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Die Tauben der Königin.

Die Witterung war bis zu dem Weihnachtsfeste sehr ungünstig gewesen, hatte sich aber seitdem geändert, und ein heller blauer Himmel wölbte sich über der schwer bedrohten Festung. Die von den Batterien der Belagerten bekränzten Höhen hatten ihr Schneehaupt verloren und das neue Jahr schien im Gewande des Friedens auftreten zu wollen, denn auf beiden Seiten schwieg seit dem Morgen der Donner der Geschütze.

Seit dem 5. November war Gaëta von den Piemontesen belagert und auf der Landseite zerniert, während bisher die französische Flotte nebst einigen spanischen Kriegsschiffen die Blockade und das Bombardement von der Seeseite verhindert und die Flotte des General Persan – die im Golf so verräterisch gestohlenen und feig überlieferten neapolitanischen Schiffe – in ehrerbietiger Entfernung auf der Höhe des Meeres gehalten hatten.

Es war ein prachtvoller Nachmittag, die Sonne bereits im Sinken, und wenn auch zu dieser Jahreszeit der Reichtum der südlichen Vegetation mit seiner warmen Färbung fehlte, so bot doch die weite Aussicht auf die pittoresken Steinformationen, die wunderbare Bläue des Meeres und die kriegerische Staffage von Land und See ein reich entschädigendes Bild.

Das schienen auch die beiden Männer zu empfinden, die um die vierte Stunde von einer Terrasse des Monte Orlando, gerade über der Batterie, die man unterhalb des Turmes errichtet hatte, standen, denn von Zeit zu Zeit schwieg ihre sonst eifrige Unterhaltung und sie betrachteten das Rundbild zu ihren Füßen.

Die Unterhaltung wurde in der deutschen Sprache geführt, und beide bewiesen durch ihre Uniformen, daß sie zu den Verteidigern der Festung gehörten. Der eine trug den dunklen Rock der Artilleristen, der andere die Uniform der drei Fremdenbataillone, deren Mannschaften zum größten Teil aus Schweizern, den Resten der von der Revolution so schlau beseitigten Regimenter Siegrist, Brunner, Muralt und Riedmatten, – Deutschen, Franzosen und Belgiern, bestand.

Der Artillerist war ein Mann von einigen 40 Jahren und sein gebräuntes Gesicht zeigte den Stempel eines unruhig verbrachten Lebens. Er hatte kleine, funkelnde Augen und bereits ergrauendes Haar, ein struppiger Bart bedeckte den unteren Teil des von Blatternarben entstellten Angesichts. Es lag in diesem Gesicht etwas Unangenehmes, wenig Vertrauen Erweckendes, und doch zeigte der ganze Ausdruck wieder eine sorglose Kühnheit und übermütige Sicherheit, die sich auch in den leichten Bewegungen der untersetzten kräftigen Gestalt wiedergab. Obschon diese Ungebundenheit wenig mit soldatischer Regelung übereinstimmte, lag doch etwas darin, das bewies, man habe einen vielgedienten Soldaten vor sich, einen jener Landsknechte, die Politik, Eisenbahnen und Dampfschiffe nach allen Zonen verschlagen haben.

Einen starken Gegensatz zu ihm bildete sein Begleiter. Er konnte etwa 18 bis 19 Jahre zählen, war von hoher, aber muskulöser Gestalt, an der man freilich noch das Unfertige, Werdende wahrnahm. Dem entsprach auch das gutmütige, frische Gesicht mit großen, blauen Augen und der kräftigen Stirn unter dem Kraushaar. Form und Teint dieses Gesichts bewiesen, daß er kein Südländer, sondern von jenseits der Alpen war, und der gemütliche, weiche Dialekt ließ ihn als einen Sohn der oberbayerischen Gebirge erkennen.

Das Panorama zu ihren Füßen war in der Tat fesselnd. Von dem Standpunkte, den beide einnahmen, konnten sie das Innere aller Werke und Batterien übersehen, von der Bastion della Trinta mit ihren zehn sechzigpfündigen Haubitzen, bis zur Porta di Terra und der Seebatterie San Antonio.

An ihren Geschützen lagerten die Kanoniere – hier und da wurde trotz des Festtags die Ruhe benutzt, um die von den piemontesischen Kugeln gepflügten Wälle auszubessern; aus anderen Gruppen hörte man heiteres Lachen und Gesang und namentlich waren es die treu gebliebenen Seeleute, die den heitersten Mut zeigten. Daneben wurde keineswegs der Dienst vernachlässigt, denn überall standen die Wachen auf ihren Posten, die Munitionskommandos schleppten neuen Vorrat aus dem Arsenal in die Batterien und die Offiziere machten die Runde.

Auch in viele der engen Straßen und Gäßchen mit den hohen an die Felswand hineingebauten Häusern reichte der Blick und sah den Verkehr der Bevölkerung, welche die Pause des Bombardements benutzte zu Gängen durch die Stadt, oder um sich am schmalen Kai umherzutreiben und von den Soldaten sich Rat und Hoffnung zu holen, oder mit den Seeleuten, die von der Flotte herüber gekommen waren, allerlei Geschäfte zu machen.

Aus dem nach und nach vergrauenden Azur der Rhede aber wiegten sich die mächtigen Dampfer und Fregatten, gerade über der Batterie der Santa Maria das französische Geschwader, während weiter ab einige spanische Fahrzeuge ankerten und weit draußen am Horizont die Mastspitzen der kreuzenden Schiffe des piemontesischen Admirals verschwanden. Boote kreuzten zwischen dem Lande und der französischen Flotte, und von Süden her um die Felsenspitze zog in langer Dehnung der Rauch eines zum Hafen steuernden Dampfers.

»Beim Propheten!« sagte nach einem längeren Umblick der Artillerist, indem er sich den Bart strich, »ich fürchte, Neffe Max, die Expedition, von der du mir sagtest, könnte ein Hindernis erfahren.«

»Wieso, Ohm Hradek?«

»Bah! Ich bin zwar eine Landratte, wie sie's heißen, aber ich verstehe doch genug von der See, die mich zwischen den Küsten der alten und neuen Welt hin- und hergetragen, um zu wissen, daß die Herren von der Flotte sich auf eine unruhige Nacht gefaßt machen. Wenn man ein Bauer wie du geblieben und nie aus seinen Bergen hervorgekommen ist, hat man freilich kein Auge dafür und merkt höchstens, wenn der Regen des Heu zu verderben droht oder es Zeit ist, die Kühe in den Stall zu treiben.«

»I bin kein Bauer, Ohm Hradek!« sagte der junge Mann, »sondern a Jager, und i hab a Gucker so gut wie der beste Bursch in der Jachenau, das a Gamstier auf hundert Gänge weit von an Bock unterscheiden kann!«

»Ein Jäger willst du sein?« sagte der ältere höhnisch. »Beim heiligen Nepomuk und beim Blutbrunnen von Cawnpoor, das ist mir ein großer Jäger, der höchstens einen Rehbock oder einen Hasen für die Tafel seines gnädigen Herrn schießt! Lern erst dem schwarzen Löwen des Atlas beim Sprung die Kugel ins Gehirn zu schicken, den bengalischen Tiger, ohne mit der Wimper zu zucken, aufs Korn zu nehmen, oder dem wilden Nashorn durch einen kecken Seitensprung zu entgehen, wenn es auf dich losstürmt, als wollte es mit seinem Gewicht Felsen zermalmen, – dann werde ich sagen, daß du ein Jäger bist und ein sicheres Auge hast.«

»Schau,« sagte der junge Mann, »i hab zwar mein Lebtag noch sei Rinozeros gesehen und a ka'n Tiger nit, weil i nit so weit g'reist bin, wie du, Ohm, aber i sollt' denken, wer den Gamsbock auf der äußersten Spitze vom Zuckhorn verfolgt hat, der fürcht halt kei andere Jagd nit. Dös müßt Oes doch wissen, daß die Gamsjagd sei leicht und ungefährlich Ding is.«

»Still, Bursche,« sagte der andere mit einem bösen Seitenblick. »Willst du mich erinnern, daß ich fast zwei Jahre im Zuchthaus zu Ingolstadt gesessen, weil dein Vater den Mann seiner eigenen Schwester beim Gericht denunziert hat wegen einem paar lumpiger Tiere, die er schoß?«

»Unser Vater,« sagte der junge Soldat trotzig, »is geschworener herzoglicher Förster und darf ka Wilddieberei nit dulden, und wenn's sei eigner Bruder wär'. Überdies habt Oes auf den Stoffel geschossen und was Euch geschehn is, is zu recht geschehn, so sehr auch selbiges Vater und der Mutter zu Herzen gegangen is. Ich war damals noch a junger Bua – aber i weiß, daß alle Leut sagt haben, der Vater hat recht getan und es mußt a End gemacht werden mit Eurem Tun.«

»Meinst du?« knirschte der andere. »Nun, es ist lange her, daß ich's vergessen könnt über hundert schlimmeren Dingen, die mir in drei anderen Weltteilen passiert sind, freilich nichts Schlimmeres, als daß mein Weib starb aus Angst und Gram, als ich im Zuchthaus saß.« Es zuckte wie ein Kampf zwischen Rache, Haß und tiefem Schmerz über sein zerrissenes Gesicht, aber er unterdrückte ihn gewaltsam. »Daß ich's nicht nachtrage, Neffe Anton, zeigt dir, daß ich mich dir zu erkennen gab, als du hierher kamst und ich deinen Namen hörte.«

»Es war halt schön von Euch,« sagte der junge Mann, »daß Oes zu der gnädigen Königin gestanden habt in ihrem Unglück und nicht zu dem welschen Volk.

»Larifari! Ich dien', wer mich bezahlt, und hab den Dienst so oft gewechselt, daß mir die Sache, für die ich gerade fechte, sehr egal ist, wenn's nur Geld und lustiges Leben gibt. Der kaiserliche Dienst hat mich wenigstens zu einem tüchtigen Artilleristen gemacht, und ein solcher findet überall sein Brot, wo Kanonen knallen. Das haben die Preußen empfunden in der Pfalz und die Engländer in Cawnpoor. Der Nena wußte das Verdienst eines solchen Mannes zu schätzen. Weißt du, daß ich dort den Rang eines Hauptmanns hatte und viele Hunderte meinem Befehle gehorchten, während ich hier nichts als ein erbärmlicher Unteroffizier bin.«

»Aber geht's, warum seid Oes denn nit da blieben?«

»Narr! Wenn mich die Rotjacken gefaßt hätten, würden sie mich vor eine meiner eigenen Kanonen geschnürt und in die Luft geblasen haben wie die armen Seapoys. Ich merkte es beizeiten, als es schief ging. So saldierte ich mich auf einem holländischen Schiff nach der afrikanischen Küste.«

Der noch wenig lebenserfahrene junge Mann sah mit einer gewissen Bewunderung zu dem Oheim auf. Gerade dessen abenteuerliches, bewegtes Leben hatte ihm einen großen Respekt, vor dem Verwandten eingeflößt, den seine moralischen Eigenschaften ihm sonst nicht verschafft hätten. Der welterfahrene Strolch hatte das bald gemerkt und sich zunutze gemacht. Seine selbstsüchtigen, mit den Gesetzen der Ehre gerade nicht harmonierenden Ansichten und Pläne drohten in der Tat einen verderblichen Einfluß auf das Gemüt des jungen Menschen zu gewinnen, der keine Ahnung davon hatte, daß er das Werkzeug seines Verwandten sei.

»In Afrika, da wohnen ja wohl die Mohren? Und da seid Oes auch 'west, Ohm?«

»In Egypten, Toni. Es gibt zwar genug Schwarze dort, aber für gewöhnlich sind sie nur kaffeebraun. Ja, Bursch, ich hab Menschen von allen Farben gesehen, von denen ihr euch nichts träumen laßt in euren Bergen.«

»Und was tatet Oes in Egypten?« fragte der junge Mann, der gar zu gern erzählen hörte. »Wart Ihr dort auch ein Hauptmann, wie drüben in Indien?«

Der Landsknecht lachte. »Nicht ganz, aber ich hätte es sicher dazu gebracht und hoffentlich noch weiter, zum Aga oder Pascha. Es ist ein gutes Land, um sein Glück zu machen, wenn auch meist verdammt kahl und öde. Ich könnte dir hundert Abenteuer da erzählen von den braunen Schurken, obschon die weißen Schurken in den Städten sie noch übertreffen. Ein andermal davon! Weiß nicht, wie's kommt, aber ich hab nirgends Ruhe, seit deines Vaters Schwester da im Grab auf dem Dorfkirchhof liegt und die Berge auf sie niederstarren, auf denen ich einst friedlich die Gemse pürschte.«

»So gingt Oes wieder fort aus dem Egypterland, wie der Moses mit dem auserwählten Volk, wie's in der Bibel steht?«

»Nicht ganz so, mein Junge, denn die Ebräer waren klug genug, mit vollen Säckeln sich zu drücken, während ich so ratzenkahl mich salvieren mußte, daß mir kaum die Mittel blieben, den italienischen Padrone zu bestechen, der mich in Brindisi ans Land setzte, obschon ich die Taschen voll Gold und Edelsteine hatte, als ich aus Indien ging. Aber es dauerte nicht lange, obgleich ich den besten Willen hatte, mein Geld mit nach Europa zu nehmen und dort wie ein großer Herr zu leben, oder in meiner Heimat, beim Brunnen von Cawnpoor! ich hätte mir leicht selbst eine Herrschaft und meine eigenen Jägersleute halten können, obgleich ich nur ein armer Soldat und Wildschütz gewesen bin, den dein Vater ins Zuchthaus stecken ließ!«

Er kam unwillkürlich immer wieder auf den Punkt zurück und ein Menschenkenner hätte leicht gemerkt, wie schwer ihm die Schande gleich einem Wurm am Herzen fraß. Der junge Mann dachte jedoch gutmütig nur daran, ihn von diesen Erinnerungen abzulenken.

»Schad' ist's, daß Euch die schlimme Leut 's viele Geld so 'stohlen haben. Dös wär' doch bei uns im Bayerland nit g'schehn!«

Der Ohm lachte. »Mit dem Stehlen hat's gute Wege, wenn ich mich nicht selbst bestohlen hätte! Es ist auch nicht schlecht unter den Soldaten des Khedive, denn es gibt manche Streiferei, wobei ein kluger Kerl sich die Taschen füllen kann, und wenn die verfluchte Geschichte in Alexandrien mit dem Engländer nicht gekommen wäre, – Gott verdamme die Kerle, die ihre Nase überall haben und wie der ewige Jude sind! – ich wäre wohl noch da. So mußte ich Fersengeld geben, wie gesagt, ratzenkahl, und froh sein, daß ich beim kleinen Bambino Handgeld für die Fremdenlegion erhielt.«

»Pfui, Ohm – Des dürft nit despektierlich sprechen von Seiner Majestät. I leid's nit!«

»Pah, das ganze Bataillon nennt ihn so und der Name würde ihm keine Schande machen, wenn er nur sonst ein Mann wäre und die Hosen an hätte, statt sie den Weibsleuten zu überlassen. Aber so viel ist sicher, daß hier in dem alten Bergnest nicht viel zu holen ist, als piemontesische Kanonenkugeln; denn mit dem Traktament haperts gewaltig, und wenn's nicht Knauserei ist, wie man sagt, da die Keller der Zitadelle voll Gold sein sollen, so hätt' ich besser getan, mich bei den Päpstlichen anwerben zu lassen, wo's trotz der Schläge doch wenigstens fette Peters-Pfennige gibt. Hätt's auch getan, wenn ich dich nicht zufällig am Vultorno getroffen hätt'.«

»Ihr vergeßt Eure Tauben, Ohm!«

Der ältere warf ihm einen raschen, mißtrauischen Seitenblick zu. »Was meinst du mit den Tauben?«

»Na, i mein halt, wer die lieben, unschuldigen Geschöpfe da so hegt und pflegt, wie Oes tut, Ohm, der Ihr die halbe freie Zeit aus dem Taubenschlag sitzt, den Ihr Euch da gebaut habt auf dem Turm, der hat noch a Herz für sei Mitmenschen und Oes macht Euch schlimmer, als Ihr selber seid!«

Der Landsknecht lächelte. »Magst's glauben, – 's hat jeder Mensch seine Passion, und wenn die meine früher war, einen Hirsch oder eine Gems zu pürschen, was mich ins Unglück gebracht hat, – so ist sie jetzt unschuldigerer Natur – ein Taubenschlag, der auch seinen Vorteil hat, denn die barmherzigen Schwestern holen sich mehr als eine meiner munteren Dinger, um eine Suppe daraus zu kochen, und kosten tut der Spaß nichts, da sich das Zeug selbst sein Futter holt.«

»I wund're mich nur,« antwortete der junge Mann, »daß sie das G'schieß aushalten und nit längst auf und davon sind.«

»Sind ans Haus gewöhnt, wie der Tiroler an die Berge! Kommt freilich vor, und darum schaff ich mir auch Ersatz, wenn das Proviantschiff kommt von Civita vecchia! Er tat einen gellenden Pfiff und ein Taubenschwarm, der seither über ihnen munter in der Luft gekreist hatte, senkte sich nieder auf die Mauerstücke und Steine umher, und der alte Soldat streute ihnen Brotkrumen und Gerstenkörner aus, die sie vertraulich zu seinen Füßen aufpickten.

