Guttenbrunn
Meister Jakob und seine Kinder
Guttenbrunn

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VI.

In jedem dritten Haus der Dorfes gab es Gäste. In eigenen Wagen waren sie angekommen, denn die Eisenbahn reichte noch lange nicht bis in diese Landschaft, es war nur erst eine Linie über Temeschwar geplant. Und von einer solchen nach Siebenbürgen hinauf war noch keine Rede. Die Bauern hielten auch nicht viel von der neuen Erfindung. Sie lehnten die im Lande übliche Arbeit mit Ochsen ab, weil sie so viel Zeit, wie diese brauchten, nicht hatten, aber ihre Pferde liefen ihnen gerade schnell genug, sie trauten den Dampfwagen nicht recht. Mit solcher Eile hatten sie erst recht nichts zu schaffen. Von Traunau, von Schöndorf und Engelsbrunn, von Neuarad, Bruckenau und Jahrmarkt und Mercydorf waren Leute gekommen, und sogar von Hatzfeld und Lovrin und aus den Schwabendörfern Csatad und Bogarosch im Torontal sah man Bauern und Bäuerinnen in ihren verschiedenen Trachten. Da gab es noch breite Schleifen auf den Köpfen und Bänder, die den Rücken hinabflatterten, elsässische und schwäbische, lothringische und fränkische Moden mischten sich in das Rosenthaler Bild, das voll Farbenfreude war in den Mädchen- und Frauentrachten. Nur die Männer und die großen Buben aus Rosenthal gingen in dunklem Tuch einher, den Pekesch übereinander geknöpft, die Hosen in hohen Glanzstiefeln, auf dem Kopf einen breiten schwarzen Hut. Knüpften sie den Pekesch auf, lief ihnen an der hochgeschlossenen Weste eine lange Reihe perlender Silberknöpfe über Brust und Bauch herab. Und glatt und bartlos trugen sie ihre Gesichter. Aber von den Gästen, die aus der Ferne kamen, hatte sich manch einer in der Revolutionszeit, als das Ungarische in die Mode kam, einen Schnauzbart wachsen lassen, und ihre Stiefelröhren waren nicht glatt, sondern geschweift geschnitten und mit einem Börtel eingefasst, das vorne eine kleine Rose bildete. Ihre Hüte waren kleiner, runder.

Aber ihre Mundart wusste nichts von solchen Anpassungen, und ihre gute Laune hatte sich rasch wieder gehoben, als die Revolution, zu der sie kein Verhältnis fanden, vorbei war, und das Land wieder kaiserlich regiert wurde. Den Haynau, den man den Bluthund nannte, mochte keiner, obwohl er die Honved vor Temeschwar aufs Haupt geschlagen und die belagerte Hauptstadt befreit hatte. Aber auch der Kossuth konnte ihnen gestohlen werden, der so viel Unheil angerichtet hatte. Im übrigen politisierten sie nicht gern, das überließen sie den Herrischen, die mehr davon verstanden.

Auch der Pfarrer von Rosenthal, der Herr Dechant Jakob Schuh, hatte zwei Gäste bekommen. Er erbat sich immer Aushilfe zur Kirchweih, ein Hochamt mit Assistenz machte sich viel feierlicher. Freilich wusste der Pfarrer, dass der Schwerpunkt des Festes, trotz seines Namens, außerhalb der Kirche lag, dass es ein weltliches geworden, aber er ließ sich seinen Anteil daran nicht schmälern. Der Tag der Kreuzerhöhung war ja ein unerschöpfliches Sinnbild für Predigten, er konnte jedes Jahr etwas anderes sagen, ohne sich merklich zu wiederholen. Die Aufrichtung des Kreuzes für die Menschheit; die Wiederaufrichtung desselben in diesem ehemals türkischen Lande und in der Gemeinde; die erste Erhöhung des Kreuzes mit dem Heiland, der für uns alle gelitten hat und am Kreuze gestorben ist; die Erstarkung des Glaubens nach sündhaften Zeiten, nach Krieg und Revolution, auch die Rückkehr jedes reuigen Sünders zu Gott, das alles hatte seine Beziehungen zum Tag der Kreuzerhöhung im Geiste. Und er donnerte es der Gemeinde zu und der Jugend, dass eine Kirchweih, die von den Altvorderen mit Vorbedacht auf diesen Tag verlegt wurde, bei guten Christen ganz besonders sittsam gefeiert werden müsste. Er sagte es seinen Beichtkindern beinahe jedes Jahr. Und er musste am besten wissen, wie nötig das war. »Erhöht das Kreuz in euch, und ihr werdet euch manche Reue, manches Leid ersparen.« Das war auch heute der Schlusssatz seiner Predigt, die er schon am Tage vorher ausgearbeitet hatte, ehe seine lieben Gäste kamen.

Es war ein geistlicher und ein weltlicher Gast. Der geistliche, Jakob Schuhs einstiger Seminargenosse Johann Nowak aus Temeschwar, jetzt Pfarrer von Bogarosch, war ihm ein lieber Freund geworden für das Leben, und sie wechselten manchen Brief im Laufe der Jahre. Aber nur selten besuchten sie sich, ihre Gemeinden lagen zu weit auseinander. Und so war die Freude doppelt, als der Freund und Amtsbruder sich bereit erklärte, zur Kirchweih zu kommen. Der zweite war ein Neffe Schuhs, Hörer der Philosophie, der seine Ferien ganz gern zu einer Kirchweihfahrt zum Oheim benutzte. Er wollte Professor werden und studierte an der wieder deutsch gewordenen Hochschule in Pest Philosophie.

Als die drei Herren am Abend vor dem Fest nach Tisch beisammen saßen und ihre Pfeifen glühten, wurden natürlich die Landesangelegenheiten besprochen. Der Jubel vom Großen Wirtshaus drang nur gedämpft bis zu ihnen, erst als die Musik am Pfarrhaus vorbeizog mit dem Vortänzer, gefolgt von der ganzen Dorfjugend, traten sie ans offene Fenster. »Vivat Kirweih!« rief der Christof dem Pfarrer zu.

»Du hast eine fröhliche Gemeinde, lieber Amtsbruder«, sagte Nowak. »ich freu' mich schon auf den morgigen Tag. Man scheint hier noch etwas auf alte deutsche Bräuche zu halten.«

»Ja, es ist eine tüchtige Gemeinde«, erwiderte Schuh. »Aber sie arten zur Kirchweih immer aus. Es wird zu viel getrunken, es entstehen Raufereien, und auch sonst wäre manches anzumerken... Meine Kirchweihpredigt ist immer eine Strafpredigt. Aber es nützt nichts.«

Pfarrer Nowak, der voll Behagen den Rauch aus seiner langen Pfeife sog und wieder ins Zimmer zurückgetreten war, lachte kurz auf. »Das kenne ich. Ich hab' mir die Moralpredigten bald abgewöhnt. Dieses gesunde, schwer arbeitende Volk will auch leben, es will an seinen Festtagen lachen und tanzen und lieben. Die Kirche darf da nicht immer drohend den Finger erheben und sagen, das wäre nicht erlaubt. Es ist besser, man freut sich mit den Fröhlichen.«

»Verliert sich da nicht der Respekt vor dem Pfarrer?« fragte Schuh.

