Karl Emil Franzos
Der Stumme mit dem bösen Blick
Karl Emil Franzos

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Vier Jahre blieb ich vom Hause fort, es ist nicht viel aus dieser Zeit zu erzählen; wie ein einziger grauer Tag liegt sie mir in der Erinnerung. Bald verdingte ich mich als Knecht und arbeitete wie ein Verzweifelter, nur um mein Leid vergessen und des Nachts schlafen zu können, dann wieder ließ ich monatelang mein Erbe in wüster Gesellschaft Gulden um Gulden in die Welt rollen; leichter machte mir beides das Herz nicht. Ich versuchte es mit allem, nicht bloß mit der Arbeit und dem Vergnügen, sondern sogar mit der Frömmigkeit. Drei Monate lang war ich als Laienbruder in einem Basilianerkloster, arbeitete, fastete und betete – und vergaß doch nicht! Ach ja, Herr, nur im Märchen wächst das Kraut des Vergessens, auf Erden sucht man es vergeblich!« – »Aber jener Wahn, der Euch gequält«, wagte ich zu fragen, »der verließ Euch doch in der Fremde?«

»Nein!« erwiderte er finster. »Und damals erst erkannte ich recht, daß es kein Wahn war! Warum bebten die fremden Leute vor mir zurück, die nichts von dem Gerede meines Heimatdorfes wußten, die mich zum ersten Mal im Leben sahen? Warum tauchte dieses Gerede von selbst immer wieder auf? Selbst wenn ich die Leute in meiner Lumpenlaune freihielt, setzten sich nur die Schlimmsten an meinen Tisch! Warum? Weil mir der böse Geist aus den Augen sah!«

»Nein, die Verbitterung!« erwiderte ich. »Wenn Ihr keine besseren Beweise habt ...«

»Ich habe sie!« versetzte er. »Ich durfte nur jemandes in Grimm gedenken, und es geschah ihm wirklich ein Unglück! Da treffe ich einmal an der Heerstraße mit einem Handwerksburschen zusammen und halte ihn in der Schenke frei, und wie der Mensch sich satt gegessen, rückte er von mir weg und ruft höhnisch: ›Nun habe ich aber deine Fratze satt!‹ Ich blicke ihn an und hebe, zitternd vor Wut, die Hand, aber noch ehe ich zuschlage, greift er sich ans Herz und bricht mit einem dumpfen Schrei zusammen. Einige Minuten später ist er tot!«

»Ein Herzschlag«, sagte ich. »Aber ich will Euch nicht widersprechen, es wäre ja doch vergeblich ... Warum kehrtet Ihr endlich dennoch wieder nach Solowince zurück?«

Er erwiderte lange nichts, endlich begann er wieder: »Im vierten Jahre war's, seit ich mich selbst heimatlos gemacht, und ich arbeitete just als Knecht in einem Dorfe an der Suczawa. Da gab es nun eines Sonntags eine große Lustbarkeit; ich aber blieb daheim. Und wie ich so einsam in meiner Kammer brüte, höre ich plötzlich meinen Namen rufen – der Severko! Ich greife unwillkürlich nach der Hacke in der Ecke, aber er sagt gelassen: ›Laß das, Matko! Daß du damals mein Blei mit deinem Leibe aufgefangen, hat dir geringen Dank gebracht, und noch weniger braucht es uns zu Feinden zu machen. Durch einen Zufall erfuhr ich, daß du hier bist, und freue mich, daß ich dich gefunden. Ich war kürzlich in deiner Heimat. Dein Bruder heiratet die häßliche Parasia, Tiana aber ist jetzt um seinetwillen das Gespött des Dorfes ... Was siehst du so furchtbar drein?‹ fügte er hinzu. Und wahrlich, wenn meine Miene verkündete, was mein Herz empfand, so mag sie wohl in jenem Augenblick nicht heimlich gewesen sein. ›Geh!‹ sagte ich, dann warf ich mich auf den Boden hin und blieb da liegen, bis mich die Stimmen meiner Hausgenossen aufschreckten, die vom Feste heimkamen. Da erhob ich mich, griff zur Büchse und verließ das Haus. So trat ich in tiefer Nacht meinen Rachegang an.

