Karl Emil Franzos
Der Stumme mit dem bösen Blick
Karl Emil Franzos

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Nachwort

Von Hildegard Gerlach

»Ich weiß ja, ein wahrhaft großer Dichter, ein Stern am Himmel werde ich nicht werden, weil ich mein Talent nicht so hoch emportragen kann, aber vielleicht werde ich doch ein irdisches Licht, welches einzelnen die Nacht erhellt.«
K.E. Franzos

Karl Emil Franzos, zu Lebzeiten ein bekannter und vielgelesener Erzähler, ist heute fast unbekannt; selbst Literaturgeschichten erwähnen seinen Namen nur am Rande. Er wurde am 25. Oktober 1848 in der Nähe des galizischen Städtchens Czortkow, genauer in einem Forsthaus in Russisch-Podolien (der heutigen Westukraine), nahe der österreichischen Grenze, geboren. Er war der Nachkomme jüdischer Kaufleute, die von Frankreich nach Osteuropa eingewandert waren. Sein Vater, der in Czortkow als Bezirksarzt wirkte, hatte in Erlangen studiert, wo ihn die Ideen des deutschen Liberalismus stark beeinflußt hatten: obwohl Jude, fühlte und bekannte er sich als Deutscher inmitten einer halbkultivierten slawischen Bevölkerung. Weil er während des polnischen Aufstandes 1848 häufig bedroht wurde, sandte er seine Frau kurz vor der Entbindung über die Grenze nach Podolien zur Familie eines befreundeten Försters. Die Erinnerung an diesen Landstrich, in dem er nur zufällig zur Welt gekommen war, hat Franzos sein Leben lang festgehalten und durch Reisen vertieft; seine eigentliche Heimat ist jedoch das damals noch zu Österreich gehörende Ostgalizien. Nach dem frühen Tod des Vaters 1858 übersiedelte die Mutter mit den drei Kindern nach Czernowitz in der Bukowina – damals österreichisches Kronland, heute zur UdSSR gehörig. Hier schloß Franzos das Gymnasium ab; seinen ursprünglichen Wunsch, Professor der Altphilologie zu werden, gab er bald auf, da ihm dieser Beruf keine Zukunftsaussichten bot, und begann 1867 in Wien mit dem Jurastudium. Doch schon früh sind auch seine literarischen und publizistischen Neigungen zur Geltung gekommen. Bereits als Schüler hielt er einzelne wirkungsvolle Reden und veröffentlichte kleine Aufsätze; 1866 erschien im Bukowinaer Hauskalender seine erste Novelle. 1867 plante er in Czernowitz eine Freiligrath-Feier, für die er selbst einen Prolog verfaßte – von der Ausführung mußte er jedoch absehen, da außer ihm und seinem Mitveranstalter kaum jemand Ahnung von dem deutschen Dichter hatte. Als Student mußte er, da der Nachlaß des Vaters nur eben zur Bestreitung des Allernotwendigsten ausreichte, ganz auf eigenen Füßen stehen und durch Stundengeben und literarische Arbeiten sein Auskommen suchen; seine Erzählungen, Skizzen und Aufsätze erschienen in österreichischen und deutschen Zeitschriften. Einer seiner damaligen Studienfreunde, der spätere Literarhistoriker Alfred Klaar, berichtet aus dieser Zeit, daß Franzos »als neunzehnjähriger Student schon starke literarische Neigungen zeigte und mit gleichgesinnten Kameraden lyrische Beichten austauschte ... An den Abenden, an denen wir mit unsren ersten poetischen Versuchen vorrückten, führte er sich zuerst als Lyriker ein, er hatte innere Melodie und frühe Herrschaft über die Form, die er später auch in einer feingestimmten Novelle in Versen bestätigte. Aber mehr Eindruck als diese lyrischen Erstlinge machten zwei Züge seiner Persönlichkeit: die anziehende Weichheit, mit der er von seiner Heimat sprach, und die ursprüngliche epische Anlage, mit der er in vertraulichen Stunden die Gegenden und Zustände ausmalte, aus denen er gekommen war. Alles, wodurch er später große Kreise interessierte, wirkte schon damals auf die Kollegen: eine eigentümliche Art, die Menschen der Umgebung stark persönlich zu nehmen, ihre Besonderheiten mit einer gewissen Liebe in der Beobachtung widerzuspiegeln, ein anheimelndes Verweilen bei der Ausmalung jedes Eindrucks, eine natürlich wirkende Virtuosität, sich in die Gemütsstimmungen anderer zu versetzen, eine glückliche Art, das Kleine und Flüchtige, das der Tag brachte, von der bedeutenden Seite zu fassen.« Zunächst allerdings beteiligte der rednerisch sehr begabte Franzos sich vor allem an politischen Angelegenheiten: schon in Wien und dann auch nach seinem Universitätswechsel nach Graz nahm er starken Anteil an den deutschnationalen Bestrebungen der Studenten: als Vertreter der Burschenschaft »Teutonia« besuchte er 1868 den Burschentag in Berlin, daneben war er als Journalist für die »Neue Freie Presse« tätig. Wegen seines Engagements geriet er bald in den Ruf eines politisch Verdächtigen – mit dem Ergebnis, daß er 1871 trotz guter Examina als deutsch-nationaler Burschenschaftler vom Staatsdienst ausgeschlossen wurde. Seitdem widmete er sich ganz der Literaturlaufbahn, zunächst als Journalist, später als freier Schriftsteller. Schon 1869 hatte er während eines Ferienaufenthaltes in Czernowitz seine erste Redaktion, die der »Buchenblätter« (1. Jg. 1870), übernommen; 1872 wurde er Mitarbeiter beim »Pester Lloyd« und lebte für einige Zeit in der ungarischen Hauptstadt. 1873 kehrte er nach Wien zurück und schrieb für die »Neue Freie Presse« Novellen und Skizzen, die in vielen Zeitungen nachgedruckt wurden und später den Inhalt seines ersten Buches »Aus Halb-Asien« (1876) bildeten. Auch die in dem Sammelband »Die Juden von Barnow« (1877) enthaltenen Novellen waren zunächst in verschiedenen Blättern erschienen. Es machte sehr viel Mühe, für diese Arbeiten einen Verleger zu finden – Franzos war zeitweise gezwungen, aus materieller Not als Zeitungsreporter zu arbeiten, als solcher reiste er in den Jahren 1874-76 durch ganz Europa, Rußland und den Orient, wobei er für seine literarischen Arbeiten reiches Material sammeln konnte. Erst in den Jahren 1876/77 erlangte er mit den beiden genannten Büchern allgemeine Anerkennung und übernahm außerdem die Redaktion der Wiener »Neuen Illustrierten Zeitung«. Noch während der Wiener Zeit entstand ein weiteres seiner Hauptwerke »Ein Kampf ums Recht« (1882). Da er jedoch mit seinen Büchern im verlagsarmen Österreich kein Unterkommen fand und sich zudem für seine kulturpolitischen Ziele vom aufstrebenden Reiche Bismarcks mehr erhoffte – schon sein Vater hatte ihn einmal als einen »Deutschen jüdischen Glaubens« bezeichnet, der später in Deutschland werde leben müssen –, siedelte Franzos 1887 mit seiner Frau Ottilie Benedikt nach Berlin über, wo er bis zu seinem Tod am 28. Januar 1904 eine rege literarische Tätigkeit entfaltete. Bereits seit Oktober 1886 leitete er die von ihm begründete Halbmonatsschrift »Deutsche Dichtung«, für welche er u.a. Theodor Storm, der ihm seine Novelle »Ein Doppelgänger« (1887) zur Veröffentlichung überließ, gewinnen konnte. Zu den poetischen Beiträgen kamen biographische und literaturgeschichtliche: Franzos' Zeitschrift brachte außer den Werken von schon bewährten Autoren auch Arbeiten von damals noch unbekannten, edierte Material aus ungedruckten Nachlässen – Franzos hat schon 1879 die erste kritische Ausgabe der Werke Georg Büchners besorgt – und diskutierte allgemeine Fragen der Literaturgeschichte. Auch für diese Rubrik gewann Franzos eine große Zahl von Schriftstellern und Universitätslehrern als Mitarbeiter. 