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8.

Frau Schlomke hatte einen stillen Verehrer gefunden. Ihr Schwager brachte ihn nach Feierabend mit. Einen Mann aus der Felsingschen Fabrik, bescheidenen Benehmens und ruhigen Wesens, der dem Magazinverwalter Heinrich Schlomke neuerdings als Helfer beigegeben worden war.

Der neue Arbeiter hieß Anton Schrey. Schon am ersten Tage seines Dienstes begleitete er seinen Vorgesetzten auf dem Heimwege. Der nahm ihn mit in die Wohnung der Schwägerin. Der Magazinverwalter hatte Frau Schlomke eine kleine Schlafkammer abgemietet.

Die beiden Männer fanden sich auch dieses Abend bei Frau Schlomke ein. Sie qualmten die nette kleine Wohnstube voll und unterhielten sich über politische Tagesfragen.

Frau Schlomke mischte sich endlich in das Zwiegespräch: »Kinder, nun hört doch mal auf mit der Politik!«

Schrey warf einen dankbaren Blick hinüber zu der hübschen Witwe: »Sie haben recht, Frau Bertha. Und außerdem steht das gute Bier ab, das Sie uns jeden Abend so liebenswürdig vorsetzen. Los, Schlomke, trinken wir auf das Wohl Ihrer schönen Schwägerin – und daß sie bald einen soliden Mann bekommt!«

Auflachend schenkte Frau Schlomke ein und meinte: »Mit der Wiederverheiratung hat's gute Weile. Ich habe meinen ersten noch nicht vergessen – längst nicht.«

»Die Zeit heilt alle Wunden«, tröstete Schrey und hob der Gastgeberin sein gefülltes Glas entgegen.

Sie stieß mit ihm an. Wenn einer diese Wunden heilen könnte, du wärest es nicht, dachte sie, dem Blick des Mannes ausweichend. Er hatte eine so sonderbare Art, sie anzusehen.

Schrey war kein hübscher, doch ein immerhin stattlich gewachsener Mensch mit einer klugen Stirn. Aber er gefiel der Schlomke nicht. Wenn er sich nur die merkwürdige Haartracht abgewöhnen wollte! Tiefschwarze Haare, die er in einer eigentümlichen Weise zur Stirn vorkämmte, als müsse er eine Glatze verdecken. Sie hatte schon einmal wegen seiner Frisur mit ihm gesprochen.

Da hatte er geantwortet, er habe von einem Fall aus der Kinderzeit her zwei häßliche Narben über der Stirn; und diese Narben sähen genau aus wie Kopfschmisse eines Studenten; er verberge sie, weil man ihn schon öfter für einen verkrachten Studiosus gehalten habe. Oftmals sei es schon der Fall gewesen, daß seine Arbeitsgenossen ihm deshalb kein Vertrauen geschenkt hätten.

Es war eine Weile still in dem freundlich erhellten Zimmer. Schließlich bat Anton Schrey um die Zeitung. Er las die Nachrichten durch. Ein bösartiges Funkeln war dabei in seinen Augen. Seine Faust knüllte nach und nach das Papier zusammen. Er murmelte einen Fluch und warf die zerknüllte Zeitung auf den Tisch zurück.

»Nanu, Schrey, was haben Sie denn auf einmal?« fragte erstaunt Frau Schlomke.

Der Arbeiter erhob sich und ging mit auf dem Rücken verschränkten Händen auf und ab.

Nach kurzem Schweigen erläuterte er sein Benehmen: »Schlomke erzählte mir, man habe Sie in diesen Kriminalfall hineingezogen. Sie tun mir leid.«

Er hielt in seinem Umherwandern plötzlich inne, blieb bei der Witwe stehen und legte ihr wie schützend die Hand auf die Schulter. Frau Schlomke saß unter dieser Berührung ganz still, weil sie nicht zeigen wollte, wie peinlich sie ihr war. Sie konnte ein geheimes Grauen vor diesem Manne nie unterdrücken.

Heinrich Schlomke hatte nach der Zeitung gegriffen und las, während Frau Bertha laut mit Schrey plauderte.