Der Böhme wandte seine Blicke wieder auf das Meer. » Bismillah, wie die braunen Halunken da drüben sagen, da stößt schon wieder ein Nachen mit Offizieren vom Strande ab und rudert eilig nach der Flotte. Wärst du ein Seeverständiger, würdest du sehen, daß alle Mann an Bord an den Raaen beschäftigt sind, jeden Fetzen Leinwand zu bergen. Ehe zwei Stunden um sind, wird von der afrikanischen Küste her ein ganz strammer Wind blasen, der es den beiden alten Transportschiffen schwer machen möchte, den Dampfern des Admirals zu entwischen, ohne an der Küste zu zerschellen.«

»Aber die Truppen sind bereits an Bord!«

» Dobre! So werden sie sich wieder ausschiffen, oder hübsch warten. Wie viel Mann sagtest du doch, sollen die Expedition mitmachen?«

»Zwei Kompagnien des ersten Fremdenbataillons und dreihundert Mann von den Jägern.«

»Welches Bataillon?«

»Das achte unter Oberstleutnant Nunziante.«

»Teufel, der? Sein Bruder ist ja für den Sardinier.«

»Eben deshalb! Der Herr ischt gut königlich und will halt gut mache, daß der Lump, sei Bruder, in Neapel a Verräter 'wesen is!«

»Ach hab' davon gehört,« meinte der andere. »Es hat an Schurken nicht gefehlt, Kerle mit vornehmen Namen und hohem Amt und so schuftig, daß der Tugh, der seinem Opfer die Schlinge unversehens um den Hals wirst, noch ein ehrlicher Feind dagegen ist! Wir haben in der Batterie einen Sechspfünder, auf dessen Rohr der Name Nunziate steht. Bambino war neulich dort und als er den Namen las, weinte er.«

»Der König hat halt a gut Herz und s's Schand g'nug, daß sie em so verraten hab'n.«

»Weißt du, wo die Expedition landen soll?«

»S'is a Stadt, Riggio tun's heißen!«

»So – so! – Und dein guter Freund, der neugebackene Leutnant geht der auch mit?«

Der junge Soldat errötete unwillkürlich. »I wa's nit Ohm!«

»Lüge nicht, Toni, du solltest das nicht wissen?«

»Nu – i glaub nit, daß er aa mitgeht!«

»Glaub's wohl. Und wer ist denn eigentlich der Herr Max?«

»I hab Euch schon g'sagt – i weiß nit! I kenn em nit anders, wie jeden anderen Soldaten aa!«

»Mach das dem Teufel weiß, aber nicht einem alten Fuchs, wie ich bin. Du und deine Schwester, die immer tut, als wär ich Gift, wenn ich ihr die Hand reiche, kennt ihn mehr als irgendeiner, – die Bambino ausgenommen!«

»Ohm!«

»Nun, die kleine Königin, wenn du's einmal lieber hörst, 's ist mir aufgefallen, daß sie sich stets von ihm wendet und ihm nie ein Wort gönnt, wie sie's doch jedem andern tut, der sich wacker zeigt, und Courage hat der Bursche, das muß man ihm lassen. Als neulich die Granate kaum drei Schritte vor ihm krepierte, zuckte er nicht mit den Wimpern. Mir hat's manchmal geschienen, als suche er den Tod. Aber rechter Ernst mit der Gleichgültigkeit scheint mir's doch nicht. Denn als die Kompagnie – ich hörte es zufällig mit an – ihn einstimmig für den gefallenen Schweizer Offizier zum Leutnant vorschlug und General Basco ihn trotz seiner Ablehnung dazu ernannte, sah ich es ganz eigentümlich leuchten in dem Auge der kleinen Königin und sie machte ein Zeichen mit dem Kopfe, er möge es annehmen, worauf er kein Wort mehr sprach. Deshalb eben möchte ich wissen, ob der Leutnant nicht noch einen anderen Namen trägt, als den bloßen nom de guerre, wie die Franzosen es heißen, Max!«

»Oes tut am besten, en selber zu fragen!« sagte der junge Mann trocken.

»Narr – glaubst du, ich will mir bloßer Neugier halber den Mund verbrennen? Das ist kein Mann dazu – darauf versteh ich mich – er hat etwas im Auge, das jede Vertraulichkeit zurückhält. Deswegen hat er auch wenig Umgang mit den andern Offizieren oder seinen früheren Kameraden. Du allein machst eine Ausnahme.«

»Oes irrt, Ohm!«

»Larifari – du willst nur nicht beichten. Die Ausrede, daß du ihn im Bataillon kennen gelernt, glaub ich nicht, seit ich gesehen, daß die Kathy so vertraulich mit ihm sprach, während sie zu hochmütig scheint, weil sie die Milchschwester einer Königin ist, ihrem Verwandten ein freundliches Wort zu gönnen! Der Mensch ist ja erst seit vier Wochen in der Festung, kein anderer kennt ihn, während Ihr von vornherein mit ihm vertraut war't.«

Der junge Mann wurde einer ihm offenbar unangenehmen Erwiderung enthoben; die Taubenschar stob plötzlich auseinander und erhob sich bis auf einige schöne Pfauentauben, und als die beiden emporsahen, stieg um die Wallecke eben eine Gesellschaft auf den freien Platz des Abhangs empor, deren Näherkommen sie bisher nicht bemerkt hatten.

»Ihre Majestät!« rief der junge Waidmann aufspringend.

»Der Teufel verderbe ihre Mutter!« fluchte der Artillerist. »Es war eine so schöne Gelegenheit, ihm die Würmer aus der Nase zu ziehen.« Dennoch richtete er sich in altgewohnter straffer Soldatenhaltung empor, als die Gesellschaft näher kam.

Es war in der Tat die junge Königin – die Heldin von Gaëta, Marie von Bayern.

Marie Sophie Amalie, Herzogin von Bayern, die Tochter des Herzogs Maximilian von Bayern und auch von mütterlicher Seite aus dem Hause der Wittelsbacher stammend, die jüngere Schwester der Kaiserin von Österreich, hatte ihre Jugend in ungetrübtem Glück im Schoße ihrer Familie und der herrlichen Natur auf Schloß Possenhofen am Starnberger See verlebt, und wurde, noch nicht 18 Jahre alt, am 4. Februar mit dem Kronprinzen von Neapel vermählt, der, nur 5 Jahre älter als sie, nach dem Tode König Ferdinands II. als Franz II. am 22. Mai 1859 den Thron beider Sizilien bestieg. Sie zählte also damals, am Neujahrstag 1861, erst wenig über 20 Jahre und hatte kaum 16 Monate das dornenvolle Glück einer Königskrone genossen, als das Schicksal sie zu härteren Prüfungen berief.

Die junge Königin war nicht schön, sie hatte ein ernstes, schmales Gesicht mit kräftiger Stirn und feiner, länglicher Nase, dem nur der hübsche, geschlossene Mund und das zierliche Kinn wieder etwas Angenehmeres verliehen. Ihre Gestalt war nicht hoch, aber schlank. Ihre Kleidung war etwas amazonenhaft, aber passend für die Lage und Anstrengungen, denen sie sich unterzog. Ein dunkler, bis an die Knöchel reichender Sammetrock, ein kurzes Zuavenjäckchen über dem weißen, gefalteten Hemd der Brust, feine glanzlederne Stulpenstiefeln auf dem zierlichen Fuß, die ihr das Wandern durch allen Schmutz der Batterien und der Straßen ermöglichten, ein niederer Filzhut mit herabhängender Feder auf dem einfach gescheitelten und in ein Netz gefaßten Haar, und ein grauer Mantel über Schultern und Gestalt gezogen, das war die einfache Kriegerkleidung der jungen Heldin auf dem Thron.

Sie kam am Arm ihres Gemahls, des gutmütigen, vom besten Willen beseelten Monarchen, dem sie allein Energie einzupflanzen gewußt, und dem sie vielleicht die Krone gerettet hätte, wenn nicht die Intrigen und der Neid seiner Verwandten, ja der eigenen Stiefmutter, dies gehindert hätten.

Man weiß, daß, als es sich darum handelte, Neapel ohne Kampf den Banden Garibaldis zu übergeben und die bestochenen und verräterischen Generale dem armen Monarchen vorlogen, die Garde- und Fremdtruppen verweigerten den Gehorsam, die junge Königin sich erbot, allein unter sie zu treten und sie zur Treue und Pflicht aufzurufen, und daß jedes Mittel des Verrats aufgeboten wurde, sie daran zu hindernd

Der König trug eine einfache Uniform nur mit dem Stern des St. Ferdinands-Ordens, sowie, dem Gast zu Ehren, den Großkordon der Ehrenlegion, und das Käppi. Er war mittelgroß und gut gewachsen, sein bis auf den kleinen Lippenbart bartloses Gesicht gutmütig, aber energielos. Ihn begleiteten seine beiden jüngeren, tapfern Brüder, der 22 jährige Graf Trani, der sich in der Schlacht am Volturno heldenmütig geschlagen hatte, und der 19 jährige Garf von Caserta, der seit Beginn der Belagerung die Fremdenbatterie kommandierte und diese fast nie verlassen hat.

In der Begleitung der königlichen Herrschaften befanden sich der zweite Gouverneur der Festung, Brigadier Marulli und der Kommandant der vor dem Hafen liegenden französischen Flotte, Admiral Barbier de Tinan, der zur Abstattung der Neujahrsgratulation von dem Admiralsschiff gekommen war mit seinem Adjutanten Bastard. Die Königin war allein von der Gräfin Jurien de la Gravière, der edlen Dame, die von Terracina in einer offenen Barke herübergeschifft war, die Verwundeten zu pflegen, und einer Dienerin, einem jungen Mädchen, nicht älter als sie, begleitet, das die eigentümliche Kleidung der Landbewohner des bayrischen Hochlandes trug und, als sie den jungen Freiwilligen erblickte, ihm vertraulich zunickte, während ihr Auge mit Verdruß den alten Artilleristen streifte.

Die Augen der Königin wandten sich sogleich auf die schönen Tauben, und ein glückliches Lächeln wie in den Tagen, als sie noch unbekümmert, durch die heimatlichen Berge schweifte, flog auf Augenblicke, über ihr kummervolles, blasses Gesicht.

»Sieh da, meine Lieblinge,« sagte sie freundlich, »zu den wenigen gehörend, die uns treu geblieben. Gib mir das Brot Franz, das du für sie in der Tasche trägst!«

Der König brachte in der Tat ein kleines Weißbrot zum Vorschein und zugleich eine Hand voll Erbsen, die er seiner Gemahlin reichte. »Ich bin vorsorglich gewesen, Marietta!« sagte er – »da nimm!«

»Ah, das ist schön! Ich danke dir! – Nicht so nahe heran, Caserta. Du bist jetzt ein großer Held und meine Täubchen fürchten sich vor so gewaltigen Herren, obschon sie den Kanonendonner so wenig scheuen, wie du!« Und sie streute den Tauben, zu denen sich allmählich auch wieder viele der aufgeflogenen gesellten, die Brotkrümchen und das Futter, kniete nieder auf den harten, kalten Felsboden und lockte sie zu sich. Bald fraßen auch zwei oder drei aus ihrer Hand und eines der schönen Geschöpfe hatte sich sogar auf ihre Schulter gesetzt und pickte an der lang von ihrem Hut wallenden Feder.

Es war ein eigentümlich ergreifendes Bild – die junge Frau, noch vor kurzem die Gebieterin von Palästen und Millionen, die Königin eines der schönsten Reiche der Erde, ausgewachsen in jedem Reichtum des Lebens, im Schutz fürsorglicher Liebe, dann umgeben von jeder Pracht, und jetzt ihr Reich beschränkt auf den öden, rauhen Felsvorsprung, den sie mit täglicher Einsetzung ihres Blutes, ihres Lebens als den letzten Stein ihrer Krone verteidigte gegen wilden, fanatischen Haß und Eroberungssucht, sie, die Fremde, die nie ein Kind dieses Landes beleidigt hatte.

Und wofür? Für die Liebe eines Gemahls, dem sie durch kalte Politik und Familienstolz angetraut, an dessen Seite sie mit dem ersten Schritt in das sonnige Neapel jedes Recht, gegen die Intrigen und den Neid der eigenen Familie hatte erkämpfen müssen!?

Für die Wahrung der sinkenden Legitimität?

Es gibt ein Wort – das heißt Pflicht und Ehre! Und wahrlich, Pflicht und Ehre hat herrlich diese junge Königin in den Donnern und dem Kugelregen von Gaëta gewahrt.

Vielleicht mochte manchem der Männer, die jetzt ihre Begleitung bildeten, ähnliche Gedanken gekommen sein – denn mit stillem Ernst sahen sie auf die kleine Szene, und in dem Auge des königlichen Gatten glänzte es feucht.

Die Königin hatte sich erhoben. »Sehen Sie, mein Gemahl,« sagte sie, zum Scherz sich zwingend – »die Treue und Ergebenheit bleibt doch nicht ohne Einfluß. Wie viele fremde haben sich zu meinen lieben Tauben gefunden und trotz der donnernden Galanterien des Herrn Cialdini in dem alten Gemäuer des Orlando-Turms eingewöhnt.«

Die Königin hatte sich auf die Bank gesetzt, die unter einem blätterlosen Baum stand und auf welcher vorhin der Böhme mit seinem jungen Freunde gesessen hatte. Beide waren bei der Annäherung des vornehmen Kreises in respektvoller Entfernung zurückgetreten und dort in militärischer Haltung stehen geblieben, da der junge Jägersmann noch auf eine Gelegenheit hoffte, mit seiner Schwester einige Worte zu wechseln.

»Kommen Sie zu mir, liebe Gräfin,« sagte die Königin, mit der Hand auf den Platz neben sich deutend. »Wir haben es jetzt selten so gut, uns einer ruhigen Stunde freuen und diese prächtige Aussicht bewundern zu können. Sieh da – Toni – es freut mich, dich zu sehen. Tritt näher. Ich habe Gutes von dir gehört und daß man dich zum Korporal befördert hat! – Die Kathi ist fast närrisch vor Freude geworden.«

Sie hatte dem jungen Landsmann gewinkt und reichte ihm die Hand zum Kuß, als er ehrerbietig näher kam. »Ich habe dich mehrere Tage nicht gesehen!«

»Unser Bataillon hatte halt den Außendienst, Majestät!«

»Richtig, und Ihr habt Euch wacker mit den Piemontesen herumgeschossen. Ist keiner von den Offizieren verwundet?«

Keiner, daß i wüßt!«

»Auch …«

»Auch er nicht?« Frage und Antwort geschahen mit leiserer Stimme.

»Wie kommst du hierher?« fuhr die Königin fort, »wir haben dich und deinen Begleiter doch nicht vertrieben? Wer war es?«

»Euer Majestät kennen ihn halt – es ist der Ohm, der  …«

Die Königin warf einen Blick auf den alten Artilleristen zurück und ein Zug des Mißmuts flog über ihr Gesicht.

»Ich muß gestehen, ich mag den Mann nicht leiden, und ich wünschte wohl, dich weniger in seiner Gesellschaft zu wissen, obschon man mir allgemein sagt, daß er ein tüchtiger Soldat und ein geschickter Artillerist ist. Aber man hat mir erzählt, daß ihm der Taubenflug gehört, dem sich meine armen Täubchen zugesellt haben, und daß er für ihre Fütterung sorgt in dieser schlimmen Zeit?«

»Das ist halt so, Majestät, und der Ohm is a großer Freund von dem Viehzeug.«

Die Königin nestelte an ihrer Börse und nahm ein Goldstück heraus. »Gib ihm das, Toni, und sag ihm, ich ließe ihm danken für seine Mühe. Es ist nicht viel, – aber wir sind in dem Augenblick nicht reich an Geld. Ihr armen Burschen, die ihr schon einen ganzen Monat keinen Sold erhalten habt, wißt es am besten. Gib's ihm, Toni, – aber denke an das, was ich dir gesagt. Auch die Kathi mag den finstern, wüsten Menschen nicht leiden. – Ah, Herr Admiral, Sie wollen uns verlassen?«

Der König war mit dem Kommandeur der französischen Flotte näher getreten, der, den Hut in der Hand, sich ehrerbietig vor der Königin verbeugte.

»Im Gefecht gehört jeder Offizier auf seinen Posten, Majestät,« sagte der alte Legitimist. »Unsere Feinde sind zwar diesmal nur jene Wolken, aber sie kommen mir etwas zu rasch herauf, und ich fürchte, wir werden einen harten Stand haben.«

»Wie, Herr Admiral, Sie fürchten bei dem herrlichen Sonnenschein ein Unwetter?«

»Trauen Euer Majestät dem Sonnenschein nicht – er ist trüglich, namentlich wenn die Sonne im Westen steht.«

Die Königin blickte den alten Seemann scharf an.

»Das Wetter, das Sie fürchten, wird Sie doch hoffentlich nicht zwingen, die Anker zu lichten?«

»Im Gegenteil, Majestät, ich hoffe, daß ein so tüchtiger Sturm heraufkommt, daß er es mir möglich macht, auch ferner auf meinem jetzigen Posten zu bleiben.«

Es war offenbar, daß die Worte des alten Seemanns einen versteckten Sinn hatten. Die Gräfin hatte sich erhoben und war zur Seite getreten, mit dem Aumonier der kaiserlichen Flotte ein Gespräch anknüpfend, – der Adjutant des Admirals stand in ehrerbietiger Ferne, nur der König selbst befand sich in der Nähe.

»Herr Admiral,« sagte die Königin mit gepreßter Stimme, »Sie sind unser Freund! Sie haben doch nicht etwa Order aus Paris bekommen, uns zu verlassen?«

» Noch nicht,« erwiderte der Admiral mit halber Stimme, »aber ich bitte Sie, nichts zu tun, was mich dazu zwingt.«

»Wir verstehen Sie nicht, um Himmels willen, Sie wissen, was auf dem Spiele steht – sprechen Sie sich deutlicher aus, wenn es möglich ist.«

»Ich begrüße den heraufziehenden Sturm deshalb mit Vergnügen,« sagte der alte Marine-Offizier, »weil er eine gewisse Expedition, von der ich gehört habe, verhindern muß, auszulaufen.«

»Die Expedition nach Calabrien?« rief die Königin erschrocken.

»Ich weiß nicht, ob nach Calabrien oder sonst wohin, Majestät,« sagte vorsichtig der Seemann, »aber ich will – auf meine Gefahr – Ihnen so viel sagen, daß meine Instruktion mich anweist, die Annäherung der sardinischen Flotte an die Festung zu hindern – aber auch jedes Verlassen des Hafens seitens der Kriegsschiffe der Festung.«

»Ah! – – und das nennt Ihr Kaiser Beistand?«

Der Admiral zuckte die Achseln. »Ich wiederhole Euer Majestät, daß ich erfreut bin, dem Wetter diesen Teil meines Auftrages überlassen zu können, – Euer Majestät sind gewarnt!«

»Aber wenn uns nicht Entsatz von unseren Getreuen aus dem Innern des Landes kommt, ist der Fall unseres letzten Haltes doch nur eine Frage der Zeit,« sagte unwillig der König. »Es war so gut vorbereitet!«

»Das Kriegsglück, Sire, und die Politik sind sehr launenhaft. Warum wollen Euer Majestät nicht die Kräfte, die Sie auf eine sehr ungewisse Expedition nach der Ferne verwenden wollten, zu einem sichern Schlag in der Nähe benutzen?«

»Wie meinen Sie das?« fragte eifrig die Königin.

