Guttenbrunn
Meister Jakob und seine Kinder
Guttenbrunn

 << zurück weiter >> 

XVIII.

Gerechtigkeit, was bedeutest du noch, wenn du Jahre brauchst, um deinen Spruch zu fällen? Wenn deine Diener Menschenherzen brechen, reine Seelen beschmutzen und niedertreten, so dass auch du sie nicht wieder ganz aufrichten kannst? Du bist blind, sagen sie. Aber du bist oft auch taub. Und wenn der Richter am Jüngsten Tage keine feinere Waage in Händen hielte als du, dann wäre es nicht der Mühe wert, ein Mensch zu sein. Wo wohnst du, wo findet man dich? Die dich so eifrig in den Gesetzbüchern suchen, sie finden dich so selten. Wohnst du am Ende gar nicht in diesen Büchern? Wohnst du in den Seelen, in den Menschenherzen? Die Kunst, darin zu lesen, lehrt kein Paragraph. Diese Wissenschaft prüft kein Professor, und blind geborene Richter suchen und suchen, was ihnen zu finden ewig versagt bleibt.

Nicht zwei oder drei, nein, viele Monate dauerte es noch, bis die Susi vor ihren Richtern stand; das zweite Jahr war voll, seit man ihr vor den Augen ihres Vaters Handschellen anlegte und sie fortführte. Und als sie jetzt freigesprochen wurde, erhob der eine der Bachhusaren, der Staatsanwalt Kropatschek, seinen Finger und rief: »Ich rekuriere!« Er glaubte nicht an ihre Schuldlosigkeit. Er vermutete eine entfernte Mitwissenschaft, eine Mitschuld im Geiste; denn es sei zu augenscheinlich gewesen, dass sie danach trachtete, Bäuerin zu werden. Der Wörle habe es ihr versprochen, die gutmütige Kranke sogar sei damit einverstanden gewesen, aber es dauere der Wartenden zu lange. Und sie dürstete ja auch nach Genugtuung gegenüber jenem anderen, der sie betrogen hatte; sie wollte diesem beweisen, dass eine Handwerkerstochter doch werden könne,. was er ihr versagte. Der Richter wurde zum Dichter. Es sei ganz unwahrscheinlich, rief er, dass sie dem eingestandenen Drängen ihres Dienstgebers kein Ohr geliehen, dass sie kein Auge zugedrückt haben sollte, wenn er um ihre Pfannen herum schlich. Sei es auch eine entfernte Mitschuld, die sie zu tragen habe, schuldlos sei sie nicht. Der gewissenhafte Kropatschek nahm die fünfzehn Jahre, die man dem Wörle zuerkannte, an, aber er rekurierte gegen den Freispruch seiner Genossin.

Und abermals verging ein Jahr, ehe die Susi endgültig freigesprochen wurde. Der eine Blinde unter den Richtern hatte die Macht, das Werk der Sehenden, der Herzenskundigen zu stören, den Spruch der Gerechtigkeit zu vertagen, bis ein großes Unrecht daraus wurde. Wer gab dem jungen Weibe die verlorenen Jahre wieder? Wer tilgte das Leid, den Makel, den es getragen? Die Susi konnte zuletzt gehen, woher sie gekommen war; man hielt sie nicht mehr. Die eisernen Fesseln, mit denen man einst ihre Hände zusammenschnürte, waren ein Irrtum. Waren nicht auch die Ketten ein Irrtum, die noch immer an den Füßen so vieler junger Männer klirrten? Sie verstand davon nichts, aber sie fragte sich's oft. Und keine Feder bestätigte es der Susi, dass sie schuldlos gelitten an ihrer Ehre und an ihrer Seele.