Plötzlich sagte der Magazinverwalter: »Na, Schwägerin, da werden sie dich wohl wieder mal vorladen. Hier steht in der Zeitung, der neue Untersuchungsrichter Winterfeld nehme sich der Mordsache Beverstorff mit großer Tatkraft an, und die Staatsanwaltschaft werde in Kürze Anklage erheben gegen Frau Harthilt Beverstorff.«

Gewiß, Schrey blieb stets höflich und zuvorkommend, benahm sich nie so dreist, wie sonst Kollegen des Schwagers es ihr gegenüber wagten. Dennoch – er hatte etwas Unheimliches an sich – er verhehlte sein Ich – er spielte eine Rolle – er trug eine Maske. Und wenn man einmal hinter diese Maske schauen konnte, was sich dann wohl offenbarte? Immer hatte sie das Gefühl des Furchterweckenden, wenn sie das Gesicht betrachtete. Es war – ja, es war für sie ein Judasgesicht. Und wie hatte er soeben gesagt: er habe schon einmal vor dem Untersuchungsrichter gestanden?

Sie nahm das Wort: »Den Untersuchungsrichter Winterfeld kennt man noch nicht. Sein Vorgänger, ein Doktor Aurelius, war stets sehr nett zu mir, wenn er auch bei jeder Vernehmung einen Vorstoß machte, um mir durch die Drohung, ich sei tatverdächtig, ein Geständnis zu entreißen. Ich habe nichts zu gestehen. Aber ich werde mein Leben lang das Bild nicht loswerden, wie ich beim Aufziehen der Vorhänge den Toten vor mir liegen sah.«

»Spielten bei dem Beverstorffschen Mord nicht blonde Frauenhaare eine Rolle?« erkundigte sich Schrey.

»Sie fanden sich zwischen den Fingern des Toten«, bestätigte die Schlomke. »Doktor Aurelius bestellte mich einmal, damit ich mir die Haare genau ansehen sollte. Ich habe bloß die Achsel gezuckt.«

»Das war grundfalsch«, tadelte Heinrich Schlomke. »Was du mir sagtest, hättest du auch dem Untersuchungsrichter sagen müssen. Nämlich, daß du ein hellblondes Mädchen kennst, das den Beverstorff öfter besuchte.«

»Je mehr man weiß, desto tiefer kommt man in solch eine Sache hinein«, lehnte Frau Schlomke ab. »Und außerdem – das Mädel ist so wenig wie ich selbst die Mörderin.«

»Wie wollen Sie denn das behaupten können, Frau Bertha?« warf Schrey ein.

»Es gäbe gar keinen Grund für die Hellblonde«, beharrte die Witwe. »Wenn sie mal kam, dann stets bei Tage und wenn ich in der Wohnung war. Sie blieb nur wenige Minuten. Ich habe gemerkt, daß sie sich bloß Geld holte. Und einen Mann, der einem Geld gibt, den bringt man nicht um.«

»Eine komische Begründung«, urteilte Schrey. »Vielleicht gab er ihr nur wenig – vielleicht wollte sie durch den Mord mal eine größere Summe an sich bringen.«

»Beverstorff hatte nie größere Summen im Hause. Es ist mir doch selbst vorgekommen, daß er mir für kleine Einkäufe manchmal einen Scheck über lumpige Beträge gab, so daß ich erst auf die Bank laufen mußte.«

»Wie hieß die blonde Person?« fragte der Arbeiter.

»Das wußte wahrscheinlich nur Beverstorff«, lautete die Antwort. »Lange Zeit war sie mir gleichgültig.«

»Bis du selbst wenigstens eines deiner schönen Augen auf den Dienstherrn geworfen hattest«, bemerkte Heinrich Schlomke lachend.

»Ich verbitte mir solche Scherze, Heinrich«, zürnte Frau Bertha. »Was gingen mich Beverstorffs Geheimnisse an! Eines Tages aber sah ich das Mädchen im Warenhaus. Sie war längst nicht so vornehm gekleidet, wie wenn sie zu Beverstorff kam. Einen großen, ziemlich dicken und schon ältlichen Mann hatte sie bei sich. In der Porzellanabteilung suchte sie Tischgeschirr aus – schöne Teller mit Goldrand und was an Schüsseln und so weiter dazu gehörte. Ihm war das alles zu fein, und er wollte etwas Einfaches haben. Da sagte sie: Aber, Männe, der Preisunterschied ist so gering – was sträubst du dich denn? – Na, so spricht man nicht mit einem Mann, mit dem man nicht sehr vertraut steht.«

»Der Horcher an der Wand«, scherzte der Magazinverwalter abermals.

