Guttenbrunn
Meister Jakob und seine Kinder
Guttenbrunn

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V.

Ein großes Geheimnis webt in der Zeit vor der Kirchweih seine Schleier über dem Dorfe. Es ist ein Hin und Her in der Jugend, ein süßes Getuschel und Geflüster säuselt allabendlich vor den Haustoren und unter den Bäumen. Die Buben werben da und dort, werden abgewiesen und kommen wieder, der eine trutzt, der andere jauchzt, die Mädchen zittern, hoffen, weinen wohl gar, denn sie sind vor Schicksalsfragen gestellt. Wird einer kommen? Wird der Rechte kommen? Wenn eine Bauerntochter achtzehn Jahre alt geworden ist und es hat noch keiner einen Kirweihstrauß von ihr begehrt, so sieht sie das als eine Schande an. Aber wenn ihr einer seinen Hut schickt, den sie nicht mag, der ihr zu gering ist, schickt sie ihm denselben trotzdem wieder zurück. Sie ist gar stolz, doch muss sie das Abweisen heimlich tun, sie darf dem Buben keine Schande bereiten, sonst bewirbt sich keiner mehr um sie. Die halten zusammen. Die Töchter der Handwerker stehen außerhalb dieses Bannes, um sie bewirbt sich selten ein Bauernsohn, und die Gesellen tragen keine Sträuße. Wohl gehören sie, solange sie nicht in der Fremd' waren, zu den großen Buben des Dorfes, sie kommen in die Spinnreih und tanzen überall mit, aber es verbinde sie nichts als die Jugendfreundschaft und der eigene Wille mit den bäuerlichen Sitten. Und war einer einmal auf der Wanderschaft und kam mit einem Schnurrbart heim, so gehörte er zum Kreise der jungen Männer, der Verheirateten, er ist ein Halbherrischer und kein Bub mehr.

Wer ist ein großer Bub? Die Neunzehn- und Zwanzigjährigen sind es. Und so lange einer ledig ist, bleibt er's. Hat einer einen besonders gewichtigen Vater und ist er gut gewachsen, gelingt es ihm wohl auch schon etwas früher in die herrschende Bubenschicht aufzusteigen. Vorstellen muss einer etwas, wenn er im dunkelblauen Tuchanzug, mit hohen Glanzstiefeln und mit dem buntbebänderten Kirweihhut auftritt. Glauben muss man’s ihm, dass er mannbar ist. Sonst gehört er zu den kleinen Buben, die ja auch wer sind im Dorfe, die aber noch keine Kirweihsträuße tragen und im Kleinen Wirtshaus tanzen. Wer einen Strauß beansprucht, wer ein Kirweihmensch sucht, der sagt, dass er heiraten will. Und die ihm einen Strauß macht, die vor aller Welt sein Kirweihmensch geworden, die gilt als seine Verlobte. Nicht immer bleibt beisammen, was die Kirweih zusammengefügt, aber die Regel gilt, auch wenn sie ihre Ausnahmen hat.