Nur ihre Anstelligkeit, ihre handgreifliche Bravheit und Nettigkeit retteten sie vor dem Ärgsten. Mit Diebinnen, mit Temeschwarer Straßendirnen und mit Giftmischerinnen saß sie im gemeinsamen Kerker, aber schon der einfache Beschließer merkte, dass sie da nicht hingehöre. Er beredete es, und die Frau des Kerkermeisters, die sie zuerst zu sich nahm, empfahl sie der Frau Obernotär. Und als der neue Präsident und Statthalter, der in dem Komitatshaus auf dem Domplatz eingezogen war, sein weibliches Hauspersonal zusammenstellte, schickte man ihm und seiner Gemahlin die Susi. Die Frau Obernotär machte sich eine besondere Ehre daraus, sie abzutreten und sie den Herrschaften aus Wien als Köchin oder Stubenmädchen zu empfehlen. Sie könne alles, sagte sie, wäre ein Schatz und ihre Strafsache nur mehr eine Formalität.

Wunderliche Fügungen liebt das Schicksal. Die in ihrem Heimatdorf geächtete Susi kam in das erste Haus der Stadt und errang sich das Vertrauen desselben. Das Fenster ihres Zimmers sah nach der Präsidentengasse, und unten lag ein Einkehrgasthof »Zum goldenen Ochsen«, in dem alle Schwaben abstiegen, denen die »Sieben Kurfüsten« zu teuer waren. Auch ihre Mutter und ihr Bub, sooft sie sie besuchten. Sie war der Heimat näher, seitdem sie so viele Gesichter aus ihrem Dorfe sah. Und wenn sie des Morgens einkaufen ging auf den Markt, da folgte ihr der wie ein Husar livrierte Diener des Präsidenten aber niemand merkte, dass damit dem Gesetz Genüge geschah, dass der Janosch sie zu bewachen habe, denn er trug bereitwillig die Gänse und Enten, die sie erstanden. Im Anfang scheute sie die Reihe, in der die Rosenthaler Schwäbinnen ihre Butter feilhielten, ihren Käse und ihre Weintrauben, ihr Schmalz oder ihre Bratwürste. Aber die erkannten sie und riefen sie an. Da hielt sie stand und kaufte auch bei ihnen. So blieb sie in ständigem Verband mit ihrem Dorfe und wurde von manchen Frauen noch beneidet um ihr Ausnahmsschicksal. Was fehlte ihr? fragten die. Freiheit und bürgerliche Ehre fehlten ihr. Und im dunkeln Schoß der Zukunft lauerte der Spruch, auf den sie zu warten hatte, der noch alles ändern und verschärfen konnte. Sie ließ sich das freilich nicht anmerken. Und die Mutter kam, sooft sie konnte. Die Susi hatte immer wieder einmal ihren Buben auf einen Tag oder zwei bei sich. Dass der Christof in der Dorfschule daheim das hellste Licht war, das machte sie stolz auf ihn. Und sie spann heimliche Zukunftspläne und legte jeden Groschen zurück für den Buben. Aber ein gefangener armer Vogel war sie doch.

Daheim ereignete sich manches in dieser langen Zeit. Die Fraala war gestorben. Sie zog zuletzt, als die Großenkel immer zahlreicher wurden und das Haus zu klein war, hinüber zu ihrer Tochter Eva. Sie zählte neunzig Jahre und machte Platz. Da unser Herrgott ihre Adresse verloren haben müsse, sagte sie, gehe sie um ein Haus weiter. Vielleicht finde er sie dort. Ihr Sohn Martin und sein Weib hielten sie nicht. Sie erhöhten ihr den Vorbehalt, weil sie nun Platz im Hause machte und sie nicht doch noch bauen mussten. Und bei der Eva drüben war sie nach einem Jahr sanft ausgelöscht wie ein herabgebranntes Licht. Sie hatte sich aufgezehrt bis auf den Grund. Und sie wurde an ihrem Ende dadurch merkwürdig, dass sie die Letzte im Dorfe gewesen, die noch im Deutschen Reich geboren war, die noch als Kind mit ihren Eltern einwanderte. Sie hatte noch Wien gesehen und auch die Kaiserin Maria Theresia, wie sie am Fronleichnamstag in einem Wagen aus Glas und Gold gar feierlich in die Stefanskirche fuhr... Auch der alte Adam Luckhaup und sein Weib waren dahingegangen; der Kaspar saß jetzt im Vorbehalthaus und pflegte seine Gicht. All die ausgedehnten Rechte im Hause, die er sich erwirkte, freuten ihn nicht, denn er wusste nicht viel mit ihnen anzufangen. Und die Ehe des Christof blieb kinderlos. Es schien kein Segen bei dem Werke zu sein, das er und die Bas' Liesl so fein gesponnen hatten.

