Agatha.

Die Ruinen des Klosters der heiligen Agatha auf dem nach ihr benannten Berge waren noch ziemlich wohl erhalten und geräumig genug, die Bedienung und Bedeckung der Batterie aufzunehmen, die man hier erbaut hatte, um die Festung aus sicherer Entfernung mit den gezogenen Geschützen zu beschießen.

Man hatte während der Waffenruhe den ganzen Tag gearbeitet, die Erdwerke aus dem harten Gestein zu hauen und die Bettungen herzustellen.

Die Nacht war gekommen, und die Arbeiten wurden bei dem Schein der Fackeln fortgesetzt, deren Lohe von dem beginnenden Regen zu sprühenden Funken gepeitscht wurde. Im Laufe des Tages hatte man mit unsäglicher Anstrengung die schweren Geschütze auf die ziemlich steile Höhe geschafft. Man wußte, der König hatte befohlen, daß am nächsten Morgen das Feuer eröffnet werden sollte, und daß er in militärischen Befehlen unnachsichtlich war, während er allen andern Dingen gegenüber eine Freiheit gewährte, die oft bis zur Zügellosigkeit ausartete.

Wir versetzen uns in die Batterie von Santa-Agatha.

Es war elf Uhr nachts – der größte Teil der mühsamen Arbeit vollendet.

Wir haben schon früher Gelegenheit gehabt, zu bemerken, daß der sardinische Soldat, wenn er eben nicht durch fremde Elemente verdorben wird, treu, tätig, umsichtig und schweigsam ist. In dem Krieg in der Krim wie bei Solferino hat er seine guten Eigenschaften bewiesen.

Aus dem ehemaligen Refektorium des Klosters, einem noch ziemlich wohlerhaltenen, weiten Gemach der Ruinen blitzte durch die scheibenlosen Bogenfenster, die mit Militärmänteln verhängt oder mit Brettern und Stroh verbarrikadiert waren, zuweilen ein blendendes Licht, und ein übermütiger Gesang mischte sich in Töne toller Lust.

Ein alter bärtiger Artillerieunteroffizier, der schon in der Schlacht bei Novara gefochten, leitete an einer Stelle die letzten Arbeiten, die von den ab- und zugehenden Offizieren inspiziert und angegeben wurden.

»Angefaßt, Michele – bei den Kaldaunen des Papstes, spitzt der Kerl nicht die Finger, als gälte es, ein rohes Ei anzurühren, während eine Lafette ein gutes Stück von einer Steineiche ist! – Hebt, Kerle, oder ich will die Richtstange auf Euren Köpfen tanzen lassen!«

»Tanzt lieber da drinnen, Sergeante, mit dem Weibervolk und dem Freischarengesindel,« brummte ein Kanonier. »Indes wir uns hier placken müssen, daß das Blut unter den Nägeln vorspritzt, saufen die Rothemden uns den Wein vor der Nase weg!«

»Maul gehalten und nicht räsonniert! Wirst den Wanst noch voll genug kriegen, wenn das Geschütz feststeht. Hinten an der alten Sakristei liegt ein Fäßchen extra für uns, Oberstleutnant Sismondi hat es dem Fourier ausdrücklich befohlen. Oder hast du mehr Lust, mit dem ungarischen und polnischen und was weiß ich für Gesindel zu trinken, das bei Capua und Milazzo davongelaufen ist?«

»Die heilige Jungfrau von Aosta bewahre mich davor!«

»Sie ist besser und klüger als die von Loretto,« meinte ein dritter, »denn da kommt Carlo vorläufig mit einem Krug zur Erwärmung von innen, während der Wind und der Regen uns die Haut schaudern machen!«

Einer der Artilleristen, der fouragiert hatte, kam mit einem großen Krug eben herbei.

Der Zwölfpfünder lag in seiner Bettung – es blieben nur noch zwei Geschütze heran zu führen und mit ihren Unterlagen zu versehen. Selbst der alte Murrkopf, der die Arbeiten beaufsichtigte, glaubte sich einige Ruhe gönnen zu können, da er der anderen Abteilung den Rang abgewonnen. Die Hauptsache war, daß er selbst gern einen Schluck tat.

»Wo liegen die Legionäre?«

»Drüben in der Kirche. Sie ducken in allen Winkeln umher, denn das Feuer, das sie angemacht, will so wenig brennen, wie die Fackeln hier!«

»Zünd' eine neue an!«

»Hat sich was! Der Wind löscht sie immer von neuem! Er macht einem das Mark in den Knochen frieren! – Drinnen mag's besser sein! Hört ihr's, wie sie lachen und jubeln?«

»Wenn da der Alte dazu käme!«

»Dummkopf! Der ist längst auf dem Weg nach Turin!«

»Oder der General! – Pietro Staccole hat ihn heute nachmittag in Mola gesehen, als er unten war!«

»Narr – wenn er kommen wollte, hätt' er nicht seine Adjutanten geschickt.«

»Das ist auch wahr. Es ist ein lustiger Herr, der Graf, so jung und schon Oberstleutnant.«

»Dafür ist er ein Nobile – übrigens soll ihm der Alte mit dem Patent ein Pflaster aufgelegt haben.«

»Wieso? Was weißt du davon?«

»Der Michele hörte es, als er seinem Herrn, unserem Maggiore, davon sprach. Er hat einen großen Streit gehabt drüben in den Bergen, nachdem er in die Hände der Ladronis gefallen war. Sie hätten ihn erschossen, wenn er sich nicht selbst ranzioniert hätte, denn der wilde Pinelli weigerte sich, einen lumpigen Briganten für ihn loszugeben.«

»Die sind seine schwache Seite! Man sagt, er müßte alle Tage wenigstens zehn füsilieren oder hängen lassen, wenn er ruhig schlafen soll!«

»Nun, ganz so hoch wird er wohl nicht kommen. Aber einen Major und einen Conti im Stich zu lassen gegen einen lausigen Briganten, das ist stark, und da verdenk' ich's dem Grafen nicht, wenn er mit ihm zusammen geraten und den Abschied nehmen wollte, um ihn fordern zu können!«

» Cospetto – und um deshalb der Oberstleutnant? Jetzt begreife ich! Aber der alte Pinelli ist ein Teufelsbraten, es heißt, er soll früher ebenso gut die Muskete getragen haben, wie wir.«

»Sein Vater war ein Schuster in Brescia! – Aber der Conte hat sich doppelt entschädigt mit dem Patent und den Weibsleuten, die er heute mit hierher gebracht.«

»Da sind sie wenigstens sicher – unten in Mola sollen sie's zu arg getrieben haben. Na – wenn die Offiziere ihrer müde sind, fällt vielleicht für unsereinen auch was ab. Ich habe sagen hören, daß sie nicht stolz sind!«

»Wisch dir den Mund, Petro, die Rothemden werden schon sorgen, daß nichts an uns kommt!«

»Der Teufel hole die Schnapphähne! Dem ersten, der mit mir Händel anfängt, renn' ich mein Faschinenmesser in die Eingeweide!«

»Ich glaube, das besorgen unsere Offiziere selber,« meinte der Sergeant. »Aber nun ist's genug geschwätzt, der Krug ist leer! Angepackt, Jungens, um Mitternacht müssen wir fertig sein.«

Eben kam wieder in seinen Mantel gehüllt, einer der Offiziere aus der Ruine, um die Artilleristen anzutreiben. Im Schein der Blitze und der Pechfackeln konnte man sehen, wie sein Gesicht von Wein und Aufregung gerötet war, und die Hast, mit der er die nötigen Befehle gab, ließ erkennen, wie eifrig er wünschte, bald wieder bei seiner Gesellschaft zu sein.

»Sergente!«

»Signor Luogotenente!«

»Ist die Munition zu ihren Geschützen in Ordnung? Sie wissen, daß um acht Uhr das Feuer beginnen muß!«

»Alles in Ordnung!«

Der Offizier sah flüchtig die Geschütze nach. »Lassen Sie hier noch einen Balken unterschieben, der Rückprall könnte sonst das Rohr herunterwerfen. Halten Sie die Zündröhren gut geschützt. Verflucht sei das Hundewetter! In einer halben Stunde kommt der Major, denn sein Vetter muß noch diese Nacht zurück nach Mola! Was ist dort los?«

In das Rollen des Donners mischten sich die Töne einer Rohrpfeife.

Mehrere der Soldaten hatten sich um zwei Personen gesammelt, einen Hirten und einen Bersagliere.

»Was ist das für ein Kerl?« fragte der hinzutretende Offizier.

»Der Bursche behauptet, hierher bestellt zu sein, und ich bin vom Patrouillenführer kommandiert, ihn bis zu Ihren Wachen zu begleiten,« rapportierte der Soldat.

