Karl Emil Franzos
Der Stumme mit dem bösen Blick
Karl Emil Franzos

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Nun, Herr, er hat sein Wort gehalten und ist geblieben. Bei meinem Nachbar, nicht zwanzig Schritte von meinem Hause, fand er einen Dienst. Auch im übrigen kam es, wie er vorausgesagt; mein Weib verabscheute ihn, und obwohl er sich ihr nie zu nahe wagte, war ihr doch seine Nähe qualvoll genug. Und ebenso mir, obgleich ich nicht eifersüchtig war. Aber der Mensch stand von Stund ab in unserem ohnehin düsteren Leben wie eine Gewitterwolke ... Das zweite aber begab sich mit – mit unserem Kinde.«

Die Stimme versagte ihm, und als er nun fortfuhr, drängten sich die Worte mühsam über seine Lippen. »Furchtbar war's – furchtbar ... Wenn ich daran denke, dunkelt es mir im Hirn ... Im zweiten Jahre unserer Ehe sollte uns ein Kindlein geboren werden. Ich jubelte nicht, als mir mein Weib dies zuerst sagte, denn mich lahmte der Gedanke: Es wird dir gleichen und deinen Fluch erben! – Und dieselbe Furcht machte ihr Herz erbeben. Wir sahen der Geburt des Kindes entgegen nicht wie zwei Menschen, denen der Himmel zuerst sein bestes Glück bescheren will, sondern wie zwei Verurteilte, die nur noch zuweilen, in besonders lichten Stunden, auf Begnadigung hoffen.

Gott verurteilte uns: Das Kind, ein Knabe, sah mir ähnlich. Nach wenigen Wochen ward es deutlich erkennbar: Es glich mir Zug um Zug und hatte meine Brauen, meine Augen. Und deshalb flößte meinem Weibe sein eigen Fleisch und Blut Entsetzen ein, und deshalb konnte sie es nicht sehen ... Nun wußte ich, was mein Weib für mich empfand. Ich mußte eine Amme ins Haus nehmen, das Kind gedieh schlecht, nach zwei Monaten starb es. Seine Geburt hatte die Kluft zwischen uns tief und breit gerissen, seit seinem Tode gingen wir nun vollends wie zwei Gefangene, die nur durch eine Kette aneinandergebunden sind, nebeneinanderher. Ich wurde den Gedanken nicht los: Es ist gestorben, weil ihm seine Mutter nicht die Nahrung reichen mochte! – Und stundenlang saß ich auf dem kleinen Grabhügel, und dennoch beklagte ich seinen Tod nicht. Und sie? Oh, wie muß auch ihr zumute gewesen sein, denn sie war ja doch eine Mutter, die ihr Kind mit Schmerzen geboren. Wenn ich damals an die Zukunft dachte, so graute mir vor der endlosen Qual und daß wir dies Leben Jahr um Jahr würden fortschleppen müssen. Aber das Schicksal sorgte dafür, daß es anders endete; denn mich verabscheute sie ja nun ganz und gar, und ... ›Alte Liebe rostet nicht!‹ – das ist ein kluges Sprichwort!« Er lachte gellend auf.

