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3.

Der schöne deutsche Name Harthilt paßte zu der hochgewachsenen rotblonden Frau. Sie verschmähte es, die Mode mitzumachen, und trug die wahrhaft mächtige Last ihrer kupferfarbenen Haarkrone in zwei um das Haupt geschlungenen schweren Flechten.

Sonst aber ging Frau Harthilt mit der Zeitrichtung. Sie verschmähte Puder und Lippenstift nicht und mußte dafür oft genug die spöttische Verwunderung ihrer Freundin Julie Felsing über sich ergehen lassen. Ihr Körper war gestählt vom Sporttreiben.

Frau Harthilt drückte eine Zigarette aus in der kristallenen Aschenschale. Erst dann blies sie den zuletzt eingesogenen Rauch über die Lippen. Nun verschränkte sie die Arme unter der Brust und schritt ein paarmal auf und ab in dem schmalen Raum zwischen dem Schreibtisch und einem breit ausladend gebauten Bücherschrank. Jäh blieb sie endlich stehen vor dem jugendlichen Mann, der mit gesenkter Stirn, tief in den Klubsessel vergraben, dasaß wie in sich selbst versunken.

»Eine schreckliche Nachricht, Viktor«, sagte sie. »Und doch eine Erlösung. Eine Erlösung aus Jahren der Qual. Als ich mich von Beverstorff trennte, da versprach er mir, so rasch wie durchführbar die Scheidung ins Werk zu setzen. Nicht das Geringste unternahm er, um sein Versprechen wahr zu machen.«

»Versprechungen halten, das war wohl überhaupt nicht seine Art«, warf der junge Mensch dazwischen.

»Kam ich zu ihm, so überhäufte er mich mit Hohn: es mache ihm Freude, mich mit der Kette klirren zu lassen – er fühle sich als lediger Ehemann pudelwohl, und er lege mir nichts in den Weg, wenn ich nach seinen Grundsätzen leben wolle. Nämlich: nichts zu entbehren von dem, was dem gärenden Blute Ruhe verschafft, ohne mehr als die Verpflichtung, nur solange es dem Menschen Spaß macht, die Treue zu wahren.«

»Schurke!« murmelte Viktor zähneknirschend. Dann, ohne zu der Erzählenden aufzublicken, forschte er: »Sie haßten Ihren Mann?«

»Haß? Nein, mehr als das. Schlimmer als das. Als ich vorgestern eine letzte Unterredung mit ihm hatte, als ich nach tausend vergeblichen Bitten und Beschwörungen, tausend verlachten Vorstellungen von ihm schied, da trug ich mit mir hinaus das Gefühl – wie soll ich's beschreiben? – ja, das Fühlen einer aufs äußerste gereizten Frau, die nur aus feiger Angst vor den Folgen ihrer Tat es nicht fertigbringt, mit Nägeln, Zähnen oder mit irgendeiner Waffe den Peiniger zu zerfleischen, auf daß er nicht länger peinigen kann.«

»Mit anderen Worten, Frau Harthilt: Sie wären des Mordes an dem Manne fähig gewesen, an dem nun ohnehin ein Mord verübt wurde!«

»So ähnlich«, gab sie zu. »Die Hand, die meinen Peiniger tötete – würde sie mir in dieser Sekunde jetzt entgegengestreckt, ich würde sie dankbar küssen.«

Nun erst erhob Viktor sein dunkelfarbiges Antlitz, die von schwarzen Brauen überwölbten eigenartig hellgrauen Augen zu der Sprecherin.

»Ich glaube Ihnen nicht, Frau Harthilt«, sagte er langsam.

»Sie dürfen mir glauben, Viktor«, versicherte sie. »Ich habe mich nicht nach dem Leben, was ihr so Leben nennt, gesehnt. Dazu fühle ich zu wenig, zu kühl, zu besonnen, zu wunschlos. Aber all meine Sehnsucht nach dem Freisein, nach dem Befreitwerden von dem meine Freiheit knechtenden Manne – diese Sehnsucht war bis an die Grenze der Verzweiflung getrieben. Der verzweifelte Mensch ist zu allem fähig: zur Selbstvernichtung wie zur Vernichtung eines anderen. Selbstvernichtung – hierzu bin ich zu klug oder zu – feige. Nein, nicht zu feige. Doch wir wollen davon nicht sprechen.«

Sie errötete tief, eine Welle von Purpur jagte plötzlich über die schönen Züge. Frau Harthilt schritt rasch an das Fenster, als wolle sie dem jugendlichen Freunde ihr Gesicht verbergen, damit er nicht sähe, wie eine schreckliche Erinnerung in ihr aufstieg.

