Karl Emil Franzos
Der Stumme mit dem bösen Blick
Karl Emil Franzos

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Fünf Jahre bin ich in Horowka geblieben; erst als neunzehnjähriger Jüngling ging ich wieder fort. Das war die schönste Zeit in meinem Leben, und manchmal dachte ich, es könne nun keine häßliche mehr kommen. Vielleicht war diese Hoffnung nicht einmal ganz so töricht und eitel, wie sie mir später, da das Elend wieder berghoch auf mir lag, hat erscheinen wollen. Denn ein ganz anderer wurde ich in meiner Großmutter Hause nicht, aber doch soweit ein anderer, als ich überhaupt noch hatte werden können. Ja, diese Zeit war der Tag in meinem Leben und alles andere Nacht und Dämmerung. Und zweien Menschen danke ich's, daß mir dies beschieden war – ich habe schon von ihnen erzählt – : der Greisin und dem Kinde.

Es ist kaum mit Worten zu sagen, wie meine Großmutter geartet war, wie streng und weise, gerecht und gut. Unverhofft war sie durch ihres Bruders Tod zu Geld und Gut gekommen; sie nützte ihre Wohlhabenheit zu Werken des Erbarmens an jenen, die unverschuldet ins Elend geraten. Erbarmungsvoll und gerecht – so war meine Großmutter auch gegen mich und machte mich mutiger und besser. Ich gewann volle Freude an der Arbeit und soviel Freude an den Menschen, als ich nach dem, was ich bisher von ihnen erfahren, und mit dem Gesicht und Gemüt, das mir Gott nun einmal gegeben, überhaupt gewinnen konnte. Aber sie war ja doch eine greise Frau und stand so hoch über mir, daß mir immer zumute war, als könnte ich nur eben den Saum ihres Gewandes erreichen; ihr allein wäre das Werk an dem Knaben nicht geglückt. Aber da war ja auch noch das Kind im Hause, die Tiana.

Die Tiana, Herr ...«

Die Stimme versagte ihm – er schnellte empor und ging einige Male auf und nieder; heftig arbeitete es in seinen Zügen. Wie im Krampf öffneten und schlossen sich die Lippen, die weißen, buschigen Brauen zogen sich drohend zusammen. Dann fuhr er mit halberstickter Stimme fort: »Damals war sie noch ein Kind, sechs Jahre jünger als ich, schön und heiter und gut! Ach, so schön! Wie ein Sonnenstrahl war sie dem ganzen Dorfe und der alten Frau und vor allem meinem dunklen Herzen ... Viele liebe Blumen wachsen auf der Erde, gleich Holdes ist selten auf ihr erblüht ... Ich hatte keine Kindheit gehabt, keinen Genossen gekannt, nicht Spiel noch Scherz hatten mich erfreut, sie bescherte mir dies alles, da ich schon ein Jüngling wurde. Wenn ich so des Abends vom Felde heimkam oder wenn sie die Magd begleitete, die uns das Essen hinausbrachte, oder des Sonntags – ach, welche schönen Stunden wir da hatten! Es ist nicht zu sagen, wie das Kind war, so voll süßer Schelmerei ... Mir wird wohl ums Herz, wenn ich daran denke, mir ist's dann, als müßte ich alles spätere vergessen und Gott danken, daß sie gelebt hat ... Weißt du, da versteckte sie sich zum Beispiel einmal im hohen Getreide, und ich suchte sie eine ganze Stunde lang, obwohl ich doch das dunkle Gold ihres Haares durch die lichteren Ähren deutlich schimmern sah, nur um sie über mich kichern zu hören, weil dies so lieblich klang, so lieblich ... Aber wenn ich mich verstecken sollte, dann tat ich es so, daß sie mich sofort finden mußte, oder doch so, daß ich wenigstens ihr Antlitz sehen konnte, denn wie sollte ich ohne dieses weiteratmen? Es war ja auch gar nicht der Mühe wert, wenn sie nicht dabei war ... Manchmal mußte ich auch mit ihr tanzen; gern tat ich es eigentlich nicht, weil ich gar so plump war, aber wenn sie es befahl, fügte ich mich darein – was hätte ich nicht auf einen Wink ihrer Augen getan? Einmal fiel eines der Küchlein, welches ihre Lieblingshenne ausgebrütet, in den Fluß, und sie sagte nur: ›Ach, Matko, das arme Tierchen!‹, und flugs war ich schon im Wasser. Die Strömung ergriff mich, ich mußte hart kämpfen, um wieder ans Ufer zu kommen, das Tierchen war natürlich längst ertrunken, und die Babusia schalt heftig auf mich ein; auch lag ich wohl eine Woche krank zu Bette, aber ich hatte doch nur den einen Schmerz dabei, daß ich ihr das Küchlein nicht lebend hatte wiederbringen können ... Weil ich eben vom Tanzen sprach – das war mir das liebste, wenn sie sich so allein in der Stube drehte und leise dazu sang; zierlicher hätte es keine Rusalke können ... Oder wenn sie irgendeine leichte Last auf dem Kopfe trug und so sachte dahinging – ach, Herr, niemand konnte sich satt sehen an dem Mädchen.

