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9.

Untersuchungsrichter Winterfeld war ein großer, hagerer Mann mit galligem Gesichtsausdruck. Die Uebernahme der Voruntersuchung des Kriminalfalles Beverstorff schien das mißgelaunte Wesen des Mannes noch vertieft zu haben. An versteckten Vorwürfen gegen seinen Vorgänger Doktor Aurelius ließ er's nicht fehlen.

Jetzt schritt er nervös im Amtszimmer auf und ab, während Kriminalkommissar Weinreich in etwas bedrückter Haltung auf einem Stuhl saß. Der Kommissar mußte die nicht gerade höflich vorgebrachten Nörgeleien des Untersuchungsrichters über sich ergehen lassen.

Winterfeld tadelte: »Es ist viel zu wenig geschehen zur Förderung der Voruntersuchung.«

»Ich habe alles getan, was meine Pflicht erforderte«, verteidigte sich Weinreich.

»Ich meine durchaus nicht Sie allein«, grollte der Richter. »Man muß übrigens in unserem Beruf mehr tun als bloß die Pflicht.«

»Ist auch geschehen«, tönte es als Echo.

»Ein ganz einfacher Mord«, stellte Winterfeld fest. »Und was steht mir für meine Arbeit zur Verfügung? Eine Tatverdächtige – nur eine einzige, wohlgemerkt! –, deren Dienstmädchen und eine Frau, die den Mord entdeckte. Was soll ich mit diesem winzigen Vorrat an Material anfangen?«

Weinreich wußte auf die eigentlich unpersönlich gemeinte Frage keine Antwort. Daher zuckte er schweigend die Achseln.

Der Untersuchungsrichter fuhr erregt fort: »Was haben Sie denn nun eigentlich unternommen, soweit es der Suche nach der Mordwaffe gilt?«

Weinreich äußerte: »In der Wohnung der Frau Beverstorff fand sich kein Gegenstand vor, der nur irgendwie als Stichwaffe anzusprechen wäre. Man müßte denn als Stichwaffe eine Papierschere auffassen, die als unbrauchbar ganz versteckt in die Schublade des Schreibtisches gelegt worden zu sein scheint.«

»Gelegt – worden – zu sein – scheint«, wiederholte Winterfeld gedehnt, als wolle er nun auch noch die Ausdrucksweise des Kommissars bekritteln. Dann warf er die Frage hin: »Als unbrauchbar – weshalb?«

»Das verbindende Schräubchen in der Mitte fehlt, so daß man richtiger von zwei Scherenteilen sprechen müßte.«

»Warum sprechen Sie dann nicht gleich richtig!« spöttelte der gallige Mann und kam näher. »Und Ihrer Meinung nach sollte man einer weiblichen Person nicht zutrauen, sie griffe nach der für sie nächst erreichbaren Stichwaffe, einem Scherenteil? Vorausgesetzt nämlich, sie hätte durch das Entfernen der Schraube und durch das absichtliche Zerlegen der Schere nicht eine Waffe daraus gemacht. Schaffen Sie mir diese Dinge herbei! Ich werde sie bei nächster Gelegenheit der Beverstorff unter die Nase halten.«

»Schön – wenn Sie es wünschen«, brummte Weinreich.

»Dann – die Puderquaste und die Haarspange«, drängte Winterfeld. »Was haben Sie da ermittelt?«

»Daß es Gegenstände sind, die man in zwanzig verschiedenen Geschäften kaufen kann in ganz der gleichen Beschaffenheit. Bei allen abgesuchten Firmen fand sich niemand, der eine Erinnerung bewahrt hätte, ob eine näher zu bezeichnende blondhaarige Kundin die Sachen erwarb. Soweit sich's um blondhaarige Frauen als ständige und persönlich bekannte Kundinnen dieser Verkaufsstätten handelte, haben die Erhebungen nichts ergeben, was zu einem Tatverdacht hinleiten könnte. Daß es keine Kleinigkeit war, an die hundert Erhebungen durchzuführen, rechtfertigt wohl den Zeitverbrauch.«

Nach diesen Ausführungen erhob sich Weinreich. Er wollte damit andeuten, er wünsche nunmehr eine Beendigung der unerfreulichen Unterhaltung.

»Bitte, warten Sie noch«, forderte Winterfeld. »Ich habe die Schlomke herbestellt. Es wäre mir lieb, wenn Sie bei der Vernehmung zugegen blieben. Nehmen Sie neben dem Schreibtisch Platz!«

Mürrisch fügte sich der Kommissar. Winterfeld drückte auf den Klingelknopf. Dem eintretenden Beamten befahl er, Frau Schlomke vorzulassen. Zugleich mit der Witwe kam der Stenograph, der sich an einem Nebentisch zum Nachschreiben des Verhörs vorbereitete.

Untersuchungsrichter Winterfeld war plötzlich wie umgewandelt. Er schlug der Zeugin gegenüber einen überaus liebenswürdigen, ja, fast süßlichen Ton an. Der krasseste Gegensatz zu seinem galligen Gesichtsausdruck.