Viktor knüpfte an: »Sie sprechen von dem, den Haß zur Verzweiflung treibt. Sie würden anders sprechen von einem, den Liebe zur Verzweiflung trieb.«

Die rotblonde Frau kehrte in die Mitte des Zimmers zurück und ließ sich wieder in dem Klubsessel gegenüber dem Besucher nieder.

»Die Liebe eines Menschen erkauft man freilich nicht durch eine Tat der Verzweiflung«, bekräftigte sie.

»Auch nicht, wenn durch eine solche Tat versucht würde, über den Weg der Dankbarkeit hinzugelangen zur Liebe?«

»Dankbarkeit, Mitleid und Liebe sind gewiß einander verwandt«, überlegte die Frau. »Doch wenn Dankbarkeit erzeugt werden soll durch etwas, was uns moralisch trennt von dem Menschen, so ist kein noch so sehr zur Dankbarkeit verpflichtetes Weib fähig, Liebe zu geben, wo Entsetzen oder Furcht oder Schaudern die Wirkung der Verzweiflungstat eines Mannes sein müßte.«

Viktor erinnerte: »Und doch sagten Sie soeben, Sie vermöchten die Hand, die Ihren Peiniger tötete, dankbar zu küssen.«

»Ja, jetzt und in der Aufwallung dieser Minuten«, stellte Frau Harthilt richtig. »Danach allerdings würde mich doch das Grauen vor dem Mörder packen, und ich müßte mich von ihm wenden.«

Viktor erhob sich. Er kehrte sich der Wand zu und betrachtete eingehend das Bildnis eines Pferdes. Dies Bild hing hier, weil es den Lieblingsgaul aus den guten Tagen der Frau Harthilt darstellte. Eine Erinnerung an die Zeit vor der Ehe mit Arthur Beverstorff.

In dieser Stellung sagte Viktor: »Ich hätte mich also sehr unglücklich gemacht, wenn ich es gewesen wäre, der Ihren Gatten getötet hätte – aus Liebe für Sie und um Ihre Gegenliebe zu erringen.«

Plötzlich drehte er sich um. Ehe die kühle Frau es verhindern konnte, warf er sich auf die Knie und barg sein Gesicht in ihrem Schoße. Es war, als schüttelten Krämpfe den Körper des jungen Menschen.

Sie legte zart die ineinandergefalteten Hände auf das Haupt des Freundes und flüsterte: »Ich hielt Ihre Liebe für die Schwärmerei, die man einer unfreien und begehrenswerten, weil unerreichbaren Frau entgegenbringt.«

»Nein, ich liebe Sie!« klang es zurück.

Nachsinnend meinte Frau Harthilt: »Ich habe noch nie Liebe gefühlt, soweit ich meine Jahre zwischen achtzehn und dreißig überblicke. Meine Ehe war eine geschäftliche Transaktion meines Vaters. Beverstorff hat mich nicht geliebt, so wenig, wie ich ihn liebte. Ihm ging es nur um den Besitz, den er vergeblich zu erzwingen suchte. Ich kann keinen Mann lieben. Nach dieser Ehe und nach der Erlösung so schrecklicher Art erst recht nicht.«

»Aber ich liebe Sie«, beharrte Viktor. Langsam und deutlich fügte er hinzu: »Wenn ich die Erlösung bewirkt hätte, würden Sie das als den höchsten Beweis meiner Liebe gelten lassen? Oder würden Sie sich von mir wenden müssen voll Entsetzen, Furcht oder Grauen, wie Sie vorhin sagten?«

Frau Harthilt drängte den jungen Menschen von sich. Sie stand auf und zog sich in einen Winkel zurück, der durch den Schreibtisch verschanzt war. Hier konnte Viktor ihr nicht nochmals gegen ihren Willen nahekommen.