»Excellenza, ich bin ein armer Pfeifer von Atratina. Ich möchte gern ein paar Carlini verdienen, wenn's die Herren Soldaten erlauben. Ich habe sonst meine Ziegen hier oben gehütet, – aber die armen Tiere fürchten das viele Schießen.«

»Kannst du etwas Lustiges blasen?«

»Die Tarantella, Excellenza, und die Saltarella und den Radetzkymarsch!«

»Tölpel – untersteh' dich! Aber kommt mit, dich können wir gerade brauchen. Laßt Euch einen Becher geben, Bersaglieri, ehe Ihr zurückgeht. An Wein fehlt's nicht, und bei diesem Hundewetter verträgt sich's.«

Der Hirt drückte verstohlen seinem Begleiter die Hand und ging hinter dem Offizier her. Der Bersaglieri wechselte einige gleichgültige Worte mit den schwer arbeitenden Artilleristen und schlenderte dann hinter jenen drein nach den Ruinen. – –

Das Innere des Refektoriums bot trotz seines verfallenen Zustandes einen heiteren Gegensatz zu dem unangenehmen Aufenthalt draußen, dem Toben des Wetters und dem tiefen, nur von den Blitzen zerrissenen Dunkel. Die Pioniere hatten eine ziemlich feldmäßige Einrichtung hergestellt, einen großen rohen Tisch aufgeschlagen, den der Koch des Hauptquartiers für das Gelage des Abends mit Teppichen aus Neapel, mit leidlichem Tischzeug und einer Anzahl wohl zubereiteter Speisen versehen hatte. Eine Menge dunkelhalsiger Flaschen mit dem köstlichen Wein von Salerno, dem edlen Falerner, dem braunen Traubensaft von Marsala, dem lieblichen Montefiascone bedeckte zwischen Früchten und Speisen den Tisch, und selbst an den Silberhälsen des Champagners in den improvisierten Eiskübeln fehlte es nicht.

Drei große silberplattierte Leuchter, die man aus den beiden Kapellen im Borgo entlehnt hatte, trugen schwere Wachskerzen, die auf zwanzig Schritte weit nach der Kirche dufteten.

Etwa fünfzehn Männer, Offiziere verschiedener Waffengattungen und Zivilisten, und sechs Frauen waren in dem Raum versammelt. Einige Burschen der Offiziere und zwei Zivilisten machten die Aufwärter dieser Orgie, die bereits drei Stunden im Gange war.

Es war in der Tat eine Orgie der schlimmsten und gefährlichsten Art. Die Gruppierung der einzelnen Teilnehmer zeigte die Leidenschaften, denen man sich dabei hingegeben.

Auf einem Ende des langen Tisches war das Geschirr fortgeräumt, der Teppich zurückgeschlagen und auf dem Holz des Tisches mit Kreide jene ominöse Figur gezeichnet, die allen Spielern so wohl bekannt ist.

Ein dicker Artilleriekapitän machte hier den Bankhalter. Ihm gegenüber saßen zwei Frauen – ein kaum dem Kindesalter entwachsenes sehr hübsches Mädchen mit braunem Gesicht und glühenden Augen, vielleicht von Reggio oder der sizilianischen Küste, die solche glühende Lebenslust schon im halbentwickelten Körper erzeugt, und eine kleine, schmächtige, blasse Frau, nicht mehr jung, etwa sieben- oder achtundzwanzig Jahre, etwas Nervöses Rastloses in ihrem ganzen Wesen, in den nach dem Golde zuckenden Fingern, in dem beweglichen Mienenspiel; dabei hatten die wunderbar schönen, schwarzen Augen den dämonisch funkelnden Blick der Schlangen.

Um diese beiden Frauen, zu denen von Zeit zu Zeit sich eine dritte gesellte, eine schlanke, graziöse Gestalt, mit feingeschnittenem Kopf und spöttischer Miene, saß, hockte und stand die Hauptgruppe der Offiziere, zwei in der Uniform der Bersaglieri, ein hoher, nicht mehr junger Mann in dem knappen Waffenrock der Lanziers von Genua mit spitz gedrehtem prächtigem Schnurrbart, ein großer, starker Mensch von wüstem roten Gesicht, von dem ein flachsgelber Bart zu beiden Seiten des Mundes bis auf die rote Garibaldibluse um so seltsamer abstach, als das kurz geschorene Haupthaar von pechschwarzer Farbe war; – und ein junger, elegant gekleideter Mann in Zivil, dessen sonst hübsches Gesicht in diesem Augenblick die gespenstige Abspannung der größten Seelenangst zeigte.

Neben dem Bankhalter und neben dem Mann mit dem weißen Bart, dessen gebrochene Redeweise und wilde Flüche den Magyaren bekundeten, lagen ziemlich ansehnliche Haufen von Gold und Banknoten, während die ganze andere Gesellschaft Unglück zu haben schien.

Weiter hinauf am Tisch lag in einem Schaukelstuhl eine üppig gebaute Frauengestalt, das schwarze Samtkleid in herzförmiger Form tief über dem wunderbar üppigen Busen ausgeschnitten, die Augen halb geschlossen, während die mit kostbaren Ringen bedeckte weiße Hand zuweilen langsam, fast träge, nach dem Tisch hinüberlangte und einen flachen Kelch mit dem wie dunkler Rubin funkelnden Wein von Salerno mit schleppender Bewegung zum Munde führte. Die vollen Lippen saugten dann langsam den feurigen Nektar, die Augenlider erhoben sich einen Augenblick, und es lag etwas von unbeschreiblich wollüstigem Wohlbehagen in dieser Art des Genusses. Auf einem Holzschemel neben der schönen Carlotta saß ein kleiner, schmächtiger Genieoffizier mit kahlem Schädel und überaus lüsternem Blick, der die andere weiche Hand der Jüdin nicht aus der seinen ließ und von Zeit zu Zeit sie an seine etwas welken Lippen drückte.

Diesen beiden gegenüber am Tisch und sie oft mit verächtlichem Blick streifend, saß mit einem silbernen Messer spielend die Spanierin Giuliana, jenes schöne, gebieterische Weib mit hochgeschwungenen, dunklen Brauen, die einer geborenen Fürstin glich und deren Sünde und Verderben die Hoffart gewesen war. Ein Mann im Anfang der Dreißiger von etwas blassem, geistvollem Gesicht mit mächtiger Stirn, in einen einfachen polnischen Schnürrock gekleidet, saß neben ihr und richtete seine von lebhaften Bewegungen begleitete Rede bald an sie, bald an einen blonden Herrn in einem weiten, gelblichen Surtout, dessen süffisante phlegmatische Miene und feiner, vornehmer Teint den Sohn Albions bekundeten.

Zwischen dieser Gruppe und der Gesellschaft der Spieler bewegte sich die bereits erwähnte junge Frau mit der spöttischen Miene und den graziösen Formen hin und her, indem sie zuweilen mit einem Mann in der dunklen Kleidung eines jener Abbates oder Hausgeistlichen einige Worte sprach, deren Typus man vor der letzten Revolution zahlreich in allen Straßen von Neapel sehen konnte. Diese die öffentliche Gesellschaft und die Familienkreise bis zum Unerträglichen beherrschenden Gestalten waren mit dem Einzug der Garibaldiner fast spurlos verschwunden.

Der Abbate trug aber keineswegs das Gepräge eines hochmütigen oder asketischen Geistlichen, er hatte vielmehr ganz das Aussehen eines gemütlichen Lebemannes mit rundem, frischem Gesicht und jovialen Manieren. Die Augen blinzelten sehr behaglich und nachsichtig durch die goldene Brille auf die so wenig der Gesellschaft eines Klerikers würdige Szene um ihn her, und er verschmähte weder das Weinglas, noch die Teilnahme an den oft sehr lasziven Scherzen mit den Frauen, die mit ihm auf sehr kordialem Fuß zu stehen schienen; denn häufig kam eine oder die andere, lehnte sich vertraulich über seine Schulter oder setzte sich wohl gar auf seinen Schoß.

Nur ein sehr scharfer Beobachter hätte bemerken können, daß trotz dieser Vertraulichkeit die meisten dieser koketten und frivolen Frauen eine gewisse geheime Furcht vor ihm zu haben schienen und daß sein Blick hinter der Brille sie gleichsam beherrschte.

Die Hauptgruppe der Gesellschaft befand sich in der Nähe des Abbé am anderen Ende des Tisches.

