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Fünfunddreißigstes Kapitel.

Ein Hampden, der dem kleinen Dorftyrannen
Entgegen trat mit unverzagtem Muth –
Ein stummer Milton mag hier ruhmlos ruhen:
Ein Cromwell, schuldlos an des Landes Blut.

Gray.

 

Dreiunddreißig Jahre nach der im vorigen Kapitel mitgetheilten Unterredung stand wieder eine amerikanische Armee den Truppen Englands feindlich gegenüber. Der Schauplatz des Krieges war aber dießmal nicht an den Ufern des Hudson, sondern an denen des Niagara.

Washington moderte längst im Grabe; als aber die Zeit allmählig die Reste politischer Anfeindung und persönlichen Neides ausgeglichen hatte, mehrte sich der Glanz seines Namens täglich; und nicht nur seine Landsleute, sondern auch die übrige Welt lernte mit jedem Augenblick den Werth und die Rechtlichkeit des Mannes höher schätzen. Er war bereits der anerkannte Held eines Zeitalters der Vernunft und des Rechtes, und manches junge Herz unter denen, welche im Jahre 1814 den Stolz unseres Heeres bildeten, glühte in der Rückerinnerung an diesen großen Namen Amerika's, und klopfte bei dem Gedanken, seinem Ruhme einigermaßen nachzueifern, in freudigeren Schlägen.

Nirgends sprach sich aber dieses edle Streben lebhafter aus, als in der Seele eines jungen Officiers, der am 25. Juli dieses blutigen Kriegsjahrs Abends auf dem Tafelfelsen stand und den großartigen Wassersturz betrachtete. Der Jüngling war eine hohe schöne Gestalt, in der sich Kraft und Leichtigkeit in den richtigsten Verhältnissen aussprach. Seine tiefschwarzen Augen leuchteten von einer begeisterten Glut und einem blendenden, kühnen Feuer, zumal wenn er auf die flutenden Wasser niederblickte, die unter seinen Füßen ungestüm sich in die Tiefe stürzten. Der stolze Ausdruck derselben wurde jedoch durch die Züge eines Mundes gemildert, um welchen unterdrückte Schalkhaftigkeit in fast mädchenhafter Schönheit spielte. Sein Haar glänzte unter den Strahlen der Abendsonne wie in goldenen Ringeln, wenn die Luft von dem Wasserfalle her ihm die reichen Locken aus einer Stirne wehte, deren Weiße zeigte, daß die dunklere Farbe des von Gesundheit strotzenden Gesichtes nur ein Werk des Windes und der Sonnenglut war. Ein anderer Officier stand an der Seite dieses von Natur so reich begabten Jünglings, und die Theilnahme, welche sich in den Zügen beider aussprach, schien anzudeuten, daß sie dieses Wunder der westlichen Erdhälfte zum erstenmale erblickten. Sie standen lange in tiefem Schweigen, bis der Gefährte des eben beschriebenen Officiers plötzlich auffuhr, und mit dem Säbel in den Abgrund hinunter deutend, ausrief:

»Sieh, Wharton! dort setzt ein Mann gerade über den Strudel des Wasserfalles, und dazu in einem Fahrzeug, nicht größer als eine Eierschaale.«

»Er hat einen Tornister – wahrscheinlich ist's ein Soldat,« erwiederte der Andere. »Wir wollen ihm an die Leiter entgegen gehen, Mason, und hören, was er für Neuigkeiten bringt.«

Sie brauchten einige Zeit, bis sie zu der Stelle kamen, wo sie den Abenteurer erwarteten. Aber gegen ihr Erwarten fanden die jungen Krieger einen in den Jahren weit vorgerückten Mann, der augenscheinlich nicht zu dem Lager gehörte. Er mochte etwa Siebenzig zählen, was sich jedoch mehr aus dem dünnen Silberhaare, welches wirr über die faltige Stirne herunter hing, als aus dem Zustande seiner Kräfte, die nichts weniger als hinfällig schienen, erkennen ließ. Seine Gestalt war hager und gebeugt, letzteres aber mehr in Folge der Gewohnheit, denn seine Sehnen schienen durch die Arbeit eines halben Jahrhunderts gestählt. Die Kleidung des Greises war ärmlich und die häufigen Ausbesserungen zeugten von der Sparsamkeit ihres Besitzers. Auf dem Rücken hatte er einen nicht eben besonders gefüllten Pack, der von den Officieren irrthümlich für einen Soldatentornister gehalten worden war. Man wechselte einige Worte der Begrüßung, und die jungen Männer gaben ihre Verwunderung zu erkennen, daß ein Mann von solchem Alter sich so nahe an die Wirbel des Wasserfalles wagen mochte, worauf der Greis mit einer Stimme, in welcher sich das Zittern des Alters auszusprechen begann, nach Neuigkeiten von den streitenden Armeen fragte.