Aus der Entfernung stellte sie fest: »Ich höre aus Ihren Worten zunächst nur eines: Sie gefallen sich in der Rolle des Befreiers. Das heißt, Sie spielen sich geistig in diese Rolle hinein, mimen Sie vor sich selbst. Wer einen Mord beging, der geht nicht zu der Frau, um derentwillen die Tat geschah, und brüstet sich mit seinem Verbrechen.«

»Auch dann nicht, wenn solch ein Geständnis nichts anderes bezweckte, als die Größe der gehegten Liebe zu erhärten?« bestürmte Viktor die Freundin.

»Lassen Sie uns das Gespräch beenden«, bat Frau Harthilt, als sie sich in die Enge getrieben sah. »Sie können mich nicht überzeugen, daß Sie sich zum Blutrichter meines Mannes machten. Im übrigen eine seltsame Unterhaltung und eine eigentümliche Art, mir eine Liebeserklärung zu machen. Aber Sie sind ja nun einmal ein ebenso eigentümlicher wie seltsamer Mensch.«

»Mein Vater drückt das derber aus«, sagte Viktor bitter. »Er nennt mich einen Phantasten, manchmal auch einen Narrenhäusler, der zu nichts nütze sei auf der Welt.« Dann aber wiederholte er kummervoll die letzten Worte der angebeteten Frau: »Ich könnte Sie nicht überzeugen, sagen Sie. Weshalb nicht, Frau Harthilt?«

Mit einer herrischen Geste schnitt sie ihm weitere Worte ab: »Gehen Sie jetzt, lieber Junge – bitte, gehen Sie! Ich bin unfähig, auch nur noch eine einzige Silbe mit Ihnen zu sprechen.«

»Nicht, bevor Sie mir geantwortet haben«, rief er mit flammenden Augen. »Sie sind nun frei, Harthilt, und Sie müssen meine Liebe erwidern. Warum kann ich Sie nicht überzeugen, ich hätte mir Ihre Liebe erkauft, indem ich die blutige Lösung Ihrer Ehe herbeiführte?«

Sie reckte ihre straffe Gestalt, zeigte die blitzenden Zähne und sagte hart: »Weil einzig ich den Jemand kenne, der dieser Tat fähig gewesen wäre.«

*

Der Mord an Arthur Beverstorff hatte ungeheures Aufsehen erregt. Namentlich in den Finanzkreisen der Stadt besprach man die Bedeutung des Todes dieses Mannes. Beverstorff war trotz geringer Herkunft ein kluger und überaus rühriger Geschäftsmann gewesen, der mit geradezu unheimlichem Glück immer wieder Teile seines Kapitalbesitzes in neu gegründete, oft wagehalsige und manchmal auch in durchaus nicht einwandfreie Unternehmungen steckte. In den tieferen Schichten der Bevölkerung wußten die meisten nichts weiter, als daß der Name Beverstorff und der Begriff Erfolg so ziemlich das gleiche bedeuteten. Daher umdrängte eine neugierige Menschenmenge das Krematorium, als nach der behördlichen Freigabe des Leichnams der Ermordete eingeäschert wurde.

»Es ist zweifelsohne Beverstorffs größter und glanzvollster Tag«, sagte Kommerzienrat Felsing zu seiner Frau.

Der alte Herr fand sich mit nur geringer Geduld darein, daß sein Auto auch nicht schneller vorwärtskam als alle die anderen Kraftwagen der endlosen Karawane. Behindert durch die Scharen der Fußgänger, kroch die Wagenschlange nur langsam dahin.

»Ja, Beverstorffs glanzvollster Tag«, fuhr der Kommerzienrat spottend fort. »Nur schade, daß er ihn nicht mehr erlebte.

Du bist so schweigsam, Julie«, zankte Felsing endlich. Er suchte nach einer Gelegenheit, seine Ungeduld an jemandem auslassen zu können. »Greift dir der grausame Tod Beverstorffs ans gute Herz? Oder bist du wie zumeist grundlos verstimmt? Regt dich die bevorstehende Feier auf? Die Feier mit all den schönen Reden über die Vortrefflichkeit der Eigenschaften des Dahingeschiedenen?«

»Ich habe mich über Viktor geärgert«, kam es unter dem tief verhüllenden Trauerschleier der Gattin hervor.

»Wann ärgert man sich nicht über den Jungen!« sagte Felsing grimmig.