Im Großen Wirtshaus ging es am letzten Sonntagnachmittag vor der Kirweih gar stürmisch zu. Die Neuaufnahmen in den Kreis der großen Buben, die nie glatt verliefen, fanden statt, und die Wahl der beiden Vortänzer war zu vollziehen. Man konnte sich nicht einigen. Nur darüber war man einig, dass der eine aus Alt-, der andere aus Neurosenthal sein musste. Und die einen schlugen den Christof vor, die anderen den Franz Schilling. Beide waren bereit, die Kosten der Musik zu tragen. Aber da war der dicke Jörgl Klotz aus Altrosenthal, von dem man wusste, dass er sich von der Tochter des Dorfrichters den Strauß machen lasse. Der fühlte sich zurückgesetzt und deutete mit einem Stich auf Christof an, dass man doch auch darauf Rücksicht nehmen müsse, wer die Vortänzerin sein würde. Das bestritten die Buben. Das gehe niemanden etwas an. »Oho!« rief der Klotz und sein Anhang. Und er beantragte ein für allemal festzusetzen, dass nur eine Bauerntochter Vortänzerin werden könne. Auch das wurde als Neuerung verworfen. Aber der Klotz ließ sich nicht irre machen, er behauptete, dass in Fällen, wo man sich nicht einigen konnte, die Vortänzerschaft überhaupt nicht durch Wahl, sondern durch das Los bestimmt oder zugunsten der Kirweihkasse verlizitiert worden war. »Lizitiere mer!« riefen mehrere. Da ging Geld ein für die Kasse. Und die Gelegenheit, so billig als möglich durchzukommen, wollten sie sich nicht entgehen lassen. Auch der Christof war lebhaft dafür, denn das Los fürchtete er. Und so wurde denn lizitiert. Aber der Luckhaup steigerte den dicken Klotz so hoch hinauf, dass ihm der Atem ausging, und der Schilling hatte aus Neurosenthal kaum einen Widerpart. So siegten die beiden Vorgeschlagenen, die schönsten Buben des Dorfes.

Und die Kirweihkasse war gefüllt, man hatte keine Sorgen mehr. Die Buben lachten zuletzt über den Gedanken, dass der Klotz ihr Vortänzer sein wollte. »So a dicker Stöppsl! M'r hätt' uns nit schlecht ausg'schpott't.« Und mit Ausnahme des Klotz gingen, als es dämmerte, alle zufrieden von dannen. Sie hatten es eilig, denn so mancher wusste noch immer nicht, ob er seinen Strauß kriegen würde. Darüber entschieden die Mädchen ja nicht allein, das waren Familienangelegenheiten.

Die Bas' Liesl war nicht faul gewesen seit der Heimfahrt mit den zwei sauberen Wallfahrerinnen. Sie klatschte alles dem Bauern, denn sie witterte Unheil. Sie klatschte, obwohl ihr der Christof angedeutet hatte, dass dies ganz unnötig wäre. Wie stand sie da, wenn der Vetter Kaspar es von anderer Seite erfuhr? Da käme sie schön an! Wozu vertrat sie die Hausfrau? Aber sie verlegte sich nicht einfach auf die Anschwärzung des Christof, sie dachte weiter und sorgte gleich für einen Ausweg, sie spürte eine künftige Braut auf mit einem halben Grund und Haus und Hof. Die Foltz Anna aus dem Schwarzwald, die jetzt als Magd bei einem Vetter des Bauern diente, weil sie eine Waise war. So wollte es die Sitte. Wenn Bauernkinder verwaisten, so verpachtete der Waisenvater die Wirtschaft, und die Kinder mussten als Knechte und Mägde in Dienst gehen, bis sie volljährig und fähig waren, den eigenen Besitz zu übernehmen. In der Regel dienten sie dem Pächter und lernten das Wirtschaften auf dem künftigen Eigentum. Und so war es auch in diesem Falle. Die Anna diente als Magd beim Niklos Luckhaup, aber sie hatte ein gutes Erbe zu erwarten und konnte ihren Mann einst zum Bauern machen. Freilich zählte sie kaum siebzehn, aber das war gerade recht. Und die Bas' Liesl fand bald einen Vorwand, um beim Vetter Niklos einen Besuch zu machen und mit der Anna zu reden. Sie musste sie im Stall suchen beim Melken. Ein schmales, zausiges, junges Ding, viel zu verschämt und bescheiden für eine künftige Bäuerin, sagte sie sich. Kein Bissen für den Christof. Aber er wird müssen. Und die Anna spitzte die Ohren bei der Botschaft, dass vielleicht ein Bub einen Kirweihstrauß von ihr verlangen würde. Von ihr? War sie denn schon ein großes Mädchen? Ja, wer denn? »Mich guckt doch kaaner aun?« sprach sie erschrocken und riss die Kuh am Euter, dass sie ausschlug. Sie habe bis jetzt immer bei den kleinen Buben getanzt, sagte sie. Sie getraue sich noch gar nicht ins Große Wirtshaus. Aber die Bas' Liesl sagte ihr, damit sei es nun vorbei. Ein Mädel mit siebzehn müsse weiter denken. Und die Anna war bereit. Aber den Namen des Buben erfuhr sie nicht. Das müsse erst in Ordnung gebracht werden, sagte die Bas' Liesl. Sie möge vorläufig nur schweigen darüber. Erst als die freundliche Base fort war fiel es der Anna ein, wer das wohl sein könne. »Jessas Maria und Josef!« rief sie voll Schreck. Sie presste die Hand aufs Herz. »Der Christof am End'? Von mir ein' Strauß? Nit möglich! Nit möglich!« Nein, sie glaubte es nicht. Die Bas' Liesl wird wohl einen anderen Buben meinen. Aber es bohrte und arbeitete in ihr wie ein Tropfen süßes Gift.