»Im Gegenteil. Meine Schwaben hängen gerade deshalb an mir, weil ich mit ihnen lebe wie ein Gleicher. Am Sonntag nach der Vesper mache ich immer meine Tarockpartie im Wirtshaus mit dem Richter und den Geschworenen, und da reden wir dann ein Stündchen von allem, was in der Welt vorgeht. Dafür sind sie mir dankbarer als für jede Predigt. Sie kommen mit allem, was sie drückt, zu mir.«

»Man hat schon gehört davon, Hochwürden«, sagte der Philosoph Michel Schuh. »Der Pfarrer Nowak ist der Führer seiner Gemeinde.«

»Wer redet über mich?« sprach der Pfarrer, und seine blauen Augen blickten fragend. »Wer weiß überhaupt etwas von uns in Bogarosch?«

»Aber Hochwürden! Glauben Sie denn, die große Eingabe an den jungen Kaiser aus dem Banat sei unbekannt geblieben? Und sie war von Bogarosch datiertBogarosch-Eingabe - gemeint ist die »Schwabenpetition« von Bogarosch. Am 2. Oktober 1849 unterzeichneten die Vertreter von dreizehn Banater Heidegemeinden in Bogarosch eine von Pfarrer Josef Nowak verfasste Bittschrift an Kaiser Franz Josef l., in der unter anderem ein Schwabengraf verlangt wurde. Dem Ansuchen wurde nicht stattgegeben.. Sogar die Zeitungen in Wien haben davon geredet.« »Ja, ja, ich habe auch so etwas gelesen«, warf dar Pfarrer von Rosenthal ein.

»Aber wer weiß denn, dass ich etwas damit zu tun habe?« entgegnete Nowak, und sein blondes Gesicht nahm einen lächelnd verschmitzten Ausdruck an. »Mein Name steht nicht darunter.«

»Aber man vermutet allgemein«, sagte der Student, »dass Euer Hochwürden die Eingabe verfasst haben, die von so vielen deutschen Gemeindevorstehern und Geschwornen unterzeichnet war und im Namen des ganzen Schwabentums im Banat das Wort führte.«

»So, so... Hat man es also doch ausgeplauscht. Nun, ich will es nicht leugnen, dass ich die Feder führte. Aber ich drückte nur aus, was die deutschen Bauern in Torontal wollten. Wir grenzen dort an die Serben, wie Sie hier an die Walachen. Und als nach dem Zusammenbruch der ungarischen Revolution alle Nationalitäten ihren Lohn forderten und sich selber verwalten wollten, da kamen meine Bauern voll schweren Sorgen zu mir und fragten mich um Rat. Sie wollten wissen, was denn mit ihnen geschehen werde. Man hatte ihnen während der Revolution drohend gesagt, sie müssten Madjaren werden. Sollten sie jetzt am Ende serbisch oder walachisch werden? Da erzählte ich ihnen, wie das kleine Volk der Sachsen in Siebenbürgen deutsch geblieben sei durch Jahrhunderte, mitten unter fremden Völkern. Sie regieren sich selbst, seien im Landtag ein bevorzugter Stand, haben ihren eigenen Sachsengrafen und niemand dürfe in ihre Angelegenheiten dreinreden. Das sollten die Schwaben im Banat eben auch zu erreichen suchen, sie seien ihrer viel mehr als die Sachsen.«

»Aber wohnen die Schwaben nicht viel zerstreuter im Lande als die Sachsen, die eigene Städte haben?« fragte Pfarrer Schuh.

»Keine Idee! Die Schwaben wohnen in den meisten Bezirken dichter beisammen als jene... Also, meine Leute waren begeistert. ,Das gibt es in Ungarn?` fragten sie. Ich sollte ihnen das doch aufsetzen in einem schönen Majestätsgesuch. Sie wollten damit im Lande umherfahren und viele, viele Unterschriften sammeln. Und dann sollte eine Deputation nach Wien fahren und das Gesuch dem Kaiser überreichen. Was blieb mir übrig? Ich machte die Eingabe. Und als ich hörte, was man in Wien für eilige Pläne hatte, trieb auch ich zur Eile. So wurde die Werbung abgebrochen, als schon eine größere Zahl von deutschen Gemeinden unterschrieben hatte, und fünf Dorfrichter fuhren nach Wien.«

»Und sie sind vorn Kaiserempfangen worden?« fragte Schuh.

»Seine Majestät waren nicht anwesend. Aber der Minister Fürst Schwarzenberg empfing sie, und er dankte ihnen, dass sie gekommen waren. So ein Lebenszeichen der Deutschen im Banat sei der Regierung wertvoll, sagte er ihnen.«

»Es ist doch schön, so ins Weite zu wirken mit einem Gedanken«, sagte der Dechant Schuh sinnend. »Wer weiß, was das noch einmal für Früchte trägt.« Der Student wurde ausfällig. »Wer denkt an uns Deutsche? Man hat sich in Wien jetzt zur Abwechslung einmal den Kroaten und Südslawen verschrieben. Wir sind hier plötzlich eine serbische Woywodschaft geworden.«

»Mein lieber, junger Freund«, erwiderte Pfarrer Nowak, »ich bin mit dieser Wandlung ganz zufrieden. Man war den Kroaten und Serben verpflichtet und musste etwas tun. Wir sind hier keine Woywodschaft geworden, der offizielle Titel der Provinz lautet ja:, Serbische Woywodschaft und Temescher Banat'. Das ist ganz etwas anderes. Die serbischen Teile des Banats werden serbisch verwaltet, die deutschen deutsch. Unser Gesuch ist erfüllt, wenn auch ein Statthalter in Temeschwar sitzt, und kein deutscher Graf.«

»Ja, wenn Hochwürden die Sache so betrachten...«

»So muss ich sie betrachten. Drei Völker erheben Anspruch auf das Banat, die Madjaren, die Serben, die Wal- oder Rumänen, wie sie jetzt genannt sein wollen. Immer wieder schützt uns der Kaiser wider diese Dreiheit. In fünfzig weiteren Jahren werden wir uns wohl so vermehrt haben, dass wir keinen künstlichen Schutz mehr benötigen. Das Banat wird eine deutsche, aber gut ungarische Provinz werden.«

»Hochwürden sind ein weitsichtiger Politiker«, sagte der Student.

»Ich? Oh nein! Ich wünsche gar keiner zu sein.«

»Ja, ja! Ich bin auch erstaunt, lieber Freund, dich von der Seite kennen zu lernen«, warf Pfarrer Schuh ein. »Nenn es, wie du willst, man muss zu seinem Volke stehen. Mir liegt die Zukunft der Schwaben in diesem Lande sehr am Herzen. Welch ein Reichtum des Bodens! Welche Fülle und Mannigfaltigkeit der Kulturen! Eine Provinz, so groß wie Belgien, noch einmal so groß wie das Königreich Sachsen! Und sie kommt zu keiner politischen Stetigkeit, zu keiner Ruhe. Wissen wir, wie lange das jetzige System wieder dauert? Ich bin zufrieden damit, aber eben darum zittere ich für seine Beständigkeit.«

»Sehr wahr! Nur allzu wahr!« rief Jakob Schuh. »Aber meine Bauern kümmern sich sehr wenig darum. Sie leben ihr Leben und überlassen das Politisieren den Herren.«

»Hm. Ich rede mit den meinen von all diesen Dingen. Sie sollen sich darum kümmern. Sogar von der Kanzel herab sage ich ihnen manches. Du nicht auch?«

»Von der Kanzel herab? Gott behüte! An Politik habe ich meine Gemeinde nicht gewöhnt. Ich redete kaum während der Revolution etwas. Sie wurden gequält genug mit Requisitionen und hatten über alle Maßen unter den Vorspanndiensten zu leiden. Heute für die Kaiserlichen, morgen für die Revolutionäre... Ich liebe die Politik nicht, in der Kirche schon gar nicht.«

»Ach was, Politik... Sieh, der Mond geht gerade auf. Er steht da drüben über den Bergen. Mit freiem Auge seht ihr hier das ganze Jahr die Ruine Vilagosch, zu deren Füßen der Görgei lag mit seinem Revolutionsheer. Dort hat er kapituliert. Aber er ergab sich nicht den Kaiserlichen, er ergab sich unglücklicherweise den Russen, die über Siebenbürgen herabgekommen waren. Und auf diesem Schauplatz wird nicht politisiert? Hier redet nicht jeder Bauernjunge von den Angelegenheiten des Landes?«