Sogar den Stuhl für die Schlomke rückte er höflich zurecht. Das tat er aber in einer bestimmten Absicht; denn als die Witwe den Sitz eingenommen hatte, war ihr Gesicht vom Tageslicht grell beleuchtet, und außerdem befand sie sich dem ihr am Schreibtisch gegenübersitzenden Manne so nahe, daß sie seinen Augen gar nicht ausweichen konnte.

Winterfeld entblößte in einem merkwürdigen Kichern, das wahrscheinlich seine freundliche Gesinnung bezeugen sollte, seine Zähne.

Worauf er begann: »Wir begegnen einander heute zum erstenmal, meine liebe Frau Schlomke. Sie brauchen in mir nicht den Wauwau zu sehen, falls mein Amtsvorgänger Sie eingeschüchtert haben sollte.«

»Ich hatte nichts zu klagen«, erklärte Frau Schlomke zutraulich. »Herr Doktor Aurelius war stets gutmütig. Bis auf einen Punkt: er wollte mich durchaus zur Täterin machen.«

»Daran waren Sie selbst schuld«, behauptete Winterfeld, indem er eine Seite des vor ihm liegenden Aktenstückes aufschlug. »Hier steht, Sie hätten in Gegenwart der auf telefonischen Anruf hin sofort sich einfindenden Beamten ein sehr sonderbares Benehmen gezeigt.«

»Verdächtiges Benehmen«, stellte Weinreich richtig, worauf er einen wütenden Blick der Witwe hinzunehmen hatte.

»Aufregung wahrscheinlich«, beschwichtigte Winterfeld die blaßgewordene Frau. »Ich will heute von Ihnen nur etwas sehr Leichtes verlangen. Dann dürfen Sie sofort wieder gehen. Versetzen Sie sich mal zurück in die Tage vor dem Mord! Wenn Sie Ihren Morgendienst verrichteten, werden doch manchmal Leute vorgesprochen haben bei Beverstorff. War denn darunter niemand, der Ihnen besonders auffiel?«

Er trommelte nervös auf dem Aktenstück und fügte mit einem übellaunigen Blick auf Weinreich hinzu, wenn man die Zeugen natürlich nicht nach dergleichen frage, so könne kein Mensch auf den Gedanken kommen, wie wichtig derlei scheinbar nebensächliche Beobachtungen werden könnten.

Dann fuhr er fort: »Na, Sie werden schon wissen, wie man sich Vergangenes vergegenwärtigt. Sie brauchen sich ja nur vorzustellen, wie Sie manchmal die Tür aufgemacht haben. Bilder des Gedächtnisses, die sollen Sie jetzt vor sich hinzaubern.«

Der Kommissar sah zu dem Stenographen hinüber. Der spielte mit dem Bleistift herum und hörte gar nicht zu. Er hielt es wohl nicht für nötig, den Wortschwall aufs Blatt zu sehen, und skizzierte sicherlich nur den Hauptsinn der Frage.

»Ueberlegen Sie in aller Ruhe«, gab Winterfeld der verlegen dasitzenden Schlomke einen Wink, er werde sich mit Geduld wappnen.

Die Witwe bekämpfte ihre Furcht vor diesem überfreundlichen Manne.

»Frau Beverstorff«, begann sie mit dem Aufzählen.

»Kommt heute nicht in Betracht«, lehnte Winterfeld ab. »Die haben wir ja fest. Besondere Erscheinungen – auffällige Menschen – nicht in üblicher Weise vorsprechende Fremde. Verstehen Sie?«

Das Bild der blonden Alma huschte durch die Seele der Schlomke. Rasch hielt sie den Atem an. Von der durfte sie ja nichts sagen. Der ebenso geheimnisvolle wie unheimliche Schrey war bei ihr zu Hause erschienen. Er hatte sich als Detektiv vorgestellt und um Entschuldigung gebeten, weil er es vorher verheimlicht hatte. Dann nahm er ihr das Versprechen ab, über diese Alma einstweilen zu schweigen, da ihm sonst seine Nachforschungen sehr erschwert würden. Und dann die dreitausend Mark Belohnung! Schrey hatte angedeutet, die könne sie am ehesten durch ihn erlangen.

So hätte die Schlomke sich jetzt lieber die Zunge abgebissen als ihr Versprechen gebrochen.

»Na, ich sehe schon, so kommen wir nicht weiter«, schnitt der Untersuchungsrichter die Grübeleien der Zeugin ab. Er blätterte ein paar Seiten in dem Aktenstück zurück und kündigte an: »Ich werde Ihrem Gedächtnis zu Hilfe kommen. Hat an der Tür einmal ein junger Mensch geläutet, der einen auffallend hellen Ueberrock anhatte?«

»Ganz bestimmt nicht«, versicherte Frau Schlomke zuversichtlich, denn sie war sich ihrer Ueberzeugung gewiß. »Aber – ein auffälliger Mensch ...?« hub sie zögernd an.

