Karl Emil Franzos
Der Stumme mit dem bösen Blick
Karl Emil Franzos

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Ein schöner Sommermorgen, ich arbeite mit den Knechten auf dem Kornfelde gegen Panowka, da reitet mein Bruder auf meines Vaters bestem Pferde vorüber. Es ist mitten in der Erntezeit; wir könnten das Tier und des Jungen Kraft prächtig bei der Arbeit brauchen, er aber macht einen Ausflug wie ein ›Panicz‹. Hochmütig sprengt er vorüber; ich sehe ihm eine Weile nach, nicht allzu freundlich, jedoch ohne bösen Wunsch und Willen. Aber sieh – nicht hundert Schritte weit ist er gekommen, als urplötzlich, ohne jeden erkennbaren Grund, das Pferd scheu wird und ihn abwirft. Er stürzt, wird bewußtlos und liegt drei Wochen zu Bette ... Diesmal beschuldigte mich niemand, ich aber mußte mich immer und immer fragen: ›War ich's? Und wenn nicht ich, was sonst? Ach, es kann ja nichts anderes gewesen sein als der Fluch, der auf mir liegt!‹ Ach, Herr, es war zuviel – zu viel ...«

»Aber warum bleibt Ihr im Dorfe?« fragte ich. »Ihr hättet Euch ja als Knecht anderwärts leicht ernähren können?«

»Warum?« rief er. »Wie oft habe ich mir in jenen Jahren die Frage selbst gestellt und beantwortet. Es waren freilich lauter Lügen. Da sagte ich mir: ›Hier bist du nötig! Greife fest ein, sonst ist all der Reichtum bald vertan!‹ Und darin war ein Korn Wahrheit. Mein Bruder war für die Wirtschaft nicht zu brauchen, der Vater wurde mit den Jahren träger, sann, von seinem Durst nach Ansehen getrieben, nur immer auf neue Erwerbungen und zahlte die Äcker mit Schuldbriefen, die ihn dann hart drückten. Ein Mißjahr – und wir konnten verloren sein! Ich sah dies, und die törichte Wirtschaft betrübte mich tief; aber nicht deshalb blieb ich und ebensowenig der Mutter zuliebe, sondern – der Tiana wegen.

Die Tiana! Wo find' ich Worte, zu sagen, wie sie war und was ich um ihretwillen litt! Eine so Schöne, Liebe, Fröhliche hat nie wieder die Welt erquickt. Blondhaarig war sie und hatte blitzende blaue Augen, dazu ein Mündchen – so klein«, er wies es an seinem Finger, »und ein keckes Näschen ... Wenn sie lachte, lachte alles an ihr, die Augen, die Wangengrübchen, das Kinn – und alles um sie. Jeder hatte seine Freude an ihr, die Menschen, die Tiere; ich glaube, die Sonne schien heller, wenn sie ihr Antlitz küssen durfte, und die Blumen dufteten stärker, wenn sie vorüberschritt ... Von ihr habe ich die Boshaftesten, die Grämlichsten nie schlimm reden hören. Da war ein altes, verbittertes Mütterlein im Dorfe, das eigentlich gegen alle anderen Menschen mit seiner Zunge Krieg führte, von der Tiana jedoch sagte es: ›Da hat der liebe Gott einmal zeigen wollen, was er kann, wenn er guter Laune ist!‹ Und unser Hochwürdiger, der alte Vater Nikolaj, sagte einmal zu ihr, als sie sich bei ihm entschuldigte, daß sie an drei Sonntagen nacheinander nicht in der Kirche gewesen: ›Laß nur! So fröhlich und wacker zu sein wie du ist auch ein Gottesdienst!‹ Denn wacker war sie auch, und wieviel sie arbeiten konnte, ist kaum zu glauben; aber was das merkwürdigste dabei war: Man sah ihr nie die Anstrengung an, sie vollbrachte alles wie spielend ... Mein Vater kannte keine größere Freude, als ihr so zuzusehen. ›Du Teufelskind‹, sagte er, ›du Teufelskind!‹ Und dann lachte er hell auf oder sagte auch ernsthaft: ›Gesegnet sei die Stunde, wo du in unser Haus gekommen!‹ – Und ihr Tanzen! Und ihr Gang! Ach, ich hatte sie ja gekannt, wie sie ein Kind war, aber welch schöne Jungfrau sie wurde, ging selbst über meine Erwartung ... Kaum sechzehnjährig, war sie schon voll erblüht; wahrlich, derlei können deine Augen nie gesehen haben, Herr, wie sie war. Ganz golden war das Haar, und mitten darin ein einzelner dunkler Strähn; ganz weiß und rosig das Antlitz, und auf der Wange, dicht am Näschen, stand ein kleines, braunes Mal – und just dies gefiel allen so gut. Aber was schwatze ich da? Verzeih, Herr, die Worte drängen sich mir auf die Lippen, und ich beschreibe das Mädchen, wie ich es sehe ...«

