Hans Christian Andersen
Bilderbuch ohne Bilder
Hans Christian Andersen

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Neunzehnter Abend.

»Ich sah hinab auf ein großes Theater,« sagte der Mond, »das ganze Haus war erfüllt von Zuschauern; denn ein neuer Schauspieler debütierte; meine Strahlen glitten hin über das kleine Fenster in der Mauer, ein geschminktes Gesicht drückte die Stirn gegen die Scheibe: es war der Held des Abends. Der ritterliche Bart kräuselte sich um das Kinn, aber es standen Tränen in des Mannes Augen, denn er war ausgepfiffen worden, ausgepfiffen mit Recht. Armer Bursche! Aber Stümper dürfen nicht in dem Reiche der Kunst geduldet werden. Er fühlte tief und liebte die Kunst mit Begeisterung, aber sie liebte ihn nicht.

– – Die Glocke des Regisseurs ertönte; – keck und mutig, stand in der Rolle, tritt der Held vor – vortreten sollte er vor ein Publikum, dem er zum Gelächter war. – – Als das Stück zu Ende war, sah ich einen Mann, in den Mantel gehüllt, die Treppe hinabschleichen; er war es, der vernichtete Ritter des Abends; die Maschinisten flüsterten einander zu; ich folgte dem Sünder hinauf in sein Zimmer zu Hause. Sich hängen ist ein unschöner Tod, und Gift hat man nicht immer zur Hand. Ich weiß, er dachte an beides. Ich sah, wie er das bleiche Gesicht im Spiegel betrachtete und die Augen halb schloß, um zu sehen, ob er als Leiche hübsch aussehe. Der Mensch kann höchst unglücklich sein und doch dabei höchst affektiert. Er dachte an den Tod, an Selbstmord, ich glaube, er beweinte sich selbst, er weinte bitterlich, und wenn man sich recht ausgeweint hat, bringt man sich nicht um. Ein ganzes Jahr ist seit der Zeit verflossen. Es war Komödie, aber auf einem kleinen Theater; es war eine arme, wandernde Truppe; ich sah das bekannte Gesicht wieder, die geschminkten Wangen, den gekräuselten Bart. Er sah wieder zu mir empor, lächelte – und dennoch war er wieder ausgepfiffen worden, kaum vor einer Minute, von einem erbärmlichen Publikum! – Heut' abend fuhr ein ärmlicher Leichenwagen aus einem Tore der Stadt, nicht ein Mensch folgte ihm. Es war ein Selbstmörder, unser geschminkter, ausgepfiffener Held. Der Kutscher, welcher den Wagen führte, war der einzige Begleiter, niemand folgte, niemand außer dem Mond. In der Ecke an der Kirchhofsmauer ist der Selbstmörder begraben wurden; dort werden die Brennesseln bald emporschießen, dort wird der Totengräber Dornen und Unkraut von den andern Gräbern hinwerfen.«


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