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5.

Sylvia Rickstetten schwebte seit ihrer polizeilichen Vernehmung in steter Angst. Wie allerorten in der Stadt, so wurde auch in der Kneipe viel über das Rätsel des Beverstorffschen Mordes geschwatzt.

Frau Schurich war förmlich stolz darauf, daß der mutmaßliche Mörder kurz nach der Tat in ihrer Gaststube gewesen sein könne. Mit breitem Behagen, indem sie die geringfügigen Tatsachen fortgesetzt mehr aufbauschte, erzählte sie ihren Gästen, wie der Mann mit dem hellen Ulster plötzlich zur Tür hereingekommen sei.

»Dort saß er«, rief sie und deutete von der Schankstätte aus nach dem kleinen, ihr geradezu berühmt gewordenen Tisch. »Er kam mir gleich unheimlich vor mit seinen bösartigen Augen und dem Verbrechergesicht. Ich würde ihn unter Tausenden herauskennen und ihn augenblicklich festnehmen lassen.«

Sylvias Herz krampfte sich. Der fremde Mann war verloren, wenn die Behauptung der Schurich der Wahrheit entsprach. Die Wirtin trieb sich tagsüber viel in der Stadt umher. Warum sollte der junge Mensch ihr nicht in den Weg geraten? Was hätte es dann genützt, daß Sylvia das Aeußere des Mannes vollkommen abweichend von der Wahrheit beschrieben hatte.

»Ein ganz gerissener Halunke«, plapperte die Fettstimme der Schurich weiter. »Kommt hier herein und markiert Nasenbluten. Das tat er selbstverständlich in der Absicht, sich Entlastungszeugen zu schaffen. – ›Werde ich verdächtigt, weil ich Blutflecke auf meinem Mantel habe, so muß die Schurich mit ihren jungen Damen mir bezeugen, daß ich die Wahrheit sage, wenn ich die Spuren auf ein Nasenbluten zurückführe.‹ – Das, so denke ich, hatte der Mörder sich klar überlegt.«

Es tat Sylvia weh, so oft sie hörte, daß der Fremde mit dem furchtbaren Wort Mörder beschimpft wurde. Gewiß, auch sie selbst hatte ihn dafür gehalten, als er gekommen war und so verzweifelt nach seinem verlorenen Geld fragte.

Nachher aber vernahm in einsamen Nächten ihre Seele immer wieder das inbrünstige Flehen: »Haben Sie doch Mitleid, Kleine!« Und ihr geistiges Auge zeigte ihr dann den Blick maßlosen Entsetzens, als sie ihm das blutrünstige Wort zugerufen hatte. Für sie war es nicht das Entsetzen eines Entlarvten, es war der Jammer gewesen eines schuldlosen Menschen, der in diesem Augenblick erkannte, über kurz oder lang werde er ein gehetztes Wild sein ohne Aussicht auf Rechtfertigung oder Rettung.

Deshalb war Sylvia auf Frau Schurichs Drängen bereitwillig zur Polizei gegangen. Bereitwillig, weil mit dem festen Vorsatz, eine Beschreibung des Mannes zu erlügen, die ihn vor aller Verfolgung schützen mußte.

Und nun behauptete die Schurich, sie würde ihn unter Tausenden herauskennen ...

Die dicke Frau machte sich gerade wichtig, indem sie einen ihrer protzigen Berichte lieferte, wie sie bei Kriminalkommissar Weinreich gewesen sei.

Einer der Gäste nahm das Wort: »Haben Sie denn auch klar genug hingewiesen, wie der Kerl durch seinen Besuch in Ihrer Wirtsstube seine Täterschaft zu verschleiern versuchte?«

»Darauf können Sie Gift nehmen«, trumpfte die Schurich auf. »Wie ein Buch habe ich geredet. Man sitzt Nacht für Nacht hinterm Schanktisch und sieht Leute verschiedensten Kalibers. Da eignet man sich doch Menschenkenntnis an. Aber glauben Sie, der Weinreich hätte meine Angaben ernst genommen? Er behandelte mich, als gebe er nicht fünf Pfennig dafür. Eine Frauenperson, nicht ein Mann hat's getan, behauptet er.«

Der Gast tadelte: »Es steht heute in der Zeitung, die Staatsanwaltschaft werde demnächst eine Belohnung aussetzen. Demnächst! Man muß sich den Ausdruck nur mal klarmachen. Demnächst – als ob so etwas nicht sofort hätte geschehen müssen.«

»Eine Belohnung?« rief Frau Schurich, da nur dies verheißungsvolle Wort ihr Eindruck gemacht hatte. »Na, Sylvia«, sagte sie mit gierigen Augen, »da müssen wir beide uns 'ranhalten. Wir werden den Mörder erkennen. Dann teilen wir redlich.«

In Sylvia empörte sich alles.

»Mit welchem Recht nennen Sie den armen jungen Menschen immerzu einen Mörder?« trotzte das Mädchen.

Frau Schurich war zwei Sekunden sprachlos.

