Guttenbrunn
Meister Jakob und seine Kinder
Guttenbrunn

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XIV.

Lang genug hatten Mathes Wörle und seine Frau auf die Susi warten müssen, jetzt hatten sie sie und ließen sie nicht mehr von sich. Schwer half sich die Bas' Mali über dieses Wartejahr hinüber, sie setzte ihre letzten Kräfte ein und hielt sich alle Helferinnen aus der Freundschaft vom Leibe. Nahte eine, rollte sie sich zusammen wie ein Igel, und wenn eine Base sie auch noch so zart angriff, sie zerstach sich die Hände. Die Susi kam häufig zu Besuch und brachte manches in Ordnung, daheim aber machte sie auch Handarbeiten für die Bas' Mali. Sie hielt sich das Haus warm, in dem sie in schwerer Zeit so gut aufgenommen wurde, und als der Christof geheiratet hatte und Bauer im Schwarzwald geworden war, erst recht. Die Scheu, die sich anfänglich bei dem Gedanken, in Christofs Nähe zu leben, in ihr regte, hatte sich seit seiner überstürzten Heirat in Trotz verwandelt und Herausforderung. Diese armselige Anna! Sie hasste sie von Herzen. Und sie dichtete ihr ein Froschmaul an und gläserne Augen. Er soll sie, die Susi, nur täglich sehen und fühlen, was er getan. Sie wird sich nicht verstecken vor diesem Nachbar, nein, das wird sie nicht.

Und endlich war der Morgen ihres Wiedereintritts bei Wörle gekommen. Sie ging dreimal im Laufe des Tages zum gemeinsamen Schwengelbrunnen um frisches Wasser für die Bas' Mali, sie wollte bemerkt sein, und sie wurde es. Mit keckem Griff holte sie den Amper aus der Höhe herunter, zog die Stange nach und tauchte ihn mit starken Armen in das tiefe Wasser, bis er glucksend geschöpft hatte. Ein paar kräftige Hebungen, die ihr den vollen Schnürleib schwellten, ein geschickter Griff, und der Amper stand auf dem breiten Brunnengestell. Sie füllte sich ihren braunen Wasserkrug, und was übrig blieb, leerte sie in die Tröge, die zur Viehtränke dienen. Kein Knecht und keine Stallmagd tat ihr etwas an Geschicklichkeit zuvor. Und als Christof am nächsten Morgen mit seiner Frau ins Feld fuhr, stand die Susi, prall und frisch, strotzend von Jugend und Kraft, im Fenster. Sie hatten beide unbedacht oder halb neugierig hingeschaut, und der Christof wurde dunkelrot bei ihrem Anblick. Seine Frau wandte, als sie vorbei waren, noch einmal den Kopf und schaute böse zurück, die Augen der Susi aber funkelten ihr entgegen. Und sie wünschte ihr nichts Gutes.

In der Wirtschaft fiel langsam alles, was der Bäuerin zugehörte, an die Susi. Die Base spannte gänzlich aus, sie hatte sich im letzten Jahr zu viel zugemutet, und das rächte sich jetzt. Eigentlich empfand sie es als eine wohlige Entspannung, sie war müde, sehr müde, aber auch sorgenfrei. Es ging wieder alles wie von selbst, sie hatte ihre Ordnung, und der Bauer war auch zufrieden. Mehr wünschte sie nicht.

