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11.

Kommissar Weinreich schritt durch die gaffenden Menschen auf dem Hauptbahnhof. Hinter ihm her marschierten zwei handfeste Kriminalbeamte, zwischen ihnen ein Mann. Dem sah man den Seefahrer schon von weitem an.

Er ging ruhig und friedlich mit und machte keineswegs das Gesicht eines furchterfüllten oder die Miene eines von seinem Gewissen bedrückten Verbrechers.

Ein Auto nahm vor dem Hauptausgang die vier Männer auf.

Eine Viertelstunde später betrat Kommissar Weinreich das Amtszimmer des Untersuchungsrichters.

»Sie sehen aus wie ein Mann, der seinen besten Trumpf ausspielen kann«, sagte der Untersuchungsrichter Winterfeld in eigenartig spöttischem Tone. »Ich habe Ihr Telegramm erhalten und bin neugierig, ob Sie wirklich den Mann erwischten, von dem die Schlomke sprach. Die Frau ist herbeordert. Ich werde ihr den Burschen nachher gegenüberstellen. Wie kamen Sie zu dem Manne?«

»Es war allerdings eine höchst einfache Sache«, zwang sich Weinreich zu bekennen. »In dem Orte Suhlendorf nahe Uelzen entstand ein Scheunenbrand. Es hatten in dem Dorf, wenn auch nicht in der abgebrannten Scheune, zwei Tippelbrüder übernachtet. Da der eine verschwunden war, hielt man den anderen fest. Es stellte sich zwar heraus, daß keiner von den beiden den Brand verursacht haben konnte. Aber Bauern sind zähe und mißtrauisch. So erkundigte man sich immerhin bei der hiesigen Polizeibehörde nach der Wahrheit der Angaben des Festgehaltenen, weil der Mann völlig mittellos war. Er behauptet, er sei ein Seemann mit Namen Otto Beverstorff, sei von hier, auf dem Fußmarsch nach Hamburg und von Ende März bis Anfang April zuletzt hierorts gewesen.«

»Hierorts gewesen«, wiederholte Winterfeld stichelnd die Ausdrucksweise Weinreichs. »Der Mann namens Beverstorff gibt demnach zu, zur Zeit des Mordes an einem anderen Beverstorff hierorts – gewesen – zu sein.«

Mit vor Aerger knallrotem Kopf ergänzte der Kommissar seinen Bericht: »Das genügte mir natürlich, nach Suhlendorf zu reisen und den Mann aus dem Ortsgefängnis heraus zu verhaften.«

»Tadellos!« anerkannte Winterfeld mit einem besänftigenden Lächeln. »Und nun wollen wir uns den Seemann Beverstorff ansehen und anhören.«

Der Matrose wurde vorgeführt. Er gab seine Personalien an und legte zum Beweis der Richtigkeit sein Seefahrtsbuch und noch andere Papiere vor. Dann wurde ihm Frau Schlomke gegenübergestellt. Er gab ohne weiteres zu, er sei der Mann, der an der Flurtür der Beverstorffschen Wohnung vorgesprochen habe. Die Schlomke durfte gehen.

»Sind Sie ein Verwandter des Ermordeten?« begann der Richter zu verhören.

»Mein Vater und Arthur Beverstorff waren Geschwisterkinder«, berief sich der Matrose auf die Verwandtschaft. Dann bat er: »Darf ich gleich alles im Zusammenhang erzählen?«

»Nur zu, mein guter Mann«, ermunterte Winterfeld mit einer Freundlichkeit, die den Kommissar vor stiller Wut kochen machte.

Otto Beverstorff erklärte: »Mein Vater hatte in guten Zeiten dem Arthur Beverstorff ein kleines Kapital geliehen. Das wurde der Anlaß, daß mein Onkel vorwärtskam. Im Gegensatz zu ihm jedoch ging es mit unseren Verhältnissen bergab, ohne daß es meines Vaters Verschulden gewesen wäre. Ich – das einzige Kind – war damals noch ein Knabe. Aber ich hatte mir dennoch gemerkt, wie oft meine Eltern darüber sprachen, der Beverstorff weigere sich, von dem Geliehenen zurückzuzahlen, weil mein Vater keinen schriftlichen Nachweis über die Geldhergabe in Händen hatte.«

»Ein feiner Verwandter«, tadelte der Untersuchungsrichter halblaut. Dann wollte er wissen: »Das erzog schon damals in Ihnen einen Haß gegen den Onkel?«

»Gehaßt haben wir ihn selbstverständlich. Um so mehr, als wir später erfuhren, er sei – nachdem er für uns verschollen gewesen – zu Reichtümern gelangt. Meine Eltern aber, die doch mit ihrem bißchen Geld das Glück des Verwandten gegründet hatten, die lebten in bittrer Not. Schon als ich nach dem Tode der Eltern in meinem fünfzehnten Lebensjahr zur Seefahrt kam, ging ich immer mit dem Gedanken um, dem Onkel Arthur nachzuspüren und ihm tüchtig auf den Pelz zu rücken. Zu manchen Zeiten geriet mir die Absicht in Vergessenheit, dann tauchte sie wieder mal kurz auf. Am stärksten angeregt wurde ich, als ich aus einer Zeitungsnachricht feststellte, der Schuldner meines Vaters lebe in der Heimat als reicher Mann.«