»Ich glaube nicht. Ich unterstütze es jedenfalls nicht«, erwiderte Pfarrer Schuh zurückhaltend. »Es ist besser, gewisse Dinge geraten in Vergessenheit.«

»Der Meinung bin ich nicht. Hier wäre der fruchtbarste Anschauungsunterricht möglich über das große Ereignis. Hätte Görgei sich der Gnade des Kaisers empfohlen, es wäre alles anders gekommen. So aber schenkte der Zar unseren jungen Kaiser das wiedereroberte Ungarn. Darüber wurde der Haynau ja so rasend. Darum war das Blutgericht über die ungarischen Generale nicht aufzuhalten. Sie waren ihm nur noch Rebellen.«

»Es war eine grausame Handlung. Nie wird sie vergessen werden«, sagte Pfarrer Schuh. Und der Student stimmte zu. »Es hat einen furchtbaren Eindruck auf die ungarische Jugend gemacht. Sie geht mit geballten Fäusten umher.«

»Im Hosensack!« warf Nowak ein. »Die Lage hat sich verschärft. Aber wer weiß, was die Zukunft bringt. Gerade weil es so nicht bleiben kann, wie es ist, gerade darum ist die Aufklärungsarbeit auch unter den Deutschen nötig.«

»Ich leiste sie nicht«, erwiderte Schuh beinahe ängstlich. »Ich bin ihr Seelsorger.«

In Nowaks Augen blitzte es auf. »Lieber Bruder, tauschen wir einmal auf ein paar Jahre die Gemeinden!« scherzte er. »Oder weißt du was, lass mich deinen Bauern morgen als Gast eine Kirchweihpredigt halten.«

»Freund, Freund... Übrigens habe ich die meine schon memoriert.«

»Worüber? Ach ja, Kreuzerhöhung! Ein ergiebiges Thema.«

»`s ist im Grunde immer dasselbe. Du mit deiner Eloquenz wirst enttäuscht sein«... Seine Predigt kam ihm jetzt ärmlich vor und nüchtern. Und er fuhr fort: »Ich möchte dich ganz gern einmal reden hören. Und wenn du mir versprichst, aber du bist ja gar nichtvorbereitet.«

»Ich stehe mit der Sonne auf. Ein Morgengang genügt mir.«

»Also du wolltest im Ernst?« fragte er, mehr aus Besorgnis ungastlich zu erscheinen.

»Nur wenn es dir angenehm ist, lieber Bruder. Eine solche Abwechslung kann doch niemandem schaden.«

»Aber du wirst eine unaufmerksame Gemeinde haben. Ich mache es immer kurz zur Kirchweih, die Leute sind mit ihren Gedanken ganz woanders. Auch sind morgen viele Fremde hier. Gäste...«

»Eben darum!« rief Nowak.

»Du Agitator, du«, sprach Schuh lächelnd. »Jetzt verstehe ich. Nun, es sei.«

»Hochwürden«, sagte der Student, »ich freue mich schon auf Ihre Rede.«

»Da hast du's«, scherzte Schuh, »die Kanzel ist schon zur Tribüne geworden.«

»Ich werde sie nicht missbrauchen«, erwiderte Nowak.


Ein strahlender Septembermorgen war angebrochen. Das Dorf, blank geputzt, die Häuser frisch geweißt, die Straßen gefegt wie ein Ballsaal, wurde mit Böllerschüssen geweckt. Auf dem weiten Platz hinter der Kirche hatte sich die Kirweihartillerie ihre Erdlöcher gegraben, aus denen die Mörser krachten, dass die Fensterscheiben schepperten. Und die Jugend tummelte sich in allen Gassen. Aber es war die Schuljugend, es waren die Buben zwischen acht und zehn Jahren, denen die erste Rolle zufiel an diesem Kirweihmorgen: Sie hatten nämlich den großen Buben die aufgeputzten Kirweihhüte zu bringen. Jedes Mädel, das einen Strauß gemacht und keinen kleinen Bruder hatte, bestellte sich einen Buben aus der Freundschaft oder der Nachbarschaft. Und keine Sendung wurde lieber übernommen als diese. Stolz waren die kleinen Liebesboten, die solch einen kostbaren Hut anvertraut bekamen, und Trinkgelder regnete es auch. Zuerst von »ihr« und dann von »ihm«. Und mancher kecke Knirps setzte sich den Kirweihhut unterwegs selber auf. Die Leute, die in die Frühmesse gingen, hatten ihr Schauspiel auf allen Wegen. Wie wichtig dünkte sich so ein Bub! Und wie sie angestaunt und ausgefragt wurden über das Woher und Wohin. Denn die Neugierde war groß, und es gab Frauen, die durchaus um alle Geheimnisse des Dorfes wissen wollten. Hinter jedem kleinen Buben aber, der einen Kirweihhut auszutragen hatte, zogen ein paar Genossen einher, Begleiter, die dabei sein wollten, wenn die Trinkgelder an den Buden der Stadtkrämer vernascht wurden. Diese hatten ihre Zelte schon immer am Abend vorher rund um die Kirche aufgeschlagen, denn sie kannten ihre genäschigen kleinen Kunden, die ihnen zuerst einen guten Morgen boten, sehr wohl.

Und die großen Buben warfen sich beizeiten in ihren neuen männlichen Staat, alles spiegelte und glänzte an ihnen, nichts fehlte als der Hut. Endlich kam er. Und das ganze Haus lief zusammen, beguckte und bewunderte ihn und sang das Lob der splendiden Schönen, die ihn gestiftet. Auch der Susi klangen die Ohren an diesem Morgen, denn ihr Hut hatte den Beifall der Schwägerin Margret gefunden und sogar den der Bas' Liesl, die sich in nichts anmerken ließ, welche Pläne sie verfolgte. Nur eine Bitte hatte sie an den Christof, falls sie ihn vor Abend nicht mehr sehen solle, er möge der Anna Foltz, die zum erstenmal ins Große Wirtshaus komme, einen Tanz schenken. Sie wäre gar so leutscheu und fürchte, dass kein Bub sie anschaue. Wenn er als Vortänzer sie einmal nähme, werden es auch andere tun: »Aber ja«, erwiderte Christof, der vor dem Spiegel stand, leichthin. »Wenn's weiter nix is!« Er gefiel sich. Fein hatte das die Susi gemacht mit dem Vortänzerhut. Nur vier Bänder anstatt zwölf, aber was für welche! Und wie der Rosmarin duftete, den sie um die Hutkappe gewunden und dicht mit Rauschgold verkleidet hatte. Fein! Der Vater zeigte sich nicht. Er war mit seinen Gästen schon fort zu den Verwandten. Gern hätte Christof ihm heute ein gutes Wort gesagt. Und auch Geld brauchte er. Und so ging er zu den Großeltern hinüber und zeigte sich denen. Sie hatten ihn gern, und der Großvater griff auch gleich in die Brieftasche und drückte dem Christof eine Banknote in die Hand, deren Ziffer die Alte nicht zu sehen brauchte. Er wusste, dass die Vortänzerehren nicht billig waren. Als die Großmutter ihm den Namen seines Mädchens abgefragt hatte, da sahen die beiden Alten einander an und verstummten. Keine Bauerntochter? Ein Luckhaup? So sagten ihre Mienen. Aber der Christof hatte keine Zeit mehr, er brach mit einem Juhuschrei auf nach dem Großen Wirtshaus. Der Großvater Adam hatte seine besonderen Gedanken. Also ein Enkelkind der Zengrafin...