Aber eines Morgens war ihr gar nicht wohl zumute, sie hatte ein schweres Bein es war dunkelrot und brannte wie Feuer. Als ob ihr ein Unhold des Nachts siedendes Blei in den linken Fuß gegossen hätte, so war ihr. Und sie fieberte. Da erschrak die Susi nicht wenig. Auf Krankheiten war sie nicht vorbereitet, die gab es in ihrem Hause nicht. Der Bauer aber war nicht daheim. Wer konnte raten? Sie machte der Base einen kühlen Umschlag, und das tat ihr wohl. Es änderte aber nichts, das Fieber stieg. Die Nachbarin, die sie über den Zaun hin fragte, riet, nur gleich die Kerns Kathl zu rufen. In solchem Fall sei das »Brauchen« das allerbeste. Das wollte ihr nicht einleuchten. Sie lachte über diese Altweiberweisheit und machte einen frischen Umschlag. Aber die Base hatte nichts einzuwenden gegen die Kerns Kathl. Die Susi möchte doch einmal gehen und ihre Fraala über sie befragen. Und die Susi eilte hinunter zur Fraala um Rat. Lange hatte die alte Frau sie nicht mehr bei sich gesehen, und sie wurde nicht sehr freundlich empfangen. »Ah, du lebscht aa noch?« begrüßte die Fraala ihre Enkelin. »Häb schon g'häert, dass d' wieder drauß bischt beim Mathes und der Mali. Und den Chrischtof hoscht a glei dernewa. Mädscha, Mädscha, schmeiß dich nit weg! Wann m'r dich anguckt, maant mer, du muscht an jedem Finger ein' zappeln häwa, der dich doch noch haiert. Geb acht uf dich!« Ohne dem Sinn der vielen Worte nachzuforschen, sagte sie nur rasch um Rat für ihre Base. »Ein' rote dicke Fuß? Und Hitze hot se aa? Do spring nar g’schwind zur Kerns Kathl' nüber. Des is ein Karfunkel. Do helft nar's Brauche. Mer hot se aa g'holfe. Wann dein Vattera galacht hot, wahr is es doch.«

Und eine Stunde später trat die Kerns Kathl in das Wohnzimmer der Bas' Mali. Ein hageres graues Mannweib, das nach Wein roch. Die richtige Dorfhexe und Kurpfuscherin. Sie trug eine Handtasche mit allerlei Salben und Schachteln und Pillen, einer Spritze und sonstigem Handwerkszeug. Und zutiefst in der Tasche lag eine fettige, abgegriffene Rolle beschriebener Blätter voller Rezepte und Beschwörungsformeln. Sie setzte sich an das Bett, betrachtete das kranke Bein, stellte allerlei intime Fragen und redete ein medizinisches Kauderwelsch von Rhabarbara, Thurgit und Diogrit, die pulverisiert in heißen roten Wein zu trinken wären. Auch ein Ei könne hineingeschlagen werden, und gezuckert solle der Wein sein. Das verzehre die Flüsse des Rotlaufes und reinige das hitzige Geblüt. Und sie gab der Susi aus Schachteln und Dosen das Nötige. Dann aber sagte sie, das Zimmer wäre zu hell, die Susi möchte die Läden schließen und zwei Kerzen anstecken. Alles Apothekerwerk wäre nichts, wenn nicht Gott helfe und der Heilige Geist. »Mer müssa jetzt beta. Zuerscht a Vaterunser. Derno tu ich der Bas' Mali brauche und do druf beta mer noch zwa Vaterunser. Die Tür sperrn mer zu, störe derf uns koins.«

Als das Zimmer dunkel und versperrt war und die Kerzen brannten, deckte die Kerns Kathl das kranke Bein auf, kniete mit der Susi am Bett nieder, und sie beteten gemeinsam mit der Bäuerin. Dann neigte die Kathl ihr Gesicht ganz nahe zu dem brennend roten Bein und murmelte: »O du aller heißester und allerherzigster Karfunkel, wie bist du so heiß und so dunkel. Mit Gott dem Vater such ich dich (sie blies kräftig gegen das entzündete Bein), mit Gott dem Sohn finde ich dich (sie blies zum zweiten Male), und mit Gott dem Heiligen Geist (sie blies zum drittenmal) vertreibe ich dich. Abageh, abageh, abageh Sadanaß! Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen!« Und sie beteten jetzt gemeinsam zu Ende.