Es war zur Sommerszeit, auf den Feldern wogte die reife Saat, und in den Gärten blühten die Rosen. Die Nacht und einen Tag wanderte ich dahin, dann aber dachte ich: Jede Minute, die ich den Schurken noch atmen lasse, ist eine Sünde an mir! – Und so mietete ich denn ein Roß und ritt nordwärts, Stunde um Stunde, so rasch es das arme Tier ertrug. In der Dämmerung des dritten Tages, eines Sonntags, brach es auf der Straße bei den ersten Häusern von Panowka unter mir zusammen. Ich ließ es liegen, nur meine Büchse nahm ich auf und schlug den Weg gegen Solowince ein.«

Er atmete tief auf.

»Ich gehe in die Nacht hinein, schwer atmend und so rasch, wie mich die Füße tragen wollen. Der Mond ist aufgegangen und läßt den Staub des Pfades erschimmern, der sich, am ›Starosten-Weiher‹ vorüber, durch die Felder gegen Solowince windet. Es ist dies ein trübes, tiefes Wasser und hat seinen Namen daher, weil die Leute erzählen, daß hier ein Starost von seinem ungetreuen Weibe und ihrem Liebsten ertränkt worden. Auch geht die Sage, daß das Gespenst der Mörderin oft des Nachts am Ufer sitze und weine und die Untat verfluche. Aber daran dachte ich nicht, wahrlich, Herr, keinen Augenblick, nur ein Gedanke füllte mir das Hirn: Wo suchst du den Hawrilo zuerst auf? Aber wie ich so dahineile, dem Weiher zu, schlägt plötzlich ein Stöhnen an mein Ohr, und wie ich aufblicke – heiliger Gott! Nicht zwanzig Schritte vor mir, dicht am Rande der dunklen, stillen Flut, steht des Starosten Weib ... Mein Fuß wurzelte am Boden, ich starre die Erscheinung an: eine helle Gestalt, das Haar gelöst, die Hände vors Antlitz gedrückt. Unmöglich! denke ich. Das ist ein irdisch Weib! Und dann wieder: Was sollte ein Weib hier, an dem unheimlichen Orte, den man selbst bei Tage nur scheu betritt? – Sie regte sich nicht, sie gewahrt mich nicht, nur ein Stöhnen vernehme ich, und es läßt mein Herz vor Grauen stillstehen. – Eines Mordes wegen, denke ich, ist sie verflucht, und ein Mord ist's, den du vorhast! Vielleicht hat Gott sie just zu dieser Stunde emportauchen lassen, dir zur Warnung – vielleicht auf Fürbitte deiner toten Mutter ... Aber dann wieder: Vorwärts! Er muß sterben! Was hast du noch mit Gott und allen guten Geistern zu tun! Vorwärts! Und dies alles zuckt mir fast gleichzeitig durchs Hirn, in einem Atemzug, hundertfach rascher, als ich es hier erzählen kann ...

Wie Blei liegt's mir in den Füßen, ich muß alle Kraft zusammennehmen, um weiterzugehen – einen, zwei, drei Schritte, dann bezwingt mich mein Grauen, und ich bleibe abermals stehen. Sie aber – schon hat sie den Schall meiner Schritte vernommen, läßt die Hände sinken, blickt nach mir hin, und ein leiser Schrei tönt von ihren Lippen ... Nun sehe ich im blassen Schimmer des Mondes ein weißes Antlitz und daß das flatternde Haar golden ist, und sehe, wie sie unwillkürlich das gelöste Gewand über dem Busen zusammenzieht. Eine Verzweifelte! denke ich. Vielleicht eine Wahnsinnige – was geht's dich an? Vorwärts! Wieder gehe ich einige Schritte auf sie zu. Sie aber – o Herr, wie mir nun wurde ... ›Matko!‹ schreit sie auf und starrt mich entsetzt an, und nun erkenne ich die Züge ... ›Matko!‹ wiederholt sie gellend, und wie ich auf sie zueile, springt sie in den Weiher ...

Kaum drei Atemzüge später stehe ich an dem Ufer des Weihers. Aber nichts ist mehr von der Tiana zu sehen; ich sehe im Ungewissen Schein des Mondes nur das leichte Kräuseln der Flut. Da habe ich aber auch schon die Büchse von mir geschleudert und bin hineingesprungen ... Ich schwimme das Ufer entlang, kalt umspült die dunkle Flut meine erhitzten Glieder, daß mir das Blut wild in den Ohren braust und meine Kraft ermattet, und wie ich so die Wasser teile, denke ich: Herrgott, laß sie mich retten und nimm mein Leben dafür! Und dann wieder: Sterben, o wie gut das wäre! Du Tor, was regst du Arme und Füße? Laß dich hinabsinken, hinab – hinab! Schon fühle ich die Glieder schwerer werden, und wie mich mein durchnäßtes Gewand hinabzieht, da taucht fern von mir, fast in der Mitte des Weihers, etwas Helles auf: eine Hand und das goldene Haar ... Das gibt mir neue Kraft, und da bin ich neben ihr, fasse die Bewußtlose und bringe sie ans Ufer ...