Kaspar Luckhaup war aufgebraust bei der ersten Meldung der Bas' Liesl, die sie gleich mit einem Hinweis auf die Kirweih spickte. Am liebsten hätte er gleich dreingeschlagen. Das also war es, was der vermaledeite Bub ihm nicht hatte gestehen wollen. Mit solchen Plänen ging er um? Aber der Vater lachte. Grimmig lachte er. Wie er den Buben klein kriegen wird! Es juckte ihn schon heute, das zu erleben. Und er warnte den Christof eines Abends. Er habe so etwas läuten gehört von seinen Absichten für die Kirweih, sagte der Vater, es solle ein Strauß ins Haus kommen von einer, die nichts habe wie ihre hübsche Larve und was sie sonst noch von der Mutter bei der Geburt mitbekommen habe. Mit einer Handwerkerstochter wolle sich ein Luckhaup einlassen! Der Christof möge es sich nur gut überlegen, denn er zerhacke ihm den Kirweihhut mit dem Beil, wenn er über die Schwelle komme. Und im nächsten Frühjahr sei Stellung. Der Kaiser brauche neue Soldaten.

»Der Kerwastrauß is b'stellt«, sagte der Christof keck. »Was weiter g'schicht, wer'n m'r ja sehga.« Und verließ das Zimmer. Die Tür fiel hart hinter ihm ins Schloss.

Die Bas' Liesl aber kam gerade heim und kramte dem Bauern ihre Wahrnehmungen aus, ihre Zukunftspläne. Sie wisse eine Braut für den Christof mit einem halben Grund und Haus und Hof. Kaspar Luckhaup ergriff begierig diesen Faden der Entwirrung. Er kannte ja die kleine Anna. Hat die sich schon so herausgemaust? Ihr Grund war vom besten, vom ältesten, den es gab. Die Foltz waren mit unter den ersten Siedlern. Da war ja die Partie, die man für den Buben brauchte. Dass die Bas’ Liesl so gescheit sei, hätte er ihr gar nicht zugetraut. Und es wurde nun an dem Christof gearbeitet, ihm die Anna schmackhaft zu machen. Die Bas’ Liesl stellte es ganz fein an, sie zog den Vetter Niklos ins Vertrauen. Sie ließ den Christof von diesem, der ein Schalk war, zu der Pflaumenernte einladen auf den Foltzschen Gründen, die er gepachtet hatte. Und als sein Knecht einrücken musste, bat er sich den Christof von seinem Vater auch zum Ackern aus. Und er übertrug ihm Foltzsche Felder und gab ihm, nicht ohne Absicht, anstatt eines seiner Buben die Anna mit zur Führung der Pferde. Es war ein durchtriebener Plan, denn das Mädel, aufgestachelt durch die Andeutungen der Bas’ Liesl, machte sich schön und suchte zu gefallen. Und der Christof war nicht stumpf gegen Versuchungen. Er kam ins Plaudern mit seinem weiblichen Pferdejungen, er lernte die herrlichen Felder auf dem Postgrund kennen, die der Anna einst gehören sollten, und das Mädel kam ihm zuletzt gar nicht so übel vor. Zum Spaß gab er ihr einmal vor der Heimfahrt, als sie sich sauber gemacht hatte, ein Bussel. Da saugte sie sich fest an seinem Mund, da heulte sie auf und fragte, ob es denn wahr ist, dass er von ihr einen Kirweihstrauß haben wolle.