Auf der Ecke des Tisches saß, – das rechte Bein über das linke Knie gehoben und die feine Fußspitze in der Hand, – eine junge, etwa vierundzwanzigjährige Frau, von mittelgroßer, schlanker Gestalt, sich unruhig in den vollen Hüften hin und her wiegend. Das bei ihrem ersten Auftreten in unserem Buche blasse und abgemagerte Gesicht mit den vollen Lippen und der kecken, leicht gebogenen Nase, hatte seit den wenigen Wochen wieder die Rundung und die Farbe des üppig pulsierenden Lebens angenommen, und die dunklen, übermütigen Augen funkelten so herausfordernd, so trotzig und übermütig, daß das ganze Äußere im grellsten Widerspruch zu dem Kostüm stand, das ihre tolle Laune gewählt hatte, – einem vollständigen Nonnenhabit. Die Kleidung war vielleicht nicht ohne Bedacht und Koketterie gewählt, denn obschon die Kapuze halb zurückgeschlagen war, verbarg die Stirnbinde doch den Umstand, daß ihr Haar ziemlich kurz abgeschoren war. Die vollen, roten Lippen hielten eine Zigarre, die nur bisweilen irgendeinem frivolen Scherz oder einem tollen Lied weichen mußte.

Zu ihren Füßen am Boden lag, den müden, trunkenen Kopf in die Arme gedrückt, eine Frau mit sehr verlebten Zügen und gesucht romantischem Kostüm, deren Lebensgeister bereits der Champagner überwältigt hatte. Vier Männer saßen um die Schöne her – der Graf Sismondi, sein Vetter, der kommandierende Offizier der Batterie, die man draußen eben vollendete, und zwei Offiziere, der eine in der Marineuniform der neapolitanischen Flotte, der andere ältere in der Uniform der früheren Garden des so treulos verratenen Königs.

Die Unterhaltung, die Witzworte und frechen Scherze, die Lieder und der Lärm flogen von einer Gruppe zur andern über die ganze Breite des Raumes hin.

»Major – schicken Sie Champagner herunter – dem Duca wird schwach!« klang die Stimme des dicken Kapitäns, der die Bank hielt, vom anderen Ende des Tisches. » Cospetto – diese Herren denken Spieler zu sein und lassen den Bankier einschlafen. – Vorwärts, Cavalieri – ich wette, das Glück wendet sich!«

»Hat der Duca wieder verloren?«

»Lumpige fünfhundert Ducati auf Ehrenwort. Seiner Tante gehört der halbe Vesuv!«

Der junge Mann in Zivil stieß einen wilden Fluch aus und krallte mit der Hand durch das krause, schwarze Haar.

»Der alte Satan enterbt mich, wenn sie wieder Schulden für mich bezahlen soll! Ich darf die fünfhundert nicht sitzen lassen! Va banque, Signor Capitano!«

Die übermütige Nonne am anderen Ende des Tisches warf ihre Zigarre fort, ergriff die neben ihr stehende Champagnerflasche und setzte ihren Fuß auf das Knie des Gardeoffiziers.

»Mit Erlaubnis!«

»Sind Sie toll, Theresella!« Der Graf versuchte sie aufzuhalten, aber sie war schon über ihn weggesprungen und hüpfte zu den Spielern.

Der Abbate hielt sie einen Augenblick fest. »Will unsere heilige Magdalena vor der Buße dem Laster des Spiels frönen? Ich bin zwar nur ein armer Diener der Kirche, aber mein schmaler Geldbeutel steht zu Diensten.«

Der leise Druck seiner weißen, fleischigen Hand hatte die Übermütige gebannt.

»So geben Sie, heiliger Vater – wenn Sie Kardinal sind, erstatte ich es Ihnen wieder! Pfui, wie pauvre!« und sie warf die allerdings ziemlich leichte Börse in die Luft und beugte sich fangend zu dem Abbaten nieder. »Was befehlen Sie?«

»Hetzen Sie sie aneinander!«

»Welche?«

Ein böser Blick des Geistlichen mit der jovialen Miene flog über den ganzen Kreis. »Je mehr, desto besser!«

»Uenn die Signora mir erweisen will die Ehre, zu spielen mit meinem Geld,« sagte der Engländer von gegenüber, »so uerden ich sein sehr erfreut!«

Er zog langsam sein Portefeuille und öffnete es.

Die kleine, blasse Frau mit den schwarzen Augen hatte sich mit gierigem Blick erhoben. »Soll ich für Sie setzen, Mylord?«

»No, no! – die Kleine da, ueil sie kann sein so lustik! Da sein ein Scheck von hundert Pounds!«

Die schöne Spanierin, die noch soeben mit dem angehenden Diplomaten gesprochen hatte, drehte ihm unwillig den Rücken. »Erzählen Sie mir weiter, Herr Kapitän,« sagte sie herrisch zu dem Mann im Schnürrock. »Dieser Engländer handelt mit Geld, nicht mit Blut – und Ihr Vaterland braucht Männer, die das letztere opfern. Sie müssen einen Führer haben, einen hohen, glänzenden Namen an der Spitze!«

»Wir haben ihn, Sennora!«

»Einen Prinzen von Geblüt?«

»Besseres, Sennora!«

»Also einen König? O, man hat mir gesagt, daß es in Ihrem kalten Norden – in Deutschland – viele Könige gibt, wenn auch ihr Land kein solches ist, in dem die Sonne nicht untergeht!«

»Die Sonne, die über Polen aufgehen soll, Sennora, wird nie wieder untergehen! Sie leuchtet gewaltiger als der Purpur der Könige!«

»Es gibt nichts Glänzenderes, als eine Krone!«

»Gewiß, Sennora – die Sonne der Freiheit

Die stolze Schöne lächelte verächtlich. »Sie sind ein Republikaner, Kapitän, und die Republikaner sind Schwärmer. Nur in der Liebe gestatte ich Schwärmerei, nicht in der Politik!«

Die schöne Carlotta hatte die Augen geöffnet, als der Engländer die Banknote über den Tisch herreichte.

»Sagen Sie dem Herrn Baron,« sprach sie schläfrig zu ihrem Nachbar, »daß ich ihm eine Kavatine für ein gleiches Honorar singen will!«

Der kleine, ältliche Generalsstabsoffizier geriet bei dieser Offerte ganz in Extase und klatschte in die Hände. »Bravo, Bravo, Signorina! – Hören Sie es, Mylord, und Sie, meine Herren – die göttliche Carlotta, gegen die die Grisi eine Amsel ist, will uns eine Kavatine zum besten geben!«

»Ja,« sagte die Sängerin – »aber nur gegen Honorar! Ich singe nie umsonst.«

»Vielleicht tun Sie es diesmal mir zu Gefallen,« bemerkte ruhig der Abbate.

»Oh gewiß, Signor!« und sie richtete sich langsam in dem Stuhl empor.

»Warten Sie noch einen Augenblick.«

Mademoiselle Theresa hatte sich den Scheck bei dem dicken Kapitän, der die Bank hielt und der eben mit dem Zählen des Inhalts derselben beschäftigt war, gewechselt. Die meisten Anwesenden, durch die Herausforderung des jungen Duca aufmerksam gemacht, drängten sich um den Tisch.

Graf Sismondi hatte sich erhoben, um Theresa zu folgen. »Sie wird noch dumme Streiche machen, sie ist ein wahrer Teufel, wenn es ihr beliebt, zu rumoren,« sagte er zu seinem Vetter, »und ich kann sie nicht einmal überwachen, denn ich muß fort, sobald deine Leute fertig sind.«

Der Major sah nach der Tür. »Ich habe Leutnant Rosate geschickt, um nachzusehen. Dein Pferd steht mit der Ordonnanz hinter der alten Klosterkirche. Aber warum solltest du nicht bleiben? Der General erhält morgen deine Meldung zeitig genug, und wir sind längst fertig mit allem, ehe der Befehl zum Beginn des Feuers eintrifft.«

Der Oberstleutnant sah ihn bedeutsam an. »Nimm dich in acht, Rafael,« sagte er ernst. »Ich darf nicht mehr sagen, aber – ihr könntet unerwartet strengen Besuch bekommen.«

»Cialdini, selber? Er liebt es doch sonst nicht, zeitig zu Pferde zu sein!«

»Dienstgeheimnis! – Jedenfalls muß ich die Meldung noch diese Nacht machen und dir die Sorge über das tolle Ding überlassen, bis sich morgen Gelegenheit findet, sie wieder nach Mola zu schaffen.«

»Wo, zum Teufel, hast du die Dirne aufgetrieben? Sie scheint voll Lust, Unheil zu stiften.«

»Leider nur zu viel. Der brave Rocca ist ihretwegen flügellahm geschossen worden. Ich erzähle dir ein andermal, wo ich sie fand. In einem Kloster – obschon sie mit der Sprache nicht recht heraus will. Und jetzt trägt sie das Nonnenhabit zum Trotz und Skandal. – Die Sache hängt mit der unangenehmen Geschichte mit General Pinelli zusammen.«

» Cospetto – für ein Avancement möchte ich schon einen Streit mit dem Bluthund riskieren.«

Der Oberstleutnant sah finster vor sich hin. »Glaube mir, Rafael, ich wollte gern zwei Grade verlieren, wenn ich das, was jenem Streit folgte, ungeschehen machen könnte. Ein wackerer Kamerad, wenn auch ein Fremder, wurde darüber zum Mörder, und ein hochherziges Mädchen, das – obschon unsere Feindin, – hundertmal mehr wert war, als die ganze Weibergesellschaft hier, das Opfer einer schändlichen Brutalität. Dieser Kerl ist eine Schande für die sardinische Armee und verdient seinen blutigen Ruf mehr als Chiavone oder Tonelletto!«

»Du mußt mir die Geschichte einmal erzählen! Aber da kommt Leutnant Rosate.«

Der junge Offizier trat in dienstlicher Haltung zu seinem Vorgesetzten.