»Ich habe nicht gehorcht, ich hatte selbst etwas zu kaufen in der Geschirrabteilung. Und weil ich warten mußte, bis die Blonde bedient war, hörte ich natürlich zu. Am anderen Morgen erzählte ich Beverstorff, ich hätte die junge Frau mit ihrem Manne im Warenhaus gesehen. Er verstand mich gar nicht, bis ich sagte, wen ich meinte.«

»Das tatest du nur aus Eifersucht«, spottete der Schwager.

Schroff lehnte Frau Schlomke ab: »Eifersüchtig – das bist du, weil du durchaus die Witwe deines Bruders zur Frau haben willst.«

Schrey wollte hören: »Was sagte denn Beverstorff?«

»Der ...? Der schnauzte mich fürchterlich an, ich müsse mich geirrt haben. Das bestritt ich. Ich habe doch Augen im Kopf. So täuschend ähnlich sehen zwei Menschen einander nicht.«

»Zwillinge!« erinnerte Schrey.

Ganz verdutzt wiederholte Frau Schlomke: »Zwillinge – ah so – ja, daran habe ich bis zu diesem Augenblick nicht gedacht. Dann wäre ja auch erklärt, weshalb die Blonde mit keiner Wimper zuckte, als sie mich sah und als sie meinen Gruß nur zögernd und mit erstauntem Gesicht erwiderte, wie wenn sie sagen wollte: Nanu, wer ist denn die? Ich hatte natürlich geglaubt, sie sei in Verlegenheit, weil ich sie mit einem Manne erwischte.«

»Von einer Zwillingsschwester braucht Beverstorff ja nichts gewußt zu haben«, trug Schrey nach.

Erst nach längerem Schweigen sagte die Schlomke: »Vielleicht stritt er deshalb so mit mir. Ich war platt, dachte in meinem Inneren aber: der läßt sich ja gründlich von dem Frauenzimmer beschwindeln! Denn er redete doch etwas von einer unterstützungsbedürftigen Verwandten – er kenne jeden Schritt und Tritt von ihr.«

»Damit begnügten Sie sich?«

Frau Schlomke staunte, in was für einem eigentümlichen Ton Schrey die Frage hinwarf.

»Ich begnügte mich damit nur kurze Zeit«, erzählte sie weiter. »Eines Morgens kam das angebliche Mädchen wieder mal.«

»Angeblich?« unterbrach der Arbeiter. »Was meinen Sie damit, Frau Bertha?«

»Ich sah etwas, was mir wie eine Erklärung war für die Begegnung im Warenhaus. Also sie kam. Beverstorff war nicht daheim. Ich fertigte sie kurz an der Tür ab. Sie ging auch ohne weiteres. Ich sah ihr durch das Guckloch in der Flurtür nach. Beim Fenster auf dem Treppenabsatz blieb sie stehen und öffnete ihre Handtasche, die sie aus die Fensterbank legte. Sie kramte etwas hervor, und das steckte sie an den Finger. Ich sagte mir: Aha, sie streift sich den Trauring über, den sie für den Besuch bei Beverstorff abgezogen hatte. Dann nahm sie einen Spiegel aus dem Täschchen und fuhr mit einer Puderquaste im Gesicht herum.«

Die Witwe erhob sich und ging an die Kommode. Sie suchte nach etwas und brachte ein Stückchen Papier zum Vorschein.

»Das hier fiel der Blonden aus der Handtasche«, erläuterte sie. »Sie merkte es nicht, und als sie die Treppe hinunter war, ging ich hinaus und nahm das Fetzchen an mich. Es steht auch was darauf.«

»Zeigen Sie her!«

Frau Schlomke erschrak förmlich über die gebieterische Art des Arbeiters. Ehe sie sich dessen versah, hatte er das Zettelstückchen an sich genommen. Er trat damit unter die Hängelampe und betrachtete das Papierchen so genau, als könne er wer weiß was darauf lesen.