Dann hohnlachte sie: »Mädel, Sie sind scheinbar nicht mehr ganz nüchtern. Sie nehmen den Kerl wohl in Schutz?«

Sylvia antwortete erregt: »Es ist gemein, einen Menschen zu verdächtigen, von dem Sie nichts weiter wissen, als daß er in einem Anfall von Unwohlsein hier Zuflucht suchte.«

»Sagte ich's nicht neulich schon, Sie hätten sich in den Kerl vergafft?« zeterte die Schurich.

Mit zuckenden Lippen verteidigte sich Sylvia: »Er war höflich zu mir und bescheiden. Ich bin dankbar, wenn man mich hier so behandelt. Sie sehen es ja lieber, wenn die Männer frech werden zu uns und wenn wir darauf eingehen, weil sie dann ihr Geld hier vertrinken.«

»Sie – Sie – Sie Person, Sie!« keifte die Wirtin zurück. »Wollen Sie mich vor meinen Gästen beschuldigen, ich legte keinen Wert auf die Anständigkeit meiner jungen Damen?«

Spöttisch versetzte das junge Mädchen: »Wenn diese Anständigkeit mit Geld für Sekt und Wein uns abgekauft wird, dann lassen Sie sich allerdings unsere Anständigkeit teuer bezahlen.«

Sie wußte selbst nicht, woher sie den Mut zu solchen Entgegnungen nahm. Aber sie hatte es satt, seit Tagen die dicke Frau nur von dem »Mörder« reden zu hören. Das gab ihrem Herzen jedesmal einen Stich. Und ihre vereinsamte Seele grämte sich dann um den bittersüßen Augenblick des Scheidens von dem Unglücklichen, dem sie auf sein klagendes »Haben Sie doch Mitleid, Kleine!« das schauerlich beschuldigende Wort zugerufen hatte.

Frau Schurich gewann die Fassung wieder, nachdem sie ein Glas Sekt getrunken hatte. Sie preßte die mit Ringen überladene Rechte auf eine Stelle der Brust, wo eine Brosche mit funkelnden Diamanten bei dem stoßweisen Luftschnappen der kurzatmigen Dame förmlich hüpfte.

Endlich konnte die gereizte Wirtin losbrechen: »Begeben Sie sich augenblicklich in Ihre Dachkammer hinauf! Sie undankbares Geschöpf! Frechheit also ist's, womit Sie mir die Aufnahme in mein ehrbares Haus lohnen? Ich werd's Ihnen anstreichen. Sofort aus meinen Augen! Und morgen werden wir darüber sprechen, ob ich Sie noch länger bei mir dulden darf.«

Ohne langes Besinnen wollte Sylvia gehen. Als sie sich anschickte, die Gaststube zu verlassen, fiel ihr Blick auf eine dunkel gekleidete Gestalt an der Eingangstür. Dort stand eine Soldatin der Heilsarmee.

Alle waren dem Wortwechsel zwischen dem Mädchen und der Schurich mit der Gier nach Sensation gefolgt. Niemand hatte geachtet auf das Eintreten einer Anhängerin der Heilslehre und der Menschenliebe. Nun schritt die Soldatin aus Sylvia zu.

»Sie besitzen die Liebe, mein Kind«, sprach sie sanft. »Ich habe alles mit angehört. Wer sich des beschuldigten Menschenbruders annimmt, der handelt getreu dem Wort unseres Herrn und Heilands. Wenn Sie sich verlassen fühlen, so kommen Sie zu uns. Unser Herz und unser Heim sind aufgetan für alle, die mühselig und beladen sind. Und wir erbarmen uns der Verstoßenen.«

Sylvia dankte still durch ein Kopfneigen und ging.

»Hinauf unters Dach mit Ihnen!« schrie die Schurich ihr nach. »Und morgen fliegen Sie 'raus!«

In der finsteren Bodenkammer droben, saß Sylvia auf dem Rand des ärmlichen Lagers. Eine andere Sitzgelegenheit gab es nicht in dem dürftigen Raum. Der war stets nur ein Obdach gewesen für die wenigen Tagesstunden, in denen Sylvia mit benommenem Kopf in einem viel zu kurzen, schweren Schlaf lag.

Sie gab sich nicht die Mühe, an etwas Bestimmtes zu denken. Auch ihre Lage überdachte sie nicht. Die Erinnerung an ihr vergangenes Leben war wie weggewischt. Weinen? Das wäre vielleicht Erlösung gewesen. Doch es blieb alles still und einsam in ihr.

Sie entsann sich, seit dem Sterben der Mutter und seit dem Freitod des Vaters nur noch einmal geweint zu haben. Das war in jener Stunde gewesen, als der junge Mensch drunten in der Gaststube von ihr gegangen war. Der Mensch, der so verzweifelt sein Geld suchte.