»Drei Monate nachdem ich mein Kind begraben, tritt eines Tages in der Dämmerung der Severko auf der Straße an mich heran. ›Gestern war die alte Stasia aus Solowince hier – du wirst sie schwerlich gesehen haben?‹ – ›Nein!‹ erwidere ich. ›Da ich in Kotzman war. Aber mein Weib hat mir von dem Besuch erzählt. Die Alte wallfahrtet nach dem Kloster Putna und ist auf dem Wege bei uns eingekehrt!‹ – ›Sie ist nur zu deinem Weib gewallfahrtet, um ein gutes Wort für ihren Schutzpatron einzulegen, den lieben Hawrilo!‹ – Das läßt mich kalt. ›Du lügst!‹ sage ich und will weitergehen. Er aber faßt meinen Arm. ›Sei auf deiner Hut!‹ raunt er. ›Deine Schwägerin Parasia ist tot. Der Hawrilo hat die Stasia hierhergeschickt, damit sie es der Tiana erzähle und sie frage, ob sie sich nicht von dir scheiden und ihn nehmen wolle! Es ginge leicht, meint er, denn ihr seid ja griechischen Bekenntnisses, also die Ehe lösbar!‹ – Ich stehe wortlos, wie vom Blitze getroffen. ›Unmöglich!‹ stammle ich. – ›Was?‹ fragt er. ›Daß er es wirklich tun will? Da hast du recht, dieser Mensch meint es mit niemand ehrlich! Aber daß er die Stasia gesendet, ist wahr. Frage nur dein Weib!‹ – Ich gehe heim; es dunkelt schon stark, da ich eintrete. Ich kann meines Weibes Züge nicht deutlich sehen, als ich sie zur Rede stelle, aber ihre Stimme höre ich, und diese klingt fest und feierlich wie ein Schwur, als sie mir erwidert: ›Der Schurke will dich zum Brudermörder machen; es ist kein Wort wahr; was ich dir einst bei jenem roten Kreuz am Brunnen zugeschworen, halte ich dir bis zum letzten Atemzuge!‹ Und ich – ich glaube ihr, und wie ich am nächsten Tage wieder dem Severko begegne, da sage ich ihm: ›Hüte deine Zunge; lästerst du noch ferner meines Weibes Ehre, so könnte es dir dein Leben kosten!‹ Er sieht mich starr an und seufzt tief auf. ›Das ist entsetzlich!‹ sagt er. ›Ich habe die Tiana nicht gelästert und nur von einer Kunde berichtet, die ihr zugekommen. Dafür konnte sie nichts! Aber daß sie es nun noch vor dir verbirgt, deutet ernstlich auf Böses!‹ Ich aber – ich hätte ihn wohl mit den Händen erwürgt, wenn nicht Leute herbeigeeilt und ihn von mir losgemacht hätten. Nun, ich tat ihm unrecht. Wieder einen Monat später mußte ich nach Czernowitz reisen, um ein trauriges Geschäft einzugehen: eine Schuld auf mein Anwesen aufzunehmen; so tief hatten mich das Unglück und die Feindschaft meines Dorfes bereits herabgebracht ... Über eine Woche bin ich schon in der Stadt, da tritt eines Morgens der Severko in der Herberge bei mir ein. Der Mensch sieht furchtbar aus, fahl wie ein Toter, und seine Augen glühen wie im Wahnsinn. ›Gottlob‹, sagt er mir, ›nun ist die Stunde gekommen, wo wir beide ihn richten können!‹ – ›Wen?‹ – ›Den Hawrilo! Er hat gestern morgens dein Weib nach Solowince entführt!‹ Da greife ich mir ans Herz und sinke ohnmächtig zu Boden ...

Drei Stunden später war ich soweit, um mit Severko aufbrechen zu können. Wir ritten bis Tluste unsere Pferde zuschanden, dort mieteten wir neue und jagten weiter, zwei Tage und zwei Nächte. Das Pärchen war zu Wagen aufgebrochen und reiste gemütlich; wir mühten uns, es noch vor Solowince einzuholen ...«

Der Unselige griff sich an die Stirn, es machte ihm offenbar furchtbare Mühe weiterzusprechen. »Nun – dies gelingt auch. Auf dem Wege zwischen Panowka und Solowince holen wir sie ein, dicht am Starosten-Weiher. ›Halt! Steigt aus!‹ – Sie gehorchen. Fast gleichzeitig drücken wir unsere Büchsen auf den Hawrilo los; er sinkt röchelnd in den Staub ... Die Tiana aber hat sich erhoben und stürzt dem Weiher zu – der Severko ihr nach, aber er erreicht sie nicht mehr. Fast an derselben Stelle wie einst springt sie in die Flut. Er folgt ihr, aber als er sie endlich ans Ufer bringt, ist sie schon tot ...

Ich habe dem zugesehen, starr und stumpf, keiner Bewegung mehr fähig. Ich erwache erst aus meiner Betäubung, als die Stimme des Sterbenden an mein Ohr schlägt. ›Sei verflucht!‹ röchelt er. ›Du und alle Menschen! Lebe, ihnen zum Fluche zu sein! Dein Blick sei Tod und deine Stimme Verderben – immer und allen ... Lebe, lebe, und möge dich Gott nie erlösen!‹

Das waren seine letzten Worte ... Die Leute von Solowince wollten nicht, daß des Theodors Sohn am Galgen sterbe, darum verhalfen sie dem Severko zur Flucht nach Rußland, und mich stießen sie aus ...

Meine Strafe, meine Reue hat mit dem Augenblick begonnen, wo jene Worte meines Bruders an mein Ohr schlugen. Wie sie sich erfüllt haben, weißt du ...