»Es ist der Abriß von einem Lieferzettel«, sagte er endlich. »Sogar die Nummer ist links oben noch vorhanden. Nummer 5641. Wenige mit Kopierstift geschriebene Buchstaben sind auch noch zu erkennen. Man kann deutlich lesen das Wort Frau – dann ein großes A ... – das andere ist abgerissen. Es wurde also etwas geliefert an eine Frau, deren Name oder deren Vorname mit einem A ... anfängt. Wer aber hat geliefert? Leider sind die Anfangsbuchstaben der Firma nicht vorhanden. Es wäre eine ungeheure Arbeit, in den vielen Hunderten von Geschäften in der Stadt festzustellen, an wen etwas mit einem Lieferzettel Nr. 5641 geschickt worden ist. Aber man könnte ja mit dem Warenhaus beginnen, in dem Sie, Frau Schlomke, die Blonde gesehen haben. Vorausgesetzt, Sie sahen nicht die Zwillingsschwester.«

Heinrich Schlomke wunderte sich: »Mensch – Schrey – Sie wollen sich wohl als Detektiv versuchen? Was für einen Wert legen Sie dem Papierfetzchen da bei?«

Schrey barg das Zettelstückchen vorsichtig in seiner Brieftasche und versetzte völlig ernst: »An den Litfaßsäulen kann man seit heute früh lesen, es würden dem, der zur Aufklärung des Mordes an Beverstorff beitrage, dreitausend Mark Belohnung zugesichert. Vielleicht kann Ihre Schwägerin das Geld verdienen. Frau Bertha, überlassen Sie mir das Papierstückchen! Die es verlor, ist blond – blonde Frauenhaare fand man in der Faust des Getöteten. Was Sie beobachteten, das deutet stark darauf hin, daß die blonde Frau Beverstorff belog. So könnte sie auch die Täterin sein.«

»Dann will ich vor euch beiden etwas eingestehen«, sagte Frau Schlomke nach bänglichem Schweigen. »Der Vorname der Hellblonden ist Alma. Ich hörte mehr als einmal Beverstorff sie so nennen.«

Mit erhobener Stimme belehrte Schrey: »Das hätten Sie unbedingt dem Untersuchungsrichter sagen müssen. Sie durften nichts verschweigen, nur weil Sie des Glaubens waren, die Person könne es nicht getan haben.«

»Er gab ihr doch Geld«, meinte die Witwe eingeschüchtert.

»Eben weil er ihr Geld gab«, verfocht Schrey seine Meinung. »Wäre es zum erstenmal, daß ein Erpresser den sich plötzlich weigernden Erpreßten ums Leben bringt? Durch Sie angeregt, kann Beverstorff dahintergekommen sein, daß die Blonde ihn wirklich belog. Geschähe es zum erstenmal, daß ein entlarvter Betrüger die ihm gemachten Vorwürfe mit einem Messerstich vergilt?«

»Nun, lieber Schrey, Sie dichten ja da ganze Romane zusammen«, rief der Magazinverwalter dazwischen.

Mit einem wunderlichen Lächeln erwiderte der Arbeiter: »Vielleicht regen die dreitausend Mark meine Phantasie an, wenn ich die Belohnung gewiß auch nicht für mich selbst verdienen will.«

»Ach, lassen Sie doch den ganzen Kram sein!« schlug der Magazinverwalter vor.

»Die Blonde tat es nicht«, sagte Frau Schlomke mit starrem Gesicht.

»Wir werden sehen, ob Sie recht behalten.«

Mit dieser Bemerkung brach Schrey das Gespräch ab. Er hatte es plötzlich sehr eilig, sich zu verabschieden.

Zum nächsten Abend hatte Frau Schlomke es den Männern wieder gemütlich gemacht. Die Bierflaschen standen auf dem Tisch. Gläser blinkten unter der Hängelampe. Aschenbecher waren bereitgestellt. Die Zeitung lag zur Hand. Doch der Schwager kam allein.