Er verstummte. »Ja«, fügte er dann flüsternd hinzu, »ich sehe sie – ich vergesse, was später kam, Schmach und Sünde und Tod, ich sehe die Tiana, wie sie am Sonntagmorgen vor meines Vaters Haus steht, rein, licht und hell wie ein Sonnenstrahl ... Du Liebe, du Schöne ...«

Noch regte er die Lippen, die Worte drangen nicht mehr an mein Ohr. Zitternd streckte er die Arme aus, in den Augen schimmerte es feucht. Mir aber war's, als müßte ich den Atem in der Brust zurückhalten, ihn aus seinem Traume nicht aufzuschrecken. Es war sehr still um uns, kein Zweiglein rührte sich, schweigend lag der Wald in der Sommerglut, und nur von hoch oben her, aus einem Nest am Gipfel einer Tanne, tönte zuweilen leises Zwitschern der jungen Brut zu uns nieder ...

Der Greis seufzte tief auf. »Es ist nicht wahr«, sagte er laut und hart, »nicht wahr, daß sie auch als Leiche schön war, wie die Leute erzählen. Die qualvolle Reue lag auf ihrem Antlitz, und die wäscht kein Wasser weg, die Sünde, und die verwischt selbst der Tod nicht. Nur damals war sie schön, als sie rein und unschuldig war ...«