Dann erhob sich die Kerns Kathl und gab allerlei vernünftige Ratschläge. Empfahl der Susi auch die Anwendung der Spritze, die sie ihr bis morgen hier lassen wollte, mit warmem Wasser. Die kühlenden Umschläge aber verbot sie. Kälte und Hitze vertrügen sich nicht, eins müsse weichen. Die Hauptsache aber sei immer das dreimalige Brauchen. »Do muss mer de Kopp fescht zusamme nehme, nar an des Leid denka und es mit dem Heilige Geischt vertreibe. Wann mer des dreimal mache, Bas' Mali, und `s kimmt nix derzu, seid Ihr g'sund«, sagte sie mit rauher heiserer Stimme. Und als sie mit der Susi schon in der Küche draußen war, begehrte sie ein gutes Maß Wein, der Hals sei ihr ganz ausgedörrt.

Die Susi hatte im Anfang nicht übel Lust gehabt, der alten Zauberin ins Gesicht zu lachen. Aber ihr sicheres Auftreten, ihre Wissenschaft von geheimen Dingen machte sie ganz befangen. Und da die Base weiß Gott durch welches Wunder nach dreimaligem Brauchen von ihrem Rotlauf befreit wurde, war auch die Susi geneigt, an Hexerei zu glauben. Alles im Dorfe fürchtete die Kerns Kathl, niemand wollte sie zum Feind haben, denn sie konnte schaden und nützen, konnte das Vieh verhexen und Diebe bannen. Und Frauen und Mädchen hatten auch oft geheime Wünsche an sie... Ach, seufzte die Susi, wenn sie von dieser Kraft doch auch ein Teilchen besitzen würde! Sie wüsste schon, wozu sie sie gebrauchen wollte. Sie aber hatte nichts als ihre Augen. Wenn sie ihr ganzes Denken in diese legte, an nichts als das dachte, was ihr widerfahren war vom Christof, und fest auf ihn hinblickte, da wurde er unruhig im Wagen und wendete allemal den Kopf nach ihr. Sie wollte es, und er musste hersehen, wenn sie des Morgens oder Abends im Fenster stand. Sie zwang ihn dazu.

Mit einer solchen Leidenschaft betrieb sie dieses Spiel, dass auch die Base darauf aufmerksam wurde. Sie schüttelte den Kopf und schwieg. Als sie aber eines Nachts ein leises Kratzen und Pochen am Fenster hörte, und die Susi, die sich in ihrem Bett aufgerichtet hatte, dies mit einem Hohngelächter beantwortete, da konnte sie nicht mehr schweigen. »Susi, Susi, was tuscht du? Du lockscht und lockscht, ich seh's alle Tag. Was willscht denn noch vun dem Chrischtof? Was konn denn do draus wer'n? Willscht ehm nomol ufsitze? Des konn der passiere. Äwer vu n sei' m Weib kriegscht `n dei Lebtag nit weg.«

Sie redete in der Dunkelheit zum Bett der Susi hinüber, aber diese gab keine Antwort. Sie wand sich wie in Krämpfen, ihr Bett ächzte, aber sie redete kein Wort.

»Gäb acht, Mädscha, du verspeelscht bei der G'schicht. Loss den Lump laafa, der is nit mehr ei'zuhola... Und du machscht mer ein große Verdruss do im ganzen Schwarzwald. Die Leut wer'n all gege dich sein.«

Sie schliefen beide nicht in dieser Nacht, aber zu einer Aussprache war es nicht gekommen, die Susi antwortete nicht. Nur nachdenklich hatten sie die Reden der Base gemacht. Sie fragte sich endlich selber, was sie wollte. Böses wollte sie, aber was, das wusste sie nicht. Dieser Anna gönnte sie ihn nicht, gegen sie richtete sich ihr Hass. Nur ihr wünschte sie alles Schlechte. Wäre sie doch eine Hexe, wie die Kerns Kathl! Aber Wünsche, starke Wünsche haben vielleicht auch die Kraft ihrer Augen. Und sie verwünschte den Schoß der Anna aus ganzer Seele. Unfruchtbar soll sie bleiben. Kein Kind soll der Christof je auf seinen Armen halten, da er das ihre verschmäht und bemakelt hatte. Gott möge sie erhören. Dann wolle sie sich in ihr Los schicken.