Aber die Welt starb darum nicht aus, das Heiraten nahm kein Ende, und die Kindstaufen beschäftigten den Herrn Kaplan mehr als den Herrn Dechant die Begräbnisse. Auch der Jakob hatte seine Gertrud heimgeführt. Und sein Meisterstück hatte er gemacht und Haus und Werkstätte übernommen. War doch der Johann wie verschollen... Ein Meister Jakob war geschieden, ein anderer stand auf seinem Posten; man konnte meinen, es habe sich nichts geändert. Die alten Geschlechter, die dahingehen, geben freilich nie zu, dass die nachfolgenden ihnen gleichwertig seien; die Welt geht seit den Tagen des Noah in ihren Augen beständig abwärts. Die Mutter Eva hatte immer eine Schwäche gehabt für den Jakob, und sie freute sich seines jungen Glücks, aber ganz insgeheim wurde er ihr eine Sorge. Er bekam mit der Gertrud zu viel Grund und Boden mit, jedenfalls mehr als ein Handwerker brauchte. Und er redete von Pferden, er wollte sich zwei Gäule in den Stall stellen, einen Knecht halten für die Landwirtschaft. Das wird den Stolz des Handwerks an der Wurzel benagen, da wird sich ein Gelüste nach Bauernwirtschaft einstellen. Dafür reicht es aber nicht, daraus würde etwas Halbes, sagte sich die Mutter. Noch ging ja alles, wie es sollte, aber die Frau Eva hatte nun einmal ihre heimliche Sorge und wollte sie haben. Welche Mutter hat keine solche? Eine Mutter ohne Sorgen wäre ein ganz unnatürliches Wesen. Wenn die Jugend der Frauen schwindet und man ihnen alles langsam nimmt, den Mann, die Kinder, die Zügel des Hauses, da muss doch Ersatz geschaffen werden für all die leerstehenden Kammern in ihren Herzen. Und da ziehen dann die grauen Schwestern ein, die nicht mehr weichen. Nur bei guten Müttern fühlen sie sich geborgen, die Sorgen.

Die größte dieser Sorgen war noch immer die Susi. Sie stand obenan. Der Himmel hatte sich ja aufgehellt, er zeigte ein freundliches Gesicht, aber böse Gewitter mit Hagelschlag kommen immer am schnellsten. Und eine Sorge war der Frau Eva auch der Johann. Er hatte gar nicht mehr geantwortet auf jenen langen Brief, den sie ihm einst schreiben ließ, in dem sie ihm ihr ganzes Herz ausgeschüttet. War er denn nicht neugierig zu erfahren, was sich mit der Susi begeben hatte? Fühlte er nicht mehr für die Familie? Alles konnte sie ihm ja nicht schreiben; es machte ihr eine große Gewissenspein, dass sie so viel gesagt hatte. Wie, wenn seine Braut den Brief in die Hände bekam? Am Ende nahm sie ihn gar nicht und sie, die Mutter, hätte sein Lebensglück zerstört. Sorgen über Sorgen! Und dann: War er einverstanden mit der Hausübernahme durch den Jakob? Er hätte das doch schreiben können. Und von seinem Erbteil nach des Vaters Tod hätte er auch reden dürfen. Freilich fiel das schwer ins Gewicht, dass sie den Jakob loskaufen musste, weil der Johann nicht kam, aber Anspruch auf dieses und jenes hatte er doch so gut wie seine Geschwister. Lag ihm nichts daran? In mancher Nacht sah sie ihn, wie er in die Türe trat, aber sein Gesicht zerfloss dann immer in das des Vaters. Er musste ihm sehr ähnlich geworden sein, seine hohe Statur hatte er schon damals, als er achtzehnjährig fortzog. Die kleinste Sorge war ihr der Peter, der in die Fremde ging und in Wien Soldat geworden war. Er schrieb fleißig. Als Schmied zog er aus, als Kurschmied wollte er wiederkehren, schrieb er neulich, denn er sei immer bei den Pferden und den Tierärzten. Da lerne er vieles, was er daheim werde brauchen können. Er lege sich schon ein Kurierbuch an für spätere Tage. Und die Mutter glaubte ihm das. Er war immer ein aufgeweckter heiterer Bursche, den jeder gern hatte. Der wird den Pferdedoktors manches abspicken, sagte sie sich. Und die letzte graue Schwester, die sie beherbergte, hörte auf den Namen Kathl. Wollte die eine alte Jungfer werden? Sie war versprochen, aber der Bursche hielt nicht stand, als das Unglück mit der Susi kam. Sie empfand es bitter und hat lange daran getragen. Doch sie wurde immer hübscher, immer begehrenswerter, und die Mutter war sicher, dass sie nicht übrigbleiben würde. Aber Zeit wäre es schon, meinte sie. Mädchenzeit ist Blütezeit, und Blütezeit währt kurz.