Von allen Seiten flatterten die Kirweihbuben herbei. Die Musikbande begrüßte den ersten Vortänzer mit einem Tusch. Vor dem Gemeindehaus aber sammelten sich schon die Schützen. Wohl hundert an der Zahl waren heute angerückt mit ihren Gewehren, und sie marschierten alsbald zur Kirche hin und nahmen vor dem Pfarrhaus Aufstellung. Sie waren ein Stolz der Gemeinde. Alle Gewehre im Lande wurden nach der Revolution von den Militärbehörden eingezogen, den deutschen Schützen ließ man sie. Bei der Kirche herrschte schon reges Leben bis zum Großen Wirtshaus hinauf. Die ganze Bevölkerung war unterwegs zum Hochamt, die Dorfjugend aber hing nur der Freude nach und wartete auf den Aufzug der Kirweihbuben. Das war das Wichtigste. Die dunkeln Gestalten der Schützen mit ihren breiten Hüten standen wie eine Mauer da und brachten einen feierlichen Zug in das bewegte Treiben. Als nun von droben Marschmusik einsetzte, kommandierte der Schützenhauptmann: Habt Acht! Und die Männer schlugen die Hacken zusammen und harrten ihrer Söhne und Erben; sie harrten der Jugend, um ihr die Ehrenbezeugung zu erweisen.

In zwei Reihen, die die ganze Straßenbreite ausfüllten, hatten sich die stolzgeschmückten Kirweihbuben aufgestellt. Es ging nicht ohne Püffe ab, der Raum genügte kaum, und es wäre eine dritte Reihe bei weitem vorteilhafter gewesen.

Aber in diese wollte keiner. Und so drängte man sich und machte sich so schmal, als man konnte. Voran schritten die beiden Vortänzer. Vor diesen aber marschierte die Musikbande und blies eine feierliche Marschweise.

Sobald die Glocken läuteten, begann der feierliche, farbige Aufzug zur Kirche, tausend einheimische und fremde Zuschauer guckten aus allen Fenstern, sämtliche kleine Buben und Mädeln waren hinterher. Die Schützen präsentierten das Gewehr, und die Musik, die vor der Kirche seitlich Aufstellung genommen hatte, blies mit vollen Backen, bis der letzte der Buben durch die Kirchentür eingetreten war. Und heute gehörte ihnen der Mittelgang, nicht das Chor, so wie sonst. Und vor ihnen, fast bis zum Altar gedrängt, standen die Mädchen in hellen duftigen Kleidern. Alle Augen wanderten, suchten, es war wenig Andacht in der Kirchweihgemeinde. Zuviele weltliche Ablenkung war da, zu viele Fremde auch gab es, die immer leise Fragen an ihre Nachbarn stellten. Und alle hatten nur den einen Gedanken: Heute macht's der Pfarrer kurz.

Das Hochamt nahm seinen feierlichen Verlauf, der Herr Oberlehrer, der die Orgel und seinen Kirchenchor fest in der Hand hatte, machte dem Dorfe alle Ehre vor den Gästen, und die Schützen draußen, die nach dem Agnus, die ihre Salve abgaben, schossen gut, nicht ein einziges Gewehr knatterte nach, und der fremde Geistliche, der mit dem Kaplan dem Herrn Dechant beim Altar assistierte, gefiel den Leuten. Man wusste, dass er der beste Freund des Herrn Dechant war und dass er von weither kam, um die Rosenthaler Kirchweihfeier zu erhöhen. »Wird eine Predigt gehalten?« fragten die Gäste. Ja, aber nur eine kurze, hieß es. Und jetzt war man so weit. Aber welche Überraschung! Es begab sich der fremde Pfarrer auf die Kanzel, nicht der Herr Dechant. Das weckte die Aufmerksamkeit und sammelte die Geister.

Der Richter Johann Geiß und die Geschworenen blickten auf. Der Fremde? Am heutigen Tage? Wenn er's nur kurz macht, war auch ihr Gedanke.

Der Pfarrer Johann Nowak stand droben. Er neigte sich gegen den Hochaltar und schlug das Kreuz. Jakob Schuh, der Dechant, horchte ungesehen an der Tür der Sakristei. Mit heller klarer Stimme sprach sein Gast:

»Geliebte Brüder in Christo! Nehmt es nicht ungütig auf, dass heute eine fremde Stimme von hierzu euch spricht, dass an diesem Freudentage der Gemeinde euer Seelenhirt sich durch einen Freund und Amtsbruder vertreten läßt. Es ist nur eine Sache, der wir dienen, und das Wort Gottes bleibt in jedem Priestermund dasselbe. Ich habe euern geliebten Pfarrer um die Ehre gebeten, auch einmal zu euch sprechen zu dürfen. Ich diene Gott in einem andern Teile des Banates, bin ein deutscher Pfarrer und habe eine große Gemeinde wie die eure. Aber so alt wie die eure ist die meine nicht. Aus euren Pfarrbüchern habe ich erfahren, dass ihr heute zum hundertunddreißigsten Male den freudigen Tag begeht, an dem das Kreuz in eurer Gemeinde erhöht wurde, an dem eure Ahnen die erste Kirchweih hier gefeiert haben. Ein Gedenktag also. Seit hundertunddreißig Jahren blüht hier deutsches Leben durch euch. Seid stolz darauf und dankt Gott für diese Gnade. Welche Summe von Fleiß und Arbeit habt ihr in dieser langen Zeit nicht an das Gedeihen eurer Gemeinde, eures Wohlstandes gewendet; wieviel Leid, wieviel Freud habt ihr hier nicht erfahren. Die Fremde ist euch in dieser langen Zeit zur teuren Heimat geworden, ihr wurzelt für ewig in dem Boden, in dem eure Vorfahren begraben liegen. Es gibt kein Zurück mehr für euch oder eure Kinder in das große deutsche Reich, aus dem ihr stammt, ihr habt euer Volkstum hierher verpflanzt wie eure Saaten, und es gedeiht in dieser Erde so gut wie im Mutterboden. Das zu sehen und zu erfahren, erfreut auch mein Herz. Ich fand überall im Banat das gleiche. Ihr haltet etwas auf eure schwäbischen Sitten und Bräuche, ihr feiert eure Feste hier so wie von je, und ihr dient Gott in eurer schönen Kirche, die ihr euch selber gebaut. Es kann euch und euren Kindern nicht fehlen, wenn ihr so treu an Zucht und Sitte festhaltet wie bisher. Aber ihr sollt euch auch dessen bewusst sein, dass ihr als Deutsche nicht allein seid in diesem Lande, in dem ihr so vielen anderen begegnet. Ihr überseht von hier aus kaum ein Dutzend deutscher Gemeinden, aber es sind ihrer weit über hundert, und sie bilden alle eine große Familie. Oder sollten sie bilden. Vergesst das nicht. Wenn ihr zusammenhaltet, einander sucht und euch immer aufs neue anfreundet, seid ihr stark und werdet niemals untergehen. Die Völker, die euch umwohnen, sind um hundert Jahre hinter euch zurück, nie werden sie euch einholen, wenn ihr wie bisher eure guten deutschen Schulen pflegt und euch eine Intelligenz aus eigenem Blut schafft. Lasst nicht alle Söhne Bauern werden oder Handwerker, schickt immer einen auf höhere Schulen, das sage ich meiner Gemeinde seit Jahren, und es gilt wohl auch hier. Ihr werdet künftig in allen Ämtern deutsche Männer aus eurer Mitte brauchen.