Ich weiß noch ganz genau, was ich dachte, als ich so neben ihr kniete und ihre Pulse rieb, ihre Hände in den meinen zu erwärmen suchte. Es war kein Groll mehr in mir und kein Abscheu vor der Schmach, mit der sie sich bedeckt, und selbst die Liebe schwieg, und nur das Erbarmen füllte mir das Herz – ein großes, heißes Erbarmen. Du gütiger da droben, flehte ich in meinem Herzen, niemals bist du milde gegen mich gewesen, sei es jetzt – jetzt! Gedenke, was über mich, was über dieses Geschöpf gekommen – wir sind ja auch deine Kinder –, laß sie nicht so elend verkommen! Und Gott erbarmte sich meiner, so wähnte ich damals; später habe ich über diese Fügung anders denken gelernt. Nun, gleichviel, während ich also hilflos neben der Bewußtlosen verweilte, kamen zwei Männer von Solowince her den Fußpfad gegangen. Auf meinen Hilfeschrei kamen sie herbei, es waren Spielleute von Panowka, welche just Geige und Cymbal auf dem Rücken heimschleppten. ›Alle Heiligen!‹ riefen sie. ›Der Matko ist wieder da ... Oh, das arme Mädchen! Sprich nicht, wir verstehen alles! Heute war ja die Hochzeit des Hawrilo.‹ Wieder faßte und schüttelte mich die wilde Wut gegen den Schurken. ›Heute, sagt ihr?‹ – ›Heute!‹ bestätigten sie. ›Wir kommen eben von dem Feste.‹ Sie erwiesen sich mir hilfreich; wir luden die Tiana auf und brachten sie in des Geigers Haus in Panowka. Sein Weib begann sich alsbald barmherzig um die Ohnmächtige zu mühen; auch der alte Pfarrer, der den Leuten seines Dorfes als Arzt diente, wurde geholt.

Ich aber saß während dieser Zeit allein auf dem Vorbänkchen vor des Geigers Hause. Zuweilen horchte ich auf, ob nicht von drinnen her eine Botschaft käme, aber immer und unablässig lauschte ich den wirren Stimmen, die mir im Herzen kämpften und riefen: ›Was geht's dich an, ob sie am Leben bleibt oder stirbt, dir ist sie tot ... Du hast nur eines noch auf Erden zu verrichten, morgen den Hawrilo zu töten!‹ Aber dazwischen flüsterte es: ›Erbarme dich ihrer, steh ihr bei – du hast sie ja einst so sehr geliebt! – Und du liebst sie ja noch!‹ sprach es dann. ›Und wenn ihr beide vergessen könntet, was einst war ...‹ – ›Nimmermehr!‹ knirschte ich auf. ›Nimmer – wenigstens so lange nicht, als der Schurke lebt. Wenn er tot wäre, wenn er nicht lächeln könnte, sobald er es vernimmt ... Er muß sterben, und hätte er tausend Leben, ich müßte sie ihm nehmen!‹ – ›Und was dann?‹ flüsterte wieder die sanftere Stimme. ›Dann findet die Tiana zum zweiten Male den Weg zum Weiher, und du stirbst am Galgen. Du fragst nicht nach dir! Wohl, so frage nach ihr – hast du sie deshalb aus der Flut gezogen, daß sie im Schlamm verkomme?‹ Und wieder begann jene Empfindung in mir mächtig zu werden, die mich erfüllt, als ich am Weiher neben ihr gekniet, das tiefste, heißeste Erbarmen, und nicht bloß mit ihr, auch mit mir selbst ... Wodurch hatten wir verdient, was über uns gekommen! Und vielleicht war es der Wille des da droben, die beiden Unglücklichen einander zuzuführen, indem er mich just um diese Stunde an den Weiher führte ...