Frau Julie fuhr fort: «Wir haben die Pflicht, der armen Harthilt tiefste Teilnahme zu bezeigen.«

»Ach so«, spöttelte der alte Herr. »Deshalb mummst du dich in Flor, schwarzen Krepp und Trauerfahnen, als wärest du die Hauptleidtragende.«

Ohne sich durch die Spitzfindigkeit des Gatten beirren zu lassen, vollendete sie: »Und Viktor entzieht sich der Pflicht, der Trauerfeier beizuwohnen. Ja, nicht nur das! Er erging sich in Verdächtigungen des Toten, in Ausdrücken ... ich war einfach starr. Was wird nun Harthilt denken, wenn sie unseren Sohn vermißt bei der Feier zur letzten Ehrung des so grauenvoll dahingeschiedenen Mannes!«

»Wundervoll hast du das gesagt, Julie«, setzte Felsing seinen Spott fort. »Du bist doch wirklich ein unbegreiflich weltfremdes Menschenkind. Ich fürchte immer, Viktor hat seine phantastische Veranlagung von dir geerbt; denn ich bin doch – – na, lassen wir das! Aber bildest du dir tatsächlich ein, Harthilt weine dem Toten auch nur eine Träne nach? Geschweige denn, daß sie bei der Einäscherung zugegen sein wird. Gewiß beklagenswert, auf so schauerliche Weise ums Leben zu kommen. Aber die Witwe – die, meine liebe törichte Julie, ist mit Sicherheit die am wenigsten traurige Persönlichkeit von allen, die dem Beverstorff zu seinen Lebzeiten nahestanden. Du weißt doch, was für eine Ehe das war.«

»Der Tod söhnt aus«, beharrte Frau Julie.

»Nicht mit einem Charakter wie dem dieses Beverstorff«, versetzte der Kommerzienrat knurrig. »Wenn Viktor sich weigerte, mitzufahren, wenn er abfällig über den Toten sprach, so liegt das wahrscheinlich an folgendem: er war gestern abend Zuhörer einer Unterredung zwischen mir und dem Chefingenieur meines Unternehmens. Ich sprach mich mit meinem getreuen Möhring aus über seltsame Tatsachen. Willst du sie hören, Julie?«

»Ja, natürlich – bitte, erzähle nur!«

Der alte Herr berichtete nun: »Möhring trug sich mit dem Projekt einer neuartigen beweglichen Lichtreklame. Er nannte diese Reklame sehr hübsch ›Flammenschrift‹. Die Flammenschrift erfüllt ihren Zweck selbstverständlich nur dann, wenn sie gezeigt werden kann an besonders exponierten Plätzen der Stadt, etwa auf den Giebeln von Eckhäusern namentlich in belebter Gegend. Es kamen für diesen Zweck nur fünf Stellen in Betracht. Als Möhring nun in meinem Auftrag sich mit den Hausbesitzern in Verbindung setzte, was erfuhren wir da? Beverstorff hatte sich alle Rechte auf die Hausgiebel schon gesichert. Wollten wir unser Projekt rasch verwirklichen, so blieb nichts übrig, als den schlauen Fuchs Beverstorff mit in die Kumpanei zu nehmen. Hätten wir das nicht getan, dann blieben uns die fünf günstigen Dachgiebel im wahren Sinne des Wortes unerreichbar. Wir hätten zusehen müssen, wie ein anderes Unternehmen mit dem finanziell stärker als ich gestellten Beverstorff an der Spitze uns den Rahm der von uns gekochten Milch vor der Nase abschöpfte. Mir und meinem getreuen Möhring ist also der Name Beverstorff gewissermaßen mit Flammenschrift ins Gedächtnis gebrannt. Möhring hat diesen Menschen wie einen Todfeind gehaßt.«

»Und ihn umgebracht«, warf Julie kühn ein.