Mit Freude sehe ich unter euch heute auch andere deutsche Trachten, ihr habt also gute Nachbarn und Freunde, ihr pflegt den Zusammenhang mit eurem Volke, so wie ich es von meiner eigenen Gemeinde immer verlange. Das erleichtert vieles im öffentlichen Leben des Landes. Kümmert euch um dieses. Ich spreche zu euch und euren Gästen: Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und verlangt für euch, was euch gebührt. Gott will nicht Herren und Knechte, Gott will, dass alle seine Geschöpfe teilhaben an seinem großen Werke. Er hat euch als Deutsche erschaffen, und ihr seid es ihm schuldig, einst als Deutsche vor seinem Richterstuhl zu erscheinen. Denn er redet mit seinen Kindern in ihrer Muttersprache. Ihr wart einst in Gefahr, eingegliedert zu werden in die Nation, die sich gegen ihren König erhob, um die Zügel an sich zu reißen. Das ist verhindert worden. Sie haben ihren König nicht ungestraft abgesetzt. Aber ganz außer Gefahr werdet ihr nie sein in diesem Lande, denn vom Süden her fordern es die Serben, vorn Norden die Walachen. Wenn sie euch einholen in ihrer Entwicklung, ehe ihr ein einheitlicher, fester Volkskörper geworden seid, dann werden sie euch einst verschlingen, denn sie sind die Mehreren. Darum, geliebte Schwaben, arbeitet an euch selbst und an eurer Einigung und Verschmelzung, denn einzelne Gemeinden kann ein anderes Volk verschlingen, hundert, die ein Ganzes bilden, nicht. Wenn je wieder ein Wechsel im System der Regierung des Banates eintreten sollte, so verlangt ein eigenes Oberhaupt, einen deutschen Grafen, der eure Angelegenheiten in deutscher Sprache und nach deutscher Sitte pflegt und behandelt. Der junge Kaiser kennt diesen Wunsch, die Torontaler haben ihm denselben ausgesprochen für euch alle. Unsere Richter und Geschworenen in Torontal haben das Gesuch sämtlich unterzeichnet.

Da ihr heute zum hundertunddreißigstenmal Kirweih feiert und auch in tausend Jahren hier noch fröhlich sein wollt, so glaube ich als Gast euch das an diesem hohen Gedenktag sagen zu sollen. Es klingt recht weltlich. Aber ich sage euch, was man für sein Volk tut, ist Gottesdienst.« Und er kniete nieder, betete mit der überraschten Gemeinde das Vaterunser und schloss: »Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen«

Der Schluss des Hochamtes vollzog sich rasch, und wie ein Bienenschwarm summte die Gemeinde, als sie das Gotteshaus verließ. Man tauschte die geteilten Meinungen aus über die seltsame Predigt, aber die gute Stimmung überwog, man hatte viel erfahren durch dieselbe. Über sich selber, über Vergangenheit und Zukunft, über Rechte und Pflichten. Nie werde man diese Kirweihpredigt vergessen dürfen, sagte auch der Richter. Gern hätte er jenes Gesuch an den Kaiser auch unterfertigt. Zehn Gemeinden wusste er, die mit dabei gewesen wären. Auch die Gäste stimmten dem zu, und sie waren froh, zu dieser Kirweih nach Rosenthal gekommen zu sein. Es war ein Erlebnis.

Ein junger Bauer, ein Rosenthaler Sohn, der in einem walachischen Dorf ansässig war, rief »Vivat!« als der Pfarrer von Bogarosch mit dem Dechanten über den Kirchenplatz ging. Und viele Männer stimmten ein in diesen Ruf. Johann Nowak lüftete den Hut und lächelte den Leuten zu. Der Dechant aber schien sehr ernst zu sein. Sollte gerade ihm diese Predigt seines Freundes nicht gefallen haben?

Aber jetzt hatte die Jugend das Wort und nicht die Politik. Die Kirchweihbuben ordneten sich wieder in zwei Reihen und marschierten, so wie sie gekommen, unter dem Geschmetter ihrer Musik zum Großen Wirtshaus hinauf. Es war ein Jubel in dem Marsch, den sie jetzt bliesen. Und so lösten sich alsbald die Scharen der Neugierigen von ihnen, denn alles strebte heim zum Mittagstisch. Die Kirweihbuben aber blieben heute die Gäste des Wirtes. Und Peter Albetz hatte sich gut vorgesehen. Es war sein größter Tag im Jahr.


Auf Gastfreundschaft war heute das ganze Schwabendorf gestellt, die Türen aller Keller und aller Speisekammern standen offen, wer immer kam, er war willkommen. Und wo eine Haustochter einen Kirweihstrauß gemacht hatte, da gab ein Besucher dem anderen die Tür in die Hand. Die Brüder Jakob Weidmanns waren gekommen, der lustige Vetter Michel, der im Sommer die Fassbinderei und im Winter das Schweineschlachten betrieb, der Vetter Niklos, der dem halben Dorf die Häuser baute und immer kritischer Laune war, sie kamen, um der Susi zu gratulieren. Jeder hatte schon daheim gegessen, aber ein paar Küchel ließ er sich gern noch aufnötigen von der Frau Eva. Nur der Vetter Hannes, der Nachbar, fehlte, und die Weidmannschen Hausväter wären sämtlich beisammen gewesen. Aber der hatte das Haus voller Gäste von der auswärtigen Freundschaft. Darunter befanden sich sogar schwäbische Vettern aus Schöndorf, deren Vorfahren einmal Franzosen gewesen sein mussten, denn der eine schrieb sich Schambree, der andere Leblanc. Und die Brüder wollten ja heute auch hinüber zum Hannes, ins Vaterhaus, sie waren nur auf einen Sprung zum Jakob gekommen an diesem Freudentag. Jeder von ihnen hatte sein gutes Gewerbe. Der Vetter Michel gab seine einzige Tochter einem kleinen Bauern als Frau, der zu ihm ins Haus zog, und er betrieb seine Binderei schon im Vorbehalt. Der Vetter Niklos lebte mit seiner Frau und zwei Töchtern im eigenen Haus, seinen Sohn aber ließ er in Arad zur Baumeisterei ausbilden, er sollte mehr lernen vom Handwerk, als er selber einst im Dorfe lernen konnte. In der Fremd' war er nie, seine schlichte dörfliche Maurerei hätte ihm da nur Enttäuschungen gebracht. Aber das hinderte nicht, dass er einer der Gescheitesten im Dorfe war und die meiste Menschenkenntnis besaß. Wenn man so vielen Leuten Häuser baute wie er, lernte man die Menschen am gründlichsten kennen.

»Na, häbt'r die Predicht g'häert Neunt?« fragte er sogleich, als er bei Tisch saß. »So was! Spuckt der den Ungarn von der Kanzel in die Supp'! Die häwe's ganz gut gamaant, `s is halt schlecht ausgange.«

»Den Ungarn?« fragte Meister Jakob. »Mir scheint, er hat die Großtuerei der Servianer und der Walache in der Arweit g'habt. Vor dene will er uns warne.«

»Äwer losst doch heunt den fade Dischkursch«, sagte der Bruder Michel. »Vivat Kirweih!... Ah, die Küchel sein gut!... Hot die am End' gar die Susi gebacke?«

»Jo freilich, die hot heunt g’wiß Zeit g'hatt far so was«, sagte Frau Eva.

»Na, waascht, Schwagerin, sie schmecke halt so jung, so appatittlich.«

»Valleicht bin ich der nit mei appatittlich ganung, du altes Laschter!«

Mit dem Gelächter, das da ausbrach, war die Kirweihstimmung gleich wiederhergestellt. Und sie wurde gesteigert, als man von ferne Musik und Lärm auf der Gasse hörte. »Die Buwe sein schun überall«, rief die Kathl vom Fenster her. Und die Susi, festlich angetan, trat auch hinzu und sah erwartungsvoll hinaus.