»Weißt du das Neueste, Bertha?« begann er sogleich. »Dein stiller Verehrer stellte sich heute nicht zur Arbeit ein. Als ich mich beim Werkstättendirektor beklagte, bekam ich zur Antwort, der Schrey könne kommen und fortbleiben, wie er wolle.«

»Das ist ja seltsam«, staunte die Witwe.

»Und dann befahl der Direktor mir Schweigen. Der Schrey nehme eine Sonderstellung ein – es sei ein Fabrikgeheimnis verraten worden – dem werde nachgeforscht.«

»Ein Spitzel also«, stellte Frau Schlomke mit tiefer Verachtung fest.

»Nun aber das Tollste!« fuhr Heinrich Schlomke fort. »Auf dem Heimweg begegnete mir unser Schrey – geschniegelt und gebügelt. Ich hätte ihn weiß Gott nicht erkannt, wäre er nicht bei mir stehengeblieben. Er bestellte einen Gruß an dich und läßt dir sagen, die dreitausend Mark Belohnung seien dir so gut wie sicher.«

*

Kommerzienrat Felsing brachte mit vielen Ueberredungskünsten die schluchzende Frau Julie endlich dazu, das Zimmer zu verlassen.

Mit aufgehobenen Händen trat sie noch einmal vor den Besucher des Gatten hin und flehte: »Finden Sie meinen Sohn – die Stimme einer unglücklichen Mutter sagt Ihnen, daß er unschuldig ist!«

»Ich verspreche, mein möglichstes zu tun, gnädige Frau«, beschwichtigte der Gast die Weinende. »Soweit der Mord in Frage kommt, glaube auch ich nicht an seine Schuld.«

Als nach dieser tröstlichen Versicherung Frau Julie gegangen war, standen die beiden Männer wenige Sekunden noch stumm einander gegenüber. Dann lud der Kommerzienrat durch eine Geste zum Sitzen ein.

Er eröffnete das Zwiegespräch: »Ich irre wohl nicht, wenn ich die an meine Frau gerichteten Worte folgendermaßen auffasse: Sie sprechen meinen Sohn frei von einem blutigen Verbrechen, aber Sie sind überzeugt, er habe das Fabrikgeheimnis unserer Flammenschrift verraten.«

»Leider kann ich Ihre Auffassung nicht widerlegen, Herr Kommerzienrat«, lautete die Antwort.

Felsing nickte schwer vor sich hin: »So sehr ich mich anfangs sträubte, meinem Sohn einen Verrat zuzutrauen, so bitter kam mir nach und nach zur Besinnung, es gebe keinen Verräter außer ihm. Oder mein Chefingenieur selbst müßte es denn gewesen sein.«

»Den schließen Sie völlig vom Verdacht aus?«

»Mit festerer Zuversicht noch als meinen eigenen Sohn. Vom ersten Augenblick des Auftauchens der Idee an bis zu der Sekunde, in der mein Chefingenieur Möhring mir mitteilte, seine Entwürfe seien fertig zur Ausführung in den Werkstätten, in all dieser Zeit sprachen nur Möhring und ich über die Angelegenheit.«

»Niemals in Anwesenheit dritter Personen?«

»Bestimmt nicht. Erst gelegentlich einer kaufmännischen Berechnung der finanziellen Ertragsfähigkeit der Möhringschen Entwürfe zogen wir meinen Sohn ins Geheimnis; denn wenn er auch sonst nicht viel taugt, so ist er doch ein glänzender Rechner. Als die Pachtverhandlungen wegen der Hausgiebel eingeleitet werden sollten, durfte ich der Ueberzeugung sein, es gäbe nur drei Menschen, die von dem Unternehmen wußten: Möhring – mich selbst – meinen Sohn.«

»Ich kann mir denken, wie niederschmetternd es wirkte, als man Sie an Beverstorff verwies als an den Mann, der über die Ihnen wichtigen Dachgiebel zu bestimmen habe.«