Dann aber raffte er sich auf und fuhr fort: »Ich hatte schon das Kind geliebt, ich mußte die Jungfrau lieben, und welches Elend mir daraus zukam, kannst du selbst ermessen – oder nein! Das ermißt kein Mensch. Sie war unsäglich schön, von allen geliebt, das heiterste Geschöpf im Dorfe – und ich der Mensch mit dem ›bösen Blick‹! Es war eine Torheit von mir, die Torheit des Bettlers, des Zaren Tochter zu begehren, die Torheit des Falters, ins Licht zu fliegen. Der Bettler wird geköpft, der Falter verbrennt, es geschieht ihnen nur ihr Recht. Auch mir ist schließlich vielleicht nur mein Recht geschehen – vielleicht! Denn das Licht strahlt, aber es winkt dem Falter nicht in sein Verderben. Doch habe ich zunächst von jenen Zeiten zu erzählen, da sie wirklich nur in ihrer Schönheit strahlte, wie die Flamme strahlt, weil sie muß und auch mir herzlich gerne ein bißchen Helligkeit in mein dunkles Los hineingeleuchtet hätte. Sie war mir ja auch schon als Kind, im Hause der Babusia, recht wohlgesinnt gewesen. Daß auch sie das Grauen vor mir nie völlig bezwingen konnte, tat vielleicht ihrem Herzen aufrichtig wehe. Dies änderte sich auch wenig in den ersten Jahren, die wir in meiner Eltern Hause zubrachten. Das Mitleid blieb, die Freude an meiner Anbetung, aber auch das Grauen. Ich glaube, Herr, daß noch nie ein Jüngling und ein Mädchen so zueinander gestanden sind wie ich und die Tiana. Je feindseliger sich mir alle erwiesen, desto gütiger wurde sie gegen mich. Allen erzählte sie, wie ich im Hause der Babusia gewesen, und bat, mich zu schonen. Nützen konnte es mir freilich nichts, am wenigsten bei meinem Vater und dem Hawrilo; die beiden waren gleich am ersten Tage wie treue Gespielen zueinander gewesen und blieben es auch in der Folge, lustig, fröhlich und harmlos. Aber bei einem Menschen fruchteten die Predigten doch – nämlich bei mir selbst. Wenn sie so des Sonntags, da alle beim Tanze in der Schenke waren und ich einsam im Obstgarten saß, plötzlich neben mir stand und sagte: ›Ich wollte doch einmal nach dir sehen, Matko!‹, dann war ich plötzlich kein unglückseliger, verbitterter Junge mehr, sondern bis ins Herz hinein froh – und blieb's, solange sie mit ihrer süßen Stimme zu mir redete: von der toten Babusia und wie ich der Worte gedenken möge, die sie immer zu mir gesprochen, und wie sich noch alles gewiß zum Guten wenden werde; dazwischen aber allerlei Scherz und Unsinn. Es war ganz gleichgültig, was sie sagte, ob Worte, wie sie der Hochwürdige von der Kanzel herab nicht rührender aussinnen und verkünden konnte, oder die Geschichte, wie unsere dicke Kuhmagd neulich von den Knechten gehänselt worden – solange diese Stimme an mein Ohr klang, war ich gut und glücklich. Aber wenn sie wieder gegangen war – ach, wer einen Augenblick im vollen Lichte gewesen, dem tut die Dunkelheit doppelt weh. Sie wußte dies und widmete mir soviel Zeit, als sie irgend konnte. Ob nur aus Mitleid? Gewiß tat ihr auch der Gedanke wohl: Dieser Mensch ist wie Wachs in deiner Hand, den anderen ist er ein stachliger Dornbusch, dir aber, du Teufelsmädchen, trägt selbst die Dornenhecke Rosen! – Allmählich freilich wurde auch ihr ich immer unheimlicher; die Furcht der anderen steckte sie an. Aber wahrlich, sie hätte am besten wissen können, daß mein Blick nicht schade! Wie sich die arme, gelbe Blume, die wild an unseren Hecken wächst, immer der Sonne zukehrt, so haftete mein Blick an ihrem Antlitz, und kein Weg war mir zu weit, sie nur auf eine Minute zu sehen. Draußen auf dem Felde, eine Stunde Weges von unserem Hause, faßte es mich oft plötzlich an wie eine Riesenfaust und schüttelte mich und trieb mich heim oder auf den Acker, wo ich sie wußte. Ich mußte zu ihr ... Und da hätte ich freiwillig aus dem Dorfe sollen? Lieber in den Tod! sagte ich mir und blieb, obwohl das Leben, das ich da führte, eigentlich noch schlimmer war als der Tod ...

So ging es von Tag zu Tag, von Woche zu Woche, von Jahr zu Jahr. Wie in einem grauen Nebel lebte ich dahin und hatte mir sogar das Nachdenken abgewöhnt, wohin mein Weg eigentlich führen sollte; dumpf und stumpf schritt ich so in den Nebel hinein. Da aber ereignete sich plötzlich – ich sollte eben mündig werden, und die Tiana hatte ihr achtzehntes Jahr zurückgelegt – eine furchtbare Begebenheit, welche unser aller Schicksal wandelte. Es handelte sich hierbei um meinen Bruder Hawrilo und einen Knecht, der in unserem Hause diente; Severko hieß er und war ein Huzule.

Mein Bruder – und wenn ich vor Gott stünde und er mir sagte: ›Ich werde genauso gerecht über dich urteilen, wie du es über ihn tust‹, ich müßte es doch aussprechen: Es war nicht viel Gutes an ihm. Äußerlich glich er meinem Vater wie das Bild im Spiegel dem, der sich darin besieht, und innerlich wohl auch ein wenig, aber nur wie die Fratze im Hohlspiegel, den die Gaukler am Jahrmarkt in Kolomea ausstellen, dem Menschenantlitz. Mein Vater war ein tüchtiger, arbeitsamer Mensch, er war jedoch faul und unbrauchbar; aber dies war das geringste und bei seiner Erziehung vielleicht verzeihlich; wie ein Prinzlein war er gehalten worden als Schmuck und Zier des Hauses; kein Wunder, wenn er denken mochte, daß die Hühner zum Eierlegen da sind, während der Pfau seiner Pflicht genügt, wenn er ein Rad schlägt. Mein Vater dürstete nach dem Lobe der Menschen und war leider schwach genug, deshalb manche Torheit zu begehen; seinem Liebling war auch jede Schlechtigkeit recht, wenn sie nur die Eitelkeit befriedigte. Ich bin nie einem Menschen begegnet, dem die anderen alle so gleichgültig waren und der daneben doch so prächtig den Schein zu wahren wußte, daß ihm des Geringsten Schmerz oder Freude ans tiefste Herz greife. Das hatte damals außer mir nur noch ein Mensch erkannt: jener Severko; und uns beiden schärfte derselbe Trieb den Blick: die Eifersucht.