Die Kirweihbuben hatten sich in zwei Gruppen aufgelöst, ihre Musik in zwei Teile geteilt, und die eine Hälfte zog rechts, die andere links vom Großen Wirtshaus durch die Hauptgasse. Sie machten die Runde im Dorf und sollten sich drüben in Neurosenthal an der Kreuzung der Hauptgassen treffen. In der Herrnsgasse sollten sie sich wieder vereinigen. Die Buben fielen mit ihren Weinflaschen und Glücksnummern in jedes ihnen bekannte Haus, wurzten alle Vettern und Basen, und die Flasche, aus der jeder, dem sie angeboten wurde, einen Schluck trinken musste, wurde immer wieder frisch gefüllt. Jedes Haus war dazu bereit. Aber wer einmal trank, der nahm auch eine Nummer ab. Die Buben hatten sich auf dieser Jagd durch das Dorf vornehmlich bei ihren Kirweihmenschern einzufinden und deren Eltern. Da mussten sie mitessen, da konnten sie rasten. Der erste Weg der beiden Vortänzer war zum Pfarrer, zum Richter, zum Oberlehrer. Die waren einzuladen zur Kirweih. Dann erst konnten sie ihren anderen Pflichten und Neigungen folgen.

»Juhu! Juhu!« tobte es durch die Gassen. Und die Musik, der die kleine Welt, so weit sie schon laufen konnte, folgte wie dem Rattenfänger, schwang ihre alten deutschen Liedertänze über alle Dächer. Bald nah, bald fern erfüllte sie die Luft des Dorfes mit den Wellen süßer Weisen. Wenn sie einen frischen fröhlichen Schleifer blies und man die Augen schloss, konnte man sehen, wie das ganze Dorf, selbst der Kirchturm und das Pfarrhaus, ihn mittanzten. Namentlich wenn man schon aus einigen Kirweihflaschen getrunken hatte, sah man es ganz deutlich.

Juhu! schrie der Christof und trat in das Haus des Meisters Jakob.

Susi empfing ihn schon an der Schwelle. Das war ihm recht, dass er Gäste antraf und gleich drei oder vier Nummern anbrachte. Der stattliche Bursche erregte das Wohlgefallen aller. Er trank aus seiner Flasche dem Meister Jakob zu, der ihn gar freundlich anblickte. »Vetter Jakob, einen schönen Gruß von der Kirweih!« Und sie taten ihm der Reihe nach alle Bescheid. Der Vetter Michel beguckte die Flasche, roch an dem Wein, ehe ertrank, und sagte: »Chrischtof, des is den Parra sei schmecketer Wei!« »Ja«, lachte dieser. »Die zwo Parra und der Kaplan häwe so fescht getrunke, dass m'r die Wirtschafterin die Flasch' glei' wieder hot fülle müsse.«

»Schmeckt der dem Parra sein Wei' schun mit der Nas«, lachte der Vetter Niklos.

»Vum Schweineschlachte, mei Lieber. Ich kenn' jeden Wei' im Dorf; des ist der bescht.«

Der Christof wurde an den Tisch genötigt, und die Mutter und die Susi bedienten ihn. Indessen zupfte sich jeder der Brüder eine Nummer aus dem Faden, der um den Hals der Flasche gewunden war. »Ich will des Seidetüchel g’winne, Chrischtof. Versprichscht mer, dass du die Nummer hoscht?« sagte der Vetter Michel. »Jo freilich!« lachte Christof schalkhaft, »sie is ganz g’wiß derbei.«

»Was tuscht denn du mit'm Seidetüchel?« fragte die Frau Eva.

»Hin! Mei Alti sagt mer täglich dreimal: ,Michel, du bringscht mich ins Grab’. Da muss ich doch endlich an mei' künftig' Braut denka.«

»Na wart, des sag ich ihr!« rief Frau Eva.

»Sei so gut«, warf der Vetter Michel rasch ein und reichte seine Nummer der Susi. Dem Christof aber legte er einen Silberzwanziger hin. Und die anderen taten das gleiche.

Mit solchen Scherzreden verplauderte man eine halbe Stunde, und Christof ließ es sich schmecken. Dann aber musste er fort, er hatte noch viele Wege zu machen, die ganze Freundschaft zu begrüßen und seine Nummern loszuwerden.

Bis ans Tor hinaus gab ihm die Susi das Geleite. »Sei nar recht pünktlich«, sagte er. »Amol probiere sollte mer den Vartanz doch.«

»Konnscht dich verlosse, Christof, ich bin dort.«

Als Susi wiederkam, brachen die drei Brüder auf, um hinüber zum Hannes zu gehen, wo sie Freunde aus Schöndorf, Jahrmarkt und Bruckenau treffen sollten. Aber noch im Hof überfielen sie andere Kirweihbuben, Söhne von Vettern und Nachbarn, und aus jeder Flasche mussten sie trinken, jedem eine Nummer abnehmen. »Vivat Kirweih!« war der Gruß des Tages. Aber für diese Buben gab es nur Silbersechserln, keine Zwanziger. Und sie flogen auch rasch wieder weiter.

»Na, Susi, guck halt derzu, dass m'r bald uf die Hochzich kumme«, sagte der Vetter Michel und ging voraus.

»Mit'm Chrischtof? Haha!« lachte der Vetter Niklos hämisch und folgte ihm. »Valleicht eh'nder zur Kindstaaf«, sagte er leise zum Michel.

Dem Meister Jakob gab es einen Ruck. Aber er kannte ja seinen bissigen Bruder. Und er gab seiner Susi die Hand.

»Ihr werd't ein schönes Paar sein heute. Denk nur ein bißl an mich und die Motter.«

»Ja, Vatter.«


Weitläufiger als Altrosenthal ist Neurosenthal gegliedert, aber die Buben und ihre zweigeteilte Musik fanden sich pünktlich um vier Uhr bei der Kreuzung der »Longgaß« mit der »Hinnergaß« ein, und sie zogen über den Staudtsberg hinunter ins Tal und hinauf zum Großen Wirtshaus. Nicht ohne der Vortänzerin vorher eins geblasen zu haben. Die Susi erschien auch am Fenster und bedankte sich für die Ehr'. Und das ganze Dorf mit seinen Gästen flutete alsbald hinter den Musikanten her, alles staute sich in der breiten Hauptstraße, die abgesperrt war für jeglichen anderen Verkehr. Der Tanzplatz lag mitten auf der Straße vor dem Großen Wirtshaus. Am Schild des Wirtshauses hingen jetzt auch der Hochzeitshut und das Seidentuch, die ausgespielt wurden. Die Eingangstür war von einem Kranz goldiger Weizenähren eingerahmt, in der Mitte des Tanzplatzes aber stand ein schönes altes Weinfass. Es trug allerlei Zierat und hatte sinnige Sprüche auf den beiden Fassböden. Tausende Zuschauer, auch herrische aus Lippa und Arad und Temeschwar, hatten sich versammelt, den ausgiebigsten Raum unter den Gästen aber nahmen die schwäbischen Bauern ein. Mit breitem Behagen standen sie da bei ihren Gastfreunden, alle waren sie etwas gerötet vom üppigen Mahl, auch hatten sie aus zu vielen Kirchweihflaschen trinken müssen. Es war wohl immer derselbe bodenständige Wein, aber die Verschiedenheit seiner Temperamente machte sich bei jedem anders fühlbar. Und manche Gastfreunde waren versessen darauf, dass in diesen drei Kirchweihtagen ein ganzes Fass geleert werden müsse. Stand man doch vor der Weinlese und brauchte leeres Geschirr. Darum schenkte der und jener heut 'gar so fleißig nach, spottete der Vetter Michel, denn neue Fässer wollten sie nicht gerne machen lassen. Er hatte verständnisvolle Zuhörer in der Gruppe von Gästen, die sich um die vier Brüder Weidmann gebildet hatte. Der Hannes war auch so ein Feind der Fassbinder. Der Vetter Michel war ja kein Verächter eines guten Tropfens, wozu wären denn seine Fässer da, aber er sagte es frank und derb, dass er die Fresskirweih höher schätze als die Saufkirweih. In der Gruppe, die sich dort um Kaspar Luckhaup und seine Brüder und Vettern scharte, machten zwei Haadbauern nicht geringes Spektakel. Sie trugen über ihren sehenswerten Bäuchen, breite goldene Westenknöpfe. Einer hatte sich's genau angesehen es waren Dukaten. Fix LaudonAusruf, Fluch, nach Gideon Ernst Freiherr von Laudon, österreichischer Feldherr (1717-1790), mussten die Geld haben! Die schienen die Honveds nicht geschröpft zu haben während der Revolution. Und die Kaiserlichen auch nicht, denn was die einen übrig ließen, das nahmen immer die anderen. Freilich gab es seitdem drei gute Ernten. Aber so etwas! Dukaten als Westenknöpfe! Wo blieben da die Rosenthaler mit ihren silbernen? Es war gut dass endlich die Musik anhub und man auf andere Gedanken kam.