»Sie haben recht, lieber Freund«, sagte Felsing in unterdrücktem Grimm. »Ich war wie vor den Kopf geschlagen. Nun erst gar, als Beverstorff mich vor die Wahl stellte, entweder ihn durch Kapitaleinlage seinerseits an den Erträgnissen der Flammenschrift teilnehmen zu lassen oder eine auswärtige Firma den Gedanken der beweglichen Lichtreklame zur Ausführung bringen zu sehen. Da Beverstorff das Möhringsche Verfahren genau kannte, so wäre es eine Kleinigkeit gewesen, geringfügige Abänderungen der Idee so vorzunehmen, daß uns nicht einmal das Einspruchsrecht gegen die Verwertung geblieben wäre. Was nützte uns die Reklame nur hier in der Stadt? Nur wenn sie über das ganze Reich verbreitet wurde, warf sie Nutzen ab.«

Der alte Herr wischte sich mit zitternder Hand den Schweiß der Erregung von der Stirn. Der Besucher hatte aufmerksam zugehört.

Nun gab er zu verstehen: »Die Justizbehörde sieht in dem Beverstorffschen Kriminalfall nur den gemeinen Mord. Ich suche nach einem Täter, den seelische Irrungen und Wirrungen zu der Tat trieben. Sie, Herr Kommerzienrat, sehen nur den gemeinen Verrat. Ich setzte auch bei Ihrem Sohne Irrungen und Wirrungen der Seele voraus. Bei ihm ging der Glaube, eine vermeintliche Tugendpflicht zu erfüllen, Hand in Hand mit dem Entschluß, auch den Weg durch moralische Tiefen nicht zu scheuen, um dieser Pflichterfüllung näher zu kommen.«

»Ich danke Ihnen für diesen Trost«, sagte Felsing erschüttert. »Vielleicht hege ich eine zu schlechte Meinung über meinen Sohn, den ich nun einmal für ungeraten halte. Was immer ihn jedoch zu dem Verrat trieb, verzeihen kann ich ihm nicht. Möge es Ihnen gelingen, den Mord aufzuklären, damit wir unglücklichen Eltern wenigstens hierüber beruhigt sein können, soweit der furchtbare Verdacht auf Viktor lastet. Können Sie mich dann auch noch überzeugen, der Junge sei kein niedriger, habgieriger, ichsüchtiger Verräter – um so besser.«

Freundlich lächelnd erwähnte der Herr: »Sie weigerten sich sehr, als ich Ihnen den Vorschlag machte, durch Anstellung in der Fabrik mir einen Anschluß an den Magazinverwalter Schlomke zu ermöglichen. Nun sehen Sie den Erfolg Ihres Eingehens auf meinen Wunsch. Auch eine Ehrenrettung des Sohnes wird ermöglicht neben meinem Bestreben, die Aufhellung des Mordes herbeizuführen.«

Eine Weile betrachtete Kommerzienrat Felsing sein Gegenüber.

Endlich versicherte er: »Ich hätte es nie für möglich gehalten, eine anders geordnete Frisur und ein bißchen Schwarzfärben der Haare, Brauen und Wimpern könnten einen Menschen so entstellen. Ich sträubte mich gegen Ihre Zumutung, weil ich nicht glauben mochte, Sie könnten aus dem ehemaligen Untersuchungsrichter Aurelius einen unkenntlichen Arbeiter Schrey hervorzaubern. Tatsächlich erkannte ich Sie nicht, als ich später durch die Werkstätten ging, um nach Ihnen Ausschau zu halten.«

Aurelius strich über seine jetzt pechschwarzen, nach der Stirn vorgekämmten Haare und äußerte: »Ein wohlgelungenes Werk meines Leibfriseurs Scheufgen. Viel schneller, als ich gedacht, kann ich die Maske wieder abtun. Es widerstrebt mir, in einer Verkleidung um den Nachweis der Schuldlosigkeit einer unglücklichen Frau zu kämpfen.«

»Halten Sie Frau Harthilt für ernstlich gefährdet?«

»Sie ist in Gefahr, verurteilt zu werden«, setzte der Doktor dem Kommerzienrat auseinander. »Daß sie verschweigt, aus welchen Gründen sie in der Mordnacht nicht daheim war und weshalb sie erst im Morgengrauen nach Hause kam, das ist unbedingt gefährlich. Der eine der Sachverständigen stellt sich auf den Standpunkt, es sei zwischen den bei dem Toten gefundenen Haaren und den Haaren Frau Harthilts ein nur so unwesentlicher Unterschied, daß er zur Annahme neige, es handle sich um Haare der Frau Beverstorff.«

»Und das soll genügen?« entsetzte sich der alte Herr.