1891 entstand auf Grund eines Rundschreibens »Die Geschichte des Erstlingswerks«, eine Sammlung von 19 selbstbiographischen Aufsätzen, die die literarischen Anfänge bedeutender deutscher Dichter, darunter Theodor Fontane und Paul Heyse, zum Inhalt haben. Hauptmitarbeiter der »Deutschen Dichtung« war der Herausgeber selbst. Die meisten seiner Novellen sind hier erschienen; daneben verfaßte er auch zahlreiche literarhistorische Artikel, u.a. Beiträge zur Lebens- und Schaffensgeschichte Heinrich Heines und C.F. Meyers. Er liebte die deutsche Literatur und war ihr für manche Einwirkung dankbar. Als diejenigen, die den tiefsten und nachhaltigsten Eindruck auf ihn gemacht hatten, bezeichnete er selbst Goethe und Heine. Nicht nur dem Schriftsteller, auch dem Redakteur und Herausgeber Franzos ging es um die Kontinuität humanistischer Tradition in der deutschen Literatur, die in Aufklärung, Sturm und Drang, Klassik, Vormärz und dem Jungen Deutschland begründet waren und die er auch selbst fortgesetzt hat. Am Gymnasium in Czernowitz beeinflußte die deutsche klassische Literatur nachhaltig seine geistige Entwicklung: neben Goethe vor allem Lessing und Schiller, die auch in Franzos' eigenen Schriften eine große Rolle spielen – vermutlich liegen hier die Wurzeln seiner späteren Überschätzung der deutschen Kultur. Über den Einfluß Heines sagte er »wohl im Scherze von sich selbst, daß er ein Prosageschäft habe; doch aber hat die Heinesche Mischung von Sentimentalität und Ironie auf ihn vor allem in der lyrischen Färbung seiner besten Erzählungen gewirkt, und, wenn er Heine vor allem so auffaßte, wie der erste Impressionist sich vor allem aufgefaßt wissen wollte: als den tapferen Soldaten im Befreiungskriege der Menschheit, so ist auch hier Franzos sein Schüler gewesen, und zwar mit ehrlicher Hingabe und festerer Konsequenz als der ungezogene Liebling der Grazien.« Mehrfach hat er Heine gegen nationalistische und antisemitische Verleumder verteidigt. Auch Heines Zeitgenosse Ludwig Börne wurde für Franzos bestimmend: er plante eine Gesamtausgabe der Werke des bald nach seinem Tod in ziemliche Vergessenheit geratenen Autors, widmete ihm in seiner Zeitschrift mehrere Aufsätze und würdigte ihn 1880 in einem Brief an einen Verleger: »Börnes Bedeutung für die Gegenwart liegt meines Erachtens einerseits in dem großen und bleibenden Gesichtspunkte, den er in den Kämpfen seiner Zeit festhielt, andererseits in seinen politischen Schriften. Er ist der mächtigste Vertreter der Humanität, den wir in unserer Literatur besitzen, und gilt dem Judentum, wie den Freiheitsparteien unserer Tage wie ein Heiliger ... Weil Börne über seiner Zeit stand, ist er der unseren so nahe und wird jeder Generation, wo sich Glaubenshaß und politische Unfreiheit regen, ein Mahner und Lehrer.« Diese Auffassung von Literatur als einem aktiven kämpferischen Instrumentarium zur Überwindung nationaler und religiöser Vorurteile, für Menschenrechte und eine höhere Kultur – freilich ohne revolutionäre Zielsetzung – sah Franzos auch für sich selbst als bindend an: »Ich ziehe die Schlüsse aus Tatsachen, die mir als Wahrheit feststehen, voll und ganz, ich fälsche keine Tatsachen, um Schlüsse daraus ziehen zu können. Wenn derjenige ein Tendenzschriftsteller ist, der verschweigt oder entstellt, was ihm nicht paßt, dann bin ich wahrlich keiner, wenn es derjenige ist, der durch seine Arbeiten einen ethischen Zweck verfolgt, dann bin ich Tendenzschriftsteller.« Dabei ist Franzos' Werk nicht frei von Widersprüchen, viele seiner Ideen sind veraltet. Seine Ansicht, die politischen und kulturellen Probleme der osteuropäischen Länder, die Mißstände in der Donaumonarchie, Probleme nationaler Minderheiten, Judenfrage und Panslawismus könnten durch die Verbreitung der westlichen Kultur gelöst werden, hat sich als Irrtum erwiesen. Seine besten Arbeiten, von denen seit 1945 bisher nur in Österreich und in der DDR einige neu aufgelegt wurden, haben jedoch bleibende Bedeutung. Obwohl Franzos durch seine Erziehung und persönliche Entwicklung zu einem deutschsprachigen Autor wurde, steht im Mittelpunkt seines Werks die soziale und nationale Problematik der Völker und Länder Osteuropas, vor allem in den Gebieten »Vom Don zur Donau« (1878) und »Aus der großen Ebene« (1888), die er auf Grund ihrer ökonomischen und sozialen Rückständigkeit im Vergleich mit dem Westen als »Halb-Asien« bezeichnet, wo neben der »Sonne der Kultur« der Zustand »tiefsten Dunkels« und »dumpfer Roheit« herrsche. »Halb-Asien« ist bei Franzos ein scharf umrissenes Bild von Land und Leuten seiner engeren Heimat; das Buch erhielt später den Untertitel »Kulturbilder aus Galizien, der Bukowina, Südrußland und Rumänien«. Bereits seine allerersten Skizzen aus dem slawischen und jüdischen Milieu verraten eine genaue Kenntnis vom Leben und Treiben der betreffenden Völker und enthalten viele wertvolle kulturhistorische und volkskundliche Einzelheiten; auch seine späteren publizistischen Arbeiten beweisen, mit welcher Sorgfalt Franzos die sozialen, politischen und kulturellen Zustände im europäischen Osten studiert hat. Einen großen Teil seiner umfassenden Kenntnisse von Leben und Sitten dort hatte er sich schon während seiner Gymnasialzeit auf Wanderfahrten in den betreffenden Gebieten angeeignet; die unmittelbaren Eindrücke, die er auch später auf zahlreichen Reisen erhielt, ergänzte er durch eingehendes Studium der osteuropäischen und slawischen Literatur. Vor allem die russische realistische Dichtung des 19. Jahrhunderts gewann auch auf sein eigenes Werk keinen geringeren Einfluß: er selbst erwähnt wiederholt Nikolai Gogol, Iwan Turgenjew und Alexander I. Herzen. Seine literarischen Absichten charakterisierte er im Vorwort zur sechsten Auflage seines Frühwerks »Die Juden von Barnow«: »...was ich in diesen Novellen zunächst angestrebt habe, war der künstlerische Wert. Aber auf Kosten der Wahrheit habe ich ihn nicht zu erringen gesucht ...; es bleibt immer mein sehnsüchtiges Bestreben: die Wahrheit künstlerisch zu gestalten.« Den Novellen und Reportagen der 70er Jahre folgte später eine Reihe größerer erzählender Werke, in denen Franzos ein umfassendes Bild vom Leben der ukrainischen und jüdischen Volksmassen seiner Heimat gab und von denen die Romane »Moschko von Parma« (1880), »Ein Kampf ums Recht« (1882), »Judith Trachtenberg« (1890), »Leib Weihnachtskuchen und sein Kind« (1896) und »Der Pojaz« (1905 aus dem Nachlaß) die bedeutendsten sind. Franzos' Aufmerksamkeit beschränkte sich jedoch keineswegs nur auf Probleme des jüdischen Lebens, die ihm verständlicherweise besonders nahegingen.

Die vorliegende Erzählung »Der Stumme mit dem bösen Blick«, 1886 unter dem Titel »Der Stumme« erschienen, ist ein weit gefaßtes Kulturbild – eine Art Reiseskizze in Buchform; in dem Erzähler der Rahmengeschichte, dem aus Podolien stammenden österreichischen Studenten Georg Harder, darf man wohl den Dichter selbst sehen, der hier Eindrücke von seinen eigenen Wanderungen in Galizien und den angrenzenden Gebieten verarbeitet hat.