Rundum in der ersten Reihe standen heute die weiß gekleideten Kirweihmenscher. Die rotfarbigen, über der Brust gekreuzten Seidentücher leuchteten mit ihren Wangen um die Wette. Eine Welt von Jugendfrische und unbändiger schwäbischer Tanzfreude blitzte aus ihren Augen. Sie trugen die Köpfe blank, das Haar sorgsam glatt gescheitelt, den Zopf von rückwärts mit einem schimmernden Beinkamm aufgesteckt, den prallen Oberarm im kurzen Hemdärmel, den Unterarm frei. Schwarze Halbschuhe mit Bändern über den weißen Strümpfen gebunden, die Röcke gestärkt, die Hüften in künstlicher Breite. Stämmig, fest im Boden wurzelnd, derb und gesund war dieses Geschlecht.

Kaum hatte die Klarinette den Ländler angestimmt, erschienen Christof und Susi in der erhöhten Wirtshaustür, von der ein paar Stufen herabführten. Einen Augenblick stand die Susi still in dem Erntekranz, der die Tür umwand. Ihr über dem vollen Busen gekreuztes Seidentuch war kornblumenblau, was völlig überraschend wirkte, ihre Wangen erschienen ein wenig blass in dem braunen Rahmen ihrer Haare. Und sie war ernst. Es gab ein »Ah!« als das schöne Menschenpaar so nebeneinander stand, aber schon stieg es herab und hinter ihm folgte der zweite Vortänzer, Franz Schilling, mit der Gunkels Rosi aus Neurosenthal, einer kleinen lustigen Blonden, die sich mit lachendem Gesicht der Menge zeigte. Beide Paare hatten ihren Ländler in dem leeren Saal ein wenig geprobt, und sie traten jetzt zum Tanze an um das leere Fass. Niemand dachte an den Sinn dieser Bräuche, die sich zu einem Dank- und Erntefest verdichteten, das am Morgen im Gotteshaus begann, um sich dann zu überschäumender Lebensfreude zu steigern. Dreimal drehte der Christof seine schöne Susi im Reigen allein um das Fass, ehe auch der Schilling antrat. »Was für ein schönes Paar!« »Und wie des Mädscha tanzt!« »Wie a Prinzess!«' wisperten die Frauen. Und erst nach weiteren drei Runden der beiden Paare schlossen sich die anderen an.

Die Frau Eva war bei ihrer Mutter und dem Bruder Martin in ihrem Elternhaus, das dem Großen Wirtshaus schräg gegenüberlag. Da stand sie am Fenster und schaute voll mütterlichen Stolzes zu. Neben dem alten Gesicht ihrer achtzigjährigen Mutter, die im Hause des Bruders, der schon Enkelkinder hatte, nur noch die Fraala genannt wurde, erschien sie heute ganz verjüngt. Und sie sah ihr Ebenbild in der Susi. So auch tanzte einst sie. So sah sie aus, als der Jakob ihr einst bei einem Ländler, ehe er in die Fremd' ging, sein Herz ausschüttete. Und sie wartete drei Jahre, bis er wieder kam. Und sie tanzte noch heute allwinterlich mit ihm auf manchem Ball. Selbst bei der Kirweih kam es ihr nicht an auf ein, zwei Runden. Wo war er denn? Sie schaute aus nach den Weidmännern und ihren Gästen. Dort stand er ja. Auch er mochte sich beim Anblick der Susi an die Jugendzeit erinnern, an seine Eva. Er fuhr sich mit dem blauweißen Taschentuch über die Augen. So heiß war es doch nicht. Der Gute! Ihm schoss das Wasser leicht in die Augen, wenn ihn etwas bewegte. Die Susi, die ging ihm ,was nah’.

Die Fraala nickte immerzu mit dem Kopfe. Auch in ihrer Erinnerung spiegelte sich ein gleiches Bild, aus alten, alten Zeiten. Sie erkannte auch sich wieder in der Susi. Und ihr Kind, das ein Luckhaup einst ins Unglück gebracht hatte. Aber sie schwieg, sie wollte den schönen Tag niemandem verderben. Dort drüben bei den hoffärtigen Haadbauern mit den Goldknöpfen, dort stand ja der alte Adam Luckhaup, der nein gesagt hatte, als sie ihn bitten kam. Nein und tausendmal nein. Denn der Vater Zengraf konnte seinem zehnten Kind keinen Grund mitgeben. Wird sein Sohn Kaspar anders sprechen? Er sah ihr nicht danach aus. Man sagte, er sei noch härter als der Alte. Wenn er anders dächte, könnte er doch dem Jakob heute ein freundliches Wort sagen, sie standen gar nicht so weit auseinander. Aber er kehrte ihm den Rücken er schaute nicht nach den Handwerkern. Die Fraala sah alles, deutete sich alles aus, aber sie schwieg. Hatte sie doch früh genug gewarnt und geredet.

Die Dämmerung brach an, und viele Zuschauer verloren sich, denn daheim war das Vieh zu füttern.

Die Anmerich und der Philipp Trauttmann kamen auch auf einen Sprung zur Großmutter. Sie wollten, wenn jetzt der Tanz in den Saal verlegt wurde, ein bisserl mithopsen, denn auf der Gasse tanzten ja nur die Kirweihmenscher. Die Anmerich hatte daheim alles besorgt, die Mutter könne ruhig hierbleiben; sie werde ja dann nach neun Uhr, wenn die Verheirateten drankamen, auch einen Tanz mit dem Vater machen wollen. Die Anmerich kannte ihre Mutter.

»Was sage denn die Leut' zu der Susi?« fragte diese.

»Na, klitschi-klatschi«, erwiderte die Anmerich. »Sie is ehna zu schei'. Und sie könne's nit nunnerschlicka, dass sie dem Christof sei Kirweihmensch is und erschte Vartänzerin derzu. 's is deni Bäuerinnen a nit recht, dass die zwa Vartänzerinnen aus Neurosethal sin. Wie's halt schun is; sie müsse halt rede.«

»Anmerich«, mahnte Philipp, »sie tanze schun drin. Mer müsse geih'n.«

Sie gaben der Fraala, die der Anmerich das Zeichen des Kreuzes auf die Stirn machte, als begebe sie sich weiß Gott in welche Gefahr, die Hände und wünschten ihr eine gute Nacht. Dann eilten sie fort.

Frau Eva aber rüstete auch bald zum Aufbruch. Sie wollte sich im Saal noch einen Sitzplatz als Zuschauerin sichern. Der Vetter Albetz wird ihr schon behilflich sein. Und die vier Weidmänner mit ihren Gästen saßen sicherlich auch schon drüben im Spielzimmer.