Er erschrak und schwieg. Das Blut stieg ihm zu Kopf. So hatte man ihn da einfädeln wollen? Den Hanf für diese Schlinge konnte nur die Bas’ Liesl gesponnen haben. Und die Anna gestand es auch ein, als er sie auf der Heimfahrt ausholte. Sie schmiegte sich an ihn wie eine schnurrende Katze, sie machte ihm warm, und sie fragte ganz verschämt noch einmal... Das Mädel tat ihm leid. Aber so dumm wäre die Sache ja nicht, wenn er's reiflich bedachte. Es war nur zu spät. Und er musste ihr doch etwas antworten. »Waascht, Mädscha, far des Jahr bin ich saun vergäwe. Des bot halt die Bas’ Liesl nit gawißt.«

»Ich konn jo warte«, sagte die Anna verzagt, beinahe traurig.

Und jetzt war der Christof erster Vortänzer. Und er schickte seinen neuen Sonntagshut in die Herrnsgass zur schönen Susi Weidmann.

Das war abgemacht, das musste gehalten werden, komme, was da wolle. Aber es kam nichts. Der Vater ging wohl mit ernstem Gesicht umher, über seine Lippen aber kam kein Wort. Die Bas’ Liesl hatte die Sache in die Hand genommen, und sie versprach ihm, dass alles glatt gehen werde, ohne Gewalt, wie er es wollte. Aber einmischen dürfe er sich nicht mehr, er solle die Kirweih ruhig vorbeigehen lassen. Und als sie die Anna einmal ausholte, und die ihr Wort für Wort erzählte, was sich ereignet hatte, da war sie ihrer Sache noch sicherer. Und sie bestärkte auch die Anna in ihren Hoffnungen. Es war ganz wider die Natur des Kaspar Luckhaup, eine Sache, die ihm übel dünkte, laufen zu lassen, wie sie lief, aber er hatte Vertrauen zu dem Kupplertalent der Bas’ Liesl und schwieg. Auf die Tugend der Susi acht zu geben, war die Sache ihrer Leute, nicht die seine.

Das gab kein kleines Aufsehen im Hause des Meisters Jakob, als ein blonder Bub mit einem Kirweihhut gesprungen kam, einen schönen Gruß vom Christof Luckhaup an die Susi ausrichtete und seine Bitte um einen Kirweihstrauß.

Die Susi umarmte den Buben, den sie ja erwartet hatte. Sie gab ihm einen Kuss und fragte ihn nach seinem Namen. Es war ein kleiner Luckhaup, ein Sohn vom Niklos, bei dem die Anna Foltz diente.

Niklos heiße er. Ob er schon in die Schule gehe? »Ja, in die erscht Klass'!« Er habe auch schon ein schönes Lied gelernt. »Ah! Und wie geiht denn des?« fragte die Susi. Und ohne Aufenthalt plapperte der Niklos singend weiter:

Weischt du, wieviel Schterne schtehen

An dem blauen Himmelszelt?

Weischt du, wieviel Wolken gehen

Weithin über alle Welt?

Gott der Herr hat sie gezählet,

Dass ihm auch nit eines fehlet

Von der ganzen großen Za-ahl,

Von der ganzen großen Zahl.

»Ja, wie du brav bischt! Dafür muss ich d'r was gäwe. Kumm mit in Garte.« Und sie legte den neuen Hut des Christof sorgsam in ihre Stube und ging mit dem Niklos in den Garten. Dort schüttelte sie den großen Birnbaum für ihn, und er las sich seine ganze Kappe voll. Als er in eine hineinbiss, sagte er: »Juhu, wie süß!« Und die Susi stopfte ihm auch alle Taschen voll und ließ den Christof recht schön grüßen durch den kleinen Niklos und ihm sagen, der Strauß werde gemacht.