Es war ein seltsamer Mensch, der Severko, sanft wie ein Lamm und wild wie ein Karpatenwolf, gutmütig wie ein Kind und rachgierig wie ein Teufel, nicht aus Gutem und Bösem gemischt wie andere Menschen, sondern aus dem Besten und dem Häßlichsten. Er mochte in meinem Alter stehen, und wie es ihm ergangen, ehe er in unser Haus gekommen – es war vier Jahre später, nachdem ich heimgekehrt –, habe ich nie ganz genau erfahren; sein Geheimnis ist mit ihm ins Grab gesunken. Auffällig genug war es, daß er, ein Huzule, sich als Knecht in die Ebene verdungen. Du weißt, Herr, daß derlei fast nie vorkommt; die freien Jäger und Hirten bleiben gerne in ihren Bergen. Vielleicht klebte Blut an seinen Händen, und er fürchtete die Rache der Sippe seines Opfers, denn des Kaisers Gericht braucht man in diesen Bergen nicht zu fürchten. Wie dem auch war, er fügte sich in unsere Sitten, unser Leben; nie habe ich einen fleißigeren Menschen gekannt als diesen schlanken, braunen Burschen, der früher wohl kaum einen Pflug berührt oder schwerere Arbeit verrichtet, als, die Büchse auf der Schulter, durchs Waldgebirg zu streifen. Er duckte und schmiegte sich, und ich mochte ihn nicht bloß seines Fleißes willen wohl leiden, sondern auch weil ich ahnte, daß er sich im Dorfe fast so unbehaglich fühlte wie ich selbst.

Da sollte uns noch ein größeres, gemeinsames Leid aneinanderbinden. Er bekam die Liebe zu der Tiana; recht wie eine Krankheit faßte ihn die Leidenschaft und machte sein Herz wund und setzte sein Blut in Brand. Sie kümmerte sich nicht darum. So hatte die wilde Glut, die den unglückseligen Menschen erfüllte, zunächst nur den Erfolg, daß ich jetzt nicht mehr der einzige Mensch im Dorfe war, welchen die Leute wegen seiner vergeblichen Liebe zu diesem Mädchen verspotteten. Denn natürlich hatte sich mein armes Herz längst aller Welt verraten, und wie lustig das die Leute von Solowince fanden, kannst du dir denken! Gehöhnt wurde ich deshalb freilich nicht ins Gesicht hinein, sowenig wie um anderer Dinge willen; wer hätte sich auch die Rache meines ›bösen Blicks‹ zuziehen mögen? Ihn aber peinigten sie durch Stichelreden aufs Blut; auch lag es nicht in seinem Wesen, stumm zu leiden wie ich. Das Mädchen wies ihn ab – er hielt meinen Bruder für den Begünstigten und wühlte sich in den furchtbarsten Grimm gegen ihn hinein.

Wir hatten insgesamt keine rechte Ahnung von der Gefahr; vielleicht wußte der Severko selbst nicht, wie weit ihn sein wildes Blut führen werde. Plötzlich brach es über uns herein wie ein Gewitter in den Bergen.