»Einer muß dagewesen sein!« behauptete Winterfeld aufs Geratewohl.

»Das ist schon richtig«, gab die Witwe in einer aufblitzenden Erinnerung zu. »Aber er hatte keinen hellen Ueberzieher an.«

»Sondern?« forschte Winterfeld, mit gespannter Miene auf die Antwort lauschend.

Sie zwang sich das Bild vor Augen und beschrieb: »Er war ein untersetzter, kräftiger Mann mit einem von der Sonne verbrannten Gesicht. Auf dem Kopf trug er eine Mütze, wie man sie bei Schoffören manchmal steht – blau, mit einem Lederschirm. Auch sein Anzug war von blauer Farbe.«

»Es wird ein Kraftwagenführer gewesen sein«, urteilte Weinreich durch einen Einwurf.

»Das glaube ich nicht«, sagte die Schlomke zögernd. »Er fragte sehr selbstbewußt nach Herrn Beverstorff, der sich aber verleugnen ließ, denn er wußte, daß der Mann kommen würde, wollte aber nichts mit ihm zu tun haben. Ich meine, der Mensch kann ein Seemann gewesen sein.«

»Diese Bekundung ist doch außerordentlich wichtig«, schnauzte Winterfeld. »Warum rücken Sie denn erst heute damit heraus?«

»Man hat mich doch gar nicht gefragt«, entschuldigte die Schlomke sich und brach in Tränen aus.

»Ja, richtig«, beruhigte sich der Richter und schoß einen giftigen Blick auf den Kommissar. »Na, nun mal schön gefaßt! Was bringt Sie auf die Vermutung, der Mann sei ein Seemann gewesen?«

»Mein verstorbener Mann hatte einen Freund, der war Steuermann. Der besuchte vor dem Krieg meinen damaligen Verlobten. Der Steuermann ging auch so blau angezogen und mit solch einer Mütze. Das fällt mir aber in diesem Augenblick erst ein.«

Der Untersuchungsrichter schob dem Kommissar einen Zettel und einen Bleistift hin: »Bitte notieren Sie: Nachforschungen anstellen, ob zu Beverstorffs Umgang ein Seefahrer gehörte oder ein Mann, der wie ein Seemann aussieht!«

Während Weinreich mit verbissenem Gesicht schrieb, erhob sich der Richter.

Danke, Frau Schlomke«, sagte er entlassend. »Ich will Ihnen heute nicht zu viel zumuten. Nun gehen Sie nach Hause und rufen Sie sich noch mehr solcher Erinnerungen zurück! In zwei, drei Tagen werde ich Sie wieder vorladen.«

Nachdem die befreit aufatmende Witwe gegangen war, drückte Winterfeld den Klingelknopf. Der diensttuende Beamte meldete auf Nachfrage, die Untersuchungsgefangene Beverstorff sei vorgeführt. Einen Augenblick später betrat Frau Harthilt den Raum.

Winterfeld musterte lange Minuten die stolze Erscheinung. Die schneeige Farbe des edlen Gesichtes unter der schweren rotblonden Haarkrone war noch hervorgehoben durch das düstere Tuchkleid.

Es war in der Stille der Amtsstube nichts zu vernehmen als das Geraschel der Papiere des Stenographen. Und plötzlich zwitscherte irgendwo draußen vor dem Fenster süß und tröstend die Stimme eines Vogels.

Frau Harthilt hob das Haupt und horchte mit leicht geöffneten Lippen und geweitetem Blick. Ein sehnsuchtsvolles Geschöpf, das einen Gruß der Freiheit vernimmt.

Der Untersuchungsrichter eröffnete das Verhör: »Wir sprechen heute zum erstenmal miteinander, Frau Beverstorff. Beharren Sie auch heute bei dem Standpunkt, auf keinerlei Fragen mehr zu antworten?«

Frau Harthilt erwiderte gemessen: »Diese Frage will ich beantworten. Allerdings nur mit einem Ja.«

»Im Unglück ist der Trotz nicht förderlich, sagt Sophokles«, führte Winterfeld an. »Behalten Sie diese Worte eines Weisen im Gedächtnis und beschäftigen Sie damit Ihr Gewissen, wenn Sie in wenigen Minuten wieder mit sich allein sind. Ich will Ihnen nämlich heute nur mitteilen: die Schere, aus der Sie sich durch Loslösen einer Schraube die Waffe schufen, diese Schere fand sich in Ihrem Schreibtisch.«

»Meine Papierschere meinen Sie?« fragte Frau Harthilt gelassen.