Es genügt, um wenigstens die Anklage zu erheben. Und das ist schon gefährlich genug, denn gewöhnlich lassen sich dann auch noch andere Indizien finden. Aber diese Frau regt keinen Finger, um für sich zu kämpfen. Sie spielt gleichsam die Rolle eines Menschen, der sich im Augenblick des Ertrinkens zum erstenmal die Frage stellt: Ist dein Leben noch soviel wert, daß du dir Mühe geben mußt, dich zu retten? Sie überläßt es dem Zufall, ob er sie ans Land spülen will. Und da soll ein anderer Mensch tatenlos am Ufer zusehen, wer den Sieg davonträgt – der glückliche Zufall oder die Lässigkeit einer vom Leben Entmutigten?«

Felsing wagte einen trübseligen Scherz: »Sie wollen die Rolle des Lebensretters übernehmen in dem Gedanken, es habe sich schon oft das Herz der Geretteten dem Retter zugewandt.«

Während heiße Röte ihm die Wangen höher färbte, gab Dr. Aurelius freimütig zu: »Ich leugne nicht. Es ist mein inniges Gefühl für Frau Harthilt, aus dem ich die Eingebung schöpfte, ich müsse mich für sie einsetzen.«

»Dank für dies Bekenntnis und für Ihr Vertrauen«, sagte der alte Herr, dem Doktor die Hand reichend. »Es ist kein Fehlurteil, wenn Sie die Dame als vom Leben entmutigt bezeichnen. Frau Harthilts Teilnahme am Leben gestaltete den äußeren Anschein freilich anders. Aber ich habe sie, die getreue Freundin meines Hauses, oft genug heimlich beobachtet. Indem sie sich für lebensheiter ausgab, verleugnete sie mehr als nur das Leid ihrer Ehe.«

Aurelius erzählte: »Als ich zum letztenmal in der Eigenschaft des Untersuchungsrichters Frau Harthilt verhörte, dämmerte mir urplötzlich die Erkenntnis: diese weder bekennende noch leugnende Frau deckt jemanden, den sie des Mordes an Beverstorff für fähig hält. Sie steht schützend vor einem Jemand, indem sie aus irgendwelchen Gründen glaubt, es sei wichtiger, diesem Menschen als sich selbst den Verdacht der Täterschaft fernzuhalten.«

»Welch ein Opfer!« murmelte Felsing betroffen.

»Daß solch eine Auffassung der Dame ein ungeheuerlicher Irrtum ist, dafür habe ich die winzige Spur eines Beweises. Das unscheinbare Eckchen eines Zettels – es will einstweilen das Rätsel dieses Kriminalfalles noch mehr vertiefen, aber ich habe ihm schon viel abgewonnen. Soviel, um Frau Harthilt in ein paar Tagen zu der Ueberzeugung zu bringen, es sei zwecklos, wenn sie durch ihr eigentümliches Verhalten glaubt verdunkeln zu müssen: zwischen dem Verrat Ihres Sohnes, Herr Kommerzienrat, und der Bluttat bestünde ein Zusammenhang.«

»Um Gottes willen!« entfuhr es dem alten Manne. »Dann dächte also Frau Harthilt ganz das gleiche wie jene geheimnisvolle Fremde, von der ich Ihnen erzählte?«

»So ist es«, bestätigte Aurelius. »Nur die Gründe zu dieser Denkweise sind verschieden. Frau Harthilt vermutet in dem Täter einen Freund und glaubt edel handeln zu müssen. Die Fremde aber mutmaßt eine Tat ihres Feindes, den sie zu Fall zu bringen sucht.