Die Huzulen, bei denen Harder einkehrt, sind ein im südöstlichen Teil der Karpaten beheimateter Stamm von Hirten und Flößern, die von rumänischen Forschern als Reste der antiken Daker angesehen werden. In ihrem Brauchtum findet sich noch manches Heidnische. Brot und Salz, die dem Gast zum Willkommen gereicht werden, sind Inbegriff der Hausnahrung und Sinnbild der Gastfreundschaft, Ergebenheit und Treue. Bei den alten semitischen Völkern war Salz das Symbol der Unterwerfung, sein gemeinschaftliches Verspeisen begründete feste Bündnisse. In Rußland war es Sitte, Fürsten und hohen Persönlichkeiten Salz und Brot zu überreichen mit den Redensarten: »Ohne Brot und Salz ist schlechte Unterhaltung« – »Brot und Salz sind auch im Schlafe gut« – »Iß Brot und Salz und sprich die Wahrheit«. Noch 1934 wurde der jugoslawische König bei seinem Einzug in Belgrad vom Bürgermeister mit Brot und Salz begrüßt. Daneben werden dem Brot und Salz auch unheilabwehrende Kräfte zugeschrieben: Salz vertreibt die bösen Geister; in die Kleider gesteckt, hilft es gegen Behexungen und schützt vor dem bösen Blick. – Die Tschumaken waren ukrainische Frachtfuhrleute, die in großen Trecks mit Ochsen- und Pferdegespannen Salz und getrocknete Fische vom Schwarzen Meer bis weit nach Rußland hinein transportierten und verkauften – sie verschwanden Ende des 19. Jahrhunderts infolge des Eisenbahnbaus. »Starost«Vom slawischen stary – alt nannte man in Rußland und Polen verschiedene Amtsträger: im 14. und 15. Jahrhundert vor allem den königlichen Statthalter, in kleineren Bezirken die königlichen Beamten, denen vor allem die Gerichtsbarkeit über den Adel zustand. In Galizien war »Starost« von 1772 bis 1918 der oberste Bezirks- oder Kreisbeamte. – In das Gebiet der Rechtsgeschichte führt der Brauch, bei schweren Vergehen den Verbrecher durch die Versammlung der Hausväter unter der Dorflinde »auszustoßen«. Die Linde spielt seit alten Zeiten als Rechtssymbol eine wichtige Rolle. Bauerngerichte, die keinen adligen Gerichtsherrn anerkannten, entstanden seit dem Hochmittelalter in Zusammenhang mit den großen Kolonisationsbewegungen und der Gründung von Freibauernsiedlungen, die vor allem in Niedersachsen und dem deutschen Osten entstanden waren. Diese Siedler erhielten mancherlei Freiheiten und Vorrechte, darunter uneingeschränktes Erbrecht ohne grundherrschaftliche Bindung und freie Richterwahl. Während es im altbesiedelten Land ein kompliziertes System von Grafen- und Vogtgerichten für die Freien und grundherrlichen Hofgerichten für die Unfreien gab, hatten diese Kolonisten eine besondere Gemeinde- und Gerichtsverfassung. Von den bestehenden Gerichten weitgehend befreit, konnten sie in ihrem Dorfgericht auf Grund ihrer eigenen Rechtsgewohnheiten Urteile fällen. Vor allem bei der Ostkolonisation sind diese freibäuerlichen Rechte maßgebend – nicht nur für die Ansiedlung der deutschen Zuwanderer, sondern vielfach auch für die einheimische slawische Bevölkerung. Auch die Ausstoßung des Schuldigen aus der Gemeinschaft ist ein alter Rechtsbrauch.

Die »Acht«, der schon in primitiven Gesellschaften bekannte Ausschluß aus der Gemeinschaft vor allem bei gemeingefährlichen Rechtsbrüchen, ist besonders aus dem germanischen und mittelalterlichen Recht bekannt. Durch Gerichtsspruch wurde der Missetäter aus dem Rechtsverband ausgestoßen und für vogelfrei, recht- und ehrlos, erklärt; jeder konnte ihn ohne weiteres töten. Er verlor Familie, Haus und Vermögen. In einem dieser Achtsprüche heißt es: »... so verfehme und verführe ich ihn hier von königlicher Gewalt und Macht wegen, als Recht ist und Königsbann gebietet und ausweist, und nehme ihn aus dem Frieden, dem Rechte und der Freiheit ... und setze ihn aus allem Frieden und Freiheiten und Rechten in Königsbann und Wette und in den höchsten Unfrieden und Ungnade und mache ihn unwürdig, rechtlos, friedenlos, ehrlos, sicherlos, mißtätig, fempflichtig, leiblos, also daß man mit ihm thun mag, als man mit einem anderen verfemten und verführten Mann thut. Und er soll forthin keines Rechtes genießen noch gebrauchen; und er soll keine Freiheit und Geleit ferner haben noch gebrauchen in keinen Schlössern noch Städten, außer an geweihten Orten. Und ich vermaledeie hier sein Fleisch und Blut, auf daß es nimmer zur Erde bestattet werde, der Wind ihn verwehe, die Krähen, Raben und Tiere in der Luft ihn verführen und verzehren; und ich weise seine Lehne und sein Gut ledig dem Herren, sein Weib zur Witwe, seine Kinder zu Waisen, seinen Hals dem Stricke, seinen Leichnam den Tieren, und befehle seine Seele Gott im Himmel, wenn er sie zu sich nehmen will.«

»Haidamaken« nannte man in der Ukraine die Haiduken, eine Sammelbezeichnung für die Räuberbanden Südosteuropas. Sie traten zuerst unter der Türkenherrschaft im 15. Jahrhundert in Erscheinung , wo sie eine primitive Widerstands- und Befreiungsbewegung bildeten und zu Trägern nationaler und religiöser Opposition wurden. Während der Türkenkriege verpflichteten sie sich häufig als Söldner. Zum Haidamaken wurde man meist aus ökonomischen Gründen – vor allem in Not- und Kriegszeiten hatten diese Gruppen großen Zulauf. Sie rekrutierten sich vor allem aus Bauern, die sich dem wirtschaftlichen Druck und der Leibeigenschaft auf den Adelsgütern durch die Flucht entzogen und sich zu Gruppen von Freien zusammenschlossen – sie zogen deshalb auch politische Rebellen und Geächtete an. Ein anderer Teil kam aus den Reihen der Halbnomaden, die als Hirten und Treiber ein unruhiges Leben führten. Die Haidamaken verbrachten ihr Leben in Gebirgsgegenden und schwer zugänglichen Wäldern, wo sie in Banden unter einem gewählten Führer – wie hier der »Aniolek« – organisiert waren; ihre Grausamkeit bei Beutezügen war berüchtigt. Auch im westlichen Europa sind solche Räuberbanden in früheren Zeiten, vor allem im 18. und 19. Jahrhundert, sehr zahlreich gewesen. Sie rekrutierten sich vornehmlich aus unterprivilegierten und zumindest zeitweise unterdrückten sozialen Gruppen, mit denen sie zeitlebens in Verbindung blieben – in Zeiten der Verarmung und wirtschaftlichen Not auch aus der bäuerlichen Landbevölkerung, vor allem aber aus Angehörigen einer meist vagierenden Unterschicht, »unehrlichen« Leuten und ethnisch-religiösen Minderheiten wie Zigeunern und Juden. Seit dem 18. Jahrhundert bildeten diese ins gesellschaftliche Abseits geratenen Bevölkerungsgruppen, die sich meist ohne eigene Schuld in einer wirtschaftlichen Zwangslage befanden, ein internationales Gauner- und Verbrechertum, dessen harten Kern die straff organisierten Räuberbanden bildeten. Ihre Mitglieder verstanden sich als Gegner einer gesellschaftlichen Ordnung, die ihnen keinen zureichenden Platz bot; ihr Vorgehen trug dementsprechend Merkmale offenen Aufbegehrens und stellt eine wenn auch primitive Form sozialen Protestes dar, denn sie hatten kein eigentliches politisches Konzept. Ihre bevorzugten Opfer waren Beamte, Adlige und Reiche, die offenbar für die eigene mißliche Lage verantwortlich gemacht wurden, während man arme Leute häufig verschonte. In Deutschland waren die berühmtesten dieser Räuberbanden die des Johannes Bückler, genannt »Schinderhannes«, und des Matthäus Klostermayer, des »Bayrischen Hiesel«; bei Franzos heißt der Anführer, dessen bürgerlicher Name unbekannt bleibt, »Aniolek«.Volkstümliche Sagenbildung hat die populären Räubergestalten häufig dämonisiert und mit magischen Kräften ausgestattet.