Kindereien, Herr, verzeih ... Wie sie zu mir war, habe ich noch gar nicht gesagt. Nun: lieb und lustig genug und doch nicht ganz so harmlos wie gegen jeden anderen. Erstlich wußte sie, wie es um mich stand und daß ich wie vernarrt in sie war – das weiß jedes Mädchen, auch wenn es erst zwölf Jahre alt ist, und darum behandelte sie mich recht wie einen Knecht, im Scherz freilich nur; was willst du, des Weibes Wesen regt sich früh, die Anbetung tut ihm wohl ... Daneben fürchtete sie mich eigentlich all die Jahre wie damals am ersten Abend. Das heißt, Furcht ist eigentlich nicht das rechte Wort, aber ganz heimlich war es ihr doch in meiner Nähe nicht immer. Zuweilen schon – ich fühlte das ja gleich, und dann jubelte mein Herz –, aber später, nach Tagen, empfand ich wieder, wie eine Art Befangenheit über das Kind kam, und dies war in jeder Beziehung schlimm für mich. Denn woher rührte diese rätselhafte Scheu? Mein Gesicht war's, dies düstere, häßliche Gesicht, das ernsthaft blieb, wenn ich wie toll vor Freude war, und merkte ich diesen Eindruck auf mein Bäschen, so wurde ich aus Gram darüber noch viel düsterer und scheuer. – Doch wurden diese Unheilstage von Jahr zu Jahr seltener, das Kind ward immer freundlicher, auch jenes seltsame Gefühl, welches mich von den Menschen und sie von mir schied, begann sich sachte zu lindern und zu lösen. In Horowka redete mir niemand die unheimliche Gabe nach. Wie ein angenehmer, fröhlicher Kumpan wurde ich freilich nicht behandelt, aber das war ich ja auch nicht; für einen tüchtigen Menschen ließen sie mich gelten, und dies genügte mir vorläufig. ›Es wird schon besser werden‹, sagte die Babusia, und ich glaubte ihr. Nach Solowince kam ich in der Zwischenzeit nie, auch meinen Vater sah ich all die Jahre nicht. Er war meiner Großmutter ein wenig gram. Erstlich beurteilte sie auch ihn gerecht, ließ sein Gutes gelten, übersah aber auch das Schlimme nicht, und dann kränkte es ihn bitter, daß sie ihn nie besuchte – wozu hatte er eine Pfarrerin zur Schwiegermutter, wenn er sie dem Dorfe nie zeigen konnte! Meine Mutter kam allerdings dreimal herüber, jedoch einen rechten Einschnitt in mein Leben machte nur ihr letzter Besuch. Denn da brachte mir ihre Anwesenheit eine Stunde des höchsten Glücks, freilich, ohne daß sie dies wußte. Damals belauschte ich nämlich ein Gespräch, welches sie mit meiner Großmutter hatte, zufällig, Herr, ohne daß ich's wollte, und nur wenige Worte, aber sie machten mich zum Glücklichsten unter der Sonne. ›Nun wohl‹, sagte die Großmutter, offenbar als Schluß eines längeren Gesprächs, ›es ist zwar ungerecht von deinem Thodor, den jüngeren Sohn zum Erben seines Hofes zu machen, aber wenn es nicht mehr zu ändern ist, so will ich wenigstens für den Matko tun, was ich kann. Er und die Kleine sollen mich beerben – daß sie deshalb den Besitz werden teilen müssen, glaube ich nicht!‹ Ich hörte nicht mehr, was meine Mutter darauf erwiderte; ich stürzte in den Garten hinaus, trunken vor Seligkeit, warf mich unter einen Baum nieder und weinte wie ein Kind. Es waren meine ersten, meine letzten Freudentränen im Leben.