»Glauben Euer Majestät denn, daß Admiral Persano oder General Cialdini nicht längst so gut wie ich von der beabsichtigten Expedition Kenntnis haben?«

»Oh, mein Herr,« rief die Königin bitter, »ich zweifle nicht daran, daß wir von Verrätern umgeben sind, seit selbst die Uniform französischer Marine-Offiziere dazu diente, Spione in unsere eigenen Batterien zu führen!«

Der bittere Unmut der jungen Heldin bezog sich auf einen Vorfall, der sich wenige Tage vorher zugetragen. Zwei kecke piemontesische Offiziere hatten sich in der Uniform französischer Marine-Offiziere von der Seeseite her in die Festung geschmuggelt, waren auf das Freundschaftlichste aufgenommen und durch alle Batterien geführt worden, ja sie hatten die Täuschung so weit getrieben, selbst ein Geschütz gegen die Trancheen ihrer Landsleute zu richten und abzufeuern. Nur durch einen Zufall wurde – zu spät – der Betrug entdeckt, denn niemand wußte, wie die Kecken wieder entkommen waren.

»Majestät,« sagte der alte Seemann ernst, »wenn ich jene beiden Männer je erwischen sollte, werden sie trotz der unbezweifelten Kühnheit ihrer Taten an den Raaen meines Flaggenschiffes baumeln für den Mißbrauch der französischen Uniform. Aber bleiben wir bei der Sache. Ich wiederhole meine Frage, und ich dächte, der italienische Charakter sollte Ihnen bereits bekannt genug sein, um mich dazu berechtigt zu halten. Also, glauben Sie nicht, daß Ihre Feinde längst Wind von dieser Expedition haben?«

Die Königin mußte sich begnügen, ungeduldig die Achseln zu zucken. Das arme junge Paar hatte in der letzten Zeit so viele Beispiele von Treubruch und Verrat um sich her gesehen, daß es fast niemand mehr trauen konnte.

»Ich kann demnach,« fuhr der Franzose fort – »den Admiral Persano wohl hindern, sich der Festung zu nähern und den treu gebliebenen Teil Ihrer Marine aus dem Hafen zu holen, aber ich kann ihm nicht wehren, Ihre Schiffe anzugreifen, wenn sie den Hafen der Festung verlassen.«

»Wir müssen das Gott überlassen!«

»Er selbst wird es durch jene Wolken verhindern. In drei oder vier Stunden werden wir einen tüchtigen Sturm haben, der – wenigstens neapolitanischen Schiffen – das Wagnis verwehrt. Trotzdem wird sowohl vom Lande aus, wie von der See die Aufmerksamkeit Ihrer Feinde auf das Auslaufen Ihrer Schiffe gerichtet bleiben. Was, Madame, hindert Sie, diese Aufmerksamkeit nach der See und die Gunst des Unwetters zu einem Angriff auf der Landseite zu benutzen, der vielleicht« – er zögerte einige Augenblicke, dann fuhr er leise fort – »mit einem Schlage dem ganzen Krieg eine andere Wendung geben könnte!«

Die Königin war aufgesprungen und hatte den Arm des alten Offiziers gefaßt.

»Mein Herr – ich weiß, Sie sind ein treuer Legitimist!«

Eine tiefe Röte flog über das wettergebräunte Gesicht des alten Seemanns in der Erinnerung, wem er jetzt diente. »Madame,« sagte er – »die Mitglieder der Familie Barbier dienen seit Jahrhunderten der Krone Frankreichs!«

Die deutsche Fürstin erwiderte nichts auf die ausweichende Antwort. »Ihre alten Könige waren die Bourbons – hier steht der letzte Bourbon, der um seinen Thron kämpft. Bei den alten Traditionen Ihrer Familie beschwöre ich Sie, mir eine Frage zu beantworten.«

Der Seemann verbeugte sich. »Wenn es in meiner Macht steht!«

»Wohlan – können Sie mich vergewissern, ob jener Mann – jener ehrgeizige Usurpator Italiens, der sein eigenes Geburtsland verkauft hat, um sich König von Italien nennen zu können, noch im Lager Cialdinis ist?«

»Ich werde die Ehre haben, morgen früh um zehn Uhr von Seiner Majestät dem König Victor Emanuel in der Villa Albano empfangen zu werden.«

Der König und die Königin wechselten bei diesen Worten einen raschen Blick, den der Seemann nicht zu bemerken schien. »Darf ich Ihro Majestäten jetzt meine gehorsamste Empfehlung zu Füßen legen?«

»Gehen Sie mit Gott, Herr Admiral,« sagte die königliche Frau, ihm die Hand zum Kuß reichend, »und wiederholen Sie in Ihrem Rapport dem Kaiser, Ihrem Gebieter, unsere besten Wünsche für sein Wohlergehen. Möge er nie ein Gaëta haben! – Sieh, wir haben Glück, Franz, denn indem uns ein aufrichtiger, wenn auch stiller Freund verläßt, schickt uns der Himmel gleich einen andern, und gerade den, den wir in diesem Augenblick herbeiwünschen.«

Indem sie den Admiral und seine Begleiter huldvoll zum Abschied grüßte, wandte sie sich gegen die andere Seite des Aufgangs, wo von dem Turm herab ein Offizier in Generals-Uniform mit einer Ordonnanz herbeikam.

Es war ein stattlicher Mann von imponierendem Aussehen, mit braunem, markiertem Gesicht und stolzer Miene, eine jener männlichen Schönheiten, denen trotz ihres halbwilden Charakters doch die Herzen der Weiber und die Sympathien des Volkes sich zuneigen. Zwischen den dunklen, buschigen Brauen lag jener eigentümliche Zug eingeschnitten, von dem die Volksmeinung behauptet, daß er einen gewaltsamen Tod verkündet.

Ein solches Schicksal wäre freilich bei dem Stand und bei dem Charakter dieses Mannes sehr natürlich gewesen. Es war der General Bosco.

Der General Bosco war die Hoffnung des Königs, der Abgott der Soldaten gewesen, – er war es noch immer, trotzdem seine Anwesenheit in Gaëta nicht hielt, was seine Vergangenheit versprochen hatte.

Es mußte etwas von hoher Wichtigkeit sein, was die Königin mit ihm und dem Könige verhandelte, denn der General hörte aufmerksam zu, schien anfangs einige Einwürfe zu erheben, aber dann von dem Feuereifer der Königin fortgerissen, mit voller Energie auf den Vorschlag einzugehen.

Die beiden Prinzen waren mit den anderen Begleitern zurückgetreten – jetzt aber winkte die Königin selbst sie zu ihrer Unterredung herbei, die bisher ziemlich leise geführt worden war, von der man aber jetzt lautere Bruchstücke vernahm.

»Es ist am besten,« bemerkte der König Franz laut, »wir begeben uns sogleich nach dem Gouvernementshaus und versammeln den Kriegsrat. Schumacher, Riedmann, Ussani müssen sogleich benachrichtigt werden.«

»Und warum erst diese Form?« rief die Königin heftig. »Sind Euer Majestät nicht oberster Kriegsherr und können Ihre Befehle erteilen? Wenn wir die Sache einer langen Beratung unterwerfen, wird es kaum möglich sein, das Unternehmen verborgen zu halten.«

»Sire,« sagte der General – »Ihre Majestät haben recht. Nur Schnelle und Verschwiegenheit können das Unternehmen gelingen lassen; als der Oberbefehlshaber Ihrer Truppen nehme ich das Recht in Anspruch, die Expedition zu leiten.«

»Und ich verlange dabei zu sein!« rief Trani.

»Euer Königliche Hoheit werden sich entschließen müssen, meinen Anordnungen Folge zu leisten. – Ich bitte Euer Majestät um Ihre Genehmigung.«

Die Augen der Königin hingen besorgt an den Lippen ihres Gemahls, dessen Neigung zum Zaudern und große Unentschlossenheit sie kannte und mit aller Kraft und nicht ohne Erfolg bekämpfte, seit er nicht mehr unter dem Einfluß seiner Stiefmutter stand. Eine leichte Röte überzog das Antlitz des jungen Monarchen, während er mit einer gewissen Verlegenheit rechts und links die Blicke umherstreifen ließ. Endlich nahm er sich mit Gewalt zusammen und sagte: »Wenn Sie denn auf der alleinigen Ausführung bestehen, General – gut – ich lege die Sache in Ihre Hand. Aber ich verbiete dir, Ludovico, ohne meine besondere Erlaubnis dich den Truppen anzuschließen.«

»Seine Königliche Majestät wird die Reserve kommandieren!« sagte mit bestimmtem Ton der General.

»Und haben Sie bereits einen Plan?«

»Sie werden ihn sogleich vernehmen, Sire. Erlauben Sie, daß ich einige Befehle erteile, denn dieser Punkt hier eignet sich vortrefflich, um die nötigen Dispositionen auszugeben.«

»Welche Truppen bestimmen Sie zu dem Unternehmen?« fragte die Königin.

»Mit Seiner Majestät Erlaubnis werde ich sie aus den Jägern, den Fremden-Bataillonen und der Artillerie zusammenstellen. Es wäre unrecht, eines der braven Korps zurückzusetzen. – Hierher, Ordonnanz, und he – ihr beide dort –. tretet näher – Verzeihung, Majestät, aber ich hatte meinen Adjutanten bereits mit einem Auftrag nach der Stadt geschickt.«

»Ich bitte, über mich zu verfügen, General!« sagte der Prinz. Die Ordonnanz des Generals, und die beiden Unteroffiziere, denen der Ruf gegolten, waren heran getreten.

Der General wandte sich zu seiner Ordonnanz.

»Oberstleutnant Migy lasse ich bitten, sich sofort hier herauf zu bemühen!«

Der Sergeant salutierte, machte Kehrt und entfernte sich.

»Also vom zweiten Bataillon?« fragte die Königin.

»Das erste hat die Truppen zur Einschiffung gegeben, das zweite hat den Dienst in den Werken – ist also am besten bereit. Du bist von der Fremden-Batterie, wenn ich nicht irre?« wandte sich der General an den Artilleristen.

»Mein bester Bombardier,« sagte der Prinz. »Ich habe ihn wunderbare Schüsse tun sehen!«

»Verstehst du dich auf Sprengladung?«

Der Böhme lächelte. »Ich habe in Delhi die große Kaserne in die Luft gesprengt, Excellenca,« sagte er.

»Gut. Du wirst deine Kameraden am besten kennen. Mit Erlaubnis Seiner Hoheit wirst du acht der Entschlossendsten und Gewandtesten aussuchen und mit ihnen punkt acht Uhr am großen Tor des Arsenals dich einfinden. Bringe Kapitän Steiner die Order, in einer Stunde bei mir zu sein. – Korporal, du bist vom zweiten Bataillon?«

»Zu Befehl, Excellenca!«

»Dein Kapitän?«

»Graf Christen!«

»Ich kenne ihn als einen unerschrockenen Mann. Die Offiziere der Kompagnie?«

»Leutnant Mericourt, Leutnant Max!«

»Max – Max! Das ist ja wohl der junge Deutsche, der kürzlich zum Offizier ernannt wurde?«

»Ich glaube,« sagte rasch die Königin, »Sie können ihm vertrauen!«

»Für diese Seite wäre demnach gesorgt. Major Simonetti soll die Kolonne führen. Suche sofort den Major aus, mein Sohn, und führe ihn hierher. Rasch!«

Toni, der Korporal, entfernte sich. Im Vorübergehen nickte er seiner Schwester zu. »Bleibst hier, Kathi?«

»Denk wohl!«

»Schau, dann sprech' i dich wohl noch!«

Er eilte davon.

»Darf ich fragen, General,« sagte die Königin, »was Sie beabsichtigen? – Reich mir ein Glas, Kathi!«

Die Milchschwester und Lieblingsdienerin der Königin trat herbei und reichte ihr den Stecher, dessen Etui sie an einem Riemen um die Brust geschlungen trug.

»Euer Majestät haben mir gesagt die Villa Albano?«

»So sagte der Admiral!«

»Aber ob er die Nacht dort zubringen wird?«

Die Königin zuckte die Achseln.

»Das Haupt-Quartier Cialdinis befindet sich in der Villa Reale in Mola – und das wäre zu weit zu einer Expedition – wir würden abgeschnitten werden. Aber – man muß das zugestehen – er ist ein tapferer Mann und liebt es, dem Gegner ins Auge zu sehen. So wäre es nicht unwahrscheinlich, daß er in dem Borgo bleiben wird, um morgen in der Frühe bei der Eröffnung des Bombardements zur Hand zu sein. Er liebt es, in der Mitte der Soldaten zu sein.«

»Aber die Villa Albano befindet sich am Ende der Vorstadt und es läßt sich nicht annehmen, daß unsere Tapfern unentdeckt auch nur den vierten Teil der Straße passieren werden.«

Der General lächelte. »Man hat mir vorgeworfen, daß ich wohl ein tapferer Soldat, aber kein Taktiker sei, sonst hätte ich mich nicht nach Milazzo geworfen. Es mag sein – aber ich denke diesmal zu beweisen, daß mir auch die Gesetze der Taktik nicht ganz fremd sind. Euer Majestät können von hier aus die Terrasse des Monte-Agatha erkennen?«

Die Königin hatte ihr Glas dahin gewendet – die letzten Strahlen der sinkenden Sonne vergoldeten die Ruinen des Klosters auf der Höhe des Berges.

»Unsere Geschütze reichen leider nicht bis dahin,« sagte sie. »Es ist ein schwerer Nachteil für uns, daß wir so schlecht mit gezogenen Kanonen versehen sind, während der Feind mit ihnen aus unerreichbarer Ferne uns seine eisernen Grüße in die Stadt schickt.« Unter den 345 Geschützen, von denen Gaëta auf der Land- und Seeseite verteidigt war, befanden sich nur vier gezogene Stücke.

»Eben deshalb, Majestät, beabsichtige ich nach dem Sprichwort zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, oder wenigstens, wenn uns das eine Ziel entgehen sollte, einen anderen Erfolg zu erreichen.«

»Sie wollen doch nicht St. Agatha angreifen?«

»Das eben ist mein Plan. Euer Majestät Glas wird Ihnen zeigen, daß der Feind dort mit Arbeiten beschäftigt ist. Er baut auf dem Abhang des Klosters zwei Batterien und wie ein Mann, der sich unter der Maske eines Fischers vor einer Stunde glücklich in die Festung geschlichen hat, berichtet, sollen diese Batterien in dieser Nacht mit acht gezogenen Zwölfpfündern armiert werden. Euer Majestät sehen demnach, daß, wenn es uns gelingt, diese Arbeiten zu zerstören oder mindestens auszuhalten, schon dies ein großer Vorteil sein würde. Außerdem …«

»Nun?«

»Außerdem liegt der Monte Agatha jenseits der Villa Albano, kaum tausend Schritt vom Ufer. Es wird uns demnach leicht sein, den Weg am Ufer entlang abzusperren.«

»Aber wie wird es möglich sein, St. Agatha zu erreichen? Sie sehen mit bloßem Auge, daß die Batterien des Monte Atratina und dahinter die des Capuccini den Weg versperren.«

»Eben deshalb, Majestät, erstieg ich sofort nach dem Erhalten jener Nachricht den Orlando-Turm, um das Terrain zu rekognoszieren. Der Plan Ihrer Majestät hat sich nur mit dem meinen gekreuzt und ich brauche die beiden nur zu vereinigen.«

»Ich begreife noch immer nicht, wie Sie es möglich machen wollen.«

»Ich habe meinen Adjutanten bereits in die Stadt gesandt, um Herrn von Salvy aufzusuchen.«

»Ach – meine tapfern Franzosen vom ›Protis‹!«

»Denselben, Majestät, der, wie ich gehört, in der Nacht des 14. November mit den vier im Hafen liegenden Handelsdampfern die piemontesische Fregatte überfallen wollte.«

»Ich erinnere mich dessen – es war eine furchtbare Gewitternacht, und Del Re verbot es?«

»Eben deshalb habe ich mir erlaubt, den Herrn Marine-Minister nicht erst um Erlaubnis zu fragen, sondern mich mit Kapitän Salvy direkt in Verbindung zu setzen!«

»Aber, Signor Generale,« sagte der König – »ich muß Sie, abgesehen davon, daß das heraufziehende Unwetter ohnehin jede Expedition zur See verhindern wird, von einem Umstande in Kenntnis setzen, den wir leider selbst erst jetzt erfahren haben. Die Instruktionen des Herrn Barbier gebieten ihm, uns auf den Hafen zu beschränken. Er will das Auslaufen unserer Schiffe so wenig dulden, als die Annäherung der sardinischen Flotte. Deshalb müssen wir die Expedition nach Calabrien aufgeben.«

Der General lächelte. »Der Herr Admiral bewacht den Hafen,« sagte er – »aber ich denke ihn nicht zu inkommodieren. Wir haben zwischen den Klippen der Bastion della Trinita eine genügende Anzahl von Fischerbarken!«

»Aber was wollen Sie damit?«

»Zwei Kompagnien des Fremden-Bataillons im Schutz der Dunkelheit an der westlichen Küste entlang bis an die Shiappa schaffen. Von dort sollen sie sich im Rücken des Monte Capuccini nach dem Agatha durchschleichen und im gegebenen Augenblick, wenn die Jäger das Borgo angreifen, die Batterie überfallen.«

»Ah,« rief die Königin – »der Plan ist kühn, aber vortrefflich. Was sagst du dazu, Alfons?«

»Ich würde ihn billigen, wenn ich dabei wäre!« erwiderte der Prinz. »Und wem geben Sie das Kommando? – denn ich hoffe, daß Sie nicht etwa daran denken, sich selbst zu exponieren.«

»Oberstleutnant Migy mit einer schweizer und einer französischen Kompagnie ist zu dem Unternehmen bestimmt. Offiziere und Soldaten erfahren erst im Augenblick der Abfahrt, um was es sich handelt. Die Schweizer unter Kapitän Steiner werden den Strand besetzen und Albano absperren – die Franzosen St. Agatha überfallen.«

»Und ich?«

»Sie, Königliche Hoheit, werden mit 500 Mann die Reserve bilden und am Monte Secco Stellung nehmen, um Major Simonetti zu unterstützen, oder die beiden Trupps aufzunehmen. Ah – lupus in fabula – da kommt mein Bote bereits mit dem Major!«

Der Jäger Toni war nach der Meldung zurückgetreten zu seiner Schwester.

