Jeremias Gotthelf
Der Besuch
Jeremias Gotthelf

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Da dunkelte es beim Eingang, Stüdeli sah sich kaum nach den beiden hereinstürzenden Gestalten um, sorgte fürs Kind, da rief es plötzlich: »Donner, bists, oder bists nicht? An dich hätte ich nicht gedacht! Mit Schein ists dir gegangen wie mir, immer zweimal böser ehe einmal besser.« Erschrocken sah Stüdeli, die Stimme kannte es, es war des Geißenhändlers Bub und neben ihm ein weiblicher Kopf, naß wie eine Maus, daher nicht mehr strub, aber die nassen Mäuse sind bekanntlich noch viel ekelhafter als die struben, so ein rechtes Dascheli, dem man die Blätterhaftigkeit naß und trocken auf einen halben Scheibenschuß ohne Brille ansah. An die Begegnung hatte Stüdeli nicht gedacht. Stich um Stich ging ihm durchs Herz, es verlor fast den Atem, doch die Besonnenheit nicht. »Wer ins gleiche Wetter kömmt, wird ungefähr gleich naß, selb ist seit langem der Brauch«, sagte Stüdeli; »drnebe, wenn es dir bös ging, gings dir anders als mir, mir gings gut, nit bös.« »Habe geglaubt, weil du so daherkamest wie aus einer Kanone, du seiest mit dem Schelmen draus und dLandjäger hinter dir.« »Ho, es sollte dir zSinn cho, daß üser Gattig Lüt auch springen, wenn ein Wetter platzt; vor den Landjägern z'springen, will ich einer andern Gattig Lüte überla.« »Du hast recht«, antwortete des Geißenhändlers Bub, »von den Springige warest nie, best immer ordeli gwartet, öppe hert springe her me nit müsse, bis me dih epsoge het.« Da flammte die Baurentochter in Stüdeli auf, es richtete sich auf und sagte: »Vo dem wirst öppe nit viel z'brichte wüsse, oder best, su sägs!« »Aparti viel wüßt ich nicht«, sagte dsGeißenhändlers Bub, »aber was nicht war, konnte werden. Wo du einmal draus warest, da erleidete mir alles, und ich hing mich an das Dasch da, es besaß einige Taler und hatte einen Vetter, der drei Geißen besaß. Ich meinte, wie gut ich es gemacht, aber dsGeld ist zum Tüfel, dGeiße bim Schinder und dsDasch ist mr bliebe.« Aber das Dasch hatte auch ein Maul und zwar eins, wie man in dem Eiertätschgesicht nicht erwartet hätte. Das findet sich oft beim Weibervolk, daß, wenn alles fehlt, doch das Maul ausbündig ist und allen Fürsprecheren gewachsen, sogar den dümmsten. Nun brachs los und zwar zweischneidig, es hieb nach dem Manne und nach Stüdeli hin, daß diesem weh wurde, denn mit einem solchen Mensch wollte es nicht handgemein werden, nicht mit des Geißenhändlers Bub gemeine Sache haben. Es tat, als höre es das Daschi nicht, sagte, das Kind sei naß geworden, es könnte sich erkälten, und wenn es schon noch regne, habe doch das Wetter aufgehört, deckte das Kind noch mit seinem Fürtuch zu und fuhr zum Loch hinaus, ehe des Geißenhändlers Bub ihm anerbieten konnte, er wolle ihm das Wägeli ziehen.

Nun, es war bald im Dorfe, aber seines Vaters Haus nicht das erste und nicht das zweite, es ging eine lange Gasse hinab neben vielen Häusern vorbei, und unter den breiten Dächern stund, durch das Wetter vom Felde verjagt, viel Volk, und dabei vorbei mußte Stüdeli in seinem Aufzuge, auch eine nasse Maus. Das war ein recht Spießrutenlaufen! In die Erde hätte Stüdeli versinken mögen. Es antwortete den grüßenden Stimmen nicht, es dachte nur an die flutenden Glossen unter den breiten Dächern, und ganz atemlos fuhr es unter seines Vaters breites Dach, wo das ganze Volk versammelt stund. Sie hatten da auch gelacht und gewitzelt, als sie die Frau das Dorf abkommen sahen. So ists: fällt jemand um, wird behagelt oder beregnet, macht es allen, die es sehen, zuerst gutes Blut, und erst wenns gar übel geht, kömmt sehr langsam das Mitleid nach. Eigentlich sind wir ein Lumpenvolk, wir Menschen nämlich. Als nun aber die Frau gegen das Haus einbog, als man in ihr des Hauses Tochter erkannte, da schlug man die Hände über dem Kopf zusammen. »Aber mein Gott, mein Gott! Was hats gegeben? Wo kömmst du her?« tönte es von allen Seiten, und ganz bleich kam die Mutter aus der Küche gefahren. Als sie das Geschrei hörte, meinte sie erst, es brenne. Als sie nun Stüdeli sah in dem Zustande, bachnaß, und das schreiende, triefende Kind, da wurde ihr Schrecken noch größer. »Herr Jses, mein Gott! Was ist mit dir? Was bringt dich so?«