»Und da fanden Sie sich ein, um Ansprüche zu machen oder um ihn wenigstens zur Rede zu stellen.«

»So war es. Am ersten Abend wies er mich fort. Es geschah allerdings aus der Straße. Als ich dann mehrmals in der Wohnung nach ihm fragte, war er angeblich nie daheim.«

»Angeblich«, griff Winterfeld das Wort auf. »Sie hatten das Gefühl, er lasse sich verleugnen, und das steigerte Ihren Groll. Begreiflich! Und wann trafen Sie ihn endlich?«

»Ich habe ihn nur noch als Toten gesehen«, murmelte Otto Beverstorff.

Unter dem gespannten Zuhören Winterfelds berichtete der Matrose, wie er ins Haus gelangt war, wie er auf dem Treppenabsatz einschlief und durch ein Geräusch geweckt wurde, wie er einen Menschen die Treppe hinabschleichen hörte und wie er dann die Flurtür der Wohnung offen fand.

»Ich hörte ein Wimmern und Röcheln, betrat das Zimmer und sah ihn in seinem Blute liegen«, schloß der Seemann.

»Eine sehr hübsche Geschichte«, sagte Weinreich nach höhnischem Auflachen. »Na, mir fehlt leider jedes Verständnis für die sehr pfiffig ausgedachte Historie. Außerdem – wenn Sie den Sterbenden noch wimmern und röcheln hörten – was ja freilich ebenfalls, wenn auch nicht sonderlich geschickt erfunden sein dürfte – so können Sie nicht mit Berechtigung sagen, Sie hätten Ihren Verwandten nur noch als Toten gesehen.«

Untersuchungsrichter Winterfeld hatte den Kommissar ausreden lassen. Nun nahm er das Wort:

»Diese Bekundung kann sehr wichtig werden. Sie bestreiten selbstverständlich die Täterschaft, Beverstorff?«

»Ich habe es nicht getan«, versicherte der Matrose einfach.

Langsam sagte Winterfeld: »Wenn Sie nicht der Täter sind, so wären Sie als der Mensch, der den Mann noch wimmern und röcheln hörte, ein Kronzeuge, daß die Tat nicht ein Mord war im Sinne des Gesetzes, sondern nur eine Körperverletzung mit tödlichem Ausgang. Das würde dem Täter den Kopf retten. Behalten Sie das im Gedächtnis, Beverstorff!«

Eine Weile herrschte Schweigen. Untersuchungsrichter Winterfeld studierte aufmerksam den Wortlaut einer Depesche von beträchtlicher Länge. Er schien hinsichtlich des Matrosen unentschlossen zu sein, pustete ein paarmal wie von Zweifeln geplagt über die Lippen und starrte mit zusammengezogenen Brauen aus die Blätter.

Vergeblich versuchte der Kommissar etwas von dem Inhalt des Telegramms zu erspähen.

Endlich nahm Winterfeld das Verhör wieder auf: »Sagen Sie mal, Beverstorff, Sie erwähnten, die Eltern hätten erfahren, der Verwandte sei ein reicher Mann geworden. Kam bei dieser Kunde ein Zufall in Betracht – oder wie war das?«

»Wir erfuhren es von einer Frau«, gab der Matrose Bescheid. »Ich war zu jener Zeit ein Junge von zehn Jahren ungefähr. In was für einem Verhältnis die Frau zu meinen Eltern stand, weiß ich nicht zu sagen. Eine Verwandte war sie nicht, denn ebenso wie meine Eltern gebrauchte sie die Anrede Sie im Gespräch. Es ist wohl auch nicht wichtig.«

»Ueberlassen Sie gefälligst mir das Urteil über die Wichtigkeit Ihrer Bekundungen«, knurrte Winterfeld. »Wie hieß die Frau?«

»Dessen kann ich mich gut erinnern«, antwortete Otto Beverstorff. »Und zwar deshalb, weil ich mich stets wunderte, wenn ich den Namen hörte. Uebrigens sagten meine Eltern nicht Frau, sondern Fräulein Schwarzeis.«

Mit einer geradezu heftigen Bewegung griff Winterfeld nach den Telegrammblättern und fragte: »Schwarzeis, sagten Sie? Sind Sie sich dieses Namens ganz sicher?«

»Zuverlässig, denn ich habe immer bei dem Namen denken müssen, daß es schwarzes Eis doch nicht geben kann.«