»Die Geschütze Nummer fünf und sechs sind gebettet, sieben und acht werden eben gehoben. In einer halben Stunde ist die Arbeit beendet.«

»Haben Sie sich überzeugt, daß die Munition gut untergebracht ist?«

»Alles besorgt – es ist ein Hundewetter draußen!«

»Das sehe ich an Ihrem Mantel,« sagte lachend der Major. »Sobald die letzte Kanone steht, sollen die Leute nach dem Kirchenraum und auch ihr Teil haben. Sorgen Sie dafür – und jetzt für sich selbst.«

»Wenn der Herr Major es gestatten – ich habe einen Beitrag zur Gesellschaft mitgebracht.«

»Wie so – doch keine Schöne? Wir haben deren genug.«

»Einen Flötenbläser hier aus den Bergen, er kann einige lustige Tänze blasen.«

Der ältere Offizier lachte. » Per Baccho, Leutnant, Sie wollen am Ende noch einen Ball arrangieren! Meinetwegen, wenn ich nur verschont bleibe! – Wo ist der Kerl?«

»An der Tür. Darf ich ihn eintreten lassen?«

Ein prachtvoller Triller, der wie Lerchenflug in die Luft stieg, unterbrach die Antwort. Er jubelte durch den wüsten Raum und wandelte sich dann zur lang getragenen Kadenz, aus der wunderbar schön und rein die ersten Töne der herrlichen Arie emporstiegen, mit der Norma die keusche Göttin grüßt. – –

Die Frau, welche ihre Aufmerksamkeit zwischen der Spielergruppe und der Gesellschaft der Sängerin geteilt, hatte sich dieser und dem Mann im Schnürrock genähert. Sie hatte die letzten Worte, die Apologie an die Freiheit, gehört.

»Sie haben recht, Kapitän – Polen braucht zu seinem Kampf keinen Fürsten und Aristokraten. Was sollen uns die Czartoriskis und Radziwils, die in Paris intrigieren oder in Berlin schlafen! Das Volk will Männer wie Sie und Miroslowski!«

Der Pole zuckte ungeduldig die Achseln. »General Miroslowski,« sagte er, »ist bei aller Achtung vor seinem Mut und seinen Talenten doch nur ein Werkzeug der Aristokratie. – Wir wollen unsere Sache rein halten! – Nur die Liebe zum heiligen Vaterlande, nicht ehrgeizige Pläne und Absichten sollen uns das Schwert in die Hand drücken.«

»Und ein solcher Mann sind Sie, Michael Langiewicz,« sagte die Frau in polnischer Sprache. »Aber moj Boze, warum sind Sie hier, Kapitän, statt in Warschau? – Diese Italiener werden untereinander fertig, ohne daß es der polnischen Legion bedarf. Das Vaterland ruft seine Söhne und es fehlt in diesem Lande nicht an Polen, die auf den Ruf bereit sein sollten!«

»Was wissen Sie davon!« sagte er halb verächtlich.

»Was ich davon weiß? Ich will Ihnen sagen, daß 14 unserer Freunde allein in Bardoneche, Doktor Borzobohaly in Brescia, 5 in Florenz, Skultecki und Fabjoni in Genua, 9 in Rom, 39 in Turin des Aufrufs warten. So geben Sie ihn, geben Sie das Beispiel!«

»Es ist noch nicht an der Zeit!«

» Moj niebiskiojcze! Es wäre noch nicht an der Zeit? Dann täuscht man Sie von Paris her. Meine Nachrichten von Warschau lauten anders. Ich sage Ihnen, schon der nächste Monat wird nicht ohne Blut vorübergehen. Es wird vielleicht polnisches Blut sein, das von unsern Henkern vergossen wird, aber das Opfer wird seine Früchte tragen und aus Schwankenden und Zögernden Männer machen!«

»Aber wer sind Sie selbst? Seit den zwei Wochen, die ich im Lager von Mola bin, drängen Sie sich an mich und ich kenne Sie nur unter dem Namen Matilda, einem Namen, den ich nie als den einer unserer Patriotinnen weder in den Listen des Zentralkomitees, noch in denen der freien Patrioten gesehen habe.«

»Ich könnte Ihnen einen andern Namen nennen, der Ihre Zweifel beruhigen würde – aber noch ist es nicht Zeit. Sagen Sie selbst, haben meine Nachrichten und Winke Sie je getäuscht?«

»Nein – ich muß es gestehen. Dennoch …«

»Wohlan – so sage ich Ihnen, daß am Jahrestag der Schlacht von Grochow Den 25. Februar. das polnische Volk in Warschau, unsere Priester voran – eine Demonstration für die Wiederherstellung seiner Nationalität machen wird. Was weiter kommt – steht bei Gott und den Heiligen. Aber Männer wie Sie und Ihre Freunde sollten in solchem Augenblick nicht fehlen!«

»Sie wollen also?«

»Daß alle Polen Italien verlassen und ihre Hand nicht länger einem Kampfe zur Unterdrückung der heiligen Kirche leihen, welche auch die unsere ist. Denn darum, nicht um den Königsthron von Neapel, handelt es sich!«

Ihr Blick streifte bei diesen Worten flüchtig hinüber zu dem Abbate. Ein leichtes Zucken der Augenlider zeigte ihr, daß sie gehört worden.

Der Kapitän, der künftige Diktator Polens, schwieg nachdenkend.

Die Spanierin Giuliana hatte, als die Polin ihr eigenes Gespräch ziemlich rücksichtslos unterbrach, ihre Aufmerksamkeit wieder dem englischen Diplomaten zugewendet, der mit seinem Lorgnon die Pariserin verfolgte.

Die schöne Theresa flüsterte einige Augenblicke mit der Frau, deren Schlangenaugen so gierig den Spieltisch bewachten und die sich vergeblich dem Briten zur Partnerin angeboten hatte.

Eine Hand voll Goldstücke glitt in die der Spielerin.

»Sie sagten vorher, Sir William,« bemerkte die Spanierin, »daß der Bruder des Grafen Montemolin, der Prinz Fernando, in Triest erkrankt ist?«

» Yes – Mylady, so lauten unsere Nachrichten.«

»Und der Graf Montemolin mit seiner Gemahlin befindet sich jetzt gleichfalls in Triest?«

» Yes, Yes! Aber diese tolle Miß ist allerliebst.«

»Der dritte Sohn des Don Carlos, der sich unberechtigt, wie die Königin Isabella, König von Spanien nannte, ist noch immer in London?«

» Yes – uenn er in diesem Augenblick nicht in Biscaya ist, um einen Aufstand anzuzetteln! – Diese Spanier, Ihre Landsleute, Mylady, halten nicht einen Augenblick Ruhe!«

»Die Ruhe würde nicht gestört sein, wenn fremde Staaten sich nicht einmischten – vor allem Ihr Kabinett. Warum hat England so perfide die Intrigen der Königin Christine unterstützt, während man doch wußte, daß ein rechtmäßiger Erbe vorhanden war!«

»Ah, Miß – Sie sind eine kleine Karlistin!«

»Verdammnis über ihn, der die öffentliche Meinung gefälscht und von dem rechten Wege abgeleitet hat. Der Earl von Russel, Ihr Namensvetter, würde Ihnen sagen können, wenn er sprechen wollte, daß ein näherer Erbe als der Prätendent Don Carlos vorhanden war.«

Der junge Diplomat ließ den Kneifer fallen und wendete sich erstaunt zu der Dame. »Wie, Miß – was meinen Sie damit? Ich habe allerdings von einer dunklen Geschichte sprechen hören, indes Sie sind zu jung dazu, um davon zu wissen.«

»Sollte eine Tochter die Rechte ihrer Mutter nicht kennen?«

»Ihrer Mutter?«

»Ja, Sir. Oder kennen Sie in der Tat so wenig die Genealogie des Hofes von Madrid und die Heiraten des König Ferdinand III. von Spanien?«