Stüdeli war noch keine gemachte Natur, aber die Anlagen dazu hatte es, es konnte sich fassen, wenns nötig war. Auf all das Geschrei antwortete Stüdeli nicht mit Gestöhne und Zähneklappern, sondern mit lachendem Munde. Da sei nichts, um so nötlich zu tun. Im Wetter seien sie naß geworden und werden bald wieder trocknen, wenn sie einmal in die Stube kämen. Und ins Wetter sei es gekommen, weil das Roß Bauchweh bekommen, der Mann mit demselben heimgefahren und es daher sich verspätet. Sie hätten einmal zDorf kommen wollen, es sei schon so lange nicht hier gewesen, daß es sich kaum mehr kenne. Glaubwürdiger konnte kaum was sein, denn bekanntlich kriegen die Pferde auch Bauchweh, und dann ist es mit dem Springen aus. In ein Gewitter kommen, ist auch keine Kunst, es begegnet gar zu vielen Leuten, und wenn es regnet, wird man naß, was kein Mensch in Zweifel ziehen wird. Kurz, die Auskunft war über alle Erörterungen erhaben, genügte vollständig allen, wie es schien, und ohne weiteres Gerede schaffte man so schnell als möglich Mutter und Kind ins Haus, sorgte dafür, daß sie trocken wurden und das Kind beruhigt, was nicht lange ging.

Als sie wieder in die Wohnstube kamen, da war viel Wohlgefallen an Mutter und Kind. Stüdeli war eine stattliche, hübsche junge Frau und freundlich mit den Mägden, welche ab und zu gingen, den Tisch zu bereiten. »Wo weyt Dr hocke?« frug die eine Stüdeli. »Mit wie mängern redst?« frug dasselbe. »He«, war die Antwort, »ume mit eim, aber es wott sih mr neue nit angers schicke.« »Su machs z'schicke, sust red ih key Wort mit dir meh.« »Selb wär mr nit aständig, da wirde ih wohl müsse«, antwortete die Magd, ganz selig im Herzen über solche Niederträchtigkeit und Gemeinheit. E selligi werd me nit bald atreffe, die so gar nüt hochmütig sei, sagte sie draußen in der Küche. Aber noch mehr erfreute das Kind, so hübsch, so schön und selligi Kruselhaar, akkurat wie es Engeli. Es flog von Arm zu Arm und wurde geputelet, als ob man ihm das Herz aus dem Leibe schütteln wollte, und, je wilder es ging, desto mehr lächerte es den kleinen Türken. Das gebe einmal einen Rechten, war das allgemeine Urteil. Selbst die Knechte machten ihm auf ihre Weise den Hof, per se zuhanden der Alten. Stüdeli brachte einen recht heitern Abend ins Haus, kein Mensch hätte ihm angesehen, wie es auf dem Tanzboden eigentlich doch so gleichsam drausgelaufen, und welch Elend es unterwegs ausgestanden. Es war selbst recht munter und glücklich jetzt im Trocknen. Nur eins saß ihm quer im Kopf, das war die Begegnung mit des Geißenhändlers Bub in der Brechhütte. Es kannte sein Dorf, es wußte, wie prächtig in diesem guten Boden die Geschichten wuchsen, wie schnell aus einer Laus ein Elefant sich herausbildete, und wie wahrscheinlich das Gröblichste durch sein Daherrennen mitten im Wetter gemacht wurde. Es machte endlich bei sich selbsten aus, am besten komme es allem zuvor, wenn es den Hergang selbst erzähle so gleichgültig als möglich und gar nichts daraus mache. Nicht wahr, das war nicht dumm? Die Unbefangenheit von Stüdeli und die lustige Art, wie es von dem Daschi sprach vor dem Gesinde, nahm allerdings der Sache den Stachel.