»Schau, Kathi, i glaub, es gibt heut' abend was und i freu mich, daß i dabei bin! Unsre Kompagnie und der junge gnädige Herr a!«

»Willst schweigen, Toni – weißt, daß er nur der Herr Max ist und niemand anders nit. Du wirst di sicher noch a mal verplauschen und gar gegen den wüsten Dalk, den Ohm! Hören tust' nit, und es wird sicher noch dein Unglück sein, der schlimme Umgang. Gut's kannst nit bei ihm lernen!«

»'s ist so schlimm nit, Kathi,« lachte der junge Mann, »un i müßt halt kein gelernter Jagger sein, wenn er mich über'n Weg holen sollt. Und unser Verwandter ist's doch halt a mal! Aber sag', Kathi, hast d'nit gehört, was 's gibt?«

»A Überfall, weißt, 's muß a hohe Perschon dorten sein, i hab' was tuscheln hören davon und von Schiffen haben's auch sprochen. Nehm di halt in acht, Toni, für dei' Leben!«

»Mein Leben g'hört der Königin Majestät!«

»Dös is schon recht, und i wollt um aller Welt willen nit a Bruder haben, der ka Schneid hat und nit raufen will. Aber ma kann's doch mit Verstand tun und i bitt' di, hab' a Aug auf den jungen Herrn, denn i mein halt immer, er sucht den Tod, und i weiß, es würd ihr groß Herzeleid tun, wenn sie a ka'n Blick ihm gönnt. Und nu behüt di Gott, Toni, und die heil'ge Veronl, und wenn i di glücklich wiederschau, will i deinem Schutzpatron a Kerz weihen eine Elle hoch.«

Sie drückte dem Bruder eilig die Hand und näherte sich ihrer Gebieterin, die sich zum Verlassen des Platzes anschickte.

Die Sonne war untergegangen mit einem eigentümlichen fahlen Schimmer. Über das Meer her kam es wie ein Schnauben und Stöhnen und die Wolken im Süden hatten sich zu einer dunklen Bank zusammengezogen, die weiter und weiter stieg. Bis zur Höhe herauf hörte man das Kreischen der Möven, die ängstlich über die mit leichtem Schaum bedeckten Wogen strichen.

Die Königin zog den kurzen Reitermantel fester um ihre Gestalt. »Der Herr Admiral hatte recht,« sagte sie, nach dem Horizont deutend. »Sehen Sie, dort wetterleuchtet es – ich bitte Sie, Exzellenz – seien Sie vorsichtig! Die Brandung ist jenseits der Transilvania heftig und die Küste steiler Fels. Wir dürfen nicht leichtsinnig das Leben tapferer Männer in Gefahr bringen.«

Der General verbeugte sich. »Wer für den König und das Recht stirbt, Majestät, erwirbt die Krone Gottes, gleichviel ob er in den Wellen sein Grab findet, oder unter den Kugeln der Piemontesen!«


An der südwestlichen Ecke jenes eigentümlich gestalteten Vorgebirges, welches die Festung Gaëta bildet, die schroff hinaus tritt ins Meer, verbinden sich die Wälle der Bastion della Transilvania mit dem Gestein zu einer Felsenmauer, die jede Landung auf dieser Seite unmöglich macht. Die unzugänglichen Werke ziehen sich eine kurze Strecke an den Windungen des Ufers entlang, bis das hohe Festungsterrain von der zu nur 60 Fuß Höhe über der Meeresfläche niedersinkenden Ebene absperrend, quer hinüber zum andern Ufer laufen. In jenem Teil der Befestigungswerke zwischen der Bastion della Trinita und der Bastion di Secco befindet sich eine kurze, vor dem Anprall der Wogen und dem Ungestüm der Winde völlig geschützte Einbuchtung.

Hier war es, wo die Fischerbarken lagen, die zum heimlichen Transport der kühnen Schar bestimmt waren, und die ihren Weg zwischen den Posten und Batterien der Belagerer suchen sollten.

Die Zahl der Barken betrug sechs – jede von ihnen sollte 20 bis 30 Mann aufnehmen, die dann freilich so gedrängt die Boote füllten, daß die Schiffer selbst kaum Platz zum Steuern fanden. Um Raum zu ersparen, war angeordnet worden, daß die Soldaten beim Rudern helfen und sich darin abwechseln sollten, denn man durfte es nicht wagen, Segel aufzuhissen, aus Furcht, von den Posten der Belagerer bemerkt zu werden.

Nach 8 Uhr sollte die kleine Expedition in See stechen; man rechnete eine Stunde zur Fahrt, zwei zu dem schwierigen Landweg durch die Berge, der Umgebung des Monte Capuccini und dem Versteck, bis das Aufsteigen einer blauen Rakete von der überall sichtbaren Höhe des Orlando-Turms den Ausbruch der andern Abteilung der Expedition gegen den Borgo verkünden würde.

Der Abend war überaus dunkel und kalt, die Voraussagung des französischen Admirals hatte sich erfüllt und die Wolkenbank, welche sich bei dem Untergang der Sonne im Westen erhoben hatte, überzog bereits das ganze Firmament und ließ auch nicht das Licht eines Sternes durchschimmern. Der Wind verstärkte sich von Minute zu Minute, trieb stoßweise scharfe Schloßenschauer über Wasser und Land, und wenn auch die elektrische Schwängerung der Luft sich vorerst nur durch das ferne Wetterleuchten bemerklich machte, so wußten die erfahrenen Küstenschiffer doch sehr wohl, daß es kaum eine Stunde dauern würde, bis der Wind zum Sturm anschwellen und dann bis Mitternacht seine Heftigkeit in einer Weise steigern würde, die jede Fahrt am Ufer entlang unmöglich machen mußte.

Schon jetzt begannen sie zu murren über den Verzug, und nur den sechs Matrosen, die Herr von Salvy von seinem früheren Schiff »Protis« mit hinüber genommen in den Dienst der neapolitanischen Marine und die er in die Barken verteilt hatte, war es zu danken, daß ein offener Ausdruck des Mißvergnügens zurückgehalten wurde, denn es waren Männer von einem entschlossenen Aussehen, dem nicht zu trauen war.

Aber auch der Schiffsleutnant selbst ging ungeduldig innerhalb des Walles hin und her und trat wiederholt zu der Gruppe der höheren Offiziere, die an der Treppe standen, welche zu dem Ufer hinab führte.

»Wenn die Herren nicht kommen, Exzellenz,« sagte er endlich, so müssen Sie entweder die Abfahrt befehlen, oder die ganze Expedition aufgeben. Ich stehe für nichts mehr!«

Es war der General Bosco selbst, den er angeredet, der mit dem Obersten Grafen Garofalo, der diesen Teil der Küstenforts kommandierte, und mit einigen anderen Offizieren der Abfahrt beiwohnte.

Der General strich sich unwillig den Schnurrbart. »Es sind Ihre Landsleute, Herr Leutnant,« sagte er. »Diese vornehmen Herren glauben für die Ehre, der Verteidigung ihre aristokratischen Namen geliehen zu haben, sich jeder Disziplin überheben zu dürfen. Ich bin in der Tat gewillt, Oberstleutnant Migy, Sie zu bitten, sich mit den Schweizer Offizieren zu behelfen, die seit einer Stunde auf ihren Posten sind, und die Mannschaften unter diese zu verteilen.«

»Es ist eine Schande!« murrte ein alter Hauptmann – »diese Stutzer aus Paris und Brüssel sind die Pest der Festung und wenn ich zu kommandieren hätte …«

»Was beliebt, Herr Kapitän?« fragte der Seeoffizier scharf, obschon er sich eben noch selbst bitter beschwert hatte. »Sie scheinen zu vergessen, daß auch ich die Ehre habe, Franzose zu sein!«

Oberstleutnant Migy legte sich rasch ins Mittel. »Keinen Streit, meine Herren! Es sind junge Kameraden, und man muß ihnen etwas zugute halten. Seine Majestät hat ausdrücklich genehmigt, daß die Herren als Volontäre die Expedition mitmachen dürfen, und – ich glaube, da sind sie endlich!«

Ein lustiges Gelächter und der Ton lauter Stimmen, die sich wenig um das Verbot der strengsten Stille zu bekümmern schienen, klang von den Bastionen her.

Eine Gesellschaft von sechs oder acht Offizieren wurde im Licht der im Tor schwankenden und im Innern der Wallmauern angebrachten Laternen sichtbar.

» Ventre Saint gris! wie der Ahnherr meines kleinen Bourbons zu sagen pflegte,« rief munter eine Stimme, »dieses Rattennest ist so voll Winkel und Ecken, und diese blaue italienische Nacht so pechschwarz, daß man jeden Augenblick auf die Nase fallen kann. He, Pozzo di Borgo, wo stecken Sie?«

»Hier, Graf! Hol der Teufel den Champagner!«

»Ich bin der Edle von Saint Bris!« sang der etwas unsicher auf den Füßen stehende Inhaber der ersten Stimme. »Heraus mit den Schwertern und kreuzt sie zum Verschwörungschor! Wenn ich diesen Herrn Cialdini erwische, schneid ich ihm die Ohren ab, weil er uns bei so schandbarem Wetter von der kleinen Lucia fortgetrieben hat!«

»Schade, daß das Kloster von St. Agatha keine Nonnen mehr birgt – wir könnten bei ihnen soupieren!«

»Und sicher besser, als in diesem Hundenest! – Zum Henker, Gauthier, seien Sie nicht so stumm und kalt, als hätte Ihnen ein altes Weib prophezeit, daß eine Kugel sie heute nacht treffen müßte. Kaum zwei Gläser haben Sie getrunken – ich hab Ihnen auf den Durst gepaßt, Sie Duckmäuser!«

»Ich habe den Dienst, Herr Graf, und den vernachlässige ich nie!« Der Halbtrunkene war stehen geblieben. »Beim heiligen Napoleon, sticheln sie auf uns? Glauben Sie, daß wir in einem solchen Wetter uns bloß zum Vergnügen den Schnupfen holen wollen? – Wenn sich ein St. Brie für die Maccaroni-Majestät töten lassen soll, will er wenigstens noch eine lustige Stunde vorher haben! Um so mehr, da uns Signor Bosco, der große Held von Milazzo, vorher mit Seewasser abspülen will!«

»Kapitän Gauthier!«

»Hier! – Ah – der General …«

»Sie sind der kommandierende Offizier?«

»Zu Befehl, Exzellenz!«

»Dann bitte ich Sie, den Herrn Grafen und Ihre andern Freunde auf meine Anwesenheit aufmerksam zu machen. Ohnehin verdienen Sie einen ernsten Verweis, daß Sie so lange die Abfahrt durch Ihr Ausbleiben verzögert haben!«

Der Offizier ertrug schweigend den Vorwurf.

»Wer kommandiert den zweiten Zug?«

»Marquis de la Chesnaye!«

»Ich kenne hier keinen Marquis, sondern nur den Leutnant Chesnaye. Die Boote warten auf Sie – nur wünschte ich in Gegenwart dieser Herren die Order zu wiederholen, die ich bereits Oberstleutnant Migy gegeben habe.«

Der Ton des Generals war so ernst und fest, daß selbst die übermütige Champagnerlaune der französischen Kavaliere schwieg.

»Meine Order ist,« fuhr der General fort, »daß der kommandierende Offizier des Bootes ohne jede Zögerung den Mann tötet und über Bord wirft, der durch sein Verhalten und seine Unvorsichtigkeit die Entdeckung der Expedition befürchten läßt. Es versteht sich von selbst, Oberstleutnant Migy, daß Sie in gleicher Weise über die Herren Offiziere Ihrer Expedition selbst zu wachen haben. Nur die strengste Vorsicht kann sie gelingen machen. Und nun, meine Herren, ist alles bereit?«

»Zu Befehl, Excellenza!«

»Die beiden Führer sind in den Booten?«

»In meinem eigenen!«

»Und die Artilleristen sind mit allem Nötigen zur Vernagelung der Geschütze versehen?«

»Alles in Ordnung!«

»Dann an Ihre Plätze, meine Herren, und Gott und die heilige Jungfrau möge Sie in ihren Schutz nehmen. Merken Sie auf die Rakete!«

Es folgte eine kurze Bewegung in der dunklen Gruppe. Die vier französischen Offiziere reichten ihren Freunden, die ihnen das Geleit gegeben, die Hand.

» Au revoir, Méricourt,« flüsterte der Graf St. Bris – »sollten Sie mehr Glück haben als ich, so wissen Sie, daß ich Ihnen mein kleines Logis in der Avenue Hortense vermacht habe!«

Der junge Legitimist sprang die Stufen hinab.

Der Baron Laroche folgte ihm, Kapitän Gauthier und Herr von Chesnaye saßen bereits an ihren Plätzen.

»Fertig?« fragte der Seeoffizier.

»Fertig, Signore!«

»Dann abgestoßen!«

Die Barke des Schiffsleutnant Salvy war die erste, welche, von kräftigen Armen getrieben, hinausschoß aus der Mündung der Buchtung und durch die hier unverhältnismäßig ruhige Brandung.

Der muntere Kavalier, der als Freiwilliger die Expedition begleitete und neben dem Kapitän Gauthier saß, bemerkte, daß sein junger Kamerad aus dem Ledergürtel seines Säbels einen kleinen, länglichen Gegenstand zog und auf seiner Hand probierte.

»Was haben Sie da, Kamerad?«

»Mein Mailänder Stilet – ich kaufte es bei unserem Einzug zwei Tage vor Magenta! – ich probiere, ob die Spitze noch gut ist.«

»Wozu?«

»Für jeden, lieber Graf, der von jetzt ab ein zu lautes Wort spricht!«

Das Donnern der Brandung, die weiterhin an der steilen Küste tobte, übertönte die Antwort.

Gleich finstern Schatten glitten die sechs Barken über die unruhig wogende Fläche – nur in dem flüchtigen Schein des sich verstärkenden Wetterleuchtens vermochten die einzelnen Fahrzeuge einander zu sehen und die Linie des führenden Bootes zu halten.

Kapitän Salvy, der Marineleutnant, wandte sich zu dem Manne an seinem Steuer.

»Zwei Striche West, Sylvain,« sagte er – »wir müssen auf alle Fälle aus dem Bereich des Ausgucks ihrer Posten, obschon die Augen einer piemontesischen Landratte sicher aus zwanzig Faden einen Stein nicht von einem Boot unterscheiden werden.«

»All recht, Kap'tän!« – – – – – – – – – –


Die Vorbereitungen zum Ausfall waren in aller Stille getroffen worden, um jeden Verrat zu verhindern. Nach völliger Dunkelheit war Befehl gegeben worden, die zur Expedition nach Kalabrien bestimmt gewesenen Mannschaften wieder auszuschiffen, und dies war nicht ohne Unfall geschehen, denn da das Meer bereits sehr unruhig war, schlug eines der Boote um und sieben Mann ertranken.

Selbst von den oberen Offizieren wußten nur wenige, um was es sich eigentlich handle. Nur der Befehl, der an die beiden französischen Offiziere gekommen war, sich mit ihrer Kompagnie zu einer Expedition bereit zu halten und die Leute ohne Aufsehen in der Transilvania zu versammeln, hatte die anderen französischen und belgischen Freiwilligen veranlaßt, um die Erlaubnis zur Teilnahme nachzusuchen – doch nur zwei hatten sie erhalten, und in dem munteren Kreise, der sich in der Restauration »Kolonie« zu versammeln pflegte, wo einiger Verkehr für gut gespickte Börsen herrschte, hatte das Los für den Grafen von Saint Bris und den einen Laroche entschieden.

Es war jedoch nicht zu verhindern gewesen, daß sich das unbestimmte Gerücht von einer Unternehmung verbreitete. Auf den wenigen Plätzen der Stadt, an den Zugängen der Werke und der Kasernen versammelten sich trotz der unangenehmen Witterung Gruppen von Einwohnern und Soldaten, und steckten flüsternd die Köpfe zusammen oder fragten einander, was geschehen solle.

Die Posten auf den Wällen und am Hafen waren verstärkt – niemand durfte über bestimmte Linien hinaus passieren.

Es war zehn Uhr vorüber, als sich in der Zitadelle und an der Bastion d'Assia eine stärkere Bewegung bemerklich machte. Ein Trupp Artilleristen kam etwas unordentlich marschierend von der Rückseite des Monte Orlando her, wo sich die Pulvermagazine befanden. Die acht Männer, an deren Spitze sich ein Offizier befand und zu denen auch der Böhme gehörte, trugen Regenmäntel und unter diesen einen größeren Gegenstand, den die Mäntel jedoch verbargen. Sie machten an der Kathedrale Halt, der Offizier befahl ihnen, hier zu warten und verließ sie, nach dem er die Aufsicht dem Unteroffizier übertragen hatte.

Dieser schien sehr unruhig und ärgerlich und die wiederholten Blicke nach allen Seiten, das genaue Aufmerken auf die Vorübergehenden bewiesen, daß er jemand erwarte, während seine Leute ihre Last auf den Boden in den Schatten des Portals der Kirche niedergesetzt hatten.

Endlich kam ein munterer Schritt die Straße herauf und ein leichtherziger Jodler klang durch das leichte Klirren der Waffen, das zwischen den rauhen Windstößen von verschiedenen Seiten her tönte.

»Toni?«

»Ah, Ohm – seid Oes? – Ich dacht halt, Ihr wärt schon am Tor, denn ich sucht Euch vergebens an der Zitadell, wo Ihr mich hinbestellt.«

»Schon gut, wir mußten eher abmarschieren und es kann gleich weitere Order kommen. Einstweilen hat uns dein guter Freund, der Herr Maximilian, oder wie er sonst heißt, hier warten heißen. Hast du die Kathi gesprochen?«

»I hab halt Abschied von ihr g'nommen. Gott und die Heili wissen's am besten, ob wir zurückkommen!«

»Es ist also was Großes, ich dacht mir's wegen des Sprengens und wegen des Pulvers. Aber weißt du näheres?«

»Die Herren Offiziere werden's uns schon sagen, was wir zu tun haben.«

»Narr, die nehmen die Ehre für sich und lassen uns die Gefahr. Unsereins kann viel tun, wenn er genau weiß, um was sich's eigentlich handelt. Man hat einen besondern Plan, die Kathi muß es wissen, denn sie hört die Königin von allem reden.«

»Aber sie plauscht nit, selbst nit mit mir. Nur das hab' i erfahren, daß wir weit vor sollen, womöglich über die Vorstadt hinaus, und daß sich's um einen vornehmen Herrn handelt!«

»Bei Mahomed! – am Ende den General – aber nein, das ist unmöglich, die Villa Reale ist zu weit.«

»Ich glaub', 's ist was Vornehmeres noch als ein General. Wir sollen Hilf' erhalten aus den Bergen her – die Kathi schwätzt ganz geheimnisvoll vom End' des Kriegs und hat der heiligen Mutter Gottes von Plein ein goldnes Herz'l gelobt, wenn's gut geht.«

»Hast du mir die Taube gebracht?«

»Ihr seid närrisch, Ohm! Was tut Oes mit dem Vogel, wenn's heißt, eben gegen den Feind gehen!«

»Was kümmert's dich! – Ich hab sie für einen schwer Kranken, der im Lazarett ist und Stärkung braucht, der Schwester Renata verkauft und will nicht als Lügner angesehen werden, wenn mich vielleicht eine Kugel trifft. Hast du die Taube?«

»Freili hab' i. Wenn i was zusag, tu ich's halten. Aber närrisch bleibt's doch, daß Ihr mich den Abend noch hinaufsprengt zu dem alten Gemäuer, bloß um Eure Tauben im Schlag einzusperren und eine heraus zu greifen.«

»Du wirst doch nicht eine nach Belieben gegriffen haben? Du solltest doch die aus dem Korb zur Linken nehmen. Hätte mich der Dienst nicht ins Arsenal gebannt, wär ich selbst gegangen.«

»I hab' schon die rechte. Das Viehzeug ist alles besorgt, aber i hätt' mir schwerlich die Müh' mit gegeben, wenn unsere Majestät nit selber gar so ein Plaisier dran hätt'.« Er holte die kräftig mit den Flügeln schlagende Taube unter seinem Kapotrock hervor.