»Wir Haben vor einigen Tagen die Rothröcke auf dem Grase der Chippewa-Ebenen gepeitscht,« sagte der eine, welcher Mason genannt wurde, »und seitdem spielten wir Verstecken mit den Schiffen. Jetzt aber marschiren wir wieder hin, wo wir hergekommen sind, schütteln die Köpfe und sehen so sauer drein, wie der Teufel.«

»Ihr habt vielleicht einen Sohn unter den Soldaten,« sagte der Andere, dessen Benehmen milder war, mit der Miene wohlwollender Theilnahme. »Wenn das der Fall ist, so nennt mir seinen Namen und sein Regiment; ich will Euch dann zu ihm bringen.«

Der alte Mann schüttelte den Kopf, fuhr mit der Hand über seine Silberlocken, und erwiederte mit einer Miene demüthiger Ergebung:

»Nein; ich bin allein auf der Welt!«

»Du hättest beifügen sollen, Capitän Dunwoodie,« rief sein unbekümmerter Camerad, »wenn du Eins oder das Andere auffinden könntest; denn unsere halbe Armee zieht abwärts und ist vielleicht jetzt schon unter den Mauern des Forts Georg, um etwas aufzufinden, das, wie wir wissen, doch ganz anders wo liegt.«

Der Greis blieb plötzlich stehen und blickte aufmerksam von einem seiner Gefährten auf den andern. Die beiden Krieger, welche dieses bemerkten, hielten gleichfalls an.

»Habe ich recht gehört?« begann der Fremde, indem er die Hand als Schirm gegen die Strahlen der Abendsonne über die Äugen brachte. »Wie nannte er Sie?«

»Mein Name ist Wharton Dunwoodie,« versetzte der junge Mann lächelnd.

Der Fremde winkte ihm schweigend, den Hut abzunehmen, worin auch der Jüngling willfahrte; die seidenartigen Locken wehten im Winde und enthüllten den Blicken des Greises das ganze geistvolle Antlitz des Officiers.

»Ganz wie unser Vaterland,« rief der alte Mann tief ergriffen; »durch die Zeit veredelt. Gott hat beide gesegnet!«

»Warum starrst Du so, Lieutenant Mason?« rief Capitän Dunwoodie mit einem leichten Lächeln. »Du zeigst mehr Erstaunen, als vorhin, wo Du der Wasserfälle ansichtig wurdest.«

»Ach, was – Wasserfälle! die sind etwas für einen Mondscheinspaziergang Deiner Tante Sara und des lustigen alten Hagestolzen, des Obristen Singleton; ein Bursche meines Gleichen ist nie verwundert, als wenn ihm etwa eine solche Rührscene wie diese aufstößt.«

Die heftige Aufregung in dem Benehmen des Fremden verschwand eben so schnell, als sie aufgetaucht war, aber er horchte jetzt mit tiefem Interesse auf Dunwoodie's Worte, welcher mit einigem Ernste erwiederte:

»Nicht doch, Tom; keinen Scherz über meine gute Tante, wenn ich bitten darf; sie ist die Güte selbst, und ich habe sagen hören, daß ihre Jugend keine glückliche war.«

»Ach, man erzählt sich allerlei,« sagte Mason. »In Accomac geht das Gerede, daß ihr Obrist Singleton regelmäßig an jedem Valentinstag seine Hand anbiete, und manche fügen noch bei, daß Deine alte Großtante seine Bewerbung unterstütze.«

»Tante Jeanette?« versetzte Dunwoodie lachend; ich glaube die liebe, gute Seele denkt wohl wenig mehr an irgend eine Heirath, seit Dr. Sitgreaves todt ist. Es wollte verlauten, daß er ihr seiner Zeit den Hof machte; es lief aber alles nur auf Artigkeiten hinaus, und so vermuthe ich, daß das übrige Gerede auch in nichts anderem, als in der vertraulichen Freundschaft meines Vaters und des Obristen Singleton seinen Grund hat. Du weißt, sie standen bei Einer Schwadron, wie dein Vater auch.«

»Ach, das weiß ich freilich; aber Du mußt mir nicht weiß machen wollen, daß der wunderliche, gezierte Junggeselle blos deshalb so oft die Pflanzung des Generals Dunwoodie besucht, um mit ihm den alten Krieg wieder zu käuen. Als ich das letzte Mal dort war, nahm mich die gelbe, spitznasige Haushälterin Deiner Mutter in die Speisekammer und sagte mir, daß der Obrist kein verächtlicher Handel (wie sie es nannte) sey, und wie der Verkauf seiner Pflanzung in Georgien – ach Gott, ich weiß nicht wie viel – eingebracht habe.«

»Das steht ihr gleich,« erwiederte der Capitän; »Katy Haynes ist keine üble Rechnerin.«

Sie hatten während dieses Gespräches angehalten, ungewiß, ob sie ihren neuen Begleiter zurücklassen sollten, oder nicht.