Der ganze Einzug von Stüdeli war bereits auf der Trommel im ganzen Dorf, die verschiedensten Mutmaßungen wurden herumgeboten, immer so scharfsinnige, als man sie von Gelehrten hört über vorsündflutliche Inschriften. Des Geißenhändlers Bub rührte das Kuchipulver ein, und dessen Daschi streute den Pfeffer darüber und das Körblikraut. Als noch an selbem Abend die Knechte vom Hause auf den gewohnten Sammelplatz kamen, wurde schon viel geschwatzt, und des Geißenhändlers Bub, der immer da war, wo er schwatzen konnte und zu schmarotzen hoffte, wärmte allerlei giftiges Zeug ins Gerede, und was er gesagt und absonderlich sein Daschi, daß die Stüdle nicht mehr hätte warten dürfen, sondern mitten durchs Wetter die Flucht genommen. Der hatte aber Zeit, nicht bloß zu schweigen, sondern auch sich zu streichen, wenn er nicht des Melchers Tatzen an seinem Kopfe haben wollte. Wie Ritter oder vielmehr wie die Knappen eines Ritters verfochten sie die Sache von ihres Bauten Tochter. Sie wüßten, wie es sei, sagten sie, sie hätten es selbst gehört, und wer es nicht glauben wolle, dem wollten sie die Sache begreiflich machen. Das schlug den Klatsch für den Augenblick so ziemlich nieder; denn, wenn die Dienstboten einmal zur Seltenheit für ihre Meisterleute gute Zeugnis abgeben, warum sollten dieselben nicht wenigstens halb so gut geglaubt werden als die bösen, die jedenfalls immer noch etwas mehr als ganz geglaubt werden!

Stüdelis Vater hatte dasselbe viel zu fragen über die äußern Angelegenheiten des Hauses, Landbau, Viehzucht und so weiter, und Freude an der Tochter, die über alles verständig Bescheid wußte. Darob wurde es ziemlich spät, daß die Mutter endlich sagte: »Du wirst froh sein, an die Ruh zu gehen, es ist dir zweggmacht in deinem alten Stübli.«

Als Stüdeli zu Bette war, kam die Mutter. »Wenn du nichts dagegen hast, so liege ich diese Nacht bei dir. Hätte noch allerlei mit dir zu reden; diesen Abend gabs es nicht, und morgen wahrscheinlich auch nicht, in einem solchen Hause ist man nie ruhig.« Stüdeli zeigte große Freude und fühlte doch eine beträchtliche Beklemmung, die es gar nicht für möglich geglaubt diesen Nachmittag; als es aus Ägypten, aus dem Diensthause zog, da war es ihm z'vorderst, es dünkte ihns, wenn es bei der Mutter sei, so hätte es ganze Fuder zum Abladen, und jetzt hätte es fast lieber geschwiegen. Es fürchtete, die Mutter könnte es noch auslachen. Indessen war das nur vorübergehend. Als sie im Bette waren und gebetet hatten, nahm Stüdeli die Mutter um den Hals und küßte sie gar herzlich. »O Mutterli, o Mutterli, wie lieb bist mir, wenn ich dich doch geng by mr hätt!« sagte es. Die Mutter erwiderte diese Zärtlichkeiten, dann frug sie: »Jetzt, Stüdeli, sag mir, warum kamst heute dahergeschossen wie aus einem Stuck; habt ihr guneiset da oben, oder was ist?« »O Mutter«, antwortete die Tochter, »du bist doch immer die Merkigste, vor dir kann man nichts verbergen. Guneiset aparti nit, aber ich hatte das Herz so voll, daß es mich düchte, es müsse versprengen, wenn ich es nicht bei dir leeren könnte.«