Franzos hat in dem Roman zahlreiche Volksglaubensvorstellungen verarbeitet: Die »Alte Riesin«, deren giftiger Atem Menschen und Tiere tötet, stammt aus dem weltweit verbreiteten Glauben an Krankheitsdämonen, dessen Reste in volkstümlichen Krankheitsbezeichnungen und zum Teil auch noch in der modernen medizinischen Begriffswelt weiterleben – so weist etwa das bekannte Wort »Hexenschuß« auf die ursprünglichere Vorstellung von einem Dämonenschuß hin. Die rätselhafte Veränderung des Betroffenen durch Krankheit und die immer gleichbleibenden Symptome derselben scheinen auf einen persönlichen Willen hinzudeuten – daher wurde Krankheit ursprünglich als ein Dämon angesehen, der sein Opfer beherrscht: als die Urheber von Geisteskrankheiten etwa galten tiergestaltige Wahnsinnsdämonen; ein Plagegeist, »Schratt« genannt, verursacht im südwestlichen Deutschland nächtliches Alpdrücken; in Schwaben machte sich bei Ruhrepidemien der sagenhafte »Holgeist« bemerkbar; das »Dellermännle« ist der Urheber von Viehsterben. – Der von der alten Huzulin vertretene Glaube, daß schon allein die Nennung des gefürchteten »Stummen« Gefahr bringe, hängt mit alten Namentabus zusammen, die auf eine ursprünglich angenommene Wesensidentität von Namen und Sache zurückgeht. Im primitiven Namenzauber hat das Wort als Nachahmung der Sache magische Funktion und beschwörende Wirkung – es ist daher gefährlich, den Namen übernatürlicher Wesen unbedacht auszusprechen, denn dadurch würden diese herbeigerufen; auch die Nennung von Toten kommt einer Beschwörung gleich und bringt den Wiedergänger hervor. Vor allem der Teufel wird immer wieder mit euphemistischen Ersatznamen umschrieben, um eine Herausforderung und Zitierung zu vermeiden. Umgekehrt kann die Namensnennung den Dämon aber auch abwehren und vernichten, seine Macht ist gebrochen, sobald sein Name genannt, d.h. er erkannt, wird; der Name ist deshalb in allen exorzistischen Ritualen besonders wichtig. »Rusalke« nennt man in Osteuropa die Nixen. Nach dem Volksglauben ist das Wesen solcher Wassergeister ambivalent: sie sind teils freundlich, teils bösartig und gefährlich, Liebesbeziehungen zu einem irdischen Partner sind meist nur von kurzer Dauer.

In den Bereich des Totenglaubens gehört die Sage von der untreuen Frau des Starosten, die ihren Mann ermordete und deren Geist nachts erscheint und die Tat verflucht. Im Bild der Gattenmörderin erscheint die Frau in der Volkssage im übelsten Licht. Während der Mann – meist der betrogene Ehemann! – in solchen Fällen mehr affektmäßig handelt und es nur sehr vereinzelt zu wohlüberlegten und heimtückischen Mordanschlägen kommt, lockt die Frau ihren unerwünschten Ehemann listig in die Falle, indem sie ihn entweder von ihrem Liebhaber töten läßt oder auch selbst beseitigt, etwa indem sie einen »Unfall« inszeniert, den Mann im Schlaf ermordet oder ihm Gift beibringt. Gerade diese heimlichen Verbrechen erscheinen besonders verabscheuenswert. Überhaupt wird Untreue der Frau in besonders grellen Farben geschildert und wesentlich strenger bestraft als die des Mannes. Doppelte Moral besteht auch bei vorehelichen Liebesbeziehungen: den Mann locken meist nur Schönheit und Liebreiz, hat er dann genug, so kann ohne weiteres der Abschied erfolgen. Verhältnisse wie das zwischen Hawrilo und Tiana waren häufig und sind ein beliebtes Thema der Volkssage: häufig verläßt ein Mann, der in der Liebe nur ein nach Gutdünken beendbares Spiel sah, ein Mädchen. An Heirat wurde schon wegen der sozialen Unterschiede nicht gedacht, und ein gegebenes Wort erscheint in den Augen des Mannes gar nicht bindend, es diente nur dazu, das Mädchen den eigenen Wünschen gefügig zu machen. Bei der Verlassenen wandelt sich enttäuschte Liebe häufig zu Haß und Rachsucht: sie flucht dem einstigen Geliebten und sucht ihm Schaden zuzufügen; sie ermordet seine spätere Ehefrau. Die Verlassene, die aus Gram stirbt oder am Hochzeitstag ihres Liebhabers Selbstmord begeht, erscheint diesem noch im Tode drohend und unheilbringend. Auch daß zu Lebzeiten schuldig Gewordene nach ihrem Tod am Ort des Vergehens umgehen müssen und ihre Schuld beklagen, wird in den Totensagen vieler Landschaften häufig erzählt. Der Selbstmord galt lange Zeit als Eingriff in die göttliche Schöpfungsordnung und schweres Verbrechen; im Mittelalter war er nach kirchlichem und weltlichem Recht strafbar; ein Selbstmörder verfiel unehrlichem Begräbnis. Nach dem Volksglauben finden Selbstmörder, die ohne die christlichen Heilsmittel verstarben, keine Ruhe im Grab. Weit verbreitet ist auch die Vorstellung, solche Wiedergänger könnten erst dann erlöst werden, wenn sie Vergebung erlangt haben. Oft genügt ein erlösendes Wort bzw. die Verzeihung des Geschädigten. Der Fluch, ein Unheilswunsch, der einem anderen Schaden oder Vernichtung bringen soll, ist ursprünglich ein Zauberwort, das aus eigener Kraft wirkt und, einmal ausgesprochen, auch nicht mehr gehemmt werden kann. Mit fortschreitender Zurückdrängung dieser rein magischen Auffassung wurde er dann zur Herabrufung göttlicher Strafe auf den Betreffenden. Der Fluch Sterbender, die schon an der Grenze zur jenseitigen Welt stehen, gilt als besonders wirksam. – Die Geschichte von Ahasver, die bei Franzos in enger Beziehung zum Geschick des verfemten und angeblich zum Leben verfluchten Matko erscheint, ist eine antisemitische Erzählung, die in der volkstümlichen Sagenüberlieferung noch heute lebendig ist: »Als Jesus mit seinem Kreuz gegen Golgatha zog, wollte er bei einem Schuster rasten und lehnte das Kreuz an dessen Haus. Der Schuster war darüber erbost und forderte den Heiland auf, sein Kreuz zu nehmen und weiterzugehen. Seitdem muß er selbst ruhelos durch die Welt wandern und wird erst am Jüngsten Tag erlöst werden.« Vergleichbare Erzählungen begegnen schon in italienischen und englischen Chroniken des 13. Jahrhunderts. Sie berichten von einem jüdischen Türhüter des Pilatus, der Jesus nach seiner Verurteilung mit einem Stoß zur Eile antreibt. Pilger, die aus dem Heiligen Land zurückkehrten, berichteten, sie hätten in Armenien einen Juden gesehen, der zur Buße für sein Verhalten bei der Kreuztragung Christi ohne Ruhe in der Welt umherwandern müsse und nicht sterben könne. Diese Erzählungen sind die Quelle eines im Jahre 1602 gleichzeitig in Leiden, Bautzen, Schleswig, Danzig und Reval erschienenen Volksbuches »Beschreibung und Erzählung von einem Juden aus Jerusalem mit Namen Ahasver«. Dieser hier erstmals auftauchende Name stammt aus dem Alten Testament, wo er im Buch Esther als hebräische Namensform »Achaschwerosch« des Perserkönigs Xerxes erscheint; im 17. Jahrhundert wird »Ahasver« in Deutschland zum Übernamen für den Ewigen Juden. Nach dem Volksbuch sah Paulus von Eitzen, der spätere Bischof von Schleswig, im Jahre 1542 in Hamburg »während der Predigt einen Mann von auffallendem Äußern ..., welcher barfuß der Kanzel gegenüberstand. Derselbe war hochgewachsen, trug langes, über die Schulter herabwallendes Haar und hatte ungeachtet des damals so strengen Winters keine andern Kleider an als ein Paar Hosen, die an den Füßen durch waren, einen bis an die Knie reichenden Rock und darüber einen Mantel, der bis zu den Füßen herabhing. Seines Alters schien er ungefähr fünfzig Jahre zu zählen.« Der Mann, der sich als der Jude Ahasverus zu erkennen gibt, erzählt ihm, er habe als Schuster in Jerusalem geholfen, Jesus, den er für einen Ketzer und Verführer hielt, gefangenzunehmen und das »Kreuzige« über ihn mitgerufen; dann, als Christus mit dem Kreuz sich an seinem Haus anlehnen wollte, ihn mit harten Worten fortgewiesen: »Packe dich von dannen und gehe, wo du hingehörst!