»Erinnern Sie sich sonst noch einer Merkwürdigkeit dieses Fräulein Schwarzeis?«

»Merkwürdigkeit? Nein – nur noch: wenn sie zu uns kam – man könnte es ja merkwürdig nennen –, das Mädelchen – das fing gerade an zu laufen und zu sprechen, und ich habe immer recht gern mit dem kleinen Ding gespielt. Als ich größer und verständiger geworden war, kam ich dahinter, daß – nun, man könnte es ja merkwürdig nennen – daß das Mädelchen das Kind war von dem Fräulein Schwarzeis. Und ich wußte schon, daß ein Fräulein eigentlich kein Kind haben sollte.«

»Hören Sie mal genau zu, Beverstorff«, mahnte stark betonend der Untersuchungsrichter. »Das Fräulein Schwarzeis sprach von Arthur Beverstorff – sie wußte auch, daß er ein reicher Mann geworden war. Denken Sie mal zurück. Weinte sie dabei – oder schimpfte sie über Ihren Onkel? Vielleicht erinnern Sie sich noch an Worte.«

»Nach so vielen Jahren? Das ist wohl ausgeschlossen. Ich kann nichts weiter sagen, als daß es mir dunkel ist, wie wenn ich das Fräulein öfter hätte weinen sehen und daß meine Mutter dann mitweinte. Auf den Eid nehmen könnte ich das freilich nicht.«

»Fräulein Schwarzeis«, brummelte der Untersuchungsrichter vor sich hin und klopfte mit dem Bleistift auf die mit bedruckten Streifen dicht beklebten Blätter der Depeschenformulare.

Plötzlich sprang er auf einen ganz anderen Ausgangspunkt über: »Mit dem Messer sind Sie also nicht gegen Ihren Verwandten vorgegangen, so daß er in der Abwehr nach der Klinge gegriffen hätte?«

Sichtlich grenzenlos überrascht, stammelte Otto Beverstorff: »Aber – ich – ich sagte ja vorhin –«

»Schon gut«, unterbrach Winterfeld, um sich an Weinreich zu wenden: »Herr Kommissar, Sie hatten doch in der Handfläche des Toten eine Schnittwunde gefunden. Sie gaben zwar zunächst an, die Wunde sei in der linken Hand gewesen. Dann widerriefen Sie das. Nun, bitte, wie war das eigentlich mit dieser sonderbaren Verwechslung?«

Noch bevor Weinreich antworten konnte, riß der Matrose das Wort an sich. Seine kraftvolle Gestalt straffte sich, und hoch aufgereckt trat er dem Arbeitstisch des Untersuchungsrichters näher.

Hier sagte er: »Schnittwunde rechts oder links, das ist mir ganz gleich. Ich bin just kein Tugendknabe geblieben, seit ich zur See fahre und manchmal in fremder Herren Ländern auf die Walze gehe. Redlich aber bis in die Knochen bin ich immer geblieben. Sollte mir also einer im Ernst ins Gesicht sagen wollen, ich hätte an Beverstorff einen Mord begangen, dem – auch Ihnen, Herr Untersuchungsrichter – würde ich mit diesem niedlichen Fäustchen hier das Nasenbein so platt schlagen wie 'ne Flunder!«

Zum äußersten Staunen Weinreichs nahm der Richter den leidenschaftlichen Ausbruch des Seemanns keineswegs übel.

Winterfeld meinte mit seinem galligen Lächeln: »Ein nettes Kerlchen sind Sie, alte Wasserratte. Aber vielleicht besinnen Sie sich, daß wir uns hier weder auf dem Deck eines Schiffes noch in einer Matrosenkneipe befinden. Ich habe nicht im mindesten schlechte Absichten mit Ihnen. Ich verzichte auf das Recht, Sie in Untersuchungshaft zu halten, obwohl Sie als heimatloser Seemann im Verdacht des Nichtbefolgens der gerichtlichen Vorladung in einer Sache stehen, bei der ein Verbrechen der Gegenstand der Untersuchung ist.« Er schnaufte, als hätte der umständliche Satz der Amtssprache ihm Atemnot bereitet. Dann fragte er: »Haben Sie Geld?«

»Möchte wissen, woher«, antwortete brummig Otto Beverstorff.

Winterfeld schrieb etwas auf einen Zettel, den er dem Matrosen gab.

»Auf Wiedersehen«, setzte er hinzu. »Geben Sie den Zettel an der darauf stehenden Adresse ab! Man wird sich freuen, einer braven Teerjacke einstweilen Freiquartier und Kost zu gewähren, bis Sie wieder abdampfen können.«

Kaum hatte der Matrose die Tür hinter sich zugemacht, als Kommissar Weinreich losbrach: »Und diesen furchtbaren und listigen Verbrecher, den ein glücklicher Zufall in die Maschen meines Netzes trieb – diesen Menschen, den ich mit so vieler Mühe hierher holte – den Tatverdächtigsten von allen – den lassen Sie einfach laufen? Man könnte wirklich bersten vor Aerger!«

»Einen Geborstenen könnte ich nicht zum Frühstück einladen«, sagte Winterfeld in so grimmigem Spott, daß es dem wutschwitzenden Weinreich geradezu die Rede verschlug. »Kommen Sie, aber ich bitte darum, während des Frühstücks jede Fachsimpelei zu unterdrücken. Dafür dürfen Sie in einer Stunde Zeuge sein, wie ich den Haftbefehl ausfertigen lasse gegen –«

»Gegen wen?« drängte der atemlos lauschende Kommissar, als der Untersuchungsrichter mitten im Wort verstummte.