Erst jetzt glaubte sie daran, dass es Wahrheit sei. Und sie fühlte sich schon in der Würde als erste Vortänzerin. »Herrgott, werd des an Neid gäwe«, sagte sie sich.

Auch die Mutter Eva war stolz und blähte sich. Nicht so der Vater. Er war sehr ernst. Wusste er doch, welche Freiheiten die Sitte den Kirweihbuben gestattete. Und wenn man die Großmutter gefragt hätte... Aber man fragte sie nicht. Und es gab bloss einen Familienrat zwischen Vater und Mutter, der Susi und der Anmerich, dem auch Philipp Trauttmann beigezogen wurde. Und der Vater fragte: »Darf die Susi das annehmen? Kann das zu etwas führen?« Als Sohn eines Bauern hatte er auch den Stolz eines solchen in sich, und er wünschte seinen Töchtern nichts Besseres, als große Bäuerinnen zu werden. Das sollte sich bei der Anmerich erfüllen. Aber wird es auch der Susi gelingen? Wird der alte Luckhaup das zugeben? Wer kann ihm da eine beruhigende Antwort geben?

Susi schwieg trotzig. Ihr kam dieser Familienrat höchst überflüssig vor. Wie ein Eingriff in ihre Rechte. Der Vater fragte sie, ob sie eine bestimmte Zusage habe. Nein, erwiderte sie, die habe sie nicht. Da schickte der Vater sie hinaus. Es sei besser, sie warte ab.

Als sie gegangen war, sagte die Mutter: Die Bitte um einen Kirweihstrauß sei schon beinahe ein Heiratsantrag. Ein ordentliches Mädchen könne aber jedem einen Kirweihstrauß machen, es käme ganz auf sie an, was daraus würde, eine Hochzeit oder ein Unglück. Der Christof sei der erste Vortänzer, sein Antrag eine Ehr' fürs ganze Haus, man müsse annehmen und sich auf die Susi verlassen.

»Des is wahr«, warf der Philipp ein. »Sie muss g'scheit sein. Uf den Luckhaup setz' ich nit fünf Grosche. Der muss zuletscht taun, was sei Alter will. Und ich waaß nit - ich waaß nit...«

»Des sag' ich ja! Des sag' ich ja!« rief der Vater. »Es führt zu nix. Es verschandiert mir nur das Mädel.«

»Verschandier du dich nit, Vatter«, sprach Frau Eva ganz energisch. »Du willscht deiner Tochter die Ehr' nit gönne, die Vortänzerin uf der Kirweih zu sein? Des schlägt keine aus, sei sie, wer sie sei. Und die Susi schon gar nicht. Für wen hebscht sie denn uf? Ein Besserer kimmt nit. Sie muss halt ihr Glück probiere.« So redeten sie noch eine Weile hin und her, nur die Anmerich schwieg. Auch sie hatte das Gefühl, dass das alles ganz zwecklos wäre. Seit der Wallfahrt nach Maria Radna ahnte sie, dass die Susi nicht mehr zurück könne, dass es für das Stolzsein wohl zu spät sein möchte.

Der Vater rief die Susi herein. »Also, mein Kind, du willscht dem Christof den Strauß mache?«

»Ich häb's versproche und kann nit mei zurück.«

»Du willscht g'scheit sein und brav?«

»Vatter, katechiert mich weiter nit, ich muss«, sprach die Susi gequält und bleich.