Sie zeigte sich am nächsten Morgen nicht am Fenster wie sonst. Schweigsam verrichtete sie ihre Arbeit im Hause, und auch die Base redete wenig. Es genügte ihr zu sehen, dass ihre nächtlichen Reden nicht ohne Eindruck geblieben waren. Warum sollte sie bei Tage wieder damit beginnen? Sie verstand ja, dass es in der Susi noch stritt und raufte, dass sie noch lange nicht fertig war mit sich. Und diese Nachbarschaft musste den Kampf verlängern, ihn verschärfen. Das war nun einmal nicht zu ändern. Man musste Geduld haben und ihren Sinn nach anderer Richtung lenken...

Als die Susi mittags zum Brunnen ging um frisches Wasser, fuhr auch die Anna mit einem Krug aus ihrem Haus heraus und kam zum Brunnen. Sie war ziemlich struwlig, der Einfall musste ihr plötzlich gekommen sein. Wie eine Wildkatze fauchte sie die Susi, die schon schöpfte, vor den versammelten Mägden an. »Guckt se an, du is des Mensch von mei'm Mann. Jetzt möcht's `n gern nornol haun. Sie hot mit ei'm Bankert nit ganung!«

Die Frau war grün und gelb vor Gift und Galle, ihre Rede übersprudelte sich.

Der Susi schlugen die Worte wie Peitschenhiebe ins Gesicht, aber sie fasste sich. »Zoddelbock!« sagte sie, voll Verachtung die dürftige Gestalt messend. »Wann m'r ein rare Vogel g'fange hot, derno gibt m'r halt besser acht uf'n. Mer sperrt `n halt ein, dass er ei'm bei der Nacht nit auskimmt.«

»Du Luder!« schrie die Anna, fassungslos über diesen Hohn.

Da ergriff die Susi den schweren Brunneneimer und schüttete ihr den ganzen Inhalt über den Kopf, so dass sie taumelte und nach Luft schnappte.

Lachend ging Susi ihres Weges, und alles lachte mit.

So hatte sie also doch den Unfrieden in Christofs Haus getragen, die Brandfackel der Eifersucht angesteckt in der Verhassten. Sie triumphierte. Der Base erzählte sie nichts von dem Vorfall, aber sie erfuhr es von anderer Seite. Und sie beschwor die Susi, nicht mehr zum Brunnen zu gehen. Sie zitterte vor dem Gedanken, sie eines Tages zu verlieren. Wenn dieser Streit sich fortsetze, sei sie ja doch die Schwächere. Die Susi lächelte böse: »Losst des gut sein, Bas' Mali. Sie brennt vor Eifersucht, sie hot ihr'n Teil schon weg. Was kann se denn taun? Sie werd mich nit mehr schimpe. Und er? Er soll m'r nit in die Näh' kumme. Ich rat's ehm nit.«

Aber er kam doch noch einmal. Ganz in derselben Weise wie das erstemal kratzte und pochte es eines Abends wiederleise am Fenster. Und als es sich wiederholte, fuhr die Susi aus dem Bett heraus, öffnete einen Flügel und rief hinaus: »Geih haam zu deim Zoddelbock! Schämscht dich nit, dei Weib aa noch zu betrüga? Du Kalfakter

Aber er lief schon, als sie den zweiten Satz sprach. Und eine kreischende Frauenstimme empfing ihn beim Brunnen... Und es klatschte...

Jetzt sei sie zufrieden, sagte die Susi zur Base und ging wieder zu Bett. Sie habe es beiden gegeben und von nun an existieren sie nicht mehr für sie.