Der Kommerzienrat fuhr förmlich in die Höhe: »Um des Himmels willen, Julie! Das sprich nicht woanders aus! Mach dir die möglichen Folgen klar!«

»Es war nur ein aufblitzender Gedanke – verzeih!«

Der alte Herr erzählte weiter: »Nun kommt aber etwas, was wie ein hämisch vergeltendes Schicksal anmutet. Vorgestern abend wurde unsere bewegliche Lichtreklame zum erstenmal gezeigt. Als unser wichtigster Abonnent – weil durch lange Wortfolgen einträglich – hatte sich der ›Kurier‹ gemeldet. Der Verlag bestand darauf, zuerst gezeigt zu werden. So lief denn über den nächtlichen Himmel erstmals als Flammenschrift eine Ankündigung dieser Zeitung. Und wie lauteten die lodernden Worte? In feurigen Buchstaben zog es dahin. ›Der »Kurier« als das am besten unterrichtete Blatt bringt in der heutigen Abendausgabe einen ausführlichen Bericht über die Ermordung unseres Mitbürgers Arthur Beverstorff.‹ – Die erste Flammenschrift verkündete weithin leuchtend der Stadt den Tod dessen, der meinen Möhring und mich um den Erfolg zu betrügen gesucht hatte.«

»Schauerlich«, bemerkte Frau Julie.

»Allerdings. Um so schauerlicher, wenn man sich die Tatsache vorhält, daß niemand so raffgierig war wie Beverstorff, die feuerflackernden Lichtbuchstaben der Flammenschrift sich finanziell rentieren zu sehen.«

In diesem Augenblick entstand ein Menschengedränge neben der ins Stocken geratenen Autokarawane. Felsing blickte durch die Scheibe. Er sah, wie zwei kräftige Männer des Weges kamen, zwischen denen eine bleich aussehende junge Frau aufrecht und selbstbewußt einherschritt. Ein Gewirr schwatzender Neugieriger folgte der Gruppe.

»Da haben sie wohl eine Taschendiebin gefaßt, die in der gafftollen Menschheit ihr Schäfchen scheren wollte«, meinte der alte Herr und ließ die Scheibe herunter.

Auf seine Frage, was da los sei, blieb ein Mann vor dem Wagenfenster stehen und erzählte: »Die Polizei sucht doch eifrig nach dem Mörder Beverstorffs. Die junge Person soll sich in der Kapelle des Krematoriums auffällig benommen haben.«

Der Strom der Neugierigen schwemmte den Mann weiter. Zugleich kam Bewegung in die Schlange der Kraftwagen.

*

Eine Viertelstunde später wurde die verhaftete Frau dem Kommissar Weinreich vorgeführt.

»Standen Sie dem Toten persönlich nahe?« begann er das Verhör.

»Das bestreite ich«, antwortete das junge Weib ruhig.

»Und da benehmen Sie sich wie eine Rasende, weil man Ihnen, einer völlig Fremden, einen letzten Blick auf den Aufgebahrten verweigert?«

»Wie eine Rasende?« tadelte die Frau. »Das ist maßlos übertrieben. Ich habe mich nur etwas vordrängen wollen, und da wurde ich schon festgenommen.«

»Sie benahmen sich verdächtig.«

»Ich wüßte nicht wodurch.«

»Geben Sie Ihre Personalien an! Wer sind Sie?«

»Ich bin die Frau Ihres Unterbeamten Friedrich Schulze.

Der Kommissar guckte verblüfft, dann rief er: »Wenn Sie hier dumme Witze machen wollen, dann können Sie was erleben. Wohl ein Versuch, hier die Verrückte zu spielen? Schön, zunächst nennen Sie sich Frau Schulze! Nun, Frau – eh – Schulze, was hatten Sie in der Kapelle des Krematoriums zu suchen, die doch reserviert war für die der Person des Toten Nächststehenden?«

»Nichts weiter, als daß ich mir den Aufgebahrten mal ansehen wollte, weil mein Mann mit dem Fall zu tun hat. Ich habe eine Neigung für die kriminalistische Tätigkeit.

Weinreich wetterte von neuem los: »Ich warne Sie, treiben Sie die Frechheit nicht zu weit!«

Ganz verwundert fragte die junge Frau: »Aber was gibt Ihnen eigentlich das Recht, meine Angaben zu bezweifeln? Sie brauchen ja nur meinen Mann herzurufen.«

»Da haben wir's ja!« triumphierte der Kommissar. »Wären Sie Frau Schulze, so wüßten Sie, daß der Mann nicht im Hause ist, sondern bei der Leichenfeier Dienst tut.«

»Natürlich weiß ich das. – Doch ich will das Letzte sagen bis zur Ankunft meines Mannes: mich trieb die Absicht, meinen Gatten im Dienst zu unterstützen. Sie vermuten, eine Frau sei die Mörderin Beverstorffs. Ich bin anderer Ueberzeugung. Der Mörder war ein Mann!«

Kommissar Weinreich warf einen verzweifelten Blick auf das entschlossene Gesicht der hübschen Blondine. Dann gab er mißmutig den Auftrag, die junge Frau einzusperren, bis der Kriminalbeamte Friedrich Schulze sich im Amtsgebäude eingefunden habe.