Seit jener Stunde – ich stand damals im neunzehnten Jahre – verspürte ich auch jenen Schatten nicht mehr, der mir seither noch immer zuweilen nachgegangen; ich meine die Angst, ob ich nicht wirklich, ohne es zu wollen, durch meinen Blick Unheil stiften könne. Nun war in meinem Hirn, in meinem Herzen kein Raum mehr für wüste, qualvolle Gedanken ...

Aber das Glück währte kurz, nur wenige Monate. Eines Abends im Frühherbst – das Kind war eben dreizehnjährig geworden – waren wir besonders lustig und fröhlich auf dem Vorbänkchen am Hause mit der lieben Babusia beisammen gewesen, um uns das halbe Dorf; wer irgend in ihrer Nähe sein durfte, tat sich gern diese Freude an. Am nächsten Morgen fanden wir sie regungslos in ihrem Bette; plötzlich, schmerzlos war sie dahingeschieden und lag in ihren Kissen da, sanft und lächelnd, als labe sie ein schöner Traum ... Wer weiß, was sie damals gesehen hat, als sie so lächelte, denn sie war gut und gerecht, und drüben, sagt man, soll ja jedem werden, wie er verdient!

Ach! Tot war sie, und mit ihr war mein Glück dahingestorben – für immer. Nur meine Mutter kam zum Begräbnis. Und als alles vorüber war, trug sie mir auf, meine Sachen zu packen. ›Wozu?‹ fragte ich. – ›Du kannst doch nicht hier allein mit dem Kinde wirtschaften‹, erwiderte sie. ›Ihr zieht zu uns nach Solowince.‹ – ›Lieber in den Tod!‹ rief ich. ›Vernünftig und gerecht ist, daß ich hier als Wirtschafter auf dem Hofe bleibe, der mir und dem Kinde gehört!‹ Sie gab dies zu, nur, bat sie, möge ich es mit dem Vater selbst vereinbaren. Dagegen half kein Widerspruch mehr; unser Altknecht übernahm die Wirtschaft; wir fuhren nach Solowince. Als ich die Hütte verließ, schnitt es mir durchs Herz: Du kommst niemals wieder! Und als wir ins Land fuhren, war mir zumute, als führe ich in die Nacht hinein, in die tiefe, schwarze Nacht des Unglücks ...

Und so, Herr, so ist es auch gekommen. Schon der erste Schritt ins Elternhaus war qualvoll genug. Im Hofe trat uns mein Bruder Hawrilo entgegen; er glich trotz seiner vierzehn Jahre einem Jüngling, so schön und stattlich war er geworden. Der Junge wurde blaß, als er mich sah, mühsam hielt er ein Lächeln fest. ›Willkommen!‹ sagte er; ich aber ... Er verabscheut mich, dachte ich und konnte kaum die Hand bewegen, die seine einen Augenblick zu berühren. Dann noch ein Wiedersehen! Der Britan kam heran, und – willst du es glauben? – das Tier erkannte mich, war wie toll vor Freude und sprang an mir empor. Ich aber mußte nur jenes furchtbaren Seelenschmerzes gedenken, den ich einst um seinetwillen erlitten, und als mein Bruder, wie es mir schien, einen höhnischen Blick auf mich warf, da gab ich dem Hunde einen Fußtritt, daß er heulend an die Wand flog ... Auf der Schwelle begrüßte uns der Vater; sein Antlitz hatte sich in den Jahren kaum verändert, nur, daß es noch breiter und behäbiger geworden. Auch er gab sich Mühe, freundlich gegen mich zu sein, auch ihm merkte ich diese Mühe an und fühlte mich noch befangener, noch elender. Das Mädchen aber schien schon an jenem Abend im Hause so heimisch, als wäre sie darin aufgewachsen.