In dieser Stimmung traf mich der hochwürdige Herr, als er im Morgengrauen das Haus verließ. ›Sie lebt!‹ sagte er. ›Und wenn sie aus dem tiefen Schlafe erwacht, in den sie nun gesunken, wird ihr Leib gesund sein. Aber ihre Seele ...‹ Er seufzte tief auf und blickte mich bewegt an. ›Matko!‹ sagte er. ›Ich kenne deine Geschichte; wenn du es versuchen wolltest, der Unglücklichen ein Bruder zu sein ... Sie hat es mir eben gesagt: »Ich hätte die Tat nicht gewagt, wenn ich dadurch noch ein anderes Leben getötet hätte!« Wer so spricht, ist eines besseren Loses wert! Willst du, Matko?‹ – ›Ich will's!‹ stammelte ich, und die Tränen überströmten mein Antlitz. ›Ich will's!‹

Ein Bruder – wie eine Offenbarung überkam es mich: Das war das Rechte!

Und noch selbigen Tages tat ich alles, was an mir lag, diesen Entschluß durchzuführen. Ich trat vor die Tiana: ›Ich fordere nichts von dir, als daß du lebst und dir meine Hilfe gefallen lassest. Wir wollen weit wegziehen, unter fremde Menschen, und da ein Gütchen erwerben und wie Geschwister zusammen hausen, bis sich vielleicht ein braver Mann findet, der dich zum Weibe begehrt und dem du gerne folgen magst. Willst du mit mir gehen?‹ Sie konnte vor Schluchzen lange nicht antworten. Dann fing sie mich zu beschwören an, daß ich sie ihrem Schicksale überlassen möge, sie verdiene ja nicht, in meiner Nähe zu atmen. Endlich aber, da ihr auch der Hochwürdige zusprach, sagte sie: ›So will ich denn deine Magd sein, Matko, und dem edelsten Menschen zu vergelten suchen, was er gestern und heute an mir getan!‹

Nachdem ich mit dem Pfarrer meinen Plan durchberaten, daß wir uns fern, im westlichen Galizien, ansiedeln sollten, ging ich am nächsten Morgen nach Solowince, mein Erbteil zu fordern. Als ich an den Weiher kam, gewahrte ich etwas, was ich damals für ein Zeichen Gottes hielt. Du weißt, ich hatte in jenem entsetzlichen Augenblick meine Büchse achtlos aus der Hand geschleudert. Nun blieb ich stehen und spähte nach ihr aus. Vergeblich! Schon dachte ich, daß irgendein unredlicher Finder sie an sich genommen, als ich ein helleres Schimmern in der Flut gewahrte, tief unter dem stillen Spiegel. Es war der Lauf der Büchse, über dem die Sonne spielte – sie stak im Moorboden, an einer Stelle, wo niemand sie mehr hervorholen konnte. Das machte mir das Herz weich, und ich dachte: Gott selbst hat es so gewollt, daß diese Waffe für jetzt und immerdar keiner Untat diene – ihm beuge ich mich, sein Wille sei gelobt! In dieser Stimmung setzte ich die Wanderung nach meinem Heimatdorfe fort, fest entschlossen, im Frieden mein Recht zu fordern. Auch dieser Vorsatz glückte. Meinen Bruder sah ich nicht, nur sein junges Weib trat mir entgegen, zitternd vor Angst, so daß sie noch viel grüner und häßlicher aussah als gewöhnlich. Elender! dachte ich im stillen. Von einem Weibe wie die Tiana geliebt werden und ein solches Jammergeschöpf um des Geldes willen heiraten! Wahrlich, eigentlich hast du dich selbst hart genug gestraft! – Sie führte mich vor meinen Vater, auch er war bleich und zitterte; offenbar fürchtete er der Tiana wegen meine Vorwürfe und atmete auf, als ich nur die Abrechnung forderte. Das war rasch abgemacht, auch bezüglich des Erbteils der Waise; er holte das Geld hervor, welches die Parasia vorgestern ins Haus gebracht, und zählte mir unserer beider Forderung bis auf den letzten Gulden zu. Als ich das Geld einstrich und der Richter und der Dorfschreiber herbeigerufen wurden, als Zeugen zu dienen, daß ich mein Erbe erhalten, mochte er das Bedürfnis fühlen, sich vor ihnen zu rechtfertigen, oder rührte sich sein Herz – gleichviel. ›Matko‹, sagte er bewegt, ›willst du mir nicht ein gutes Wort zum Abschied sagen? Ich habe an dir und dem Mädchen gefehlt, aber minder schwer, als du glaubst; und erwäge, daß auch du nicht ohne Schuld bist. Es wäre alles anders gekommen, wenn du die guten Worte beachtet hättest, die ich dir vor neun Jahren, bei deiner Heimkehr von Horowka bot!‹ Es war mir schwer, darauf zu erwidern. Endlich sagte ich: ›Ich will nicht im Groll von dir scheiden. Aber erinnere mich nicht daran, wie alles hätte kommen können und sollen! Wir wollen nicht daran rühren. Leb wohl, Vater!‹ Ich bot ihm die Hand, er schlug ein. Das war das letzte Mal, daß wir einander gesprochen haben. Er ist schon zwei Monate später gestorben, fast genau ein Jahr nach der Mutter, rasch und schmerzlos, auch in diesem Letzten ein Glücklicher dieser Erde. Unsere Rechnung, soweit sie zu bezahlen war, haben wir geschlichtet, die andere steht vor einem höheren Richter ... Friede mit ihm, Friede mit meinem Vater.«