*

Kommerzienrat Felsing sprach in die Muschel des Fernhörers hinein: »Meine Beste, wer Sie auch sein mögen, so meine ich doch, es wäre richtiger, Sie fänden sich in meinem Kontor ein.«

Eine Frauenstimme scholl zurück: »Ich habe Gründe, meine Persönlichkeit vorläufig geheimzuhalten.«

»Mir unverständlich«, murrte der alte Herr. »Sie versichern, keinen geldlichen Erfolg durch Ihre Mitteilung erzielen zu wollen. Abgesehen davon, daß ich nach dem Tode Beverstorffs kaum noch ein Interesse habe, zu erfahren, wer ihm seinerzeit mein Projekt der Flammenschrift verriet –«

Die Frauenstimme unterbrach in dringlichem Tone. »Sie müssen Interesse dafür haben, Herr Kommerzienrat! Der Verräter bewies durch seine Kenntnis von dem Projekt, daß er sich in Ihrer Umgebung befand.«

»Verräterei war im Spiele«, gab Felsing zu. »Sie, meine Dame, tun doch aber, als mutmaßten Sie nicht nur, sondern als kennten Sie den Verräter bereits.«

»Sie irren – ich kenne ihn nicht«, widerlegte die Sprechende stark betonend. »Ich habe mir aber die Aufgabe gestellt, ihn ausfindig zu machen. Der Verräter kann nämlich der Mensch sein, der Beverstorff ums Leben brachte. Der Mord kann geschehen sein, um den Mund, der den Verräter früher oder später hätte nennen können, zum Verstummen zu bringen.«

Kommerzienrat Felsing rief erstaunt: »Auf diese Weise ließe sich das Geheimnisvolle des Mordes erklären. Das leuchtet mir ein. Sagen Sie mir doch wenigstens, ob Sie der Kriminalpolizei angehören!«

Ein silbernes Frauenlachen klang flüchtig auf, bevor die ferne Stimme weitersprach: »Aber, Herr Kommerzienrat, hier ist doch eine Dame am Telefon.«

»Das schlösse einen weiblichen Kriminalbeamten nicht aus«, meinte Felsing. »Doch bleiben wir bei dem Hauptgrund Ihres Anrufes! Ob ich einen Verdacht auf jemanden habe, die Frage kann ich Ihnen nicht im Handumdrehen beantworten. Mir ist der Gedanke, Verdacht gegen eine Persönlichkeit aus meiner engeren Umgebung zu hegen, überhaupt noch nicht gekommen. Wer käme sonstwie in Betracht? Ein Arbeiter aus meiner Fabrik – ein Zeichner der technischen Abteilung – ein Tippfräulein des Büros – mein Himmel, es lassen sich da mehr als zehn Menschen als möglicherweise verdächtig aufzählen. Ich werde mich auch mit Möhring, meinem Chefingenieur, ins Einvernehmen setzen, ob er infolge Ihrer Anregung einen Verdacht zu gewinnen vermag. Kurz, Sie sehen ein, auf Ihren ersten Anruf hin kann ich mich nicht äußern.«

Es blieb eine Weile still am anderen Ende des Drahtes. Kommerzienrat Felsing konnte deutlich das Atmen, dann ein mehrmaliges Räuspern, schließlich auch einen Seufzer der Anruferin vernehmen.

»Hallo, sind Sie noch da?« erkundigte er sich.

»Selbstverständlich«, tönte es zurück. »Ich muß Ihnen rechtgeben. Sie können mir nicht heute schon antworten. Ich will aber noch sagen: vermuten Sie des Verrates Verdächtige nicht bloß in Ihrer Fabrik! Sie dürfen den Begriff, ›engere‹ Umgebung nicht begrenzen. Sie müssen auch Ihre Familie mit einbeziehen.«

»Ach, Sie sind ja verrückt!« schnauzte der alte Herr ärgerlich. »Wer sollte denn da –«