Der alte Mann horchte auf jedes Wort, das sie sprachen, mit dem lebhaftesten Interesse; bei dem Schlusse ihrer Unterhaltung ging jedoch die ernste Aufmerksamkeit seines Gesichts in eine Art innerlichen Lächelns über. Er schüttelte den Kopf, fuhr mit der Hand über die Stirne und schien anderer Zeiten zu gedenken. Mason achtete wenig auf den Ausdruck seiner Züge und fuhr fort:

»Ich will das glauben; denn sie kam mir wie der eingefleischte Eigennutz vor.«

»Ihr Eigennutz thut nur wenig Schaden,« versetzte Dunwoodie. »Das Lästigste an ihr ist aber ihre Abneigung gegen die Schwarzen. Sie sagt, sie habe nur einen einzigen leiden können.«

»Und was war das für einer?«

»Er hieß Cäsar und war Haussclave bei meinem seligen Großvater Wharton. Ich glaube, Du kannst Dir ihn nimmer denken; er starb mit seinem Herrn in dem gleichen Jahre, als wir noch Kinder waren. Katy singt ihm jährlich ein Requiem, und, auf mein Wort, ich glaube, er verdiente es; denn ich ließ mir sagen, er habe einmal zur Zeit des alten Kriegs meinem englischen Onkel, wie wir den General Wharton nennen, aus einer sehr gefährlichen Lage geholfen. Meine Mutter spricht stets mit vieler Liebe von ihm. Als sie heirathete, kamen beide, Cäsar und Katy mit nach Virginien. Meine Mutter war –«

»Ein Engel,« fiel der alte Mann unvermuthet mit einer Stimme ein, deren Lebhaftigkeit die jungen Krieger in Staunen setzte.

»Kanntet Ihr sie?« rief der Sohn, mit der Glut des Vergnügens auf seinen Wangen.

Die Antwort des Fremden wurde durch eine plötzliche und gewaltige Entladung schweren Geschützes unterbrochen, worauf unmittelbar rasch nach einander mehrere Musketensalven folgten, und in einigen Minuten hallte die ganze Luft von dem Lärm eines lebhaft geführten Kampfes wieder. Die zwei Krieger eilten, von ihren netten Bekannten begleitet, schleunigst dem Lager zu. Die Aufregung und die Besorgnisse, die durch den nahen Kampf hervorgerufen wurden, verhinderten eine Wiederaufnahme der Unterhaltung, und die Drei setzten zusammen ihren Weg nach dem Heere fort, wobei sie sich in Vermuthungen über die Ursache dieses Waffenlärms und die Wahrscheinlichkeit eines Hauptschlages erschöpften. Capitän Dunwoodie warf jedoch während dieses kurzen und hastigen Spazierganges hin und wieder freundliche Blicke auf den Greis, der sich mit einer für seine Jahre bewunderungswürdigen Geschwindigkeit auf dem Felde hinbewegte; denn das Lob einer Mutter, die er innig verehrte, hatte das Herz des Jünglings erwärmt. Sie erreichten zeitig das Regiment, zu welchem die Officiere gehörten, worauf der Capitän die Hand des Fremden drückte, und ihn angelegentlich bat, daß er am kommenden Morgen nach ihm fragen möchte, weil er ihn in seinem eigenen Zelte zu sehen wünsche: dann trennten sie sich.