Der Christof aber hatte den Teufel im Hause. Vergeblich suchte er seiner zärtlichen Anna begreiflich zu machen, was er vorhatte. Bitten und beschwören wollte er die Susi heimzugehen, fort aus dem Schwarzwald. Denn diese Nachbarschaft tue nicht gut, sie mache ihm sein Weib krank. Das wäre der einzige Zweck seines Fensterlns gewesen. Nur um ihretwillen habe er den Schritt getan. Jetzt sei es aus... Aber die Weiber sind harthörig, wenn sich's um Ausreden in gewissen Dingen handelt, die Anna glaubte ihm nicht. Und sie hatte keine ruhige Nacht mehr, sie wagte nicht einzuschlafen, weil der rare Vogel ihr entwischen könnte. Und sie ging auch nicht mehr zum Brunnen, wo sie ein Gespött aller Nachbarn geworden war, sie ging eines Tages zum Pfarrer und bat um Hilfe. Aber als der erfuhr, dass sie die Angreiferin war, dass sie die Susi beschimpfte, und was ihr Mann für einen Schritt getan, da musste er jede Einmischung ablehnen. Im umgekehrten Fall, ja, da hätte er wohl eingreifen und die Susi vorladen können. Vor dem Pfarrer nahm die Anna sogar ihre Zuflucht zu dem Bekenntnis ihres Mannes, da tat sie, als glaube sie an dessen gute Absichten. Sie wollten sie beide ja nur forthaben aus der Nachbarschaft. Da könne er nicht helfen, sagte der Herr Dechant. Dem Vater der Susi werde er raten, seine Tochter zu sich zu nehmen, um sie solchen Beschimpfungen und Belästigungen zu entziehen, aber er könne sich nicht verhehlen, dass die Schuld nicht auf ihrer Seite läge.

»Nit, Hochwürde?« sagte die Anna. »Die konn hexa, mit de Auge konn se hexa?« Der Pfarrer entließ sie mit dem guten Rat, der auch ihrem Mann gelte, der Susi nicht mehr in die Augen zu sehen und ihr Fenster in Ruhe zu lassen.

Und vom Pfarrhaus ging die Frau zur Kerns Kathl. Vielleicht wusste die Rat. Sie nahm gleich eine halbe Speckseite unter die Schürze, um sie ihren Wünschen geneigter zu machen. Und diesen Weg ging sie öfter in der Dämmerung, und sie machte ihn nie mit leeren Händen. Die Kerns Kathl trug ihr ewiges Geheimnis auf und verlangte einen Gegenstand, der von der Susi stamme, etwas, das ihr gehört habe, sonst könne sie nicht auf sie einwirken. Wo etwas hernehmen? Anna durchwühlte die Truhe, in der ihr Christof seine Bubensachen beisammen hatte, aber sie fand nichts, das der Susi gehört haben konnte. Wohl trug er den schönen Sonntagshut aus Hasenhaaren noch, der einst sein Vortänzerhut gewesen. Aber der hatte nie ihr gehört, er war nur durch ihre Hände gegangen, sonst hätte sie ihn verschwinden lassen. Und wo waren die Bänder? Ja, die schönen Bänder! Sie konnte ihren Mann doch nicht fragen. Lieber ging sie zur Bas' Liesl und suchte zu erforschen, ob sie nicht darum wisse, oder die Margret. Vielleicht seien sie von den Frauen irgendwie verwendet worden. Wenn sie nur noch einen Fetzen davon kriegte, war ihr geholfen. Die beiden Frauen wussten nichts von den Bändern. Wohl aber hatten sie erfahren von den Schwarzwaldgeschichten, die man sich überall erzählte. Schöne Sachen waren das! Der Christof geht Fensterln zur Susi und wird verspottet, und sie wird beim Brunnen getauft von ihr? Ob sie sich denn nicht schäme? Das ganze Dorf lache über sie.