»Sie beschuldigt meinen Sohn. Weshalb sollte er der Feind der Fremden sein?«

Weil er der Freund der Gattin Beverstorffs war. Der Ermordete hat meinen Fährten nach als ein Mann zu gelten, der zu Ihrer blonden Besucherin in Beziehungen stand. Schwer zu erkennende, unbedingt lautere, dabei höchst seltsame Beziehungen. Das durch den Tod Beverstorffs herbeigeführte Erlöschen dieser Beziehungen muß ein schwerer Schlag für die Blonde gewesen sein.«

»Also Rätsel über Rätsel«, meinte Felsing.

Mit einem Achselzucken betonte Aurelius: »Ich bin bei dem Standpunkte angelangt, die mittelbare Ursache zu dem Verbrechen einzig in der Blonden zu sehen. Ich verfolge eine Spur, die das geheimnisvoll und dunkel klaffende Nichts, das bei ihr beginnt und bei dem Täter endet, überbrücken muß.«

»Und mein Sohn?« forschte der alte Herr.

»Wir bedürfen seiner als des höchstwahrscheinlich letzten Menschen, der mit dem noch lebenden Beverstorff sprach. Die Schwägerin Ihres Magazinverwalters Schlomke hörte einen Mann im Mordzimmer reden von einer Schande, die mit feurigen Buchstaben am Himmel geschrieben stehen werde.«

Kommerzienrat Felsing horchte hoch auf und flüsterte: »Jetzt verstehe ich alles.«

»Sie zweifeln nicht länger am Verrat des Fabrikgeheimnisses durch den Sohn«, fuhr Aurelius fort. »Er wurde aber auch mit blutbeflecktem Mantel gesehen in der Mordnacht. Und das war in nächster Nähe vom Tatort.«

»Also doch – er«, stammelte der entsetzte Mann.

Aber der Doktor sprach ruhig weiter: »Nur er selbst kann aufklären, was für ein Zusammentreffen verhängnisvoller Umstände hier in die Erscheinung trat. Erschrecken Sie nun nicht über die Frage: Halten Sie ihn für fähig eines Selbstmordes?«

So blaß Felsing bei diesem Gedanken wurde, widersprach er doch: »Nein, Herr Doktor. Er ist ein zu großer Phantast, als daß er sich das Leben nehmen würde. Phantasten können sehr tatkräftige Menschen sein, wenn es gilt, ihre Phantasien durchzusetzen. Viktor aber ging nicht mit Phantasien um, sondern mit Phantastereien. Und solche Leute sind weichlich. Er segelte immer mit den Wolken und hatte nie wie ein Mann von starkem Charakter die Füße auf der Erde. Er lebt. Davon bin ich überzeugt. Er hat sein Heil in feiger Flucht gesucht, sicherlich aber nicht in einer Flucht aus dem Leben in den Tod.«

In diesem Augenblick wurde das Zwiegespräch durch ein Pochen an der Tür unterbrochen. Der Kommerzienrat ging hin, um nachzusehen. Der Diener Wilhelm stand draußen.

»Verzeihung, Herr Kommerzienrat«, bat er. »Ich hielt den Anlaß für wichtig genug, um trotz Ihres Verbotes zu stören. Soeben brachte ein Dienstmann die Tasche unseres jungen Herrn. Er sagte, eine blonde Dame habe sie ihm übergeben mit dem Befehl, das Gepäckstück hier abzuliefern.«

Eilig nahm Felsing dem Alten die Tasche ab.

»Eine Spur von meinem Sohn«, sagte er aufgeregt zu Dr. Aurelius. »Und wieder hat die blonde Fremde die Hand im Spiel.«

Es war eine hellgelbe Reisetasche aus Schweinsleder. Sie enthielt ein wenig Wäsche und einige Toilettensachen. Zu unterst lag ein in Seidenpapier gehüllter Gegenstand. Daran war mit einer Stecknadel ein Zettel befestigt.

In großen, steilen Buchstaben stand auf dem Blatte: »Beute von dem Geflüchteten. Zweifeln Sie noch immer, daß er der Mörder Beverstorffs ist?«

Felsing wickelte mit fliegenden Händen das Seidenpapier auseinander. Eine seltsame exotische Stichwaffe kam zum Vorschein. Die gekrümmte Klinge zeigte dunkle Flecke angetrockneten Blutes.

»Ich kenne diesen Dolch«, gestand der Kommerzienrat mit leichenblassem Gesicht.


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