Winterfeld sagte sofort: »Ich freue mich, daß Sie heute zum Sprechen aufgelegt sind. Lassen Sie uns doch in Ihrem Interesse das werden, was man selbst bei solch trauriger Sachlage gut freund nennen kann. – Sie wissen also, um was für eine Schere sich's handelt?«

»Jawohl«, gab Frau Harthilt zu. »Damit ich aber meine Absicht, auf keine Frage mehr zu antworten, nicht weiterhin durchbreche, will ich als letztes gleich sagen: Die Schraube löste sich durch Zufall, keineswegs durch meinen Willen.«

»Wann war das?«

»Genau einen Tag nach dem letzten furchtbaren Zwist mit meinem Manne.«

»Eigentümlich genug«, murrte Winterfeld vor sich hin. »Und was weiter?«

Mit trotzigem Gesicht sprach Frau Harthilt weiter: »Während ich die beiden unbrauchbar gewordenen Teile in die Schublade legte, betrachtete ich sie mit der Vorstellung, es müsse ein wunderbares Gefühl sein, solch einen langen, spitzen und scharfen Gegenstand in das Herz eines brutalen und niederträchtigen Menschen zu stoßen.«

Es war plötzlich still im Zimmer. Die Vogelstimme draußen war verstummt. Mit tiefernstem Gesicht betrachtete Winterfeld die Gefangene. Offenbar unterdrückte er mit aller Macht schroffe Worte.

Dann kam es leis von Frau Harthilts Lippen: »Ich bitte, nun gehen zu dürfen.«

Ohne eine Silbe drückte Winterfeld den Finger auf den Knopf der Klingelleitung. Er gab dem eintretenden Beamten einen kurzen Wink.

Als er mit Kommissar Weinreich allein war, sagte der Untersuchungsrichter: »Allmählich begreife ich den Doktor Aurelius. Er wurde es müde, einem Bildnis von Stein Antworten zu entlocken, die an Herzlosigkeit nichts zu wünschen übrig lassen.«

*

Der Arzt staunte, als sich seine Vorhersage nicht erfüllte: Friedrich Schulze gewann in langsamen Fortschritten die körperliche Gesundheit zurück.

»Ich freue mich um Ihretwillen, junge Frau«, bekannte der Arzt seinen Irrtum. »Es ist ein Wunder, wenn ein Mensch solch einen Anfall übersteht, ohne daß sich die üblichen Folgen zeigen. Von vollkommen gestörter Intelligenz kann nicht die Rede sein. Somit ist eine Geisteskrankheit als Endergebnis des Zusammenbruchs nicht zu befürchten.«

»Für geistig gestört halten Sie meinen Mann nicht?« fragte Frau Alma eindringlich.

»Ich wüßte nicht, warum«, antwortete der Mediziner. »Wenn er vorläufig auch nur zu lallen vermag, so bildet er doch vernünftige Worte. Allerdings werden Sie vorbereitet sein müssen, daß er nie mehr ganz geläufig wird sprechen können. Er beginnt ja nun auch, seine Wünsche aufzuschreiben, und wenn er sich dabei auch manchmal auf ein Wort längere Minuten besinnen muß, so beweist er doch Denkfähigkeit.«

»Ist dies Lallen nicht doch ein Anzeichen für eine Geistesstörung?« forschte die junge Frau abermals. »Und auch seine zusammenhanglosen Schreibereien nicht? Ich hörte, daß Irre oftmals Manien haben.«

»Von einer Manie kann hier bestimmt nicht die Rede sein«, versicherte der Arzt. »Hier obwaltet nur ein ungeheurer Wille zum Leben. Doch verzeihen Sie, ich habe den Eindruck, als machten meine Mitteilungen Ihnen nur wenig Freude.«

Frau Alma seufzte. »Ach Gott – vielleicht ist es nur meine Mutlosigkeit. Ich hatte am Morgen vor dem Zusammenbruch meines Mannes einen sehr ernsten Streit mit ihm. Bin ich vielleicht schuld an seiner Krankheit?«

Der Doktor verneinte: »Er ist körperlich viel zu gesund, als daß ein bißchen Ehezwist derartige Folgen nach sich ziehen könnte. Seine Fülle und Behäbigkeit lassen allerdings auf Neigung zu Schlagflüssen schließen.«

Als der Arzt sich entfernt hatte, ging Frau Alma in das Krankenzimmer hinüber. Neben dem Bett saß Sylvia Rickstetten. Sie erhob sich sofort, und ihre schönen sanften Blauaugen leuchteten in Freude.

»Er sprach soeben wieder«, berichtete sie. »Ich konnte ihn ganz gut verstehen. Er sagte: Alma soll kommen.«

Frau Alma trat an das Lager des Siechen und nahm die heißen Hände zwischen ihre kühlen Finger. Ein glückseliger Gesichtsausdruck verschönte die Züge des Mannes.

»Ich bin bei dir, Friedrich«, tröstete die junge Frau.

»Bleiben«, bat er kaum vernehmbar.

»Du hast doch Sylvia«, beruhigte sie ihn.

Der Kranke versuchte ein Kopfnicken und heftete einen Blick der Dankbarkeit auf seine jugendliche Pflegerin.

