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Hohe Politik!

An der Porta di Terra standen in dichten Reihen die zwei ersten Kompagnien des zweiten Fremden-Bataillons, eine Abteilung Jäger und die Artilleristen, die vor einer Stunde unter dem Portal der Kathedrale Halt gemacht hatten, um ihre Last einige Minuten abzusetzen.

Vor den Bastionen an der Fremden-Batterie war das dritte Bataillon Jäger aufmarschiert.

Wie bei der Einschiffung der beiden Kampagnien an der Transilvania standen die Offiziere in Gruppen unter den Vorsprüngen und Dächern, sich noch einige Augenblicke vor dem üblen Wetter zu schützen, dem sie doch gleich darauf trotzen wollten.

Es war elf Uhr vorüber.

»Auf was warten Sie noch, Excellenca?« fragte der Graf von Caserta, der, wie der General versprochen hatte, das Bataillon kommandierte, das bestimmt war, den beiden Expeditionen als Soutien vor dem Glacis der Festung zu dienen. »Ich könnte vielleicht bereits meine Stellung einnehmen, – das Defilieren durch das enge Tor wird viel Zeit brauchen.«

»Man könnte Sie bemerken, Königliche Hoheit, und Lärm machen. Überdies könnte die Truppe Simonettis dabei in Verwirrung geraten; – ich habe immer gefunden, daß bei nächtlichen Expeditionen die ausgegebenen Befehle nicht geändert werden sollten.«

»Aber es ist bereits halb zwölf!«

»Ihre Majestät die Königin wünscht die Truppen noch zu begrüßen – ich erwarte sie jeden Augenblick.«

»Ah,« sagte der Prinz – »das ist etwas anderes. Sie sprach mir kein Wort davon, als ich ihr Gutenacht sagte. Wenn es sich um meine königliche Schwester handelt, dann müssen wir warten.«

»Da kommt Ihre Majestät!«

Die Königin kam nicht allein – der König und der junge Graf Trani begleiteten sie, der letztere sehr unwillig, daß man ihm die Teilnahme an der Expedition verweigert hatte. Die Königin hatte sich fest in ihren Mantel gehüllt, den der Sturm zerzauste – das Wetter hatte sie, die zarte Frau mit dem energischen Geist, nicht abhalten können, das zu tun, was sie ihre Pflicht nannte.

Die Offiziere waren rasch an ihre Stelle getreten, und als das junge königliche Paar an den Reihen vorüberging, klirrten wie auf der Parade die Gewehre zum Präsentieren und leise lief es die Glieder entlang: »Dank, Majestät!«

Bei den Jägern, die den Ausfall begleiten sollten, blieb die Königin erschrocken stehen.

»Wie, Major Bianchetti – Sie beabsichtigen doch nicht, das Wagnis mitzumachen?«

»Ich habe mir die Ehre von General Bosco erbeten!«

»Das ist nicht recht,« sagte die Königin, und sich an diesen wendend, fuhr sie leise fort: »Erinnern Sie sich, daß der König ausdrücklich bestimmt hat, Major Bianchetti und alle anderen Offiziere, die das Unglück haben, Söhne oder Verwandte in den Reihen unserer Gegner zu wissen, nur im inneren Dienst zu verwenden!«

Der General zuckte die Achseln. »Die Leute sind von seinem Bataillon, Majestät, ich habe es ihm nicht verweigern können!«

Die junge Königin senkte den Kopf, dann schritt sie trauernd weiter.

In der Tat hatte der Bürgerkrieg schreckliche Verhältnisse hervorgerufen, und den Bruder dem Bruder, ja den Vater dem Sohn gegenüber gestellt.

Sie hatte Caserta die Hand gegeben. Als sie an dem Bruder ihrer Milchschwester vorüber kam, blieb sie einige Augenblicke stehen. »Sei tapfer, aber nicht unvorsichtig, Toni, du weißt, wie sehr ich des Lebens aller meiner Freunde bedarf. Gott mit dir!« und sie reichte ihm eine Granatblüte, die sie in der Hand getragen.

Der junge Soldat drückte sie an die Lippen. »Gott segne Euere Majestät, wir werden halt schaff'n, was wir können!«

Die Königin war zu dem General-Kommandanten zurückgetreten, der eben in Gegenwart des Königs Major Simonetti seine letzten Anempfehlungen machte. Sie nahm den Arm ihres Gemahls.

»Es ist Zeit,« sagte der General, nach der Uhr sehend – »unsere Leute müssen seit einer Stunde auf ihrem Posten sein, wenn –« fügte er leise hinzu – »sie nicht auf dem Grunde des Meeres liegen. Der Sturm ist entsetzlich und das Meer muß auf der anderen Seite der Küste rasen!«

Die Königin machte das Zeichen des Kreuzes. »Gott und die Heiligen werden mit ihnen gewesen sein,« sagte sie fest. »In seiner Hand ist unser aller Schicksal.«

»Befehlen Euer Majestät den Leuten noch etwas zu sagen?«

Der König wollte sprechen, aber die Königin, die wußte, daß das Extemporieren nicht seine Sache war, drückte leise seinen Arm.

»Seine Majestät,« sagte sie laut, »vertraut ihren Getreuen und bittet Gott, daß er ihre Waffen und ihre Aufopferung segnen möge. Jetzt, Herr General, geben Sie das Zeichen zum Aufbruch!«

Ein greller Blitz schien das ganze Firmament zu spalten, und der Donner rollte in hundertfachen Echos über die Felsenwände. Man hörte das Knarren der sich öffnenden Tore und das Klirren der Brücke.

»Das Wetter ist furchtbar,« sagte dringend der General, »ich bitte Euer Majestät, sich zurückzuziehen!«

»Nein, Herr – ich werde auf den Wällen bleiben, um für diese Männer zu beten!«

Die dunklen Kolonnen hatten sich in Marsch gesetzt und verloren sich unter den finsteren Gewölben des Tors. –


Borgo di Gaëta, die Vorstadt der Festung streckt sich in geringer Entfernung von den Außenwerken, eine lange Straße bildend, an der Küste unterhalb des Monte Atratina und Cappuccini hin. Albano beginnt mit einem kleinen Vorsprung, der die gerade Aussicht auf die Citadelle der Festung bietet, und auf diesem Vorsprung hatten die Piemontesen eine Batterie angelegt, deren Bedeutung und Wirkung jedoch untergeordneter Natur war.

Hinter der Batterie begann wieder die Häuserreihe, meist vereinzelte, villenartige Gebäude – mit ihren Höfen oder Gartenterrassen an das Meer stoßend.

Es war abends acht Uhr, dieselbe Zeit, zu welcher die Barken des Herrn von Salvy die kleine Bucht der Transilvania verließen.

Trotz des unangenehmen Wetters trieben sich zahlreiche Soldatengruppen auf der Straße und zwischen den Gebäuden umher. Das Feuer der Belagerten hatte während der vorangegangenen Tage die Piemontesen genötigt, sich in den Kellern und unteren Stockwerken der Gebäude des Borgo zusammenzudrängen, und das Ruhen des gegenseitigen Bombardements während des Neujahrstages bildete daher auch für die Belagerer eine willkommene Pause, die sie zum freien Verkehr in der Vorstadt benutzten.

Im allgemeinen ist der Charakter der piemontesischen Soldaten – entgegen dem der Soldaten des Südens – ernst und verschlossen.

Die Auflösung der garibaldischen Armee, die der König Victor Emanuel am 27. November in Neapel ausgesprochen, hatte jedoch die sardinischen Truppen mit einer Menge von Elementen überschwemmt, Offizieren und Soldaten, die keineswegs einem gut disziplinierten Korps zur besonderen Ehre oder zum Vorteil gereichten, – Abenteurern und Legionären aus den verschiedensten Ländern, darunter offenbares Gesindel, das in seinem Anhang ähnliche noch schlimmere Gesellschaft herbeizog. Hiervon war namentlich das Hauptquartier des Kommandierenden in Mola di Gaëta und das vorliegende Castellone überschwemmt.

Ebenso war es noch nicht möglich gewesen, die einzelnen Freikorps, die Ungarn, Engländer und so weiter in geordnete militärische Formen zu bringen, und obschon allerdings der größere Teil es vorzog, in den gefahrlosen Üppigkeiten Neapels sich zu amüsieren, mit den Lazzaronis sich zu schlagen oder zu verbrüdern, und an den mazzinistischen Demonstrationen sich zu beteiligen, die der neuen Regierung die Herstellung der Ordnung erschwerten, fehlte es doch auch keineswegs an diesen Leuten vor der belagerten Festung.

In den Osterias und Wirtschaften der Vivandieras, Marketenderin. die sich während des Tages wieder aufgetan, gebrach es daher nicht an Trinkern, wüstem Lärmen und Streit – und man hörte hier die Sprachen und Flüche ziemlich aller Nationen Europas.