»Einen Augenblick, ich bin gleich wieder hier.«

Der Feuerwerker trat um den Vorsprung der Kirche, wo er von seinen Leuten nicht beobachtet werden konnte. Der Jäger Toni bemerkte von dort einen schwachen Lichtschein, wie das Aufblitzen eines Schwefelholzes.

Nach einigen Minuten kam der Böhme zurück und nahm ihm die Taube ab, die er dem Anschein nach hin und her wandte, als betrachte er sie genau, wobei er wiederholt die Schwanzfedern auseinanderstrich.

»Du hast doch die rechte nicht gebracht, oder vielmehr ich hab' mich geirrt, Toni,« sagte er endlich – »und es wäre schade um diese! Ich will morgen eine fettere in die Lazarettküche schicken.«

Ein eiliger, klingender Schritt kam heran.

»Still – der neugebackene Leutnant kommt! – So, mein Tier – such dir selber das Nest wieder auf!«

Er warf die Taube in die Luft, während der Offizier, der vorhin den kleinen Trupp angeführt, eilig herbeikam.

»Was geschieht da?«

»Was soll denn geschehen, Herr Leutnant! Eines von meinen Täubchen hat sich verirrt, und ich sende es zurück nach seinem Nest. Das ist doch hoffentlich kein Vergehen gegen das Dienstreglement?«

In Ton und Worten lag ein gewisser Hohn, doch schien der Offizier dies nicht zu bemerken. Er begnügte sich zu sagen: »Erinnern Sie sich, daß niemand ohne Erlaubnis die Stadt verlassen darf, selbst eine Taube nicht!«

Der Böhme erblaßte leicht unter dem festen und ernsten Blick des Offiziers. Dieser war von hoher, schlanker Gestalt, mit breiten Schultern, seine Hände und Füße schienen auffallend klein zu sein.

Es lag etwas Ernstes, Festes in der ganzen Erscheinung, obschon er höchstens 27 Jahre zählen konnte. Das Gesicht war wohlgebildet, die Farbe aber von einer gewissen Blässe, Nase und Stirn kräftig, das Auge blau, das Haar rötlich blond; Mund und Kinn sprachen von Kraft und festem Willen.

Obschon der Offizier kaum über die Mitte der Zwanziger hinaus war, lag eine Falte herber Erfahrung um die Mundwinkel, und zwischen den Brauen der tiefliegenden Augen eine leichte Furche.

»Wenn die Leute ausgeruht sind,« sagte er, »so können wir die Fässer wieder aufnehmen. Aber Vorsicht! Es hat doch niemand eine Zigarre angesteckt, ich sah, als ich kam, einen Lichtschein an der Kirchenwand.«

Keiner antwortete, die Artilleristen nahmen ihre Last, die aus acht kleinen Tönnchen bestand, wieder auf und unter ihre Mäntel.

»Seht, Ohm,« sagte der junge Korporal, »die Taube will nit fort!«

In der Tat schien das Tierchen vor den Windstößen, die vom Meere scharf herüberkamen, und dem Wetterleuchten sich zu fürchten. Die Taube war einige Male umhergekreist, als könne sie keine Richtung finden, und flüchtete sich dann vor dem eben niedersprühenden leichten Hagelschauer unter ein Gesims des Portals.

»Verdammtes Tier!« murmelte der Feuerwerker, bückte sich rasch, hob einen Stein auf und warf ihn nach dem Vogel.

Der Wurf mußte in die unmittelbare Nähe der Taube getroffen sein, denn sie flatterte sofort aus ihrem Versteck und schien jetzt davonfliegen zu wollen, aber im selben Augenblick knallte auch ein leichter Revolverschuß.

Es war der Offizier, welcher geschossen, aber nicht getroffen hatte, und der zu seinem Verdruß sehen mußte, daß der Knall die Taube noch mehr erschreckt hatte und sie mit raschem Flügelschlag in die Höhe stieg.

Der Feuerwerker, der bei dem Schuß anfangs zusammengefahren war, lachte jetzt hämisch auf. »Im Taubenschießen, Herr Leutnant, namentlich mit der Kugel und einem solchen Puffer muß man sehr geübt sein! Es ist übrigens gut, daß Sie nicht getroffen haben, denn meine Täubchen stehen unter ganz besonderer Protektion Ihrer Majestät der Königin, und die werden Sie doch sicher nicht betrüben wollen!«

Der Offizier biß sich auf die Lippen, zog es aber vor, keine Erklärung seines eigentlich sonderbaren Verfahrens zu geben, sondern begnügte sich, seinen Befehl zu wiederholen.

»Vorwärts, Leute, man erwartet uns. – Korporal, Sie werden gut tun, uns gleich zu begleiten, denn in einer halben Stunde tritt die Kompagnie zusammen.«

Der kleine Zug setzte sich in Bewegung und verschwand in den Eingängen der Werke. – – – – – – – – –


Die sechs Barken unter der Führung des Marineleutnants und früheren Dampferkapitäns v. Salvy hatten sich ziemlich weit hinaus auf die Reede gewendet; denn obschon man dort den Windstößen voll ausgesetzt war und die Wogen hoch gingen, war bei aufmerksamen Steuern ihnen doch leichter auszuweichen und die Gefahr geringer, als in der Nähe der Brandung.

Der Graf von Saint Bris hatte in dem Boot des Kapitän Gauthier Platz genommen. Der Graf war ein Mann von etwa fünf- bis sechsundzwanzig Jahren, das vollendete Bild eines Roués der alten Legitimistenschule, blasiert, leichtsinnig bis zum äußersten, elegant, voll aristokratischen Stolzes, aber von liebenswürdigen Manieren. Er hatte es verschmäht, unter dem Bürgerkönigtum wie unter dem Kaiserreich in die Armee zu treten, aber er war nicht zu stolz gewesen, mit der jeunesse dorée des Kaiserreichs die Reste seines Familienvermögens im Jockeiklub und den Orgien des Café anglais und des Maison dorée zu verschwenden. Als der Aufruf des päpstlichen Stuhls um Hilfe und Beistand gegen die Revolution vom Thron her durch Europa und Amerika ergangen war, hatte er sich mit vielen andern Legitimisten Frankreichs, Belgiens und Westfalens zur päpstlichen Fahne gestellt, mehr weil es Modesache war, als weil er große politische Begeisterung fühlte, und er hatte es daher auch für dankbarer gehalten, als Freiwilliger in Gaëta zu dienen, als nach der Zertrümmerung der päpstlichen Armee dem mühsamen Ding der Wiederherstellung des Heeres sich zu unterziehen.

Der Offizier an seiner Seite, der dem vornehmen Herrn soeben noch eine drohende Lektion gegeben, war – obschon nur von demselben Alter – doch ganz anders geartet.

Kapitän Emilie Gauthier war der Sohn eines jener alten Afrikaner, die noch aus der Zeit des ersten Napoleon stammend, unter dem Herzog von Orleans, Bugeaud und Cavaignac eine ernste militärische Laufbahn durchgemacht, und der es bis zum Kommandanten gebracht hatte, als ihm bei einem unglücklichen Gefecht gegen den Stamm der Beni Azub der Kopf abgeschnitten wurde.

Der junge Emile, der damals sechs Jahre zählte, fand durch die Verwendung des unglücklichen Herzogs von Orleans, wenige Wochen vor dessen Tode in der Avenue von Neuilly, Aufnahme in der Militärakademie von St. Cyr und war nach dem bald erfolgten Tode seiner Mutter von einem Oheim adoptiert worden, der als Schiffskapitän lange Zeit von Brest aus die Welt durchstreift und dann auf Guadeloupe sich niedergelassen und die einzige Tochter eines reichen Pflanzers geheiratet hatte. Der Oheim war, als der Knabe sechzehn Jahre zählte, herübergekommen, um ihn aus der Militärschule mit sich zu nehmen auf seine Pflanzung, da er keinen eignen Sohn hatte; aber Emile hatte sich standhaft geweigert, die militärische Laufbahn seines Vaterlandes zu verlassen, und so mußte sich der alte Seekapitän begnügen, ihn mit reichen Mitteln auszustatten, die ihm vollkommen erlaubten, später im Regiment mit seinen vornehmen und reichen Kameraden auf gleichem Fuß zu leben.

Der Leutnant Gauthier hatte, wie die Krimmedaille auf seiner Brust bewies, den Feldzug gegen Sebastopol mitgemacht und war in der Schlacht von Solferino so schwer verwundet worden, daß man ihn für tot hielt und nur ein Zufall verhinderte, daß er lebendig in dem großen Grab, das Freund und Feind deckte, verscharrt wurde.

Aber obschon dem Wiedergenesenen das Kreuz der Ehrenlegion und das Kapitänspatent auf seine Wunden gelegt wurde, und jeder ihm eine rasche und glänzende Karriere prophezeite, hatte er doch aus unbekannten Gründen sofort nach seiner Wiederherstellung seinen Abschied genommen.

Der Franzose hatte, wenn auch nicht äußerlich, doch in seinem Wesen eine gewisse Ähnlichkeit mit dem deutschen Fremdenoffizier, den wir vorhin erwähnten. Beide waren noch jung, und beide schienen dennoch, wenn auch vielleicht aus verschiedenen Ursachen, mit den Freuden des Lebens gebrochen zu haben, denn beide waren gleich ernst und zurückhaltend.

Kapitän Gauthier war von mittlerer Größe und dunkler Haut mit schwarzen Haaren und einem feurigen, entschlossenen Auge.

Trotz der Lektion über das Schweigen, die der Graf von seinem Nachbar erhalten hatte, konnte er es doch nicht länger bewahren, als absolut nötig schien.

»Kapitän!«

»Herr Graf?«

»Ich dächte, wir wären weit genug von der Küste entfernt, daß wir uns die langweilige Fahrt wohl etwas verkürzen könnten, ohne weiter die Trappisten zu spielen.«

»Sie vergessen, daß das Wasser den Schall weithin trägt.«

»Bah – der Ton eines leichten Gesprächs reicht nicht eine volle Lieue durch das Donnern der Brandung.«

»Dann müssen wir als Offiziere des Beispiels wegen schweigen.«

» Ventre saint gris, so entkommen Sie mir nicht. Ich habe nicht die Ehre, Offizier zu sein, die Ermahnung paßt also nicht auf mich!«

»Wohlan,« sagte der junge Kapitän, der einsah, daß er seinen Begleiter sonst nicht los würde, »wenn Sie denn einmal sprechen müssen, so tun Sie es, aber nicht so laut und nur so lange, als es ohne Gefahr geschehen kann.«

»Das will ich, und wäre es auch nur, um bei diesem höllischen Schaukeln der Barke nicht seekrank zu werden. Aber, Kapitän, ich muß Ihnen gestehen, ich habe weniger Lust, selbst zu sprechen, als Sie sprechen zu lassen.«

»Mich?«

»Jawohl, Sie – der Sie den Schweigsamen spielen, während Sie, als ich Sie vor drei Jahren in Paris kannte, und wir manche lustige Nacht zusammen verbrachten, nichts weniger als das waren. Ich wiederhole Ihnen, ich habe Sie genau beobachtet diesen Abend, obschon ich selbst den Champagner nicht schonte, und Sie haben kaum ein Glas getrunken, wenn Sie unabweislich Bescheid tun mußten.«

»Der Dienst, Graf!«

»Bah – wir hatten ihn alle vor uns, mehr oder weniger. Glauben Sie, daß – um bei uns Franzosen zu bleiben – Méricourt weniger gewissenhaft ist, als Sie?«

»Gewiß nicht, aber – ich vertrage nicht so viel als er!«

»Oh – dann müßte sich Ihre Natur gewaltig geändert haben. Sie sind Norman, glaub ich, und die haben einen starken Kopf. Ich erinnere mich, daß ich Sie Bernouillac unter den Tisch trinken sah, und der trank wie ein alter deutscher Ritter, oder wie ein Engländer, der den Spleen hat, sich in Klaret zu ersäufen.«

»Dann – ich habe es mir abgewöhnt, ich trinke nicht mehr!«

»Das ist, als wenn man sagen wollte: ich liebe nicht mehr! Teufel, was Sie sich geändert haben gegen damals! Erinnern Sie sich noch des Soupers nach dem Ball in der Oper?«

»Ich erinnere mich,« sagte der Offizier und zog den Kragen seines Kapots höher um das Gesicht, als wolle er sich vor dem Spritzwasser schützen, das in das Boot schlug.

»Sie mit Cora Pearl, die Sie an dem Abend als guter Orleanist dem großen Kriegshelden Plonplon weggefischt hatten; ich mit Metella, die Offenbach das Motiv zu einer allerliebsten Zotise gegeben hatte, die man diesen Winter in den Bouffes gibt, während wir uns auf diesem schmutzigen Wasser von Sturm und Hagel zausen lassen, und – wer war doch gleich das vierte Paar?«

Der andere gab keine Antwort.

»Richtig – Ventre saint gris – ich habe der Abende so viele gehabt, daß ich nicht gleich mich zu orientieren wußte; der arme Castellane war es, der später bei Magenta oder in einem der andern Gefechte gefallen ist, und die tolle Therese, die Chansonniere!«

Der Offizier zuckte zusammen, als habe ihn ein Schlag getroffen.

»Sie müssen sich der kleinen Bacchantin mit roten Haaren noch erinnern, die ganz Paris den Kopf verrückte, und der selbst die Fürstin Metternich, unsere Exzentrize, einen Besuch machte. Sie war ja an diesem Abend ganz rasend in Sie verliebt, daß Cora förmlich eifersüchtig wurde. – Vielleicht haben Sie sie später noch in Italien gesehen, denn Sie werden wissen, daß Seine Majestät unser allergnädigster Kaiser von Plebiscit- und Kartätschengnaden, sie zur Erholung von seinen Feldherrntaten mit zum italienischen Feldzug nahm, wie sein Vetter Plonplon Cora Pearl nach Konstantinopel!«

»Ich weiß es!«

»Nun endlich beginnen Sie aufzutauen, mein Bester! O, es war damals eine göttliche Saison in Paris. Das Gold oder vielmehr die Banknoten rollten, denn es war die Saison der großen Bankunternehmungen, bei denen ich leider meine letzten hunderttausend Franks los wurde, statt sie zu verzehnfachen. Deshalb mußte ich eben die Saison abbrechen und für zwei Jahre nach den Kolonien gehen, während Sie Glücklicher bleiben durften. Aber im Grunde – Ventre saint gris – es war dort auch nicht ganz schlecht und ich habe mich vortrefflich unterhalten, während meine alte Tante aus dem Faubourg St. Germain durch Herrn Perier meine Schulden arrangierte.«

»Sie waren in Martinique, Herr Graf?« fragte der Offizier zerstreut.

»Auf Martinique und Guadeloupe. Meine Tante, die Marquise d'Esteyrac, die ich zu beerben hoffe, wenn ich mich bis dahin bessern kann und gut bourbonisch bleibe, hat auf der ersten Insel noch einige Besitzungen.«

»Waren Sie lange auf Guadeloupe?«

»Drei Monate – also lange genug, um mich zehnmal zu verlieben, drei Duelle und einen Anfall von gelbem Fieber zu haben, und einen Messerstich von einem eifersüchtigen Mulatten zu empfangen, dessen Folgen mich zwangen, wieder in ein verständigeres Klima zurückzukehren. Abgesehen von einigen kleinen Vergiftungsversuchen, die ich nicht rechnen will.«

»Sollten Sie vielleicht dort in die Gegend von Basse-Terre gekommen sein?«

»Oh – Parbleu – der gebirgige Teil der Insel ist der Hauptplatz meiner Taten gewesen.«

»Und haben Sie dort zufällig einen Pflanzer namens Lautrec kennen gelernt?«

»Lautrec? den alten Kapitän? Wer würde denn nicht den Vater der schönen Königin von Guadeloupe kennen?«

»Der Königin von Guadeloupe?« –

»Seiner Tochter!«

»Seiner Tochter? – Der Kapitän Lautrec hat also eine Tochter?«

»Alle Donnerwetter und was für eine! Ich sage Ihnen, Herr Kapitän, obschon eine Quadrone und erst fünfzehn Jahre, ist sie in Wahrheit die Königin der Schönheiten von Guadeloupe und dazu in Gold und Juwelen gefaßt. Ventre saint gris – ich wünschte, ich könnte Ihnen die Zartheit und doch Üppigkeit dieser Formen beschreiben, oder das schmachtende Auge, das seidene Haar und die schwellenden Lippen, oder vielmehr den ganzen Eindruck. Auf meine Ehre, sie ist eine Partie eines Herzogs oder Marschalls wert und glücklich der, dem sie der alte Seebär anvertraut. Ich hätte sie auf dem Fleck geheiratet, wenn mich nur der Alte gewollt hätte. Aber der Bär hat einen ganz unsinnigen Bürgerstolz!«

Der Offizier hatte in tiefem Nachdenken dieser Extase zugehört.