Betroffen, erzürnt erhob sich Meister Jakob. »Wann du muscht, dernoo häwe mer weiter nix zu rede.«

»Wie du des wieder auslegscht«, fiel die Mutter ein »freilich muss sie. Und ich verlass mich uf sie.«


Im ganzen Dorf arbeiteten emsige Mädchenhände für die Kirweih. Die beiden Krämer waren ausverkauft, ihr Vorrat an bunten geblumten Seiden- und Atlasbändern für die Kirweihhüte hatte sich für dieses Jahr als zu gering erwiesen, die fahrenden Handlee-Juden mussten aushelfen, und eine und die andere der Bauerntöchter ließ sogar einspannen und fuhr in die Stadt, um ihre Einkäufe zu besorgen. Es handelte sich nicht um die Bänder allein, die von den Hüten nach rückwärts flattern sollten, der Strauß selber, der sie zusammenhielt, bestand ja aus lauter versilberten und vergoldeten Kostbarkeiten, bei deren Wahl man eine Auswahl haben musste. Wollte doch jede, dass ihr Bub am schönsten aussah, dass ihr Strauß am reichsten sei. Susi hatte sich beizeiten vorgesehen, auch wollte die Sitte, dass gerade die Hüte der Vortänzer die einfachsten seien. Sie sollten sich von den anderen Buben unterscheiden und für jedermann kenntlich sein. Durch ein Mehr an Aufputz war dies nicht mehr möglich, und so entschied man sich klugerweise für ein Weniger. Aber mit eigener Hand musste alles gemacht werden, niemand durfte helfen, der Kirweihstrauß war zugleich eine Probe auf Geschmack und Nettigkeit der Schönen, die ihn anfertigte.

Die Mütter hatten andere Sorgen. War doch die Kirweih die Zeit der Gäste, der Besuche aus anderen Gemeinden. Alte Familienbande und Landsmannschaften aus fernen Zeiten lebten wieder auf, wenn man sich bei seinen Festen alljährlich einmal sah. Man traf sich ja nur zufällig manchmal auf Wallfahrten, die Männer auch bei den seltenen Reichstagswahlen in der Kreisstadt. Die Kirweihzeit war die einzige, wo man überall auch mit Weib und Kind, mit der ganzen Familie anrücken durfte. Und sie war nicht ohne Absicht in den Spätsommer und Herbst verlegt, zwischen Schnitt und Weinlese, wo die Arbeit feierte. Zu Maria Himmelfahrt begann der schwäbische Kirweihreigen, zu Johanni-Enthauptung und Sankt Stefan wurde er fortgesetzt, und am Tage Kreuz-Erhöhung waren die Rosenthaler dran. Aus all den deutschen Dörfern, die von Lippa bis Arad an der Marosch entlang liefen oder sich bis gegen Temeschwar hin erstreckten, kamen Besucher. Auch aus walachischen Dörfern. Die Schwabenkinder, die sich in solchen ansiedelten, bedurften ganz besonders dieser Auffrischung in der alten Heimat. Oft wusste man kaum noch, wie die Väter verwandt waren, neue Ehebündnisse von Dorf zu Dorf aber gab es nicht, jede Gemeinde war eine Welt für sich geworden, doch die Überlieferung wurde geehrt, und man freute sich, so viel deutsches Leben um sich zu wissen, so viel Freundeshände an Festtagen drücken zu können. Und protzen tat man auch gern ein bisschen, sowohl mit seinem Wohlstand wie mit seiner Jugend und dem Glanz seiner Kirweih. Da musste alles klappen. Die Tische bogen sich unter der Last der Mahlzeiten, die da aufgetragen wurden, der Wein floss wie Brunnenwasser. Und alles Vieh behielt man daheim an solchen Tagen, der Stall durfte nicht leer sein, wenn die Vettern kamen. Die wollten auch Gäule und Kühe und Säue sehen, nicht bloss Kirweihsträuße. Und wenn ein Vollbauer seine zwölf wohlgenährten, auf den Glanz gestriegelten Pferde im Stall hatte, wollte er auch, dass sie bewundert werden.

Es wurde in allen Häusern gebuttert, gebacken und gebraten, als gelte es eine Hochzeit für dreitausend Paare zu bereiten, zu der das ganze Banat eingeladen wäre. Zwischen der Jugend aber flogen die Liebesboten hin und her, und übereilte Zusagen, späte Absagen, kränkende und beglückende Begebenheiten vollzogen sich in aller Heimlichkeit und Stille. Klatschbasen wussten freilich manches und trugen es von Haus zu Haus. Auch das Glück der Weidmanns Susi war in ihren Mäulern.