»Sagen wir einstweilen: gegen Unbekannt in der Mordsache Beverstorff«, wich Winterfeld einer klaren Antwort aus.

»Was wissen Sie?« stieß Weinreich mit aschgrauem Gesicht hervor.

Mit einem durchdringenden Blick in die Augen des Kommissars sprach der Richter scharf: »Vermutlich genau so viel, wie der Mitwisser weiß, Herr Kriminalkommissar!«

*

Es war in der Gesellschaft des heute besonders bissig aufgelegten Winterfeld kein gemütliches Frühstück, das Weinreich hinter sich hatte, als er wieder neben dem Arbeitstisch des Untersuchungsrichters Platz nahm. Der wunderliche Mann blieb schweigsam bis auf die Befehle, die er mit knappen Silben dem Wachtmeister erteilte. Es schien, als ob ihn seit dem Verhör des Matrosen ein ganz besonderer Gedanke unablässig beschäftigte.

Frau Harthilt Beverstorff betrat den Raum.

Sofort erhob sich Winterfeld zu einer ehrerbietigen Verbeugung. Weinreich schüttelte darüber den Kopf.

»Gnädige Frau«, begann stehen bleibend der Untersuchungsrichter, »ich mache mir eine Freude daraus, Ihnen mitzuteilen, daß ich von diesem Augenblick an Ihre Haft aufhebe. Zürnen Sie uns Richtern nicht, wenn das Gesetz uns die Macht verleiht, bedenkenlos auch mit Härten vorzugehen, um nichts in der Aufklärung des schwersten Verbrechens, des Mordes, zu versäumen. Auch im friedlichen Leben ergründet man die Wahrheit ja oft nur durch Strenge.«

Frau Harthilt erwiderte nichts. Sie neigte das schöne Antlitz, unter dessen ruhigen Augen gramvoll durchwachte Nächte ihre Spuren in dunklen Ringen gezeichnet hatten.

Winterfeld fuhr fort: »Mit der Anwesenheit des Kriminalkommissars Weinreich wollen Sie fürlieb nehmen. Er war es, auf dessen Veranlassung Sie festgenommen wurden. So wollte ich ihm, der Ihre Verhaftung sogar selbst vornahm, auch die Gelegenheit geben, seine Freude auszudrücken über Ihre Rückkehr in die Freiheit.«

Mit sauersüßer Miene stand Weinreich auf und zwang sich ein paar verlegene Worte ab.

»Verschmähen Sie's diesmal nicht, Platz zu nehmen, gnädige Frau«, bat Winterfeld mit einladender Geste. »Recht schwer haben Sie mir's gemacht, in Gegenwart einer Dame sitzen zu müssen. Mir – und übrigens auch meinem Amtsvorgänger Doktor Aurelius. Aber das Unterlassen gesellschaftlicher Rücksichten wird bedingt, sobald wir unser Amt ausüben.«

»Ich habe das stets so beurteilt«, kam das erste Wort von dem seit langem wieder einmal lächelnden herben Frauenmund.

Als alle drei saßen, klärte der Untersuchungsrichter auf: »Sie verdanken die Wendung in Ihrem Schicksal Herrn Doktor Aurelius. Er schied aus Amt und Stellung, weil er überzeugt war von Ihrer Schuldlosigkeit. In dieser Ueberzeugung hatte er sich die Aufgabe gestellt, Beweise herbeizuschaffen. Noch bevor er das Aeußerste und Letzte erreichen konnte, wahrscheinlich aber, weil er das anstrebte – so denke wenigstens ich –, wurde er das Opfer einer meuchlerischen Tat.«

Die Wirkung auf Frau Harthilt war unbeschreiblich. Mit weit ausgerissenen Augen starrte sie auf den Richter. Sie wollte etwas sagen, brachte aber nur ein tonloses Hauchen hervor. Plötzlich preßte sie die Hände vor ihr Antlitz und saß wie vernichtet da.

Winterfeld sprach weiter: »Noch weiß man nicht, ob er mit dem Leben davonkommen wird.«

»Er lebt also noch, – oh, Gott sei Dank!«

Die in ihren dunklen Tönen so schöne Frauenstimme klang wie der Ruf aus einem dämmertiefen Walde, der ein Geheimnis umschließt.