Das war so der Anfang im Hause, und der im Dorfe fiel noch viel schlimmer aus. Als ich am ersten Morgen durch die Fenster meiner Schlafkammer auf die Straße sah, stand just der alte Nachtwächter im Gespräch mit einem Nachbarn, dem roten Stefko, vor unserem Gartenzaun. ›Ist es wahr, daß der Matko zurück ist?‹ fragte der Rote. ›Ich habe es kaum glauben mögen!‹ – ›Ja‹, erwiderte der Alte seufzend. ›Und wer weiß, was nun sein »böser Blick« über das Dorf bringen wird! Schon als Knabe hat er ja Unheil genug angestiftet!‹ – ›Aber warum hat ihn nur unser Thodor wieder aufgenommen?‹ rief der andere. ›Das ist eine Rücksichtslosigkeit, eine Leichtfertigkeit, welche diesem trefflichen Mann sonst gar nicht ähnlich sieht.‹ – >Sprich du mit einem Vater!‹ sagte der Alte achselzuckend. ›Vielleicht auch meint er, daß der häßliche Junge diese furchtbare Eigenschaft verloren hat. Aber das wäre törichte Hoffnung. Wer mit dem »bösen Blick« geboren ist, behält ihn sein Leben lang ...‹

Gleich darauf ließ mich mein Vater zu sich rufen, und obwohl ich nun im Zwanzigsten stand, war es eigentlich doch unsere erste Aussprache im Leben. Die Mutter, begann er verlegen, habe ihm erzählt, daß ich am liebsten wieder nach Horowka wolle, aber daraus könne nichts werden. Es traf mich furchtbar, aber ich fragte nur: ›Warum? Es war ja der Wille der Seligen!‹ Möglich, gab er zu, aber sie habe nichts darüber hinterlassen. Der Besitz falle an meine Mutter, und diese sei für den Verkauf, wie er. ›So?‹ rief ich. ›Und die arme Waise, die Tiana, soll leer ausgehen?‹ Er wurde dunkelrot, hielt aber an sich. Das Kind werde er entschädigen, ebenso mich. Aber jetzt brauche er das Geld aus dem Erlös. Er habe nun einmal seinen Ehrgeiz dareingesetzt, der größte Grundbesitzer im Dorfe zu sein, und habe deshalb vor zwei Jahren eine neue Erwerbung gemacht. Nun sei die letzte Ernte schlecht geraten, der Verkäufer dränge um sein Geld, er müsse ihn befriedigen. ›Also, weil dich‹, rief ich, ›deine Eitelkeit trieb, mehr Gründe zu erwerben, als du vernünftigerweise hättest tun sollen, darum soll ich elend werden und hier wie ein Hund leben?‹ Wieder schien ihn der Zorn zu übermannen, aber er zwang ihn nieder. ›Warum fürchtest du dich, hier zu leben?‹ fragte er. – ›Weil die Leute‹, erwiderte ich, › dir glauben, daß ich den »bösen Blick« habe. Oder leugnest du, daß du das Gerede verursacht?‹ – Er war totenbleich geworden. ›Das war nicht so böse gemeint ...‹, stammelte er und fuhr dann fort: ›Matko! Versuch es, dich an uns zu gewöhnen, vielleicht glückt es!‹ Ich schwieg. ›Hast du nichts darauf zu sagen?‹ Ich schwieg.