So kam der Kirweihsamstag. Die Buben versammelten sich zur letzten Beratung im Großen Wirtshaus und schrien nach Bier. Sie hatten erfahren, dass der Wirt dieses seltene Getränk erhalten hatte. Der Peter Albetz und sein Weib trugen auf, sie erklärten aber sogleich, dass sie nur ein Fass hergeben könnten, da sonst für den Sonntag und Montag nichts übrigbleibe. Die Buben gaben sich zufrieden. Die Vortänzer zeigten ihre Geschenke her für die Kirweihkasse, die ausgespielt werden sollten. Der Christof hatte ein Prachtstück von einem seidenen Tuch mit bunten Fransen gestiftet, wie sie die Mädchen an Festtagen über der Brust gekreuzt und rückwärts gebunden tragen, der Schilling einen neuen Männerhut aus feinstem Hasenhaarfilz. Darauf wurden Nummern in unendlicher Zahl gemacht, und jeder der Buben bekam hundert, die er auf einen Faden fädelte und um den Hals seiner weißen, bauchigen Weinflasche schlang. Mit diesen Nummern ausgerüstet flogen sie am Kirweihsonntag durch das Dorf, um sie an den Mann zu bringen. Die Arbeit war unter Aufsicht der beiden Vortänzer bald getan, es gab nur noch Eifersüchteleien und kleine Streitfälle zu schlichten. Wer in der ersten Reihe gehen durfte beim Aufmarsch nach der Kirche, wer in die zweite gehörte, das waren wichtige Fragen. Während der Christof an einer gereimten Rede aus alten Zeiten kaute, die er gelernt hatte, drohte Schilling, er werde anordnen, dass die Buben sämtlich um die erste Reihe lizitieren müssten. Da fügten sie sich, denn die Kosten der Kirweih waren nicht gering.

Von Kopf bis zu Fuß musste man neu gewandet sein, Geld musste man im Sack haben fürs Wirtshaus, für Lebkuchenherzen und sonstige Geschenke an die Mädchen, auch für Trinkgelder. Wenn man einem kleinen Buben, der einem einen Gang machte, einen Kreuzer gab, schaute der einen gleich schief an. Das war der heutigen Jugend zu wenig. Vor dem Lizitieren hatten sie großen Respekt, seit der Luckhaup dem Klotz die Vortänzerschaft nur mit einer Steigerung von hundert Gulden abdrücken konnte. Dafür bekam man schon ein Joch walachisches Feld. Lieber ging man in der zweiten Reihe, wenn man noch jünger war wie die Vordermänner.

Draußen vor dem Großen Wirtshaus stand das halbe Dorf und wartete auf die Eröffnung der Kirweih. Es dauschperte schon und die Buben kamen noch immer nicht hervor. Endlich erschien der Kellerbursch des Wirtes mit einer Hacke auf der Achsel und stellte sich vor die Treppe zur Tür neben eine Leiter, die an der Wand lehnte und zum Wirtshausschild hinaufführte. Es kamen endlich die beiden Vortänzer mit dem Albetz durch die Wirtshaustür.

»Vivat Kirweih!« rief der Christof über die Menge hin und schwenkte grüßend einen frischen Eichenkranz, den er in der Rechten hielt.

»Vivat!« scholl es hundertstimmig zurück, namentlich von den kleinen Buben des Dorfes, die vollzählig versammelt waren. Der Kellerbursch hackte einen breiten Stein aus der Ede, der vor der Pforte lag, und der Wirt griff in das Loch, das da entstand, und holte eine weiße, gefüllte Weinflasche aus ihn hervor. So wie sie vor einem Jahr da begraben wurde, so kam sie wieder ans Licht, er wischte ihr mit seiner Schürze den Staub vom Bauche.

»Is sie ganz?« rief man.

Peter Albetz hob sie hoch empor und alles schrie »Vivat!«. Indessen war Christof auf der Leiter aufwärts gestiegen, hing den frischen Eichenkranz an das Wirtshausschild und nahm die ausgegrabene Flasche zur Hand.