Eine der größeren Villen fast am Ende des kleinen Orts hatte – nach der Straße zu – einen mit einer Mauer umgebenen Vorhof. Man hätte das dahinter liegende Haus fast für unbewohnt halten können, denn die nach der Straße hinausgehenden Fenster waren mit Jalousien dicht geschlossen und nur an einzelnen Stellen blitzte durch deren Spalten und die Öffnungen der Vorhänge ein heller Lichtschein – aber an dem Gittertor, das den Vorhof von der Straße aus schloß, standen zwei Schildwachen, und auf dem Hof selbst hielten zwei Ordonnanzen zu Pferde, während ein dritter abgestiegener Reiter mehrere Pferde am Zügel führte. Im Hof zur Seite standen außerdem eine Art unbedeckter leichter Jagd-Kalesche und ein Fourgon.

Von Zeit zu Zeit öffnete sich die auf einer niederen Rampe in das Haus führende Tür, und man sah dann an dem dunklen Schatten der heraustretenden Personen, daß das Vestibüle der Villa hell erleuchtet war.

Die Reiter plauderten miteinander und zuweilen mit den Schildwachen.

»Bei der Seele des Papstes, Ihr werdet den Pelz gewaschen bekommen, wenn Ihr noch lange zögert,« sagte der eine Karabinier zu dem Reiter, der die Pferde hielt. »Der General ist nun schon volle zwei Stunden beim Alten!«

»Es werden wohl wieder Federfuchser dabei sein,« meinte die Ordonnanz, »von Turin oder Neapel, – wenn die Kerle dazwischen kommen, ist kein Ende.«

»Hm!« machte der andere, sich vorbeugend, daß ihn sein Kamerad nicht hören konnte, der eben mit einem der Bersaglieris sprach – »ich könnte dir sagen, daß ganz andere Leute als Federfuchser drinnen sind. Vögel mit Federn, aber bunten, wie ein Papagei. Der Küchenwagen, der vor einer Stunde kam, war nicht schlecht bepackt. Schwerenot, ich möchte wohl einen der Körbe zum Abendbrot haben. Ist es wahr, daß er morgen fortgeht?«

Er wies mit dem Daumen über die Schulter nach dem Hause. »Der General sagte es zu dem Adjutanten. Der Dampfer sollte morgen früh von Neapel kommen und in Mola anlegen. Aber bei dem Hundewetter bezweifle ich's. Hast du denn gar nichts zu trinken, Kamerad?«

»Ich darf nicht absteigen – wir müssen im Sattel bleiben, – oder es gibt drei Tage Arrest. Er ist verteufelt streng im Dienst und die Offiziere dürfen niemand etwas nachsehen. Es ist ein Hundeleben, daß man im Felde wie auf der Parade sein soll.«

»Beim Kreuz von Savoien, – es ist nur gut, daß es nicht lange dauert. Aber das löscht mir den Durst nicht!«

»Gib die Zügel her und geh dort um die Ecke, wo du Licht aus dem Kellerfenster siehst. Da ist die Küche, klopfe an und bitte Monsieur Fleury, ein paar arme Kavalleristen nicht dürsten zu lassen. Das ist noch das einzige, was man bei dem verdammten Stabsdienst hat – zuweilen eine Flasche aus dem königlichen Keller. Und man muß gestehen, darin ist der Alte nicht geizig – der Wein und die Weiber!«

Die Ordonnanz, es war ein Mann von den stattlichen Genua-Lanziers, reichte ihrem Kameraden die Zügel und tat, wie er geheißen. In der Tat kam sie auch nach fünf Minuten sehr vergnügt zurück mit zwei Flaschen in der einen Hand, ein gewaltiges in eine Serviette gewickeltes Stück Pastete in der anderen und einen Laib Weißbrot unterm Arm.

» Evviva il Re gentilhuomo und sein Koch!« sagte er lachend – »hierher Kameraden, ich bringe uns einen Zeitvertreib!«

Selbst die Posten am Tor traten einige Schritte näher.

Der Lanzier reichte ihnen und dem andern Reiter eine der Flaschen, die mit dem köstlichen roten Wein von Salerno gefüllt waren. Die andere behielt er für sich und den älteren Karabinier.

»Was meintest du vorhin, Kamerad, mit den Vögeln mit bunten Federn?« fragte er. »Ich habe da einen Blick in die Küche getan und – ich will drei Jahrhunderte im Fegefeuer braten, wenn da nicht ein Essen steht, das für eine Gesellschaft Prinzessinnen geeignet wäre.«

»Prinzessinnen sind's nun gerade nicht. Aber …«

»Nun?«

»Ich habe heute abend, als die Sonne eben untergegangen war, eine Barke an der Gartenterrasse anlegen sehen, in der sich mindestens ein halbes Dutzend Weiberröcke befand.«

»Ja – aber sie sind nach San Agatha hinauf! Einer der Offiziere gibt einen Schmaus – auch für die Artilleristen, welche die Vierundzwanzigpfünder in die Batterie bringen. Jacopo hat mir's erzählt und wischte sich schon im voraus den Mund!«

»Maulwurf – aber nicht alle! – Drei sind in unseren Garten getreten.«

»Du meinst doch nicht …«

»Schafskopf! – Ich meine gar nichts. Es war die tolle Komtessa Della Torre, die schon bei Capua und am Garigliano bei uns war. Aber die dritte kannte ich nicht, sie trug eine Mantille um den Kopf.«

»Vielleicht die Principessa Belgioso?«

»Narr – die alte Hure mit ihrer Fahne und ihrem Säbel würde ich auf eine Miglie weit erkannt haben. Wenn ich der König oder auch nur der General Cialdini wäre, ließe ich die Weibsleute auspeitschen, wenn sie mir ins Lager kämen. Ich glaube, die halbe Armee ist angesteckt! – Nein – es war eine junge, – das konnte man sehen. Aber ich weiß, was sie wollen – die della Torre trotz ihres schönen Namens ist die verrückteste von allen! Bei den Franzosen soll's auch einmal ein solches Frauenzimmer gegeben haben, vor vielen hundert Jahren, die Jungfrau von Orleans hat sie geheißen. Nicht einen Bajocchi geb ich für ihre Jungfernschaft!«

»Ich habe auch davon gehört – aber was meinst du, daß sie wollen?«

»Seiner Majestät Vittorio Emanuele die Hölle heiß machen, weil er den Garibaldi wieder nach Caprera geschickt hat. Aber weißt du nicht, wer die beiden sind, die heute nachmittag von Turin oder Rom gekommen sind?«

»Ich hörte den Großen sagen, er sei drei Tage und zwei Nächte unterwegs!«

» Mordioux! – Dann muß er's eilig gehabt haben, daß er nicht warten konnte. – Aber gib mir die Flasche her, Bursche – du hast einen verteufelten Zug …«

Er sollte nicht zum Trinken kommen. Die Tür der Villa öffnete sich und mehrere dunkle Gestalten traten aus dem erleuchteten Vestibüle auf die Schwelle.

»Die Pferde! Schnell!« sagte eine befehlende Stimme. »Es gibt ein Gewitter!«

»Hoffentlich nicht eher, als bis wir unter Dach sind! – Auf Wiedersehen morgen!«

Zwei der Fremden bestiegen die herbeigeführten Pferde – beide schienen höhere Offiziere.

»Um wie viel Uhr muß ich den König wecken?« fragte ein Dritter, der sie herausbegleitet hatte und ebenfalls Uniform trug.

»Sismondi sendet noch Nachricht, wenn die Geschütze gebettet sind. Ich denke, wir wollen Bambino um acht Uhr aus dem Schlaf wecken.«

»Dann muß es um sechs geschehen. Um neun Uhr wird der Admiral kommen, wir können also um elf Uhr uns bei Ihnen einschiffen. Gute Nacht!«

Der Reiter bog sich zu ihm nieder. »Halten Sie ihn um Himmelswillen fest, den Franzosen gegenüber – Lamarmora darf um keinen Preis die Oberhand gewinnen!«

»Unbesorgt, General – wenn kein schlimmerer Unterhändler zu fürchten wäre, als der aus Paris! – Dafür stehe ich!«

»Ich rechne auf Sie und Macchiavelli.«

»In der Tat, er führt mit Recht den Namen, und Cavour hätte keinen Klügern wählen können, ihn zu vertreten. Gute Nacht, Signori!«

Der General gab seinem Pferde die Sporen und trabte aus dem Tor. Die Schildwachen salutierten.

Der Offizier, welcher dem kommandierenden General das Geleit gegeben, blieb einige Minuten unter der Tür stehen, in das Dunkel hinaussehend.