»Ja, er lebt noch«, tröstete Winterfeld. »Und ich bringe Ihnen Grüße von seinem Krankenlager. Jedoch, gnädige Frau, die Grüße eines Mannes, den bei seiner schweren Verwundung vielleicht nur noch eine einzige Zuversicht am Leben erhält, die Zuversicht, daß Sie es nicht verschmähen werden, ihn anders als Ihren jüngst noch unfreundlichen Richter wiederzusehen.«

»Er war niemals unfreundlich!« verteidigte Frau Harthilt den Mann, indem sie sich lebhaft erhob. »Wie dürfte ich mich weigern, zu ihm zu gehen! Er leidet ja um meinetwillen.«

Winterfelds sonst so verdrießliches Gesicht wurde von einem erstaunlich schönen Lächeln wie verzaubert.

Er stand auf: »Sie finden Ihren treuesten Freund im Städtischen Krankenhaus.«

»Dann will ich gleich gehen«, entschloß sich Frau Harthilt eilig.

Es war seltsam, auf diesem in seiner stolzen Kälte sonst so bleichen Antlitz purpurne Röte zu sehen. Sie ging, und es war, als wäre ein Glanz gewichen aus dem kahlen Amtsraume.

Winterfeld kehrte sich langsam dem Kommissar zu. Der stand da, als starre er einer entschwindenden Geistererscheinung nach.

»Ein Morgen der Ueberraschungen für Sie«, verfiel der Richter wieder in seinen galligen Ton. »Erst wird Ihr Seemannsvogel flügge, und nun schwebt auch noch dieser stolze Frauenschwan von dannen. Ja, Verehrtester – man könnte Ihnen leicht den Vorwurf machen, Sie hätten in dem Kriminalfall Beverstorff mit höchst eigentümlicher Laschheit aus Tatunverdächtigen sich Tatverdächtige geschaffen.«

»Ich habe meine Pflicht getan«, entgegnete Weinreich mit heiserer Stimme.

»Nun, jedenfalls führte Ihre Art der Behandlung des Falles mich dahin, mit Aurelius in Verbindung zu treten. Ich habe erst auf ihn gescholten. Ich änderte meine Meinung, als ich hörte, er suche auf seine Weise das Rätsel zu lösen. – Wie denken Sie übrigens über den an ihm verübten Mordversuch?«

Kommissar Weinreich zuckte nur wortlos die Achseln.

»Nicht immer verbirgt sich hinter schweigsamen Menschen Gedankentiefe«, bemerkte Winterfeld. »Sie haben sich wahrscheinlich über das neue Verbrechen noch keine Meinung gebildet. Vielleicht nützt es Ihnen, die meine zu hören.«

»Bitte«, knirschte Weinreich hervor.

»Wer konnte ein Interesse daran haben, den Doktor zu beseitigen? Sicherlich jemand, der in dem Manne einen Verfolger sah. Wen verfolgte Aurelius? Den Mörder Beverstorffs. Er ging in seiner Unerfahrenheit als Detektiv und in seinem Eifer zu unvorsichtig zuwege. Für die, die sein Tun verfolgten, eine Aussicht. Menschen, denen er sich anvertraut hatte, schwiegen nicht. Der arme Doktor bezahlte die Schwatzhaftigkeit seiner Vertrauten mit einer schweren Verwundung. Wer also schoß aller Wahrscheinlichkeit nach auf ihn?«

»Nach Ihrer Auffassung der Mörder Beverstorffs«, sagte der Kommissar zögernd.

»Bravo, Sie haben meinem Frage- und Antwortspiel etwas abgewonnen. Glücklicherweise steht es nicht so schlimm um den Doktor, wie ich aus gewissen Gründen der Dame ausmalte. Das Schlimmste schuf der Umstand, daß der Verwundete die halbe Nacht bewußtlos und blutend im Regen auf der Straße lag. Aber es geht ihm verhältnismäßig so gut, daß ich heute früh eine Aussprache mit ihm haben konnte. Er erzählte mir auch von Frau Harthilt Beverstorff. Den Erfolg dieses Vertrauens haben Sie vorhin miterleben dürfen. Nun dürfen Sie sich wundern, Herr Kommissar, warum ich da soeben ein bißchen gute Vorsehung spielte.«

Ungeduldig erinnerte Weinreich: »Sie wollten einen Haftbefehl ausfertigen lasten. Ich bin neugierig, wem er gelten wird.«

Der Untersuchungsrichter nahm an seinem Arbeitstisch Platz und überreichte von dort aus dem Kommissar die Blätter eines umfangreichen Telegramms: »Hier – eine Depesche der Hamburger Behörde – sie wurde mir von unserem Kriminalamt zur Verfügung gestellt.«

Der Kommissar las:

»Hier erfolgte Feststellung der durch Rundfunk unbefugterweise verbreiteten Kenntnis von einem Mord. Urheberin benutzte bei Konzertübertragung im Freien aufgestelltes Mikrophon. Konnte vorgeführt werden, da sie Aufenthaltsort ebenfalls in Schallempfänger gesprochen hatte. Gibt an, durch Niederschrift des Mitwissers der Tat den Täter zu kennen. Bezeichnet als betreffende Person Gattin des dort angestellten Kriminalbeamten Schulze. Da Verdunkelungsgefahr nicht vorliegt, befindet sich das Mädchen auf freiem Fuße. Erbitten jedoch Nachricht, ob Zuschub der Kellnerin Sylvia Rickstetten dort erwünscht ist.«