Alles deutete in dem amerikanischen Lager auf eine bevorstehende Schlacht. In der Entfernung einiger Meilen vernahm man den Donner der Kanonen und die Salven der Musketen, welche sogar das Toben des Wassersturzes überboten: die Truppen waren bald in Bewegung und schickten sich an, die Heeresabtheilung, welche bereits im Kampfe begriffen war, zu unterstützen. Die Nacht war bereits eingebrochen, ehe der Nachtrab und die irregulären Schaaren den Fuß von Lundy's Lane erreichten, wo die Straße von dem Strome abbeugte und über eine kegelförmige Anhöhe führte, die in nicht großer Entfernung von der Niagarastraße lag. Die Spitze dieses Hügels war von brittischen Kanonen besetzt, und in dem daran gränzenden Thale stand der Rest von Scott's tapferer Brigade, welche geraume Zeit einen ungleichen Kampf mit ausgezeichneter Tapferkeit aushielt. Es rückte nun eine neue Linie vor, und eine Abtheilung der Amerikaner wurde mit dem Angriff des Hügels von der Straße aus beauftragt. Diese Schaar nahm die Engländer in die Flanken, stürmte mit den Bajonetten auf die Artillerie los, und machte sich zum Meister des Geschützes. Unmittelbar darauf setzten sie sich mit ihren Kameraden in Verbindung, und der Feind wurde von dem Berge vertrieben. Bald aber zog der englische General Hülfsmannschaft an sich, und die Truppen waren zu brav, um sich auch nach ihrer Niederlage zu beruhigen; es folgten wiederholte blutige Angriffe, um die Kanonen wieder zu gewinnen, aber stets wurden sie mit starkem Verluste zurückgeschlagen. Während des letzten dieser Gefechte hatte der Kampfmuth den bereits erwähnten jugendlichen Capitan veranlaßt, seine Leute weiter vorrücken zu lassen, um einen kühnen feindlichen Trupp zu zerstreuen. Er that es mit Erfolg; als er jedoch zu der Hauptlinie zurückkehrte, vermißte er seinen Lieutenant an der Stelle, die Mason hätte behaupten sollen. Bald nach diesem glücklichen Zurückschlagen der Feinde, womit der Kampf beendigt war, wurde den zerstreuten Truppen Befehl ertheilt, in's Lager zurückzukehren. Die Britten waren nirgends mehr zu sehen, und man traf nun Vorkehrungen, diejenigen Verwundeten, welche noch weiter gebracht werden konnten, zu sammeln. Die Liebe zu seinem Freunde veranlaßte Wharton Dunwoodie, eine angezündete Fackel zu nehmen, und mit zweien seiner Leute die Leiche an einem Orte aufzusuchen, wo man denken konnte, daß er gefallen sey. Sie trafen Mason an der Seite des Berges, wo er mit großer Ruhe saß, aber wegen eines zerschmetterten Beines nicht zu gehen vermochte. Dunwoodie sah ihn zuerst, und flog mit dem Ausruf an die Seite seines Kameraden: »Ach! lieber Tom, ich wußte wohl, daß ich dich am nächsten bei dem Feinde finden würde.«

»Sachte, sachte; geh etwas zarter mit mir um!« erwiederte der Lieutenant, »nein, dort ist ein braver Bursche, der ihm noch näher war, als ich; ich weiß aber nicht, wer er ist. Er stürzte in der Nähe meines Pelotons aus dem Pulverdampfe heraus, um einen Gefangenen oder so etwas zu machen; aber der arme Bursche – er kam nicht wieder zurück. Dort liegt er, gerade über dem Hügel; ich habe ihm mehreremale zugerufen, aber ich glaube fast, es wird bei ihm mit dem Antworten aus seyn.«

Dunwoodie ging zu der Stelle, und erkannte mit Verwunderung den alten Fremden.

»Es ist der alte Mann, der meine Mutter kannte,« rief der Jüngling; »um ihretwillen soll er ein ehrenvolles Begräbnis haben: hebt ihn auf, und nehmt ihn mit, seine Gebeine sollen auf vaterländischem Boden ruhen.«

Die Soldaten traten dem Befehle gehorsam herzu. Er lag auf dem Rücken und der Schein der Fackel beleuchtete sein Gesicht. Seine Augen waren geschlossen, als ob er schliefe, und die welken Lippen waren leicht verzogen, was jedoch mehr die Folge eines Lächelns als die des Todeskampfes zu seyn schien. Eine Soldatenmuskete lag neben ihm; seine Hände waren auf die Brust gedrückt, und eine davon barg einen Gegenstand, der wie Silber glänzte! Dunwoodie bückte sich, brachte die Arme auf die Seite, und bemerkte die Stelle, wo die Kugel ihren Weg zum Herzen gefunden hatte. Der Gegenstand seiner letzten Sorge war eine zinnerne Büchse gewesen, durch die das verhängnißvolle Blei gegangen war; der alte Mann mußte seine letzten Augenblicke dazu benützt haben, um sie aus dem Busen zu ziehen. Dunwoodie öffnete sie, und fand zu seinem Erstaunen ein Blättchen Papier darin, welches folgende Zeilen enthielt:

 

»Umstände von großer politischer Wichtigkeit, bei denen das Leben und das Vermögen vieler auf dem Spiele stand, haben bisher geheim gehalten, was dieses Papier jetzt enthüllt. Harvey Birch war Jahre lang ein treuer und unbelohnter Diener seines Vaterlandes; möge Gott ihm vergelten, was er that, da Menschen es nicht thun können!

Geo. Washington.«

 

Es war der Spion des neutralen Grundes: – er starb, wie er gelebt hatte, ein Opfer für das Vaterland und ein Märtyrer für dessen Freiheit.

 

Bis Seite 107 Zweitkorrektur durch Herbert Niephaus


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