»Aber um wieder auf unser Frankreich zu kommen,« – fuhr der Graf fort – »und uns an die erreichbare Wirklichkeit zu halten, was zum Teufel mag unser Louis denn mit der tollen Therese angefangen haben? Es gingen die seltsamsten Gerüchte darüber in Paris, und man erzählte sogar von einer geheimen Anwesenheit der Kaiserin in Mailand und einer imperialistischen Ohrfeige. Nur so viel ist gewiß, daß er sie nicht wieder mitgebracht hat nach Paris. Da Sie beide damals unter den Gardezuaven dienten, also immer in der Nähe des kaiserlichen Hauptquartiers waren, müssen Sie doch etwas von der Geschichte gehört haben, Sie oder der arme Castellane.«

»So viel ich vernommen, soll Mademoiselle Therese fromm geworden und in ein Kloster gegangen sein!«

Der Graf schlug ein so munteres Gelächter auf, daß der Kapitän ihm rasch die Hand auf den Mund legte und von dem nächsten Boot aus, in dem sich der Marineleutnant befand, ein unwilliger Ruf zur Vorsicht herüberkam. »Also doch wahr und wahrhaftig! Ich wollte es nicht glauben, als man mir's erzählte und beifügte, daß es aus Gram über den Tod ihres Anbeters Castellane geschehen sei! Als ob diese Person je etwas anderes geliebt hätte, als die Verschwendung und das Vergnügen! Aber Sie haben mir noch nichts von dem Tode unseres Freundes erzählt – Sie waren ja wohl dabei?«

»Ich – war – in der Nähe!«

»Dann kennen Sie also die näheren Umstände?«

»Ich kenne sie.«

»Gut – dann erzählen Sie mir. Er ist in der Schlacht von Magenta gefallen?«

»Am Tage vorher!«

»Also bei den Rekognoszierungen? Im Einzelgefecht? Zum Henker, seien Sie doch nicht so schweigsam – man muß Ihnen jedes Wort herausholen.«

»Man hat ihn tot – unweit des Hauptquartiers gefunden.«

»Erschossen?«

»Erstochen!«

»Er hat sich also überraschen lassen? Aber eigentümlich ist die Geschichte doch. Haben Sie denn keine Vermutung …«

Der Kapitän zögerte zu antworten. Er wurde dessen enthoben durch die rauhe Stimme des Marineoffiziers.

»Kapitän Gauthier, ich muß Sie an den Befehl des Generals erinnern! Die Barken steuern jetzt dem Ufer zu, und jeder unvorsichtige Laut kann das Verderben der Expedition sein.«

Der Offizier nickte schweigend Zustimmung.

»La la!« meinte leichtsinnig der junge Aristokrat – »wir haben noch Zeit, denn mich soll der Satan holen, wenn ich auch nur eine Spur von Küste sehen kann.«

Der Kapitän faßte energisch seinen Arm. »Still, Kamerad – von jetzt ab gilt nur der Dienst, und Sie kennen den Befehl!«

Die Barken waren auf der Höhe des Punktes angekommen, den Leutnant von Salvy zur Landung gewählt hatte, und die Steuerung wurde dahin gerichtet. Die Elektrizität, die die Luft erfüllte, machte die hochgehenden Wogen so stark phosphoreszieren, daß die Barken gleich riesigen schwarzen Ungetümen der Tiefe über sie dahin taumelten. In Millionen leuchtender Perlen bedeckte das Spritzwasser die Mannschaften, während die Kiele auf den Kämmen der Wogen der Brandung zuflogen, deren donnernder Schall bald darauf hörbar wurde.

Leise erging von Mund zu Mund der Befehl, die Munition und die Schlösser der Gewehre möglichst unter den Kleidern vor der Durchnässung zu schützen.

Es war ein furchtbares Wagnis, das nächtliche Anlaufen an eine brandende Felsküste. Ohne die Unterstützung jener in die verschiedenen Barken verteilten Matrosen von Protis hätten die neapolitanischen Schiffer das Wagnis nicht unternommen oder fortgesetzt.

Jeder fühlte, daß die nächste halbe Stunde über Leben oder Untergang entschied, und es brauchte daher kaum der weiteren Aufsicht der Offiziere, um das strengste Schweigen aufrecht zu erhalten. Selbst der schwere Anfall von Seekrankheit, an der viele in der letzten Stunde gelitten, war vor den Schrecken der wirklichen Gefahr verschwunden.

Unterhalb der Schiappa liegen zwei kleine Inseln oder vielmehr Eilande, und deren Schutz gegen die Außenwogen war es, auf welchen der erfahrene Seeoffizier gerechnet hatte, um an der gefährlichen Küste zu landen. Gerade die Gefährlichkeit des Unternehmens mußte sein bester Schutz sein, denn neben solcher Brandung hatten die Piemontesen sicher nicht daran gedacht, hier noch Schildwachen auszustellen.

Die Barke, in welcher sich der Marineleutnant mit dem Oberstleutnant Migy befand, bildete jetzt die Tète, – der wackere Marineoffizier hatte selbst das Steuer genommen.

Es waren Augenblicke bangen Zweifels, ob es den gewaltigen Anstrengungen der Ruderer gelingen würde, die Spitze der felsigen Vorinsel zu umfahren, oder ob der Sturm sie auf diese oder die Küste weiter hinauf werfen würde.

In dem starken Wetterleuchten konnte man jetzt gleich einem weißen beweglichen Bande den Schaumgürtel der Brandung erkennen. Links stieg aus der dunklen, wogenden See eine noch dunklere, aber unbewegliche Masse empor.

»Das ist die Stelle!« murmelte der Offizier – »jetzt, Leute, arbeitet für euer und eurer Kameraden Leben!«

Er hatte die leichte Steuerpinne mit beiden Händen gefaßt und lehnte mit der ganzen Wucht des Körpers darauf.

»Auf mit den Riemen!«

Die sechs Ruder hoben sich, auf dem Kamm einer hinter ihr herrollenden Woge flog die Barke vorwärts – jetzt – der Felsen flog am Backbord vorüber – »Eingesetzt, Leute – streicht um euer Leben!« – Die Steuerpinne hielt fest, in zwei Minuten ruderte die Barke in verhältnismäßig ruhigem Wasser.

Hochaufatmend richtet sich der ehemalige Kapitän der Protis auf und gab das Steuer einem seiner Matrosen, um nach den anderen Schiffen zu spähen.

Das zweite und dritte vermochten glücklich dasselbe Manöver auszuführen, wie die leitende Barke. – Die vierte jedoch schoß an dem entscheidenden Punkte vorüber und trieb unaufhaltsam der Felswand der Küste zu. Das von zu leichtem Holz gefertigte Steuer war unter dem gewaltigen Druck gebrochen.

Der Marineoffizier warf einen entsetzten Blick auf das dahinfliegende Fahrzeug. »Ewiger Gott, sie sind verloren, der brave, junge Kapitän mitsamt dem aristokratischen Schwätzer! In die Riemen, Jungens, und wenn sie brechen! Wir müssen zusammen mit ihnen an der Küste sein.«

Die Ruder bogen sich wie Peitschenstäbe unter den kräftigen Schlägen der Männer – kaum weniger schnell als das verlorene Fahrzeug auf den brandenden Wellen flog die Barke in paralleler Richtung dem ruhigeren Teil der etwa noch 500 Ellen entfernten Küste zu. Die anderen Barken folgten in mehr oder weniger größerem Winkel.

Jene Barke, die der unglückliche Steuermann wegen der Zersplitterung des Steuers nicht in das ruhigere Wasser zu drängen vermocht hatte, war die, welche den Kapitän Gauthier und den Grafen von Saint Bris trug.

Die furchtbare Lage und ihre Folgen waren sofort auch dem Laien deutlich erkennbar, als hätte sie ihnen der Matrose und der Fischer, dem die Barke gehörte, in Worten auseinander gesetzt.

Der letztere geberdete sich mit all jener leidenschaftlichen Heftigkeit, welche den Süditalienern schon in gewöhnlichen Lagen, viel mehr noch in dem Augenblicke der Erregung eigen ist. Er warf sich auf die Knie, rang die Hände und begann seine Schutzheiligen anzurufen. Die Franzosen starrten entsetzt auf ihn – viele beteten.

»Still – keinen Laut! Sterbt wie Männer!«

Die Worte waren fast geflüstert, aber in einem so eigentümlichen Ton, daß er trotz des Tobens des Windes und des Brausens der nahen Brandung in jedes Ohr der zitternden Mannschaft drang.

Der junge Aristokrat, der so oft mit dem Leben frivol gespielt hatte, saß bleich auf der Bank des Bootes, hielt sich fest geklammert an diese und sah mit gesträubtem Haar, aber nicht ohne eine gewisse Bewunderung zu dem Offizier auf, der sich halb erhoben hatte und mit der Linken sich auf den nächsten Ruderer stützte, während seine Rechte den funkelnden Stahl hielt, mit dem er jedem den Tod gedroht, der einen Schrei ausstoßen würde. Seine Augen funkelten gleich zwei Kohlen, wie sie bald über die kleine, dem Verderben geweihte Schar liefen, bald die mit jeder Sekunde näher kommende Gefahr maßen. Der Graf von Saint Bris war gewiß ein Mann von unbezweifeltem Mut, – er hatte es in vier Duellen bewiesen; aber zu ertrinken hier, an der öden Küste, oder an dem Gestein zerschmettert zu werden, ohne einen Ruf der Hilfe, einen Schrei des Schmerzes ausstoßen zu dürfen, machte ihn schaudern, und er bereute vielleicht, sich mit Gewalt zu der nächtlichen Expedition gedrängt zu haben.

Außer dem Offizier war in der Tat nur der bretonische Matrose, den Leutnant von Salvy dem Boote beigegeben hatte, der einzige, der seine volle Fassung und Kaltblütigkeit bewahrt hatte. Er hatte eines der Ruder ergriffen und hielt sich im Spiegel der Barke, die blauen, runden Augen fest auf die Brandung und die heranfliegende Felswand gerichtet, um womöglich eine Chance der Rettung zu erspähen. Es war ein Mann von nahe den Sechzigern, aber muskulös und kräftig, der heulende Wind, der spritzende Schaum spielten mit seinen langen, grauen Haaren und brachen sich an der entblößten Brust.

»Heiligste Jungfrau …« schrie der Fischer auf.

»Still!«

Die zurückflutende Brandung rauschte um die Barke und machte sie einen Augenblick wie auf der Spitze der Wogen halten – im starken Wetterleuchten weiß wie ein Leichentuch sich erhebend und ihre Farbe mit dem weißen Gischt der Brandung vermischend, lag die etwa 50 Fuß hohe Kalksteinmauer der Küste vor dem Fahrzeug.

» Maria santissima …«

Der gellende Angstschrei verlor sich in einem gurgelnden Laut, das warme Blut aus der durchstoßenen Kehle mischte sich mit dem kalten Schaum des Meeres – gleich zwei Wänden stürzte von rechts und links die Brandung über das unglückliche Fahrzeug, während ein furchtbarer Stoß es erschütterte und seine Planken aus ihren Fugen riß.

Aber die Kaltblütigkeit und Aufmerksamkeit des alten Matrosen war nicht ohne Frucht geblieben. Ohne einen Laut ließ er das Ruder fallen, mit dem er im entscheidenden Augenblick den Bug des Fahrzeuges zwischen Steinblöcke gerichtet hatte, und drängte mit der ganzen herkulischen Kraft seiner ausgebreiteten Arme die vor ihm Stehenden und Kauernden nach vorn. Die Spitze der Barke war nach oben gerichtet, während der Spiegel wohl drei Fuß tief lag; – drei der Soldaten waren von dem furchtbaren Stoß über Bord geschleudert und entweder an dem Gestein zerschmettert, oder von der zurückflutenden Woge in die See zurückgewirbelt worden, aber das Brüllen des Meeres, das Heulen des Windes waren zu stark gewesen, als daß auch das aufmerksamste Ohr an der Küste den Todesschrei derselben hätte vernehmen können, und überdies – gleich als wolle der Himmel das kühne Unternehmen selbst begünstigen – war in den letzten Minuten einer jener leichten Hagelschauer losgebrochen, welche dem Gewitter voran gingen.

Der Kapitän Gauthier hatte sofort die Absicht des alten Matrosen und die einzige Aussicht der Rettung begriffen. Indem er den Grafen von Saint Bris emporriß und ihn nach vorn warf, drängte er mit aller Macht nach dem Bug der Barke. Ein Krachen hinter ihnen beschleunigte diese Anstrengung – die Barke war mitten durchgebrochen, und als der Kapitän auf einen Augenblick lang zurückzuschauen versuchte, sah er, daß der heldenmütige alte Seemann, dessen Energie sie vielleicht die Rettung verdanken sollten, lautlos verschwunden war.

In den Augenblicken der höchsten Todesgefahr ist der Instinkt alles. Die Soldaten, die durch die Vorsicht ihres Offiziers ihre Gewehre am Riemen umgehängt trugen, hatten sich, fast ohne zu wissen, was sie taten, einer von dem anderen gedrängt über den Bug der Barke in das Wasser geworfen. Einer von ihnen ward dabei unter die Füße getreten und ertrank unter den fortwährend über ihn wegschlagenden Wellen.

Aber indem sie sich blindlings in das Meer stürzten mit der Aussicht, an den schroffen Felswänden zerschmettert zu werden, fanden sie Boden unter ihren Füßen.

Zwischen den Steinblöcken, zwischen die ihr zertrümmertes Fahrzeug geworfen worden, und der Küstenwand hatten die Wogen vielleicht schon seit Jahrhunderten das Geröll der bröckelnden Steine zusammengehäuft, und die Flut ragte den Mannschaften nur bis an die Brust, während der aufwärts gekehrte Bug des Bootes und die Felsblöcke hinter ihnen den Anprall der Wogen schwächten, der sie sonst ohne Zweifel niedergeworfen hätte.

Kaum empfand der Kapitän, daß Aussicht auf Rettung der übrig gebliebenen Mannschaft vorhanden war, als er auch sofort mit Energie die nötigen Maßregeln traf. Mehr mit Stoßen und Schieben, als mit Worten drängte er den Haufen zusammen, um fester der zurückwirbelnden Brandung Widerstand leisten zu können, und schob ihn vorwärts. Mit jedem Schritt weiter kamen sie höher hinauf und hoben sich mehr aus dem Gischt. Nach dem Kämpfen von wenig mehr als zwei Minuten stießen sie an die Küstenwand selbst.

Die Gefahr war zwar keineswegs vorüber, aber doch atmete jede Brust freier und sicherer.

Kapitän Gauthier war hier wieder an der Spitze seines Haufens. Er machte Halt, teils um die Leute ruhen zu lassen, teils in der Hoffnung, noch einem oder dem anderen, welche die Wogen fortgerissen, Beistand leisten zu können. Ja, er wagte es auf jede Gefahr hin, von hier aus einen leichten Ruf in das Brüllen der Wogen zu mischen.

Doch nur dieses antwortete ihm.

Dann wandte er all seine Aufmerksamkeit der Steinwand zu, welche ihrer weiteren Rettung anscheinend eine unübersteigliche Schranke setzte.

Das Warten und jeder Versuch, noch ein Leben zu retten, erwiesen sich zwar als vergeblich, dagegen bemerkte der scharfe Blick des jungen Offiziers, daß es ziemlich leicht sein würde, die Uferwand zu erklimmen, da ein breiter, von oben herab führender Spalt genügenden Anhalt gab.

Nur bedacht, zunächst sich zu überzeugen, daß das Plateau an dieser Stelle nicht von piemontesischen Posten besetzt sei, begann er sofort die Erklimmung, gefolgt vom Grafen Saint Bris und den geretteten Mannschaften.

Er hatte jedoch kaum die Höhe erreicht, wo alles im Schatten der sich vom Monte Lombone bis hier herunter ziehenden Berggelände in tiefem Dunkel lag, als ungeachtet des Brausens der Brandung und des Rasselns der Schlossen die Schritte eilig herankommender Menschen deutlich gehört wurden.

Der Augenblick war entsetzlich – noch niemand hatte Zeit gehabt, zu untersuchen, wie weit seine Waffen noch brauchbar wären – zum Glück aber löste sich der Zweifel bald in der Frage: »Landsleute? Kapitän Gauthier?«

Es war Leutnant Salvy, welcher fast eben so rasch, als die Barke Schiffbruch gelitten hatte, mit der seinen das Ufer an einer günstigen Stelle erreicht hatte und herbeigeeilt war, um zu sehen, ob etwas zu retten wäre.

Die Freude war um so größer, als man es kaum noch für möglich gehalten. Nachdem Kapitän Gauthier seine Leute gesammelt und sofort nach seiner Seite zwei Schleichpatrouillen ausgesandt hatte, um die Sicherheit des Terrains zu prüfen, beeilte man sich, zu der Landungsstelle der fünf Barken zu gehen.

Hier hatte die Ausschiffung der ganzen Mannschaften bereits stattgefunden und Oberstleutnant Migy dieselben Vorsichtsmaßregeln genommen, wie sein untergebener Offizier. Der Schloßenschauer hatte wieder aufgehört, und als sich das Auge mehr an die Dunkelheit gewöhnt hatte, vermochten die beiden Führer sich zu orientieren.

Man befand sich am Fuße des 367 Meter hohen Monte Lombone, auf dessen Abdachung die äußerste Batterie der Piemontesen nach dieser Küste hin lag. Man wußte, daß der von der Festung herkommende Weg sich um die östliche Seite des Berges wand und später in zwei Richtungen den Monte Agatha umgab und nach Albano und zur östlichen Küste führte. Es galt vor allem, diesen offenen Weg zu vermeiden, da man ja erwarten mußte, hier auf feindliche Wachen oder Patrouillen zu stoßen.

Alle Verabredungen und Kommandos durften natürlich nur in möglichster Stille erfolgen. Die Schweizerkompagnie übte diese, als die bestdisziplinierte, ohne Schwierigkeit, die französischen Legionäre waren durch die furchtbare Energie eingeschüchtert worden, die ihr junger Führer inmitten der Gefahr geübt hatte.

Man prüfte zunächst die Feuerwaffen, wie weit sie von dem eingedrungenen Seewasser gelitten. Da kein Gewehr aus Vorsicht geladen worden und die Läufe geschlossen und die Schlösser genügend umwickelt gewesen waren, fand man die meisten in gutem Zustand, auch die unter den kurzen, wasserdichten Radmänteln geborgene Munition war gerettet. Dagegen befand sich die Mannschaft der gestrandeten Barke selbst natürlich in der traurigsten Beschaffenheit, alle Kleider vom Meerwasser durchdrungen, das in dem scharfen Seewind eine lähmende Kälte verursachte.