Er hatte dies letzte ohne Rührung gesprochen, ernst und laut. Seine Stimme begann erst unsicher zu werden, als er fortfuhr: »Und nun, Herr, nun muß ich berichten, wie es sich mit mir und der Tiana fügte. Nächsten Morgen schon brachen wir aus Panowka auf, obwohl sie noch recht schwach war; aber wir beide empfanden jeden Atemzug in der Luft der Heimat wie eine Qual. Wie gesagt, wir wollten irgendwo in Mazurien ein Gütchen erwerben und als Geschwister darauf hausen. Nun, es ist aus beidem nichts geworden. Als wir in das nächste Städtchen kamen, nach Czortkow, erzählten uns die Leute so schlimme Dinge von der Unfruchtbarkeit des Bodens und von dem friedlosen Leben unter den Mazuren, daß wir beschlossen, uns südwärts zu wenden, nach dem Lande, das ich von meinen Wanderjahren her am besten kannte, der Bukowina. Auch jenen andern Vorsatz vermochten wir nicht einzuhalten – nach sechs Wochen traute mir ein Priester die Tiana als mein Weib an.

Es war ein seltsames Wandern gewesen in den ersten Tagen. Ich hatte für unser Gepäck und für das Mädchen, welches noch zu schwach war, um gehen zu können, ein Pferd gemietet und schritt so neben ihr her, das Tier am Zügel führend. Wenn wir in eine Herberge kamen, so überließ ich sie der Obhut der Wirtin; auch schlossen wir uns am Wege, sowenig dies sonst nach unserem Sinne war, doch lieber an Mitreisende an, nur um nicht allein miteinander sein zu müssen. Denn da war es uns schwül und bang ums Herz; selbst das gleichgültigste Wort trat schwer über die Lippen und klang bedeutungsvoll. Ich erzitterte, wenn mich ihr Gewand streifte, und blickte ich sie an, so ward sie über und über rot. Zwei Wochen wanderten wir so im Lande umher, je nachdem uns die Kunde wurde, daß hier oder dort ein Gütchen feilstehe. Aber eines, das uns getaugt hätte, fanden wir nicht, und wie dies die Peinlichkeit unserer Lage verschärfte, so mehrte es auch unsere Befangenheit, daß uns die Leute überall für ein junges Ehepaar hielten und, wenn wir unsere Ausrede vorbrachten, erstaunt den Kopf schüttelten. So kamen wir auch in die Gegend von Kotzman. Ich weiß nicht, Herr, ob du je dort gewesen bist; es ist ein weiherreiches Tiefland; fruchtbare Äcker und dürre Heide wechseln miteinander ab; wer in Podolien geboren ist, kann glauben, wieder in der Heimat zu sein. Dies griff uns armen, einsamen Flüchtlingen ans Herz, und wir beschlossen, uns hier anzukaufen, wenn es nur irgend ginge. Ein Schenkwirt machte uns auf ein kleines Anwesen im Dorfe Rudkowce aufmerksam, und so brachen wir dahin auf.