« Jesus habe ihm entgegnet: »Ich will stehen und ruhen, du aber sollst gehen«; seitdem müsse er ruhelos in der Welt umherirren. Entsprechend der Prophezeiung »Ich werde gehen, aber du wirst auf mich warten, bis ich zurückkomme« verjüngt sich der Jude alle hundert Jahre in einen Dreißigjährigen und kann nicht sterben bis zum Jüngsten Tag; er hat sich zum Christentum bekehrt und lebt als Büßer. Spätere Drucke des Volksbuches erwähnen weitere Erscheinungen des Ewigen Juden: so soll er 1575 in Madrid, 1599 in Wien und Danzig, 1759 in Vänarmo/Schweden gewesen sein. Auch durch Flugblätter und Balladen fand die Erzählung in ganz Europa Verbreitung. Daneben existiert eine breite mündliche Sagentradition, die den mythischen Wanderer an den verschiedensten Orten gesehen haben will; infolge seiner Unsterblichkeit wird er zur »Begegnungsgestalt«, an der sich in einer Art »Geschichtsrevue« die ständige Veränderung der Welt ablesen läßt. Auch die Dichtung seit Goethe behandelt die Gestalt des Ewigen Juden häufig, er verkörpert Skepsis, Weltschmerz und die ewige Ruhelosigkeit und die Leiden der Menschen in einer Welt der Ungewißheit. Schon früher hat man die Figur auch mit dem tragischen Schicksal des Judentums in Verbindung gebracht: vielfach wird der Ewige Jude zum Symbol für die Heimatlosigkeit dieses Volkes – eine Problematik, von der Franzos als Jude auch ganz persönlich betroffen war. Der Antisemitismus ist alt, er reicht bis in vorchristliche Zeit zurück; seine Motive – religiöser, politischer, wirtschaftlicher, rassischer Antisemitismus – wechselten, das Verhalten gegenüber dem Judentum ist weitgehend konstant geblieben. Für Franzos aber war die Judenfrage in erster Linie eine Kulturfrage, die aufhört, eine Frage zu sein, sobald sich eine bestimmte Kulturauffassung durchgesetzt haben wird; in diesem Sinne ist sein oft zitierter Ausspruch »Jedes Land hat die Juden, die es verdient« aufzufassen, und ein »Ewiger Jude« existiert für Franzos ebensowenig wie für Georg Harder. In der orthodox-jüdischen Welt Osteuropas hatte schon Franzos' Vater eine Ausnahme gemacht: »Von den Juden schied ihn die freie Auffassung des Glaubens; daß er in seinem Sinne auf sie einzuwirken suchte, war ihnen nur peinlich.« Rituelle Speisegesetze und die sonstigen Sitten und Gebräuche frommer Juden hatten in Franzos' Elternhaus keine Geltung, die Synagoge und das Ghetto hat er fast nie besucht. Diese Erziehung und vor allem der Einfluß seines deutschfreundlichen Vaters wurden für seine spätere Haltung so entscheidend, daß Deutschtum und Judentum tatsächlich zu einer Einheit zusammenwuchsen«, wie er selbst berichtet. Von daher erklärt sich auch seine Bewunderung für die westliche, besonders für die deutsche Kultur: aus dieser schien ihm das Ideal der Bildung und Vervollkommnung des Menschen im Sinne einer alle Völker, Rassen und Religionen umfassenden fortschreitenden Humanität zu entspringen. So schreibt er einmal: »Bis in unsere Tage hat die Lüge fortgeklungen, daß nur der Glaube selig macht, die Liebe aber blind ... Laßt uns endlich die Wahrheit begreifen, daß nur die Liebe selig macht, der Glaube aber blind, und laßt uns dafür kämpfen, allerorts, allimmer, mit ganzem Herzen und mit ganzer Kraft.« Das Gedankengut der europäischen Aufklärung, das für die Juden selbst vor allem Verbesserung der Bildung und Erziehung und damit kulturelle und soziale Angleichung an die Umwelt bedeutete, und die seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert einsetzende Judenemanzipation hatte vor allem in Deutschland zu einer starken Assimilationsbewegung geführt, der das Judentum als Konfession, nicht als eigene Nation galt; 1831 schrieb einer ihrer Vorkämpfer, Gabriel Riesser: »Wir sind entweder Deutsche, oder wir sind heimatlos.« Auch Franzos hat sich immer für das Ideal des Kultur- oder Assimilationsjuden eingesetzt: antisemitischen Bewegungen in den Gastländern trat er ebenso entgegen wie den in der zweiten Jahrhunderthälfte erstarkenden nationalstaatlichen Ideen des osteuropäischen Judentums und der Konzeption eines eigenen jüdischen Staates in Palästina (Zionismus). Zu diesem Zweck unternahm er viele Reisen, hielt Vorträge in jüdischen und nicht jüdischen Vereinen, erwog die Gründung eines Vereins für jüdische Literatur und war seit 1891 im Deutschen Zentralkomitee für die russischen Juden, das sich für die finanzielle Unterstützung der Ostflüchtlinge einsetzte, tätig.

Doch sosehr Franzos die Sache der Juden zu der seinen machte, so ist er doch weit davon entfernt, alles in ihrem Wesen und Handeln zu billigen oder vorhandene Mängel zu beschönigen; insofern nimmt er auch literarhistorisch, speziell in der Geschichte der »Ghetto«-Novelle, eine besondere Stellung ein. Im Unterschied zu den früheren deutschschreibenden jüdischen Dichtern der 60er und 70er Jahre, die die Verhältnisse in einer gewissen sentimentalen Verklärung schilderten, will Franzos, wie er selbst sagt, das östliche Judentum weder »verherrlichen« noch »verhöhnen«, sondern es so zeigen, wie es wirklich ist. Er, der selber nicht in engen Ghetto-Verhältnissen aufgewachsen war, betrachtet diese mit kritischer Distanz – eine Folge auch seiner aufgeklärten Bildung, und tritt sehr viel direkter und schärfer auf; zugleich läßt er jedoch auch mit tiefem Verständnis die historische Bedingtheit solcher Ghetto-Mentalität deutlich werden: »...Zudem war mir nun ja ihre und die allgemeine Geschichte vertraut genug, um zu wissen: auch das Schlimmste an ihnen hatten wahrlich nicht sie allein zu verantworten. Aber des Schlimmen war viel ...« In seinen zahlreichen im jüdischen Milieu des galizisch-osteuropäischen Raums spielenden Romanen und Novellen wendet er sich vor allem gegen die innerjüdische Unterdrückung und Knechtung, die Enge und Borniertheit der Orthodoxie, die starr an veralteten religiösen Bräuchen und Traditionen festhielt, ihre kulturfeindliche Absonderung sowie zahlreiche Vorurteile und Mißstände bei den noch immer in kastenartiger Abgeschlossenheit von der übrigen Bevölkerung lebenden Juden: Verwahrlosung der Jugendbildung – jüdische Liebes- und Ehemoral, nach der die Eltern ihre Kinder ohne weiteres gegen deren Willen verheiraten können – Heiratsvermittler und Kinderehen – streng überwachte Sittlichkeitsgebote, die zu einem pedantischen Regelzwang erstarrt waren – vor allem aber ein krasser Wunder- und Aberglaube. – Doch nicht nur in der orthodoxen Welt des galizischen Judentums sah Franzos sich zur Bekämpfung abergläubischer Vorstellungen veranlaßt; auch sonst weiß er über die Kulturzustände des Ostens wenig Erfreuliches zu berichten: »Noch gibt es Gegenden in jenen Ländern, wo der Mensch im Naturzustande lebt, nicht im paradiesischen und idyllischen, sondern im Zustande tiefsten Dunkels, dumpfer Roheit in ewiger kalter Nacht, in die kein Strahl der Bildung, kein warmer Hauch der Menschenliebe dringt.