Von allen ihren Kindern bot die Anmerich ihr die reinste Freude. Die zählte nicht mit, wenn sie an ihre Sorgen dachte; man hätte sie fast vergessen können, so wunschlos war ihr Verhältnis zum Elternhaus. Aber sie selber ließ es nicht zu, dass man sie vergaß, sie ging nie am Hause in der Herrnsgasse vorüber ohne einzusprechen; sie wollte ihren Anteil haben an allen Sorgen der Mutter. Und sie hatte die Kathl lieb, und sie verzärtelte den Christof. Der durfte jeden Tag zur Bärbl kommen und den Buben, die Bas' Anmerich füllte die Lücke aus, die in seinem Leben klaffte. Sie fütterte ihn auf mit allem Guten, das sie ihren eigenen Kindern gönnte, und bei jedem Bissen dachte sie an die Susi, die gewiss das gleiche getan hätte, wenn sie selber in solch ein Unglück geraten wäre. Und sie war gut unterrichtet über die Susi durch ihren Schwiegervater, der dieser und der Mutter so treu zur Seite stand von Anbeginn. Der alte Trauttmann sah sie öfter auf dem Markt in Temeschwar; er sprach immer wieder mit ihr. Und der Christof hing auch an dem Vetter Trauttmann, der ihn und die Großmutter so oft mitnahm. Er hatte ihm auf diesen Fahrten früh den Gedanken eingegeben, ein Student zu werden, ein Herr. Der Jörgl, Philipps Zweiter, sollte auch einer werden. Der Großvater wollte es. Nur fort aus dem Dorf, war seine Lehre für die beiden. Zweite und dritte Söhne, die das Zeug in sich hätten, sollten studieren. Und so ein gescheiter Bub wie der Christof erst recht. Das war schon immer Trauttmanns stille Meinung, aber seit jener Kirweihpredigt des Pfarrers von Bogarosch sprach er sie überall laut aus. Die weitere Aufteilung der Bauerngüter sei ein Übel; man brauche auch Pfarrer und Doktoren, Fischkale und Beamte und Richter, erzählte Trauttmann der Frau Eva auf einer ihrer Fahrten, aber es wäre an der Zeit, dass sie Nachwuchs erhielten aus dem hiesigen Boden. Das verstand sie. Und sie befreundete sich auch mit dem Gedanken, dass der Christof einmal studieren sollte. Sagten es doch auch die Lehrer und der Herr Dechant. Der Unterlehrer Theiß habe gleich in der ersten Klasse gesagt, da wachse ein Student heran. Und er kam manchmal und besuchte den Christof und schaute nach seinen Arbeiten.

Es war ihr daher keine sonderliche Überraschung, als die Susi ihr eines Tages sagen ließ, sie möge den Christof in der Schule abmelden und ihn ihr bringen, er bleibe jetzt bei ihr. Die Großmutter stattete den Christof aus, als sollte er nächstens schon Pfarrer werden.