»Ihr Sohn!«

Wütend wollte der Kommerzienrat den Hörer auf die Gabel des Apparates werfen, aber er besann sich und bat mit zuckenden Lippen: »Seien Sie doch aufrichtig, Frau oder Fräulein oder wer Sie sein mögen! Haben Sie einen bestimmten Verdacht, so sprechen Sie ihn jetzt mal ganz einfach aus! Das wäre wenigstens ein Anhaltspunkt.«

»Nannte ich eben jetzt nicht Ihren Sohn?« hörte er. »Mein Verdacht ist zwar nicht bestimmt. Aber ich mache Ihnen den Vorschlag, Nachforschungen anzustellen, ob Ihr Sohn mehr Geld verbraucht, als ihm zur Verfügung steht. In genau vier Tagen um genau dieselbe Zeit werde ich mich wieder melden.«

Felsing erkannte an der eigentümlichen Stille und an dem leisen Surren der nun einsetzenden Erdgeräusche im Hörer, daß die fremde Frau eingehängt hatte. Er brachte sich sofort in Verbindung mit dem Telefonamt und bat um Feststellung, von wo aus er angerufen worden sei. Nach ungeduldigem Warten erhielt er die Auskunft: »Der Anruf erfolgte vom Telefonautomaten des Hauptbahnhofes aus.«

Lange Minuten saß der alte Mann reglos vor seinem Schreibtisch. Die Röte in seinem Gesicht war gewichen. Fahles Grau umschattete nun die starr gewordene Miene ratloser Sorgen. Mit müden Bewegungen schaltete er das Tischtelefon um und rief die kaufmännische Abteilung der Fabrik an. Auf die Frage, ob sein Sohn anwesend sei, erhielt er bejahende Antwort. Er bat, man möge den jungen Herrn zu ihm ins Privatkontor schicken.

Fünf Minuten später stand Viktor Felsing vor seinem Vater. Er sah mürrisch drein oder ängstlich – der alte Herr war sich über das Verhalten Viktors nicht im klaren, bemerkte jedoch, daß die seltsam hellgrauen Augen seinem Blick auswichen.

Zum erstenmal prüfte der Kommerzienrat das Aeußere seines Sohnes mit völliger Ueberlegung:

Für einen Achtzehnjährigen war der junge Mensch schmächtig. Der Mutter glich er nicht, aber auch das grobgeschnittene Gesicht hatte er nicht. Der Kopf eines Schwärmers – weiche, frauenhaft zarte Linien – ein weichlicher Mund – eine nicht sehr breite Stirn – im ganzen ein hübsches, anziehendes, in seiner bräunlichen Tönung sogar interessantes Antlitz.

»Ich muß dich um ein paar Auskünfte bitten«, nahm der Kommerzienrat das Gespräch auf. »Unterlaß deine üblichen Weitschweifigkeiten, Viktor! Versuche es nicht mit Ausflüchten! Ich wünsche eine kurze Auseinandersetzung. Also antworte einfach und klar, wenn möglich, mit bündigen Worten und ohne deine beliebte Rhetorik!«

Viktor erwiderte: »Es wird darauf ankommen, Vater, ob deine Fragen sich in dieser dir erwünschten Form beantworten lassen.«

»Man wird bei deinem Alter annehmen müssen, daß ein weibliches Wesen dir nichts Unwichtiges ist«, begann der alte Felsing.

»Ich liebe eine Frau. Sie scheint vorläufig für mich unerreichbar zu sein. Das wird jedoch nichts an meiner Liebe ändern. Schöne Freundschaft verbindet uns, obwohl ich ihr unlängst sagte, daß ich sie liebe.«

»Unerreichbar?« wiederholte der Vater mißtrauisch. »Etwa weil sie niederen Standes ist?«

»Sie ist sogar von ausgezeichneter Herkunft.«

»Wäre sie dennoch fähig, dich einer unehrenhaften Handlung zu verdächtigen und sich mit dieser Verdächtigung telefonisch bei mir zu melden?«

Mit aller Kraft bewahrte Viktor seine ruhige Haltung. Es gelang ihm, sein Erschrecken zu verbergen. Und er erschrak aufs heftigste, da er sich sagen mußte, hier könne nicht von Frau Harthilt die Rede sein.