Es war ein heißer Tag, versengend brannte die Sonne auf die Ebene nieder, nur von Süden her strich der Wind und wirbelte den Staub der Straße auf. Nach kaum drei Stunden waren wir so ermattet, daß wir zu rasten beschlossen. Ein Wirtshaus war nicht am Wege zu erspähen, wohl aber standen da einige schattige Linden um einen Brunnen, neben dem sich ein großes, rot angestrichenes Holzkreuz erhob. Hier hielten wir an, erfrischten uns an dem kühlen Wasser und verzehrten das mitgenommene Brot. Die Tiana saß auf der Steinstufe am Brunnen, und ich stand neben dem Pferde; wir sprachen nichts und blickten einander nicht an. Während wir so in schwülem Schweigen verweilten, kamen einige Fuhrleute vorüber; es waren ›Tschumaken‹, Männer aus der Ukraine, welche Salz der Grenze zuführten. Es sind dies in der Regel mutwillige Leute, und auch diese machten keine Ausnahme. ›Habt ihr euch gezankt?‹ rief uns der eine zu. ›Seht nur, wie das Pärchen schmollt!‹ – ›Was dir nicht beifällt!‹ sagte ein anderer. ›Das sind keine Eheleute! Eine Taube vermählt sich nicht mit einem Uhu!‹ Darauf lachten die übrigen, ich aber wandte mich ab, und übermenschliche Mühe kostete es mich, ruhig zu bleiben. Ich hätte mich auf den Spötter stürzen und ihn niederschlagen, ich hätte vor blutigem Weh aufschreien mögen wie ein verwundetes Tier! Nie, nie vorher hatte mich das Bewußtsein meiner Häßlichkeit so furchtbar geschmerzt, so tief gedemütigt.

Welches Gesicht die Tiana dazu machte, ich weiß es nicht, ich blickte sie nicht an. Aber wie ich so stehe, Herr, und mich als den Unglücklichsten der Menschen fühle, legt sich plötzlich ihr Händchen auf meine Schulter. Und wie ich aufblicke, sehe ich, wie ihr die Tränen aus den Augen brechen und das glühende Antlitz betauen. ›Matko!‹ schluchzt sie. ›Du lieber, guter Matko, gräme dich nicht – es ist ja nicht wahr ...‹ Ich starre sie wortlos an, fester muß ich mich an das Tier lehnen, weil ich fühle, wie mir die Knie wanken. ›Was?‹ stammle ich endlich. ›Was ist nicht wahr?‹ – ›Daß du häßlich bist!‹ stößt sie unter Tränen hervor. ›Auch ich habe es einst geglaubt und weiß es nun besser ... Wer ein so schönes Herz hat, dem sieht man es an.‹ – ›An den Augen etwa?‹ rufe ich verzweifelt. ›Ich habe ja den »bösen Blick«!‹ – ›Nein!‹ wehrt sie hastig ab und hebt die gefalteten Hände flehend zu mir empor. ›Quäle dich nicht mit diesem Gedanken, Matko, es war ja alles Lüge und Verleumdung und Dummheit der Menschen. Denke daran, was dir die Babusia einst gesagt ... Matko, glaub es nicht!‹ – ›Und du‹, rufe ich atemlos, ›du glaubst es nicht mehr? Und dir graut nicht mehr vor mir?‹ – ›Nein, nein!‹ Da reiße ich sie an mich und küsse ihren Mund. Aber nur einen Augenblick halte ich sie in meinen Armen, dann trete ich zurück. ›Tiana‹, sage ich. ›Überlege es wohl! Willst du mein Weib werden?‹ – ›Deine Magd!‹ schluchzt sie auf und stürzt zu meinen Füßen nieder. ›Wie verdiente ich es, noch dein Weib zu werden ...! Nein, ich will in deinem Hause leben und für dich und dein Weib arbeiten. Eine andere wirst du wählen, die deiner wert ist.‹ – ›Du verwirfst meine Werbung?‹ – ›Matko!‹ schluchzt sie. ›Erbarme dich doch meiner – tue doch deine Augen auf und erkenne, wie es um mein Herz steht! Es wäre ja mein höchstes Glück, nur verdiene ich es nicht und wage darum nicht zu glauben, daß es mir noch auf Erden wird!‹ Da hebe ich sie empor und frage wieder: ›Dir graut nicht vor mir? Und du schwörst, daß du mir ein treues, liebendes Weib sein willst?‹ – ›Ich schwöre es!‹ erwidert sie feierlich. – ›Täuschest du mich nicht? Und nicht dich selbst?‹ – ›Nein! Ich schwöre es!‹ wiederholt sie. ›Welche Nichtswürdige müßte ich sein, um in solcher Stunde zu lügen!‹ Da ziehe ich sie wieder an mich heran und küsse sie auf die Stirn. ›Du bist nun meine Braut‹, sage ich, ›und im nächsten Dorfe verweilen wir, um uns so rasch, als es die Förmlichkeiten erlauben, trauen zu lassen. Und nur dies eine weiß ich von dieser Stunde ab, daß du mich liebst, und alles andere, was hinter uns liegt, habe ich vergessen ...‹

Das war meine Verlobung mit der Tiana, und, sagt' ich schon, vier Wochen später folgte die Trauung in Rudkowce, wo ich das Gütchen erwarb. Das Haus stand leer, ich zog vorläufig allein hinein, und die Tiana wohnte bei den Küstersleuten, bis ich sie als mein Weib in mein Haus führen durfte.