Und die Bas' Anmerich ließ ihn gar nicht mehr von sich. Ihre Rahmstrudeln, ihr »verstarrter Pannakucha« und ihre Kücheln sollten ihm im Gedächtnis bleiben. Und sie band es ihm auf die Seele, dass er in den Schulvakanzen immer heimkomme und nicht in der ungesunden Stadt bleibe. Und ein guter Kamerad des Jörgl solle er bleiben, der ja übers Jahr vielleicht auch schon nachkomme. Der Vetter Philipp wollte diesmal einspannen, aber der Vater ließ es sich nicht nehmen, das wäre sein Geschäft, sagte er. Und er brachte der Susi ihren Buben. Der Unterlehrer Theiß fuhr noch bis Alliosch mit und gab dem Christof das Geleite. Und die besten Schulzeugnisse hatte dieser in der Tasche; in die dritte Klasse der Normalschule sollte er eintreten. Die Susi aber durfte ihn bei sich behalten; er wohnte im Komitatshaus, so wie der Herr Statthalter und sein Stellvertreter. Er wusste freilich, dass seine Mutter eine Gefangene war. Und er hätte sich zu Tode geschämt, wenn es seine neuen Lehrer und Mitschüler erfahren haben würden. Er wäre in den Begakanal gegangen und hätte sich ertränkt, so empfindlich war er, so überreizt sein Ehrgefühl, gegen das im Dorf gar viel gesündigt worden war. Aber es ahnte niemand, wem der neue Schüler gehörte, es saß eben ein schwäbischer Dorfbub' mehr in der Klasse.

Und endlich kam ja doch der Tag, an dem die Susi die Mitteilung empfing, die Berufung des Staatsanwaltes sei abgewiesen worden und sie wäre in Freiheit zu setzen.

Sie hatte lange nicht mehr geweint, bei dieser Nachricht aber flossen ihre Tränen wie ein Sommerregen nieder, sie war aufgelöst. Warum lachte sie nicht und jubelte? Warum weinte sie? Sie hätte es niemandem zu sagen vermocht. War es der Schmerz um ihre verlorenen Jugendjahre, war es die Lösung von all dem Leid, der Schande und der Schmach, die sie getragen - sie wusste es nicht. Sie weinte, und weinte, und ihr Bub heulte mit ihr. Aber am nächsten Morgen reckte dieser sich auf. Es war jetzt alles anders. Das Geheimnis, das über ihm lag, zerflatterte in nichts, er war ein Schüler wie die anderen, frei konnte er jedem in die Augen blicken. Ganz so war es freilich nicht. Und auch das war ihm bewusst: Seine Kameraden hatten einen Vater.

Als die Nachricht im Dorfe bekannt wurde, ließ der Ferdinand Trauttmann bei der Frau Eva anfragen, wann er vierspännig vorfahren solle. Sie winkte unter Tränen ab. Sie habe sich nach Maria Radna verlobt, und das müsse sie zuerst erfüllen. Die Susi aber werde wohl sagen lassen, wann man sie holen solle. Sie müsse ja doch noch ihren Buben versorgen, ehe sie heimkehre.

Und sie pilgerte barfuss nach Maria Radna, so wie sie es gelobt. Eine berühmte Kaiserin, die Fraala hatte es ihr erzählt, habe solche Bußfahrten immer barfuss unternommen. Warum nicht sie? Ganz allein wollte sie gehen; aber die Kathl litt es nicht, sie ging mit und steckte die Schuhe und Strümpfe der Mutter zu sich. Dass diese auch den Rückweg in solcher Bußfertigkeit mache, das hoffte sie zu verhindern. Und es war auch von der Kathl ein Alp gewichen, wie von allen, die zum Hause gehörten. Sie betete mit der Mutter, die, anstatt sich im Dorf heute stolz den bösen Zungen zu zeigen, welche das Unglück der Susi heraufbeschworen, andächtig neben ihr ging und voll inbrünstiger Demut war. Und sie sprach sich auf dem Heimweg endlich auch über ihre eigenen Angelegenheiten aus. Es sei jetzt manches besser, man dürfe wieder die Augen aufschlagen, sagte sie. Und sie könne jetzt ja sagen, wenn einer sie haben wolle. Und es wäre ein solcher da. Ob die Mutter aber wohl errate, wer? Sie erriet ihn nicht. Es sei der Unterlehrer Theiß, sagte die Kathl.