›Nichts?‹ wiederholte er ein drittes Mal und rief dann in höchster Erregung: ›Wohlan! Das Meinige habe ich getan, nun – wie Gott will! Der Hof in Horowka wird verkauft, und im Hause muß ich dich behalten! Aber weh dir, wenn du uns etwas antust, und besonders deinem Bruder ...‹ – ›Durch meinen »bösen Blick«?‹ –›Ja, ja‹, schrie er. ›Dadurch! Denn daß du den »bösen Blick« hast – könntest du dich jetzt sehen, du würdest selbst daran glauben!‹ Ich aber stürzte zur Stube hinaus in den Garten, die Hölle im Herzen ... Und zur selben Stunde war mir beschieden, noch elender zu werden. Während ich so verborgen im Gesträuche lag, vernahm ich Stimmen, helle, fröhliche Stimmen, die näher und näher kamen; es war die Tiana und mein Bruder. ›Aber Babusia hat immer gesagt, daß dies nicht wahr ist!‹ rief das Mädchen. ›Er kann eben nichts dafür, daß er solche Augen hat!‹ – ›Und es ist doch wahr!‹ erwiderte er eifrig. ›Was haben wir hier im Dorfe mit ihm erlebt! Aber sag doch, Tiana, sag ehrlich: Fürchtest du dich denn nicht auch vor ihm?‹ – ›Manchmal schon‹, war die Antwort, ›obwohl ich ganz genau weiß, daß er sich lieber die Nase abschneiden würde, als mir etwas zuleide zu tun. Denn ich, mußt du wissen, kann mit ihm anfangen, was ich will, mich beißt er nicht!‹ – ›Du sprichst ja von ihm wie von einem Hunde‹, lachte er. – ›Und das ist unrecht von mir!‹ rief sie. ›Ach, wenn das die gute Babusia wüßte. Aber ich kann wirklich nichts dafür, wenn mir so oft in seiner Nähe bang ist!‹ Das Weitere verstand ich nicht mehr – ach, ich hatte genug gehört!

Also – das war der Anfang, Herr, und alles andere wuchs sich so sachte und notwendig draus hervor, wie aus dem Giftsamen das Schierlingskraut. Bald war ich im Hause wie im Dorfe wieder, was ich einst gewesen: die Wolke am Himmel, der Gehaßte, der Gefürchtete, der Gemiedene. Wie einst war's – und noch viel schlimmer, eben weil ich kein Knabe mehr war. Kaum fasse ich's, wie ich's ertragen, denn auch jenes Gespenst regte sich wieder und schlug mir seine schwarzen Flügel über dem Haupte zusammen ... Oh! Jenes Gespenst ... Denke ich dann zurück, so habe ich Mühe, die Wahrheit zu erkennen; mein Kopf beginnt zu schmerzen, und wie klar mir sonst alles liegt, dies sehe ich nur durch einen Nebel. Später habe ich ja den ›bösen Blick‹ gehabt – schüttle nicht den Kopf, Herr, es ist so –, ob aber damals schon? Ich glaube: nein! Ich glaube, denn nur in einzelnen Fällen weiß ich dies ...

Da war zum Beispiel die Geschichte, wie jene Hütte, in welcher einst die Eltern des Valerian gehaust, in Flammen aufging ... Sieh! Sieh! Dies arme Knäblein war, nächst meiner lieben Babusia, das einzige Wesen gewesen, welches mir nur Gutes getan; natürlich hing ich an der Erinnerung und ging oft zu jener Hütte, wo wir einst gespielt. Seine Eltern waren tot; das bißchen Grund hatte mein Vater gekauft, wie er ja so ziemlich alles erwarb, was im Dorfe feil wurde. Die Hütte stand verödet und verfiel langsam. Dort also saß ich des Sonntags oft stundenlang, indes die anderen in der Kirche oder in der Schenke waren, rauchte mein Pfeiflein und brütete über mein Schicksal. Auch an einem windigen Spätherbsttage hatte ich es so getan, bis in die Dämmerung hinein war ich dort gesessen; am Abend ging das morsche Holzwerk in Flammen auf. Mir war klar, daß ich es verschuldet, aus meiner Pfeife mochten einige Funken aufs dürre Holz gefallen sein. Die Leute aber? Mein ›böser Blick‹ hatte es eben getan, und als ich, in der Verzweiflung darüber, selbst von meiner Pfeife sprach, zuckten sie die Achseln: ›Sieh! Wie schlau er ist, er klagt sich nur an, um sich vom Schlimmeren zu entlasten.‹

Ja, Herr, es ward zum Rasendwerden! Von anderen wie eine Bestie betrachtet sein und es allmählich nicht wirklich werden, das geht schier über Menschenkraft. Und dazu das Grauen vor mir selbst, das ewige Grübeln: Tun sie dir unrecht oder hat dich Gott wirklich dazu verdammt? – Und es gab ja auch wirklich Fälle, die mich selbst zweifelhaft machten ...


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