»Der Zuschub erübrigt sich«, urteilte Winterfeld. »Das Mädchen hat in einem Telefongespräch mit Aurelius alles gesagt, was es weiß. Von diesen Mitteilungen erzählte mir heute früh der Doktor. Der Bericht jener Sylvia Rickstetten bestätigt, daß Aurelius die richtige Fährte aufgenommen hatte.«

In hellem Erschrecken rief Weinreich: »Frau Alma, die Frau meines treuen Mitarbeiters? Nein und tausendmal nein. Das ist ganz ausgeschlossen. Ein grenzenloser Irrtum des Doktors. Diese Frau –«

»– knallte den ihr gefährlich gewordenen Mann nieder«, fiel Winterfeld ein. »Dem Doktor war zwar aufgefallen, daß er in letzter Zeit immer wieder einer bestimmten Soldatin der Heilsarmee begegnete. Jedoch glaubte er an einen Zufall. Im übrigen hat die vortreffliche Dame sich ohne jede Berechtigung in dieses Gewand gehüllt.«

»Diese Frau auch die Mörderin Beverstorffs«, murmelte Weinreich in tiefem Erschüttertsein.

»Wenn meine Schlußfolgerungen nicht trügen, – ja«, behauptete Winterfeld. »Allerdings – ich muß sie erst verhört und gesehen haben. Aber sie ist die Person, der mein Haftbefehl gelten wird: Ehefrau Alma Schulze, geborene Schwarzeis.«

»Schwarzeis?« wiederholte der verdutzte Kommissar. »Den Namen nannte doch der Seemann.«

»Und dieser Name steht als Mädchenname der gefährlichen Frau im standesamtlichen Register.«

»Daraus kombinieren Sie ...?« forschte Weinreich in fassungslosem Staunen.

Winterfeld gab Auskunft: »Ich kombiniere höchstwahrscheinlich richtig. Das Kindchen, mit dem der jetzige Matrose dereinst spielte, kann nach der Mutter den Namen Schwarzeis geführt haben. Jenes Fräulein Schwarzeis aber hatte irgendwie mit der Persönlichkeit des reich gewordenen Beverstorff zu schaffen, da sie über seinen Lebensgang Bescheid wußte. Sie sehen, Herr Kommissar, der Ring schließt sich.«

*

Mit dem außergewöhnlichen Feingefühl und dem Takt, die ihr eigen waren, hatte Sylvia bei ihrer Vernehmung nicht erwähnt, aus was für einem Anlaß sie in das Mikrofon auf dem Rathausmarkt sprach. Daher wußte man bei der Hamburger Polizeibehörde nicht, daß der auf so seltsame Weise Benachrichtigte der junge Mann war, über dessen Vermißtwerden an drei Rundfunkabenden berichtet worden war.

Da Sylvias Aussagen mit aller Bestimmtheit ein Verbrechen aufklärten, gab man die Angelegenheit weiter durch ein Telegramm und ausführlicher durch darauf folgenden schriftlichen Bericht an die zuständige andere Behörde. Es wurde Sylvia die Pflicht auferlegt, sich bereitzuhalten für den Fall des Nötigwerdens weiterer Verhöre, und dann ließ man sie unbehelligt.

*

Inzwischen hatte Viktor seinen Plan mehr ausgebaut. Er setzte Hoffnungen aus ein seemännisches Aussehen und auf die Berührung mit seemännischen Kreisen. Das eine bewerkstelligte er durch den Kauf eines marineblauen Anzuges und einer Schildmütze, wie er sie bei Otto Beverstorff gesehen hatte. Das andere suchte er durchzuführen, indem er in ein unscheinbares Gasthaus der Hafengegend übersiedelte.

Mit Sorgen erinnerte er sich der Belehrung seines Wandergefährten: ohne Papiere gelingt es keinem, zur Seefahrt zu kommen. Und doch die Seefahrt ...

Sie hatte Reiz für ihn gewonnen. Die Lust zum Abenteuer war mehr und mehr in seinem phantastischen Sinn rege geworden, seit er so häufig das Leben und Treiben auf dem Fluß, die Schiffe und die Leute vom »blauen Wasser« sah.

In der Buntheit dieser Erlebnisse verblaßte das Bild der stolzen Frau Harthilt.

Er gelangte allmählich dahin, in allem Geschehenen bloß noch eine Jugendsünde zu sehen: in der zwecklosen Liebe zu einer Frau, die weit über ein Jahrzehnt reifer war als er – in dem ungeheuerlichen Opfer, das er wahnbefangen dieser Liebe bringen zu müssen geglaubt hatte.

So gab es Stunden, in denen er seine Torheiten so bitterlich bereute, daß er seines Lebens überdrüssig war. In qualvoller Haltlosigkeit rang er dann mit seinem Gewissen.