Am nächsten Sonntag vor dem Kirchgang beklagte sich der Christof, dass ihm schon lange ein Knopf fehle am Pekesch. Er wollte Nadel und Zwirn haben und ihn sich selber annähen. Sie riss ihm den Pekesch aus den Händen. Das wäre ihre Sach'. Und als sie ihn dann auf ihrem Schoß liegen hatte und nähte, da guckte aus der linken inneren Seitentasche ein glänzendes rotes Zipfelchen heraus, das ihre Neugierde reizte. Was kann denn das sein? Und sie zog die schön gefalteten vier Kirweihbänder aus der Tasche hervor. Jubeln hätte sie mögen und war doch blass vor Zorn und Scham. Die trug er bei sich? All die Zeit? Geheiratet hatte er sie in dem Pekesch, und vor dem Altar noch trug er Susis Angebinde im Sack? Sie ließ den Fund rasch verschwinden und warf dem Christof, als er wieder eintrat, den Pekesch ins Gesicht. Und zwei Wochen redete sie nicht ein Wort mit ihm und gab auf keine Frage eine Antwort. Da er die Bänder nicht vermisste oder doch in keiner Weise zu erkennen gab, dass ihm etwas fehle, machte sie sich im geheimen Vorwürfe. Er trug den schönen Pekesch nur immer auf dem Kirchgang. Könnte er die Bänder nicht in der Seitentasche vergessen haben? Er wird sie damals, nach der Kirweih, wohl zu sich gesteckt und dann nicht mehr daran gedacht haben. Es konnte nicht anders sein. Und als ihr Zorn verraucht war, trug sie eines der schönen Bänder im Triumph zur Kerns Kathl. Die bestaunte die Pracht. Aber sie hatte Bedenken. Das wäre doch nur ein Teil eines Ganzen, die Anna müsse trachten, auch die noch dazugehörigen zu erwischen. Sie müsse alle beisammen haben, um sie nachts unter der Dachtraufe zu vergraben. Dort verfaulen sie am schnellsten. Und sei das geschehen, dann sei auch das unsichtbare Band der Liebe abgefault, das sich doch vielleicht noch von einem zum andern spinne. Nicht gern opferte die Anna auch die anderen drei Bänder, sie hätten vielleicht noch einmal eine bessere Verwendung finden können. Drei Bänder? Das war der Kerns Kathl nicht genug, sie hatte auf zehn oder zwölf gerechnet. Und sie musste erst daran erinnert werden, dass es ja ein Vortänzerhut gewesen war, den die Susi aufzuputzen gehabt hatte. Und sie fand, das wäre eine dumme Sitte, gerade die so armselig zu bedenken. Vier Bänder! Na es werde reichen müssen. In das eine Band mache sie drei Knoten im Sonnenschein und binde der alten Liebe das Feuer ab. In das andere mache sie drei Knoten im Mondenschein und binde ihr das nächtliche Laufen ab. Mit dem dritten Band binde sie die Beständigkeit ab, und mit dem vierten binde sie den Christof im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes an sein Weib. Dieses letztere aber dürfe nicht verfaulen, das müsse sie bis zum Neumond aufheben und dann bei Nacht verbrennen. Und das koste fünf Gulden, denn Speck habe sie für dieses Jahr genug.

Jetzt erst kehrte ein wenig Ruhe ein in das Gemüt der jungen Frau und Sicherheit. Ihr Glaube half ihr über das Wirrsal in ihrer jungen Ehe hinüber.

Die Susi aber hielt das Wort, das sie sich selber und der Base gegeben. Sie hielt es um so tapferer, seitdem der Vater ihr neuerlich ernstlich nahegelegt hatte heimzukehren, denn er werde nicht ruhig zusehen, wie sie den guten Ruf seines Hauses völlig untergrabe. Wenn auch nur das geringste noch verlaute, hole er sie selber ab, und wenn er sie am Zopf heimziehen müsse. Und er erwies sich unzugänglich für jede Aufklärung des Sachverhalts, er ließ die Schuldfrage nicht einmal aufwerfen. Gewiss habe sie Anlass gegeben zu allem, was geschehen sei, sie habe aber alle Ursache sich zu ducken, sich nicht bemerkbar zu machen. Mit einem Wort, er wolle nichts mehr über sie reden hören.