»Endlich!« sagte er – »es war Zeit. Herr Cialdini ist kein großer Politiker und vergeudet die Zeit mit Säbelschnallen und Gewehrgriffen. Was zum Henker hat Italien davon, ob die Hosennaht eines Soldaten einen Zoll weiter vor oder weiter hinten sitzt! – Aber so blind er ist und so wenig er weiß, wem er die Zeit gestohlen, hat er recht darin, daß die Sache abgetan sein muß, ehe Seine Majestät sich mit diesen Damen zur Tafel setzen oder den Priester empfangen. – Bertano« – die Worte waren an einen Mann gerichtet, dessen eigentümliche Kleidung und Haltung fast etwas Komisches hatte, da sie halb einen Kammerdiener und halb einen Unteroffizier zeigte – »melden Sie gefälligst dem großen Herrn da links, daß Seine Majestät ihn erwarten.«

Signor Bertano, der durch eine eigentümliche Vorliebe des Königs aus einem ehemaligen Fechtmeister und Unteroffizier, als er das linke Auge bei einer Übung, durch eine ungeschickte Parade eines, wie man wissen wollte, sehr hohen Schülers, verloren hatte, – zum Kammerdiener erhoben worden und ein großer Liebling des Königs war, wie er von dem ganzen Hofe wegen seiner pöbelhaften Grobheit und Bullenbeißernatur ebenso gehaßt als gefürchtet wurde, trug eine französische Papiermütze, weiße Krawatte und schwarzen Frack und darunter eine sehr ordinäre Militär-Kommißhose mit Stiefeln, die weit eher geeignet schienen, einen ungepflasterten Dorfweg zu durchwaten, als das Parkett eines königlichen Vorzimmers zu beschreiten. Sein Gesicht, durch einen Hieb quer über die früher vielleicht sehr stattliche gebogene Nase in zwei schiefe Hälften geteilt, bildete mit dem schwarzen Pflaster über dem linken Auge eine ganz abscheuliche Fratze, und er liebte es keineswegs, deren Ausdruck zu mildern, sondern verstand es meisterhaft, ihn zur wahren Scheuche für Kinder und Frauenzimmer zu machen.

»Hätten immerhin sagen können Signor Bertano, oder Monsieur Bertano, oder Signor Sergante,« sagte er grob. – »Es ist ein Maulaufsperren und ich bin nicht der liebe Bertano von jedem Narren von Adjutanten!«

Damit schleifte er fort, denn das eine Bein war infolge einer Verwundung im Schenkel, die er bei einem seiner Duelle davongetragen, etwas steif, eine Zugabe zu seiner Schönheit, die er durch die weiten Militärhosen zu verbergen glaubte, denn jener Zweikampf schien zu seinen unangenehmsten Erinnerungen zu gehören, und wehe dem, welcher ihn etwa durch Bedauern über seine Lahmheit daran zu erinnern wagte. Eine Flut der gröbsten und gemeinsten Schimpfreden brach sicher über das Haupt des Unvorsichtigen aus. Dennoch, machten sich oft die jüngeren Offiziere den Spaß, – namentlich, wenn er sie beim König verklatscht hatte – ihn auf diese Weise zum Dank in Harnisch zu bringen.

Während Signor oder Sergeant Bertano nach einer anderen Seite ging, kehrte der Flügeladjutant in das Vorzimmer zurück.

Einige Augenblicke darauf machte der ehemalige Fechtmeister die Tür auf, trat ein und ließ hinter sich einen Herrn folgen, der mit einiger Verwunderung über diese Probe von Höflichkeit sich genötigt sah, selbst die Tür zu schließen.

»Da ist er! – Sieht er nicht beinahe so häßlich aus wie ich? – Kreuz-Millionensakerment, was mich das freut! He?«

Der Offizier, so sehr er seinen Mann kannte, konnte doch einige Verlegenheit über diese fabelhafte Unverschämtheit nicht unterdrücken und wurde rot bis über die Stirn.

»Herr Graf,« sagte er – »ich bitte tausendmal um Entschuldigung, ich hätte Sie selbst holen sollen, aber …«

Der Fremde lächelte sarkastisch. »Keine Exkusen, Herr Oberst,« sagte er – »ich weiß, daß ich in ein Feldlager komme. Der ehrliche Mann hat recht, wir sind beide keine Schönheiten.«

In der Tat konnte man das auch von ihm nicht behaupten, obschon es ihm keineswegs an einer vornehmen Haltung fehlte. Er war von großer, überaus hagerer Gestalt und sein schmaler Kopf mit der hohen Stirn hatte etwas Eulenartiges. Doch lag in den finsteren Zügen und den großen runden Augen Klugheit und Entschlossenheit ausgeprägt.

»Soll ich ihn melden? – Wie heißt er?« fragte der Kammerdiener, mit dem Finger auf den Gegenstand seiner Höflichkeit deutend.

»Ich werde es selbst tun,« sagte der Offizier, und ging nach der gegenüberliegenden Tür. Aber der Fechtmeister kam ihm trotz seines lahmen Beines zuvor, riß die Tür auf und rief hinein: »Der Mensch mit der Schnabelnase ist da, Majestät! Aber ich weiß seinen Namen nicht.«

Eine heftige Stimme aus dem Innern des Zimmers gab Antwort. »Schurke, wirst du denn nie Manieren lernen! Ich jage dich morgen fort, wenn du dich nicht änderst! – Wo ist der Oberst?«

»O, der ist auch da – ich habe die Sache nur selber besorgt, weil ich ihn holen mußte, was er auch hätte tun können. Na, treten Sie ein und tun Sie nicht, als ob Sie Dreck an den Stiefeln hätten.«

Der Adjutant drängte aufs höchste unwillig den Invaliden beiseite und hielt die Portiere geöffnet.

»Der Herr Graf von Conti, Majestät, bittet um die Gnade!«

»Sehr willkommen!«

Der Genannte trat ein und der Offizier schloß hinter ihm die Tür und Portiere, indem er dem liebenswürdigen Anmelder einen zornigen Blick zuwarf.

Signor Bertano erwiderte diesen mit einem boshaften Grinsen. »Ich wußte, daß ich den Namen doch erfahren würde, trotz Ihnen!« sagte er, die Hände reibend, und damit schlurfte er aus dem Vorzimmer.

In dem Zimmer, das der Nachfolger Mocquards, der Vertraute und künftige Kabinettschef des Kaisers von Frankreich, betrat, befanden sich zwei Personen.

Die eine derselben trug eine Interims-Uniform, war von starkem, kräftigem Wuchs und zeigte jene Physiognomie, die mit ihrem mächtigen Kopf, dem starken unteren Teil desselben und dem famosen gedrehten Schnurrbart seit 1858 ebenso bekannt in der ganzen Welt geworden, als die Garibaldis oder des Kaisers Louis Napoleon.

Ein Tisch in der Mitte, an dem dieser Herr, die Hand fest darauf gestützt, stand, war mit Karten, Rapporten, einem Kavalleriesäbel und einem Käppi bedeckt.

An einem Seitentisch mit Schreiben emsig beschäftigt, saß ein hagerer, kleiner Manu mit sehr spitzer Physiognomie, die etwas Fuchsartiges gehabt hätte, wäre nicht die schmale Stirn so kräftig gewölbt gewesen. Die scharfen, blitzenden Augen waren von einer dunklen Brille verdeckt.

Der Herr, der sich in der Mitte des Zimmers befand, kam dem Eingetretenen lachend entgegen. »Liebster Graf, Sie müssen die Ungezogenheit dieses Schlingels verzeihen. Ich habe ihn verzogen und er behandelt mich selbst um kein Haar breit besser. Aber ich werde ihn nächstens fortschicken!«

»Ein Original, Sire? – Hoffentlich um meinetwillen nicht, das würde mir Kummer machen. Es gibt in unserer Zeit der Gleichmacherei so wenig Originelles, daß man es sorgsam pflegen muß!«

»Sie haben recht, aber er wird manchmal zu originell und wir armen Leute am Hofe hängen von den Formen ab. Doch ich habe Sie noch nicht gefragt, Herr Graf, wie es Ihnen ergangen, seit wir uns nicht gesehen haben. Es war ja wohl nach dem Krieg in der Krim?«

»Zu Befehl, Sire, und ich lege Ihnen meinen Dank für die gnädige Erinnerung zu Füßen!«

»Ach, lieber Graf – Sie gehören ja so halb mit zu uns – Korsika und Genua! Sie haben noch immer die Präfektur in Korsika?«

Der Graf verbeugte sich.

»Ich muß nächstens wieder einmal nach Sardinien, um in den Bergen den Moufflon zu jagen. Da bin ich Ihnen nah, obschon ich leider Ihren Besuch nicht erwidern kann. Es liegt etwas dazwischen?«

»Was meinen Euer Majestät?«

»Eine Kleinigkeit – Caprera!«

Der Unterhändler konnte ein Lächeln nicht unterdrücken.

»Haben Sie den Kaiser gesehen?«

»Ich komme direkt von Paris!«

»Ah, desto besser. Da wird man endlich wissen, woran man sich zu halten hat. Nehmen Sie Platz.«

Er setzte sich in das Strohsofa und winkte dem Abgesandten, auf einem nahestehenden Sessel Platz zu nehmen.

Der Graf warf einen etwas verlegenen Blick auf den Mann in der Ecke, der eifrig weiter schrieb.

»Genieren Sie sich nicht – es ist nur Macchiavel. – Sie wissen wahrscheinlich, daß er diesen Namen führt – und es ist also so gut, als ob Cavour selbst da wäre, nur daß Mac etwas weniger eigensinnig mit mir umgeht!«

Der Vertraute des italienischen Premiers schrieb eifrig weiter.