Nach kurzer Beratung beschloß man, daß die Schweizerkompagnie des Hauptmann Steiner, welcher die Aufgabe zugefallen war, Albano zu überrumpeln – den wirklichen Zweck dieses Überfalls kannten nur die beiden oberen Offiziere – unter dem Geleite eines der Führer voran marschieren und damit zugleich das Terrain sondieren sollte, während die französische Kompagnie mit dem zweiten ortskundigen Führer folgen und sich an passender Stelle in der Nähe der Klosterruinen in Hinterhalt legen sollte, bis das Zeichen vom Monte Orlando sie benachrichtigen würde, daß der Ausfall der Truppen aus dem Landtor der Festung im Gange sei.

Nachdem Oberleutnant Simonetti seine letzten Anordnungen getroffen, zog die erste Abteilung der kecken Expedition ab und verschwand im Dunkel.

Kapitän Gauthier benutzte die verabredete Zeit des Wartens, um seine Leute ihre Fußbekleidung trocknen und ihre Oberkleider wenigstens ausringen zu lassen, indes er sich mit dem Führer besprach, in dem er einen anscheinend ebenso umsichtigen als kühnen Mann fand, der auf alle Fragen rasche und von voller Kenntnis seiner Aufgabe zeugende Antworten gab. Doch wunderte ihn einigermaßen der halb spöttische, halb vertrauliche, eine gewisse Gleichstellung beanspruchende Ton, den der ihm sonst Unbekannte gegen ihn anschlug, während gewöhnlich die Italiener der unteren Stände gegen Höhergestellte und Vorgesetzte sich in der Redeweise einer gewissen Devotion befleißigen.

Der Mann war von untersetzter Gestalt, hatte einen schwarzen, krausen Bart und die ärmliche Tracht eines Landmannes, über welche er den zottigen Mantel von Ziegenfell geworfen, den die Hirten der pontinischen Sümpfe gewöhnlich tragen. Kapitän Gauthier bemerkte, daß er im Gehen etwas lahmte und deshalb einen tüchtigen Bergstock führte. Anscheinend war er ohne Waffen. Das Gesicht konnte der Offizier nicht näher erkennen, da es zu dunkel war und der Mann den zerrissenen spitzen Hut tief ins Gesicht gedrückt trug.

Trotz der Lahmheit schritt der Mann rüstig der kleinen Schar voran, und da das Terrain offenbar von den vorauf marschierten Schweizern sicher befunden worden, glaubte der Kapitän, sich mit dem Führer in ein längeres Gespräch einlassen zu können, das freilich mit gedämpfter Stimme geführt wurde.

Jetzt zuerst auch redete der Graf von Saint Bris ihn an, denn bisher hatte es an Zeit und Gelegenheit dazu gefehlt.

»Kapitän,« sagte er, »nehmen Sie meine Hand! Sie haben eine verteufelte Manier, einem Menschen das Leben zu retten. Die Art und Weise, wie Sie einen der ältesten Namen kopfüber aus dem Boot warfen, ohne zu sagen: Vorgesehen! muß Ihnen die Hochachtung des ganzen Faubourg Saint Germain sichern. Saint Bris ist Ihr Schuldner!«

»Der, welchem wir alle unsere Rettung verdanken, ist leider ein Opfer seiner Hingebung geworden!«

»Sie meinen den alten Seebären? Bah – diese Bursche sind ans Ersaufen gewöhnt, während unsereinem das ein fataler Tod gewesen wäre. Ich bin naß wie ein Pudel und werde morgen so salzig aussehen, wie ein holländischer Häring!«

»Sie werden heute noch Gelegenheit genug finden, trocken zu werden, Monsieur!« mengte sich ungeniert der Führer in das Gespräch.

»Ah, mein Alter! Ihr versteht französisch?«

»Ein wenig – was man von den Fremden lernt, die in besseren Zeiten ihre Nasen an unseren Ruinen reiben. Aber, mein Kapitän, hier einige Vorsicht, wir müssen diesen Fußweg hinauf!«

»Eurem alten Ziegenfell nach seid Ihr aus den pontinischen Sümpfen,« meinte der Graf. »Ich erinnere mich, in Terracina ähnliche Vogelscheuchen am Wege gesehen zu haben.«

»Auch da irren Sie, Herr Kamerad!«

»Kamerad? Seid Ihr toll!?«

Der Führer lachte. » Per bacco, Signor! Diene ich nicht auch als Freiwilliger Seiner Majestät dem König von Neapel?«

»Der Bursche hat in der Tat Humor. – Was meinen Sie, Gauthier?«

»Oberstleutnant Migy sagte mir, daß wir ihm vollkommen vertrauen könnten, wir wollen deshalb über Begriffe nicht rechten.«

Der Führer blieb plötzlich stehen und erhob die Hand.

»Silenzio!« sagte er.

Auf ein Zeichen des Kapitäns machten die nächsten sofort Halt und der Befehl pflanzte sich rasch durch den ganzen Trupp fort.

Der Führer wandte sich an den Offizier.

»Signor,« sagte er, »haben Sie das Vertrauen zu mir, das man Ihnen anempfohlen?«

»Warum?«

»Weil es notwendig ist, daß ich mich auf zehn Minuten entferne, und daß Sie mich allein gehen lassen!«

Kapitän Gauthier bedachte sich einige Augenblicke, er fühlte die schwere Verantwortlichkeit, denn er kannte nur die allgemeine Lage der Berge, aber unter seiner Kompagnie war keiner, der Weg und Steg wußte.

Dennoch blieb ihm keine Wahl.

»Ich will Euch das Vertrauen schenken auf Gefahr meines Vorgesetzten, denn wir selbst kennen uns noch zu wenig. Aber Ihr werdet begreifen, daß ich die Notwendigkeit erkennen muß.«

» Cospetto, das versteht sich, Herr Kamerad!«

»Ihr sprecht unverschämt!«

»Oh, nichts weniger als das! Kapitän Chevigné … kennen Sie Kapitän Chevigné? …«

»Ich habe von ihm gehört!«

»Ich kenne ihn persönlich sehr gut!« fügte der Graf bei. »Und ich …«

»Nun denn, ich versichere Sie, Kapitän Chevigné, der hoffentlich jetzt glücklich wieder in Frankreich ist, hat sich noch vor sechs Wochen ein Vergnügen daraus gemacht, mich Kamerad zu nennen! Aber das sind Nebensachen. Hören Sie!«

Er deutete nach dem Hügelkamm über ihnen.

Jetzt – als sie aufmerksam lauschten – vernahmen auch der Kapitän und seine Gefährten das, was die schärferen Sinne ihres Führers schon früher wahrgenommen hatten: das Geräusch von Schritten bewaffneter Männer und das Sprechen derselben.

Kapitän Gauthier griff nach seinem Säbel.

»Halten Sie sich still, Signor!« flüsterte der Führer. »Es ist eine Ablösung von der Batterie her – wir werden uns gleich überzeugen und dabei noch profitieren.«

Die Herankommenden, die in dem Schatten der höher liegenden Berge allerdings nicht zu sehen, aber wohl zu hören waren, machten Halt.

» Trippe del papa!« sagte eine barsche Stimme. – »Dieser Halunke von Emanuele – mit allem Respekt vor Seiner Majestät – muß in dem Hundewetter irgendwo untergekrochen sein, denn ich sehe ihn nirgends!«

»So rufen Sie doch, Caporale!« meinte eine andere Stimme.

»Es bleibt uns wirklich nichts übrig, da er selbst uns nicht anruft, und in der Nähe muß er sein. Aber ich werde den Schurken dem Kapitän zur Bestrafung anzeigen! – He, Sentinella! – Emanuele Vicotti! Schläfst du oder hat dich der Hagel erschlagen?«

» Chi va là?« ertönte der schwache Anruf der Schildwache aus einiger Entfernung.

»Ah – dort steht der Bursch – ich hatte mich in der Richtung geirrt! Aber der Halunke hätte uns hören müssen und ich werde ihm die Ohren aufknöpfen!«

Der Korporal schritt mit seiner Begleitung vorwärts.

»Kommen Sie!« flüsterte der Führer. »Aber vorsichtig!« und er zog den Kapitän sich nach, indem er den Grafen und die Mannschaften durch ein Zeichen bedeutete, zurückzubleiben.

Sie schlichen geräuschlos in der Richtung nach, welche die Ablösung eingeschlagen.

» Chi va là?« klang es zum zweiten Male kräftiger von jenseits des Hügelkammes.

» Smontare la guardia!« Ablösung.

» Signale?« Losung.

» Tumulo di Cicero!« (Grab des Cicero.)

» Il signo?« Feldgeschrei.

» Nunziante!«

Der Kapitän hörte, wie sein Führer bei diesem Namen eine Verwünschung leise in den Bart murmelte.

Es folgten die gewöhnlichen militärischen Formalitäten der Abwechselung und dann ermahnte der Korporal den Posten, hübsch Acht zu haben auf die bei seinem Standpunkt sich kreuzende Straße, um so mehr, als die Offiziere keine Lust hätten, bei diesem Hundewetter sich mit Ronden zu befassen und alle überflüssigen Posten eingezogen wären. Auch sei die Hälfte der Offiziere hinüber nach San Agata, wo sie zur Feier der Armierung der Batterie ein Trinkgelage hätten, indes sie hungern und dürsten müßten. Unter diesen Anempfehlungen und diesen Klagen zog das Ablösungskommando wieder ab, ziemlich dicht an den beiden Versteckten vorüber.

Erst als die Feinde in hinreichender Entfernung waren, schlichen Kapitän Gauthier und der Führer mit gleicher Vorsicht, um nicht von dem Posten, den sie pfeifend auf und nieder gehen hörten, bemerkt zu werden, zu den Ihren zurück.

»Bei dem heiligen Kollegium,« sagte endlich stehen bleibend der Führer, »wir haben Glück, Monsieur! Wir wissen jetzt das Paßwort und wo der Posten steht. Und da derselbe frühestens erst in zwei Stunden auf Ablösung hoffen darf und der einzige auf dieser Seite des Berges ist, so brauchen wir ihn bloß bei Seite zu schaffen, um offen und bequem auf dem Heerweg marschieren zu können, statt unseren Weg durch Stein und Gestrüpp nehmen zu müssen.«

»Aber wie?«

»Das überlassen Sie mir. Ich glaube, Sie haben sich jetzt überzeugt, daß ich Vertrauen verdiene?«

»Vollstes!«

» Optime! Dann will ich meine Vorbereitungen treffen.«

Er zog aus einem Sack unter dem Mantel eine jener Rohrpfeifen, aus denen die Hirten der Sümpfe wie die Bewohner der Apenninentäler trotz der Einfachheit des Instrumentes so hübsche Melodien zu blasen wissen, und fühlte, ob er das in seinen Beinkleidern verborgene Messer auch handgerecht habe.

Der Kapitän schauderte bei, dieser letzten Bewegung, deren Bedeutung er ahnte, machte aber keine Bemerkung, da er die furchtbare Notwendigkeit einsah.

» A reviderici, Kamerad! Lassen Sie sich die Zeit nicht lang werden, denn ich muß mit ihm plaudern.«

Der Führer, der so beharrlich die Offiziere seine Kameraden zu nennen liebte, nahm seinen Weg in der Richtung, welche die gebahnte Straße laufen mußte, und gelangte etwa fünfhundert Schritte unterhalb der Stelle, auf dieselbe, wo sich der belauschte Posten auf dem Gelände befand, das den Weg einschloß.

Der Piemontese, zu einer Kompagnie Bersagliere gehörig, die bei den Batterien des Monte Lombone biwakierte, hatte das Pfeifen daran gegeben – er summte ein Lied, dessen schwermütige Melodie ihm Erinnerungen an die Heimat ins Gedächtnis zurückzurufen schien, denn er war ganz in dieselben versunken.

Plötzlich hob er den Kopf und horchte.

Durch die Windstöße, welche den Weg, der fast ein Hohlweg genannt werden konnte, entlang heulten und sich an den Bergwänden brachen, klang die muntere Melodie einer Saltarella, von einer Hirtenflöte mit großer Kunst geblasen.

Gleich darauf wurden auch kräftige Männerschritte hörbar, die sich durchaus nicht verbergen zu wollen schienen.

Der Bersagliere schlug den Kragen seines Mantels von den Ohren, nahm sein Gewehr in die Hand und richtete sich an dem Steinhaufen empor, hinter dem er bisher gesessen.

» Chi va là?«

Statt der Antwort blies die Flöte die in der piemontesischen Armee übliche Reveille.

»Steht und gebt Antwort, oder ich gebe Feuer! Wer kommt da?«

»Jesu Maria! Wer soll es anders sein, als der arme Giacobbe, der Pfeiffer?!« antwortete der Ankommende im vollen Dialekt der Campagna. »Sind Sie vielleicht ein Herr Soldat?«

»Versteht sich, und eben darum bleibt stehen und jetzt keinen Fuß weiter, bis ich herunter gekommen bin und mich überzeugt habe! Die Nacht ist so verflucht dunkel, daß man kaum die Hand vor den Augen sehen kann, wenn das Wetter nicht zufällig leuchtet!«

Gerade geschah dies und der Soldat, der gegen die Gewohnheit der Piemontesen ziemlich redseliger Natur zu sein schien, sah in dem Heruntersteigen von dem Gelände mitten auf der Straße einen Mann im Ziegenmantel mit der Pickelpfeife und einem Bergstock in der Hand stehen, dem Anschein nach ein Bewohner der Gegend und ganz unbewaffnet.

»Wer bist du?«

»Heilige Jungfrau, ich habe es Ihnen ja schon gesagt, Herr Soldat, ich bin Giacobbe, der arme Giacobbe, der Pfeiffer aus dem Casa Pietra dort unten in der Schiagga! Sie müssen mich ja kennen, denn die Herren Soldaten kommen alle Tage zu uns und haben uns überdies nur meinen Ziegenstall zum Wohnen gelassen!«

»Schweig, Narr! Wie sollen wir jeden Vagabonden kennen?! Überdies ist unsere Kompagnie erst gestern auf Wache kommandiert. Wo willst du hin?«

»Nach San Agatha, Herr Soldat! Die Herren Unteroffiziere, die vorhin hier vorbeigekommen, es kann noch keine halbe Stunde her sein, wollten mich mitnehmen, weil ich so schön blasen kann, aber ich mußte der Fittacuola Pächterin. erst helfen, die Ziegen melken, die armen Tiere. Euer Schießen hat sie ganz scheu gemacht, und sie wagen sich gar nicht mehr in die Berge, obschon wir zu Hause kaum für uns selbst zu essen haben!«

»Genug des Geschwätzes! Du kannst hier nicht passieren, wenn du die Losung nicht hast!«

Der angebliche Ziegenhirt kraute sich am Kopf. »Die Herren Soldaten, die mir nachzukommen befahlen, haben mir zwar etwas gesprochen, was ich sagen sollte, wenn man mich anhalten täte, aber ich habe es vergessen. Der heilige Januario, mein Schutzpatron, hat mir ein so schlechtes Gedächtnis gegeben! Aber könnten Sie mich nicht vorbei lassen, Herr Soldat? Ich will Ihnen zum Dank noch eine schöne Tarantella blasen!«

»Nein – es ist gegen die Order! Du mußt warten, bis der Korporal mit der Ablösung kommt.«

»Und wie lange wird das dauern?«

» Pardiou – sie werden sich nicht beeilen – zwei bis drei Stunden. Vielleicht erst morgen früh!«

»Dann ist es freilich zu spät, um noch ein paar Bajocchi in dieser schlimmen Nacht zu verdienen. – Aber Verzeihung, Herr Soldat Excellenza, Sie sind wohl nicht von hier?«

»Dummkopf – versteht sich, daß wir nicht aus Euren Sumpflöchern sind! Wo ich her bin, da sehen die Berge anders aus, als Eure Maulwurfshügel!«

»So, so – also sind Sie vielleicht drüben aus den Apenninen, vom Monte Meta, dem höchsten Berge in der Welt?«

Dem Bersagliere schien die Unterhaltung wenigstens ein Mittel, sich die Zeit zu vertreiben und die trüben Gedanken, die ihn vorher gequält, aus dem Sinn zu schlagen. »Ich hab dir schon gesagt, daß du ein einfältiger Tölpel bist. Ihr römischen Schweine wißt von der Welt in der Tat nichts, als was euch euer Bettelpfaffe im Beichtstuhl sagt. Der Monte Meta ist gegen unsern Montblanc und Monte Viso gerade so hoch, wie ein Bergwiesel gegen einen Steinbock.«

»Was Sie nicht sagen, Herr Soldat! Und wo ist denn das, wenn ein armer Ziegenhirt und Flötenbläser danach fragen darf?«

»In Savoien, Mann! In den savoiischen Alpen, wo ich noch vor acht Monaten die Mouffles und den Steinbock gejagt habe!«

»Lieber Himmel, das sind alles Tiere, die ich nicht kenne und von denen ich im Leben nichts gehört habe. Aber sagen Sie, Herr Soldat, Savoien, ist das nicht das Land, was kürzlich der heilige Vater an den mächtigen Kaiser von Frankreich verkauft hat?«

»Du irrst in der Adresse, mein Bursche – aber komm mir nicht so nahe auf den Leib – wir können auch in einiger Entfernung miteinander reden!«

»Ganz wie Sie befehlen, Herr Soldat. Aber wissen Sie – da fällt mir ein, war nicht das Wort, das mir der Herr Unteroffizier gesagt hat, Tumulo di Cicero?«

»Richtig, mein Alter – ich sehe, daß ich dich am Ende doch noch passieren lassen kann, wenn du dich auch auf das andere Wort besinnen kannst!«

Er schien mit der Nennung der Losung größeres Vertrauen zu der Ungefährlichkeit des Mannes gefaßt zu haben, kam ihm selbst näher und plauderte weiter.

»Also aus Savoien sind Sie, Herr Soldat?« fragte der Hirt – »das ist wohl sehr weit her?«

»Freilich! – Ich hätt' es auch nicht nötig gehabt, hier Schildwache zu stehen, denn ich bin eigentlich aus dem Teil, der damals schon französisch war, – aber ich hatte Unglück gehabt im Streit, und – Mordioux, – wenn auch jener korsische Schurke in Legronis Osterie mich werfen konnte – Pierre Ladreux war nicht der Mann, der sich von einem dritten darüber foppen ließ. So zerschlug ich meinem besten Freunde den Kopf, und mußte froh sein, bei den Alpenjägern des tapferen General Garibaldi Dienste nehmen zu können, statt ins Loch zu kriechen.«

»Ich verstehe, Herr Soldat – das passiert unter Freunden – so ein kleiner Stoß, etwa – aber ich glaube, dort kommen von Ihren Kameraden –«

Der ehemalige Jäger und Schmuggler, den einst der würdige Bandit Sta Lucia vor den Augen der schönen Therese Legroni im Stockkampf so gewaltig besiegt hatte, drehte sich unvorsichtig um, nach der anderen Richtung des Weges hinzusehen.