So, Herr, dies ist meine Geschichte ... Komm!«

Ich erhob mich und schritt schweigend neben ihm her durch den Wald, wohl zwei Stunden lang, bis wir von ferne die Sägemühle klappern hörten.

Hier erst sprach er wieder. »Leb wohl«, sagte er. »Und willst du mir einen Dank erweisen, so sage mir noch vorher nach deinem Wissen und Gewissen: Glaubst du, daß ich durch die vierzig Jahre meinen Frevel genug gebüßt? Auch ich habe ja sowenig Schaden als möglich bereitet und bin sogar der ›Stumme‹ geworden, weil auch mein Wort Gefahr bringt. Also, ist's genug?«

»Genug!« sagte ich, im tiefen Herzen erschüttert. »Genug!«

Er nickte mir zu und ging. Ich blickte ihm lange nach. Dann schritt ich der Mühle zu und weiter hinab in die Niederung, langsam und gesenkten Hauptes, als trüge ich eine schwere Last. Aber das ist nicht das letzte, was ich vom »Stummen« zu erzählen habe. Sein Ende habe ich noch zu berichten, und es war heller und tröstlicher als sein Leben. Fünf Jahre später war ich wieder in jener Gegend und ging desselben Weges aus der Ebene den Fluß empor und trat auch wieder in jenes Haus im Dorfe am Fuße des Waldgebirges, wo mir einst die erste Kunde vom »Stummen« geworden.

Die schöne, ehrwürdige Greisin, die mich einst so eindringlich vor ihm gewarnt, war noch am Leben, und ihr Antlitz war heiterer geworden, als ich es damals gesehen. Das hatte das blühende Glück um sie her bewirkt. Ihre Enkelin hatte sich vermählt, und zwei Kindlein knospten fröhlich auf. Das ältere, ein blonder Knabe von drei Jahren, lief vertraulich an mich heran, und als ich ihn aufs Knie hob, nickte mir die Greisin mit seligem Lächeln zu.

»Ich weiß noch genau, was wir einst gesprochen«, sagte sie. »Vom ›Stummen‹. – Nun wohl, daß dies Kind lebt, danken wir ihm.«

»Wie?« rief ich; ich hatte nach dem Unseligen nicht fragen wollen und war nun doppelt erfreut, von ihm zu vernehmen.

»Lebt er noch?«

»Nein!« erwiderte sie. »Um dieses Kindes willen ist er gestorben. – Friede mit ihm! – Im letzten Frühling war's, da tauchte er wieder in unserem Gau auf, oberhalb der Mühle, und darum wollt' ich es nicht leiden, als meine Enkelin mit dem Janko hier aufbrach, den Gatten zu besuchen, der hoch droben bei den Herden war. Aber sie ließ sich nicht halten. Bis zum Wildbach, der von oben herabbraust und dann zu unserem Flüßlein wird, kam sie glücklich und ungefährdet, aber als sie eben den Steg über das wilde Wasser betrat, krachte zufällig plötzlich ein Schuß aus eines Jägers Büchse, der einen Adler herabholte, und dies erschreckte sie so sehr, daß ihr das Knäblein aus dem Arme fiel und in die Flut ... Da aber tauchte jählings der ›Stumme‹ vor ihr auf, der irgendwo in der Nähe sein Versteck hatte, und sprang dem Kinde nach und rettete es. Seine Kraft reichte noch aus, es der Mutter in den Arm zu legen, dann brach er am Ufer zusammen ... Zwei Tage hat er noch gelebt, hier in dieser Hütte ist er gestorben; nie habe ich einen Menschen fröhlicher, seliger sterben sehen. ›Nun ist des Toten Fluch von mir genommen!‹ sagte er immer. ›Ich bin einem Menschen zum Segen gewesen, ohne mich wäre das Kind tot! Ich bin kein Verdammter mehr, und darum werde ich nun auch sterben können.‹ – Ach, Herr! wer von uns Menschen kann gerecht urteilen? Die Flut, aus der er das Kind rettete, war dieselbe, in der mein Sohn gestorben – um seinetwillen, wie ich einst geglaubt. Vielleicht ist ihm schweres Unrecht geschehen – Gott allein kennt die Wahrheit. Friede mit ihm!«

»Friede mit ihm!« sagte ich und beugte mich auf das Lockenhaupt des Kindes nieder.


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