Und wieder klang auf in ihrer Seele das hilflos flehende: »Haben Sie doch Mitleid, Kleine!«

War's nicht, als klage er es auch jetzt? Wie ein mütterlicher Drang kam es über sie: sie hatte durch eine erlogene Beschreibung ihn vor dem Zugriff der Polizei zu schützen gewußt, und sie mußte ihn noch weiter schützen, indem sie nach ihm suchte, um ihn zu warnen. Sie fühlte, wie ihr Herz erstarkte. Was zu tun war, mußte gleich getan werden.

Stracks erhob sich Sylvia und brachte das Kerzenstümpfchen in dem halb zerbrochenen Steingutleuchter zum Brennen. Mit wenigen Griffen war all ihr Eigentum in den schmalen Handkoffer gerafft, das bißchen Geld eingesteckt.

Sylvia stülpte den schmucklosen Filzhut über die auf Befehl der Schurich blond gebeizten, kurz geschnittenen Haare. Dann streifte sie einen Flauschmantel über, der weit weniger kostbar war als Frau Schurichs kostbarer Nerzpelz.

Sylvia schritt die Treppe hinab. Sie brauchte nicht besonders vorsichtig zu sein, denn in der Gaststube brüllte der Lautsprecher des Radioempfängers.

Genau wie in jener Nacht: »Valencia ... derallala ... derallala ... derallalaaaa ...«

Als sie auf die nächtliche enge Gasse hinaustrat, löste sich eine dunkle Gestalt aus dem Schatten des Hauses.

»Ich wußte, Sie würden bald kommen«, flüsterte die Soldatin der Heilsarmee. »Vertrauen Sie sich mir getrost an! Ich bringe Sie ins Heim.«

Schweigend durchwanderten die beiden Frauen die nachtdunklen Teile der Stadt. Nur einmal noch hatte die freundliche Helferin etwas gesprochen.

Sie sagte: »Ich werde Sie morgen abend aufsuchen im Heim. Sie müssen mir erzählen von dem Manne, den man für einen Mörder hält.«

*

Aus dem Musikzimmer der Felsingschen Villa scholl eine süße Frauenstimme; sie schwebte singend hinweg über den Klang des meisterhaft gespielten Flügels. Die Stimme einer berühmten Bühnengröße.

Frau Harthilt und Viktor Felsing saßen in einem Nebenraum beieinander. Hier hörten sie zu in selbstgewählter Absonderung von der Gesellschaft.

Viktor schwärmte: »Schöne Lieder sollte man anhören in einem völlig verdunkelten Raum, in dessen Finsternis nichts daran erinnert, daß es eine Erde mit Menschen gibt, Geschöpfen, deren Seele sich nun einmal nicht vom Körper zu lösen vermag, um wenigstens für Augenblicke reinster Freiheit mit sich allein zu sein im Nichts. Diese Freiheit der Seele verschafft nur der Tod.«

Beifall verrauschte. Die liebliche Frauenstimme sang ein anderes Lied. Frau Harthilt und Viktor lauschten schweigend. Endlich gewahrte die schöne rotblonde Frau Tropfen an ihres jugendlichen Freundes Wimpern. Und er, als hätte er ihre Entdeckung gefühlt, bog sich nach vorn und vergrub sein Gesicht in beide Hände.

Neuerlichem Beifall folgte das Stimmengewirr bewundernder Menschen. Bis jemand eine Geige stimmte. Es wurde wieder still draußen. In die einleitenden Akkorde des Flügels verwob sich das allmähliche Hellerwerden der Töne des Saiteninstruments.

»Viktor«, sprach Frau Harthilt leise, »ich kenne dies Musikstück für Violine und Klavier; es nimmt eine Viertelstunde in Anspruch. Wahrscheinlich wird Professor Marsik auch noch eine Zugabe spielen. Wir hätten viel Zeit, miteinander zu sprechen.«

»Sie wissen, daß ich nichts lieber tue«, murmelte der junge Mensch.

»Ein Fest im Hause Ihres Vaters«, flüsterte Frau Harthilt weiter. »Neunundvierzig Menschen achten genau auf das, was der fünfzigste tut. Ich habe Ihrer Mutter versprochen, mit Ihnen zu reden. Das kann während des Konzerts ungestört geschehen.«

Viktor lächelte bitter und meinte: »Nur das ist's, was mir den Vorzug des Alleinseins mit Ihnen verschafft. Immer wieder bin ich der Tor, der sich einbildet, Sie suchten aus Gründen der Zuneigung meine Gesellschaft. Aber, bitte – verhören Sie mich im Auftrag meiner Mutter!«

»Es ist auch mein Verhör«, gab Harthilt zu.

»Ich bin bereit«, verhieß er, und ein Ausdruck tiefen Bekümmertseins machte seine Züge schlaff und müde.