Wieder beschäftigte er sich in Gedanken mit einem Brief an die Eltern, bis er den Wortlaut im Kopf hatte. Diesmal schrieb er ihn zu Ende: Reue und Bitten um Vergebung, Anklagen gegen seinen Leichtsinn, Schilderungen der ihn peinigenden Irrungen und Wirrungen und wie ihm aus Gärungen – Klärungen geworden waren. Er beschrieb die Lockungen seines neuen Aufenthaltsortes und die Pläne von einer Sühne durch den Seemannsberuf. Er flehte um die Einwilligung des Vaters, um den Schutz und das Verständnis der Mutter und bat um Ausweispapiere.

Als er den Brief am Nachmittag zur Post gebracht hatte, überkam ihn der Glücksglaube, es müsse nun alles wieder gut werden. In dem Gefühl zurückgewonnener Bewegungsfreiheit, nachdem er den Eltern seinen Aufenthalt offenbart hatte, fühlte er zum erstenmal den Wunsch, mit einem Menschen mehr als nur Worte der äußersten Notwendigkeit zu sprechen. Er wandte sich an den Gasthofswirt.

»Sie haben ja gewiß schon entdeckt, daß ich hier bin, weil ich zur See gehen möchte«, redete er den Mann an, während der Alte ihm in der an Nachmittagen gästeleeren Trinkstube den Kaffee vorsetzte.

Der Wirt kraulte mit einer geringschätzigen Grimasse seinen Seemannsbart und meinte: »Da sind Sie nicht der erste, der sich mit solchen Absichten mal eine Hafenstadt ansieht, um danach mit seinem Mute wieder einzupacken. Seemannsbrot das schmeckt beinahe so bitter wie das Salzwasser, auf dem es verdient werden muß.«

»Ich besitze Mittel«, erwähnte Viktor, um den Mann für sich zu gewinnen. »Kennen Sie nicht einen Kapitän, der mich gegen ein gutes Lehrgeld mitnehmen würde?«

Das breite, mürrische Gesicht des Wirts hellte sich beträchtlich auf. Er nahm sogar am Tisch Platz.

»Was wollen Sie sich's kosten lassen?« erkundigte er sich.

Die Antwort kam knapp und klar: »Fünfhundert Mark.«

»Donnerwetter!« brummte der Alte verblüfft. »Und was fiele für mich ab?«

»Fünfundzwanzig Mark sogleich, doppelt soviel, wenn Sie mir wirklich genützt haben.«

»Haben Sie Papiere, Einwilligung des Vaters und so weiter?«

»Erhalte ich in den nächsten Tagen«, sagte Viktor zuversichtlich.

In nicht mißzuverstehender Pantomime rieb der Gastwirt den Daumen auf dem Zeigefinger und streckte dann die Hand aus.

Viktor verstand die wortlose Forderung und erfüllte sie.

Der Alte kniff die Geldscheine zusammen und schob sie nach genauer Prüfung in die Westentasche. Dann begab er sich an den Schanktisch. Er bekritzelte einen Zettel.

Als er zu Viktor zurückkam, legte er das Papier vor und sagte: »Gehen Sie mal gleich hin!« Damit schien der Handel für ihn abgeschlossen zu sein. Er verlor kein Wort weiter und beschäftigte sich mit allerhand Verrichtungen, durch die er wahrscheinlich Vorbereitungen traf für den Empfang der Dämmerstundengäste.

Mit geringer Mühe fand Viktor die »Pinnasberg« geheißene Straße. Unter der Adresse stand auf dem Zettel: »An Kapitän Frerik Alvens einen Schiffsjungen empfohlen. Bedinge mir ein Fünftel aus. Laß Dir das Geschäft nicht entgehen, es ist anständig. Erwarte Dich und grüße. Heinrich Boyens.«

Eine ältliche kleine Frau öffnete die Flurtür. Entschuldigungen murmelnd, überreichte Viktor ihr den Zettel. Sie überlas langsam und mißtrauisch den Inhalt. Ganz einverstanden schien sie nicht zu sein. Unschlüssig drehte sie das Blatt hin und her.

»So, es ist also Hein Boyens, der Sie schickt«, sagte sie endlich. »Vertrauen Sie da nicht zu stark. Er ist nicht einer von den besten und steht ein büschen in schlechtem Geruch.«

Sie sprach das in der ein wenig singenden Art der Waterkantleute, sehr bemüht, ein reines Hochdeutsch zu gebrauchen. Dann gab sie den Eingang frei und ließ den Besucher in ein Zimmer treten. Hier fielen allerlei Dinge auf, von denen leicht Rückschlüsse zu ziehen waren auf einen Zusammenhang zwischen dem Eigentümer und der Seefahrt.