Auch zu den Ohren des jungen Meisters Stefan Jäger war der Klatsch aus dem Schwarzwald gedrungen. In welcher Lage mochte die Susi da draußen sein! Vielleicht heilte sie das langsam vor ihrem Starrsinn gegenüber seiner Werbung. Vielleicht dankte sie es ihm eines Tages, wenn er sie doch noch holte. Und je mehr er's bedachte, desto günstiger erschien ihm die Zeit, seinen Versuch zu erneuern. Er war ein stattlicher junger Mann von dreißig Jahren, hatte bei Meister Jakob seine vier Lehrjahre gemacht, war in der Fremd gewesen und kam als Herrischer wieder heim, der sich gar nicht so leicht in das alte Leben fügte. Erst als er eine Bauerntochter zur Frau bekam, ergab er sich langsam. Der Zauber der Scholle, des Besitzes, führte ihn wieder in das dörfliche Geleis, er schnitt sein Getreide und hackte seinen Kukuruz wie die anderen. Aber den schmalen braunen Rundbart, den er aus der Fremde mitgebracht und der sein frisches Gesicht umrahmte, den gab er nicht her. Er wollte sich unterscheiden von den Bauern, und an Sonntagen sah er denn auch immer aus wie ein junger Gutsherr.

Die Weidmannsmädeln kannte er seit seinen Kindertagen, die Susi ging in die Dorfschule, als er freigesprochen wurde. Der einstige Lehrbub war auch ihr eine liebe Jugenderinnerung. Warum sollte er sie nicht einmal heimsuchen da draußen.

Aber sie war doch sehr überrascht, als er eines Sonntags zur Versperzeit erschien. Er hatte dem Bauern einen neuen Wagen gemacht und wollte einmal hören, wie er ihm gefiel. Und auch die Bas' Mali wünschte er zu sehen und die Susi, die ja eine so gute Bekannte von ihm wäre. Wörle war zufrieden mit dem Wagen, sie tranken sich eins zu auf das gute Gelingen. Und dann kamen sie beide in die vordere Stube zu den Frauen. Vorher verabredeten sie, miteinander ins Große Wirtshaus hinunterzugehen auf einen Sonntagsdischkurs, sie gedachten sich nicht lange hier aufzuhalten. Aber der Meister hatte mit der Susi ein leises Gespräch angefangen und war nicht loszubringen von ihr. Während sich der Bauer beim Bett seiner Frau, das sie heute wieder einmal hüten musste, ein wenig niedersetzte - es geschah selten genug, dass er sich dazu bequemte -, verzog Jäger sich mit der Susi nach vorn zum Fenster und redete auf sie ein. War es die Sonne, die dort so schräg ins Fenster fiel? Dem Bauer schien es, als glühten die Backen der Susi, und sie sah ihm den Meister auch viel zu freundlich an. Er stupfte seine Frau, als wollte er sie aufmerksam machen auf das, was von diesem Witwer vielleicht drohte. »Sie sein jo von Kind uf bekannt«, sagte sie leise. Aber große Augen machte sie doch.

Die Susi wand sich los von dem Gast und wollte, dass er sich noch einmal niedersetze bei der Base, doch der Bauer, der ungeduldig geworden war, mahnte zum Aufbruch und ging voran. Jäger gab der Bäuerin die Hand, wünschte ihr eine baldige Genesung und sagte rasch: »Und bei der Susi legt halt a gut's Wort für mich ein.« Als sie ihn fragend ansah, fügte er, mit den Augen zwinkernd, hinzu: »Sie wirds Euch schon sage.«

Und der Bauer, schon unter der Tür, sprach zurück: »Jäger, mer häwe die höchscht Zeit.« Sie gingen, und Susi blieb verlegen zurück.

»Was maant er denn?« fragte die Bäuerin.

»A nix!« sprach die Susi ausweichend. »Dummheide!« Und sie richtete sich rasch zum Ausgehen her. Sie wollte zu ihrem Buben. Aber die Base ließ sie nicht los, sie war beunruhigt und wollte wissen, was für ein gutes Wort der Meister von ihr erwarte. Und da gestand die Susi, dass der Jäger ihr in aller Geschwindigkeit einen Antrag gemacht habe. Zum zweitenmal. Denn einmal hätte sie daheim schon nein gesagt. Er meine, sie solle sich's jetzt nicht länger überlegen, denn da im Schwarzwald könne sie ja doch nie in Ruhe leben... Die Base hatte sich's ja gleich gedacht. Aber sie antwortete vorerst nicht. So schnell fertig war sie nicht mit dem Wort in ernsten Fragen. Und das Schicksal der Susi ging ihr nahe. Wie konnte die nein sagen? Warum tat sie das? Eine solche Partie in ihrer Lage, die gab es doch kein zweites Mal. Die Susi zu verlieren, wäre ihr unendlich schmerzvoll gewesen, ja, sie hielt es in diesem Augenblick für unmöglich, sie herzugeben. Und sie hätte gewiss alle Überredungskunst aufgeboten, sie zurückzuhalten, aber deren Nein machte sie stutzig. Was erhoffte sie sich?