« Daß er auch im »Stummen« gerade in dieser Beziehung so viel Düsteres schildert, liegt weniger an Franzos selbst als an den Verhältnissen, die er beschreibt und deren Schilderung gewiß auf von ihm selbst gemachten Beobachtungen und Erfahrungen beruht. Die Gestalt des »Stummen« trägt möglicherweise auch autobiographische Züge: wie dieser war auch Franzos schon als Kind ein Vereinsamter, durch Phantasie und Wissensdrang auf sich selbst verwiesen und von den Altersgenossen als Fremder angesehen. Über die Einflüsse, die sein Leben bestimmen sollten, hatte er sich bereits Gedanken gemacht in einem Alter, in dem andere Kinder Gegebenes noch einfach hinzunehmen pflegen. Was ihn von seiner slawischen und orthodox-jüdischen Umgebung trennte, waren neben dem allgemeinen Bildungsstand die vor allem durch seinen Vater vermittelten aufgeklärten Anschauungen. Matko hingegen, dem man nachsagt, er habe den bösen Blick, und der schließlich zu einem Verbrecher aus verlorener Ehre wird, gerät aus ganz anderen Gründen in die Position des Außenseiters. – Von Geburt an auffallend häßlich, verfällt er seinem Unheil als Opfer eines dunklen Aberglaubens, den er selbst teilt – mehr aber noch der überwältigenden Macht der Verhältnisse, die ihn auch seelisch zum Krüppel machen. – Der böse Blick, d.h. eine bestimmte magische Macht des Auges, ist seit den ältesten Zeiten bei allen Völkern der Welt bekannt und gefürchtet: im Deutschen als »böser Blick« – »böses Auge« – »Augenzauber«, im Englischen als »evil eye«, im Italienischen »mal'occhio«, im Griechischen »baskania«. Bei den Römern hieß die durch die Augen ausgeübte magische Kunst »fascinatio«; noch in einem 1674 in Nürnberg erschienenen »Tractatus de fascinatione« ist »die Faszination ... eine Tätigkeit, durch welche dem Körper ein Schaden, sei es durch den Blick, sei es durch Worte, oder durch Berührung oder durch böse Ausflüsse durch natürliche oder übernatürliche Kraft zugefügt werden kann«. Grundlage dieses noch heute bestehenden Glaubens ist die Auffassung, daß das Auge nicht nur Eindrücke empfängt, sondern auch (unheilbringende) Strahlen aussendet. Der Grieche Plutarch (ca. 50-125 n.Chr.) erklärte, ebenso wie Geruch, Stimme und Atem körperliche Ausflüsse seien, so treffe dies beim Auge zu, dessen Wirkung auch sonst, z.B. bei Verliebten, ersichtlich seien. Zusammenfassend schreibt er: »Daß durch den Blick Schaden angerichtet wird, ist eine Tatsache; man mißtraut ihr aber, weil der Grund schwer zu ermitteln ist.« Die Wurzeln solcher Vorstellungen liegen einerseits in der Furcht vor gewissen anatomischen Mißbildungen des Auges, die ihm einen unheimlichen Ausdruck geben, andererseits in der tatsächlichen vorhandenen faszinierenden Macht des Blickes – insofern sind in den Glauben an den bösen Blick auch manche richtigen Beobachtungen eingegangen; es verbirgt sich dahinter die reale Erfahrung von der Gewalt des scharfen Blicks eines Auges: so kann man etwa bissige Hunde durch festes Anschauen in Schach halten, der Blick von Schlangen und Raubtieren scheint auf ihre Jagdbeute hypnotisierend zu wirken. Moderne Versuche auf den Gebieten der Verhaltensforschung, der Suggestion und Hypnose haben hier manches entdeckt, was erklärlich werden läßt, wie sich der Glaube an eine magische Macht des Blicks ausbilden konnte. Welch unangenehme Empfindungen ein Blick hervorrufen kann, wird in Redensarten vom »niederschmetternden« oder »vernichtenden« Blick deutlich. Nach antiker Auffassung entsteht aber auch die Liebe durch Bezauberung der Augen. Der Zauber des Liebesblickes ist von vielen Dichtern besungen worden: in der Literatur aller Völker finden sich zahlreiche Belege, die das Motiv des (unheilvollen) Blicks verwenden, um den tiefen Eindruck, den ein Mensch auf andere machen kann, wiederzugeben. Der böse Blick wird vor allem übernatürlichen Wesen zugeschrieben, die die ihnen eigene besondere Macht u.a. durch den Blick ausüben: Götter und Dämonen, mythische Fabelwesen wie der Basilisk, dessen Blick tötet, Tote und Zauberer, die sich magischer Mittel bedienen. Im Märchen haben Riesen und Hexen den bösen Blick. Auch manche Menschen sollen die angeborene oder erworbene Fähigkeit besitzen, durch bloßes Anschauen über Menschen und Tiere Krankheit und Tod zu bringen, die Ernte zu vernichten oder Dinge, z.B. Waffen, gebrauchsunfähig zu machen. Der alte Glaube an die Zauberkraft des Auges und die schädigende Wirkung des bösen Blicks lebte auch in christlicher Zeit weiter; die Kirche hatte ihn zunächst erfolglos bekämpft; später wurde er jedoch auch von Theologen gerechtfertigt. Eine Veränderung fand nur insofern statt, als die Wirkung des bösen Blicks nur möglich war auf der Grundlage eines Bündnisses mit dem Teufel, er wurde nun vor allem den Hexen zugeschrieben, die mit Gottes Erlaubnis und auf Grund eines Dämonenpaktes allein durch ihren Blick Schaden anrichten können. Gefährdet waren vor allem Schwangere, Kinder, Vieh sowie manche Verrichtungen im bäuerlichen Haushalt wie Backen, Brauen und Buttern. Eine Hexe darf man nicht ins Butterfaß sehen lassen, da man sonst keine Butter bekommt; auch andere Lebensmittel würden durch ihren bösen Blick verderben. Schon im 11. Jahrhundert ist von Frauen die Rede, die durch Blick und Wort Gänse, Pfauen, Hühner, Ferkel und andere Tiere bezaubern, krank machen und vernichten. Der Inquisitor Pierre de Lancre erzählt von einer französischen Hexe, die am 8. Juni 1618 in Bayonne vom Volk durch Steinwürfe getötet wurde, weil sie durch ihren Blick zwei Mädchen die fallende Sucht angehext hatte. In einem aus dem 14. Jahrhundert stammenden Gutachten über eine Hexe aus dem italienischen Bistum Novara heißt es: »Ich habe von einigen frommen Geistlichen gehört, daß diese Weiber, welche Hexen genannt werden, durch Berührung oder durch den Blick schaden und sogar den Tod herbeiführen können bei Menschen, Kindern und Tieren, da sie vergiftete Seelen haben, die sie dem Teufel geweiht haben.« Ihr böser Blick läßt die Muttermilch vertrocknen, er verursacht Augenentzündung, Kopf- und Leibschmerzen, Fieber, Abmagerung, Schwindsucht, Lähmungen und Krämpfe. Auch der Hexenschuß kann eine Folge des bösen Blicks sein, ebenso manche Unfälle. Kinder, die häufig erkranken und sich vor allem in den ersten Lebensjahren viel leichter schwere und ansteckende Krankheiten zuziehen als später, sind durch den bösen Blick besonders gefährdet – nach mittelalterlicher Auffassung waren sie infolge der Weichheit ihres Körpers vorrangig disponiert, diese Eindrücke aufzunehmen. Schwere Heilung und Vereiterung von Wunden wurden in einer Zeit, in der man von Bakterien und Wundinfektion wenig wußte, dem bösen Blick zugeschrieben; noch im 18. Jahrhundert heißt es: »Es gibt auch Leute, welche bloß durch anschauen ... denen Menschen Schaden zufügen können, welches die Herren Chirurgi bey Verbindung derer Wunden vielfältig wahrnehmen, daß zum öfteren das Ansehen der Wunde von einer verdächtigen Person, die Heilung merklich verhindert.« In manchen Fällen mag auch die Angst des Betroffenen vor dem bösen Blick die Ursache mancher Krankheitssymptome gewesen sein, vor allem, wenn diese ihrerseits seelischen Ursprungs waren. Auch Angst kann auf dem Umweg über die Psyche den Körper schädigen. Die Realität von Suggestivkräften ist bereits arabischen Ärzten des frühen Mittelalters bekannt gewesen; im 16. Jahrhundert werden sie als »Willenskraft« bezeichnet. Paracelsus sagt: »Es ist möglich, daß mein Geist ohne des Leibes Hilfe durch inbrünstiges Wollen allein, und ohne Schwert, einen anderen steche oder verwunde.« Im Jahre 1619 wurde in der französischen Stadt Bourges ein alter Bettler namens Gilbert Fourneau angehalten: »... er hatte seinen durchdringenden Blick ... auf Silvyne Roy gerichtet, die ein Kind an der Brust hielt«, und sie hatte sogleich geschrien: »›Ich bin tot! Nehmt mein Kind, ich kann mich nicht mehr halten!‹ Von diesem Augenblick an blieb sie ohne Besinnung. Bei dem Prozeß gegen Fourneau versuchte der Pater Girard, ein Jesuit, ihn zu bekehren, aber der Bettler machte ihn fast blind, indem er ihn ansah, und der Pater erlangte das Augenlicht erst nach heißen Gebeten wieder.