»Sire,« sagte der Abgesandte, »das Vertrauen Seiner Majestät des Kaisers hat mich auf den Vorschlag des Herrn Grafen Benedetti gewählt, um Eurer Majestät Befehle entgegen zu nehmen.«

»Zum Henker – wenn mein verehrter Herr Vetter so bereit ist, auf unsere Wünsche zu hören, warum liegt denn die französische Flotte noch immer vor Gaëta?«

Der Graf zuckte die Achseln. »Die politischen Rücksichten, die Frankreich auf die Mächte zu nehmen hat …«

»Ach, machen Sie mir nichts weis! – Sagen Sie ganz offen, was der Preis ist für Gaëta und Rom? – Ich will nicht hoffen: Sardinien! – Der Wiege meiner Familie habe ich mich bereits entledigt, ohne daß man mir den Kaufpreis vollständig bezahlt hat, man wird meinem Königshaus doch wenigstens den Namen lassen!«

»Euer Majestät gehen sehr hart mit einem treu ergebenen Verehrer um! – Nachdem der Kaiser in dem Frieden von Villafranca die Abtretung der Lombardei erzwungen und der Erwerbung der Herzogtümer zugestimmt hat, werden Euer Majestät seine aufrichtige Freundschaft nicht bezweifeln.«

»Die Krim!« sagte halblaut, wie für sich, der Mann am Schreibtisch.

»Richtig, unser Beistand im Krimkrieg, den der Kaiser von Rußland jetzt mit der Abberufung seines Gesandten von Turin erwidert hat. – Überdies, Herr Graf, vergessen Sie nicht die Heirat meiner Tochter.«

»Euer Majestät erinnere ich ferner daran, daß Frankreich den Einmarsch in Umbrien und den Marken zugab.«

»Das Telegramm!«

»Sehen Sie, was Mac für ein vortreffliches Gedächtnis hat! In der Tat, Herr von Grammont hatte die größte Lust, uns einen Stock zwischen die Füße zu schieben, und nur England, das der italienischen Nation das Recht der Selbstbestimmung gewahrt wissen wollte, hat es verhindert. Es kann Ihnen nicht unbekannt sein, daß der geheime Vertrag von Paris uns Oberitalien bis zur Adria garantiert.«

»Euer Majestät werden zugeben, daß die Haltung Preußens zur Zeit die Fortsetzung des Krieges nicht erlaubte. Frankreich war damals, so kurz nach dem Krimkrieg und der Haltung Englands durchaus nicht sicher, noch nicht gerüstet, zugleich am Rhein loszuschlagen. Aber die Zeit wird kommen, wo wir unsere Revanche nehmen, und wir werden dann, wie an Euer Majestät, einen Bundesgenossen an Österreich haben, das sich nicht weigern wird, die venetianische Frage auf eine geeignete Weise zu lösen.«

»Metternich!«

»Mac hat wiederum recht. Cavour würde sagen, er höre Metternich aus Ihnen sprechen! – Man hat in den Tuilerien eine gewaltige Freundschaft für Österreich, seit Herr von Metternich dort akkreditiert ist. Ich muß Nigra darauf aufmerksam machen. – Aber das sind alles Versprechungen der Zukunft, während ich mein liebes Savoyen los geworden bin.«

Der französische Agent nahm aus der Brieftasche einige Druckbogen und überreichte sie. »Belieben Euer Majestät einen Blick auf diese Schrift zu werfen, deren Erscheinen bevorsteht!«

» Kaiser Franz Joseph und Europa,« las der König den Titel. »Aus der Fabrik des Herrn Mocquard. Ich halte nicht viel von dem Herrn, seit seinem Theaterstück für die Juden. – Was ist der Inhalt?«

»Die Broschüre schlägt vor, Österreich möge Venetien für eine entsprechende Summe, etwa für 600 Millionen Franken, an Italien abtreten.«

Der König lachte laut auf. »Sechshundert Millionen? Sie haben ein gutes Zutrauen zu den italienischen Finanzen. Bedenken Sie, daß der ganze Peterspfennig aus Europa und Amerika nur 10 Millionen 700 000 Franken ergeben hat! Also selbst wenn ich die heilige Kirche etwas schröpfen wollte – Mac, werden Sie nicht unruhig, ich weiß, daß der Herr von Conti Ansprüche auf den römischen Fürstenmantel hat! – würde nicht der zehnte Teil der Summe herauskommen.«

»Eine National-Subskription …«

»Da kennen Sie unsere Italiener schlecht, Garibaldi hat es erfahren! Diese neapolitanischen Bankiers haben mir für die paar Millionen Vorschuß ganz heidenmäßige Wucherzinsen abgenommen. Aber Frankreich ist ja reich, das könnte ein erhabenes Beispiel der Sympathie geben!«

»Die Pariser Börse, Majestät, wird sich nicht weigern, in Verbindung mit den englischen Kapitalisten eine solche Anleihe zu regulieren, die für den Frieden Europas von hoher Bedeutung wäre. Aber gestatten Euer Majestät, daß wir auf die zunächst liegende Angelegenheit zurückkommen.«

»Auf Gaëta also und Rom!«

»Zunächst auf Gaëta. Euer Majestät haben durch Herrn Ritter von Nigra die etwas kategorische Forderung gestellt, die französische Flotte solle den Golf von Gaëta räumen, damit die Festung zugleich von der Seeseite angegriffen werden kann.«

»Ich denke, das wäre nicht mehr als billig – ich möchte doch schließlich wissen, ob ich Freunde oder Feinde vor mir habe.«

»Euer Majestät vergessen, daß der König Franz nicht zu unseren Feinden gehört und bisher im besten Einvernehmen mit Frankreich stand!«

»Bis aus den Krimfeldzug, dem anzuschließen er sich weigerte, während ich mich beschwatzen ließ, ohne alle Ursache mir die Feindschaft Rußlands auf den Hals zu laden!«

»Der Kaiser, mein Gebieter, ist der Ansicht, die Lombardei sei keine gering zu schätzende Vergütung für die damalige Hilfeleistung der sardinischen Truppen!«

» Peste! Dann habe ich doppelt bezahlen müssen! Was meinst du dazu, Mac?«

Der hagere Abbé lächelte überaus freundlich. »So viel ich weiß, Sire, besagt die zweite geheime Klausel des Vertrages vom 2. Januar 55, daß für den Beitritt Euerer Majestät zu dem Bündnis gegen Rußland die französische Regierung sich verpflichte, Sardinien bei einem Angriff Österreichs beizustehen. Es war damals noch nicht die Rede von der Abtretung zweier Provinzen.«

»Richtig – so ist's.«

»In dem späteren Vertrag,« fuhr der Namensvetter des berühmten Florentiners fort, »ist ausdrücklich die Einigung Italiens unter dem Hause Savoyen vorgesehen und jeder Einmischung entsagt gegen die Abtretung der beiden Provinzen.«

»Und dennoch halten Ihre Truppen Rom besetzt und Ihre Flotte stellt sich zwischen die meine und dieses Bergnest!«

»Euer Majestät haben zu Ihrem Nutzen das Recht solcher passiven Interventionen selbst anerkannt,« sagte der französische Unterhändler etwas spitz.

»Ich? Den Teufel auch! Was wollen Sie damit sagen, Herr Graf?«

»Ich meine, daß die beiden englischen Kriegsschiffe am 6. Mai sehr glücklich sich zwischen die neapolitanischen Kanonen und die Ausschiffung des Generals Garibaldi vor Marsala stellten.«

Der König, der stets einen guten Schachzug des Gegners anerkannte, lachte. »Ich könnte Ihnen erwidern: was habe ich mit den Sympathien der Engländer für Revolutionen in allen anderen Ländern, außer ihren eigenen, zu tun? Aber wir kommen so nicht weiter. Ich begreife, daß ich dafür zahlen muß, daß Frankreich etwas weniger loyal in den Augen der Welt sein wird. Genug, ich brauche die Reede von Gaëta, ich brauche Venedig, ich brauche Rom, oder vielmehr Italien braucht es. Sagen Sie mir offen den Preis!«

Diese derbe Art der Politik schien dem korsischen Diplomaten etwas zu imponieren, denn er schwieg einige Augenblicke, ehe er einige Papiere aus der Tasche zog.

»Hier ist der eigenhändige Befehl Sr. Majestät des Kaisers an Admiral Barbier de Thynan, die Reede von Gaëta zu räumen!«

»Der Preis! Der Preis!«

»Euer Majestät verpflichten sich zunächst, dem König Franz und seiner Familie freien Abzug zu gestatten Admiral Barbier ist beauftragt, ihm einen französischen Dampfer hierzu zur Disposition zu stellen!«

»Für den Zweck kann er all die meinen haben. Weiter!«

»Euer Majestät verpflichten sich, während der nächsten fünf Jahre weder selbst das noch übrige Gebiet Seiner Heiligkeit des Papstes anzugreifen, noch einen Angriff durch die revolutionäre Partei zu dulden.«

Der König blickte zaudernd auf den kleinen Sekretär seines Premier-Ministers.