Es war im tiefen Winter, am Mariä-Lichtmeß-Tag, und graue Dämmerung über der Erde, so dicht und endlos schüttete der Schnee hernieder. Die anderen waren zur Kirche gegangen, ich betreute inzwischen das Haus und sah auch nach den Pferden. Als ich eben wieder aus dem Stalle treten will, höre ich aus einer Ecke ein dumpfes Ächzen wie aus eines Todwunden Brust. Ich trete näher: Es ist der Severko. Aschenfahl im Antlitz, kauert er auf einem Holzblock, die Hände so krampfhaft auf die Brust gepreßt, daß die Nägel tief ins Fleisch gedrungen und einige Tropfen Blutes das Hemd rötlich färben. Er bleibt stumm auf meine Fragen, endlich zischt er hervor: ›Was mir fehlt? Dasselbe wie dir, du armer Tor, nur daß ich es nicht wie ein Lamm tragen, sondern ein Ende machen will!‹ – ›Ein Ende?‹ frage ich. ›Sie mag dich und mich nicht; das ist ihr gutes Recht!‹ – ›Und mein gutes Recht ist, den Schurken zu töten, der sie betrügt und dennoch mich verdrängt!‹ – ›Den Hawrilo?‹ frage ich entsetzt. – ›Hast du es endlich auch gemerkt, du Tölpel?‹ Er wirft seinen Pelz über, greift nach der langen plumpen Flinte, die er sich aus seinen Bergen mitgebracht, und stürzte an mir vorbei ins Freie. Ich ihm nach, aber da ist er schon in der grauen Dämmerung verschwunden ...

Ich stehe wie betäubt da, und wie Licht und Schatten über den Blättern eines windbewegten Zweiges kämpfen mir Gutes und Böses im Gemüt. ›Was geht's dich an?‹ raunt mir des Teufels Stimme in die Ohren. Dann aber siegt Gott in meinem Herzen, ich stürze zur Kirche. Eben ist die Messe zu Ende, da kommen auch Hawrilo und die Eltern, hinter ihnen die Tiana. Ich trete an das Mädchen heran und berichte fliegenden Atems. ›Also doch!‹ stammelte sie totenblaß. ›Komm, wir müssen Hawrilo warnen!‹ Und wie sie mich bittend ansieht, folge ich ihr, willenlos, wie der Schatten dem Licht ... Wir eilen heim. Kaum zehn Minuten nach den anderen treffen wir im Hause ein und sind doch schon zu spät gekommen. ›Der Hawrilo ist eben nach Panowka geritten‹, sagt die Mutter. Die Tiana fängt zu zittern an; hoch auf hebt sie die Arme und läßt sie schlaff sinken, wirft einen Blick auf mich und wendet sich sofort ab; springt empor und setzt sich wieder; es ist offenbar ein furchtbarer Kampf, der ihr Herz durchtobt. Dann aber rafft sie sich auf. ›Komm‹, flüstert sie mir zu und tritt vor die Türe. Ich folge ihr. ›Sattle den Braunen‹, sagt sie mit kaum vernehmlicher Stimme, ›hole den Hawrilo ein und bring ihn zurück, sonst erschießt ihn der Severko am Wege. Denn so hat er es mir angedroht, falls der Hawrilo wieder nach Panowka reitet!‹ – ›Ich tu' es‹, erwidere ich, ›aber warum drohte er gerade für diesen Fall?‹ – ›Ich sage es dir, wenn du mir schwörst, daß du mir dennoch willfahrst!‹ – ›Ich schwöre es‹, antworte ich. ›Meine arme Seele muß ja doch deinen Willen tun!‹ Sie schluchzt auf. ›Du Guter!‹ stammelt sie und legt die Arme um meinen Nacken. ›Wie bist du, den sie böse schelten, so viel besser als wir anderen! So höre denn: Ja, ja, der Hawrilo ist mir teurer geworden als ein Bruder; seine glatten Worte haben mich umgarnt, ich habe davon geträumt, sein Weib zu werden! Zwar darf ich – allen Heiligen sei im Staub dafür gedankt! – noch dir und allen Menschen frei ins Auge blicken, aber mein Herz war sein! Während er jedoch mir tausend Eide schwört, sucht er gleichzeitig die Parasia, die häßliche Tochter des Richters von Panowka, zu gewinnen, weil sie so reich ist. Und darum sagte mir der Severko: Einem ehrlichen Werber will ich weichen, an dem Schurken aber räche ich dich und mich, wenn er sein falsches Spiel fortsetzt! Matko, reite den Braunen zuschanden und rette deinen Bruder!‹ Mir wirbelt das Hirn, ich zögere ... ›Du wirst!‹ fleht sie. ›Und bleibt dein Bruder heil, dann weiß ich, wer der edelste Mensch auf der Welt ist und daß mich dieser Mensch mehr liebt, als ich verdiene!› Ich aber – in Tod und Hölle hätten mich diese Worte getrieben ...