Vielleicht, Herr, vielleicht habe ich mich in den ersten Monaten meiner Ehe nicht bloß für glücklich gehalten, sondern bin es auch gewesen, vielleicht hat mich mein Weib damals wirklich geliebt, das heißt, soweit als heiße Dankbarkeit die Liebe ersetzen kann ... Aber es währte nicht lange, und ich ward unglücklich wie nur je zuvor, ja, noch viel schwärzer ward mein Los ... Ich habe früher, wenn ich daran dachte, die Menschen bitter angeklagt und ihnen die Schuld für mein Elend aufgebürdet. Das tue ich heute nicht mehr, sondern sehe ein, daß alles gekommen ist, wie es kommen mußte.

Du weißt, daß man in jedem Dorfe die Ansiedlung eines Fremden nicht gerne sieht. Meine Nachbarn in Rudkowce konnten nicht verhindern, daß ich meinen Hof erstand, aber liebreich wären sie mir zunächst nicht entgegengekommen, und wenn ich ein Mensch wie alle andern gewesen wäre. Und nun war ich – eben ich, der Mensch mit dem ›bösen Blick‹! Ja, diese furchtbare Gabe war mir wirklich schon damals auferlegt – Schüttle nicht wieder den Kopf, Herr –, es fügte sich wirklich viel Unheil durch mein Zutun, und die Leute kamen auch bald auf die richtige Ursache und verwünschten meine Ansiedlung und befehdeten mich auf Schritt und Tritt, soweit sie es straflos konnten. Ich verschweige, was sie mir alles antaten, es ist ohnehin eine Kleinigkeit, ein Nichts gegen das Furchtbare, was gleichzeitig über mich kam. Ich meine das Verhältnis zu meinem Weibe. Ich will nicht lügen, sie gab sich anfangs redliche Mühe, das drohende Unheil abzuwehren. Wenn ich heimkam, verbittert über die Niedertracht, die ich an meinem Besitz erfahren, oder entsetzt über eine Tatsache, die mir neuerdings bestätigte, daß mir der da droben die grauenhafte Gabe auferlegt, so war sie es, die mich zu trösten, mir Groll und Grauen aus der Seele zu verscheuchen suchte. ›So bedenke doch, was die Babusia gesagt!‹ wiederholte sie immer wieder wie einst in Solowince und dann unter jenem roten Kreuz am Wege. ›Schlage es dir aus dem Kopf, begegne den Leuten nicht so scheu und finster, und sie werden allmählich anders gegen dich werden!‹ Es fruchtete nichts, obwohl auch ich mir anfangs Mühe gab – später freilich nicht mehr, da ich mein Verhängnis klar erkannte. Und es wuchs sogar!«

Die Stimme des Greises sank zum Flüstern herab, er beugte sich näher zu mir herüber, als wollte er mir ein Geheimnis anvertrauen, und jener unheimliche Schimmer, der ab und zu in seinen Augen aufglänzte, wurde stärker, als ich ihn früher gewahrt.

»Nicht bloß mein Blick, auch mein Wort brachte nun anderen Verderben. Es genügte, daß jemand meine Stimme hörte, und es geschah ihm Leides! Glaubst du auch dies nicht?«

Ich erwiderte nichts, und der Unselige beharrte auch nicht auf einer Antwort.

»Also«, fuhr er fort, »es wurde immer schlimmer um mein Verhältnis zum Dorfe, und immer größer ward auch die Kluft zwischen meinem Weibe und mir. Anfangs fürchtete ich bloß, daß ihr Grauen wiederkehren könnte, dann bildete ich mir ein, daß es vielleicht gekommen, und endlich kam es wirklich über sie, und sie schauerte zusammen, wenn ich in die Stube eintrat, schauerte, wenn ich ihre Hand faßte, ja, als sie mein neues Unheil merkte, so oft, als ich zu ihr sprach. Dies bringe ich nicht zu ihrer Anklage vor; auch sie konnte nicht anders. Und ich muß sogar zu ihrer Entlastung sagen, welch schweres Leben sie hatte. In einem fremden Dorfe, eines Gemiedenen Weib, in einer Wirtschaft, die trotz all meiner Mühe rückwärtsging, weil ich eben von den anderen geschädigt und gehemmt wurde, und dazu, was das Schlimmste, jene Empfindung gegen den Gatten im Herzen – auch ihr Dasein mag qualvoll genug gewesen sein.