Frau Alma fuhr fort: »All die Tage hier waren wir zwei an deinem Lager. Die eine tagsüber, die andere bei Nacht. Siehst du, Friedrich, nun müssen wir wieder anfangen, den Erfordernissen des Lebens gerecht zu werden. Es ist doch jetzt allerlei zu tun, damit du wieder ganz gesund wirst. Darum darfst du dich nicht grämen, wenn ich manchmal außer Hause gehe.«

Der Leidende befreite unwillig seine Hand. Ein kummervoller Zug aufs höchste klagenden Leides umschattete die eben noch milden Züge. Es war herzzerreißend, diese Verwandlung zu sehen.

Frau Alma schmiegte ihr Haupt auf das Kissen und ließ ihre Wange neben der des Gatten ruhen. Lange Minuten vergingen. Dann zeigten die regelmäßigen Atemzüge an, daß der Kranke eingeschlafen war. Mit aller Vorsicht löste sich die junge Frau vom Lager. Sie gab Sylvia einen Wink. Im Wohnzimmer drüben sagte sie: »Ich weiß nicht, wie ich über diese furchtbaren Tage hinweggekommen wäre, hätte ich Sie nicht gehabt, Sylvia.«

Mit einem müden Lächeln wehrte das Mädchen: »Sie nahmen sich liebevoll meiner an. Wenn ich Ihnen genützt habe, so trug ich nur einen winzigen Teil meiner Dankesschuld ab. Aber was soll nun aus mir werden?«

»Lassen Sie das Bangen vor der Zukunft auf sich beruhen«, tröstete Frau Alma. »Sie haben bei uns Obdach und Freistatt. Erst wenn Sie der treuen Pflege meines Mannes müde werden – hoffentlich erst dann, wenn ich Sie entbehren kann –, wollen wir beraten, was Sie beginnen sollen.«

Sylvia schlug die Augen nieder und erwiderte sanft: »So werde ich bei Ihnen bleiben. Wollen Sie mir dafür eine Frage beantworten, Frau Alma? Ich habe diese Frage unterdrückt während der Tage Ihres Leides.«

»Ich weiß, was Sie fragen wollen«, erklärte die junge Frau. »Aber ich vermag Ihnen nicht zu sagen, was aus dem flüchtenden jungen Menschen geworden ist. Die Krankheit meines Mannes warf mich aus der Bahn meiner Nachforschungen. Ich muß ganz von vorn beginnen.«

Die bebende Mädchenstimme hauchte: »Und Sie bleiben bei der Ueberzeugung, Viktor Felsing sei der Mörder?«

Frau Alma trat ans Fenster, um nicht die leidvollen Augen der Freundin sehen zu müssen.

Von dort aus sagte sie: »Ich muß den Menschen finden, den man der Tat zeihen kann. Das Amt, das ich mir selbst auferlegte, erlischt, sobald ich meine Mission erfüllt habe. Und es ist eine vom Schicksal gewollte Mission, Sylvia.«

»Ich verstehe das alles nicht«, klagte Sylvia. »Sie drangen in mich, Ihnen den jungen Mann zu beschreiben. Seitdem hatte ich Furcht vor Ihnen.«

Frau Alma vollendete: »Und in dieser Furcht sagten Sie mir die Unwahrheit, genau so wie dem Kommissar. Die Behörde haben Sie irregeführt. Zufall – Fügung – bei mir gelang es Ihnen nicht.«

»Und nun werden Sie die Verfolgung wieder aufnehmen?« fragte das Mädchen. Da Frau Alma nur nickte, sprach Sylvia weiter: »Wenn ich Sie anflehen würde, darauf zu verzichten ...?«

Herb unterbrach das junge Weib: »Es wäre vergeblich!«

Purpur übergoß das liebliche Mädchenantlitz, als Sylvia gestand: »Ich würde Sie um den Verzicht anflehen, weil ich den Mann liebgewonnen habe. Ich glaube nicht an eine Schuld Viktor Felsings.«

»Ich darf nichts auf den Glauben Ihres Herzens geben«, wies Alma das Ansinnen zurück. »Es war überhaupt töricht, Ihnen den Namen Ihres Abgottes zu verraten.«

Sylvia verstummte. Sie machte sich mit dem Ordnen der Gewächse in einem Blumenständer zu schaffen. Sie fühlte, daß sie nicht fähig gewesen wäre, den urplötzlich in ihr aufglimmenden Haß gegen diese sonderbare Frau zu verbergen.

Frau Alma bat nun: »Sollte mein Mann erwachen, so sagen Sie ihm nicht, daß ich fortgegangen bin.«

»Ich werde sagen, daß Sie schlafen«, versprach Sylvia kurz angebunden.

Sie sah spöttisch zu, wie die junge Frau der Handtasche einen Spiegel entnahm und mit Hilfe von etwas Wangenrot, Puder und Lippenstift ihrem abgespannten Antlitz künstliche Frische zu verleihen suchte.