»Euer Majestät werden zunächst zu wissen wünschen,« sagte dieser, »ob nach dieser Zeit das Kabinett der Tuilerien gedenkt, die französische Besatzung aus Rom zu entfernen?«

»Der Kaiser versteht sich dazu unter der Bedingung, daß die Souveränität Seiner Heiligkeit in allen kirchlichen Dingen nicht angetastet wird.«

»Gott bewahre mich vor jeder Einmischung in das Handwerk der Pfaffen! – Fünf Jahre sind freilich eine schöne Zeit, aber Rom ward in sieben Jahren gebaut, wenn ich mich recht erinnere. Herr Graf, ich bin zwar kein großer Diplomat, aber ich begreife, daß dies alles passive Bedingungen sind, und ich zweifle, daß man sich mit solchen begnügen wird.«

»Euer Majestät werden es ganz in der Ordnung finden, daß der Kaiser, mein Herr, Ihnen für dieselbe Dauer ein Schutz- und Trutzbündnis zu Land und See vorschlägt.«

»Teufel – das ist etwas viel, da Frankreich sich gegenwärtig in Syrien, in China und allem Anschein nach auch in Nordamerika und Mejico engagiert hat!«

»Die Ausdehnung des Bündnisses umfaßt daher auch nur die europäischen Staaten.«

»Ah, ich verstehe! Die Rheingrenzen und Belgien! Das heißt ein Krieg mit England und Deutschland?«

»Wir haben alle Ursache zu glauben, daß England bei einer Umgestaltung der Karte des europäischen Festlandes neutral bleiben wird. Was Deutschland betrifft, so sind wir Österreichs und damit der deutschen Südstaaten sicher.«

»Also Preußen und der Norden! Aber was wird Rußland dazu sagen?«

»Man erwartet jeden Augenblick den Tod des gegenwärtigen Königs von Preußen. Sein Nachfolger ist noch von 1848 her bei der demokratischen Partei unpopulär und durch die Prinzipien seiner Regentschaft auch bei der konservativen. Die Ohnmacht Preußens hat sich in unserem Kriege mit Österreich gezeigt. Seine Staatsmänner sind Nullen, seine Generale unbedeutend und ohne kriegerische Erfahrung. Überdies wird Österreich ihm sein Verhalten in dem letzten Kriege nicht vergessen!«

»Aber wenn Sie auf ein Bündnis mit Österreich oder wenigstens auf dessen Neutralität rechnen, hat Italien keine Aussicht mehr auf Venetien.«

»Eben deshalb wünscht der Kaiser eine friedliche Ausgleichung dieser Frage und ist bereit, alles Mögliche dafür zu tun. Wir bezweifeln nicht, daß für die vorgeschlagene Entschädigung von 600 Millionen und den Wiedergewinn von Schlesien, Österreich in die Einigung Italiens willigen wird. Das neue Ministerium Schmerling ist uns Bürge dafür. Einstweilen verpflichtet sich der Kaiser, Euer Majestät von allen Staaten die Anerkennung des Königreichs Italien zu verschaffen.«

»Auch von Rußland, das seinen Gesandten abberufen hat?«

»Fürst Gortschakoff ist ein zu alter Diplomat, um einem fait accompli nicht Rechnung zu tragen. Überdies steht es in Eurer Majestät Hand, seine Nachgiebigkeit zu beschleunigen.«

»Wie das?«

»Rußland hat so gut seine Achillesferse wie England. Sie heißt bei ihm Polen. Eine neue Erhebung in Polen ist vorbereitet und wartet nur auf das Signal zum Ausbruch. In Euer Majestät Staaten befindet sich eine große Anzahl polnischer Emigranten.«

»Immer diese verdammten mazzinistischen Kniffe! – Es ist in der Tat wahr, wer sich einmal mit dieser Propaganda eingelassen hat, kommt aus ihren Schlingen nicht heraus.«

»Sire, man benutzt sie und zertritt sie dann!«

»Das ist leicht gesagt, aber schwer getan, und der Kaiser Louis Napoleon weiß davon auch ein Lied zu singen. Ich will nur wünschen, daß sie ihm nie über den Kopf wächst. – Das ist doch hoffentlich alles?«

»Die Zustimmung Eurer Majestät zu dem Kauf von Mentone und Roccabruna wird vorausgesetzt. Es bliebe demnach für die Präliminarien des stillen Bündnisses zwischen Frankreich und Italien nur ein Punkt noch zu erwähnen.«

»Und der ist?«

»Euer Majestät werden jede Aktion des Grafen Montemolin und seiner Brüder von Ihren Staaten aus gegen Spanien zu verhindern wissen.«

Der ehemalige Abbé rückte etwas unruhig auf seinem Stuhl hin und her.

»Was zum Teufel kümmern mich die Bourbons! Sie sehen ja, daß ich gegen den einen Krieg führe, und ich habe gar keine Ursache, mich für eine andere Linie dieser Familie zu echauffieren.«

»Um so mehr,« sagte kaltblütig der schlaue Unterhändler, »darf Frankreich darauf rechnen, daß Euer Majestät jeder Unterstützung fern bleiben werden. Die Königin Isabella besitzt die Freundschaft des Kaisers.«

Der König sah sich gefangen; es war kein Geheimnis, daß von Genua und anderen norditalienischen Häfen aus die karlistischen Agitationen betrieben wurden, ein Umstand, der hauptsächlich auch das Auftreten Spaniens für den vertriebenen König von Neapel erklärte.

»Sei es denn, Herr Graf! – Ich kehre morgen nach Turin zurück, und wir können dort weiter verhandeln. Sie wissen, daß ich ein konstitutioneller König bin und ohne meine Minister keine Verträge schließen kann.«

»Euer Majestät vergessen, daß es sich hier nicht um einen Staatsvertrag, sondern um ein persönliches Bündnis handelt. Dies Papier, um dessen Unterschrift ich gegen die Order an Admiral Barbier de Thynan zu bitten wage, enthält auch nur die Präliminarbestimmungen.«

»Aber, mein Himmel – ich muß doch wenigstens mit Cavour sprechen … was soll das, Mac?«

Der Abbé hatte sich erhoben und stand neben dem König, ihm eine Feder präsentierend.

»Wie – Sie sind der Meinung, ich soll unterzeichnen?« Der diplomatische Agent hatte sich bei der Bewegung des Sekretärs erhoben, da diese seinem Zwecke offenbar günstig erschien, und war mit einer Verbeugung zurückgetreten, gleich als wollte er eine Beratung nicht stören.

Er betrachtete am anderen Ende des Zimmers einige jener Gouachezeichnungen, die in Italien so vortrefflich gefertigt werden.

Der Namensvetter des berühmten Florentiner Politikers hielt noch immer die Feder hin.

»Aber bedenken Sie doch Venedig, Signor,« sagte unmutig halblaut der König – »wir opfern jede Aussicht auf Venedig mit diesem Vertrag.«

»Im Gegenteil, Sire – wir gewinnen es!«

»Wie? – haben Sie nicht verstanden, daß der Kaiser mit unserem und Österreichs Beistand einen Krieg gegen Preußen beabsichtigt?«

»Gewiß – früher – oder später

»Aber als Alliierter von Österreich wird sich Frankreich hüten, diesem das Opfer von Venetien zuzumuten!«

»Sire,« sagte der Abbé so leise, daß eben nur das Ohr des Königs die Worte zu verstehen vermochte, – »Graf Cavour, Euer Majestät treuer Diener und mein hoher Gönner, meint, wenn wir Venetien nicht durch französischen Beistand Österreich abnehmen können, werden wir es durch Preußen erhalten. Fünf Jahre sind keine Ewigkeit und überdies – jeder Vertrag hat eine Hintertür. Wir haben es an dem von Zürich gesehen und werden es auch an dem Pariser erleben. Unterzeichnet: Sie, Sire – die Entfernung der französischen Flotte ist in diesem Augenblick das dringendste! Wir hätten selbst Sardinien dafür geopfert.«

Der König ergriff rasch die Feder und setzte mit dem ihm eigenen kräftigen Zug seinen Namen unter das Papier.

»Herr Graf, nehmen Sie!«

Der Unterhändler verbeugte sich tief. »Euer Majestät sind so weise als gnädig! – Ich habe die Ehre, Euer Majestät zuerst als König von Italien zu begrüßen! – Hier ist die Order an den Herrn Admiral und eine Abschrift des Vertrages.«

Der König tat einen tiefen Atemzug; dem offenen, kühnen Soldaten hatten alle diese Winkelzüge und Machinationen der Politik nie sehr behagt, und er konnte einen Seufzer nicht unterdrücken bei dem Gedanken, was ihm diese französische Bundesgenossenschaft bereits kostete.

»Abgemacht!« sagte er dann, mit der Hand über das Gesicht fahrend und den langen Schnurrbart streichend – »und nun, Herr Graf, lassen wir alle Politik, und seien Sie mein Gast als Graf Conti, und nicht als der außerordentliche Geschäftsträger des Herrn an der Seine. Ich würde ohnehin morgen nicht Zeit haben. Ihnen in dieser Eigenschaft noch Audienz zu geben, denn ich muß zeitig in die neuen Batterien, um die Eröffnung des Feuers zu inspizieren, und um 11 Uhr in Mola sein, wo mich der Dampfer erwartet. Wir haben schönen Besuch bekommen – die heroischen Unterröcke von Neapel haben uns überfallen – und wollen mit Gewalt das Bombardement sehen. Der Henker hole diese Barrikadenheldinnen, die uns Herr Garibaldi über den Hals gebracht – einstweilen aber wollen wir mit den Damen soupieren, da dieses Landhaus einem Verwandten der Fürstin Belgioso gehört, sie also auf ihrem Grund und Boden ist!«

»Die Fürstin befindet sich hier?«

»Direkt von Neapel gekommen zur Plage Cialdinis! Sie und die Komtessa della Torre mit ihrem Flederwisch von Säbel, mit dem sie bei Capua die ausreißenden Rothemden fuchtelte! Aber sie haben eine dritte mitgebracht, gegen welche die beiden wie Krähen neben einem Paradiesvogel aussehen.«

Der König öffnete die Tür des anstoßenden, nach dem Meer gehenden Salons, aus dem heiteres Lachen von Frauenstimmen erklang.