Nun erzählte Stüdeli so ziemlich aufrichtig alles, was begegnet war, und frug schließlich die Mutter, ob es denn das gelassen annehmen könne, wenn es sein Lebtag Birlig-Stüdle heißen müßte, ob es wohl einen wüstern Übernamen geben könnte auf der Welt als Birlig-Stüdle? »O ja«, sagte die Mutter, »noch viel wüstere gibt es, und, je böser du darüber wirst, und je mehr du es erzeigst, desto länger heißest du so, und desto weiter kömmt er herum. Da war doch wirklich nicht Ursache, daheim gegen deine Leute wüst zu tun. Warum mußten sie es entgelten? Sie sagten dir ja nicht so, hingen den Namen dir nicht an. Denk doch, wie ungern sie haben müssen, daß du da im Heuet ausrissest, wo es jedermann in Sinn kommen mußte, es habe etwas Ungerades gegeben, denn so mir nichts, dir nichts führest du nicht im Heuet mit einem Kinderwägeli in der Welt herum.« Stüdeli unterbrach die Mutter oft mit einem: »Du hast recht, aber denk, aber lue, aber wenn du noch jung wärest!« Und die Mutter ließ sich gerne unterbrechen, um so gründlicher der Tochter Herz ausputzen und fegen zu können. Sie mahnte hauptsächlich zu Sanftmut und Ergebung, nie in der ersten Aufregung auffallende Schritte zu tun, nie was erzwingen zu wollen, was nicht, von Gott geboten, sein müsse, immer an der andern Menschen Platz sich zu setzen und zu denken, wie sie das aufnehmen, was sie dabei denken müßten, und wie es einen Austrag nehmen müsse. Fortlaufen könne man wohl, aber das Heimkommen habe eine Nase, denn der Mann, der seine Frau wieder hole, die bloß wegen einer Kleinigkeit fortgelaufen, der werde sein Lebtag nie viel sein. Sie sei auch einmal auf dem Wege gewesen, so fortzulaufen. Sie habe den Hühnern misten wollen; er sei dazugekommen und habe mit ihr aufbegehrt, ob sie nichts Besseres zu tun wisse als den Hühnern zu misten, es dünke ihn, es wären nötigere Sachen zu tun als den Hühnern zu misten. Wenn das nicht gute, drehe er den Hagle noch den Hals um. »Da schien es mir, als würde es auf einmal ganz schwarz um mich, das hätte afe key Gattig, daß ich den Hühnern nicht mehr misten solle, wenn die Zeit um sei, das sei ein unerhörter Zwang, bei dem ich nicht leben könne. Wenn er einen Funken Liebe zu mir hätte, so könne er nicht so gegen mich sein, lieber weg, dänne je eher je besser. Damals hatten wir nur noch ein Kind, das nahm ich, legte nicht einmal andere Kleider an und lief mich außer Atem. Da mußte ich absetzen, um Luft zu fassen, und sah zurück. Es sei doch ein schön Haus, dachte ich, viel Sachen darin, z'werche und z'esse gnue, er daneben sonst kein Uflat. So hing sich ein Gedanke an den andern, ich dachte daran, was die Leute sagen würden, wenn sie mich in den allerschlechtesten Kleidern, in schmutzigem Hemd und Fürtuch herumlaufen sehen würden, oder wenn er gar ausschicken würde, mich zu suchen in den Bächen und an den Bäumen, wie ich das nachher doch ungern haben würde, wie ich erst heimsollte, ihm zu sagen, wohin ich ginge, und vor allem mich anders anziehen, vielleicht daß es ihm doch dann leid sei und er mir anhalte, ich solle bleiben und ihm verzeihn, dann könne ich immer noch machen, wie ich wolle, denn recht anhalten müsse er mir, sonst ginge ich. Ja, und dann? Ja, dann, dann holt er mich wieder. Ja, und wenn nicht? Was da machen? Scheiden? Warum nit gar, scheide will ich nicht, es ist mir hier nicht erleidet. Selbst wiederkommen wie der verlorne Sohn? Wär da etwas gewonnen? Ja, er könnte es mir mein Lebtag vorhalten und sagen: ›Lauf nur fort, kommst von selber wieder!‹ Und als ich zum Hause kam, machte ich stillschweigend meine Arbeit, sagte ihm erst lange, lange nachher, was ich einmal gewollt. Und seither dachte ich kein einzig Mal mehr ans Fortlaufen. Vor allem aus laß Kleinigkeiten sich nicht ansetzen, laß nichts anbrännten und bitter werden in deinem Herzen! Ists einmal bitter im Herzen, wird alles bitter, was drein- und drauskommt, und alles dir ein Ärgernis, was dir vor Augen kömmt, und wenn es der liebe Heiland selbsten wäre. Da ist dann eine Sache, dabeizusein, daß böser nichts ist auf Erden, und du selbst hättest die größte Pein. Das wäre noch was ganz anders als dBirlig-Stüdle heiße.« »Ja, ja, hast recht, Mutter«, sagte Stüdeli, »sehe es jetzt wohl ein. Wenn ich aber nur dr tusig Gottswille wieder daheim wäre!« »Das wird keinen Kopf kosten«, sagte die Mutter, »mach nur kein sauer Gesicht, tue, als ob gar nichts Zwiespältiges vorhanden gewesen, so werden sie auch so sein und weder mit Mienen noch Worten was merken lassen. Das sind feine Leute.«


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