« – Eine mehr oder weniger große Rolle spielen hier auch die Verbalsuggestionen: sieht man jemanden böse an und gebraucht dabei auch noch Schimpf- oder Drohworte, so kann die Blicksuggestion dadurch noch verstärkt werden, falls der Betroffene von der Möglichkeit einer magischen Wirkung überzeugt ist. Wichtig in diesem Zusammenhang ist auch das sogenannte »Beschreien« oder »Berufen«: neben dem bösen Blick kennt der Volksglaube vieler Länder auch den Schadenzauber durch das böse Wort und die schädliche Berührung, die ebenfalls Unheil hervorrufen können. Das »Beschreien« oder »Bereden« ist eine Form des Wortzaubers, seine Grundbedeutung ist »von etwas reden«, jemandes Glück bekanntmachen. Nach altem Glauben wird auf diese Weise der Neid der Götter oder mißgünstiger Geister geweckt und so letztlich Unglück bewirkt. Glück soll nicht »beschrien«, d.h. nicht gerühmt, werden, sonst geht es verloren. Lob eines schönen Kindes, Tieres oder einer Sache fügt dem Gegenstand der Bewunderung Schaden zu; man hört solches Lob ungern, weil man abergläubisch das Eintreten des Gegenteils befürchtet. – Eine dritte Form solchen Schadenzaubers ist der Berührungszauber, der auf bloßer Berührung, einer bestimmten Gebärde oder auch der einfachen Gegenwart einer mit magischen Kräften begabten Person beruht. Die schädliche Wirkung erfolgt vor allem durch die Hand des Übelgesinnten; das gebräuchlichste Wort für eine durch Berührung verursachte Bezauberung ist »antun« – sie bedeutet ursprünglich »bezaubern«. – Als Schutzmittel und Abwehrzauber gegen den bösen Blick galten in der Antike vor allem Amulette erotischer Natur wie die Phallusbilder, gewisse Pflanzen und Tiere, Inschriften, magische und abwehrende oder obszöne Gebärden – auch als gemalte und plastische Darstellungen – sowie, nach dem Grundsatz des Gegenzaubers, aufgemalte Augen, um durch den Gegenblick zu bannen. Später kamen die auf christlicher Anschauung basierenden Abwehrzeichen hinzu: u.a. Kreuzzeichen, Christusmonogramm, Stellen aus den Evangelien und geschriebene Gebete, meist in Amulettform um den Hals getragen und an Häusern angebracht. – Zum Zeitpunkt der Entstehung des »Stummen« waren die Vorstellungen vom bösen Blick überall im europäischen und außereuropäischen Bereich noch lebendig und sind es zum Teil bis heute geblieben: im Jahre 1889 wird aus Jerusalem von einer Frau berichtet, die sagte: »Ihr Europäer glaubt nicht, aber wahr ist es doch: zwei Drittel aller Gräber sind vom bösen Blick, und das dritte Drittel stammt von der Nachlässigkeit im Schutze gegen den bösen Blick.« Ein in Scarborough in der englischen Grafschaft Yorkshire bettelndes Ehepaar verstand von der Bevölkerung Almosen zu erpressen, indem es mit dem bösen Blick drohte; in Italien war eine Frau zu Tode geprügelt worden, die im Verdacht stand, durch ihren Blick fünf Menschen getötet zu haben. Franzos' aufklärerische Tendenz verfolgt somit durchaus auch hier ein ganz konkretes Ziel. In der Erzählung selbst teilen die meisten Figuren den Glauben an den bösen Blick, und die wenigen Gebildeten – in der Rahmenhandlung der Student Harder, der Baumeister aus Kolomea, der deutsche Sägmüller und Ornufrij, in der Haupthandlung die »Babusia« (eine Pfarrersfrau!) sowie – unter ihrem Einfluß – Matkos Mutter und Tiana – können sich dagegen kaum behaupten; zudem macht sich ein ausgeprägtes Bildungsgefälle zwischen Stadt- und Landbevölkerung bemerkbar, denn alle anderen, am meisten Matko selbst, sind in den alten magischen Vorstellungen befangen. Für die einzelnen Elemente hat Franzos auf einen nicht nur literarisch tradierten, sondern durchaus noch bestehenden Aberglaube zurückgreifen können. Anlaß, bestimmten Menschen den bösen Blick zuzuschreiben, sind meist gewisse Deformationen des Auges: eitrige Entzündungserscheinungen (rote Augen, Triefaugen), die auf bakteriellem Weg auch andere infizieren können, Bewegungsstörungen wie Augenzittern oder Schielen sowie andere Fehler und Mißbildungen im Bereich der Augen, vor allem Einäugigkeit, »doppelte« Pupillen als Folge von Entzündungen und Verwachsungen, buschige und zusammengewachsene Augenbrauen, auffallend oder verschieden gefärbte Augen und Augen unterschiedlicher Größe. Auch besonders hervorstehenden (Glotzaugen), sehr kleinen oder – wie bei Matko – tiefliegenden Augen wird gern der böse Blick zugeschrieben. Tiere mit gewissen anatomischen und physiologischen Besonderheiten im Bau des Auges haben ebenfalls den bösen Blick, z.B. Katze, Eule, Kröte und Schlange. In den Hexenprozessen wurde besonders älteren Frauen die Fähigkeit des bösen Blicks zugeschrieben: noch 1793 sind zwei Frauen als Hexen hingerichtet worden, weil sie rote Augen hatten. Frauen mit starren, entzündeten oder mißgebildeten Augen galten schon in der Antike als verdächtig; rote Augen sind ein typisches Merkmal der Märchenhexe. Als Träger des bösen Blicks galten auch manche von ansteckenden (!) Krankheiten befallene Personen, etwa Aussätzige und Pestkranke; im »Stummen« ist Matko die Kontaktperson, durch die seine kleine Schwester mit den tödlichen Blattern infiziert wird – ihre Erkrankung wird fälschlich als Folge seines bösen Blicks gedeutet. Einen bösen Blick haben weiterhin Menschen von besonderer Häßlichkeit oder mit ungewöhnlicher Haarfarbe (vor allem Rothaarige), außerdem die Angehörigen von unterprivilegierten oder verfemten sozialen Gruppen wie Bettler, Scharfrichter und Totengräber. Neben den sozialen sind oft auch ethnische und religiöse Unterschiede ausschlaggebend für den Vorwurf des bösen Blicks, und zwar bis in die neuere Zeit. Die Macht der Zauberei schreibt jeweils ein Volk dem anderen zu, und dies um so mehr, je fremder und unverständlicher dessen Sitten und Gebräuche sind: so haben etwa in Europa Juden und Zigeuner als berufsmäßige Zauberer den bösen Blick – nach Meinung der farbigen Menschenrassen hingegen gerade die Weißen. Neben ethnischen spielen auch religiöse Gegensätze eine Rolle: im christlichen Kulturkreis galten die Juden als mit dem bösen Blick behaftet – die Moslems schreiben ihn Christen, Juden und Hindus zu. Ein französischer Forschungsreisender berichtete 1846 aus dem arabischen Jemen: »Zwei Tage vor meiner Ankunft in Hodeida hatte eine Feuersbrunst mehr als 140 Hütten zerstört. Die Bevölkerung war noch in großer Aufregung, als ich landete. Tausend verschiedene Versionen über den Ursprung der Feuersbrunst kursierten, und bei diesen Arabern, die noch abergläubischer als die abergläubischen Italiener sind, fanden die wunderbarsten und absurdesten Erklärungen Glauben: Es war namentlich eine, die dem Fanatismus und den grausamen Instinkten der Bevölkerung schmeichelte: Es lebte damals in Hodeida ein persischer Pilger, ein armer Greis mit weißem Bart, der eine schreckliche Augenkrankheit hatte und der kaum seinen Weg finden konnte. Man weiß, daß die Perser von den andern Muselmännern als Ketzer verachtet und gehaßt werden; also hatte man bald dem alten Pilger die Verantwortlichkeit an dem Unglück zugeschrieben. Man klagte ihn der Zauberei an: er warf, sagte man, den bösen Blick; er brauchte nur ein Haus anzusehen, um es in Flammen zu setzen. Die Bevölkerung, einmal erschreckt und aufgereizt, umgab bald diesen Alten: man schlug ihn lahm und krumm. Er konnte noch von Glück sagen, als der Sherif der Stadt ihn festnahm und ins Gefängnis setzen ließ. Als ich an der Hütte vorbeiging, wo man ihn bewachte, sah ich diesen Unglücklichen mit Ketten bis zu den Füßen beladen, in dem Blute liegen, das aus seinen Wunden rann.