Zwei Begebenheiten machten es uns vollends zur Hölle. Als ich einmal allein auf einer Wiese mähe – schon bricht die Dämmerung ein, und ich darf die Sense noch immer nicht aus der todmüden Hand legen, da mir eben wieder einmal ein Knecht plötzlich aus dem Hause gegangen, weil er bei dem Menschen mit dem ›bösen Blick‹ nicht hat bleiben wollen –, also wie ich so allein arbeite, kommt von der Straße her ein Mann auf mich zu, dessen Haltung mir schon von ferne auffallend ist: So schreiten die Leute aus den Bergen ... Nun, es ist der Severko. – ›Matko!‹ beginnt er. ›Höre mich an, ich bitte dich!‹ – ›Nein!‹ sage ich. ›Hinweg mit dir – sonst ...‹, und ich hebe die Sense. ›Ich habe ja Gutes mit dir vor‹, fleht er. ›Sieh, wir sind ja einst beide gleich unglücklich gewesen; nun da du glücklich geworden bist, erbarme dich meiner! Nimm mich als Knecht an! Keiner wird dir treuer dienen als ich, und Lohn begehre ich nicht, selbst das Essen will ich mir durch Arbeit vor Tage und des Abends bei anderen verdienen, wenn du es so verlangst!‹ Mein Blut kocht auf, denn ich ahne, welche Frechheit in diesem Antrag liegt, aber noch halte ich an mich. ›Und warum willst du bei mir zu so harten Bedingungen eintreten?‹ frage ich. Er seufzt tief auf und bedeckt die Augen mit den Händen. ›Der Tiana wegen!‹ stößt er stöhnend hervor. – ›Hund!‹ schreie ich auf und will mich auf ihn stürzen. Er aber fährt gleichen Tones fort: ›Warum erzürnt dich dies so? Weißt du denn nicht, daß sie mich verabscheut, daß ich nie ein freundliches Lächeln von ihr zu erhoffen habe? Sie ist dir das bravste, treueste Weib, kein Mensch könnte dir den Hausfrieden stören; ich aber gewiß zuletzt unter allen Menschen ... Dies ist keine Heuchelei von mir‹, fährt der seltsame Mensch fort, ›ich schwöre es dir, so wahr ich wünsche, daß meine tote Mutter Frieden habe im Grabe: Ich bin fest überzeugt, daß ich mir nur die Qual verdopple, wenn ich unter einem Dache mit ihr lebe, und dennoch schmachte ich danach, sie täglich zu sehen und dieselbe Luft mit ihr zu atmen ... Sieh, Matko, würde ich so zu dir sprechen, wenn ich irgendwelche vermessene Hoffnung hegte? So spricht nur ein Unglücklicher zu seinem einstigen Schicksalsgenossen! Auch brauchst du nicht zu fürchten, daß mich etwa die Eifersucht zu einer Untat an dir treiben könnte! Ich beneide dich, aber ich hasse dich nicht, denn du hast es ehrlich mit ihr gemeint und sie zu deinem Weibe gemacht. Und darum, Matko, erbarme dich meiner!‹ Ich sehe ihn an, und es ist eine solche Verzweiflung, ein so angstvolles Flehen in seinen Worten und seinem Antlitz, daß ich meinen Zorn schwinden fühle. Wie Mitleid kommt es über mich. Dieser Mensch, denke ich, ist noch unglücklicher als du! Und darum sage ich ihm ruhig: ›Es kann nicht sein! Geh, und wenn ich dir gut raten will, so laß dich nie wieder im Dorfe blicken ...‹ – ›Ich werde bleiben!‹ erwidert er, aber nicht etwa trotzig, sondern in demselben Tone dumpfer, stumpfer Verzweiflung, ›Was habe ich zu befürchten? Daß du mich tötest? Dann wäre mir wohl! Ich bleibe, weil ich in ihrer Nähe bleiben muß! Lange genug habe ich es anders gehalten und zu vergessen gesucht, es geht nicht, Matko. Ich bleibe!‹ Er wendet sich ab und geht ...


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