»Du lieber Gott!« rief die Frau Eva. »Ein Lehrer? Ein Unterlehrer. Der hot nix zu nage und zu beiße!«

»Er konn doch mit der Zeit Oberlehrer wer'n«, entgegnete die Kathl rasch. »Und was das andere anbelangt, sei die Mutter völlig im Irrtum. Von einem fremden Lehrer könne das gelten, aber doch nicht von einem Ortskind. Der Herr Theiß kriege von daheim allerlei mit, auch ein paar Felder und einen Weingarten. Und das Häusl am Eck, beim Gäßl, gehöre doch ihm.«

»Kind, Kind! Und du geihscht als Frau Lehrerin in die Arbeit, hackscht Kukuruz und Kartoffel? Für a Herrische schickt sich des doch gar nit«, sagte die Mutter lächelnd.

»Des häb ich dem Herrn Theiß aa g'saat. Was hot er g'antwort't? ,Mein liebes Kind, solange es noch faule Buben und Mädchen gibt, die nicht lernen wollen und denen man immer helfen muss, ist mir nicht bange um mein bisschen Feldarbeit:’ Und mer häwa galacht.«

Frau Eva wurde nachdenklich und sagte nichts mehr. Es war Zeit für die Kathl, hohe Zeit, und wenn sich nichts anderes bot - warum nicht? Der Nikolaus Theiß war der Übelste nicht; die Leute lobten ihn, und die Kinder hatten ihn gern, weil er auch Rosenthalerisch mit ihnen reden konnte. Ein Schlankl war er freilich! Darum also kam er immer zum Christof! Darum die Sach' mit der Studenterei! Dem Buben hat er ein bißl geholfen bei seinen Aufgaben, und in die Augen der Kathl hat er dabei geguckt. Und wie oft ihn die Mutter aus Dank zurückbehalten hat zum Nachtmahl! Und nichts hat sie gemerkt. Wer denkt denn auch an so was? Die Kathl eine Frau Lehrerin? Find't er denn keine Mamsell? So hätte sie gerne gefragt. Aber sie ließ es sein. Und als sie wieder daheim waren, sagte sie: »Wann du maanscht, Kathl - ich häb nix dagege. Was die Anmerich mitgakriegt hot, des kriegscht du aa.«

Und richtig kam noch der Herr Theiß daher vor Abend. Er brachte einen Brief von Alliosch mit von der Post, und der war von der Susi. So ein Zufall wieder. Der Schlankl!

Aber Frau Eva lächelte ihn an. Und sie bat ihn, ihr den Brief auch gleich vorzulesen... Also sie habe ihre Freiheit und Ehrlichkeit wieder, schrieb die Susi. Aber man möge sie einstweilen nicht abholen kommen. Besuchen könne sie jetzt jedermann, und es verlange sie sehr, einmal ihre Schwestern zu sehen. Sie habe es gut und ihre Herrschaft wolle sie nicht fortlassen. Sie soll dort bleiben um guten Lohn. Und weil halt der Christof bei ihr sei, falle ihr die Heimkehr sehr schwer. Sie werde sich's bis zum Ende des Schuljahres noch überlegen. Sie habe sehr viel geweint, jetzt aber sei sie glücklich. Gott müsse sie doch nicht ganz vergessen haben, da er alles so wunderbar gefügt zu ihrem und ihres Kindes Wohl.

Die Mutter hörte aus allem nur das eine: Sie will nicht kommen! Will nicht heimkehren in ihr Vaterhaus! Das war wieder eine ganz neue Sache, eine ganz unerwartete Wendung. Da müsse sie doch gleich den Vetter Trauttmann bitten, dass er wieder einmal einspanne.

Theiß hatte gemeint, nach dem sicherlich sehr freudigen Brief, den er in Händen hielt, ein paar Worte mit der Frau Eva reden zu können, aber die Kathl winkte ihm jetzt ab. Sie sagte ihm jedoch heimlich, als er schied, dass sie heute auf der Wallfahrt mit der Mutter alles in Ordnung gebracht hätte. Es gebe kein Hindernis mehr.

Da drückte er ihr innig die Hand: »Also im Fasching!«


 << zurück weiter >>