Das war nun einmal die Ordnung. Bis neun Uhr tanzte das ledige Jungvolk, dann traten die Verheirateten an. Die Weiber konnten die Stunde kaum erwarten. Sie trugen ihre Haare unter einem seidenen Kopftuch, waren in dunkle Farben gekleidet, alles sittsam bis zum Hals geschlossen, man sah, wie bei den Nonnen, nichts von ihnen als die Gesichter. Aber auf Hochzeiten, Bällen und Kirweih, da tanzten sie sich los von der Kette. Bis Mitternacht gehörte heute der Tanzsaal ihnen, nicht eine Minute früher ließen sie eine Ledige in ihre Reihen. Die hatten ja jetzt eine andere Freude. Hm! Sie sollten schon schauen, dass sie weiterkämen.

Nach allen Richtungen des Dorfes stob die Jugend auseinander, jedes Kirweihmensch wurde von seinem Buben heimgeleitet, er durfte heute ihr Gast sein. Die Sitte gebot, dass niemand sie störe. Das Mädchen spielte die Hausfrau, es bediente und bewirtete den Gast und suchte sich von seiner besten Seite zu zeigen. Diese drei Stunden gehörten der Aussprache, den Zukunftsplänen, den Zärtlichkeiten. Sonst trafen sie sich nie allein, es hätte nur mit der größten Heimlichkeit geschehen können. Oder mit einem Gewaltstreich, wie Christof und Susi ihn am Sonntag vor Peter und Paul vollführten, allen bösen Mäulern zu Trutz.

Der abnehmende Vollmond stand schon über Vilagosch drüben, als Susi mit ihrem Buben heimkam. Der Hof war hell und still, die Oleander dufteten betäubend. Sie griff nach dem Schlüssel neben der Küchentür und öffnete das Haus, machte Licht, und Christof folgte ihr in die Wohnstube. Oh, die Anmerich! Wie die den Tisch gedeckt hatte für sie beide! Und auch in der Küche stand alles bereit. Darin erkannte sie deren gute Hand. Im vorigen Jahre hat Susi das gleiche getan für die Schwester. Und alles ging gut aus. Heute tanzen sie drüben als Versprochene... Die war klüger, die war stärker... So lang, wie die Anmerich auf ihren Philipp, konnte sie nicht auf den Christof warten. Und heute musste geredet werden.

Christof hatte sie, als sie eingetreten waren, auf seinen Schoß gezogen, halste sie und wollte sie nicht loslassen. Aber Susi entwand sich seiner Umarmung und richtete flink alles her. Da gab es kalte Sachen von Mittag, Kälbernes und einen Gänsebraten, Käse und Butter und einen Kranzkuchen. Und ein Glas Wein schenkte sie ihm ein. Vom Brunnen wollte sie frisches Wasser holen, aber das duldete er nicht, er habe gar keinen Wasserdurst. Voll Behagen folgte er jeder ihrer Bewegungen, er wusste nicht, wie ihm war. So etwas Feines hatte er nie erlebt, nie sah er ein Mädchen oder eine Frau, die so festlich angetan war und bei Tische bediente. So musste es in den Märchen von den Königstöchtern zugehen, von denen ihm seine gute Mutter in Kindheitstagen oft erzählte. Unter dem Regiment seines harten Vaters gab es nie einen Freudentag im Haus, nur Arbeit, Arbeit, Arbeit. Todmüde aß man sein Abendbrot und fiel ins Bett. Die Bas' Liesl aber, so schien es ihm heute, sah immer aus wie eine Hexe. Nur hatte er das früher nicht bemerkt.

»Sag mer, Chrischtof«, fragte die Susi, als sie den Wein eingoss, mit schalkhaftem Eifer, »mit wem hoscht du denn getanzt, wie ich ein' Sprung bei der Motter war?«

»Ich? Ach, mit dem Fratz, der Foltz Anna«, erwiderte er mit vollem Munde, »die bei unserm Vetter Niklos dient. Sie war's erschtmol im Große Wirtshaus.«

»Die hot sich nit übel an dich g'hängt. Mer hätt eifersüchtig wer'n könne.«

»Sie konn halt noch nit tanze. Und ich häb's der Bas' Liesl versproche g'hatt.« Susi saß ihm gegenüber und freute sich seines Appetits. Sie selber aß wenig, ihr war das Herz zu schwer. Sie beobachtete ihn. Und sie glaubte bemerkt zu haben, dass die Frage, die sie gestellt hatte, ihm unangenehm gewesen. So redete sie von anderen Kirweihdingen. Sie sprachen von diesem und jenem kleinen Erlebnis, von dem Geklatsche der Weiber, vom Neid der einen und der anderen, von den vielen fremden Gästen, sogar von der Predigt des fremden Pfarrers. Aber als sein Hunger gestillt war, ließ der Christof alle solche Gespräche sein, er setzte sich zu ihr auf die Bank und legte den rechten Arm um ihren Leib. »Du warscht die Schönschte«, sagte er. Und so recht nahe wollte er sie haben, so warm und innig wie beim Tanz sich an sie schmiegen. Und das war auch der Susi lieber. So redete sich's besser. Denn Aug' in Aug' gegenüber hätte sie's vielleicht doch nicht herausgebracht...

»Lieber Chrischtof«, begann sie, zärtlich an ihn geschmiegt, »du muscht mer heunt sage, wann du mich haiern konnscht.«

»Susi, Susi, des werd veel Verdruss gäwe. Mei Alter is des Teufels. Er is imstand und losst mich liewer Saldat wer'n.«

»Saldat?!« schrie sie auf, »sechs Jahr' Saldat? Des dauert mer zu lang.«

»Du möchscht nit warta uf mich? Ah, des is schei«,scherzte er, »des is schei.«

»Ich konn nit, Chrischtof, konn nit...« schluchzte sie.

Er erschrak. Wie sie das sagte... Und wie es sie stieß... Bleich war er geworden. »Susi - du bischt...?« Und sie ließ den Kopf hängen.

Er sprang auf und lief mit großen Schritten durch die Stube.

»Herrgott von Mannheim, was taun mer denn doo?«

»Heirate müsse mer«, flehte sie. »Eh'nder wie die Anmerich. Im Fasching is's zu spät.«

»Susi, Susi, ich waaß nit, ob des geiht.«

Und er setzte sich wieder zu ihr, und sie berieten die schwierige Lage. Sein Alter hatte ja Geld, er konnte ihm leicht einen halben Grund kaufen und ihn zum Bauern machen, wenn er wollte. Damit rechnete er immer, wenn er an die Susi dachte. Ob das aber so geschwind durchzusetzen sein wird, das war die Frage. Bei seinem Alten brauche es Zeit. Aber er wollte es versuchen. Die Bas' Liesl muss ihm helfen, die Großmutter muss er gewinnen. Und mit dem Soldat werden hat er ihm wohl nur gedroht. Kein Luckhaup war noch Soldat. Und ein bißl ein Herz müsse er doch auch im Leibe haben. »Du hoschte ehm g'falle heunt, ich häb's ehm ang'sehga. Er hot dich den Haadbaurn gezeigt und so g’wiß gablinzelt. Er wird doch nit's schönscht Mädscha im Darf in der Schand' losse«, sagte Christof. Und so redete er sich mit Eifer in eine bessere Stimmung. Und das hob auch die Susi wieder aus ihren Sorgen heraus, sie war zärtlich und gut und seinen Wünschen gefügig.

Die alte Schwarzwälderin hinter dem Ofen schlug halb Zwölf, als die Susi ihr Vaterhaus wieder verließ mit dem Christof. Und sie war in besserer Kirweihstimmung als den ganzen Tag. Mit dem Vertrauen und dem Leichtsinn ihrer Jugend setzten sich die beiden über alle Hindernisse hinweg und stürzten sich wieder in das Tanzgewühl. Sie wollten während der drei Kirweihtage nicht mehr reden von ihren Sorgen.

Mutter und Vater hatten die Susi schon erwartet. Und sie gingen nun vergnügt heim, sie lasen es der Susi vom Gesicht ab, dass sie glücklich und zufrieden war.


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