Zum Satteln ist keine Zeit, ich reiße den Braunen aus dem Stalle und sprenge ins Unwetter hinein. Nun hat sich auch der Wind erhoben und jagt den Schnee vor sich her; man kann nicht drei Schritte weit sehen, und furchtbar braust der Nordwind, der mich und mein Tier mit entsetzlicher Wucht trifft. Der Schnee umwirbelt mich, hemmt mir den Atem, macht mich blind und taub. Der Braune scheut und macht kehrt; das zitternde, geängstigte Tier gehorcht meinem Schenkeldruck nicht mehr. Aber da höre ich plötzlich einen Ruf aus nächster Nähe – und es ist meines Bruders Stimme. Ich raffe meine Kraft auf, treibe das Pferd nach der Richtung hin, aus welcher der Ruf gedrungen, und sprenge über den Straßengraben ins Feld hinein. Bald sehe ich aus dem weißen Nebel die Umrisse einer dunklen Gestalt emportauchen, es ist ein Reiter, der hilflos auf seinem Pferde kauert, das sich wie toll im Kreise dreht – mein Bruder Hawrilo. ›Matko!‹ jauchzt er auf. ›Dich hat wohl der Vater um mich gesendet?‹ – ›Komm‹, sag' ich, ergreife die Zügel seines Pferdes und ziehe es neben dem meinen her, bis wir wieder auf der Straße sind. ›Vielleicht kannst du Gott dafür danken, daß du dich verirrt‹ – und erzähle, wer mich geschickt. Er stöhnt zuweilen leise auf, und als ich geschlossen, beginnt er zu jammern, wie bitteres Unrecht ihm geschehe; an die Parasia denke er nicht im Traum, und auch gegen die Tiana sei er nur wie ein Bruder gesinnt; er wisse ja, daß ein älterer und würdigerer Bewerber sich um sie bemühe ... Soweit habe ich ihn reden lassen, nun aber verläßt mich die Ruhe. ›Schweig!‹ rufe ich. ›Aus dir spricht die Angst vor dem Severko! Ich schütze dich vor ihm, wenn wir jetzt noch auf ihn treffen sollten, aber mit dieser heuchlerischen Niedertracht bleib mir vom Leibe!‹ Er zuckt zusammen und wagt kein Wort mehr. So reiten wir langsam, er dicht an mich gedrängt, durch das Unwetter dahin. Schon sehe ich durch die graue Dämmerung das dunkle Kreuz ragen, welches sich am Eingang von Solowince erhebt. Aber an dies Kreuz gelehnt sehe ich etwas wie eine Gestalt, oder hat sich nur der Schnee so breit aufgeschichtet? Doch jetzt, da regt sich's unter dem Kreuz – kaum zehn Schritte sind wir davon entfernt –, und nun sehe ich, es ist der Severko in seinem Pelze, der von Schnee starrt – und ich sehe, wie er die Flinte anschlägt, das Leder vom Schlosse reißt, welches es gegen die Feuchtigkeit schützt. ›Halt ein!‹ schreie ich auf und sprenge vor, indes mein Bruder aufheulend sein Pferd zurückreißt. Der Schuß flammt auf und kracht – ich fühle einen stechenden Schmerz am Arme. ›Halunke!‹ ruf' ich und sprenge auf den Severko zu, aber da ist er schon im Nebel verschwunden – er hat mir später selbst erzählt, daß er sich damals schon nach wenigen Schritten platt in den Schnee geworfen –, und wie ich wieder auf der Straße bin, sehe ich meinen Bruder dem Dorfe zu jagen. Ich folge ihm, der Schmerz am Arm wird heftiger, ich fühle, wie es mich heiß überrieselt, wie mir's dunkel vor den Augen wird, halb ohnmächtig umklammere ich den Hals des Pferdes ... Das Tier trägt mich bis vors Haus, da gleite ich bewußtlos in den Schnee ...«

Der Greis hatte dies dumpfen, hastigen Tones berichtet. Nun verstummte er und fügte dann nach einer Weile tief aufseufzend hinzu: »Der Knochen am Oberarm war zum Teil zersplittert, es war eine recht schwere Wunde, und ich lag mehrere Tage im Wundfieber. Das war eine schöne Zeit ...«

Ich blickte erstaunt auf. »Welche Zeit?« fragte ich.