Im Salon befanden sich drei Frauen, von denen zwei eine Zigarre rauchend an einer reich mit Silbergeschirr und Kerzen besetzten servierten Tafel in bequemen Lehnstühlen saßen, während die dritte, den Rücken gegen das Zimmer gewendet, an den großen Glastüren der Veranda stand und sich an dem prächtigen Schauspiel ergötzte, das die Erregung von Himmel und Meer bot.

Die eine der beiden Frauen war groß, mit einer hübschen Adlernase und – obschon sie erst wenig über dreißig zählen mochte, – sehr verblühtem Aussehen, dessen gelber Blässe selbst die reichlich aufgetragene Farbe nicht aufzuhelfen vermochte. Sie hatte große, dunkle Augen, die aber von tiefen Schattenkreisen umgeben waren. Die Dame trug auf den langen, ziemlich schlapp an beiden Seiten herabfallenden schwarzen Locken eine rote phrygische Mütze gleich den Lazzaronis mit einer handtellergroßen Kokarde in den italienischen Nationalfarben, eine rotseidene Bluse und unter dem ziemlich kurzen schwarzsamtnen Kleide bis an das Knie reichende faltige Ritterstiefel von Hirschleder.

Man konnte die letzteren sehr wohl bemerken, da sie die Füße in sehr ungenierter Stellung auf einen zweiten Stuhl gelegt hatte.

Vor ihr stand ein Glas mit Marsala, aus dem sie von Zeit zu Zeit trank.

Die andere Dame, die am Tisch ihr gegenüber saß, war klein und zierlich gebaut; sie hätte für eine pikante Schönheit gelten können, wenn sie nicht etwas geschielt hätte. Sie schien sehr lebhaften und unruhigen Temperaments, naschte von dem Konfitürenaufsatz der Tafel und nippte dazu den süßen Wein des Vesuvs. Sie trug auf dem Kopf sehr kokett eine ungarische Husarenmütze mit einer Reiherfeder, und eine Art von goldbeschnürter Attila über dem lichtblauen Rock. Einen leichten, reichvergoldeten türkischen Säbel mit feiner Koppel hatte sie an die Lehne ihres Sessels gehängt.

Die dritte Dame war einfach in Schwarz gekleidet. Man konnte bei ihrer Stellung eben nur die wunderbar schönen Linien ihrer Formen und das köstlich reiche, blonde Haar sehen, das von einem Netz aus Goldfäden in schwerer Welle zusammen gehalten wurde.

»Auf meine Ehre, Fürstin,« sagte die kleine, bewegliche Dame mit dem Säbel, – »ich fange an, mich zu langweilen, und wir hätten am Ende besser getan, der Einladung Sismondis nach der Batterie mit unseren Kameradinnen zu folgen. Ich habe eine große Freundschaft zu der Signorina Theresa gefaßt!«

»Das Frauenzimmer ist eine Kokette – ich mag sie nicht leiden – eine Plebejerin – ein Bacchantin!«

» Cara mia,« lachte die Kleine – »Sie verleugnen ja alle unsere Grundsätze! Es lebe die Freiheit und Gleichheit – wenn sie uns nicht geniert! Aber gestehen Sie es nur, Sie sind eifersüchtig, – der kleine Pole, den Sie Ihnen weggeschnappt, – und jetzt Sismondi …«

»Ich würde sie ohrfeigen oder auf Pistolen fordern, wenn mir ein solches Geschöpf wirklich in die Quere zu kommen wagte! – Aber sie ist gefährlich für Italien und unsere erhabene Sache!«

Ihre Gesellschafterin schlug ein lautes Gelächter auf. »Für Italien?«

» Per baccho! Hat es nicht schon fünf Duelle ihretwegen gegeben, wobei der hübsche Jutrowski erschossen worden und Kapitän Rocca für immer Invalide geworden ist!? Es ist nichts als Zank und Streit, seit diese Dirne in das Hauptquartier gekommen ist!«

»Aber wo kam sie her? – Ich war damals bei dem Comte in Neapel!«

»Es heißt, Sismondi hätte sie mitgebracht, aber sie war eher da, als er! Doch muß er sie kennen, es soll eine ganz gemeine Soldatendirne gewesen sein!«

»Ei nun,« meinte die Dame, sehr philosophisch, – »wenn die Soldaten jung und hübsch waren – ich habe mir in Neapel einige Anekdoten erzählen lassen, daß selbst Principessas nicht abgeneigt sind zu einer kleinen Zerstreuung mit einem hübschen kräftigen Schweizer! – Das ist etwas anderes als unsere Abbés und Cicisbeos. Es lebe die Freiheit, Fürstin, vor allem in der Liebe!«

Sie hob ihr Glas und winkte bedeutsam nach der Dame am Balkon.

»Bei der Nachtmütze des Papstes,« rief die Dame der hohen Aristokratie, geschwind die Gelegenheit benutzend, das Thema zu wechseln, – »Lady Howard, hören Sie denn gar nicht auf uns? Was, bei allen Bomben und Kanonen des ungalanten Cialdinis, der uns kaum ein buona sera gesagt, gibt es denn so Interessantes da draußen, daß Sie wie blind und taub da hinaus starren, mein Kind?«

Die blonde Dame wandte sich um und lächelte mit einer überaus süßen und naiven Stimme: »Ich sehe so gern die Blitze des Himmels, Altezza! Ich fühle mich dann so behaglich und sicher unter Ihrem Schutz!«

Der Ton war, wie gesagt, so überaus süß und kindlich, daß man zweifeln konnte, ob die Worte wirklich eine Naivetät oder eine Verhöhnung waren. Wer in dies reizende Gesicht mit dem sanften, unschuldigen Aufschlag der Augen blickte, hätte sicher auf das erstere geschworen.

Kapitän Chevigné, der geheime Lauscher auf der Höhe der Kirchwand des Klosters der Verdammten, hätte vielleicht anders gedacht, wenn er die schöne Lady Howard gesehen, wie sie so graziös und demütig zu ihrer gereiften und vielerfahrenen Patronesse heranschwebte.

Er hätte vielleicht gedacht, daß ganz dasselbe Wesen oder sein Ebenbild damals so wollüstig die Arme in die Luft breitete nach dem unsichtbaren Etwas, – damals, als dieser wunderbare Körper aus dem Bassin erstiegen war, in dem er den Schmutz des lebendigen Grabes zurückgelassen!

Nummer vier!

Elena! –

In dem Augenblick öffnete sich gerade die Tür des Salons und der hohe Gast der Villa machte dem Diplomaten ein Zeichen, näherzutreten.

Hinter dem Grafen Conti schloß sich jedoch wieder die Portiere. Ein leises Hüsteln hatte den König veranlaßt, seinen Gast allein eintreten zu lassen.

»Was, zum Henker, mein lieber Macchiavell, wollen Sie denn noch? Irgendeine Unterschrift, die ebenso gut auf morgen bleiben kann!«

»Sire – Sie vergessen den Mann aus Rom, der mit dem Herrn Grafen gekommen ist.«

»Den Bettelmönch oder was er sonst ist, der wegen eines lumpigen verbrannten Klosters um Entschädigung querulieren will? Aber so machen Sie doch die Suche selbst ab!«

»Sire – ich bitte Sie, den Pater zu empfangen. Sie werden es nicht bereuen.«

»Meinetwegen denn,« sagte der König ungeduldig, sich wieder setzend, – »aber machen Sie wenigstens rasch. Ich kenne Sie gar nicht wieder, Mac – Sie pflegen doch sonst Ihre alten Kollegen von der Kutte nicht gerade besonders zu protegieren!«

Der Florentiner ging ohne auf den Vorwurf zu antworten nach der Tür, öffnete sie und flüsterte einige Worte.

Man hörte die brummende Stimme Bertanos ihm antworten. Nach etwa fünf Minuten führte der ehemalige Fechtmeister die Person ein, derentwegen der Abbé den Gebieter zurückgehalten hatte.

»Kommt nur herein, ehrwürdiger Vater,« meinte der alte Brummbär. »Ihr seht zwar aus wie ein Bettelpfaffe, der jedem ehrlichen Menschen den letzten Lire für irgendein fettes Kloster abnimmt, aber in all dem Sündenleben ist's immer gut, wenn man die Absolution gleich zur Hand hat. Sie bestehlen den heiligen Vater alle Tage mehr, die Politiker. He – wo ist denn das Eulengesicht geblieben?«

Der Abbé winkte ihm, hinaus zu gehen.

»Gewiß steckt er da drinnen bei dem Weibsvolk und frißt Wachteln, indes ein ehrlicher Mann sich in dem Nest vergeblich nach einem erträglichen Abendbrot umsieht!«

»Hinaus!«

»Na – fressen mich Euer Majestät nur nicht, ich möchte etwas zäh sein!«

Ein Buch, das im Bereich der königlichen Hand gelegen, flog hart an seinem Kopf vorbei.