»Ihre Mutter weiß von einem Scheck, den Ihr Vater Ihnen schenkte. Sie erhielten ihn für das Versprechen, wenige Tage später zu beichten, wofür Sie das Geld brauchten. Sie haben nicht Wort gehalten.«

»Den Scheck löste ich längst ein, das Geld besitze ich noch. Ich konnte es noch nicht dorthin bringen, wohin es gehört. Es ist eine verworrene Geschichte. Man würde sie mir nicht glauben. Das machte ich mir zu spät klar, und darum schwieg ich.«

Frau Harthilt überlegte: »So sehr verworren kann eine Geschichte niemals sein, daß ein Mensch mit menschlichem Sprachvermögen nicht fertigbrächte, Teil um Teil aus der Wirrnis zu lösen. Könnte das hinsichtlich Ihrer Geschichte durch geduldiges Fragen geschehen, Viktor?«

»Vielleicht. Mein Vater jedoch hat diese Geduld nicht mit mir, und meine Mutter überschwemmt jede Auseinandersetzung mit Tränenströmen. Zu ihr kann ich am wenigsten Vertrauen fassen, und mein Vater macht mich durch seine unerbittliche Strenge furchtsam und scheu.«

»Oftmals vermag ein anderer Mensch klar zu sagen, was der eine nur verworren vorbringt. Wollen Sie mich Mittlerin sein lassen zwischen Ihnen und den durch Ihr Schweigen bedrückten Eltern?«

»Stellen Sie Fragen!« schlug er vor, wobei er sich von dem Sofa erheben wollte.

Rasch griff die schöne Frau nach der Hand des jungen Freundes.

»Nicht so«, bat sie. »Sie sollen neben mir sitzen bleiben. Und solange wir miteinander sprechen, werde ich Ihre Hände halten. Ist das nicht ein Vorzug, den ich keinem sonst gewähre?«

Viktor nickte nur. Das Glück der Berührung dieser samtzarten Hand nahm ihm die Stimme. Er zog für ein paar Sekunden die sänftigende Frauenhand an seine Wange, an die pochende Schläfe, zuletzt auch an die heißen Lippen.

Frau Harthilt begann: »Sie hatten mit dem Scheck Ihres Vaters eine Schuld zu tilgen. Wie war diese Schuld entstanden?«

»Ich hatte mir Geld geliehen.«

»Von einem Fremden? Hätten Sie nicht, was Sie nun doch vom Vater erhielten, durch eine ehrliche, rechtzeitige Bitte von ihm erhalten können?«

»Nur dann, wenn ich gestanden hätte, um was sich's handelte. Der Fremde gab dem Sohn des Kommerzienrats Felsing, ohne auf ein Geständnis zu dringen.«

»Wer solche Schulden macht, tut es doch nur, um eine anderen Ortes gemachte Schuld zu löschen. Der Mann, dem Sie das Geld oder den Scheck zu geben haben, war also bereits Ihr zweiter Gläubiger. Und wer nun war der erste?«

Frau Harthilt staunte über den seltsamen, verzweifelten, halb irren Blick, mit dem Viktor zunächst stumm auf die Frage antwortete. Sie streichelte seine Hand, um ihm Mut zu machen.

Er vergalt die Liebkosung durch ein zitternd geflüstertes: »Ich liebe Sie, Harthilt.«

»Beweisen Sie das, indem Sie mir nichts verschweigen!« forderte sie.

Da erzählte er: »Es war vor vielen Wochen. Um eines mir unerträglich gewordenen Zustandes Ehe zu erkaufen, ging ich zu einem Manne, der mir als mein Feind galt. Er verspottete mich zunächst. Schließlich nahm er mir ein Versprechen ab, das ihm als Entgelt dienen sollte für das, was ich von ihm forderte. Wir kamen überein, erst wenn ich mein Versprechen gehalten haben würde, müsse er sein Gegenversprechen wahr machen. Ich hielt mein Versprechen und wartete in Geduld. Da eines Tages erhielt ich einen Brief. Den wenigen Worten lag Geld bei. Mein Feind schrieb, er habe seine Kraft, mich durch die Tat zu entlohnen, weit überschätzt, und so entlohne er mich nur durch Geld. Was meinerseits geschehen, war nie wieder gutzumachen. Die furchtbare Enttäuschung riß mich in einen Taumel der Besinnungslosigkeit. Ich habe das Geld mit vollen Händen verschleudert, verschenkt, förmlich von mir geworfen, denn es war unerhört schmutzig erworben, wenn auch erworben wider meinen Willen. Kein Heller blieb übrig.«

»Haben Sie auch mir von dem Geld Geschenke gemacht?« forschte Harthilt streng.