Dann half das junge Mädchen ihr draußen auf dem Flur in einen Mantel. Flüsternd, um den Kranken nicht zu wecken, gab Frau Alma noch ein paar Winke. Dann schlich sie sich aus der Wohnung.

Als Sylvia jedoch das Krankenzimmer betrat, fand sie den Siechen wach. Er hatte sich ein wenig in den Kissen aufgerichtet und stammelte: »Alma fortgegangen.« Sein Mund verzog sich wie zum Weinen. Bis er über die Lippen brachte: »Schreiben.«

Das Mädchen gab ihm den Bleistift zwischen die schwerfälligen Finger und legte ihm einen Schreibblock unter die Hand. Dann sah sie zu, wie er langsam und mit Mühe Buchstaben um Buchstaben zu Papier brachte, Wort an Wort reihte, doch ohne daß er die Sätze gliederte.

Allmählich entstand ein Zusammenhang: »Will allein sein – viel schreiben – brauche Sie nicht – erst Abend nach mir sehen – in Kissen aufsetzen – Licht brennen.«

Sylvia kam allen seinen Wünschen nach und verließ das Krankenzimmer, nachdem sie die Lampe auf dem Nachttische neben dem Bett angeknipst und deren Schein etwas abgedämpft hatte.

Es war schon längst dunkel, als Frau Alma geräuschlos den Schlüssel ins Schloß der Flurtür schob. Sie zog leise den Mantel aus, betrat dann das finstere Wohnzimmer und schaltete die neben der Tür befindliche Beleuchtung ein.

Das erste, was ihr Blick entdeckte, war ein Zettel, der, in aufrechte Stellung gebracht, an einer auf den Eßtisch gesetzten Vase lehnte. Mit wenigen Schritten eilte sie hin. Beide Hände auf die Platte gestützt, las sie:

»Verzeihen Sie mir! Es gibt nur eine einzige Wahrscheinlichkeit, Ihnen die Verfolgung Viktors unmöglich zu machen. Sie können Ihren Gatten nicht allein lassen. Darum gehe ich fort.«

Frau Alma stand lange Zeit vor dem Blatt. Ihre Augen funkelten vor Grimm, ihr Mund zuckte vor Hohn: das törichte Ding ... als ob es nicht auch andere Krankenpflegerinnen gäbe!

Dann überfiel sie der Schreck. Der Leidende war einsam, seiner Hilflosigkeit überlassen – wer weiß, vielleicht seit Stunden bereits. Sie stürzte nach dem Krankenzimmer. Doch dort brannte das elektrische Lämpchen auf dem Nachtschränkchen, und in dem milden Schimmer des abgedämpften Lichtes ruhte der Sieche friedlich schlafend in seinen Kissen.

Eine Anzahl Blätter, vom Schreibblock abgerissen, leuchtete weiß auf dem dunklen Lila der Steppdecke.

Sacht nahm Frau Alma einen der Zettel auf. Sie starrte auf ungelenke Schriftzeichen, auf Worte, die nicht völlig zu Ende geschrieben waren, wenn dem Leidenden die Kraft versagte oder vielleicht, wenn sein getrübtes Denkvermögen sich der Buchstabenfolge nicht erinnerte.

Das Blatt in Frau Almas Hand zeigte eine mühsame Niederschrift, die, wenn man Auslassungen und Schreibfehler richtigstellte, den Wortlaut ergab:

»– dich anflehen um das Bekenntnis deiner Schuld. Ich habe schon längst darum gewußt und bitterlich gelitten. Es nützt nichts, wenn du einen anschuldigst, der es nicht getan hat. Das Blut des Ermordeten wird auf deiner Seele –«

Hier endete der Inhalt dieses einen Blattes. Die Fortsetzung mußte auf einem anderen der Zettel zu finden sein. Mit vorsichtigen Griffen, um den Schlafenden nicht wach zu machen, sammelte Frau Alma die Schriftstücke auf.

Dann stahl sie sich aus der Krankenstube in die Küche. Sie kniete vor der Herdöffnung nieder und fachte mit dünnen Holzspleißen ein Feuer an. Als die rote Glut aufflackerte, verbrannte Frau Alma Blatt um Blatt. Sie las eines nach dem anderen bei dem feurigen Scheine der Flammen, als beginne sie eine Handlung, die das Licht zu scheuen hat.

*

Nach einer Fahrt von vielen Stunden in der billigsten Wagenklasse gewann Viktor von einer mächtigen Eisenbahnbrücke aus einen Blick auf Hamburg. Nur wenige Minuten noch, und die lange Fahrt war vorüber.

Eine Fahrt, während der er Stunde für Stunde gezittert hatte, wenn er an Haltestellen einen Polizeibeamten auf dem Bahnsteig stehen sah. Viktor tröstete sich: wenn er unbehelligt den Hauptbahnhof verlassen konnte, dann durfte er annehmen, er werde nicht verfolgt.