»Die des Fiebers, Herr«, erwiderte er und nickte düster zur Bestätigung. »Ich muß damals sogar, nach den Erzählungen meines Wärters, unseres alten Knechtes Sophron, der glücklichste Mensch unter der Sonne gewesen sein. Denn ich sprach von nichts anderem als von meiner bevorstehenden Trauung mit der Tiana und wie sie mir ihre Zusage halten werde, nachdem ich ihren Wunsch erfüllt. Auch dankte ich meinem Vater oft gerührt für seinen Segen und bat den Hawrilo, sich auch ferner recht brüderlich zu mir zu stellen. So albernes Zeug kann ein Mensch mit dem ›bösen Blick‹ allerdings nur im Wundfieber denken und glauben! Als ich langsam genas, kamen mir schon die rechten Ansichten wieder. Freilich allmählich, denn eine jähe Enthüllung hätte ich vielleicht, geschwächt wie ich war, nicht überlebt.

Vor allem war mir das Benehmen der Tiana befremdend. Sie kam immer nur in Gesellschaft der Mutter. ›Wie geht es dir?‹ fragte sie zuweilen mit bebender Stimme, aber sonst – kein einziges Wort, kein warmer Blick! Anfangs hielt ich dies für bräutliche Scham, bis es mir aufdämmerte, daß sie durch jenes Wort, welches ihr die höchste Seelenangst entlockt, nun in tödliche Verlegenheit geraten. ›Warum waren Hawrilo und der Vater noch nicht bei mir?‹ fragte ich einmal. – ›Weil‹, erwiderte die Mutter zögernd, ›weil der Bruder es verboten hat. Die Gemütsbewegung könnte dir schaden!‹ Wie das klang! – Mein gutes Mütterchen konnte schlecht lügen. Ein kurzes Gespräch mit meinem Wärter machte mich endlich vollends mißtrauisch. ›Der Severko sitzt wohl im Gefängnis?‹ fragte ich einmal. Der Alte zuckte die Achseln. ›Nein. Dein Vater hat ihn beim Richter verklagen wollen, aber da bat dein Bruder so lange für den Halunken um Gnade, bis man sich entschloß, ihn straflos laufenzulassen.‹ – ›Der Hawrilo hat für ihn gebeten?‹ rief ich in maßlosem Erstaunen. ›Aber ich dachte, daß ihn schon seine Angst bewegen müßte, diesen Menschen unschädlich machen zu lassen!‹ – ›Unschädlich?‹ brummte der Alte. ›Das ist der Lump ohnehin! Gar so bald wird er sich nicht wieder in die Gegend trauen. Und vielleicht erscheint deinem lieben Bruder diese Gefahr gering gegenüber der größeren, die ihn träfe, wenn der Severko im Gefängnis säße und dort dem Richter und deinen Eltern allerlei erzählen könnte.‹ – ›Was?‹ rief ich in höchster Erregung. – ›Ruhig!‹ gebot der alte Mann und drückte mich auf mein Kissen nieder. ›Kommt Zeit, kommt Rat! Bist du einmal wieder ganz gesund, dann wirst du alles viel besser selbst erkunden können als ein dummer, alter Knecht, der sich auf feine Geschichten schlecht versteht!‹