»Ihnen – gerade Ihnen?« rief Viktor nach einem schneidenden Auflachen. »Nahmen Sie von mir je mehr als ein paar armselige Blumen?«

»Ihre Blumen waren oft sehr kostbar.«

»Seien Sie beruhigt; sie waren stets bezahlt von den Einkünften, die mein Vater mir gewährt.« Nach dieser Versicherung erzählte Viktor weiter: »Als ich den letzten Groschen vertan hatte, kam ich zur Besinnung. Ich borgte mir anderweitig das Geld und ging zu meinem Feinde, um ihm die gleiche Summe zurückzugeben. Er nahm es nicht. Nach einem erbitterten Streit ging ich fort. Umstände hielten mich davon ab, ihm das Schandgeld vor die Füße zu werfen. Es war ja eigentlich fremdes, nicht mein eigenes Geld. Ich wollte meinem zweiten Gläubiger die Summe zurückbringen. Ich weiß bestimmt, daß ich eine Stunde vor dem Entschluß die Banknoten noch besaß. Nur eine Minute nach meinem Entschluß entdeckte ich, daß ich sie verloren hatte. Ich konnte weder die eine noch die andere Schuld tilgen. Mit dieser Entdeckung Hand in Hand ging eine schreckliche andere: ich war obendrein ein Gerichteter! Ich weiß nicht, ob ich schuldig oder vollkommen schuldlos bin, ob das Geschehene nur ein böser Traum ist oder furchtbare Wirklichkeit. So warte ich nun auf den Zufall, der mich entweder freispricht oder – entlarvt.«

Viktor schwieg. Im Musikzimmer drüben erging die Geige sich in hüpfenden, lustigen Kadenzen und Trillern. Die Zwischenspiele auf dem Flügel antworteten wie in einem behäbigen, glücklichen Mitfreuen.

»Verworren ...«, erinnerte Frau Harthilt sich des Ausdrucks ihres jungen Freundes. »Man kann Ihre Geschichte nicht verworren nennen. Sie klingt nur dunkel. Doch das, weil Sie vom Zuhörer verlangen, er solle sich mit Andeutungen zufrieden geben. Ein Mensch, der sein sonderbares Verhalten lediglich in Andeutungen erläutert, der kann nicht von sich sagen wollen, nun habe er sich gerechtfertigt. Ich werde also Ihrer Mutter mitteilen, die Zwiesprache zwischen Ihnen und mir habe uns Ihrer Rechtfertigung wenigstens nähergebracht. Warten wir auf den Augenblick, der mir restlos Ihr Vertrauen offenbart, Viktor.«

»Sie sind die Güte Gottes selbst«, murmelte der junge Mensch dankbar und preßte sein Gesicht auf die kühlen Frauenhände. »Ich liebe Sie, Harthilt.«

»Sie sind um zwölf Jahre jünger als ich«, erinnerte Frau Harthilt sanft.

»Muß das ausschließen, daß Sie meine Liebe erwidern?«

Sie tröstete: »Ich will versuchen, mich in Ihre Liebe hineinzudenken. Das ist kein leeres Versprechen, und ich gebe dies Versprechen auch nicht, um Ihnen jetzt einen Namen zu entlocken. Ich fühle, ahne oder errate: es muß ein Name in Ihrer Geschichte vorkommen. Ein Name, den ich Ihren Eltern verschweigen werde. Sie brauchen diesen Namen nicht auf die Lippen zu nehmen. Ich will es für Sie tun: Beverstorff! Habe ich recht?«

Nach schwerem Ringen mit sich selbst neigte Viktor bejahend das Haupt.

»Ich will Sie freiwillig küssen«, verhieß die schöne Frau. »Mich dünkt, Sie hatten den leidenschaftlichen Willen, mir ein Opfer zu bringen. Das adelt Ihr Tun, wenn wahrscheinlich auch nur in meinen Augen, nicht in den Augen der Welt. Selbst mein Kuß wird nur ein karger Dank sein.«

Einen Pulsschlag lang ruhte der weiche Frauenmund auf den Lippen des Beglückten. Im Musikzimmer dröhnte der Flügel die Schlußakkorde des Vortrages. Da betrat einer der Felsingschen Diener den Nebenraum.

»Verzeihung, gnädige Frau«, bat er und meldete: »Vor der Villa hält ein Auto. Zwei Herren, die von Ihrem Hiersein wissen, lassen sich nicht abweisen. Sie behaupten, sogleich mit Ihnen sprechen zu müssen.«

Frau Harthilt erhob sich sofort. Ihr stolzes Antlitz war schneebleich geworden. Sie besann sich flüchtig, was zu tun sei. Dann wandte sie sich Viktor zu.

»Wir werden einander lange Zeit nicht wiedersehen«, sagte sie zu ihm und küßte ihn abermals, ohne der Gegenwart des Dieners zu achten.

Der alte Mann öffnete eine Nebentür und murmelte bedrückt: »Wenn ich bitten darf, gnädige Frau – hier hinaus.«

In der hell erleuchteten Vorhalle der Villa warteten die beiden Männer. Frau Harthilt trat sogleich auf sie zu. Der eine war Kommissar Weinreich.

Seine häßlichen kleinen Augen glitten über die schöne Frauenerscheinung. Er stellte fest, daß Frau Beverstorff wirklich dunkle Brauen hatte im Gegensatz zu ihren rotblonden Flechten. Dann heftete er den Blick auf die Hände: schlanke, vornehme Hände, an denen die polierten Fingernägel lang gepflegt blitzten.