Er rechnete im stillen nach, was er an Barschaft besaß. Es war Geld, das er sich auf den Scheck des Vaters hatte auszahlen lassen. Er wollte die Summe seinen Gläubigern überbringen – da wurde Frau Harthilt verhaftet – er flüchtete mit dem Betrag.

Daß er in der verborgenen Innentasche seiner Weste Geld bei sich führte, das hatte er dem Wandergefährten Otto Beverstorff verschwiegen.

Ein gutwilliger Bauer hatte ihnen erlaubt, im Stroh der Scheune zu nächtigen. Einem in Ottos zufälliger Abwesenheit mit dem Bauer geführten Gespräch entnahm Viktor, nur eine halbe Stunde von der Ortschaft entfernt befände sich eine andere, an der die nach dem Norden rollenden oder von dort kommenden Eisenbahnzüge hielten. Der Bauer wußte sogar die Abfahrtszeiten.

Viktor hatte sich gemerkt, ein nordwärts dampfender Zug käme in der Nacht gegen ein Uhr durch. Es glückte ihm, sich von dem kleinen Gehöft fortzustehlen, als alle Menschen in tiefem Schlafe lagen. Seit der Erzählung des Matrosen hatte er die Scheu vor dem Gefährten nicht wieder loswerden können ... Otto Beverstorff hatte den Mann mit dem hellen Mantel gesehen, den Mann, der mit dem später tot aufgefundenen Menschen das Haus betreten hatte.

Mißtrauisch entstieg Viktor dem Abteil. Er hatte diesen Teil des Zuges gewählt, um auf der kleinen Dorfstation nicht aufzufallen. Außerdem sagte er sich, die billige Klasse werde bei der Ankunft in Hamburg mit Reisenden überfüllt sein. Das war denn auch der Fall, und so konnte Viktor sich inmitten eines dichten Menschenknäuels halten, der der Bahnsteigsperre zudrängte. Es standen zwei Schutzleute vor dem Ausgang. Aber sie schienen ihr Augenmerk nicht auf einzelne der Ankommenden zu richten, waren vermutlich nur da, um die Verkehrsordnung aufrecht zu erhalten.

Als er, ohne behelligt worden zu sein, das Hauptgebäude hinter sich wußte, atmete er tief auf. Er durchwanderte ziellos die nächstgelegene Straße, doch nicht ohne auf die Hausinschriften zu achten, die in der Umgebung des Bahnhofs eine Ueberzahl billiger Gasthöfe kenntlich machten. Dabei kam ihm zu Sinn, daß anständige Hotels einem Reisenden ohne Handgepäck keine Unterkunft gewähren oder daß solch ein Reisender mindestens Mißtrauen erregt.

Als er an einer Straßenecke ein Gebäude entdeckte, dessen zahlreiche Schaufenster mit ihren grundverschiedenen Auslagen ein Warenhaus ankündigten, trat er ein. Er erstand einen Handkoffer, etwas Tagwäsche, Strümpfe und ein wenig Nachtzeug. Auch ein Paar Stiefel kaufte er hier. Dann wanderte er die Straße nach dem Bahnhof zurück. Eine Stunde nach seiner Ankunft in Hamburg legte er sich zur Ruhe in dem sauberen Bett des zwar bescheidenen, doch reinlich möblierten Zimmers eines einfachen Gasthofes.

Nur eines beunruhigte ihn: als man ihm den Fremdenzettel zum Ausfüllen vorgelegt hatte, war ihm unter dem durchdringend forschenden Blick des Geschäftsführers nicht gleich ein zu erfindender Name eingefallen. In der nervösen Scheu vor dem Manne, der ihm starr auf die Finger sah, mußte er sich den Anschein geben eines Menschen, der nichts zu verheimlichen hat. Fast wider seinen Willen floß ihm der Name Viktor Felsing in die Feder. Nun blieb nichts übrig, als auch die anderen Rubriken der Wahrheit gemäß auszufüllen.

Ein paar Tage vergingen. Viktor kam zu der Ueberzeugung, man kümmere sich um ihn keineswegs mehr als um einen beliebigen anderen Bewohner des Hotels. So fand er die Ruhe wieder und wurde sicher. Er verzehrte in der Gaststätte des Erdgeschosses die Hauptmahlzeiten und brachte den größten Teil des Tages und die Abende auf seinem Zimmer zu, wo sich auf dem Nachtschränkchen abenteuerliche Bücher häuften, die er in einem Laden in der Nähe kaufte.

Vergeblich aber zermarterte er sich den Kopf, was nun eigentlich zu beginnen sei. Der Gedanke eines Entweichens über den Ozean ...? Das Entweichen war höchst einfach erschienen, als er in jener Nacht seiner Flucht vor der unheimlichen blonden Frauensperson von der Grenzstation aus querfeldein gewandert war. Hier jedoch, in Hamburg und am Tor zu den Meeren der Erde, hier mußte er erkennen, daß die Ozeanflucht kein von heute auf morgen zu vollbringender Plan war.