»Das ist für die politische Beurteilung ein zu interessanter Punkt Sennora, als daß ich Ihnen dieselben nicht sollte an den Fingern herzählen können.«

»Ich bitte darum.«

» Very well. Seine Majestät der König Ferdinand, geboren 1784, vermählte sich viermal und zwar zuerst im Jahre 1801, also mit 17 Jahren, mit der Prinzessin Antoinette Therese von Sizilien, die aber bereits infolge der ihr von dem Herzog von Alcudia und der Königlichen Familie angetanen Kränkungen schon am 21. März 1806 starb.«

»Richtig! Die Ehe blieb ohne Kinder.«

»Zum zweitenmal wollte sich der König, damals noch Infant, infolge der Zwistigkeiten mit seinem Vater, dem König Karl VI., mit der Prinzessin Lucian Bonaparte vermählen. Durch seine Verhaftung im Escurial am 28. Oktober 1807 wurde das verhindert und die Sache gab dem ersten Napoleon Gelegenheit zur Einmischung in die spanischen Angelegenheiten, als die Revolution von Aranjuez den König Karl zwang, der Krone zugunsten seines Sohnes zu entsagen.«

»Euer Herrlichkeit sprechen wie ein Buch,« bemerkte die Spanierin mit Hohn.

»Aus der Heirat mit der Tochter des Prinzen Lucian wurde nichts. Erst nachdem Napoleon den jungen König seinerseits zur Thronentsagung gezwungen und ihn auf dem Schloß Valencay des Herrn von Talleyrand bis zum März 1814 festgehalten hatte, vermählte er sich zum zweitenmal im Jahre 1816 mit der Prinzessin Maria Isabella von Portugal.«

»Was Sie sagen, Sir! Also die Portugiesin war seine zweite Frau! Wiederum ohne Kinder!«

»Sie starb schon nach zwei Jahren. Auch die dritte Gemahlin des Königs, die Prinzessin Josephe von Sachsen, starb nach zehnjähriger Ehe, im Jahre 1829, und der König vermählte sich dann nach wenigen Monaten zum viertenmal, und zwar mit der Prinzessin Marie Christine von Sizilien, der Mutter der Königin Isabella und der Frau Herzogin von Montpensier.«

Die Sennora lachte. »So steht's wahrscheinlich im Almanaque diplomatique! Aber ich wiederhole Ihnen, Ihre Rechnung ist falsch, und der edle Graf, Ihr Namensvetter, wird Ihnen wahrscheinlich sagen können, daß der König Ferdinand fünf Frauen gehabt hat.«

»Vielleicht eine tendre liaison, die Folgen gehabt hat.«

»Nein, Sir, eine rechtmäßige Ehe und zwar mit einer Dame, deren Familie, wenn sie auch keine Krone trug, er sich wahrhaftig nicht zu schämen brauchte.«

»Und wann sollte dies geschehen sein?«

»Im Jahre 1812 – als Napoleon in Rußland war, und König Ferdinand mit seinem Bruder, dem Infanten Don Carlos, seinem Oheim Don Antonio, dem Domherrn Escoiquiz und dem Herzog von San Carlos in Navarra in Gefangenschaft lebte.«

»Aber die Ehe wurde nicht anerkannt – sie blieb unbekannt und hatte keine Folgen.«

»Sie gab einer Tochter das Leben – meiner Mutter! – Die Ehe war kirchlich geschlossen und legal, aber als Napoleon aus Rußland zurückkehrte und die Sache erfuhr, zwang er den König zu einer Trennung und fügte dem Vertrag vom 11. Dezember die geheime Bedingung der Annullierung dieser Ehe aus nichtigen Gründen bei. König Ferdinand war schwach genug, darein zu willigen und die Geistlichkeit sorgte dafür, daß er es nicht widerrief.«

»Ihre Erzählung ist seltsam, Sennora,« sagte der Diplomat mit einer größeren Höflichkeit, als er bisher der Spanierin bezeigt hatte. »Ich gestehe, daß ich gehört habe, König Ferdinand habe sich die Zeit seiner Gefangenschaft auf französischem Boden nicht allzu lang werden lassen, aber ich habe nie näheres, am wenigsten von einer wirklichen Ehe gehört. War die Frau – nach Ihrer Bemerkung von vorhin und Ihren Jahren zu schließen, Ihre Großmutter, – eine Französin?«

»Sie war von spanischem Blut – eine Tante des General Prim, Grafen von Reuß!«

Der Diplomat pfiff durch die Lippen. » By Jove – das ist eine kleine Erläuterung! – Sie sagten, Sennora, daß aus dieser Ehe eine Tochter geboren wurde?«

»Im Jahre 1813 – meine Mutter!«

»Und was wurde aus dieser?«

»Sie ist nach dem bald nach der gewaltsamen Scheidung erfolgten Tode meiner Großmutter – wenigstens soll diese damals gestorben sein und ihre Familie hat nach der Rückkehr des Königs nach Madrid nichts wieder von ihr gehört, – auf Sorge des Vaters, des jetzigen General Prim, in Frankreich erzogen worden. Dort lernte sie einer Ihrer Landsleute kennen, der sie von dem Ort entführte, an dem man sie verborgen hielt und sie heiratete. Sie ist meine Mutter geworden und lebte also zur Zeit, als König Ferdinand 1839 das salische Gesetz durch die pragmatische Sanktion änderte und die Thronfolge auf die Töchter übergehen ließ. Wenn er das durfte, so mußte die Krone auf seine älteste Tochter übergehen, also auf meine Mutter, nicht auf die Infantin Isabella, die volle 17 Jahre jünger ist.«

»So lebt Ihre Mutter noch?«

» Quien sabe! – Es geschehen viele Dinge in Spanien! Man hat mir gesagt, daß sie tot sei, wie meine Großmutter!«

»Und Ihr Vater?«

»Bah – der Rausch der Liebe war bald verflogen, meine Mutter hat sich bald von ihm getrennt oder er sie verlassen. Ich habe ihn nie gekannt. Der edle Viscount soll ein Excentric gewesen sein. Vielleicht, daß er von meinem Dasein gar nichts wußte, denn ich wurde erst nach seiner Trennung von meiner Mutter geboren und sie haßte ihn.«

»So kennen Sie auch seinen Namen nicht?«

»Doch!«

»Ist es erlaubt, danach zu fragen?«

Ein Räuspern des Abbate unterbrach das in englischer Sprache geführte Gespräch.

Die Sennora Giuliana warf einen Blick hinüber und ihre stolze Stirn zog eine unwillige, trotzige Falte.

»Ich werde Ihnen denselben später nennen, wenn Sie sich wirklich dafür interessieren sollten!«

»Es ist eine seltsame Sache, die Sie mir erzählt haben, Sennora,« meinte der Diplomat. »Aber selbst wenn Sie für alle diese Angaben Beweise haben …«

»Ich hatte sie!«

»Und sie existieren nicht mehr?«

»Sie existieren!«

»Wo?«

Die Spanierin warf einen raschen Blick hinüber nach dem Abbate. Dieser schien mit dem Gespräch der beiden Polen beschäftigt, und hatte sich eben zu der Sängerin gewendet.

»Im Besitz der heiligen Kirche,« sagte sie leise, aber mit Ingrimm. »Diese kennt meine Rechte eben so gut wie die Usurpatorin Isabella selbst und wie sie der Prätendent Don Carlos kannte. Sie benutzt sie, um beide in Schach zu halten, von beiden Zusagen zu erpressen. Aber, so wahr königliches Blut in meinen Adern ist …«

Die letzten Worte waren so laut gesprochen, daß der Abbate rasch sich gegen sie kehrte und den Zeigefinger der linken Hand erhob.

Der Diplomat hatte den Wink entweder nicht gesehen, oder er tat wenigstens so, und wollte seine Fragen fortsetzen.

In diesem Augenblick war es, wo die Triller der Signora Carlotta emporwirbelten! – – –

Die ehemalige Primadonna des Alcazar hatte, wie wir bereits erwähnt, ihren Scheck mit sehr ungebührlichen Abzugsprozenten bei dem großen Garibaldiner mit dem weißen Bart gewechselt, der so merkwürdig im Glück gegen die Bank geblieben war.