»Mein Mann, Kaptain Alvens, kann in einer Viertelstunde da sein«, gab sie Bescheid. »Ich denke, Sie warten am besten auf ihn. Er ist ja man ein büschen knurrig. Lassen Sie sich aber dadurch nicht den Mut nehmen! Er tut man bloß so. Wenn er Sie an Bord nimmt, dann haben Sie Glück gehabt.«

»Ich hoffe das von Herzen, Frau Kapitän«, versicherte Viktor.

Die zierliche Frau bot ihm einen Stuhl an. Sie nahm zugleich Platz in der Ecke eines altertümlichen Sofas, das, langgestreckt und einer gepolsterten Kajütbank gleichend, die ganze rechte Wand der Stube beanspruchte. Das Frauchen hatte wohl die gutmütige Absicht, den jungen Besucher bis zur Ankunft des Kapitäns zu unterhalten.

»Mit großen Erwartungen dürfen Sie sich nun nicht tragen«, warnte sie. »Es ist man bloß ein kleines Schiff, die Brigg von meinem Alten. Sie heißt ›Morgenstern‹ und schwimmt schon eine Reihe von Jahren. Segelschiffe kommen ja ganz aus der Mode. Aber mein Mann kann sich nicht entschließen, das seine aufzugeben. Wir hängen so sehr an dem Fahrzeug, da es unser einziges Eigentum ist. Sie werden das, wenn auch nicht gleich, verstehen, nicht wahr?«

»Gewiß, Frau Kapitän«, stimmte Viktor bei.

Es tat ihm unsagbar wohl, eine Menschenseele so vertraulich reden zu hören. Wehmütige Erinnerung beschlich ihn angesichts des ältlichen Frauchens mit dem gütigen Antlitz und den freundlichen Augen ... wehmütige Erinnerung an die sich um ihn sorgende Mutter. Nun freute er sich, daß er den Brief nach Hause abgeschickt hatte.

»Ich bange immer von neuem, wenn Kaptain Alvens nach See zu geht«, erzählte die Frau weiter. »Das kommt aber schließlich daher, weil ich dann so allein bin. Wir haben unlängst unsere Tochter hergeben müssen. Das heißt, ich mehr als mein Mann. Aber das ist ja mal so Mütterlos. Sie konnte sich anständig verheiraten, und da darf man doch nichts in den Weg legen. Meinen Sie nicht auch?«

Lächelnd stellte Viktor ihr vor: »Ich bin gewiß zu jung, Frau Kapitän, um da zu urteilen. Aber auch ich habe eine Mutter, der ich erst heute schrieb, sie werde mich nun hergeben müssen. Ich füge damit einem bereits verursachten schweren Leid einen neuen Kummer hinzu. Aber ich habe wieder Lebensmut gewonnen, denke alles gutmachen zu können, und ich glaube –«

Eine schnurrig rappelnde altmodische Schelle draußen auf dem Gang unterbrach die Unterhaltung. Viktor erhob sich und meinte, da werde gewiß der Kapitän kommen.

»Das glaube ich nicht«, entgegnete die kleine Frau. »Er ist zu Tiedgens, dem Segelmacher, da snackt er sich gern ein büschen fest. Aber es könnte unsere Tochter sein, und die schicke ich dann zu Tiedgens, damit sie den Vater holt.«

Sie ging, und auf dem Flur draußen, den Stimmen nach zu urteilen, gab es eine lebhafte Begrüßung zwischen Frauen. Viktor betrachtete derweil ein Schiffsmodell, das unter einem Glassturz die Mitte einer Kommode zierte. Dann ging hinter ihm die Tür. Die nette Kapitänsfrau steckte den Kopf herein.

»Kaptain Alvens wird geholt«, verkündete sie. »Ich schicke Ihnen derweil die Freundin meiner Tochter herein. Mit der hübschen Deern spricht sich's doch besser als mit mir alten Frau.«

Viktor drehte sich um und wartete. Ueber die Schwelle trat ein schlankes Mädchen. Klare Blauaugen leuchteten in dem lieblichen Gesicht, das umrahmt war von einer Fülle blonder Haare über der Stirn und an den Schläfen. Das Antlitz war ihm fremd – und doch glaubte er es zu kennen.

Sie sah ihn, und Zweifel, Freude und endlich Staunen bis zum Glück wandelten sekundenlang in immer neuem Mienenspiel das Mädchengesicht. Bis der lächelnde Mund und der sonnige Ausdruck der seinen Züge nur noch ein stilles Jauchzen war.

»Viktor Felsing«, flüsterte Sylvia.

Sein Name ließ ihn zusammenzucken. Woher kannte sie ihn? Er wich zurück und starrte die Fremde an.

Mit zwei raschen Schritten war sie bei ihm. Er spürte ihre Hand auf seiner Schulter, den Atem ihres Mundes an seiner Wange.

»Viktor Felsing«, wiederholte sie sanft.

Urplötzlich zerriß der Schleier in seiner Seele: es war in jener furchtbaren Nacht gewesen, als dies zarte Geschöpf da ihm zu Füßen kniete und das Blut Beverstorffs von dem hellen Ulster wusch ...


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