Er gab sich den Anschein des Gleichmutes, als er antwortete: »Mit einer Verdächtigung gegen mich auftreten, Vater? Das ist vollkommen ausgeschlossen.«

»Kann überhaupt jemand dir eine unehrenhafte Handlung nachsagen, Viktor?«

Viele Sekunden war banges Schweigen, bevor der Sohn äußerte: »Es besteht dafür nicht mehr die geringste Möglichkeit.«

»Nicht mehr ...?« betonte der alte Herr aufhorchend in strengem Vorwurf. »Nicht mehr ... was bedeutet das Beiwort?«

Viktor faßte sich rasch und entschuldigte sich mit einem schwachen Lächeln: »Verzeih, Vater, es hat nicht die geringste Bedeutung. Eine kleine sprachliche Entgleisung, weil dein sonderbares Verhör mich verwirrt macht.«

Von neuem hub der Vater an: »Kanntest du den ermordeten Beverstorff, und standest du mit ihm in Verbindung?«

»Was für eine Frage!« tadelte der junge Mensch mit einem nervösen Auflachen. »Ich kannte ihn, wie auch du ihn kanntest, und infolgedessen ließen sich Berührungen nicht vermeiden. Ob du das eine Verbindung nennen willst, muß ich dir überlassen.«

»Besprachst du bei solchen Berührungen geschäftliche Dinge mit Beverstorff, etwa Geheimnisse unseres Betriebes?«

»Das letzte dürfte wohl als eine unehrenhafte Handlung aufzufassen sein«, erinnerte Viktor.

Der Kommerzienrat überlegte: War das eine ausweichende Antwort oder eine Verneinung? Sicherlich die Verneinung. Er hatte den Sohn zu bündiger Redeweise aufgefordert. Dem suchte Viktor gerecht zu werden. Der Sohn ein Verräter? Das mußte ja auch ausgeschlossen bleiben. Er war ein Schwärmer, ein Phantast, unpraktisch und verträumt ... aber er war sicherlich ein ehrenhafter Mensch. Was diese Person am Telefon da vorhin für einen Unsinn geplappert hatte! Eine unsichtbare Anruferin – so gut wie ein anonymer Brief – derlei schiebt man beiseite.

»Nur noch eine letzte Frage«, sagte der alte Felsing freundlicher. »Es kann bei deiner Jugend vorkommen, daß du über die Stränge schlägst. Spielst du?«

»Ich habe nie eine Karte angerührt.«

»Hängst du Geld an Frauenzimmer?«

»Dazu bin ich doch wohl zu ernst, Vater.«

»Richtig, so kenne ich dich auch«, beruhigte sich der Kommerzienrat. »Fast zu ernst für deine Jahre, in denen ein junger Mensch stets heiter sein sollte. Dennoch hast du Schulden gemacht, derentwegen man dich bedrängen könnte?«

»Ich tat es – für die vorhin erwähnte Frau, Vater. Aber fast – nein, wirklich gegen meinen besseren Willen. Und ich fühle mich auch bedrängt.«

»Um wieviel handelt sich's?«

»Um zweitausend Mark. Aber ich bitte dich, Vater, einstweilen verschweigen zu dürfen, wodurch mir die Schulden erwuchsen.«

Schärfer ermahnte Felsing: »Es ist wohl richtiger, wenn du dein Geständnis ohne Bedingungen ablegst.«

Viktor unterbrach erregt: »Nein, Vater, nein. Ich bitte dich um ein paar Tage Zeit. Dann will ich mein Geständnis vervollkommnen.«

»Wäre dir geholfen, wenn ich für dich bezahlte?«

»Das natürlich. Aber dann müßte ich jetzt gleich beichten, um was sich's handelt. Das ist unmöglich.«

»Also doch Schändliches?« brauste der alte Herr auf.

»Ich verlor Geld«, murmelte Viktor. »Ich hätte dies Geld nur zurückzugeben brauchen, und alles wäre in Ordnung gewesen.«

Kommerzienrat Felsing warf einen durchdringenden Blick auf das von innerlichem Verstörtsein zeugende Gesicht des Sohnes. Der Anblick tat ihm in der Seele weh. Er zwang sich, ihm einstweilen Glauben zu schenken, daß hier nichts Ehrenrühriges vorlag. Schweigend schrieb er einen Scheck aus und reichte ihn Viktor hin.

Der junge Mensch nahm das kleine Papierblatt entgegen. Plötzlich neigte er sich jäh über die Hand des Vaters und küßte sie inbrünstig.


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