Der Kapitän, der diese bisher gehalten hatte, war soeben mit dem Zählen der Kasse fertig geworden. »Wie Sie sehen, Altezza, beträgt die Kasse, Papier und Gold zusammen gerechnet, ungefähr 300 Doppelpistolen oder zweitausend siebenhundert und vierzig Ducatis.«

»Ich halte sie!«

»Dann bitte ich, den Betrag zu deponieren!«

Der junge Mann wurde noch bleicher als zuvor. »Sie können leicht denken, Kapitän Ruspoli, daß ich diese Summe nicht bei mir führe. Ich habe den ganzen Inhalt meiner Börse bereits an Sie verloren.«

Die Stirn des dicken Artillerie-Kapitäns rötete sich. »Was wollen Sie damit sagen, Signor Principe?«

»Nichts, was Sie beleidigen kann. Ich wollte nur erklären, warum meine Börse leer ist,« stammelte der junge Verschwender. »Aber ich denke, ich bin bekannt genug, und jedermann weiß, daß ich der Erbe der Braccianis bin, und daß meinem Vater das halbe Palma gehört! – Hier dieser Ring ist mindestens seine tausend Pistolen wert!«

»Ach, der prächtige Stein! Wie dieser Rubin zwischen den großen Diamanten funkelt!« rief mit gierigen Blicken die Spielerin mit den schwarzen Augen, indem sie danach langte.

Der Garibaldiner schlug sie auf die Finger. »Laß das Ding liegen, Hexe, das ist zu kostbar für dich!«

»Nun, Signor, ich warte!« sagte vornehm der Nobile.

»Signor Principe, ich bin kein Wechsler vom Rialto oder aus dem römischen Judenviertel, der auf Pfänder leiht!«

Die Züge des jungen Verschwenders übergossen sich mit Glut und er ballte ingrimmig die Faust. Es war bekannt genug, daß seine Familie aus dem römischen Ghetto stammte und erst vor zwei Generationen durch den stets des Goldes bedürftigen König Murat in den Adelstand erhoben worden war und bei der Restauration mit einer Anleihe den Fürstentitel erkauft hatte, obschon seine Mutter und Großmutter dem besten Blute von Neapel angehörten.

Der Garibaldiner legte sich eilig ins Mittel. »Ich werde Ihnen das Geld mit Vergnügen auf den Ring leihen, Duca!«

»Tausend Dank. Ich versichere Sie auf Ehrenwort, daß die Juweliere der Chiaga den Ring auf mindestens tausend bis zwölfhundert Pistolen geschätzt haben. Der Principe, mein Vater, wird ihn mit Vergnügen dafür einlösen!«

Der Dalmatiner hatte den Ring genommen und ließ das Feuer der prächtigen Steine im Licht der Kerzen spielen. »Hier ist das Geld, Duca, ich wünsche, daß es Ihnen Glück bringen möge!« Er zählte das Gold ab und vervollständigte die Summe durch einige Scheine der Bank von Neapel, die er aus seiner wohlgefüllten Brieftasche nahm, worauf er den Ring an den kleinen Finger seiner linken Hand steckte zum großen Neid der Dame.

»Nun, Signore?«

Dem Kapitän war offenbar die Taille sehr unangenehm, aber er konnte die Aufforderung nicht mehr zurückweisen. Doch erklärte er, daß er mit diesem Abzug die Bank schließen werde.

Die Aufmerksamkeit der Umstehenden war jetzt im höchsten Grade erregt. Der Hauptbeteiligte selbst fuhr sich wiederholt mit dem Tuch über die Stirn, auf der große Schweißtropfen perlten.

»Wünschen Sie frische Karten?«

»Nein – ich danke! – dem König!«

Der Abzug begann unter atemloser Stille. Sieben Karten fielen – dann der König zur Rechten!

» Gagné – perdu! – Ich bedauere, Altezza, ich habe Sie gewarnt!«

»Victoria – halb Part, Signor Capitano!«

Der dicke Kapitän zuckte die Achseln bei diesem Vorschlag der kleinen Frau mit den habsüchtigen Augen, und steckte das Gold und die Banknoten ein.

» Baszom – ein unverschämtes Glück!« murmelte der Garibaldiner, indem er die Diamanten des Ringes spielen ließ. »Aber soll denn unser Vergnügen schon zu Ende sein, während wir im besten Zug sind?«

»Ich spiele weiter!« rief mit fieberhafter Erregung der Nobile. Seine Augen lagen tief in den Höhlen, seine Hand zitterte, als er den großen Kelch nahm, in den Theresella ihre Champagnerflasche geleert hatte, und den sie ihm reichte.

»Mut, Signor! Nur dem Mutigen gehört der Sieg! Bah – der Teufel soll mich holen, wenn ich im Café anglais nicht ganz andere Summen habe verspielen sehen! Es ist alles lumpig in diesem Neapel mit Ausnahme von Land und Meer! – Hören Sie, kleiner Don Juan, wie der Donner rollt? Das bedeutet Glück beim Spiel!« Der Artillerie-Kapitän war aufgestanden. »Wenn einer der Signori die Bank übernehmen will – ich bin gezwungen, Wort zu halten!«

Der Garibaldiner, ein Ungar, war rasch zur Hand. »Wenn Sie erlauben, Herr Kamerad, der Teufel soll meine Mutter verführen, wenn ich sie nicht halte, so lange es unserer kleinen Altezza beliebt!«

Sie wechselten die Plätze.

Es wurden rasch einige Sätze gemacht und gewonnen und verloren – die Frau mit den gierigen Augen hatte zehn Goldstücke verloren und ihre spitze Nase wurde noch weißer und spitzer als sie schon gewesen war, ihre glänzenden prächtigen Rattenaugen klammerten sich förmlich an die großen, aber sehr gewandten Finger des neuen Bankhalters.

» Coraggio, Signori!«

Und die tolle Theresa kredenzte ihm wieder den Pokal, nachdem sie selbst einen vollen Zug getan hatte.

Der junge Duca hatte sich aufgerafft. »Sie kennen den Wert des Ringes, Signor Béla! – Ich nehme ihn zu tausend an! – Wollen wir um den Rest spielen?«

»In einem Satz, Altezza?«

»In einem Satz – entweder, oder!«

» Istem teremtete – es sei! Ich will neue Karten nehmen – es lohnt der Mühe!«

Der neue Bankhalter holte aus der Brusttasche seiner roten Bluse ein verschlossenes Spiel Karten, zeigte das Siegel umher und öffnete es.

Er ließ das Spiel dreimal durch die Hand gleiten, um die Blätter zu lösen, dann warf er einen kurzen, lauernden Blick auf seinen Gegner, mischte und ließ koupieren.

Die Karten blieben auf dem Tisch liegen.

Alle Umstehenden waren in der höchsten Erregung, die kleine Spielerin holte zehn Goldstücke aus der Tasche.

»Welche Nummer besetzen Sie, schöner Duca?«

Der junge Mann stieß einen wilden, gerade nicht sehr anständigen Fluch aus. »Da mich der König im Stich gelassen hat, soll's der Bube sein, und der Teufel hole ihn, wenn er nicht mit mir ist!«

»Ich halte mit Ihnen auf den Buben! – Fünfzig Scudi!«

Der Ungar warf ihr einen bitterbösen Blick zu und murmelte etwas zwischen den Zähnen. Dann nahm er mit absichtlicher Zurschautragung der größten Vorsicht und Genauigkeit das Spiel in die Linke und begann die Taille.

Der eine der beiden Bersaglieris und der Lanzier-Offizier hatten gleichfalls Karten besetzt.

Nach einigen Zügen kam diese heraus. » Gagné! Bravo – wir sind im Glück! – Vorwärts, vorwärts!«

Wie Basilisken hafteten die Augen der Frau an der Hand des Bankiers.

» Gagné – perdu! – Gagné perdu

Es war der Bube!

In diesem Augenblick zitterten die Triller der Primadonna durch die atemlose Stille, und die langgezogene prächtige Kadenz füllte gleichsam den weiten Raum.

Aber sie wurde von einem gellen Aufschrei unterbrochen.

»Betrug! Betrug! Er hat falsch abgezogen!«

»Kanaille!«

Ein gewaltiger Faustschlag fiel in das Gesicht der Frau, daß das helle Blut aus Mund und Nase spritzte, aber sie hielt fest, mit dem Oberleib über den Tisch gebeugt, die Hände über die gezogenen Karten gepreßt, das Gesicht zähnefletschend ihm entgegen, während es wieder und wieder über die schmalen Lippen gellte:

»Betrüger! Er hat falsch gespielt!«

Der Ungar griff in die Tasche seiner Beinkleider, im nächsten Augenblick funkelte ein spitzes Messer in seiner Faust.