Gedemütigt durch seine weltfremde Hilflosigkeit, hatte Viktor sich einmal daran gemacht, dem Vater einen Brief zu schreiben. Er schilderte, wie er dazu gelangt war, das Fabrikgeheimnis der Flammenschrift auszuliefern. Mit Worten tiefer Reue suchte er den Verrat zu rechtfertigen. Er schrieb:

»Ich glaube einen sicheren Weg zu sehen, Frau Harthilt die Freiheit zu verschaffen. Ich war entschlossen, für meine Freundin das Höchste und das Niedrigste zugleich zu wagen, weil ich sie frei wissen wollte von der Fessel, die sie an einen Schurken kettete. Befreien mußte, lieber Vater, und gehörte auch ein Mord dazu! Die heiße Angst vor den Folgen meiner Tat jagte mich von dannen, als ich erfuhr, Frau Harthilt sei verhaftet worden. Ich hatte ihr ja nur wenige Minuten vorher die zwischen mir und Beverstorff bestehenden Beziehungen eingestanden.«

Soweit gelangt mit der Niederschrift, fühlte Viktor seinen Mut zum vollen Geständnis schwinden. Er klammerte sich an die Hoffnung, wenn er nur Geld böte, so werde der Kapitän eines kleinen Frachtdampfers ihn mit über See nehmen. Weit entfernt von der Heimat, – dort würde es leichter sein, dem Vater zu bekennen, was zwischen ihm und Beverstorff geschehen war.

Er vernichtete den angefangenen Brief.

Dabei fiel ihm ein, wie der Matrose erzählt hatte, daß er die Zeitungen nachblätterte, um nach den Abreisetagen über See gehender Dampfer zu sehen. Er beschloß, das gleiche zu tun.

Da es ohnehin Zeit zum Abendessen war, begab er sich nach den Speiseräumen des Gasthofes hinab. Der gefällige Kellner hatte einen kleinen Seitentisch freigehalten, entsprechend seiner Erfahrung, daß der jugendliche Gast zu allen Hauptmahlzeiten erschien und Trinkgelder gab, die die Freigebigkeit sonst im Hause verkehrender Gäste überstieg.

Viktor nahm die aufgetragenen Speisen zu sich. Dann bat er den Kellner um eine Hamburger Zeitung. Seite um Seite in dem Anzeigenteil des Blattes war gefüllt mit den Ankündigungen von Reedereien, Schiffahrtskontoren und Agenturen. Sie alle meldeten die Abfahrtstage von Dampfern. Unmöglich, da herauszufinden, wie man an einen »käuflichen« Kapitän gelangen konnte. Entmutigt legte Viktor die Zeitung auf den Tisch.

Der Kellner mochte des Glaubens sein, der junge Mensch langweile sich.

»Haben Sie schon unsern Radiosaal besucht?« fragte er, während er das Geschirr zusammenräumte. Auf Viktors verneinende Antwort erklärte er: »Man kann dort gemütlich sein Bier trinken, rauchen und den Darbietungen des Hamburger Senders lauschen. Wenn Sie also, wie gewöhnlich, nicht ausgehen mögen, so sollten Sie doch hier im Hause eine Zerstreuung in aller Bequemlichkeit genießen.«

Viktor befolgte den Rat, und der gefällige Kellner geleitete ihn sogar selbst nach dem Raum, den er mit etwas Uebertreibung einen Saal genannt hatte.

Nur wenige Gäste des hauptsächlich von Provinzlern besuchten Hotels befanden sich hier.

Ohne eigentliche Aufmerksamkeit hörte Viktor ein Orchesterspiel an. Dann vernahm er eine Männerstimme: »Wir machen im Abendprogramm eine Pause von zehn Minuten, meine Damen und Herren. Währenddessen geben wir ein paar wichtige Funknachrichten weiter.«

Hier entsann sich Viktor plötzlich jener Nacht in der Kneipe, aus der er flüchtete, als dem Lautsprecher die Stimme entquoll, die eine Mordnachricht in den Aether hinaussprach.

Schon wollte er hinausgehen, um die Pause vorübergehen zu lassen, als der Sprecher des Senders von neuem anhub:

»Wie in den letzten Tagen, so richten wir auch heute an unsere Hörer eine Bitte, die durch sämtliche Rundfunksender Deutschlands verbreitet wird. Es wird ersucht um das Festhalten eines jungen Mannes, der gekennzeichnet ist durch ein eigenartig gebräuntes Gesicht, in dem die seltsam klaren grauen Augen als absonderlich zu bezeichnen sind. Bekleidet ist er mit einem Mantel von besonders auffällig heller Farbe – – –«

Viktor hörte nicht weiter. Er flüchtete mit wankenden Knien nach seinem Zimmer hinauf. Schwach vor Entsetzen warf er sich aufs Bett. Tausende von Menschen auch in Hamburg vernahmen seine genaue Beschreibung. Verfolgt also wurde er!


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