Er sagte höflich: »Es wird gut sein, wenn wir zunächst nach Ihrem Heim fahren. Ich will Ihnen Gelegenheit zum Umkleiden geben. Aber Sie müßten das schon in meinem Beisein tun.«

Mit einer gebieterischen Geste unterbrach die kühle Frau: »Im Festgewande wandert man nicht gern hinter Gefängnisgitter. Sie sollen Ihren Willen haben, obwohl Sie mich in meinem Ankleidezimmer allein lassen könnten. Daß ich zum Selbstmord nicht feige genug bin, das habe ich mir schon selbst bewiesen.«

*

Die Mittagsblätter brachten eine Notiz: »In der Beverstorffschen Mordsache wurde gestern abend als dringend der Tat verdächtig die Gattin des Getöteten dem Untersuchungsrichter Dr. Aurelius vorgeführt. Die erste Vernehmung dauerte die halbe Nacht hindurch. Frau Beverstorff gibt zu, nach schon vielen außerordentlich erregenden Zwistigkeiten auch einen Tag vor der Ermordung ihres Mannes eine sehr heftige Auseinandersetzung mit ihm gehabt zu haben. Sie hüllt sich jedoch sonst in Schweigen und verweigert jede Aussage. Die Staatsanwaltschaft verfügt die Inhaftnahme der Tatverdächtigen. Die Kriminalbehörden sind überzeugt, mit diesen Maßnahmen nun der Enträtselung des Verbrechens nahegerückt zu sein.«

Kommerzienrat Felsing legte die Zeitung auf die Platte seines Schreibtisches. In einer unwillkürlichen Bewegung fuhr er mit der Hand glättend über das Blatt. Das sah aus, als mache er einen Versuch, das soeben Gelesene von dem Zeitungsbogen fortzuwischen, weil die Notiz gar zu unglaublich klang.

Er mußte wirklich erst nachdenken:

Frau Harthilt war plötzlich von dem festlichen Abend in der Villa verschwunden ... der alte Diener Wilhelm hatte ihm heimlich gemeldet, zwei Herren, über deren Zugehörigkeit zur Polizei er nicht im Zweifel gewesen sei, hätten die Dame abgeholt.

Das Tischtelefon schrillte und riß den alten Herrn aus seinem Nachdenken. Eine Frauenstimme meldete: »Fernsprechzentrale der Fabrik. Herr Kommerzienrat, eine junge Dame wünscht Sie zu sprechen. Sie sagt, sie habe bereits vor vier Tagen den Herrn Kommerzienrat von ihrem Kommen verständigt.«

Felsing warf einen Blick auf den Umblätterkalender. Richtig, da stand: »Halb zwölf telefonischer Anruf der Unbekannten.« Die Person hielt auf die Minute genau Zeit und Tag ein, indem sie selbst kam.

Der Kommerzienrat sprach in die Muschel: »Es stimmt. Das Fräulein kann ins Privatkontor kommen.«

Wenige Minuten später sah der alte Herr sich einer wahrhaft schönen Blondine gegenüber. Sie blieb nahe der Tür stehen und lächelte den verwunderten Mann an, offenbar sich dessen sehr bewußt, daß ihre liebreizende Erscheinung Eindruck machen werde.«

»Sind wir einander schon einmal begegnet?« forschte Felsing.

»Meines Wissens noch nie, Herr Kommerzienrat«, klang die melodisch helle Stimme auf, die durchaus zu dem entzückenden Persönchen paßte.

»Wie seltsam!« meinte Felsing. »Ich würde schwören, Sie schon gesehen zu haben. Und zwar war das – hm, ja, wann und wo? Ich komme jetzt nicht darauf. Na, es ist wahrscheinlich gleichgültig, aber es war keineswegs in einer für Sie angenehmen Situation.«

Immer wieder versuchte er, ein schnell verhuschendes Bild festzuhalten. Vergeblich. Ihm war entfallen, daß diese hübsche Person als Polizeigefangene an seinem Auto vorübergeführt worden war am Tage der Einäscherung Beverstorffs.

Er lud ein: »Darf ich bitten, Platz zu nehmen! Und – Ihr Name?«

»Wir wollen warten, ob der Verlauf unserer Unterredung die Namensnennung nötig macht«, schlug die Fremde vor.

Der Kommerzienrat sah die Besucherin ernst an: »Ich bin kein Freund von Geheimtuereien, meine Dame. Obzwar die Kriminalbehörde gewiß zu allen erdenklichen Mitteln zu greifen berechtigt ist, kann ich mir nicht vorstellen, ein so hübsches Geschöpf wie Sie –«

Er unterbrach sich und sandte nun doch ein Lächeln des Wohlgefallens zu ihr hinüber. Sie hatte gar zu hübsche, ehrliche Blauaugen.

Sie versicherte: »Ich bestritt neulich am Telefon, der Kriminalpolizei anzugehören. Ich stehe denn auch wirklich in nur sehr entfernten Beziehungen zu dieser Behörde.«

»Aber doch in Beziehungen«, griff der alte Herr die Bemerkung auf.