»Die Hände weg, Kanaille, oder ich nagle sie dir auf den Tisch!«

»Wenn Sie ein Mann sind, Duca,« schrie die Cancansängerin, so stehen Sie ihr bei. Martina hat recht – die Taille ist falsch abgezogen – ich sah Ihren eigenen Ring blitzen bei der Volte!«

»Hure! Metze! Du wagst es …«

Die Theresella schmiß ihm den Kelch ins Gesicht, den sie noch in der Hand hatte und sprang zurück. »Haltet ihn! Zu Hilfe, Graf!«

Über den Kopf Martinas hinweg funkelte der Stahl, als die Faust des Freischärlers einen raschen Stoß nach ihr tat. Dem Tobenden fielen der Kapitän und einer der Jägeroffiziere in den Arm.

»Es ist wahr – die Signora hat recht – wenn kein Betrug, so muß ein Irrtum vorliegen,« rief, sich ermannend, der junge Millionär. »Kapitän Béla möge zurücktreten und uns die Karten nachsehen lassen.«

»Den Teufel sollst du, Hundssohn verfluchtiger!«

»Laßt sie ihn nicht anrühren – er vertauscht sie!« rief die Sängerin.

»Dirne – hüte dich!«

»Keine Beleidigung, Signor – die Dame steht unter meinem Schutz!« klang die strenge Stimme des Generalstabsoffiziers.

»Den Henker frage ich danach! Schande genug für Sie, Signor!«

Der Graf wandte sich an seinen Vetter. »Laß den Ausgang bewachen, Rafael, die Sache muß sofort untersucht und der Schimpf geahndet werden. Treten Sie zurück vom Tisch, Signor, wenn Sie sich als ein Mann von Ehre zeigen wollen.«

Der Artillerie-Major war nach dem Ausgang geeilt, um einige seiner Leute zu rufen. Als er die Brettertür öffnete, sah er im Dunkel zwei Männer davorstehen, – den Hirten, den Pfeifer, und einen Soldaten.

»Bleibt an der Tür! Laßt niemand heraus und herein!« Dann sprang er zurück, um Ruhe zu stiften.

Die Szene am Spieltisch drohte in ein Handgemenge auszuarten; die Offiziere stritten für und gegen, und harte Worte fielen. Mit gewaltiger Anstrengung und aller Kraft rang der Ungar gegen die beiden Offiziere, die ihn festhielten; ein ruhiger Beobachter, wie der Abbate, würde bemerkt haben, daß dieses Ringen hauptsächlich danach bestrebt war, die Hände des blutig geschlagenen Weibes von den Karten zu stoßen, und in der Tat war es einen Augenblick gelungen, ehe die Offiziere ihn zurückdrängten.

So wütend er geschienen, so ruhig war er plötzlich geworden. »Die Hand weg von mir, Signori! Ich fordere Untersuchung! Ist das die Art, wie Sie Ihre Gäste und Kameraden behandeln?«

»Es kommt darauf an, welcher Art sie sind!« sagte stolz der Graf. »Rafaelo, übernimm du die Feststellung der Sache!«

Ich bitte darum, Signori! – Das weitere wird sich finden!«

»Er hat die Karten untereinander geworfen, er hat mich fortgestoßen!« kreischte die Spielerin. »Ich weiß es bestimmt, der Abzug war falsch!«

»Treten Sie zurück, Signora!«

Wie eine Wölfin, die von ihrer Beute vertrieben wird, zog die Signora Martina ihre Hände zurück. Das Mädchen, das mit ihr zwischen den Spielern gesessen, war bemüht, ihr das Blut vom Gesicht zu trocknen.

Die Primadonna hatte sich wieder in den Schaukelstuhl zurückgelegt, die Trägheit hatte über ihre Neugier und die verletzte Eitelkeit, ihren Gesang unterbrochen zu sehen, gesiegt. Der kleine, ältliche Stabsoffizier, der ihr so eifrig den Hof machte, war bemüht, sie zu beruhigen. Mehr als seine Versicherungen trug wahrscheinlich das Benehmen des Abbate bei, der ruhig, mit einem leichten Zug des Hohns auf dem vollen behäbigen Gesicht, der Szene der Verwirrung zusah, nachdem ein ernster Blick die Spanierin getroffen und sie mit einem leichten Wink von der Seite des Diplomaten fort und an die seine gerufen hatte.

Die beiden Polen, der Mann und die Frau, standen nebeneinander, während der Brite langsam auf einen Stuhl stieg und den Kneifer festrückte, um besser zu sehen.

Der Major, der am anderen Ende des Tisches sitzend und in der Unterhaltung mit seinem Vetter begriffen, anfangs nur wenig auf die Szene und den Streit geachtet hatte, – ließ sich von den Offizieren den Hergang erläutern.

»Sehen wir vor allem die Karten nach, wir sind es der Ehre aller Beteiligten schuldig!«

»Martina hat Ihnen Ihren Ring gerettet, mein schöner Duca,« flüsterte die Pariserin dem jungen Verschwender ins Ohr. »Was schenken Sie ihr dafür?«

»Ihnen selbst, Signora, den Ring – wenn ich ihn einlösen kann!«

»Ah, bah – kleiner Schelm!«

Sie drehte sich auf dem Absatz herum – plötzlich blieb sie wie erstaunt oder erschrocken unbeweglich stehen. Ihr Blick hatte zufällig den Soldaten gestreift, den Major Sismondi hereingerufen und der jetzt an der Tür Posten stand und aufmerksam den Streitenden zusah.

Die Blicke der Chanteuse blieben auf dem Manne haften und wurden immer aufmerksamer und erstaunter. Dann glitt sie gleich einer Katze hinter dem Lehnstuhl der Primadonna weg nach dem Eingang hin.

»Wie oft hatte die Bank abgezogen?«

»Vier – bei der fünften Taille fiel der Bube!«

»Nein, bei der sechsten!«

»Lassen Sie uns zählen. Hier sind fünf Blätter aufeinander,« sagte der Major, nachdem er die aus dem Rest des Spiels über den Tisch gestreuten Karten vorsichtig entfernt hatte. Und hier – sechs – die sechste ist der Bube!«

»Verzeihen Sie,« bemerkte der Bergsaglieri, der eben die sechs Abzüge behauptet hatte, »es sind sieben Karten – also zwölf!«

»Aber die siebente gehört nicht dazu,« kreischte Marina – »der Schuft hat sie darauf geworfen, als er mich schlug und fortstieß!«

»Still, Signora! Was ist Ihre Meinung, meine Herren?«

Es folgten einige Bemerkungen – die meisten schienen wohl der Meinung der Frau zu sein, aber der Legionär war als ein Raufbold und brutaler Mensch bekannt, und man wagte es nicht, den Verdacht offen auszusprechen.

»Meine Herren,« sagte endlich der Major, »ich bin überzeugt, daß Kapitän Béla selbst darauf bestehen wird, daß die Taille nicht gelten darf, so sehr wir von der Ehrenhaftigkeit seine Spiels überzeugt sein dürfen, und wenn Sie meinen Rat annehmen wollen, so werden Sie den Satz überhaupt nicht erneuern. – Nehmen Sie Ihr Geld an sich, Signora. Wir verlangen nicht, daß Sie den Herrn Kapitän um Verzeihung bitten, da Sie bereits eine etwas – harte Strafe erlitten haben.«

Die Signora Martina wollte Einspruch erheben, aber ein strenger Blick des Offiziers wies sie zur Ruhe und sie begnügte sich, mit einem giftigen Seitenblick auf den Legionär ihre zehn Goldstücke wieder in die Tasche zu schieben.

Dieser hatte mit der Miene eines Bullenbeißers, dem man den Knochen entreißt, die Entscheidung angehört. Der kalte Ton des Stabsoffiziers und sein gemessenes Benehmen zeigten ihm deutlich dessen wahre Meinung, und sein brutales Gesicht blieb bis zu den kurzen schwarzen Haaren dunkel gerötet.

»Ich danke Ihnen für Ihre gute Meinung, Signor Maggiore,« sagte er finster, »und es ist abgemacht, daß ich nicht auf mein Recht bestehe oder weiterspiele. Aber einer oder der andere der Herren Kameraden wird ja wohl Pistolen zur Hand haben – sonst können wir unsere Revolver nehmen!«

»Wie so – was meinen Sie damit?«

» Baszom teremtete – Sie werden doch wohl nicht glauben, daß ich die mir angetanen Beleidigungen verschlucken soll?«

»Aber was in der Aufregung des Streites vielleicht gesagt worden, können Sie unmöglich der Art auffassen, um ihm blutige Folge zu geben. Ich habe Ihnen im Namen dieser Herren erklärt, daß Ihre Ehre gerechtfertigt ist.«

»Es ist mir gleichgültig, wie Sie und diese Herren denken,« sagte brutal der Ungar. »Ich bin um ein paar liederlicher Weibsbilder willen mehrfach beschimpft worden und ich verlange Genugtuung!«

»Aber – –«

»Wenn der Herr Freischaren-Kapitän für seine Unverschämtheit gegen eine Frau noch eine Züchtigung wünscht,« unterbrach der Generalstabsoffizier die Vermittelung seines Vetters, »so wird er sie erhalten. Er weiß, wo ich zu treffen bin!«

»Seien Sie versichert, Signore, daß ich Sie zu finden wissen werde! Zunächst habe ich es mit dem hier zu tun!«

Er wies mit drohender Gebärde auf den unglücklichen Spieler.