« Ein anderer Europäer erzählt von einem Aufenthalt in Äquatorialafrika, daß, als er seine Tabakspfeife mit einem Brennglas anzündete, die Eingeborenen, die schon durch seine Brille sehr beunruhigt waren, in große Angst gerieten: sie glaubten, der weiße Mann hätte Sonnen in den Augen, mit denen er den Tabak durch seinen Blick entzünde. Und noch im Jahr 1880 schreibt der italienische Ornithologe Luigi Maria d'Albertis (1841-1901), der 1871-77 den Malaiischen Archipel und Neuguinea bereiste, in seinem Buch »Alla Nuova Guinea« über die dort lebenden Alfuren: »Gegen Abend wollte mich eine Gruppe der sieben Dorfältesten sprechen ... Der Älteste sagte zu mir: ›Wir kommen, um Euch zu bitten, sofort unser Dorf zu verlassen; Ihr habt uns Unglück gebracht, denn unsere Kinder begannen zu sterben, als Ihr ankamet und sobald Ihr sie angeblickt hattet. Fünf von ihnen sind in drei Tagen gestorben: Ihr habt sie mit Euren Augen getötet. Gehet, oder alle anderen werden ebenso sterben ...‹ Mein Dolmetscher sagte mir, daß die Frauen sich einen neuen Weg zum Fluß gebahnt hätten, um nicht an meiner Wohnung vorbeigehen zu müssen ... Am Abend trat ich unerwartet in die Hütte der Frauen ein. Als sie mich sahen, brachen sie in lautes, furchtbares Geheul aus ... und viele von ihnen bedeckten sich aus Angst das Gesicht mit den Händen.« – Die genannten schädlichen Auswirkungen eines bösen Blicks werden in Franzos' Roman sämtlich dem »Stummen« angelastet; der Erzähler faßt die mit diesem in Verbindung gebrachten Vorfälle hauptsächlich als die Ausflüsse von Aberglauben und kultureller Rückständigkeit auf – er vertieft jedoch manche Einzelheiten, indem er auch die sozialpsychologischen Zusammenhänge deutlich werden läßt. Daß als die eigentliche Ursache eines bösen Blicks der Neid anzusehen ist, ist auch volkstümliche Meinung alter und neuer Zeit. Die Ursache der Bezauberung durch den bösen Blick liegt im Neid auf das Glück anderer, weshalb in manchen Sprachen für beide Begriffe derselbe Ausdruck verwendet wird: so ist im Deutschen »Scheelsucht« eine andere Bezeichnung für den Neid; in Bayern nennt man das Ausüben des bösen Blicks »verneiden«, worin zugleich der Neid als Ursache ausgedrückt ist. Noch heute mischt man hier dem Vieh »Neidkraut« ins Futter, um es vor dem »Verneiden« zu schützen; ein Tier, das nicht fressen will, hat »den Neid«; kleine Kinder können durch den bösen Blick einer übelwollenden Nachbarin »verneidet« werden und fangen dann an zu kränkeln. Auch der Koran spricht, wo von der Wirkung des bösen Blicks die Rede ist, vom »Neider«; die alten Perser, Griechen und Römer kannten ebenfalls einen solchen Zusammenhang. Dem primitiven Menschen gilt das Auge nicht nur als Spiegel, sondern auch als Sitz der Seele, die als böser Blick aus den Augen strahlt. Bereits klassische Autoren haben – auf der Basis der von den antiken Ärzten Hippokrates und Galen entwickelten Viersäftelehre – entsprechende Theorien aufgestellt, wonach Ausdünstungen der Lebensgeister vor allem durch die Augen ausgeschieden werden. Seelische Regungen beeinflussen auch den Körper, bösartige Veränderungen des Körpers durch die Seele spiegeln sich in Gesicht und Auge wider und werden auf andere übertragen. Vor allem der Neid teilt dem Körper eine gewisse verderbliche Beschaffenheit mit: nach Plutarch »gehen von neidischen Menschen gewisse Bilder aus, die nicht ganz ohne Empfindung und Bewegungskraft, und zugleich mit der Bosheit und Mißgunst derer, von welchen sie ausgehen, angefüllt sind. In Verbindung mit dieser dringen sie in diejenigen, die beschrien werden, ein, setzen sich bei ihnen fest, und richten sowohl im Körper als in der Seele Verwirrung und Unheil an ... Wenn also Leute, die durch den Neid in solchen Zustand versetzt werden, auf jemanden ihre Augen heften, diese aber, weil sie dem Sitz der Seele so nahe sind, jenes Verderben sogleich an sich ziehen, und dann aus ihnen gleichsam vergiftete Pfeile herausfahren, so dürfte es weder unglaublich noch der Vernunft zuwider sein, daß Personen, auf welche diese Blicke gerichtet sind, dadurch verletzt werden.« Auch die christlichen Autoren der Spätantike und des Mittelalters sehen die eigentliche Ursache des bösen Blicks in einer durch Neid, Haß und Eifersucht verderbten Seele – diese Gesinnungen können vom Teufel zu seinem Zweck in besonderer Weise mißbraucht werden. Vor allem Frauen haben einen bösen Blick: der Blick von Menstruierenden, deren Ausscheidung als giftig angesehen wurde, trübt Spiegel; Hexen kann man erkennen, indem man sie in einen Spiegel sehen läßt. Auch die verdorbenen Körpersäfte alter Frauen, die nicht mehr durch Menstruation »entgiftet« werden, finden ihren Ausweg durch die Augen: Martin Luther behauptete, es seien »mißgünstige, böswillige alte Weiber«, die diesen Schadenzauber üben. Männern wird der Vorwurf, den bösen Blick zu haben, vergleichsweise selten gemacht, wie sie überhaupt auch der Hexerei insgesamt weniger beschuldigt worden sind. – Die Theorien über den bösen Blick enthalten jedoch, von manchen zeitgebundenen Spekulationen abgesehen, in ihren Beobachtungen manches durchaus Zutreffende. Auch moderne wissenschaftliche Untersuchungen betonen die Bedeutung bestimmter sozialer Situationstypen, in denen Menschen besonders leicht dem Ressentiment und dem chronischen Neid verfallen. Auch bei dem Helden von Franzos' Erzählung entsteht der Neid, der von ihm selbst ganz richtig mit dem bösen Blick in Verbindung gebracht wird, aus einem spezifischen Ohnmachtsgefühl heraus. Matko ist nicht, wie er meint, das Opfer eines rätselhaften Fluchs oder eines ihm von höheren Mächten vorherbestimmten Schicksals – er scheitert vielmehr an sich selbst, an einer Art fortschreitender seelischer Selbstvergiftung, die auch seine Beziehungen zur Umwelt entsprechend beeinflußt. Die von frühester Kindheit an gemachten Negativerfahrungen, das ständige Benachteiligt- und Zurückgesetztwerden vor allem durch den Vater, dessen Eigenliebe er zum Opfer fällt, haben ihn für sein ganzes weiteres Leben bereits so grundlegend geprägt, daß auch die späteren Korrekturversuche seine Entwicklung nur mehr oberflächlich beeinflussen können. Wegen seiner charakterlichen Eigenart und seines als seltsam empfundenen Verhaltens von anderen gefürchtet und gemieden, gerät er zunehmend in die Isolation; nicht zuletzt an seinem eigenen tiefverwurzelten Mißtrauen wird schließlich auch seine Ehe scheitern. Daß er am Ende auch selber von der schädlichen Wirkung seines Blickes überzeugt ist, ist nur die allerletzte Konsequenz, mit der er die ihm aufgezwungene Rolle in einer Art dialektischen Umschlags schließlich auch innerlich akzeptiert – insofern ist ihm sein Geschick in gewisser Weise tatsächlich »vorbestimmt«, wenn auch aus ganz anderen Gründen, als er annimmt.

Daß Menschen, denen man den bösen Blick zuschreibt, auch selbst an diesen als eine ihnen angeborene und gegen ihren eigenen Willen wirksame Macht glauben, ist noch durch Fälle aus neuerer Zeit belegt: Im 19. Jahrhundert wurde ein Farmer aus Yorkshire als schuldig am Absterben eines Birnbaums angesehen: »Vor wenigen Jahren war es ein grüner, fruchtbarer Baum. Es ist aber die Sitte des Besitzers, daß er jeden Morgen, sobald er seine Tür öffnet, den Baum dort ansieht, damit er keinen vorübergehenden Fremden anblicke, und jetzt, sehen Sie, der Baum ist gestorben.« Aus Norddeutschland wurde 1927 von einem Dorfschullehrer berichtet, der vergeblich versuchte, den Gerüchten und Verdächtigungen gegen eine Frau, die den bösen Blick haben sollte, entgegenzutreten. Schließlich suchte er die Betreffende selbst auf: »Kaum hatte er das Thema berührt, als sie ihn laut weinend unterbrach und ihm gestand, daß sie nichts dafür könne, diese fatale Gabe zu haben, sie wolle ja den Leuten gar nichts Übles zufügen: Aber ick kann mi doch de Ogen nich tobinden ... Ick bün all bi den Preester west, de hett mi mit Weihwater besprengt. Nu ward dat ja wull beter wardn!«


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