Mit dem Sprunge eines Tigers – diesen Augenblick benutzend – warf sich der angebliche Hirt auf den unglücklichen Mann und stieß ihm, mit der Linken die Büchse ihm entreißend, das bisher verborgen gehaltene lange und starke Messer bis an das Heft durch Mantel und Rock in die Seite.

Der Jäger Ladreux war ein kräftiger, entschlossener Mann – er drehte sich mit einem kurzen Aufschrei, den ihm der Schmerz entlockte, gegen seinen Feind und versuchte ihm die Büchse wieder zu entreißen.

»Schurke vermaledeiter – Mord! Zu Hilfe, Kameraden! Zu Hilfe!« Aber der Gegner, den er gefunden, war ihm vollkommen gewachsen und sein Schicksal wollte, daß – nachdem er von einem der berühmtesten Banditen Korsikas schmählich besiegt und seines Rufes beraubt worden war, – er von der Hand eines zweiten getötet werden sollte.

»Spar den unnützen Lärm, Bursche,« sagte der Führer, indem er die Büchse zu Boden schleuderte und den Unglücklichen an der Kehle faßte. »Ein Schuft wie du, der vom Monte Viso hierher kommt, um gegen den rechtmäßigen König und die Kirche zu fechten mit den Bösewichtern Garibaldi und Cialdini, verdient wie ein Hund zu sterben!« Und er stieß ihm zum zweitenmal das Messer in die Brust.

Der Alpenjäger sank in die Knie. »Gott erbarme sich mein – ich sterbe …«

»O, Gott und die Heiligen hören die Stimme eines Kirchenräubers nicht! Fahre zur Hölle ohne Absolution!«

Und er stieß den sich an ihn Klammernden mit dem Fuß zurück.

»Therese … heilige Jungfrau … ich Sünder  …«

Ein Blutstrom kam aus seinem Munde, – krampfhaft schlugen seine Glieder den Boden im Todeskampf.

Der Sieger in dem kurzen aber schrecklichen Ringen hob zunächst die Büchse des Sterbenden auf, damit dieser nicht etwa noch die Kraft gewinnen möchte, sie als Signal für seine Kameraden abzuschießen, und ging dann seinen Gefährten entgegen.

» Avanti! Unbesorgt, der Weg ist frei!«

Kapitän Gauthier erschien auf diesen Ruf mit seinen Leuten, sich in der Richtung haltend, aus der er gekommen, und bald war die ganze Kompagnie auf der Straße versammelt.

»Das Glück will uns wohl, Herr Kamerad,« sagte der Führer – »der Posten, der hier stand, wird uns nicht mehr genieren!«

»Sie haben ihn getötet?«

»Es gibt kein anderes Mittel, wenn wir unseren Auftrag erfüllen wollen. Dafür können wir jetzt bis an den Fuß des Monte Agatha ungehindert auf der offenen Straße marschieren! Und um das desto sicherer tun zu können, wollen wir eine Vedette vorausschicken, die uns von jeder Gefahr benachrichtigen kann. Haben Sie einige Italiener in der Kompagnie oder Leute, die wenigstens fertig italienisch sprechen?«

»Mehr als einen!«

» Bene! Dann wählen Sie den Gewandtesten aus und schicken ihn die Straße hinauf. Fünfhundert Schritt etwa von hier wird er den armen Teufel finden, den ich erdolchen mußte, und der wahrscheinlich jetzt seinen letzten Atemzug getan hat. Ist's noch nicht geschehen, so bleibt nichts übrig, als ein wenig nachzuhelfen, der Teufel kommt so nur rascher zu einer Seele. Er muß seinen Mantel, Patrontasche und Hut nehmen und hier ist die Büchse. – Da wir die Parole wissen, wird kein Mensch den Tausch ahnen.«

»Und die Leiche?«

» Per bacco, wir werfen sie in die nächste Kluft. – Und nun, Signor Capitano, da ich mich auf genügende Manier bei Ihnen eingeführt habe, lassen Sie mich Ihnen erklären, daß ich mit einigem Recht Sie Kamerad zu nennen mir erlaubte; denn wenn wir ein anderes Licht bei der Hand hätten, als das Wetterleuchten, das beiläufig bald zu einem tüchtigen Gewitter werden dürfte, könnte ich Ihnen das Patent von des Königs eigener Hand zeigen, das Luigi Antonelli, gewöhnlich genannt Tonelletto, zum Kapitän in Seiner Majestät Diensten, so gut und berechtigt wie irgendeinen anderen, ernennt!«

»Wie – Sie sind der Kapitän Tonelletto, von dem wir so viel gehört?«

»Zu dienen, Excellenca, in ganzer Person, nur etwas lahm noch von dem Schuß eines Bersagliere in den Bergen von Balzorano. Und wenn ich auch freilich nur eine Freikompagnie zu kommandieren die Ehre habe, so versichere ich Sie doch, daß meine Burschen mit jedem regulären Soldaten es aufnehmen können, was Mut und Zuverlässigkeit betrifft.«

»Oh gewiß, das ist bekannt!«

»Und wir freuen uns, Ihre eigene Bekanntschaft gemacht zu haben, Kapitän Tonelletto, obschon ich nicht die Ehre habe, das, Herr Kamerad' Ihnen erwidern zu können, denn ich bin nur der Graf von Saint Bris, und nichts weiter. Aber zum Henker – wir hatten keine Ahnung davon, daß Sie in Gaëta waren!«

»Ich bin diesen Mittag erst mit dem Dampfer von Civita vecchia gekommen, und habe nur General Bosco gesprochen. Aber lassen Sie uns vorwärts marschieren, Signori, um womöglich das Versteck zu erreichen, das ich im Auge habe.«

Der Kapitän ordnete rasch nach dem Rat des Banditenchefs die nötigen Vorsichtsmaßregeln an; einer der Leute wurde mit den Kleidern und Waffen des armen Alpenjägers ausgestattet, den man bereits nach der Voraussage Tonellettos verschieden fand, und dann setzte die kleine aber kecke Schar eilig ihren Marsch fort.

So gelangte man ungehindert in die Nähe der Stelle, wo sich der Weg in zwei Richtungen um den Monte Agatha teilt, indem der eine zwischen diesem und dem Monte Capuccini zur Küste des Golfs und nach Albano und Spiaggia hinabsteigt, und der andere ihn auf der Nordseite umgeht und die Verbindung nach dem hinterliegenden Monte Tortone und dem niedrigen Gelände des Monte Tonea bildet.

Hier mußte auch die Schweizer-Kompagnie mit Oberstleutnant Migy sich in der Nähe verborgen haben, doch konnte man keine Spur von ihr entdecken, und da man jetzt verdoppelte Vorsicht nötig hatte und das so lange drohende Gewitter mit Blitz und Donner herauf kam, beeilte sich Tonelletto, die Scharen in das ihm von früher her bekannte Versteck zu bringen.

Es war dies ein am westlichen Fuß des Berges belegenes verfallenes Gemäuer einer kleinen Kapelle, die wahrscheinlich früher, als das Kloster noch von Nonnen bewohnt war, als Station betrachtet wurde. Obschon es eben nur noch ein halbes Dach hatte und sehr eng war, gewährten die Mauern doch einigen Schutz gegen den seine Heftigkeit immer mehr steigernden Sturm, und die Leute lagerten sich, dicht zusammengedrängt, in dem tiefen Schatten.

Der Banditenhauptmann war trotz des Ungewitters auf weitere Kundschaft ausgegangen, und Kapitän Gauthier harrte auf den verfallenen Altarstufen sitzend in tiefem Sinnen seiner Rückkehr, während der Graf von Saint Bris sich leise mit dem Leutnant der Kompagnie, dem Marquis de la Chesnaye, unterhielt.

Auf den früheren Zuaven-Offizier schienen jetzt, nachdem er gewissermaßen einige Ruhe gewonnen und seine unmittelbare Tätigkeit für den Augenblick nicht mehr in Anspruch genommen wurde, die letzten Vorgänge einen ziemlich trüben Eindruck gemacht zu haben. Die zwar von der Pflicht und der Not gebotene Tötung des armen Fischers, die sich später als unnötig erwiesen hatte, da in der Nähe ihres Schiffsbruchs keine feindlichen Posten gestanden hatten, belastete seine Seele und er machte sich lebhafte Vorwürfe darüber. Ja, er begann selbst den Tod der unglücklichen Schildwache, da sie nicht im Kampf, sondern hinterrücks gefallen war, sich zur Last zu legen, obschon seine Hand daran unschuldig war.

An unheimliche finstere Erinnerungen knüpften sich ahnende Todesgefühle, mit denen er sich schon lange trug, und der Gedanke, daß er ohne Schuld und Absicht bestimmt sei, unschuldiges Blut zu vergießen, wurde immer mehr zur fixen Idee.

Der Kapitän Gauthier wußte, daß er in der Schlacht von Solferino in den fast gewissen Tod geschickt worden war, er hatte diesen Tod zugleich als eine Sühne gesucht.

Er war zum Leben wieder erstanden, und er hatte sich den Verteidigern von Gaëta angeschlossen, den Tod, der ihn bei Solferino wieder aus der Hand gelassen, an den Felsenwällen des tyrrhenischen Meeres zu finden.

Deshalb hatte er auch sich und seine Kompagnie dem General Bosco zu dem verzweifelten Unternehmen angeboten.

Nach einer Weile erhob er sich, ging aus die beiden legitimistischen Edelleute zu und faßte Saint Bris am Arm.

»Haben Sie eine Minute Zeit für mich, Herr Graf?«

»Mit Vergnügen!«

»So lassen Sie uns einige Schritte weiter gehen, ich habe Ihnen einiges zu sagen. Sie entschuldigen, Herr Marquis!«

Der Graf folgte ihm ziemlich erstaunt, er war diese Vertraulichkeiten nicht mehr gewohnt.

Kapitän Gauthier entfernte sich etwa fünfzig Schritte von dem Lagerplatz seiner Leute. Der Sturm heulte an der ungeschützten Stelle, an der sie jetzt standen, mit verdoppelter Wut um die beiden Männer.

»Haben Sie einen Auftrag für mich, Kapitän?«

»Nein – ich habe Sie um eine Gefälligkeit zu bitten. – Wir sind Bekannte, vielleicht mehr, aus alter Zeit, und ich habe niemand, den ich um einen solchen Dienst ersuchen könnte.«

»Sprechen Sie, Sie wissen, daß ich der Ihre bin!«

»Leutnant de la Chesnaye,« fuhr der Offizier fort, »steht mir zu fern, er gehörte damals noch nicht zu unseren Kreisen. Überdies hat er an andere Dinge zu denken, denn er muß das Kommando übernehmen, wenn ich falle, und ist von der uns gewordenen Aufgabe vollkommen unterrichtet.«

»Bah – was sind das für alberne Gedanken! Nachdem wir dieser verdammten Brandung glücklich entkommen sind, wird uns ein Scharmützel mit den Herren Piemontesen höchstens das Blut erwärmen.«

»Ich denke und – hoffe anders. – Überdies, Graf, haben Sie ein Anrecht, einige Dinge zu wissen, ob ich lebe oder sterbe.«

»Ich werde mich stets durch das Vertrauen eines Mannes von Ehre und tapfern Offiziers geehrt fühlen!« sagte der Edelmann nicht ohne Würde.

Der Kapitän lächelte trübe.

»Sie sagten bei unserer Unterhaltung auf dem Meer, daß Sie, Herr Graf, auf Guadeloupe gewesen?«

»Drei Monate lang!«

»Und daß Sie dort den Kapitän Lautrec auf seiner Pflanzung la belle Josephine kennen gelernt hätten?«

»So viel ich mich erinnere, habe ich den Namen seiner Plantage nicht erwähnt.«

»Es tut wenig zur Sache – da ich ihn kenne. Der Kapitän Lautrec ist mein Onkel!«

»Ihr Onkel?«

»Ja – denn er ist der Bruder meiner Mutter. Ihm verdanke ich die reichen Mittel, die es mir möglich machten, bei den Garden zu dienen und mich in Ihren Zirkeln zu bewegen. Ich hielt mich bisher für seinen Erben, und ich habe sie deshalb ohne Zögern angenommen. Jetzt weiß ich durch Sie das Gegenteil, und es ist daher gut, wenn es so kommt, wie ich hoffe.«

»Wie, Kapitän, Sie haben nichts von Ihrer liebenswürdigen Cousine gewußt?«

»Ich wiederhole Ihnen, daß ich von ihrer Existenz nichts ahnte. Aber diese erklärt mir manches. Sie sind lange genug in Guadeloupe gewesen, um die dortigen Verhältnisse zu kennen und zu wissen, daß – obschon die Farbigen längst volle politische und bürgerliche Gleichberechtigung genießen, – doch immer noch gewisse Vorurteile in der Gesellschaft existieren.«

»Nicht gegen so liebenswürdige Wesen wie Ihre Cousine, Kapitän,« sagte der Graf hastig.

»Es mag sein – in gewissen Fällen! – Wissen Sie gewiß, daß meine Cousine, denn ich erkenne sie unter allen Umständen als solche an, – die rechtmäßige Tochter meines Oheims, das heißt, ob dieser wirklich mit ihrer Mutter, nach Ihrer Erwähnung einer Mulattin, gesetzlich verheiratet war?«

»Ich bin nicht der Advokat Ihres Verwandten,« erwiderte der Graf ziemlich kühl.

»Sie mißverstehen mich gänzlich, Graf von Saint Bris!« sagte der bürgerliche Offizier. »Von dem Augenblicke an, wo ich von der Existenz dieser Cousine weiß, ob legitim oder nicht, würde ich – auch wenn ich in diesem Kriege nicht falle – auf jeden Anspruch an das Vermögen meines Onkels verzichten. Aber ich kann mir jetzt erklären, warum er so sehr auf meinen Besuch in Guadeloupe drang und noch in jedem Briefe ihn verlangt. In der Tat, ich bin undankbar gewesen, aber Sie wissen nicht, was mich nach dem Krimkrieg in Paris zurückhielt. – Aber das ist alles gleichgültig jetzt. Ich bin meinem Onkel Dank schuldig und habe ihm denselben wenigstens schriftlich zu sagen. Seit ich in Gaëta bin, trage ich für diesen Fall einen Brief bei mir. Wollen Sie, Herr Graf, diesen im Fall meines Todes meinem Onkel senden, oder – besser,« fügte er lächelnd hinzu, – »ihn selbst überbringen? Er würde Ihre beste Empfehlung sein! – Hier ist er.«

Er nahm aus seiner Brieftafel einen versiegelten Brief und reichte ihn seinem Gefährten.

»Aber Sie tun in der Tat, Kapitän,« sagte dieser zögernd, »als ob Sie Ihres Todes gewiß wären, oder, ich will es gerade heraus sagen, den Tod suchten!«

»Und wenn dem so wäre?«

»Dann – ich bin zwar kein großer Kirchgänger, – dann wäre dies unchristlich und töricht. Das Leben ist immer schön, und man hat nur das Recht, es für die Ehre und eine Pflicht zu opfern!«

»Oder als Sühne – ich habe heut nutzlos Blut vergossen!«

»Torheit, Kapitän, das war der Befehl! Es wäre ebenso Ihre Pflicht gewesen, mich zu töten, wenn ich der Furcht nachgegeben hätte.«

»Es ist nicht das erste unschuldige Blut, das ein Befehl mich zu vergießen gezwungen hat – Castella –«

»Um Himmelswillen, Kapitän, was wollen Sie damit sagen?«

»Daß Castellane nicht von der Hand eines Österreichers, sondern von der Hand eines Franzosen, eines Freundes, gefallen ist!«

Der Graf stieß ein Stöhnen aus, das zeigte, wie tief er von dieser Nachricht bewegt wurde.

»Eines Freundes?«

»Graf von Saint Bris – von der meinen!«

»Es ist unmöglich – ein unglücklicher Zufall –«

»Nein, Herr Graf – es war der Degen des Kaisers – das heißt, sein Befehl, und der Arm, der diesen Degen führte, war der meine!«

»Entsetzlich! – Aber wie geschah es – wie kam es …«

»Das, Herr Graf, wissen bis jetzt nur drei lebende Wesen, der Kaiser von Frankreich, die Sängerin Theresa, und der Mann, der sich selbst anklagt. Jetzt werden Sie begreifen, daß nur mit meinem Tode jenes Blut zu sühnen bleibt. Daß es nicht bereits früher geschehen, ist nicht die Schuld des ersten Mitwissers, denn General Bourbaki hatte den Befehl, mir den verlorenen Posten beim Sturm auf die Höhe des Kirchhofs zu geben.«

»Sie betäuben mich, Kapitän – jetzt begreife ich Ihre Veränderung! – Aber es ist unmöglich, daß ein Mann, wie Sie, eine schlechte, verräterische Handlung, einen Mord an einem Freunde, begangen haben sollte. Ich bitte, ich beschwöre Sie, teilen Sie mir die näheren Umstände mit!«

»Sie sollen sie hören, und mögen dann urteilen! Bei der Hand Gottes, die jene Blitze über uns durch die Wolken schleudert, bei der gewaltigen Stimme der Natur, die im Donner über unseren Häuptern rollt – ich werde Ihnen streng die Wahrheit sprechen – so weit ich sie selbst weiß, und dann mögen Sie mir sagen, ob ich ein Verbrecher oder ein Unglücklicher bin!«

»Ich höre!« – –

»Signori!« sagte eine Stimme hinter ihnen – »ich bedaure, daß ich Sie stören muß – aber der Augenblick scheint mir gekommen, und es bedarf Ihrer Gegenwart, Kapitän, um die nötigen Anstalten zu treffen. Da der Herr Graf das Italienische so vortrefflich spricht, wie ein geborener Florentiner, mache ich ihm den Vorschlag, mich zu einem Abenteuer zu begleiten.«

Es war Tonelletto, der Banditenchef, der sie gestört hatte.

Der Kapitän Gauthier drückte schweigend dem Edelmann des Faubourg St. Germain den Brief in die Hand, den er an seinen Oheim jenseits des atlantischen Meeres gerichtet hatte und folgte ihrem bisherigen Führer zur Kapelle.



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