»Was wollen Sie von dem Duca?«

»Wenn dieser Duca aus der Münze nicht ein erbärmlicher Feigling ist, so wird er sich mit mir schlagen!«

Der junge Nobile wurde bald blaß wie der Tod, bald rot vor Zorn und Erregung. Er war in der Tat kein besonderer Held, das Gold seines Vaters hatte die Revolution in Neapel machen helfen und die Rothemden ins Land gebracht, und dies hatte ihn in die soldatische Gesellschaft geführt. An einem anderen Ort würde dasselbe Gold auch den Streit ausgeglichen haben, aber hier war die Beleidigung zu groß, als daß er sie nicht hätte aufnehmen müssen. Überdies kreuzte sich das heißere Blut seiner Mutter mit dem vorsichtigeren des Vaters in seinen Adern.

»Wenn Sie sich von mir beleidigt halten, werde ich Ihnen Genugtuung geben. Ihre Sekundanten werden mich zu finden wissen.«

»Und die nächste Nacht in den Kerkern von St. Elmo schlafen! Nein, Bursche – ich will dein Ghettoblut auf der Stelle haben. Hier – augenblicklich!«

»Das ist unmöglich – wir sind im Dienst!« erklärte der dicke Kapitän, der den Bankhalter gemacht und die Anleihe auf den gefährlichen Ring gewonnen hatte.

»Wenn der Dienst es gestattet, hier Bank zu halten,« höhnte der Ungar, »muß er auch gestatten, eine Beschimpfung zu rächen. Dieser Bursche ist ein feiger Lump, wenn er sich weigert. Ich appelliere an Ihre Ehre als Kavaliere!«

Die Offiziere traten zusammen und es folgte eine kurze Beratung zwischen ihnen.

»Wer hat den Herrn Kapitän eingeladen?« fragte der Major. Der Bersaglieri-Offizier meldete sich zu der sehr zweifelhaften Ehre.

»So werden Sie dem Herrn als Zeugen dienen,« – entschied der Chef der Batterie. »Kapitän Ruspoli wird dasselbe bei dem Signore Duchino tun. – Die unangenehme Sache ist nicht zu vermeiden und möge uns als Warnung dienen. – Entfernen Sie die Frauen, Signore Abbate!«

Die Spanierin hatte es gehört. »Ich fürchte solche Dinge nicht,« erklärte sie bestimmt. »Um einen Pistolenschuß habe ich keine Lust, mich solchem Wetter auszusetzen. Ich bleibe!«

In der Tat verkündeten die rasch auf einander folgenden Donnerschläge und das Heulen des Sturmes durch die schlecht verwahrten Fenster, daß das Unwetter seinen höchsten Grad erreicht hatte.

Man sah, daß der Bersaglieri heftig auf seinen Mandanten einredete und dieser trotzig auf seinem Willen bestand.

Endlich wandte der Offizier sich zu der Gruppe seiner Kameraden. »Kapitän Béla,« berichtete er, »besteht darauf, sich zur Stelle und zwar über die Tafel hinweg zu schießen. Ich habe drei Schritt Barriere für jeden gefordert. Da keine Duellpistolen zur Hand sind, sollen Revolver gebraucht werden. Zwei Kugeln in jedem – die anderen werden entladen.«

Der Major zuckte die Achseln. »Es ist mit dem Menschen nichts zu machen – er ist imstande, uns alle zu blamieren! Hol Sie der Teufel, daß Sie ihn mitgebracht. Es ist am besten. Sie verständigen sich mit Kapitän Ruspoli, und die Sache wird so rasch wie möglich abgetan. Im Grunde sind Revolverkugeln nicht allzu gefährlich. In keinem Fall darf der Herr sich des seinen bedienen!«

Das schien allerdings die Absicht des Raufbolds gewesen zu sein, denn er machte einige Einwürfe, als sein Sekundant ihm das Resultat der Besprechung mitteilte. Es wurde ihm jedoch sehr ernst bedeutet, daß er sich zu fügen habe, und er stimmte endlich fluchend zu.

Zwei gewöhnliche Offizierrevolver, beide mit sechsläufigen Kammern, wurden jeder an verschiedenen Stellen von vier Schüssen entladen. Dann nahm sie der Kapitän mit einem Tuch verdeckt und bot sie den beiden Duellanten, die man drei Schritte von der Tafel aufstellte.

Der junge Börsen-Nobile hatte die Zähne fest zusammengebissen, er war bleich und erregt, benahm sich aber ziemlich gut. Die Sympathien der Offiziere waren offenbar auf seiner Seite, und sein Sekundant gab ihm verschiedene Ratschläge.

Inzwischen hatte die Chanteuse den Soldaten an dem Eingang erreicht, der im Halbdunkel lag. Neben ihm stand der Ziegenhirt, der Flötenbläser.

»Es scheint, hier gibt es andere Musik als die meine,« flüsterte dieser. » Cospetto – ich hoffe, Kapitän Gauthier greift nicht eher an, als der Spaß hier zu Ende ist! Es wird mir Vergnügen machen, zu sehen, wie sich die Kirchenschänder untereinander abtun!«

Eine leichte Hand berührte die Schulter des Soldaten. »Graf von Saint Bris, wie kommen Sie hierher?«

Der Kavalier zuckte zusammen, – die Überraschung hatte ihn verraten.

»Also wirklich – ich durfte mich auf meine Augen verlassen!«

»Still, Mademoiselle – ich hoffe, Sie werden nicht zur Verräterin an mir werden wollen!«

» Oh ventre saint gris, wie Sie zu sagen lieben, gewiß nicht! Aber ich muß wahrhaftig lachen, Sie in diesem Rock zu sehen!«

»Vorsicht, Theresa – unser Leben hängt an einem Faden! – Wenn Sie wüßten, wer in Ihrer Nähe ist …«

» Diavolo – machen wir uns fort, Kamerad – man sieht hierher!«

Es war zu spät.

Ein Revolverschuß vermischte sich mit einem Ruf des Erstaunens. Der Legionär war mit langsamem, festem Tritt, den Revolver halb gehoben, seinen Gegner scharf fixierend auf die Tafel zugetreten, und der junge Nobile hatte von seinem Platz aus geschossen, die Kugel aber nur eine Flasche auf dem Tisch getroffen, die in hundert Stücke klirrte. Zugleich stieß Graf Sismondi jenen Ruf aus. Sein eifersüchtiges Auge hatte nach der Sängerin gesucht und sie verwundert im Gespräch mit dem Soldaten getroffen. Dabei war sein Blick auf den angeblichen Ziegenhirten gefallen.

Das Gesicht war ihm zu gut bekannt geworden, um es je vergessen zu können, und er erkannte auf der Stelle den Träger wieder trotz seiner Verkleidung.

»Hölle und Teufel! Halten Sie ein, Signori – hier ist Verrat! Ein Brigante unter uns! – Nehmt ihn fest!«

Er sprang auf den Tisch und darüber hinweg, ohne sich Zeit zu nehmen, nach seinem Säbel zu greifen.

Die Offiziere fuhren erstaunt auseinander. Der Kapitän wollte zwischen die Duellanten springen, aber auch hier war es zu spät – der Legionär hatte den Revolver erhoben und zielte mit rachsüchtiger Bosheit. Der erste Druck versagte, der zweite Schlag des Hahnes traf auf eine Patrone, und der liederliche Erbe der Bracciani ließ seine Waffe fallen.

»Gott im Himmel – ich bin getroffen!«

Es war, als ob der Schuß ein zehnfaches Echo geweckt. Während der Kapitän den Taumelnden auffing, krachte es draußen wie eine Gewehrsalve, und wildes Geschrei mischte sich mit dem Donner des Himmels, so daß die Offiziere einige Augenblicke in der Tat nicht wußten, was sie eigentlich hörten, Flintenschüsse oder die Schläge des Gewitters.

»Verrat! – Haltet ihn fest! Es ist der Bandit Tonelletto – die Briganten haben uns überfallen!«

Der Bandit erwartete seinen Gegner festen Fußes. »Diesmal, Signor Conte, sollen Sie nicht entwischen! – Evviva il Re! Hierher, Kameraden, wir fangen das ganze Nest!«

Der falsche Bersaglieri hatte die Sängerin zurückgedrängt, die Büchse des erdolchten Soldaten lag in Anschlag …



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