»Pßt! Pßt!«

Und er begann die schon von manchem Bubengeschlecht vorgetragene Kirweihrede, von der niemand wusste, wie und wann sie entstand und in der die Erinnerungen an die alte Heimat fortlebten. Sie verkündete auf launige Weise den Kirweihfrieden.

Glück und Glas,

Wie leicht bricht das!

Der Kirweihwein

Muss ewig sein.

Vivat Kirweih!

Er hing die Flasche in den Eichenkranz und fuhr fort:

Herauf bin ich gestiegen,

Hätt ich ein Pferd gehabt, so wär ich herauf geritten;

Nun hab ich aber kein Pferd,

So bin ich auch keins wert.

Kirweih Vivat!

Könnte ich krähen wie ein Hahn

Und fliegen wie ein Spatz,

Da wären alle Jungfrauen mein Schatz.

Kirweih Vivat!

Einst bin ich gereist durch das Land Hessen,

Da gibt es große Schüsseln, aber wenig zu essen;

Wenn die Holzäpfel und Holzbirn nicht gut geraten,

Dann gibt es nichts zu sieden und nichts zu braten.

Kirweih Vivat!

Einst bin ich gereist durch das Land Sachsen,

Wo die schönen Madeln auf den Bäumen wachsen.

Hätt ich gleich daran gedacht,

So hätt ich meinen Kameraden einige Dutzend mitgebracht.

Doch habe ich mich anders besonnen,

Da man auch hier kann schöne Mädchen bekommen.

Sie sind feil,

Das Dutzend um ein altes Strohseil.

Kirweih Vivat!

Helles Gelächter der Mädchen und Oho-Rufe antworteten ihm. Er aber fuhr fort:

Zuletzt bin ich gereist durch das Land Österreich,

Dort hab ich gemacht sieben Meister reich.

Der erste ist gestorben;

Der zweite verdorben.

Der dritte ist seinem Weib entlaufen;

Der vierte musste ersaufen,

Der fünfte ging Doktor studieren,

Der sechste tut die Leut balbieren,

Der siebente sitzt in Venedig im Krautgarten

Und tut die andern sechs erwarten.

Kirweih Vivat!

Jetzt wandte er sich dem zweiten Vortänzer zu.

Kamerad, schenk ein

Für uns ein Glas Wein;

Wir wollen es austrinken

Und hinunter winken.

Und er grüßte mit dem vollen Glas die Menge und die Kameraden, leerte es auf einen Zug und zerschellte es mit dem Rufe »Die Kirweih hebt an!« auf der Erde.

Der Vortänzer bin ich genannt,

Den Kranz hing ich auf mit meiner Hand.

Den Kranz will ich jetzt verlassen

Und keinen will ich hassen.

Kirweih Vivat!

Und er ging in die Mundart über und rief:

»Buwa und Mädscha, marja is Kerwe! Ihr seid all' d'rzu

ei'galoda. Ich wünsch' euch all' gude Unterhalting.

Kirweih Vivat!

Und ihr, Musikante, spielt's mer den neue Marsch ,O du mein Österreich!’«

Auf das hatte der erste Klarinettist nur gewartet. Ehe der Kapellmeister das Zeichen geben konnte, piepste er schon gellend los. Der Christof aber stieg von der Leiter herab, er hatte die Kirweih eröffnet und wurde mit Musik heimbegleitet. Das wollte die Überlieferung. Er drückte sich aber wieder aus dem Hof und eilte der Susi nach, die auf dem Heimweg nach Neurosenthal zögerte und sich schon ein paarmal umgedreht hatte. Sie war stolz auf ihn. Er habe seine Sache besser gemacht als ein Pfarrer, sagte sie. Er aber legte seinen Arm um ihre Hüften und drückte seine Wange an die ihre. So gingen sie aneinandergeschmiegt dahin. Es war ja schon dunkel geworden, und die Kirweihfreiheit hatte begonnen.


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