Nun, es kam die Zeit, da ich diese ›feinen Geschichten‹ erkundete, soweit sich feige, vorsichtige Lügen eines tückischen Menschen überhaupt aufdecken lassen. Mir ekelt noch heute davor, und ich habe die Empfindung, als ob ich eine Kröte berühren müßte – ich will es in kurzen Worten sagen: Mein Bruder machte allmählich, ohne es offen auszusprechen, durch halbe Andeutungen, durch Blicke, durch den Ton seiner Stimme meinen Vater glauben, daß ich eigentlich ein Mitschuldiger des Severko gewesen. Das scheint dir vielleicht unmöglich, da ja meine Wunde deutlich genug sprach. Nun, ein feiner Kopf bringt alles fertig! Auch hätte ihm selbst mein Vater schwerlich geglaubt, wenn er etwa sein Märchen in dürren Worten erzählt hätte. Aber mit Seufzern und Blicken bringt man vieles fertig. Auch mußte ja meinen Eltern rätselhaft bleiben, warum ich damals meinem Bruder nachgeeilt; daß das Mädchen mich dazu bewogen, blieb ihnen verborgen; auch sie schwieg, sie hätte ja sonst von der Werbung des Severko, von ihrer Liebe für meinen Bruder sprechen müssen. Allerdings erfuhr sie von jenen Verleumdungen nie, der liebe Hawrilo wußte ihr sein Spiel zu verhehlen, ein Wort von ihr hätte es ja durchkreuzt! Nur eines schwor er ihr zu, immer und unablässig, bis sie es glaubte: daß ihm die Parasia gleichgültig sei. Und sie glaubte es gern, sie konnte nicht anders – ich habe dies nicht erst später eingesehen, ich begriff es sofort, trotz des furchtbaren Schmerzes, den ich dabei empfand, als sie mir sagte: ›Vergiß mich, Matko, ich kann dein Weib nicht werden!‹ Das war etwa sechs Wochen nach meiner völligen Genesung. Was sie sonst noch sprach, rührende Worte von ihrer ewigen Dankbarkeit gegen mich und wie sehr sie sich selbst zürne, so handeln zu müssen, dies alles vernahm ich kaum. Ich blickte ihr nur immer ins holde, tränenüberströmte Antlitz und dachte: Du verdammst mich zur Hölle, Mädchen, aber warum sollt ich dir zürnen? Du bist ja so schön und ich so häßlich! Und was ich dachte, trat mir auch jählings über die Lippen. Sie blickte mich erschrocken an und sagte hastig: ›Das ist es nicht, Matko, vielleicht hätte ich dich trotzdem lieben können, wenn nur ...‹ Sie verstummte. ›Der »böse Blick«!‹ Und darauf war sie grausam, aber auch ehrlich genug, zu schweigen. Erst nach einer Weile sagte sie: ›Auch liebe ich ja einen anderen! Heiliger Gott, ich fühl es ja, daß es eigentlich eine Schmach ist, aber ich kann mein Herz nicht bezwingen. Ich liebe ihn, und wenn es mein Verderben sein sollte!‹ – ›Es wird dein Verderben sein!‹ sagte ich und stürzte hinweg ... Ich Tor! Ich Tor! Damals verdiente sie ja meinen Zorn, meine Verachtung nicht, damals war sie ehrlich gegen mich und verachtungswert erst, als sie anders sprach.

Was ich in den nächsten zwei Tagen eigentlich getan, weiß ich nicht zu sagen; wahrscheinlich trieb ich mich ziellos in der Nähe des Dorfes umher. Und meine Gedanken – allzuweit war ich vom Wahnsinn nicht entfernt. Aber leider verliert man seinen Verstand und mit ihm das Bewußtsein seiner Schmerzen nicht gar so leicht, und so wurde auch ich allmählich wieder leidlich vernünftig. Ich sah ein, daß es über Menschenkraft ginge, noch länger im Dorfe zu bleiben, trat vor meinen Vater und kündete ihm meinen Entschluß. Er hatte natürlich nichts dagegen, und als ich vollends vorschlug, mir nur einen Teil meines Erbes zu bezahlen und das übrige schriftlich zu sichern, willigte er ein und fuhr glückseligen Herzens mit mir zur Stadt, um unser Abkommen von des Kaisers Schreibern aufzeichnen zu lassen. Auch die anderen waren es zufrieden, vielleicht meine Mutter ausgenommen. Sie weinte sehr, und diese Tränen waren echt. So steht sie noch heute vor mir, denn es war das letzte Mal, daß ich ihr Antlitz sah.

Ehe ich auf den Wagen stieg, nahm ich auch noch von meinem Bruder Hawrilo Abschied. Er hatte sich vor mir versteckt, aber der alte Sophron verriet mir den Winkel der Scheune, wo er sich vor mir verkrochen, und da zerrte ich den Zitternden hervor. ›Höre‹, sagte ich, ›über alles Vergangene verliere ich kein Wort. Aber nun die Zukunft! Die Tiana bleibt im Hause, ein schönes Mädchen, das dich liebt, aber leider auch eine arme Waise, die du nicht wirst heiraten wollen. Weh dir, wenn du an ihr zum Schurken wirst! Und wäre ich am Ende der Welt, ich käme dann wieder – und du weißt, ich schieße gut, besser als der Severko!‹


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