Der unverschämte Patron verzerrte das häßliche Gesicht zu einem ganz abscheulichen Grinsen, als er das Buch aufhob und auf einen Seitentisch legte. »Ich gehe ja schon!« murrte er – »Euer Majestät sollten anständige Gesellschaft nicht so fortjagen, statt all der Soldaten, Diplomaten, Kutten und Unterröcke.«

Bei all seiner Frechheit und Grobheit wußte er jedoch sehr gut, daß es die höchste Zeit sei, sich zu trollen, und brummend aber eiligst zog er sich zurück.

»Der Schurke treibt mir regelmäßig die Galle ins Blut!«

Der Abbate lächelte; es war bekannt, daß Bertano oft von der Umgebung als Ableiter für den manchmal etwas heftigen Charakter des Königs gebraucht wurde.

»Wer dem Zorne frönet, der wird nicht eingehen in das Himmelreich, denn er ist schlimmer als die Blinden, die nicht sehen, sagt der Apostel Paulus.«

Die tiefe, eintönige Stimme machte den Monarchen stutzen. Nur der Geistliche, der eben eingeführt worden, konnte gesprochen haben, und der König warf einen erstaunten und fragenden Blick auf ihn.

Es war ein Mann in der Größe des Königs, – offenbar alt, denn ein weißer Bart kam aus der braunen Kapuze hervor, die er über den Kopf gezogen hatte, und die sonst sein Gesicht verbarg. Trotz der Winterkälte trug der Mönch nur Sandalen, um seine nackten Füße zu schützen.

»Was wollt Ihr? Wer seid Ihr?«

»Der demütige Bote eines Mächtigeren, denn sein Thron steht auf dem Felsen Petri, an dem niemand ungestraft rüttelt, und reichte seine irdische Macht von einem Ozean zum anderen.«

Der Klang der Stimme, obschon durch die Kapuze gedämpft, schien etwas Eigentümliches zu haben, eine besondere Erinnerung zu erwecken.

»Sonderbar! – Schlagen Sie Ihre Kapuze zurück, ehrwürdiger Vater, – ich wünsche Ihr Gesicht zu sehen.«

»Mein Antlitz ist das eines armen Greises – ein Gelübde bindet mich, es vor den von Gott gestraften Menschen zu verhüllen.«

»Sind Sie ein Italiener?«

»Ich kam von Oporto!«

»Das ist in der Tat sonderbar – ich glaubte diese Stimme nie mehr zu hören. – Indes, Pater – um der Ähnlichkeit Ihrer Stimme willen mit der eines, der nicht mehr ist, sollen Sie bei mir ein freundliches Gehör finden. Nochmals – wer sind Sie und woher kommen Sie?«

»Von Rom.«

»Daher kommt manches Gute und manches Üble! – Habt Ihr einen besonderen Auftrag an mich? – Da Ihr in der Gesellschaft des Herrn Grafen Conti gekommen seid, wie man mir sagte, muß es eine besondere Bewandtnis haben.«

»Der Herr Graf kennt mich nicht. – Die, welche mich senden, haben nichts mit dem Boten eines falschen Mannes zu tun.«

»Aber Sie kamen zusammen in Mola an?«

»Durch Zufall.«

»Wer seid Ihr?«

»Ein armer Mönch – der Pater Alberto

»Merkwürdig – selbst der Name! Wer sendet Sie?«

»Der – vor dem sich die Könige der Erde beugen sollen, da Gott der Herr selbst seinen sichtbaren Thron errichtet hat. In seinem Auftrag der Kardinal Antonelli.«

»Ha – also hoffentlich die Antwort auf unsere Vorschläge. Da der Herr Kardinal-Staatssekretär Sie zu seinem Boten oder Unterhändler gemacht, muß er Vertrauen zu Ihnen haben, obschon ich mich nicht erinnere, unter der römischen geistlichen Diplomatie Ihren Namen gehört zu haben.«

»Ich bin ein einfacher Mönch, der nur für Reue und Büßung lebt, und nur der Befehl meiner Oberen hat mich zu dieser Mission aus der Stille meines Klosters beschieden.«

»Zur Sache denn – ist Euer Auftrag mündlich oder schriftlich, und wo ist Ihre Beglaubigung?«

»Hier ist beides!«

Der Pater nahm aus dem Ärmel seiner Kutte ein zusammengefaltetes Papier und überreichte es dem König, der es auseinander schlug.

Unwillkürlich hatte der Florentiner einen Schritt näher getan.

»Aber – was soll das heißen? – Das ist der Vertrag, den Rosetti nach Rom gebracht hat!«

»Lies, König!«

Der König drehte das Papier um. Drei Worte in festen, kräftigen Zügen standen darunter:

Nunquam! – Nunquam! – Nunquam!

»Ha – bei meinem Schwert – das klingt ja gerade wie das berühmte Habet, habet, habet! – Da, nimm Euer Machwerk und seht, wie weit Ihr kommt, diesen Pfaffen gegenüber! Nur Hochmut und Falschheit! – Das Schwert des geeinigten Italiens allein kann diesen Knoten zerhauen!«

Er schleuderte unwillig und spöttisch lachend das Dokument dem Vertrauten zu.

Der Mönch stand ruhig und unbeweglich bei diesem Ausbruch des Unwillens. »Die Scheide des Schwertes,« sagte er langsam, »und ist sie auch noch so scharf, wird schartig und stumpf an dem Felsen, gegen den sie törichterweise schlägt! Die heilige Kirche steht auf dem Felsen Petri!«

»He, guter Freund,« sagte der König lachend und damit plötzlich seine gute Laune wieder gewinnend – »heutzutage ist man nicht mehr so einfältig, mit einem guten Degen gegen die Steine zu schlagen. Man bohrt sie an und sprengt sie in die Luft – dazu hat man seine Ingenieure! – Der Herr Kardinal-Staatssekretär möge sich gefälligst erinnern, daß wir am Mont Cenis die Alpen durchbohren, um französischer Aufklärung freieren Eingang in Italien zu verschaffen, wenn das überhaupt noch nötig wäre!«

»Wer in den schnöden Verkauf seines Heimatlandes an den Erbfeind willigen konnte,« sagte der Mönch mit fester Stimme, »wird sich nicht scheuen, auch dem Antichrist die Seelen derer preiszugeben, für die ihn Gott verantwortlich gemacht hat. Aber erinnere dich, König, daß der Blitzstrahl des Ewigen Babel zerstörte, und das Feuer, das Sodom und Gomorrha verzehrt, wird auch den Sündenpfuhl Paris nicht verschonen, wenn seine Zeit gekommen ist!«

Die Adern an der runden Stirn des Königs hatten sich dunkel gefärbt bei den kühnen Worten des Mönchs, und er drückte die geballte Faust schwer auf den Tisch. »Pfaff!« sagte er – »danke es deiner einfachen Kutte und einer Erinnerung, die eine zufällige Ähnlichkeit in mir geweckt hat, wenn ich dich für deine Unverschämtheit nicht in den Golf werfen lasse! – Aber wie kann ich mich ärgern über das niedere Werkzeug, das nur Worte spricht, die ihm befohlen sind. – Mac, reden Sie mit diesem Manne weiter, wenn es nötig ist!«

»Ich spreche nur mit Königen – nicht mit den Dienern!« sagte der Mönch ruhig.

»Potz Blitz, das ist zu stark! – Nun gut! – Seine Heiligkeit weist also die Vorschläge zurück, die ihm meine Regierung gemacht hat? Wiederhole sie mir noch einmal Mac!«

Der König hatte sich wieder niedergelassen, seine Hand spielte mit dem französischen Traktat, der noch immer vor ihm lag.

Der ehemalige Abbé und jetzige Geheimsekretär und Vertraute des sardinischen Ministerpräsidenten hatte das von der königlichen Hand ihm zugeschleuderte Dokument aufgenommen und geglättet. Er las kurz die Punkte – dieselben, welche wenige Wochen später die inspirierte Broschüre des Herrn von Laguerronnière unter dem Titel »Frankreich, Italien und Rom« vorschlug: Die Übertragung des Vikariats über den Kirchenstaat an König Victor Emanuel.

Hierzu: Die Krönung des Königs zum König von Italien in Rom;

die Beschränkung der Klöster in dem Kirchenstaat auf eine gewisse Zahl;

die Übung der Polizei und der Justiz durch den königlichen Vikar über die nicht geistliche Bevölkerung.

Dagegen: Die Garantierung der persönlichen Souveränitätsrechte des heiligen Vaters und der Unverletzlichkeit der Kirchenfürsten;

eine Dotierung des heiligen Stuhls mit zehn Millionen Lires;

die Unterhaltung einer päpstlichen Leibwache;

die Heirat des dritten Sohnes des Königs mit einer Verwandten des Kardinals Merode.