»Mer is jo recht lieb, dass du nein sagscht, Susi. Äwer hoscht du dir's aa recht gut überlegt?« fragte sie.

Und darauf bekam sie alle Gründe der Mutter Eva zu hören gegen solch eine Ehe mit einem Witwer. Die dreierlei Kinder leuchteten ihr ganz besonders ein. »Freilich, freilich... An des häb ich nit gadenkt«, erwiderte sie. Und war mit ihren Gedanken weit fort. Sie sah andere Möglichkeiten... Aber konnte man von so etwas sprechen? Gab es Worte, so etwas in Aussicht zu stellen ohne es zu sagen? Nicht daran rühren durfte man, sonst weckte man Wünsche, sonst rief man böse Geister... Sie hätte es nicht ertragen, zu wissen, dass solche Wünsche um sie herumflatterten. Und doch hegte sie sie manchmal ganz insgeheim selber. Wenn schon eine neue Bäuerin nach ihr ins Haus musste, warum eine andere? Diese Gedanken waren ihr nicht fremd, aber es mussten Gedanken bleiben... »Do hot dei Mutter wohl recht«, sagte sie »Loss d’r Zeit.« Und sie wendete das Gesicht zur Wand und hing still ihren besonderen Gedanken nach.

Die Susi aber eilte fort. Ihr Bub wartete schon lange. Auch der Bauer war aus seiner Ruhe aufgescheucht worden durch den Besuch des Stefan Jäger. Was bildete der sich ein? Da musste vorgebaut werden. Mathes Wörle ging der Susi, um des lieben Hausfriedens willen, aus dem Wege, soviel er konnte, er ließ sie wirtschaften und billigte alles, was sie tat. Nur in heißester Arbeitszeit half sie mit im Feld, sie gehörte ganz der Bäuerin. Aber es war an der Zeit, sie ahnen zulassen, was er sich von ihr erhoffte. Mochte seine Frau sich auch etwas denken. Jetzt war ihm das gleich, es schien Gefahr im Verzuge... Und er nahm die Susi einmal mit auf den Wochenmarkt nach Lippa, ein anderesmal auf den Jahrmarkt nach Temeschwar, kaufte ihr dies und das, beschenkte sie für all ihre Mühe und Plage und warb unverkennbar um ihre Zuneigung. Nicht mit Worten, er vergaß sich vorerst noch nicht, aber sie wusste gar bald, woran sie mit ihm war. Und er war ganz sicher, dass sie ihm eines Tages als reifer Apfel in den Schoß fallen würde.

Und die Bäuerin merkte, was um sie vorging. Mit trauriger Verwunderung folgten ihre hellseherischen Augen der Susi. Hatte sie sie doch zu hoch eingeschätzt? Wird sie sie doch eines Tages betrügen? Das glaubte sie nicht, um sie verdient zu haben. Sie lag krank dahin und wartete und fürchtete. Und es kam ein Abend, an dem die Susi, vom Melken der Kühe kommend, erhitzt und zornig ins Zimmer stürzte und der Bäuerin sagte, dass sie fort müsse. Auf der Stelle fort.

Die Base fragte nicht, warum. Sie ahnte, sie wusste alles. Weinend gestand die Susi endlich, dass es der Bauer wäre, dem sie weichen müsse. »Des häb ich schun lang kumma g'sehga«, sagte die Bas' Mali schmerzlich. »Loss uns heunt in Ruh drüber schlofa. Ich will marja mit ehm redde.« Und sie wandte sich ab, um mit ihren schweren Entschlüssen allein zu sein. Und redete kein Wort mehr. Gab auch auf keine Frage Antwort.


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