»Diese Beziehungen haben einen rein privaten Charakter. Mit meinem Besuch bei Ihnen haben sie nichts zu tun.«

»Kommen wir zu den Gründen Ihres Besuchs«, knüpfte Felsing an. »Sie machten bei unserem Ferngespräch vor vier Tagen Andeutungen, die einer Verdächtigung meines Sohnes gleichkamen. Kennen Sie meinen Sohn?«

»Nein. Ich bin gekommen, ihn kennenzulernen.«

Der Kommerzienrat schaltete das Tischtelefon ein und bat die kaufmännische Abteilung, man möge den jungen Herrn zu ihm schicken.

»So, meine Dame«, sagte er. »Die Bekanntschaft ist sofort zu vermitteln. Bevor mein Sohn kommt, möchte ich aber eines zur Sprache bringen. Ich habe mehr als genug Grund, unzufrieden mit ihm zu sein. Nie und nimmer aber glaube ich, er sei der Verräter aus meiner Umgebung, von dem Sie da neulich phantasierten. Zugleich allerdings muß ich zugestehen: meine eigenen Nachforschungen so wenig wie die meines Chefingenieurs Möhring ergaben auch nur im geringsten einen Verdacht, der sich auf eine verräterische Persönlichkeit innerhalb der Fabrik anwenden ließe. Von einer Persönlichkeit aus meiner Familie ganz zu schweigen.«

Die blonde junge Frau erinnerte: »Daß man dem Beverstorff das Projekt Ihrer Flammenschrift vorzeitig verriet, darüber bestehen aber keine Zweifel?«

»Ein Verrat ist bestimmt geschehen«, gab der Kommerzienrat zu. »Er hat für mein Unternehmen die Rentabilität der beweglichen Lichtbuchstaben um einige hunderttausend Mark verringert. Ich gäbe viel darum, würde der Verräter entdeckt. Wer das eine Fabrikgeheimnis verraten konnte, wird deren noch mehr verraten, müßte also unschädlich gemacht werden. Das darf ruhig viel Geld kosten. Ich setze hiermit eine hohe Belohnung aus. – Nun, meine Dame, das ist ja wohl der Grund Ihres Fernrufes von neulich wie der Grund Ihres Kommens heute.«

»Wirklich nicht, Herr Kommerzienrat!«

Die Fremde verwahrte sich des Anwurfs mit einem so eindringlich abweisenden Blick, daß das Ehrliche ihrer Versicherung nicht anzuzweifeln war.

Auch ihre Stimme klang tiefer und ernster in den Worten: »Mich treiben seltsame Verkettungen, nach dem Mörder Beverstorffs zu suchen. Bitte begnügen Sie sich mit dieser Andeutung!«

Das Schwirren der Fernsprecherglocke unterbrach. Der alte Felsing griff den Hörer auf und vernahm die Telefonistin der Fabrik: »Der junge Herr ist nirgends aufzufinden, Herr Kommerzienrat. Ich habe alle Räume und Werkstätten angerufen.«

»Dann verbinden Sie mich mit der Wohnung«, ersuchte der Kommerzienrat.

Er wartete, bis sich aus der Villa die Stimme eines Dieners meldete. Nachdem er den Sohn zu sprechen gewünscht hatte, erfuhr er auch hier, der junge Herr sei nicht im Hause. Aergerlich gebot er, man möge erst richtig nachsehen und dann anrufen. Er hängte den Hörer ein.

Dann griff er zurück auf die letzte Bemerkung der jungen Frau: »Sie sprachen soeben von Ihrer Suche nach dem Mörder Beverstorffs. Man hat aus meinem Hause, von meinem Gesellschaftsabend hinweg Frau Beverstorff als der Tat verdächtig verhaftet.«

»Das ist mir bekannt«, erklärte die Besucherin. »Kriminalkommissar Weinreich ist nun einmal der Ueberzeugung, nach einem weiblichen Täter suchen zu müssen. Ich werde nächstens beweisen, auf was für falschen Voraussetzungen diese Ueberzeugung beruht. Allerdings traf ich während meiner eigenen Fahndungen auf Umstände, für die ich keinerlei Erklärungen habe. So widersinnig die Umstände, so bin ich doch gezwungen, rechtzeitig aufzuhellen, daß hier nur ein geradezu absonderlicher, rätselhafter Zufall obwaltet. Eine Frau soll das Verbrechen verübt haben? Welch eine törichte Annahme! Dann könnte ebensogut ich diese Frau sein.«

»Dann sind Sie wohl so etwas wie eine Privatdetektivin?« fragte Felsing.