»Und auf diese Vorschläge hat der Pontifex keine andere Antwort, als dieses › Nunquam?‹«

»Der heilige Vater,« erwiderte bedächtig der Mönch, »ist in seiner christlichen Liebe und Milde bereit, die bisherigen Eingriffe in das weltliche Gebiet der heiligen Kirche zu vergeben und in deine Krönung zum König von Italien zu willigen, auch dich nach dem alten Recht des päpstlichen Stuhls mit der Krone von Neapel und Sizilien zu belehnen, wenn das Gebiet der Kirche sofort in den alten Grenzen von deinen Soldaten geräumt, die Souveränität des heiligen Stuhls auch als weltliche Macht anerkannt und gegen jeden Angriff von außen geschützt und als Buße für die geschehene Unbill eine Summe von zwanzig Millionen an den päpstlichen Stuhl gezahlt wird?«

»Aber wenn ich nicht zu alledem bereit wäre?«

»Dann, Vittorio Emanuele, König von Sardinien, wird der große und kleine Bann der heiligen Kirche dich treffen, dich und deine Ratgeber! – O, mein Sohn – hüte dich vor dem Fluch, denn der Zorn Gottes ist schrecklich!«

Der König, der zu den ersten Androhungen ziemlich verächtlich gelächelt hatte, war von dem seltsamen, von dem vorher gebrauchten, so ganz abweichenden Ton der letzten Worte so merkwürdig ergriffen, daß er in tiefer Bewegung aufsprang und die Hand gegen den Pater ausstreckte.

»Mönch – Mann – wer bist du? Geben die Gräber ihre Toten heraus …?«

»Es geschehen jetzt Frevel auf der Erde, die mehr tun könnten, als die Pforten der Grüfte sprengen. Ich bin ein armer Mönch und der Bote der heiligen Kirche, aber von Weh und Schmerz durchdrungen, dich, o König, den Weg der Räuber und Kirchenschänder wandeln zu sehen. O kehre um! Kehre um und rette deine Seele und die Seele deines Erzeugers aus den Qualen der Verdammnis! – Verdorren wird die Hand, die sich nach dem Erbe Petri streckt. Gedenke des Unglücks, das deinen Vater schlug, der besiegt und verbannt auf fremder Erde starb!«

Ein lustiges Gläserklingen drang wie rufend aus dem Gartensalon herüber – eine weibliche Stimme intonierte Orsinis Trinklied aus der Lucrezia.

»Euer Majestät befinden sich nicht in der Lage, dem heiligen Stuhl auf so bedeutende politische Fragen sofort eine Antwort geben zu können,« sagte der Vertraute halb zu dem König, halb zu dem seltsamen Abgesandten der Kirche. »Die Erklärung des päpstlichen Stuhls, unter Umständen auf die Frage von Neapel und der Herzogtümer verzichten zu wollen, die wir aus der etwas – unklaren Unterhandlungsweise des ehrwürdigen Bruders herauslesen dürfen, ist eine so wichtige, daß sich auf ihr jedenfalls fortbauen läßt.«

»Du hast recht, Mac,« sagte der König zerstreut, »führe den Mann hinweg und sorge für alle seine Wünsche.«

»Gott behüte das Ohr der Könige vor der Zunge falscher Freunde!« sagte mit dumpfer Stimme der Mönch. »Nicht irdische Macht und Ehren trösten in der Stunde der Not für begangenes Unrecht!«

»Gehen Sie, Pater,« sagte der König, der in der Person des römischen Boten nicht mit Unrecht die absichtliche Wahl eines Schwärmers ahnte, um ihm auf diese Weise Bitterkeiten zu sagen, »meine Regierung wird dem Herrn Kardinal-Staatssekretär antworten. Einstweilen drängt die Sache nicht.« Der Mönch streckte die Hand aus, wie um seinen Segen zu erteilen, aber er schien sich eines andern zu besinnen und ließ sie wieder sinken, während der Sekretär des Ministers ihm die Tür öffnete. An dieser wandte sich der Mönch noch einmal um.

»Vittorio Emanuele« – sagte er mit dumpfer Stimme – »lebe wohl für diese Welt und gedenke der Worte deines unglücklichen Vaters in der Nacht des 24. März 1849, Abdankung des Königs Karl Albert nach der Schlacht von Novara. Wehe dem, der Rom angreift! Wehe! Wehe!«

Der König antwortete nur durch ein abwehrendes Zeichen, – die Tür schloß sich hinter dem geistlichen Boten.

Der Sekretär winkte dem im Vorzimmer befindlichen Flügeladjutanten.

»Seine Majestät wünschen, daß dem ehrwürdigen Herrn hier jede Freundlichkeit erwiesen werde. Bei dem Unwetter kann er Albano heute nicht mehr verlassen.« Und leise fügte er hinzu: »Wir müssen mehr von ihm wissen – ich weiß nicht, weshalb er einen so großen Eindruck auf den König gemacht hat, daß ich einen Augenblick für seine Festigkeit fürchtete, Indes die Botschaft aus Frankreich hat die römische Frage vertagt und Gaëta ist unser. – Übergeben Sie den Mönch an Bertano!«

Er kehrte zurück in das Kabinett, wo der König unruhig auf und nieder ging.

»Was denkst du von der Sache, Mac?«

»Daß sie uns sehr gerufen kommt!«

»Gerufen?«

»Ja, Sire! – Glauben Sie denn, daß der Vatikan, umgeben von inneren und äußeren Feinden, diese Sprache gegen Sie wagen würde, wenn er nicht einen starken Hinterhalt hätte?«

»O gewiß, er vertraut auf Louis Napoleon oder vielmehr auf die Kaiserin, damit bei ihrer Rückkehr aus Schottland die Versöhnung geschlossen ist, welche die kleinen Erinnerungen an die schöne Theresella von Mailand fast mehr gefährdeten, als die Interessen des heiligen Stuhls.«

»Der heilige Vater traut dem Kaiser Napoleon nicht über den Weg und hat auch keinerlei Ursache dazu.«

»Also auf Österreich?«

»Die österreichische Politik hat durch Herrn von Schmerling eine andere Richtung erhalten. Sein Augenmerk geht jetzt darauf, Preußen zu überwachen.«

»Dann, lieber Mac, verstehe ich Sie und Ihren Chef nicht!«

»Sie vergaßen England, Sire!«

»Das ketzerische England?«

Der Vertraute lachte.

»Die Engländer sind nur so lange Ketzer und liberal, als es in ihren Kram paßt und der Liberalismus ihnen nicht an die eigene Haut geht. Ihre Staatsmänner sind klug genug, um zu sehen, daß Englands materielle Macht seit dem Krimkrieg und dem indischen Aufstand im Sinken ist. Deshalb suchen sie dieselbe künstlich aufrecht zu erhalten, indem sie aus dem Hinterhalt her Europa, Amerika und Asien in Bewegung halten. Es gibt seit 12 Jahren keinen Krieg, keine Volkserhebung, wo nicht englische Agenten mitgespielt haben. Alles unter dem Mantel der Freiheit, der Humanität und der Neutralität. Die Situation ist indes jetzt ziemlich schwierig geworden. Wer beschäftigt Frankreich, das sich am Roten Meer angekauft hat, so eifrig in China und Syrien? – England! Wer putscht heimlich die amerikanischen Südstaaten in der Sklavenfrage? – Offenbar England. – In nächster Zeit werden Euer Majestät Rußland in Polen, Österreich durch einen neuen Christenaufstand in der Türkei beschäftigt sehen. Und nehmen Sie unsere eigenen Vorgänge. England hat uns in Sizilien und Neapel die besten Dienste geleistet – der Graf unterhandelt in diesem Augenblick in London wegen Ausweisung des bisherigen neapolitanischen Gesandten. Um so mißtrauischer mußten wir sein. In der Tat, während Lord Palmerston uns mit einer Hand hilft, Italien zu einigen, hat er dem heiligen Vater im geheimen bereits ein Asyl auf Malta oder Gibraltar anbieten lassen!«

»Aber das hieße wahrscheinlich einen Religionskrieg gegen uns entzünden! Rom muß der Sitz der katholischen Kirche, also des Papstes bleiben!«

»Aus eben diesem Grunde, Sire, habe ich den Traktat des Herrn Grafen von Conti willkommen geheißen! – Er gewährt uns die Gelegenheit zu temporisieren, was notwendig ist. Wir müssen die päpstliche Regierung glauben machen, daß ihre Existenz von uns abhängt, und für das Aufgeben von Neapel und der Herzogtümer in den nächsten fünf Jahren ihr die Herren Mazzini und Garibaldi vom Halse halten. – Es ist nur eine Frage der Zeit!«

»Du hast recht, Mac, wie immer. Ich müßte aber deinen Chef schlecht kennen, wenn er für diese Zweizüngigkeit Englands nicht eine kleine Revanche in seinem Portefeuille haben sollte?«

»Euer Majestät sollen nicht lange zu warten brauchen. Das nächste ionische Parlament wird den Mut fassen, seinen britischen Protektoren, die bisher jede von ihren Interessen abweichende Meinung mit dem Strick zu bezahlen pflegten, vor Europa zu erklären, daß die britische Schutzherrschaft für die ionischen Inseln ein großes Übel sei! Die italienische Presse wird dazu das ihre tun!«

Diesmal war es der König, der lachte. »Cavour und du, ihr seid ein paar Schlauköpfe. – Aber nun ist's genug für heute mit der Politik, Mac, und nun will ich zu Tische! Rufe mir den Schlingel Bertano! Ich werde ihn nächstens zum Gesandten machen – in Paris oder Madrid, denn für Rom inkliniert er zu sehr zur Heiligkeit.«



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