»Ja, aber in meinem eigenen Interesse«, gab die Fremde zu. »Der vorzeitige Tod Beverstorffs wurde für mich von großer Bedeutung. Ich hatte das allerstärkste Interesse daran, ihn recht lange am Leben zu wissen. So suche ich vielleicht nach dem Täter, nur um dem beim Weibe weit stärker als beim Manne ausgeprägten Rachsuchtsverlangen frönen zu können.«

»Höchst seltsame Erörterungen«, wunderte sich der Kommerzienrat. »Was aber hätte das alles mit meinem Sohne Viktor zu tun? Sie mutmaßen offenbar in ihm den Verräter eines Geheimnisses meiner Fabrik?«

Sofort unterbrach die junge Frau: »Nicht nur das! Sie mögen mich für irrsinnig halten, wenn ich jetzt stracks behaupte: verriet Ihr Sohn das Fabrikgeheimnis, dann hat er auch den, dem er dies Geheimnis offenbarte, ums Leben gebracht. Ich kam hierher, ihm das ins Gesicht zu sagen.«

Felsing starrte mit weit offenem Munde zu dem rätselhaften Wesen hinüber. Um der Worte für eine Entgegnung Herr zu sein, war er zu fassungslos über die jetzt so bestimmten Anklagen der Fremden. Er wälzte die trockene Zunge im Munde und brachte nur ungegliederte Silben über die Lippen.

Die Telefonklingel zerriß abermals die Stille. Der alte Mann hörte es nicht in seinem unbeschreiblichen Staunen. Die Besucherin mußte ihn aufmerksam machen. Er tastete nach dem Fernhörer, als sei er sich der Handbewegung gar nicht bewußt.

Nicht nur in Wirklichkeit aus weiter Ferne, nein, wie im Traume vernahm er so die Stimme seiner Frau: »Hier ist Julie. Du fragtest nach Viktor, um Gottes willen, was bedeutet das alles? Das Bett in seinem Schlafzimmer ist unberührt. Der Abendanzug von gestern liegt achtlos hingeworfen auf dem Teppich. Die Schranktüren stehen offen. Kleider und Wäsche sind durchwühlt. Der Hausmeister behauptet, Viktor habe sich in der Nacht aus der Villa entfernt. Er soll eine Reisetasche getragen haben. Alles deutet auf eine Flucht.«

»Schon gut, Julie«, tröstete der alte Felsing, mühsam die Worte formend. »Mach dir keine Sorgen! Der Junge hat wieder mal Leichtsinnsanwandlungen. Ich hätte ihn zwar dringend hier gebraucht, aber es wird auch ohne ihn gehen.«

Er legte den Hörer hin und saß da, als hätte er die fremde Frau vergessen.

Endlich besann er sich. »Meine Dame, es wird nicht möglich sein, daß Sie Ihr furchtbares Vorhaben, von Angesicht zu Angesicht meinen Sohn des Verrates und des Mordes zu bezichtigen, heute durchführen. Er ist nirgends aufzufinden.«

Die blonde Frau erhob sich: »Dann wenigstens eine Bitte, Herr Kommerzienrat. Stellen Sie fest, ob sich auf einem hellen Ulster Ihres Sohnes die Spuren fortgewaschener Blutflecke vorfinden. Er trägt doch einen hellen Ulster?«

»Ja, wenigstens häufig.«

»Und er ist leicht kenntlich an einer Narbe am Kinn – vielleicht auch an der auffälligen Gegensätzlichkeit seiner blonden Haarfarbe und seiner schwarzen Augen in einem bleich aussehenden Gesicht?«

»Was – was ist das?« fuhr der alte Herr auf. »Soll das eine Beschreibung des Mörders sein? Dann trifft sie nicht im entferntesten auf meinen Sohn zu. Er könnte auffällig sein durch ganz andere Gegensätze: hellgraue Augen in einem von Natur dunkel getönten Antlitz. Von einer Narbe am Kinn kann gar nicht die Rede sein. Und einen hellen Ulster tragen gar viele junge Leute.«

Die Fremde warnte: »Herr Kommerzienrat, ich habe aus einigen Worten Ihrer Telefongespräche vorhin erraten, daß die Abwesenheit Ihres Sohnes für Sie selbst überraschend ist. Er könnte geflüchtet sein. Decken Sie ihn jetzt nicht durch angeblich unrichtige Beschreibung seines Aeußeren?«

Stolz reckte sich der eben noch gebeugte Mann auf. »Noch immer bin ich der alte Felsing. Wäre Viktor der Täter, so schützte ihn der Umstand, daß er mein Sohn ist, nicht vor den Behörden. Und nun Schluß! Machen wir dieser überflüssigen Unterredung schleunigst ein Ende!«

Als Frau Alma gegangen war, überlegte sie eine seltsame Tatsache: Sylvia Rickstetten hatte an dem Manne mit dem verlorenen Gelde Gegensätze geschildert, die wie ein absichtlich gewähltes, genaues Gegenteil jener Beschreibung lauteten, die der Kommerzienrat vorgebracht hatte. Hier dunkles Gesicht und helle Augen, dort helles Gesicht und dunkle Augen.

Sie fuhr schleunigst nach dem Hospiz der Heilsarmee, wo sie ihren Schützling untergebracht hatte. Aber das Mädchen blieb hartnäckig bei den strohblonden Haaren und dem bleichen Gesicht, bei den schwarzen Augen und der Narbe am Kinn.


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